Gener alversammlung zu Giessen. Eröffnungsrede, gehalten von dem Präsidenten der orientalischen Section der XXXVIII. Philologenversammlung PrOf. Dr. B. Stade am 30. Sept 1885. Hochgeehrte Herren! Da seit Vullers Tode eine Professur der orientalischen Sprachen an der Landesuniversität nicht mehr besteht, so ist mir, dem a. t. Theologen, die Aufgabe zugefallen, die diesjährige Versamm- lung der orientalischen Section vorzubereiten, und die damit ver- bundene Ehre, Sie in unserer alten Universitätsstadt willkommen zu heissen. Giessen ist nun kein Ort, an welchem sich jemals eine die orien- talische Wissenschaft in neue Bahnen lenkende Schule gebildet oder auch nur befunden hätte, wiewohl Namen von gutem Klang von Alters her bis in die Neuzeit mit ihr verbunden gewesen sind. Ich nenne nur Abraham Hinckelmann, den ersten Herausgeber des Koran, welcher unserer Universität als ordentlicher Honorar- professor der Theologie angehört hat, Schulz, den seinen Studien im Orient zum Opfer gefallenen Forscher, und L. Diefenbach, eines der universellsten Sprachgenies, welche] beide hier ihren Unter- richt empfangen haben. In neuerer Zeit aber hat hier Vullers emsig persische Studien gepflegt. Dass jedoch die orientalischen Studien niemals auf die Dauer in besonders hervorstechender Weise hier betrieben worden sind, ist weder etwas Zufälliges noch etwas Verwunderliches. Zweierlei Vorbedingungen haben in Europa das Entstehen eines rein gelehrten Interesses an den Völkern des Orients, an ihren d XXVIII Generalversammlung zu Giessen. Sprachen und Literaturen, ihrem Glauben und ihren Sitten ermöxglicht. Einmal politische Beziehungen zu orientalischen Staaten und Völkern, dann das theologische Interesse an dem A. T. und den Religionen des vordern Orients. Die Erschliessung Vorderindiens durch die Engländer hat Europa die indischen Sprachen und Literaturen, vorab das Sanskrit, zugänglich gemacht und hierdurch eine bei weitem noch nicht in ihren Folgen zu übersehende Revolution auf dem Gebiete der sprachlichen Studien hervorgerufen. An die Beziehungen Frankreichs zu Aegypten und Syrien hat sich ein neuer Aufschwung in den das Gebiet der muslimischen Literaturen bebauenden Studien geknüpft, vor Allem ein Aufschwung in dem Studium der ara- bischen Sprache, dessen Nachwirkungen gleichfalls noch spürbar genug sind. In beiden Ländern, wie in Russland, welches wohl unter allen modernen Staaten es am besten verstanden hat und noch versteht, europäisch-christliche Cultur den asiatischen Völkern zu übermitteln, bedingt schon das politische Interesse eine stetige Beschäftigung mit den orientalischen Studien. Und in ihnen hat sich in unserer Zeit infolge der Hereinziehung der hinterasiatischen Staaten Japan und China und der Vasallenstaaten derselben in den Weltverkehr und die Reichspolitik der Umfang dieser Interessen stetig erweitert. Aus den gleichen Gründen ist die Etablirung der hollän- dischen Herrschaft in den asiatischen Malayenländern in den Nieder- landen Veranlassung zur Beschäftigung mit den Sprachen und Re- ligionen, mit der Geschichte und Cultur dieser Länder gewesen. Nichts hiervon war in unserem Vaterlande wirksam. Zufolge seiner politischen und religiösen Zerrissenheit an jeder Weltpolitik und jedem Versuche, aussereuropäische Länder zu cultiviren, ge- hindert, hat es über 2 Jahrhunderte daran zu arbeiten gehabt, sich im Innern neu zu ordnen und nach Aussen neu zusammenazufassen. Und dies sind eben die Jahrhunderte gewesen, in welchen Engländer, Franzosen, Holländer, Russen ihre Herrschaft in Asien etablirt oder zu etabliren versucht haben. Politische Bestrebungen irgend welcher Art weisen Deutschland auch jetzt nicht nach Asien. Und so ist es nicht zufällig, dass das sonst wissenschaftlich so allgemein inte- ressirte Deutschland auf allen den orientalischen Wissensgebieten, welche durch die oben erwähnten politischen Ereignisse aufgeschlossen worden sind, der Regel nach die ersten Anregungen von Aussen erhalten hat, und dass es mit denselben sich erst zu beschäftigen begonnen hat, nachdem auswärts die ersten Fundamente bereits gelegt waren. Aber freilich hat es dann denselben auch ein rein wissenschaftliches, von politischen Rücksichten fast immer freies In- teresse zuzuwenden vermocht, und daher in der Regel die Lehr- meister rasch eingeholt, wo nicht überholt. Dafür ist es nun in Deutschland der Gang der theologischen Studien gewesen, welcher bald befruchtend und belebend, bald auch hemmend auf die orientalischen Studien eingewirkt hat. Und natur- gemäss war hier der Quellpunkt des Interesses an den morgenländischen Eröffnungsrede des Präsidenten, Prof. Dr. B. Stade. XXIX Sprachen in den Versuchen gegeben, das A. T. allseitig zu verstehen, an welches sich schon um deswillen lebhaftere Studien als an das N. T. knüpften, weil es dem Gemeindeglauben wie der theologischen Formel fremdartiger gegenüberstand, schwerer zugünglich und un- sicherer in seiner Deutung war. Je lebhafter nun weiter in den letzten Jahrhunderten in Deutschland die Beschäftigung mit dem A. T. petrieben worden ist, desto mehr Neigung war zugleich vor- handen, auch andere orientalische Sprachen und Literaturen in den Kreis der Studien zu ziehen. Man missverstehe mich aber nicht! Es sind nicht nothwendig immer die aus der Lückenhaftigkeit und vielfach schlechten Erhaltung der a. t. Literatur und Sprache sich ergebenden Schwierigkeiten, es ist nicht immer der Umstand, dass eine Tradition und Literatur hierüber zunächst nur in den Schriften der Rabbinen zu finden war, die Veranlassung für Theologen ge- wesen diese Gebiete zu betreten. Auch eine Theologie, welche sich im A. T. wissenschaftliche Probleme nicht stellt, oder in der glücklichen Lage ist, für alle neu auftauchenden eine Antwort fertig zu haben, kann auf den Betrieb orientalischer Studien, wenigstens was die Frequenz betrifft, fördernd wirken. Der ernste Mensch hat einen unzerstörbaren TPrieb an der Lösung wissenschaftlicher Probleme seine geistige Kraft zu versuchen und durch dieselbe, und geschehe sie auf noch so kleinem Gebiete, jenen höchsten geistigen Genuss sich zu verschaffen, welchen die Gewinnung neuer Erkenntnisse gewüährt. Ist eine Theologie so fertig, dass sie hierzu keine Gelegenheit gibt, stellt sie keine Fragen oder beantwortet sie die gestellten, falls sie überhaupt noch welche als zu lösende anerkennt, mit den Antworten früherer Geschlechter, so wird sie die zu wissenschaft- licher Arbeit Disponirten in die Hörsäle anderer Fakultäten treiben, und sie veranlassen, durch Etablirung eines vielleicht anfänglich nur als Liebhaberei betrachteten Nebenbetriebes ihrem wissenschaft- lichen Bedürfnisse Genüge zu thun. Und die zu a. t. Studien Neigenden werden dann naturgemäss sich dem Studium der orienta- lischen Sprachen und Literaturen zuwenden. Es ist hier jedoch so wenig meine Aufgabe zu untersuchen, ob Einwirkungen dieser Art auf die Frequenz der orientalischen Studien wirklich fruchtbringend gewesen sind, als Beispiele hier- für beizubringen. Es zeigt nun unsere Universität Giessen Ansätze zur Bildung orientalisch-philologischer Schulen zu Zeiten, in welchen sie auf dem Gebiete der Theologie eine Rolle spielt. Daran, dass es über An- sätze nicht hinaus gekommen ist, ist neben der von der Kleinheit des Landes bedingten Kleinheit der Hochschule wesentlich mit Schuld, dass unsere Hochschule, nachdem sie kaum über 4 Menschen- alter bestanden hatte, etwa seit 1735 in eine Periode des Verfalles eintrat, in welcher mit andern Hoffnungen auch diese zu Grunde gingen. d* XXX Generalversammlung zu Giessen. Es ist aber nicht zufällig, dass die orientalischen Studien in Giessen allgemeiner in der Zeit betrieben werden, in welcher man dem Studium der H. Schr. seitens der Theologie ein erhöhtes Interesse zuzuwenden eka Die orientalischen Studien sind zwar an unserer Hochschule von Anfang an betrieben worden, sie treten jedoch erst mit dem Eindringen des Pietismus stärker hervor. Die Geschichte unserer theologischen Fac zultät zeigt nun im Vergleich mit derjenigen anderer evangelischer Facultäten die merkwürdige Erscheinung, dass der Pietismus, welcher, unterstützt von höfischen Einflüssen, Giessen früher als viele andere erobert und durch glänzende Repräsentanten beherrscht hat, die Herrschaft nicht zu behaupten vermocht hat, und einer Orthodoxie, welche sich nach dem Muster des 17. Jabu- hunderts richten mochte, wieder gewichen ist. Erst im Gewande der Aufklärung hat er hier w ieder seinen Einzug gehalten. Dasselbe Ge- schlecht nun, welches die Orthodoxie wieder zur Herrschaft gelangen sieht, sieht auch die philologischen und orientalischen Studien veröden und ihren Betrieb unter die Stufe herabsinken, welche er in Giessen der alten Orthodoxie einst eingenommen hatte. Zeiten, in welchen die dogmatische Arbeit im Vordergrunde der Interessen steht, pflegen eben geringe Neigung zu t hen und sprachlichen Studien zu haben. Es it nicht zufällig, dass uns gerade in den letzten hundert Jahren die Namen Eichhorn, Gesenius, Ewald, Olshausen entgegen- treten. Denn es ist dies ein Jahrhundert, in welchem die historischen, kritischen und exegetischen Fragen das Interesse der Theologen vorab in Anspruch nehmen. Und sollte, wie manche Anzeichen das vermuthen lassen, in der Zukunft das Interesse für die Dogmatik neu einsetzen, so wird dies die orientalischen Studien kaum fördern. Es ist daher nicht zufällig, dass die orientalischen Studien in Giessen durch denselben Mann neu belebt werden, durch welchen der Pietismus für über ein Menschenalter die Herrschaft erlangt hat, durch Joh. Heinr. May den Aelteren, oder wie er auch, da der jüngere Joh. Heinr. May sein Sohn ist, genannt wird, durch Joh. Heinr. May den Vater. Das Andenken dieses Namens zu erneuern ist heute Pflicht. Ich thue es um so lieber, weil es vielfach verwischt worden ist, wie denn Vater und Sohn mehrfach zusammengeworfen werden. Wird May der Vater doch in dem 1884 vollendeten 20. Band der „Allgemeinen deutschen Biographie“, in welcher May der Sohn an C. Siegfried einen sorgfältigen und genauen Biographen gefunden hat, auf 8 Zeilen von seltener Oberflächlichkeit abgethan. Der Artikel nennt diejenigen Männer, welchen Joh. Heinr. May der Vater seine orientalische Ausbildung verdankt, gar nicht, se Linen Studiengang nur ungenau, von seiner theologischen Stellung und Bedeutung erfährt der Leser nichts. Die orientalischen Studien desselben erwähnt der Verfasser überhaupt nicht. Die lebhafteste Schilderung der theolo- gischen Bedeutung May's, welche in unserem Jahrhundert geschrieben worden ist, die von Tholuck in der Vorgeschichte des Ré tionalismus Eröffnungsrede des Präsidenten, Pyof. Dr. B. Stacde. XXXI gegebene, wird nicht erwähnt, vielleicht weil sie so bekannt ist, dass der Verfasser bei jedem Leser ihre Kenntniss voraussetzt. Die wich- tigsten Schriften Mays, die primären Quellen über seine Entwickelung, werden nicht genannt. Zum Schlusse werden wir zwar auf einige secundäre Quellen verwiesen, aber weder die Notizen Neubauers im hessischen Hebopfer ¹), noch Joh. Gottfried Schupart's Gedächtniss- rede auf May ²) werden erwähnt. Vermuthlich hat der Verfasser des Artikels es dem Leser der Biographie ersparen wollen, die Bekanntschaft dieser in gräulich bombastischem Latein geschriebenen, und auf pathetischem, wohl aus Phrasensammlungen zusammen- geschusterten, Kothurn einherschreitenden Arbeit zu machen. Jeden- falls aber findet der Leser weit mehr und Wichtigeres als in diesem Artikel der Biographie über May, wenn er Jöchers„Lexi- kon“ oder Grässe's Lehrbuch einer allgemeinen Literärgeschichte aufschlägt ³), oder auch Gustav Baur's Ausgabe der Selbstbiographie des Giessener Docenten und späteren Pfarrers Andreas Kempfer ⁴) zu Rathe zieht. Joh. Heinrich May ist am 5. Febr. 1653 zu Pforzheim als Sohn des evangelischen Pfarrers Joh. Georg May geboren worden. Sein Entwickelungsgang zeigt die typischen Züge der gelehrten Erziehung der Zeit nach dem 30 jährigen Kriege. 11 Jahre alt wurde er zugleich mit seinem älteren Bruder, dem spätern Kieler Historiker Joh. Burkhard May, welcher ihn überlebt hat, dem Gymnasium zu Durlach übergeben. Wie es damals ja vielfach Mode war, so hat auch dieses nach Umfang und Methode der Studien eine Universität im Kleinen nachzubilden versucht. Begreiflich, da so manches Gymnasium sich zu einer Universität entwickelt hatte. Wird doch berichtet, dass May daselbst eine Dissertation„de concursu dei“ vertheidigt habe. Nachdem er diese Anstalt absolvirt hatte, begab er sich auf Universitäten. Nach damaliger akademischer Sitte, mit welcher verglichen auch das Studium eines modernen, von Universität zu Universität fahrenden jungen deutschen Juristen einen ruhigen und 1) Neubauer, P. F., kurzes Verzeichniss aller Professorum Theologiae, so auf der Universität Giessen gelebet und gelehret haben, aufgesetzt von, in „Hessisches Heb-Opfer Theologischer und Philologischer Anmerckungen“, Stück 5, S. 502 f., Stück 10, S. 1129 f., Stück 14, S. 352 fl. —— 2) 2 PX sive monumentum Sionis seculi nostri honoribus ultimis venerandae memoriae et doctrinae viri Joh. Henr. Maji, S. S Theol. Doct. et Prof., Dioeceseos Marburgensis et Alsfeldensis Superintend., consistorii prin- cipalis adsessoris, stipendiatorum Ephori et Paedagogiarchae, oratione sollenni in academia Ludoviciana III. Non. Sept. Anni 1722 positum conditum et collo- catum ab Joh. Gottofr. Schupart, S.S. Theol, in eadem Academ. Prof., consistorii eccles. adsessore atque territorii Alsfeldensis superintendente, Giessae, typis viduae B. Vulpii, Acad. typogr. 1723 3) 3. Bd. 2. Abth. Leipzig 1853, S. 886. 3. Abth. 2. Hälfte, Leipzig 1858, S. 870. 4) Im Leipziger Reformationsprogramm vV. Jahre 1880 XXXII Generalversammlung zu Giessen. stetigen Eindruck macht, hat er eine grosse Anzahl Universitäten besucht. Zunächst wandte er sich nach Wittenberg. In welchem Jahre erfahren wir nicht; da wir aber hören, dass sein infolge der kriegerischen Unruhen von Geld entblösster Vater ihm nur einen Thaler auf die Wanderschaft habe mitgehen können, so ist zu ver- muthen, dass es 1675 geschehen ist, in welchem Jahre die Fran- zosen das Land am Mittelrhein und Neckar verwüsteten. May würde also in sehr reifem Alter die Universität bezogen haben. Von Wittenberg aus macht sich May auf den Weg, um nach Schweden ¹) zu gelangen. Auf dieser Reise macht er Station in Hamburg, und dieser Aufenthalt wird für sein ganzes Leben ent- scheidend, denn er wird hier mit demjenigen Manne bekannt, welcher, wiewohl als Privatmann lebend, mehr als jeder andere zu jener Zeit die hebräischen Studien, insonderheit die grammatischen gefördert hat, mit Esdra Edzard. Wie so mancher andere Theo- loge ist May als Hauslehrer der Söhne Edzards und zugleich als Schüler des Vaters in dieses gastliche hamburger Haus aufgenommen worden, Ueber 2 Jahre hat May nach der Dedication zur Vita Reuchlini ²) in Edzards Hause verlebt. Nach Schupart ist dieser Aufenthalt bei Edzard unterbrochen worden durch eine über Lübeck nach Kopenhagen unternommene Reise. Dort hörte May während eines Winters theologische Vorlesungen, aber zufolge seiner Dürftigkeit und eines harten Winters erkrankte er schwer an Frostschäden. Von Edzard, welchen er als einen zweiten Esra feiert, rühmt May in der genannten Dedication: neque auctor solum, sed dux etiam ad ingrediendam illius studii rationem mihi exstitisti, qui velut in ignota silva antea oberraveram, ignotus quam insisterem viam. Tum et praeter omnem spem ac cogitationem meam, me in tuas recipisti aedes, dignumque adeo judicasti, quem filiorum tuorum, tunc optimae spei adolescentium, nunc paternae eruditionis aemu- lorum juvenum studiis moderandis praeficeres. Atque ita accidit, ut, postquam te et praeceptorem fidelissimum, et hospitem benig- nissimum, ultra biennium essem expertus, tantum, divina adjuvante gratia, apud te profecerim, ut te auctore in aliquot deinceps Ger- maniae Academiis litteras, quas Oriens colit, docere aggrederer ⁵). Diese Universitäten, auf welchen er nach der Sitte der da- maligen Zeit zugleich lernend und lehrend verweilte, waren Leipzig, 1) Nach Schweden zieht auch Andreas Kempfer als Student 2) Sie ist Edzard und dem Professor der hebräischen Sprache am Gym- nasium zu Hamburg Eberhard Anckelmann gewidmet, welcher gleichfalls ein Schüler Edzard's war 3) Vgl auch Oratio de Vita Joh. Reuchlini S. 57: Fateor enim unius Reuchlini exemplo, in quod intueri me, quodque imitari jussit Vir et pietate et eruditione excellens, ac alter quasi Reuchlinus, Esdras Edzardus, hospes quondam meus et Praeceptor ultra biennium fidelissimus, ita excitatum me esse, ut quicquid Orientalium linguarum didici, huic uni acceptum feram, certe debeam ferre. Pröffnungsrede des Präsidenten, Prof. Dr. B. Stade. XXXIII Wittenberg, Helmstädt und Strassburg. In Leipzig trieb er Hebräisch bei Joh Benedict Carpzow, in Wittenberg trat er in freundliche Beziehungen zu Calov, dessen Sohn er in den orientalischen Sprachen unterrichtete. Die Nachwirkungen des Unterrichtes Edzards erkennen wir, wenn er in Wittenberg unter Calovs Praesidium„über die Wahrheit der christlichen Religion gegen die Juden“ disputirt. Von Wittenberg aus besucht May die Rivalin Wittenbergs, die Univer- sitit Helmstädt, doch scheint er sich hier nur auf der Durchreise nach Hause aufgehalten zu haben. Nur kurze Zeit verweilt May zu Hause, bald bricht er nach Strassburg auf, wo er in nähere Beziehung zu Balthasar Bebel, namentlich aber zu dem vortrefflichen a. t. Exegeten Sebastian Schmid tritt, dessen Einfluss die Schriften May’s deutlich zeigen. Eine schwere Krankheit zwingt May Strassburg zu verlassen, und Heilung im würtembergischen Wildbad zu suchen. Hier scheint es nun gewesen zu sein, wo er Beziehungen zu der interessantesten Gestalt unter den deutschen Orientalisten des 17. Jahrhunderts gewonnen hat, zu dem Thüringer Hiob Ludolf oder Leutholf. Dieser, durch seine diplomatischen Arbeiten an der Drucklegung seiner Historia aethiopica gehindert, suchte gerade nach einem jungen Manne, welcher ihm hierbei zur Hand gehen könnte. Ludolf be- merkt darüber in der Vorrede dieses epochemachenden Werkes: „Sed ad editionem operis multa rursus desiderabantur; doctus et idoneus amanuensis, qui illud typothetis describeret et impressioni operis invigilaret; id enim negotia mea mihimet non permitte- pant: deinde characteres peregiunl, ad hoc opus necessarii, non dabantur. Verum et haec impedimenta sensim sublata fuerunt. GCommendatus mihi fuit vir juvenis, eruditione et probitate praestans Johannes Henricus Majus S. S. theologiae et linguarum orientalium studiosus; qui, quoniam Hebraicae linguae et, Rabbinorum dialecti peritissimus erat, nullo negotio apud me KAethiopicam addidicit, ut labori destinato brevi par fieret. IIle ergo, me dirigente, breviario capitum(summaria vocant), commala sive sectiones, Indices, Latinum et Aethiopicum, et similia fecit. Operas juvit et ursit: correctionem totius operis in se recepit; ut propterea illum omnibus bonis merito commendare possim. Edidit etiam ex opere meo, anteduam perfi- ceretur, Institutiones Catecheticas Habessinorum L. III c. 5 n. 89, sed me absente, et ingenii sui sponte, ut Aethiopismi studiosi ma- teriam exercitii haberent, simulque profectus ejus in Aethiopicis viderent.“ Den guten Eindruck, welchen May in Strassburg gemacht hatte, erkennen wir daran, dass er einen Ruf an diese Universität erhielt. Es ist um so bemerkenswerther, als May den Magistergrad nicht besass und auch nie erworben hat. Jedoch scheiterte schliess- lich diese Sache, wohl zum Glücke Mays, denn die einst berühmte Hochschule dieser vom Reiche verlassenen und von Frankreich eben vergewaltigten deutschen evangelischen Stadt begann wesentlich infolge dieser Schicksale ihren alten Glanz zu verlieren. Doch sollte XXXIV Generalversamumlung 2 ʃ Giessen. May trotzdem zunächst an das Elsass gefesselt werden. Der Pfalz- graf Leopold Ludwig von Pfalz-Veldenz berief ihn zu seinem Hof- prediger. Schon in dieser ersten Stellung ist er an die Studien zu seiner ersten grösseren Arbeit, der Vita Reuchlini, gegangen. Edzard hatte ihn auf diesen seinen Pforzheimer Landsmann hin- gewiesen, und May’s Vater hatte sich bereits mit dem Plane einer Lebensbeschreibung Reuchlin's getragen und überliess jetzt seine Sammlungen dem Sohne. Während May mit diesen Studien pe- schäftigt war, traf ihn ein Ruf als Pfarrer zu Sct. Stephan und Professor des Hebräischen und der Theologie nach Durlach. S0 trat er bei demselben Gymnasium als Lehrer ein, welches ihn einst gebildet hatte. Seine Stelle als Professor trat May am 23. Januar 1684 mit einer Oratio de vita Johannis Reuchlini an, zu welcher nach da- maliger Sitte sein College Fecht durch ein gelehrtes Programm unterm 19. Januar eingeladen hatte. Indem er dieser Oratio„Anno- tationes variae“ hinzufügte:„quibus strictim breviterque dicta non- nihil uberius explicantur ac illustrantur“ entstand sein Buch Vita Reuchlini Phorzensis, welches 1687 zu Frankfurt erschienen und zu Durlach gedruckt worden ist. Wichtig für uns sind in ihm ausser den Auszügen und Ur- kunden zur Geschichte Reuchlin's und seiner Zeitgenossen viele Nachrichten zur Localgeschichte, vor Allem, die Nachweisungen üher die von Reuchlin durch Testament der Stadt Pforzheim ge- schenkten Bücher und Handschriften, von denen viele freilich den Einfällen der Franzosen zum Opfer gefallen sind, wäührend die werth- vollsten in die markgräfliche Bibliothek zu Durlach und von da nach Karlsruhe gekommen sind. In Durlach schrieb May die Historia animalium und die freilich erst nach seinem Abzug von Durlach nach Giessen erschienenen Animadversiones et supplementa ad lexicon Cocceji, wie überhaupt diese Zeit für seine Thätigkeit auf dem Gebiete des A. T. und der semitischen Sprachen die fruchtbarste gewesen ist.. Nach dem am 10. Sept. 1687 erfolgten frühzeitigen Tode des David Clodius wurde May in die von diesem verwaltete ordentliche Professur der orientalischen Sprachen, mit welcher zugleich eine ausserordentliche Professur der Theologie verbunden war, an unsere Hochschule berufen. Wer diesen Ruf vermittelt hat, geht aus unseren Akten nicht hervor. Die Vocation der Universität datirt vom 16. März 1688, der landgräfliche Befehl dieselbe auszustellen vom 5. März 1688. Aber erst am 28. Sept. 1688 meldet May die An- nahme der Vocation, sich damit entschuldigend, dass er nicht eher die Erlaubniss erhalten habe. Er fügt hinzu:„In omnem igitur occasionem intentus nihil aeque votis omnibus enixe expeto, quam uti mihi primo quoque tempore secure ad Vos commigrare liceat; quod tamen consequi hactenus non potui. Moram igitur, quam necessitas mihi imponit, non sine magno meo damno, nolite aegre Eröffnungsrede des Präsicdlenten, Prof. Dr. B. Stade. XXXV ferre nec mihi, sed temporis patriaeque calamitati eam imputate. Etenim si per me stetisset, jamdudum desideratissimo exoptatissi- moque vestro consortio fruerer. Nunc ex aliorum nutu ac volun- tate pendens, bellicisque motibus implicitus, anxie exspecto quam- cumque proficiscendi occasionem“. Das Jahr 1688 ist das Jahr der französischen Mordbrennereien in Süddeutschland, welchen auch Dur- lach zum Opfer fiel. May büsste dabei sein Haus und seine Bibliothek ein. Erst am 5. Nov. 1688 konnte sich May mit Frau und zwei kleinen Kindern sein gleichnamiger Sohn, welcher ihm 1709 auf dem Lehrstuhl der griechischen und orientalischen Sprachen. gefolgt ist, war damals halbjährig auf den Weg nach Giessen machen. Bei unseren Akten liegt seine vom 20. Dez. datirte Spe- cification der Reiseunkosten,„die ich endts-benanter von Durlach biss nacher Giessen angewendet und erlitten“. Sie beziffert sich auf 117 Gulden 56 Kreuzer. Zu seiner ordentlichen Professur der griech. und oriental. Sprachen erhält May 1690 die zweite ordent- liche Professur der Theologie, wie er weiter damit die Aemter eines Stipendiatenephorus und Pädagogiarcha und des Superinten- denten über zwei Diözösen, die von Alsfeld und von Marburg darm- städtischen Theils vereinigte. Wenn Tholuck in seiner Vorgeschichte des Rationalismus ur- theilt, dass May gegen Ende des Jahrhunderts einen neuen Glan⸗ über die Giessener Hochschule verbreitet habe, so gilt dies zunächst von dem Theologen May. Denn mit May'’s im Jahre 1790 erfolgten Eintritt als Ordinarius in die Facultät ist die Eroberung derselben für den Pietismus entschieden. Ein Versuch der Orthodoxie, die verlorene Position wieder zurückzugewinnen, schlägt fehl. Der der pietistischen Richtung huldigende Hof greift ein. Nach der Sitte der guten alten Zeit wird durch Verdrängung oder Entlassung der antipietistischen Professoren den Argumenten der Pietisten nach- geholfen. Den Umschwung markirt auch die Bildersammlung der Universität. Auf die offenen, bieder und treuherzig dreinschauenden bebarteten Gesichter unserer alten Orthodoxen folgen jetzt nervöse und hagere, von innerem Drang angegriffene und glatte Gesichter. Diesen Umschwung näher zu beleuchten ist hier nicht der Ort. Hier interessirt uns der Hebraist May. Da ist nun zu sagen, dass allerdings seit dem Siege des Pietismus die Beschäftigung mit dem A. T. und den orientalischen Sprachen uns in Giessen häufiger zu begegnen beginnt. Zeuge sind die zahlreichen Disputationen, welche seit May über Stoffe dieser Gebiete gehalten worden sind. Aber vor zwei Missverständnissen muss man sich wohl hüten. Man darf nicht glauben, dass diese Studien vor May in Giessen besonders vernachlässigt gewesen wäüren, oder dass mit May'’s Eintritt sofort ein Wandel in der Abneigung der Studirenden gegen diese Studien eingetreten sei. Klagen May’s über mangelhafte Kenntnisse der Studirenden und Candidaten in den Grundsprachen begegnen uns noch später und öfter. Auch wäre sonst nicht erklärlich, dass die XXXVI Generalversammlung zu Giessen. Früchte der Arbeit der beiden May hier so rasch zu Grunde ge- gangen sind. Nach dieser Seite erhalten wir alle wünschenswerthe Aufklärung aus der bereits erwähnten von G. Baur herausgegebenen Selbstbiographie des hessischen Pfarrers Andreas Kempfer, eines Bruders des berühmten Mediciners und Japanforschers Engelbert Kempfer, welcher seit 1690 unter May am Gymnasium und der Universität als Docent der hebräischen Sprache gewirkt hat. Dieser schreibt:„Es ist eine grosse Ignorantz in diesem Studio, doch versprach ich, dass sie im halben Jahr so viel lernen sollten, dass sie die Genesin verstehen und fertig lesen sollten, gab es ihnen schriftlich und versprach es ehrlich, wozu aber Künste gebrauchte. Ich hatte 24 Studiosos. Inzwischen machte Herr Dr. May, dass ich an's Pädagogium kam und das Hebräische einführte, da machte mich lustig mit der Jugend und mussten von den Untersten bis zum Obersten hebräisch lernen und solches mit Lusten“ Stand es so, wie Kempfer behauptet, mit den hebräischen Kenntnissen der Masse der Studirenden, welche Kempfer zunächst für einen Renommisten gehalten zu haben scheinen, so ist begreiflich, dass nur Wenige zum Studium anderer orientalischer Sprachen sich fanden. Dass man daneben mit hebräisch geführten Disputationen prahlte, konnte an diesem Thatbestand nichts ändern. Was aber das Studium der orientalischen Sprachen vor May betrifft, so ist zu beachten, dass May's Vorgänger der Hamburger David Clodius, wie May ein Schüler Edzard's, ein vortrefflicher Hebraist gewesen ist, wie dies seine Ausgabe des A. T. und seine Disputationen beweisen. Auch hat Clodius einen tüchtigen Schüler gezogen an Kempfers Collegen und Gegner Georg Christian Bürcklin, welcher so wenig wie Kempfer zu einer orientalischen Professur gelangen konnte, da Joh. Heinr. May sich bei seiner Professur der orientalischen Sprachen zwar von ihnen vertreten liess, wie er sie auch sonst ausnutzte, dieselbe aber neben. der theologischen so lange festhielt, bis sie seinem Sohne übertragen werden konnte 1¹). 1) Es geschah dies 1709. Das vom 15. July datirte landgräfliche Be- stallungsdecret sagt: Nachdem Wir, auf beſchehenes unterthänigſtes Nachſuchen Unſers Superintendenten Dr. Mayens, zu Gießen, in gnädigſter Betrachtung, der Uns, von demſelben, bißdahero, zu Unſerm gnädigſten Vergnügen, ge leiſteter treuen Dienſten, gnädigſt Verordnet, daß deſſen Sohn, Johann Henrich, Philosophiae Magister, und der bißdahero in graecis, auch auf ſeinen jetzigen Reyßen, in Orientalibus Linguis, ſich wohl qualificiret, und bey letzt⸗ gehaltenem Jubilaeo zu Gießen davon rühmliche proben abgeleget, zum Pro- fessore Graecae Linguae bey Unſerer Universität beſtellet, ſo gleich mit in den Catalogum Lectionum, alß designatus Professor, geſetzet, und ihm, von dato an, ex Fisco academico, Jährlich Einhundert Rthlr gereichet werden ſollen. So haben Wir u. ſ. w. Die Universität berichtet hierauf unterm 24. July dem Landgrafen, es stehe das Hinderniss im Wege, dass die Professio Graecae linguae auf Grund landgräflicher Verordnung vom Jahre 1670 nur ein Appendix der Professio Orientalium Linguarum sei und kein besonderes Salarium habe. Sie bitten daher, das Rescript dahin gnädigst zu erklären, dass May junior auch ae Eröffnungsrede des Präsiclenten, Prof. Dr. B. Stade. XXXVII Schliesslich aber hatte schon Christoph Helwig(Helvicus gest. 1617) der langjührige Mitarbeiter und Gesinnungsgenosse und spätere Feind Ratkes(Ratichius) nach der Didaktik dieses hebräische Grammatik vorgetragen, und eine andere Methode als die Ratkes hat auch Edzard nicht besessen. Durch May könnte als nach Giessen, wenn wir den Unterricht im Hebräischen ansehn, nur ge- kommen sein, was es längst besass. Als Männer der Wissenschaft waren Helwig und Clodius dem Pietisten May zum mindesten ebenbürtig ¹). May ist bis zu seinem am 3. Sept. 1719 erfolgten Tode unserer Hochschule treu geblieben, trotzdem er als einer der gelehrtesten Vertreter des immer mehr zur Herrschaft kommenden Pietismus vielfach Gelegenheit hatte, in andere Stellungen überzugehn. Rufe nach Ostfriesland als Generalsuperintendent, nach Berlin als Probst, nach Kiel als Prof. theol. prim. und Prokanzler hat er abgeschlagen. Trotz der zahlreichen Arbeit, welche seine vielen Aemter mit sich brachten, ist er emsig schriftstellerisch thätig gewesen. Doch wandte sich seine schriftstellerische Thätigkeit naturgemäss immer mehr theologischen Aufgaben zu. May’s theologische Schriften zu würdigen ist hier nicht der Ort. Unsere Interessen berühren die Dissertationes sacrae Giessae 1690 und die Exercitationes Philologicae et exegeticae. Giessae 1711. Ferner ist zu erwühnen seine Brevis Institutio linguae Hebraicae ad Schickardi atque Wasmuthi grammaticas praecipue accomodata ²) und die gleichartige Brevis institutio linguae Chaldaicae, Hebraicae antehac editae harmonica. Frankfurt 1695. Nach dem Muster dieser beiden Grammatiken haben Schüler May'’s solche der verwandten Sprachen ausgearbeitet, Bürcklin eine syrische(Frankfurt a M. 1696) und samaritanische(Frankfurt 1697), Joh. Balth. Schoenemann eine die Professio linguarum Orientalium erhalten und das für beide ausgesetzte Salarium geniessen solle Ein landgräfliches Rescript von 29. July entscheidet demgemäss. Zur Ehre von Joh. Heinrich May sei bemerkt, dass sein Sohn es als Hebraist sehr wohl mit den Bürcklin und Kempfer aufnehmen konnte May jun. hat bis zu seinem am 13. Juni 1732 erfolgten Tode an unserer Uni versität eine rege literarische Thätigkeit entfaltet und sich ausserdem um die selbe durch das Vermächtniss seiner Bibliothek verdient gemacht Ueber Georg Christian Bürcklin, vgl. die Ausführungen G. Baur's a. a. 0 1) Es muss das hervorgehoben werden, weil es üblich geworden ist bei Darstellung dieser Zeiten die Lichter zu stark zu Gunsten der Pietisten auf- zusetzen. Noch mehr als von Tholuck, der dazu in den Quellenauszügen dem Leser die Mittel zu einer Correctur der im Texte vorgetragenen Urtheile gibt, gilt dies von Hesse, F. A., das erste Jahrhundert der theologischen Facultät in Giessen Giessen 1858 Das Urtheil über die ältere Giessener Orthodoxie hat unter der Ungunst gelitten, welche unterliegende Parteien zu treffen pflegt Bei genauerer Beschäftigung mit den Quellen gewinnen ihre Träger als Menschen wie als Gelehrte. 2) Unsere Bibliothek besitzt die drittoe(1696) und fünfte(1715) Auflage von May’s hebräischer Grammatik Beide sind von Bürcklin besorgt XXXVIII Generalversamulung zu Giessen. rabbinische(Giessen 1710), Just. Helf. Happel eine arabische (Frankfurt a,M. 1707), endlich Joh. Phil. Hartmann eine äthio- pische ¹)(Frankfurt aM. 1702). Ferner ist May betheiligt gewesen bei der zweimaligen Neu- herausgabe von Clodius' Ausgabe des Alten Testaments. Doch scheint er nur die von 1692, bei welcher Joh. Leusden eine Correctur gelesen hat, selbständig besorgt zu haben. Die von 1716 hat auch nach dem Titel der bereits genannte Bürcklin besorgt. May sagt von sich nur direxit opus. Beiden Auflagen wird jedoch die Originalausgabe von Clodius vorgezogen. Wollen wir uns ein Bild von dem Orientalisten May machen, so befragen wir am besten jene beiden von ihm in Durlach ver- fassten Schriften, die Historia animalium und die Anmerkungen zu Coccejus Lexikon. Die erstere zeigt May als einen in den Kirchen- vätern wie in den Classikern, den Rabbinen wie in der zeit- genössischen Fachliteratur gleich gut belesenen Mann. Sie verläuft naturgemäss zu einem grossen Theile in Auseinandersetzungen mit den Ausführungen Sam. Bochart's im Hierozoikon. Dass Bochart der Gelehrtere und Originellere ist, wird nicht zu bestreiten sein; aber ebensowenig, dass die Nachlese May's der Ernte Bochart's nicht ganz unwürdig zur Seite steht. Jenen das ganze Gebiet der se- mitischen Sprachen keck durchstreifenden Etymologien Bochart's tritt er vielfach bescheiden entgegen. So wenn er zu Bochart’'s Meinung G sei aus schenkahabim zu und—) entstanden, bemerkt: „Haec conjectura Bocharti quomodo eruditis probetur ignoro, Mihi tamen, ut fatear ingenue, non placet.“ Preilich ist May gewöhnlich nicht glücklicher. So auch hier, wenn er fortfährt:„Puto autem 25, hab dictum elephantem a voce vel stridore, quem edit, quemad- modum latinus barrus vocatur a barriendo.“ Vielfach handelt es sich natürlich zwischen May und Bochart um Differenzen, welche ernsthaft zu nehmen einem modernen Menschen schwer fällt. Bei- spielsweise wenn May, nachdem er ernsthaft erörtert hat, dass alle Thiere ohne Ausnahme, auch die Insekten, von Gott Adam vorgeführt worden seien, damit sie Namen erhalten, die von Bochart gemachten beiden Ausnahmen, die Bastarde(z. B. Leopard und Maul- thier) und die Wasserthiere erwähnt, und nur die erste gelten lässt, in Betreff der Wasserthiere aber schwankt, da ihm die Para- diesesflüsse die Möglichkeit der Vorführung zu geben scheinen. Noch deutlicher zeigt sich May'’s literarische Eigenart in den Observationes et Supplementa ad Cocceji Lexicon. In diesen trägt er zu hebräischen Nominibus, zu welchen sich im Hebräischen eine 1) Das Urtheil, welches A. Dillmann, äthiop Grammatik Leipzig 1857 S. 11 Anm. 1 von Hartmann's äthiopischer Grammatik fällt, gilt mutatis mu- tandis von der ganzen Serie PEröffnungsrode des Preisidenten, Prof. Dr. B. Stade. XXXIX Verbalwurzel nicht findet, aus den verwandten Sprachen die von ihm dafür gehaltene nach(z. B. JND zu JsH aus dem Arab. und Aethiop.), und geht daneben mit besonderem Vergnügen Lrörte- rungen aus dem Gebiete der biblischen Hilfswissenschaften nament- lich antiquarischen nach. Auch hier zeigt er sich weniger als originalen Denker denn als einen fleissigen Arbeiter. Eigene Er- klärungen und Etymologien begegnen uns im ganzen selten und sind, wo sie sich treffen, oft unglücklich. Aber mit grossem Fleisse werden die Etymologien der Zeitgenossen aus ihren Werken aus- gezogen. Natürlich sind es namentlich diejenigen Hiob Ludolfs und Bocharts, welche angeführt werden. May reproducirt ebenso treu- herzig die Versuche von Golius, Grotius, l'Empereur, den Beschwörer mit, 6% zusammenzubringen, als seine eigenen Erörterungen in der historia animalium. Neben Ludolf und Bochart verdankt er bei antiquarischen Fragen am meisten Braun, de vestitu mulierum Hebr. Alles das findet sich untermengt mit Erklärungen wie die von 222 nach Martin Chemnitz unter Herbeiziehung des jüdisch- deutschen Sprachgebrauchs(ganfen und gazlen) und mit theolo- gischen Beweisen nach dem Können der damaligen Zeit, wie dass—25 Jer. 31, 22 richtig auf Christum gedeutet werde, da es ja(23) auch Hiob 3, 3 von einem Kinde stehe und Christus schon vom Mutterleibe ein Heros gewesen sei. Targum und Talmud, noch häufiger die Rabbinen werden zur Erläuterung schwieriger Worte herbeigezogen und aus der zeitgenössischen Literatur zur Exegese, zu den Alterthümern und den orientalischen Sprachen fehlt kaum ein Name. May ist allerdings mehrfach unglücklich, sowohl wenn er fremde Etymologien vorführt als wenn er eigene wagt. So wenn er mit Seb. Schmid 8 aus verkürzt sein lässt, zu 2N8 arab.'aba pater fuit, zu a&„ſ praeivit vergleicht, 5 von 2 ☚ — ͥO herleitet. Namentlich spielen ihm die Verba denominata Streiche, 2 so dass er 1o2 von, JaN von AIII., 2 von na2 her- leitet. Allein solcher Art war das etymologische Können jener Zeit. Stellt doch selbst ein Joh. Selden 9752(2d) und Venus zu- sammen. Und vor allem haben wir keinen Grund uns hier besonders fortgeschritten vorzukommen, da uns ähnliches bis in die neueste Zeit in hebr. Lexicis vorgetragen worden ist. Aehnlich beurtheilen sich die hebräisch-deutschen Etymologien, denen May mit besonderer Freude nachgeht. So leitet er obesus von das ab, οεια Born von X, zu 3 pecus meldet er: hinc forte a baar obbrutescere Germanica vox Baur descendit, quia rustici plerumque stupidi et bruti sunt; pecus kommt nach ihm von und zu S bemerkt er: forte lat. vetula hinc ortum ut notet eine alte Jungfer. Granum führt er mit Avenarius auf 2s, daps mit Bochart auf uaα, 7 Herr mit Fuller auf Sn, Thurn auf 5 zurück, letzteres„quia ro- tundae plerumque turres sunt.“ Narr führt er auf xνν zurück, XL Generalversammlung zu Giessen. Esel auf oxy faul sein, das Pferd auf 12 und zu pOw siluit bemerkt er:„Germani dicunt stockstill quando innuere volunt silen- tium maximum. Est enim stock imperativus hujus verbi Pou, quod idem est ac still.“ All dies fällt für jene Zeit unter den Ge- sichtspunkt der Gelehrsamkeit, und wir sind ja leider über derartige Versuche auch noch nicht allenthalben hinaus. Was aber die antiquarische Untersuchung betrifft, so wird es nicht schaden, wenigstens dem Ziele wenn auch nicht der Methode nach May’s Zeit etwas mehr nachzueifern. Es kann nicht schaden, wenn der Blick für die Wirklichkeit der Dinge hierdurch etwas geschärft wird. Wenn 2. B. May schreibt:„bas proprie luctum ob mortuos denotat; deinde ob alias quasvis calamitates sive publicas sive privatas“, so haben wir, wenigstens wenn wir das neueste hebrüische Lexikon ansehn, Rückschritte gemacht. Denn hier finden wir wie- der die allgemeine, d. h. secundäre, weil abgeblasste Bedeutung „Trauer“ vorangestellt und mit Esth. 4, 3. 9, 22 belegt, und hinterdrein erfahren wir erst, dass insbesondere die Trauer um einen Todten so genannt werde. XLI Protokollarischer Bericht über die in Giessen vom 30. September bis 2. October abgehaltene Generalversammlung der D. M. G. — Erste Sitzung. Mittwoch, den 30. September ½ 1 Uhr Der in Dessau ernannte Vorsitzende Prof. Stade eröffnet die General- versammlung. Es werden Prof. Gildemeister-Bonn zum Vicepräsidenten und Lic. Dr. Cornill-Marburg zum Schriftführer ernannt In seinen einleitenden Worten gab der Vorsitzende einen Ueberblick über den Gang der orientalischen Studien in Deutschland und speciell in Giessen, wobei er ein ausführliches Lebensbild von Johann Heinrich May dem Aelteren vorführte, welcher von 1688— 1719 in Giessen wirkte und von 1688 bis 1709 die Professur der griechischen und der orientalischen Sprachen bekleidete ¹) Zweite Sitzung. Donnerstag, den 1. October 9 Uhr. Das Protokoll der ersten Sitzung wird verlesen und genehmigt. Auf Antrag von Prof. Windisch wird mit Verlesung der Berichte begonnen. Prof. Wellhausen verliest den Secretariatsbericht für 1884/85 ²), bei welcher Gelegenheit die Versammlung das Andenken der während des Jahres ver- storbenen Mitglieder Trumpp-München, Schröring-Wismar und Curtius- Leipzig durch Erheben von den Sitzen ehrt. Hierauf berichtet Herr Prof. Win disch über die vom Vorstand auf Grund der Dessauer Beschlüsse mit Herrn Prof. Kuhn geführten Verhandlungen wegen des in Leipzig erscheinenden Literaturblattes Für die nach dem Antrage Socin„der Gesellschaft vom Verleger zu gewährende Gegenleistung“ will letzterer das Ablassen des Literaturblattes an die Mitglieder der D. M. G. bei directem Bezuge zum Nettopreise angesehen wissen. Prof. Smend findet diese Gegenleistung nicht genügend; doch beantragt Prof. Müller, dem geschäfts- führenden Vorstande hierin durchaus freie Hand zu lassen und die Verhand- lungen nicht seitens der Generalversammlung zu erschweren. Nachdem noch Prof. Gildemeister darauf hingewiesen hatte, dass für den laufenden Band des Literaturblattes diese Vergünstigung illusorisch sei und ebenso für den nächstbeginnenden, wenigstens für alle diejenigen, welche hiervon nicht recht- 1) S. Eröffnungsrede 2) S. Beilage A. XLII Protobollar. Bericht über die Generalwversammlung zu Giessen. zeitig unterrichtet werden könnten, wird der Antrag Müller mit allen gegen eine Stimme angenommen. Hierauf verliest Prof. Wellhausen an Stelle des am Erscheinen verhinderten Bibliothekars den Bibliotheksbericht ¹). Es erfolgt die Erstattung des Cassenberichtes durch Prof. Windisch ²) Auf Wunsch der Versammlung übernehmen die Herren Gildemeister und Kautzsch die Revision. Hierauf verliest Prof. Windisch den Redactions- bericht ³) Es wird nun zur Wahl des Gesammtvorstandes, sowie zu der durch die Versetzung von Prof. Wellhausen von Halle nach Marburg nöthig gewordenen Wahl eines Mitgliedes des geschäftsführenden Vorstandes geschritten. Prof. Wellhausen schlägt vor, die 1882 gewählten Mitglieder Roth, W indisch und von der Gabelentz, welche statutengemäss auszuscheiden haben, durch Acclamation wiederzuwählen und an seiner Stelle den inzwischen nach Halle versetzten Prof. Thorbecke gleichfalls durch Acclamation zu erwählen. Auf die Bemerkung der Herren Müller und Gildemeister, dass dies gegen den 8 2 Usus sei, wird zur schriftlichen Wahl geschritten, bei welcher Roth und Thorbecke je 13, Windisch und von der Gabelentz je 12, Franz Delitzsch und Guthe je 1 Stimme erhalten. Es sind somit Roth, Windisch und von der Gabelentz wiedergewählt und Thorbecke neu gewählt. Auf Antrag des Prof. Gildemeister spricht die Versammlung dem ausscheidenden Secretär ihren Dank für seine Mühew altung durch Erheben von den Sitzen aus Prof. Windisch theilt mit, dass vielleicht in der nächsten Zeit eine weitere Neuwahl in dem geschäftsführenden Vorstande nothwendig werden würde Hierauf stellt Prof. Müller den Antrag: Für den Fall der Prledigung einer weiteren Stelle in dem geschäfts- führenden Vorstande ertheilt die Generalversammlung demselben für dieses Mal die Vollmacht, sich nöthigen Falles bis zur nächsten Generalver- sammlung ein den statutarischen Anforderungen entsprechendes Mitglied der Gesellschaft zu cooptieren, welcher nach einigen Bemerkungen der Herren Gildemeister und Windisch einstimmig angenommen wird zZzum Schlusse der Sitzung hält Prof. Müller einen Vortrag:„Ueber den Katalog der arabischen Handschriften in der Viceköniglichen Bibliothek zu Kairo“ Dritte Sitzung. Freitag, den 2. October 11 Uhr Das Protokoll der zweiten Sitzung wird verlesen und genehmigt Auf Antrag der mit der Kassenrevision beauftragten Herren Gilde- meister und Kautzsch wird dem Kassierer Decharge ertheilt Der zur Commission für die Berathung des Ortes der nächsten Philologen- versammlung delegirte Prof Gildemeister berichtet, dass Zürich hierzu vor- geschlagen worden sei 1) S. Beilage B 2) S. S 3) S. Beilage C XXVII — Colour& Greęy Control Chart Blue Cyan SGreen vellow Hed Magenta Grey 1 Grey 2 SGrey 3S Grey 4 Black Hochgeehrte Herren! Da seit Vullers Tode eine Professur der orientalischen Sprachen an der Landesuniversität nicht mehr besteht, so ist mir, dem a. t. Theologen, die Aufgabe zugefallen, die diesjährige Versamm- lung der orientalischen Section vorzubereiten, und die damit ver- bundene Ehre, Sie in unserer alten Universitätsstadt willkommen zu heissen. Giessen ist nun kein Ort, an welchem sich jemals eine die orien- talische Wissenschaft in neue Bahnen lenkende Schule gebildet oder auch nur befunden hätte, wiewohl Namen von gutem Klang von Alters her bis in die Neuzeit mit ihr verbunden gewesen sind. Ich nenne nur Abraham Hinckelmann, den ersten Herausgeber des Koran, welcher unserer Universität als ordentlicher Honorar- professor der Theologie angehört hat, Schulz, den seinen Studien im Orient anm Onfear gafallanan Dardahan mumfkl Dnfebee Ddem 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 p 1 u 1 een nereeeee Inern des Orients, an 1hren d