8 3 Tberreicht vom Verfasser. 1 4 1A, en RAuhland. SAohler⸗Langsdorf§ Co. Eine Streitſchrift 2 Dr. jur, et phil. Magnus Biermer vrdenklichem Profeſlor der Skaalswiſſenſchaften an der Univerſikät Gieſten. Gießten I. Rikker'ſche Verlagsbuchhandlung (Alfred Löpelmann) 1903. T 23.,0kt. 888— WNhannvendnam 12 232 170 †+ et Ruhland, Kohler⸗Langödoif§ Co. Eine Streikſchrift Dr. jur. et phil. Magnus Biermer ordenklichem Profeſſor der Skaakswiſſenſchaften an der Univerſikäk Gießen. 22 Gießen J. Ricker'ſche Berlagsbuchhandlung (Alfred Töpelmann) 1903. Vorrede. Es hat den Anſchein, als ob ich in Gießen meiner akademiſchen Lehrtätigkeit nicht recht froh werden ſoll. Kaum war ich hierher übergeſiedelt, ſo nahmen mich die agrariſchen Bündler aufs Korn, griffen mich offen oder verſteckt in der Tagespreſſe an, ſuchten mich bei meinen Kollegen und Studenten anzuſchwärzen, und neuerdings wagen ſie ſogar, nachdem ſie von auswärts Succurs erhalten haben, direkte Vorſtöße im Parlament gegen meine Perſon und meine Richtung. Ich weiß ſehr wohl, daß viele Bekannte, die es mit mir gut meinen, den Standpunkt vertreten, daß es unter meiner Würde ſei, mich mit ſo ungleichen Gegnern in der Tagespreſſe herumzu ſchlagen. Es ſei vornehmer und auch zweckmäßiger— ſo ſagt man—, wenn ich allen Anzapfungen ein ſouveränes Schweigen entgegenſetzte. Leute, die das ſagen, haben gut reden; denn ſie gehören zu denjenigen, die keine Gefahr laufen, täglich ihren guten Namen in der Zeitung herum— gezerrt zu ſehen. Sie werden in Ruhe gelaſſen und in der ernſten und gewiſſenhaften Erfüllung ihres Berufs nicht ſyſte— matiſch geſtört. Bei mir als Nationalökonomen liegt aber die Sache ganz anders. Ich ſtehe mit meinem Fache in der breiten ffentlich⸗ keit; ich nehme warmherzigen Anteil an Allem, was unſer wirt— ſchaftliches und politiſches Leben bewegt. Ich muß das, weil ich unter Anderem auch Lehrer der Wirtſchaftspolitik bin. Ich muß zu den ſozialökonomiſchen Problemen auch der Gegenwart feſte Stellung nehmen; nicht, weil ich einen politiſchen Ehrgeiz habe, — 4— der mir gänzlich abgeht— ich habe niemals eine politiſche Rolle zu ſpielen verſucht—, ſondern, weil heutzutage in dem wüſten Kampf der wirtſchaftlichen Intereſſen es patriotiſche Pflicht eines Lehrers der Staatswiſſenſchaften iſt, von einem un— intereſſierten Standpunkte aus die wirtſchaftspolitiſchen Tages⸗ kämpfe zu regiſtrieren und, wenn es ſein muß, kritiſch zu be⸗ leuchten. Ich ſuche, weiß Gott, den Kampf mit den Parteien nicht. Auch mir iſt es behaglicher zu Mute, wenn ich nicht öffentlich hervorzutreten brauche. Ich habe ſehr viel Sinn für ein beſchauliches und ſtilles Gelehrtenleben, wo ich ganz meinem Fache, meiner Lehrtätigkeit und meinen wiſſenſchaft⸗ lichen Studien mich widmen kann. Auch würde damit meine Zeit, die manchmal knapp genug bemeſſen iſt, vollauf aus— gefüllt ſein. Indeſſen ſind das fromme Wünſche. Von den ver⸗ ſchiedenſten Seiten verſucht man es, ſich an mir zu reiben. Man verdächtigt mich und ſpricht mir das Recht ab, mich dagegen zu wehren. Ich habe keine Luſt, mir das auf die Dauer gefallen zu laſſen; denn ich vermag nicht einzuſehen, warum ich, den mein Fach wohl oder übel in die engſte Be⸗ ziehung zu den wirtſchaftspolitiſchen Gegenſätzen der Gegen⸗ wart bringt, auf diejenigen ſtaatsbürgerlichen Rechte verzichten ſoll, die jedem halbgebildeten Knoten ohne weiteres preßrecht⸗ lich zuſtehen. Ich habe glücklicherweiſe auch Temperament genug, meine Klinge zu führen, wenn man auf mich eindringt. Dabei verſtecke ich mich hinter keine Partei, weil es keine Partei giebt, die mich ohne Hintergedanken verteidigen kann oder will. Der einzige Troſt, der mir in dieſer üblen Lage bleibt, iſt der, daß faſt alle meine Spezialkollegen ähnlichen Konflikten ausgeſetzt waren, und daß die meiſten von ihnen ebenfalls zur Feder gegriffen haben, um ſich ihrer Haut kräftig zu wehren. Der Fall, dem die vorliegende Broſchüre ihre Entſtehung verdankt, iſt ein beſonders gearteter. Soweit ich ſehen kann, iſt er einzig in ſeiner Art. Kaum jemals zuvor hat man — 5— einen ſo rückſichts- und ſchamloſen Vorſtoß gegen die aka— demiſche Lehrfreiheit, unter der die deutſchen Hochſchulen auf eine bewunderungswürdige Höhe gekommen ſind, gemacht, wie jetzt. Ich meine nicht etwa die dummen Verdächti⸗ gungen, die in dem Antrag Köhler⸗Langsdorf gegen meinen Herrn Kollegen Dr. Liefmann und meine Perſon ausge⸗ ſprochen oder wenigſtens angedeutet ſind. Hier haben Halbbildung und Ignoranz die plumpe Feder eines national— ökonomiſchen Abeſchützen geführt. Solche Angriffe könnte man in der Tat auf ſich beruhen laſſen; denn ſie richten ſich ganz von ſelbſt. Aber die Sache hat leider auch eine große prinzipielle Bedeutung. Sie liegt darin, daß zum erſten Male der Verſuch gemacht wird, von dem Parlamente das Recht zu ertrotzen, beſtimmte politiſche Agitatoren und Demagogen in den Univerſitätslehrkörper einzureihen und ihnen das verant⸗ wortungsvolle Fach der Nationalökonomie zu überlaſſen. Ich habe nichts dagegen, wenn man neben meiner wirtſchafts⸗ politiſchen Richtung auch andere wiſſenſchaftlich ernſt zu nehmende auf der Univerſität zu Worte kommen läßt. Das kann mir im Gegenteil nur angenehm ſein; denn im wiſſen⸗ ſchaftlichen Leben giebt es keine Konkurrenz im gewöhnlichen Sinne des Wortes, oder es ſollte wenigſtens keine geben. Will man die Lehrſtühle der Nationalökonomie vermehren, ſo hebt das nur die Bedeutung des Faches und dafür trete ich, ſolange ich nationalökonomiſcher Dozent bin, mit Nachdruck ein. Wogegen ich mich aber mit aller Energie ſträuben werde, iſt die Degradierung der Nationalökonomie als Lehrfach zu einem Mittel für die beſſere Vertretung ſelbſtſüchtiger wirtſchaftlicher Intereſſen. Gelänge ein ſolcher frivoler Plan, ſo hätte die Nationalökonomie aufgehört, eine Wiſſenſchaft zu ſein. Sie würde auf das denkbar niedrigſte Niveau herabgedrückt werden, ſie wäre proſtituiert. Ich trete mit meiner Broſchüre nicht nur für die Rein⸗ haltung unſerer Univerſität ein. Die Gießener Hochſchule iſt nur eine unter vielen. Den Kampf, den ich hier als Einzelner 6— austragen muß, kämpfe ich nicht nur für meine Perſon und die heſſiſche Landesuniverſität, ſondern für die altbewährten Grundlagen des deutſchen Univerſitätsweſens überhaupt. Ob das anerkannt wird, kann mir gleichgültig ſein. Das nächſte Ziel muß m. Er. ſein, zu verhindern, daß ähnliche Vorſtöße, wie ihn ſich Herr Köhler-Langsdorf jetzt erlaubte, ſich ſobald nicht wiederholen. Außerdem kommt es darauf an, einen wiſſenſchaftlichen Geſchäftsmann, wie es Herr Profeſſor Ruh⸗ land unzweifelhaft iſt, und als welchen ihn die Fachwelt längſt erkannt hat, endlich mit gebührender Rückſichtsloſigkeit des unlauteren Wettbewerbs zu überführen. Hoffentlich wird mir das gelingen. Sollte als Schlußakt noch eine gerichtliche Beleidigungsklage kommen, ſo ſehe ich auch dem mit Gleichmut entgegen. Man kann unter Umſtänden auch ſolche unliebſame Skandale im Intereſſe einer guten Sache nicht ganz vermeiden. Manchmal ſind ſie vielmehr das einzige Mittel, um volle Klarheit und Wahrheit zu ſchaffen. Gießen, den 7. Februar 1903. Biermer. I. Die Anfrage des Abgeordneten Köhler-Langsdorf betreffend die Beſetzung des Lehrſtuhls für National— ökonomie an der Univerſität Gießen. Am 19. Dezember 1902 reichte der antiſemitiſche Abge⸗ ordnete Herr Köhler⸗Langsdorf, der auch den Wahlkreis Gießen im Deutſchen Reichstage vertritt, ſeines Zeichens ein kleiner Landwirt und Bürgermeiſter des Marktfleckens Langsdorf in Oberheſſen, eine ſogenannte„Anfrage“ bei der Zweiten heſſiſchen Kammer ein. Dieſe Anfrage iſt als Druckſache Nr. 74 ſpäter herausgekommen und lautet, wie folgt: „In der von Edmund Klapper herausgegebenen„Deutſchen Agrarzeitung“, 48. Heft, vom 23. November 1902, erſcheinend zu Berlin W, Potsdamerſtraße 121 E, finden ſich auf den Seiten 629, 630 und 631 folgende Ausführungen: „Der Ackerbau in der Nationalökonomie. In ſeinem umfaſſenden nationalökonomiſchen Werke „Syſtem der politiſchen Okonomie“(Berlin, Verlag von W. Ißleib) beſchäftigt ſich Profeſſor Ruhland auch mit den in Geltung geweſenen nationalökonomiſchen Syſtemen, deren Ideengehalt er herauszuſchälen unternimmt und die er unter dem Geſichtswinkel der Zeitverhältniſſe, da ſie entſtanden, ſowie vom Stande unſerer heutigen wirtſchaftspolitiſchen Anſchau⸗ ungen aus, einer kritiſchen Prüfung unterwirft, indem er ſo die politiſche Okonomie in ihrem Gährungs- und Werdeprozeſſe zeigt, und indem er verſucht, dasjenige an geiſtigem Gehalt daraus auszuſondern, was als von exaktem, bleibendem wiſſen⸗ ſchaftlichen Wert erſcheint. Des Längeren verweilt der Verfaſſer unter Anderem bei dem von Quesnay(† 1774), Leibarzt des Königs Louis XV., begründeten phyſiokratiſchen Syſtem, deſſen Ideen in Anbe⸗ tracht der gegenwärtigen politiſchen Zuſtände und agrariſchen Kämpfe wohl dazu angetan ſind, das höchſte Intereſſe der Offentlichkeit zu erregen und wach zu halten. Der Landwirt von heute, der an dem Kampfe der Landwirtſchaft um die Erhaltung ihrer Exiſtenz und um die richtige Würdigung dieſes Gewerbes für das Wirtſchafts- und Staatsleben aktiv Anteil nimmt, ohne die Zeit gefunden zu haben, ſich in das Studium der Nationalökonomie zu vertiefen, wird überraſcht ſein, bei Quesnay einen großen Teil jener Vorausſetzungen, Argumente und Wahrheiten anzutreffen, auf die die modernen agrariſchen Politiker bei ihrem Vorgehen ſich ſtützen. Doch gleichzeitig muß es überraſchen, zu erkennen, wie gering die praktiſche Wirkung der Quesnay'ſchen Anſchauungen auf die wirtſchaftspolitiſche Entwickelung der Kulturvölker geweſen iſt. Als Gründe hierfür zieht Profeſſor Ruhland verſchiedene an. Er meint, daß das phyſiokratiſche Syſtem der National⸗ ökonomie bis in die Gegenwart hinein völlig verkannt wurde. Erſt die umfaſſenden Spezialarbeiten von Profeſſor Auguſt Oncken in Bern haben uns neuerdings deſſen eigentlichen tieferen Wert enthüllt. Weiter— und das iſt ungleich wich⸗ tiger— behauptet Profeſſor Ruhland,„daß jetzt erſt in der nationalökonomiſchen Entwickelung der modernen Kulturvölker die Zeit beginnt, für welche François Quesnay eigentlich ge⸗ dacht und geſchrieben hat.“...„Jetzt erſt beginnt die Zeit auszureifen für die Quesnay'ſche Erkenntnis, daß das Glück und die Wohlfahrt der Völker ſich nationalökonomiſch nicht in dem Begriff des Kapitals erſchöpft, ſondern auf dem Acker in der Entwickelung der Ideen beginnen muß.“ Poofeſſor Ruhland ſpricht ſeine Meinung dahin aus,„daß gerade das phyſiokratiſche Syſtem Quesnays uns eine große Zahl dau— ernder nationalökonomiſcher Wahrheiten überliefert hat.“ Sehr eingehend ſkizziert Ruhland das Syſtem ſelbſt. Unter den Zeitverhältniſſen, deren Einfluß den Phyſiokratismus bedingt hat, betont Ruhland die Verarmung der bäuerlichen Bevölkerung, die in jener Periode vor Ausbruch der franzö⸗ ſiſchen Revolution furchtbare Dimenſionen annahm. In Be⸗ ziehung hierauf heißt es dann:„Das nationalökonomiſche Syſtem, welches ſolche Zeitverhältniſſe zum Ausgangspunkt hatte, war vor dem Irrtum ſicher, im Gelde und in einer blühenden Exportinduſtrie die Elemente des Glücks und der Wohlfahrt der Völker zu erblicken.“ Jetzt ging man viel— mehr von der grundlegenden Frage aus:„Wie muß die wirtſchaftspolitiſche Ordnung eines Landes beſchaffen ſein, um ein Volk auf gutem Boden, unter günſtigen klimatiſchen Verhältniſſen vor Not zu bewahren?“ Und die Antwort von Francçois Quesnay kam naturgemäß vor Allem zu der fundamentalen Bedeutung des gerade damals ſo ſehr ver⸗ achteten und bedrückten Bauernſtandes. Denn— ſo ſagte Quesnay—„die Wohlhabenheit, der Reichtum eines Volkes, ſetzt ſich zuſammen aus der Summe jener materiellen Güter, welche in der einen oder anderen Form dem Boden ent⸗ nommen ſind.“ Jede Vermehrung der Güter hat deshalb ein vermehrtes Schöpfen von Stoffen aus dem Boden zur Vor⸗ ausſetzung. Und nachdem dieſe Stoffe vom Boden losgelöſt ſind, kann im Weiteren die menſchliche Arbeit dieſelben zwar veredeln und verbeſſern für den Verbrauch, aber ſie kann ſie niemals vermehren. Die Arbeit von Gewerbe und Handel iſt deshalb nicht eigentlich produktiv. Volkswirtſchaftlich produk⸗— tiv iſt nur die auf den Boden verwendete Arbeit: die Land⸗ wirtſchaft, Forſtwirtſchaft, der Bergbau(2) und die Fiſcherei, oder in einem Wort: Die Urproduktion.“...„Der Boden aber iſt deshalb die einzige und alleinige Quelle alles deſſen, was wir Güter und Reichtum nennen.“ „Die wichtigſte Urproduktion iſt die landwirtſchaftliche Produktion, und zwar ſpeziell die Getreideproduktion. Im Mittelpunkt aller wirtſchaftspolitiſchen Erwägungen ſteht des⸗ halb die Frage nach der richtigen Getreidepolitik. Die Ge— treidepreiſe ſollen nicht zu hoch ſein, damit das Volk nicht notleiden muß. Sie ſollen aber auch nicht zu niedrig ſein, um den Bauer nicht vom Acker zu verjagen und die Land⸗ bevölkerung im Elend verderben zu laſſen. Es handelt ſich alſo um mittlere Getreidepreiſe, bei denen Bauer und Bürger beſtehen können. Dieſe guten, mittleren Getreidepreiſe ſollen nicht vorübergehend, ſondern von Dauer ſein.“ Die Folge guter Getreidepreiſe iſt, daß die Kaufkraft der ländlichen Be⸗ völkerung für induſtrielle Produkte allgemein wächſt. Und da mit der Höhe der Getreidepreiſe auch die Arbeitslöhne di— rekt proportional ſteigen und fallen, ſo hat auch der Lohn⸗ arbeiter aus einer Beſſerung der Getreidepreiſe zunächſt keinen Nachteil, wohl aber durch die wachſende landwirtſchaftliche Wohlhabenheit den Vorteil geſteigerter Arbeitsgelegenheit. Sind umgekehrt die Getreidepreiſe dauernd niedrig, dann wird die Getreideproduktion eingeſchränkt, die Zunahme des Reich⸗ tums des Volkes kommt ins Stocken, die Arbeitslöhne werden billiger, die Arbeitsgelegenheit geringer, und alle Welt kommt in Zahlungsſchwierigkeiten. Deshalb hat François Quesnay an die Spitze ſeiner berühmteſten nationalökonomiſchen Schrift, des„Tableau économique“ vom Jahre 1758, das Motto ge⸗ ſetzt:„Pauvre paysan, pauvre royaume, pauvre royaume, pauvre roi“— auf Deutſch:„Iſt der Bauer arm, iſt auch das Reich und der König arm, hat der Bauer Geld, ſo hats die ganze Welt.“ Im Gegenſatz zu den Urproduzenten, die dem Boden die Güter abgewinnen, ſind die Manufakturiſten und Händler zwar nicht direkt unproduktiv, aber der von ihnen erzeugte Mehrwert wird von den Koſten der darauf verwendeten Arbeit ſo ziemlich verzehrt. Machen trotzdem Händler, Gewerbe⸗ treibende und Induſtrielle große Gewinne, ſo geſchieht das ſſl nach Quesnay immer auf Grund von Privilegien und auf Koſten von anderen Volksklaſſen. Aus dieſen Quellen fließt dann jener unheilvolle Geldreichtum, der dem Lande leicht gefährlich werden kann.) Ich bemerke hierzu, daß das in dieſen Ausführungen genannte nationalökonomiſche Werk des Herrn Profeſſors Dr. Ruhland aus der Bücherei der Zweiten Kammer der Stände der Großherzoglichen Regierung und den Mitgliedern des Landtags zur Verfügung ſteht. Aus ihm gehen folgende Lehren hervor: Zu gegenwärtiger Zeit treten in unſerem Lande die Theorien dreierleier Wirtſchaftsſyſteme als Parteianſchauungen öffentlich wirkſam hervor: a) in den links-liberalen Parteien— Smith-⸗Ricardo, b) in der ſozialdemokratiſchen Partei— Ricardo— Marx (Ricardo und Marx waren Juden), c) in den bäuerlichen Parteien— die Weltanſchauung, wie ſie zumeiſt dem phyſiokratiſchen Syſtem des Fran⸗ cois Quesnay entſpricht. Der Anfrageſteller mit ſeinen bäuerlichen Freunden muß es infolge dieſer Erkenntnis, daß zu den gegenwärtigen trau⸗ rigen Staatszuſtänden(mit ihrer furchtbaren Schuldenwirt⸗ ſchaft, ihrer Abhängigkeit von der Börſe und ihrer darnieder⸗ liegenden ausgebeuteten Landwirtſchaft) in ganz hervorragen⸗ dem Maße die praktiſche Einführung und Verwertung der Smith⸗Ricardo'ſchen Theorien als höchſte Staatsmaximen ge⸗ führt haben, auf das Allertiefſte bedauern, daß eben dieſe verderblichen Theorien ſeit Jahren und beſonders in gegen⸗ wärtiger Zeit als höchſte Staatsweisheit den Studierenden an der Univerſität Gießen und nachherigen Staatsbeamten durch einen den Börſenkreiſen naheſtehenden Profeſſor und einen jüdiſchen Privatdozenten gelehrt werden. Der Anfrageſteller erachtet es darum als einen unhalt⸗ baren Zuſtand, daß die Studentenſchaft der Univerſität Gießen 12 infolge des gezeigten Umſtandes gezwungen iſt, Lehren zu unterliegen, deren Wahrheit von ihnen wohl ſelbſt angezweifelt werden muß und die den Anſichten der allergrößten Mehrzahl des heſſiſchen Volkes widerſprechen. Der Anfrageſteller erachtet es hiernach als einzig richtig, wenn die Großherzogliche Re— gierung dieſe Sache, die früher ſchon in einer Verhandlung des Landtages durch die Herren Abgeordneten Brauer und Friedrich in Bezug auf den früheren Profeſſor Laspeyres geſtreift wurde(ſiehe Protokolle des XXX. Landtags, Band I. Proto⸗ koll 27, Seite 586 und 587), ſich endlich einmal näher be— trachtete und Abhilfe ſchaffte. Insbeſondere erſcheint es als eine gerechtfertigte For⸗ derung der bauernfreundlichen Kreiſe unſeres heſſiſchen Volkes, alſo der Mehrheit desſelben, wenn verlangt wird, daß neben der beſtehenden ordentlichen Profeſſur der Nationalökonomie mit der Smith⸗Ricardo'ſchen Richtung eine gleichgeordnete Profeſſur mit der oben geſchilderten Quesnay'ſchen Richtung (am beſten unter Berufung des Herrn Profeſſors Dr. Ruhland in Berlin ſelbſt) an der Univerſität Gießen alsbald ein⸗ gerichtet werde. Ich frage hierzu: 1. Gedenkt die Großherzogliche Regierung in Anbetracht der geſchilderten Verhältniſſe an der Univerſität Gießen eine ordentliche Profeſſur für Nationalökonomie des phyſiokratiſchen Syſtems einzurichten? Im Verneinungsfalle, was bewegt ſie zu der Nicht— beachtung dieſer aus den Kreiſen der Mehrheitsparteien des heſſiſchen Volkes geſtellten Forderung? 3. Gedenkt die Großherzogliche Regierung dieſe Fragen ſo zeitig zu beantworten, daß über dieſelben gelegent— lich der Budgetberatung 1903/04 zu Kapitel 36(Lan⸗ desuniverſität) im Plenum des Landtages verhandelt werden kann?“ b0 II. Die„Gießener Neueſten Nachrichten“ brachten in ihrer Nr. 23 vom 28. Januar 1903 folgenden Leitartikel aus meiner Feder. Ich hatte im Gegenſatz zu meiner ſonſtigen Gewohn— heit den Artikel nicht mit meinem Namen unterzeichnet, aus dem ganz einfachen Grunde, weil ich von mir ſelbſt in der dritten Perſon ſpreche. Zur Vaterſchaft der Replik habe ich mich im Übrigen überall bekannt. Außerdem beſtand, ſoviel ich ſehen kann, nirgends der geringſte Zweifel darüber, wer den Aufſatz geſchrieben habe. Derſelbe lautet: Die lex Köhler⸗Langsdorf. Der Zweiten heſſiſchen Kammer liegt bekanntlich ein Antrag des Herrn Abgeordneten Köhler⸗Langsdorf vor, wonach die Staatsregierung aufgefordert wird, neben der bisherigen ordentlichen Profeſſur für Nationalökonomie an der Landes⸗ univerſität eine zweite zu errichten und dieſe mit einem Ge— lehrten zu beſetzen, der agrariſche Anſchauungen im Sinne des Bundes der Landwirte vertritt. Es iſt nichts Neues, daß in unſeren deutſchen Parlamenten von beſtimmten Intereſſenten⸗ gruppen die Errichtung politiſcher Profeſſuren gefordert wird. Unter anderem iſt das wiederholt auch im Preußiſchen Land⸗ tage geſchehen. Dort hat der jetzt verſtorbene, freikonſervative Großinduſtrielle Freiherr von Stumm wiederholt verlangt, daß den Berliner Nationalökonomen Adolph Wagner und Guſtav Schmoller, die zu arbeiterfreundlich ſeien, Profeſſoren zur Seite geſtellt würden, die den Unternehmerſtandpunkt der 14— rheiniſch⸗weſtfäliſchen Großinduſtrie zu vertreten verſprächen. In der Bayeriſchen Kammer haben die Bauernbündler die Münchener Profeſſoren Brentano und Lotz auf das heftigſte angegriffen und von der Regierung verlangt, daß bei der Berufung von Dozenten deren wirtſchaftspolitiſche Stellung genauer als bisher geprüft werden möge. In Baden ſind die Vorſchläge der Fakultäten, die den Breslauer National⸗ ökonomen Sombart in erſter Linie nominierten, an dem Wider⸗ ſtand der Regierung geſcheitert. Ähnliche Vorgänge der Art ſind in Fachkreiſen ein öffentliches Geheimnis. Sie betreffen im Übrigen nicht nur das beſonders exponierte Fach der Na⸗ tionalökonomie, ſondern auch die Disziplin des Staatsrechts, der Philoſophie und die geſamte proteſtantiſche Theologie. Was die Theologie anbetrifft, ſo haben beſtimmte rechtsſtehende Parteirichtungen bereits große Erfolge zu verzeichnen, nament lich in Preußen. Dort hat man„Strafprofeſſuren“ geſchaffen, um kirchlich liberal gerichtete Fakultäten in Schach zu halten. Die Fakultäten, die immer nur die wiſſenſchaftliche Befähigung für die Beſetzung der Lehrſtühle ausſchlaggebend ſein laſſen wollten, haben es nicht verhindern können, daß man ihnen Profeſſoren einfach octroyiert hat. Inſofern politiſche und kirchliche Richtungen die Freiheit der Wiſſenſchaft zu untergraben ſuchten, iſt alſo der Antrag Köhler⸗Langsdorf, der demnächſt die Zweite heſſiſche Kammer beſchäftigen ſoll, nichts Neues. Dieſer Vorſtoß iſt vielmehr nur ein Glied einer langen Kette parlamentariſcher Üübergriffe in die hiſtoriſch altbewährten Rechte der deutſchen Univerſitäten und in das verfaſſungsmäßige Selbſtbeſtimmungsrecht der vorgeſetzten Miniſterien. Indeſſen iſt Herr Köhler⸗Langsdorf nicht dabei ſtehen geblieben, der Staatsregierung nur eine be— ſtimmte Richtung, die ſie zu berückſichtigen habe, vorzuſchreiben, ſondern er iſt noch einen Schritt weiter gegangen. Einmal hat er die beiden Gießener nationalökonomiſchen Dozenten als im Händler⸗ und Börſenſtandpunkte befangen hingeſtellt, er hat ſie ferner bei der Studentenſchaft als einſeitig-verbohrt — 15 denunziert und ſogar den Verſuch gemacht, die Schüler gegen die Lehrer auszuſpielen. Auch dabei hat er ſich noch nicht begnügt; denn er hat der heſſiſchen Staatsregierung und der Kammer einen beſtimmten, mit vollem Namen genannten Kan⸗ didaten, Herrn Profeſſor Dr. Ruhland, früher Privatdozenten an der Univerſität Zürich, dann Profeſſor an der Dominikaner⸗ lehranſtalt zu Freiburg in der Schweiz und nationalökono⸗ miſchen Experten beim Direktorium des Bundes der Landwirte, als beſonders qualifizierten Gelehrten und Dozenten für den neuen Lehrſtuhl in Vorſchlag gebracht. Es iſt alſo dem heſ⸗ ſiſchen Parlament vorbehalten geblieben, ſich mit einem An— trage beſchäftigen zu müſſen, der nicht nur in der Schaffung einer ausgeſprochen politiſchen Profeſſur, ſondern auch in der Berufung einer ganz beſtimmten Perſönlichkeit gipfelt. Es liegt uns fern, auf die hier geſtellte Perſonenfrage einzugehen. Was uns und weitere Kreiſe intereſſiert, iſt nur die Feſtſtellung der Tatſache, ob Profeſſor Biermer wirklich „bauernfeindlich-mancheſterlich“ und Herr Profeſſor Ruhland wirklich ausgeſprochen agrar⸗ſchutzzöllneriſch im Sinne Köhlers und ſeiner Partei ſind. Wir können uns bei der Feſtlegung dieſes Tatbeſtandes von einer ausfallenden perſönlichen Po⸗ lemik frei halten; denn beide Autoren, Biermer und Ruhland, haben zu dem Getreidezollproblem, das ja gegenwärtig im Mittelpunkt der Diskuſſion ſteht und für die lex Köhler⸗-Langs⸗ dorf ausſchlaggebend war, literariſch Stellung genommen. Profeſſor Dr. Biermer⸗Gießen hat vor zwei Jahren im Mittelrheiniſchen Fabrikantenverein zu Mainz über die Ge— treidezölle einen Vortrag gehalten, der im Druck vorliegt. Wir geben hier den wichtigſten Paſſus wörtlich wieder. Obgleich ſich ſeit jenem Vortrag in unſerer zollpolitiſchen Situation ſehr Vieles geändert hat, verdienen die Ausführungen Biermers auch heute noch Beachtung, umſomehr, wenn man ſie mit den— jenigen Ruhlands, die wir nachher abdrucken, in Vergleich ſtellt. Profeſſor Biermer ſagte am 17. Januar 1901 in ſeinem Mainzer Vortrag wörtlich Folgendes: Mir hat noch Niemand bewiesen, dass die Agrarkrisis, soweit „ sie sich als Folge des russischen und transozeanischen WMeltbewerbs zeigt, auch in Zubunft in gleicher Stärke sich erweisen wird. Aber quch wenn das anzunehmen wäre, würde ich doch, zumal auch der Bauern- stand in Mitleidenschaft gesogen und in grossem Umfange Hroletari- siert würde, die allerernustesten volkswirtschaftlichen Bedenken tragen, einer solchen Wirtschaftspolitik, die das landwirtschaftliche Gewerbe mit seiner grossen sozialen Bedeutung seinem Schicksal überliesse, zu- zustimmen. Wenn es Wittel giebt, eine Klasse zu retten, ohne dass diese die gesamte volkswirtschaftliche Entwickelung stören und auf- halten, so dürfen diese Mittel nicht unversucht bleiben. Die brilische wirtschaftliche Entwichelung ist für mich hein unbedingtes Ideal. Ioh sehe in einer Nation, die einen landwirtschaftlichen Grundbesitserstand hat, der mit der Scholle verwachsen und der Träger historischer Traditionen ist, ein gesundes Gegengewicht gegenüuber den Mächten des allzu stürmischen Fortschrittes. Mir scheint, unsere nächste Aufgabe Fann nicht sein, die Flinte ins Korn zu werfen. Zum mindesten gilt es, Zeit zu gewinnen für das grosse Wer der inneren Kolonisation, und für diese Zeit bedürfen wir einen Krisenschutz, der langsam in die neuen wirtschaftlichen Verhältnisse überleitet. Ist es erwiesen, dass seil den Caprivischen Handelsverträgen mit der Ermässigung der Ge- treidezölle die Lage unserer Landwirte sich weiterhin verschlechtert hat, so muss— das ist die Hauptthesis, die ich hier vertreten will— wenigstens der Versuch gemacht werden, ob wir brauchbare Handels- verträge szu Stande bringen mit einer mässigen Erhöhung der Ge- treidezölle. Der Zollsats von S.Jo Mé. wird heute vielfach wie eine heilige Zahl angesehen. Selbst ein Abgeordneter, der zur Süddeulschen LFolks- bartei gehört, also zu derjenigen bürgerlichen Partei, die die weit- gehendsten soszialpolitischen Forderungen in ihr Programm aufgenommen hat, erklärte vor Jahresfrist in einer öffentlichen Versanmlung, dass er nicht einzusehen vermöge, warumd der durch die Caprivischen Handels- verträge geschaffene Zollsats der unverrückbare Punkt sein müsse, um den sich die handelspolitische Diskussion drehe. Bei einem Zollsatz von Mhb. in der Aera des aulonomen Tarifs hatten wir längere Zeit erbe 2u· ass auf. sche Ich and ilige lks- veit- unen dass dels- um lsalz Leil annehunnbare handelspolitische Besiehungen mit unseren Nachbarn. Un- leidlich war das Verhältnis eigentlich nur mit den Vereinigten Staaten von Ameriba geworden. Dass sich ein solches unleidliches Verhältnis wrederholt, dass die nion es wieder mit Prohibitivsöllen versuchen wird, ist quch bei der blossen Erneuerung der Handelsverträge keines- wegs qusgeschlossen. Die Meistbegünstigungsblausel hindert die ameri- Kanischen Staatsmänner nach keiner Richtung hin, wiederum zum ex- tremen Schutssolllarif übersugehen. Und wie ist denn der Zollérieg mit Russland entstanden? Doch hauplsächlich dadurch, dass sich Deutschland stark genug fühlte, den russischen Koloss 2u differenzieren, d. h. Sollöolitisch anders zu behandeln wie Osterreich-Ungarn. Ist es richlig, dass Russland und Osterreich-Ungarn den Zoll- sale= von Jo M. nicht als conditio sine qua non betrachten, So ist es auch nicht ausgeschlossen, dass annehmbare Handelsverträge zu Stande Kommen, Sumal da bei Handelsverträgen auch politische Mo- menle mitsuspbielen pflegen. Wir wissen über die gegenwärlige aus- wärlige Polilik freilich so gut wie nichts. Auf Uberraschung en miissen wir läglich gefasst sein, auch auf demjenigen Gebiele, ο handelspoli- lische und weltpolitische Gesichtspunble Susammenlreffen. Ausserdem hat sich an der Tatsache nichts geändert, dass die russischen und angarischen Kornkammern auf den Aösals in Deutschland ang e- wiesen Sincl. Selbstverständlich Lann nur von einer mässigen Tariferhöhung die Rede sein. Ein Getreidezoll von Mh.. Jo, wie ihn unsere Ararier heute verlangen, würde mit tödlicher Sicherheit sun Zollbriege führen, weniostens war das der Satz, mit dem wir den letsten Zollbrieg mit Kussland aussufechten suchten. Die grundsätseliche Forderung der Landoirte, dass der Agrarschuls so Kräftig sein müsse, dass er wieder die Inlandspreise der zoer und doer ſahre bringe und damit eine will- Kürlich festgesel=te Rentabilität eines tatsächlich fibliven Grundwerltes gewährleiste, ist nalürlich schlankbweg von der Hand au weisen. Ein Programm, das solche Postulate accebtiert, verbennt alle Grundlagen der deutschen Volkswirtschafl, verlang! von der Diclomalie Vnmögliches and tritt Seflissentlich den sosialpolitischen Zus unserer Zeil mit Füssen. Bei einem S Mark-Zoll— das ist ja der Sats in dem in alle Tarif von 1487— dird sich die öe- Hinmmnel gehobenen autonomen Sonnene Minorität der landwirtschaftlichen Iuteressenten sufrieden geben muüssen. Er bessert unter soust leich bleibenden Verhältnissen die Getreidesolle auf, ohine dass es wWahrscheinlich ist, dass sofort auteh der Grundwert wieder steigt. Der höhere Zoll heilt natürlich die prar- prisis nicht. Unter den jetscen Besit sverhältnissen ist diese Krisis iberhaupt unheilbar. Er Stellt nter eine Konsession der Gesamtheit Su Gunsten eines nofleidenden Teils dar auf Kosten der Gesamtheit. Wenn qiese Xonsession erbauft werden dann durch eine S leichseitige Verkehrs- reform im&rossen Syil, So ist Sie wahrscheinlich nichit Su teuer er kauft. Aber auch in dem Falle, dass die Landwirte das bessere Geschat machen, der Osten Su Guansten des WMWestens Profitiert, den landwirt- schafflichen Produsenten Sue Ungunsten der Masse der Koustemenlten Seholfen wird, vermas ich den Kompromiss nicht von der Hand u weisen. Es Liebt Perioden, o der Mohlfahrtsstaat einem Teile muer dadurch unter die Arme greifen Kann, indem er die Ubrigen vorüber- gehend schädit. Auch bei den industriellen Schutssöllen ist das an- fanglich der Fall. Der Industriesoll und der Agrarsoll sind, wie all- gemein bekannl, sehr verschiedene Diuge. Das eine ist eine Ersiehntengs- massregel, das andere eine Notstandsmassregel. Verwandt Sind beide nur dadurch, dass sie voriübergehend gedacht Sind. Den aerarischen Xrisenschufs örauchen wir so lange, bis wir über die dauernden Ur- Sis unterrichfet sind. Einen pltslichen Ansturm sachen der 4 des ausleindischen Mettöewerbs Sind wir berechtfigt absuwehren. Zeigt sich, dass die auständischen Produktionskosten So niedrig bentessen Sind und dauernd niedris bleiben, So dass Sie trots erhöhlten Zolls den Marbt beherrschen, So te erden wir wohl oder übel den Wettbewerb dr4f= geben missen. öber auch in dem Falle, dass die ausländische Xon- in der nächsten Zeit gaus von selöst nachlesst, ist der Agrar- ehendes Mittel. 8 wohl, dass ich mit meinen bisherigen Erörterungen urrens Schuts nur ein vorüd Ich weiss Sehir gegen Stei Grundlehren, die ich in meinen theoretischen Vorlesungen den Sfudenten vortrage, verstosse. Die eine Grundlehre ist die: Ein wir klich wirksamer Agrarschuts, der die Rentabilität des landwirt- schaftlichen Betriebs steigert, nutst den Grundöoesitsern muur So lange, — 19— als der durch diese Massnahme erhöhte Grundoert bei Kauf oder Erô- teilung noch nicht=zu Tage tritt. Der sweite Lehrsats gehört dem Gebiete der Sosialpolitik an und lautet? Der Kerarschuts, wenn er wirksamd Ssein soll, verteuert den Preis der wichtigsten Nahrungsmitlel und ist deswegen sosialpolitisch unmodern und bedenklich. Was den ersten Forstoss anbetrifft, so ist er von viel weniger abhtuellem Iuteresse als der sweite. Das wirtschaftliche Gese e, dass eine steigende Rente den Wert der Produktionsstätte erhöhl, ist un- Sweifelhaft richtig. Das gęilt sowohl von der Grundrente als von der Fabrikrente. Der Industriezoll fühirt aber Sur Vergrosserung des Be- triebs, sur Verbesserung desselben und sur Erweiterung des Aösalses. Der Agrarsoll tut das der Natur der Sache nach nicht, sondern macht nur das Produkt aösatsfälhiger. Nin ist nachweislich der Bodenwert, soweit derselbe für den landwirtschaftlichen Betrieb in Frage komuml, nach einer laugen Periode rapider Steigerung nicht weiter gesliegen. Er wäre wahrscheinlich längst gesunben, wenn es einen beweglichen Markt für grosse Güter gäbe, wenn der Besitswechsel grösser wäre, wenn die Landwirte Laufmännisch besser su rechmen verständen, und wenn mit der Tatsache des Grundbesitszes nicht zahlreiche politische und gesellschaftliche Vorrechte verbnüpft wären, die man als ̃feklions- wert hapitalisiert. Iuswischen entsteht im industriellen Westen eine neue Aristobratie, die ihre überschüssigen Kräfte dem höheren Staats- beamltentun suführt. Der waschechte Ostelbier sieht in ihr den Kon- Kurrenten, Schlotbarone, Parvenis. Der vorwärts strebende Staat, der sich Sunehunend modernisiert— selbst der breussische Staat tut das— resibier! die neuen westlichen Familien. Denn nicht alle Vorfahren Können bei Leuthen gefochten haben. Infolge dieser eigentümlichen Wandlung verliert die Affehtionspreissteigerung der östlichen und nord- östlichen Rittergüter an Beddeutung. Ich möchte annehmen, dass die Grundowertbewegung dort auf dem Beharrungsstandbunkbte angelangt ist und dass, wenn ein Loch im Portemonnaie der Grossgrundbesitser zugeslobft wird, nicht gleich, wahrscheiulich überhaufpt nicht, der auch dann noch viel Su hohe Grundwert wieder in die Höhe schmellt. Höchsteus wird ein Fallen der Grundpreise, das schon längst hätte eintreten müssen, verhütet. 20— Ich gebe den theoretisch gewonnenen Sats von der Wechselwirkung zwischen Rente und Kapitalwert nicht auf. Ich glaube nur, dass die Nutsanwendung in unserem Falle nur mit äusserster Vorsicht gesogen werden darf. Bei einer mässigen Erhöhung des Getreidesolles versagt wahrscheinlich die theoretische Regel. Bei einem Sats von Mé. 7.50 wirbt sie dagegen unzweifelhaft in voller Kraft.“ Ganz anders iſt der Standpunkt des Herrn Profeſſor Dr. Ruhland. Dieſer Herr hat 1894 einen„Leitfaden zur Ein⸗ führung in das Studium der Agrarpolitik“ herausgegeben. Auf Seite 28 desſelben behandelt Herr Ruhland die Getreidezoll⸗ frage mit folgenden Worten: „In der Hauptsache verbleiben uns jene Massregeln, welche auf eine Steigerung des landwirtschaftlichen Einbommens absielen: sei es durch Steigerung der Produkbtenpreise mittelst Schutssoll und Dophel- wälnung, sei es durch Minderung der Lasten mittelst Steuernachlässe und Verbilligung des Kredits. Nehmen wir nun wirblich einmal an, dass sich all' diese Forde- rungen im Einzelnen als berechtigt begründen liessen und dass sie von Seiten der gesetsgebenden Körperschaften sur Annahine gelangten, was wäre damit erreichto Zunächst natürlich eine entsprechende Steigerung des landoirtschaftlichen Einfommens. Und nachher? Nun, alle Welt weiss es ja eigentlich. Man misst den Vorteil einer jeden einselnen landwirtschaftlichen Massnahme gans allgemein an dem Einfluss auf die Preissteigerung der Grundstiche, m. a. W., jeder Zuwachs am Einkommen der Landoirte erhöht in dem entsprechenden Masse den Grundbreis. Und da nach dem übereinstimmenden Urteil sämitlicher landwirtschaftlichen Erhebungen mit dem Grundhbreis mindestens gleich mässie fortschreitend die Verschuldung wächst, ist die letste Wirbung all dieser einhommiensteigernden Massregeln eine entsprechende Erhöhnung der Schuldenlast des landwirtschaftlichen Besitses. Wir sind also vor- autssichtlich in der nächsten Generation genau so weit, wie heute. Und wenn die Schulssöllner Bonseguent sein wollen, so müssen sie dann eine abermalige verstärbte Auflage ihrer Miltel fordern. ISt auch diese Quote der Einbommenssteigerung von den Grundverpflichtungen verschlucht, dann wäre eine dritte Verstärbung der gleichen Mittel vor- zunehmen u. s. w. ohne Ende. Man sieht: die Logik der Talsachen führt hier ad absurduna. Das Urteil über diese Massregeln wird nicht günstiger, wenn wir Sie im Einzelnen betrachten. Für die Schutzsölle ist seit dem De- sembervertrag von 149 die Zeit vorbei, wo man an eine Erhöhung denben honnte. Selbst die Schutszöllner beschränken sich heute auf die Erhaltung des Bestehenden. Die Verstaatlichuug des Hypothebenbredits ist ein=weischmeidiges Schwert, denn der Bauer würde sofort seinen vollen Kredit ausniitsen, und, wenn dann magere fahre kommen, stehit der allgemeine Bankrott vor der Türe. Selbst gegen die mit Recht so viel gerühmten Raijfeisenschen Darlehnsbassenvereine bestehen unter den heutigen Verhältnissen Bedenben allgemeiner Art, wie die Erfah- rungen mit den ritterschaftlichen Kreditvereinen im Osten der breussi- schen Monarchie zeigen. Die sehrr billige Kreditgewährung bewirkt, dass bei jeder Handänderung die ritterschaftlichen Hypothehen ruhig stehen bleiben. Der Verbaufsbreis der Rittergüter ist demenlsprechend gestiegen, und in mindestens dem gleichen Verhällnis sind die Schutlden gewachsen.“— Herr Profeſſor Ruhland dokumentiert ſich alſo in dieſen Ausführungen, die er bereits 1885 in einem Aufſatze ange— deutet und ſeither in zahlreichen Broſchüren wiederholt hat, als ein Gegner des Agrarſchutzzolles, der Doppelwährung, der Verſtaatlichung des Hypothekarkredits, ja der Verbilligung des ländlichen Realkredits überhaupt. Noch 1894 hat er in der genannten Schrift(Seite 36) erklärt, daß der Standpunkt der Freihändler„entſchieden richtiger ſei, als der der Schutz⸗ zöllner“. Er operiert bei der Betrachtung des Grundwerts und der Grundrente in dem Verhältnis beider zum Getreide— zoll durchaus mit den Argumenten David Ricardos, die Herr Köhler⸗Langsdorf als ſo verderblich und verhängnisvoll in Acht und Bann tut. Hier ſcheint alſo ein förmliches Rätſel vorzuliegen, und ſeine Löſung iſt nicht gerade einfach. Entweder hat Herr Köhler den Ruhland'ſchen Leitfaden nicht geleſen, oder er hat ihn nicht verſtanden. Beides iſt entſchuldbar. Es erſcheinen gegenwärtig ſo viel nationalökonomiſche Werke, daß man ſchon ungewöhnlich viel freie Zeit haben muß, wenn man ſelbſt als Fachmann einen Überblick über die hauptſächlichſten Publi⸗ kationen gewinnen will. Hat aber Herr Köhler wirklich alle Schriften Ruhlands durchſtudiert, ohne dahinter zu kommen, was der genannte Autor eigentlich will und lehrt, ſo kann man auch daraus keinen Vorwurf machen; denn einmal iſt die Nationalökonomie eine Wiſſenſchaft, und zwar eine recht ſchwierige, und es iſt unter Umſtänden um Vieles leichter, Reichstags⸗- und Landtagsabgeordneter zu ſein, als nur auch ein einziges wiſſenſchaftlich geſchriebenes nationalökonomiſches Werk, auch wenn es, wie das Ruhland'ſche, nur 60 Seiten umfaßt, zu kapieren. Das Verſtändnis ſolcher Schriften muß zum anderen ganz ungemein dadurch erſchwert werden, wenn man ſich die elementarſten Kenntniſſe des Faches aus den Schriften eines Wirtſchaftsphiloſophen, wie es Francois Quesnay war, ſich anzueignen bemüht; denn Quesnay lieſt heute kein Fachmann mehr; aus dem einfachen Grunde, weil man aus ſo veralteten doktrinären und naiven Betrachtungen, die nur noch höchſtens literarhiſtoriſchen Wert haben, nichts lernen kann. In der Kulturwelt giebt es außer Herrn Profeſſor Ruhland keinen nationalökonomiſchen Gelehrten oder Staats⸗ mann, der Phyſiokrat wäre, wohl aber hunderte, die das phyſio⸗ kratiſche Syſtem nur aus geſchichtlichen Kompendien ohne irgend welche Quellenſtudien kennen. Herr Profeſſor Ruhland ſcheint übrigens ſeinen Quesnay auch erſt neuerdings entdeckt zu haben. Als Eideshelfer für ſein„Syſtem“ treten Quesnay und ſeine Schule, ſoviel wir ſehen können, erſt in dem letzten Buche Ruhlands auf, und dieſe Ausgrabung iſt an der deutſchen nationalökonomiſchen Wiſſenſchaft ſpurlos vorübergegangen. — 23— Das Schönſte an der Sache aber iſt, daß die ganze Heranziehung Quesnays für moderne agrariſche Agitations— zwecke auf einem koloſſalen Mißverſtändnis beruht. Quesnays ökonomiſches Tableau, ſein Hauptwerk, auf das ſich Ruhland bezieht, iſt vor faſt 150 Jahren erſchienen. Es war ſchon einige Jahre vorher fertig, aber die Marquiſe de Pompadour riet ihrem Leibarzte ab, es zu veröffentlichen, weil es den „Spott des Publikums herausfordern könnte“. Es mußte erſt von Mirabeau gemeinverſtändlich überarbeitet werden, bevor es der Öffentlichkeit übergeben wurde. Das Originalmanu⸗ ſkript iſt erſt 1890 wieder aufgefunden worden. Der 1774 als 80 jähriger Greis geſtorbene Mediziner Francois Quesnay war Alles eher, als ein Vorläufer der modernen Agrarier; er war vielmehr in ſeinen letzten Konſequenzen, die natürlich der neugeadelte Leibarzt des Königs nicht ſelbſt ziehen konnte, die aber ſeine Schule alsbald gezogen hat, ein ſcharfer Kritiker der Feudalariſtokratie. Als ſolcher war er ein Vorahner der Bauernbefreiung und, wenn man will, ein Apoſtel der großen Revolution. Nicht die Grundbeſitzer bezeichneten Quesnay und ſeine Schule als die„alleinige produktive Klaſſe“, ſondern den eigentlichen Ackerbauer, den damals unfreien leibeigenen Bauern, der auf fremdem Boden arbeitete, mit Frohndienſten, Zehnten und dergleichen ſchwer belaſtet war und von dem Feudalherrn um den Lohn ſeiner Arbeit, die Grundrente, ge⸗ bracht, alſo ſyſtematiſch ausgebeutet wurde. Die„natürliche Ordnung“ iſt für Quesnay die Verbindung von Arbeitsein⸗ kommen und Landbeſitz. Dieſes Poſtulat iſt in den Stürmen der franzöſiſchen Revolution zur Erfüllung gelangt, während in Deutſchland die Bauernbefreiung ohne Revolution durch das Schön⸗Hardenberg'ſche Reformwerk friedlich zur Verwirk⸗ lichung kam. Alle Bauernbefreier waren liberale Naturrechtler im Sinn der Smith'ſchen Schule, die auf der Phyſiokratie, die in England freilich einen Veredelungsprozeß durchgemacht hatte, grundſätzlich aufbaut; ſie waren Freihändler und Gegner jeglichen Eingriffs der Geſetzgebung und Verwaltung in das „freie Spiel der wirtſchaftlichen Kräfte“. 24— Die Verbreiter der phyſiokratiſchen Lehre ſchmiedeten die Waffen gegen den Abſolutismus. Sie bekämpften deswegen auch die Wirtſchaftspolitik des abſoluten Staats, das ſo⸗ genannte„Merkantilſyſtem“. Sie waren nicht induſtriefeindlich in dem Sinne, wie es heute der radikalſte Flügel der Bauern⸗ bündler iſt; denn eine Induſtrie im heutigem Sinne gab es im 18. Jahrhundert auf dem Kontinente nirgends. Sie waren vielmehr nur Gegner der gekünſtelten Wirtſchaftspolitik, die durch Privilegien aller Art, Exportprämien und Induſtrie⸗ ſchutzzölle, Monopole und Preistaxen, die ſtädtiſchen Manu⸗ fakturen einſeitig begünſtigt und eine nationale Wirtſchafts⸗ politik des geſchloſſenen Territorialſtaats zum Durchbruch ge— bracht hat. Die naturrechtliche Schule der Phyſiokraten ſchwärmte für abſolute Gewerbefreiheit, die 100 Jahre ſpäter die deutſche antiſemitiſche Handwerkerpartei der Zünftler, die ſich mit den agrariſchen Bündlern in der antiſemitiſchen Fraktion zuſammen⸗ fand, als„Gewerbefrechheit“ verhöhnte. Die Phyſiokraten forderten die Freizügigkeit und die Freiheit des Lohnvertrags, die unſere oſtelbiſchen Großgrundbeſitzer jetzt im Hinblick auf die„Leutenot“ am liebſten beſeitigt wiſſen möchten. Die Phyſiokraten verlangen endlich den freien Verkehr in Grund und Boden, den freien Getreidehandel, die Beſeitigung ſeiner Gebundenheit und der Fideikommiſſe, während man heute im konſervativen Lager das Inſtitut der Majorate, des Anerben⸗ rechts und der geſchloſſenen Bauerngüter wieder zu beleben ſucht. Kurz: Der Phyſiokratismus iſt nichts Anderes als extremer wirtſchaftlicher Liberalismus, und zwar in einer Rückſichtsloſigkeit, wie ſie heute keine bürgerliche liberale Partei mehr mitmachen kann. Die heute herrſchende nationalökonomiſche Schule, die ſich die„hiſtoriſche“ oder diejenige der„nationalen ſozialen Reform“ nennt, ſtellt die natürliche Reaktion gegen die maß⸗ loſen Übertreibungen des phyſiokratiſchen liberalen Syſtems dar. Dieſer Schule, die freilich mancherlei Schattierungen hat und die nur relative Löſungen ökonomiſcher und ſozialer 25— Probleme auf dem Boden des hiſtoriſch gewordenen nationalen Wohlfahrtsſtaats verheißt, gehören heute faſt alle national— ökonomiſchen Theoretiker an. Die Bismarckianiſche Wirtſchafts⸗ politik der 80er Jahre, die vom extremen Freihandel ſich ab⸗ wandte, ſtand in engſter Fühlung mit den führenden National— ökonomen der hiſtoriſchen Schule. Dagegen hatte Bismarck die denkbar ſchwerſten Widerſtände der oſtelbiſchen Großgrund⸗ beſitzer anfänglich zu überwinden, als er zum Agrarſchutz und zum Induſtriezoll übergehen wollte. Gar manche derſelben hochadligen Namen, die heute an der Spitze der konſervativen Partei ſtehen, waren urſprünglich nicht einmal für einen Ein⸗ Mark⸗Weizenzoll zu haben. Die frivole Aufhebung der Eiſen— zölle dankte man ihnen in erſter Linie. Für die heute maß⸗ gebende nationalökonomiſche Schule ſind Schutzzoll oder Frei— handel überhaupt keine prinzipiellen Fragen, ſondern Mittel der ſtaatspolitiſchen und volkswirtſchaftlichen Therapie, die man bald in größeren, bald in kleineren Doſen verabreichen muß. Aus den Kreiſen der vielgenannten Kathederſozialiſten ſtammt auch das köſtliche Wort, womit die orthodoxe Frei⸗ handelstheorie ſo treffend verſpottet wurde:„Daß die Wölfe nach Freiheit rufen, iſt ſelbſtverſtändlich; wenn es aber auch die Schafe tun, ſo beweiſen ſie eben nur, daß ſie Schafe ſind*).“ *) Das Wort ſtammt von dem Juriſten Ihering. Weiteren Kreiſen iſt es dadurch bekannt geworden, daß es Schmoller in ſeiner berühmten Rede„Über den Übergang Deutſchlands zum Schutzzollſyſtem“, die er auf der Generalverſammlung des Vereins für Sozialpolitik am 21. April 1879 in Frankfurt a. M. hielt, zitierte. Es ſind mir von verſchiedener Seite Zweifel darüber ausgeſprochen worden, ob ich Ihering zu den „Kathederſozialiſten“ rechnen dürfe. Ich glaube, daß dieſe Bedenken nicht gerechtfertigt ſind; denn Ihering ſtand ſowohl als Rechtshiſtoriker wie als Rechtsphiloſoph, namentlich in ſeinem„Zweck im Recht“ mit dort vertretenem„ſozialen Utilitarismus“ der ethiſchen nationalökono⸗ miſchen Schule von Guſtav Cohn und dem Staatsſozialismus von Adolph Wagner grundſätzlich nahe. Er hat ſich auch für die Ideen Bismarcks bei deſſen Übergang zur neudeutſchen Wirtſchafts⸗ und Sozial⸗ politik, Ende der 70 er und Anfangs der 80er Jahre, zuſtimmend aus⸗ 26 Dieſelbe hiſtoriſche Schule, die früher für den gemäßigten Protektionismus in Verbindung mit der Arbeiterſchutzgeſetz gebung plaidiert hat, wehrt ſich jetzt allerdings mit Entſchieden heit gegen libertreibungen agrariſcher Forderungen, lehnt aber einen gemäßigten Agrarzoll, der mit dem Abſchluß von Han delsverträgen vereinbar iſt, nicht grundſätzlich ab. Gerade mit Rückſicht darauf, daß die hiſtoriſche Schule, ſo arbeiterfreund lich ihr Programm auch iſt, nicht radikalsfreihändleriſch ſein lann, verdankt ſie die Angriffe der Sozialdemokratie, die die ländliche Bevölkerung proletariſieren will, um ſie ſozialiſtiſch zu machen. Die deutſche Nationalökonomie muß alſo nach zwei Fronten kämpfen, und zwar mit gleicher Schärfe. Sie bekämpft die deſtruktiven Beſtrebungen der Sozialdemokratie und ihre Freihandelsargumente, deren Hervorkehrung übrigens bei den wiſſenſchaftlichen Köpfen dieſer Partei nur noch in recht verſchämter Form vorkommt. Die deutſche national ökonomiſche Schule bekämpft aber auch andererſeits das ein ſeitige Agrariertum und ſeine Handels⸗ und Induſtriefeindlich keit mit allen literariſchen Waffen, die ihr zu Gebote ſtehen. Was ſie handelspolitiſch will, ſind verſtändige, langfriſtige Handelsverträge, die Zollkriege mit ihren verheerenden Wir kungen vermeiden und langſam zu einer zollpolitiſchen Ab⸗ rüſtung der Welthandelsſtaaten überleiten. Der jetzt durch gepeitſchte Zolltarif mit ſeinen unrationellen Minimal⸗ und Maximalſätzen und ſeinem„lückenloſen“ Tarif erſcheint ihr als Grundlage für ſolche völkerrechtliche Verträge, die endlich geſprochen, und hat, wie unter Anderem ſein bekannter Aufſatz über die „Geſchichtlich geſellſchaftlichen Grundlagen der Ethik“ im Schmoller'ſchen Jahrbuche(1882), wo er nachzuweiſen ſucht, daß das Individuum nicht Prinzipe und Zweckſubjekt des Sittlichen ſein könne, beweiſt, mannigfaltige Berührungspunkte mit der neuhiſtoviſchen Schmollev'ſchen Schule gefunden. Als Schüler Ihevrings habe ich ſtets den Eindruck gehabt, daß man den Rechtsphiloſophen Ihering als einen derjenigen Juriſten auffaſſen dürſe, der in ſeinen grundlegenden Anſchauungen der führenden deutſchen Nationalökonomie ſo nahe ſtehe, wie kaum ein Anderer. ſchen druck nigen ungen n ein 27— das wirtſchaftliche Leben wieder zur Ruhe kommen laſſen ſollen, als kaum geeignet, und deswegen ſind die national— ökonomiſchen Lehrer an den deutſchen Univerſitäten in ihrer überwiegenden Mehrheit keine Freunde des Zolltarifs geweſen. Die allernächſte Zukunft wird lehren, wer Recht behält. Wahr⸗ ſcheinlich werden die Handelsverträge, die jetzt auf diploma— tiſchem Weg vorbereitet werden ſollen, ganz anders ausſehen, als die Mehrheitsparteien des Reichstags, die zu früh trium— phiert haben, ſich träumen laſſen. Dann kann der Tanz aufs Neue losgehen! Wir ſind geſpannt, ob dann zu dem„Bauern⸗ krieg“, mit dem Herr Köhler⸗Langsdorf kürzlich gedroht hat, mobil gemacht wird. Vielleicht flattern bald auf den Höhen des Vogelsbergs und der Wetterau die Fähnlein mit dem „Bundſchuh“, und Herr Köhler als der neue Götz von Ber— lichingen, Feldhauptmann ſeiner Getreuen, berät hoch zu Roß mit ſeinem bäuerlichen Kanzler und Generalſtabschef Ruhland die ordre de bataille gegen die verruchte deutſche Bourgeoiſie in Reich und Land. III. Dr. Ruhland's Antwort. Die„Gießener Neueſten Nachrichten“ in ihrer Nr. 32. vom 7. Februar 1903 veröffentlichten folgenden Brief mit ein⸗ geſchloſſenem Leitartikel: Für die lex Köhler⸗Langsdorf. Es gingen uns dazu folgender Brief und Bericht zu: Berlin, den 4. Februar 1903. Hochverehrter Herr Chefredakteur! In der Anlage habe ich die Ehre, Ihnen im beſonderen Auftrage des Herrn Abg. Köhler⸗Langsdorf das Manuſkript für einen Artikel mit der Bitte zu überreichen, denſelben bald⸗ tunlichſt in Ihrer Zeitung erſcheinen zu laſſen. Hochachtungsvollſt Dr. G. Ruhland. Die Ausführungen in Nr. 23 dieſes Blattes vom 28. v. M. gegen die lex Köhler⸗Langsdorf laſſen ſich ſachlich in zwei Teile ſcheiden. Zunächſt wird das formelle Recht der Parlamente beſtritten, einen Einfluß auf die Beſetzung der Profeſſuren für Nationalökonomie auszuüben, Und dann wird nachzuweiſen verſucht, daß der vorgeſchlagene Profeſſor Ruhland doch eigentlich noch weniger Agrarier im Sinne der Partei Köhler⸗Langsdorf ſei, als der derzeitige Profeſſor Biermer⸗ Gießen. Eine Entgegnung wird zweckmäßigerweiſe dieſer Ein⸗ teilung jetzt folgen. — 903. 20 Es iſt eine alte Erfahrung, welche ſchon der berühmte Philoſoph Locke mit aller Schärfe und allem Nachdruck behandelt hat, nämlich, daß jede Wiſſenſchaft, welche ausſchließlich den ordentlichen Profeſſoren überlaſſen, als Bremszeug am Rade der Volksentwickelung zu wirken Gefahr läuft. Die Erklärung liegt nahe. Die Wahl der Nachfolge ausſchließlich aus den Lieblingsſchülern oder Verwandten der Profeſſoren wirkt wie jede Inzucht. Es kommt kein neuer friſcher Geiſt in die Wiſſenſchaft, deren jüngere Vertreter tunlichſt die Pfade der alten Meiſter zu betreten gehalten ſind. Weil aber das Leben und ſeine Bedürfniſſe fortwährend neue Anforderungen ſtellen, ſo kommt es bald zu einem immer tieferen unheilvollen Riß zwiſchen dem Bedürfnis der Praxis und den Anſchauungen der Wiſſenſchaft, welcher bekanntlich nur dadurch beſeitigt werden kann, daß eine neue, dem Bedürfnis des Lebens beſſer ange— paßte Richtung auf den Lehrſtühlen der Wiſſenſchaft eingeführt wird. In ſolchen Zeiten gehört es zu den heiligſten Pflichten der Volksvertretung, ſich um die tunlichſt baldige Einführung der neuen Wiſſenſchaft zu kümmern. Denn, die Univerſitäten ſind nicht der Profeſſoren wegen da, ſondern des Volkes wegen, um den Söhnen des Volkes eine möglichſt umfaſſende Bildung zu bieten. Niemand wird aber beſtreiten wollen, daß die Studenten dann am beſten für ihre Arbeit im Dienſt des Vaterlandes vorbereitet werden, wenn ſie nicht immer nur die eine Richtung, ſondern möglichſt verſchiedene Richtungen hören, um aus allem dann das Beſte behalten zu können. Nun hat nach der Berliner„Konſervativen Korreſpondenz“ vom 9. Febr. 1899 gerade die„Frankfurter Zeitung“— alſo in dieſem Falle ein unverdächtiger Zeuge— gelegentlich der bekannten Angriffe des Frhrn. von Stumm gegen die Katheder⸗ ſozialiſten ohne Vorbehalt beſtätigt, daß Profeſſor Schmoller in Berlin bei der Erledigung von Profeſſuren für National⸗ ökonomie in ausſchlaggebender Weiſe die Berufung der Nach⸗ folger beeinfluſſe. Es ſei ein offenkundiges Geheimnis, daß gelegentlich der jährlichen Verſammlungen des Vereins für — 30— Sozialpolitik, dem faſt alle deutſchen Profeſſoren für National⸗ ökonomie angehören, die Kandidaten für die zu erwartenden Vakanzen im Voraus beſtimmt werden, ſodaß Jeder weiß, wer eintretenden Falles an die Reihe kommt. In ausdrück— licher Bezugnahme auf dieſen unhaltbaren einſeitigen Zuſtand hat damals der preußiſche Kultusminiſter mehrere Profeſſoren für Nationalökonomie auf preußiſche Univerſitäten berufen, welche gegenüber dem herrſchenden Kathederſozialismus den Intereſſenſtandpunkt der großen induſtriellen Unternehmer ver⸗ treten. Um endlich auch der agrariſchen Richtung zu ihrem Rechte zu verhelfen, hat dann Frhr. von Wangenheim am 6. März 1901 im Preußiſchen Abgeordnetenhauſe eine Inter⸗ pellation über die Beſetzung der Lehrſtühle für Nationalöko⸗ nomie eingebracht, worauf der Miniſterialdirektor im preußiſchen Kultusminiſterium Dr. Althoff ſofort geantwortet hat, daß auch dieſem Wunſche gegenüber die Staatsregierung nach dem Grundſatz handeln werde, die Lehrſtühle an den Univerſitäten den verſchiedenen Richtungen in der Wiſſenſchaft zu geben. Das Mitwirkungsrecht der Volksvertretung bei der Beſetzung von Profeſſuren für Nationalökonomie iſt alſo von dem größten deutſchen Bundesſtaate ſowohl für Vertreter der großinduſtriellen wie der agrariſchen Richtung ausdrücklich anerkannt worden. Sollte die Ausübung des gleichen Rechtes in Sachen der Uni⸗ verſität Gießen nun ganz unzuläſſig ſein? Aber— und das iſt der eigentliche Inhalt des zweiten Teiles der eben zitierten gegneriſchen Ausführungen— wozu die Kandidatur des Prof. Ruhland durch die Partei des Köhler⸗Langsdorf unterſtützen, wenn Prof. Biermer der beſſere Schutzzöllner iſt? Die Antwort darauf iſt leicht zu finden. Zunächſt giebt der gleiche Artikel zu, daß Schutzzoll oder Freihandel heute keine wiſſenſchaftlichen Prinzipienfragen mehr ſind. Der Reichskanzler Fürſt Bismarck hat im öffentlichen Parlament erklärt:„Ich weiß ſehr wohl, daß mit Schutzzöllen allein der deutſche Bauer nicht erhalten wird, aber ich habe bis jetzt noch Niemand gefunden, der mir beſſere Mittel hätte drück⸗ Zuſtand feſſoren derufen, 3 den ner ver⸗ ihrem aß auch dem rſitäten worden. der Uni⸗ zweiten — wozu tei des beſſere inden. oll oder en mehr — 31— vorſchlagen können.“ Schutzzölle ſind nur ein Notverband, um weitere Verblutungen am nationalen Wohlſtand zu verhüten, — kein Heilmittel. Wie kommt alſo der Verfaſſer jenes Ar⸗ tikels dazu, die prinzipiellen Unterſchiede zwiſchen Ruhland und Biermer an der gar nicht prinzipiellen Zollfrage meſſen zu wollen? Warum zitiert dieſer Artikel ſo eingehend aus dem Ruhland'ſchen„Leitfaden“, der ſchon im Jahre 1893*) ge⸗ ſchrieben wurde, und nichts aus dem jetzt, faſt 10 Jahre ſpäter, erſchienenen Ruhland'ſchen„Syſtem der politiſchen Oekonomie?“ Und wie kann der betr. Verfaſſer es vereinbaren, Ruhland einmal als einen Mann zu bezeichnen, der kurzer Hand die Anſchauungen des Bundes der Landwirte vertrete, und dann ſolche Zitate aus ſeinem„Leitfaden“ anführen? Nein! Der prinzipielle Unterſchied zwiſchen der neuen Richtung, welche die lex Köhler⸗Langsdorf für die Univerſität Gießen anſtrebt und der alten Richtung, wie ſie durch Prof. Biermer vertreten wird, reicht viel tiefer und wäre kurz etwa wie folgt zu bezeichnen: Wie der betr. Artikel ſelbſt ſagt, verheißt heute die an deutſchen Univerſitäten herrſchende Richtung der Nationalöko⸗ nomie„nur relative Löſungen ökonomiſcher und ſozialer Probleme auf dem Boden des hiſtoriſch Gewordenen“. Um Gottes Willen keine einſchneidenden Reformen, nur„kleine“ Mittel ſtehen zur Verfügung. Mehr als„lindern“ kann man die ökonomiſchen Mißſtände nicht. Die größten kapitaliſtiſchen Mißſtände dürfen zwar etwas„beſchnitten“ werden, aber als hiſtoriſch Gewordenes muß der Kapitalismus ſelbſtverſtändlich erhalten bleiben. Es wäre ganz ſchön, wenn man den Bauern— *) Im Original des Ruhland'ſchen Aufſatzes, das ich mir von der Redaktion der„G. N. N.“ zur Einſicht erbeten habe, ſteht auffallender Weiſe 1893, in der Zeitung in Folge eines Druckfehlers 1892. Meine Zahl, die ich in dem Aufſatze vom 28. Januar d. Is. anführte— 1894—, iſt die einzig richtige. Das Vorwort ſeines Leitfadens hat Ruhland mit „München im April 1894“ datiert; auf dem Titelblatt ſteht ebenfalls 1894. Br. ſtand und Mittelſtand erhalten könnte, aber die vorgeſchlagenen Mittel ſtehen im Widerſpruch mit dem ebenfalls hiſtoriſch gewordenen Exporthandel und der Exportinduſtrie und auch mit der heute herrſchenden ſog. Arbeiterpolitik. Man möchte wohl, aber es geht nicht. Und ſo bleibt denn in der Haupt⸗ ſache Alles bei der bisherigen Entwickelungstendenz. Die ſozialen Mißſtände ſind längſt chroniſch geworden. Die un⸗ heilvollen volkswirtſchaftlichen Verſchiebungen ſchreiten unauf⸗ gehalten weiter. Das iſt die naturgemäße Folge einer über⸗ wiegend hiſtoriſchen unpraktiſchen Richtung in der National⸗ ökonomie, von der Roſcher ganz mit Recht geſagt hat:„Sie beſchäftigt ſich mit dem, was iſt und geweſen iſt, aber nicht mit dem, was ſein ſoll“. Das Weſen einer groß angelegten, von neuen wiſſenſchaftlichen Ideen getragenen praktiſchen Politik iſt dieſer heute herrſchenden Nationalökonomie ganz und gar verſchloſſen geblieben. Man hat ſich in Tauſende von hiſtoriſchen Spezialunterſuchungen verlaufen, man betrachtet die Hunderte von Symptomen der einen tieferen Erkrankung des ſozialen Körpers alle als ſelbſtändige Krankheiten, für welche man— ohne jeden Ueberblick über das Ganze— viele Hunderte von kleinen Rezepten verſchreibt, und ſchimpft dann über„irre ge⸗ leitete Maſſeninſtinkte“ und„Eingriffe in die Freiheit der Wiſſenſchaft“, wenn das Volk bei einer ſolchen Mitwirkung der Nationalökonomie als Wiſſenſchaft die Geduld verliert und immer energiſcher eine neue wiſſenſchaftliche Richtung fordert, welche die wirklichen Bedürfniſſe des Volkes beſſer kennt und verſteht. Gegenüber dieſer, an den deutſchen Univerſitäten herr⸗ ſchenden Auffaſſung, welche die Nationalökonomie als„die Lehre von den wirtſchaftlichen Erſcheinungen“ betrachtet, ver⸗ tritt Prof. Ruhland in ſeinem jüngſt erſchienenen„Syſtem der politiſchen Okonomie“ die Anſchauung, daß„die Nationalöko— nomie die Lehre ſei vom geſunden und kranken Volkskörper“. Um nun bei dem heutigen Widerſtreit der Meinungen nach wiſſenſchaftlicher Methode zu einem zuverläſſigeren Urteil zu gelangen, unterſucht Ruhland die Entwickelungsgeſchichte von 13 Völkern, welche waren, groß geworden ſind und dann zu Grunde gingen. An dieſen Leichen auf dem Seziertiſch der Geſchichte ſollen die wiſſenſchaftlichen Studien gemacht werden, welche Aufſchluß darüber geben: an welcher eigentlichen Krank⸗ heit die Völker zu Grunde gehen? welche Symptome dieſen Erkrankungs⸗ und Abſterbeprozeß der Völker begleiten? welche eigentlichen Urſachen dieſer Krankheit zu Grunde liegen? und mit welchen Mitteln allein ein von dieſer Krankheit befallener Volkskörper geheilt werden könne? Hier handelt es ſich nicht um„relative Löſungen“ der ökonomiſchen Probleme, hier handelt es ſich endlich einmal um eine durchgreifende Heilung von innen heraus, die viel zu ausſchließlich vom Ganzen des Volkskörpers ausgeht, als daß ſie als einſeitige Intereſſen⸗ politik bemängelt werden könnte. Und das iſt der Punkt, wo die Ruhland'ſchen Ausführungen mit Quesnay zuſammen⸗ treffen. Denn auch Quesnay iſt von der prinzipiellen Frage ausgegangen:„Wie muß die wirtſchaftspolitiſche Ordnung eines Volkes beſchaffen ſein, um ein Volk auf gutem Boden unter günſtigen klimatiſchen Verhältniſſen vor Not zu be⸗ wahren?“ Er hat darüber gewiß Vieles geſchrieben, das uns heute unverſtändlich klingt. Andere Zeiten, andere Verhält⸗ niſſe, andere Ideen. Er hat aber auch ſehr Vieles von dauerndem Werte geſchrieben, was dem Verfaſſer des betr. Artikels über die lex Köhler⸗Langsdorf ſchon deshalb unbekannt geblieben iſt, weil er nicht einmal weiß, daß neben Ruhland und ſogar ſchon früher als dieſer auch Prof. Auguſt Oncken in Bern und ſelbſt noch andere Gelehrte auf dieſe dauernd richtigen Sätze der Quesnay'ſchen Auffaſſung zurückgegriffen haben bezw. zurückgreifen. Wenn man aber über dieſe neue Richtung ſo wenig orientiert iſt, dann ſollte man es vermeiden, durch lange Artikel über dieſes Thema auf die öffentliche Meinung einwirken zu wollen. Der Artikel gegen die lex Köhler⸗-Langsdorf bringt in ſchwer erſichtlichem Zuſammenhange das Citat:„Daß die — 34— Wölfe nach Freiheit rufen, iſt ſelbſtverſtändlich; wenn es aber auch die Schafe tun, ſo beweiſen ſie eben nur, daß ſie Schafe ſind“. Wir möchten ſagen: Wenn der ſelbſtändige deutſche Mittelſtand in Stadt und Land vom modernen Kapitalismus vernichtet zu werden droht, und in einem ſolchen Falle nur mit„relativen“ Löſungen vorgegangen werden ſoll, ſo beweiſt man eben damit nur, daß man in den einfachſten Prinzipien nicht mehr Beſcheid weiß. Die lex Köhler⸗Langsdorf ſieht ihre Aufgabe darin, nach der Landesuniverſität Gießen eine Richtung der Nationalökonomie zu verpflanzen, welche ſich über ſolche prinzipiellen Fragen im Klaren iſt. tichtung r ſolche IV. Herr„Kollege“ Dr. Ruhland. In meinem Artikel vom 28. Januar d. J. habe ich aus⸗ drücklich erklärt, daß ich mich mit der Perſon des Herrn Pro⸗ feſſor Ruhland nicht beſchäftigen wolle, ſondern nur mit ſeiner Stellung als nationalökonomiſchem Autor in ſeinem Verhält⸗ nis zum Programme des Bundes der Landwirte. Ich konnte es alſo damals vermeiden, Herrn Profeſſor Ruhland als po⸗ litiſchen und wiſſenſchaftlichen Charakter etwas näher zu be⸗ leuchten. Ich legte mir dieſe Reſerve um ſo unbedenklicher auf, weil ich natürlich kein Freund von perſönlichen Auseinander⸗ ſetzungen ſolcher Art bin. Material für eine intimere Polemik hatte ich freilich ſchon damals mehr als genug; denn Herr Ruhland iſt in der wiſſenſchaftlichen Welt längſt hinreichend bekannt, und auch die Tagespreſſe hat ſich mit ihm, ebenſo wie angeſehene Vertreter unſeres Fachs, mehr beſchäftigen müſſen, als ihm und ihnen lieb ſein wird. In dem jetzigen Stadium der Angelegenheit ſehe ich mich indeſſen genötigt, die urſprünglich mir auferlegte Zurückhaltung aufzugeben und auch nach der perſönlichen Seite hin etwas deut— licher zu werden, zumal, da dieſer Herr die Stirn gehabt hat, in eigener Sache, die doch jämmerlich ſchwach ſteht, zu plädieren. Freilich eignet ſich nicht Alles, was ich authentiſch über Herrn Ruhland weiß, für die breite öffentlichkeit; denn man ſoll nur im alleräußerſten Notfalle die ſittlichen Qualifikationen des Gegners, über die mir recht belaſtende Mitteilungen geworden ſind, in das Bereich der Auseinanderſetzungen, — 36— die ich nicht geſucht habe, die mir vielmehr in übermütigſter Weiſe aufgedrängt worden ſind, ziehen. Ich beſchränke mich für heute auf einige wenige Feſt⸗ ſtellungen, laſſe alſo alles Andere, was ebenfalls in hohem Grade lehrreich wäre, aber nicht unmittelbar zur Sache ge⸗ hört, weg.— Folgende Punkte, glaube ich, verdienen in meiner Replik beſonders hervorgehoben zu werden. Wer den Ruhland'ſchen Aufſatz mit Aufmerkſamkeit lieſt und ſich der Mühe unterzieht, ſeinen Inhalt und ſeine For— mulierung mit dem Antrag des Herrn Abgeordneten Köhler⸗ Langsdorf, der als Druckſache Nr. 74 der Zweiten heſſiſchen Kammer vorliegt und das heſſiſche Parlament vorausſichtlich in der nächſten Woche beſchäftigen wird, genauer zu vergleichen, bei dem kann kaum noch ein Zweifel darüber obwalten, daß nicht Herr Köhler⸗-Langsdorf, ſondern Herr Profeſſor Dr. Ruh⸗ land den Antrag Köhler⸗Langsdorf veranlaßt oder mindeſtens inſpiriert hat. Herr Köhler hat nur ſeinen gewichtigen Namen dazu hergegeben und außerdem noch eine Anzahl von Verball⸗ hornungen angebracht, der eigentliche spiritus rector der ganzen widerlichen Reklame iſt Herr Profeſſor Dr. Ruhland ſelbſt. Wahrſcheinlich werden beide Herren den traurigen Mut haben, dies nachträglich abzuſtreiten. Es wird vorausſichtlich wieder eine der bekannten„Berichtigungen“ auf Grund des Allerwelts— paragraphen elf des Preßgeſetzes eingeſandt werden. Darauf bin ich gefaßt. Ich bemerke aber ſchon jetzt, daß keine Berichtigung der Welt mich von meiner feſten und heiligen Üüberzeugung ab⸗ bringen wird, daß wir es mit einer Firma Ruhland, Köhler— Langsdorf& Co., Geſellſchaft mit beſchränkter Haftung für akademiſche Stellenvermittelung, zu tun haben, die mit dem lehrſtuhllüſternen Muſternationalökonomen Ruhland in der antiſemitiſchen Preſſe und in der Zweiten Kammer der Land⸗ ſtände in aufdringlichſter Weiſe hauſieren geht. Dieſer Vorgang iſt ungemein charakteriſtiſch. Unter dem Vorwande, für die Parität wiſſenſchaftlicher Richtungen an 375)— den Univerſitäten grundſätzlich eintreten zu wollen, inſzeniert man einen Konkursausverkauf, in dem man einen agrar— politiſchen Publiziſten, den man ſchon zu lange auf Lager hat, den aber keine andere Reichsuniverſität wegen ſeiner notoriſchen Geſinnungs⸗ und Charakterloſigkeit auch nur zur Habilitation als Privatdozenten zulaſſen würde, dem heſſiſchen Staate als Ordinarius„50 Prozent unter dem Selbſtkoſtenpreis“ offeriert. Wenn ſich ein Nationalökonom, überhaupt ein Gelehrter, zu einem ſolchen verwegenen Manöver hergiebt, ſo richtet er ſich in den Augen aller anſtändig denkenden Menſchen ganz von ſelbſt. Es muß wahrhaftig mit Herrn Ruhland weit gekommen ſein, wenn er ſich auf ſolche Schleichwege begeben muß und keinen ernſteren Politiker für die Vertretung ſeiner Privat⸗ wünſche findet, als den ſattſam bekannten Abgeordneten Herrn Köhler⸗Langsdorf, von dem man, wie bei Kleiſts Dorfrichter Adam, ſagen darf, daß bei ihm„Wiſſenſchaft und Irrtum geknetet, innig wie ein feſter Teig zuſammen“ ſeien. Ich halte heutzutage Alles für möglich, beſonders bei den ſog.„Volks⸗ vertretungen“. Aber dasjenige Parlament möchte ich denn doch ſehen, das auf einen Vorſtoß von ſo täppiſcher und dreiſter Art hereinfällt.— Ich habe ſchon früher feſtgeſtellt, daß der Gedanke, Pro⸗ feſſor Ruhland auf einen Lehrſtuhl der Landesuniverſität zu lanzieren, nicht nur in dem Wunſche gipfelt, eine einſeitige Intereſſentengruppe intranſigenter Art mit einer Profeſſur, die politiſch im verwegenſten Sinne des Wortes iſt, zu be⸗ denken, ſondern daß der Antrag Köhler⸗Langsdorf zugeſtutzt iſt auf einen ganz beſtimmten Kandidaten, für den ſich jede andere Univerſität höflichſt bedanken würde. Angeſichts dieſer Tatſache wagt es Herr Ruhland, den Herrn Profeſſor Schmoller, der angeblich in einſeitiger Weiſe bei der Neubeſetzung national⸗ ökonomiſcher Lehrſtühle für ſeine Schüler eintritt, auf eine Stufe mit Herrn Köhler⸗Langsdorf zu ſtellen. Die hiſtoriſche Schule Schmoller'ſcher Obſervanz, der die deutſche Wiſſenſchaft die hervorragendſten Leiſtungen auf Wirtſchafts⸗ und kultur⸗ hiſtoriſchem Gebiete verdankt, wird alſo hier in einem Atem— zuge als gleichwertig und gleichberechtigt mit dem Bureau des Bundes der Landwirte und dem Hauptquartier der heſ— ſiſchen Antiſemiten genannt. Ich leugne nicht, daß es bei der Beſetzung der Lehrſtühle an den Univerſitäten nicht immer ſo zugeht, wie man es billigermaßen wünſchen dürfte. Indeſſen liegt es in der Natur jeder Disziplin, daß bahnbrechende Gelehrte, die Schule machen, einen größeren Einfluß nach Methode und Richtung bean⸗ ſpruchen und auch beanſpruchen können, als ſolche, die als Einſpänner durch das Leben gehen und es nicht verſtehen oder die Mühe ſcheuen, für einen talentvollen Nachwuchs zu ſorgen. Darunter leiden unter Umſtänden andere Richtungen. Das will ich gern zugeben; denn ich habe es am eigenen Leibe erfahren. Ich perſönlich gehöre der Schmoller'ſchen Richtung weder nach der Methode noch nach ihrer grundſätzlichen Stellung zu vielen wirtſchaftspolitiſchen Problemen der Gegenwart an, und, wie ich poſitiv weiß, verdanke ich keinen der Lehrſtühle, die ich bisher innegehabt habe, einer Empfehlung Schmollers, obgleich er neben Anderen auch mein Lehrer war, dem ich vielen Dank ſchulde. Ähnlich verhält ſich die Sache bei meinem Herrn Kollegen Liefmann, der nirgends als„Schmollerianer“ gilt, ſondern durchaus ſeine eigenen wiſſenſchaftlichen Wege wandelt, dem politiſchen Leben des Tages gänzlich abgekehrt, nur der ernſten und ſcharfſinnigen Feſtſtellung wirtſchafts⸗ organiſatoriſcher Phänomene lebt und in dieſer Hinſicht bereits Treffliches geleiſtet hat.— Es iſt richtig, was die„Frankfurter Zeitung“ ſeiner Zeit hervorgehoben hat, daß im„Verein für Sozialpolitik“ alle maßgebenden deutſchen Lehrer der Staatswiſſenſchaften ſich zuſammenfinden. Der„Verein für Sozialpolitik“ iſt eben der einzige volkswirtſchaftliche Kongreß, den wir in Ländern deutſcher Zunge beſitzen. Nicht richtig aber iſt, daß alle Mit⸗ glieder dieſes Vereines an einem Strange ziehen. Im Gegenteil beſtehen dort, wie ich ſchon früher hervorgehoben habe, die aller⸗ — 39— verſchiedenſten Richtungen und Schattierungen, die gelegentlich zu den lebhafteſten Auseinanderſetzungen geführt haben. Ich nenne nur die Namen Schmoller und Wagner, Conrad und Sering, Brentano und Guſtav Cohn; faſt jeder dieſer Gelehrten bedeutet ein anderes Programm bezw. eine andere Lehr⸗ meinung. Nur in einem Punkte iſt glücklicher Weiſe das nationalökonomiſche Gelehrtentum auf den deutſchen Hoch— ſchulen einig geblieben: nämlich in dem Punkte, daß wir grundſätzlich es weit von der Hand weiſen, einſeitige wirtſchaft— liche und ſozialpolitiſche Intereſſen, die wir mit der Geſamt⸗ wohlfahrt der Nation für unvereinbar halten, zu vertreten. Ein nationalökonomiſcher Lehrer, der das tut, ſchändet ſich und ſeine Wiſſenſchaft und hat keinen Anſpruch, einen Lehr⸗ ſtuhl einzunehmen, von dem aus er künftige Staatsbeamte und Staatsbürger ausbilden ſoll. Zu dieſen Pſeudogelehrten gehört aber nach übereinſtimmendem Urteil wohl der meiſten meiner Fachkollegen der vielſchreibende Herr Profeſſor Ruhland, ganz abgeſehen von ſeinen moraliſchen Qualifikationen, über die ich mich aber nicht näher auslaſſen kann, die aber allein hinreichten, ihn als akademiſchen Lehrer an einer deutſchen Univerſität dem geſellſchaftlichen Boykott ausgeſetzt zu haben. Wenn ich eben zugegeben habe, daß das Berufungsweſen an den deutſchen Univerſitäten hier und da auch unzweifelhafte Schattenſeiten aufweiſt, wie eben jede menſchliche Inſtitution, ſo ſpricht doch das hohe Anſehen, das die deutſchen Univerſi⸗ täten ſich in der ganzen Kulturwelt errungen haben, direkt gegen die maßloſe Kritik, die gelegentlich von ſolchen Leuten an unſerer Univerſitätsorganiſation geübt wird, die entweder nichts von der Sache verſtehen oder die aus guten Gründen in der Hochſchulkarriere nicht vorwärtsgekommen ſind und nur aus dieſem Grunde die Inſtitution verdächtigen und in den Schmutz zu ziehen ſuchen. Zugelaſſen in den Lehrplan dürfen nur wiſſenſchaftliche Richtungen werden. Hier iſt freilich eine unbefangene Weitherzigkeit ſehr wohl am Platze. Wiſſen⸗ ſchaftlich iſt aber die Richtung Ruhlands und Köhlers nie — 4090— und nimmermehr: denn ſie verkennt die geſamte volkswirt— ſchaftliche Entwickelung der Nation. Was ſie ſagen, iſt ſkurril oder ganz utopiſtiſch; ſie ſind klaſſenbefangen, Hetzer und, was Ruhland anbetrifft, iſt es mehr als zweifelhaft, ob er an das glaubt, was er ſchreibt. Denn dazu iſt er viel zu geſcheit. Selbſt wenn man aber annehmen wollte, daß Herr Profeſſor Ruhland wirklich in natürlicher Entwickelung ſeiner Anſchauungen aus einem Saulus ein Paulus geworden iſt — der Quadratantiſemit Herr Köhler möge dieſen juden— chriſtlichen Vergleich entſchuldigen— ſo beweiſt gerade ſeine Entwickelung vom entſchloſſenen Gegner der Agrarzölle, welchen Standpunkt er zehn Jahre lang mit Eifer vertreten hat, zum beſoldeten Experten des Bundes der Landwirte, ebenſo wie ſein Eintritt als Proteſtant in die Dominikanerlehranſtalt zu Frei⸗ burg in der Schweiz, daß die wiſſenſchaftlichen und politiſchen Richtungen, die man auf der Univerſität gelehrt haben will, in verhältnismäßig kurzer Zeit ihrer urſprünglichen Vertretung ſehr bald wieder verluſtig gehen können. Soll man dann in einem ſolchen Fall gegen einen Dozenten, der ſeine Anſichten geändert hat und in ein anderes Lager übergelaufen iſt, etwa diszi⸗ plinariſch vorgehen, oder muß etwa dann ſchon wieder eine neue„Strafprofeſſur“ gefordert werden?! Ich bin weit davon entfernt, von einem Gelehrten zu verlangen, daß er prinzipienſtarr an ſeinen urſprünglichen Überzeugungen feſthält. Wir alle haben größere oder ge⸗ ringere Wandlungen durchgemacht und werden ſie auch in Zukunft durchmachen müſſen. Wer ſich ernſtlich ſelbſt prüft, wird das niemals beſtreiten können.„Es irrt der Menſch, ſo lang er ſtrebt.“ Aber die Wandlungen, die Herr Ruhland in ganz unvermittelter Art erlebt hat und die literariſch für Jeden ſichtbar feſtſtehen, gehen denn doch über das Maß des Erlaubten himmelweit hinaus. Heute iſt Herr Ruhland Bauernfreund, radikaler Agrarſchutzzöllner und Angeſtellter des Bundes der Landwirte. Dieſer„Bauernfreund“ hat ſich anfangs der neunziger Jahre von einem Großinduſtriellen der Provinz Sachſen, der, wie Herr Ruhland ſich ſo ſchön aus— drückt,„in der reinen, friſchen Alpenluft ſeine überarbeiteten Nerven wieder geſtählt hat“ und ſich eines Tages entſchloß, zum Danke dafür ſeine überſchüſſigen Kapitalien„dort großen wirtſchaftlichen Zwecken zu widmen“, als Generaldirektor en⸗ gagieren laſſen. Was waren denn die großen wirtſchaftlichen Zwecke, in deren Dienſte ſich Herr Ruhland bereitwilligſt ſtellte? Man höre und ſtaune! Man ſchlachtete mit einem Kapitale von zwei Millionen Gulden in einem friedlichen Pinzgauer Alptale 41 Bauerngehöfte aus, legte ſie zuſammen und ſchuf für den Großinduſtriellen, der den Ehrgeiz hatte, auch Großgrundbeſitzer zu ſein, einen arrondierten landwirt— ſchaftlichen Großgrundbeſitz, ein Latifundium im Salzburgiſchen. Dieſes„ſaubere“ Geſchäft, das, nebenbei bemerkt, Ruhlands Brotherrn finanziell ſchwer geſchädigt hat, beſchrieb dann der Güterſchlächter Ruhland ſelbſt in allen Details in einer der angeſehenſten deutſchen landwirtſchaftlichen Zeitſchriften*). Beſonders intereſſant iſt hierbei die Tatſache, daß Herr Ruhland durch eine nicht mißzuverſtehende Äußerung den Eindruck zu erwecken verſuchte, daß er erſt nach dem Zuſammenkauf der Bauerngüter aktiv als Güterdirektor tätig geworden ſei. Eine Seite weiter verrät er, daß mit den Güterankäuſen im Früh⸗ jahr 1890 begonnen worden iſt. Als dann Herr Ruhland in der„Wiener Landwirtſchaftlichen Zeitung“ aus verſchiedenen Gründen von autoritativer Seite auf das Schärfſte angegriffen wurde und er ſich verteidigen mußte, vergaloppierte er ſich, indem er von ſeiner dreijährigen Tätigkeit an der Spitze der genannten Güterverwaltung erzählte. Ergo hat Herr Ruhland, der 1893 aus ſeinem Dienſtverhältnis entlaſſen worden iſt, weil er alle ſeine Bücherauszüge ohne Wiſſen und Willen ſeines Prinzipals veröffentlicht hatte, wahrſcheinlich das ganze *) Thiel's Landwirtſchaftliche Jahrbücher, Band 22. Berlin 1893. S. 517- 567. — 1412— Bauernausſchlachtgeſchäft von Anfang bis zu Ende geleitet, hat alſo in ſeinem erſten Aufſatze gelogen. Weiterhin intereſſant iſt die Tatſache, daß ſich Herr Ruhland von landwirtſchaft⸗ lichen Autoritäten ſagen laſſen mußte, daß er von der Land⸗ wirtſchaft nichts verſtände.(„Wiener Landwirtſchaftliche Zei— tung“, Jahrgang 1893, Nr. 81 und 83.) Jedenfalls iſt dieſer Herr„Güterdirektor Dr. Ruhland“ damals ein netter„Bauern⸗ freund“ und„Mittelſtandspolitiker“ geweſen. Derſelbe Herr Ruhland ſprach dann, wie uns von glaub⸗ würdigſter Seite verſichert worden iſt, auf der Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ vor, um die maßgebenden, leitenden Perſonen dieſes Blattes für die Gründung einer„Antiagrari⸗ ſchen Liga“ zu gewinnen. Sie ſollte ihren Sitz in Ulm be⸗ kommen, alſo in Württemberg, wo die ſüddeutſche Demokratie ihren feſteſten Sitz hat, und Herr Ruhland ſelbſt wollte Direktor dieſer Liga werden. Man hat ihn natürlich, da dieſer Ruh— land'ſche Plan denn doch gar zu verdächtig erſchien, aus dem Frankfurter Redaktionsbureau gebührend hinauskomplimentiert. Noch 1894 verleugnet Ruhland in ſeinem„Leitfaden zur Einführung in das Studium der Agrarpolitik“ das geſamte wirtſchaftspolitiſche Programm ſeiner jetzigen Brotgeber. Ich habe ja einen beſonders bezeichnenden Paſſus in meinem Auf⸗ ſatze vom 28. Januar wörtlich abdrucken laſſen. Dort ſtellt er den Getreidezoll im Hinblick auf die Preisſteigerung der Grund⸗ ſtücke als eine Maßregel hin, die abſurd ſei. Ein Jahr ſpäter (1895) erſcheint ſein wunderſames Werk„Die Wirtſchaftspolitik des Vaterunſers“. In dieſer Schrift iſt Herr Ruhland plötzlich poſitiver Chriſt geworden. Unter Heranziehung von Gregor von Nyſſa, Auguſtin, Albertus Magnus, Thomas von Aquin u. a. wird ein neues wirtſchaftspolitiſches Syſtem, das ſeine Hauptſätze aus dem Borne der evangeliſchen Wahrheiten ſchöpft und auf der vierten Bitte des Vaterunſers„Unſer tägliches Brot gieb uns heute“ in pietiſtiſch⸗phantaſtiſcher Formulierung aufgebaut iſt, entwickelt. Ich kenne in der nationalökonomiſchen Literatur kaum etwas Unklareres und Phraſenhafteres, als ttſchaft⸗ Kln Land⸗ io Qor. cje Hel⸗ ſt d dieſer Bauern⸗ mglaub⸗ ion der eitenden jagrari⸗ Ulm be⸗ nokratie Direktor er Ruh⸗ n zur geſamte &△ er. Ich em Auf⸗ ſtellt er Grund⸗ hr ſpäter tspolitik Gregor n Aquin as ſeine mſchöpft tägliches ulierung niſchen s, als ₰ — 435— dieſe„Wirtſchaftspolitik des Vaterunſers“. Das Ganze hört ſich wie eine langatmige ſtaatswirtſchaftliche Bierrede an, oder wenn dieſe Bezeichnung zu burſchikos klingen ſollte, wie eine geiſtliche Burleske à la Abraham a Santa Clara. Gegen dieſen plötzlich bigott gewordenen Ruhland mit ſeinen wahnwitzigen Faſeleien ſind ſelbſt die älteren franzöſiſchen Sozialiſten als Weltverbeſſerer im unverſöhnlichſten Stile die reinen„Waiſenknaben“. Vielleicht wollte aber der„Pinz⸗ gauer“ Güterverkuppler nur Buße tun und„wallfahren“ gehen.„Sie täten gern ſingen“— ſo heißt es bekanntlich in dem hübſchen Volksliede von den Pinzgauern—„und kunnten's nit gar ſchön“. Gar bald hat aber der Herr Ruhland mit ſeiner funkelnagelneuen Frömmigkeit den Wall⸗ fahrtsgeſang wieder ſatt bekommen und iſt wieder ganz real— politiſch geworden. Seine agrariſchen Ketzereien und ſonſtigen Sünden waren ihm offenbar inzwiſchen vergeben worden. Der Freihändler, der Goldwährungsmann und Güter⸗ zertrümmerer fiel jetzt wie ein überreifer, fauler Apfel in den Schoß des Bundes der Landwirte. Er war damals noch der verkannte Privatdozent an der Univerſität Zürich und ver⸗ öffentlichte in demſelben Jahre, 1895, eine zweite Schrift mit dem Titel:„Die internationale Notlage der Landwirtſchaft“. Hier ſchwärmt er für eine internationale Währungsordnung, bekämpft die Valutaſchwankungen, denen er noch ein Jahr vorher, was die Exportprämientendenz anbetrifft, einen ſchä— digenden Einfluß durchaus abſprach(vergl. ſeinen Artikel in der„Frankfurter Zeitung“ vom 5. Februar 1894, für die damals Ruhland gelegentlich noch ſchrieb)*) und bezeichnet den famoſen Antrag Kanitz„als eine unerläßliche Forderung ſeines Agrarprogramms“. Ein Jahr vorher hatte er die Er— höhung der Getreidepreiſe im Wege des Protektionismus als total verkehrt erklärt, weil hohe Getreidepreiſe und eine ſteigende *) Vergl. meine„Leitſätze zur Beurteilung der Währungsfrage“, Berlin 1896, S. 228. — 44— Grundrente durch die erhöhten Grundſtückspreiſe wieder wett⸗ gemacht würden. Jetzt proklamierte er die Erhöhung der Getreidepreiſe als das einzige Abhilfsmittel, wenn nicht„die deutſchen Bauern in Maſſen zu Grunde gehen ſollten“. Der frühere Bauernausſchlächter iſt plötzlich bäuerlicher Mittelſtandspolitiker geworden, und der abenteuerliche Projekten⸗ macher, der für eine„Antiagrariſche Liga“ keilte und das führende demokratiſche Blatt für dieſen Plan zu ſtimmen ſuchte, derſelbe Mann, der nachweislich ſpäter noch einmal einem Münchener ſozialdemokratiſchen Organe ſeine Mitarbeiterſchaft — freilich erfolglos angeboten hatte, hat ſich jetzt ſoweit gemauſert, daß ſeine neue Schrift von 1895 den Kopftitel tragen kann:„Herausgegeben auf Veranlaſſung des Bundes der Landwirte“. Herr Ruhland hat jedenfalls damit ſeinen nächſten Zweck erreicht. Er wurde nach Freiburg in der Schweiz, nachdem der Exodus deutſcher katholiſcher Gelehrten aus der Dominikaner⸗ lehranſtalt ſich vollzogen hatte, als erſter Proteſtant an dieſe ſtiftungsmäßig katholiſche Hochſchule, von der ſelbſt die große Mehrheit der deutſchen Katholiken nichts mehr wiſſen wollte, weil ſie ſich als eine Brutſtätte polniſch-franzöſiſcher Verhetzung gegen das Deutſche Reich herausgeſtellt hatte, berufen. Man ſieht, Herr Ruhland iſt nicht nur Bauernfreund und Mittel— ſtandspolitiker, nicht nur Währungsreformer und Agrarzöllner, ſondern er iſt auch ein„deutſcher Patriot“ von ganz beſonderem Kaliber geworden. Der„Bund der Landwirte“ iſt kritiklos genug geweſen, dieſes wiſſenſchaftliche Chamäleon, deſſen Farben bald in rot, bald in ſchwarz und bald in grün— ganz nach Bedarf— ſchillerten, an die Spitze eines der von ihm unter⸗ haltenen Büreaus zu berufen, und in dem ganzen antiſemitiſch— bündleriſchen Lager wird Herr Ruhland ſeither als die erſte Leuchte der nationalökonomiſchen Wiſſenſchaft verehrt, gefeiert und allen Univerſitäten mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln als der einzig wahre Jakob hingeſtellt. Ich möchte die unglücklichen zukünftigen Verwaltungsbeamten und Richter, er wett⸗ einem terſchaft t ſoweit dopftitel Bundes Zweck on derem kritiklos gefeiert rlaubten — 45 die aus der Schule eines Lehrers, wie es Ruhland ſein würde, hervorgegangen ſind, in ihrer Amtstätigkeit nicht kennen lernen; denn was hätten ſie an poſitivem Wiſſen aus der Univerſitäts⸗ zeit in die Praxis mitgebracht? Nichts, als eine ſouveräne Verachtung für die nationalökonomiſche Geiſtestätigkeit eines ganzen Jahrhunderts, nicht die Spur von ſozialpolitiſchem Empfinden für die große Maſſe der arbeitenden Klaſſen, keinerlei Verſtändnis für die weltwirtſchaftlichen Tatſachen der inter⸗ nationalen Arbeitsteilung, wohl aber einen leidenſchaftlichen Haß gegen Handel, Verkehr und Induſtrie, von denen heute mehr als die Hälfte der deutſchen erwerbstätigen Bevölkerung lebt. Wenn es Ruhland verſtände, wirklich ſeinen bedauernswerten Schülern das jurare in verba magistri einzubläuen, ſo bekämen wir ein verkommenes Beamtentum, das weltfremd, verträumt und in einſeitigſter Klaſſenempfindung befangen den modernen Auf⸗ gaben der Staatsverwaltung impotent gegenüber daſtände, ſich und dem Vaterlande zur Laſt!— Das muß wohl ſelbſt der allmächtige preußiſche Chef des Univerſitätsweſens, Herr Miniſterialdirektor Dr. Althoff, den Herr Ruhland als Streitgenoſſen gegen den„Univerſitäts⸗ klüngel“ aufruft, eingeſehen haben. An Einfluß und Rück⸗ ſichtsloſigkeit des Willens fehlt es dieſem Manne, ſobald er einen wirklichen oder angeblichen Reformplan erſt feſt ins Auge gefaßt hat, gewiß nicht. Das hat er oft genug bewieſen. Wenn er ſich aber trotzdem ſcheut, einen Kandidaten, hinter dem ſo große und mächtige Intereſſengruppen ſtehen, mit einer Dozentenſtelle zu verſehen, ſo beweiſt das für mich, daß Herr Althoff allzu frivolen Zumutungen gelegentlich auch ein energiſches Veto entgegenzuſetzen vermag. In Preußen iſt alſo für Herrn Ruhland kein Platz, und deswegen iſt wahrſcheinlich der Feldzug nach Heſſen verlegt worden, und die braven heſſiſchen Bauernbündler, die noch kürzlich in vollſtändiger Verdrehung des Tatbeſtandes von einer Verhetzung der Städte⸗ bevölkerung gegen den Bauernſtand ſprechen zu dürfen glaubten, werden, bevor es zu ſpät iſt, ſchleunigſt mobil gemacht.— — 46— Wenn man meinen Aufſatz und denjenigen des Herrn Dr. Ruhland mit einander vergleicht, ſo fällt ohne Weiteres in die Augen, daß Herr Ruhland Alles geradezu ängſtlich ver⸗ meidet, um auf meine ſachlichen Einwendungen gegen ſeine m. Er. gänzlich verkehrte Auffaſſung der phyſiokratiſchen Lehre, wie ſie Herr Köhler-Langsdorf in ſeinem Unverſtand weiter⸗ gebetet hat, einzugehen. Er gibt zwar zu, daß Quesnay Manches geſchrieben hat,„was uns heute unverſtändlich klingt“. Darum handelt es ſich aber gar nicht. Nein, die phyſiokratiſche Lehre iſt niemals agrariſch in dem behaupteten Sinne geweſen, ſie war auf total andere Verhältniſſe zugeſchnitten, nämlich auf den Agrarexportſtaat, und geht von ganz anderen Voraus⸗ ſetzungen aus, wie wir ſie heute haben— kurz, ſie iſt nach jeder Richtung hin veraltet und hat heute höchſtens dogmen⸗ geſchichtlichen Wert. Ich habe deswegen bis zur Stunde auch angenommen, daß Herr Profeſſor Oncken⸗Bern, deſſen Lebens⸗ werk der Darſtellung des Phyſiokratismus gewidmet war, die ausführliche Behandlung Quesnays nur aus literarhiſto⸗ riſchem Intereſſe unternommen habe. Herr Profeſſor Ruhland irrt gewaltig, wenn er behauptet, daß ich die Oncken'ſchen Arbeiten gar nicht kenne. Sowohl Onckens Aufſatz in dem „Handwörterbuch der Staatswiſſenſchaften“ über Quesnay, wie der vor Jahresfriſt erſchienene erſte Band ſeiner„Geſchichte der Nationalökonomie“ lagen mir vor, als ich den erſten Abwehr⸗ artikel gegen die lex Köhler⸗Langsdorf ſchrieb. Ich habe ſogar über das letztere Buch mit meinem Berner Kollegen im vorigen Jahre perſönlich geſprochen. Damals kannte ich es nur flüchtig, ſonſt hätte ich ihm geſagt, daß er Quesnay m. Er. ſehr ſtark überſchätze. Niemals war ich aber im Zweifel darüber, daß die Auffaſſung von der phyſiokratiſchen Schule, wie ſie Schmoller, Guſtav Cohn und viele Andere vertreten und die in der phy— ſiokratiſchen Lehre in erſter Linie wirtſchaftlichen Individua⸗ lismus und ein ziemlich naives Naturrecht ſehen, auch heute noch die einzig hiſtoriſch überzeugende iſt. Indeſſen ſind das wiſſenſchaftliche Doktorfragen ohne Bedeutung für die heutige Wirtſchaftspolitik. Herrn Veiteres ſch ver⸗ n ſeine Lehre, veiter⸗ Kanches Darum e Lehre ſen, ſie lich auf Voraus⸗ ſt nach dogmen⸗ dde auch der phy⸗ dividua⸗ ch heute find das heutige — 47— Dagegen muß ich zugeben, daß ich erſt heute durch eine ſozialdemokratiſche Zeitung, das„Offenbacher Abendblatt“, das mir unter Kreuzband zugeſchickt worden iſt, entdeckt habe, daß Herr Profeſſor Dr. Oncken ſelbſt ſich zur phyſiokratiſchen Lehre und als Schüler von Quesnay bekennt. Nach der ge— nannten Quelle hat Herr Profeſſor Oncken in einer von Ruh⸗ land herausgegebenen periodiſchen Monatsſchrift 1901 eine Broſchüre veröffentlicht unter dem Titel:„Was ſagt die Nationalökonomie als Wiſſenſchaft über die Bedeutung hoher und niedriger Getreidepreiſe?“ Ich konnte mir dieſe Schrift im Augenblick nicht verſchaffen. Das„Offenbacher Abendblatt“ zitiert aus ihr folgenden Paſſus:„Hätte Marx dieſen Um— ſchwung(das angebliche Aufgeben der„Veredelungstheorie“) mitgemacht, ſo würde er durch die Konſequenz ſeiner Gedanken⸗ führung dahin gekommen ſein, die Schutzzölle im allgemeinen und die Getreidezölle im beſonderen zu verteidigen“(S. 79). Ich habe keinen Grund anzunehmen, daß dieſes Zitat un— zuverläſſig ſei. Auch ſonſt ſtimmt das Organ des Herrn Abgeordneten Ulrich mit Herrn Profeſſor Ruhland darin überein, daß Herr Profeſſor Oncken grundſätzlich die phyſio⸗ kratiſchen Anſchauungen Ruhlands teile. Wie geſagt, war mir das entgangen und ich muß infolgedeſſen nachträglich meine Behauptung, daß es außer Herrn Profeſſor Ruhland in der Kulturwelt keinen nationalökonomiſchen Gelehrten gäbe, der noch Phyſiokrat ſei, entſprechend abſchwächen. Ruhland behauptet, daß er noch andere Autoren der Art kenne. Ich kann die Richtigkeit dieſer Auffaſſung nicht unterſuchen; denn Ruhland macht ſeine weiteren Eideshelfer nicht namhaft. Ich kenne ſie jedenfalls nicht, was wohl entſchuldbar iſt. Im höchſten Grade erſtaunlich iſt es dagegen, daß man die phyſiokratiſche Lehre, die 150 Jahre alt iſt, und über die rieſenhafte wirtſchaftliche und ſoziale Umwälzungen, ja Revo⸗ lutionen, hinweggegangen ſind, als diejenige bezeichnet, welche unſerm Fach einen„friſchen Geiſt“ und eine neue, dem„Be— dürfniſſe des Lebens beſſer angepaßte“ Richtung auf den Lehr⸗ ſtühlen bringen ſoll. Verſtehe das, wer's kann! 48 Es gab allerdings eine Zeit, wo die nationalökonomiſche Wiſſenſchaft dem praktiſchen Leben in unerwünſchter Weiſe abgewandt war. Damals philoſophierte man in der engen Studierſtube über ökonomiſche Dinge und tüftelte geſchloſſene Syſteme mit ſtarren wirtſchaftlichen Naturgeſetzen aus. Was im wirtſchaftlichen Leben und Treiben wirklich vorging, wurde von den gelehrten Nationalökonomen nur aus dritter oder vierter Hand verwertet. Man verdankt dieſer Epoche unſeres Faches trotzdem mancherlei Lehrſätze und Grundanſchauungen von bleibendem und hohem Werte; man verdankt ihr aber auch übertriebene orthodoxe Dogmen, wie das einſeitige Frei⸗ handelsargument, das„eherne Lohngeſetz“ und die„Ver⸗ elendungstheorie“. Die volkswirtſchaftliche Schulung des Be⸗ amtentums, deſſen Heranbildung die vornehmſte Aufgabe der nationalökonomiſchen Dozenten hätte ſein ſollen, kam dabei arg zu kurz. Die wirtſchaftlichen Intereſſentengruppen griffen aber damals die Gelehrten nicht an, weil man ſie nicht zu fürchten hatte. Gegen den harmloſen Stubengelehrten, der nur der wiſſenſchaftlichen Spekulation lebte, brauchte keine der Par⸗ teien, die damals für die Aufrechterhaltung ihrer privilegierten politiſchen Stellung in Staat und Geſellſchaft kämpften, vom Leder zu ziehen. Man ließ den Nationalökonomen ebenſo in Ruhe, wie dieſer die Parteien. In einer zweiten Periode der deutſchen ſtaatswiſſen⸗ ſchaftlichen Doktrin unter der Herrſchaft der Mancheſterſchule waren die Politiker der damaligen Mehrheitsparteien und viele Gelehrten inſofern einig, als ſie beide auf die Bibel der freien Konkurrenz, auf das laissez faire et laissez passer, welche famoſe wirtſchaftspolitiſche Maxime notabene übrigens nach Oncken gerade von dem berühmten Quesnay ſtammt, ſchworen. Die Souveränität der Individuen auf allen Gebieten des wirt⸗ ſchaftlichen Handels galt als oberſtes Ziel. Jede fallende Feſſel wurde jubelnd begrüßt, als ein Schritt weiter zum Ideale. Man berauſchte ſich in Axiomen, die vollſtändig im Dienſte der engliſch⸗franzöſiſchen Orthodoxie ſtanden. In der — 49— ſpäteren Freihandelsperiode, die Deutſchland Jahrzehnte lang beherrſchte, beſtand dann ein eigentümliches Bündnis zwiſchen dem liberalen„Kongreß der deutſchen Volkswirte“, dem „Deutſchen Handelstage“, den politiſchen Vertretern der nord⸗ deutſchen See⸗ und Handelsplätze einerſeits und dem oſtelbi⸗ ſchen Großgrundbeſitz und der preußiſch⸗deutſchen Staats⸗ regierung andererſeits. Auch Windthorſt, unter deſſen einfluß⸗ reicher Mitwirkung ſpäter die ſchutzzöllneriſche Tarifreform von 1879 zuſtande kommen ſollte, erklärte noch 1873,„er vertraue der freihändleriſchen Richtung im Handelsſyſteme immer mehr, er ſei überzeugt, daß jeder Verſuch, dieſelbe dauernd zur Um⸗ kehr zu bringen, jämmerlich ſcheitern würde“. Die Namen derjenigen Reichstagsabgeordneten, die ihm ſekundierten, ver⸗ dienen, zumal in unſerer raſchlebenden und ſchnell vergeſſen— den Zeit, der Erinnerung entriſſen zu werden. Es waren neben den gewiſſen liberalen Dogmatikern, deren Stellung⸗ nahme in dieſer Frage aber nur ein konſequentes Glied ihrer allgemeinen und prinzipiellen Anſchauung vom freien Rechts⸗ ſtaat war, diejenigen der Konſervativen von Behr⸗Schmoldow, von Minnigerode, von Below⸗Saleske, von Wedel⸗Malchow u. a. m. Die Mancheſterſchule ſtieß indeſſen frühzeitig auf kräftigen Widerſpruch von zwei Seiten, beim Sozialismus und bei der hiſtoriſchen Schule. Während der erſtere die ganze kapitaliſti— ſche Wirtſchaftsordnung der denkbar ſchärfſten Kritik unterzog und nur von einer vollſtändigen Umwälzung der hiſtoriſch gewordenen Verhältniſſe eine wirkliche Beſſerung des geſell— ſchaftlichen Organismus ſich verſprach, ſuchte der Hiſtorismus eine realiſtiſche Wirtſchaftspolitik auf der Baſis univerſaler wirtſchaftsgeſchichtlicher Erkenntnis zu erbauen. Namentlich die Roſcherſche Schule brachte unſere wirtſchaftspolitiſche Ideen⸗ bildung ein gutes Stück vorwärts, denn ſie ſchloß einen be⸗ ſonnenen Kompromiß zwiſchen der geſchichtlichen Betrachtung mit der theoretiſchen Forſchung der Klaſſiker. Sie wurde aber bei ihrem überemſigen Sammeleifer faſt erdrückt von der Fülle — 50— der hiſtoriſchen Einzeltatſachen, die nicht ſelten nur halbver⸗ arbeitet zuſammengefügt werden konnten. Die eigentliche Wirtſchaftsgeſchichte, jenes wichtigſte Hilfsfach der National⸗ ökonomie, lag damals noch recht im Argen. Es kam als nächſte notwendige Etappe die„neue“ hiſtoriſche Schule, die als dringlichſte Aufgabe die„Kenntnis der ſozialen Zuſtände um uns“ bezeichnete.„Der Neu-Hiſtorismus“, ſo charakteri⸗ ſierte gelegentlich Dietzel dieſe Richtung,„ſandte ſeine Jünger ins Volk; die Wiſſenſchaft ſtieg herab vom Katheder und ſuchte den Proletarier auf im Bergwerk und in der Fabrik, den Kleinmeiſter in der Werkſtatt, belauſchte die unteren Klaſſen in ihrem häuslichen Leben, in der Schenke, im Spital.“ Neben dieſer vorwiegend ſozialpolitiſchen Forſchung kam das Studium der landwirtſchaftlichen Frage nicht zu kurz. Man verdankt z. B. Knapp und ſeinen Schülern eine vollſtändig neue Beleuchtung des Werkes der Bauernbefreiung. An den großen Agrarenqueten der neueren Zeit in Baden, Heſſen, Elſaß⸗Lothringen, Württemberg und Preußen hat die katheder⸗ ſozialiſtiſche, neu-hiſtoriſche Schule den regſten Anteil genommen und zum Teil die Hauptarbeit geleiſtet. Ihr ausſchließliches Werk ſind die drei Bände über„die bäuerlichen Zuſtände in Deutſchland“, die der„Verein für Sozialpolitik“ herausgegeben hat. Ebenſo hat dieſer Verein die ländliche Arbeiterfrage in umfangreichen Monographien, die von keiner anderen Publikation übertroffen worden ſind, in das Bereich ſeiner Unterſuchungen gezogen. Man hat die Sachſengängerei, das ländliche Erbrecht, die landwirtſchaftliche Kreditfrage, das land⸗ wirtſchaftliche Genoſſenſchaftsweſen in zahlreichen Spezialwerken behandelt, und Buchenberger hat in dem Wagner'ſchen„Syſtem der politiſchen Okonomie“ zwei dicke Bände über Agrarweſen und Agrarpolitik, ein geradezu klaſſiſches, bahnbrechendes Werk, veröffentlicht. Wer die angeſehenen nationalökonomiſchen Zeit⸗ ſchriften der Gegenwart durchblättert, findet faſt in jedem Bande eine Reihe von Unterſuchungen über die Agrarfrage in allen ihren verſchiedenen Verzweigungen. Die wiſſenſchaft⸗ gegeben terfrage anderen h ſeiner rei, das 15 land⸗ alw erken Syſtem arweſen s Werk, en Zeit⸗ n jedem rarfrage nſchaft⸗ — 5 liche Literatur über die Getreidezollfrage iſt mit der Zeit der⸗ art angeſchwollen, daß ſie ſelbſt der Fachmann kaum mehr überſehen kann. Auch hier haben das Wertvollſte die letzten Bände des Vereins für Sozialpolitik, wo das handelspolitiſche Problem von allen Seiten und Geſichtspunkten her unterſucht wird, geliefert. Ich ſelbſt habe ganz kürzlich einen beſcheidenen Detailbeitrag zur Zollfrage, in dem das Intereſſe der heſſiſchen Bauern an den höheren Getreidepreiſen im Wege einer Privat⸗ enquete durch einen meiner Gießener Schüler, Dr. Rudolf Koenig, feſtzuſtellen verſucht worden iſt, zu liefern unternommen. Dieſe von mir als Doktordiſſertation zugelaſſene Arbeit, die ihren Verfaſſer zu Reſultaten führt, die ihn eine ſtarke Er— höhung der Agrarzölle auch im Intereſſe des bäuerlichen Klein— und Mittelbeſitzes befürworten laſſen, hat mir eine Reihe von ſcharfen Angriffen in der demokratiſchen und ſozialdemo⸗ kratiſchen Preſſe*) eingetragen, die mich freilich in der von mir grundſätzlich beobachteten Unbefangenheit und neutralen Hal⸗ tung exakten Forſchungsreſultaten gegenüber nicht haben er⸗ ſchüttern können. Allerdings werden nicht alle Ergebniſſe der Koenig'ſchen Studie den Abgeordneten Köhler⸗Langsdorf voll befriedigt haben, denn Koenig weiſt unter anderem nach, daß eine Erhebung, die Herr Köhler ſelbſt früher verſucht hatte für ernſte ſtatiſtiſche Zwecke gänzlich„unbrauchbar ſei“. *) Ich möchte bei dieſer Gelegenheit dem ſozialdemokratiſchen „Offenbacher Abendblatt“ gegenüber, nachdem eine dorthin am 30. No⸗ vember v. J. eingeſandte Berichtigung meinerſeits trotz des gewünſchten Abdruckes nichts genützt hat, zweierlei richtig ſtellen: 1. Ich habe nirgends behauptet, daß die Koenig'ſche Arbeit eine„wiſſenſchaftliche Leiſtung erſten Ranges“ ſei. Die gegenteilige Behauptung des Offen⸗ bacher Blattes vom 4. Februar d. J. enthält eine objektive Unwahrheit. 2. Ich habe niemals ganz allgemein geſagt, daß der„zoll⸗ und agrar⸗ politiſche Standpunkt Glaubensſache“ ſei, wie die genannte Zeitung am 5. Januar d. J. ihren Leſern erzählt, ſondern ich habe vielmehr nur hervorgehoben, daß es Glaubensſache ſei, ob man für den Agrarzoll nur dann eintrete, wenn er auch den Bauern, nicht nur den Groß⸗ grundbeſitzern allein nütze. Doch gebe ich ohne weiteres zu, daß ich dieſen Satz nicht beſonders glücklich formuliert hatte. — 22— Die nationalökonomiſche Forſchung des letzten Menſchen⸗ alters iſt nicht dabei ſtehen geblieben, die deutſchen Agrarver⸗ hältniſſe der Vergangenheit und Gegenwart darzuſtellen, ſon⸗ dern wir verdanken ihr auch ausgezeichnete und ſubtile Unter— ſuchungen über die analogen Zuſtände in Frankreich, England, Italien und ſterreich. Auf allen Gebieten des praktiſchen wirtſchaftlichen und ſozialen Lebens hat alſo die heute herrſchende nationalökonomiſche Schule belebend und reformierend gewirkt. Ihre Realiſtik entſprach dem tiefſten Bedürfnis der Zeit. Sie brachte in der Wirtſchafts⸗ und Kulturgeſchichte eine vollſtändige Umwälzung hervor und eine neue glänzende Epoche der Ge⸗ ſchichtsdarſtellung überhaupt zuwege, ſie ſtellte ſich ganz in den Dienſt des ſozialen Fortſchritts und ſozialen Friedens, und auf ihrem fruchtbaren Boden wurzeln die großen legislatoriſchen Schöpfungen der ſozialen Geſetzgebung. Kein Geſetzgeber und kein Parlament kann die Schriften des„Vereins für Sozial⸗ politik“, von denen bisher mehr als hundert Bände erſchienen ſind, auch nur einen Augenblick entbehren. Das große, ſieben ſtarke Lexikonbände umfaſſende„Handwörterbuch der Staats⸗ wiſſenſchaften“, das in kurzer Friſt in zweiter Auflage erſchienen iſt, iſt in der ganzen Weltliteratur und in der ganzen Tages⸗ preſſe als ein standard work, ein Monumentalwerk deutſchen Gelehrtenfleißes und deutſcher Gewiſſenhaftigkeit, wie es die Literatur keiner anderen Kulturnation aufzuweiſen hat, ge⸗ feiert worden. Der realiſtiſchen Schule der deutſchen Nationalökonomie, deren einziger Fehler eine zu ſtarke Vernachläſſigung der ſozial⸗ ökonomiſchen Entwickelungsgeſetze und der wirtſchaftsphilo⸗ ſophiſchen Abſtraktion war, und die hie und da auf ein über⸗ triebenes Spezialiſtentum hinauslief, verdanken wir endlich jenen Aufſehen erregenden Umſchwung in den grundſätzlichen Auffaſſungen der deutſchen Sozialdemokratie. Vorläufig iſt frei⸗ lich dieſe ſogenannte„Mauſerung“ nur in den wiſſenſchaftlichen, denkkräftigen und kritiſchen Köpfen einer beſtimmten Gruppe zu verſpüren. Aber dieſe Abkehr und Verleugnung des 7 6 , — 53— Marrxiſtiſchen Programms, von dem kaum noch ein einziges Dogma unerſchüttert geblieben iſt, wird ſicher in abſehbarer Zeit unendlich ſegensreiche Früchte tragen. Und was ſind denn die„Ketzereien“ eines Eduard Bernſtein und eines Dr. Eduard David anderes, als eine Überwindung des allein ſelig— machenden Marxismus durch die deutſche nationalökonomiſche Theorie? Zu dieſem Siege hat die hiſtoriſche Schmoller'ſche Schule ebenſo beigetragen, wie die großen Syſtematiker Wagner, Schäffle, Conrad, Guſtav Cohn, Dietzel u. a. Ich nehme keinen Anſtand, zu behaupten, daß die endliche Niederwerfung des Marxismus mit literariſchen Waffen die wertvollſte Er⸗ rungenſchaft der deutſchen nationalökonomiſchen Forſchung mit ihrer unerreichten Solididät und Wahrheitsliebe bleiben wird. An Herrn Profeſſor Ruhland und an ſeinem Freunde Köhler⸗Langsdorf iſt freilich die ganze Epoche des Aufſchwunges der nationalökonomiſchen Geiſtesarbeit völlig ſpurlos vorüber⸗ gegangen. Herr Ruhland negiert Alles und ſieht ein Heil nur in dem Wiederaufleben eines ſchwärmeriſchen Sekten— glaubens à la Quesnay und ſeiner Schule. Das wunderliche Syſtem dieſes Ideologen, der nicht nur eine Panacee für das dauernde Volksglück, ſondern auch die Quadratur des Zirkels gefunden haben will, der die lächerlichſten Vorſtellungen von der Produktivität der Stände und die ſouveränſte Geringſchätzung des Handels zeigt, und von einem volkswirtſchaftlichen Aufbau des Staatsorganismus ausgeht, wie ihn heute kein einziger Kulturſtaat mehr beſitzt, ſoll plötzlich, nachdem ihn ein einzelner Forſcher ausgegraben hat, auf den deutſchen Lehrſtühlen wieder herrſchend gemacht werden. Dieſes Syſtem, das unpraktiſch bis zur Karrikatur iſt, ſoll die Grundlage einer„wirklich praktiſchen“ Wirtſchaftspolitik der Zukunft werden; und das Schönſte an der Sache iſt, daß der neueſte Univerſitätsrefor⸗ mator, Herr Köhler⸗Langsdorf, das ganze„Lehrgebäude“ gar nicht verſtanden hat.— Ich kann mir, wie geſagt, den ganzen tragikomiſchen Vorgang nur ſo erklären, daß Herr Dr. Ruhland hinter dieſem 54 Scheinmanöver als treibende Kraft, als perſönlich intereſſierter Kandidat, der à tout prix deutſcher Univerſitätslehrer werden will, geſtanden hat. Aus dieſer Auffaſſung heraus mußte ich in erſter Linie die perſönliche Seite der Angelegenheit be⸗ tonen. In keiner Polemik, in die ich bisher verwickelt worden bin— meiſtens ohne mein Zutun— bin ich ſo perſönlich ausfallend geworden, wie hier. Nur mit innerem Widerwillen habe ich mich deswegen entſchloſſen, dieſe Blätter mit ihrem ſtreitbaren Inhalt der öffentlichkeit zu übergeben. Es war aber höchſte Zeit, daß dieſen Quertreibereien und Intriguen gegenüber ein kräftiger Riegel vorgeſchoben wurde.— Ich habe nun Alles in zwei durchwachten Nächten mir vom Herzen heruntergeſchrieben, was ich zur Abwehr ſagen durfte und auszuſprechen für unbedingt unerläßlich hielt. Ich erkläre aber ausdrücklich, daß ich mich auf eine weitere Polemik der Art nicht mehr einlaſſen kann, mögen die Herren Ruhland und Genoſſen nun antworten, ſchimpfen und drohen, wie ſie wollen. Ich habe genug von der Geſellſchaft. Es hat faſt den Anſchein, als ob es lokal mit Gießen zuſammen⸗ hänge, daß der Kampf zwiſchen„Köhlerglauben und Wiſſen— ſchaft“*), der ſchon vor einem halben Jahrhundert die Druckerpreſſe in Bewegung geſetzt hat, immer wieder gerade von dort aus ausgetragen werden müſſe. Nur eine„Ruhland⸗ Säule“, die„manteltragende“ Heldenfigur, fehlt uns Gießenern noch. Sie muß noch erſt ausgehauen werden! *) Karl Vogt,„Köhlerglaube und Wiſſenſchaft“. Gießen, 1855. Hof⸗ und Unſverſitätsdruckerei Otto Kindt, Gießen, Colour& Grey Control Chart 23e Blue Cyan Green vellow Hed Magenta 4 White Grey 1 Grey 2— Grey— Grey 4 Black W M Eine Streikſchrift von Dr. jur. et phil. Magnus Biermer ordenklichem Profeſſor der Skaakswiſſenſchaften an der Univerſitäk Gießen. Gießen J. Ricker'ſche Verlagsbuchhandlung (Alfred Töpelmann) 1903.