& Segrüßungskneiße des Fünfzigiäßrigen Stiftungsfeſtes des Giessener CTlingolf 5. Auguſt 1902 von Tſeodor Vaßl (Gi. 80— 85). Begrüßungskneipe des 50-jährigen Stiftungsfeſtes des Gießener Wingolf 5. Auguſt 1902 von Theodor Cahl (Gi. 80— 83). ₰ Hof⸗ u. Univerſitätsdruckerei O. Kindt, Gießen. Perſonen. I. Scene. Fuxmajor Erſter Fux Zweiter Fux Kneipzeitungsredakteur Junger Philiſter. In dem Traumbild. Geiſt der Kneipzeitung Ein Stifter SEin Fux Metzger Malkomeſius Sin Philiſter in mittleren Jahren Der Geiſt des Hauſes Mneipzeitungsredakteur. Schlußſcene. Kneipzeitungsredakteur Philiſter, Studenten. I. Scene. (Nebenzimmer am Kneipſaale im Wingolfshauſe— ein Tiſch in der Mitte, an den Wänden Bilder— Feſtſchmuck. Fuxmajor(FM.) tritt ein mit 2 Füxen.] Fan. So weit wär' alles fertig und bereit. Zum Feſte fein geſchmückt und wohl gerüſtet Steht uns das ganze Haus. Sie werden ſtaunen Die lieben Brüder und die werten Gäſte Und der Philiſter hochwillkommner Schwarm Schon heute Abend, wenn ſie es erſchau'n Im fünfzigjährgen Jubelfeierglanz! Der Aneipſaal prangt wahrhaftig tadellos— Noch ein paar Stunden nur, dann läßt der Aneipwart Sein donnerndes Silentium erklingen, Und unſer Jubelfreudenfeſt hebt an.— Doch halt! was ſeh' ich? Schnell, ihr Füxe, her Mit friſchem Grün, das wir für dieſen Sweck Sorgfältig ſonderten vom ſonſtigen Schmucke— Das beſte ſchier wär' unſerm Blick entgangen! Die Bilder hier der Stifter noch umflochten Mit ſchlichten Ranken dieſes Immergrüns, Daß ihr Gedenken dadurch hochgeehrt Vor Aller Augen ſichtbar ſich bekunde! [Die Füre ſchmücken die Bilder.] Sind's doch die Stifter, unſre Heldenahnen, Die einſt, von Furcht und Zweifel unbewegt, Geſchworen zu des Wingolf Fahnen Und hier in Gießen ihm den Grund gelegt. Bei Euch, ihr Füxe, bleibe ihr Gedächtnis Wie heute ſo in Ehren allezeit, Uns Allen aber bleib' als ihr Vermächtnis Die echte Wingolfstreu und Tapferkeit! [(Uneipzeitungsredakteur(Red.) und ein jüngerer Philiſter Phil. Erſter — 1— (Phil.) treten ein.] Sieh da— der Tauſend! Iſt es hier ſchon fein! Das wird ein Leben werden heute Abend— Ich freu' mich wie ein Kind auf's Wiederſehn Mit ſo viel alt und jungen Freunden!— Jungens, [Sieht in den Kneipſaal] Das habt Ihr wirklich prächtig hergerichtet, Da kommt ſo ganz von ſelbſt die rechte Stimmung, Das fünfzigjähr'ge Jubelfeſtgefühl! Ich glaub', heut' Abend ſchon wird's rieſig voll— Es wimmelt in der Stadt bereits von Gäſten. Fux. Ei freilich, ganz beſonders zahlreich ſind Schon liebe Brüder da; von allen Seiten Hat ſie die Bahn uns zugeführt. Aus Marburg Und Darmſtadt ſind ſie Alle faſt gekommen, Doch auch von weiter her ſah ich ſchon Viele. Daß der Empfang am Bahnhof nur recht pünktlich Verſehn wird! Sind genügend Leute dort d , Zweiter Fux.'s iſt Alles ganz genau verteilt. Ein Jeder Weiß ſeinen Platz und ſeine Zeit. Wir löſen Uns poſtenweiſe ab, gleich kommen wir dran. Wie ſteht's mit den Philiſtern d hat's ſchon viele d Wir rechnen heut auf ein beſetztes Haus. Seid unbeſorgt! Wenn's nur nicht zu beſetzt wird, So gut beſetzt, daß ſchließlich keiner ſitzt! Philiſter willſt du ſehn d Na, Knödelredax, Dir kann geholfen werden, Mann! Ich ſag' dir, Philiſterwolken wälzen ſich heran. Am Seltersberg gab's vorhin ein Gedränge— Was war's d Philiſter nur, die ſchwere Menge! Und was für welche d Schaut die Kerls Euch an! — 5— Erſter Fux. Ja, und die Meiſten kämen mit der Frau, Sagt mir der Lux, der weiß es ganz genau! Sweiter Fux. Auch feine Wingolfstöchter kämen mit! Red. Ka, Fux, da giebt's für dich was zu pouſſieren, Da wirſt— wie neulich— du auf Schritt und Tritt Den Ritter Toggenburg markieren Und Morgen früh bereits mit mildem Kopfweh Das Schönſte auf den Fluren ſuchen gehn. (Alle lachen. FM. Laß doch den Fux in Ruh, er wird ganz rot Sagt lieber, wer ſchon da iſt von den Leuten!— Phil. Da kann ich Euch ſchon etwas Auskunft geben, Dooch ſind's ſo viele, daß ich mit Verlaub Nur nenne, wer mir grad' ſo in den Sinn kommt. Nach einer kleinen Pauſe, während der er ſich an den Kopf greift. Die Andern horchen geſpannt.] Der Erſte, den mein Auge heute froh erblickt, Das war in ſeines Leibes ganzer Stattlichkeit Von Jugenheim der Matthes, ein gewichtger Mann, Von deſſen Tritt das Gießner Straßenpflaſter dröhnt. Zur Rechten ſchritt ihm— vornehm, elegant, modern An Kleid und Gang und Haarſchnitt— der von Seeheim, Der Vogel, der noch immer nicht ſein eigen Neſt gebaut. Zur Linken ging der Hentgraf, ſchtlich indigniert, Daß wir das fünfzigjährge Jubelfeſt zu feiern In Eberſtadt bei„Nippchen“ uns entſchloſſen nicht. Dann kam der Erzbiſchof von Echzell, Meiſter hildebrand— Von Weitem hört' ich ſein melod'ſches Lachen ſchon Und ſeiner würzereichen Rede flüſſig Gold. Ihm folgt, geballt zu Haufenformation, Alles, was„Wahl“ heißt— viele Mann hoch— aufmarſchiert. 6 In allen Farben prangte ihrer Häupter Haar, In allen Lagen tönte ihrer Stimmen Chor.— Die Fritſche ſah ich dann— doch mehr noch hört' ich ſie, Denn weit im Umkreis ſchrieen ſelbſt die Steine„Au“ Ob der vereinten Witze Malauergewalt.— Tief zog den hut ich, als darauf von Ungefähr Von Mainz ich eine ganze Schaar beiſammen traf: Den großen Konrad Frohn, von weißem Bart umrankt, Im Auge eine Welt voll Seele und Gemüt.— Den Peter Grünewald, einſt hieß man ihn Die„Säule des Hallenſer Wingolf“, ſicher ein Beweis, Daß ſtat'ſche Kräfte dieſem Peter mangeln nicht. Carl Wilhelm Vogt ſodann, des großen Ohmes Würdiger Reffe, weit berühmt von Mund und Taten— Dann unſer Bert von Weiſenau, der meiſt nur Syriſch ſpricht, Und Lucius, der Juſtitia ſchneid'ger Ritter, Als„Laien“⸗Synodaler ſattſam uns bekannt—— (etwas ungeduldig). Doch ſahſt du keinen aus der Reſidenz, Micht aus des Odenwalds geheimen Gründen— Fand keiner derer noch den Weg hierher, Die bei dem Aar im Vogelsberge horſten d Wo ſind die Männer aus der Wetterau, Der güldnen Aue unſres Heſſenlandes— Wo bleibt das Solmſer Land, wo Lich und Laubach— Wo Büdingen, das oberheſſ'ſche Nizza— Wo bleiben Alle aus dem ſand'gen Ried, Gleich hochberühmt durch Sage wie Geſchichte d Und hat nur Mainz die edeln Herrn geſandt— Riß ſich kein Andrer aus dem Weinland los Und von des Rheinſtroms grünen Rebenhügeln 7 — — 27— Phil.(lachend). Halt ein! halt ein! Du wirſt mir zu poetiſch, Ich merk', du haſt ſchon ordentlich geladen— Recht, Unödelwart, wir harren deiner Taten. (Bed. macht verzweifelt abwehrende Bewegungen.] Doch habt Geduld, noch bin ich nicht am Ende. Vor allem bringen uns die nächſten Züge Beſtimmt noch Gäſte, ſo ſchon der von Frankfurt, Der Schnellzug um halb ſechs— da kommt noch Alles Von Süden, was der Blick bisher vermißt. Indeſſen ſah ich mehr ſchon, als Ihr ahnt! Rur ſchenkt mir die genaue Reihenfolge Und geographiſch⸗ſyſtemat'ſche Ordnung. Ich will Euch ſchnell noch einige Namen künden, Wie ſie im Kopf ſich grade mir zuſammen finden. Mit ſeinem Leibburſch Ohly ging der Nies von Melbach, Sin würdig Paar! Der Pfarr von Ginsheim— wie gewöhnlich— Schalt wieder Gott und alle Welt und tobte heftig, Weil Jeder jeden„Merch“ total verlor, Und Mies, der Tücht'ge, nickte ſchmunzelnd Beifall ihm; Mit Anmut trägt zur Schau er ſanfte Lutherfülle, Und ſeine Aeuglein blinzeln orthodox vergnügt. Die Brüder Weber traf ich auf dem Kreuz zumal— Den Wolf und unſern Freund der sacra musica Den lieben Noſos— ihm zur Seite ſchritt be⸗ dachtſam Vom Main der Baurat mit nach hinten fort⸗ geſetzter Denkerſtirn. Mit dem Lang⸗Gönſer Paſtor, unſerm Baif, er⸗ ſchien Von Wetterfeld der Scriba— beide diskutierten ſcharf Die wicht'ge Frage, wie Ausſterben der Familie Wirkſam und gründlich zu verhindern möglich ſei, Und beide fanden gleiche Löſung dem Problem.— — 8— Im Café Ebel ſah am Billard— ganz wie einſt— Den Zeck vom„Wieſe“⸗Strand ich, und vom „Felda“⸗Grunde Den Sauſſer, in Aunſtſtöße beide tief vertieft; Von Reichelsheim der Fiſcher, unſer alter Jockel, Sah zu und gab mit jener feinen Ironie, Die ihn ſo reizend kleidet, ſeines Witzes Senf Zu jedem Stoß, und traf oft beſſer, als die Spieler ſelbſt!— Von Frankfurt füllten wir ein ganzes Zugabteil: Vor allem die aus Darmſtadt und Umgebung Sah zahlreich ich. Da war der Gottfried Weimar Webſt ſeinem Bruder, dem von Nieder⸗Ramſtadt— Die beiden Kolbe, unſer Fips, der Schneider, Dein altberühmter Knödelvorfahr, Redax, Und ſelber manchen Knödels unſchuldvoll Objekt— Die Waitze auch, der vielgewandte Shrenwaitz Und auch ſein Sohn, der werte Hans— des Wingolfsbundes Hiſtoriograf, und allenthalben wohlberühmt. Von Pfungſtadt fuhr der lange Baruch Röm⸗ held mit— Er ſann darüber nach, ob nicht vielleicht er In dieſen Tagen eine Conferenz hier gründen ſoll, Gleichviel, von welcher Art!— Von Umſtadt auch der Loos ſaß bei uns, Er war bei Laune— flehend fragt' den Schaffner er, Ob ſicher auch der Zug nach Rom nicht führe, Er wolle„Los von Rom“, wie ſchon ſein Name ſage— Und ſeine ſtolze Naſe glühte ſanft ob ſolchem 4 Scherz.— Auch heyl, den„Daniel“, ſah ich— mit ihm Sugen Schrimpf, ſein Leidgenoß, Weil beiden für den Satzbau des Gefühles das Objekt noch fehlt, Den dicken Unodt fand ſpäter vor der Aula ich Mitſamt den Dreien, die in ſchwerer Zeit — 9— Mebſt ihm einſt dort das rigorosum abgebüßt— So zieht's den Täter an der Untat Stätte! Bei ihm ſtand Onkel Müller, unſer Wachen⸗ heimer, Und Kaiſers muſikaliſches Genie Und Hannes Weiß von Selzen— er, wie Onkel Müller, Um unſres Feſtes feuchte Seite wohlverdient. Erſter Fux leinfallend). Iſt das der Weiß mit der Skala „Wein— Weiner— am Weinſten— Mit den Marken von„60 Pfennig bis zu den feinſten“ d Still, Fux, mit deinem ſchnoddrigen Gerede Und ſtör' nicht des Philiſters Schilderung—— Laß ihn nur! Gleich bin ich fertig. Soll ich reden noch Von Zipp und Mäuschen, die der Südanlage einſtens Schmuck verlieh'n— Sie wandelten elegiſch-heiter durch die Stätten Einſt'ger Erfolge ihrer Eleganz! Soll ich das Corps der Abſtinenzler nennen Euch, Die für das Feſt gemeinſam eine Wasgonladung Prickelnden Selzerſprudels ſich beſtellt— Den Marx von Lißberg und den lieben Albert Waldeck— Den Dittmar auch, den Betzler und als Hoſpi⸗ tant der Gruppe Den Koch von Berſtadt, unſern Bien, der manch⸗ mal nur Vom Antialkoholprinzip ſich wendet ab 5 Soll reden ich, wie, in dem Antlitz milden Freuden⸗ glanz, Das Bruderpaar aus Schwickarts- und aus Wallern⸗ hauſen Sich nahte mir, der große und der kleine Bär—— 10— (hat zuletzt nervös in alten Kneipzeitungsbänden geblättert). ——— Genug, genug! Mir wird's ganz ſchwindlig von den vielen Namen! FMN. Es iſt auch Zeit. Ihr Füxe müßt zur Bahn— Auch ich hab' einen Gang noch vor— Philiſter, Machſt du ihn mitd— Du, Ansdelwart, haſt doch Was Ordentliches präpariert d Red.(erregt). Das iſt's ja, Was ſchier mich zur Verzweiflung bringt! Nichts hab' ich Oder doch nichts Geſcheit's! Ich könnt' mich prügeln— Unapp noch vier Stunden bis zur Aneip'! Was fang' ich Aur anp———— Phil. Kalt Blut! Jetzt laſſen wir dich ſorglich Allein, da kannſt du noch in Muſe ſchaffen. 's wär eine Schande, wenn heut Abend nicht Ein flotter Knödel ſtiege! Leute, kommt. Laßt ihn allein mit ſeinem Genius! FM.(hat durchs Fenſter geſehn). Grad kam der Singwart, mit ihm ſein Quartett, Sie werden üben wollen für heut Abend— Ich ſage, daß ſie ungeſtört dich laſſen Und droben ihren Harmonieen fröhnen. Gehab dich wohl! Auf Wiederſehen! Alle. Auf Wiederſehen! [(Alle ab, außer Red.] Red.( wirft ſich in einen Stuhl und blättert, den Kopf in die Hand geſtützt, unruhig in alten Kneipzeitungsbänden). Hum Kuckuck auch! Sonſt war ich doch ſo dumm nicht— Heut iſt's, als wär die Kehl' mir zugeſchnürt, Als wär' im Hirn das letzte Schmalz vertrocknet! Auch hier bei Euch, poet'ſche Vordermänner, Find' ich die Regung nicht zu eigner Tat! [Steht auf und geht erregt auf und nieder.) (hin Lec han hint — — 1 1— Zu voll iſt mir das hHerz, zu viel Gedanken An unſer Feſt beſtürmten mich ſeither— Vor Fülle weiß ich nicht, wo aus, noch ein! Wie pack' ich's an, wo greif' ich wahres Leben, Wie ſchürz' ich meiner Verſe raſchen Fluß, Daß wie ein wechſelſeitig Nehmen⸗Geben Der Brüder Herzen es durchfluten muß 7 (Lieſt ſeinen Uneipzeitungsentwurf durch.] So kalt und leer erſcheinen mir die Worte, Ich kann ſie nicht dem Jubelfeſte weihn. Ach! bräche aus der Dichtkunſt goldner Pforte Ein Strahl von Leben mir in's Herz hinein! [Hinter der Bühne erklingen leiſe Quartettklänge, etwa„Drum halte, Burſch, die Stunde feſt“ oder anderes.] Da horch! Wie lieblich dieſe Töne ſchwellen— Wie werden ſie zu trauter Mahnung mir! Sollt' jetzt der Born der Poeſie nicht quellen d Noch einmal ſei's verſucht mit ihr!— (Legt ein Blatt Papier zurecht und ſetzt ſich mit dem Blei in der Hand an den Ciſch, den Kopf in die Hand geſtützt. Das Quartett hinter der Bühne ſingt leiſe weiter. Der Red. ſchläft ein— ſein Kopf ſinkt langſam auf den Tiſch.] II. Scene. [Kneipzeitungsred.(Red.) ſchläft.— Der Geiſt der Kneip⸗ zeitung tritt auf— Schalksnarrenkoſtüm, in der Hand eine Rieſenfeder, milde Mephiſto⸗Sprechweiſe.] Geiſt. Da ſchlummert er, mein braver Muſenſohn, Dem ſchon manch gut und böſer Reim gelungen; Doch heute hält's dem flotten Jungen Recht ſchwer, zu treffen ſo den rechten Ton. Sieh da, noch liegt vor ihm das Blatt Papier In blütenweißer Unſchuldsreine. Red. 2 1 Was gilt's, mein Lieber, helf' ich dir Ein wenig auf die dichteriſchen Beine d Ich nehm' ihn ſanft und zart an Traumes Hand Und führ' ihn hin auf liebliche Gefilde, Und was er träumend dort an Bildern fand, Das wird ihm ſelber zum poet'ſchen Bilde. (Berührt den Schläfer mit der Feder, der hebt den Kopf und ſieht ihn verwundert und ärgerlich an. Wie, ſeh' ich recht— ein Fremder hier 5 Ich hab' doch Niemand kommen hören. Muß läſtiger Beſuch mich wieder ſtören d Zum AKuckuck, das verbitt' ich mir. Wer ſeid ihr, Herr, und wie kamt ihr herein— So fremd und ſeltſam an Geſicht und Kleidung d Der Geiſt bin ich von dieſer Zeitung, Die heute dir, mein Sohn, ſchafft ſchwere Pein. Wie ich ſo Manchen vor dir ſchon erleuchtet, Zo bin ich dir auch helfend gerne nah Bei jedem Schluck, der je die Kehle feuchtet, Ich heiße Hans, wenn ich Euch jemals ſah! Auf Cerevis, Ihr ſeid mir gänzlich unbekannt! Still, Freund, nicht vorſchnell ſollſt du dich verhauen! Konnt'ſt du bisher mein Angeſicht nicht ſchauen, Zo haſt du doch mein Wirken oft erkannt, Wie manchmal haſt du ſuchend wohl geblättert In alten Bänden, ſchwarz⸗weiß gold geziert— Und haſt mit Liebe konſtatiert, Wie viele vor dir ſchon den Pegaſus erklettert. Den Pegaſus— nicht das vulgäre Pferd, Das jeder Goethe, jeder Schiller reitet— Nein, meinen Gaul— von ganz beſondrem Wert, Der auf der alma mater Fluren weidet— Den Knödel⸗Pegaſus, der ſchon ſeit alten Tagen Manch flotten Studio, ſo wie dich und viele, Zu Scherz und luſtigem Gedankenſpiele Geit Beſch hand d ſieht in. — 15— Gar oft mit wenig Witz und viel Behagen In's Land harmloſer Poeſie getragen. Rennſt du mich nund— Red.(freudig aufſpringend). Geiſt aller Geiſter! Geiſt. Sei mir gegrüßt, geliebter Hexenmeiſter! Nie ſtellteſt du zu beſſ'rer Zeit dich ein— Laß mich dein treuer Zauberlehrling ſein! Ich bin in tötlichſter Verlegenheit. Man heiſcht von mir zum fünfzigjähr'gen Feſte Tönender Verſe ſchier das allerbeſte Doch nichts— ach! nichts, was taugt, iſt mir bereit— Uein Vers, kein Witz— ach! nicht der blödſte Reim! Wie hab' ich deinem Pegaſus geſchmeichelt— Die alten Borſten vor⸗- und rückwärts ihm ge⸗ ſtreichelt— Meinſt du, das Vieh geht auf den Leim Still, Söhnchen, ſtill und nicht zu populär! In Stil und Formen, bitte, erſter Klaſſe! Ich komme ſchon, zu ſtillen dein Begehr— Es muß was werden von beſondrer Race, Was du beſingen willſt, du ſollſt's erleben! Iſt's auch ein Träumen nur— es ſoll dir geben Die rechten Klänge für die Wirklichkeit. Sollſt mir im Traum von der Vergangenheit Im Fluge etwas mit durchſchweben.——— So naht euch ſchnell, ihr luftigen Geſtalten, Und dennoch dem Gedenken ſo vertraut! Sollt dieſem Jungen einen Vortrag halten, Mit dem er dann den Freundeskreis erbaut. Beſchreibt Zauberkreiſe mit der Feder und geht rückwärts ſchreitend ab.] — 14— III. Scene. [Red.— Stifter— Fux— ſpäter Andre. Stifter(ganz weißes Haar, altmodiſch, altes Kneipcerevis auf— breitet die Arme aus— ſpricht begeiſtert; er tritt mit dem Fux von der dem Red. abgewandten Seite ein). So nimm uns auf, du freundlich lieber Raum, Den heut zum erſtenmal die alten Augen ſehen. Fr Wie grüß' ich würdig dichd Ich faſſ' es kaum, Es geht mir durchs Gemüt wie Frühlingswehen! Vergangne Zeiten werden wieder jung, Im trauten Heime unſrer Wingolfsſöhne Steigt mir, verklärt von der Erinnerung, Die Jugend auf in zauberiſcher Schöne! (Sieht die Bilder der Stifter im grünen Feſtſchmuck.) Da ſeid ihr ja, ihr alten lieben Knaben, Und jedes Bild von friſchem Grün umrankt! 's iſt ſchön, daß ſie uns nicht vergeſſen haben— Euch Jungen ſei die Pietät gedankt. Da ſind ſie alle— meiſt vereint ſchon dorten, Wo ſich in's Schau'n ihr Glaube längſt verklärt; Doch heut iſt ihr Gedächtnis friſch geworden, Weil ihrer Taten Frucht ſie ſelber ehrt! (Schüttelt dem Fuchs die Hände.) R. O, Fux, du hätteſt ſie erleben ſollen Die Zeiten damals, groß und wunderbar! Wie da in Herzen, in begeiſtrungsvollen, Der Wingolfsgeiſt auf einmal mächtig war! Wir gingen anfangs nur ans Werk mit Zagen— Hu kühn ſchien der Entſchluß, zu hoffnungslos— Doch hoch und höher wurden wir getragen, Und mit der Tat ward jeder ſelber groß. Ja— wie ſie damals kamen heim von Halle, Wo ſie des Geiſtes friſchen hauch verſpürt— Ich ſag' dir, Fux, da war es für uns alle Gewiß, daß uns ein höhrer Wille führt. 2 15— Wie da der Meyer— ſieh, das iſt ſein Bild— Ich ſeh' ihn heut noch, wie er fragte da: „Seid ihr den Wingolf jetzt zu bau'n gewillt d“ Hei, wie erklang's da— ein begeiſtert„Ja“! af- Wir bauten ihn! Es ging in Gottes Namen— itt wit's war heil'ge Glut, die unſer Herz durchdrang, Und Gott der Herr ſprach zu dem Werk ſein Amen im, Und ſo geſchah's, daß unſer Bau gelang! zen. Fux. Ja wohl, herr Stifter, und Sie werden ſehen, kaum, Der Wingolf iſt hochgradig anerkannt! vehen! Wenn morgen unſre Jubelfahnen wehen— Ganz Gießen kommt aus Rand und Band! Stifter. Nicht das iſt's, Fux, was ich zu ſpüren geize— Wie fröhlich auch mein Herz mit eurem ſchlägt! Ich ſehne mich doch nach beſondrem Reize, Es iſt ein beſſrer Wunſch, der mich bewegt. Ich will ihn ſchau'n, den Wingolf, hoch an Jahren, t An deſſen Wiege ich als Stifter ſtand; An ſeinem Feſte will ich's heut' erfahren, Ob ihn das Alter gleich der Jugend fand. Ob er nach fünfzigjährigem Beſtehen Sich einer neuen Jugend zeige wert: Dann will ich ſtill und dankbar gerne gehen— Dann hat mein Herz erlebt, was es begehrt. Red.(hat ſie inzwiſchen den beiden zugewandt und verwundert zu⸗ ehört). 1 Was hor' ich da für wunderbare Klänge— Wie kommt es über mich mit ſüßer Macht d Das ſind ja fünfzigjähr'ge Feſtgeſänge— war! Ich hätt' ſie beſſer ſelbſt nicht rund gebracht. n(Begrüßt lebhaft den Stifter.) Das iſt famos, Herr Stifter, was Sie ſagten, Das giebt zum Feſt den rechten Grundakkord. Das mein' ich auch: den Stiftern, den Betagten, lle Gebührt beim Feſt der höchſte Ehrenort. 4 Stifter. Nicht SEhre, Freund, nur Liebe laßt uns ernten Und Dank, der ſich in rechter Tat bewährt— Mur den Beweis, daß unſre Enkel lernten, den— en, rklärt; 1, Zände.) 16 Was ihrer Väter Beiſpiel ſie gelehrt. Und der Beweis, mich deucht, er iſt gelungen— Im neuen Haus ſpür ich die alte Art. Gott ſegne Euch, ihr friſchen Wingolfsjungen, Und helf' Such, daß Ihr treu den Geiſt bewahrt! Red. Dank, Dank, Herr Stifter, für die gute Meinung, Die ſich in alſo liebe Worte hüllt. Ich hoff', des Wingolf heutige Erſcheinung, Es gleicht dem Bilde, das Ihr Herze füllt! Mun aber laßt es uns gemütlich machen, Weil wir einſtweilen ſchon ſelbander hier. Du, Fur, treib keine überflüſſ'gen Sachen Und hol' vor allen Dingen Bier! (Sie ſetzen ſich. Fux geht ab und kommt ſogleichmit Bier wieder.) Stifter. So laßt uns denn das Glas mit Freuden heben, Das uns geſpendet liebe Gaſtlichkeit! Sin Hoch dem Gießner Wingolf! Er ſoll leben— Ein Vivat-— Crescat— Floreat alle Seit! Sie ſtoßen lebhaft an. Inzwiſchen tritt auf ein Phi⸗ liſter(Phil.) in mittleren Jahren, am Arme führend den Metzger Malkomeſius(Malk.), letzterer in Metzgertracht mit Schürze und ſchwarzer Seidenkappe.) Red. Ach, ſchau, da nahen ſich ſchon neue Gäſte— Das iſt ja ſchön, wie ſich der Schwarm vermehrt! So wünſchen wir's zum Jubelfeſte— Ihr Herrn, willkommen, ſeid uns lieb und wert! (Begrüßung— man nimmt platz. Fur holt Bier.) Phil. hier meinen alten lieben Hausphiliſter Den bring ich mit, ich traf ihn an der Lahn. Malk. Ihr herrn, eich ſein en alter Deitſcher, dos wißt er, Un ſage duſchur grad eraus, wos eich maan. Alſo do ſein eich, un eich freu mich driwwer. Ihr hobt mich zwor net ingelare, Ihr Herrn, Awwer wos ſoll eich dozu ſage— liewer Halt ich mei Maul un komme trotzdem gern. Denn, daß Ihrſch's wißt, ihr Herrn, die ſchwoarze Kappe, Däi wor'n von jeher mei Liebhawerei— Waaß Gott net nur von wege dem Berappe, (macht Geldzähl⸗Bewegungen mit den Fingern) er, arze gern) Phil. Fur. 8 ◻ S. Malk. Phil. Eich maan, die ganze Gießener ſtimme bei: Däi Wingölf— ach, mir denkt's noch ganz weit hinne— Do läife ſe noch ſo vertreppelt erim— Awer bei de Stramme wor'n ſe allemol zu finne Un bei de Birger harre ſe hill e Stimm. Mir Gießer ſein net vor de Kopp gehaage, Mir wiſſe aach, was recht is und ſolid. Do häiß es gleich: die ſchwoarze Kappe drage, Däi ſein aach gud for's Eſſe und for die Mied. Doch das allein nicht, wie Sie ſelbſt betonen— Das Geld allein iſt's nicht, das uns verband. Die Farben, die nun fünfzig Jahr hier wohnen, Die haben längſt in Gießen Wurzelſtand. Auf Gießner Boden konnt ſie ſich entfalten, Des Gießner Wingolff friſche Eigenheit. Laßt uns auch künftig treu zuſammenhalten Den Bürgern Gießens ſei mein Dank geweiht! Und zählt die Lahnſtadt gleich nicht zu den großen, So gilt von ihr der Spruch: lein aber fein! Hier war ich froh— hier blühten meine Roſen Dier will ich heute wieder glücklich ſein! Erlaub', Philiſter, Dich zu unterbrechen: Von„klein“ kann man bei Gießen nicht mehr ſprechen. Haſt Du den Bahnhoſsneubau nicht erſchaut, Richt ſonſt die Häuſer all', die man hier baut d 's iſt faſt ſchon wie in Frankfurt hier— wir haben Auch Wiener Café's— Volksbad und ſo fort— Ja wohl, auch treibt man jede Art von Sport! Doch dies Semeſter bracht' als beſte aller Gaben, Die jeder Gießener mit Stolz nur nennt: Netto den tauſendſten Student! Dadruf, ihr Herrn, wolle mer emol die Gläſer hewe: Unſer Gießener Sturrende ſolle läwe! Und unter all den flotten Muſenſöhnen, Die jetzt ſelb Tauſend dieſe Stadt verſchönen Ich wett', ihr Gießener ſagt ja— — 18— Steht auch der Wingolf Eurem herzen nah! Malk. Das maan eich! Wann eich nur an unſ Märercher denke! Von Euch, ihr Herrn, hot aach ſo Mancher hier gefreit. SEich kenn''ere ſelwer, un eich loß mich henke, Wann's von Euch Aaner hot bereut. Phil.(lacht). Das ſtimmt— ich glaub', wahrhaftig Keiner! Ich weiß es ganz genau— bin ſelber Einer! Malk.(ſchlägt ihm lachend auf die Schulter). Es is jo wohr, Sie ſein jo aach ſo en Eringeſchneiter— So ein in die Gießener Birgerſchaft Eningefreiter! Awer ich maan, ich mißt'ere noch mehr kenne— Kennt' eich ſe nur all bei Nome nenne! HPhil. Da kann ich helfen— warten Sie einmal: Da iſt zum Beiſpiel von Schlitz der Franz Wahl Und der Adolf in Gerau und hier der Schmecken⸗ becher—— Malk. leinfallend). Dos is ja Aaner von Eure Hauptmächer! Alle Reſpekt dervor— dos is mei Mann, Der was Rechtes will un was Rechtes kann! Ohil. ffortfahrend). Und aus des Oberkonſiſtoriums hoch⸗ heiligem Rat Der Herr Doktor Walz, der neue Prälat— Und dann der Kriegsgerichtsrat, der Koch. Und der Vogt von Mainz und von homberg noch Der Port und der Weimar hier, der Oberlehrer, Malk.(einfallend). Dos wor jo dem Annache Koch ſei Verehrer— Un des Beckel's Schorſch, mir denkt's noch wie heut, Der hot ſich aa aus der Meuſtadt gefreit! Fux. Ei, ſo viele! Das hab' ich noch gar nicht gewußt— Da kriegt man wahrhaftig ſelber Luſt! Stifter(iſt aufgeſtanden und ſteht vor einem alten Bilde von Gießen— begeiſtert). So lag ſie da im Abendſonnenſcheine, Die liebe Stadt am Silberband der Lahn. von Als damals wir im traulichen Vereine Von Gleibergs Höhn in's Tal herniederſahn. Acht Tage erſt in feſte Form gegoſſen War uns der Geiſt, der feurig uns durchdrang. Vom ſchwarz⸗-weiß goldnen Band die Bruſt um⸗ ſchloſſen— Wie unſer Wingolfslied ins Weite klang! So waren wir zur Burg emporgeſtiegen, Moch einmal zu beſiegeln unſern Bund. Im Sommerſonnenglanze vor uns liegen Sahn wir die Landſchaft weithin in der Rund'. Die Dörfer all, umwogt von Ahrenſegen, Den Fluß entlang ein lieblich Perlenband— Und mitten drein die traute Stadt gelegen, Die neue Heimat, die der Wingolf fand. Da war's, als kläng' von oben her ein Mahnen, Als ſpräch' ein Geiſt zu uns, der höher iſt: Dort iſt Dein Reich! Dort geh in Deine Bahnen— Dort zeige, Wingolf, daß und wer Du biſt! So ſind wir feſt und immerdar verbunden Mit dieſem lieben Gießner Heimatland! Gott weiß— ſo oft ich mich hierher gefunden— Mein altes Herz entglüht in Jugendbrand! Phil. liſt zu dem Stifter getreten und hat leicht den Arm um ihn gelegt). Nicht immer freilich iſt's uns glatt gegangen, Es fehlte manchmal nicht an hartem Strauß; Ich weiß es noch, wir dachten ſelbſt mit Bangen So hie und da: mit Lieb und Luſt iſt's aus. Doch immer galt das Wort: wo Kampf, iſt Leben! Im Kampfe ward der Moſt zu Wein geklärt. Und ob wir nach dem beſten Frieden ſtreben: Des Wingolf Sache wird im Kampf bewährt! Stifter. Im Kampf! Gedenkt auch jener hohen Zeit, Da Wingolfsbrüder unter deutſchen Fahnen Hinzogen in den heil'gen Völkerſtreit! Gedenkt der Toten— denkt der Veteranen! 20— Laßt ihr Exempel uns ein Wahrſpruch ſein: Im Kampf des Geiſtes wie des Schwertes Tritt freudig allzeit auch der Wingolf ein Zum Schutz des vaterländ'ſchen Herdes! Und daß zum Kampf der beſte Mut Euch bleibt: Der Mut, zu kämpfen wider eigne Schwächen, Der Mut, mit Falſchem rückſichtslos zu brechen— Zielklar zu ſuchen, was Euch vorwärts treibt! Dorwärts— ja, ſolch ein Wort, das hört man gerne— Wir ſchwärmen Alle rieſig für's Moderne! Und immerfort und vorwärts drängt uns ſchon Allein die Pflicht der Repräſentation! Seit wir ein eignes Haus verwalten, Giebt's, wahrlich, immer Meues zu geſtalten. Das neue Heim! Ja, ja, ich laß es gelten, Doch auch die alten ſollt Ihr mir nicht ſchelten, Die lieben Uneipen alle— dumpf und klein— Und doch ſo voller Luſt, voll Jugendſonnenſchein! Wie denk' ich ihrer gern von manchem Jahr, Der Stätten alle, da ich glücklich war! Und ob Alles noch ſo vergilbt und verſchoſſen— Wie war's von Jugendzauber umfloſſen! Auf dem„Lahnſtein“ draußen an der Lahn— Wie urgemütlich ſah das Ding ſich an! Wenn Winters klappernd wir die Glieder wärmten Und draußen Main⸗Weſer⸗Züge vorüber lärmten. Und dann die Kneipe, ſo eng und ſo ſchräg— Bei Meiſter Luft auf dem Neuenweg. Sin Krappeln und Kraxeln war's ohnegleichen, Bis man glücklich die Bude tät erreichen— Und drinnen ein Tabaksqualm zum Schneiden— Und doch, was für fröhliche, ſelige Zeiten! Wenn ſo Machts um die Geiſterſtunde Zich zu lichten begann die ſtattliche Runde Und plötzlich in dem ſeßhaften Schwarm Meiſter Luft erſchien, die Zither im Arm. Wie er lächelte ſinnig und ſtill für ſich in! Und liebkoſend über die Zither ſtrich Und dann mit einem Male mit Macht Anhub ein Lied von der Türkenſchlacht——— Hei, wie klang es ſo wunderbar, Der Sang von„Blankenſteins huſar“— Das dröhnte wie der Schwadronen Ritt, Und wir Alle ſangen den Rundreim mit: „Tonja— Tonja— Tonja— ta: Tonja— Tonja— Tonja— ta: Tonja— Tonja— Tonja— ta: Echt Blankenſteins Huſar!“ (Er ſingt, bei der Wiederholung fallen Alle ein, Malk. ſchlägt mit der Fauſt den Takt auf dem Tiſch.) Red. Und doch— Ihr werdet's nicht beſtreiten 's iſt doch ein ander Ding jetzt mit dem Haus. HPhil. Wahrhaftig ja, da ſeid Ihr zu beneiden— Wie ſtolz und herrlich ſiehts hier oben aus! Stifter. Gewiß, nun braucht man fürder nicht zu ſorgen: Wo ſchlägt der Wingolf ſeine Zelte auf d Im eignen Heime, feſt und wohl geborgen, Beginnt er neuer Zeiten Lauf. Malk. Dos maan eich aach! Hier läßt ſichs gemiedlich zeche, Awer, Ihr Herrn, doderbei haaßt's aach ordent⸗ lich bleche! Red.(ſeufzt). Ach ja, das iſt das weniger Angenehme! Wenn nur nicht immer ein neues Bedürfnis käme! Furx. Und wenn die Philiſter nicht immer ſo ſchimpfen wollten— Den Beutel öffnen, aber die Maſe nicht rümpfen wollten! Red. Still, Fur, und ſei nicht undankbar, Die Philiſter tun ihre Pflicht fürwahr! Zwar bezüglich der Feſtbeitragsverpflichtung Huldigten Manche der platoniſchen Richtung— Meinten, die Hauptſache ſei die Idee, Wollten nichts wiſſen vom Portemonnaie; Doch Andre haben es klar erkannt: Will Feſte man feiern, muß Geld ins Land. Und beſonders die Philiſter hier in Gießen Phil. Red. Fux. — 22— Haben ſich übertreu bewieſen. Was ſie nur taten für des Feſtes Gelingen, Das ſollt' man in Heldenliedern beſingen, Und dieſes hauſes Werden und Erhalten— Wem danken wirs als der Philiſter Walten d Ich hörte, es haben nach ſchönem Brauch Zu unſres Feſtes Verherrlichung auch Die Wingolfsſchweſtern und Frauen undBräute Treu mitgeholfen——— Ich ſag' Euch, Leute— Das iſt nun ſchon mehr koloſſal— Einfach ſtilvoll und phänomenal! Werft hier ins„Schmuckkäſtchen“ einen Blick hinein— Sagt ſelber, könnt's hier ſchöner ſein d Die Tapeten, ſo ſtimmungsvoll anzuſchau'n— Ein mildes Grün— ein ſolides Braun, Und an die getäfelte Wand im Kreiſe Sitzbänke geſchmiegt nach der Väter Weiſe— Wohl geeignet zu allen Zwecken, Zu Spiel und Plaudern und Scherzen und Mecken! Wie wir zu ſolcher Herrlichkeit kamen d Alles geſtiftet von unſern Damen! Ich meine, der Wingolf iſt wohl geborgen— Wenn Frauen und Jungfrauen ihn alſo verſorgen! Gewiß— ich will ja auch gar nicht klagen— Aber das eine darf man doch ſagen, Daß uns für unſer Wingolfshaus Immer noch mancher Wunſch ſteht aus. Und darin iſt der Herr Profeſſor Stamm Manchmal uns etwas gar zu ſtramm. So ärgert uns Alle— ich ſag' es kühn— Im Uneipſaal die plumpe Muſiktribün', Auf der die Muſikanten vor Keuchen und Schwitzen Uönnen weder blaſen noch ſitzen. Und weil ſie den Schönheitsſinn uns beleidigt, hätten wir ſie gerne beſeitigt— Sähen an ihrer Stelle lieber he — zen —— — 25— Ein Büffet— fein— von modernem Kaliber! Oder wie manchmal ſchuf uns Verdruß Der mangelhafte Haustürverſchluß— Meint Ihr, dem Erſten könnt's gelingen, Den„Hallenſer Patent⸗Drücker“ anzubringen, Der— aller Drücker Ideal— Den Mißſtänden abhilft mit einem Mal d Wenn wir ſo dann und wann uns ein Herze faſſen Und den Herrn Profeſſor unſre Wünſche hören laſſen: Meint Ihr, der Mann ſäh unſre Gründe ein 5 Er ſagt:„Das werden nur ſo Stimmungen ſein— Die kommen und gehen mit den Semeſtern.“ Und ſo bleibt es übermorgen wie geſtern, Und ob wir's wollten noch ſo gern— Wir ſind noch lange nicht genügend modern! Stifter. O, Kinder, ſtill— verderbt Euch nicht die Freude Durch kleiner Klagen jugendlichen Groll! Seht von hier oben doch hinaus ins Weite Wie wohnſt Du jetzt, mein Wingolf, wundervoll! Und wenn nicht Alles noch nach Wunſch geraten, Wenn Manches noch dem Hoffen übrig blieb: Seid froh! da iſt noch Raum für neue Taten— Da iſt noch Saft für neuer Blüten Trieb! Der beſte Schmuck des Hauſes unter allen— Mußt doch Du ſelber ſein, Du junge Schaar, Muß doch der Geiſt ſein, der in dieſen Hallen Sich ſelber treu bleibt Jahr für Jahr! (Der Hausgeiſt tritt plötzlich auf. Antikes Koſtüm— bekränzt mit einem Eichenlaubkranz— trägt in den Händen und in den Falten ſeines Gewandes verſchiedene Gegenſtände.) Hausgeiſt. Ich höre meinen Mamen nennen, Weiß nicht, woher die Herrn mich kennen. Doch weil Ihr mich ruft, ſo bin ich ſchnelle Zur Stelle Und grüße Such zu Eurem Jubelfeſte Als meine Gäſte: Denn dieſes Hauſes Geiſt bin ich genannt! Fux ſſpringt auf). Der Hausgeiſt in höchſteigner Perſon— Das iſt wahrhaftig rieſig int'reſſant! Dos is— waas Gott— en boſſiger Patron! Hausgeiſt. Laßt heute mich in ſchlichten Jamben nur Glückwünſche bringen Euch zu Eurer Feier Und ein paar Gaben Euch zu Nutz und Fromm'! (Nimmt aus ſeiner Coga verſchiedene Gegenſtände heraus) Euch Füxen ſtift' ich zu den ſchon vorhand’nen Etliche Kaſſen mehr, um den Philiſtern, So oft ſie künftig Euer Haus betreten, Zu reichen ſie mit gabengier'ger Hand Es mangelt Euch an ſolchen Inſtrumenten, Drum nehmt ſie hin, braucht ſie mit rechtem Sifer— An Sweck und Namen wirds für keine fehlen! (Reicht dem Fux 4—5 Cigarrenkiſtchen mit Geldeinwurfſpalte) Euch Burſchen, ſonderlich den X-beſternten, Reich ich dies Buch, es iſt voll weißer Blätter: Anſchläge ſollt Ihr treulich drin notieren, Die mälig ſo bei des Semeſters Lauf In-Euren Köpfen ruhlos ſich erzeugten. Was Alles Ihr erſinnt, das zur Verſchönerung Des Hauſes dient— was praktiſch und was lieblich Euch dünkt und dennoch keine Gnade findet Bei der Philiſter dürftigem Verſtändnis—— Was All Ihr plant, um vor den Bürgern Gießens Im rechten Glanz zu zeigen Euren Bund Durch Damenkränze, Chaiſen-, Waldpartieen, Und was noch ſonſt in blaſſe Angſt und Schrecken Den ſeufzerſchweren Kaſſendax verſenkt: Tragt Alles— Alles ſorglich in dies Buch! Da ruht es ungefährlich und doch fruchtbar— Vielleicht zu Tat und Leben zu erwachen, Wenn einſt die Heit erſcheint!—(Gibt dem Red. das Buch) Euch Allen aber Dir, Wingolf, der in dieſen Mauern wohnt, Dir weih ich dieſen Becher— dieſe Leyer Und dieſen Kranz aus deutſchem Eichenlaub! (Stellt Becher und Leyer auf den Tiſch und hält den Kranz, vom Haupte genommen, vor ſich hin, ſpäter ihn dem Phil. reichend) n'! eens aupte — — 25— Sinnbilder ſeien's Such für Euer Leben, Für Suer Tun in dieſen Räumen hier, Da Ihr Euch trefft in brüderlichem Kreiſe— Sinnbilder auch für Eurer Tage Lauf, Wie ſie Euch leuchten auf der Alma mater! Der Becher— nicht ein Zeichen roher Luſt, Die wüſt und toll bei Bier und Wein die Nächte Durchtobt und dann am Tage faul— unluſtig Die Pflicht verſäumt, die Euer Sein hier heiſcht— Nein, nur ein Sinnbild edler Gaſtlichkeit Und froh im Bruderbund verlebter Stunden, Sin Sinnbild fröhlicher Geſellenrunde, Wo friſch und frei und rein die Rede geht, Wo ohne Reu der Freudenbecher kreiſt— Wo zu der Leyer Euer Lied erklingt Und die Begeiſtrung, die im Herzen ſchlummert, Anfacht zu edler Glut!— Und für Euch Alle Der Kranz auch! Er bedeute Euch das Ziel, Den hohen Preis, um den Ihr Alle ringt, Die Urone, die die Kämpfer krönen ſoll— Euch, junge Kämpfer, zwiefach hingefordert Auf's Schlachtfeld—wie des Wiſſens, ſo des Lebens- Daß Ihr in beiden täglich Euch bewährt! Da haltet hoch den Kranz in Eurer Mitte— Als Bürgſchaft, daß das Ideal Euch blieb! Schlingt ihn um Eures Wappens hehres Bild, Denkt ſtets: in dieſem Heichen müßt Ihr ſiegen! So tritt hinein in's kommende Jahrzehnt, Du Gießner Wingolf! Geh den ſechzis Jahren Mit Jünglingsglut entgegen, wie die Fünfzig Du friſch erklommen, müde nicht noch matt! Und ob dies Haus einſt fiele ſelbſt in Trümmer: Den Geiſt laßt leben, der dies Haus durchwebt: Du, Wingolf, lebſt, ſo lang Dein Geiſt Dir lebt (Alle bilden ſtehend eine Gruppe um den Gausgeiſt. Der Fux hat den Becher— der Red. die Leper ergriffen. Der Phil. hat den Kranz genommen und hält ihn über des Stifters Haupt, mitten im Kranze leuchtet eine goldne„Fün fzig“. Der Stifter hat des Hausgeiſts Hände erfaßt. Malk. hat das Buch unter dem rechten Arm, die Kiſt⸗ chen in ſeiner Schürze, das Glas in die Hand genommien, ſteht etwas im Hintergrund.) Schlußchor. (Mel.:„Es ſteht auf feſtem Grunde“.) (Wird von dem Phil., der ein wenig vortritt, geſprochen— die letzte Strophe wird von Allen ſingend wiederholt.) Sei hoch gegrüßt, du Stunde, Die feſtlich uns vereint, Da unſerm Bruderbunde Die Jubelſonne ſcheint. Sie ſtrahlt auf Silberhaare, Sie glüht in Jugendbraun, Weil fünfzig Wingolfsjahre Auf uns herniederſchau'n! Das war ein wonnig Werden, Das war ein fröhlich Weihn, Als ſie in Gießner Erden Dies Bäumlein pflanzten ein. Ob ſpröde ſchien der Acker— Nur höher ſchien der Preis: Mun ſteh' und wachſe wacker, Du neues Wingolfsreis! Es wuchs hinaus in's Weite, Es wuchs hinein in Kraft; Im Frieden wie im Streite Bewies es Mark und Saft. Und in der Heiten Tanze— Uns iſt's als wie ein Traum— Ward aus der zarten Pflanze Ein ſtolzer Wingolfsbaum. Wie manchen Sturmes Sauſen Ihn trotzig auch umſtürmt— Wie mancher Fluten Brauſen Ihn dräuend auch umtürmt: Des großen Gottes Walten Schützt' Wurzeln und Geäſt— Der Baum hat Stand gehalten Und ſteht in Treue feſt. t. — 227— Es rauſcht in ſeinen Sweigen Ein altes, ſüßes Lied, Das wie ein holder Reigen Uns durch die Seele zieht; Ein Lied von jungem Lieben, Ein Lied von alter Treu', Der uns den Sang geſchrieben— Der Geiſt bleibt ewig neu. So blühe und gedeihe Und wachſe fort und fort! Sei edler Jugend Weihe Ein rechter Wunderhort! Wahr Dir Dein wahres Leben— Bleib feſt auf feſtem Grund: Dein Werden und Dein Weben— Gott walt's, mein Bruderbund! (Vorhang fällt raſch— und geht alsbald wieder auf.) ₰ IV. Scene. (Wie am Schluß der I. Scene. Red. allein— ſchlafend am Ciſch, hinter der Bühne erklingt ein Marſchlied, etwa„Drei Lilien“— da bei Schritte von Näherkommenden.— Red. fährt vom Schlafe auf.) Red. Was war das? War das Wirklichkeitd War's Traum d Noch klingt im Ohre mir der kräft'ge Sang, Der wie ein Sturm mir durch die Seele drang— Könnt' ich ihn bannen!— ach, ich hoff' es kaum. Und doch— wie wird es licht mir in der Seele! Die Bilder formen ſich, die ich geſchaut, Und wenn dem Traume ich Gedanken ſtehle— Wozu hätt' ſie der Traumgott mir vertraut d Rur fort noch einmal— fort aus dem Gedränge, Weil ich geheimem Geiſterklang gelauſcht, Daß in der Gäſte vielgeſtalt'ger Menge 28 Micht Alles wieder ſchattengleich entrauſcht! Mun will ich ſehn, ob mir zu Scherz und Rührung Die Worte folgen, wie das Herz ſie ahnt. Hab' Dank, Du guter Geiſt, für Deine Führung— Haſt hoffentlich mich nicht umſonſt gemahnt! Mit Freuden will ich Euch mein Beſtes leihen, Und wird es trotzdem ſchwach und dürftig— dann— Ja dann, Ihr Bruder, muüßt Ihr niir verzeihen: Sin Schelm, der mehr gibt als er kann! (Während Philiſter und Studenten hereinſtrömen, geht der Red. heftig geſtikulierend ſchnell ab, Papier und Blei in den Händen. Der Vorhang fällt.) * PBlue Cyan Green vellow Hed White Grey 1 Grey 2 SGSrey 3 Grey 4 Magenta Black des Gießener Wingolf 5. Auguſt 1902 von Theodor CGlahl (Gi. 80— 83). Hof⸗ u. Univerſitätsdruckerei O. Kindt, Gießen. Colour& Grey Control Chart Ses