Eine Depoſition im 17. Jahrhunderk. Nach gleichzeiligen Quellen bearbeiket von Dr. Fabricius. Zur Erinnerung an das Gießener Univerſitäts-Jubiläum 1907. 8 München 1909. Sonderabdruck aus den„Academiſchen Monatsheften“ Jahrg. 25, Heft 12. 4 Grossh. Universitaets- Bibliothek GIESSFN. E u — nEN Vorbemerkung. ls das 3500 jährige Jubiläum der Univerſität „₰ Gießen herannahte, wiederholte ich den ſchon vor Jahren in einem Vortrag ge⸗ machten Vorſchlag, bei dieſer Gelegenheit den alten Ritus depositionis¹) in einer getreuen Nachbildung wieder aufleben zu laſſen. Das Feſtkomitee ging darauf ein und ſo entſtand das nachfolgende Depo⸗ ſitionsſpiel. Mittlerweile ergänzte ich meinen Vor⸗ ſchlag dahin, daß durch eine Reihe von lebenden Bildern, die ſich an die Depoſition anſchließen ſollten, das Studentenleben der ſpäteren Jahrhunderte bis zur neueren Zeit in charakteriſtiſchen Szenen zur An⸗ ſchauung gebracht werde. Auch dieſer Vorſchlag wurde dankenswerterweiſe angenommen. Bei der Feſtvorſtellung im Gießer Stadttheater am 1. Auguſt 1907— wiederholt am 2. und 3. Auguſt— wurde demgemäß nach einem Prolog die Depoſition auf— geführt, dann folgten als lebende Bilder: Nächt⸗ licher Kampf von Studenten mit Wächtern(17. Jahrh.) nach einem Stich von Jakob v. Heyden; Landesvater (18. Jahrh.) nach einem Stammbuchbild; Blücher ¹) Vgl. meine Schrift: Die akademiſche Depoſition. Frank furt 1895.— Ferner die Abbildungen der Depoſition in meiner Ausgabe von Schochs Komödia und in„Die deutſchen Korps“ Seite 23. in Gießen(18135); Menſur auf dem Schiffenberg (1855/56, vgl.„Die deutſchen Korps“ S. 249). Als Dekoration zum Depoſitionsſpiel wählte ich das Innere eines Ballhauſes, wie ſolches damals, um 1660, jede Univerſität für die Ballſpiele(das heutige Tennis) der Studenten beſaß. Die Rolle des Depoſitors übernahm Herr Schauſpieler Wenz aus Darmſtadt, der ſelbſt früher in Gießen Student war; die übrigen Mitwirkenden waren ohne Ausnahme Studenten, zumeiſt vom„Dürerbund“. Das beigegebene Bild ſtellt ſie alle mit Einſchluß des Souffleurs(Dr. Abt) dar; es läßt auch die Hörnerhüte und die hölzernen Depoſitionsinſtrumente, alle in grotesken Formen, erkennen.— Die Einſtudierung übernahm der Direktor des Stadttheaters, Herr Steingötter. Eine Depoſition im 17. Jahrhundert. erſonen: Der Dekan der Artiſtenfakultät und zwei Pro 3 feſſoren.— Der Depoſitor.— Zehn Landsleute mit ihrem Senior.— Fünf Beane oder Bachanten. Szene: Ballhaus. Zeit: Um 1660. [Man hört in der Ferne, näher kommend, den Geſang: ²) Der Vorhang geht auf. Drei 1 „Salvete candidi hospites... Profeſſoren ſitzen an einem Tiſch im Vordergrund rechts, in der Mitte der Dekan. Auf dem Ciſche ſtehen: Weinkanne, Celler mit Salz, TCintenfaß mit Gänſefedern, dabei eine Anzahl Formulare für die Depoſitionsſcheine. Durch die Türe links tritt der Zug auf die Bühne: voran der Depoſitor im Rarrenhabit mit der Pritſche, dahinter im Gänſemarſch die fünf Beane oder Bachanten³) mit den In ſtrumenten und den Hörnerhüten auf dem Kopf; zehn ältere Studenten, die Landsleute mit dem Senior, begleiten den Zug zu beiden Seiten. Die Landsleute ſingen.— Die Beane drängen ſich auf der linken Seite der Bühne mit ängſtlichen und neu gierigen Mienen zuſammen. Nachdem die Landsleute den Ge ſang beendet, winkt der Senior die Beane herbei, alle ſtellen ſich vor den Profeſſorentiſch, die Beane in eine Reihe, der Senior ſteht zwiſchen ihnen und dem Ciſch. Die übrigen Lands leute ſtehen zum Teil herum, zum Teil ſetzen ſie ſich in die Logen.] Senior Gu den Profeſſoren): Wohledle, hochgelahrte Herrn Professores, inſonders ehrenveſter, wohlweiſer Domine Decane facultatis artium! Nachdem die hier ²) Für die Aufführung komponiert von Herrn Univerſitäts muſikdirektor Prof. Crautmann in Gießen. ³) So Gachanten), nicht Bacchanten iſt zu ſchreiben. — 5 ſtehenden Bachanten hierher in die hochberühmte Stadt Gießen gekommen, um ſich auf der hohen Schule allda des Studirens zu befleißigen, als bitte ich im Ramen der hier verſammleten Landsleute, Euer Geſtrengen wollen die Beane deponiren laſſen, vom Beanismo abſolviren und als rechte Studenten erklären. Dekan: Eurem Anſuchen ſoll billig willfahret werden, doch zuvor gebet mir die Namen derer Bachanten. Senior(lieſt die Namen von einem Zettel ab, den er alsdann dem Dekan übergibt): Nomina sunt: Melchior Diehm, Lauterbacensis, Hassus Wilhelmus Conradus Henkelius, Gissensis Johannes Jacobus Crato, Wetaæflariensis Johannes Petrus Debus, Darmbstadinus Philippus Conradus Fabricius, Ebstorfensis. Dekan: So übergebe und überantworte ich in Eure Hände, Herr Depoſitor, gegenwärtige Bachanten, daß Ihr durch den uralten Ritum depositionis an ihnen die groben Knoten, Spähne und Klötzer wohl abhauen, abhobeln und abſtoßen wollet. Ihr aber, Ihr Bachanten, faſſet einen friſchen Mut und denket, daß ſolches Werk alle Studenten vor Euch gelitten und nach Euch leiden werden. (Nun beginnt die Depoſition. Die Profeſſoren und die nicht müttätigen Landsleute ſehen dem Akt zu, heiter, bisweilen mit einander plaudernd, bei den Späßen des Depoſitors ge⸗ legentlich auflachend ꝛc. Der Dekan füllt während der Zeit die Depoſitionsſcheine aus.] D e pPO ſ j tor(während des ganzen Aktes ſehr lebhaft und mobil. Er nimmt die Pritſche zur Hand, die er im Folgenden fleißig gebraucht. Er ſtellt ſich etwa in die Mitte der Bühne und ruft): Kommt Bachanten, trett' herbei, merkt was abzulegen ſei, Ich will euch auf euer Feſt deponiren auf das Beſt. [Die Bachanten ſtellen ſich im Kreis um ihn her. Der Depoſitor betrachtet ſie der Reihe nach ſpöttiſch, neckt ſie mit Worten und Geberden]: Ach wie feine Herren und alamodische Cavaliers hat uns der Himmel hierhergeſendet und beſcheeret! 6 Jaoqungagv 2I u ce e ——ÿ— b (Schnüffelt in der Luft.) Man ſpüret es ſchon an dem lieb⸗ lichen Geruch, daß ſie wohl aus dem Lande Patagonia kommen, wo die Ziegenbocksviolen und die Fuchsdrecks⸗ hütlein um Mitternacht blühen. Was ſeid ihr Herrlein dennd Seid ihr Bachanten und Beane d Alle Beane: Ja! Depoſitor: So ſaget mir doch an, was ein Bean ſei d Die Beane:] Das weiß ich nicht.(gelehret. Das hat uns unſer Präceptor nicht C Ich kann es nicht ſagen. Depoſitor: Est responsio asinina, eine Eſels⸗ antwort.— So will ich es euch lehren, merket auf: Beanus Est Asinus Nesciens Vitam Studiosorum Bean Sin lbrer Darr Und Stolz Sin grob und ungehobelt Holz. (Fährt mit der Reckerei fort) Wie ſchön die Junkerlein nicht gewachſen ſeind, mit ſtattlichen Buckeln und ſchiefen Maſen, wie werdet ihr nicht den Gießer Jüngferlein in die Augen fallen, wenn ihr des Abends stellatim gehet, und ihre Herzen mit dem Cupidinis-Pfeil durch⸗ bohren!— Zeiget mir doch eure Hände...(Schlägt mit der Pritſche darauf.).... Pfui wie lange Nägel als die Geierskrallen! Ihr möget mir wohl wahre Grobiani ſein! Wollet ihr die zarten Händlein der Damoisellen zerreißen d (Wendet ſich mit Bücklingen an den I. Bean): Ach Domine, Jun⸗ kere, Köiνε, Adonai, wie ein nettes Gliedringelein habet ihr doch am Jungfer⸗ und Herz⸗Finger! Sehet doch, es ſind eitel Vergißmeinnicht darauf amuliret! Er hat gewiß zehn Schreckenberger beim Jubelirer gekoſtet! Selbiger iſt gewißlich ein Geſchenk von ſeiner Amaſia im Vatterland und hat das edle Fräulein den Ring mit vielen Sähren genetzet, bevor ſie ihn an dieſen digitus amatorius geſtecket! (Unterdeſſen ſchiebt einer der Candsleute heimlich, aber ſo, daß es die Zu ſchauer ſehen, einen Brief in die Taſche des Beans.) Hat ſie euch nicht auch ſchon ein Buhlenbrieflein geſchicket d(Zieht den Brief aus der Caſche des Beans): Ach, da iſt er ja! 8— (Lieſt mit komiſcher Miene und Stimme vor):„Allerliebſter, ge⸗ treueſter Schatz! Nachdeme es nicht genung iſt, was die Glückſeligkeit einer getreuen Liebhaberin belanget, ihren Liebſten noch am Leben zu wiſſen, ſie wiſſe denn auch, ob auch ſie noch in deſſen Gedächtnuß lebe, dahero ich die Feder ergriffen, meinen Liebſten zu verſichern, daß, leb ich in deſſen Gewogenheit, ſo lebe ich in ſolcher Zufriedenheit, darinnen ich nichts mehr wünſchen kann...“(Cut als wenn er weine.)... Ach wie ſchöne herz⸗ brechende Phrases! Die ſind gewiß aus dem Amadis oder aus der Jüngſterbauten Schäferei genommen! (Lieſt weiter):„... Q wie lange iſt doch dieſe Zeit! Jeder Augenblick wird mir ein Jahr lang ſcheinen! Wenn ich gedenke, was mein Berzallerliebſter in ſeinem Pennalſtand wird leiden müſſen, ſo weinet mein Herz viel tauſend Thränen, doch wenn ich den harten Mann, den Depoſitor, damit erweichen könnte, daß er mit meinem Herzensſchatz fein ſänftiglich verfahre, ſo wollte ich Tag und Macht fortweinen...“(Gelächter.) Ach das arme Täublein! Mir blutet das Berz, wenn ich ſeines Jammers gedenke! Es iſt aber gar gut, daß es nicht ſehen kann, wie ſein herzallerliebſter, allergetreueſter Venusritter und Hasio hier ſtehet wie Matz Dapp mit der Krauſen! (Hängt dem 2. Bean das Paternoſter um): S0, Herrlein, ſeid ihr ſchön gezieret, aber bedenket wohl: Est aureum monile, quod pendet ad Suile Quando homo litteratus non est bene moratus. Der Fuchsſchwanz wird wohl noch hinten heraus⸗ ſehen d(Sieht nach.) So ſeid ihr glücklich dem Priscianus und Donatus entlaufend Saget mir doch, wie hat Studeo a verbod 2. Bean: Studeo, studui, studere. Depoſitor: Falſch, es heißet studeo, studi, stultum und ein stultum animal biſt du, du Feix!(Schlag). Aber Gum Nächſten) ſage mir doch den Comparativus und Superlativus von Malchus. 35. Bean(ſcchweigt). Depoſitor: Der Schulfuchs und Erz⸗Bärenheuter hat ſeine Zung' im Hoſenſack! Es heißet Malchus, — 9 Melchior, Melchisedek.— Habet ihr auch die alten Bachantentröſter, die Erzpedanten und Schulfüchſe, die Logicos fleißig ſtudiret? Könnet ihr auch feine Con- clusiones in barbara, celarent, darapti, felapton machen d Alſo: Propositio major: Wer nicht gelehrt iſt, iſt ein Grützkopf. Concedisne? 3. Bean: Concedo. Depoſitor: Propositio minor: Rein Bachant iſt gelehrt. 3. Bean(nach einem Schlag): Concedo. Depoſitor: Conclusio: Alle Bachanten ſind Grütz⸗ köpfe... Concedite!(Hrügelt alle, bis ſie rufen): Alle Beane: Concedimus! Depoſitor Gum a. Bean): Ei du feiner Herr, ſag' mir doch, quid est grammatica? 4. Bean: ſest ars.... Depoſitor(fällt ihm ins wort): Pfui Du kahler Schelm, Du garſtiger Speivogel, wie kannſt Du Dich eines ſolchen Wortes in dieſer honorablen Societät ge brauchend Aber ſage mir ferner, wie viel Flöhe gehen in einen Scheffel d 4. Bean: Das hat mir auf der Trivialſchule niemand geſaget! Depoſitor ſſchlägt ihn): Du mußt mehr wiſſen, Du Gauch, wenn Du nicht mehr ein Bachant ſein willſt; lerne das heute von mir, daß die Flöhe nicht in den Scheffel gehen, ſondern ſie hüpfen hinein.— Wer aber ſaget mir das: Wie iſt die Erbſe auf die Welt ge— kommen d 5. Bean: In der Schote. Depoſitor: O si tacuisses, philosophus mansisses! Rund iſt ſie auf die Welt gekommen, Du Oelgötz!— Nun noch etwas de moralibus. Was iſt ſehr unrecht und doch keine Sünde d Bean(ſchweigt). Depoſitor(nitschlägen): Ei Du Schulſuchs, merke: wenn Du den linken Handſchuch auf die rechte Hand zieheſt, ſo iſt es ſehr unrecht und doch keine Sünde! 10— —— — (Zum 1. Bean) Du ſchreibe mir fein auf, wie Du heißeſt und wo Du auf der Bachantenherberge geweſen, damit ich ſehe, ob Du in der edlen Kunſt des Schreibens wohl erfahren ſeieſt. Bean(bemüht ſich vergebens, das Cintenfaß zu öffnen, da es maſſiv iſt). Depoſitor(ſchlägt ihm auf die Hände): Ei ſehet mir doch dieſen kahlen Pocher und Schnarcher! Kommt hierher, will ein Student werden und läſſet ſich Buhlenbrieflein ſchreiben und kann noch nicht ein Tintenfaß aufmachen! (Zu allen): An euch iſt noch nicht viel Gebratens, ihr ſeid noch rechte Bachanten und grobe Püffel; ich werde viel Fleiß gebrauchen müſſen, euch zu rechten Menſchen und Studenten zu machen, damit ihr nicht ins Studiren plumbet wie der Bauer in die Stiefel. [Die Landsleute hängen unterdeſſen dem erſten Bachanten den Schülerkittel und Bachantenſack um.] Depoſitor(ieht beides ab): Wenn Du den Schülerſack und das Bachantenkleid Haſt abgelegt, ſo folgt alsdann viel Luſt und Freud. (Zu allen): Hiebei gedenket, daß ihr euch eurer vorigen Bachantenpoſſen entſchlaget und hinfüro einer ehrbaren Tracht und Kleidung befleißiget. Ihr ſollet nicht ſtutzen und braviren wie die leimſtengleriſchen cochleatores oder Löffler, ſondern als ehrliche Purſche einhertretten. [Dem 2. Bachanten werden inzwiſchen Hobelſpäne ins Haar gerieben. Einer der Landsleute bringt den Stuhl, der Bachant wird daraufgeſetzt. Dieſe wie die folgenden Prozeduren werden ſcheinbar grob und unſanft vorgenommen, die Bachanten geben Zeichen des Schmerzes, rufen bisweilen Au!, wofür ſie mit der Pritſche geſchlagen werden; der Depoſitor macht dazu Bemerkungen, wie:„Der ſchreit wie ein Theriakskrämer“ oder „wie ein Zahnbrecher“ u. dgl.— 5wiſchenfälle, wie Umkippen des Stuhles u. dgl.— Alles muß recht lebhaft und munter vor ſich gehen. Dep oſitor(kommt mit der Scheere und ſchneidet dem Bean das Haar; der Kamm wird ihm gebracht, mit dem er derb kämmt) Weil Du kannſt mancher Haar, Du Zottelbock, entbehren, Drum muß zur Ehrbarkeit ich Deinen Kopf beſcheeren. — 11— Daß man mit dem Kamm euere Haare kämmet und auch die Scheer darzu gebrauchet, hat dieſe Be⸗ deutung, daß ihr eure Haare und euren Kopf ſollet ſauber halten und die Haare nicht ziehen ſollet entweder zum Stolz oder zum abſcheulichen Greuel oder nach weibiſcher Art. [Der 3. Bachant tritt vor; Depoſitor bearbeitet ihm die Ohren mit dem Ohrlöffel.] Vor Narrentätigung laß Dein Gehör verſchloſſen, Ich ſäubre Dirs zur Lehr und nicht zu Narrenpoſſen. Mit dem Ohrlöffel hat es dieſe Meinung, daß euer Gehör ſoll offen ſein für die Lehren der Tugend und Weisheit, nicht für unzüchtig Geſchwätz, Geſpei, Fatz⸗ werk und liederliche Poſſen. Die Ohren ſind die Trichter, dadurch die Herrn Profeſſores die Wiſſen— ſchaften eingießen: Haltet ſolche Trichter ſauber und rein, damit nicht verderbet werde, was eingehet. [Depoſitor feilt die Hände des 3. Bachanten.)] Ich feile Dir die Händ, um damit anzudeuten, Daß Du was redlich iſt mit ihnen ſollſt arbeiten. An euren Händen werden die Finger und Nägel mit der Feile poliret und glatt gemacht, damit ihr die⸗ ſelbigen nicht zu Ungerechtigkeit, zum Schlagen und Raufen, ſondern zu nützlichen Arbeiten, zum Schreiben und Studiren gebrauchen ſollet. Tuet Niemand Unrecht, greifet nicht zu weit und laſſet einem jeden das Seine. [Der 4. Bean wird auf den Stuhl geſetzt; Depoſitor malt ihm einen ſchwarzen Bart an.] Sieh da! Itzt kriegeſt Du von mir auch einen Bart, Daß Du nicht kindiſch ſeiſt nach eitler Kinder Art. Gedenket hiebei, daß der Bart und die Weisheit mit den Jahren wachſen. Ihr ſollet als Leute, die einen Bart haben, anfangen euch ſelbſt zu regieren und die unziemlichen Affecten im Haume halten oder zum wenigſten euch von bärtigen Männern, ſo euch vor⸗ geſetzet ſind, wohl guberniren laſſen.— Reichet mir die Seife... [Reibt dem Bean die Wangen mit einem Stück Ziegel⸗ ſtein, raſiert ihn mit dem ungeheuren hölzernen Raſiermeſſer und wiſcht mit einem groben Tuch ab; dann hält er ihm einen Spiegel vor.] Itzt will ich Dir den Bart, den groben, fortraſiren, Daß Du als galant homme magſt wiederum paſſiren. Solches deutet an, daß ihr den Bart nicht ſollet wachſen laſſen wie ein Fiegenbock, wie Türken und Skythen, ſondern euch in dieſem Stück der Ehrbarkeit gemäß haltet. [Dem 5. Bean wird der große Bachantenzahn in den Mund geſteckt. Es geht ſcheinbar ſchwer, einer bemerkt:„Die Schachtel iſt zu klein“ und hilft mit einem Meiſel oder dergl. nach. Dann reißt der Depoſitor den Zahn mit der Sange heraus.] Laß den Bachantenzahn der Läſtrung Dir ausziehen, Verläumdung ſollſt Du ſtets als wie die Bölle fliehen. Wie kommet das Blut nachgeloffen! Holet mir ſchnell ein Handvoll Aeſchen!(Tut als wenn er dem Bean Aſche in den Mund riebe, dieſer ſpuckt aus.)(Ernſter werdend): Der Bachantenzahn wird euch ausgeriſſen, daß ihr nicht ſollet beißig und zänkiſch ſein, auch niemands guten Leumund und Namen mit ſchwarzen verleum⸗ deriſchen Sähnen benagen: Läſterungen und übele Nachredung ſind nichts anders als Bachantenzähn: wollte Gott, daß ſie jedermann ausgezogen wären! (Zu den Helfern): NMun laſſet uns die groben Klötze und Blöcher wohl behauen und zurichten. Non ex quovis ligno fit Mercurius, man kann zwar nicht aus jedem Holz ein künſtlich Bild machen, aber an uns ſolls nicht fehlen. Laſſet euch nicht den Cornelium überkommen. [Packt mit der Sange den 1. und 2. Bachanten und wirft ſie um, die andern legen ſich freiwillig, alle in eine Reihe.] Depoſitor(mißt mit dem Zirkel): Wer recht verfahren will in allen ſeinen Taten, Der zirkelt vorher ab, was ihm nicht ſoll mißraten. (Ausmeſſen mit der Meßrute.) Der ſchicket ſich zur Kirch, der zum Regentenhaus, Der dienet für die Schul; da fehlts! Da wird nichts draus! [Die Bachanten ſtehen auf, der 1. wird auf die inzwiſchen herbeigeholte Bank gelegt.] Depoſitor(behaut ihn mit der Art): Bachanten⸗Axt und Beil muß Dich mit Ernſt behauen, Was unbehauen bleibt, ſchickt ſich zu keinem Bauen. Sehet wie die Spähne fliegen! Das Holz iſt arg ver⸗ wimmert und voll Rnorren! [Der 2. Bachant kommt auf die Bank.] Depoſitor(bobelt ihn): Schickt euch zur Hobelbank, ihr lieben Halbſtudenten, Die Laſter müſſen weg, die eure Jugend ſchänden. [Der 3. kommt auf die Bank, wird mit dem Bohrer bearbeitet.] Bei dieſem Bohren denkt, daß ihr, wenn ihr nicht Toren Wollt bleiben immerdar, müßt dicke Brettlein bohren. [Der 4. wird geſägt.] Die Säge gebet her! Was ſich noch nicht will fügen Zum Bau der Ehrbarkeit, das kürz ich nach Genügen. [Die Bachanten ſtehen wieder alle zuſammen.] Depoſitor: Ihr habet itzt dagelegen als die Bau⸗ hölzer, zu deren Zubereitung Axt, Hobel, Säge und alle Instrumenta gebrauchet werden. Ihr ſollet daraus erkennen, daß es viel Mühe koſtet, bis ein Student wohl zugerichtet iſt. Am Leib wie am Gemüt muß alles wohl abgehauen, abgehobelt und abgeſchaffet werden, was euch übel anſtehet. Malo nodo malus est quaerendus cuneus, auf einen harten Knoll gehöret ein harter Keil. Ihr aber ſollet keine groben Klötzer und Blöcher ſein, ſo nur zum Ofen tauglich ſind, und die Bachantenſpähne ſollen euch nicht mehr anhängen, damit ihr geſchickt ſeiet zu den Aemtern, darinnen ihr einſt dienen ſollet. Depoſitor(ſchlägt dem I. und 2 Bachanten die Hörner mit der Axt ab): Mit dem Bachantengeiſt ſolls itzund ſein ſchabab, Drum auch die Hörner euch man endlich ſchläget ab. Depoſitor(zum 3. urd a. Bachanten): Ihr könnet euch wohl die Hörner ablaufen!— Lauft eilends nach der Tür! [Sie laufen dorthin, die Landsleute ſtellen ihnen ein Bein, ſo daß ſie hinfallen und die Hörnerhüte von den Köpfen fliegen.] — 14— (Sum 5. Bachanten): Dich wollen wir wohl ſchleifen; wo iſt der Schleifſtein d(Der Schleifſtein wird gebracht, der Bachant darüber gebogen und geſchliffen.) Das Sprichwort iſt Dir wohl bewußt: Gissa cos est, Gießen iſt ein Schleifſtein; wenn du etliche Jahre hier⸗ ſelbſt in pulvere academico laborieret haſt, wirſt du ſo fein geſchliffen ſein, daß die Pechen und Schmutzones in Deiner Heimat vor Deinem Glanz erſtarren! (Die Hörner fallen zu Boden.) So, nun ſind Dir die Hörner abgeſchliffen!— (Zu allen): Damit ihr nicht dem ſtößigten Hornvieh gleich ſein möget, ſo werden euch die Hörner abge⸗ ſchlagen und abgeſchliffen. Das geſchiehet zum Zeichen, daß der alte Bachantentrotz gänzlich in euch ſoll er⸗ ſtorben ſein. Darum ſehet zu, daß ihr euer Lebtag nicht wieder in diejenige Laſter fallet, denen ihr ein⸗ mal ein gute Macht gegeben, und hütet euch mit allem Fleiß, daß euch durch Faulkeit und ſchandliches Leben die Bachantenhörner nicht wieder wachſen! Nun laſſet uns ſehen, ob ihr auch in allerlei Künſten erfahren ſeid. (Zum 1. und 2. Bachanten): Hier ihr beiden dopplet mit den Würfeln.(Sie werfen. Depoſitor zählt die Augen, gibt dem Ver⸗ lierer einen Schlag): Eingebüßt— An den Würfeln und KRarten ſollt ihr kein Ge— fallen haben. Die Spieler ſind eure ärgſten Feinde, laſſet euch von ihnen nicht blenden und verführen und wendet eure jungen Jahre zu edleren Rünſten und Wiſſenſchaften an! (Zum 3. und a. Bachanten): Heda, ihr zwei waget ein Schänzchen miteinander; nehmet dieſe Duſſacken und gehet wacker an!(Sie fechten): Halt! Du haſt eingebüßet. (Schlag). Dir gebe ich dieſen Ehrenkranz zu Lohn und ſteter Sier.(Setzt dem 4. einen Strohkranz auf.) (Zu allen: Gar mancher denket, ein gut Paar Beine iſt mehr wert als zehen Degen, aber ſo ſollet ihr nicht denken. In itzigen gefährlichen Zeitläuften, da die Gartbrüder auf allen Wegen zu finden, ſoll ein Mann die Wehre wohl zu führen wiſſen, drum lernet es fleißig, doch nicht zum Balgen und Raufen, ſondern — 15— zu Schutz und Schirm in Gefahr des Leibes. Und laſſet eure Studia darüber nicht fahren, ſondern gedenket des Wortes: litteris et armis ad utrumque parati. (Hum 5. Bachanten): Du komm heran, laß Deine Stimme hören; ſing mir das ut re mi...(Setzt ihm die Brille auf, hält ihm ein Buch vor und ſingt vor): ut re mi fa sol la si ut.. (Der Bachant ſingt ängſtlich und unſicher mit. Schläge.) Pfui, Du Stecken knecht, haſt eine ſo ſcharfe Brille auf und kannſt doch nicht ſingen! Lern, Jüngling, Dein Gemüt nach guter Harmonie Einrichten, welche nicht ausgeht auf ein la mi! Nach dem Studieren ſollet ihr nicht immerzu das Maul in die Bierkanne henken, ſondern in der Musica eine Ergötzlichkeit und Ermunterung des Gemütes ſuchen. Aber ihr ſollet nicht des Nachts mit der Leimſtangen grassaten laufen und unkeuſche Buhlen und garſtige Schmähliedlein ſingen, ſondern nur was wohl lautet und Gott und Menſchen lieblich iſt zu hören. [Fängt an die Bachanten mit der Sange umzuwerfen, die übrigen legen ſich von ſelbſt) Wer ein Bachant noch iſt, der bleibe ruhig liegen, Wer ein Student will ſein, der mag herfür ſich fügen. (Einer erhebt ſich halb, bekommt einen Schlag): Sehet den Fürwitz! Der glaubt ſchon ein Student zu ſein! Ihr lieget hier als die Bachanten, die ſterben ſollen. Wenn ihr aufſtehet, ſo laſſet alles bachantiſche, kindiſche und unreife Weſen liegen und hütet euch, daß ihr euer Lebtag wieder in die alte grobe Bachanterei zurück fallet. Surgite 1(Allle ſtehen auf.) Depoſitor: Marſch! Hinaus vor die Tür und kommet als wackere lautere Studenten wieder herein! [Die Bachanten laufen fort. Draußen entfernen ſie ſchnell die Spuren der Depoſition von ihren Kleidern und Körpern. Einer kommt zuerſt wieder herein, ohne anzuklopfen.] Depoſitor(ſchlaͤgt ihn): Du willſt ein Student ſein und haſt noch nicht ſo viel mores gelernet, daß Du anklopfen mußt, wenn Du zu honetten Leuten ein treten willſt! [Der Bachant eilt wieder hinaus, klopft an.] 10 Depoſitor: Nur herein! [Die Beane kommen im Gänſemarſch herein, der Depoſitor ſtellt ſich an die Spitze und führt ſie an den Ciſch der Pro feſſoren.] Depoſitor: Domine Decane! Die gegenwärtigen tirones academici haben durch den uralten Ritum depositionis die Hörner und das bachantiſche Weſen abgeleget und bitten durch mich, Euer Geſtrengen wollet ſie feierlich vom Beanismo abſolvieren und als rechte Studenten erklären. Dekan: Commilitones optimi! Die lieben Alten haben viel Dings angeſtellet, ſo in dem erſten Anblick lächerlich geſchienen, aber im Ende hat man erſt den Verſtand, Saft und Kraft verſpüret, und hat bei ihnen geheißen: Ludicra dum simulant spectacula, seria tractant: Was die Alten in dem Scherz lachend haben vorgeſpielet, deſſen Wirkung und den Ernſt hat man erſt im End' gefühlet. Alſo auch die Depoſition. Man hat euch vexiret und mit mancherlei instrumentis übel geſchlagen, ge— ſtoßen, gehauen: ihr ſollet dadurch inne werden, daß per aspera itur ad astra. Denn es iſt dieſe gegen⸗ wärtige Depoſition nur ein Anfang der Depoſitionen, ſo euer das ganze Leben lang warten. Hier ſetzet euch ein einziger Menſch auf eine halbe Stunde Hörner auf und vexiret euch. Aber glaubet mir: weit Größeres wird kommen. Die Profeſſoren werden euch täglich deponiren und abſchneiden, was in Sitten und Wiſſenſchaften rustikos an euch iſt. Dann kommt die Oberkeit, die eure Verfehlungen hart rügen wird. Habt ihr dieſe depositiones glücklich überſtanden, ſo kommen noch ärgere. Werdet ihr ein Weib nehmen, ſo wird ſie euch beſtändig auf ihre Manier deponiren, bis ſie euch gefüge gemacht hat. Ich geſchweige von den Depoſitionen die eurer warten, wenn ihr zu Amt und Würden kommet, im Dienſte eines Regenten oder der Kirche: gütiger GHott, was für Mühen und Slend — die alle Stücke der Depoſition ſind— müſſet ihr da aushalten! Da werden euch Bauern, Adelige, Bürger, ja ſelbſt euer eigen Geſinde noch viel mehr — 12— Hörner aufſetzen! Daher haltet das, was ihr jetzt geſehen und gefühlet nur für ein Vorſpiel und ge⸗ wöhnet euch von Jugend auf, daß euch die ſpäteren Sorgen gleichmütiger treffen: aequam memento rebus in arduis servare mentem. Gedenket auch, in welchen Stand ihr nun berufen ſeid: in den Studentenſtand. Da gibt es Faule, Spieler, Praſſer, grobe Schnarcher und Pocher, denen ſollt ihr nicht folgen. Sie werden nicht weit kommen, denn non omnibus licet adire Corinthum. Es ſind darunter aber auch gute, fleißige und fromme Jünglinge, denen ſollt ihr folgen, denn der Umgang vermag nach beiden Seiten viel, wie Ovidius ſaget. Und nun kniet nieder! [Die Deponirten knien in einer Reihe. Der Dekan nimmt den Salzteller und gibt jedem ein Korn in den Mund, dabei langſam ſprechend]: Nehmet hin das Salz der Weisheit....... [Dann nimmt er die Kanne und gießt jedem einige Cropfen Wein aufs Haupt.] Nehmet hin den Wein der Freude....... Das Sal sapientiae iſt das Salz, welches von den Alten das Sal Atticum genennet worden, Thriſtus aber ſaget: habet immer Salz bei euch; es wird darunter gute Lehr und Weisheit verſtanden, darmit ihr eure Reden und Taten künftig würzen ſollt. Das Salz vertreibet die Fäulniß, alſo laſſet kein faul Geſchwätz aus eurem Munde gehen.— Der Wein erfreuet des Menſchen Herz, daher man ihn auch nennet vinum laetitiae. Er kräftiget auch die Schwachen, alſo ſollet auch ihr im Glauben und Studium Kraft finden für euer ferneres Leben, ſo wird die Freude nicht außen bleiben. So abſolvire ich euch im Namen Gottes von Beanismo und Bachanterei und erkläre euch als rechte Studenten. (Reicht jedem die Hand; dabei ſtehen ſie auf. Dekan: Ich wünſche euch Glück zu eurem neuen Stand. Gott wolle eure Studia ſegnen, daß ſie der⸗ maleins gereichen mögen zu ſeines Namens Preis, zur Erbauung chriſtlichen gemeinen Weſens, dem 18 Nächſten zu Nutzen, euren Eltern zu Freud und euch ſelbs zur zeitlichen und ewigen Wohlfahrt! Amen! [Gibt jedem einen Depoſitionsſchein.] Dekan: Rier nehmet die Signa depositionis, die Depoſitionsſcheine, verfüget euch ad magnificum Rec- torem, daß er euch in die Matriculam inſkribire. Der I. der Deponirten: Großgünſtige Berren, wir ſagen euch geziemend Dank für die Abſolution und bitten euch, wollet es nicht verſchmähen, unſerm Depoſitions⸗ und Acceßſchmaus die Ehre eurer Teil⸗ nehmung zu erweiſen. Dekan und Profeſſoren: Habet Dank, wir werden nicht fehlen. Der I. der Deponirten: Auch ihr, Herr Depoſitor, laſſet euch freundlich dazu erbitten! Und nehmet unter⸗ deſſen unſre Schuldigkeit. [Drückt dem Depoſitor ein Geldſtück in die Hand, ebenſo die übrigen.] Depoſitor(freundlich grinſend): Soll geſchehen, ſoll geſchehen! [Alle Studenten ordnen ſich zum Zug, die Landsleute voran; ſie ſtimmen das Gaudeamus an, mit dem ſie abziehen. Die Profeſſoren gehen langſam, plaudernd, hinten nach. Der Depoſitor ſammelt, während der Vorhang langſam fällt, die auf dem Boden zerſtreut liegenden Inſtrumente ein und legt ſie auf die Bank. Der Geſang entfernt ſich und verſtummt all⸗ mählich.] — 19— Nachwort. In dieſer Form iſt die Depoſition von alten Zeiten her auf den deutſchen Univerſitäten geübt worden und kein Student durfte ſich ihr entziehen. Erſt im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde ſie all⸗ mählich aufgegeben und heute iſt ſie faſt ganz aus dem Gedächtnis entſchwunden. Nur einige ſprachliche Reſte erinnern an ſie; ſo die Redensarten:„ſich die Hörner ablaufen“,„ein ungeſchliffener und unge— hobelter Menſch“ und, ganz verderbt, in„das Gymnaſium abſolviren“(ſtatt:„durch den Gymnaſial⸗ direktor vom Schülerſtand abſolvirt, für reif zum Studium erklärt werden“.) 20 0 08 2 Carl Gerber, G. m. b. H., München. Blue Cyan Colour& Grey Control Chart Green vellow- Hed Magenta Grey 1 Grey 4 Black Ser2 Srehs— Ritus depositionis¹) in einer getreuen Nachbildung wieder aufleben zu laſſen. Das Feſtkomitee ging darauf ein und ſo entſtand das nachfolgende Depo⸗ ſitionsſpiel. Mittlerweile ergänzte ich meinen Vor⸗ ſchlag dahin, daß durch eine Reihe von lebenden Bildern, die ſich an die Depoſition anſchließen ſollten, das Studentenleben der ſpäteren Jahrhunderte bis zur neueren Zeit in charakteriſtiſchen Szenen zur An⸗ ſchauung gebracht werde. Auch dieſer Vorſchlag wurde dankenswerterweiſe angenommen. Bei der Feſtvorſtellung im Gießer Stadttheater am 1. Auguſt 1907— wiederholt am 2. und 3. Auguſt— wurde demgemäß nach einem Prolog die Depoſition auf⸗ geführt, dann folgten als lebende Bilder: Nächt⸗ licher Kampf von Studenten mit Wächtern(17. Jahrh.) nach einem Stich van dakabn Tnn