Die 2 b Ztaftuug der Corps im heutigen Studentenleben. Gießen, J. Ricker'ſche Buchhandlung. Erſter Theil. Die Schrift:„Was ſind und wollen die Corps?“, welche beſtimmt war, uns über die Corpsprincipien aufzuklären, verfolgt den klar ausgeſprochenen Zweck, die Berechtigung der Corps, an der Spitze der deutſchen Studentenſchaft zu ſtehen, nachzuweiſen. Allein die Beſtrebungen und Ziele jener Corporationen ſind nicht derart, daß dieſe einer ſolchen Stellung ſich würdig zeigten. Wir werden uns deshalb erlauben, auf die Gründe, welche die Be⸗ rechtigung zu dieſer Stellung darthun ſollen, näher einzugehen und die Gehaltloſigkeit der Corpsprincipien auseinanderzuſetzen. Unſer Gegner gibt in ſeiner Schrift zunächſt den Urſprung der Corps an. Er ſagt:„Hiſtoriſch betrachtet ſtehen unſere heutigen Corps auf den Schultern der alten Landsmannſchaft; aber auch nur hiſtoriſch; ihrem inneren Weſen nach er⸗ heben ſie ſich auf einer ganz anderen Baſis.“ Im Folgenden erläutert er das Verhältniß beider Vereinigungen zu einander, deren Unterſchied hauptſächlich darin beſteht, daß die Corps nicht, wie die alten Landsmannſchaften,„Bündniſſe von Landsleuten beſtimmter Diſtricte“ ſind, ſondern„Freundſchaftsbündniſſe Aus⸗ erwählter von gleichartiger Lebensauffaſſung, verwandter Geſinnung und innerer Würdigkeit.“ Worin dieſe drei genannten Eigen⸗ ſchaften aber beſtehen, darüber läßt uns unſer verehrter Gegner an dieſer Stelle völlig im Unklaren, wie er denn überhaupt mit Prädicaten, welche er dem Corpsweſen beilegt, ſehr freigebig iſt; und es iſt nur Schade, daß man ſich nichts Beſtimmtes darunter denken kann. Aus dem, was uns ſpäter über das Weſen der 3 Corps mitgetheilt wird, iſt indeſſen zu ſchließen, daß dieſe gleiché Lebensauffaſſung, dieſe verwandte Geſinnung in nichts anderem beſteht, als in dem Haſchen nach Vergnügungen, in dem Bewußt⸗ ſein von der bevorzugten Stellung des Studenten und in dem Beſtreben, die Prioilegien deſſelben möglichſt auszubeuten, die innere Würdigkeit aber in der Tüchtigkeit in ſtudentiſchen Ge⸗ bräuchen, wie ſie die früheren Jahrhunderte überliefert haben. Mit Ausnahme alſo von wenigen Beſtimmungen, welche die Zeitverhältniſſe erforderten, iſt das landsmannſchaftliche Princip in den Corps daſſelbe geblieben; die Organiſation, die Farben, die Namen, die Symbole ſind beibehalten, und dennoch will der Verfaſſer die heutigen Corps ſich auf einer anderen Baſis erheben laſſen als die Landsmannſchaften, trotz ſeiner Bemerkung auf Seite 6, daß die landsmannſchaftliche Gliederung die naturge⸗ mäßeſte Baſis des deutſchen Corpsleben ſei. Wie iſt es denn möglich, die jetzigen Corps ſich aus den Landsmannſchaften ent⸗ wickeln zu laſſen und doch eine verſchiedene Grundlage zwiſchen beiden anzunehmen? Denn die Veränderungen, welche die Lands⸗ mannſchaften im Laufe der Zeiten erfahren haben— und allzu— groß ſind dieſe nicht geweſen— ſind ja eben nichts anderes, als die hiſtoriſche Entwickelung derſelben. Geſteht ja doch der Ver— faſſer ſelbſt ein, daß das landsmannſchaftliche Princip in den Corps, und, ſetzen wir hinzu, durch die Begebenheiten des öffent⸗ lichen Lebens, einen„Läuterungsproceß“ erfahren habe. Um nun ja nicht der Burſchenſchaft das Verdienſt einzuräumen, als ob ſie dieſe Veränderungen ins Leben gerufen habe, führt er die Thatſache an, daß ſchon vor den Freiheitskriegen in Erlangen, Leipzig und Heidelberg ſich landsmannſchaftliche Verbindungen „mit vollem Bewußtſein zu Corps umgebildet hätten.“ Es ſcheint faſt ſo, als ob er der Anſicht wäre, daß bei der Umgeſtaltung der Landsmannſchaften, oder, was nach ſeiner Auffaſſung daſſelbe iſt, bei dem naturgemäßen Entwickelungsgange des deutſchen Studententhums die alte Burſchenſchaft überflüſſig geweſen wäre, daß alſo ihre Exiſtenz nur unbedeutende Wirkungen im academi⸗ ſchen Leben hervorgerufen hätte. 5 Nun wiſſen wir aber, daß die Entſtehung der Burſchenſchaft und der ſogenannte Läuterungsproceß des landsmannſchaftlichen Princips einer und derſelben Erſcheinung des öffentlichen Lebens ihren Urſprung verdanken, nämlich der geiſtigen Erhebung des deutſchen Volkes, der Befreiung deſſelben von der fremden Ty⸗ rannei. Daß dieſe nicht mit einem Male ins Leben trat, ſondern ſich langſam vorbereitete, daß daher ſchon zur Zeit der franzöſiſchen Revolution ſich die Studentenſchaft gegen das rohe und wüſte Treiben der Landsmannſchaften erhob, ſcheint unſer Gegner ganz überſehen zu haben. Die lächerliche Abſchließung der Landsmann⸗ ſchaften reizte ſchon damals zu heftigem Widerſtande und ging durch die Freiheitskriege und die Gründung der Burſchenſchaft vollends zu Grunde. „Sehr ſchwierig“, ſagt der Verfaſſer jener Schrift weiter, „erſcheint es, die Aufgabe, die Zwecke und Endziele des Corps⸗ weſens in einem nur einigermaßen richtigen Lichte darzuſtellen.“ Mit dieſen Worten werden uns in Betreff des Corpsweſens ſehr naive Zugeſtändniſſe gemacht. Sollte denn der Zweck, den die Corps verfolgen, wirklich von ſolcher Bedeutung und Erhabenheit ſein, daß er erſt nach langer Zeit ihren Mitgliedern klar wird? Aber unſer Gegner nennt ja das Corpsweſen ungemein natürlich und einfach. Sollte es denn wirklich möglich ſein, daß die Mit⸗ glieder und Anhänger der Corps ſo tief in der Gedankenloſigkeit ſteckten, daß ſie nicht wüßten, wozu ſie ſich vereinigt hätten? „Die Stifter der Corps(d. h. Diejenigen, die das landsmann⸗ ſchaftliche Princip in jenem Sinne umgeſtalteten, wie es unſer Gegner meint) folgten ſchwerlich bei der Gründung einem durch⸗ dachten Plane, ſie kamen einfach den Forderungen des academiſchen Lebens entgegen.“ Freilich repräſentiren die mannigfachen Ver⸗ einigungen im Studentenleben die verſchiedenen Richtungen im öffentlichen Leben, deſſen treuſter Spiegel ja das Studententhum iſt, aber hiermit iſt doch nicht geſagt, daß die Stifter derſelben keinem bewußten Plane folgen. Die Freiheitskriege hatten das Bewußtſein der Einheit und Freiheit des deutſchen Vaterlandes angeregt, und dies fand in dem Beſtreben, alle deutſchen Stu⸗ 6 direnden zu einer Burſchenſchaft zu vereinigen, den ſchönſten Ausdruck; die ſtreng pietiſtiſche Richtung unſerer Zeit hat den Wingolf geſchaffen, die ultramontane in der letzten Zeit die ka⸗ tholiſchen Vereine. Allen dieſen Vereinigungen liegt ein beſtimmter und bewußter Zweck zu Grunde, und dieſen will der Verfaſſer den Corps abſprechen? Den Grund davon wiſſen wir nur zu gut; er will nicht, daß die Corps als eine Partei angeſehen werden(Seite 21), während ſie doch nichts mehr als dies ſind. Und erſt in neuerer Zeit, meint er, nachdem ſie ſchon länger als ein halbes Jahrhundert beſtanden haben, iſt hier und da, alſo nicht überall, Bewußtſein ihres Weſens, ihrer Ziele und Aufgaben in ihre Führer gekommen, und nicht einmal in die Maſſe ihrer Anhänger? Gewiß ein ſchlimmes Zeichen des Corps⸗ weſens. Mein Gegner findet es daher beſſer, von den Thatſachen, von den Ergebniſſen, als von den Zwecken der Corps zu reden. Er ſagt:„Gleichgeſinnte Landsleute ſchloßen einen innigen Freundſchaftsbund und gaben demſelben eigenthümliche ſtudentiſche Formen, und ſo entſtand das Corpsweſen, als der edelſte Ausdruck des in verſchiedenartigſter Weiſe nach Ausge⸗ ſtaltung ringenden academiſchen Lebens, indem es ſich gleichweit entfernt hält von dem überſpannten und ſchwärmeriſchen Idealismus der alten, ſonſt ſehr reſpec⸗ tablen Burſchenſchaft, wie von dem rohen Unweſen der einſtigen Landsmannſchaft.“ So?! Gehört etwa die geiſtige Ausbildung nicht zu dem „in verſchiedenartigſter Weiſe nach Ausgeſtaltung ringenden aca⸗ demiſchen Leben“? Was geſchieht aber von Seiten der Corps für dieſe Art der Ausbildung? Ferner rechnet es der Ver⸗ faſſer den Corps zur Ehre an, daß ſie ſich vom Idealismus ferne hielten. Aber im Folgenden hält er für die characteriſtiſche Eigenthümlichkeit des Studenten„die freudige Hingabe an die Forderungen himmelſtürmender Jugendluſt“, und an einer anderen Stelle tadelt er die, welche nicht begreifen wollen, daß die Jugend von anderen Anſchauungen und Ideen erfüllt 7 ſein müſſe, als das Mannes⸗ und Greiſenalter. Wie iſt dies nun zu vereinbaren? Auf der einen Seite lobt er die himmel— ſtürmende Jugendluſt, womit er wohl andeuten will, daß die Jugend ſich über alle Schranken hinwegſetze, die für das gereifte Alter beſtimmt ſind, auf der anderen Seite verwirft er den Idealismus, welcher doch der ſchönſte Ausdruck des ſtrebenden jugendlichen Geiſtes iſt. Während er im erſteren Falle den Standpunkt des Studenten einnimmt, vertritt er im anderen die Anſicht, welche vielleicht ein Philiſter von dem Idealismus der Jugend haben könnte. Es iſt allerdings zu bedauern, daß ſich in ſeiner Schrift vielfach ſolche Widerſprüche finden, die der geſunde Menſchenverſtand nicht verdauen kann, und wir werden uns öfters die Freiheit nehmen, ſolche Widerſprüche aufzudecken. Mit welchem Rechte nennt er aber den Idealismus der alten Burſchenſchaft überſpannt und ſchwärmeriſch? Daß hier und da die Begeiſterung für das deutſche Vaterland in Deutſch⸗ thümelei und in eine zur Schau getragene Frömmelei ausartete, iſt für den nicht wunderbar, welcher ſich von der Begeiſterung der damaligen Zeit einen nur annähernd richtigen Begriff machen kann. Sind aber die Beſtrebungen der alten Burſchenſchaft im großen Ganzen überſpannt geweſen? Nur vom philiſterhaften, ſpießbürgerlichen Standpunkte können ſie ſo angeſehen werden. Wäre das deutſche Volk nicht ſo politiſch unreif geweſen, ſo würden auch die Urtheile über die alte Burſchenſchaft günſtiger lauten. Aber das Volk war ſelbſt zu träge und apathiſch, als daß es gegen ſeine Unterdrücker einſchreiten konnte. Und wogegen richtete ſich das Streben der alten Burſchenſchaft? Gegen die Herrſchergewalt der Fürſten, die zur Unterdrückung der Völker⸗ freiheit die heilige Allianz ſchloſſen und einen deutſchen Bund ſtifteten, eine wahre Mißgeburt, die leider ein halbes Jahrhun⸗ dert lang ihr ſieches Daſein fortſchleppte. Nun iſt aber ſowohl die heilige Allianz aufgelöſt, als auch der deutſche Fürſtenbund, wenn auch in langſamer und träger Entwickelung der Geſchichte, vernichtet. Was war alſo der einzige Fehler, den die alte Burſchenſchaft beging? Daß ihr Streben zu früh war, daß 8 ſie die Trägheit und politiſche Unreife des Volkes nicht kannte oder nicht beachtete. Wir ſtehen noch immer bei dem oben erwähnten, bedeutungs⸗ ſchweren Satze, der uns in der That viel zu denken gegeben hat. Der Verfaſſer macht weiter ſeinen Verbindungsbrüdern das Com⸗ pliment, daß in ihrem Kreiſe die Rohheit nicht herrſche, worin früher die Landsmannſchaften Großes geleiſtet hatten. Nun iſt es aber bekannt, daß die Sitten im vorigen Jahrhundert, in der guten alten Zeit, zwar viel roher geweſen ſind als heutzutage, wie überhaupt die Zeit keine Rückſchritte, ſondern Fortſchritte macht, daß aber der geiſtigen Strömung, welche in der folgenden Periode das Volk durchdrang, die Sitten milderte und veredelte, die Landsmannſchaften ſich nicht entziehen konnten. Wenn alſo die Corps die Rohheiten der alten Landsmannſchaften allmählich abgeſtreift haben, obwohl wir leider jetzt noch einige Reſte der⸗ ſelben übrig finden, ſo war dies nicht ihr Verdienſt, ſondern die nothwendige Entwickelung des deutſchen Studententhums. Haben die Corps aber keinen anderen Zweck, als den, wel⸗ chen der Verfaſſer im Folgenden ausführt, nämlich dem geſell⸗ ſchaftlichen Verkehre die natürlichſte Befriedigung zu verſchaffen, ſo iſt es um ſo mehr zu verwundern, daß ein ſolcher, ſo nahe liegender Zweck erſt jetzt und nur von den Führern erkannt wird. Es heißt weiter an dieſer Stelle:„Dem jungen Studenten ſoll neben der wiſſenſchaftlichen Ausbildung“(die aber freilich ſehr in den Hintergrund tritt)„eine ungetrübte Quelle der Erholung und des Frohſinns fließen, und er ſoll einen Freundeskreis fin⸗ den, deſſen Einfluß ihn von Irrwegen zurückhalten und den Ein⸗ gebungen ſeiner Selbſtſucht und Laune beſchränkend entgegen⸗ treten ſoll.“ Alſo von Irrwegen ſoll ein ſolcher Freundeskreis den jungen Studenten abhalten. Welcher Art dieſe Verirrungen ſind, ver⸗ ſchweigt unſer Gegner, und er hat recht daran gethan. Wahr⸗ ſcheinlich enthält der obige Satz nichts anderes als die bekannte Phraſe, daß das jugendliche Alter, welches mannigfachen Ver⸗ irrungen ausgeſetzt iſt, von älteren, verſtändigen Leuten in — ———— 9 Schranken gehalten werden müſſe. Hier verfällt unſer Gegner wieder in denſelben Fehler, den er vorhin bei ſeiner Bemerkung über den ſchwärmeriſchen Idealismus der Burſchenſchaft gemacht hat; ſeine Behauptung an dieſer Stelle ſteht mit dem Folgen⸗ den in Widerſpruch. So ſagt er, daß das ſtudentiſche Duell „von der Höhe des abſtracten Gedankens“ nicht zu rechtfertigen, daß es mit anderen Worten eine Verirrung der Iugend ſei, und dennoch bildet der Cultus dieſes Duells das Lebenselement der Corps. Hätte er hier auf den Werth der geſelligen Aus⸗ bildung aufmerkſam gemacht, die durch das enge Freundſchafts⸗ verhältniß geſchieht, ſo hätte er eine gute Eigenſchaft der Corps — und man möchte ſagen die einzige— hervorgehoben. Es iſt wahr, dem jugendlichen Alter ſtehen bei ſeiner unbeſchränkten Frei⸗ heit viele Verirrungen bevor, aber dieſe werden doch nicht vermieden durch das Princip, welches die Corps an die Spite ſtellen, nämlich das Streben nach ungetrübtem Vergnügen, das im Gegentheil viele ſchlimme Nachwirkungen zur Folge hat. Das iſt beim beſten Willen nicht zu begreifen. Wollen aber die Corps nichts weiter, als dem jungen Studenten eine„ungetrübte Quelle des Ver⸗ gnügen“ ſein, ſo machen ſie wahrlich ſehr beſcheidene Anſprüche; denn jede andere Studentenverbindung will daſſelbe, mag ſie einen Namen haben, welchen ſie wolle, und der Haß, die Er⸗ bitterung der Corps und Burſchenſchaften gegen einander wäre eine der größten Abſurditäten, welche man ſich denken könnte. Aber dieſe Aufgabe hat das Corps nicht allein, die anderen, welche nach der Anſicht meines Gegners nur ſecundärer Natur ſind, nach meiner das eigentliche Element deſſelben bilden, gehen darauf hinaus, den Corps dieſelbe Stellung wieder zu gewinnen, welche die alten Landsmannſchaften inne gehabt haben. Auf dieſen Punkt will ich jedoch ſpäter zurückkommen und vorher noch Einiges über den edlen Wettſtreit, der in den Kreiſen der Corps herrſchen ſoll, bemerken. Unſer Gegner ſagt S. 8:„Das Bewußtſein, einem ſolchen eng geſchloſſenen Kreiſe anzugehören, der nach Außen hin ſich einer ſtolzen und unabhängigen Stellung erfreut, das Gefühl, einem größeren Ganzen zu dienen und 10 hinwieder von ihm beſchützt zu werden, der edle Wettſtreit, eine ehrenvolle und hervorragende Stellung einzunehmen innerhalb dieſes Gemeinweſens,— Alles dies hat für das jugendliche Herz ungemein viel des Reizes und der Anziehungskraft, regt ſo viele edle und uneigennützige Seiten ſeines Weſens an, daß es als die herrlichſte Schule des werdenden Mannes und Staats⸗ bürgers betrachtet werden muß.“ Zwar artet das ſichere und feſte Auftreten nach Außen ſehr oft in hohle Renommiſterei, die Beobachtung des„honetten, ritterlichen Tones“, in Brutalität nach Unten und Geſchmeidigkeit nach Oben aus, aber wir müſſen doch unſerem Gegner in den obigen Worten Recht geben. Das Streben, aus Liebe zu dem Gemeinweſen dem Gedeihen deſſelben viel zu opfern, das Auf⸗ geben der Selbſtſucht iſt in der That ein ſittliches Bildungsmittel, und anſtatt, wie es unſer Gegner ſo gerne thut, auf das Mittel⸗ alter hinzuweiſen, möchten wir lieber dieſe ſtudentiſchen Ver⸗ bindungen als Nachklänge der antiken Freiſtaaten anſehen, welche ſo Großes, ſo Bewundernswürdiges geleiſtet haben. Aber der Verfaſſer kann doch nicht die Corps allein als ſittliche Bildungs⸗ mittel hinſtellen, er muß dies doch auch allen anderen Corpora⸗ tionen zugeſtehen. Wir kommen jetzt zu den Eigenthümlichkeiten des Corps⸗ weſens, durch welche ſich dieſes von den anderen Corporationen unterſcheidet. Unter die Aufgaben, welche die Corps ſich in dieſer Be⸗ ziehung geſtellt haben, gehört die Pflege des deutſchen Studen⸗ tenthums auf hiſtoriſcher Grundlage. Hierin und im Folgenden hat mein Gegner die Aufgabe der Corps am deutlichſten aus⸗ geſprochen.„Die Corps“, ſagt er,„wollen durch ihre ſtraffe Organiſation dem Ruine des Studententhums entgegenarbeiten“, und wir ſetzen zur Erläuterung hinzu, der Aufhebung der ſtuden⸗ tiſchen Privilegien und Licenzen, denn es iſt hier unpaſſend, von academiſcher Freiheit zu reden. Es iſt ganz richtig, was mein Gegner ſagt; nur die Corps halten noch feſt an den„bunten, charactervollen Formen“ des 11 ſtudentiſchen Lebens, oder, um es ſalbungsvoller auszudrücken, ſie ſind die Vertreter der altehrwürdigen Tradition. Doch die große Vergangenheit, der wir dieſe„bunten, charactervollen For⸗ men“ verdanken, kennen wir nur zu gut. Dieſe eigenthümlichen Lebensformen verdanken faſt durchgängig dem 17. Jahrhundert ihr Daſein, der Zeit des tiefſten geiſtigen und ſittlichen Verfalls der Nation, und wenn auch der Geiſt, der am Ende des vorigen Jahrhunderts im Volke lebendig wurde, viel dazu beigetragen hat, in dem alten, wüſten Studententhum neues Leben zu er⸗ wecken, ſo klebt doch allen alten Formen der Makel der alten Erniedrigung an. Insbeſondere weiß man, daß der Geiſt der academiſchen Genoſſenſchaften im vorigen Jahrhundert, als deren Nachfolger ſich die Corps betrachten, und als deren würdige Reſte ſie auch noch daſtehen, der letzte Ausläufer der traurigſten Ent⸗ artung nationaler Kraftfülle, des Landsknechtthums iſt, welches nach dem dreißigjährigen Kriege tonangebend war. Dieſen Ton beibehalten zu haben, während er ſonſt faſt verſchollen iſt, das iſt der Stolz der Corpsſtudenten. Und die Aufrechterhaltung ſolcher Traditionen hält mein Gegner für eine Zierde der deut⸗ ſchen Hochſchulen, für das einzige Bollwerk academiſcher Freiheit! Ein Beweis, wie unklar ihm der Begriff des deutſchen Studenten und der academiſchen Freiheit iſt. Die rohe, äußerliche Unge⸗ bundenheit macht doch nicht das Weſen der academiſchen Freiheit aus, und es iſt traurig genug, daß man dieſe von Seiten der Regierung zum Erſatz für die entzogene edle Entfaltung des Freiheitsgefühles zur Zeit der erſten Burſchenſchaft als nützliche Ableitung im vollſten Maße gab und ſie ſeither begünſtigte. Mögen auch durch die„alles Characteriſtiſche verwiſchende“ Zeit unſeres Jahrhunderts die„bunten charactervollen Formen“ ver⸗ gehen, mag auch die academiſche Gerichtsbarkeit überall aufge⸗ hoben werden, der Verfaſſer braucht nicht beſorgt zu ſein, daß unſere Univerſitäten zu bloßen Unterrichtsanſtalten herabſinken. Dies würde im Gegentheil eher der Fall ſein, wenn der eximirte Gerichtszuſtand noch fortdauerte. Denn worin beſtehen die aca⸗ demiſchen Gerichte anders, als in Disciplinarunterſuchungen, in 12 denen die patriarchaliſche Willkür herrſcht und die Studenten wie Schüler, als der Behörde unterworfene Subjecte behandelt wer⸗ den? Iſt dies etwa der„vielhundertjährige und doch ewig junge Zauber der alma mater, an deſſen Erinnerungen noch unſere Väter ſich erwärmen?“ Unſer Gegner geht hierauf zur Duellfrage über. Er ſagt: „Mit der Ehrenhaftigkeit, welche im Corpsleben waltet, hängt eng zuſammen die Erhaltung eines honetten, ritterlichen Tones unter der deutſchen Studentenſchaft, wie er von den Corps durch ihren Comment und insbeſondere durch ihre wohlgeregelten Duell⸗ geſetze angeſtrebt wird.“ Nun iſt im Vorhergehenden von einer Ehrenhaftigkeit, die im Corpsleben walten ſoll, nie die Rede geweſen. Der Verfaſſer hat vorher die Aufgabe der Corps auseinandergeſetzt, dem Ruine des Studententhums— d. h. des mittelalterlichen, was er der Deutlichkeit wegen hätte hinzuſetzen müſſen—, mit aller Macht entgegenzutreten, und zuletzt noch von der„himmelſtürmenden Jugendluſt“ geſprochen, dabei nie uns die Anſichten der Corpsſtudenten über die Ehre, die, nach dieſer Schrift zu ſchließen, ſehr dunkel und unklar ſein müſſen, mitgetheilt, was wir doch ſo gerne erfahren hätten. Wir müſſen uns daher auf unſere eigenen Kräfte verlaſſen, durch dieſes Chaos von verworrenen Vorſtellungen hindurchzudringen und durch die dunkle mittelalterliche Romantik zu klaren feſten Begriffen zu gelangen.— Betrachten wir zunächſt den oben angeführten Satz. Wie vorhin bemerkt, wiſſen wir nicht, worin der Verfaſſer die Ehrenhaftigkeit des Corpslebens ſetzt, wir können alſo nicht be⸗ urtheilen, inwiefern dieſelbe mit dem„honetten, ritterlichen Tone“ zuſammenhängt. Nach unſerer unmaßgeblichen Meinung hat die Ehre mit dem„ritterlichen Ton, der durch Comment und Duell⸗ geſetze angeſtrebt wird“, nichts zu thun. Oder will ſich etwa der Verfaſſer zu der kühnen Anſchauung erheben, daß die Ehren⸗ haftigkeit von dem ritterlichen Tone unzertrennlich ſei, und von dem Streitroß ritterlicher Unfehlbarkeit auf die übrigen armen proſaiſchen, vom Hauche der Romantik unberührten Menſchen⸗ kinder verächtlich herabblicken? Aus dieſem Allen geht hervor, —.„— —— 13 daß ihm der Begriff Ehre noch eben ſo unklar iſt als der Begriff Freiheit, und dieſer Mangel wird durch die folgende Erklärung des Begriffes nicht gut gemacht. Er theilt die Ehre ein in eine ſubjective und objective:„die erſtere iſt das Bewußtſein der anerkannten Perſönlichkeit“(oder des ſitt⸗ lichen Werthes),„die letztere der gute Name“, welcher ſich aber, ſetzen wir hinzu, nur auf den ſittlichen Werth eines Mannes gründet. Es gehört alſo zu der ſubjectiven Ehre, wenn ſie noch den Namen Ehre verdient, die objective, und die Gel⸗ tendmachung der erſteren, ohne letztere zu beſitzen, iſt unſinnig. „Denn wenn der Zweikampf die Ehre“, d. h. die objective(ſagt J. J. Rouſſean)„entſcheidet, ſo darf ſich ein Schelm nur ſchlagen, ſo hört er auf ein Schelm zu ſein, und dann iſt der Fechtboden der Sitz der Gerechtigkeit.“ Iſt es denn aber durchaus noth⸗ wendig„Angriffen auf die objective Ehre mit Einſetzung des Leibes und Lebens zu begegnen?“ Wird dieſe, ohne das Duell aufzunehmen, gefährdet? Durch den Zweikampf kann doch der Duellant ſeinen Gegner nicht zwingen, eine andere Meinung von ihm zu haben. Er kann höchſtens ſeinen Muth, ſeine Todes⸗ verachtung beweiſen, aber dieſe Eigenſchaften können doch ſeine Ehre nicht erſetzen. Unſer Gegner ſagt in Bezug auf die Frage, ob das Duell vom Standpunkte der Humanität zu rechtfertigen ſei, S. 13:„Von der Höhe des abſtracten Gedankens iſt das ſtudentiſche Duell nicht zu rechtfertigen“; und an einer anderen Stelle S. 12 hält er es für einen„poetiſchen Nachklang der ritterlichen Turniere des Mittelalters“, alſo nur für eine Spielerei. Iſt nun das eigentliche Duell, wobei man das Leben wirklich aufs Spiel ſetzt, nach dieſer vorigen Behauptung zu rechtfertigen? Schwerlich, wenn unſer Gegner ſich conſequent bleiben will. Iſt es ferner nicht zweifelhaft, wodurch Jemand ſein Ehrgefühl be⸗ leidigt findet? Bei den wenigſten Duellen iſt der ſittliche Werth einer Perſönlichkeit angegriffen, jede Beleidigung wird oft als ein Angriff auf die Ehre angeſehen. Die Forderung zum Zwei⸗ kampfe entſpringt alſo aus gemeiner Rachſucht, die ſich zwar nicht auf ſo beſtialiſche Weiſe äußert wie beim Meuchelmorde; 14 und die Befriedigung derſelben ſoll zugleich eine Wiederherſtellung der Ehre ſein? Und daß man bei einer Beleidigung die Staats⸗ geſetze in Anſpruch nimmt, hält unſer Gegner für unehrenhaft und unmännlich? Bekanntlich fehlte im Alterthum, auch in den beſten Zeiten Athens und Roms, im öffentlichen Leben das, was er ſubjective Ehre nennt; Duelle hat das ganze Alterthum nicht gekannt. Er müßte alſo alle die großen Männer, welche Grie— chenland und Rom hervorgebracht hat, als ehrloſe bezeichnen. Die Ehre iſt ein durch und durch romantiſcher Begriff, ent⸗ ſprungen aus einer romantiſch⸗phantaſtiſchen Weltanſchauung. Es haftet an dem Duell der myſteriöſe, ja man kann ſagen, der religiöſe Gedanke, daß bei dem Fortbeſtehen eines Conflictes, der ſich nicht ausgleichen läßt, ein beſtändiger Makel an der Ehre eines Mannes bleibe, und daß deshalb eine höhere Macht ein⸗ greifen und im Zweikampfe den Ausſchlag geben müſſe, auf wel⸗ cher Seite das Recht ſei. Und eine ſolche Anſchauung, die dem wüſten Mittelalter, dem Zuſtande der Recht⸗ und Geſetzloſigkeit, ihr Entſtehen ver⸗ dankt, wird noch jetzt gepflegt, wo unſere Zeit ſo heftig gegen das Mittelalter ankämpft! O Unvernunft, dein Name iſt Menſch! Unſere Zeit hat auch das Duell ſo bedeutend vermindert, daß es nur noch in dem Bewußtſein einzelner, nämlich der militäriſchen und ſtudentiſchen Kreiſe fortlebt, und die Erfahrung hat gezeigt, daß ſeit ſeinem allmählichen Verſchwinden die Menſchen weder ehrloſer noch feiger geworden ſind. Und ich behaupte, daß die romantiſch⸗ phantaſtiſche Weltanſchauung, deren Spuren noch im Duell zu finden ſind, eine Form iſt, die wir abſtreifen müſſen; daß es bald Zeit iſt, aus der Sphäre des Kindesalters und der Unmündigkeit, in der das Mittelalter ſich befand, herauszutreten. Dadurch alſo, daß der Verfaſſer ſich immer auf die alte Zeit und das Mittelalter beruft, ſpricht er ſelbſt dem Corpsleben ſein Urtheil. Was der„verwegene trotzige Burſchengeiſt“ zu bedeuten hat, wiſſen wir beſſer, wenn wir den mittelalterlichen Geiſt feudaler Willkür betrachten. 15 Nachdem wir nun das eigentliche Duell einer Prüfung unter⸗ worfen haben, wollen wir jetzt die Gründe für den ſpecifiſch ſtudentiſchen Zweikampf, welche unſer Gegner beibringt, näher beleuchten. Er betrachtet daſſelbe als eine„wohlthätige Schranke gegen die jugendliche Excentricität, als ein Regulator ſtudentiſcher Reibereien.“ Wir laſſen hier unerörtert, ob nicht noch andere und beſſere Mittel gegen Beleidigungen anzuwenden ſind, ob nicht Ehrengerichte, von einer freien ſtudentiſchen Vereinigung eingeſetzt, dem Beleidigten Genugthuung verſchaffen können, welche dieſer leider von der academiſchen Gerichtsbarkeit bei ihren großen Mängeln nicht zu erwarten hat. Denn dies ſcheint dem Verfaſſer nicht ritterlich genug. Er will, daß der Gebrauch der Freiheit ſich äußere in Scheingefechten, zu denen die blaſirteſte Zeit des Alterthums doch nur die Sclaven mißbrauchte. Und noch mehr, dies Duell ſoll ſogar ein folgenreiches Element ſtuden⸗ tiſcher Erziehung, es ſoll für den jungen Mann die beſte Gelegen⸗ heit ſein, ſein Selbſtgefühl, ſeine Kraft und Gewandtheit lebendig zum Ausdruck zu bringen. Was das Selbſtgefühl betrifft, ſo will ich hier kein Wort mehr darüber verlieren, der Leſer wird ſich ſchon nach dem, was ich über das Duell geſagt, ein richtiges Urtheil gebildet haben. Um aber Kunſt und Gewandtheit zu zeigen, dazu bedarf es der Menſur nicht; alle anderen gymnaſti⸗ ſchen Uebungen, Turnen wie Fechten bieten ebenſogut Gelegenheit, eine lebensfriſche Kraftfülle zu beweiſen. Aber darum iſt es den Corps nicht zu thun. Weniger zur körperlichen Ausbildung als zur Ergötzung an ſolchen kindiſchen Raufereien wird die meiſte Kraft und Zeit der Jugend bei den Menſuren vergeudet und geht in dieſen Spielereien ganz auf. Jede andere Erholung und Spielerei nutzt ſich leichter ab, der Duellſchwindel ſteigert ſich, da er ſtets neue Aufregung gibt und Anſtrengung veranlaßt, je mehr man hineinkommt, die lebendigſte Anſpannung der Kraft und Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt und von wichtigeren, dem jugendlichen Alter angemeſſeneren Beſchäftigungen ablenkt. Vor allen Dingen führen aber ſolche Zweikämpfe zur Verwechs⸗ lung des ehrendſten Gefühls der werdenden Männerwürde mit 16 der frivolen Gewohnheit des ſinnloſen Spiels, und ſind das ge⸗ fährlichſte Gift des ſich bildenden Charakters. Es iſt bekannt genug, wie in der großen Mehrzahl der Fälle bei den Studenten⸗ duellen entweder gar kein perſönlicher Conflict zu löſen iſt oder ein ſolcher nur als Mittel zum Zweck herbeigeführt vorherge⸗ gangen iſt. Wer aber lernt, Spielereien für Ehren⸗ ſachen zu halten, lernt ſpäter leicht das Umgekehrte. Das iſt alſo das„folgenreiche Element ſtudentiſcher Erziehung.“ Ich bin weit entfernt, die Menſuren vom Standpunkte der Humanität zu verwerfen, denn ſie ſind und ſollen nichts anderes ſein als Spielereien, und als ſolche verdienten ſie nicht einmal, daß ſo arg dagegen geeifert wird. Doch die nachtheiligen Folgen und Wirkungen derſelben machen mich zu einem entſchiedenen Gegner des ſtudentiſchen Duells. Aber freilich, da die Corps ja das Vergnügen zum Princip haben, d. h. die Erholung und den Frohſinn der Einzelnen bezwecken, ſo muß es ja auch Mittel gegen die nothwendig eintretende Blaſirtheit geben, da ja das ewige Einerlei der Vergnügungen leicht Ueberdruß und Ekel erregt, und ein ſolches Mittel iſt das ſtudentiſche Duell. Dies iſt der einzig wahre Grund, warum das Duell von den Corps ſo ſehr gehegt und gepflegt wird. Denn die Beſorgniß meines Gegners, daß das academiſche Leben— er meint wohl die aca⸗ demiſche Freiheit, denn anders ſind dieſe Worte nicht zu verſtehen, — mit dem Duell fallen würde, iſt ebenſo nichtig als die vorige, daß durch das Verſchwinden der bunten Formen des ſtudentiſchen Lebens die Univerſitäten zu bloßen Lehranſtalten herabſinken würden. Die Anſicht, daß bei der Aufnahme neuer Mitglieder die größte Vorſicht angewandt werden müſſe, weil ein Freundeskreis etwas anderes ſei als ein Club oder Caſino, theile ich ganz und gar mit meinem Gegner, und es wäre gut, wenn jede Corporation denſelben Grundſatz befolgte. Aber leider beſteht der Werth des Novizen bei den Corps in nichts anderem, als daß er recht ein⸗ geweiht iſt in den ſtudentiſchen Gebräuchen, in den altehrwürdigen Traditionen, die aber für die Jetztzeit werthlos geworden ſind. 17 Zu dieſen Proben der Tüchtigkeit gehört auch das Duell, welches der Verfaſſer nur als eine Waffenprobe angeſehen wiſſen will. Daß von einem perſönlichen Muth hierbei nicht im Geringſten die Rede ſein kann, weil dem Duellanten doch nichts zu Leide geſchieht, verſteht ſich von ſelbſt, und das brauchte mein Gegner nicht beſonders zu bemerken. Ebenſowenig kann aber auch die Verweigerung einer Menſur als Feigheit angeſehen werden, das ergibt ſich unmittelbar aus der obigen Behauptung. Der Re⸗ cipiend ſoll alſo nur zeigen, daß er„die Waffen des Corps mit Anſtand zu führen wiſſe“, aber das kann er ja ebenſogut bei den täglichen Fechtübungen beweiſen, wozu iſt da noch eine Men⸗ ſur nöthig? In dem Folgenden handelt der Verfaſſer von den verſchie⸗ denen Strafen, welche die Corps über ihre Mitglieder bei„ehr⸗ loſen Handlungen“— welcher Art dieſe ſind, ſagt er uns nicht — verhängen, dann von den formalen Principien der Corps, welche alle bezwecken, denſelben den ſogenannten ſtudentiſchen Cha⸗ rakter zu bewahren, und geht endlich über zu dem Verhältniß zur übrigen Studentenſchaft, womit er den erſten Theil ſchließt. Aus dem, was mein Gegner über dieſes Verhältniß mittheilt, iſt zu entnehmen, daß die Corps das Ziel verfolgen, dieſelbe Stellung wiederzuerlangen, die früher die Landsmannſchaften einnahmen, d. h. ſie wollen an der Spitze der Studentenſchaft ſtehen und dieſe ſich vollſtändig unterthan machen. Sie haben jährlich ihre regelmäßige Verſammlung, den hohen Bundestag zu Köſen, wo darüber berathen und beſchloſſen wird, wie man die unruhige große Menge, die von den Corps nichts wiſſen will, zum ſchuldigen Reſpect vor dem alten Comment zurückbringen könne. Wir wollen hören, was der Verfaſſer über dies Verhält⸗ niß uns mittheilt. Er ſagt:„Innerer Werth und hiſtoriſches Recht ſtellen die Corps an die Spitze der deutſchen Studenten⸗ ſchaft.“ Verſteht er unter innerem Werth das Feſthalten an den Traditionen, ſo hat er Recht, und die anderen Corporationen werden hierum die Corps ſchwerlich beneiden; welche Vorzüge dieſe ſonſt vor den anderen Verbindungen haben ſollten, iſt nicht 2 18 einzuſehen. Das hiſtoriſche Recht iſt in der alten Landsmann⸗ ſchaft begründet. Nun war aber die Zeitrichtung am Ende des vorigen und am Anfange dieſes Jahrhunderts gegen die Lands⸗ mannſchaften, wie die jetzige gegen die Corps iſt, was ich im Vorigen hinlänglich bewieſen zu haben glaube. Will denn alſo mein Gegner die anderen Corporationen, welche die Zeitrichtung vertreten, nicht als berechtigt anerkennen, will er daher unſere ganze Zeitrichtung verwerfen? Das wäre doch ſehr ſonderbar. Allem Anſcheine nach hält der Verfaſſer die jetzige Burſchenſchaft nicht für die Nachfolgerin der alten, ſondern glaubt, daß beide von einander gänzlich verſchieden ſeien, wie er denn überhaupt nie unterläßt, vor dem Worte: Burſchenſchaft das Wörtchen: ſog. oder ein Anführungszeichen vorzuſetzen; die alte Burſchen⸗ ſchaft erkennt er doch wenigſtens in ihrer Bedeutung an, aber nur um die jetzige deſto mehr zu verkleinern; er nennt ſie ſogar S. 7:„ihren ſchwärmeriſchen und überſpannten Idealismus abgerechnet, ſonſt ſehr reſpectabel.“ Aber es iſt uns wohl be⸗ kannt, daß die alte Burſchenſchaft den Corps nur noch ein größerer Dorn im Auge war, als es die jetzige iſt, und daß die Erbitterung beider um ſo mehr in der Abnahme begriffen war, je mehr die Burſchenſchaft ihren urſprünglichen Character verlor. Es iſt deshalb eine Inconſequenz, wenn mein Gegner die alte Burſchen⸗ ſchaft, die ſo entſchieden als nur immer möglich gegen die Corps auftrat, anerkennt und die jetzige verwirft. Die jetzige Burſchen⸗ ſchaft will und kann nicht dieſelbe ſein wie die alte, ſie kann nicht mehr die Begeiſterung für das Vaterland haben, weil die Zeiten andere geworden ſind, ſie kann auch nicht mit der Einheit imponiren, welche die alte Burſchenſchaft auszeichnete, da ja auch im öffentlichen Leben ſelbſt viele Parteien vorhanden ſind. Aber die Grundſätze, wodurch die alte Burſchenſchaft ein glän⸗ zendes, ewig geltendes Vorbild für das academiſche Leben gewor⸗ den iſt, ſie ſind noch nicht untergegangen in den Kreiſen der jetzigen Burſchenſchaften. Sie ſind auch von der Bedeutung, daß ſie für immer beibehalten zu werden verdienen, denn ſie bezwecken die Ausbildung aller Kräfte der Individuen und die Be⸗ 19 förderung der wahren academiſchen Freiheit. Dieſe Worte brauche ich wohl nicht näher zu begründen. Wie kann alſo mein Gegner der jetzigen Burſchenſchaft das Verdienſt abſprechen, von der alten abzuſtammen?— Was die Stellung des Corps betrifft, ſo will unſer Gegner nicht zugeben, daß es zu einer bloßen ſtuden— tiſchen Partei geworden wäre, während es dies ſchon lange iſt, und zwar eine ſehr reactionäre Partei, indem es an den Ueber⸗ lieferungen der alten Landsmannſchaften feſthält und dieſe ſogar in das Studentenleben da, wo ſie verſchwunden ſind, wieder ein⸗ führen will. Aber der Lauf der Geſchichte läßt ſich durch ſolche Beſtrebungen nicht hemmen, und der Verfaſſer ſieht ſelbſt ein, daß die excluſive Stellung der Corps nur zu ihrem Ruine bei⸗ trägt. Die übrige Studentenſchaft will ſich nun einmal von den Seniorenconventen nicht mehr terroriſiren laſſen— und wer kann es ihr verargen? Jener„romantiſche Hauch“, oder beſſer geſagt, jener romantiſche Schwindel paßt nicht mehr in unſere Alles gleichmachende Zeit. Die academiſche Gerichtsbar⸗ keit, eins der Grundübel, woran unſere Univerſitäten leiden, wird aufgehoben werden,— und wir wünſchen, daß es ſo bald wie möglich geſchehe,—„und mit ihr“, meint der Verfaſſer, „das Bollwerk des alten Studententhums.“ Freilich des alten Studententhums, welches als Ueberbleibſel aus dem ſitten⸗ und geſetzloſen Zuſtande der Univerſitäten in den vorigen Jahrhunderten das Scheinbild der ſog. academiſchen Freiheit repräſentirt, das aber der directe Gegenſatz von der wahren Freiheit der Studi⸗ renden iſt, wie ich vorhin auseinandergeſetzt habe. Mein Gegner überſieht hierbei auch, daß der Wunſch, die academiſche Gerichts⸗ barkeit aufzuheben, gerade aus der Mitte des Studententhums, und nicht nur aus dem Wildenthum, ſondern auch aus der Burſchenſchaft hervorgegangen iſt, und jeder vernünftige Menſch ſieht die mannigfachen Nachtheile und die mangelnde Berechtigung dieſer Gerichte ein; denn da ſie ein Mittel zur Aufrechterhaltung des privilegirten Standes der Studirenden ſind, ſo widerſtreiten ſie unſerer Zeitrichtung, die alle Standesunterſchiede niederzu⸗ reißen beſtrebt iſt. Und dagegen wollen die Corps ankämpfen? 20 Der Kampf Don Quixote's mit den Windmühlen kann nicht unſinniger ſein als dieſer. Es iſt erfreulich, daß unſer Gegner doch einſieht, daß die Corps die alte Herrſchaft der Landsmannſchaften mit Gewalt nicht zurückerobern können, aber er verfällt dabei auf den aben⸗ teuerlichen Gedanken, alle Corporationen durch die Corps zu vereinigen, alſo die verſchiedenartigſten und einander feindlichſten Elemente unter einen Hut zu bringen. Aber warum ſollen ſich gerade die Corps, warum nicht der Wingolf oder die katholiſchen Vereine an die Spitze des„corporativen Gedankens“ ſtellen? Die beiden letzten Vereinigungen verfolgen eine ebenſo reactionäre Tendenz wie die Corps, nur daß ſie nicht eine ſolche Geſchichte haben wie dieſe. Denn wie das Weſen der Corps in der Gel⸗ tendmachung eines hohlen Ehrbegriffs beſteht, ſo iſt das Weſen des Wingolfs wie der katholiſchen Vereine auf eine gegebene kirchliche Parteirichtung begründet. Die letzteren ſpiegeln den Zuſtand der deutſchen Univerſitäten im 17 ten und am Anfang des 18 ten Jahrhunderts in dem lebloſen ſtarren Confeſſionalis⸗ mus ab, wie die Corps in ihrer Sittenloſigkeit. Die Burſchen⸗ ſchaft dagegen, welche ihren Urſprung lieber in die glorreichſte Zeit unſeres Vaterlandes ſetzt, als in die ſeiner tiefſten Er⸗ niedrigung, wie die Corps es ſo gerne thun, repräſentirt das Werdende der Jugend im Gegenſatze zu dem bequemen Fertigſein der Corps und des Wingolfs. Soll daher eine geſündere Ent⸗ wickelung des Studententhums Platz greifen, als bisher geſchehen iſt, und von dem Corporationsleben erwartet werden, ſo kann nur die Burſchenſchaft dies leiſten, und zwar die Burſchenſchaft, welche die Grundzüge der alten beibehalten hat. Dies wird durch das, was ich im folgenden Theile ſagen werde, noch klarer werden. 21 Zweiter Theil. Die Entwickelung des deutſchen Studententhums hat mit den Umgeſtaltungen, welche das öffentliche Leben erfahren hat, gleichen Schritt gehalten. Das Jahrhundert nach dem dreißig⸗ jährigen Kriege war das Zeitalter des Verfalls im Volks⸗ und Studentenleben. Da der Volksgeiſt zu einem kräftigen Auf⸗ ſchwunge nicht fähig war, ſondern durch den Einfluß einer frem⸗ den Nation geknechtet wurde, ſo iſt es auch nicht zu verwundern, daß den Studenten alle höheren geiſtigen Intereſſen fern lagen, die Wiſſenſchaft von den Profeſſoren pedantiſch betrieben wurde und unfruchtbar blieb für das nationale Leben. Aber mit den unſterblichen Schöpfungen unſerer großen Dichter und Denker erwachte überall im vorigen Jahrhundert das Volksleben, welches die geiſtige, wie nachher die politiſche Befreiung zur Folge hatte. Wie groß ſind ſeitdem die Errungenſchaften in allen Wiſſenſchaften geweſen, wie fruchtbringend ſind ſie für das Leben geworden! Ja ſoweit haben ſie ihren Einfluß ausgedehnt, daß ſie zu einer Alles beherrſchenden Macht geworden ſind. Konnte das Stu⸗ dentenleben, und insbeſondere das corporative Leben in demſelben, von dieſen Bewegungen unberührt bleiben? Mußten nicht die großen Ereigniſſe die Gründung der alten Burſchenſchaft hervor⸗ rufen? Und nicht nur dieſe, auch faſt alle anderen ſeit jener Zeit entſtandenen Verbindungen haben durch das wiſſenſchaftliche Element neue Lebenskraft erhalten; die Corps allein, treu den Ueberlieferungen der alten Landsmannſchaft, weiſen alle For⸗ derungen, welche das academiſche Leben an den Studenten ſtellt, entſchieden zurück. Anſtatt in wiſſenſchaftlichen Beſchäftigungen, ſuchen ſie in ihrem Verhältniß zur Kneipe und zum Paukboden, in der ſtricten Beobachtung des Comments ihre Größe und Bedeutung. Die Gründe, welche der Verfaſſer für die Enthaltſamkeit der Corps von Wiſſenſchaft und Politik anführt, ſind äußerſt ſchwach und rechtfertigen keineswegs die ſogenannten negativen Principien der Corps. Er ſagt:„Den Zweck, eine Quelle der Erholung 22 und des Frohſinns für den Einzelnen zu ſein, würden die Corps nicht erreichen, wenn ſie die ihnen zu Gebote ſtehende Zeit zu wiſſenſchaftlichen Kränzchen und politiſchen Debatten verwenden wollten.“ Alſo durch ſolche Beſchäftigungen ſoll das Vergnügen der Einzelnen geſtört werden. Mein Gegner ſcheint einen wun⸗ derlichen Begriff von dem Frohſinn eines Studenten zu haben, nach ſeiner Anſicht beſteht alles Vergnügen deſſelben in Kneipereien und Ergötzungen an Menſuren. Vielleicht meint er, daß dem Studenten die Beſchäftigung mit wiſſenſchaftlichen Gegenſtänden eine eben ſolche Laſt ſei wie dem Schüler, der nur durch Zwang und Strafe zur Arbeit angetrieben werden kann, und alle Be⸗ ſchäftigung ſogar mit dem Fachſtudium nur aus Rückſicht auf die ſpätere Carriere geſchähe. Da hätte ich ihm doch eine beſſere Meinung von einem deutſchen Studenten zugetraut. Glücklicher Weiſe verhält ſich die Sache anders; die Erfahrung hat bewieſen, daß der Student auch aus freiem Willen, aus Luſt und Liebe zur Sache, und nicht erſt durch den Zwang äußerer Umſtände angetrieben ſich den Studien widmen kann, ebenſo wie auch wiſſenſchaftliche Beſchäftigungen dem Vergnügungsprincipe einer Corporation keinen ſolchen Eintrag thun, als mein Gegner glauben möchte. Der zweite Grund, warum die Corps mit wiſſenſchaftlichen Gegenſtänden nichts zu ſchaffen haben wollen, iſt in folgenden Worten enthalten:„Auch glauben wir in allem Ernſt, daß es auf der Univerſität noch etwas anderes für uns zu thun gibt, als beſtändig hinter den Büchern zu hocken.“ Wie durch die Inſtitute der anderen Verbindungen, und beſonders der Burſchen⸗ ſchaften, ein beſtändiges Hocken hinter den Büchern bedingt wird, iſt nicht einzuſehen. Eine ſolche Anſicht wird durch die Erfahrung, die man aus dem burſchenſchaftlichen Verbindungsleben ſchöpfen kann, hinlänglich widerlegt; neben der Beſchäftigung mit politiſchen und wiſſenſchaftlichen Fragen und neben dem Fachſtudium iſt noch Zeit genug übrig für die Mitglieder zu einem fröhlichen Verbindungsleben. Wir wollen daher den oben erwähnten nichts⸗ ſagenden Satz abändern und unſererſeits die Behauptung auf⸗ 23 ſtellen, daß es für uns etwas mehr auf der Hochſchule zu thun gäbe, als beſtändig in der Kneipe und auf der Menſur zu liegen. Eine ſolche einſeitige und übertriebene Ausbildung des Vergnügungsprincips, welches bei den Corps geradezu in ein Vergnügungshandwerk ausartet, kann doch nicht das richtige Mittel zur Bildung des Characters ſein, worauf doch ſonſt die Corps ſo viel Gewicht legen. Denn die Erfahrung hat nur zu oft ſchon gelehrt, daß durch die rückſichtsloſe Hingabe an das ſinnliche Vergnügen jeder höhere Sinn im Menſchen ertödtet wird, daß eine vollſtändige Verſumpfung eintritt, aus welcher hernach beim Hinaustreten ins Leben ſich herauszureißen Vielen ſehr ſchwer, ja Manchen unmöglich wird. Die Betreibung des Fachſtudiums kann dann nicht mit höherem Intereſſe, ſondern lediglich mit Rückſicht auf die ſpätere Stellung geſchehen. Iſt es da nicht im eigenen Intereſſe dringend geboten, durch das Einführen höherer geiſtiger Factoren in das Verbindungsleben den verderblichen ſinnlichen Ausſchweifungen ein Hinderniß zu ſetzen? Und dennoch meint unſer Gegner, daß man die Beſtim⸗ mung der Univerſität verkenne, wenn man ſolche nach ſeiner Anſicht fremde Elemente hineintrage? Da muß er einen ſonder⸗ baren Begriff von der Beſtimmung des Studenten haben. Die Pflege idealer Intereſſen in den Kreiſen der Studen⸗ tenverbindungen iſt alſo, wenn letztere das wahre Wohl ihrer Mitglieder befördern wollen, unbedingt geboten; worin aber dieſe idealen Intereſſen beſtehen ſollen, darin gehen die Anſichten der verſchiedenen Corporationen auseinander. Wiſſenſchaftlichen Zweck verfolgen ſie, die Corps ausgenommen, alle; daneben aber be⸗ ſchäftigt ſich der Wingolf vorzugsweiſe mit religiöſen, die Burſchen— ſchaft mit politiſchen Fragen. Welcher von dieſen beiden Stand⸗ punkten der berechtigtere iſt, das zu unterſuchen, iſt hier nicht unſere Aufgabe. Der Verfaſſer hat ſich ſpeciell gegen die Be— ſchäftigung mit Politik gewendet, und er möge mir erlauben, ſeine nicht gerade ſehr mächtigen Angriffe gegen dieſe Beſchäf⸗ tigung zurückzuweiſen. Die Berechtigung des Studenten, ſich mit Politik zu befaſſen, 24 gibt unſer Gegner S. 26 ſelbſt zu mit den Worten:„Unzweifel⸗ haft iſt der Student durch Alter und Bildung angewieſen, dem Gange der Geſchichte und insbeſondere der politiſchen Entwickelung des Vaterlandes ein aufmerkſames Auge und lebendiges Intereſſe zuzuwenden, doch kann ſolches nur Sache des Einzelnen ſein, nicht der Verbindung als ſolcher.“ Für die letzte Behauptung fehlt alle Begründung, unſer Gegner kann uns doch nicht zu— muthen, ihm aufs Wort zu glauben und ſeine Bemerkungen, denen jede Beweisführung mangelt, für wahr hinzunehmen. Wir wollen uns dagegen nicht mit der einfachen Behauptung begnügen, daß es der Verbindung als ſolcher angemeſſen iſt, Politik zu treiben, ſondern dieſe auch zu beweiſen ſuchen. Es iſt eine hinlänglich feſtgeſtellte Thatſache, daß der an⸗ gehende Student, wenn er das Gymnaſium verlaſſen hat, keine feſte politiſche Ueberzeugung hat, weil von Seiten der Schule nichts für ſeine politiſche Ausbildung gethan wird und auch nicht gethan werden darf, und ſogar der Unterricht in der Geſchichte ſich nicht auf die neueſte Zeit erſtreckt. Aber daß er in der Geſchichte der neueſten Zeit bewandert und mit der gegenwärtigen politiſchen Lage bekannt iſt, das erwartet man von jedem gebil⸗ deten Manne und beſonders vom Studenten. Die Zeit des academiſchen Studiums iſt daher auch die Zeit der politiſchen Ausbildung. Hier tritt uns zunächſt dasjenige Mittel entgegen, deſſen ſich der Student auch ſonſt bedient, um zu wiſſenſchaftlicher Klarheit zu gelangen, nämlich die academiſchen Vorleſungen. Allein verſchiedene Umſtände erſchweren eine ſolche Ausbildung. Allerdings ſind hiſtoriſche und ſtaatsrechtliche Vorleſungen in dieſer Hinſicht von großem Werthe, aber ſie ſind einestheils meiſt nur für Fachleute berechnet, anderntheils wird dies Mittel der Aus⸗ bildung durch Zuſammenfallen von Collegien vielfach gehindert oder unmöglich gemacht. Der Student iſt alſo faſt lediglich auf ſich ſelbſt angewieſen. Iſt es aber da nicht höchſt angemeſſen, wenn ein ſolches Selbſtſtudium durch die gleichen Beſtrebungen, die im Verbindungsleben herrſchen, augeregt und wach erhalten wird? Wird nicht durch den Meinungsaustauſch der Mitglieder 25 das Intereſſe an den politiſchen Fragen erſt recht lebendig? Die beſte und gedeihlichſte Form dieſes Meinungsaustauſches ſind nun Vorträge, und zwar womöglich freie Vorträge über beſtimmte Themata aus dem Gebiete der allgemeinen Wiſſenſchaft und der Politik, an welche ſich dann Disputationen knüpfen. Und gerade durch dieſe verſchiedenartigen Meinungen, die bei der Disputation zu Tage treten, erhält Jeder reiche und belehrende Anregung, und aus der Fülle der einzelnen ihm vorgetragenen Anſichten wird er leicht die ſeinem Standpunkte angemeſſenſte finden können. Neben dieſen wiſſenſchaftlichen Abenden wird dann eine haupt⸗ ſächlich aus politiſchen, hiſtoriſchen und volkswirthſchaftlichen Schriften beſtehende Bibliothek und der ſtete Meinungsaustauſch durch innigen Umgang der Mitglieder unter einander die paſſend⸗ ſten Mittel zur politiſchen Ausbildung abgeben. Nicht zu ver⸗ kennen iſt auch der bei der jetzigen Geſtaltung unſerer ſocialen Verhältniſſe bedeutende Vortheil, daß bei den oben näher beſchrie⸗ benen wiſſenſchaftlichen Abenden der Burſchenſchaft der Einzelne etwas parlamentariſche Fertigkeit und Redegewandtheit mit in den Kauf bekommt. Heutzutage, wo Oeffentlichkeit und Münd— lichkeit eine ſo bedeutende Rolle im ſocialen Leben ſpielen, iſt es eins der Haupterforderniſſe eines tüchtigen Staatsbürgers, daß er ſeine Anſicht beredt zu entwickeln im Stande iſt. Auch zur Erreichung dieſes gewiß hochwichtigen Zweckes leiſten die Corps nichts; oder ſind vielleicht jene berühmten Kneipreden, vulgo Pauken, die ihre Füchſe loslaſſen müſſen, hierzu beſtimmt? Wir ſagten vorhin, daß bei den politiſchen Debatten inner⸗ halb der Burſchenſchaft die verſchiedenſten Anſichten zu Tage träten, und dieſer Umſtand widerlegt ſchon die Behauptung unſeres Gegners, als ob die Mitglieder der Burſchenſchaften gezwungen wären, ſich auf ein politiſches Glaubensbekenntniß zu verpflichten. Woher der Verfaſſer dieſe ungereimte und man möchte ſagen rein erdichtete Bemerkung geſchöpft hat, möchten wir gerne wiſſen. Iſt es denn nicht lächerlich, einem angehenden Studenten, dem noch alle politiſche Ausbildung fehlt, eine beſtimmte Meinung aufzuoctroyiren? Die Inſtitute der Burſchenſchaft, welche das 26 politiſche und wiſſenſchaftliche Element pflegen, ſollen nichts weiter als die Beſchäftigung mit Politik anregen und befördern. Der Parteiſtandpunkt iſt lediglich Sache des Einzelnen, nicht der Ver⸗ bindung, wie unſer Gegner meint. Auch der Umſtand, daß die Mitglieder der Burſchenſchaft meiſt einem gewiſſen Grade freier Auffaſſung in Politik und Religion huldigen, ſtreitet nicht gegen das Princip der freien Selbſtbeſtimmung des Einzelnen, wenn man erwägt, daß bei einem ganz vorurtheilsfreien und unbefange⸗ nen Studium der politiſchen und religiöſen Verhältniſſe man auf dieſen Standpunkt kommen muß; denn jeder Student, welcher ſich ohne Vorurtheile und Vorausſetzungen mit Politik beſchäftigt, muß dieſen Standpunkt nothwendigerweiſe erreichen, wenn er ein vernünftiges geſundes Urtheil und einen hinlänglichen Schatz von Bildung beſitzt, und dieſe von einem jungen Manne und Bürger einer Hochſchule zu erwarten, ſollte man doch in der zwei⸗ ten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wirklich berechtigt ſein. Wir erlauben uns, hier einen Gewährsmann*) zu citiren. Derſelbe läßt ſich, nachdem er ausgeführt hat, daß diejenige poli⸗ tiſche Anſicht die allein richtige iſt, welche nur das im Staate als berechtigt anerkennt, was der Idee, d. h. der vernünftigen Nothwendigkeit entſpricht, folgendermaßen vernehmen:„Wer im Staate nur die Vernunft ſieht und anerkennt, der beſchäftigt ſich, da er ja ſelber Vernunft iſt, mit ſich ſelbſt, mit dem, was ſein eigentliches Weſen ausmacht; und wenn in dieſem nicht bei einem Fremden, ſondern bei ſich Sein das beſteht, was wir Freiheit nennen, ſo wird alſo die freie oder liberale An⸗ ſicht vom Staate wiederum nicht nur eine der zu ergreifenden, ſondern die allein erlaubte für den Studenten ſein.“ Wir geben zu, daß die liberale Anſicht ein ziemlich dehnbarer und relativer Begriff iſt, in Wirklichkeit umfaßt ja derſelbe auch die verſchie⸗ denſten Schattirungen, welche aufzuzählen und zu beſchreiben hier gewiß nicht der Ort iſt. Von der Individualität der Einzelnen *) Dr. J. E. Erdmann, Vorleſungen über academiſches Leben und Studium. 27 hängt es ab, wie weit ſie hierin gehen wollen, ja auch conſer⸗ vative Anſichten ſind ſtrenggenommen von der Burſchenſchaft, die ja, wie ich jetzt hinlänglich bewieſen zu haben glaube, nichts anderes als eine politiſche Schule ſein will, nicht ausgeſchloſſen; aber daß dieſelben ſich ſo gut wie nirgends zeigen, iſt in der Natur der Sache begründet, denn wie geſagt führt ein vernünf⸗ tiges, unbefangenes und vorurtheilsfreies Behandeln politiſcher Fragen zu einer freien Anſicht vom Staate und deſſen Ein⸗ richtungen. Ich komme jetzt zur Beſprechung der politiſchen Farbe der Corpsmitglieder, inſofern dieſelben nicht ohne jede politiſche Ueber⸗ zeugung ſind. Weit entfernt bin ich davon, die Corps im All⸗ gemeinen in politiſcher Hinſicht— wenn ich ihnen auch in ihrer ſpecifiſch ſtudentiſchen Wirkſamkeit dieſen Vorwurf machen muß — als„Vertreter und künftige Handlanger der Reaction“ anzu⸗ ſehen, eine Anſicht, die mein Gegner gern den Burſchenſchaften unterſchieben möchte. Da die politiſche Bildung der Corpsſtuden⸗ ten— ſoweit dieſelbe nicht durch das bei Vielen alle geiſtigen und körperlichen Kräfte ausſchließlich abſorbirende Vergnügungs⸗ princip in den Hintergrund gedrängt wird— von den Corps als ſolchen keine Anregung und Rectification erhält, ſo bleibt Jeder ſich ſelbſt überlaſſen, und es können ſich deshalb die ver⸗ ſchiedenſten Anſchauungen und Ueberzeugungen entwickeln. Doch tritt hier ein Umſtand dazwiſchen, den unſer Gegner ſelbſt, und zwar ganz mit Recht, angeführt hat. Die Corps recrutiren ſich nämlich größtentheils aus den höher geſtellten und vermöge ihrer Stellung und Wohlhabenheit vorzugsweiſe ariſtokratiſchen An⸗ ſchauungen huldigenden Kreiſen der Geſſellſchaft, beſonders aus der Beamtenwelt, welche lediglich um es mit der Regierung nicht zu verderben, mit einem wahren Fanatismus ihre Söhne von der Burſchenſchaft, welche man in dieſen Kreiſen gewöhnlich als die Vertreterin des rothen Republikanismus und der abenteuer⸗ lichſten Umſturzideen anſieht, zurückhält und mit Rückſichtnahme auf deren ſpätere Stellung im Staate ſich den Corps anſchließen läßt. Allein jede wahrhaft liberale Regierung, der es darum zu 28 thun iſt, tüchtige und überzeugungstreue Männer in ihren Dien⸗ ſten zu haben, muß viel lieber ſolche Beamte und Staatsbürger leiden, die ihre Studienjahre mit zur Bildung einer gediegenen politiſchen Ueberzeugung verwandt haben, als ſolche Staatshä⸗ morrhoidarien, die— ich ſpreche hier nicht von allen Mitgliedern der Corps, ſondern nur von einem großen Theile derſelben— durch übertriebene jugendliche Vergnügungsſucht und Ausſchwei⸗ fungen jeden edlen Kern in ſich erſtickt und ſich zu einem willen⸗ loſen mechaniſchen Werkzeuge jeder höheren Macht, die ſie ernährt und bezahlt, herabgewürdigt haben. Wie geſagt, verfällt dieſem eines Mannes unwürdigen Looſe nur ein— wenn auch ver⸗ hältnißmäßig großer Theil— der Corps; Manche halten ſich davon frei und werden in ihrem ſpäteren Leben ganz tüchtige und vorurtheilsfreie politiſch gebildete Männer; ja einige parla⸗ mentariſche Berühmtheiten, und zwar mitunter von ganz demo⸗ kratiſcher Färbung ſind aus den Corps hervorgegangen. Aber eben ſo wahr iſt es, daß man von manchen Corps, die ſich faſt ausſchließlich aus Adligen recrutiren, eine durchgehends conſer⸗ vative oder reactionäre Richtung vorausſetzen kann, denn dieſe Leute glauben es ihrer Stellung und ihrem Blute ſchuldig zu ſein, an allen ächt junkerlichen Standesvorurtheilen zäh feſtzu⸗ halten. Daß die Corps ſich principiell von öffentlichen politiſchen Kundgebungen ausſchließen, iſt wohl kaum zu tadeln, da ſolche Demonſtrationen meiſt zwecklos ſind. Wo aber wirklich etwas einer guten Sache Nützliches damit erreicht werden kann, z. B. durch Adreſſen oder Geldſammlungen für nationale Zwecke, da ſollte ſich jede academiſche Corporation betheiligen, wie dies ja auch von Seiten der Burſchenſchaft geſchieht; damit iſt aber noch lange nicht geſagt, daß man den„wüſten Lärm der Parteien“ vermehren hilft. Wir kommen jetzt zu der Stelle, wo unſer Gegner S. 26 wegen der dem Studenten noch mangelnden politiſchen Erfahrung der Burſchenſchaft das Recht abſtreitet, ſich auf eine beſtimmte politiſche Ueberzeugung zu verpflichten, wovon übrigens, wie ——4—·— 29 ſchon oben bemerkt, dieſelbe weit entfernt iſt. Daß dem Stu⸗. denten die Erfahrung in der Politik mangelt, darin hat unſer Gegner vollkommen Recht; wer wollte ihm das auch abſtreiten? Aber dies als Grund für die Enthaltſamkeit von Politik hinzu⸗ ſtellen, iſt höchſt lächerlich. Denn um ſich in politiſchen Studien zu bilden und zu vervollkommnen, dazu braucht man doch keine Erfahrung darin, eben ſo wenig als ein junger Mediciner, der ſoeben das Gymnaſium verlaſſen, ſchon Erfahrungen in dem Studium, dem er ſich widmen will, geſammelt haben muß. Die Möglichkeit, politiſche Erfahrungen zu ſammeln, ſoll erſt durch ein eifriges und mit Liebe betriebenes Studium herbeigeführt werden. Gerechtfertigt wäre jener Vorwurf, wenn die Burſchen⸗ ſchaft ſelbſt in die Triebräder der Politik thätig eingreifen wollte, ein Unternehmen, welches unter den jetzigen Umſtänden ebenſo unbeſonnen als unmöglich wäre. Nur Intereſſe für die Politik will die Burſchenſchaft ihren Mitgliedern einflößen und dieſelben zu tüchtigen, politiſch reifen Männern heranbilden, welche ſpäter zur mannhaften Vertretung der Volksintereſſen geſchickt ſind, das liegt in ihrer Aufgabe; aber ſelbſt Politik zu machen, davon iſt ſie weit entfernt. Was mein Gegner in demſelben Satze mit den Worten ſagen will, daß es„der ſtudentiſchen Stellung mehr entſpreche, ſich auf den Dienſt des Vaterlandes vorzubereiten, als mit politiſchem Freiſinn zu prunken und in einer Lebens⸗ periode, in der Character und Weltanſchauung erſt beginnen feſtere Umriſſe anzunehmen, ſich auf ein politiſches Glaubensbe⸗ kenntniß zu verpflichten“, iſt, ſo ſchön dieſer Satz auch gebaut und periodiſch gegliedert ſein mag, nicht zu verſtehen. Von dem Dienſte des Vaterlandes hätte unſer Gegner beſſer geſchwiegen. Jedenfalls iſt es doch für das Vaterland von größerem Nutzen, wenn die Jugend durch eifriges, auf die höchſten Güter und Intereſſen der Menſchheit gerichtetes Studium ſich zu tüchtigen und characterfeſten Staatsbürgern heranzubilden beſtrebt iſt, als wenn ſie ſich ſchrankenlos dem Vergnügen hingibt. Aber ſchlafe ruhig, theures Vaterland! Nicht jene politiſchen Träumer und 30 Phraſendrechsler, ſondern wir, die wir ſchweigen zu dem wüſten Lärm des Tages und der Parteien, in unſerer Sphäre aber männlich und entſchloſſen auftreten, wir werden dein Volk glück⸗ lich machen, und alle Lande werden deiner Ehre voll ſein! Worin beſteht denn die würdige Vorbereitung auf den Dienſt des Vater⸗ landes, welche die Corps vor den Burſchenſchaften voraushaben ſollen? Schwerlich in der ſtricten Befolgung der Corpsprincipien, und ich wüßte nicht, was darunter auders verſtanden werden könnte, als die eifrige Betreibung des Fachſtudiums. Dieſe ſpricht alſo mein Gegner den Mitgliedern der Burſchenſchaften ab. Ich denke aber, es iſt conſtatirt, daß gerade die Corpsſtudenten die⸗ jenigen ſind, die das Fachſtudium am nachläſſigſten und leicht⸗ ſinnigſten betreiben und die Examina gewöhnlich ſchlechter beſtehen, als Burſchenſchafter. Es läßt ſich hier natürlich keine für jeden Einzelnen geltende Regel aufſtellen, was aber das Große und Ganze betrifft, ſo glaube ich meine Behauptung entſchieden auf⸗ rechterhalten zu können. Dieſe Thatſache, der ich übrigens weit entfernt bin eine übertriebene Bedeutung beizulegen, habe ich nur zur Abwehr ungerechtfertigter Angriffe angeführt. Was ferner unſer Gegner über das Benehmen der Corps nach Außen hin ſagt und über die unwürdige Rolle, welche die Burſchenſchaften in der Oeffentlichkeit ſpielen ſollen, bedarf einer entſchiedenen Berichtigung. Die Corps mit ihrem männlichen, entſchloſſenen Auftreten ſind natürlich die Könige, und die anderen „mit den deutſchen Farben geſchmückten Studenten ſpielen eine kümmerliche, ja oft genug eine unwürdige Rolle.“ Das heißt doch geradezu den Thatſachen ins Angeſicht ſchlagen. Freilich iſt es ſehr bequem, Behauptungen ohne Beweiſe in die Welt zu ſchleudern. Auf weſſen Urtheil ſtützt ſich denn aber unſer geehrter Gegner? Abgeſehen von den ariſtokratiſchen Kreiſen, die ſich ganz lächerlicher Weiſe meiſt durch ihre Stellung an beſtimmte Vorurtheile binden laſſen, vielleicht auf das Urtheil einiger arm⸗ ſeligen Philiſter. Wer aber, wie dieſe, lediglich nach dem renom⸗ miſtiſchen und bramarbaſirenden Auftreten den Werth einer ſtu⸗ dentiſchen Corporation beurtheilt, wer nicht beachtet, ob ſie nicht 31 vielleicht nur zu oft hinter der glänzenden äußeren Form geiſtige Unfähigkeit birgt, dem iſt wahrlich eine geringe Doſis von Scharf⸗ ſinn und Menſchenkenntniß zuzutrauen, und deſſen Urtheil muß der Burſchenſchaft höchſt gleichgültig ſein. Uebrigens iſt ja auch ſchon auf den meiſten deutſchen Hochſchulen das frühere unbe⸗ gründete Vorurtheil gegen die Burſchenſchaften verſchwunden, und auch die nicht academiſche Welt räumt denſelben jetzt größten⸗ theils ihr Recht ein und ſchätzt ſie höher als das wohl äußerlich glänzende, im innerſten Kerne aber durch und durch faule Corps⸗ weſen. Noch lächerlicher als die eben beſprochene Behauptung unſeres Gegners iſt der Einfall, daß„die Burſchenſchaft nur noch äußer⸗ lich an ihrem politiſchen Programm(?) feſthalte, um außer ihrer vielſeitigen Impotenz auch noch ein anderes Merkmal zu haben, welches ſie von den Corps unterſcheide.“ Daß Corps und Bur⸗ ſchenſchaft— ich rede hier natürlich nur von den Burſchenſchaften, welche die Beſtrebungen und Tendenzen der alten ſich zur Auf— gabe gemacht haben, nicht von den Verbindungen, die ſich nur Burſchenſchaften nennen, im Grunde aber nichts anderes ſind als die Corps— unvereinbare Gegenſätze ſind, glaube ich ſchon im erſten Theile bewieſen zu haben, und dazu bedarf es nicht erſt eines„politiſchen Programms“. Am Schluſſe des zweiten Theils berührt mein Gegner noch die Principienfrage und tritt in ironiſch ſein ſollender Weiſe denen entgegen, welche gerade aus dem Mangel wiſſenſchaftlicher, ſittlicher und politiſcher Principien bei den Corps zwar deren Zuſammenhalten nach Außen erklären, das ihnen jedenfalls ebenſo wie die ſtramme, faſt militäriſche Disciplin innerhalb der einzelnen Corps vor den Burſchenſchaften einen nicht zu verkennenden Vor⸗ theil ſichert, daneben aber die verſchiedenen burſchenſchaftlichen Principien loben und ſie„immerhin für beſſer und anſtändiger erklären als einen Köſener Congreß zu haben und ein Dutzend SC. SC.“ Jedenfalls iſt eine, wenn auch noch ſo große Menge Stu⸗ dirender auf den verſchiedenſten deutſchen Hochſchulen viel leichter 32 zuſammenzuhalten, wenn ſie nur den Zweck haben, das ſtnden⸗ tiſche Leben ſich ſo heiter und vergnügt als möglich zu machen, höhere geiſtige Intereſſen innerhalb der Verbindung aber völlig unberückſichtigt laſſen, als eine vielleicht nicht ſo große Anzahl deutſcher Studenten, deren Vereinigungen auf wiſſenſchaftlicher Baſis fußen. Um einem jungen Studenten Fertigkeit im Trinken und Schlägerführen und noch das beizubringen, was die Corps geſelligen Anſtand nennen, um ihn ſo ganz äußerlich zu dreſſiren, dazu iſt bei weitem nicht ſo große Mühe nothwendig, als um ſolche Studirende zuſammenzuhalten, die ihre Verbindung auf geiſtig bildende und veredelnde Factoren gründen. Denn hier macht ſich überall die Verſchiedenheit der Anſichten geltend, die dort nur von untergeordneter Bedeutung ſein kann. Während die eine Burſchenſchaft ihre Aufgabe, nämlich ihre Mitglieder zu politiſch und wiſſenſchaftlich gebildeten Männern heranzuziehen, für unvereinbar hält mit dem Cultus der Ueberlieferungen im Studentenleben, alſo auch mit dem Duell, erklärt die andere daſſelbe, wenn ſie es auch vielleicht principiell verwirft, aus localen oder Zweckmäßigkeitsgründen für nothwendig. Während die eine glaubt, daß aus dem ſittlichen Principe der Burſchen⸗ ſchaft die Verpflichtung der Mitglieder zur Keuſchheit reſultire, verneint dies die andere. Aus dieſen Meinungsverſchiedenheiten allein, die bei der Pflege geiſtiger Intereſſen innerhalb der Stu⸗ dentenverbindungen nicht zu vermeiden ſind, erklärt ſich die Spaltung der Burſchenſchaften in verſchiedene Cartelle und in einzelne, in keinem Cartellverbande ſtehende Verbindungen. Mit einem wahren Hochgenuſſe hat unſer Gegner die Zer⸗ ſplitterung der Burſchenſchaften und alle möglichen Principien derſelben erwähnt, deren Mangel er den Corps zur größten Ehre anrechnet. Denn er hält ſolche Principien für„ganz fremde Elemente im Verbindungsleben und ſogar mit der Beſtim⸗ mung der Univerſität nicht vereinbar“, ohne auch nur den geringſten Grund davon anzugeben. Vielleicht iſt er, wie ich ſchon einige Male zu bemerken Gelegenheit hatte, der Anſicht, daß er nur eine Behauptung, mag ſie auch noch ſo 33 ungereimt ſein, aufzuſtellen, nur etwas„anzudeuten“ brauche, ſo erhalte ſchon Alles ſeine Richtigkeit. Es iſt doch gewiß nichts abgeſchmackter, als an dieſer Stelle, wo von der Enthaltſamkeit der Corps von Wiſſenſchaft und Politik die Rede iſt, von der Beſtimmung der Univerſität zu ſprechen, welche doch wahrhaftig von den Corps am wenigſten berückſichtigt wird. Worin beſteht denn die Beſtimmung der Univerſitäten? Sollen dieſe vielleicht die Stätten der wildeſten und übermüthigſten Ausſchweifungen ſein, oder nicht vielmehr der Ort, wo neben der eifrigen Betreibung des Brodſtudiums die größte Allſeitigkeit der Ausbildung darge⸗ boten iſt? Und die Burſchenſchaft, welche für die geiſtige Aus⸗ bildung ihrer Mitglieder ſolche Wiſſenſchaften zu Grunde legt, welche für jeden gebildeten Studenten von der größten Wichtigkeit ſind, wie Staatswiſſenſchaft, Politik, Literatur, Geſchichte u. ſ. w., iſt ſie etwa gegen die Beſtimmung der Univerſität? Die Meinung, daß„das corporative Leben der Hochſchule nur dem geſelligen Bedürfniß genügen und der Schirmherr des guten Tones innerhalb der Studentenſchaft ſein wolle“, kann man nur durch die grundloſe Vorausſetzung erklären, nach der die Corps die allein berechtigten Corporationen ſind; dieſe glaube ich hinlänglich widerlegt zu haben. Unter den guten Ton, welcher in den Kreiſen der Corps gepflegt werden ſoll, gehört auch wohl das rückſichtsloſe und provocirende, von meinem Gegner an einer anderen Stelle männlich und entſchloſſen genannte Auftreten gegen andere Verbindungen, gehören auch wohl die Donnerworte, welche die Corps gegen die armſeligen Büchſiers ſchleudern, die ſich erfrechen auch auf der Welt zu exiſtiren. Was endlich die Parallele betrifft, die mein Gegner zwiſchen der Burſchenſchaft und der„Vorſchule für katholiſche Pfaffen“ zieht, ſo muß ich bedauern, ihm auf einen ſolchen, alle Grenzen der Höflichkeit und Achtung, die man auch dem Gegner ſchuldet, bei Seite ſetzenden Ton nicht erwiedern zu können. Am Ende des erſten Theils predigt er den ſich ſchroff gegenüberſtehenden Anſichten Verſöhnlichkeit, um alle corporativen Elemente gegen das Wildenthum zu vereinigen. Wie ſtimmen hiermit dieſe 92 3 34 geringſchätzenden Ausdrücke über die Beſtrebungen und Ziele der Burſchenſchaft? Schluß. Der Schluß der Abhandlung, der zwar viele ſehr ſchöne oratoriſche Floskeln enthält, denen aber alle Bedeutung, aller innere Werth mangelt, berührt noch einmal im Allgemeinen die hervorragenden Züge des Corps und gipfelt in dem Satze, daß die Corps vermöge ihrer inneren Tüchtigkeit und Würde den Beruf hätten, an der Spitze der deutſchen Studentenſchaft zu ſtehen, dieſe zu leiten und moraliſch zu beherrſchen. Da es uns aber nach den vielen, im Laufe dieſer Abhandlung näher erörter⸗ ten Gründen unmöglich iſt, dieſe„innere Tüchtigkeit und Würde“ anzuerkennen, ſo beſtreiten wir natürlich auch den Corps das Recht, die deutſche Studentenſchaft am Gängelbande zu leiten und einen moraliſchen Druck auf ſie auszuüben. Doch dies Alles habe ich ja ſchon im erſten Theile ausführlicher erörtert und dargethau, daß der Verſuch zur Geltendmachung dieſes ver⸗ meintlichen Rechtes durch die Wirklichkeit Lügen geſtraft wird, daß weder von den Corps noch von dem Wingolf und den katho⸗ liſchen Vereinen eine geſunde Regeneration des Studentenlebens erwartet werden kann, weil ihre Principien nicht Schritt halten mit der Strömung der Zeit.— Vielleicht iſt die Zeit nicht mehr fern, wo die Verbindungen auf den deutſchen Hochſchulen, ſo wie ſie jetzt beſtehen, zu Grabe getragen ſein werden; vielleicht daß in der Zukunft die formenloſeren Vereinigungen der Studirenden ganz ohne äußere Corporationszeichen, wie ſie ſich jetzt ſchon auf mehreren Univerſitäten gebildet haben, die Oberhand gewinnen und den Ton angeben, um die freie Vereinigung der ge⸗ ſammten deutſchen academiſchen Jugend ins Leben 35 zu rufen, wie ſie die Burſchenſchaft nach den Freiheitskriegen erſtrebte. Dann aber wird dieſe Vereinigung aller deutſchen Studenten, der vielleicht die Zukunft gehört, jedenfalls den Com⸗ ment der Corps, jenes verſchnörkelte Geſetzbuch des Unſinns, welcher mit ſeinen Idiotismen und rein mechaniſchen Ehren⸗ punktsbeſtimmungen das Ein und Alles jener Formenmenſchen iſt, die, ohne auf ihre geiſtige und ſittliche Ausbildung zu achten, nur in ihm leben und weben, über Bord werfen, ſie wird in ächt burſchenſchaftlichem Sinne jenes bequeme Mitſſichfertigſein der Corps und des Wingolfs verurtheilen, ſie wird immer weiter ringen nach Wahrheit und Aufklärung, nach Sittlichkeit und Wiſſen⸗ ſchaftlichkeit, den beiden hehren Schutzgeiſtern des Studenten. Druck von Wilhelm Keller in Gießen. Colour& Grey Control Chart Cyan Green vellow- Bed Magenta Blue White Grey 2 Grey 4 Grey 1 Grey 3 Erſter Theil. Die Schrift:„Was ſind und wollen die Corps?“, welche beſtimmt war, uns über die Corpsprincipien aufzuklären, verfolgt den klar ausgeſprochenen Zweck, die Berechtigung der Corps, an der Spitze der deutſchen Studentenſchaft zu ſtehen, nachzuweiſen. Allein die Beſtrebungen und Ziele jener Corporationen ſind nicht derart, daß dieſe einer ſolchen Stellung ſich würdig zeigten. Wir werden uns deshalb erlauben, auf die Gründe, welche die Be⸗ rechtigung zu dieſer Stellung darthun ſollen, näher einzugehen und die Gehaltloſigkeit der Corpsprincipien auseinanderzuſetzen. Unſer Gegner gibt in ſeiner Schrift zunächſt den Urſprung der Corps an. Er ſagt:„öHiſtoriſch betrachtet ſtehen unſere heutigen Corps auf den Schultern der alten Landsmannſchaft: WnnnEnTnnnnnInunnnun 2 3 4 3 6 8 2 10 L 9 IIIIIrUILrLuIrlulubtlrlulrtlnlrlulnilrſnln erwahnter von gleichartiger Lebensauffaſſung, verwandter Geſinnung und innerer Würdigkeit.“ Worin dieſe drei genannten Eigen⸗ ſchaften aber beſtehen, darüber läßt uns unſer verehrter Gegner an dieſer Stelle völlig im Unklaren, wie er denn überhaupt mit Prädicaten, welche er dem Corpsweſen beilegt, ſehr freigebig iſt; und es iſt nur Schade, daß man ſich nichts Beſtimmtes darunter denken kann. Aus dem, was uns ſpäter über das Weſen der Black