2 5. MEZ. 1978 03R03 23. Feb. 1979 32 „ 1. De2. 868 Nn 0 1 Juli 9 7 1 4/ 79242 2 I111 736 340 80CH-NR. 11.786.340 I 3 e de Len A T,ae 141 uue. e nlea A., Twen Pne 450 4o A. 1 5 3198 11. Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gie bn. Bön Profeſſor Paul Drews. Eine noch wenig unterſuchte Frage iſt die, wie und wann ſich die neue Geiſtesrichtung der Aufklärung in den einzelnen deutſchen Gebieten ausgebreitet und zur Herrſchaft gebracht hat. Man hat gemeinhin wohl die Vorſtellung, als ſei etwa mit dem Regierungs⸗ antritt Friedrich d. Gr. 1740 in Deutſchland allenthalben die Auf⸗ klärung plötzlich hoch und zum Sieg gekommen. Weit gefehlt. Das Leben iſt zäh und konſervativ. Das Alte behauptet lange das Recht der Exiſtenz. Neben der Aufklärung und dem von ihr hervorge⸗ rufenen Rationalismus behauptete der Pietismus, ja ſelbſt die Orthodoxie noch lange und kräftig in manchen Ländergebieten das Feld. Vielleicht am längſten hat die Gießener Univerſität dem neuen Zeitgeiſt ihre Tore verſchloſſen. Hier haben wir die eigen⸗ tümliche Erſcheinung, daß auf die alte Orthodoxie der Pietismus, auf dieſen aber eine neue Welle der Orthodoxie folgte, die die Auf— klärung lange zurückgehalten hat, bis dieſe doch endlich hereinbrach und nach nicht geringen Kämpfen ſich auch behauptete. Die folgenden Blätter wollen dieſes Eindringen der Aufklärung in Gießen und zwar nach den Akten, die teils in Darmſtadt, teils in Gießen liegen, erzählen. Die oben erwähnte zweite orthodoxe Periode an der Univerſität, in Sonderheit in der theologiſchen Fakultät, ſetzt etwa 1730 ein und herrſcht über ein Menſchenalter. Der Hauptträger dieſer Richtung war der Theologe Johann Hermann Benner. Er war 1699 als eines armen Gießener Bäckers Sohn geboren. Sein Bildungs⸗ gang wie ſein ſpätres Berufsleben ſpielte ſich nur in den engen Mauern Gießens ab. Daß dies nicht gerade zu einer beſonderen Erweiterung des Intereſſen⸗ und Ideenkreiſes führen konnte, liegt 3* 36 Paul Drews. auf der Hand. Der Mann war ohne Zweifel ſehr begabt, er beſaß vor allem eine treffliche klaſſiſche Bildung und ſchrieb ein ſehr ge⸗ wandtes Latein;„ein wahres Genie— mit vielen Kenntniſſen ver⸗ ſehen— ein guter Lateiner— ein witziger Kopf“, ſo charakteriſiert ihn ſelbſt Karl Bahrdt, der gewiß an Benner nichts Gutes zu laſſen geneigt war. Er erſtieg alle Ehren, die einem Theologen im Darmſtädtiſchen offen ſtanden. Vor allem aber war er 46 Jahre lang als theologiſcher Profeſſor tätig(von 1735— 1740 als außer⸗ ordentlicher, von 1740 bis zu ſeinem Tode 1782 als ordentlicher). Sein weitreichender Einfluß und ſein unbedingtes Anſehen wurden durch ein anſehnliches Vermögen, das er ſich in ſeinen Stellungen erworben und erſpart hatte— er hinterließ beinahe 100 000 Gulden—, noch erhöht. Offenbar war Benner ein ehrlicher Geſelle, aber ſehr ſelbſtbewußt, herrſchſüchtig und unduldſam. Als er geſtorben war, ſchrieb der damalige Juriſtenprofeſſor, der nachmalige Miniſter Gatzert triumphierend nach Darmſtadt:„Der große Pan iſt tot!“ Wie ein Alp lag dieſer Mann ſchließlich auf Univerſität und Fakultät; er war es, der keine neuzeitliche Strömung aufkommen ließ und der Aufklärung, die bereits ſogar in der theologiſchen Fakultät anfing ſich geltend zu machen, ein geſchworener Feind bis an ſein Ende blieb. Neben Benner ſtand bis 1749 als Stütze der Orthodoxie Johann Georg Liebknecht und ſpäter bis 1768 Reinhold Heinrich Rolle, dem ſich ſeit 1771 der Hofprediger Ludwig Benjamin Ouvrier anſchloß. Benner aber hat ſie alle überlebt und an Bedeutung und Einfluß bei weitem überragt. Derjenige Theologe aber, der trotz Benner es fertig brachte, der Aufklärung die Pforte der theologiſchen Fakultät zu öffnen und eine Hauptgröße der neuen Zeitrichtung nach Gießen zu bringen wußte, war Johann Georg Bechtold. Er war ſeit 1761 Profeſſor in der philoſophiſchen Fakultät geweſen, als er 1765 als Ordinarius in die theologiſche Fakultät einrückte, und auch er war zu hohen kirchlichen Ehren gelangt als er 1805 ſtarb. Bechtold war kein Mann, der, ſei es wegen ſeines Charakters, ſei es wegen ſeiner wiſſenſchaftlichen Tüchtigkeit unſere Achtung verdiente. Er ſtand auch zu ſeinen Lebzeiten nicht in ſonderlichem Anſehen. Es kann uns wenig Achtung vor dieſem Manne einflößen, daß er zuerſt, zur Zeit des Kanzlers Pfaff, ſich als Pietiſt gab und dadurch ſich in die Gunſt dieſes einflußreichen Mannes einzuſtehlen wußte. Als Pfaff nicht mehr da war, fügte er ſich geduldig dem Regime Benners, gab ſich in ſeinen literariſchen Veröffentlichungen orthodox, während er im Herzen zur Aufklärung. Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 37 neigte. Wollte er dieſer Richtung in Gießen zum Siege verhelfen oder wollte er die Herrſchaft Benners ſtürzen? Jedenfalls brachte er es dahin, daß kein Geringerer als Karl Bahrdt nach Gießen in die theologiſche Fakultät berufen wurde. Allerdings hätte Bech⸗ told das nicht durchſetzen können, wenn er nicht an der Darmſtädter Regierung einen ſtarken Rückhalt gefunden und dieſe den Mut zu Bahrdts Berufung gefunden hätte. J. Karl Friedrich Bahrdt. Seit dem Tode Rolles und Müllers 1768 waren zwei theologiſche Lehrſtühle unbeſetzt. Benner, der die erſte, und Bechtold, der die dritte Profeſſur inne hatte, waren die beiden einzigen Ordinarien in der theologiſchen Fakultät. Die Regierung hatte den redlichen Willen, tüchtige Kräfte heranzuziehen und dabei der neuzeitlichen Strömung Rechnung zu tragen. Der einflußreichſte der Darmſtädter Geheimen Räte war der Kurator der Univerſität von Heſſe, dem ſeit 1772 als Miniſter von Moſer an die Seite trat. Beide Männer waren bei aller maßvollen Geſinnung keineswegs Freunde der Bennerſchen Orthodoxie. Gerade um Benners Einfluß in der ſchwebenden Frage nicht wirkſam werden zu laſſen, ſuchte die Re⸗ gierung über den Kopf der Fakultät und der Univerſität hinweg nach geeigneten Männern. Man fragte bei Miller in Göttingen und bei Nöſſelt in Halle, ja bei Herder(Herders Lebensbild von ſeinem Sohne, 1846, Bd. 3, Abt. 1, S. 358) für die zweite Pro⸗ feſſur an. Vergebens. Zugleich wandte man ſich(im Januar 1771) an Erneſti in Leipzig und an Semler in Halle mit der Bitte um Vorſchläge. Aber dieſe Anfragen verliefen reſultatlos.— Raſcher, wenn auch nicht ſo raſch, als man gewünſcht und gehofft hatte, kam die Beſetzung der vierten Stelle zuſtande. Ihr Kandidat war Karl Friedrich Bahrdt. Wer dieſen Namen zuerſt der Regierung genannt hat, läßt ſich aktenmäßig nicht mehr feſtſtellen. Daß nicht Semler es war, wie Pott(Leben, Meynungen und Schickſale Bahrdts, I. 1790, S. 316) und die„Kritiſche Lebensbeſchreibung“ Bahrdts(1793, S. 23) angeben, iſt ſicher. Denn ſein Brief, in dem er Bahrdt nennt— er ſoll unten mitgeteilt werden—, iſt erſt vom 22. Januar 1771 datiert. Daß aber Bechtold auf Bahrdt aufmerkſam gemacht habe, weil die Regierung die von ihm erbetene zweite Profeſſur nur unter der Be⸗ dingung ihm zu geben bereit geweſen ſei, wenn er„einen Mann von 38 Paul Drews. Reputation“ für die vierte Stelle vorſchlage, iſt eine Bahrdtſche Erfindung, die er in ſeiner„Lebensgeſchichte“ vorträgt. Das aber iſt wohl richtig, daß Bechtold es geweſen ſein wird, der Bahrdts Kandidatur zuerſt aufgeſtellt hat. Jedenfalls beauftragte die Regierung Bechtold, mit Bahrdt ins Einvernehmen zu treten, ihn zu„ſondieren“. Bechtold wagte allerdings nicht— bei Gießens kleinſtädtiſchen Ver⸗ hältniſſen und bei Benners mächtigem Einfluß nicht ohne Grund—, unmittelbar mit Bahrdt zu korreſpondieren. Er benutzte einen Mittelsmann. Bahrdt antwortete auf die erſte Anfrage ſofort zu⸗ ſagend(Vgl. Pott, a. a. O., S. 317.). Er hat ſelbſt in ſeiner Lebens⸗ beſchreibung geſchildert, in welch' verzweifelter Lage ihn dieſe An⸗ frage aus Gießen traf.„Eine heiße Träne drängte ſich ins Auge hervor. Ich blickte gerührt zur Vorſicht auf. Das Herz ſchlug mir heftig, daß es mir hörbar ſchien.“ Aber er fügte hinzu:„Ich be— antwortete den Brief des Bechtold mit weit hitzigeren Bezeugungen meiner Freude— mit weit ſtärkeren Verſicherungen meines Danks gegen ſeine mir bezeugten Freundſchaftsgeſinnungen— mit weit dringenderen Bitten, die Sache auf das ſchleunigſte zuſtande zu bringen—, als es der Klugheit gemäß war“(II, S. 137, 139). Am 25. Oktober 1770 wurde denn auch die Univerſität auf⸗ gefordert, Bahrdt zum vierten theologiſchen Profeſſor und zum Veſperprediger an der Pankratiuskirche zu ernennen. Das wirkte wie ein Blitzſchlag in Gießen. In dem alten Benner wachte aller Zorn und alle Kraft des Widerſtandes auf. Sofort ſchrieb er an den Landgrafen und einige Tage ſpäter(am 1. November) an den Rektor. Er zeigt ſich über Bahrdts Schrift⸗ ſtellerei und bisherigen Lebensſchickſale völlig unterrichtet. Was ihn gegen Bahrdt ſo in Harniſch bringt, iſt vor allem die Leugnung der Trinität, die er ihm vorwirft.„Ew. Magnificenz weiſem Gut⸗ befinden“, ſo heißt es,„ſtelle ich anheim, ob Hochdieſelben vor nöthig achten, löblichem Senatui davon Eröfnung zu thun, um das weitere vorzukehren. Unſere Bekentnisbücher gründen ſich ausdrücklich auf das Symbolum Nicaenum und Athanasianum, nebſt dem Apostolico. Und unſere Religionsfreiheit, die ſo theuer erworben iſt, beruhet auf dieſen Bekenntniſſen, wenn wir auch das weſentliche der Religion beiſeitſetzen wolten oder könten. Und welcher orthodoxe Theologus wird ſich zu uns berufen laßen, wenn wir arianiſch werden.“ Der Brief Benners an den Landgrafen blieb nicht wirkungs⸗ los. Denn am 31. Oktober(1770) ſchon erging an die Univerſität ein landgräfliches Schreiben, worin geſagt wird, daß zwar an die Unive der gega— tatis nicht Bede Bah⸗ D. Geh. told, Erne wicke Bahr mitgl führl wie gläul in de erklärt heilige Teſtar Vahrd ſchiede das n keinen klug I gegen Ausdr theolog ahrdiſche aber iſt Bahrdts egierung adieren“. hen Ver ſrund tte einen ofort zu * + „Ich be⸗ ugungen mit weit dlich auf 08 olico. 1- dauf Relcon peologls lkungs⸗ eerſität Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 39 Univerſität der Befehl ergangen ſei, Bahrdt„zur vierten Profeſſion der Theologie zu vociren“, daß aber inzwiſchen die Nachricht ein⸗ gegangen ſei,„daß dieſer Dr. Barth in Articulo Mysterii Trini- tatis irrige Principia hegte“. Wäre dies begründet, ſo ſollte er nicht berufen werden. Die Univerſität ſoll fürs erſte„Bericht und Bedenken“ darüber erſtatten Sofort berichtete Bechtold über dieſe Wendung der Sache an Bahrdt. Sein Brief vom 6. November iſt bei Pott(a. a. O. S. 318 f.) abgedruckt. Man erſieht daraus, daß Bechtold den Geh. Rat von Heſſe ganz auf ſeiner Seite hatte und daß er, Bech— told, es war, der ſchon damals die Abſicht hatte, ein Gutachten Erneſtis in Leipzig über Bahrdts Orthodoxie zu veranlaſſen. Es ent⸗ wickelte ſich jetzt ein leifriger Briefwechſel zwiſchen Bechtold und Bahrdt einerſeits und von Heſſe andererſeits. Jenem landesfürſtlichen Schreiben gemäß gaben nun die Senats⸗ mitglieder über Bahrdts Glaubensſtand ihre Vota ab. Am aus— führlichſten ſind natürlich die der beiden Theologen. Bechtold tritt, wie zu erwarten, in langer Ausführung warm für Bahrdts Recht⸗ gläubigkeit im Trinitätsdogma ein. Auch Erneſti in Leipzig habe in der theologiſchen Bibliothek(Bd. 10, St. 5, S. 440) ausdrücklich erklärt:„Herr Dr. Bahrdt habe die Lehre von dem Geheimnis der heiligen Dreieinigkeit, in wie weit ſie einem jeden Chriſten neuen Teſtamentes zu wißen nöthig ſeye, wohl abgehandelt“. Wenn Bahrdt gegen die Wittenberger Fakultät, die bereits gegen ihn ent— ſchieden hatte,„manche ohnnöthige Heftigkeit“ bewieſen habe, ſo ſei das menſchlich begreiflich und verzeihlich. Benners Votum geht mit dieſen Ausführungen Bechtolds aufs Schärfſte ins Gericht. Standen ſie doch auch auf den ſchwächſten Füßen. Ja, Benner wirft ſeinem Kollegen hier offen vor, mit Bahrdt„unter dem Couvert und Adreſſe an den Hofrath Hallwachs zu Alsfeld(der jedoch unwißend des Innhalts, mithin bona fide die Beförderung geleiſtet) correspondenz gepflogen“ zu haben. Benners Schrift endet natürlich abermals mit einer runden Verurteilung Bahrdts. Auffallend iſt, daß von deſſen ſittlichen Anſtößen mit keiner Silbe die Rede iſt. Man ſieht daraus, wie vorſichtig und klug Benner war. Was die Voten der Nichttheologen betrifft, ſo ſind ſie alle gegen Bahrdts Berufung. Darin kommt Benners Einfluß zum Ausdruck.„Academia meis monitis accessit“, ſchrieb er ſpäter ins theologiſche Dekanatsbuch. 40 Paul Drews. Bei den Akten der Univerſität liegt noch ein Schreiben der Univerſität an den Landgrafen im Konzept, das nicht abgegangen iſt. Es iſt trotzdem der Beachtung wert, denn es zeigt, daß ſich die Univerſität durch den von der Regierung eingeſchlagenen Ge ſchäftsgang gekränkt fühlte: im Monat Oktober ſei„ohne unſer Mitwiſſen und mindeſtes Zuthun Bahrdt berufen und deſſen zu⸗ ſagende Antwort ihnen, d. h. der Univerſität, nicht bekannt geworden“, als bis Bechtold„dieſen durch ihn bewürkten gantzen Vorgang dem corpori“ mitgeteilt habe. Dieſe Darſtellung entſpricht den Tatſachen inſofern nicht völlig, als Bahrdt den Ruf förmlich noch nicht hatte. Er hatte nichts als die Anfrage Bechtolds, und darauf hatte er zuſagend geantwortet. Das Schreiben der Univerſität enthielt übrigens eine runde Ablehnung Bahrdts. Das gleiche gilt von dem Schreiben, das, von dem Kanzler Koch entworfen, endlich am 14. Dezember nach Darmſtadt abging. Man legte ihm die Voten Benners und Bechtolds bei. Die Meinung des Senats wird ſchließlich dahin zuſammengefaßt,„daß die einhellige Meinung derer übrigen Glieder unſeres Corporis dahin gehet, daß.... D. Bahrdt allenthalben wegen ſeiner Orthodxie verdächtig und beſchrieen, auch ſogar ſchon von zweyen bewährten theologiſchen Fakultäten(Witten⸗ berg und Göttingen) vor einen ſolchen Mann, der in hauptſächlichen Stücken unſers Glaubens von der reinen Lehre abweiche, öffentlich erklärt ſey, anbey deſſen heftige und untheologiſche Schreibart und unanſtändiges Bezeigen gegen andre verdiente Theologen keinen ächten und exemplariſchen Geiſtlichen zu erkennen gebe; mithin die Vocation des D. Bahrdts dem bishero behaupteten guten Rufe der hieſigen theolog. Fakultät nicht allein, ſondern auch der geſammten Univerſität höchſt nachteilig ſeyn, und einen höchſt empfindlichen Stoß verurſachen würde; ſolchermaßen Euer H. D., kraft des uns ob liegenden Eydes auf das inſtändigſte und angelegentlichſte unter⸗ thänigſt, wie hiemit geſchiehet, zu imploriren ſeyen, daß Höchſt⸗ dieſelben von der Vocation dieſes Mannes gänzlich zu abstrahiren die huldreichſte Entſchließung um ſo mehr zu nehmen gnädigſt ge ruhen mögten, da zum voraus abzuſehen, daß durch die Vocation dieſes Mannes, die aus höchſtpreißlicher Landesväterlicher Liebe und Huld beſchloſſene Bewürckung der Aufnahme der Univerſität wieder untergraben werden dürfte“. Trotz dieſer faſt einſtimmigen Ablehnung Bahrdts durch die Univerſität wurde dieſer doch berufen. Wie aus einem Schreiben der Regierung an die Univerſität vom 9. Februar 1771 hervorgeht, hat ſi Erneſ und (. d. Barth Geiſtl werde Schri das heimn H. E komm Erfur gnädie feſſor brauch bey Wir ohnve denten der nn Voeat der) geſch verpf wurde daß, worten an S Aben der gegangen daß ſich enen Ge mne unſer worden“, gang dem Tatſachen cht hatte hatte er übrigen Bahrdt en, auch Witten⸗ ichlichen ffentlich vart und n keinen thin die Rufe der ſammten hen Stoß uns ob⸗ aſte unter⸗ aß Höchſt⸗ bstrahiren mädigſt ge te Vocatton — Liehe und Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 41 hat ſich die Regierung ein„Bedenken“ von dem Leipziger Profeſſor Erneſti erbeten(es war auf Bechtolds Veranlaſſung, wie wir ſahen, und durch ſeine Vermittlung eingeholt worden; es ſteht bei Pott g. a. O. S. 325 f.).„Nachdem nun daſſelbe für erſagten Dr. Barth ausgefallen, geſtalten derſelbe ihn für keinen heterodoxen Geiſtlichen hält, welchem kein öffentliches Lehramt nicht anvertraut werden könnte, auch nach beſchehener Prüfung der Barthiſchen Schriften, beſonders aus deſſen jüngſthin herausgegebener Dogmatic das gerade Gegentheil erhellet, immaſſen derſelbe darinnen das Ge⸗ heimniß der H. Dreyeinigkeit vollkommen ſo erwieſen, wie es in der H. Schrift enthalten iſt, und ſich alſo dem publico als einen voll— kommenen Orthodoxen gezeiget hat; Und Wir dann bey ſolchem Erfund nicht einſehen, warum Wir von Unſerer bereits ertheilten gnädigſten Reſolution in Berufung dieſes Dr. Barths zum 4. Pro⸗ feſſor bey der theologiſchen Fakultät zu Gießen, als eines guten und brauchbaren Subjecti abzugehen Uns bewogen finden ſolten, ſondern bey deſſen Vocation hierzu lediglich es bewenden laſſen, als laſſen Wir Euch ſolches zur Nachricht mit dem weitern Bedeüten hierdurch ohnverhalten, daß wir unterm heutigen dato Unſerm Superinten⸗ denten und Profeſſor Dr. Bechtold zu Gieſen, das weitere wegen der nunmehro an erſagten Dr. Barth abzulaſſenden bereits expedirten Vocation das nöthige aufgegeben haben.“ Das war die Antwort der Regierung an die Univerſität. So wurde alſo Bahrdt endlich doch berufen, aber erſt am 9. Fe⸗ bruar 1771. Am 11. Mai hielt er ſeine Antrittspredigt als Veſper⸗ prediger an der Pankratiuskirche, denn auch dieſes Amt war ihm gleich— zeitig mit der theologiſchen Profeſſur übertragen worden. In ſeiner Lebensbeſchreibung“ hat er über dieſe ſeine erſte Gießener Predigt ausführlich berichtet. Zu ſeinem Lobe können die dabei niedergelegten Selbſtbekenntniſſe kaum gereichen, denn er charakteriſiert ſich hier einfach als Komödianten.(II, S. 146 ff.) Am 15. Mai hielt er ſeine Antrittsvorleſung als Profeſſor und am nächſten Tag unter⸗ ſchrieb er den üblichen Religionsrevers, in welchem er ſich„an eines geſchworenen leiblichen Eides ſtatt“ auf die lutheriſchen Symbole verpflichtete.— So war alſo die vierte theologiſche Profeſſur beſetzt. Was aber wurde aus der noch erledigten zweiten Stelle? Wir hörten ſchon, daß, als Miller und Nöſſelt abgelehnt hatten,— auch Herder ant— wortete mit Nein(Haym, Herder I, S. 453)— man an Erneſti und an Semler ſich um Vorſchläge wandte. Von der Anfrage bei 42 Paul Drews. erſterem wußte auch Bechtold, und er war raffiniert genug, Bahrdt zu beauftragen(in einem Brief vom 27. Januar 1771 bei Pott, a. a. O. S. 330), an Erneſti zu ſchreiben, er möge dem Geh. Rat von Heſſe erklären, daß er„kein ſolches Subject kenne, das er uns beyden mit Recht vorzuziehen vermöge und das dem Rufe folgen werde.“ So hoffte Bechtold in die zweite Stelle ſelbſt einzurücken— tatſächlich hat er das(1771) auch erreicht; in ſeine Stelle rückte der gänzlich unbedeutende Darmſtädter Hofprediger Ouvrier ein—, und Bahrdt machte er die Ausſicht, auf dieſe Weiſe ſofort die dritte Profeſſur zu erhalten. Bahrdt war gehorſam und Erneſti ſcheint es auch geweſen zu ſein, denn von ſeinen Vorſchlägen ver⸗ lautet nichts. Dagegen empfahl Semler, der von der ſchwebenden Berufung Bahrdts offenbar noch nichts wußte, in einem Brief vom 22. Januar 1771 neben dem Konſiſtorialaſſeſſor Heppach im Coburg vor allem Bahrdt. Das Schreiben traf noch vor Bahrdts eigentlicher Berufung in Darmſtadt ein und hat jedenfalls die Regierung in ihrem Ent⸗ ſchluß, Bahrdt trotz allem zu berufen, beſtärkt. Der Brief mag hier um des Schreibers willen folgen, für den er gewiß bezeichnend iſt. Hochwohlgeborener Herr Hochverehretter Herr Geheimder Rath Gnädiger Gönner. Daß Ew. Hochwohlgeboren geruhet haben ein ſo gnädiges Schreiben an mich ergehen zu laßen, erkenne ich mit unterthänigſtem devoten Dank. Ich fühle die gantze Größe und Erheblichkeit von dieſem gnädigen Antrag: und ich ermangele nicht mit Anwendung aller Nechtſchaffenheit mein geringes Gutachten unterthänig von mir zu geben; erwarte auch, wenn Ew. Hochwohlgeboren es für gut zu erachten in Gnaden geruhen ſolten, fernern Gnädigen Befel, ob ich ſelbſt an ein oder ander subiectum erſt ſchreiben und ſondiren ſol. Es iſt in Coburg, außer dem directore Gymnasii Fromman, der wol ſchwerlich weggehen wird, es müßte denn die Geſtalt von banque route, ſo das Gymnaſium neulich betroffen, dazu helfen, der Conſiſtorial⸗acsessor Heppach, den ich ſelbſt genau kenne, und predigen gehört habe, auch mit Ihm noch Briefwechſel unterhalte. Außer dem ſehr anſtändigen caractere, den Er hat, beſizt er volkommen eine professormäßige Gelerſamkeit, in orientalibus aber eine Stärke, die einem Michaelis nicht ſehr viel nachgeben wird; iſt in den beſten Jahren und hat Luſt zum academ. Leben; ich glaube, ſo Er es gen wün noch förd da Vahdt bei Pon, Geh. Rat s er uns ufe folgen wücken— r Oudver eiſe ſofort nd Erneſti lägen ver⸗ Berufung 2. Januar vor allem Berufung hrem Ent⸗ fmag hier chnend iſt. Schreiben n devoten von dieſem dung aller von mur zu für gut zu efel, ob ich ndiren ſol. Fromman, Geſtalt von azu helfen, Interhalte. nolkommen 1 Stärke, den beſten ſo Er es Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 43 annimt, welches ich faſt glauben darf, daß dieſe Stelle nach allen Abſichten des hohen collegii, ſo dafür ſorget, beſezt würde. Daneben ſchäme ich mich nicht den Dr. Bahrd in Erfurt auch beſonders zu nennen; Er hat mich vorigen Sommer beſucht, und ohnerachtet mancher aus Leipzig entlenter Erzälungen, ſuche ich Ihn ſogar in unſere Lande zu bringen. Seine Denckungsart iſt ſehr gut, ohne Furchtſamkeit, ſeine Einſicht ſchon gros, ſeine äußerliche Auffürung ſehr angenem; und Er würde es ohne Bedenken annemen. Die Superintendentur hat wol noch beſondre Einkünfte; in dem Falle könte wol 150 oder 200 fl von jener Beſoldung gleichſam aus⸗ geworfen werden, wenn es ſonſt für gut erachtet würde, einem jungen würdigen Magistro professuram extraordinariam zu ertheilen, um noch mehr auf der Vniuerſität den Flor der Gelerſamkeit zu be⸗ fördern, und könte ich mich engagiren, ein subiectum herzugeben, da ich etliche hier zugezogen oder beibehalten habe. Uebrigens habe ich von berliniſchen Freunden ſo gar beſonder Kentnißen mitgetheilt bekommen, von dem erhabenen und edlen Geiſt, der Ew. Hochwohlgeb. Gnaden auszeichnete, bey dem Auffenthalte in Berlin, welchen alle preußiſche gute Unterthanen verewigen helfen. Deſto größer iſt die Submission, mit welcher ſich zu beharrlichen Gnaden empfielet Ew Hochwohlgeboren meines Gnädigen Gönners ehrerbitiegſter untertheniger Joh. Sal. Semler. Halle, d. 22. Januar 1771. Am Rande folgt noch die Bemerkung:„Was ſolte der würdige Dr. Benner denken, wenn Er den nicht ganz orthodoxen Semler unter und neben Sich bekäme! Predigen möchte meine Bruſt nicht aushalten“. Darnach ſcheint Heſſe ſogar den Wunſch geäußert zu haben, Semler möchte ſelbſt nach Gießen kommen.— Bahrdts Wirkſamkeit auf Katheder und Kanzel erregte bald auf das Lebhafteſte die Gemüter. Er gab im Frühjahr(die Vor⸗ rede iſt vom 20. April datiert) 1772 als erſtes literariſches Werk ſeiner Gießener Zeit einen Band Predigten heraus.(Frankfurt a. M bei Franz Varrentrapp).„Benners Geſchrei, daß ich in der Lehre von der Dreieinigkeit nicht rechtgläubig ſey, haben ſie veranlaßt“, ſagt Bahrdt in der„Geſchichte ſeines Lebens“(II, S. 188).„Ich ſuchte mich vor der Welt zu rechtfertigen, und trug doch im Grunde 44 Paul Drews. einen feinen Arianismus vor“, fährt er fort, und im Folgenden geſteht er, daß er ſich vergebens um das Problem gemüht habe: es ganz aufzugeben geſtatte ihm ſein Gewiſſen, d. h. ſein Vorurteil nicht, und doch ſei die Lehre weder aus Vernunft noch aus Schrift zu beweiſen geweſen. Mit dieſen Predigten bot er denn ſeinen Gegnern eine ſichere Handhabe zu ihrer Kritik. Alsbald erſchien aus der Feder des Gießener Pfarrers, Definitors und außerordent⸗ lichen Profeſſors Joh. Gottlob Schwartz, der herzlich unbedeutend war, ein„erſtes Stück“ von„Abhandlungen für die Reinigkeit der Religion“,„eine Anzeige einiger der gegen die Heils⸗Ordnung und Religion der Chriſten überhaupt ſtreitenden Irrthümer Herrn Dr. Carl Friederich Bahrdts“(Frankfurt und Leipzig, 1772). Schwartz erhebt gegen Bahrdt den Vorwurf, ſocinianiſch zu lehren. Die Schrift iſt ſcharf, enthält ſich aber aller perſönlichen Ausfälle gegen Bahrdt. Dieſe Schrift legte Bechtold, der damals Rektor war, dem Corpus academicum mit der Anfrage vor,„was in dieſer Sache zu thun ſeie“. Offenbar wollte er ſeinem Freunde Bahrdt zur Seite ſpringen. Dazu war aber das Corpus wenig geneigt. Vielmehr ward be— ſchloſſen, dieſe Schrift nach Darmſtadt einzuſchicken. War doch die Univerſität angewieſen worden, die Schriften Bahrdts und„was dahin einſchlägt“ einzuſenden und darüber zu berichten. Bald trat auch Benner auf den Kampfplatz. Er ſchrieb gegen ihn„Erwägungen die Religion betreffend 1774“, ein Weihnachts⸗ programm: Apologia pro mysterio. quod verbum caro factum sit.“ Dem ließ er 1775 einen zweiten Teil, anonym, folgen:„An die nicht⸗ bibliſchen Reformatoren über die Lehre von der Menſchwerdung Chriſti, rein bibliſch beurteilt.“ So war in Gießen der Streit in hellen Flammen. Das war natürlich keineswegs im Sinne der Regierung. Es rächte ſich, daß man ſo unvorſichtig geweſen war, zwei Männer wie Benner und Bahrdt nebeneinander zu ſtellen. Der Geheime Rat von Heſſe, der vor allem Bahrdts Berufung betrieben hatte und Benner wenig günſtig geſinnt war, wollte Bahrdt begreiflicherweiſe ſo lange als möglich halten. Man verfiel auf den alten Ausweg, der aber immer ein Holzweg war, beiden Parteien Schweigen aufzuerlegen. Bahrdt ſollte ſich alles Dogmatiſierens und aller dogmatiſchen Vorleſungen enthalten und nur Exegetica und Kirchengeſchichte leſen, andererſeits ſollte auch Benner ſtillſchweigen. Aber Bahrdt kehrte ſich nicht an jenes Verbot. So zog er ſich immer ſchärfere Verweiſe von oben zu. In einem Schreiben vom 3. März 1773 „Nac lauft, Disti wir( Colle hetere Kirch müßt Refo zu a ſchärf Manr Druch ſchleu vom beför das( würde will d Ziel Benn ſonde ihn ſ „HoC frate Febe ſein eine näm L ehr Schr Weih ferner verpfl meine dochf Jolgenden habe: 88 Vorurteil Schrift an ſeinen derſchien zerordent⸗ ttend war, gkeit der ung und derrn Dr. Schwartz die Schrift n Bahrdt. m Corpus 2 zu thun ſpringen. ward be⸗ doch die Ind„was v gegen⸗ eihnachts tum sit.“ nicht zwerdung n. Das chte ſich, ſo lange „ der aber fzuerlegen. damatiſchen engeſchichte Aber ſich immer März Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 45 773 z. B. heißt es— Bahrdt hatte abermals Dogmatik geleſen—: „Nachdem nun dieſes Unternehmen eurem Verſprechen gerad entgegen lauft, welches in alle Wege und ohne Zulaßung ſpitzfündiger Distinctionen und Ausflüchte erfüllt werden ſolle. Als befehlen wir Euch hiermit anderweit, daß Ihr Euch ſowohl der Leſung eines Collegii dogmatici, als auch der propalation und Ausſtreuung heterodoxer— mit den angenommenen Lehr⸗Sätzen der Evangeliſchen Kirche und der Symboliſchen Bücher ſtreitenden Meinungen ent— müßiget, ſodann Euch auch aller eurem Beruf nicht entſprechenden Reformations⸗Sucht ſo gewiß enthaltet, als wir entſtehenden Falls zu anderweiten Verfügungen genöthiget ſeyn werden.“ Aber auch Benner mußte ſich bei ſeinen 75 Jahren noch die ſchärfſten Verwarnungen von oben gefallen laſſen. Als der ſtreitbare Mann ſein Weihnachtsprogramm ins Deutſche überſetzen und in den Druck geben wollte, wovon die Darmſtädter Regierung von Gießen her ſchleunigſt unterrichtet wurde, bedachte ihn ein landgräfliches Schreiben (vom 31. Januar 1775) mit einer Geldſtrafe von 500 fl, wenn er es thue;„da durch dergleichen Schritte weder die Sache der Wahrheit befördert, noch denen perſönlichen Uneinigkeiten geſteuert, vielmehr das Gezänk nur vergrößert, und die Gemüther noch mehr erbittert“ würden. Der Ausbreitung ſchädlicher Irrtümer an der Univerſität will der Landesfürſt ſelbſt„in anderen ſicheren und ergiebigern Wegen Ziel und Maß ſetzen“. Außerdem behält ſich der Landgraf vor, Benner wegen Uebertretung des ſtrikten Schweigegebots noch be⸗ ſonders zu beſtrafen. Benner trug 1775 den ganzen Handel, der ihn ſichtlich tief erregt hat, ins Dekanatsbuch ein und fügte hinzu: „Hoc mihi incommodum delator quidam Gissensis, Bahrdtii fraterculus, comparabat, inani conatu.“ Sein Rechtfertigungsſchreiben an den Landgrafen vom 12. Februar 1775 macht Benner alle Ehre. ZuVächſt erklärte er ſein erneutes öffentliches Auftreten gegen Bahrdt trotz des Befehls eines„perpetui silentii“ damit, daß Bahrdt die„Grundbedingung“, nämlich ſich des Dogmatiſirens und aller Angriffe auf die kirchliche Lehre zu enthalten, nicht erfüllt habe. Er häbe eine Reihe neuer Schriften gegen die Kirche erſcheinen laſſen, ſo eine„höchſt ſkandaleuſe“ Weihnachtspredigt, eine Ueberſetzung des neuen Teſtaments, er habe ferner theologiſche Moral geleſen. Da habe auch er ſich zu reden für verpflichtet gehalten. Sodann fährt er fort:„Auſer dem bin ich in meinem Gewiſſen veſt überzeuget, vor die Ehre Gottes und Ew. Hochfürſtl. Durchl., zur Vertheidigung göttlicher Wahrheiten, zu 1 46 Paul Drews. ſo wie ich es vor D abwendung öffentlich einreiſender Aergerniſſe, Gottes Gerichte verantworten kan, geſchrieben zu haben. Ja ich dancke 17751 meinem Gott, der mir zu dieſem Beginnen Muth und Beiſtand pafen verliehen hat. Ich würde Ihm auch dancken, wenn er mich elenden„supp' armen Knecht würdigen ſolte, um ſeiner ſache willen die aller- ſeinem nachteiligſte folgen zu erdulden.“ Man hat den Eindruck, daß dies ſakult bei Benner nicht bloße Redensarten waren. Dann heißt es weiter: hr üb „Was quoad secundum die„teutſche Ueberſetzung meines Programs ecker belanget, ſo bekene vor Ew. Hfl. Dl. ich folgendes auf pflicht und b Gewiſſen: Schon mit dem Anfang dieſes Jahres ſahe ich die aachde Bahrdtiſche Recenſion des Programs in ſeinem teutſchen Franckfurter durch Zeitungsblat Num. 1., wo zu Unterdrükkung der Warheit mir eine gegen unverantwortliche und unverzeihliche Behandlung ſeiner er⸗' wähnten Predig pp. zur Laſt gelegt wurde. Dieſes bewog mich, der G. anſtat mich weiter einzulaßen, zur Ueberſetzung, damit ein jeder Leſer der teutſchen Predig vermittelſt gegenhaltung des teutſchen ſordert Programs die warheit ſehen könte. Ich hoffe zugleich, fals EHDl. dage die ganze Bahrdtiſche Sache hiernechſt unterſuchen zu laßen gnädigſt Bahrd würden, wozu dieſes Program eine der nothwendigſten vorin ſo könte mit Höchſtderoſelben eigenen Augen ſei ihr Das all⸗ die ebe geruhen Beilagen abgeben müſte, die warheit deſto ſicherer höchſtgefällig beleuchtet werden. gemeine Misfallen an beregtem Bahrdtiſchen Zeitungsartikel,(davon aänge er erweißlich der Selbſt Verfaſſer iſt) erregte ein ebenſo groſes Verlangen, das Program teutſch zu ſehen; und es würde an fremden bfaſſ — K 8 Ueberſezzern ſo gewiß nicht verfehlet haben, als füglicher es leß e mir ſchiene, dieſe Arbeit ſelbſt zu thun. Es war wenigſtens Bahrd ſchon acht tage vorher der erſte bogen aus der Preſſe, ehe das dromi gnädigſte Warnungs Reſcript einlangte. Sogleich nach deſen An⸗ lenb blick beſchied ich den Buchführer Krieger zu mir, laß ihm ſolches er h von Wort zu Wort vor, gab es ihm ſelbſt in die Hand zu leſen, be⸗ andle hielte die Correctur des folgenden Bogen nebſt dem Manuſcript„ſein ohne zu corrigiren bei mir, warnte ihn vor ſchaden und verbot Bay⸗ ihm alles weitere Beginnen. Zu noch mehrerer Sicherheit erbot ich direk mich etliche Tage hernach dem Drucker ſeinen Arbeitslohn und auf⸗ Faku gewendetes Papier ſelbſt zu bezahlen, damit er nichts über Verluſt jenn zu klagen hätte. Dadurch habe ich verhindert, daß nicht ein Blat ſeiten von dieſer von mir ſonſt unſchuldig geachteten Ueberſezzung dem eſond Publico zu Geſicht kommen darf. Ew. Hochf. Dchl. dem ewigen Seegen 9 des Gottes der warheit brünſtig empfehlend verharre ich mit devoteſter ahrd submission bis an das Ziel des kurzen Ueberreſts meiner Tage ſei de Ew. unterthänigſter pflichtſchuldiger D. Benner.“ ch es vor ich dancke d Beiſtand ſch elenden die aller⸗ daß dies es weiter. Programs flicht und he ich die wrandfurter at mir ane ſeiner er⸗ hewog mich, ein jeder teutſchen als EHdl. en gnädigſt hwendigſten nen Augen Da 5 all⸗ kel,(davon enſo groſes an fremden üglicher es wenigſtens ehe das deſen An⸗ zom ſolches u leſen, be⸗ Manuſcript und verdot heit erbot ich ohn und auf über Verluſt wigen Seegen it devoteſter iner Tage 9. Benner Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen⸗ 47 Darauf lief ein Schreiben der Regierung vom 17. Februar 1775 bei Benner ein, welches das„gnädigſte Wohlgefallen“ des Land⸗ grafen darüber ausſpricht, daß Benner den Druck des Programms „supprimirt“ habe. Es wird Benner ſogar freigeſtellt, die in ſeinem Bericht enthaltenen verſchiedentlichen„Facta“ der theologiſchen Fakultät anzuzeigen,„ſo weit ſelbige ſolche zur Ergänzung des von ihr über erwehnten Dr. Bahrdts Lehre und Betrag erforderten Be⸗ denckens nöthig findet“. Wir hören hier alſo, daß die Regierung jetzt willens war, nachdem ſie von den verſchiedenen Schriften Bahrdts und den da⸗ zurch hervorgerufenen Gegenſchriften Kenntnis genommen hatte, gegen Bahrdt ſchärfer vorzugehen. Ueberdies lief auch noch bei dem Landgrafen eine Beſchwerde der Geiſtlichkeit der Herrſchaft Eppſtein über Bahrdts Lehre ein, die ebenfalls der theologiſchen Fakultät als Material für das ge⸗ forderte Votum(unter dem 6. Februar) zuging. Ferner ging wenige Tage ſpäter(am 15. Februar) bei der Fakultät ein„Memorial“ Bahrdts ein, das dieſer an den Landgrafen gerichtet hatte und worin er bittet, daß ſeine beigelegten Predigten von der Fakultät bei ihrem„ſtandhaften Bedenken“ möchten mitberückſichtigt werden. So war alſo die Unterſuchung gegen Bahrdt wegen Irrlehre eingeleitet. Die Fakultät wollte zunächſt ein jedes Mitglied ſein Votum abfaſſen laſſen und darauf ein gemeinſames Schriftſtück aufſetzen. Dazu leß es aber Bechtold nicht kommen. Er war in einer ſehr üblen Lage. Bahrdt zu retten, war unmöglich. Jeder Verſuch wäre nur kom— promittierend für Bechtold ſelbſt geweſen. So legte er ſich auf die keinliche Methode, Schwierigkeiten in Aeußerlichkeiten zu machen: er lieferte die Akten nicht aus und mit ſeinem Votum zögerte er endlos lange. Endlich teilte er Benner, dem Dekan, mit, daß er ſein Privatbedencken, worinnen er die Wahrheit wider Herrn Dr. Bahrdt gantz offenherzig verteidigt habe“, bereits vor einiger Zeit tirekt nach Darmſtadt eingeſandt habe. Er wollte ſich von den Fakultätsmitgliedern nicht in die Karten ſchauen laſſen. So ging denn auch das Votum Benners, das nicht weniger als 47 Folio ſeiten in echt Bennerſcher Gründlichkeit umfaßt, und das Ouvriers geſondert nach Darmſtadt. Noch war die Sache nicht zur Entſcheidung gebracht, da war Bahrdt dreiſt genug, um Niederſchlagung des Prozeſſes und zwar bei dem Landesfürſten unmittelbar ſelbſt— was verboten war— Paul Drews. 48 einzukommen, ja um Gehaltszulage und Rangerhöhung zu erſuchen, ſonſt werde er ſeine Stelle niederlegen. Damit ſchlug denn in der Regierung die Stimmung endlich gänzlich um. Wie erbittert man jetzt gegen Bahrdt war, ergibt folgendes, an den Rektor Schulz und den Kanzler der Univerſität Koch(am 4. April 1775) gerichtetes Schreiben: „Euch iſt vorhin unverborgen, welch allgemeines Aufſehen in der Evangeliſchen Kirche die von Unſerm dortigen Professore Theo- logiae Dr. Bahrdt immer mehrers verbreitende paradoxe und Irr⸗Lehren ſeit einiger Zeit gemacht haben und Wir daher, nachdeme alle vorherige Grade der Ermahn⸗ und Warnung beharrlich ver⸗ gebens geweſen, nach denen Uns obliegenden theuren Regenten Pflichten Uns gedrungen geſehen, nicht nur das Bedencken der theo⸗ logiſchen Facultät Unſerer Univerſität Gieſen über die Lehrſätze dieſes Manns, ſondern auch, nachdem ſolches eingelangt, das Pflicht⸗ mäßige Bedenken Unſers Consistorii und Definitorii darüber zu erfordern; ob dieſer Mann nach den Glaubens⸗ Bekenntniſſen der Evangeliſchen Kirche, nach der beſondern Heßiſchen Kirchen⸗Ver⸗ faßung, nach den akademiſchen Statuten und nach dem von Ihm geleiſteten Doctor- und Professor-Eid ferner als ein öffentlicher redlicher Lehrer und Pfarrer der Ihm anvertrauten Gemeine und academiſchen Jugend geachtet und geduldet werden könne? Wiewohlen nun Dr. Bahrdt, wann er der Gerechtigkeit ſeiner Sache trauen dürfen, Seiner eigenen Ehre am beſten vorgeſtanden haben würde, wann Er, nach dem gegen Ihn bisher in äußerſtem Maas bewieſenen Glimpf und Mäßigung, das Ende dieſer Unter⸗ ſuchungen ruhig abgewartet hätte: So hat ſich jedoch ſelbiger nicht entſehen, gegen den klaren Inhalt der von Uns erſt neuerlich wiederholten und von ihm, Bahrdten, von der Canzel ſelbſt publicirten geſchärften Verordnung, hinterrücks Unſers fürſtl. Ministerii und der Ihm vorgeſezten Collegien, Uns ſelbſt unmittelbar anzugehen, auf eine unverſchämte und verunglimpfende Weiſe die Siſtirung, ja Abolirung der gegen Ihn mit Unſerm Vorwißen und Befehl ver⸗ hängten Unterſuchungen zu verlangen, zur vermeinten Belohnung des durch Ihn Unſerer Univerſität und der Heßiſchen Kirche zuge zogenen üblen Rufs noch Zulagen an Geld und Ehren-Stellen zu bedingen, unter dieſen ungereimten Bedingungen Sich zum fernern Verbleiben in Unſerm Dienſt und Landen anzubieten, im Entſtehungs Fall aber ſeine Entlaßung zu verlangen, um in Direction einer neuen Schul-Anſtalt übernehmen zu können. der Schweiz die Mann und ſonder! laßung ſolche unmit das, d bekann allda reffen erſchiel und C zu ſein S Lecti Fhr h iither mdern uß W das w — dar— e U ſemer Pünſt wer l Brief Bahr cnge rium Vorte Übera ſerba Abjit leddoc ebens Preuf meſſuchen, ng endlich ar, ergibt Unverſität uſſehen in Gore Theo- doxe und nachdeme rruch ver⸗ Regenten n der theo Lehrſätze das Pflicht arüber zu miſſen der rchen⸗Ver⸗ n von Ihm öffentlicher meine und gieit ſeiner orgeſtanden äußerſtem eſer Unter⸗ iger nicht gt neuerlich ſt publicirten nisterli und 1 anzugehen, Siſttrung, ja Befehl ver⸗ n Belohnung Kirche zuge⸗ 1 n Stellen 3 ⸗S um fernern „Entſtehungs Schweiz die nnen. Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 49 So wenig Uns nun einer Seits die Dreiſtigkeit eines über alle Conſiderationen und die heiligſten Pflichten Sich hinwegſezenden Manns befremden können, ſo wenig ſeynd Wir geſonnen, die Kirche und Univerſität mit einem ſolchen Mann länger zu belaſten, ſondern haben Ihm in anliegendem Decret die nachgeſuchte Ent— laßung ohne Anſtand ertheilet und befehlen Euch hiermit: Ihm ſolche mit dem gemeßenſten Anhang zu beliefern, Uns mit fernern unmittelbaren Vorſtellungen ſchlechterdings unbehelligt zu laßen und das, was er etwa noch zu ſuchen haben möchte, bey der ihm wohl⸗ bekannten vorgeſezten Behörde anzubringen und weitern Beſcheids allda zu gewärtigen. Ihr habt anbey die fernere Verfügung zu treffen: Daß Ihme Dr. Bahrdten die biß zu Ende dieſes Monaths erſchienenen Professorats- und Pfarr-Beſoldung ohne Aufenthalt und Erſchwerung in Geld und Naturalien verabfolget, Er auch bis zu ſeinem Abzug in ſeiner Wohnung ungeſtört belaßen werde. Hingegen iſt Selbiger aus dem einſtehende Oſtern erſcheinenden Lections-Catalogo der Univerſität ſogleich auszulaßen, und habt Ihr bey der Facultät die Einrichtung zu machen, daß die von Ihm geithero vorgetragene Theile der theologiſchen Wißenſchaften von andern dortigen Lehrern übernommen und die ſtudirende Jugend biß zu Widerbeſezung dieſer Stelle(worüber Wir Euch demnächſt das weitere zugehen laßen werden) nicht verkürzet werde.“ Bahrdt befand ſich alſo ſehr im Irrtum, wenn er etwa glaubte — und in ſeiner„Lebensgeſchichte“ ſtellte er wenigſtens die Sache ſo dar—, in Gießen nach freiem Entſchluß bleiben zu können. Wäre die Unterſuchung zu Ende geführt worden, ſo hätte ſie ſicher mit ſtiner Abſetzung geendet. Jedenfalls vertraute Bahrdt auf die ginſtige Stimmung für ihn bei Heſſe und Moſer. In der Tat hat dr letztere noch am 30. Januar 1774 ihm einen höchſt freundlichen Prief geſchrieben(Briefe angeſehener Gelehrten u. ſ. w. an K. Fr. Jahrdt II, 12). Seitdem aber brach das Vertrauen, das er ſich ſo lnge zu erhalten gewußt hatte, mit einem Schlag zuſammen.— Im Mai 1775 verließ Bahrdt Gießen. Benner atmete auf, ja er ttiumphierte. Ins Dekanatsbuch ſchrieb er einen langen Erguß, dermit den Worten beginnt:„Hoc mense[Maio] divina nos clementia a Bardtio liberavit. Dimissus est, ea lege, ne pro concione sacra amplius verba facere aut valedicere auderet“ Und zum Schluß heißt es: „Abiit interea Bahrdtius, excessit, evasit, erupit: virulenta semina et dedocoris haud parum reliquit“. Endlich folgt ein Gedicht, das über den Lebenswandel Bahrdts in Gießen die Schale der Verachtung ausgießt. Preußiſche Jahrbücher. Bd. CXXX. Heft 1. 1 Paul Drews. Ravola, tu pathicae Rhodopes inceste subactor, Digne decem raphanis mugilibusque decem. Sive his si terebris nondum tua facta piasti, Digne decem Gyaris Anticyrisque decem Quin etiam annales Volusi, tua crimina, prostant, Te lambis, reliquos saeva ibi dente petis. Exercens rabiemque canis, veneremque caninam, Turpiter ostendis parte ab utraque canem. Ortum furva tibi bilis succusdue cicatae Et colubri sanies hippomanesque dedit. Redde hominem, si forte potes, scelerique minantem Hunc quoque tu laceras, disce timere Deum.— So war Gießen von Bahrdt befreit. Aber ſein demoraliſierender Einfluß war in der Studentenſchaft nur zu deutlich zu ſpüren. Alle Bande der Zucht und der Ordnung waren gelöſt. Unkraut wächſt immer raſch und üppig. Die Aufklärung wiſſenſchaftlich zum Siege zu führen, war Bahrdt nicht gelungen. Er war auch nicht der Mann dazu. Aber neben ihm ſtand ein Mann der Aufklärung, der ſich trotz aller Kämpfe zu behaupten wußte. Das war Johann Chriſtoph Friedrich Schulz. II. Johann Chriſtoph Friedrich Schulz. Im Prozeß Bahrdts ſpielte auch ein Profeſſor Friedrich Schulz eine Rolle. Bahrdt verſicherte in ſeiner Verteidigung, dieſer ſein Kollege lehre nicht anders als er. Alſo eine regelrechte Denunziation. Wer war dieſer Schulz? Er war ſeit 1770 ordentlicher Pro⸗ feſſor der orientaliſchen, d. h. der griechiſchen und hebräiſchen Sprachen, er gehörte alſo der philoſophiſchen Fakultät an. Er hatte ſeine Aus— bildung in Göttingen unter Johann David Michaelis, dem er in gewiſſem Sinne geiſtesverwandt war, erfahren. In Göttingen war er zuletzt Repetent und Privatdozent geweſen. Erſt dreiundzwanzig Jahre alt(er war 1747 in Wertheim geboren), erhielt er die Gießener Stelle. Aber er wußte es bei der Darmſtädter Regierung durchzu⸗ daß ihm 1773 auch noch ein Extraordinariat in der theolo⸗ ſetzen, Leitung eines giſchen Fakultät übertragen wurde, und zwar mit der 1772 von ihm nach Göttinger Muſter eingerichteten Prediger⸗ er auch eine„populäre Dog⸗ s Engliſche vertrat, gibt ein lbſtvertrauen bereits ſeminars. In dieſer Stellung las matik“. Daß er nebenbei auch noch da Bild von dem Manne: außerordentlich regſam, voll Se b b und In d durch keſſel Freun tiſcher auch, gewu⸗ Es ſe ander hoffte einige lichere auseir Beziel berich Schu jüngſ auch ſchaft ſawe legen Darſt ſeinen daß geſpa⸗ war, ſonde ſtiſch Gern Daß ſtätig ſierender en. Alle t wächſt en, war u. Aber rotz aller Friedrich deſer ſein zunziation. icher Pro⸗ Sprachen, ſeine Aus⸗ dem er in ingen war mdzwanzig te Gießenet durchzll⸗ ng heolo⸗ der t tung eines Prediger⸗ läre Dog⸗ gibt ein ſwertrauen il, Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 51 und ſicher ſehr begabt, aber oberflächlich und ſich vordrängend. In der Tat, das ſolide, langſame Gießen war mit einem Schlag durch die beiden Männer, Bahrdt und Schulz, zu einem Hexen⸗ keſſel geworden. Denn beide ſchloſſen fürs erſte eine enge Freundſchaft; waren ſie doch in ihrer theoretiſchen und prak— tiſchen Lebensanſchauung faſt zum Verwechſeln ähnlich. Es ſcheint auch, daß Bahrdt Schulz auf bedenkliche ſittliche Wege zu bringen gewußt hat. Die Freundſchaft beider ging freilich bald in die Brüche. Es ſcheint, daß ſie wegen des genannten Predigerſeminars ausein⸗ ander kamen. Denn Bahrdt hatte den gleichen Plan wie Schulz, hoffte ebenfalls, Direktor dieſer neuen Anſtalt zu werden und dadurch einige Einnahmen mehr zu erzielen. Aber Schulz war der glück⸗ lichere in der Bewerbung, und ſo brach das Freundſchaftsverhältnis auseinander. Doch ſcheint ſich wenigſtens äußerlich die gegenſeitige Beziehung wieder hergeſtellt zu haben. In ſeiner„Lebensgeſchichte“ berichtet Bahrdt unter der Ueberſchrift:„Feinde“:„Der Profeſſor Schulz ſchien anfangs mein Freund zu ſein, als er aber des D. Benners jüngſte Tochter, ihrer ſeltenen Fleiſchlichkeit halber, ehelichte, wurde auch dieſer anderes Sinnes— und ſetzte zwar äußerlich die Freund⸗ ſchaft fort, benutzte ſie aber, mich auszuforſchen, und jedes unbehut⸗ ſame Wort dem Alten zuzutragen, und zu neuen Zänkereien Ge⸗ legenheit zu geben“(II, S. 166 f.). Das iſt keine wahrheitsgetreue Darſtellung. Denn Schulz als entſchiedener Aufklärer lebte mit ſeinem orthodoxen Schwiegervater— welch' ein Schickſal für dieſen, daß er einen ſo geſinnten Schwiegerſohn bekommen mußte!— im geſpannteſten Verhältnis; daß aber Bahrdt ſeinerſeits Schulz' Feind war, geht nicht allein aus der erwähnten Denunziation hervor, ſondern bezeugt auch ein Gedichtchen, das er in ſeinen„naturali⸗ ſtiſchen Gedichten“ auf„Profeſſor Sch...“ veröffentlichte(2. Aufl. Germanien im Freyheitsthal 1792, S. 66). Es lautet: Er ſcharrt Mit ſeinem Schwiegervater um die Wette: Und harrt Und lauſcht, mit ſchwerer Stirn, bei Nettchens Bette: Und ſucht In Michaelis Heften ſeinen Weisheitskram zu finden Und flucht Und ſchilt doch auf des Ritters exegetſche Sünden. Dies Gedicht iſt gleich bezeichnend für Bahrdt wie für Schulz. Daß Schulz eine ſtarke Neigung fürs Geld hatte, iſt auch ſonſt be⸗ ſtätigt. So fing er 1785, als er bereits zu der hohen Würde eines 4* 52 Paul Drews. Superintendenten emporgeſtiegen und längſt ordentlicher theologiſcher Profeſſor war, einen Getreidehandel an„zum Behuf der Kayſerl. und preußiſchen Magazine“; und als er von einem Juden beim fürſtlichen Konſiſtorium verklagt wurde, ließ er ſich auf dieſe Klage ein,„wogegen von Seiten der Univerſität proteſtirt und dem Herrn Superintendent Schulz ſein Benehmen verwieſen“ wurde. Das iſt der Mann, der uns im folgenden ein wenig beſchäf⸗ tigen ſoll. Die Denunziation, die Bahrdt bei der Regierung gegen Schulz anzubringen gewußt hatte, hatte ihre Folgen. Die Fakultät wurde (1775) vom Landesfürſten um ein Gutachten gebeten, und das fiel begreiflicherweiſe zu ungunſten von Schulz aus. Auch Bechtold ſchlug ſich jetzt auf die Seite der Orthodoxie, ohne allerdings da⸗ durch den Frieden mit Benner zu erkaufen. Daß an Bahrdts Stelle übrigens nun ein Orthodoxer berufen wurde, iſt begreiflich; es war dies Johann Michael Lobſtein, wieder eine ſehr unbe⸗ deutende Größe, die nur von 1775— 1777 der Fakultät angehörte. Infolge des für Schulz ſo belaſtenden Fakultätsvotums ging dem akademiſchen Senat vom Landgrafen am 19. April 1776 fol⸗ gender Auftrag zu:„Nachdem wir nun keineswegs gemeynet ſind ſothanem pflichtwidrig und ſtrafbaren Beginnen(gemeint iſt Schulz's Heterodoxie), falls er deſſen mit Beſtand der Wahrheit überzeugt werden könnte, ſorglos und tacendo nachzuſehen; Als befehlen Wir euch hiermit gnädigſt, daß ihr zu Vermeidung fernern Unfugs und daher zu befürchtenden allgemeinen Aergerniſſes, wie auch unaus⸗ bleiblichen Schadens und Nachtheils der Univerſität obgedachten Professor Schulz über beiliegende Fragen vernehmet, ſeine cate- goriſche praecise und nicht auf Schrauben geſetzte ſchriftliche Er⸗ klärungen erfordert, und ſolche ſamt eurem desfallſigen zuverläſſig und unpartheiſchen Bedencken, und gleichmäſig gewiſſenhaften Bericht, wie der bey mehrbemeldtem Professor Schulz hie und da in zwei⸗ deutigen Ruf gekommenen Lebens Wandel beſchaffen ſey, demnächſt behörig einſendet.“ Man ſieht, die Regierung, in der jetzt ein Mann wie Moſer, der trotz ſeiner pietiſtiſchen Herkunft doch durchaus nicht eng war, die maßgebende Stimme hatte, wollte den bei Bahrdt erlebten Skandal ſich nicht erneuern laſſen. So zog ſie von vornherein ernſtere Saiten auf. Es ſind fünf Fragen, die Schulz zu beantworten hatte. Sie bewegen ſich zunächſt um die rechtliche Lage: ein Gießener Profeſſor hat daro fürſt Apo und Land antt jede ſche 800 gele Wo des daß zig er den wor heit Ario „8 imn hau icher yſerl. beim Klage derrn ſchäf⸗ Schulz wurde s fiel ꝛchtold 5 da⸗ ahrdts eflich; unbe⸗ ehörte. Mging 6 fol⸗ ſind, ulz's zeugt Wir 3 und naus achten Cale- che E⸗ erläſſig Bericht, a zwei⸗ mnächſt Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 53 g hat dem Lehrbegriff der Lutheriſchen Kirche gemäß zu lehren, denn darauf beruht die Landesverfaſſung. Infolgedeſſen iſt ein Reichs⸗ fürſt berechtigt,„dieſe von Chriſto ſelbſt und ſeinen erlauchten Apoſteln vorgeſchriebene Lehr⸗Art von allen denjenigen vi contractus und ohne einigen Gewiſſenszwang zu fordern, welche in ſeinen Landen öffentliche Lehr Aemter bekleiden“. Schulz wird gefragt, ob er ſich alles deſſen bewußt ſei? Darauf antwortet er mit den lauteſten Beteuerungen, daß er ſich deſſen jederzeit bewußt geweſen ſei, und wer anders lehrt, der ſei„der ab⸗ ſcheulichſte Betrüger, den die Sonne beſcheinen kann“. Ferner lautet Frage 4:„Ob er(Schulz) nicht durch Edirung Socinianiſcher und anderer Schriften, die er dem Publicum vorgelegt, gelobt und angeprieſen, dem Socianismo(sicl) ſelbſt öffentlich das Wort geredet und ſich dadurch als ein Irrlehrer und doch wenigſtens des Arianismi verdächtig gemacht habe?“— Darauf erwidert Schulz, daß er wohl die Schrift Harrwoods über den Sozinianismus(Leip⸗ zig 1773) überſetzt habe, aber dieſe Schrift ſei— und dabei beruft er ſich ſchlauerweiſe wieder auf Erneſti—„die beſte Schrift, die in den neueſten Zeiten zur Wiederlegung des Socianismi geſchrieben worden“— eine überaus kühne Behauptung, die auf die Unwiſſen⸗ heit der Darmſtädter Geheimen Räte baute! Der Anklage auf Arianismus gegenüber verſichert Schulz ſeine völlige Unſchuld: „Ich glaube die 590000 1,„ ſo feſt, als ſie Biſchof Alexander nur immer habe glauben können.“ Wieder eine höchſt gewagte Be⸗ hauptung! Endlich wird Schulz die Entſcheidung vorgelegt, ob er es„auf eine genaue und unpartheiiſche Unterſuchung ankommen laſſen“ oder ob er ſeine„Heterodoxie ſchriftlich widerrufen“ wolle? Einer„unpartheiiſchen Unterſuchung“ will ſich Schulz gern unterwerfen, wenn es„dem höchſten Willen des gnädigſten Landes⸗ herrn“ ſo entſpreche, und falls er der Ketzerei überwieſen werde, ſei er zu feierlichſtem Widerruf bereit. Wieder votierten die Theologen. Bechtold ſpielt ſich als den entrüſteten Rechtgläubigen auf und hält eine Unterſuchung für „unentbehrlich“; er macht ſich anheiſchig, Schulz„das Geſtändniß abzunöthigen, daß er bis hierher gegen ſeine Eydes Pflichten gehandelt, und die Studiosos theologiae zum Nachtheil des guten Rufs unſerer Academie, und der Ruhe unſerer Kirche, auf Irrwege ge⸗ leitet habe“. Ueber Schulz' Lebenswandel will er kein Urteil ab— geben.„Ein allgemeines übles Gerücht“ ſei noch lange kein Grund, „jemanden als einen ausgezeichn eten Taugenichts zu verurtheilen“ 54 Paul Drews. Schärfer lautet das Verdammungsurteil Ouvriers. Er fügt noch die Anklage hinzu, daß Schulz ſeine Pflichten als Profeſſor der orientaliſchen Sprachen und Altertümer verſäume. Und über den Lebenswandel von Schulz fällt er das Urteil:„Ein jeder weiß, daß der allgemeine Ruf für ihn ſehr ungünſtig ſey, und wohl nie⸗ mand im Corpore gerne ein ſolches Gerücht haben möchte, daß ſich aber auch niemand damit abgeben wird, juriſtiſche Beweiſe zu über— nehmen. Daß H. P. Schulz den öffentlichen Gottesdienſt verſäumt, Bälle mit den Studiosis frequentirt uſw., halte ich für einen Pro- fessorem theologiae nicht anſtändig.“ Beſonders lang iſt der Er⸗ guß Lobſteins. Er ſucht die Anklagen ſeiner Kollegen gegen Schulz noch zu überbieten: ein Ketzer iſt Schulz unbedingt und ſein Lebens⸗ wandel anſtößig: er beſucht den Gottesdienſt nicht, wohl aber„die öſterlichen Concerte“, ja er lädt die Studenten zu Tänzen in ſein Haus.„Auch ſchreyt das Stillſchweigen eines orthodoxen Herrn Schwiegervaters und deſſen Mißvergnügen weit lauter über Lehr und Leben, als 100 Zeugen nimmer thun können.“ Man ſolle Schulz auf ſein eigentliches Fach, die griechiſche Literatur, die hebräiſche und verwandte orientaliſchen Sprachen einſchränken“, mit andern Worten, ihm die theologiſche Profeſſur nehmen; ſchärfe man ihm ein, einen„feinren chriſtlichen Wandel zuführen“, ſo werde er bei ſeiner Begabung ein„brauchbarer Mann ſeyn, der zu ſeinem eigenen Ruhm und der Univerſität beſten lehren wird, und wird die Kirche, der ſchon wirklich Spaltungen drohen, da ein Theil der Studiosorum der Orthodoxie Hohn ſprechen, der andere der Hetero⸗ doxie(einem Bahrdt, Baſedow und...)) das vivat zurufen, von Gefahren, die Leib und Seel verderblich ſind, zu dero beſten glücklich befreyt werden“. Nach den Theologen gaben die übrigen Mitglieder des Corpus ihr Urteil ab. Die meiſten laſſen ſich auf die theologiſche Seite der Sache nicht ein; das gehe allein die Theologen an. Aber in bezug auf den Lebenswandel von Schulz halten die meiſten nicht zurück; es iſt klar: Schulz ſtand in einem bedenklichen Rufe; beſtimmte Tatſachen aber wagt keiner anzugeben. Kleveſahl, ein Theologe, der die Pro⸗ feſſur für Naturrecht und Moral inne hatte, zeiht ihn offen des Geizes. Köſter, ebenfalls von Haus aus Theolog und Vertreter der Kameralwiſſenſchaften, empört ſich gegen ſeine„angefangene Ueber⸗ ſetzung des alten Teſtaments“,„das den meiſten Leſern anſtößig ſeyn müſſe. Z. B. daß Jacob eine Maitreſſe gehabt uſw.“. Ebenſo erhebt er wider ihn die Anklage auf Arianismus und Socinianismus und b Kritik Stud nicht alle und oder Unte „den gege Kur ſehr Sch über einen theo entz Lite aben ſich Lehr wide und gebo Tpus te der g auf es iſt achen Pro⸗ n des Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 55 und beſonders unterwirft er ſeine ſprachlichen Vorleſungen der herbſten Kritik. Des Engliſchen ſei er ſelbſt nicht mächtig, ſo daß ſeine Studenten nicht eine Zeile bei ihm haben leſen lernen.„Es iſt alſo nicht genug, gros zu tun, und andere Docenten neben ſich wie auch alle anderen Collegia, die man nicht grad ſelbſt lieſt, zu verachten, und auf einen nicht durch die beſten Mittel erlangten, erſchlichenen oder wohl gar erzwungenen Beyfall der Studiosorum ſtolz zu ſeyn“. Unter anderem berichtet Köſter davon, daß abziehende Studenten „den hieſigen Lehrern“, die orthodox ſeien,„ein lautes Pereat, da⸗ gegen aber der Heterodoxie ein lautes Vivat gerufen“ hätten. Kurz und gut: Verteidiger fand Schulz wenige, Ankläger und zwar ſehr beredte und leidenſchaftliche in Menge. Was war der Ausgang dieſes Handels? Fürs Erſte wurde Schulz verboten, Dogmatik und Moral zu leſen, die Entſcheidung über die Anklage auf Heterodoxie aber wurde ausgeſetzt. Aber nach einem Jahre(28. Juli 1777) wurde Schulz die außerordentliche theologiſche Profeſſur, die er noch inne hatte, vom Landesfürſten entzogen, jedoch das Ordinariat der orientaliſchen Sprachen und Literatur in der philoſophiſchen Fakultät ihm gelaſſen. Er wurde aber„ernſtlich und bei Vermeidung ohnfehlbarer Cassation verwarnt, ſich nicht nur in dieſen Sprach⸗ und Literatur Collegien aller dem Lehrbegriff und Bekänntniß Büchern der Evangeliſchen Kirche zu⸗ widerlauffenden Einſtreuungen, ſondern auch aller neuen Zänkerreyen und Streit Schriften gänzlich zu enthalten“. Das gleiche Schweige⸗ gebot wurde auch den Gegnern auferlegt. Mit dieſer Abſetzung Schulz' enden aber ſeine Akten keineswegs. Als Schulz im September 1776 die Abhaltung der Vorleſungen über Dogmatik und Moral verboten worden war, regten ſich die Studenten: ſie reichten in Darmſtadt noch im Herbſt desſelben Jahres ein Geſuch ein, daß Schulz wieder Dogmatik möchte leſen dürfen. Das wurde natürlich abſchlägig beſchieden; der Vizekanzler Koch wurde angewieſen, ihnen das mitzuteilen. Als ein Jahr ſpäter (Oktober 1777) der Geheime Rat von Heſſe in Gießen weilte, wandten ſich einige Studenten an ihn mit der Bitte, bei Schulz Moral hören zu dürfen, ja neun„ausländiſche“ Studenten reichten ein dahin⸗ gehendes Geſuch beim Landgrafen ein. Daraufhin wurde Schulz, der bereits nicht mehr theologiſcher Profeſſor war, wirklich die Ab⸗ haltung der Vorleſung über Moral geſtattet(27. Oktober 1777), ihm dabei aber wieder eingeſchärft, ſich„heterodoxer Einſtreuungen“ zu enthalten. Im Frühjahr(28. März) 1778 lief von denſelben 56 Paul Drews. Studenten ein neues Geſuch beim Landgrafen ein, bei Schulz im Sommer Dogmatik hören zu dürfen. Darauf kam aber(3. April 1778) ein abſchlägiger Beſcheid. Man ſieht, welcher Beliebtheit ſich Schulz bei der Studentenſchaft erfreute, aber auch, wie nachgiebig ſich die Regierung zeigte: es war viel, daß ſie Schulz die Vorleſung der Moral zugeſtanden hatte. Aber noch einmal rührten ſich die Studenten. Am 29. März 1781 lief beim Landgrafen wiederum ein Geſuch ein, unterſchrieben von 29 Studenten, das mit den Worten beginnt:„Da ſämtliche hier ſtudierende Theologen von Herrn Profeſſor Schulz aufs künftige Sommer halbe Jahr die Dogmatik geleſen zu haben wünſchen, weil derſelbe unter den hieſigen Herrn Profeſſoren ſolche am gründlichſten vorträgt, und dieſer ohne den ſpeziellen Befehl und Erlaubnis von Ew. Hochfürſtl. Durchlaucht ſolches nicht unternehmen will, So uſw.“... Ein echt ſtudentiſches Schriftſtück! Das Geſuch wandert an den Rektor nach Gießen, der es Schulz zur Aeußerung vorlegt. Schulz ſchrieb darauf an den Landgrafen(4. April 1781) in höchſt ſchlauer Weiſe: die Bittſchrift ſei ihm höchſt fatal; es liege ihm nichts daran, Dogmatik zu leſen,„höchſtens möchte mir der gnädigſte Befehl erteilt werden, populäre oder praktiſche Dogmatik zu⸗ leſen, neben welcher die eigentlich gelehrte oder ſcholaſtiſche immer vorgetragen werden kann und muß.“ Sollte aber von ihm das ſchwere Opfer gefordert werden, doch Dogmatik leſen zu müſſen, ſo werde er ſich„im Vertrauen auf den Beiſtand des Allerhöchſten“ dem Befehle„ſtill unterwerfen“. Den Rektor bittet Schulz, die Studenten eidlich darüber zu vernehmen, ob er, Schulz, von jenem „Memoriale“ das Geringſte gewußt habe, denn jedenfalls werde man ihm deſſen Schuld geben. Schulz hatte ſich in dieſer Vermutung nicht getäuſcht. Zunächſt lief gerade um dieſe Zeit(6. April) in Darmſtadt eine Beſchwerde der theologiſchen Fakultät über den ſchlechten hebräiſchen Unterricht von Schulz ein, ferner darüber, daß er„ſich mit theologiſchen, ihm ſchon vorhin, aus ſehr erheblichen Urſachen ausdrücklich unterſagten Vorleſungen abgebe“; endlich wird ihm vorgeworfen, daß er den Studenten„die Freyheit“ gewähre„(wie noch neulich an einem Sonn⸗ tage an mehr als 30 ſeiner Adhaerenten geſchehen iſt), daß ſie das ſo genannte äuſerſt verbotene Kräntzgen mit Trincken und gewinn⸗ ſüchtigem Spielen, in ſeinem Hauſe, unter ſeiner Genehmhaltung und wirtſchaftlichen Bedienung ſeines Hausgeſindes, celebrieren pp.“ War es zufällig, daß dieſes Schreiben gerade zu dieſer Zeit nach Darmſtad 99 Stud wie Stu Sache Ab mittelba⸗ Jaup le 13. Apr werſönli ar mög Zeben kkollegen wyill ü⸗ der rec willens erſt am Anne Un Jabe„ Yewan und mi So reifache hens Zuſann Pauſe den St H zeingabe Schrei an der forder chens den eidlich 2 ffund Weiſein des P. gekocht Heheichn Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 57 Larmſtadt abging, oder wußte die Fakultät um jene Eingabe der 29 Studenten? Es iſt kein Zweifel, ſie wollte mit dieſem Schreiben de Studenteneingabe wirkungslos machen, ein Zeichen, daß ſie ihrer Cache nicht ſicher war. Aber es wurde der Fakultät noch Gelegenheit gegeben, ſich un— nittelbar mit dieſem ſtudentiſchen Schriftſtück zu befaſſen. Der Rektor Jaup legte ihr nämlich dasſelbe nebſt Schulz' Aeußerungen dazu am 13. April zur Begutachtung vor. Benner als Dekan, der übrigens perſönlich an ſeinen Schwiegerſohn geſchrieben und ihn gebeten hatte, e möge alles vermeiden,„was zu Weiterungen in dieſer Sache Anlas geben könne“, gab die Akten am 14. April den anderen Fakultäts⸗ hllegen mit einem Schreiben weiter, in dem es heißt:„Er(Schulz) nill überall der ohnentberliche Mann bleiben in theologicis, und der rechtfertigende Advocat teils des Unverſtands teils des Muth⸗ nillens verführter Studenten“. Bechtold, ſaumſelig wie immer, gab erſt am 1. Mai ſein Votum ab, das dahin ging, daß der Rektor ene Unterſuchung anzuſtellen habe, in der die Unterzeichner der Ein⸗ gabe„unter Handgelöbnis an Eidesſtatt“ zu vernehmen ſeien, welche Pewandtnis es mit dem Werbezettel am Ende des vorigen Semeſters und mit der Abfaſſung und Unterzeichnung der Eingabe habe. So ſtand denn Schulz wieder unter Anklage, und zwar einer dreifachen. Zur Verhandlung kam aber nur die wegen des„Kränz⸗ chens“ und wegen der Studenteneingabe. Daß beides innerlich im zuſammenhange ſtehe, daß bei dem„Kränzchen“, das in Schulz' Hauſe ſtattgefunden haben ſollte, der Plan jener Eingabe von Schulz den Studenten ſuggeriert worden ſei, das ſtand den Gegnern feſt. Hatten nun die Theologen die Schriftſtücke betreffend die Studenten⸗ engabe vom Rektor erhalten, ſo legte er andererſeits Schulz das Schreiben der Fakultät gegen ihn vor, das von Darmſtadt wieder in den Rektor gegangen war. In ſeiner Erwiderung vom 23. April ſordert Schulz vom Rektor, um die Beſchuldigung wegen des„Kränz⸗ hens“ klarzuſtellen, daß der Student Mayer als der einzige unter den vier bei ihm wohnenden Studenten, der dies Kränzchen hält, edlich über dieſes Kränzchen vernommen werde. Da auch die theologiſche Fakultät ein Verhör gefordert hatte, fund denn ein ſolches am 19. Mai im Hauſe des Rektors und im Beiſein des Syndikus ſtatt. Vernommen wurde zunächſt die Magd des Prof. Schulz, die, wie Benner behauptet hatte,„den Caffee gekocht habe“, ſodann die von Benner als Veranſtalter von Kränzchen bezeichneten Studenten und endlich die Unterzeichner des Memorials. 58 Paul Drews. Das Verhör ergab nichts für Schulz Belaſtendes. Weder hatte er das Kränzchen veranſtaltet, wie ihm ſchuld gegeben war, noch es auch nur gebilligt oder unterſtützt. Bei demſelben war nachweislich auch nichts geſchehen, was als Propaganda für ſeine Kollegien ge⸗ deutet werden konnte. Auch das Verhör über die Bittſchrift ergab nichts, was Schulz belaſten konnte. Wie aber war dieſe Studenteneingabe zuſtande gekommen? Ein Student, Hundhauſen mit Namen, hatte im Kolleg einen Zettel herumgegeben mit der Frage: Wer will nächſtes Semeſter bei Prof. Schulz Dogmatik hören? Die Anweſenden unterſchrieben. Darauf eilte Hundhauſen nach Hauſe, ließ durch einen juriſtiſchen Kommi⸗ litonen, dem er größere Formgewandheit und Sachkenntnis in dieſen Dingen zutraute als ſich, die Bittſchrift aufſetzen und ſchrieb ſelbſt die Namen jener Unterzeichner mit verſtellter Hand darunter, die Namen noch einiger Kommilitonen hinzufügend, deren Zuſtimmung er ſicher zu ſein glaubte. Dieſen offenbar ſehr harmlos gemeinten Streich mußte Hundhauſen mit Relegation büßen. Das Protokoll dieſes Verhörs gab der Rektor an die theologiſche Fakultät. Es iſt erſtaunlich, daß trotz der Unterſuchung Bechtold und Ouprier— Benner enthielt ſich der Stimme— behaupteten, die ganze Sache ſei doch eine gemeine, von Schulz angezettelte Intrigue. Aus ihren Voten ſpricht geradezu Haß gegen Schulz. Ouvrier behauptet, würde die Unterſuchung fortgeſetzt und jener Studiosus juris Cramer verhört, der die Bittſchrift aufgeſetzt habe, ſo würde ſich ergeben, daß„er vorher deshalb bei dem Herrn Profeſſor geweſen und ihm das Leſen der Dogmatik empfohlen habe“. In der Tat wurde Cramer noch vom Rektor verhört: Ouvriers Behauptung beſtätigte ſich nicht. So verlief die Sache im Sande. Oder richtiger: der Ausgang war für Schulz günſtig. Sein Ver⸗ trauen bei der Regierung ſtieg. So konnte er es wagen(am 9. Juni 1782), die Bitte an Geh. Rat von Heſſe zu richten, ihn zum vierten theologiſchen Profeſſor zu ernennen, da es ſinnlos ſei, ihm als Profeſſor der orientaliſchen Sprachen zwar die exegetiſchen Vorleſungen zu überlaſſen, ihm aber den Charakter als Theologen abzuerkennen. Es heißt in dem Schreiben:„Als ich im Jahre 1776 der Be⸗ drückung des Herrn v. Moſer unterlag und aufhören mußte, Dog⸗ matik zu leſen und Theologe zu ſeyn, weil ich mich ſeine Wunder⸗ und Schatzkäſtleinsdogmatik zu leſen nicht entſchließen konnte, hatten wir über 80 Theologen, jetzt kaum über 40.“ Er will ſich verbürgen, „daß in Jahr und Tagen wieder eben ſoviel Theologen hier ſeyn Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen. 59 ſollen, wie vor dem Jahre 1776, wenn mir dogmatiſche Lehrfreiheit ſowie ſie Döderlein in Altorf, Semler in Halle, Leß in Göttingen weſch und Morus in Leipzig hat, geſchenkt“ wird. Unterdeſſen ſtarb am 8. Juli 1782 Benner. Da konnte Schulz es mit um ſo größerer Zu⸗ verſicht wagen, am 14. Juli ſeine Bitte beim Landgrafen zu wieder⸗ holen, und am 6. Auguſt wurde ſeine Ernennung zum vierten mnmen? ordentlichen Profeſſor in der theologiſchen Fakultät vollzogen. ettel Damit war der Sieg der Aufklärung in der theologiſchen di Nuf. Fakultät zu Gießen beſiegelt. Als es ſich um die Beſetzung der Darauf durch Benners Tod erledigten erſten Stelle handelte— weder Komm⸗ Bechtold noch Ouvrier, der übrigens wegen Vergehen ſeiner Super⸗ in dieſen intendentur entſetzt worden war, wollte die Regierung aufrücken ſelbſt de laſſen— und Roſenmüller in Erlangen ins Auge gefaßt war, Namen ſchrieb ihm der Oberhofprediger Starck aus Darmſtadt(am 21. Sept. er ſicher 1782):„Die bisher in Gießen geherrſchte theol. Denkart, die im Streich Polemiſiren beſtand, iſt Ew. Hochw. bekannt, und noch werden Sie dort 2 Männer aus der alten Fabrique an Bechtold und ologiſche Ouvrier vorfinden; aber dies darf Ew. Hochw. nicht im mindeſten Bechtcod beſorgt machen. Durch Benners Tod hat dieſe Denkart ſchon einen upteten, wichtigen Stos erlitten.“ Zwar rückte nach Roſenmüllers Weggang zzettelte 1785 Bechtold(1785) in die erſte Stelle ein, aber er war ſo un⸗ Schulz bedeutend— und von Ouyvrier gilt das erſt recht—, daß Schulz, jener dem auch ſeine Gegner große Begabung nicht eueenn die führende zt habe, Rolle einnahm. Er rückte denn ſchließlich in alle hohen kirchlichen Herrn Würden ein und ſein Einfluß, namentlich auch auf das heſſiſche mhabe“. Schulweſen, war nicht ohne Segen.— Dupriers Die Bilder, die wir im Vorhergehenden aufgerollt haben, zeigen Sande. uns die Kämpfe in einer kleinen Univerſität der damaligen Zeit. gein Ver⸗ Als ſolche dürften ſie auch kulturgeſchichtlich nicht ohne Intereſſe n(am 9. ſein. Vor allem aber machen ſie deutlich, von welchem Einfluß ihn zum auf die geiſtige Entwickelung die maßgebenden Männer in der Regierung ihm dls waren, und ſodann, von welcher Bedeutung das Kirchenrecht in rleſungen dieſen Streitfragen und geiſtigen Schiebungen war: wenn es ge⸗ jerkennen nehm war, wurde dies Recht in ſeiner ganzen Starrheit hervor⸗ geholt und diente Männern zur Waffe, die es ſelbſt innerlich nicht mehr vertraten. Endlich kann man an Benners Geſtalt lernen, wie einzelne Männer oft nur durch ihre Lebenszähigkeit die Ent⸗ tten wir wickelung aufzuhalten vermögen, die um ſie her in breiten Wogen bürgen, vorwärts drängt. jer ſeyn— Der Mangel an Lehrkräften für die höheren Lehranſtalten. Von Direktor Dr. Huckert. Für den heutigen Mangel an Lehrkräften für die höheren Lehr⸗ anſtalten Preußens macht Dr. Heinrich Schröder in ſeiner neueſten Broſchüre“*) einzig und allein den Finanzminiſter von Miquel und ſeine„an den höheren Lehrern verübte fiskaliſche Politik“ verant⸗ wortlich. Dieſer Lehrermangel iſt aber nach Schröder ſo groß,“**) daß heute ſchon mindeſtens 2400, alſo ungefähr ein Viertel der für normale Verhältniſſe nötigen rund 10 000 wiſſenſchaftlichen Lehrer an den preußiſchen höheren Schulen fehlen. Denn wenn auch vor einem Jahre nur 1200 ausgebildete Lehrer zu fehlen ſchienen, ſo ſind es nach Schröder mindeſtens noch einmal ſo viel,„weil eben ſelbſtverſtändlich auch die meiſten in nor— malen Zeiten als unaufſchiebbar angeſehenen Klaſſenteilungen und auch Neugründungen von höheren Schulen unterblieben ſind.“**) Dazu kommt nun noch, daß man ſeit 1897„im ganzen ſchon an 2000 junge Philologen, ſo ahnungslos wie ſie von der Uni⸗ verſität kommen, ohne Erbarmen friſchweg auf die Schüler der Gymnaſien und Realſchulen losgelaſſen.“ †) Infolgedeſſen iſt im öffentlichen höheren Schulweſen in Preußen„das pädagogiſche Kur⸗ pfuſchertum ſchon jetzt zu einer ſchier unglaublichen Blüte gediehen“ ††) und der Reichstag hätte alle Urſache, den Reichskanzler aufzufordern, „daß er einmal mit der preußiſchen Regierung ein ernſtes Wort rede, damit ſie auch an ihren mit Reichsprivilegien ausgeſtatteten *) Zur Gleichſtellung der höheren Beamten in Preußen, insbeſondere der Philologen und Juriſten. Gelſenkirchen, Kannengießer, 1907. *) S. 68. 67— 68. 64. 65. G ⁴☚ ’— 4 Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität 4 Gießen. Colour& Grey Control Chart 5Ses Blue Qyan Green NVellow Hed Magenta Wmite Grey 1 Grey 2(Greys tey4 Black ver Exiſtenz. Neven ver Auftlarung und vem von iyr vervorge⸗ V rufenen Rationalismus behauptete der Pietismus, ja ſelbſt die Orthodoxie noch lange und kräftig in manchen Ländergebieten das Feld. Vielleicht am längſten hat die Gießener Univerſität dem neuen Zeitgeiſt ihre Tore verſchloſſen. Hier haben wir die eigen— tümliche Erſcheinung, daß auf die alte Orthodoxie der Pietismus, auf dieſen aber eine neue Welle der Orthodoxie folgte, die die Auf⸗ klärung lange zurückgehalten hat, bis dieſe doch endlich hereinbrach und nach nicht geringen Kämpfen ſich auch behauptete. Die folgenden Blätter wollen dieſes Eindringen der Aufklärung in Gießen und zwar nach den Akten, die teils in Darmſtadt, teils in Gießen liegen, erzählen. Die oben ermähnte ameite arthadnro Moriade an dar Mninaritn: NEnnnnndntnaſteanonpnananuanenunnunnOnnnhennmenamſdi Erweiterung des Intereſſen⸗ und Ideenkreiſes führen konnte, liegt 3*