8 4 ffff ſſſſſ Gnn Indn — 4 1 ſH S6 SV /97) ZIUR FEIER REFORMATIONSFESTES UND DES UBERGANGS DES RECTORATS AUF D. CHRISTOPH ERNST LUTHARDIT LADET HIERMIT EIN DER RECTOR DER UNIVERSITAT D. LUDWIG LANGE DURCH DEN DESIGNIERTEN DECAN DER TIiEOLOGISCHEN FACULTAT D GUSTAV aAPDOl. E LUDWIG BAUR. ANDREAS KEMPFFERS SELBSTBIOGRAPHIE NACH DER GIESSENER HANDSCHRIEFT ZUM ERSTENMAIL HERAUSGEGEBEN, EINGELEIIET UND ERLAUTERT. LEIPZIG 1880, DRUCK VON ALEXANDER EDELMANXN, UNIVERSITATS-BUCHDRUCKER. Am 31. October wird die Universität das Gedächtniss der Reformation in der Kirche zu St. Pauli feiern. Nach dem Festgottesdienste wird der Student der Theologie TULIUS GRAEFE aus Annaberg eine kurze latei- nische Rede über die Frage halten: Latherus in concionibus quas rationes Secakas sit. Nach dieser kirchlichen Feier wird der seitherige Rector Geh. Hofrath D. ph. et jur. LUDWIG LANGE, Professor der classischen Philologie, über das Rectoratsjahr 1879/80 Bericht erstatten und darauf das Rectorat seinem erwählten und bestätigten Nachfolger, dem Consistorialrath und Capitular des Hochstiftes Meissen D. th. CHRISTOPH ERNST LUTHARDI, zweitem Professor der Theologie, feierlich übergeben. Alle Mitglieder und Freunde unserer Universität werden zu dieser doppelten Feier im Namen des Rectors durch das vorliegende Progamm freundlichst eingeladen, dessen Inhalt, als ein bescheidener Beitrag zur Geschichte der akademischen Wissenschaft und Sitte auch an der Universität Leipzig, dem Verfasser zu seiner ehrenvollen Aufgabe nicht ausser Be- ziehung zu stehen schien. Leipzig, den 21. October 1880. 1. 2 3 Lnnalt. Einleitung A. Kempffers Selbstbiographie nebst Beilagen . Erläuterungen und Belege Seite 1— 12 13— 25 kinleitung. In der Bibliothek des gymnasiums zu Giessen befindet sich in einem unscheinbaren Quarthefte die handschriftliche Selbstbiographie des am 25. August 1743 in seinem 86. Lebensjahre zu Billertshausen bei Alsfeld im Darmstädtischen Oberhessen verstorbenen Pfarrers Andreas Kempffer. Schon vor 33 Jahren habe ich mir eine Abschrift des Manuscriptes ver- schafft, da es mir als ein Beitrag zur Geschichte des akademischen Lebens und Studiums im 17. Jahrhundert interessant genug zu sein schien, um eine gelegentliche Veröffentlichung zu rechtfertigen. Leider habe ich eine nochmalige Collation nicht vornehmen können, da die Handschrift bei dem Umzuge des Giessener Gymnasiums, welcher in den letzten Jahren statt- gefunden, sich verschoben hat; ich darf aber meine Abschrift als genau und zuverlässig bezeichnen. Kempffer hat in seinem letzten Lebensjahre seine Lebensbeschreibung mit einer einleitenden Zuschrift seinem Sohne in Giessen übersendet, über dessen Lebensstellung ich nichts habe ermitteln können: vielleicht ist er, wie früher auch der Vater, Lehrer am Gymnasium gewesen und hat die Handschrift zu bleibendem Gedächtniss in die Gym- nasialbibliothek niedergelegt. Zur Entscheidung der Frage, ob sie das Autographon des Verfassers oder eine Abschrift von anderer Hand ist, hat sich mir kein Anhaltspunkt geboten. Offenbar hat der Verfasser bei seiner Aufzeichnung an eine künftige Veröffentlichung durch den Druck nicht gedacht; er würde sonst im Ganzen sich weniger haben gehen lassen, im Einzelnen manche Nachlässigkeit und Ungenauigkeit vermieden oder beseitigt haben. Bei Fesstellung des Textes habe ich mich im Ganzen genau an meine Abschrift gehalten. An eéiner Stelle der Zuschrift, wo ein Satz unvollendet geblieben, der dem Sinne nach leicht, den Worten nach nicht mit Sicherheit zu ergänzen ist, habe ich mich begnügt auf diesen Defect einfach hinzuweisen; an wenigen andern sind entweder aus Versehen ausgefallene einzelne Wörter in[] eingefügt, oder aus Versehen in den Text hineingerathene und zur Construction nicht stimmende ausgelassen, 1 2 dann aber in der Anmerkung notiert worden. Nur das glaubte ich bei einem Schriftstücke, dessen Hauptinteresse nicht auf der sprachlichen Seite liegt, mir erlauben zu dürfen, dass ich in der Schreibweise eine grössere Gleichmässigkeit herstellte. So habe ich die Hauptwörter, welche in der Handschrift öfter klein geschrieben sind, sämmtlich mit grossen Anfangs- buchstaben geschrieben; zusammengesetzte Substantive, deren beide Be- standtheile die Handschrift zuweilen als selbständige Wörter einfach neben- einander stellt, stets zu éinem Worte verbunden; bei Eigennamen die anderweit als richtig beglaubigte Schreibung festgehalten(die Handschrift hat Ezard neben dem unrichtigen, aber vielgebrauchten Edzardi, ebenso Weymar neben dem richtigen Weimar, Ahlfeld neben Alefeld); auch bei dem Worte„hebräisch“ diese damals schon herrschende Schreibweise durch- geführt. Während ferner Fremdwörter, auch wenn sie deutsch flectiert sind, in der in gewöhnlicher deutscher Cursivschrift verfassten Handschrift durch lateinische Buchstaben kenntlich gemacht sind, habe ich nur die aus dem Lateinischen in ihrer ursprünglichen Form einfach herüberge- nommenen Wörter und Redensarten durch Cursivschrift ausgezeichnet, bei den germanisierten Fremdwörtern aber und bei eingebürgerten Kunstaus- drücken und Titulaturen, auch wenn sie die Flexion der fremden Sprache beibehalten, diese Auszeichnung unterlassen. Endlich habe ich mir der Deutlichkeit wegen in Bezug auf die Interpunction und auf die Bestim- mung der Absätze im Druck ein selbständigeres Verfahren gestattet. Der Handschrift der Selbstbiographie ist eine in demselben Format, aber von anderer Hand geschriebene kurze Lebensbeschreibung Kempffers beigelegt. Was diese am Anfange über seine Geburt, am Schlusse über seinen Tod sagt, ist richtig und genau und sieht sich wie ein Auszug aus einem Kirchenbuche an. Dazwischen aber findet sich manches Bedenkliche. So weiss nur der Verfasser dieser Lebensbeschrei- bung davon zu berichten, dass Kempffer vor seiner Uebersiedelung von Hamburg nach Leipzig„etwa ein Jahr in Kiel und Rostock gelesen“ habe. An sich wäre es ja, zumal bei der Lebendigkeit und Leichtigkeit des Verkehrs zwischen der Hansestadt und den beiden ihr am nächsten ge- legenen Universitäten, ganz wohl denkbar, dass Kempffer von dort aus eine Zeit lang an diesen als Lehrer sich versucht hätte. Hatte doch der famose Johann Friedrich Mayer um dieselbe Zeit, in welcher Kempffer in Hamburg sich aufhielt, als Hauptpastor zu St. Jakobi daselbst es möglich gemacht, zugleich als Honorarprofessor zu Kiel von Zeit zu Zeit an dieser Universität eine Vorlesung zu halten, wozu dann auch Studenten aus Rostock sich einzufinden pflegten; allerdings nur mit Hilfe seines eigenen Wagens und Gespannes, deren Benutzung ohne Wechsel und Vorspann dem Herrn Hauptpastor als ein besonderes Privilegium vom Herzog von Holstein gestattet worden war. Gewiss aber würde Kempffer selbst ein so bemerkenswerthes Moment in seinem Lebensgange, wenn es wirklich vorgekommen wäre, nicht unerwähnt gelassen haben. Was jener Biograph ferner über Kempffers Aussichten auf die Hofpredigerstelle in Gedern und über die Art erzählt, wie er zur Uebersiedelung von dort nach Giessen veranlasst worden sei, das wird durch die Selbstbiographie entschieden be- richtigt. Diese muss ihm also unbekannt gewesen sein; wohl aber hat er das lateinische cuurriculum vitae vor Kempffers Habilitationsschrift über den Durchzug Israels durch das rothe Meer gekannt, denn den eigenthümlichen Ausdruck, Kempffer sei„instructior“ von Hamburg nach Leipzig gegangen, hat er offenbar aus diesem curriculum entlehnt. Obwohl nun nach alle dem die fragliche Lebensbeschreibung von sehr zweifelhaftem Werthe ist, 8o habe ich sie doch um der Vollständigkeit willen mit abdrucken lassen, und auch das erwähnte curriculum vitae glaubte ich zu ergänzender Ver- gleichung um so mehr anfügen zu sollen, als die Abhandlung, deren Beilage es bildet, schwer zu bekommen ist. Damit dürfte zugleich das auf A. Kempffer bezügliche biographische Material, soweit solches überhaupt vorhanden ist, vollständig zusammen- gestellt sein. In den bekannten biographischen und bibliographischen Lexicis geschieht seiner keine Erwähnung. Es erklärt sich dies aus dem Um- stande, dass er nur sehr Weniges durch den Druck veröffentlicht hat. Die in der Selbstbiographie erwähnte Dissertation De lustrationibus et puiri- ficationihus Hebraeorum, über welche er am 13. Februar 1692 unter dem Präsidium von J. H. May„pro Honorilhnis Magisterialibus legitime conse- quendis“ disputierte, ist nach dem akademischen Usus jener Zeit vielmehr als eine Arbeit des Präses anzusehn, wie sie denn auch von May in die Sammlung seiner Ewercitationes philologicae et ewegeticae aufgenommen worden ist. Dagegen ist die Abhandlung über den Durchzug Israels durch das rothe Meer, über welche Kempffer am 18. Januar 1696 ro aperiendis collegiis“, wie es in der Selbstbiographie, pro licentia publice praesidendis, wie es auf dem Titel heisst, disputierte, von ihm selbst verfasst, und ebenso die daran sich anschliessende über den Durchzug Israels durch den Jordan, welche unter seinem Präsidium sein Verwandter und Schüler J. Ph. Schmid, Philologiae ac Theol. Studiosus aus Alsfeld, am 21. Februar 1696 öffentlich vertheidigt hat. Weiter ist von ihm nichts in den Druck gegeben worden: die Specimina, die er abgelegt hat, haben eben, wie die oben erwähnte kurze handschriftliche Biographie diesmal richtig bemerkt,„mehr in docendo 1* 4— als in scrihendo bestanden“. Eben darum aber gewährt die schlichte, auf- richtig und lebendig ins Einzelne eingehende Darstellung seines Lebens, Lernens und Lehrens, welche er hinterlassen hat, ein eigenthümliches Inter- esse. Betrachtet man sie in Beziehung auf die damaligen Zeit- und ins- besondere Universitätsverhältnisse, so wirft sie auf diese manches auf- klärende Licht, wie sie andererseits aus ihnen eine das Einzelne in seinem Zusammenhange mit dem Ganzen erkennbar machende und es dadurch erst recht belebende Beleuchtung empfängt. Ein lebhaftes und energisches wissenschaftliches Interesse lag schon in Kempffers Familie. Wie aus der Selbstbiographie und aus den gleich unten näher zu erwähnenden Notizen bei Dohm hervorgeht, hat sein ältester Bruder, Joachim, in Leyden die Rechte studiert und, nach- dem er in Jena um 1677 den Doctorgrad erworben, sich wieder in Leyden dauernd niedergelassen. Indessen scheint auch er schriftstellerisch sich nicht hervorgethan zu haben, wenigstens sind mir weitere Nachrichten über ihn nicht begegnet. Dagegen hat der zweite Bruder, Engelbert, sich einen wohlverdienten literarischen Ruhm erworben. Am 16. Septem- ber 1651 zu Lemgo geboren, empfing er seine wissenschaftliche Vorbildung auf den Gymnasien zu Hameln, Lüneburg, Hamburg und namentlich Lübeck, setzte 1672 seine Studien auf dem Gymnasium illustre zu Danzig fort und begab sich von da über Thorn nach Krakau, wo er seit 1674 zwei Jahre eifrig Philosophie studierte und auch die Magisterwürde erwarb. Von 1677 an hat er sich dann in Königsberg vier Jahre lang vorzugsweise dem Studium der Naturwissenschaften und der Medicin gewidmet, und nachdem er im October 1680 durch eine Reise in die Heimath nach Lemgo sich nur eine kurze Unterbrechung seiner Studien gestattet hatte, wandte er sich im Juli 1681 nach Upsala. Seiner hervorragenden persön- lichen und wissenschaftlichen Tüchtigkeit hatte er es zu verdanken, dass er als Legationssecretär jener Gesandtschaft beigegeben wurde, welche Karl XI. zur Anknüpfung von Handelsverbindungen an den russischen Hof zu Moskau und an den persischen zu Ispahan abordnete, und welche am 20. März 1683 von Stockholm aus ihre Reise antrat. Nachdem sie drei Jahre später ihr Ziel und ihren Hauptzweck erreicht hatte, löste Kempffer seine Verbindung mit ihr und trat, um seinen Reise- und Wissenstrieb zu befriedigen, in die bescheidene Stellung eines Schiffschirurgen bei der Holländischen Compagnie ein, bereiste in dieser Eigenschaft Arabien, Per- sien, Sumatra und Java, von wo aus er im Mai 1690 eine holländische Gesandtschaft über Siam nach Japan als Arzt begleitete. Am 31. Octo- ber 1692 verliess er Japan, kam Ende Januars 1693 in Batavia, Anfang 1694 wieder in Holland an. Im April dieses Jahres erwarb er in Leyden die medicinische Doctorwürde und wurde nach der Rückkehr in seine Vaterstadt von dem Grafen von Lippe zum Leibmedicus ernannt. Er starb am 2. November 1716. Der grosse Ruf, welchen Kempffer als Arzt ge- noss, und die daran sich knüpfende umfassende ärztliche Praxis haben ihn zu seinem grossen Bedauern verhindert, die von der Reise mitgebrachten reichen wissenschaftlichen Schätze so, wie er es selbst wünschte, literarisch zu verwerthen. Nur die bekannten und, abgesehen von den durch unge- schickte Kupferstecher verunstalteten Abbildungen, vortrefflichen Amoenitates exoticae hat er selbst herausgegeben und in der Vorrede wenigstens sei- nen Plan in Bezug auf weitere Veröffentlichungen darlegen können(Amoe- nitatum exoticarum politico-physico-medicarum fasciculi V, quibus conti- nentur variae relationes, observationes et descriptiones rerum Persicarum êet ulterioris Asiae, multa attentione, in perigrinationibus per universum Orientem, collectae, ab auctore Engelberto Kaempfero, D. Lemgoviae. 1712. L). Fast sein gesammter handschriftlicher und zugleich mit zahl- reichen Handzeichnungen ausgestatteter Nachlass ist dann von Sir Hans Sloane, damals Präsident des Collegium medicum in London(† 1752), käuflich erworben worden und hat so 1753 in Verbindung mit den übrigen Sammlungen Sloane’s die Grundlage des Britischen Museums ge- bildet. Von diesem reichen Material ist bis jetzt nur die Geschichte von Japan an die Oeffentlichkeit gelangt. Auf Sloane's Veranlassung hat J. G. Scheuchzer eine englische Ausgabe davon besorgt(London 1727), welcher bald nachher eine französische von Des Maizeaux folgte, und endlich hat auf Grund einer Originalhandschrift Kempffers und einer druckfertigen Reinschrift seines Neffen Johann Hermann, welche im Besitze der Familie verblieben waren, Chr. W. Dohm seine schöne und sorgfältige Ausgabe besorgt(Engelbert Kämpfers, weyl. D. M. und Hochgräflich Lippischen Leibmedicus, Geschichte und Beschreibung von Japan. Aus den Original- handschriften des Verfassers herausgegeben von Christian Wilhelm Dohm. Lemgo. 1777 u. 79. 2 Bde. Mit Kupfern u. Charten. 4). Die in der Vorrede des Herausgebers enthaltenen quellenmässigen biographischen An- gaben habe ich etwas ausführlicher herbeigezogen, theils weil sie ander- weit verbreitete Irrthümer berichtigen, z. B. den auch von Jöcher fort- geschleppten von einer nicht etwa bloss beabsichtigten, sondern wirklich ausgeführten Reise Kempffers auch nach Aegypten, theils— und haupt- sächlich— weil sie für die Selbstbiographie des Bruders manchen er- wünschten chronologischen Anhalt bieten. Engelbert Kempffer selbst be- weist sich in den genannten Werken überall als ein Muster umsichtiger, 6 scharfer und sorgfältiger Beobachtung, wie klarer und zuverlässiger Bericht- erstattung. Auch zur Goetheforschung hat er insofern einen Beitrag geliefert, als wohl durch ihn zuerst deom Abendlande der japanische Baum Gingo biloba mit seiner eigenthümlichen Blattform bekannt geworden ist, deren Symbolik der Hatem des Westöstlichen Divan seiner Suleika so sinnig gedeutet hat(Beschreibung u. Abbildung: Amoenitates exoticae, p. 812). Verglichen mit dem vielgereisten Bruder, erscheint unser Andreas freilich als ein stiller Stubengelehrter. Aber vom Standpunkte unserer gegenwärtigen Gewohnheiten und Anschauungen aus mag es uns Wunder nehmen, dass der ruhigem Bücherstudium ergebene Mann gleichwohl so mannigfaltige und weitführende Kreuz- und Querzüge unternahm, deren Stationen zu kürzerem oder längerem Aufenthalt Jena, Stockholm und Upsala, Hamburg, Leipzig, Gedern und Giessen bilden, bis er endlich für die zweite Hälfte seines langen Lebens in die Ruhe eines hessischen Dörf- chens am Nordabhange des Vogelsberges einläuft. Man würde irren, wenn man etwa meinte, er sei nur von der Wanderlust des Bruders angesteckt gewesen. Vielmehr wird gerade durch das, was er über seine akademi- schen Wanderungen erzählt, nur eine dem akademischen Leben des 17. Jahrhunderts überhaupt eigenthümliche Sitte bestätigt(vgl. die Mit- theilungen und Nachweisungen, welche Tholuck, Das akademische Leben des 17. Jahrhunderts. Halle. 1853 u. 54, I, S. 305 ff., unter der Auf- schrift„Die akademische Seise“ gibt). Man verlangte damals von einem jungen Gelehrten und insbesondere auch von einem jungen Theologen, dass er von sich sollte sagen können:„Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.“ Während der eigentlichen akademischen Lehrzeit galt es, verschiedene Universitäten zu besuchen und von den Vorlesungen und der persönlichen Förderung berühmter Professoren möglichst zu profitieren. War dann der Magistergrad erlangt, so folgte womöglich eine wissenschaft- liche Reise, auf welcher man in freierer Weise benutzte, was die bedeu- tendsten Pflanzstätten der Wissenschaft darboten, und welche auch über die Grenzen Deutschlands hinausführte, zunächst nach Holland und nach Schweden, welches durch die im westphälischen Frieden auf deutschem Boden gewonnenen Besitzungen den deutschen Gelehrten näher gerückt war, weiter nach England und Frankreich, auch wohl nach Italien, wo namentlich Padua das ganze Jahrhundert hindurch für deutsche Mathema- tiker, Physiker und Mediciner ein ersehntes Ziel blieb. Man fragt billig, wie es trotz der grossen Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten des da- maligen Verkehrs möglich war, dass solche Reisen nicht etwa nur einen Luxus bildeten, welchen der Reichere sich gestatten durfte, sondern dass sie auch für minder Bemittelte zur Regel wurden. Im glücklichsten Falle halfen dazu die Reisestipendien, wie sie, zum Theil in einem auch nach dem gegenwärtigen Geldwerthe sehr ansehnlichen Betrage, von Fürsten und namentlich von Städten dargereicht wurden. Weiter wurde das Rei- sen dadurch erleichtert, dass Studierende und junge Gelehrte an die Be- quemlichkeit und an den Comfort des Lebens geringere, an ihre Selbst- verleugnung und eigene Anstrengung aber grössere Ansprüche machten, als dies heutzutage Regel ist: es ging eben, um mit Seume, dem Spaazier- gänger nach Syrakus, zu reden, alles besser, weil man mehr ging. Bal- thasar Schupp(† 1661) erzählt, dass er auf seiner akademischen Reise mehr als 250 Meilen zu Fuss gemacht hat, obwohl er es als der Sohn eines wohlhabenden Vaters nicht nöthig gehabt hätte. Wer nun aber weder durch eigenes Vermögen, noch durch ein Stipendium unterstützt wurde, der musste sich, wie Kempffer, durch Unterrichtgeben, so gut es gehen wollte, durchschlagen. Und seine Selbstbiographie zeigt auf interessante Weise, wie das Verhältniss von Nachfrage und Angebot in dieser Branche für den Arbeitsuchenden damals ein viel günstigeres als gegenwärtig ge- wesen ist. Liess schon der herrschende Zustand der öffentlichen Unterrichts- anstalten einen tüchtigen Privatlehrer als einen sehr begehrungswürdigen Artikel erscheinen, so liessen insbesondere auch an den Universitäten die Herren Ordinarien es sich sehr gerne gefallen, wenn ein jüngerer Fach- genosse ihnen untergeordnete Zweige des akademischen Unterrichtes ab- nahm. Sie waren eben zu grossem Theile vornehme Herren, welchen ihre Ruhm verheissende Schriftstellerei mehr am Herzen lag als ihr Lehramt, und welche trotz der nicht fehlenden wiederholten Ermahnungen von Sei- ten der vorgesetzten Behörden zu grösserem Fleiss und gewissenhafterer Pflichterfüllung mit einer so geringen Zahl wöchentlicher Lehrstunden sich begnügten, dass es dem gegenüber unser einem schwer wird, sich pharisäi- scher Anwandlungen zu erwehren. So hat es denn auch Kempffer schon in Upsala und in Leipzig und noch mehr in Giessen, als er den Magister- titel erworben hatte, an einträglicher akademischer Lehrthätigkeit nicht ge- fehlt; denn es verstand sich damals, ganz anders wie jetzt, von selbst, dass, wer diesen Titel führte, den entsprechenden Beruf auch wirklich aus- übte. Etwas Anderes war es freilich, aus solcher bescheidenen, aushelfen- den Thätigkeit zu einer festen akademischen Stellung, wohl gar zu der eines Ordinarius zu gelangen! Kempffer wirkte neben Bürcklin, welcher gleichfalls als Orientalist einen guten Namen hatte, an dem akademischen. Gymnasium und der Universität zu Giessen, beide aber konnten es zur Professur der orientalischen Sprachen nicht bringen, weil dazu der Sohn des Professor May, der jüngere Joh. Heinr. May, ersehen war, welcher, im Jahre 1688 geboren, damals wohl als angehender Gymnasiast zu den Füssen seiner beiden Concurrenten sass und 1709 die ihm aufgehobene Stelle wirklich erhielt. Die Zuruckgesetzten aber scheinen das ebenso in der Ordnung gefunden zu haben, wie der wackere Vater May, dessen Charakterlauterkeit und wohlwollende Gesinnung niemals in Zweifel ge- zogen worden ist, und kein Dühring war da, um diesen naiven akademischen Nepotismus in seiner„süssen Gewohnheit des Daseins und Wirkens“ zu stören. Sonst freilich kann man nicht sagen, dass collegialische Ver- träglichkeit zu den charakteristischen Tugenden jener Zeit gehört habe, und auch bei unserem Kempffer, dessen Aufzeichnungen den Eindruck einer durchaus harmlosen Natur machen, fehlt es an schnöde absprechen- den Urtheilen über Collegen nicht, wie sie zur damaligen akademischen Sitte gehörten. Auch die Wahl des Hauptgegenstandes, auf welchen Kempffer seine Studien richtete, ist für seine Zeit charakteristisch. Der heils- kräftige Glaube, wie ihn die evangelische Kirche forderte, sollte einerseits durch die Autorität der Heiligen Schrift normiert werden, andererseits im Leben in thätiger Liebe sich fruchtbar erweisen. Im 17. Jahrhundert aber hatte eine protestantische Scholastik sich mit ihrem im Wesentlichen fer- tigen dogmatischen System zwischen die lebendige Quelle der Heiligen Schrift auf der einen und zwischen das christliche Leben, welches aus dieser Quelle befruchtet werden sollte, auf der anderen Seite in die Mitte gedrängt. Abgesehen von den zum Aufbau und zur Vertheidigung des Systems unentbehrlichen philosophischen Vorstudien und von der unmittel- bar der pastoralen Praxis dienenden technischen Vorbereitung, concentrierte sich das Interesse des theologischen Studiums ausschliesslich auf Dogma- tik und Polemik. Von exegetischen Vorlesungen war bei vielen theolo- gischen Facultäten nur eine Erklärung der dogmatischen Beweisstellen aus der Heiligen Schrift, der sogenannten dicta classica, übrig geblieben. Viele namhafte Theologen, die ihre Studienzeit auf das Fleissigste benutzt hatten, hatten unter den von ihnen gehõrten Vorlesungen kein einziges Exegeticum aufzuführen. Ja noch am Schlusse des Jahrhunderts musste A. H. Francke Klage darüber führen, dass er in keiner Leipziger Buch- handlung eine Bibel oder ein Testament habe auftreiben können. Dennoch war bereits, und zwar keineswegs erst infolge von Speners epochemachen- dem Einfluss, eine Reaction gegen jene Einseitigkeit im Gange. Das Be- dürfniss, von dem abgeleiteten und häufig stagnierenden Wasser der dogma- tischen Systeme zur frischen und lebendigen Quelle der Heiligen Schrift zurückzukehren, um aus ihr für das eigene Gemüth Trost, wie für die Gebrechen des kirchlichen Lebens die rechte Heilung und für die Erfül- lung seiner Aufgaben zuverlässige Belehrung und Stärkung zu schöpfen, hatte schon seit dem Anfange des Jahrhunderts und während des Jammers des dreissigjährigen Krieges einzelne kräftige und wirksame Vertreter ge- funden. Allgemeiner und entschiedener trat es hervor, als es nach dem endlich gewonnenen Frieden galt, der ungeheueren äusseren und inneren Noth zu steuern, welche der Krieg zurückgelassen hatte. Mit einem neuen Eifer wandte man sich dem biblischen Grundtexte zu, und zwar ganz besonders dem Alten Testament, weil dieses durch die grösseren, namentlich sprachlichen, Schwierigkeiten des Verständnisses auch die An- strengung in höherem Masse herausforderte. Es ist doch denkwürdig, dass, während vorher auf deutschem Boden nur eine einzige Ausgabe der hebräischen Bibel erschienen war, die von Elias Hutter(Hamburg. 1587; die Ausgaben von 1588, 1596 und 1603 haben nur neue Titel), allein zu Lebzeiten Kempffers von der ersten Clodius'schen Ausgabe an(Frank- furt a. M. 1677) bis zur dritten Reineccius'schen(Leipzig. 1739) 12 Aus- gaben des A. T. im Grundtext in Deutschland veröffentlicht worden sind. Bevor nun Albert Schultens(† 1750) durch Herbeiziehung der so ausgiebigen Hilfe des Arabischen und durch die elegantere Form der holländischen Philologie eine freiere Bewegung in die Behandlung des Alten Testamentes gebracht hatte, sah sich, wer dessen Verständniss suchte, auf die Ueberlieferung der alten jüdischen Grammatiker und Commenta- toren angewiesen, von deren Erklärungen der grosse Buxtorf(† 1629) einen guten Theil durch seine rabbinische Bibel(Basel. 1618. 19) zum Gemeingut gemacht, und deren Benutzung er durch zahlreiche Schriften erleichtert hatte. Natürlich finden wir auch unsern Kempffer auf diesem Wege. Während aber viele deutsche Hebraisten ihre Befriedigung darin fanden, in die spitzfindigen Specialitäten der hebräischen Vocalisation und Accentuation sich zu versenken und auch ihre Schüler vor allem in diese Geheimnisse einführen zu müssen glaubten, fehlte es nicht an anderen, welche sich nicht verhehlten, dass auf diesem Wege den Anfängern der Fortschritt sehr erschwert, wenn nicht die Freude am Studium des Alten Testamentes überhaupt von vornherein genommen werden müsse. Ihr hoch- angesehener, eigentlich tonangebender Führer war der berühmte Edzard in Hamburg, zu dessen Füssen auch Kempffer, wie so viele Andere, mit begeistertem Eifer Belehrung gesucht hat. Die von ihm geübte und em- pfohlene Methode bestand im Wesentlichen darin, dass er, ohne der gram- matischen Gründlichkeit zu nahe zu treten, im Anfange auf die allerunent- 2 10 behrlichsten grammatischen Regeln sich beschränkte, die er an die sofort vorgenommene Lectüre leichter Textstücke, wozu ihm die 4 ersten Capitel der Genesis dienten, anknüpfte, damit durch das von dem Schüler so ge- wonnene sprachliche Material die abstracte Regel belebt werde und mit der fortschreitenden Aneignung des Stoffes auch das Verständniss der grammatischen Formen und Gesetze allmählich wachse. Man sieht, es ist der Sache nach dasselbe, was im Anfange des Jahrhunderts schon Wolf- gang Ratke(Ratichius, † 1635) und Amos Comenius(† 1670) in Be- zug auf den Unterricht hauptsächlich im Lateinischen gefordert hatten; und es wäre wohl möglich, dass zwischen ihren methodischen Grundsätzen und denen Edzards auch ein äusserer Zusammenhang bestanden hätte. Ratke’s Didaktik hatte der Giessener Professor Christoph Helwig(Helvicus, † 1617) gebilligt und auf das Hebräische angewandt. In seinen nach sei- nem Tode erst erschienenen Libri didactici(1619) ist nicht allein eine Darlegung seiner methodischen Grundsätze, sondern auch eine nach diesen verfasste hebräische Grammatik enthalten. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass ein Mann, an welchen Buxtorf schreiben konnte:„Si tibi adessem, Helvice, lingerem palverem pedum tuorum', auch Edzard nicht unbekannt geblieben ist. Durch Edzards Schüler Kempffer wäre dann im letzten Jahr- zehnt des Jahrhunderts dieselbe Methode wieder nach Giessen verpflanzt worden, welche bereits im zweiten von Helwig dort gepflegt worden war. Wie oben angodeutet vorden ist, stand der neuerwachte Eifer für das Studium der Heiligen Schrift mit dem gleichzeitig sich regenden Ver- langen und Trachten nach der Herstellung eines lebendigen, thatkräftigen Christenthums in einem inneren Zusammenhange, wie denn auch Edzard nicht allein wegen seiner biblischen und rabbinischen Gelehrsamkeit, son- dern nicht minder wegen der treuen, umsichtigen und ausserordentlich erfolgreichen Hingebung hochberühmt war, mit welcher er der Belehrung, Bekehrung und seelsorgerlichen Pflege der Juden sich widmete. Auch Kempffer blieb von dem durch die Zeit hingehenden Zuge nach einem praktischen Christenthume, welcher gegen Ende des Jahrhunderts in Spe- ner und Francke seine kräftigste, jedoch immer von christlicher Besonnen- heit geleitete, Vertretung fand, nicht ganz unberührt. Wie so manchen in jener Zeit hören wir auch ihn bekennen, dass er der unfruchtbaren theologischen„Zungendrescherei“ und der„akademischen Aemulation“ müde sei. Er gedenkt der Verbindung, in welche er in Leipzig mit Francke getreten ist. Er verliert die Freude an seinem dortigen Aufenthalt, als die collegia pictatis verboten werden, und sucht zuerst bei dem Grafen Stolberg zu Gedern ein Unterkommen, bei einem der von der pietistischen . 11 Bewegung ergriffenen„frommen Grafenhöfe“. Auch J. H. May, wel- chem er seine Giessener Stellung verdankte und welchen er seinen geist- lichen Vater nannte, liess es sich angelegen sein, die heilsamen Einflüsse des Pietismus fortzupflanzen, ohne ihm in seine Einseitigkeiten und Excen- tricitäten nachzufolgen. Aber wie Kempffers Bericht über seinen Ham- burger Aufenthalt kein Wort enthält über die wilden Kämpfe im Innern und die schweren Bedrängnisse von aussen, unter welchen die„freie und Hansestadt“ gerade damals(1683— 87) zu leiden hatte, so erwähnt er auch während seiner Giessener Zeit nichts von den Streitigkeiten, welche dort infolge der von May eingerichteten collegia pietatis entstanden waren und jahrelang zwischen den akademischen Collegen ärgerliche Spaltungen her- vorriefen, nichts von der so auffallenden Thatsache, dass der bald nachher durch seine Kirchen- und Ketzergeschichte berühmt gewordene Gottfried Arnold seine 1697 in Giessen angetretene Professur der Geschichte nach Jahresfrist schon aus„unüberwindlichem Ekel vor allen weltlichen Hän- deln“ wieder aufgab. Offenbar war Kempffer kein Mann für das Verständ- niss und die Pflege der grossen praktischen Lebensaufgaben, sondern er fand in stillem Lernen und Lehren seine Befriedigung. Auch seine beiden Dissertationen tragen, wie so viele aus jener Zeit, den Charakter einer abs- tracten, um Specialitäten bemühten Gelehrsamkeit an sich, die mit den Anforderungen des Lebens, ja auch nur mit denen einer lebendigen Wissen- schaft keine rechte Fühlung gewinnen kann, oder vielmehr, ihr idyllisches „Vollglück in der Beschränkung“ geniessend, sie gar nicht sucht. Diese Richtung hinderte zwar Kempffer nicht, in der Mitte seines Lebens noch in das geistliche Amt einzutreten und es über 40 Jahre lang treu zu verwal- ten: aber sie bestimmte ihn doch, auch dahin seine gelehrten Liebhabereien mitzunehmen, und mag nicht ohne Schuld daran gewesen sein, dass er von seinen pastoralen Erfolgen nicht viel zu erzählen weiss und mit sei- nem von ihm hart verklagten„bösen Schulmeister“ den rechten moclus vivendi nicht finden konnte.] Sobald man aber nur sein selbstentworfenes Lebensbild in das Licht seiner Zeit stellt, so verbinden sich die Züge, welche durch geschichtlich bedeutsame Zeitrichtungen bestimmt sind, mit denen, welche sich spröde dagegen verhalten, zu einem lebendigen und eigenthümlich ansprechendem Ganzen, und die bisherigen einleitenden Be- merkungen wollen den Leser in den Stand setzen, es von vornherein in dieser Beleuchtung zu sehen. Wenn man übrigens der behaglichen Redseligkeit der Selbstbiographie bis zum Ende gefolgt ist, so bleibt einem der Wunsch übrig nach einer kurzen Uebersicht, welche die Hauptstufen auf dem Lebenswege des 2* Verfassers deutlicher, als es von ihm selbst geschehen, hervorhebt und durch bestimmte Zeitangaben, mit welchen er selbst allzu sparsam gewesen ist, begrenzt. Diesem Desiderinm versuche ich in wenigen Sätzen zu ge- nügen. Im Jahre 1658 geboren, ging Kempffer„ohngefähr im 18. oder 19. Jahr“é, also 1676 oder 1677, nach Jena und kehrte nach kaum zwei Jahren, also 1678 oder 1679, nach Lemgo zurück. Von da reiste er, wie wir aus der Biographie seines Bruders Engelbert wissen, mit diesem im October 1680 ab, ursprünglich in der Absicht, nach Königsberg zu gehen, trennte sich aber in Lübeck von seinem Bruder und begab sich nach Schweden. Da muss er, zuerst in Stockholm, dann in Upsala, etwa vier Jahre geblieben sein, und obwohl die kurze handschriftliche Lebensbeschrei- bung seine Lebensereignisse mit denen seines Bruders falsch combiniert, mag es doch mit ihrer Angabe, dass Kempffer auf der Universität Upsala „bis ins 3. Jahr“ dociert habe, seine Richtigkeit haben. Denn vor 1684 kann er nicht nach Hamburg gekommen sein, da er sich hier„in die 4 ½ Jahr“’ aufgehalten und darauf in Leipzig, wo er nur etwa ein Jahr bleibt, gleichzeitig mit A. H. Francke is, welcher dort vom 21. Februar bis um Advent 1689 sich aufhielt. Kempffer selbst blieb noch bis kurz nach dem am 10. März 1690 erlassenen Verbot der collegia pietatis. Dann ging er nach Gedern, von da aber muss er schon in demselben Jahre nach Giessen übergesiedelt sein, da er hier 11 Jahre blieb und nachher noch 42 Jahre lang Piarrer in Bulertshausen gewesen war, als er, 85 Jahre alt, also 1743, seine Selbstbiographie aufzeichnete und bald darauf starb, was für seine Ankunft in Giessen das Jahr 1690, für seinen Abzug von da nach Billertshausen das Jahr 1701 ergibt. Diese Vorbemerkungen werden genügen, um in die Selbstbiographie und in die Zeitverhältnisse, auf welche sie sich bezieht, vorläufig einzu- führen: die Erklärung von Einzelheiten bleibt den schliesslich anzufügenden Erläuterungen überlassen, auf welche die Ziffern im Texte der Bio- graphie verweisen. Nur in Bezug auf den Namen des Verfassers sei gleich hier noch bemerkt, dass dieser selbst in seiner Lebensbeschrei- bung, wie in seinen beiden Dissertationen, sich Kempffer schreibt, wo- gegen er in der kurzen handschriftlichen Biographie, auf dem Titel der unter May’s Präsidium von ihm vertheidigten Dissertation und im alten Kirchenbuche und in der Ortschronik von Billertshausen Kempfer heisst, und endlich in den Amoenitates cxoticae seines Bruders Engelbert der Name Kaempfer geschrieben wird. Obgleich der Familienname in dieser letzteren Form literarisch bekannt geworden ist, so glaubte ich doch die Schreibung Kempffer als die ursprüngliche festhalten zu müssen. Andreas Kempffers Selbstbiographie. Liebster Sohn! Dein geliebtes vom 17. Januarii ist mir wohl in die Hände kommen. Ich sehe, dass mein in Giessen noch nicht vergessen worden, nachdem nun über 40 Jahr allhier in obscauro gelebet, wo ich nächst dem Predigt- ampt meines Ackerbaues abgewartet habe. In Giessen waren mir die Hände gebunden, dass ich das stacdieum Hebraicum, welches mir ans Hertz gewachsen war, nach meinem Wunsch nicht treiben konte; so hab lieber das Landleben erwehlen wollen, alss mit der academischen Aemulation mich länger quälen. Etwas rechts zu thun, gilt in Giessen nicht. Wie wohl unter bösen und undankbaren Bauern sein Leben zuzubringen, auch eine Plage ist. Aber wo finden wir Ruhe? Nirgent, als in Gott. Der ehrliche Herr Professor Neubauer ¹) meinet vielleicht, ich könte noch etwas contribuiren zu den gelehrten Sachen, welche dem Publico sollen bekanndt gemacht werden, worinn er aber weit fehlet. Denn erstlich wird wohl das meiste, womit der academischen Jugent gern hätte dienen wollen, untergeackert und vergessen sein. Hätte ich Beystand gefunden und wären mir meine Hände aufgethan worden, hätte ich das stacdiem Hebraicune mit Gottes Hülfe noch besser excoliren wollen. Darnach kam meine Wissen- schaft mehrentheils auf das stadizne Hebraicum an, womit ich endlich verspottet wurde, dessen Lauff man mehr zu hemmen, alss fortzusetzen suchte. Dennoch, wann Du, alss ein frommer Sohn, die Ehr Deines Vaters zu mainteniren suchest und Dir deucht, dass solches könte geschehen, wann ich meinen Lebenslauff kürtzlich auffsetzte.............*) Sonsten war ich willens, dass man alles lieber verschweigen, alss durch vieles Loben vor der Welt aussbreiten wolte. Es ist war, Gott hat mich *) Dieser Satz ist offenbar unvollendet geblieben; jedoch ist in der Hs. eine Lücke nicht angedeutet. 14 wunderlich geführet. Und wann man es recht bedencket, hat man Uhr- sach, seine Güte zu preisen und sein Lob ausszubreiten, auch kan es Deinen Kindern dienen zu ihrer Aufmunterung, wann sie noch ein Bild von ihrem Grossvater finden Solte auch Herrn Professor Neubauer damit gedienet seyn, etwas davon ausszusuchen, wie das steudlieem Hebrai- ciun müsse getrieben werden, kann mans ihm communiciren. Ich sehe, dass selbiger Ephorus worden, wozu ihm von Hertzen gratulire, dass das interessirte Wesen ein Ende nehmen wolle. Ich mache denn einen An- fang in Gottes Nahmen, den ruffe ich an, dass er mein Gedächtniss reno- viren[wolleſ,*) und was zu seinen Uhren gereicht, in die Feder dictiren. Gott hat mich von ehrlichen Eltern lassen gebohren werden zu Lemgo in Westphalen im Jahr 1658 den 15. Julii, Nachmittags umb 3 Uhr. Mein Vater ist gewesen M. Johannes Kempffer, des Ministerii Senior und Pastor zu Sanct Nicolai auff der Alten Stadt. Auff dem Gymnasio daselbst hat er frequentiret.*) Weil der Bruder ²) viel ſgekostet]ſ***) hatte, wolte mich mein Vatter zu etwas anders appliciren, wodurch der Lauff meiner Studien gehemmet wurde, biss mein ältester Bruder auss Holland kam und auff Jena gehen wolte, um daselbst den grachen Doctoris heris anzunchmen. Selbiger persuadirte meinen Vatter, dass er mich solte stu- diren lassen und mit nach Jena³) schicken. Mein Vatter gehorchte ihm und liess mich mitziehen, ob ich gleich sehr versäumet war, ohngefehr im 18. oder 19. Jahr. Ersetzte wiederum, was im Lateinischen versäumet hatte, bekam eine sonderbare Lust zum staclio Hebraico und Accentuntion undter Herrn M. Weimar)(einem Vogtländer, der die couepitatem puneto- ram et decentzuun behauptete, welche aber Herr Prof. Frischmuth ¹⁴) ver- warff, ob er gleich sonsten ein gelehrter Hebräer war, wie seine Dispu- kaliones ausweissen, daher ein perpetuum bellam unter ihnen entstunde). lch machte mir eine sonderbare Freude, dass ich meinen Vers in Prosaicis und Metricis a priori?) accentuiren konte, und im Analysiren, seczonchen zustitattiones P'asmuthi et Opitii), ziemlich exerciret wurde und vor vielen andern Studiosis. Dabey ich auch nicht die andern Collegia versäumete, als des Herrn D. Bechmanns0. *) Fehlt in der Hs. **) Ein unfügsamer Satz! Wahrscheinlich redet der Verf. hier von sich selbst in der 3. anstatt, wie sonst, in der 1. Person; denn auf das Scholarchat, welches der Vater nach Angabe des Kirchenbuchs zu Billertshausen bekleidete, lässt sich doch der Aus- druck nicht beziehen. ***) Fehlt in der Hs 15 Kaum hatte ich zwei Jahr erreicht, da muste ich wieder nach Hause reisen, und wurden meine Studien gantz interrumpiret. Mein zweyter Bruder kam von Königsberg auss Preussen, der beredete meinen Vater, dass ich solte mit ihm ziehen auff Königsberg, ich könte daselbst mena- giren. Wie wir biss Lübeck kamen, hiess es, unsere Mittel wären nicht zulänglich, wir müsten uns separiren und einer von uns auff Stockholm gehen. Ich sahe wohl, dass mit dem Bruder nicht fort kommen könte, so setzte ich mich zu Schiffe, und reiste nach Stockholm und liess den Bruder nach Preussen ziehen. Zu Stockholm kam zwar glücklich an, ge- riet aber in grosse Versuchung, weil mein Geld verzehret war. Ich sahe kein ander Mittel, alss Soldat zu werden, meldtet mich an bey dem Offi- cier, stelte es aber meinem Gott heim, weil ich gar keine Lust dazu hatte, und rieff denselben an. Mitten unter meinem Gebet und Thränen klopfete eine Magd an. Ich sprang auff und machte die Thür auff. Die sagte, es wären 3 teutsche Studenten vor der Thür, die wolten mich sprechen. Ich gehe zu ihnen, sie sagten, sie hetten sich auff das äusserste bemüht, mir eine Condition auffzumachen, es were auss der Zeit, es were schon alles besetzet. Es were wohl etwas offen bey einem Kauffman, die were aber schlecht. Ich melde mich bey demselben an, und nahm mit 20 Rtl. bey demselben vorlieb, liess mich aber noch andere Kinder bey demselben annehmen*), dass es 70 Rtl. aussmachte. Nach verlauffenem Jahr bekam eine bessere Condition bey einem Königlichen Bedienten, da wurde ich besser tractirt. Weil das Frantzösche unter den Schweden sehr beliebet ist, legte mich auff dasselbe mit gantzem Fleiss, umb desto besser in der Welt fortzukommen, welches auch nach der Zeit eingetroffen. Ich ward bekandt mit einigen Engelländern, welche ich in der teutschen Sprach informirte, unter andern mit einem engelischen Secretair, der auch Pre- diger bey dem engelischen Envoyé; selbigen informirte ich in der Hebräi- schen Sprach, der mir meine Mühe wohl belohnete. Mich lange in Stock- holm auffzuhalten, war meines Thuns nicht, besuchte die Universitet Upsala s), befand dass die Universitet mit tüchtigen Leuten besetzet war, mehrentheils mit Cartesianern. Sie gaben mir frey, die teutsche Sprache zu profitiren, worinn ich auch reüssirte, weil ich auch die schwedische Sprach konte, zeigte ihnen worinn cardo linguae bestehet, ohne deutscher**) können die Schweden nicht wohl fortkommen. Ich sammelte mir ein *) So steht, incorrect, aber verständlich, in der Hs. **) So deutlich in der Hs., im Sinne von„ohne deutsche Sprache“, nach der alt- üblichen Verbindung der Präposition ohne mit dem Dativ. 16 wenig Kupffergeld), welches aber ausswechseln muste, damit ich nach Hamburg reisen und bei dem Herrn Lic. Edzard ¹⁰) die Hebräische Sprach excoliren könte, ohngeachtet einige Engeländer mir monatlich geben wolten 14 Th.; die Liebe nach Hamburg ¹¹) war gar zu gross. Ich machte mich bekandt mit Herrn Prof. Gustav Peringer ¹²), bey welchem die fimdamenta in Arabicis legte, informirte auch etliche Studiosos in Hebraica, machte mich auffs Schiff nach Lübeck zu, kam nach Hamburg und traff Herrn Licent. Edzard gesund und frisch an, und er freute sich über meiner Ankunfft. 1 Ich erzehlte ihm meine Führung in Schweden, und wie ich daselbst hette Geld machen können. Er erinnerte sich, dass ich auss Stockholm einen Hebräischen Brieff an ihn geschrieben. Ich wurde sogleich admit- tiret den Michlal Jophi ¹³) zu lesen; aber dies war mein Elend, dass mein Geld, so ich in Schweden verdienet, bald zum Ende ging. Die Conditiones sind rar. Mein Vater war inzwischen gestorben. Es kam kein Geld auss Westphalen. Pastor Horbius ¹⁴) that mir grosse Promessen. Ich ernehrte mich eine Weile von den Kauffmansgesellen, welche ich im Frantzöschen informirte. Endlich wurde ein Studiosus gesucht von einem holstein- dänischen Edelmann Nahmens von Ahlefeldt ¹⁵), der sich aber in Hamburg aufhielte. Ich wurde erfordert, in Latinis und Gallicis einen schönen muntern Edelknaben zu informiren, dass mein Plaisir an demselben hatte, alsso dass ich meine Hebraica dabey tractiren konte, ich verdiente Geld, jährlich 120 Rth., und schaffte mir an Buxtorfii Bibel ¹⁰) und übrige Sachen und Rabbinos. Ich traff daselbst einen Magistrum, der mit mir zuvor bey Herrn M. Weimar Collegia gehalten, welcher sich kotzs darauff legete; ist auch zu mercken, dass eine Fräulein im Hebräischen infor- miret auss dem Ahlefeldtischen Geschlecht, mit welcher ich die gantze Hebräische Bibel durchtractiret, worüber viele erstaunet. Selbige hat sich von Herrn D. Opitz in andern orientalischen Sprachen, auch in Graecis informiren lassen. Sie hat auch an mich geschrieben in Frantzösch und hernach in Hebräischer Sprache; der Hebräische war an Herrn D. May ¹⁷) adressiret, der ihn auch behalten und seinen Auditoribus auffgewiesen. Sie hat sich auch bemühet, mich in Holstein zu ziehen, ist aber bald darauff gestorben. Hab mich in die 4 ½ Jahr in Hamburg auffgehalten, bey dem Herrn Edzard die Rabbinos literales gelesen, die in Buxtorfii Bibel stehen, den Kimchi, Aben Esra, Abarbanel. Den Raschi kon- ten wir nicht zu lesen bekommen, deswegen ich heimlich zu den Portugisen ging, umb den Raschi(5) über die Genesin zu lesen, darinn die Portu- gisen sonderlich versiret sein, der viele Talmaadica treibet, welches Edzard 17 leichtlich wissen konte auss der Pronunciation, worüber er zornig ward. Ich besänfftigte ihn aber bald, er solte nur betrachten die grosse Lust, die wir hetten.(Es war noch einer bey mir, Herr M. Starcke ¹s).„Was. Raschi, sagte er,„wollet ihr rasen?“ Ich finde aber viel Gutes in dem- selben, sonderlich in dem Pentateucho. Mein ältester Bruder, Doctor juris, docirte jura in Leiden, der schrieb mir, wenn ich Luste hätte nach Leiden zu ihm zu kommen, so wolt er mir Auditores genug verschaffen. Es were da gar schlecht bestellet, sie hetten einen Docentem, der hiesse Schaff, aber re vera ein Schaff ¹⁹). Ich erzehlte solches dem Herrn Lic. Edzard, der riete, ich solte nur in Gottes Nahm hinziehen, er wolte mir eine Recommendation mitgeben. Es schiene, er wolte meiner gern loss werden. Es ist war, ich hette daselbst von den reichen Holländern können Geld verdienen, sed quid postea? Er Bdzard ²⁰) vermahnete mich treulich, ich solte mich von den Calvinisten nicht verführen lassen, sonderlich mit ihrem absolauto decreto. Er meinte, es were nun alles richtig. Ich kriegte aber andere Gedanken. Ich sahe, dass meine Absicht nichtig war. Ich wolte Geld verdienen, darzu hatte ich das Hebräische nicht gelernt, sondern ich wollte der Welt damit die- nen. Ich setze mich auff die Post und gehe auff Leipzig ²¹), in der Hoffnung, ich wol genug zu arbeiten finden, vielleicht auch bei dem Christiani ²²), converso Judaeo, noch etwas zu profitiren. Ich komme dahin. Die Hamburger kenneten mich, deren viel waren, und hielten bei mir Collegia. Sie botten mir ihre Stuben an. In kurtzer Zeit hatte ich einen Applausum. Sie meinten zwar anfänglich, ich würde nicht reüssiren, die Edzardianer hetten einen schlechten Ruhm, weil sie keine Grammati- ralia verstünden, da hingegen die Magistri nostri gründlich docirten. Ich liesse es darauff ankommen, wir wolten sehen, wer die beste Methode hette. Ich wurde bekandt mit Herrn M. Francke ²³), der schickte mir seine Auditores zu: ich hatte den gantzen Tag zu arbeiten. In einem Collegio hatte ich 6 Magistros, unter denen war Herr M. Michaelis ²⁴), der nach der Zeit sich in Halle recht tapffer erzeiget. Ich bediente mich des gelehrten Christiani, Conversi Judaei, der in Talmudicis der beste war, den ich jemals gesehen hab. Es war zu bedauern, dass er in diesem Studio nicht weiter gebraucht wurde. Man mochte ihm dahia Vortragen, wie man wolte, so konte er Satisfaction thun. Hatte eine gute Ausssprach, man konte in diesem Studio bey ihm am allerbesten profitiren. Er zog wieder in Polen, nachdem er bey den Christen nicht avanciren konte. Er hatte 28 Jahr unter den Christen gelebet. Er hat sich beklaget, dass ihn der Mangel getrieben, unter die Juden zu gehen, doch were er nicht 9 3 18 abgefallen. Herr Lic. Rivinus ²⁵) war an Herrn D. Pfeiffers ²⁸) Stelle gekommen zu der Prof. linguae Hebraicae, der erkündigte sich bey mir, wie ich meine Methode führete; ich erzehlte es ihm haarklein. Er appro- birte und wolte mich gern in Leipzig behalten, dass ich sein Handlanger were. Ich gestehe meinen Fehler, ich war flüchtig: desperirte an meiner Beförderung, ward der Zungendrescherey müd, suchte lingauam spiritus sancti zu dociren. Die collegia pictatis wurden verbotten, und hiessen sie verdächtige conventicala. Carpzovius²) fulminirte gewaltig darauf, dem die andern Prediger nachfolgeten. Sie wurden in die Inquisition gezogen, unter welchen ich mit gerechnet wurde. Nach verflossenem Jahr, war ein Studiosus, von denen, so Herr M. Francke mir zuschickte, der fragte mich, ob ich nicht einen wüste, der Lust hette mit ihm zu ziehen auffs Land. Er hette eine Vocation nach Gedern, unter dem Graffen von Stollberg ²s) bekommen, da were ein Rilial, welches die Fürstinn, seine Gemahlinn, durch ein absonderliches Subjectum wolte versehen lassen, worauff ich antwortete mit Nein. Ich dachte der Sache nach die gantze Nacht, ob nicht Gott hier mit im Spiele sey, der dich von dem Getümmel dieser Welt und von der Zungendrescherey auff eine Zeit abziehen wil und einige Ruhe schaffen. Der Candidatus, Herr Zühl, kam des andern Tages wieder und nahm Abschied. Ich sagte ihm meines Hertzens Gedanken, wie ich Lust hette, mich eine Zeitlang zu re- colligiren und im Predigen zu üben. Der verwunderte sich, dass ich mich alsso herunter lassen wolte, da ich doch meinen Applausum hette. Des folgenden Tages setzen wir uns auf die Landkutsche und reiseten zu auff den Vogelsberg nach Gedern. Ich predigte auch da, der Herr Graff mogte mich gerne hören und wolte mich auch befördern, mit diesen Worten: „Den Menschen will ich befördern wo ich kan.“ Ein halb Jahr hatte mich auff dem Filial zu Völkershayn ²³⁹) geübet. Der Herr Pfarrer Zühl hatte einen Schwager zu Nidda, welches nicht weit davon war, den besuchte ich, der war Pfarrer daselbst, welchen eben zu der Zeit sein Bruder M. Runckels) besucht, der war Praeceptor classicus am Paedagogio zu Giessen, ein gelehrter Mann, der auch nach seiner Art ein Liebhaber war der hebräs- schen Sprache. Wie ich ihm erzehlete vom Kimchi, Aben Esra, Raschi etc. wurden wir bald mit einander bekandt.„Herr, sprach er, hat er dann nicht Lust hier im Lande zu bleiben?“ Ich antwortete:„Wo mich Gott hinführet.“ Er erzehlte, es were eine Stelle offen am Paeds agogio zu Giessen³¹), das were ein gymnasium illustre, wann ich dahin Lusten hette, könte ich die Stelle besitzen. Herr Professor May were Paedagogiarche, und sein guter Freund. Mir lag sonsten das liebe Hamburg im Sinn, da hatte ich 19 auch Patronos, denen meine Treu bekandt war. Doch folgete ich der göttlichen Providentz. Ich reise mit meinen Büchern und Rabbinen auf Giessen zu, besuchte Herr D. Mayen, der auch ein Auditor und praeceptor domesticus bey dem Edzard gewesen. Er bekam sogleich eine Affection zu mir. Uebergab mir seine Auditores, sagte es were ihm lieb, wann ich ihm zu Hülffe wolte kommen. Er hette die professionem theologiae bekommen, und dabey die Superintendentur, wann ich die Hebraica auff ein Zeitlang wolte annehmen, solte es ihm lieb sein. Ich antwortete, wann sie sich meiner Methode submittiren wolten, solte es mir eine Freude sein. Es war eine grosse Ignorantz in diesem Studio, doch versprach ich, dass sie im halben Jahr so viel lernen solten, dass sie die Genesin verstehen und fertig lesen solten, gab es ihnen schrifftlich und versprach es ehrlich, wozu aber Künste ge- brauchte. Ich hatte 24 Studiosos. Inzwischen machte Herr D. May, dass ich ans Paedagogium kam und daselbst das Hebräische einführte, da machte mich lustig mit der Jugend, und musten von den Untersten biss zum Obersten alle Hebräisch lernen, und solches mit Lusten. Den 15. Febr: 1692 disputirte pro Magisterio- De lastrationibaus et peurificationibes He- braeorum, contra Spencerum und anno 1696 pro aperiendis collegiise De stapendo Eraelitarum per mare rubrum itinere ³²). Es ist eine grosse Blind- heit, dass man von der Grammatica den Anfang machen will, ehe man Materie hab, darauss die Grammatic kann formiret werden, ist eben, alss wann der Schneider ein Kleid machen soll, und hat noch kein Zeug zum Kleide, welches Edzards Gleichniss war. Hingegen, wann man die 4 Ca- pitel ³³) fertig kan, können die Grammaticalia nach und nach gefasset wer- den, wann der Docens selber wohl darinn versiret ist. Dieses gefiel mir nicht, dass man einem jedweden frey gab zu dociren, wodurch die Studiosi von mir abgezogen wurden. Sonderlich war M. Bürklin ³⁴) Stipendiato- rum major und mein Collega*), derselbe suchte sich zu insinuiren bey den Studiosis mit seinem Schmeicheln und Liebkosen, verwarff meine Methode als ein servilisches Wesen, wolte gar höfflich mit ihnen umbgehen, wann er sie mit seiner elenden Grammatic auffhielte; es war nichts alss ein Calumniiren und Verachten. Ich trug solches in grosser Gedult, suchte den Menschen zu gewinnen mit guten Worten; wir weren ja einmahl Collegen, so müsten wir auch collegialiter und christlich leben. Er könte ja die Grammatica tractiren, und mir meine Methode lassen gebrauchen. Wir kommen ja auff eins hinauss, nemblich dass wir die hebräische Bibel *) Die Hs. hat hier ein zweites war. 20 lesen. Ich befinde es nun vor gut, wann ich die Grammatic mit der Sprach vereinige, wir suchen ja alle Gottes Ehre, die unverständige Jugend ver- stehet es nicht besser, der kan man alles weiss machen. Es halff aber nichts, er fing[sic!] mit seinem Calumniiren immer fort. Er hielte Disputation, und lud mich zum Opponenten nebst 2 andern Studiosis. Er wolte zeigen den usum accentuum, wie man auss denselben den genuinum sensum finden könne, und alsso erzeigen wie Junius et Tremellius³⁵) geirret, da er dann etliche Verse anführet, welche so müsten erkläret werden. In seiner praefation wolte er mich zum Ignoranten machen, der keine Grammaticam verstünde. Das Auditorium war voll und wollte gern den Krieg sehen. Ich zeigte ihm, dass er das Geringste von der Accentuation verstünde, keinen valorem derselben, sogar bald gilt der Atnach ein Punctum und bald ein Comma, bald nichts, wüste nichts de accentuatione priori, weder in Prosaicis noch in Metricis, zeigte ihm auch, wie er in Grammaticis noch schlecht war, der den Kimchi noch nicht gelesen hatte, ich trieb ihn ad absurdum und nahm Abschied. Nach der Zeit ist er nicht wieder auff die Catheder kommen. D. May muste selber bekennen, dass es Gottes Gerichte war. Er hette mich künnen sitzen lassen. Er hette mir eine Grube gegraben und were selber hineingefallen. Er dankte ab vom Pae- dagogio, und wolte bey solchem Collegen nicht stehen. Er strebte nach der professioni Hebr. linguae, da keiner von uns zur selben gelangen konte, weil einer im Wegé stunde Es hat sich zugetragen, dass ein Studiosus, Nahmens Meelführer ³⁶), bey Altorff bürtig, sich wolte hören lassen, hebraice zu disputiren, der auff etlich Universiteten sich erkundiget, aber kein Opponens vorhanden gewesen. Da hat ihm Herr D. May geschrieben, er solte in Gottes Nahmen kom- men, es- würden sich schon Opponenten finden. Er kommt auch mit einer Disputation, so er in der Juden-Gass zu Frankfurt geschmiedet, De 8-S= Dae, beneclictione sacerdotam, welche er aus dem Talmud ge- nommen. Es war genug gewaget, dass wir dieselbe auff uns genommen. Die Talmudisten führen gantz eine andre Sprach, der wir eben nicht ge- wohnet sein. In Talmudicis war Herr Meelführer wohl versiret, so gut alss ein Rabbi unter den Juden. Dieses war das beste, dass ich den dand, Rabbi Mosche Ben Maimon³²), konte auss der Bibliothek bekommen. Der Maimonides, welcher de ritibus Judacorum in sacris geschrieben, der führet einen schönen und deutlichen Stilum, hat alles auss dem Tal- mud in gewisse Ordnung gebracht. Da fand ich den Tractat De benedic- tione sacerdotum weitläufftig beschrieben, dass ich Materie genug bekam daraus zu disputiren, was sie vor Ceremonien bey ihrem Benschen oder 21 Segensprechen haben. Wir hatten zweyerley Sprachen. Er hatte*) der teutschen Juden Sprach, wie ihre Gelehrten sprechen. Wir, Herr D. May und ich, wie wir sie auf Universiteten nach der Portugisen Art aus- sprechen. Zeigete ihm, wie er das Vornembste aussgelassen. Machte ihn zu einem Galileer, wegen seiner groben Ausssprach:„Du bist ein Galileer, denn Deine Sprach verräth Dich“³s⁸). Da gab es ein Gelächter. Herr D. May machte seine Sache gut und explicirte allemahl was wir tractirt auff Latein. Er war*-n e. wir die Rabhim oder-* 39). Es war zu be- dauern, dass dieser Meelführer nichts mehr alss den Talmud liebte, darinn suchte er seine Süssigkeit, war mehr ein Jud alss ein Christ, ver- stund kein p= oder Grammatik, hatte keine literalen Rabbinen gelesen, kein Michlal Jophi, welches eine perpetua Analysis ist über die gantze Bibel. Er wuste nicht was ro=n und r war, constructaus et dbsolatkas, und[warl**) desswegen untüchtig auf Universiteten zu dociren, und wolte doch Professor werden. War unglücklich, alss er pro licentia zu Altorff disputiret, da er soll verstummet sein. Endlich ist er zu den Papisten übergegangen, und hat die Wahrheit verleugnet. Ich hatte mich 11 Jahr lang in Giessen aufgehalten, und mein bestes gethan docendo et disputando. Jedoch war nichts mehr zu hoffen. Man hat mir zwar die proffessionem eloguentiae auffgetragen, war aber unmög- lich mein Hauptstudium zu verlassen. Ich hatte geheirathet, hatte auch 5 Kinder, muste alles wenden auf meinen Unterhalt. Es ging alles nach menschlichen Affecten, ward endlich verdrossen. Meine Frau wurde kränklich. Ich ward auch elend. Herr D. May kam von der Visitation, und liess mich zu sich kommen durch seinen Sohn, fragte mich, ob ich Lust hette diesen Pfarrdienst 4⁰) anzunehmen, welcher were alleweile va- cant worden, worauff ich antwortete, dass ich es alss einen göttlichen Beruff annehme, weil mich die Noth triebe. Es wurde hingeschrieben nach Darmstatt, und war die Resolution bald da. Ich hab alhier einen gesunden Ort, gesund Wasser, gesunde Lufft, auch gute Nahrung ange- troffen, hatte meine Motion von einem Dorff zum andern, dass meine Natur sich veränderte. Ich bin nun 42 Jahr allhier gewesen a-ο κ 5 S, pox clamantis in deserto. Bin auch nicht ohne Trübsal gewesen. Insonder- heit ist man mit bösen Schulmeistern gequelet, sonderlich mit einem Ehe- brecher, Söffer und einem extrem bösen, bösen. Buben, acht gantze Jahr, der mich wie eine höllische Furie angegriffen, es ist erstaunlich anzu- *) Die Hs. setzt hier noch die ein. **) Fehlt in der Hs. 22 hören. Das ist ein Elend, dass keine Justitz vor einem ehrlichen Mann zu finden, hab die Sach durch einen Notarium publicum vortragen lassen, werde sehen, was darauff erfolgen wird. Ich glaub Gott werde einen Wohlgefallen an meiner Arbeit haben, sonst hette er mir nicht ein so langes Leben geschenkt. Ich lebe nun in dem 85. Jahr und hab biss dato mein Ampt mit Predigen verrichtet, habe bey 18 Jahr einen Ad- junctum gehabt, seine Kinder wachsen auch auff. Gott hat mir eine Tochter bescheret, welche nun 16 Jahr ist, mit welcher Hebräisch, Latein und Frantzösch tractire, welche in hac solitudine mein einiges Vergnügen machen muss. Sie hat eine recht tödliche Krankheit vor etlichen Wochen aussgestanden, aber Gott hat sich meiner erbarmet, dass sie dem Tode entrissen worden. Dieses ist, lieber Sohn, was von meinem armen Leben hab auffsetzen können. Man wird zum wenigsten etliche Spuren göttlicher Providentz darinn finden. Ich lasse den Herrn Professor Neubauer hertzlich grüssen, lässet mir Gott das Leben, werde ihm weiter bekandt werden ¹⁴¹). 1. Beilage. Die der Handschrift der Selbstbiographie beiliegende Lebens- beschreibung Kempffers von anderer Hand. M. Andreas Kempfer ist gebohren zu Lemgo in der Grafschafft Lippe 1658 den 15. Julii hora 3. pomerid. minut. 3. Sein Vatter war M. Johannes Kempfer, Pastor senior und Scholarcha daselbst. Er studirete 3 Jahr anfangs auf der Universitaet Jena und habilitirete sich besonders in philologicis unter Anweisung M. Daniels Weimars. Im 21. Jahr seines Alters reisete er mit seinem Bruder Engelbert Kempfer nach Stockholm, da aber dieser anno 1682 als Legations-Secre- tarius mit damahliger Gesandschaft nach Isphuan in Persien vom König Carl XI. geschickt wurde, ginge Andreas Kempfer auf die schwedische Universitaet Upsal und docirete daselbst mit erlaubniss der Facultaet va- rias linguas orientales biss ins 3te Jahr, da er nach Hamburg zum be- rühmten Lic. Esra Edzardi ginge, dessen Unterricht ſer) an 5 ganzer Jahr in allen Theilen der orientalischen Wissenschaften genossen. Von hier ginge er instractior auf die Universitaet Leipzig, nachdem er etwa ein Jahr in Kiel und Rostock gelesen, und fandt auch allhier viele Ad- probation. Unter seinen Auditoren war auch Herr M. Augustus Francke, dessen auditor er wieder in asceticis und sein wahrhafter Freund biss ans Ende war. Da aber die Erbauungs-Stunden verbothen wurden und Herr Francke nach Halle ginge, reisete Herr Kempfer nach einem 2jährigen Aufenthalt mit Herrn Metropolitan Ziehl[sich durch Gedern, in Willens über Darmstadt nach Strassburg zu gehen. Der damahlige Herr Graf aber zu Gedern übertrug ihm die Hofpredigers-Stelle, welche er auch wil- lens war anzunehmen. Es ereignete sich aber, dass der seel. Herr Super- intendent Dr. Majus bey seinen Kirchenvisitationen in dasiger Gegend, seinen Besuch beym Herrn Grafen abstattete und hierbey Herrn Kempfer kennen lernete und ihn veranlassete mit auf Giessen zu gehen, die vacante Stelle am Paedagogio und die professionem orientalium, biss sein Sohn capable wurde, zu verwalten, welchem Winck er auchl folgete und nach er- haltenem decreto Serenissimi hat er beide Stellen biss ins 11. Jahr, nehm- lich biss auf annum 1701 versehen. Die Specimina, die er allhier abge- leget, haben mehr in docendo als scribendo bestanden. Doch hat er auch etliche, so viel mir wissend sind, gelieffert, als: pro Magistoerio- 1. De lustrationibus et purificationibus Hebraceorum contra Spencerum, 1692; pro aperiendis collegiis? 2. De staupendo Tsraelitarum sub dawe Angelo creutore per mare rubrum itinere. 1696. Anno 1701 weil seine Gesundheits- umstände sich durch vieles Lucubriren verschlimmerten, resolvirete er sich, die Predigersstelle bey Alssfeld im Kirchspiel Billertsnausen anzunehmen, da ihm die Luft so wohl zugeschlagen, dass er biss ins 43. Jahr seinem Ambte vorgestanden, mittlerweyle aber biss aufs Jahr seines Absterbens immer sich mit allerley Studiosis, so sich der h. Sprache wegen bey ihm aufgehalten, docendo beschäftiget, in welchem er auch zu solcher perfection gelanget, dass es ihm wenige derer berühmtesten Orientalisten gleich thun geschweige zuvor thun können. Er entschlief seelig den 25ten Aug. 1743 Abends um 8 Uhr und brachte seine Lebenszeit auf 85 Jahr, 1 Mon., 10 Tag, 5 Stunden. Die Leichpredigt geschahe durch Herrn Pfarrer Hof- mann damahlen zu Brauerschweinda. 2. Beilage. Kempffers curriculum vwitae vor der Dissertation De stapendo Jsraelitarumn—— per mare rubrum itinere. Gissar. 1696. Cum divino quodam instinctu a teneris fere, benevole Lector, multum & temporis& laboris in studio Hebraico consumpserim, hanc unicam meam esse curam putavi, ut quocunque locorum me fata traherent, Ambrosiam illam quamplurimis quoque aliis gustandam praeberem. Nam cum primum 24 in Patria, deinde in IIlustri Salana, jactis fundamentis, haustaque Accen- tuationis doctrina, totus in perlegendo Codice sudassem; statim postea, trahente coelo, Holmiae& Upsalae apud Suecos, dulcissimum illud fontium Nectar aliis quoque propinandum dare coepi. Hinc iterum Hamburgum proficiscens, ibique quinquennio studio Rabbinico indulgens, utriusque si- mul aetatis& sexus homines sacris fontibus imbuendo, vires meas nun- quam non exercui. Jam demum instructior paulo me Lipsiam contuli, ubi affluentem Juventutem per annum institui(possem dicere, cum ap- plausu, modo ne arrogantiam id interpretaretur Lector, quae procul a me absit) ita ut cum exiguis mei corporis viribus parcendum esset, assiduis istis laboribus aliorsum me subducere coactus fuerim. Multi sibi gratula- bantur, quod, cum aliquos annos discendis Grammaticarum praeceptis con- sumpsissent, nostra demum methodo ad notitiam Hebraei Codicis pervene- rint. Vulgo enim fieri solet, ut anxio nimis tricarum Grammaticarum studio, a Lectione Biblicae veritatis cupidi arceantur; Nam cum se multum operae et temporis illis insumpsisse vident,& jam de novo sibi tantam vocabulorum molem, antequam textum explicare incipiant, ediscendam esse audiunt, difficultate operis plerique absterrentur, atque desperabundi stu- dium illud penitus abjiciunt. Hine illae lachrymae! Hine studii Biblici tepor atque contemptus! Hinc multi inter Versionum ac Commentariorum discrepantias tanquam Aegyptii in tenebris palpare coguntur, nec ad veram Israslis Lucem unquam accedere possunt! Hinc multi conqueruntur, Se misere in Juventute esse frustratos, quod optimam studiorum partem ne- glexerint! Memini verborum, quae olim non semel ex Hamburgensium Summo Philologo Dr. Ezurdi, Venerando meo Praeceptore audivi: Diabo- nem, cum per Lutherum aliosque strenuos viros, Codicem S. in Lucem pro- qiisse widisset, de interitu sui regni anæium aliam statim ktochnam excogi- tasse; nimirum at infinitis variarum Grammaticarum regulis Aaademias haurbaret, ut neglectis ipsis Bibliis, praeceptoruum mole Juvwentus docilis, vel ipsa potius Ecclesia frustraretar. Est profecto summa astutia antiqui istius Serpentis, cui ut caput conteramus, vires nobis largiare Christe! Gaude- bam equidem, cum ducente Christo, in hunc Piraeum appellerem, harumque Athenarum Cipes haud mediocri fervore ad studium Hebraicum se appli- care cernerem; Sed decrescente, ut fit, novo hoc desiderio, animum appuli ad Juventutem illustris nostri Paedagogii, cui divina me providentia prae- esse voluit, ut& Illam lympidis Israélis fontibus irrigarem: quod quidem sedulo feci, quantum per horulas aliaque cum iis tractanda studia licuit. Nec irritus fuit conatus, divina aspirante gratia, adjuvante ac stimulante cura Maæime Reverendi nostri Paedagogiarchae D. Maji, Parentis mei in 25 Christo ac Praecept. ad tumulum usque colendi. Siquidem a Prima ad Infi- mam usque Classem pervasit jam Lectio Libri Geneseos, Ut nisi quis coe- lestis veritatis osor fuerit, volubiles puerorum ad legendum linguas absque summa animi laetitia auscultare nequeat. Quod ornamentum cum nostrum Paedagogium prae multis aliis habeat, ideo etiam Deum nostrae Juventuti nostraeque Hassiae, quae tales cives sit habitura, benedicturum esse confido; nisi, quod Deus prohibeat, futurus Academicae vitae tepor puerilem ardo- rem excutiat. Ne itaque existimes, C. L., Studiune Hebraicum tam opero- sum tamque prolixum esse, viva plurimorum exempla sunt Tibi docu- mento. Sed quorsum haec omnia? Ad aemadlationem provocare Vos cupio, Commilitones; Ideo etiam ex angulo in Pablicum prodire constitui, ut spe- cimen aliquod familiarium Studiorum ederem: nimirum de Stupendo Irae- litarum sub Angelo Creatore Duce, per Mare rubrum ilinere. Atque ut Justum sequamur Ordinem, 1. Causam hu'jus Fineris? 2. Oualis ille po- pulus? 3. Quis Duæ eorum fuerit, et denique 4. Quomodo mare illad transgressi sint? bono cum Deo declarabo. Haec materia forte mihi inci- dit, cum ingentia mei Servatoris beneficia perpenderem, quemadmodum Ejus auspiciis, inter varios casuum fluctus, in hunc usque IIlustris Civi- tatis portum deductus fuerim: non ut supprimerem, sed luci exponerem quicquid mercium aliunde attulerim. Si levidense nimis& publica luce minus dignum opusculum videbitur, scias velim, inter domesticarum cala- mitatum undas versantem me id conscripsisse. Tuum itaque erit, defectum ornatus benevolentia supplere: Si vero placuerint talia atque similia, plura eaque majori industria elaborata, meliore aspirante fortuna crebroque acce- dente exercitio, B. C. D. proferemus. Et si forte animum intendis ad Diffi- ciliora S. Codicis dicta,& ea Tibi juæta Hebraicam veritatem, accedente numine Accentuationis saniorumgque Rabbinorum interpretatione, sed Christo aubique nos in veritatem ducente, publicis identidem dissertationibus luci ex- ponemus. Omnia in hunc finem, ut perspecta splendida veritatis lulce, in luce versemar, veritatem secctemaur ceue³ lucis ac veritatis filii, Christum in- primis Ducem in omnibus studiorum progressibus habeaumus, lucem ejus ubique seguamur, et intimo pectore foveamus. Quod si fecerimus, nunquam a veritatis tramite aberrabimus. Vale ac fave Dab. Gissae d. 8. Jan. Tuis Commodis A. Sal. 1696. Addictissimo et obstrictissimo M. Andr. Kempffero. 26 Erläuterungen und Belege. 1) Ernst Friedrich Neubauer, 1705 in Magdeburg geboren, bezog 1724 die Universität Halle, wo er besonders an Johann Jakob Rambach sich anschloss, welcher dort 1723 Adjunct der philosophischen Facultät geworden war. Im Jahre 1726 siedelte er nach Jena über, kehrte aber 1727 nach Halle zurück, wo in demselben Jahre Rambach nach A. H. Francke's Tode ordentlicher Professor der Theologie wurde. Neubauer selbst wurde, nachdem er sich auf dem Waisenhause als Lehrer versucht hatte, 1729 Magister, 1730 Adjunct der philosophischen Facultät und erhielt, offenbar auf Betrieb des schon 1731 dahin berufenen Rambach, 1732 einen Ruf nach Giessen als Professor der Alterthümer, der griechischen und der morgen- ländischen Sprachen. Nach Rambachs Tode wurde er 1735 ausserordent- licher Professor, 1737 Doctor, 1743, also in demselben Jahre, in welchem Kempffer seine Selbstbiographie schrieb, ordentlicher Professor der Theo- logie und Ephorus der Stipendiaten. Er starb 1748. Seines akademischen Amtes nahm er mit dem gewissenhaftesten Eifer sich an, und insbesondere bezeugen seine zahlreichen Dissertationen, wie lebhaft er an den üblichen Disputationen theilnahm. Wichtiger jedoch als seine eigenen Schriften sind die, welche er aus dem Nachlasse seines Lehrers Rambach herausgab und unter welchen die Erklärung der Epistel Pauli an die Römer(Bremen. 1738) zuerst erschien, der in demselben Jahre veröffentlichte Com- mentar Rambachs zu seinen Iustitultiones hermeneuticae sacrae besondere Erwähnung verdient. Ob übrigens Kempffer, wenn er länger gelebt hätte, die Hoffnung, welche er auf den neuernannten Ephorus setzte, er- füllt gesehen haben würde, ist fraglich. Neubauer scheint das ohne Zweifel reformbedürftige Giessener Stipendien- und Stipendiatenwesen nach einer Mittheilung bei Strieder(IV, S. 206 fl.) mit allzu gewaltsamen Mitteln angefasst und dadurch auch berechtigtes Aergerniss hervorgerufen zu haben.— Strieder, Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten und Schriftsteller Geschichte, X, S. 28 ff. 2)„Der Bruder“ e2ur*soνι ist des Verfassers zweiter Bruder, der berühmte Engelbert, dessen in der Einleitung eingehender Erwähnung geschehen ist; der nachher erwähnte„älteste Bruder“ ist der Jurist Joachim. 3) Die Universität Jena erfreute sich gegen Ende des 17. Jahrhun- derts einer besonders starken Frequenz, so dass sie eine lange Reihe von Jahren hindurch über 2000 Studirende zählte. Allerdings trug dazu nicht 27 wenig der Ruf dieser aniversitas pauperam“ bei, dass es sich dort sehr wohlfeil und auch ziemlich ungeniert leben lasse. Aber es fehlte ihr doch auch niemals an ausgezeichneten Lehrern, welche ihre Anziehungskraft ausübten. Insbesondere auf dem Gebiete der Theologie hatte dort schon seit dem 2. Jahrzehent des Jahrhunderts in Joh. Gerhard, Glassius, Dil- herr, Joh. E. Gerhard, Christian Chemnitz eine Richtung ausgezeichnete Vertreter gefunden, welche die Hauptaufgabe des Theologen in der posi- tiven Begründung und Darlegung der Lehre suchte und die Negativa nicht mit jener unbarmherzigen Polemik in den Vordergrund stellte, wie sie seit der Mitte des Jahrhunderts in Wittenberg namentlich durch Calov wieder in Schwang kam. Auch in der Zeit, da Kempffer in Jena stu- dierte, wirkten ausgezeichnete Männer in jenem milderen Geiste, und es fällt auf, dass er weder Musäus(† 1681), eine wahrhaft bedeutende theo- logische Persönlichkeit, noch dessen Schwiegersohn Baier(in Jena von 1674— 94), einen Lehrer von ausgezeichneter Klarheit, sondern nur den im Vergleich mit ihnen unbedeutenden Bechmann erwähnt. Seine Nei- gung führte ihn eben zu den Füssen der dortigen Hebraisten und liess ihn in Bezug auf dogmatische Studien mit dem Nothwendigsten sich be- gnügen.— Tholuck, das akademische Leben, II, S. 61—70. 4) Ueber Daniel(nicht: David) Weimar'’s Lebensverhältnisse finde ich nichts, als bei Jöcher die Angabe:„ein Philologus, war Philos. Magister, lebte 1678 zu Jena und 1681 zu Leipzig.“ Seine Schriften Doctrina accentaationis Hebraeae, VLregulis aceurate etsuccincte inclusa. Cizae. 1687, dann: staadlio Gottfr. Mathesii. Lipside. 1687, und Usus accentuationis. Jenae. 1693 standen in hohem Ansehen. Seine überspannte Ansicht von dem Werth der Accente verräth schon der Titel der von F. A. Halbauer(Jenae. 1720) besorgten 3. Auflage der letztgenannten Schrift: Vsus accentuationis Biblicae per 25 loca P. T. luculenter ostensus, praemissa eius deonvevorlos demonstratione.— Sein Gegner Johann Frischmuth war 1619 zu Wertheim in Franken geboren, studierte zu Altdorf und Jena, wurde hier 1639 Magister, 1647 in Folge einer Berufung an das akademische Gymnasium in Hamburg Rector der Stadtschule, 1649 ausserordentlicher Professor'der Sprachwissen- schaft, 1652 ordentlicher Professor der Poesie und bald darauf auch der griechischen und der morgenländischen Sprachen und starb 1687. Seine sehr zahlreichen Dissertationen, welche zu ihrer Zeit sehr hoch gehalten wur- den, fallen sämmtlich in das Gebiet der Exegese, vorzugsweise der alt- testamentlichen, und der biblischen Realien, und beweisen, dass sein Inter- esse nicht an dem spitzfindigen Formalismus der traditionellen hebräischen Grammatik haften blieb. Sein Schüler, seit 1685 schon als Extraordina- 4* 28 rius sein College und 1687 sein Nachfolger im Ordinariat, war der be- rühmte Joh. Andr. Danz, der indess bei all seiner Gelehrsamkeit namentlich durch sein der hebräischen Sprache aufgedrungenes Systema morarum das hebräische Sprachstudium mehr verwirrt und aufgehalten als gefördert hat.— Ueber Frischmuth: Jöcher, und Redslob in Lilien- cron's Allg. deutscher Biographie. 5) In Bezug auf die accentuatio a priori, auf deren Bekanntschaft sich Kempffer nicht wenig zu gute thut, bemerkt Hirt in seiner Einlei- tung in die hebräische Abtheilungskunst der heiligen Schrift. Jena 1762, S. 14 f.:„Die Accentuation, welche eine Wissenschaft der Accente und ihrer Folge ist, pflegt auch eingetheilt zu werden in die accentuationem a priori und in die accentuationem a posteriori. I. Die accentuatio a priori lehrt, wie man einen hebräischen Text mit Accenten versehen solle. U. kan auch die synthesis accentuum von einigen genennet werden. II. Die accentuatio a posteriori zeiget, wie man aus den in einem Text befind- lichen Accenten den Verstand desselben beurtheilen soll. U. wird dahero auch die analysis accentuum genannt.“ 6) Matthias Wasmuth, geb. zu Kiel 1625, studierte von 1648 an in Wittenberg und wurde dort 1651 Magister. Ueber Leipzig begab er sich 1653, um sich in den orientalischen Sprachen weiter auszubilden, nach Holland, wo er in Gröningen, Leyden, Franeker und Utrecht stu- dierte, und setzte dann zu Strassburg und zu Basel bei dem jüngern Bux- torf sein Studium fort. Im Jahre 1657 wurde er Professor der Logik in Rostock, 1665 aber als Professor der orientalischen Sprachen an die neu- gegründete Universität seiner Vaterstadt Kiel berufen, wo er 1671 ausser- ordentlicher, 1675 ordentlicher Professor der Theologie wurde und 1688 starb.— Sein Schüler war Heinrich Opitz. Als Sohn eines Schneiders 1642 in Altenburg geboren, fand er gleichwohl Mittel, nicht bloss in Jena und Kiel, sondern auch in Holland und England zu studieren, wurde 1672 Adjunct der philosophischen Facultät in Jena, 1675 durch Wasmuth nach Kiel gezogen. Nachdem er zuerst in der orientalischen, dann auch in der theologischen Professur seines Lehrers Nachfolger geworden war, starb er 1712.— Das Hauptwerk des hochverdienten Wasmuth ist der Hebraismas facilitati et integritati suae restitutus. Kilonii 1666 und dann öfter. Der 2. Theil, welcher die Institutio azentuationis Hebraede methodica enthält, ist öfter besonders herausgegeben worden, zuerst Rostock. 1664. Wie Opitz in seinem grammatischen Hauptwerk, dem Atrium Linguae sanctae, zuerst Hamburg. 1671, dann Jena. 1674 und noch sehr oft, ganz den Spuren von Wasmuth's Hebraismus restitatas folgt, so schliessen auch 29 seine Institutiones accentuationis Hebraede, methodo Was-— mathiana adornatae. Jenae. 1674 an die Accentenlehre seines Meisters sich an.— Ueber beide Männer handelt mit gewohnter Gründlichkeit Moller in seiner Cimbria literata, über Wasmuth mit besonderer Aus- führlichkeit III, p. 622— 641. 7) Friedemann Bechmann, 1628 zu Elleben in Thüringen geboren, studierte in Jena und wurde hier 1651 Magister, 1656 Professor der Philo- sophie und 1668 J. E. Gerhard's Nachfolger in der theologischen Professur; † 1703. Er schrieb mehrere dogmatische Lehrbücher und zahlreiche Disser- tationen exegetischen und dogmatischen Inhalts. 8) Nicht bloss mit Deutschland war Schweden durch den dreissig- jährigen Krieg in jene nähere Verbindung getreten, welche noch eine lange Zeit hindurch in schwedischen Besitzungen auf deutschem Boden ihre reale Basis behielt; auch seine Berührung mit anderen Völkern und Staaten, namentlich mit Frankreich, wirkte über den Frieden hinaus nach. Von Schweden aus suchte man sich die anregenden und bildenden Einflüsse des Auslandes zu erhalten, und berühmte Gelehrte aus südlicheren Ländern liessen sich durch die Ehren und die ungewöhnlich hohen Dotationen, welche ihnen winkten, bestimmen, in den Dienst des nordischen König- reichs zu treten. Zumal am Hofe der gelehrten Königin Christine finden wir während der Zeit ihrer selbständigen Regierung(1644— 54) Hugo Grotius, J. F. Freinsheim, Isaak Vossius, Nicolaus Heinsius, Salmasius und Cartesius. Auch der Universität Upsala kam die von diesen aus- gezeichneten Lehrkräften ausgehende Anregung zu gut: Freinsheim war 1642 als Professor der Eloquenz und Politik dorthin berufen worden, wurde 1647 Bibliothekar der Königin, kehrte aber 1650, freilich nur noch auf ein Jahr, nach Upsala zurück. Auf kirchlichem und theologischem Gebiete wurde durch diese humanistischen und, zumal soweit sie aus Frankreich stammten, wohl auch naturalistischen Einwirkungen die Un- ruhe vermehrt, welche der auf lutherischer Grundlage entstandenen Kirche Schwedens infolge des successiven Einflusses romanisierender, calvinistischer und unionistischer Bestrebungen der Landesfürsten sich bereits bemächtigt hatte. Während man nun anfangs mit den„prophetischen und apostolischen Büchern der heiligen Schrift“ als der einzigen Lehrnorm sich begnügt hatte, bekannte sich die Provinzialsynode zu Upsala 1593 zu der Augsburgischen Confession. Im Jahre 1663 aber nahm der Reichstag neben den übrigen lutherischen Symbolen auch die Formula concordiae an, um dadurch den Lehrstreitigkeiten ein Ende zu machen, wie dasselbe fast hundert Jahre vorher in Deutschland versucht worden war. Als dann Karl XI. selb- 30 ständig die Regierung führte(1668—97), brachte er in der Kirche wie im Staate seinen absoluten Willen zur Geltung. In diese Zeit einer, allerdings geschichtlich begreiflichen, politischen und kirchlichen Reaction fallen die Jahre, während deren Kempffer in Upsala studierte, und es kann unter diesen Umständen nicht Wunder nehmen, dass er keine Theologen von selbständiger Bedeutung namhaft zu machen hat; auch Spener konnte damals den Wunsch nicht unterdrücken, dass den schwedischen Univer- sitäten vom Ausland her frischeres Blut zugeführt werden möge(Cons. lat. III. p. 652). Der Cartesianismus, dessen Kempffer als in Upsala herr- schend gedenkt, und welcher nach dem Streite zwischen Ramisten und Aristotelikern auf eine Weile das Feld behauptete, wurde damals haupt- sächlich von Joh. Billberg vertreten, unangefochten, so lange Billberg Professor der Mathematik war, und erst als er 1689 Professor der Theologie wurde, zu Widerspruch und Anklage reizend. Von dem Orientalisten Peringer wird in der 12. Anmerkung die Rede sein.— Tholuck, a. a. O. II., S. 166— 181; Ranke's Excurs über Christine von Schweden in der Geschichte der Päpste, 6. Aufl. III., S. 52— 69. 9) In dem an edeln Metallen so armen Lande war Kupfervaluta üblich und gab dem schwedischen Kupfergeld für den inländischen Ver- kehr einen höheren Werth, den es natürlich im Verkehr mit dem Aus- lande nicht behaupten konnte. Kempffer wird also seinen Kupferschatz bei einem mit Hamburg in Verbindung stehenden Geschäft in Hamburger Geld, oder in einen auf dort lautenden Wechsel umgesetzt haben. 10) Esdras Edzard schreibt sich selbst immer Edzardus und in derselben Form findet sich der Name bei gleichzeitigen Schriftstellern, wie J. H. Mayer, A. H. Francke, J. J. Schudt, J. A. Fabricius. Man ist also berechtigt, ihn mit Weglassung der lateinischen Endung Edzard zu nennen. Die falsche Namensform Edzardi ist dadurch üblich geworden und bis heute vielfach üblich geblieben, dass sein Grossvater Edzard Lu- dolf Middochius hiess und dessen Sohn nach damaliger Sitte aus dem Vornamen des Vaters seinen Stammnamen Edzardi bildete, dem er dann zu Ehren seines mütterlichen Grossvaters noch den Namen Glaneus bei- fügte. Als Sohn dieses Jodocus Edzardi Glaneus, welcher 1626 Pastor an der kleinen, 1661 erster Prediger an der neuen grossen Michaeliskirche zu Hamburg wurde, war Esdras 1629 geboren. Dass er ein getaufter Jude gewesen sei, ist ein von Basnage(Hist. des Juifs, L. 7, C. 31, p. 2080) wohl zuerst begangener und seitdem oft wiederholter grober Irrthum. Im akademischen Gymnasium seiner Vaterstadt vorgebildet, studierte er von 1647 an in Leipzig, Wittenberg und Tübingen Theologie, Philologie und orientalische Sprachen, genoss dann in den letzteren ein halbes Jahr lang den Unterricht des Rectors Zechendorf und des Conrectors Daume in Zwickau, wandte sich von da zu dem jüngern Buxtorf in Basel und voll- endete seine Studien in Strassburg, Giessen, Greifswalde und Rostock, wo er 1656 Licentiat der Theologie wurde. Nach Hamburg zurückgekehrt, schlug er, in sehr günstigen oekonomischen Verhältnissen lebend, die ihm angebotenen amtlichen Anstellungen aus und widmete sich bis zu seinem Tode(1708) in uneigennütziger Hingebung einerseits dem Werke der Judenbekehrung, andererseits der unentgeltlichen Unterweisung junger Ge- lehrter im Hebräischen und den verwandten Dialekten. Wie hoch man ihn als Lehrer schätzte, geht aus dem Rathe hervor, welchen Spener in seinen Theologischen Bedenken gibt(I, S. 420):„Im Hebräischen wird noch mehr Fleiss anzuwenden sein; vielleicht aber gibts Gelegenheit bei Hrn. Lic. Edzardi in Hamburg sich eine weile aufzuhalten, welches nie keinen gereuet hat, so sich seiner bedienet.“ J. H. May, A. H. Francke, H. von der Hardt, Danz, Chr. Matthäus Pfaff und andere namhafte Hebraisten und Theologen jener Zeit sind seine Schüler gewesen. Für seine Methode, deren in der Einleitung gedacht worden ist und die auch Kempffer selbst(s. o. S. 19) kurz charakterisiert hat, ist bezeichnend was A. H. Francke berichtet(Kramer, Beiträge zur Geschichte A. H. Francke’s. Halle. 1861, S. 36); es beweist, wie Edzard in der hebräischen Grammatik immer nur das Mittel sah, den Grundtext des Alten Testamentes gründlich zu verstehen, und darum vorzugsweise auf fortgesetzte fleissige Lectüre drang: „Darauf reisete ich nach Hamburg, weil es in Kiel mit dem Hebräischen nicht recht mit mir fortgewolt, da ich zwar etliche mahl einen neuen An- fang gemacht hatte, aber zu keiner gründlichen Wissenschafft darinnen durch den gemeinen methodum hatte gelangen mögen, da man erst sich mit der Grammatica und dem analysiren sehr lange auffhält, che man die Bibel selbst durchzulesen sich getrauet. Daher suchte ich bey dem Hrn. L. Edzardo in Hamburg diesen Fehler zu ersetzen, begab mich an seinen Tisch, und nahm die Stube in seiner Nachbarschafft, und wante alle Zeit drauff nach seinem methodo so gut ich konte, linguam hebraeam zu trac- tiren. Ich rühme auch hierinnen des lieben Mannes treue und Fleiss von Grund meines Hertzens, als der sich auch die Mühe nicht verdriessen lassen, ohne leiblichen Entgelt viel Zeit auf mich zu wenden, und mir in meinen dubiis, welche mir in Lesung der Schrifft oder auch quoad metho- dum vorkamen, zu helffen. Ich kam also bei ihme mit Lesung des A. T. biss an den Propheten Esaiam, so viel ich mich erinnern kan, und da ich. nach zwey Monahten von den meinigen nach Hause gefordert ward, nahm ich von erwehntem Hrn. L. Edzardo weitere Instruction, wie ich das Stu- dium continuiren möchte. Da mir denn gerathen ward, erstlich lectionem cursoriam zu absolviren, und dann in secunda lectione grammaticam gründlicher zu erlernen, in tertia lectione den Glassium, in 4ta das Chal- däische, in 5ta das Michlal Jophi, in 6ta die biblia Buxtorfii zu tractiren. Welchem methodo ich auch nachzukommen bedacht war, weil ich aber mich auff die 1 ½ Jahr bey den meinigen zu Gotha auffhalten muste, fehlte es mir an Gelegenheit zu einem und dem andern. Daher ich in wehrender Zeit die Ebräische Bibel an sich selbst nebst der Philologia sacra Glassii desto fleissiger durchtractirte und, so viel ich mich erinnere, Biblia hebraea wol sechsmahl absolvirete.“ Zum Bücherschreiben hatte Edzard keine Lust, und er bemerkte gegen J. J. Schudt, der ihm darüber Vorhalt ge- than,„dadurch würden die Leute nur faul gemacht; andere solten sich auch fleissig hinter die Bücher machen, so würden sie eben das finden, was er gefunden.“ Seine wenigen Dissertationen— es sind eigentlich nur 4, die ihm wirklich angehören— sind im Hamburger Schriftsteller- lexikon und bei Moller verzeichnet.— Vgl. über den merkwürdigen Mann besonders die aus persönlicher Bekanntschaft lebendig geschöpfte Darstel- lung in Schudts Jüdischen Denkwürdigkeiten. Frankfurt u. Leipzig. I, S. 377 ff., ausserdem: J. A. Fabricius, Memoriae Hamburgenses. II. Hamburgi. 1710, p. 1033— 44; Moller, Cimbria literata, III, p. 221— 227; Lexikon der Hamburgischen Schriftsteller. II, S. 126 ff., Klose bei Lilien- cron II, S. 650 f.; C. W. Gleiss, Esdras Edzardus, ein alter Hamburger Judenfreund. 2. Aufl. Hamburg. 1871; Plitt, Gesch. der luth. Mission. Erlangen. 1871, S. 166 f. 11) Kempffers an einer späteren Stelle noch einmal ausgesprochene besondere Vorliebe für Hamburg erklärt sich nicht etwa aus seinem Wohl- gefallen an dem Reichthum und dem Wohlleben der so mannigfaltig bevor- zugten Stadt, sondern aus der dankbaren Erinnerung an die geistige An- regung und Förderung, die ihm dort geworden war. Infolge einer gesunden Theilung der Arbeit gönnt und gibt der Hamburger Kaufmann auch dem Manne der Wissenschaft gerne die ihm gebührende Ehre, und der als materiell verschrieenen Stadt hat es in alter und neuer Zeit niemals an ausgezeichneten Vertretern der geistigen Interessen gefehlt. Im dreissig- jährigen Kriege bildete Hamburg inmitten der allgemeinen Verwüstung eine durch die besondere Gunst der Umstände geschützte Oase, und was anderen Orten zum Verderben gereichte, förderte ihr Wachsthum und Ge- deihen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts schrieb Balthasar Schupp: „Als im verwichenen dreissigjährigen Kriege ganz Deutschland unter der schweren Kriegslast seufzte, als das Kriegsfeuer ein Land nach dem an- deren, einen Ort nach dem anderen ergriff und verzehrte, da nahm diese Stadt nur immer mehr und mehr zu an Macht und Reichthum. Die Ein- wohner sassen darin in guter Ruhe und Sicherheit wie die Kinder Israel im Lande Gosen, als der Herr ganz Egypten mit allerhand Plage schlug.“ Wie um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts Hamburg neben Leipzig den Hauptmittelpunkt der allgemeinen literarischen Interessen und Bestre- bungen bildete, so war es auch an ausgezeichneten Fachgelehrten reich. Gedenken wir nur der hervorragenden Theologen, welche in den wenigen Jahren, die Kempffer dort zubrachte, für Hamburg gewonnen wurden, so wurde 1684 der treffliche Joh. Winckler Hauptpastor an St. Michaelis, 1685 der gelehrte Hinckelmann, dem wir die erste Ausgabe des Koran verdanken(Hamburg. 1694), Diaconus zu St. Nicolai, 1686 J. F. Mayer Hauptpastor zu St. Jacobi, ein hochbegabter, grundgelehrter Mann, von welchem das Hamburger Schriftstellerlexikon nicht weniger als 581 Schriften aufführt, welcher aber freilich auch, wie kaum ein Anderer, ein trauriger Beweis dafür ist, dass ein talentvoller, gelehrter und auch correct lehrender Theologe und ein rechtschaffener evangelischer Christ zwei sehr verschiedene Dinge sind. Am akademischen Gymnasium war seit 1675 Eberhard Anckelmann Professor der orientalischen Sprachen, gleichfalls ein aus- gezeichneter Schüler Edzards. Im Jahre 1699 wurde der berühmte J. A. Fabricius Professor an dieser Anstalt. 12)„Peringer(Gustav), ein Schwede, war Professor Linguarum zu Upsala, florirte sonderlich zwischen 1680 und 1694 und schrieb: Historiam linguae et eruditionis Arabum; übersetzte auch die Aboda Sara und Ta- mid ins Latein.“— Jöcher. 13) Michlal Jophi(“=-»ve), i. e. Perfectio palchritudinis, ist der aus Psalm 50, 2 entnommene Titel eines Commentars über das A. T., welchen der spanische Rabbi Schelomo Ben Melech im 16. Jahrhundert aus den Commentarien, der Grammatik und dem Wörterbuch David Kimchi's ganz zweckmässig zusammengestellt hat. Er wurde zuerst zu Constantinopel 1554 gedruckt, zuletzt von Jacob Abendana mit Zusätzen zu Amsterdam 1661 und in 2. Auflage 1685 herausgegeben. Einzelne Abschnitte daraus sind zum Zwecke der Einführung in die rabbinischen Commentarien öfter veröffentlicht worden, z. B. der Commentar zum Propheten Jonas in Bürck- lin's Jonds vates ewpositus per... Judaicos commentatores V. T. praecipuos; pro auditoribus suis editus. Francofiurti a. M. 1697. Wie dieser Commentar ihnen von ihrem Meister besonders warm empfohlen worden war, so em- pfahlen ihn die Edzardianer ihren Schülern weiter. Vor meinem Exemplar 5 der Ausgabe von 1685 ist von dem ersten Besitzer, dem damals zu Giessen studierenden G. H. Bichmann aus Dautphe im früher darmstädtischen, jetzt preussischen Hinterland, 1701 folgende Elegie eingeschrieben, aus welcher hervorgeht, dass er auf Rath der edzardischen Trias May, Kempffer und Bürcklin das Buch sich angeschafft, dabei aber seine Rechnung nicht völlig gefunden hatte: Tempore quo Maius, Kempffer Bürcklin que docebant, Tum celebris Giesae fama decusque scholae, Qui pandebant Ebraeae commercia linguae Atque iuventuti pabula sacra dabant, En Michlal Jophi Dautphensis Gergejohannes Is studuit Bichmann aere parare sibi Pro quatuor florenis: sed tamen hocce volumen Multa, quod dicunt, utilitate caret. Vgl. Wolf, Bibl. Hebr. I., p. 1075 f. 14) Johann Heinrich Horbius, 1645 zu Colmar im Elsass geboren, studierte in Strassburg, wo er 1662 Magister, in Jena und Leipzig, wo er 1669 Assessor der philosophischen Facultät wurde, dann weiter in Wittenberg, Helmstädt und Kiel, worauf er als Mentor reicher Jünglinge Holland, Eng- land und Frankreich bereiste. Im Jahre 1671 wurde er Kirchenrath und Hofprediger zu Bischweiler, bald darauf Superintendent der Grafschaft Sponheim und Pfarrer zu Trarbach an der Mosel, 1679 Superintendent und Hauptpastor in der freien Reichsstadt Windsheim in Mittelfranken, von wo er 1685 als Hauptpastor an die Nicolaigemeinde in Hamburg kam. Als er, der Schüler, Freund und Schwager Spener's, in dessen Sinn in Katechismus- und Erbauungsstunden zu wirken anfing, reizte er dadurch J. F. Mayer zu wahrhaft grausamen Verfolgungen, in deren Folge er Ende 1693 seines Amtes entsetzt, seine Frau und Kinder im Januar 1694 aus Hamburg verjagt wurden. Er starb am 26. Januar 1695 im Exil zu Schlems bei Hamburg. Vgl. über ihn und seinen Streit mit Mayer Geffcken, Johann Winckler, Hamburg 1861, S. 69— 140. Seine eigenen Schriften zählt das Hamburger Schriftstellerlexikon auf, die zahlreichen Streitschriften für und wider ihn Moller, am Schlusse seines besonders eingehenden Artikels über Horbius, a. a. O. II b. 353372. 15) Wahrscheinlich Detlev von Ahlefeldt, welcher, seit 1625 Amt- mann von Flensburg, später in Kriegs- und Gesandtschaftsdiensten viel- fach thätig, 1680 sich nach Hamburg ins Privatleben zurückzog und dort 1686 starb.— Moller, I, 13.— Das von Kempffer gleich nachher er- wähnte Fräulein aus dem Ahlefeldtischen Geschlecht steht übrigens mit seiner Gelehrsamkeit in jener Zeit nicht vereinzelt da. Das königliche Vorbild Christinens von Schweden fand zahlreiche Nachfolge, und die neuen Methodiker von Ratke bis auf Basedow herab, mit welchen auch Edzard und die Seinen in einer weitläufigeren Verwandtschaft stehn, suchten die Zweckmässigkeit ihrer Methode dadurch zu beweisen, dass sie auch bei dem auf gelehrte Studien minder vorbereiteten weiblichen Ge- schlechte sich bewährte. 16) In Bezug auf Person und Leben des schon in der Einleitung erwähnten Joh. Buxtorf des Aelteren, des grössten Kenners rabbinischer Gelehrsamkeit, welcher jemals unter Christen gelebt hat, genügt es jetzt, auf das klar und frisch gezeichnete Lebensbild zu verweisen, welches E. Kautzsch in seiner Rectoratsrede(Johannes Buxtorf der Aeltere. Basel. 1879) von ihm entworfen hat. Mag auch die gleichfalls in der Einleitung bereits angeführte grosse rabbinische Bibel Buxtorfs der von R. Jakob Ben Chajim besorgten 2. Bombergischen(Venedig. 1525. 26) in einzelnen Beziehungen nachstehen: jedenfalls bildete sie für einen deutschen Ge- lehrten das nächstliegende und ausgiebigste Hilfsmittel für eingehendere rabbinische Studien.— Etwas weiter unten nimmt Kempffer auf die Unterscheidung zwischen Rabbini literales und allegorici Bezug(vgl. Wolf, Bibl. Hebr. I, p. 1075). Zu jenen gehören vor allen Aben Esra( 1167), dessen Commentar über den Pentateuch, die Psalmen, Sprüchwörter, Hiob, die fünf Magilloth, Daniel, Esra und Nehemia, Jesaja und die kleinen Propheten Buxtorf aufgenommen hat, und David Kimchi(p† nach 1232), von welchem die Commentare über die ersten und letzten Propheten und über die Chronik bei Buxtorf sich finden. Dagegen hat von Isaak Abar- banel(† 1508) nichts bei ihm Aufnahme gefunden, auch geht dieser Commentator mit seiner Neigung zu mystischer Zahlendeutung und weit- schweifigen Excursen über die Grenzen einer literalen Interpretation hin- aus; Kempffer, dessen Dissertationen eine gewisse Vorliebe für ihn ver- rathen, mag seinen Commentar über die ersten Propheten, welcher 1686 zu Leipzig, 1688 zu Hamburg, und den über die letzten Propheten, wel- cher schon 1641 zu Amsterdam gedruckt war, benutzt haben, auch lagen die Commentare über Hosea(Leyden. 1687), Obadja(Wittenberg. 1664 u. 70), Haggai(in Scherzers Trifolium orientale. Leipzig. 1663) in Einzel- drucken vor. Wohl aber enthält Buxtorfs Bibel den Commentar Raschi's (ewd, d. i. Rabbi Schelomo Jischaki, † 1105) über die ganze Bibel. Die Abneigung Edzards gegen diesen bei den Juden im höchsten Ansehen stehenden Ausleger, welche auch Kempffer nach dem Zeugniss seiner Dissertationen einigermassen theilt, lässt sich aus der oft dunkelen Prä- 5* gnanz seines Stils und aus seiner Rücksicht auf die Geheimdeutungen des Midrasch erklären. Was Kempffer bei Edzard nicht haben konnte, suchte er bei den portugiesischen Juden, welche seit dem Anfang des 17. Jahr- hunderts vor den grausamen Verfolgungen in Portugal und Spanien nächst Amsterdam besonders in Hamburg eine Zuflucht gefunden hatten und dort einer so bevorzugten Stellung sich erfreuten, dass Christine von Schweden den reichen Juden Manuel Texera zu ihrem Residenten erwählte und bei einem Besuche in Hamburg 1667 dem ihr vom Rathe angebotenen Logis die Wohnung bei dem Juden vorzog(Gleiss, a. a. O. S 14 f.). Obgleich, im Gegensatze zu der mehr mit der syrischen übereinstimmenden Aus- sprache des Hebräischen bei den polnischen und deutschen Juden, schon seit Reuchlin bei den christlichen Hebraisten die mehr an die arabische sich anschliessende Aussprache der portugiesischen Juden allgemein üblich geworden war, muss doch Kempffer bei seinen portugiesischen Lehrern besondere Eigenheiten der Aussprache angenommen haben, an welchen Edzards scharfes Ohr den Contrebandisten entdeckte. 17) Da J. H. May zu Kempffer erst während dessen Aufenthalt zu Giessen in nähere Beziehung tritt, so verschiebe ich die Notizen über ihn auf die 31. Anmerkung. 18) Möglicherweise der aus Meissen gebürtige M. Johann Siegmund Starcke, welcher 1691 Candidat des Hamburger Ministeriums wurde und 1693 als J. F. Mayers Hausgenosse und sein Schildknappe in den An- griffen auf seine des Pietismus verdächtigen Collegen eine traurige Be- rühmtheit erlangte. Jedenfalls wird es derselbe Magister sein, dessen Kempffer schon etwas weiter oben als seines Studiengenossen gedacht hat. — Moller, II, p. 864; Hamb. Schriftstellerlexikon. 19) Das ist einer jener Namenwitze, welche Goethe seiner Zeit Her- dern übel genommen hat, und welche keine bessere Censur verdienen als billig und schlecht“. Karl Schaaf, 1626 zu Neuss bei Düsseldorf geboren, begann zu Duisburg, lehrend wie lernend, seine akademische Laufbahn, siedelte 1679 nach Leyden über und wirkte dort als Lehrer, zuletzt als ordentlicher Professor der morgenländischen Sprachen mit wachsender An- erkennung, die ihn auswärtige Berufungen ablehnen liess, bis zu seinem Tode 1729. Als Schriftsteller hat er sich weniger durch seine Ausgabe des syrischen N. T.(Lugd. Bat. 1708, und ferner 1709 u. 1717), die eine sichere kritische Methode vermissen lässt, als durch das sehr vollständige Wörterbuch dazu verdient gemacht(Lexicon Syriacum concordantiale. Lugd. Bat. 1709 u. 1719). 20) Wenn Kempffer hier„Er Edzard“ schreibt, so scheint er jenes — 1 Er noch erhalten zu haben, welches„in Anrede und Titel des 15. und 16. Jahrhunderts statt Herr als dessen Kürzung“ vorkommt. Vgl. Grimm, Wb. III, 52; Weigand, I, 398; Jütting, Biblisches Wörter- buch. Leipzig. 1864, S. 48. 21)„Ihrem Alter, ihrer Frequenz und ihren alterthümlichen Vor- rechten so wie der Bedeutung der Stadt nach, welcher sie angehört, be- hauptet die Universität Leipzig die erste Stelle unter den deutschen Akademieen, wie sie auch Georg I. in einem Edict von 1627„„die erste unter den Akademien der evangelischen Reichsstände““ nennt“(Tholuck). Im ersten Decennium nach Beendigung des dreissigjährigen Krieges zählte sie in manchen Jahren gegen 4000 Studierende. Man kann nun freilich nicht sagen, dass sie diese Frequenz lediglich ihren wissenschaftlichen Grössen zu verdanken gehabt habe. Die Annehmlichkeiten der Stadt, die corporativen Vorrechte so wie die reichen Stiftungen und Beneficien der Universität, die Möglichkeit für Unbemittelte in der reichen Stadt durch Unterricht etwas zu verdienen und nicht zum mindesten das dort einge- bürgerte allgemeine Interesse für gelehrte Bildung wirkten sehr wesentlich mit. Auch als Kempffer 1689, dem allgemeinen Zuge folgend, nach dem Pleisse-Athen sich wandte, hatte es auf theologischem Gebiete unter den Ordinarien J. B. Carpzov dem Jüngeren(geb. 1639, † 1699), Olearius (geb. 1639, † 1713) und dem schon hochbetagten G. Lehmann(geb. 1616, † 1699), den Extraordinarien Pfeiffer(geb. 1640, † 1698), V. Alberti(geb. 1635, † 1697) und Rechenberg(geb. 1642, † 1721), keine Kraft ersten Ranges. Kempffer erwähnt nur gelegentlich zwei von ihnen: es kam ihm jetzt nicht mehr auf Lehrer, bei welchen er lernen, sondern auf Schüler, die er lehren wollte, an, und auf die Art, wie er zu diesen gekommen, ist bei seiner Erzählung sein Hauptaugenmerk gerichtet.— Tholuck, a. a. O. II, S. 82— 95. 22) Friedrich Albert Christiani, früher Baruch geheissen, nahm jenen Namen an, als er 1674 zu Strassburg zum Christenthum übertrat. Seine plötzliche Entfernung von Leipzig, wo er bis 1695 das Hebräische dociert hatte, scheint allerlei ungünstigen Klatsch über ihn hervorgerufen zu haben; wenigstens gewinnt man aus Kempffer's weiter unten folgenden Mittheilungen über ihn ein günstigeres Urtheil. Die in der 16. Anmerkung erwähnte Leipziger Ausgabe von Abarbanels Commentar über die Pro- phetae priores hat er gemeinsam mit August Pfeiffer(vgl. Anm. 26) besorgt. Schon früher waren von ihm erschienen: Epistola ad Ebraeos ex Graeco in purum idioma Ebraeum—— translata, mit dem„Lebens-lauusf eines hehehrten Juden“ als Anhang. Lips. 1676, und Jonas illustratus. Lips. 1683. 38 Seine Schrift„Von der Tüden Glauben und Aberglauben“ hat Reineccius 1705 mit Nachrichten über sein Leben herausgegeben. 23) August Hermann Francke war am 12./22. März 1663 zu Lübeck geboren. Da sein Vater von Herzog Ernst als Hof- und Justiz- rath nach Gotha berufen worden war, studierte er von Ostern 1679 an zuerst ein halbes Jahr in Erfurt, bezog aber, mit einem reichen Lübecker Stipendium ausgestattet, im Herbste die Universität Kiel, wo er ausser bei dem Theologen Kortholt namentlich bei Morhof Vorlesungen hörte. Gegen Herbst 1682 begab er sich nach Hamburg und genoss hier zwei Monate lang, wie oben bemerkt(10. Anmierkung), den Unterricht Edzards, worauf er bei den Seinen in Gotha blieb, bis er Ostern 1684 nach Leipzig ging. Hier wurde er 1685 Magister und habilitierte er sich mit einer Disputation De grammatica ebraea, gründete auch im folgenden Jahre mit M. Paul Anton das Collegium philobiblicum. Michaelis 1687 begab er sich auf Veranlassung seines Oheims Gloxin in Lübeck, der ihm jenes Stipendium noch einmal verschafft hatte, nach Lüneburg, um unter der Leitung des Superintendenten Sandhagen seine exegetischen Studien fortzusetzen. Die Zeit, welche er dort bis zur Fastenzeit des folgenden Jahres zubrachte, betrachtet er als die eigentliche Periode seiner Wiedergeburt. Gegen Ostern 1688 ging er wieder nach Hamburg, um„sich der Information des Hrn. Winckler's zu bedienen“, des eben so sehr durch Gelehrsamkeit als durch aufrichtige Frömmigkoit und werkthätige Liebe ausgezeichneten Haupt- pastors zu St. Michaelis. Um Weihnachten wandte er sich von Hamburg nach Leipzig, blieb aber hier fürs erste nur wenige Tage und reiste am letzten Tage des Jahres zu Spener nach Dresden, von wo er, wie bereits am Schlusse der Einleitung bemerkt wurde, am 21. Februar 1689 nach Leipzig zurückkehrte, um bis zur Adventszeit hier zu bleiben. In diese Zeit also muss Kempffers Verkehr mit ihm fallen: schwerlich sind beide Männer schon in Hamburg während Francke's zweiten Aufenthalts daselbst in persönliche Berührung gekommen.— Moller, I., p. 185; Geffeken, Joh. Winckler, S. 369 ff., 242 ff., 444 ff.; Kramer, Beiträge zur Geschichte A. H. Francke’s, Halle 1861; Ders., Neue Beiträge 1875; Ders., A. H. Francke. Ein Lebensbild. 1. Thl. 1880, und bei Liliencron. 24) Es kann nur Johann Heinrich Michaelis gemeint sein, wel- cher seit 1688 in Leipzig studierte. Wenn freilich Kempffer angibt, sein nachmals berühmt gewordener Schüler sei damals schon Magister gewesen, so hat ihn seine Erinnerung betrogen. Denn Michaelis, 1668 zu Kletten- berg geboren, hatte, anfänglich für den Kaufmannstand bestimmt, in dem genannten Jahre zu Leipzig sein akademisches Studium überhaupt erst 39 begonnen. Magister wurde er erst 1694 in Halle, und zwar wurde ihm diese Würde von der Facultät unentgeltlich verliehen, weil er bereits als Lehrer sich trefflich bewährt, auch durch seine Habilitationsdisputation über Conamina brevioris manductionis ad doctrinam de accentibus Hebraeorum prosaicis sich ausgezeichnet hatte. Nachdem er 1698 unter Hiob Ludolf's Leitung zu Frankfurt a. M.(nicht a. O., wie Pelt in Herzogs Encyklo- paedie angibt) das Aethiopische studiert hatte, wurde er 1699 zu Halle Professor der griechischen und morgenländischen Sprachen, 1709 ordent- licher Professor und 1717 Doctor der Theologie, 1732 Senior der Facultät und Inspector des theologischen Seminars und starb 1738. Als Schrift- steller hat er sich besonders durch seine Ausgabe des A. T.(Halle 1720) bekannt gemacht. Sie ist mit kritischen und exegetischen Anmerkungen versehen, von welchen die letzteren übrigens erst bei den eigentlichen Propheten ausführlicher werden und bei den Hagiographen wieder weg- bleiben, weil der Verfasser das auf diese Bezügliche in den Uberiores annotationes in Hagiographos, 3 tom. Hal. 1720, zusammengestellt hat. Indess hat er hier nur die Psalmen, Hiob, das Hohelied und das 1. Buch der Chronik selbst bearbeitet, die übrigen Bücher sind theils von Christian Benedict Michaelis, theils von J. J. Rambach commentiert.— Christian Benedict, geb. 1680, † als Professor der Theologie und der griechischen und morgenländischen Sprachen zu Halle 1760, war Johann Heinrich's Schwesterschn; der bekannte Göttinger Professor, Hofrath und Ritter Johann David, geb. 1717, † 1791, der Sohn Christian Benedict's. 25) Tilemann Andreas Rivinus war als jüngster Sohn des 1656 verstorbenen Leipziger Professors der Medicin Andreas Rivinus 1654 ge- boren, machte seine Studien zu Leipzig und Wittenberg, wurde Licentiat der Theologie und 1689 nach Pfeiffers Abgang Archidiaconus zu St. Thomas in Leipzig und Professor der hebräischen Sprache, obwohl die wenigen Schriften, die er veröffentlicht hat, vorzugsweise in das Gebiet der Dogmatik und der praktischen Theologie gehören; † 1692.— Jöcher. 26) August Pfeiffer, 1640 zu Lauenburg geboren, studierte, auf dem Gymnasium zu Hamburg unter Gutbier vorgebildet, zu Wittenberg, wo er bereits 1659 Magister, 1668 Professor der morgenländischen Sprachen wurde. Nachdem er seit 1671 an verschiedenen Orten, zuletzt von 1675 an zu St. Afra in Meissen Pastor gewesen war, wurde er 1681 als Archidiaconus zu St. Thomas nach Leipzig berufen und erhielt hier 1684 neben der ordentlichen Professur der orientalischen Sprachen eine ausserordentliche der Theologie; im Herbst 1689 ging er als Superintendent nach Lübeck und starb hier 1698. In seiner Jugend selbst chiliastischen Lehren zu- 40 gethan, wurde er unter Calovs Einfluss ihr heftigster Bekämpfer und reizte die Gegner durch seine Angriffe so sehr, dass sie aus seinen Namen und Titeln die Zahl des apokalyptischen Thieres(Offenb. 13, 18) heraus- lasen. Auch den Pietismus hat er im Verein mit Carpzov und Valentin Alberti„2οlo usto maioret, wie der besonnene Moller urtheilt, verfolgt. Das dsννεενεeνεν eναμνν war eben seine Sache nicht, aber sein Talent und seine umfassende Gelehrsamkeit, namentlich im Hebräischen und den ver- wandten Sprachen, haben auch die Gegner anerkannt. Von seinen Schriften, welche grossentheils zu Utrecht 1704 in 2 Quartbänden zusammengedruckt worden sind, sind die Dacbia vexata(zuerst: Dresdae. 1679) und die Critica sacra(zuerst: Dresdae. 1680) die bedeutendsten.— Moller, III. p. 525— 542. 27) Johann Benediet Carpzov der Jüngere, Sohn des wissen- schaftlich bedeutenderen, 1657 als Professor der Theologie verstorbenen älteren J. B. Carpzov, hatte zu Leipzig, Jena, Strassburg und in Basel bei Buxtorf II studiert, war 1659 zu Leipzig Magister, 1665 Professor der Moral, 1668 Diaconus zu St. Thomas und Professor der orientalischen Sprachen, 1679 Pastor zu St. Thomas und Professor der Theologie ge- worden. Im Kampfe gegen A. H. Francke und die pietistische Bewegung in Leipzig war er,„das Haupt einer an der Universität zu Leipzig seit langer Zeit hochangesehenen Familie“, die eigentlich treibende Kraft, und er führte ihn keineswegs mit durchweg ehrlichen Waffen. Auf seinen Betrieb denuncierte die Facultät Francke und seine Anhänger beim Kur- fürsten. Darauf folgte am 12. August 1689 der Befehl des Kurfürstlichen Kirchenraths an die Universität, die Sache zu untersuchen und Bericht darüber zu erstatten. Von Ende September bis zum 10. October wurde die ziemlich resultatlose Untersuchung wirklich angestellt. Francke liess sich von Christian Thomasius ein rechtliches Gutachten über die Unre gel- mässigkeit des ganzen Verfahrens ausstellen und verfasste selbst eine eben besonnene als freimüthige V Fertheidigungsschrift. Auf diese replicierte dhe Facultät im Februar 1690, und am 10. März erfolgte ihrem Antrage gemäss der kurfürstliche Befehl,„dass endlich diesem Unwesen der Pie- tisten nachdrücklich gesteuert, alle ihre Conventicula, die sie sowohl auf den Stuben, als in der Paulinerkirche haben, zerstöret, insonderheit aber M. Fraucken seine collegia, unter welchem pnannen er sie auch zu halten vorgebe, gänzlich verboten, und die ziemlich verwirrete Academie wieder in Ruhe gesetzet, auch grösserem Uebel, so der ganzen Kirche zu befahren stehet, damit vorgebeuget werde.“ Francke war damals schon seit einem Vierteljahre etwa nicht mehr in La heige Polykarp Leyser III aber konnte, nachdem so die„Academie wieder in Ruhe gesetzet“ und der Sturm von 41 ihr nach Halle übergeleitet war, 1705 an J. H. May in Giessen schreiben (Tholuck, a. a. O. S. 95):„In diesen Gegenden leben wir übrigens durch Gottes Gnade in erwünschtem Frieden und Eintracht, und den inneren Kämpfen, welche die orthodoxe Kirche anderwärts beunruhigen, sehen wir nur von Ferne zu.“— Ueber Carpzov vgl. oben Anm. 21 und Kramer, A. H. Francke, S. 46 ff. 28) Graf Christian Ludwig von Stolberg Wernigerode, zu Gedern, einer kleinen Stadt im Vogelsberge, residierend und seit 1683 in zweiter Ehe mit Christine, Tochter des aufrichtig frommen Herzogs Gustav Adolf von Mecklenburg-Güstrow, vermählt. Seine Gemahlin wird, wie hier von Kempffer, so auch sonst als Tochter eines Herzogs„Fürstin' genannt, obwohl sie mit einem Grafen verheirathet ist. Neben der ihr innig befreundeten Benigna, einer geborenen Gräfin von Promnitz auf Sorau und seit 1667 Gemahlin Johann Friedrichs, Grafen von Solms- Laubach, war es besonders diese Fürstin Christine, welche den erweck- lichen Verkehr Speners mit den Grafenhäusern der Wetterau pflegte und vermittelte. Vgl. F. W. Barthold, Die Erweckten im protestantischen Deutschland während des Anfangs des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, besonders die Frommen Grafenhöfe; in Raumers Histo- rischem Taschenbuch. 1852, S. 168 f., 178 f. 29) Volkartshain, ein kleines evangelisches Pfarrdorf, etwa eine Stunde östlich von Gedern gelegen und gleichfalls, unter grossherzoglich Hessischer Oberhoheit, dem Grafen von Stolberg-Wernigerode gehörig. Im 14. Jahrhundert war die dortige Kirche eine Tochterkirche der zu Gedern. 30) M. Joh. Vincentius Runckel, 1652 zu Nidda geboren, war Praeceptor classicus am Pädagogium zu Giessen und starb 1691. Im Anfange des folgenden Jahres finden wir Kempffer bereits in derselben Stellung.— Strieder, XII, S. 161; XIII, S. 374. 31) Die Universität Giessen verdankt ihre Intstehung den calvi- nisierenden Neuerungen, welche Landgraf Moriz von Hessen-Cassel 1604 einführte. Von den Professoren der Universität Marburg, welche 1605 sich weigerten, seine drei„Verbesserungspunkte“ zu unterzeichnen, fanden mehrere, unter welchen die Theologen Winkelmann(† 1626) und Baltha- sar Mentzer(† 1627), der Jurist Antoni und die Philosophen Konrad Dietrich und Christoph Helwig die bedeutendsten waren, bei Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt entgegenkommende Aufnahme. Um ihnen einen neuen Wirkungskreis zu schaffen und ihre ausgezeichneten Kräfte seinem Lande zu sichern, errichtete er 1605 zu Giessen ein Gymna- sium illustre, welches schon 1607 die Privilegien einer Universität er- 6 42 hielt. Als 1623 Marburg nebst anderen zum Antheil des Landgrafen Moriz gehörenden Districten durch Spruch des Reichshofraths dem stets gut kaiserlichen Ludwig V zugetheilt worden war, wurde die Giessener Universität nach Marburg verlegt, kehrte aber in Folge der im westphäli- schen Frieden festgesetzten neuen Eintheilung im Jahre 1650 nach Giessen zurück. Das ganze Jahrhundert hindurch hatte sich Giessen unter den lutherischen Hochschulen Deutschlands eines guten Rufs und besonderen Ansehens zu erfreuen. Während aber in den beiden ersten Decennien des Bestehens der Universität bei ihrer theologischen Facultät, welche da- mals an Balthasar Mentzer ihren hervorragendsten und einen höchst wür- digen Repräsentanten hatte, der Eifer für die reine Lehre noch im Dienste einer wahrhaft evangelischen Gesinnung und eines praktischen Christen- thums stand, waren Mentzers beide Schwiegersöhne, Feuerborn(† 1656) und Haberkorn(†+† 1676), als sie 1650 mit der Universität nach Giessen zurückkehrten, Vertreter jener einseitigen scholastischen Polemik geworden, welche in Calov ihre vollkommenste Verkörperung gefunden hat. Noch heute, nach mehr als zweihundert Jahren, kann man wohl in Giessen das geflügelte Wort aus jener Zeit zu hören bekommen: Der Feuerborn und Haberkorn, Die haben die ganze Welt verworrn. Dass nach dem Tode Haberkorns und des bald nach ihm verstorbenen Balth. Mentzer 11(1679) ein freierer und milderer Geist in Giessen ein- ziehen durfte, ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass nach dem frühen Tode Ludwigs VII.(1678) die Landgräfin Wittwe Elisabeth Doro- thea, eine Tochter Ernst des Frommen von Gotha und der Richtung Spe- ners zugethan, als Vormünderin ihres Sohnes, des erst zehnjährigen Thronfolgers Ernst Ludwig, zu bedeutendem Einfluss gelangte. Von den Männern jener Richtung aber, welche für Giessen gewonnen wurden, ist Johann Heinrich May weitaus der bedeutendste. Im Jahre 1653 zu Pforzheim als Sohn eines Predigers geboren, begann er 1671 zu Wittenberg sein akademisches Studium, musste aber bald, weil seine Eltern im Kriege um all das Ihre gekommen waren, darauf Bedacht nehmen, sich selbst seinen Unterhalt zu erwerben. Wie Kempffer im Begriffe nach Schweden zu gehen, lernte er in Hamburg Edzard kennen, der ihm eine Stellung in Kopenhagen verschaffte und die Möglichkeit, den Winter über dort seine Studien fortzu- setzen. Darauf fand er zwei Jahre lang in Edzards Hause Aufnahme, wo er dessen Unterweisung genoss und zugleich die drei Söhne seines Lehrers unterrichtete. Seine Vita Jo. Reuchlini(Frankfurt u. Speier. 1687) hat er mit Worten des wärmsten Dankes seinen Hamburger Lehrern Edzard und 43 Anckelmann gewidmet. Von Hamburg wandte auch er sich nach Leipzig, wo er in den morgenländischen Sprachen privatim unterrichtete, und setzte dann in Wittenberg und Strassburg seine Studien fort. Im Jahre 1681 war er in Frankfurt a. M. Hiob Ludolf, den er in einem würtembergischen Bade kennen gelernt, bei der Correctur seiner Historia Aethiopica behülflich, und der berühmte Verfasser nennt ihn in der Vorrede„‚awenem eruditione et probitate praestantem, linguae Hebraeae et dialecti Rabbinorum peritissi- maumm. Nachdem er etwa ein Jahr lang Hofprediger bei dem Pfalzgrafen von Veldenz gewesen war, wurde er 1683 Prediger und Professor der hebräischen Sprache zu Durlach, von wo er 1688 nach Clodius' Tode als ordentlicher Professor der morgenländischen Sprachen und als ausser- ordentlicher der Theologie und Hofprediger nach Giessen berufen wurde. Die Collegia pietatis, welche er 1689 eröffnete, hatten bei ihm nicht minder, als die Förderung christlicher Gesinnung und Sitte, die Erweckung wissen- schaftlichen Sinnes und Strebens zum Zweck. Gleichwohl wurden sie von Philipp Ludwig Hanneken, Sohn des 1646 von Marburg nach Lübeck be- rufenen Menno und seit 1670 ordentlicher Professor der Tneologie zu Giessen, so heftig angegriffen, dass eine landesfürstliche Commission zur Untersuchung der Streitsache abgeordnet wurde, deren Entscheidung zu Gunsten Mays ausfiel, welcher um 1690 nach Rudraufs Tode ordentlicher Professor der Theologie, Superintendent der Marburger und Alsfelder Diö- cese, Stipendiatenephorus und Pädagogiarch wurde. Den noch immer nicht ruhenden Streitigkeiten entzog sich Hanneken, indem er 1693 einen Ruf nach Wittenberg annahm, und 1695 wurden sie nach einer abermali- gen commissarisehen Untersuchung dadurch geschlichtet, dass zwei von Mays Gegnern, die Philosophen Balth. Mentzer III, der im folgenden Jahre durch J. F. Mayers Verwendung Professor am Gymnasium zu Hamburg wurde, und Schlosser abgesetzt, zwei andere, der Theologe Phasianus und Nitzsch, der Professor der Ethik und Politik, auf drei Monate suspendiert wurden. May blieb trotz aller verlockenden Berufungen bis zu seinem Tode 1719 in Giessen. Er hat seine Ueberzeugung mit gleicher Auf- richtigkeit und Entschiedenheit gegen die Kritik Richard Simons und Le Clercs, wie gegen die Fanatiker der lutherischen Lehrcorrectheit, P. L. Hanneken, J. F. Mayer u. a., verfochten und ist unter Speners Anhängern neben J. H. Michaelis und J. J. Rambach derjenige, welcher mit der Forderung lebendiger christlicher Frömmigkeit die gründlicher Gelehrsam- keit und wissenschaftlichen Strebens am entschiedensten verband. Ja Tholuck(Das kirchliche Leben im 17. Jahrhundert. Berlin. 1861 u. 62, II, S. 186) sagt von ihm:„Ist irgend einer unter den zahlreich neben 6* 44 Spener aufgetretenen Characteren, welcher an theologischer Gründlichkeit, masshaltender Besonnenheit und christlicher Liebe ihm zur Seite gestellt werden kann, so ist es wohl May.“ Unter den Erzeugnissen seiner sehr fruchtbaren Schriftstellerei sei ausser den gelegentlich erwähnten nur noch hervorgehoben seine Oeconomia temporum V. T.(Frankfurt a. M. 1706) und N. T.(Gissae. 1708), welche, angeregt durch Coccejus' Förderaltheo- logie, einen noch wenig beachteten aber sehr beachtenswerthen Ansatz zur Darstellung einer heilsgeschichtlichen Theologie enthält, oder der biblischen Theologie im Sinne einer Darstellung des geschichtlichen Werdens der Offenbarungslehre.— Nebel, Kurze Uebersicht einer Geschichte der Uni- versität Giessen; in Justi's Vorzeit. Marburg. 1828, S. 116—192; Tho- luck, Das akad. Leben, II, S. 34— 43; ders. Das kirchl. Leben, II, S. 186 — 189.— Ueber May: Moller, a. a. O., p. 522(im Anhang zu dem Artikel über Mays Bruder, den Kieler Professor der Geschichte Joh. Bur- chard May); Strieder, VIII, S. 326— 349.— Ueber den Giessener Pie- tistenstreit insbesondere: Dibelius, Gottfried Arnold, S. 77 ff. 32) Ueber Kempffers Dissertationen vgl. das S. 3 der Einleitung vorläufig Bemerkte. Die De lastrationibus cet. findet sich in der Samm- lung der May'schen Euaercitationes(Francof. a. M. 1711) p. 479— 510 unter dem Titel: Dissertatio philologica de lustrationihus et purificationibas Hebraeo- rum, celeberrimo Anglo, D. Joanni Spencero, opposita. Ouam praeside Domino D. Jo. Henrico Maio, ro honoribus magisterialibus legitime consequendis T⁴³οιον̈νõ'U εναοοςοννν sic!] ramini subjecit Andreaus Kempfer Lemg. Guestphalus; Illustris Giess. Paed. Praec. Class. d. 19. Febr. Anno 1692. Sie ist gegen Spencer(† 1695), welcher in seinem berühmten Werke De legibus Hebracorum ritualibus(zuerst Cantabrig. 1685; später mit einer Dissertatio praeliminaris von Chr. M. Pfaff: Tubing. 1732, Fol.) die Analo- gisierung der alttestamentlichen Riten mit heidnischen und die Folgerungen Garaus zu weit getrieben hatte, insbesondere gegen die 3. Abhandlung des 3. Buches gerichtet, welche eben de lustrationihus et purificationibus Har aso⸗ rum handelt. In den Präliminarien der Tübinger Ausgabe wird auf Grund dieser Dissertation nicht Kempffer, sondern May unter den Gegnern Spencer's aufgeführt.— Von den beiden anderen Dissertationen lautet, nach W eg- lassung der voranstehenden hebräischen Titulatur gleichen Inhalts, der voll- ständige Titel: I. De stupendo Israelitarum sub duce Angelo Creatore per mare rubrum itinere, dissertatio philologica, approbante et consentiente Amopliss. Silasepern Ordine, pro licentia publice praesidendi, eramini Eæcellentissimorum Dun. Professor aeme haujus Ordinis in Alma Ludoviciana, a. M. Andrea Kempffero, Praec. Class. Tllastr. Paedagogii Giesseni, 45 publice subjecta. H. Lque C. Anno MDCXCVI die 18. Jan. Gissae Hassorum. Tupis Henningi Mülleri.— 2. De stupendo Eraelitarum subh duce Arca Foederis per Jordanem transitu, dissertatio philologica, quam Ssub praesidio Domini M. Andrede Kempfferi, Ilustr. Paedag. Giesseni Praec. Class., fautoris, pracceptoris et cognati sui omni honoris atgue amoris cultu pro- sequendi, pablice qe‿οννονντνν õ[sic!] disquisitioni submittit Joh. Philippas Schmidius, Philologiae ac Theol. Studiosus, Alsfeldia— Hassus. H. Lque consuetis. A. C. MDCXCVIT die 21. Febr. Gissae, Tupis Henningi Mülleri.— Beide befinden sich auf hiesiger Universitätsbibliothek. 33)„Die 4 Capite!“, hier charakteristischer Weise als bekannt vor- ausgesetzt, sind eben die 4 ersten Capitel der Genesis, welche in Edzards Methode als eigentliche Grundlage des ersten Unterrichts im Hebräischen eine grosse Rolle spielten. Edzard selbst hat sie in Kupfer stechen lassen: Cuataor capita priora Geneseos hebraica, Edzardi auspiciis, cura ae sum- ptibas aeri quam emendatissime a Joach. Wichmann, scalptore hanbargensi, mneisd. Hamb. 4— ohne Jahresangabe.— Von Opitz(s. oben die 6. Anm.) sind sie im 3. Theile seines Atrium linguae sanctae ausführlich analysiert worden, Bürcklin hat sie zu Frankfurt a. M. 1696 aethiopisch und latei- nisch, 1700 arabisch und lateinisch„in usum studiosorum“ drucken lassen, und G. Otho's 1702 gleichfalls zu Frankfurt a. M. erschienene Palaestra linguarum orientalium ist nichts anderes, als ein mit Einleitung und Glossar versehener Abdruck dieser 4 Capitel in der hebräischen und samarita- nischen Textesgestalt, mit den Targumim, der syrischen, samaritanischen, arabischen, aethiopischen und persischen Uebersetzung, jeder dieser Bestand- theile wieder von einer wörtlichen lateinischen Uebersetzung begleitet, und „eo fine seorsum edita, ut Linguarum Stadiosi habeant, in quibus se ewerceant.“— Woher Karl von Raumer in seiner Geschichte der Päda- gogik(2. Aufl. II., S. 137, Anm. 1) die Notiz hat, Edzard habe A. H. Francken, nachdem dieser auf seinen Rath die 4 ersten Capitel der Genesis mit Hülfe einer Uebersetzung sich völlig geläufig und bekannt gemacht, gezeigt,„dass er nun schon den dritten Theil der hebräischen Worte inne habe“, weiss ich eben so wenig zu sagen, als wie es um die Richtigkeit dieser Rechnung bestellt ist. 34) Ueber die äusseren Lebensverhältnisse Georg Christian Bürck- lin's(so, nicht„Bürklin“, schreibt er sich selbst auf dem Titel seiner Schriften) sind nur sehr spärliche Nachrichten vorhanden. Eine ausführ- lichere Biographie, welche Neubauer verheissen, ist nicht erschienen, Jöcher nennt ihn gar nicht, und selbst der emsige Strieder hat nichts weiter über ihn ermitteln können, als dass er der Sohn eines Kaufmanns 46 war, welcher znerst in Strassburg, dann in Durlach lebte und hier als Bürgermeister gestorben ist, dass er in Giessen studierte, 1693 Magister wurde und nachher Lehrer am Pädagogium, nach 3 Jahren aber seine Entlassung aus dieser Stellung bewirkte,„weil er sich entschlossen, mit allem Ernst sich auf die Sprachen zu legen und solche als Stipendiaten- major und Magister zu lehren“ und dass er dieses auch mit Fleiss und grossem Beifall bis an seinen Tod 1716 gethan, indem er zugleich, wie Kempffer, J. H. May in dessen philologischen Lehrfächern vertrat. Das ungünstige Urtheil, welches Kempffer über ihn fällt, dürfte aus einer per- sönlichen Misstimmung über den Collegen hervorgegangen sein; denn Bürcklin war als Gelehrter und Lehrer keineswegs ohne Verdienst. Schon das erweckt ein günstiges Vorurtheil für ihn, dass er gleich beim Beginn seiner schriftstellerischen Thätigkeit des trefflichen Mercier(Mercerus) Com- mentar über die 5 ersten unter den kleinen Propheten neu herausgab (Giessen. 1695), sowie, dass er später in Gemeinschaft mit J. H. May die 3. Ausgabe des Clodius'schen A. T. besorgte(Frankfurt a. M. 1716). Auch im Aethiopischen galt er für so tüchtig, dass Chr. M. Pfaff, 1709 auf sei- ner wissenschaftlichen Reise aus England zurückkehrend, sich eigens nach Giessen begab, um bei ihm diese Sprache zu lernen: Hiob Ludolf war 1704 gestorben. Ja nach dem, was in der vorigen Anmerkung über Bürcklins Verhältniss zu„den 4 Capiteln“ angeführt worden ist, stand er nicht einmal der Edzardischen Methode so fremd gegenüber, als es nach Kempffers Bericht scheinen möchte.— Strieder, III, 60 ff., 337 f. 35) Immanuel Tremellius, ein geborener Jude(geb. zu Ferrara 1520, † als Professor zu Sedan 1580) verfasste auf Veranlassung Fried- richs III. von der Pfalz und mit Unterstützung seines Schwiegersohnes Franz Junius(geb. zu Bourges 1545, † als Professor zu Leyden 1602), welcher die Apokryphen allein bearbeitete, zu Heidelberg, wo beide damals Professoren waren, eine Uebersetzung des A. T. und des N. T., des letzteren aus dem Syrischen. Sie erschien zuerst Frankfurt a. M. 1575— 79 und hernach öfter, in London, Genf und Hanau, wurde aber in den späteren Ausgaben, namentlich nach Tremellius' Tode, von Junius selbst vielfach verändert. Die beste und vollständigste Ausgabe hat Paul Tossanus besorgt: Hanau. 1624 f. Vgl. O. F. Fritzsche in dem Axtikel„Vulgata“ bei Herzog, XVII, S. 453 f.— Bürcklins Dissertation, auf welche Kempffer Bezug nimmt, führt den Titel De interpretatione Junio-Tremelliana in Hebracam linguam et accentuationem impingente. Gissae. 1696. 4. 36) Dieser kühne Studiosus war Rudolph Martin. Meelführer, der Sohn von Joh. Christoph M., welcher auch seiner Zeit in Giessen 47 studiert hatte und 1672 dort Licentiat der Theologie geworden war und 1708 als Stadtpfarrer und Dechant in Schwabach starb. Auch der Sohn wurde später Licentiat, wohl doch zu Altorf, obgleich es ihm dort nach Kempffers Angabe bei der Disputation nicht glänzend ergangen war. Nach einem unruhigen akademischen Wanderleben ging er 1712 in Augsburg zur römischen Kirche über, scheint aber da seine Rechnung nicht gefunden zu haben und wurde 1725 in Leipzig wieder Protestant. Nachdem er sich sodann eine Zeit lang in Gotha und in Holland aufgehalten, wurde er auf der Rückreise im Fuldischen auf kaiserlichen Befehl östgenommen und starb im Gefängnisse zu Eger.— Die vollständigsten, wenn auch immerhin noch dürftigen, Nachrichten über den räthselhaften Mann finde ich in Zedlers Universallexikon, XX., S. 28 ff., wo auch seine unbe- deutenden Schriften verzeichnet sind; vgl. Weismann, Introductio in memorabilia ecclesiastica. Halae 1745, II, p. 471, 504.— Die Disputation mit Meelführer nun, bei welcher Kempffer mit ganz besonderem Wohlgefallen verweilt, war im Grunde doch nur ein Stück akademischer Renommisterei, wie sie damals öfter vorkam. Dem genialen Christoph Helwig(geb. 1571), welcher zu Marburg mit 14 Jahren Baccalaureus, mit 18 Magister geworden war, sagt man nach, dass er dort und nachher in Giessen in hebräischer Sprache disputiert habe; Chr. M. Pfaff(geb. 1686) hat 1702 im Stift zu Tübingen bei Gelegenheit einer herzoglichen Visitation eine samaritanische Rede gehalten und von Dilherr in Jena(† 1669) heisst es, dass er im Stande gewesen sei, in 8 Sprachen zu disputieren. Tholuk, a. a. O. I., S. 143 f. 37) Der„Tractat“ des berühmten Maimonides(† 1204), dessen Kempffer gedenkt, ist in seinem grossen Ritualcodex Jad chazaka(vgl. Deut. 17, 18) der 2. Abschnitt des 2. Buchs, welcher den Titel führt nr -2e 1”, d. i. Gebet und Priestersegen, und im 14. und 15. Capitel die Satzungen über den Priestersegen enthält. Vgl. Wolf, I, p. 841.— Den von Kempffer erwähnten Tractat Meelführers, welchen ich nicht einmal in irgend einem Verzeichnisse der Schriften Meelführers genannt sehe, habe ich durch einen glücklichen Zufall noch vor Thorschluss auf niesiger Universitätsbibliothek unter den Schriften von J. H. May auf- gefunden. May aber, obwohl Präses bei der Disputation, ist doch in die- sem Falle nicht auch der eigentliche Autor der Dissertation gewesen, son- dern hat ihr nur auf zwei Seiten ein lateinisches Glückwunschschreiben an Meelführer als ihren Verfasser beigegeben. Er erwähnt hier, dass früher schon Menno Hanneken in Marburg, Helwig in Giessen, Bohl in Rostock hebräisch disputirt hätten, und man wird es nicht als ein Zeug- 48 niss in eigener Sache verwerfen wollen, wenn er die Universität Giessen wegen des besonderen Eifers rühmt, mit welchem damals das Studium der Heiligen Schrift in der Grundsprache betrieben wurde:„Ludoviciand nostra palmam forte aliis Academiis dabiam facit, si non praeripit, in Linguarum cultura, cum viæ reperiateer Studiosus Theologiae, gui non in ipsis fontihus aut legat Seripturam, zat ad eam legendam fidelium Magistro- rum manu ducatur.“ Die Dissertation selbst ist ganz hebräisch geschrieben und umfasst einschliesslich des lateinischen Titelblattes 20 von der Rech- ten zur Linken gezählte Seiten, dann folgen 4 Seiten mit den üblichen Elogien von Fachgenossen und Gönnern, die sämmtlich an dem Namen Meelführer herumkalauern, und unter welchen sich, merkwürdig genug, auch ein hebräisches Gedicht mit der Unterschrift findet:„Paucis hisce Clarissimo Domino Autori, doclissimoque Hebraeo, Fautori suo amico hono- ratissimo, gratulari voluit M. Andreas Kempffer, Illustris Paedag. Giesseni Praec. Class.“ Ein hebräisches Titelblatt und Mays Glück- wunschschreiben machen den Schluss. Der lateinische Titel gibt den Inhalt an:„De benedlictione sacerdotali“, der hebräische: απ ma. Kempffer hat ihn also, auch wenn man das fälschlich in das Manuscript hineingerathene „ vor dem ersten hebräischen Worte streicht, mit seinem.α☚πνπõmMO<ᴵv⁴na, d. i. Benedictiones sacerdotum, nicht genau wiedergegeben. Mays Gratu- lation ist vom 18. Mai 1697 datiert, die Disputation auf dem lateini- schen Titel gleichfalls auf den Mai, doch unter Freilassung eines Raumes für die Tagesangabe, angokündigt. Die wesentlichen Angaben des latei- nischen Titels lauten: Dissortatio Ebraeo Talmadica de Benedictione sacerdotali, quam—— Ssub praesidio— Joh. Henrlel Mah— Hebraice defendet respondens autor Rodolphus Martinus Meelfüh rerds, Francus. Giessae Hassorum. 1697.— Ueber die Punkte, in Bezug auf welche Kempffer im weiteren Verlaufe seinem Gegner vorwirft, dass er nichts davon verstanden habe, sei bemerkt, dass PrP, d. i. Subtilitas, die Grammatik bezeichnet, z. B. als Titel des ersten, grammatischen Theiles von D. Kimchi'’s bonen; SSe, d. i. Praecisum, ein im Status absolutus, und n, d. i. coniunctum, ein im Status constructus stehendes Wort. 38) Ueber die incorrecte und„grobe Aussprache“, wegen deren die Galiläer von den Judäern verspottet wurden, vgl. die Belegstellen a Talmud, welche Wetstein zu Matth. 26, 73 mittheilt. 39) In diesem Satze ist nicht alles in Ordnung. Mein verehrter College D. Franz Dolitzsch bemerkt darüber:„ο 8290 sagt man nur auf Buchtiteln, nicht so wie im Manuscript. Morenu ist, wer das Rabbinats- diplom erhalten hat. Dieses nennt man„„das Morênu““ us dem Es gibt die 49 Ermächtigung der san, entscheidenden Lehrens.“ Und ferner:„Rabbim= Rabbinen ist ein Unwissenheitsfehler. Allerdings ist-(-) ein Lehrer- Titel, aber er bildet keinen Plural gleicher Bedeutung;- heisst magni oder malti und nichts weiter. Rabbinen heissen-*2ο(22), was in dem Manuscript falsch a-r=n geschrieben ist, weil jüdisch rabbonim gesprochen wird. Dieses-- ist nicht Plural in der Bedeutung des Singular 720. Der Singular ist auszeichnender Titel im Unterschied von- oder, aber der Plural bezeichnet Lehrer im Allgemeinen.„Unsere Rabbinen“ heisst eniad, aber viad ohne Suffix ist unsagbar. Jenes„Rabbim“ zZeigt, dass bei dem Sichrühmen jüdischen Wissens etwas Aufschneiderei unter- läuft“ Ich möchte doch für den ehrlichen alten Kempffer in Bezug auf das„Rabbim“ die Möglichkeit eines augenblicklichen Lapsus, in Bezug auf das-,- die eines Irrthums von Seiten seines ersten Nach- oder Ab- schreibers offen halten, durch welchen das unberechtigte„ im Manuseript in das Wort hineingerathen sein könnte.— Was nun- aber die Sache, den Unterschied zwischen dem n und den ma= angeht, so gibt darüber Buxtorf, De abbreviaturis Hebraeorum(zuerst 1613; ich citiere nach der 2. Ausgabe von 1640), p. 115, die interessante Auskunft:„Morenze Latine est, Doctor noster: nam* Doctor. Hic titulus novus est, infra qucentos annos natus in Germania, inde in Italiam traductus, quod valde miratus fuit Don Isaac Abarbinel, ex Hispania in has terras veniens, ut ipsemet scribit in Commentario in Pirke aboth, cap. 6. Ferunt occasionem hujus tituli fuisse consuetudinem Christianorum, qui doctrinae laude excellentes viros suos promoverunt in Doctores. Inde Judaei voluerunt etiam inter Doctores habere, qui supra alios Rabbanim seu Magistros eminerent. S ee vel u Morenu creatus fuit, qui Rabbi antea erat, ut reliquorum Rabbanim sive Magistrorum caput esset, et Synagogae Rector, Praetor ac judex summus, judicandi ac puniendi jus habens. Idem usus adhuc hodie inter ipsos durat.“ Vgl. auch Leusden, Jonas illustratus. Traj. ad R. b. 65. 77 k. 40) In Bille rtshausen, einem kleinen evangelischen Pfarrdorf, in Hessen-Darmstadt zwischen Alsfeld und Kirtorf gelegen. Kirche und Schulhaus, welche es mit Angerod gemeinschaftlich hat, liegen zwischen beiden Orten, von einem jeden eine Viertelstunde entfornt, auf einer 350 Meter hohen Anhöhe, sind also ganz„in der Lage“, dem Pfarrer von Billertshausen eine regelmässige gesunde Bewegung zu verschaffen. Sie führen den besonderen Namen„das Gethürms“. 41) Nach freundlicher Mittheilung des gegenwärtigen Pfarrers zu Herrn Bierau, ist im Verzeichnisse der Billertshäuser 76 Billertshausen, 50 Verstorbenen aufgeführt:„Herr M. Andreas Kempfer, Pastor huj. loci, aet. 85 an. Die Eltern waren Herr M. Johannes Kempfer b. m., weyland Pastor und des Ministerii Ecclesiastici Senior wie auch des Gymnasii illustris Scholarcha in der Stadt Lemgo in Westphalen. Uxor war bei seinem Tode am 25. August 1743: Frau Anna Margaretha, eine gebohrene Försterin. Leichentext war 2. Tim. 4, 7:„„Ich habe einen guten Kampf gekämpft““ u. s. w. Beerdigt wurde er am 27. August 1743.“— Ob unter den noch vorhandenen alten Grabsteinen auch der seine sich be- findet, hat sich bei der völlig unleserlich gewordenen Schrift nicht ermit- teln lassen. Uebrigens scheint die Notiz des Leichenregisters darauf hin- zudeuten, dass Kempffer sich zum zweitenmal verheirathet hatte, was sich auch aus der am Schlusse der Selbstbiographie vorkommenden Erwähnung einer sechszehnjährigen Tochter ergibt. — amgo Jobst Kemper"eines Bürgers Sohnn,*ca 1580, †1640., 0Oo Margarete Flörke. Magister Johannes kKkemper*10. 7.1610, 4+431.8.1682, 1644-75 Pastor zu 8t. Nokolai L.Ehe oo 1644 Christäna Drepper, IL. Ehe 0O 1657 Adelheid Pöppelmann + ca 1655 1637- 1721 Kinder Kinder 1)5r. Joachim K. 0OoO Maria Magdalena Brott Mandreas kK. 15.7.1658- 25.8. 1743 *1646+ 1706 1669- 1750 1676: Univ. Jena. 2) Dr. Engelbert K. 0OSophia Wilszach 167S nach Lieme zuriück infolge 1651-1716 1684-1761 Mi btellosigkei t des Naters, 1680 mit Engelbert nach Schweden 3) Johann K., Rat v. Bayreuth+ 1705 1684 dann zu Prof. Edhard nach Hamburg bis 1689 1689 nach Leipzig, unterstützt durch A. H. Franke, dann nach Gießen. Heirat 1687 LeEhe 0O Maria Dorothea Neurath*14. X. 1671 Kinder v. Dr. Engelbert K.: Tochter d. Majors u. Schultheiß von 1) Amalia Florentäna+1704 Alsfeld Konstantin N.[Vorfahre des 2) Amalia+25.XII. 1714 Außenministers] 3) Friedrich Adolf+2. I.1715. IL. Ehe oO Anna Margarethe Förster. Aus LeEhes(3 Kinder) 1) Johann Georg Kempfer, Rektor in AlSsfeld, später Wetzlar. 2) Johanette Juliane K. 00 1.Ehe Leutnant Stamm. 2.Ehe Schultheiß Braun. 3) Maria Dorothea Kempfer *11. 2. 1698 in Gießen, +16.8.1783 in Frohnhausen 00 12.9.1726 mit Kantor Joh. Georg Schoenhals in Frohnhausen 1702-1788. Kinder v. Dr. Joachim K.: 1) Dr. Johann Hermann, Haupterbe Engelberts+1736 2) Christine Marie+ 1728 3) Maria Magdalena, 1695-1773 Geschwister des Andreas K.: 2) Johann Henri ch, Medicus in Stavanger †vor 1718 3) Johann Daniel,+ 1709 4) Maria Magdalena ooAlbert Meyer, Buchhändler u. Bürgermeister in Lemgo 1669- 1711 1668-1722 5) Anna Catharina 00 Johann Christoph Meier aus Rheda, Rektor in Lemgo 1673- 1749 Andreas k. erhielt im Jahre 1708 von dem Erbteil seiner verstorbenen Mutter 70 Taler ausbezahlt. Die übrigen 230 hatte er bereits zum Studium und im Ehe- stand verbraucht.(Nach d. Testament der Mutter Adelheid, die aus der bekannten Herforder Familie Pöppelmann s tammte u. mi t dem berühmten Erbauer des Dresdner Zwingers verwandt vwar.)— Nach dem Tode der Mutter Adelheid protestierte A. K. gegen eine 1720 vorgenom- mene Anderung des Testaments d. Mutter, die ihre Tochter Anna(Catharina durch ein Codi cill zur Universalerbin eingesetzt hatte. A. begründete seinen Einspruch: nweil die Mutter ihres sehr hohen Alters halber gar schwach an Verstande gewesen, dergestalt, daß alle ihre actiones ein kindisches Vesen gezeigt, teils dieselbe mich jedoch ohne Ruhm zu melden, jederzeit vor ihren liebsten und frommsten Sohn gehal- tenn Außerdem seien keine 7 Zeugen dabei gewesen. Sie war nicht befugt, mich als ihren leiblichen Sohn gänzlich zu übergehen u. über solche Güter, die mir von Va- bers wegen zus tändig sind, zu disponieren. Der Prozeß geht bis 1728. Der Ausgang ist nicht überliefert. 8 2 —— 44—5 H Sb SS)— Colour& Grey Control Chart Blue Cyan Wnite Grey 1 vellow Hed Srèey 3 Grey 4 Green Grey 2 Magenta Black D. CHRISTOPH ERNST LUTHARDT DER RECTOhR DER UNIVERSITAT D. LUDWIG LANGE DESIGNIERTEN DECAN DER TIEOLOGISCIHEN FACULOTAT D. GUS IAV A0OL EFE LUDWIG BAUR. ANDREAS KEMPFFERS SELBSTBIOGRAPHIE NACH DEhR GIESSENER HANDSCHRIEFT ZUM ERSTENMAL HERAUSGEGEBEN. EINGELEITET UND ERLAUTERI. ———— HHHGAnh!”!- N l AIAIAITINNNNNNRRNNNRRRHFnnFfhit Hnnnannnn 2 3 4 5 6 7 8 9 1o 11 12 13 14 15 16 DRUCK VON ALEXANDER EDELMANXN. UNIVERSITATS-BUCHDRUCKER.