————i ASEiENe En .. e— UB GlESSEN WAaAdeuaade 41 243 002 ‿ M 26 1607500 EXZ f 11 243 002 Hausbuchbindsrel der Bibllothek 80C H-NR. 11.243. 002 der Vnir. Giessen 5— n ℳ“—„ o. J0LI1975 V 16RO8 8. NOV. 1975 2 8K810 8 0. SEpP. 1977 05 RO9 12. DEZ. 1977 28E7 g N Ri = 5 SA S = 3, 2a - ER y—= ne c r PR] FE BAHT, FE Bin. RR Fr Sal IE ETFR IN 00 26 > ae: RAR, RER Br BB an en 2 Ä er u- DE a ' ER RE WEUWEISER DURCH DIE UNIVERSITÄTSSTADT GIESSEN UND IHRE UMGEBUNG GIESSENER VERKEHRSHANDBUCH MM BFAN DER STADT, KARTE DER UMGEBUNG, THEATERPLAN EISENBAHNKARTE, 12 VOLEBIL- DERN, 4 AQUARELLDRUCKEN UND. ZAHLREICHEN TEXTILLUSTRATIONEN VERLAG VON EMIL IEROTEN IN GIESSEN RER N DEREN RT ET, ALLE RECHTE VORBEHALTEN. ABER FREIE en re Ep Ne NEE ETF Is | Al er Ei; ü N 4 - Partie am alten Schloß mn 0 ZUR ERINNERUNG AN DIE UNIVERSITÄTSSTADT GIESSEN Sol GEWIDMET VON OEL ODE, i } H | Ansicht von Gießen VORWORT. Giessen gehört zu den deutschen Städten, welche im inter- nationalen Reiseverkehr außerordentlich begünstigt sind; mehrere wichtige Eisenbahnlinien gehen durch Gießen oder zweigen sich hier ab. Wer von Nord- und Mitteldeutschland kommend die Gipfelriesen, die sangerfüllten Täler des gepriesenen Tirolerlandes kennen lernen will, wer die gigantische Gletscherwelt der Schweiz aufsucht, wen die Sehnsucht weiter hinabführt gen Süden, wo im Wunderlande Italien die Orange reift und der Lorbeer grünt, wer die lieblichen Täler, die waldigen Höhen des, Vogelsberg, der Wetterau, Rhön oder des Taunus durchwandern, zu den rebenbekränzten Geländen des sagenumwobenen Rheins ge- langen will: fast alle diese Hunderttausende einer modernen Völkerwanderung, als welche sich unser Fremdenverkehr heute darstellt, führt ihre Fahrt über Gießen. Wenn auch der große Strom der Reisenden die Stadt nur im Vorüberfahren kennen lernt, so gibt es doch deren viele, die es wissen, wieviel Gießen und seine engere und weitere Umgebung, besonders der so nahe gelegene Vogelsberg, des Herrlichen und Schönen dem Reisenden auf Schritt und Tritt zu bieten vermag, und daß es sich wohl lohnt, hier einmal längere Rast zu machen und einzukehren im„Wirtshaus an der Lahn“ zu genußb- reichen Ausflügen in das Lahntal und den Vogelsberg. All diesen wanderfrohen Menschen, die im schönen Oberhessen zu Gaste sind, denen, die sich dauernd hier niederlassen und auch den Jüngern der Wissenschaft, welche die Musenstadt Gießen bevölkern, oft daherkommend aus fernen Gebieten, sei unser Wegweiser gewidmet. Wir wünschen, daß ihnen unser Buch ein treuer Führer sei, der sie zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt, zu den Schönheiten der Umgebung geleitet und ein bewährter Mentor werde, sie über die näheren Verhältniss- zu unterrichten und schnell hier heimisch werden zu lassen. Vorwort. Wer sich bisher über Gießen und seine nähere und weitere Um- gebung unterrichten wollte, war darauf angewiesen, Roth’s illustr. Führer No. 1:„Gießen und das Lahntal« zu kaufen, welchen der bekannte weiland Professor Dr. Buchner in drei Auf- lagen stets verbessernd und erweiternd verdienstvoll bearbeitet hat, und welcher seinen Zweck in bester Weise lange Jahre hindurch erfüllte. Die glückliche Entwicklung Gießens in den letzten Jahren, besonders unter der Aegide der letzten Oberbürgermeister Dr. Gnaut h und Mecum zur modern aufstrebenden Großstadt erheischte jedoch ein Handbuch, das, in völliger Neubearbeitung neuzeitlichen Verkehrsverhältnissen Rechnung tragend, auch in der Anlage und Ausstattung mo- dernen Forderungen an einen guten Führer entspricht. Die aus- führlichen Beschreibungen der weiteren Umgebung, welche der Buchner’sche Führer durch Gießen und das Lahntal haupt- sächlich bringt, läßt dieser neue Wegweiser durch Gießen ab- sichtlich vermissen, dieselben finden sich viel besser und ein- gehender in den inzwischen erschienenen Führern: Roth’s illustrierte Führer No 22 Das Kama Eleg. geb. 2 Mark, und Roth’s illustrierte Führer NoX 3:3 Vzoraeilisipreiues Wetterau, Rhön. Eleg. geb. 2 Mark. Dagegen ist in dem vorliegenden neuen Buche Gießen als Universitätsstadt besonders in kultureller Beziehung in den Vordergrund gerückt, dem Führer mehr der Charakter einer Monographie aufgeprägt. Nur die tatkräftige Unterstützung kompetenter Mitarbeiter machte es uns möglich, dem Weg- weiser seine Ausführlichkeit und interessante Textbereicherung zu geben. Nachgenannten Herren verdanken wir die folgenden inter- essanten Beiträge: Die Geschichte der Stadt: Herr Bibliothekar Dr. Ebel. Die Universität: Herr Univ.-Professor Dr. jur. et phil. Magnus Biresumere Die Geschichte der Garnison: Herr Major Mohr. Geschichte des Studentenlebens in Gießen: Herr Oberlehrer Din Role sie: Das städtische Museum: Herr Hauptmann a. Di Konanım ein Das Kunstleben Gießens: Herr Univ.-Professor Dr. Sauer. Das kirchliche Leben Gießens: Die Herren Pfarrer Euler, Dekan Bayer, Dr. Sander. Die Gesundheitsverhältnisse und die Bevölkerung: Herr Medi- zinalrat Dr. Haberkorn. Das Schulwesen Gießens: Herr Lehrer Valentin Müller. Universitäts-Kliniken und Krankenhäuser: Herr Univ.-Professor Dir Biest Die Universitätsbibliothek: Oberbibliothekar Dr. Heuser. Das neue Stadttheater: Herr Univ.-Professor Dr. Fromme. Das Veterinärwesen: Herr Kreiveterinärarzt Knell. Das städtische Gas- und Wasserwerk: Herr Direktor Bergen. Das Feuerlöschwesen: Herr Baumeister Traber. Städtischer Schlachthof: Herr Direktor Tierarzt Modde. Konzerte: Herr Musikalienhändler Challier sen. Allen diesen liebenswürdigen Helfern bringt + dieser Stelle den wärmsten Dank zum Ausdruck. der Verlag ERITREA na Vorwort. 17. Trotz aller Sorgfalt, mit welcher das Büchlein bei der Bearbeitung bedacht wurde, sind doch Irrtümer nicht aus- geschlossen, Vergeßlichkeiten nicht unmöglich; möchten die- selben wohlwollende Entschuldigung finden. Für eine neue Auflage werden Berichtigungen gern entgegengenommen, Winke und Wünsche dankbarst begrüßt. Der Ausstattung hat die Verlagsbuchhandlung ganz besondere Aufmerksamkeit gewid- met und die neuesten technischen Errungenschaften des Her- stellungsverfahrens dabei zur Anwendung gebracht, ein Reiz mehr, den Wegweiser für einen großen Kreis auch unserer Mit- bürger begehrenswert zu machen und ihn als hübsche Erinne- rungsgabe für Einheimische und Fremde zu benutzen. Dazu bietet besondere Gelegenheit die in diesem Jahre stattfindende Dreihundertjahrfeier.der Universität. Möge unser Wegweiser jedem Gießener die Schönheiten seiner Vaterstadt in Wort und Bild vor Augen führen, aber auch draußen in der Fremde unserer noch lange nicht nach Verdienst gewürdigten heiteren Musenstadt neue Freunde werben. Wer seine Heimat liebt und zu Ehren bringen will, sei unser Helfer. Gießen, 1907 (im Jahre des 300 jähr. Jubiläums der Großh. Landes-Universität). Der Herausgeber: Hermann Oesterwitz. Allgemeines. #|Gießen, die Hauptstadt der Provinz Oberhessen, %| Sitz der Landes-Universität des Großherzog- tums Hessen und Garnison des Infanterie- Regiments Kaiser Wilhelm II. Großh. Hess. No. 116, liegt an der Lahn inmitten des über- aus anmutigen Chattengaues und zählt z. Z. über 30000 Einwohner. Die liebliche Um- gebung mit ihren endlosen Wäldern und roman- |{ tischen Burgruinen auf ragenden Höhen gibt ihr den Vorrang vor vielen Städten Deutschlands und ladet den Fremden ein, in der heiteren Musenstadt zu dauerndem Aufenthalt feste Hütten zu bauen. Gießen ist aber nicht nur Musenstadt, sondern auch ein in Handel und Industrie betrieb- samer Ort dazu.„Ernste Arbeit in Gewerbe und Wissenschaft— Lebensfreude in Natur und Kunst!“ sollte als Wahlspruch für Gießen gelten. Von Jahr zu Jahr sammelt sich die wißbegierige Jugend in größerer Anzahl aus allen Teilen unseres weiten Vaterlandes sowie aus dem Auslande zu den Füßen der alt- ehrwürdigen 300 jährigen Alma materLudoviciana. Die Universität gibt einen bedeutenden Faktor ab für das öffentliche Leben der Stadt. Die Lehrkräfte sind bedeutend vermehrt und die Studentenzahl steht bereits im zweiten Tausend. Die innere Stadt besitzt eine ganze Reihe bemerkens- werter alter Häuser und man läßt es sich angelegen sein, sie würdig wieder herzu- stellen. Die hübsche, für Hessen so charakteristische Holzkonstruktion vieler Bürgerhäuser kommt wieder zu Ehren, und wo ein Neu- bau entsteht, paßt er sich meist seiner Umgebung an. So erhält sich die Altstadt das ihr in früheren Jahren so eigentümliche Aussehen, obgleich die engen Straßen Alt-Gießens immer mehr verschwinden und ansehn- liche Handelsstraßen ent- stehen mit großstädtischem Anstrich und vornehmen, modernen Geschäftsläden. Um den Kern der alten Stadt aber zieht auf den früheren Festungswällen ein } Se. Exc. Finanzminister Dr. Gnauth in Darmstadt Kranz herrlicher Anlagen, Früherer Oberbürgermeister Ehrenbürger der Stadt Gießen, Allgemeines. 9 gärtnerische Schöpfungen, die auch ein verwöhntes Auge zu entzücken vermögen. An diesen gliedert sich Straßenzug an Straßenzug, Woh- nungsviertel mit prächtigen Villen und stattlichen Privathäusern, ständig sich ausdehnend, meist freistehende Gebäude in anmutigen Gärten gelegen, modernen Anforderungen nach Luft und Licht in ergiebigster Weise Rechnung tragend. In weitem Bogen umschließt diese prächtige Musenstadt der deutsche Wald, der seine harzigen Düfte über sie ergießt. Weithin erstreckt er sich nach allen Seiten mit vorzüglichen Wegen und Aussichtspunkten, zum Wandern einladend. Provinzialhauptstadt, keine Großstadt ist Gießen, aber eine sehr belebte und anmutige Stadt, in der sich noch jeder wohl fühlte, der sie kennen lernte. Wer ins Hessenland kommt und die schönen Berge und Täler schaut und sich an ihnen erfreut, die bewohnt sind von einem treuen, biederen, seine alten Sitten, Trachten und Gebräuche fest- haltendem Volke, dem muß das Herz aufgehen, er wird schnell heimisch werden und sich wohl fühlen inmitten der rot-weißen Landespfähle. Geistige Anregung jeder Art ist vorhanden, Kunstgenüsse, Zer- streuungen ausgiebig geboten. Einen hohen Prozentsatz gebilde- ten Ständen Angehöriger beher- bergt die Stadt, und das gibt dem Leben und Treiben ein ungemein anziehendes Gepräge. An Komfort des Lebens fehlt hier nichts, die Stadt bietet einer Großstadt gleich, was selbst einen gewählten Geschmack befriedigt. Ueber die öffentlichen Insti- tute, welche der Geselligkeit, der Hygiene, der Bildung, der Kunst, dem öffentlichen Verkehr und dem Geh. Ober-Medizinalrat Professor Dr. Volkswohl dienen, mag unser Gg. Gaffky, Direktor des Instituts für Wegweiser allen Interessenten den Infektionskrankheiten in Berlin gewünschten Aufschluß geben. Eurer des a aütachepen An der Spitze der staatlichen Behörden steht ein Provin- zialdirektor, dem zahlreiche technische und Verwaltungs-Beam- ten beigegeben sind. Die Polizei steht unter staatlicher Leitung. An Justizbehörden sind ein Landgericht, ein Amtsgericht, ein Ortsgericht, Kaufmanns- und Gewerbegericht vorhanden. Die Stadt hat zwei Postämter, eine Handelskammer, eine Reichs- bank- Nebenstelle, eine Bezirks- Sparkasse und sonstige größere Bank-Institute. Zwei Betriebs-Inspektionen, eine Maschinen-In- spektion, sowie eine Verkehrs-Inspektion sind in ihr domiliziert. In rastlosen Industriebetrieben, besonders in Tabak- und Zigarren-Fabriken, Eisengießereien, Maschinenwerkstätten, Braue- reien, Spinnereien und Tonwerken sind Tausende fleißiger Hände beschäftigt. Lebhafter Handel wird getrieben in Vieh, Ge- 10 treide, Mehl, Wein und Kolonial- waren. Sehr be- deutsame Pferde- und Viehmärkte werden in Gießen abgehalten, die von weither be- schickt werden. Freie Plätze, Häuser mit Vor- gärten und be- pflanzte Alleen geben Gießen den Charakter einer Gartenstadt. Sie wird von Lahn Derzeitiger Oberbürgermeister der Stadt Gießen Allgemeines vortreffl. Quell- wasser aus dem Vogelsberg liefert durchzogen. Ein Gas-undeinElek- trizitätswerk ver- sorgen die Stadt miteslreht, die Kanalisation ist in allen Straßen der Stadt durch- geführt, wie sich überhaupt die Stadt alle die Errungenschaften modernen Städte- wesens zu nutze u.Wieseck durch- macht. flossen und von Besonderen einem Wasser- Mecum DankhatdieStadt leitungsnetz, das Gießen ihrem früheren Oberbürgermeister, dem jetzigen Großh. Hessischen Finanz- minister Dr. Gnauth, Exzellenz, in Darmstadt, abzutragen, der mit großem Geschick, mit weitem Blick in großzügigen Grund- lagen” die Entwickelung Gießens zu einer modern aufstrebenden Großstadt in die Wege leitete und die Richtlinien zu weiterem Ausbau gab. Sie hat diesem Dank dadurch äußerlichen Aus- druck verliehen, indem sie Se. Exzellenz zum Ehrenbürger er- nannte. In gleicher Weise ist die Stadt ihrer Dankesschuld dem jetzigen Direktor des Instituts für Infektionskrankheiten in Berlin, Herrn Geh. Ober-Medizinalrat Professor Dr. Gaffky gegenüber, der sich in hygienischer Beziehung in hohem Maße um Gießen verdient machte, durch Ernennung zum zweiten Ehrenbürger gerecht geworden. Beiden Herren sei auch an dieser Stelle durch die Wied ergabe ihrer Porträts eine Ehrentafel gewidmet. Zu dauerndem Aufenthalt sind neue, modernen Ansprüchen angepaßte Wohnungen in guten Lagen mit und ohne Gärten zahlreich vorhanden. Gute Hotels für kürzeren oder längeren Aufenthalt sind genügend am Platze.— Nähere Auskunft über Wohnungsverhältnisse“erteilt der„Verkehrsverein“ der Stadt. A ET Te a a Ze (ıewusyaoyy) Zyejduspur] RR TIEREN ETAGE Fa FETT SOLO Orientierende Mitteilungen. a) Behörden und öffentliche Einrichtungen. Administrations-Kommission, akademische: Bismarckstraße 22 p. Alemannia-Burschenhaus: Gutenbergstraße 29. Aliceschule: Kirchstraße 20. Amtsanwaltschaft: Ost-Anlage 7. Amtsgericht: Ost-Anlage 7. Anatomisches Institut: Bahnhofstraße 84. Anatomisches Institut der Veterinär-Anstalt: Frankfurter Straße 24 I. Apotheken: Hirschapotheke: Frankfurter Straße 4, Pelikanapotheke: Kreuzplatz 2, Universitätsapotheke zum goldenen Engel: Schulstraße 1. Arbeitsnachweis: Gartenstraße 2. Archäologisches Institut: Ludwigstraße 23. Archiv der Stadt Gießen: Gartenstraße 2. Armenamt: Neuen Bäue 25 p. Augenheilanstalt: Wilhelmstraße 14. Baubehörde für die Univ.-Neubauten: Wilhelmstraße 21. Bauverwaltung: Städtisches Hochbauamt: Neuen Bäue 25, Städtisches Tiefbauamt: Gartenstraße 2. Begräbnisamt: Gartenstraße 2. Bezirkskasse Gießen I: Senckenbergstraße 7, II: Weserstraße 3p. Bezirkskommando: Seltersweg 55. Bezirks-Sparkasse: Johannisstraße 5. Bibliothek: Univ.-Bibliothek: Keplerstraße 2. Bootshaus der Rudergesellschaft: An der Lahn. Botanisches Institut und Botanischer Garten: Senckenbergstraße 6. Bürgermeisterei: Gartenstraße 2.— Amtsstunden: 8—10, 2—6 Uhr. Chemisches Laboratorium: Ludwigstraße 21. Chemisches Untersuchungsamt: Walltorstraße 81. Eichamt, Großherzogliches: Stephanstraße 18. Eilgutabfertigung der Kgl. Staatsbahnen. An den Bahnhöfen 3p. Eisenbahnverwaltung. Betriebs-Inspektion I und II: Liebigstraße 23. Elektrizitätswerk: Lahnstraße 28. Feuerlöschgerätemagazin: Brandplatz 3. Forstinstitut, akademisches: Ludwigstraße 23. Forstliche Versuchsanstalt: West-Anlage 9. Frankonia-Verbindungshaus: Großer Steinweg 7. Frauen-Klinik: Klinikstraße 32. Freimaurerloge ‚Ludwig zur Treue‘: Gartenstraße 1. Garnison-Lazarett: Braugasse 7.— Amtsstunden: 8—12, 2—6 Uhr. Garnison-Verwaltung: Licher Straße 65. Kaserne I, Zimmer 92/93. Gas- und Wasserwerk: Gartenstraße 3. DB ein ARE EEE Tee Teer>ae) = nee Orientierende Mitteilungen. 13 Gendarmerie-Kommando für Oberhessen: Landgraf Philipp-Platz 1. Geographisches Institut: Brandplatz 4 11. Germania-Burschenhaus: Wetzlarer Weg 35. Gesellschaftsvereins-Klubhaus: Sonnenstraße 19. Pi Gewerbegericht: Gartenstraße 2. Gewerbe-Inspektion: Bleichstraße 6. Gewerbeschule: Asterweg 25. Grundbuchamt: Ost-Anlage 9.| Gymnasium und Vorschule: Süd-Anlage 6.! Gesundheitsamt: Moltkestraf 5. Handelskammer: Nord-Anlage 15. NN? Hassia-Korpshaus: Hessenstraße 3. Hauptmeldeamt: Seltersweg 55. Hauptsteueramt: Liebigstraße 8.— Amtsstunden: 8—12, 2—6 Uhr. Herberge zur Heimat: Hinter der West-Anlage 11.' Hochbauamt, Großherzogl.: Stephanstraße 18.— Amtsstunden: 8—12, 2—6 Uhr Höhere und erweiterte Mädchenschule: Nord-Anlage. Hygienisches Institut: Frankfurter Straße 101. Institute der Universität: Anatomisches: Bahnhofstraße 84, Archäologisches: Lud- wigstraße 23, Botanisches Senckenbergstraße 6, Chemisches: Ludwig- straße 21, Forst-: Ludwigstraße 23, Geographisches: Brandplatz 4 II, Hygienisches: Frankfurter Straße 101, Kunstwissenschaftliches: Bismarck straße 22, Landwirtschaftliches: Senckenbergstr. 15, Mineralogisches: Ludwig- straße 23, Pathologisches: Klinikstraße 32b, Pharmakologisches: Lonystraße 2, Physikalisches: Stephanstraße 24, Physiologisches: Senckenbergstraße 15, Veterinär-anatomisches: Frankfurter Straße 94, Veterinär-pathologisches Frankfurter Straße 85, Zoologisches: Bahnhofstraße 84. Kaserne des Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm(2. Großh. Hess. No. 116.) 1. und 2. Kompagnie: Grünberger Straße 116, II. und III. Bataillon: Licher Straße 65, 3. und 4. Kompagnie: Landgraf Philipp-Platz 4. Kaufmännische Fachschule: Nord-Anlage 15. Kaufmännisches Vereinshaus: Nord-Anlage 15. Kleinkinder-Bewahranstalt: Diezstraße 15. Kliniken: Augen-: Liebigstraße 16, Chirurgische: Liebigstraße 16, Chirurgische Veterinär-: Frankfurter Straße 94, Frauen-: Klinikstraße 32 A, Medizinische Klinikstraße 32 F, Medizinische Veterinär-: Frankfurter Straße 85, Ohren- Liebigstraße 20.; Kollegiengebäude: Ludwigstraße 23. Krankenstation der evangel. Schwestern: Johannesstraße 7. Kreisamt, Großherzogl.: Landgraf Philipp-Platz 3 Kreis-Bauinspektion: Landgraf Philipp-Platz 3. Kreis-Gesundheitsamt: Moltkestraße 5. Kreiskasse Gießen: Johannesstraße 7. Kreis-Schulinspektion: Landgraf Philipp-Platz 3. Kreis-Vermessungsamt: Landgraf Philipp-Platz 3. Kreis-Veterinäramt: Ludwigstraße 45. Kultur-Inspektion: Frankfurter Straße 29. Kunstverein: Brandplatz 3. Ausstellung. Kunstwissenschaftliches Institut: Bismarckstraße 22. Laboratorium, chemisches: Ludwigstraße 21. Laboratorium, physikal.-chemisches: Goethestraße 55. Landgericht, Großherzogl.: Ost-Anlage 7. ae Fe Orientierende Mitteilungen. Hessische Straße 20. öffentliche: Lehrmittel-Anstalt,(Emil Roth): Seltersweg 93. Marburger Lesehalle, Martha-Herberge für stellenlose Mädchen: Johannesstraße 7. Meldeamt: Seltersweg 55. Geschichtsvereins: Alicestraße 12. Gartenstraße 2. Amtsstunden: Institut: Klinikstraße 32. Weidengasse 5. Museum des Oberhessischen Brandplatz 2. Oberförsterei Gießen: Ortsgericht:_ 9—12 Uhr. Pathologisches Polizeiamt: Post- Provinzialdirektion: und Telegraphenamt: I. Bahnhofstraße 65, II. Schulstraße 11. Landgraf Philipp-Platz 3.— Landgraf Philipp-Platz. 3. Straße 74. Realgymnasium und Ober-Realschule: Ludwigstraße 11. Philipp-Platz 3. Regiments-Bureau: Landgraf Philipp-Platz 4. Reichsbank-Nebenstelle: West-Anlage 33.— Kassestunden: 9—12, Brandplatz 5. Provinzialkasse. für Oberhessen: Provinzial-Siechen-Änstalt: Licher Regierungsgebäude: Landgraf Reitschule: Schlachthaus, städtisches: Rodheimer Straße 19. Staats-Anwaltschaft: Ost-Anlage 7. Städtisches Gas- und Wasserwerk: Gartenstraße 3. Stadtkasse: Gartenstraße 2.— Zahlstunden: Montags: 8—12 Uhr. Stadtknabenschulen: Neustadt 61 und Nord-Anlage 8. Stadtmädchenschule: West-Anlage 43. Standesamt: Marktplatz 14.— Amtsstunden: 8—11, 3—4 Uhr. Starkenburgia-Korpshaus: Wilhelmstraße 38. Synagoge der israelitischen Religionsgemeinde: Süd-Anlage 2. Synagoge der israelitischen Religions-Gesellschaft: Steinstraße 8. Technisches Bureau: Telegraphenamt: Bahnhofstraße 85 Landgraf Philipp-Platz 3.— Amtsstunden: und Schulstraße 11. Teutonia-Korpshaus: Tiefbauamt: Neuen Tierspital: Frankfurter Turnhalle Universitäts-Bibliothek: Universitäts-Quästur, Universitäts-Reitschule: Universitäts-Rektorat: des Universitäts-Rentamt: Universitäts-Sekretariat Verkehrsverein: Vermessungsamt: Veterinäramt: Frankf Veterinär-anatomisches Veterinär-Anstalt Veterinär-Kl.n‘':, Veterinär-Klinik, Veterinär-pathologische chirı med Volksschulen: mädchenschule: Wohnungsnachweis: Zeughaus-Kaserne: L Zoologisches Institut: Grünberger Bäue 22. Straße 77. Turnvereins: Frankfurter Stadtknabenschulen: ne Straße 85. Steinstraße 3. Keplerstraße 2. Großherzogl.: Bismarckstraße 22. Brandplatz 5. Bismarckstraße 22 Bismarckstraße 22 : Bismarckstraße I. p- 2A: Seltersweg 70. Gartenstraße 2. urter Straße 13. Institut: Frankfurter Straße 85 Frankfurter Frankfurter Straße 94. Frankfurter Straße 85. Neustadt 61 Bezirksschule: West-Anlage 43. Straße 94. und 94. ırgische: Straße 94. izinische: :s Institut: und 3 Schillerstraße 8, Gartenstraße 2. andgraf Philipp-Platz 4. Bahnhofstraße 84 1, N ee a FE a Nord-Anlage 8, Amtsstunden: 8—12, 2—6 Uhr o—4 Uhr. 8—12, 2—6 Uhr. Stadt- Orientierende Mitteilungen. 15 b) Hotels, Hotel-Restaurants, Gasthäuser, Restaurationen, Cafes und Weinstuben. a) Hotels. Hotel Schütz— Reitzel, Philipp— Bahnhofstraße 52. Hotel Viktoria— Schmidt, Wilh.— Bahnhofstraße 77. Hotel Kuhne— Haubach, Zacharias— Bahnhofstraße 89. Hotel Lenz— Lenz, Justus— Bahnhofstraße 91. Hotel zum Prinz Karl— Beuchert, Wilh.— Seltersweg 40. Hotel Großherzog— Wissig— West-Anlage 39. b) Hotel-Restaurants. Benz, Fritz— Cafe Ebel— Burggraben 9. Bues, Heyno— Neuer Saalbau, vormals Steins Garten— Bergstraße 20 Buschmann, Karl— Hotel Buschmann— Liebigstraße 3. Elges, Heinrich— Royal— Seltersweg 68. Feidel, Ludwig— Kaiserhof— Sonnenstraße 8. Jaskowsky, Max— Hotel Einhorn— Lindenplatz 1. Kobel, Karl— Hotel Kobel— Liebigstraße 9. Lenz, Justus— Hotel Lenz— Bahnhofstraße 91. Muth, Jakob— Prinz Heinrich— Frankfurter Straße 36. Prell, Peter— Stadt Mainz— Kreuzplatz 5. Reitzel, Ph.— Hotel Schütz— Bahnhofstraße 52. Roth, Konrad— Zur Seltershöhe— Klinikstraße 24. Schmidt, Wilh.— Hotel Viktoria— Bahnhofstraße 77. c) Gasthäuser. Arnold, Jan— Schipkapaß— Bahnhofstraße 7. Boller, Jean Ww., Bahnhofstraße 53. Fischer, Wilhelm— Felsenkeller— Liebigstraße 5. Heß, K. Ww.— Lindenhof— Lindenplatz 11. Rahnefeld, Albert— Pfälzer Hof— Schanzenstraße 2. d) Restaurationen. Bäulke, Theod.— Zum schwarzen Walfisch— Brandgasse 3. Bez; Karl— Darmstädter Haus— Walltorstraße 6. 3runner, Jean Ww.— Zum Augustiner— Ludwigsplatz 15. Dickore, Fr., Grünberger Straße, Ecke Wolfstraße 7. Feidel, Louis— Bavaria— Sonnenstraße 2. Förtschh Hans— Brauereiausschank— Wetzsteingasse 21. Freund, Emil—(Friedel& Asprion) früher Lotz— Seltersweg 13. Gerlicher, Hans— Gambrinus— Kirchstraße 11. Haubach, Christian, Krofdorfer Straße 2. Heyne, Heinrich— Aquarium— Walltorstraße 5. Kalbfleich, Emil— Zum Vater Jahn— Ost-Anlage 9. Kaltwasser, Wilh. Ehefrau— Zum Andres— Sonnenstraße 29. Kaltwasser, Wilh. Ehefrau— Hessischer Hof— Frankfurter Straße 5. Kuhnd, Albert— Zur schönen Aussicht— Leihgesterner Weg 18. Mayer, Wilhelm— Zum Krokodil— Grünberger Straße 27. Otto, Hermann— Gambrinusbräu— Klinikstraße 21. Rappmann, J.— Kolosseum(Cafe Leib)— Walltorstraße 38. UERRETLTSTEETEEEE STRENGE ENTER a De: 16 Orientierende Mitteilungen. i| Rath, Georg Ww.— Caf& Skalitzky— Plockstraße 11.| Renk, Franz— Zum Postkeller— Wagengasse 9. Sauer, Heinrich, Neustadt 58. Schäfer, M. Ww., Grünberger Straße 6. Spuck, L. Ehefrau— Ausschank des Gießener Brauhauses— Nord- Anlage 28. Steinmeyer, Jakob, Grünberger Straße 24. Wigandt, Franz, Neuenweg 31. e) Cafes. Amend, Wilhelm, Bahnhofstraße 66. Döll, Ludwig, Marktstraße 32. Geißner, Anton, Seltersweg 22. Hettler, Heinrich— Caf& Hettler— Frankfurter Straße 1.! Krämer, Jakob— Cafe Krämer— Weidengasse 1. Lind, Eduard, Kirchenplatz 10.| Rath, Georg Ww.— Cafe Skalitzky— Plockstraße 11.| | N Alena ainhähn cr PLN, REN TE ERREGER REOTVDEN en’ ‘JpieH ap yasu SunsioAzqy ı9p uw JIepag] yoeu I7—6T pun)I—z 23nz erp ualfey Aaulay ‘JIBPp2g yoeu ımu ZI9qgla]9-JIopJoIy UI usyey P3nZ alı ‘'83W219I9,]'n-UUOS INN$ sI3eIy 9 M ION+ Y > Zlugfyerg_"\uadanagdyız zZ; SUR Sea ILTEN TER EP SH asSe1g-J0y we BD we| U5)| ua I “uassaln Foyuyeg yne abiajsuyeg Aap abe7 x yorappıoN© (ua)& dausaptoy® ig’ coL 109| ca| com 988 15 Asa 250: Scg,|ıgc]| ur aoqara 998 LG°9 894 r77| g9aE| sTz ee sr'8|= 7,|08°9 wmeypo4 ||||\o?>!>|(4yundayfeyuauosıad) 2009| 19:6 sr| 008 a2|EeeT| 56 DIPL jre8 Z319IPI9-J1OPJOAY ı#9| Ip’G[42| IE 908 oT ST 0roL)&C8L 16186 u1948pusqy \ 689 gg gr org| 008 Sean arg Sg’01|< 082[er Joypurm | 989| ısS ir| as gt|Ozıaı Gar 1801| nTS'L| 193'2 01°C wıoypoyoneH 09| or» ae| ori|oa ort| oa 03:0113 0r2| per‘|00°| a® uosso]9 481 SE| or|) Soreaeiee ae our| |«er|(JB ws|< 0v7| 003| 9e'Tl„ser| 7099| n8ı| U LELFEIES) I 09| o#r ug ı 2,08|| San: eg"ezL|=0r9| 9a wpoyjoqoneH | or:| 98+ soe| 927|=9PL IE Se|=969| ze8 yoypurm | 82 I 1837 po'g ale| SORT| 91 a9| DIE| sırq u12jspuoqy || a= 2 I h(gyundayfequeuos.tad) |@® Oo[0%] I er 989 rar IE I File BNGE—T 0% IL Sor,| 939| VS Z10q12]9)-JAOPFOIM 5 6:95| uley es?| 60% oyzI FITI wnVOL| 089| 20° umoypo4g | Aw| 0 2| 3.008| wert|SorıL SC59| meld| 007| a® aoqorg re mw vor 2 eg les etz et uyeqg-]eJdIvogqdig AI9p uejdayeg ©"2061'uassaın ul yJoy jıug uoA Se]1aA vassaıg 4agn vadeyy Jaryalıqg T "UaS831Q) YoA Bunusaygug aıp ne yaıs vayaızag uaßue7 vausgaßaßue uauonejg vap 4ajun a1 00% 00 ÜIEBEDENCHERONEORLTEN=. n Metz-Berlin BZIan 1.51„ Gießen-Cassel-Hannover RENNER Hamburg(Hbf.) D77983 12.05 ı Gienen-Casselea Saas a er Hannover ie a Pz. 775 4.00 Marburg-Cassel N| SSOlEnZUeE Pz. 793 22 Frankfurt a. M. Gießen-Cassel 5) Eilzg.72 7.32 Berlin(Potsdamer Bahnhof)-Magdeburg Kreiensen- Se: EN 3 Altona-Hamburg arnaver} Cassel-Gießen Frankfurt a. M. Sz. 46 5.55 Berlin(Schles. Bahnhof) Belzig-Nordhausen-Cassel-Gießen„ Speisewagen Berlin-Metz PZEHI2 2.45 Hamburg(Hauptbahnhof) Hannover-Cassel-Gießen„] Pz. 776 2.17 Hannover Cassel-Marburg-Gießen BR„| Fz. 778 8.19 Cassel Marbure-Gießen 5% RR e) Richtung von und nach W eatdentachland nd Ni read Sz 5,56.(Schles, Bf,)-Nordhausen-Cassel Gießen-IT imbsıra-Eme-Cohlenz-Trier Metz u.Luxembg. Berti Metz SZ. 126(180)] 5.56 Gießen-Limburg-Ems-Coblenz-T„ Eilzug 122 8.10 Gießen Limburg-Ems-Coblenz-Trier.... Metz und Trier Sz. 121(45)| 1.30 Metz und Luxembun Trier-Coblenz-Gießen-Cassel-Nordhausen Berlin(Schls.Bf.) Sz.125(179) 11.45„ Trier-Coblenz-Gießen-Cassel-Nordhausen n Gießen-Betzdorf ER IE C Sz. 81. mit Sz. 22 nach ER a7 SEE RE Ji Siegen- Hagen-Hamm-Münster-[Aachen-Brüssel- Antwerpen oz 8] zul Erankfurt a. M. Rheine-Emden- Norden Se Nordeich Gießen-Betzdorf-Siegen-Hagen- Oberhausen Duisburg Bes= RE f Cöln Sz. 175 6.07 IOTIRLSUGE&6 AU U Gießen-Betzdorf- Siegen- Hagen-"Oberhausen Duisburg Sz. 176 11.29 1- bezw. Duisburg-Oberhausen-Hagen| Betzdorf-Gießen Frankfurta. M. hat Anschl. mitL. f.a.M.- SZ 52 9.13|Norden-Emden-Rheine-Münster-\[Wien,& ann 3.34 Hamnı- Hagen| Betzdorf-Gießen M) Wesel-Duisburg-Oberhausen-) d) Richtung von und nach Fulda 272523 8.15 me--== nach Fulda hat Anschl lto 72525 12.06„-=[nach Leipz P2.527, 2.16„—-» hat Anschl. n Id: [sowie mit D. 85 ab Fulda 4.58 nach Hannov (Hamburg-Altona bezw. Bremen Pz. 529 5:59'-—) hat Anschl. mit Sz. S7 nach Hamburg ab Fulda 10.54 Pz.53 9.20„---—_, hat Anschl. mit D 1 ab Fulda 12.38 nach Leipz Ankunft n(} B: ae 2.522 7.54 von Fulda===_ nach Gi hat Ansch!. 122 ab( On. Metz Pz. 524 11.55„--„[son tSz.s1abGi n-Ha Pz.526 3.03" Sen=[Oberhausen-Duisbı'esel und Norden Pz. 528 4.57) ‚ hat Anschl. mit Sz. 124 ab 5.56 nach Metz-Luxenı- Pz. 530 9.51,- a„[burg, sowie mit Sz. 175 ab 6.07 n. Cöln-Hagen- [Oberhausen-Duisburg-Wesel e) Richtung von und nach Gelnhausen f) Richtung von und nach Lollar-Londorf-Grünberg Zug-No. Ank von nach Zug-No. Ankunft von über nach Gießen Pz G.-B. 1035 9,07 Grünberg Londorf-Lollar Gießen 2 Pz. m. G.-B. 1037 2.11 N) Londorf-Lol 2 Pz. m. G.-B. 1039 6.55 n Londorf-Lc" h ‚ Pz. m. G.-B. 104 10.50 Londorf Lollar„ } 11.50 G Gel n Pz. m G.-B. 1038 Gießen Lollar-Londorf Grünberg v.G je jen eln Bauen BE G.-B. 1040 x Lollar-Londorf n N Pz. nı. G.-B. 1044„ Lc Londorf ;»*) Zug geht nur bis Lollar. Umsteigen nach Gießen Pz. 776 ab 2.02. llar umsteigen ab 2.35 Die Nachtzeiten von 6.00 abends bis 5.59 morgens sind durch fette Ziffern hervorgehoben. Aydısuemuessg) USgSID 34| 1) ge ! A| 09 A B) N F} M P) Yyı= 6022— 80= 80 1_ Ya= 90 2 20 1 20 1 50 3 1 20 1 60 1 60 2_ 3 1 50 1— 2= 2 50 Für jede ‚weitere angefangene Y/, Stunde Be—. Einspänner 3_%} Personen% n, Me 9) Zweispänner I} Personen e 2 Verkehrs-Einrichtungen: e) Rollfuhr- und Gepäckträgertarif. I. Streckenfahrten. jede direkte Fahrt zwischen zwei Punkten innerhalb der engeren und weiteren Stadt einschließlich von und nach dem Bahnhofe mit Ausnahme der unten auf- geführten Orte. Esmsprannler| Zweispänner Peeir sonen 1-2 3—4 1-2 3—4 M F) A Pe) M E) M£) _ 60_ 80_ 80 1 20 2. Direkte Fahrt von einem Punkt der engeren oder weiteren Stadt bezw. vom Bahnhof. Einspänner| Zweispänner Nach Dersionlen 1-2 See 3-4 AM 6) M 6) M) M ö Abendstern een 1 80 2 30 2 30 2 80 Badenburer2 7.7020 0% 3_ 5) 50 4= 5 E Forstgarten ER ae 1 50 2 2_ 2 50 Germania on- 80 1 20 1 1 50 Gleiberg 3 20 B 50 4 50 5— „(Seemühle). DE 1230 2) 50 3- 3 50 Heuchelheim. 1 50 2,0 2 2 50 Klein-Linden 1 50 2— 2 2 50 Krofdorf 3_ B 50 4- 5- Neue Kaserne_ 80 1 20 1- 1 50 Ejebigshönen ar 1 20 1 50 1 50 2 Philosphen-Wald.... 1 30 1 70 1 70 2 20 Schiffenberg. BER%)— B 50 4- 5 Siechenhaus— 80 1 20 1_ 1 50 Staufenbenpr. ee 4 50 5 50 6- 7_ Textor’sche Hardt. 1 20 1 50 1 50 2- Wellersburg 1 50 2_ 2 2 50 Windhof 1 50 2- 2 2, 50 Wieseck 1 50 2_ 2— 2 50 Nach Zurücklegung einer sub. pos. II 1 des Tarifs angeführten Fahrt muß der Kutscher auf Verlangen 5 Minuten unentgeltlich warten. Ein Kind unter 10 Jahren wird, wenn es mit einem Erwachsenen fährt, frei mitgenommen; für je zwei Kinder kommt die Taxe eines Erwachsenen in Anrechnung. Muß eine Droschke vor Beginn der Fahrt und ohne vorgängige Bestellung eine Strecke Weges zurücklegen, so erhöhen sich die Sätze unter pos. I und II des Tarifes um 20 Pfg. III. Gepäck und Hunde. Für jedes Gepäckstück über 12.50 Kilo und jeden Hund 20 Pfg. Hand- gepäck(Handkoffer, Reisetasche, Hutschachtel) wird frei mitgenommen. e) Rollfuhr- und Gepäckträgertarif. Rollfuhrtarif. Bahnamtlicher Rollfuhrmann: Adolf Lyncker, Erlengasse 7I(Stadtbureau Telephon 264, Bahnbureau Telephon 314). Auf Benachrichtigung werden die Eil- und Frachtstückgüter aus den Be- hausungen und Geschäftslokalen der Versender im Ortsbezirke der Stadt Gießen Verkehrs-Einrichtungen: Gepäckträgertarif. 23 nit Ausnahme der Stadtteile Hardt, Wellersburg, Wiesecker Weg und Philo- sophenwald gegen die nachstehenden Gebühren abgeholt: 1. Für Frachtgut: a) im inneren Stadtgebiete 10 Pfg. für je 50 kg, mindestens 10 Pig. für eine Frachtbriefsendung.° b) im äußeren Stadtbezirke 15 Pig. für je 50 kg, mindestens 20 Pig. für eine Frachtbriefsendung. 2. Für Eilgut: die doppelten Sätze zu 1. Sperrige Güter und Möbel unterliegen einem Zuschlage von 50 Prozent. Als inneres Stadtgebiet gelten die Stadtteile, welche umschlossen sind von dem linken Lahnufer bis nördlich zur Lahnbrücke, von der Nord-, Ost- und Süd- Anlage ausschließlich, der Frankfurter Straße einschließlich bis zur Klinikstraßen- ecke, der Klinikstraße einschließlich bis zur Lahn. Alle weiter gelegenen Stadtteile gelten als äußeres Stadtgebiet. Eilgut wird innerhalb 3 Stunden, Frachtgut innerhalb 6 Stunden nach Uebergabe der Benach- richtigung an den Rollfuhrmann abgeholt. Die Benachrichtigung kann münd- lich, telephonisch oder schriftlich, in letzterer Beziehung auch mit besonderen Güteranmeldekarten erfolgen, welche unentgeltlich abgegeben werden und un- frankiert in die Postbgiefkasten eingeworfen werden können. Dieselben Fristen gelten für die Zuführung der angekommenen Güter. Sonn- und Festtage sowie Nachtstunden rechnen in diesen Fristen nicht mit. Tarif für die Dienstleistungen der Gepäckträger. 1. Für die Beförderung des Gepäcks aus den Wohnungen der Reisenden nach dem Bahnhofe und umgekehrt: a) für 1 Gepäckstück 25 Pig. b) für 2 bis einschließlich 5 Gepäckstücke 50 Pig. c) für jedes weitere Gepäckstück 10 Pig. 2. Für das Verbringen des Gepäcks von den Fuhrwerken nach den Bahn- steigen, den Eisenbahnwagen oder nach der Gepäckabfertigungsstelle(einschl. Zustellung des Gepäckscheines) oder umgekehrt von den Bahnsteigen, aus den Eisenbahnwagen oder von der Gepäckausgabestelle nach den Fuhrwerken: a) für Lasten bis 25 kg einschließlich: für 1 Gepäckstück 10 Pig. für 2 bis einschließlich 5 Gepäckstücke 20 Pfg. für jedes weitere Gepäckstück 10 Pfg. b) für Lasten über 25 kg: * für eine Last bis zu 30 kg 20 Pfg. für eine Last über 30—100 kg 30 Pig. für jede weiteren angefangenen 50 kg 10 Pfg. 3. Für die Weiterabfertigung von Reisegepäck, wenn dabei eine Hülfeleistung außerhalb der Gepäckräume in Anspruch genommen wird: für den Gepäckschein 10 Pfg. 4. Für die Besorgung des Handgepäcks aus einem Zuge in den Wartesaal oder aus letzterem in den Zug: für 1 bis 5 Gepäckstücke 10 Pfg. für jedes weitere Stück 5 Pfg. 5. Für die Beförderung von Reisegepäck von einem Zuge zum anderen zwecks Nachbehandlung auf der Bestimmungsstation, wenn wegen Kürze der Zeit eine Weiterabfertigung nicht möglich ist: a) für eine Last bis zu 10 kg 10 Pkg. b) für eine Last über 10—30 kg 20 Pfg. c) für eine Last über 30—100 kg 30 Pig. 24 Verkehrs-Einrichtungen: f) Tarif für Dienstmänner. g) Melde-Ordnung. Bei Lasten von über 100 kg werden zu den Sätzen unter 3, für jede weiteren auch nur angefangenen 50 kg 20 Pfg. zugeschlagen. Keine Gebühr darf erhoben werden: Für das Heraushelfen der Reisenden aus den Fuhrwerken und das Herausnehmen des Gepäcks, sowie für das Herüberlangen des ankommenden Gepäcks über die Schranke der Aus- gabestelle. f) Tarif für Dienstmänner. I. Bestimmte Gänge. a) in der inneren und äußeren Stadt(mit Ausnahme der unter b bezeichneten Punkte): 1. ohne Gepäck oder mit Gepäck bis zu 5 Kilo 30 Pfg. 2. mit Gepäck von 10—15 Kilo 40 Pfg. 3. mit Gepäck von 15—20 Kilo 50 Pfg. 4. mit Gepäck von 25—50 Kilo 80 Pfg. b) nach folgenden Punkten: Neue Kaserne, Provinzialsiechenanstalt, Ger- mania, Schützenhaus, Liebigshöhe, Philosophenwald, Friedhof am Rod- berg, Textors Hardt und Hardthof: 1. ohne Gepäck oder mit Gepäck bis zu 5 Kilo 50 Pfg. 2. mit Gepäck von 5—25 Kilo 80 Pig. I Für Rückaufträge ist in allen Fällen die Hälfte der vorstehenden Sätze zu zahlen. II. Zeitarbeit. a) ohne Gerätschaften: 1. für die erste Stunde 50 Pfeg. 2. für jede weitere Stunde 40 Pfg. b) mit Gerätschaften: 1. für die erste Stunde 60 Pfg. 2. für jede weitere Stunde 50 Pfg. Die angefangene Stunde wird als voll gerechnet. Ill. Führung von Geschäftsreisenden. a) mit Mustern: 1. für die erste Stunde 50 Pfg. 2. für jede weitere Stunde 40 Pfg. b) mit Musterkoffern auf Handwagen: 1. für die erste Stunde 70 Pfg. 2. für jede weitere Stunde 60 Pfg. Die angefangene Stunde wird als voll gerechnet. Für die Tätigkeit außerhalb der Zeit im Sommer 6 Uhr vorm. bis 8 Uhr nachm., im Winter 7 Uhr vorm. bis 7 Uhr nachm. erhöhen sich die vorstehehden Sätze um 20 Prozent, mindestens aber um 10 Pfg. Tarifüberschreitungen seitens der Dienst- und Lohnmänner werden in Gemäß- heit des$ 148, pos. 8 der deutschen Gewerbe-Ordnung mit Geldstrafe bis zu 150 Mk. und im Falle des Unvermögens mit Haft bis zu 4 Wochen betsraft. g) Melde- Ordnung. I. Meldepflicht und Meldefrist. Zur Meldung bei dem Polizeiamt sind verpflichtet: Zu- und Wegzug: 1. Wer in die Gemeinde Gießen einzieht, um in derselben seinen ge- wöhnlichen Aufenthalt zu nehmen, unter Vorlage der ihm von seinem bisherigen Wohnorte erteilten Abmeldebescheinigung binnen acht Tagen vom Tage des Einzugs an(Art. 1 des Gesetzes vom 4. Dezember 1874). Verkehrs-Einrichtungen: g) Melde-Ordnung 25 2. Wer aus der Gemeinde Gießen wegzicht, um seinen gewöhnlichen Aufenthalt aufzugeben, unter Aufgabe des Ortes, an den er verzieht, vor dem Wegzuge(Art. 2 des genannten Gesetzes). 2 3. Diejenigen, welche der in die Gemeinde Gießen einziehenden oder aus der selben wegziehenden Person Wohnung und Unterkommen gewährt haben, sofern die An- und Abmeldung durch den zunächst Verpflichteten nicht selbst ge- schehen ist, binnen zehn Tagen nach deren Einzug oder Wegzug(Art. 4 des genannten Gesetzes). Wohnungswechsel. 4. Hauseigentümer von dem in ihren Häusern, durch Einzug oder Auszug vorgehenden Wechsel, das Lokal mag zum persönlichen Aufenthalt oder nur zum Geschäftsbetrieb verwendet sein, unter Angabe der früheren, beziehungsweise künftigen Wohnung des Ein- oder Ausziehenden binnen acht Tagen nach dem Ein- oder Auszuge. Zu gleicher Angabe sind Hauptmieter ganzer Häuser oder einzelner Teile derselben verbunden, wenn sie Wohnungen wieder an Untermieter abgeben. Bei unter obrigkeitlicher oder sonstiger Verwaltung befindlichen Gebäuden ist der Verwalter statt des Eigentümers für die Anzeige verantwortlich(Art. 85 des Polizeistrafgesetzes). 5. Wer innerhalb der Gemeinde Gießen seine eigene oder gemietete Woh- nung verändert, unter Angabe der verlassenen, sowie der neubezogenen Wohnung, insofern die Meldung nicht bereits durch den nach 4 zunächst Verpflichteten erfolgt ist, binnen zehn Tagen nach der Wohnungsveränderung(Art. 7 des Gesetzes vom 4. Dezember 1874). 6. Diejenigen, welche andere bei sich in Schlafstellen aufnehmen, von jeder Aufnahme binnen vierundzwanzig Stunden(Art. 85 des Polizeistraf- gesetzes). Diensteintritt und Dienstaustritt. 7. Jeder Dienstbote, Handlungsdiener und Gewerbegehülfe, Lehrling oder Fabrikarbeiter, welcher in einen Dienst eintritt oder denselben verläßt, binnen vierundzwanzig Stunden nach erfolgtem Diensteintritt oder Dienstaustritt(Art. 89 des Polizeistrafgesetzes). 8. Gewerbetreibende und Dienstherrschaften von dem Diensteintritt und Dienstaustritt ihrer Handlungsdiener, Gewerbsgehülfen, Lehrlinge, Fabrikarbeiter oder Dienstboten binnen fünf Tagen nach. dem Diensteintritt oder Dienst- austritt, falls die Anzeige nicht bereits durch die nach 7 zunächst Verpflichteten erfolgt ist(Art. 7 des Gesetzes vom 4. Dezember 1874). Fremdenaufnahme. 9. Gast- und Herbergswirte täglich bis um 9 Uhr vormittags über alle in den letzten 24 Stunden erfolgten Aufnahmen von Fremden(Art. 81 und 82 des Polizeistrafgesetzes). 10. Wer ein ortsfremdes Kind in Pflege aufnimmt, binnen 24 Stunden nach erfolgter Aufnahme(Art. 86 des Polizeistrafgesetzes). II. Form der Meldung. 1. Im Gesindedienst Eintretende haben sich beim Eintritt in jeden neuen Dienst persönlich zu melden und falls sie nicht bereits im Besitze eines Gesinde- dienstbuches sind, die Ausfertigung eines solchen zu erwirken, andernfalls das- selbe vorzuzeigen. Bei Dienstaustritt ist das Dienstbuch persönlich zur Visierung oder Abstempelung vorzulegen. 2. Mit Ausnahme der den Dienstboten obliegenden Meldungen(siehe II, 1) können die vorgeschriebenen Meldungen sowohl persönlich als schriftlich ge- schehen. 26 Verkehrs-Einrichtungen: h) Wochenmarkt-Ordnung. i) Banken, Zu den schriftlichen Meldungen werden zweckmäßig die hierfür eingeführten Formularien verwendet, welche in dem Meldebureau des Polizeiamts auf Er- fordern verabreicht werden. Die Meldungen der Gastwirte haben in einem, den Rubriken des von ihnen zu führenden Fremdenbuchs entsprechenden Verzeichnisse zu bestehen. 3, Ueber die erfolgten Meldungen von Zuzügen und Wegzügen(I, 1-3) werden von der Meldestelle schriftliche Bescheinigungen erteilt. Dienstboten er- halten solche durch Visierung oder Abstempelung der Dienstbücher. Für andere Meldungen wird schriftliche Bescheinigung auf Verlangen erteilt. h) Wochenmarkt-Ordnung. $1. Am Dienstag, Donnerstag und Samstag jeder Woche findet in Gießen Wochenmarkt statt. 8 2. Die Marktzeit dauert dabei vom 15. Aprii bis 15. September einschl. von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr nachmittags, im übrigen von 8 Uhr morgens| bis 2 Uhr nachmittags. 83. Zum Verkauf auf den Wochenmärkten zugelassen sind die sämtlichen in 8 66 der Gewerbe-Ordnung aufgeführten Gegenstände des Wochenmarkt-Ver- kehres. Baar Zu Wochenmarktplätzen sind zunächst bestimmt: a) der Marktplatz für Geflügel, Wildbret und Fische,| b) die Schulstraße für Beeren und Obst in einzelnen Körben, c) der Lindenplatz für Gemüse und Kartoffeln im kleinen, Pflanzen, Blumen und Samen, d) die Marktlaubenstraße für Butter, Käse und Eier, e) der Kanzleiberg und Brand für Kartoffeln, Kraut und Obst auf Wagenladungen, f) der Oswalds Garten für Heu und Stroh, Holz- uad Brennmaterialien auf Wagenladungen, g) die Marktlauben für die unter a bis d aufgeführten Gegenstände. i) Banken. Mitteldeutsche Kreditbank, Filiale Gießen: Siid-Anlage 13.(Vom]. Oktober ab: Johannesstraße, Neubau.) Bank für Handel und Industrie.— Reichsbanknebenstelle: West-Anlage 32% Gewerhebank Gießen— EG me u..kle Ost-Anlage 35. Rack, Ludw.: West-Anlage 31. Grünewald, Jak.: Bahnhofstraße 50. Strauß, Baruch: Alicestraße 2. Herz, Jos.: Neuen Bäue 23. Depositenkasse Gießen: Johannesstraße 1. ze Bade-Anstalten. Gießener Volksbad, Seltersweg 58A. Haus- und Bade-Ordnung. Allgemeine Bestimmungen. KT $ 1. Badezeiten: Im Sommer vom 1. Mai bis 31. August von morgens 6 bis abends 9 Uhr. Im April und September von 7 Uhr morgens bis 8.30 Uhr abends. Im Winter vom 1. Oktober bis 1. April von 8 Uhr morgens bis 8 Uhrabends. Während der Mittagspausen von 1—3 Uhr bleibt die An- 8 stalt geschlossen. An j allen Sonn- und gesetz- lichen Feiertagen ist die Anstalt nur vor- mittags bis 1 Uhr ge- öffnet. An den beiden) Weihnachtstagen, dem Karfreitag, den beiden Östertagen und dem) ersten Pfingstfeiertage bleibt die Anstalt geschlossen. An den dritten Feiertagen, sowie Fast- nacht ist die Anstalt nur bis I Uhr geöffnet, am Weihnachtsabend nur bis 4 Uhr nachmittags, Der Vorstand behält sich die Beschließung Jauch an anderen Tagen nach seinem Er- messen vor. Badezeiten für Frauen. Schwimmbad. Das Schwimm- bad ist täglich vormittags von 9 bis Il Uhr mit Ausnahme der Sonntage, ebenso nachmittags von 3—5 Uhr mit Ausnahme der Mittwoch Nach- mittage ausschließlich für Frauen Volksbad mit Schwimmhalle geöffnet. Schwimmbäder zu 10 Pfg.(ohne Wäsche). Mittwoch nachmittag von 5—9 Uhr. Römisch-irische Bäder. Mittwoch, Freitag und Samstag von 8 bis 1 Uhr vormittags. Dienstag von 3—8 Uhr nachmittags. a 2 28 Bade-Anstalten. Badezeiten für Männer. Schwimmbad. Täglich von 6, bezw. 7, bezw. 8—9 Uhr-und von 11 bis 1 Uhr vormittags, Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag und Samstag von 58.30 bezw. 9 Uhr und Mittwochs von 3—5 Uhr nachmittags. Schwimmbäder zu 10 Pfg.(ohne Wäsche). Samstag nachmittag von 5—8.30 bezw. 9 Uhr. Römisch-irische Bäder. Sonntag, Montag, Dienstag und Donners- tag von 8—1 Uhr vormittags, Montag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag von 3—8 Uhr nachmittags. Wannen- und Brausebäder werden während der ganzen Badezeit von morgens bis abends sowohl an Männer wie Frauen verabfolgt. Bäderpreise ohne Wäsche. Schwimmbad. Für Erwachsene: Ein Einzelbad 40 Pfg., 10 Karten übertragbar, 1 Jahr gültig, 3,50 Mk., 25 Karten übertragbar, 1 Jahr gültig, 7 Mk. Für Schüler: Ein Einzelbad 25 Pfg., 10 Karten übertragbar, 1 Jahr gültig, 2 Mk., 25 Karten übertragbar, 1 Jahr gültig, 4 Mk. Männerbadeverein, Lahnstraße 16. Militärbadeanstalt, Wißmarer Weg. Städtische Knaben-Badeanstalt, Lahnstraße 6. TU Theater und Konzerte. Theater. Ein ständiges Theater, für das ein prächtiger Neubau durch die Opferwilligkeit der Bürgerschaft geschaffen ist, bietet unter künstlerischer Leitung und dem Beistande eines Theater- vereins, dem fast alle besser situierten Gesellschaftskreise der Stadt angehören, sehr tüchtige Leistungen. Vom Neuen das Neueste, daneben gediegenes, literarisches Altes wird oft in ganz vortreff- lichen Vorführungen geboten. Auf unserer Bühne sind die berühm- testen Theatergrößen vielfach zu Gast. Das neue Stadttheater. Von Univ.-Professor Dr. Fromme. Inmitten der städtischen An- lagen auf dem Terrain des ehe- mals Schüler- schenGartens, der Ende der acht- ziger Jahre von der Stadt erwor- ben wurde mit der ausgesprochenen Absicht, daß in ihm später der LE Kunst eine Stätte Neues Stadttheater erstehen sollte, er- hebt sich das soeben vollendete neue Stadttheater. Theatervorstellungen fanden in den letzten Jahrzehnten im sogen. Leib’schen Saale in der Walltorstraße statt, unter zunächst dürftigen Verhältnissen. Erst der Ende 1890 gegründete Theater- verein verbesserte die dekorativen Mittel der Bühne nicht allein, sondern gewöhnte auch das Publikum an höhere Ansprüche bezüglich der Darstellung, indem er durch Ensembles größerer Bühnen(Frankfurt, Darmstadt, Kassel, Köln) eine Anzahl von Vorstellungen ausführen ließ. 1897 schloß er sodann einen Ver- Theater und Konzerte. 30 trag mit der Theaterdirektion Se Helm, laut dessen diese zwar die Vereinsvorstellungen gab, aber unter jedesmaliger Zu- ziehung eines oder mehrerer bedeutender Gäste. Die pekuniäre Unterstützung durch den Verein ermöglichte dann schritt- weise eine Verbesserung des darstellenden Personals wie des Zuschauerraums und der Ausstattungsmittel der Bühne, die in den folgenden Jahren auch zweimal eine Erweiterung erfuhr, sodaß man in die Lage kam, auch größere dramatische Werke zur Aufführung zu bringen. 1903 gelang es den Bemühungen = Vereins, eine Theater-Union mit der Stadt Marburg und dem Kurtheater in Bad-Nauheim herbeizuführen. Zur Leitung der vereinigten Theater wurde Direktor Hermann Steingötter berufen, und nun wurde sehr bald eine wesentlich höhere"Stufe der Kunst erreicht, sodaß der Wunsch nach einem auch den höchsten Ansprüchen genügenden besonderen Theatergebäude immer lauter wurde. Nachdem sich schon 1901 ein Komitee gebildet hatte, das die Baufrage betreiben sollte, aber seine Tätigkeit bald wieder einstellte, nahm der Theaterverein im Juli"1903 die Sache energisch w ieder auf. Es traten 40 Herren zusammen unter dem Namen ‚Theater- und Saalbau- u mit dem Kommerzienrat Heichelheim als Vorsitzenden und dem Universitäts-Professor Dr. Fromme als Schriftführer. Nach um- fangreichen Vorarbeiten beschloß dasselbe im Dezember 1903, Skizzen für ein Theater- und Saalbauprojekt anfertigen zu lassen und die Stadt Gießen um Hergabe des Schüler’ schen Gartens als Bauplatz zu ersuchen. Im Juli des folgenden Jahres liefen Skizzen ein von Professor Dülfer in München und von Architekt Meyer in Gießen, aber die Kosten dieses Gesamtprojekts waren so hoch, daß schon damals starke Zweifel bestanden, ob für beides, Theater und Saalbau, genügende Geldmittel aufzubringen sein würden. Da stellten im November 1904 drei hochherzige Bürger eine Summe von 130000 Mark zur Verfügung, und nun begann, nachdem auch die Hergabe des DABEI seitens der Stadt in Aussicht gestellt war, ein beispielloses Wetteifern in der Schenkung weiterer Gelder, derart, daß schon Ende Januar 1905 fast 300000 Mark beisammen waren. Im März beschlossen die Stadtverordneten, zwar nicht das ganze Projekt, für das die gestifteten Gelder nicht ausreichend erschienen, w ohl aber den Theaterbau allein zur Ausführung zu bringen, es wurde ein Preisausschreiben erlassen und von den eingereichten Plänen derjenige der Architekten Fellner und Hellmer in Wien und Meyer in Gießen den weiteren Planbearbeitungen und Beratungen zu Grunde gelegt. Im Herbst 1905 war der definitive Bauplan fertig, es begann der Abbruch der alten Schüler’schen Gebäude, die schwierige Fundamentierung geschah schon während des Winters 1905/06, und der Bau wurde so rasch gefördert, daß er schon im Spät- herbst 1906 unter Dach war und der innere Ausbau noch im Winter 1906/07 erhebliche Fortschritte machen konnte. Das Theater hat im Parkett und zwei Rängen usw. 800 Sitzplätze, enthält ein großes Vestibül und Foyer, versenktes Orchester für 40 Musiker, eine geräumige Haupt- und Hinterbühne, Maler- und Probesaal, große Kulissenräume, Bureauräume für die Direktion und eine Verwalterwohnung. Die neuesten Fortschritte der Theater und Konzerte. 31 [heatertechnik sind verwertet, und alles so praktisch und be- auem eingerichtet, daß es ein Musterbau zu werden verspricht. Die Kosten ausschließlich Bauplatz, aber einschließlich der Bühnendekorationen werden 600 000 Mark betragen, deren Nicht- überschreitung der ausführende Architekt Hans Meyer garan- tiert hat. Die Zahl der Stifter ist auf fast 600 angewachsen, die bis jetzt zusammen 400000 Mark zu dem Bau beigesteuert haben, während für den Rest der Bausumme die Stadt Gießen aufkommt. Der Gemeinsinn der Gießener Bürgerschaft hat sich hier in einer Weise betätigt, die anderwärts kaum ihresgleichen finden dürfte. Konzerte. Vom Einst Gallien seem Das Musikleben hat in dem letzten Jahrzehnt einen entschiedenen Ruck nach vorwärts gemacht, ausschlaggebend hierfür war der Zusammenschluß der drei konzertierenden Grippen Keoomizent Verein,„Akademischen Ge- sangverein“,„Kammermusik-Vereinigung“. Dem, in sein 117. Jahr eintretenden, Konzert-Verein ist gewissermaßen die Führung anvertraut, nur musikalisch gebildete Herren bilden den Gesamtvorstand. Gießens akademischer Musikdirektor „Professor G Trautmann!’ ist der Dirigent aller drei Gruppen, schaffensfreudig und hochbegabt steckt er das Ziel, so bald er es erreicht hat, stets weiter nach vorn. 10 Kon- zerte,2 Orchesterabende, 2 Chorabende, 3 Solistenabende und 3 Kammermusikabende bilden das Jahres-Programm; nur erst- klassige Künstler werden als Gäste geladen. Aber auch die Dar- bietungen„aus eigner Kraft” können sich mit großstädtischen Leistungen messen. Nur eins fehlt, ein eignes Heim. Für Intimes bietet der Klubsaal mit seiner schönen Akustik einen angemessenen Raum, auch die würdige Stadtkirche ist für das Oratorium im hohen Grade geeignet. Dagegen kann die Turnhalle tür die Orchester-Konzerte und welt- lichen Chor-Konzerte nur als Notbehelf bezeichnet werden, und wenn auch dem Turnverein für die Hergabe ge- dankt werden muß, es bleiben doch viele Wünsche unbefriedigt. Ob nun die neue Aula oder vielleicht sogar das neue Theater die Lücke ausfüllen wird? Das muß die Zeit lehren. Nennens- wert sind dann noch die geistlichen Aufführungen des Evan- gelischen Kirchengesang-Vereins, sowie die Leistungen einiger Chorvereinigungen(Männerchor, Gemischter Ehen), aneh den Ewanselischlerarbeiter Verein mit seinen Volks-Konzerten darf nicht ungenannt bleiben; im ver- flossenen Jahre bot Franz Bauer dort mit der Aufführung von Bruch’s Glocke sehr Beachtenswertes. Für die populären Konzerte sorgt unsere treffliche Militärkapelle unter Leitung ihres erprobten Dirigenten des Großherzoglichen Musik- direktorsKrausse. Im Garten des Neuen Saalbau’s werden die Donnerstag-Abonnements-Konzerte vom besten Publikum mit Theater und Konzerte. Vorliebe besucht, ebenfalls erfreuen sich die in zwangloser Folge veranstalteten Darbietungen im Philosophenwalde guten Besuchs; im Winter sind es namentlich die Sonntage, die ein großes Publikum anlocken. Auch fremde Militärkapellen in schmucken Uniformen kommen sehr häufig nach hier und bringen in reicher und bunter Abwechselung Musik in Hülle und Fülle, so daß Gießen musikalisch, nach jeder Geschmacksrichtung hin, reichlichst ausgestattet ist. er Liebig-Denkmal Statistische Mitteilungen über Gießen. Statistische Mitteilungen über Gießen. Höhenlage: Lahnpegel 151,89, tiefster Punkt im Tiefenweg 156,4, Altstadt (mittlere Höhe) 157,3, städt. Kaserne 187,5, Schöne Aussicht 197,57+ N. N. Größte Ausdehnung(in nord-südlicher Richtung) 3,6 km. Bebaute Fläche (samt Hofräumen und Vorgärten) im Jahre 1904 rund 122,3 ha. Flächeninhalt der Gemarkung Gießen Ende 1904: 3418 ha 88 a 73 qm. Zahl der Wohngebäude. Im Jahre 1870 16755, 1880 1885 1890|: 1895|.1900 1905 871 1075 rl 1270 1414 1543 17242192202 Bevölkerungsstatistik. Einwohnerzahl im Jahre 1906 1840| 1850| 1860| 1870| 1875| 1880| 1885| 1890| 1895| 1900| 1905*) 7209| 8696| 8992| 10223 13989| 17003| 19001| 20571| 22932 25491*)| 29149| 30100 *) Davon männl. 13142, weibl. 12349.— Evang. 22048, kath. 2464, israel. 895, sonstige 84. Geburten, Todesfälle, Eheschließungen ausschließlich der Ortsfremden(in den Kliniken) in den Jahren ı901| 1902| 1903| 1904 1905 z> a2 Geblikten 7 0. aha 625 562 608 635 623 =slhodeställe= are. ea. 333 304 404 342 359 & ‚Eheschließungen an 2 7 196 190 18222177189 184 Uebersicht über den Besuch der Unterrichtsanstalten. Zah 1 der Unte r r ich teten in = höheren Schulen der| Fortbildung-schule|| “0-- Volksschule|--|| Seas Fe} av| om&\| lee|- SiEIe! os3E 22| =|e8| 5 s8=3>2 5|.|.| 5|S55 s53 2335| s|23|1 8| E°8S5% E|I5| 82 290 SH233=| E E Sılsale Soealal san Else Masse E ET= Be 35&& Deere Vz ale= SElS|seS8o= S|E 3| 8© Säa ds 5| 2 =] US u| 50= SZ= 17) EE>“m. O9+ solar ee Sl zart BEensenin nebst 15:8 N 9.© SE 05% Die Universität. len, die Lateinschulen und Universitäten, verdankten dem neuen deutschen Fürstenstand außerordentlich viel. Der Landes- herr als Landesbischof mußte dafür sorgen, einen Stand von Theologen zu schaffen, der die neue Lehre würdig vertrat, und deswegen stehen anfänglich die theologischen Fakultäten durch- aus im Vordergrund. Die neuen Stiftungen der Territorial- herren, akademische Gymnasien oder auch Universitäten genannt, waren keineswegs Voll-Universitäten im heutigen Sinne, sondern meistens nur eine Art von privilegierten philosophisch-theo- logischen Studienanstalten in enger Verbindung mit den Gym- nasien, je nach der Größe des Staatsgebiets und den landesherr- lichen Dotationen umfassendere Hochschulen oder bescheidene mit wenigen Lehrkräften dürftig besetzte Lyzeen. Neben der Aus- bildung der Geistlichen kam für den absoluten Staat jener Zeit besonders die Beschaffung römisch-rechtlich geschulter Juristen, der„Doctores‘, in Frage. Sie waren in der damaligen prozeß- lustigen Zeit für die Staatsverwaltung ganz unentbehrlich. Man wollte aber die Landeskinder im eigenen Lande ausbilden, und hierfür schuf man mit ungewöhnlich großen Opfern Landes- hochschulen, auf denen besonders Theologie, Philosophie und Jurisprudenz traktiert wurden. Der Humanismus durchsetzte damals das ganze geistige Leben. Die Mehrzahl der Hochschulen erhielt deswegen um die Mitte des 16. Jahrhunderts eine Neuordnung des Studien- gangs auf Grundlage der klassischen Sprachen. Hier machten die Konfessionen keinen Unterschied. Das Vorgehen Witten- bergs mit Melanchthon an der Spitze wurde nicht nur für die protestantischen Universitäten, sondern auch für den Lehr- plan der von Jesuiten geleiteten Anstalten maßgebend, und so sehen wir von 1502 an, der Gründung von Wittenberg, eine Periode der Universitätsgründungen von ganz besonderer Fruchtbarkeit. Zu den bestehenden 17 Universitäten traten bis Ende des 17. Jahrhunderts nicht weniger als 28 neue hinzu. In Deutschland: Königsberg, Jena, Helmstedt, Marburg, Alt- dorf, Dillingen, Herborn, Würzburg, Gießen, Paderborn, Rinteln, Straßburg, Osnabrück, Kassel, Bamberg, Duisburg, Kiel; in Oesterreich: Olmütz, Graz, Salzburg, Innsbruck; ın Holland: Leyden, Franeker, Groningen, Utrecht, Harderwyk; in der Schweiz: Genf, und in Schweden: Lund. Von den genannten siebzehn deutschen Universitäten aus jener Periode bestehen freilich heutzutage nur noch sieben.— Giessen war von vornherein als Voll-Universität gedacht und feiert als solche, da die Gründung 1607 erfolgte, in diesem Jahre seine dritte Jahrhundertfeier, wobei freilich nicht über- sehen werden darf, daß die Universität von 1625—1650, also ein Vierteljahrhundert lang, nicht in Gieben ansässig war, sondern in der Nachbarstadt Marburg, aus der die hessen-darmstädtische Hochschule ursprünglich hervorgegangen ist. Den unmittel- baren Anstoß zur Gründung der Ludoviciana gab der Tod des Landgrafen Ludwig IV.(1604), infolgedessen seine Linie Hessen- Marburg erlosch. Bis zur Gründung der Universität Gießen war die 1527 von Philipp dem Großmütigen gestiftete und mit Einkünften aus aufgehobenen Klöstern und Stiftungen, Die Universität. 60 namentlich auch für Stipendienzwecke, reich dotierte Nachbar- universität Marburg, die erste protestantische Anstalt der Art in Deutschland, die gemeinsame Hochschule der hessischen Lande. In dem Testamente, das Ludwig IV. hinterließ, und wonach er den Beinamen ‚Testator‘‘ erhielt, setzte er seine Vettern von den beiden Linien Kassel und Darmstadt, Landgraf Moritz von Kassel und Ludwig V. den Getreuen von Warmstadt, zu Erben ein, verfügte aber, daß keiner der Nachfolger in seinen Ländern die evangelisch-lutherische Lehre abschaffen dürfe. Um diese Testamentsklausel kümmerte sich aber der junge Landgrat Moritz von Hessen-Kassel nicht. Er schaffte vielmehr alsbald das Luthertum in seinem Erblande ab und führte die reformierte Lehre ein. Darüber kam es zu Protesten und Frbstreitigkeiten, und als Früheres Universitätsgebäude in Marburg 1605 heftige Religionskonflikte und im An- schluß hieran öffentliche Tumulte ausbrachen, infolge deren theologische Professoren und Geistliche entlassen und durch andere ersetzt wurden, bot Ludwig der Getreue den Ver- triebenen in Gießen eine Unterkunft und stellte ihnen eine neue akademische Wirksamkeit in Aussicht. Ludwig war diese Gelegenheit, die nur ungern verlorene Universitätshoheit wieder- zuerlangen, nicht unwillkommen. Nach neueren archivalischen Forschungen steht fest, daß der Landgraf schon früher sich mit dem Gedanken getragen hatte, eine eigene Universität nach seines Marburger Oheims Tode zu gründen. Seine Unter- händler waren aber in der Regelung der Universitätsfrage von den Kasselanern überrumpelt worden. Als dann der junge Landgraf Moritz vertragsbrüchig wurde, eriff der Darm- statlter. Velter sofort zu.. Die Wahlestiel aut Gießen,: ob- gleich damals Gießen ein ganz unscheinbares Land- Städtchen mit‘ etwa 3000 Einwohnern, das mit Mar- 66* Die Universität. burg, der ständigen Residenz der oberhessischen Landgrafen, gar nicht verglichen werden konnte, war. Neben Gießen kam noch Alsfeld und Nidda als Sitz der neuen hohen Schule in Frage. Darmstadt schied von vornherein aus. Es lag nicht zentral genug, und mit Ausnahme des Weins waren dort die Lebensmittel zu teuer. Die Studenten würden übrigens als Biertrinker, so hieß es in einem Gutachten, von dem billigen Wein kaum einen Vorteil gehabt haben. Wichtiger als dieser Gesichtspunkt ist jedenfalls ein anderer gewesen. Wäre die Schule nicht nach Oberhessen gekommen, so wäre ein Abfluß der aus diesem Teile des Landes stammenden Studierenden nach dem kalvinistischen Herborn oder dem katholischen Fulda zu befürchten gewesen. Diese Plätze galten in religiöser Hin- sicht als„unreine Oerter‘. In sanitärer Hinsicht war das damalige Gießen freilich nichts weniger als ein reiner Ott Das befestigte Städtchen beherbergte in kleinen Gassen und in lehmbeworfenen Fachwerkbauten eine anspruchslose Be- wohnerschaft, zumeist aus Ackerbürgern und Handwerkern bestehend. Auch der Weinbau wurde damals noch auf dem Nahrungsberge und der Hardt, wo jetzt die Bismarcksäule steht, betrieben. Unter den Gewerben stand die Wollenweberei in ziem- licher Blüte, aber weit hinter der Nachbarstadt Butzbach zurück. Im übrigen war Gießen, wie auch der Name andeutet, auf einen Sumpf gebaut, unendlich dreckig und von ansteckenden Krank- heiten, namentlich der Pest, fürchterlich heimgesucht. Einen Vorzug hatte allerdings die Stadt Gießen vor ihren Kon- kurrentinnen. Sie war stark befestigt und deswegen von Land- oraf Ludwig auch zum Sitz der Regierungsbehörde, der Kanzlei, die in dem alten Schloß(1533 von Philipp dem Groß- mütigen erbaut) untergebracht war, gemacht worden. Hier kam neben Gießen nur noch Grünberg in Betracht, das aber als Universitätssitz anscheinend nicht in Erwägung gezogen worden ist. Die Vorbereitungen, in Gießen eine hessen-darm- städtische lutherische Universität zu gründen, wurden mit großem Fifer betrieben. Bereits am 10. Oktober 1605 wurde ein Gym- nasium illustre, mit dem ein Paedagogium trilingue(lateinisch, griechisch und hebräisch) verbunden war, eröffnet. Finanziiert wurde diese Anstalt aus den Einkünften der ehemaligen Mar- burger Universitätsvogteien Gießen, Alsfeld und Grünberg und einem bestimmten Betrag aus den Gießener Weinzapfgeldern. Die Landstände bewilligten außerdem eine Schulsteuer für das ganze Land. Die Stipendien des hessen-darmstädtischen Anteils wurden von Marburg auf Gießen übertragen. Als Unterrichtslokal diente zuerst das Rathaus. Erster Gymnasialrektor war derTheologe johann Winkelmann. Sein bedeutendster Mitarbeiter, ebenfalls ein Theologe, war Balthasar Mentzer. 1607 gelang es dem Landgrafen, von Kaiser Rudolf II. die nötigen Privilegien zu erwirken, durch die das Gymnasium illustre zur Universität erhoben wurde. Im August 1607, dem Stiftungsjahre der Universität, wurde unter dem ersten Universitätsrektor, dem Juristen Antonii, der Grundstein zum Kollegiengebäude am Brand- platz gelegt, das bereits im Herbst 1611 bezogen werden konnte. Dieses Universitätsgebäude, ein massiver Steinbau, über dem sich die turmartige Sternwarte erhob, stand an der Die Universität. 67 Justus von Liebig Nach dem Gemälde von Thiersch in der Akademie zu München Stelle, wo später die Universitätsbibliothek untergebracht war; 1839 wurde ein neues Universitätsgebäude an Stelle des alten, baufällig gewordenen, errichtet. 1881 wurde dann das jetzige Kollesiengebäude an der Ludwigstraße er- öffnet, während die Universitätsbibliothek, die bis 1826 ner des Umwerstatr von: da, m meder ehemaligen Kaserne an der Liebigstraße(alte Klinik) war, das alte Ge- bäude bezog, um dort bis 1904 zu bleiben. Dieses ehemalige Bibliotheksgebäude enthält jetzt das botanische, geographische und mathematisch-physikalische Institut. Bald nach der Ein- weihung des ersten Kollegiengebäudes(1616) erhielt das Paeda- gogium, das ursprünglich auch im Rathause hauste, in einem ehemaligen Antonitergebäude in den Neuen Bäuen ein eigenes Heim. Es kam später(1844) als Gymnasium auf den Brand- platz in das jetzige Regierungsgebäude, dem Schauplatz von Ernst Eckstein’s berühmten„Besuch im Karzer‘, An dieser Stelle stand früher das Senckenbergianische Stiftungshaus, das im Jahre 1800 von Karl Renatus Freiherr von Senckenberg der 67* Die Universität. Universität vermacht worden war. 1879 wurde das neue Gymnasialgebäude an der Süd-Anlage bezogen. Die jetzige Bürgermeisterei, 1855 erbaut, beherbergte bis‘ 1876 die Real- schule, die dann ebenfalls in ein neues Gebäude an der Ludwigstraße verlegt wurde. 1884 wurde die Realschule in ein Realeymnasium und Realschule umgewandelt, seit 1906 heißt die Realschule„Oberrealschule“. Die feierliche Einweihung und Eröffnung der Universität Gießen erfolete am 7. Oktober 1607”. Am 12. Oktober über- gab der Landgraf der Universität die Privilegien, eigene Gerichts- barkeit, Steuer- und Zollfreiheit. Bereits 1609 wurde der botanische Garten durch den seiner Zeit hervorragenden Botaniker Ludwig Jungermann angelegt, von sonstigen natur- wissenschaftlichen Instituten w erden aber nur die Anatomie und ein chemisch-pharmazeutisches Laboratorium erwähnt.— Bekanntlich macht es der historischen Statistik besondere Schwierigkeiten, zuverlässige Frequenzziffern der Universitäten für die früheren Jahrhunderte zu bekommen. Eine kürzlich er- schienene, ziemlich umfangreiche und etwas weitschw eifige Mono- graphie von Prof. Franz Eulenburg in Leipzig hat viel zur Auf- klärung beigetragen. Gerade aber‘seine Zahlen über Gießen in der ersten Periode dieser Hochschule sind unzweifelhaft unrichtig. Sie sind widerlegt durch die Forschungen des sehr verdienstvollen neuen Geschichtsschreibers der L udoviciana, Ober- lehrer Dr. Wilh, Martin Becker in Darmstadt. Auf dessen Angaben beruhen auch die Mitteilungen des Verfassers dieses Aulsatzes, die seinerzeit in dem eroßen vom Preußischen Kultusministerium aus Anlaß der Weltausstellung in St. Louis herausgegebenen sechsbändigen Sammelwerke, ‚Das Unterrichtswesen im Deutschen Reich‘(1904) niedergelegt sind. Danach ist gar kein Zweifel, daß die neu gegründete utherische Hochschule in Gießen an- fänglich eine ungewöhnlich große Anziehungskraft ausgeübt hat. Von 1607—1611 war die Durchschnittsfrequenz 320. Diese ver- hältnismäßig hohe Ziffer gewinnt erst dann die richtige Beleuch- tung, wenn man Vergleiche mit anderen Universitäten jener Zeit zieht. Größer sind damals nur die Universitäten Witten- berg(960), Leipzig(932), Frankfurt a. d. Oder(91), Jena (531), Ingolstadt(494) und Helmstedt(459) gewesen. Etwa ebenso groß wie Gießen waren Königsberg, Rostock und Tübingen, während Freiburg nur 287, Heidelberg 275, Mar- burg 259, Würzburg 210 und Greifswald sogar nur 110 Stu- dierende aufwiesen. Gießen befand sich also ziemlich in der Mitte. Es war eben eine anerkannte Pflegestätte des reinen Luthertums, wodurch auch die weitere Tats: ıche ihre Erklärung findet, daß neun Zehntel der Studenten keine hessischen Landes- kinder waren und zum Teil weither, aus den Ostseeländern, Dänemark usw., kamen. Von der Nachbarschaft lieferten am meisten Scholaren Westfalen und Schwaben. Auch Braun- schweig war stark vertreten. Freilich hat schon damals die Frequenz fortwährend geschwankt, und sie wurde namentlich durch Pestepidemien, die in Gießen fast jedes Jahr auftraten, stark beeinträchtigt. Besonders schlimm grassierte die Seuche 1613 in der Stadt, sodaß zeitweilig die Universität förmlich auf- Die Universität. 68 gelöst wurde. Auch die Wirren des 30 jährigen Krieges wirkten auf die Entwicklung der jungen Hochschule zeitweilig ungünstig zurück. 1621 beteiligte sich die bewaffnete Studentenschaft sogar an einem Streifzuge gegen Christian von Mannsfeld. Sie trug dabei eine Fahne mit der Inschrift ‚litteris et armis utrumque parati“, was ihr schöner Wahlspruch seither geblieben*ist. Bei dieser Gelegenheit sei auch kurz das Uhniversitätswappen er- wähnt. Es hat eine eigentümliche Geschichte, die erst jetzt hinreichend erforscht ist. Das Wappen zeigt nämlich das sogenannte„Antoniterkreuz« in der Form eines griechischen r in blauer Farbe auf weißem Hintergrund. Die Antoniter mit ihrem Antoniuskreuz, das Attribut des heiligen Antonius des Einsiedlers, waren ein Krankenpflegerorden, der 1095 von einem reichen Ritter der Dauphine gegründet worden ist, später eine Kongregation regulierter Chorherren, nach der Regel des heiligen Augustins, schließlich 1777 mit dem Maltheser- orden verschmolzen. Ein Antoniterkloster, das in den Ur- kunden bereits 1242 erwähnt wird, befand sich in Grünberg. Dessen Einkünfte waren der neugegründeten, von Marburg ab- gezweigten, Universität Gießen überwiesen worden. Ein ehe- maliges Antonitergebäude war auch das Haus Ecke der Sonnen- straße und der Neuen Bäue(neben dem jetzigen„Gesellschafts- verein‘), in das das Pädagogium 1616 untergebracht wurde. Die bisherige Meinung war die, daß aus diesen Zusammenhängen sich das Universitätswappen und die blau-weißen Universitäts- farben erklärten. Neuere Untersuchungen haben aber ergeben, daß es sich wahrscheinlich doch nur um eine Legende handelt. Das ursprüngliche Universitätswappen trägt nicht das Antoniter- kreuz, sondern das Bild des Stifters der Universität. Das Antoniterkreuz ist nachweislich erheblich später, und zwar statt blau auf dunklem Hintergrund„hellblau in Silber eingefaßt auf fahlem Schilde“ eingeführt worden, und zwar bei Gelegen- heit der Leichenfeier des im Amtsjahre gestorbenen Rektors, des Mediziners Verdries.(1736.) Damals nahm man das Ordenskreuz in die Universitätsfahne auf und erklärte so auch den Prälaten- stand der Gießener Universität in ihrer Eigenschaft als Rechts- nachfolgerin des ehemaligen Antoniterklosters in Grünberg, das übrigens als Gebäude noch heute erhalten ist. Wie schon gesagt, schwankte in der ersten Periode, 1607 bis 1625, die Frequenz der Hochschule sehr stark. Nach dem Pestjahre nahm die Zahl der Studierenden wieder stark zu und dürfte zu Beginn des 30 jährigen Krieges sogar bis zu 400 angewachsen sein. Was den Lehrkörper in jener Zeit anbetrifft, so gab es ursprünglich nur eine theologische, eine juristische und eine philosophische Fakultät, alle sehr klein. In der ersteren spielten Winkelmann und Mentzer als Zelebri- täten eine Rolle. Beide wurden freilich später miteinander in einem Aufsehen erregenden Streit über die Allgegenwart des Leibes Christi, der weiter zu einer Fehde zwischen Gießen und Tübingen führte, die die Jesuiten als„lutherischen Katzen- krieg‘‘ verspotteten, verwickelt. Unter den Juristen ragte Gott- fried Antoni, ein gebürtiger Westfale und hervorragender Schriftsteller auf dem Gebiete des Lehnsrechtes, hervor. Antonii war aus Marburg herübergekommen und wurde 1607 der erste En Ber; Va 2 Denn: Er ee ES ar ER 68* Die Universität. Rektor und Kanzler. Unter Antonii wurde Gießen eine Zeit- lang eine förmliche Modejuristenuniversität mit auffallend viel adligen Studierenden, sodaß zwei Kollegen von Antonii, Hunnius und Reinkingk, sogar Kollegien ausschließlich für„nobiles“ an- kündigen konnten. Auch einen namhaften Philologen Hellwig (Hellvicas) weist damals die Hochschule auf.. Die von ihm verfaßte lateinische ‚„Gießer Grammatik“ galt längere Zeit als besonders geschätztes Lehrbuch. Für seine Zeit besonders be- deutend war der Naturforscher und Mathematiker Joachim Jung (Jungius), ein Lübecker, in Gießen 1609—1614. Von Leibniz wird er Kopernikus und Galilei an die Seite gestellt. Auch Goethe hit sich mit Jungius befaßt. Als im Jahre 1625 infolge eines langwierigen Erbfolge- streitse Marburg wieder hessen-darmstädtisch geworden war, wurde die Gießener Hochschule dorthin verlegt, während der Landgraf Moritz seine Universität nach Kassel verlegte. Es handelte sich also bei der Gießener Hochschule nur um eine Domizilveränderung, nicht aber, wie man vielfach annimmt, um eine zeitweilige Verschmelzung der Tochter- mit der Mutter- anstalt. Die Kontinuität der Ludoviciana blieb durchaus gewahrt, und als 1633/34 in Marburg die Pest ausbrach, zog sich die Universität zeitweilig in ihr altes Nest nach Gießen zurück. Von 1625 bis 1648 war die Universität Mar- burg die Fortsetzung der Universität Gießen, während die Kasseler Universität, und zwar bis 1652 die Foart- setzung der Marburger war. Es ist kein Zweifel, daß auch während jenes Interimistikums, während dessen das Gießener Universitätsgebäude als landgräfliche Residenz benutzt wurde, die Ludoviciana mehr Zuhörer hatte als die neue Kasseler Universität. Unter den Professoren jener Zeit war Johannes Balthasar Scehupp weithin bekannt. Berühmt ist dieser I’heo- loge, der 1610 in Gießen in der nachmaligen Hirschapotheke am Marktplatz geboren wurde, namentlich durch seine Predigt in Münster bei Gelegenheit des Abschlusses des westfälischen Friedens geworden. 1650 wurde die Universität nach Gießen zurückgelegt. 1648 war nämlich Marburg wieder an Kassel sefallen. Man war zwar damals übereingekommen, daß es eine hessische Gesamtuniversität geben sollte, aber alsbald sah man ein, daß eine Trennung doch besser sei. Man teilte den Besitz- stand, u. a. auch den Silberschatz und die Bibliothek. Die Stadt Gießen erhöhte ihren Zuschuß, und die Professoren er- hielten neue Vergünstigungen. Am 5. Mai 1650 konnte die darmstädtische Universität in ihrem alten Heime, in dem von 1631 bis 1645 Landgraf Georg II. residiert hatte, wieder er- öffnet werden. In der Umgegend Gießens hatte sich in- zwischen mancherlei geändert. 1646 hatten hessen-kasselsche Truppen, unterstützt von den Schweden unter Wrangel und Königsmarck, die von den Darmstädtern besetzte Burg Glei- berg zerstört und das Dorf Heuchelheim niedergebrannt. 1647 verwüstete General Königsmarck auch die obere Burg Staufen- berg. Auch in der Stadt hatten sich einige Veränderungen vollzogen. 1635 dezimierte die Pest die ansässige Bevölkerung. Ueber 1500 Personen starben an der Seuche. 1643, im Januar, richtete eine kolossale Ueberschwemmung der Lahn, infolge N Wr 2 F NIERSPELMSIE AN GEWÄANDSPE' ERBE, (Rückseite) Liebig-Medaille, gestiftet vom Verein Deutscher Chemiker, 12. Mai 10903. (Modelliert von Rudolf Bosselt, Darmstadt.) 69* Die Universität. deren das Wasser im Zeughaus(der jetzigen„Alten Kaserne‘‘) halbmannshoch stand, gri ‚Be Verheerungen an. Die Studenten hatten in der Zwischenzeit auch ihr„Ballhaus“, das 1609 gebaut worden war, wieder verloren. Es diente für das beliebte Federballspiel, c das damals überall besonders im Schwunge war, wurde‘aber jetzt in die 1824 wieder abgebrochene Burg- kirche umgewandelt. Bei der Rückkehr der Universität spielte namentlich der Kanzler v. Sinold, genannt Schütz, ein be- deutender Jurist, eine Rolle. Neu immatrikuliert wurden die Prinzen Ludwig und Georg, ersterer der spätere Landgraf Ludwig, VI. Auch Landgraf Ludwig VI. hatte 1666-1670 mit seinem Bruder Friedrich in Gießen studi ert, Friedrich wurde 1670 Rektor magnifikus. Anfangs der 90 er ne studierten die Prinzen Philipp und Heinrich von Hessen auf der Landes- universität, 1695 wurde Philipp Rektor magnifikus. Unter be- kannten ‚Dozenten in der dritten Periode“der Universität ist außer Antonii Johann Heinrich May(1653—1719), in Gießen von 1688 bis zu seinem Tode, der Reformator der Universität im Sinne des Pietismus, zu erwähnen. Neben ihm wirkte, freilich nur 1697 und 1698, als Professor der Geschichte Gott- fried Arnold(1666-1714), ein pietistischer Kirchenhistoriker von Ruf, namentlich bekannt durch seine„unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie‘, ein Werk, das heute noch Beachtung findet. Ebenfalls der pietistischen Epoche gehörte Joh. Jakob Ram- bach a in Gießen seit 1731), ein beliebter Dichter von Kirchenliedern(,König, dem kein König gleichet‘‘—„Ich bin getauft auf Deinen Namen‘‘), an. Von den weiteren Theologen des achtzehnten Jahrhunderts sind besonders zwei zu erwähnen: Christoph Matthäus Pfaff(1686-1700), in seinen vier letzten Lebensjahren in Gießen wirksam, namentlich auf kirchenrecht- lichem Gebiete bekannt, ein Vorkämpfer für das sog.„Kollegial- system‘ im Gegensatz zum„Territorialsystem‘‘, und dann der berüchtigte, aber geistreiche Rationalist und gefü rchtete Polemiker Karl Friedrich Bahrdt(1741—1792, in Gießen” 1771—1775), dessen ‚Neueste Offenbarungen Gottes‘, die in Gießen geschrieben sind, vom jungen Goethe in seinem bekannten satirischen oxo- log‘(1774) verspottet und vom Reichshofrat sogar verboten wurden. Als Kriminalist genoß in seiner Zeit Melchior von Grol- man(1668—1722) großes"Ansehen. Am 17.21. Oktober 1707 beging Gießen die hundert- jährige Jubelfeier der Universität. Der I ‚andgraf entsandte seine alden Söhne, darunter den Erbprinzen Ludwig, den Rektor magnifizentissimus, zu der Feier. Gießen hatte damals 22 Pro- fessoren und 180 Studierende. Nach den vorliegenden Be- richten hatte das fünftägige Jubiläumsfest großen Zulauf und wurde höchst prunkvoll be; gangen. Auch die Rückverlegung der Universität von Marburg nach Gießen vor hundert Jahren wurde AN l750 durch eine Säkularfeier festlich begangen, während heutzutage die allj ährlich sich wiederholenden Jahres- und Stiftungsfeste stets am Juli eines jeden Jahres mit Festakt, Festessen des Prön enden und all- oemeinem studentischen Kommers abgehalten zu werden ptlegen. Bei dem Festessen bei dieser Gelege25 Millionen Zigarren, 10000 Zentner Rauchtabak und 31, Tausend Zentner Kautabak. Der Fakturenwert aller Erzeugnisse dürfte zwischen 9 und 10 Millionen Mark liegen. Die günstige Verkehrslage, die Gießen ganz besonders auszeichnet, ist auch dem Warenhandel zugute gekommen und hat auch andere In- dustrien entstehen lassen, ohne daß bei der Eigenart der Haupt- industrie die Stadt irgendwie in ihrem industriellen Charakter auffällt. Nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten müßte man eigentlich von einem Groß-Gießen sprechen und eine größere Anzahl hessischer und preußischer Dörfer in diesen Bezirk hineinziehen. Neben dem Bergwerk mit seinem mächtigen Braun- steinlager mit interessantem Tagebau kommen besonders eine große"Maschinenfabrik mit Gießerei und eine Metallwarenfabrik für Zentralheizungs- und Badeanlagen in Betracht. Dieser grob- eewerblichen Entwicklung entsprach dann auch die Bevölkerungs- bewegung im 19. Jahrhundert. Zu Anfang des Jahrhunderts hatte die Stadt etwa 5000 Einwohner, 1840 700 0, 1870 wurde das 10. Tausend, 1890 das 20. und im März 1907 das 30: überschritten.— Kehren wir hier zur eigentlichen Universitätsgeschichte des 19. Jahrhunderts, deren wichtigste Daten noch nachgeholt werden müssen, zurück. 1825 wurde der hotanische Garten durch die Verlegung des Forstgartens an seinen jetzigen Platz, an den Fuß des Schiffenbergs, erweitert. Von dieser Zeit bis 1831 bestand in Gießen eine besondere Forstlehranstalt mit Johann Christian Hundeshagen(1783—1834) an der Spitze. 1831 wurde der gesamte forstwissenschaftliche Unterricht der Landesuniversi- tät einverleibt, und die forstlichen Fächer von namhaften Ge- lehrten, Karl Gustav Heyer(1835-56), Gustav Heyer(1854—68) und Richard Hess(seit 1868) vertreten. Zeitweilig in Gießen wirkten als forstwissenschaftliche, ebenfalls namhafte, Lehrer: Tuisko Lorey(1873—1878), H. Stötzer(1879—1880), A. Schwap- pach(1881—1886). 1882 wurde eine forstliche Versuchsanstalt gegründet. Seit 1831 gab es stets zwei Lehrkräfte. 1878 w urde auch die zweite in ein Ordinariat umgewandelt. Seit einigen Jahren besteht eine dritte etatsmäßige Forstprofessur. Ueber den forstwissenschaftlichen Unterricht an der Uni- versität Gießen hat Richard Heß, gegenwärtig Senior des Lehr- Die Universität. SQ [O1 körpers, eine interessante Monographie(Gießen 1881) geschrie- ben. Aus seinen statistischen Zusammenstellungen ergibt sich ohne weiteres die Eigenart der forstwissenschattlichen Abteilung der philosophischen Fakultät. Bis zur Aufhebung der Frei- zügigkeit unter den Forststudierenden war fast die Hälfte der Forstleute in Gießen Nichthessen. Auch der Prozentsatz der Ausländer war lange Zeit nicht unerheblich, Von den Nichthessen stellten namentlich die späteren neuen preußischen Provinzen mit Nassau an der Spitze, dann Württemberg, Bayern, Baden und die kleineren mitteldeutschen Fürstentümer Stu- denten. Manche junge Forstleute kamen aus der Schweiz und von Norwegen nach Gießen. Chemisches Laboratorium In der Zeit der Errichtung der Forstlehranstalt wurde überhaupt den Naturwissenschaften eine größere Aufmerksam- keit und ein breiterer Raum gewährt. Namentlich unter Justus von Liebig bricht, was den chemischen Unterricht anbetriftt, eine nie wieder erreichte Blütezeit Gießens, die der Universität unbestrittenen Weltruf verschafft hat, an. Liebig lehrte in Gießen von 1842—1852. Sein ehemisches Laboratorium, als Anbau der 1821 frei gewordenen Kaserne auf der Seltershöhe, zog, trotz seiner Kleinheit und Einfachheit, zahlreiche Schüler, später’ Che- miker ersten. Ranges, wie Fresenius(Wiesbaden), Henneberg (Göttingen), A. W. Hofmann(Berlin, Kekule(Bonn), Vol- hard(Halle), H. Kopp(Heidelberg) und Will heran. Kekule und Volhard sind ebenso wie ihr Lehrer Liebig gebürtige Darmstädter. Aber auch Studenten aus Engiand, Frankreich und Amerika kamen in großer Anzahl. Die Schüler Liebigs Kopp und Wili lehrten ebenfalls in Gießen im Sinne des Meisters und mit größtem Erfolg. Letzterer vertrat namentlich die physı- kalische Seite.— Der Wegzug des Militärs war die Folge eines schweren Zusammenstoßes mit den Studenten. Die Gießener Garnison wurde nach Worms verlegt. Erst 1868 kam das Regiment SE Die Universität. nach Gießen zurück. In die 1821 frei gewordene Kaserne auf der Seltershöhe wurden die Universitätssammiungen, nament- lich die Bibliothek, und die Kliniken gelegt. Im Noveinber 1830 wurde auch eine katholisch-theologische Fakultät, die von 1838 bis 1848 zugleich Landesuniversität für die nassauischen katho- lischen Theologen war, eröffnet. Sie ging aber 1851 nach Er- öffnung des Mainzer bischöflichen Seminars wieder ein. Auf den evangelisch-theologischen Unterricht hatie die 1837 erfolgende Gründung des Friedberger Predigerseminars einen gewissen Einfluß. Von 1848 bis 1866 bestand auch ein beson- derer akademischer Gottesdienst. Von den Gießener Theologen des 19. Jahrhunderts ragt in erster Linie hervor Karl Aug, Credner (1797—1857), in Gießen bis zu seinem Tode ein volles Viertel- jahrhundert tätig. Er machte sich einen Namen namentlich auf dem Gebiete der neutestamentlichen Wissenschaft. Hervor- zuheben sind noch Karl Theod. Keim(1825—1878), in Gießen von 1873-78, der Verfasser der„Geschichte Jesu von Nazara‘, August Dillmann(1823—94), von 1864—69 in Gießen alttestament- licher Exeget, namentlich geschätzt als Neubegründer der äthio- pischen Studien, und ferner Gustav Baur(1816—89) in Gießen von 1841—61, praktischer Theologe. Als Führer und Reorgani- sator der theologischen Fakultät, dessen Reformen freilich nur nach sehr heftiren Kämpfen gelangen, ist dann Bernhard Stade hervorzuheben. Stade, 1848 geboren, j 1906, war einer der hervorragendsten Vertreter der alttestamentlichen Wissenschaft. Von nachhaltigem Einfluß auf die Entwicklung der Fakultät ist auch Adolf Harnack, der seine Karriere als Ordinarius in Gießen 1879 begann und dort bis 1836 blieb, gewesen. Stade, als anerkanntem Führer der Fakultät, hat Ferdinand Kattenbusch (jetzt in Halle) fünfundzwanzig Jahre treu als Freund und Kollege zur Seite gestanden. Unter den Juristen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun- derts kommen der bekannte Pandektist Karl Friedr. Ferd. Sintenis (1804—68), in Gießen 1837—41, der Prozessualist Gustav Ludw. Theod. Marezoll(1794—1873), der seine erste Professur in Gießen 19 Jahre lang inne hatte, und der berühmte Lehrer des Wechsel- und Prozeßrechts Achilles Renaud(1820—84), von 1848—52 Ordi- narius der Gießener Juristenfakultät, in Betracht. Unter den Juristen des letzten halben Jahrhunderts ragen hervor der Krimi- nalist, Rechtshistoriker und langjährige Kanzler der Universität, oh. Michael Franz Birnbaum, in Gießen von 1840-75, der m Wien vor einigen Jahren verstorbene Rechtshistoriker Heinrich Siegel, in Gießen von 1853—57, der Romanist Deurer(1851—68), der Kriminalist Ad. Merkel, in Gießen von 1858—68, dann Her- mann Seuffert, ebenfalls ein hochgeschätzter Kriminalist, dessen Nachfolger Franz v. Liszt(1879—87)— jetzt in Berlm— das Haupt einer neuen Schule wurde, der ausgezeichnete Lehrer des Zivilrechts Ernst Wilh. Eberh. Eck(1838—1901), die Letzt- genannten freilich verhältnismäßig nur kurze Zeit in Gießen wirksam, und als berühmtester von allen Rudolf v. Ihering (1818—92), in dessen überaus erfolgreiche Gießener Lehrtätig- heit(1852—68) die Abfassung seines geistvollen Hauptwerkes De Geist des römischen Rechts“ fällt. Ebenfalls nachhaltigen Die Universität. 76 Lehrerfolg hatte ein anderer Pandektist, Ferdinand Regelsberger, der von 1868—72 in Gießen wirkte. Regelsberger, im 76. Le- bensjahre stehend, ist auf dem Lehrstuhle Iherings in Göttingen immer noch tätig. Die Juristenfakultät ist die Kanzlerfakultät, d. h. aus dem Kreise ihrer Ordinarien wurden meist die Kanzler, die als offizielle Regierungsvertreter früher unter ihren Kollegen eine gewich- tige Rolle spielten, genommen. Die letzten Kanzler waren Birnhaum, Hermann Wasserschleben(Professor in Gießen von 1852—89), ein hervorragender Kanonist und um die Ludoviciana auch sonst hochverdient, und Karl Gareis(in Gießen von 1875 bis 1888), eine Zeitlang auch dem Reichstag angehörig, jetzt an der Universität München tätig. Nach Gareis Abgang nach Königsberg, wo er 1888—92 lehrte, wurde der Kanzlerposten nicht mehr besetzt. Er wurde aber nicht aufgehoben, weil diese Stelle in der Verfassung vorgesehen ist. Ihre Funktionen wurden nur geteilt. Der Rektor vertritt den Kanzler mit Ausnahme seines Sitzes in der Ersten Kammer der Landstände, den gegenwärtig ein Mitglied der Juristenfakultät einnimmt. Als historische Merk- würdigkeit sei an dieser Stelle noch erwähnt, daß drei ehe- malige Professoren der Juristenfakultät es zu Ministern gebracht haben: Christian Hartmann Samuel Gatzert(1739—1807), seit 1782 Staatsminister in Darmstadt, Professor von Lindelof, der in den 20er Jahren in Gießen über deutschen Zivilprozeß las, später zum Justizminister aufrückte. Ebenfalls Minister wurde (1820) Karl Wilhelm v. Grolman, der 1795—1819 dem Lehrkörper als Jurist angehört hat. Auf Grolman’s Rat gab Ludwig l. dem Lande die revidierte Verfassung. Die Zahl der Gießener Nationalökononıen, denen der aka- demische Unterricht der Kameralisten oblag, und deren Zahl zeit- weilig fast ebenso groß wie die der Juristen war, bis dann anfangs dieses Jahrhunderts das besondere kameralistische Studium und die kameralistische Prüfungskommission sang- und klanglos ein- gingen, war um deswillen nicht groß, weil fast alle Vertreter ungewöhnlich lange in Gießen verblieben. Bei Crome waren es 44 Jahre, bei seinem Nachfolger Friedrich Schmitthenner (1796—1850) 22 Jahre, bei Stahl 24 und bei Laspeyres 26 Jahre. Schmitthenner war ein Mann von ungewöhnlicher Vielseitig- keit und hatte alles mögliche studiert. Auch war er von großer literarischer Fruchtbarkeit. Er war Pfarrer, Gymnasial- lehrer, Seminardirektor, Professor der Geschichte und schließ- lich Professor der Nationalökonomie gewesen, schrieb eine deutsche Sprachlehre und eine deutsche Geschichte. Sein staatswissenschaftliches Hauptwerk„12 Bücher vom Staate‘, ist eine Art von Enzyklopädie, in der er sich als scharfsinniger und selbständiger Denker erweist. Schmitthenners Nachfolger war Friedrich Stahl, der Bruder des berühmten preußischen konser- vativen Politikers, des eigentlichen Gründers der Kreuzzeitungs- partei. Der Gießener Stahl wird als egründlicher und anregender Lehrer gerühmt und vertrat eine Zeitlang die Universitätsstadtt in der Zweiten hessischen Kammer. An Stahls Stelle trat Etienne Laspeyres, seiner Neigung nach vorwiegend Statistiker, in Tachkreisen Aäber auclı Er: a Ti + 7 76* Die Universität. anerkannter Forscher auf dem Gebiet der niederländischen nationalökonomischen Literatur, die namentlich unter den Mer- kantilisten originelle und maßgebende Vertreter hatte. Laspeyres lehrte von 1874 bis 1909 in Gießen und lebt seitdem dort im Ruhe- stande. Das staatswissenschaftlich-statistische Seminar ist erst unter seinem Amtsnachfolger gegründet und eingerichtet worden Das vorher bestandene„Statistische Institut‘ hatte andere Aufgaben. Laspeyres, wie sein Nachfolger, sind Mitglieder der Zentralstelle für die Landesstatistik in Darmstadt. \Was die Mediziner, die in Gießen gewirkt haben,.anbetrifft, so seien folgende Dozenten von Ruf. genannt: der Anatom und Physiologe Theoder Ludwig Bischoff(184355), j in München 1882, der Chirurg Adolf Wernher(} 1883, in Gießen 1356-78), Heinrich Bose, ein feingebildeter Chirurg, trefflicher Lehrer und Spezialschüler Langenbecks, in Gießen von 1878—95 wirksam, + 1900 daselbst, der innere Kliniker Eugen Seitz, in Gießen bis 1872,+ 1899, der berühmte Chirurg Heinrich Adolf Bardeleben, in Gießen 1843—49,+ 1895 in Berlin, der durch die Lauterkeit seines Wesens allgemein beliebte Gynäkologe Hermann Löhlein, in Gießen seit 1888(t 1901), der innere Kliniker und treff- liche Diagnostiker Franz Riegel(1843—1904) und Konrad Eckardt (1822-1905). In Eckardt präsentiert sich der Uebergang der älteren Medizin zur neueren, und zwar in überaus glücklicher Form. Eckardt zeichnete sich nicht nur durch große Uni- versalität aus(er war sowohl Physiologe als Anatom), sondern er lehrte sein späteres alleiniges Spezialfach, die Physiologie, noch als 80 jähriger Greis mit bewunderungswürdiger Frische und in durchaus modernem Geiste. Für eine ganze Reihe hervorragender noch heute wirkender Professoren der Medizin war Gießen diejenige Universität, wo sie erstmalig auf ein Ordinariat berufen wurden. Es seien hier genannt: Die Gynä- kologen Max Hofmeier(in Gießen von 1887—1888), jetzt in Würzburg, Ferdinand Adolf Kehrer(in Gießen 1863—1881), dan in Heidelberg bis 1901, der Anatom Robert Bonnet, in Gießen 1891—95, jetzt in Bonn, der Professor der pathol. Anatomie Felix Marchand(in Gießen 1881—1883), jetzt in Leipzig, und der Hygieniker Georg Gaffky, in Gießen 1888—1904. Gaffky, der Nachfolger Robert Kochs in Berlin, hat sich auch um das kommunale Leben verdient gemacht. Unter dem Oberbürger- meister Gnauth(jetzt Finanzminister), seit seinem Abgange von Gießen ebenso wie Gaffky Ehrenbürger der Stadt Gießen und Ehrendoktor der philosophischen Fakultät, wurde unter Gaffkys eifriger Mitarbeiterschaft unter anderem das städtische Volksbad geschaffen, und der Plan der Kanalisierung der Stadt seiner Verwirklichung nahe gebracht. In jene Periode fällt überhaupt eine Aera durchgreifender, freilich auch recht kost- spieliger, kommunalpolitischer Neuerungen. Unter den Gießener Philologen ragen hervor die klassischen Philologen Ludwig Lange(1859-71) und Eduard Lübbert(1865 bis 1874), der Germanist Friedrich Ludwig Weigandt(1849—78) und der Vertreter der romanischen Sprachen Ludwig Lemceke (1864—84). Dagegen ist Friedrich Diez, der Begründer der romanischen Philologie(1794—1876), an den eine Gedenktafel DIR: Die Liebigshöhe(1840) Huldigung am Liebig-Denkmal am 12. Mai 1903 77* Die Universität. an seinem Geburtshause erinnert, in seiner Heimatstadt Gießen zwar Student gewesen,"nicht aber Dozent. Diez war einer derjenigen Studierenden, die in das hessische Freikorps, von dem oben die Rede war, eintraten. Als grundgelehrter Sanskritist wird Johann August Vullers(+ 1880) gerühmt. Unter hervorragenden Vertretern der Geschichte, die in Gießen doziert haben, seien er- wähnt Paul Scheffer-Boichorst(in Gießen 1875—76,+ in Berlin) und Ludwig Weiland(in Gießen 1878—1881,} in Göttingen). Beide dozierten also nur kurze Zeit an der Ludoviciana. Da- gegen hat der neuere Historiker Wilhelm Oncken(1833—1905) in Gießen volle 35 Jahre bis zu seinem Tode gewirkt. Von den älteren Philosophen verdient Ernst Christian Schmidt(1772—1833) Er- wähnung. Er war zwar Professor der Theologie, und Wilhelm v. Humboldt und Schleiermacher haben sich bei der Gründung der Universität Berlin besondere Mühe gegeben, ihn für die neue Hochschule als Theologieprofessor zu gewinnen, aber seine Be- deutung lag doch wohl mehr auf philosophisch-philologischem Gebiete. In weiten Kreisen wurde er bekannt durch sein mann- haftes Eintreten für Gottlieb Fichte. Von den Naturwissen- schaftlern ist Karl Vogt bereits erwähnt. Ein anderer be- deutender Zoologe Rudelf Leuckart wirkte in Gießen 1850 bis 1869. Als namhafter Botaniker ist Hermann Hoffmann, in Gießen von 1842—1891, hervorzuheben. Besonders aber den Lehrstuhl für Physik haben in den letzten beiden Dezennien eine ganze Reihe weithin bekannter Gelehrten inne gehabt. Es waren hintereinander: Wilhelm Konrad Röntgen(1879—1888), jetzt in München, Franz Himstedt(1888—1895), jetzt in Freiburg i./B., Otto Wiener(189599), jetzt in Leipzig, W. Wien(1899-1900), jetzt in Würzburg, und Paul Drude(} 1906 in Berlin). Aus der Zeit, wo Gießen noch eine Architekturabteilung hatte, sei Hugo von Rittgen, der 1834 Professor wurde und 1889 in Gießen starb, erwähnt. Rittgen war der bekannte Wiederhersteller der Wartburg. Bedeutsam als Technologe war auch Professor Friedrich Ludwig Knapp(1814-1904), der 1838 bis 1853 in Gießen. lehrte. Er ist der Vater des berühmten Straßburger Nationalökonomen Georg Friedrich K,, der 1842 in G. ge- boren wurde. Auch Friedr. Heinzerling(1824—1906), ein hervor- ragender Brückenbauingenieur, war von 1864 bis 1869 Gießener Professor.— Ueberblickt man die Veränderungen im Lehrkörper der Ludoviciana in den letzten Jahrzehnten, so ist nicht zu ver- kennen, daß Gießen, ähnlich wie früher die schweizerischen Universitäten, namentlich Zürich und Basel, für jüngere tüchtige Gelehrte vielfach nur ein Durchgangsstadium bildete. Die Landesuniversität mußte neu gewonnene Lehrkräfte nach kurzer Zeit an größere Schwesteranstalten wieder abgeben. Der Wechsel in den einzelnen Fächern war ein sehr verschiedenartiger und auch bei demselben Fach bald größer, bald geringer. Es hängt das nicht nur mit der Entwicklung der einzelnen Disziplinen und ihres Nachwuchses, mit dem Aufkommen herrschender Schulen usw. zusammen, sondern auch mit privatwirtschaftlichen Verhältnissen.- Die dienstlichen- Bezüge der deutschen Uni- versitätsprofessoren sind so verschiedene, daß es wohl begreiflich erscheint, daß Dozenten, die nicht über erhebliches Die Universität. 18 Privatvermögen verfügen, dahin gehen, wo ihnen die höchsten Einnahmen winken. Das dienstliche Einkommen wird— freilich früher mehr als jetzt— vom Kollegienbesuch, d. h. von der Frequenz, bestimmt. Bei den Klinikern kommen ferner die konsultative Praxis in Frage, bei den naturwissenschaftlichen Fächern überhaupt die Größe und Ausstattung der Institute. Schließlich sind auch die Behaglichkeit des Domizils, die kollegialen Beziehungen, das Maß der Selbstverwaltung und die Behandlung von oben herab gewichtige Faktoren. Alle genannten Momente waren in Gießen in der neueren Zeit günstigere geworden und wirkten auf eine größere Seßhaftig- keit der Dozentenschaft, was unzweifelhaft auch im Interesse der Studierenden ist, zurück. Man darf mit Genugtuung kon- statieren, daß es in den letzten Jahren öfters vorgekommen ist, daß Gießener Ordinarien Rufe an größere Universitäten, selbst wenn sie in finanzieller Hinsicht verlockend waren, ab- gelehnt haben. Statistisch bemerkenswert dürfte ferner die Tat- sache sein, daß solche Professoren erheblich weniger Aussicht hatten, nach auswärts berufen zu werden, die in Gießen von unten nach oben aufgerückt waren, während jüngere Kräfte, die man von auswärts bezog und so vorpatentierte, besondere Chancen hatten, wieder wegberufen zu werden. Auch das spricht für das Emporblühen der Ludoviciana, daß in den letzten Dezennien wiederholt Professoren angestellt worden sind, die schon auswärts Ordinarien waren. Das ist früher so gut wie nicht vorgekommen. Auf die Frequenz der Universität haben auch organisatorische Veränderungen günstig eingewirkt, wenigstens soweit, als die tatsächliche Freizügigkeit der Studierenden durch die Studien- ordnung gewährleistet war. Gießen ist zwar in erster Linie Landes- universität, es studieren deswegen dort vorwiegend Landeskinder. Die Prüfungsordnungen zwingen sie ja in gewissem Umfange dazu. Dieser landsmannschaftliiche Charakter tritt nirgends klarer hervor, als in den Mitgliederbeständen der studentischen Korporationen. Die Nichthessen sind etwas stärker in der Finkenschaft vertreten und natürlich in solchen Fächern, die eine reichsrechtliche Ordnung des Prüfungswesens haben, oder aber da, wo der Student nach absolviertem Studium in private Stellungen einzutreten entschlossen ist. In ersterer Hinsicht kommen die Mediziner, die Veterinärmediziner und ein Teil der Chemiker in Frage; in letzter Hinsicht neuerdings die Landwirte. Die theologische und juristische Fakultät weist den geringsten Prozentsatz der Nichthessen auf; die medizinische, und unter ihr besonders die veterinärmedizinische Abteilung, den größten Zugang nichthessischer Reichsdeutscher. Die Zahl der Studierenden, die aus dem Auslande stammen, ist ver- hältnismäßig gering. Neuerdings, wie überall, haben freilich die Russen stark zugenommen, namentlich in der philosophischen Fakultät. Die verhältnismäßig stärkste Zunahme überhaupt wiesen die Veterinärmediziner auf und ganz neuerdings die Landwirte. Letzteres hängt nachweislich mit der Einführung von Staats- und Diplomprüfungen nach preußischem Muster (1904) zusammen. Die in Gießen studierenden Landwirte haben jetzt die Zahl 50 erreicht. 78* Die Universität. Von 1837 bis 1874 versah die Universität auch die Funktionen einer technischen Hochschule des Landes. Auch diese Pro- fessuren waren in der philosophischen Fakultät eingegliedert, und deswegen war Gießen in jener Zeit die einzige deutsche Hochschule, in welcher die Techniker und Ingenieure mit tech- nischen Hauptfächern ebenso die philosophische Doktorwürde erwerben konnten, wie bis heute die Forstleute in ihrem Fach. Es war also den Polytechnikern allein in Gießen im Gegensatz zum übrigen Deutschland die Möglichkeit der Promotion ge- geben. Nach der Gründung der technischen Hochschule in Darmstadt(1877) schieden die betreffenden Fächer aus dem Gießener. Lehrplane aus. Eine weitere Besonderheit Giebens ist die organische Verbindung der Universität mit dem Vete- rinärstudium. Die Tierarzneikunde war schon in der früheren ‚Oekonomischen Fakultät“ durch einen besonderen Lehrstuhl vertreten. Seit 1828 besteht dort das Veterinärstudium un- unterbrochen, und Gießen ist die einzige Hochschule Deutsch- lands, in der Tierarzneistudenten zum Dr. med. vet. pro- moviert werden können. In den letzten Jahren sind die. Lehr- kräfte der Veterinärwissenschaft so erheblich vermehrt worden, daß man eine besondere Abteilung der medizinischen Fakultät, das„Veterinär-medizinische Kollegium“, schaffen konnte, und da gleichzeitig und zum Teil schon früher die Frequenz des.veterinär- medizinischen Studiums rapide stieg, stellte sich die Notwendiekeit heraus, sämtliche Institute dieses Faches zu vergrößern und neu zu bauen. Die Zahl der Vete- rinärstudenten hat bis in die 60er Jahre nur ein einzigesmal die Ziffer 20 überschritten. Von da bis in die 80er Jahre ist der Semesterdurchschnitt sogar nur 12. Von Mitte der 90er Jahre steigt die Frequenz indessen ganz ungewöhnlich und überflügelt zeitweise sogar die der Menschenmediziner. Die höchste Ziffer(176) wird im Sommersemester 1902, in dem die Universität die Ankunft des 1000. Studenten feierlich beging, erreicht. Seither ist wieder ein Rückgang zu verzeichnen, der unzweifelhaft auf die neue Prüfungsordnung, die das Reife- zeugnis vorschreibt, zurückzuführen ist. In diesem Sommer- semester ist die Zahl der Veterinäre 113(3600 weniger als 1902). Die neuen großartigen Veterinäranstalten, die über 600 000 Mark gekostet haben, sind in den Jahren 1905 und 1906 bezogen worden. Sie liegen in nächster Nähe des neuen klinischen Viertels und gelten als mustergültig. Die Universität Gießen hat die Eigentümlichkeit, daß die Lehrgebäude und Institute auf drei voneinander weit abliegende Quartiere verteilt sind: der modern aufstrebende und besonders gesunde Seltersberg jenseits der oberhessischen Bahnen, der altehrwürdige Brandplatz mit seiner historisch interessanten Um- gebung, der ursprüngliche Sitz der Universität, und zwischen beiden liegend die Stephansmark. mit dem Auditoriengebäude und im Hintererunde, bezw. daneben, mit der Bibliothek, dem physikalischen, physikalisch-chemischen und dem chemischen Institut. Etwas abseits liegt nur das pharmakologische In- stitut. Alle übrigen medizinischen Institute mit Ausnahme des physiologischen Instituts liegen an der Frankfurter Straße auf der Seltershöhe, bezw. am Bahnhof. Die neuen klinischen In- Die Universität. 79 stitute, Medizinische und Frauen-Klinik, sınd 1890 dem Betrieb übergeben worden und haben einschließlich der Kosten für das Pathologische Institut und verschiedene Ergänzungsbauten (neuerdings die noch nicht vollendete Erweiterung der Frauen- Klinik, für die 182 000 Mk. vorgesehen sind) einen Aufwand von rund 1,8 Millionen Mark verursacht. Nicht viel weniger kosteten die neue chirurgische und die ophthalmologishe Klinik, die noch in diesem Jahre bezogen werden sollen... In die sogenannten „Alten Kliniken‘ werden dann, sobald sie frei sind, die neue Haut-Klinik und die Klinik für Ohrenkrankheiten gelest. In dem Kliniksviertel liegen ferner die psychiatrische Klinik, 1896-99 mit einem Kostenaufwand von°/, Millionen errichtet, und das hygienische Institut(1898), das 150000 Mark gekostet hat. Am Bahnhof steht das anatomische Institut, das sein altes, sehr un- scheinbares Heim mit dem zoologischen Institute teilt. Abseits von diesem ausgesprochen medizinischen Viertel, das dem ganzen Stadtteil sein Gepräge aufdrückt, liegt das pharmakologische In- stitut, das rund 40000 Mark gekostet hat, und das alte physio- logische Institut, das zu dem sogenannten Brandviertel gehört. Medaillen der ersten Hundertjahrfeier der Universität \ An dieses Institut schließt sich das landwirtschaftliche, das 1906 neue Räume erhielt. Gegenüber liegt der große und schöne botanische Garten, einer der ältesten Deutschlands, mit einem neuen großen Treibhause, das 1904 in Benutzung genommen worden ist. Durch die Verlegung der Bibliothek in den vor- nehmen Neubau, der über 500000 Mark gekostet hat und anläßlich des Festes zum 400 jährigen Geburtstage Philipps -des Großmütigen eingeweiht wurde, wurde ein geräumiges Ge- bäude, das in anspruchsloseren Zeiten die Gesamtuniversität beherbergen mußte, frei. Es wurde umgebaut, so daß das botanische Institut sich dort ausdehnen konnte. Aus dem Auditoriengebäude wurde dann dorthin das ‚geographische, geo- dätische und mathematisch-physikalische Institut gelegt. Im Kollegienhause sind jetzt noch außer den Seminarien der Theo- logen, Juristen, Philologen, Historiker, Philosophen und dem staatswissenschaftlich-statistischen Seminar das mineralogische Institut, das Forstinstitut und das archäologische Institut. Das Kollegiengebäude, ein schmuckloser, billiger(425 000 Mark) IE Die Universität. /weckbau, der auf die Dauer dem steigenden Bedürfnis kaum mehr recht entsprechen wird, hat jetzt mit einem Kostenaufwand von über 120000 Mark einen Anbau für die neue„Grosse Aula“ erhalten. Sie wird bei Gelegenheit des Jubiläums ein- geweiht werden. Hinter dem Kollegiengebäude liegt der statt- liche Neubau des physikalischen Instituts, das eine halbe Million gekostet hat und Anfang 1900 eingeweiht worden ist. In dem einen größeren Flügel ist die physikalische Abteilung, in dem andern die physikalisch-chemische untergebracht. Neben dem Kollegiengebäude steht das chemische Laboratorium, 1892—1893 errichtet. Es hat ungefähr eine viertel Million gekostet. In den beiden letzten Dezennien hat also der hessische Staat ganz ge- waltige Summen, namentlich für naturwissenschaftlich-medizi- nische Anstalten, ausgegeben. Die Gesamtsumme stellt sich auf annähernd 6 Millionen Mark. Diesen steigenden Ausgaben ent- sprechen sowohl die Verschiebungen in der Frequenz der Univer- sität, wie die Vermehrung des Lehrkörpers und die Jahres-Aus- gaben des Staats im Ordinarium. Es war schon darauf hinge- wiesen, daß im Sommer 1902 zum erstenmal die Zahl der Stu- dierenden sich über 1000 stellte. In der ganzen langen Zeit von 1840 bis in die 90 er Jahre hinein wird in einem einzigen Semester die Zahl 600 überschritten. Jahrzehnte lang ist die Frequenz zwischen 300 und 400, das fünfte Hundert wird dann seit Mitte der 80er Jahre bis Mitte der 90er Jahre konstant. Die nächsten Jahre bringen das sechste Hundert, 1898 das siebente, 1900 das achte, 1901 das neunte Hundert und 1902 die Tausend. Im Jubiläumssemester, Sommer 1907, ist dann die Frequenz sogar auf 1192 gestiegen. Die Studentenzahl verteilt sich auf die einzelnen Fakultäten wie folgt: Theologische Fakultät 72, Juristenfakultät 169, medizinische Fakultät 300,(darunter 113 Vete- rinäre) und philosophische Fakultät 651. Von den immatriku- lierten Studierenden sind 768 Hessen und 324 Nichthessen; von den Nichthessen sind 86 Ausländer. Der Personalbestand weist außerdem 10 Hospitantinnen auf. Hörer und Hörerinnen, die Vorlesungen besuchen, gibt es 64. Die kleinste Fakultät ist also die theologische, dann kommt die juristische, dann die medizinische mit zwei Drittel Nicht- hessen und endlich die philosophische, die beinahe ebenso eroß ist, als die drei andern Fakultäten zusammen. In ihr nicht mehr vertreten sind die Kameralisten. Dafür ist das Fach der Nationalökonomie integrierender Teil des juristischen, forstwissenschaftlichen und landbauwissenschaftlichen Unter- richts geworden. Die Juristen und Forstleute werden auch in der Finanzwissenschaft schriftlich und mündlich geprüft. Die Zahl der Forstleute ist neuerdings etwas zurückgegangen, auf die Zahl 37. Im Gegensatz hierzu nehmen die Landwirte stark zu, gegenwärtig sind 50 immatrikuliert. Fast die Hälfte von ihnen sind jetzt Nichthessen. In sechs Semestern hat sich die Zahl der Landwirte versechsfacht. Wenn nicht alle Zeichen trügen, setzt hier eine Entwicklung ein, wie früher bei den Veterinären. Auf die anderen naturwissenschaftlich-mathemati- schen Fächer kommen jetzt 298 Zuhörer. Auf der andern Seite ist besonders stark der Andrang zum Studium der neueren Philologie. Mehr als ein Sechstel der Neu-Immatrikulierten Die Universität. [ee] oO haben dieses Fach, dem sich im laufenden Semester 152 Stu- dierende widmen, gewählt. Nach ihrer gegenwärtigen Zusam- mensetzung trägt also die philosophische Fakultät vorwiegend den Charakter einer Doppelabteilung, einer größeren natur- wissenschaftlich-mathematischen und einer kleineren neu-philo- logischen. Die Altphilologen, Historiker und Philosophen treten weit zurück. Indessen sind die amtlichen statistischen Ziffern, die das gewählte Hauptfach angeben, insofern nicht unbedingt zuverlässig, weil die betreffenden Angaben von den Neu- Immatrikulierten selbst gemacht werden, das Studium aber später mancherlei Aenderungen erfährt. Bei den nichthessischen Stu- dierenden überwiegen bei weitem die Preußen(237). Auf die Ausländer kommen allein 68 Russen, dreimal soviel als aus allen übrigen ausländischen Staaten zusammen. Im weiten Ab- stand von Rußland kommen Oesterreich-Ungarn(8) und Japan(5). Großbritannien, das zu Liebig’s Zeiten das Haupt- kontingent der Ausländer stellte, ist in diesem Sommersemester gar nicht mehr vertreten. Auch der Lehrkörper hat sich fortgesetzt vermehrt. An Ordinarien zählt jetzt die Universität 45. Dazu kommen an etatsmäßigen Honorarprofessoren und außerordentlichen Pro- fessoren 7, an nichtetatsmäßigen 10 und an Privatdozenten 18. Außerdem sind ein Repetent der theologischen Fakultät, ein Assistent der juristischen Fakultät, und in der philosophischen Fakultät zwei Lektoren und ein mit Lehrauftrag versehener Musik- direktor angestellt. Der gesamte Lehrkörper umfaßt also 85 Per- sonen. An Assistenten, die z. Z. aber auch dem Lehrkörper angehören, führt das Personalverzeichnis etwa 60- an. Interessant dürften einige Vergleiche mit früheren Zeiten sein. Vor 50 Jahren gab es in Gießen 59 Dozenten und 343 Stu- dierende, darunter 100 Mediziner, 108 Philosophen, 49 Juristen, 46 Theologen und 40 Kameralisten. Noch besser aber be- leuchtet die Entwicklung der Universität die Erhöhung der Zuschüsse des Staats zu den ordentlichen Ausgaben für die Universität. 1828 betrug der Staatszuschuß 58000 Mark, 1864 141 000 Mark, 1879 270000 Mark, 1882 322000 Mark, bis 1895 verdoppelt er sich(641 000 Mark), und 1907, im Jubiläums- jahr, hat er sich beinahe verdreifacht. Der jetzige Zuschuss beträgt nämlich budgetmäßig 937 000 Mark. Die Gesamtaus- gaben sind im Voranschlag mit 1273 000, die Einnahmen(im wesentlichen Klinikgelder) mit 435 000 Mark vorgesehen. Diese Zahlen sprechen für sich selbst. Sie beweisen, was ein kleiner Kulturstaat an finanziellen Opfern für eine blühende Hochschule zu bringen gezwungen ist. Die Gießener Universität ist nicht nur in den meisten ihrer Teile modern eingerichtet, sondern es herrscht in ihr ein freier, unabhängiger und wissenschaft- licher Geist. Sie ist zwar vorwiegend eine ruhige Arbeitsuniversität, daher auch die geringen Schwankungen in der Sommer- und Winterfrequenz. Sie erfreut sich in der Verwaltung einer weit- gehenden Autonomie in einem Umfange, wie man sie anderswo kaum finde. Das Vorschlagsrecht der Fakultäten und des Gesamtsenats wird von der Staatsregierung grundsätzlich an- erkannt, was unzweifelhaft für alle Teile nur von Vorteil sein 80* Die Universität. kann. Für einen engen Zusammenhang der Fakultätskollegien untereinander sorgt die verfassungsmäßige Bestimmung, daß alle Berufungs- und sonstige wichtige Angelegenheiten durch den Gesamtsenat, dem alle ordentlichen Professoren angehören, gehen müssen. Die reinen Verwaltungsangelegenheiten werden da- gegen durch den Engeren Senat, der mehr Arbeit als manche andere Selbstverwaltungsbehörde des politischen Lebens zu bewältigen hat, besorgt. Kurz gesagt, die Ludoviciana ist wirklich eine Art von Gelehrtenrepublik. Früher waren das die Uni- versitäten ganz allgemein. Das große Vertrauen, das man ihr von seiten der Staatsregierung entgegenbringt, zeigt sich auch darin, daß das gesamte Prüfungswesen frei von jedem obrigkeitlich-bureaukratischen Eingriff ın die Hände von Uni- versitätsorganen gelegt und den neuzeitlichen Anforderungen entsprechend ausgestaltet worden ist. Wenn auch die Gießener Hochschule, wie schon hervor- gehoben, eine sog.„Arbeitsuniversität‘ ist, so kommt doch dabei das frische, ungezwungene von Protzerei und Engherzig- keit freie studentische Leben, ohne das man sich eine gesunde deutsche Universität nicht gut denken kann, nicht zu kurz. Die studentischen Korporationen aller Art sind in Blüte und haben keine Sorge, daß der zukünftige Nachwuchs ausbleiben könnte. Eine Reihe Verbindungen besitzt eigene schmucke Heime, und die Feste aller Korporationen lehren, wie innig der Zusammenhang der Alten Herren mit den Aktiven ist. Das Verhältnis der Studentenschaft zu der Bürgerschaft ist das denkbar beste, und das gleiche gilt von der Gesamtuniversität zu den Behörden, namentlich zu dem Offizierkorps des in Gießen garnisonierenden Kaiser-Regiments. N./ Universitäts-Wappen Geschichte der Garnison Gießen. Von Major Rud. Mohr. y Die kriegsgeschichtlicheVer- gangenheit Gießens und seiner Umgebung reicht weit, bis in die Zeit der Weltherrschaft Roms, zurück. Zwar dehnte sich damals an Stelle der heute blühend daliegenden Stadt nur ein großer Sumpf aus, gebildet durch Wieseck und Lahn, dicht umgeben von mächtigen, zu- sammenhängendenWaldungen, aber das Geklirr der Waffen und das Geschick des Krieges haben auch die in ihnen zer- streut liegenden Siedelungen schon früh kennen gelernt und empfinden müssen. Nähere Nachrichten fehlen hierüber, die Gräberfunde, die besonders Se. Majestät Kaiser Wilhelm IT. zahlreich in unmittelbarer Nähe ee Gießens auf dem Trieb und in der Sandgrube an der Straße nach Rödgen gemacht worden sind, reden allein eine beredte Sprache über die graue Vorzeit. Durch sie ist festgestellt, daß etwa im 3. und 4. Jahrhundert v. Chr. der germanische Stamm der Chatten das Land zwischen Lahn und Main in Besitz ge- nommen hat. Noch heute bewohnt er dies Gebiet und ist ihm in Frieden und ‚Krieg treu geblieben. Die ersten Nachrichten, die das heutige Gießen und seine Umgebung berühren, stammen aus den Kämpfen Cäsars 53 v. Chr. mit den nach dem Rheine drängenden germanischen Völkermassen, zu denen auch die Chatten gehört haben, und aus den Vorstößen des großen römischen Feldherrn über den Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 6 3 Geschichte der Garnison Gießen. Rhein in das Innere Germaniens bis in unsere Gegend. Doch vergeblich waren seine und seiner Nachfolger Bemühungen. Die Chatten blieben in ihrer unverbrauchten Kraft unruhige Nachbarn, die auch einzelne Erfolge der römischen Waffen nicht zur Unterwerfung zwingen konnten. Besonders erwähnens- wert sind die Feldzüge des Drusus und Germanikus, vom letz- teren hauptsächlich der zweite im Jahre 15 n. Chr. unter- nommene, der über die Gegend des heutigen Gießen bis an die Edder führte, und der im Jahre 70 n. Chr. begonnene Feldzug des Kaisers Domitian, der mit der Besetzung eines großen Teils des chattischen Gebiets und der Anlage eines Grenzschutzes, des limes, mit ständiger Besatzung endete. Noch heute läßt sich südlich von Gießen, auf dem Steinberg bei Grüningen, deutlich seine Anlage, die den nördlichsten Punkt dieser großartigen, 550 Klm. langen Grenzwehr bildete, er- kennen. Der Verfall des römischen Reiches und die Ueberrennung des limes durch die Germanen läßt für das 5., 6. und 7. Jahr- hundert jede Nachricht über die Chatten und somit auch über unsere Gegend verstummen. Erst im 8. Jahrhundert tauchen sie wieder unter dem Namen der ‚Hessen‘ in der Geschichte auf und zwar eng verbunden mit der Frankenzeit und ihren großen Herrschern. So werden in Urkunden zu Karl des Großen Zeit 775 und 817 die Wiesecker Mark, die Dörfer Selters, Krof- dorf und Achstadt erwähnt, und mehrfach haben des Kaisers Züge gegen die Sachsen die hiesige Gegend berührt. Etwa in das Jahr 910 fällt die Erbauung der Burg Gleiberg(Gliz- berg) durch Graf Otto, den Bruder König Konrad I. des Saliers, deren mächtige Reste noch heute von dem Glanze der dort regierenden Geschlechter erzählen. Ihnen ist auch die Ent- stehung der Stadt Gießen zu danken, deren Kristallisations- punkt die zum Schutze des neuentstandenen Klosters Schiffen- berg etwa in den Jahren 1130—1150 angelegte Wasserburg „zu den Gysen‘“(genannt nach den Bächen, Giesen) bildete. Sie war gewissermaßen das Bindeglied zwischen dem Glei- berg und ihren südlich der Lahn gelegenen durch das weite Sumpfland getrennten Besitzungen, und um sie gruppierte sich im Laufe der Zeit das aus den Dörfern Selters, Kropbach und Achstadt entstehende Gießen. Wechselvoll und mannigfaltig sind nun die Geschicke der neuentstandenen Stadt. Von 1219—1264 durch Heirat an die Tübinger Pfalzgrafen gefallen, ging Gießen 1265 durch Kauf an Landgraf Heinrich I. über, der mit dem Erwerb politische Zwecke Geschichte der Garnison Gießen. [0 0} & gegen seinen Hauptfeind, den Erzbischof von Mainz, verband. Dadurch kam es, daß die Stadt fast unausgesetzt in die krie- gerischen Ereignisse zwischen Hessen und Mainz verwickelt wurde und schwer unter innen zu leiden hatte. 1280 bereits lagerte das erzbischöfliche Heer vor Gießen, ringsum alles, besonders das Busecker Tal, verwüstend. Die Stadt selbst konnte jedoch nicht genommen werden, ein Beweis, daß sie schon damals eine den Zeitverhältnissen entsprechende starke Befestieung besaß. 1327 dagegen wurde Gießen von den Mainzer Truppen nach zehnwöchiger Belagerung erstürmt und furchtbar behandelt, so furchtbar, daß die Bürger über ihre Würger herfielen, einen großen Teil erschlugen und den Rest aus der Stadt verjagten. Auch mit den Grafen von Nassau lag der Landgraf in fort- gesetzter Fehde, die zum großen Teil das Gießener Gebiet berührte und demselben übel mitspielte. Ebenso mit den Ritter- gesellschaften, die sich damals überall in deutschen Landen gebildet hatten, ein richtiges Zeichen der Zeit, d. h. des Faust- rechts, in der nur das Recht des Stärkeren blühte. Es waren hauptsächlich der Bund der Sterner(Abzeichen ein goldener Stern) und der alten Minne(Freundschaft), die 1370 und 1377 das Amt Gießen mit Mord und Brand verwüsteten. 1401—05 folgten neue Kämpfe mit Mainz, die abermals in Gießens Um- gebung blutige Furchen zogen und die neu entstandenen Dörfer Heuchelheim und Rodheim wiederum in Schutt und Trümmer legten. Es sah übel aus damals in Hessen und speziell in Gießens Umgebung, und ein großes Glück war es, daß endlich eine lange, fast zwei Jahrhundert dauernde Friedenszeit ein- trat, die dem Lande gestattete, die geschlagenen Wunden zu heilen. Kleinere Fehden werden ja wohl stets ausgefochten worden sein, dafür sorgte schon die unruhige Ritterschaft, der Kampf und Streit zum förmlichen Beruf geworden war, aber größere, landverwüstende Kriege blieben der Gegend erspart. Auch der Deutschland in seinem Innersten bewegende Bauern- krieg fand, abgesehen von lokalen Unruhen, in Oberhessen keinen Wiederhall, und selbst das Unglück Philipp des Groß- mütigen im Schmalkalder Krieg und seine Gefangennahme bei Mühlberg 1547 zog Gießen nur dadurch indirekt in die Kriegs- verwicklungen, daß seine erst 1530 angelegten starken Befesti- gungen geschleift werden mußten. Sie wurden aber 1560 groß- artiger denn je erneuert und 1585 mit dem Bau des Zeughauses zur Unterbringung der berühmten Artillerie Philipps begonnen, der heutigen Zeughauskaserne. 6° 84 Geschichte der Garnison Gießen. Der 30 jährige Krieg brachte bereits im Jahre 1621 der Gießener Gegend schweres Unheil. Der Herzog Christian von Braunschweig fiel auf seinem Hülfezug für den geächteten und geschlagenen Böhmenkönig, alles verwüstend und ver- nichtend, in Hessen ein und lagerte lange Zeit im Busecker Tal vor Gießen. Erst Mitte Dezember wich er vor herannahen- den Tillyschen Truppen, zu denen auch Hess. Darmst. Landvolk, die Stammtruppenteile des I.-R. 115 in Darmstadt, gehörten, nach der Ohm zurück, wo er am 20. Dez. bei Kirtorf ge- schlagen wurde. Irrtümliche Ansichten und Auffassungen haben dieses Gefecht bisher nach Großen-Buseck verlegt. Die nun folgenden Jahre brachten entsetzliches Elend über ganz Hessen und so auch Gießens Umgebung. Etwa 80 mal rückten feindliche und freundliche Truppen in die Ortschaften um Gießen herum ein, nichts hinter sich lassend wie Leichen, Schutt und Trümmer. Es war unmöglich auf dem flachen Lande zu leben, alles ballte sich in den wenigen geschützten Städten zusammen. Und hier wütete bald genug die Pest! Zu dem 30 jährigen Krieg kamen noch innere Verwicklungen, der sogen. Hessenkrieg um die Marburger Erbschaft, Kassel gegen Darm- stadt, die erst recht das unglückliche Land verwüsteten. Ihnen fiel auch am 6. Juni 1646 der Gleiberg zum Opfer, der durch den Kasseler General Geiso belagert und eingenommen wurde; was Fremden nicht geglückt war, geschah durch stammverwandte Hände. Das Wahrzeichen hessischer Geschichte ging durch Hessen in Flammen auf. Auch Gießen hätte beinahe das- selbe Geschick gehabt, und nur die Wachsamkeit seiner Bürger vereitelte den Versuch des schwedischen Generals Wrangel, die Stadt durch einen Handstreich zu nehmen. Die Leiden, die über die nähere Umgebung Gießens in diesen Jahren ver- hängt wurden, sind unsagbar und nicht zu schildern; das Land war eine vollständige Wüste geworden, und Gießen, die durch Wall und Gräben geschützte Stadt, hatte beim Friedens- schluß noch 410 Bürger! Schwer und kaum heilbar erschienen die Wunden, die der 30 jährige Krieg Hessen und ganz Deutschland geschlagen hatte, und kurz nur war die Ruhezeit, die dem Lande zur Erholıg vergönnt war. Schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts brachen neue Kriegsstürme herein, die bis in das 19. Jahrhundert hinein dauerten und Gießen und seine Umgebung jahrelang zum Tummelplatz feindlicher Heere machten. 1745 im öster- reichischen Erbfolgekrieg trafen etwa 8000 Mann hannöverscher Infanterie und Kavallerie als Verbündete Oesterreichs bei Gießen SUIO9SEY-Sneyonaz a een s6 Geschichte der Garnison Gießen. ein, wo sie vom Februar bis 11. März blieben; schon damals erschienen auch französische Streifparteien vor den Toren der Stadt. Mitte Juni rückte die sogenannte pragmatische Armee unter Kommando des Grafen Batthyany, etwa 40000 Mann stark, auf ihrem Durchmarsche nach der Kinzig in die Ort- schaften um Gießen herum ein und stellte große Anforderungen an das Land und die Stadt hinsichtlich der Verpflegung. Das waren aber Kleinigkeiten im Verhältnis zu den nun kommen- den Jahren des siebenjährigen Krieges, in denen unsere Stadt und Gegend, ohne Unterbrechung, jahraus, jahrein, sich von feindlichen und freundlichen Truppen überflutet, ausgesogen und bedrückt sah. Bereits 1757 marschierten 28 Bataillone und 16 Eskadrons der französischen Armee unter Marschall Richelieu an Gießen vorbei und lagerten mehrere Tage im Busecker Tal; die geforderte Uebergabe der Festung wurde ihnen verweigert, trotzdem sie diesmal als Verbündete des Landgrafen von Hessen- Darmstadt, der auf Kaiserlicher, preußenfeindlicher Seite, stand, kamen. In Gießen stand damals das Kreisregiment Prinz Georg Wilhelm in Garnison, 4. Musk. und 1 Grenad.-Komp. nebst zwei Geschützen, gleich 625 Mann, stark. Die Uniform war blau mit Ziegelrot und Silber und weißer Weste.(,Kreis- Regimenter‘ hießen die Kontingente, welche die in zehn Kreise eingeteilten Staaten und Stände zu der sogen. Reichsarmee stellten.) Das Regiment nahm an der Schlacht bei Roßbach am 5. Nov. 1757 teil und hat sich dort nach dem preuß. Gen.-Stabs.- Werke brav gehalten; es gehörte zu den wenigen Truppen, die geordnet und nicht in wilder Flucht das Schlachtfeld verließen. Das Jahr 1758 brachte Gießen in französische Gewalt. Am 16./17. Juli erschien der Prinz von Soubise mit 36000 Mann vor der Festung Gießen, nachdem seine Vortruppen schon am 21. Juni bei Alten-Buseck und am 14. Juli bei Sicherts- hausen mit den vorgeschobenen Abteilungen der preußischen alliierten Armee des Herzogs von Braunschweig lebhafte Schar- mützel gehabt hatten. Das Land, besonders die Gegend zwischen Marburg und Kassel hatten wieder entsetzlich hierbei zu leiden. Am 16. November wurde Gießen den Franzosen übergeben; der Schein der Gewalt sollte gewahrt bleiben, und so erfolgte die Kapitulation der Festung auf sieben vom Seltersberg aus abgegebene blinde Kanonenschüsse. Die Stadt wurde mit zwei Regimentern besetzt und bildete bis zum Ende des 7 jährigen Krieges einen wertvollen Stützpunkt für die französischen Ar- meen. Anfang Juni 1759 standen wiederum 57 Bataillone und Geschichte der Garnison Gießen. 87: 40 Eskadrons der Franzosen bei Gießen versammelt, in Wieseck befand sich das Hauptquartier des Marschall Condates. Auch nach dem Abmarsch dieser Armeen blieb Gießen stark besetzt und bildete nach der französischen Niederlage bei Minden am 1. August 1759 den Sammelplatz der zurückflutenden Fran- zosen. Die alliierte Armee folgte am 10. Sept. bis an das rechte Lahnufer und nun standen sich die beiden Heere nur durch den Fluß getrennt bis zum 5. Dez. fast untätig gegen- über; in beiden Lagern wurde stark geschanzt, und noch heute sieht man die deutlichen Spuren der französischen Ver- schanzungen im Philosophenwald(viereckiger Platz bei der Wirtschaft mit Wall und Graben), auf dem vergrößerten Teil des Exerzierplatzes(Geschützlager) und auf dem Höhenzug, der sich westlich von Klein-Linden bis zur Heuchelheimer Brücke hinzieht, die der Alliierten auf den Höhen des Glei-, Vetz- und Dünsbergs, sowie im Atzbacher Walde(alte Schanze) und bei Wißmar und Rodheim. Am 5. Dez. zog die französische Armee auf Butzbach ab und Gießen wurde nunmehr von Herzog Ferdinand von Braunschweig vergeblich blockiert. Die Festung war hauptsächlich der Ueberschwemmung halber nicht zu nehmen, und so räumte der Herzog am 24. Dez. das linke Lahnufer und am 4. Januar seine ganze Stellung überhaupt. 1760 sammelte sich die französische Armee im Juni wieder- um bei Gießen, dessen Umgebung die drückendsten Einquar- tierungslasten zu tragen hatte, desgl. im März 1761, wo es zu lebhaften Kämpfen mit dem Erbprinzen von Braunschweig bei Stangenrod, Queckborn und Grünberg kam. Bei letzterem Ort erlitt der Erbprinz eine bedeutende Niederlage, die ihm nach eigener Angabe 11 Kanonen, 19 Fahnen und 1500—2000 Mann kostete. Im Jahre 1762 rückte die französische Armee unter dem Prinzen Cond& vom Nieder-Rhein her abermals in Hessen ein, lagerte am 6. August zwischen Gießen und Alten-Buseck und ging am 8. August bis an die Ohm vor. Am 21. August wurde ihre linke Seitendeckung bei Bernsfeld vom Erbprinzen von Braunschweig und ihre rechte bei Ruppertenrod durch . General v. Luckner geschlagen; infolge dessen hielt Conde den feindlichen Angriff am 22. August trotz seiner stark be- festigten Stellung bei Grünberg nicht aus, sondern zog über Steinbach, Großen-Buseck auf Grüningen ab, wo er sich auf dem Südhange des großen Steinbergs hinter dem Pfahlgraben verschanzte. Seine zwischen Grüningen und Holzheim liegen- den Vortruppen wurden am 24. August abends durch die e 1 b ee Ei>" s8 Geschichte der Garnison Gießen. Artillerie des Erbprinzen von den Eberstädter Höhen aus heftig beschossen; am 25. August früh erfolgte der Angriff des Erb- prinzen durch Grüningen gegen die Höhe des Wartberges in der Annahme, daß nur schwächere feindliche Kräfte gegen- überständen. Bereits der erste Stoß der Avantgarde scheiterte aber an dem starken Artilleriefeuer, das dem Angreifer ent- gegenschlug, und sofort die Hälfte seiner Geschütze gebrauchs- unfähig machte. Unter verhältnismäßig bedeutenden Verlusten ging der Erbprinz auf die Höhen zwischen Arnsburg und Muschenheim mit klingendem Spiele zurück, ohne daß der Gegner folgte. Derselbe zog vielmehr nach Nauheim ab, um dort die Vereinigung mit seiner Hauptarmee zu suchen, der Versuch des Erbprinzen, diese zu verhindern, scheiterte eben- falls; er wurde am 30. August bei seinem Angriff auf den Johannisberg bei Nauheim mit einem Verlust von 55 Offizieren, 1373 Mann und 10 Geschützen zurückgeschlagen und selbst schwer verwundet. Am 9., 10. und 11. September kam es noch zu lebhaften Rückzugsgefechten bei Villingen, Laubach und Stangenrod, das letztere gab zu einer schönen Waffentat der Hessischen Dragoner Veranlassung, die rücksichtslos attackierten, um ihrer bedrängten Infanterie Luft zu machen, und damit einen vollen Erfolg erzielten. Das Ende des siebenjährigen Krieges brachte Gießen die Erlösung von seinen„Freunden“. Die Franzosen räumten am 23. Dezember die Festung und die schwer bedrückte, aus- gesogene Gegend konnte von Neuem anfangen, das Zerstörte aufzubauen. Aber nur wenige Jahre dauerte die Ruhe. Schon 1790 marschierte eine Kaiserliche, 1792 eine preußische Armee und 1793—95 fast unausgesetzt„coalierte“ Truppen im Kampfe gegen die junge französische Republik durch unsere Gegend. 1792 waren auch die Franzosen wieder da und nahmen nach heftigem Gefecht mit der schwachen hessischen Schutzwache des Johannisberges die Saline Nauheim in Besitz. Gießen selbst wurde erst im Juli 1796 abermals von den Franzosen besetzt, trotzdem dieselben kurz vorher am 15. Juni bei Wetzlar durch den Erzherzog Carl im Hermannsteiner Feld glänzend geschlagen worden waren. Leider riefen den Erzherzog bald nach dem Gefechte die Kriegsereignisse nach Franken ab, und seinen Abzug benutzten die Franzosen sofort zu einem erneuten Vor- stoß. Am 7. Juli erschienen die französischen Vortruppen auf der Hardt vor Gießen. Tags darauf war die Stadt in fran- zösischen Händen und blieb es bis zum 19. Sept. Ihr Kom- mandant war der Hauptmann Yven, ein rechtlicher, anständiger Geschichte) der Garnison Gießen. 89 Mann, dem Gießen zu lebhaftem Danke verpflichtet ist. Er hielt auf Zucht und Ordnung und suchte sich nicht auf Kosten des besetzten Landes zu bereichern, so daß die Stadt sich einer ruhigen Zeit erfreute. Weniger gut ging es den um- liegenden Ortschaften, doch waren immer noch im Vergleich zu den später folgenden Tagen geordnete Zustände vorhanden, denn als die französische Armee bei Würzburg am 3. Sept. geschlagen war und gegen die Lahn zurückflutete, überall von der geplagten Landbevölkerung gehetzt und angegriffen, da schienen die schlimmsten Zeiten des 30 jährigen Krieges wieder- gekehrt. Se. Majestät Kaiser Wilhelm II. in Gießen(1. Mai 1906) Am 7. Sept. rückte General Ney in Gießen ein, der die Stadt in Brand zu schießen drohte, und am 11. Sept. auch wirklich von der Hardt mit der Beschießung begann, da öst- reichische Husaren, welche durch das Neuweger-Tor eingebrochen waren, eine französische Kompagnie überrumpelt und gefangen genommen hatten. Auch am 12. und 16. September wurde die Stadt von der Hardt, wo die Franzosen sich verschanzt hatten und von den Oestreichern angegriffen wurden, aufs Neue beschossen, glücklicherweise ohne größeren Schaden. Am 16. Sept. entspann sich ein hartnäckiger Kampf um die fran- zösische Stellung, der trotz aller Tapferkeit der Oestreicher ohne Erfolg für sie blieb. Erst die Siege des Erzherzogs Carl 90 Geschichte der Garnison Gießen. am 16. und 17. Sept. bei Limburg und Weilburg bewogen die Franzosen zum Abzuge von Gießen. Aber bereits am 21. April 1797 wurde die Stadt abermals von den Franzosen besetzt. General Ney erschien ınit seiner Husaren-Division vor der Festung, die ihm widerstandslos über- geben wurde. Ney ging sofort zur Verfolgung der auf Münzen- berg zurückgewichenen Oestreicher vor und wurde noch an demselben Tage bei Grüningen, wo er die östreichische Arriere- garde hart bedrängte, gefangen genommen. Der kurz darauf eintretende"Waffenstillstand machte weite- ren Feindseligkeiten ein Ende, Gießen blieb aber in französischen Händen bis März 1799. In den Jahren der Schmach, 1806—-1812, stand Hessen- Darmstadt notgedrungen auf französischer Seite und lieferte, wie die anderen Rhein-Bund-Staaten, dem französischen Kaiser die Mittel, seine Kriege zu führen. Kriegerische Ereignisse blieben unserer Gegend glücklicherweise fern, nur 1813 kam Blücher mit seinem Heere auf der Verfolgung Napoleons durch Gießen. Seine enthusiasmierende Gegenwart hatte die Bildung des freiwilligen Jägerkorps der studierenden und a: Jugend zur Folge, das aber leider nicht mehr auf dem Schlacht- felde zur ersehnten Verwendung kam. jedoch unvergessen möge ihr Patriotismus bleiben, der sie zum Kampfe de ‚able gerechte Sache, für Gottes Sache im heiligen Krieg, gegen den Unterdrücker der Deutschheit, zu beweisen, daB deutsche Tugend noch in den Herzen der Deutschen lebt“ hinaustrieb, ebenso wie das denkwürdige Fürstenwort, das Großherzog Ludwig I. dem französischen Gesandten auf seine Drohung, das Hessen- land beim Abfall vom Rheinbund mit Feuer und Schwert zu verwüsten, gab:„Wenn der Kaiser mit seinem Gewissen VEr- einigen kann, so zu handeln, wie Sie sagen, so werde ich mit meinen Untertanen untergehen, ich mit ihnen, sie gewiß nicht ohne mich. Wie es kommen soll, überlasse ich der Vorsehung Gottes.“ Napoleon kam nicht wieder, und Deutschland ist es seitdem erspart geblieben, äußere Feinde in seinem Inneren zu sehen. Gebe Gott, daß es so bleibt! Das Jahr 1805 brachte für Gießen eine sehr wichtige Ver- änderung; die Festung war als solche nicht mehr zu halten. Aus ihren Wällen und Gräben entstanden die schönen Anlagen, die heute nach allen Himmelsrichtungen die Stadt umschließen. Seitdem hat sie sich mächtig gereckt und ihr Name hat unter den deutschen Städten an Klang gewonnen. Und wie alles in ihr gewachsen, so hat sich auch im Laufe der Zeiten aus Geschichte der Garnison Gießen, 91 bescheidenen Anfängen die Garnison zu einem einheitlichen Truppenkörper entwickelt. Das Infanterie-Regiment Kaiser Wil- helm(2. Großherzoglich Hessisches) No. 116, das heute in Gießen garnisoniert, sieht auf eine ruhmreiche, mit hessischer Ge- schichte eng verbundene Vergangenheit zurück. Seine ältesten Stammtruppen leiten ihren Ursprung von der 1741 zu Pirma- sens durch den Erbprinzen, späteren Landgraf Ludwig IX., gegründeten Grenadier-Kompagnie ab, doch gilt als eigentlicher Stiftungstag erst der 15. September 1790, der Tag des Zu- sammentritts und der Errichtung des heutigen I. Bataillons. Entstanden aus dem damals in Gießen stehenden„Kreis- Regiment“ wurde es als„leichtes Infanterie- Bataillon‘ dem Regiment Landgraf(jetzt 117.) zugeteilt. Seine Garnison blieb Gießen. 1792 und 1793 nahm das Bataillon auf Seite Preußens am Feldzuge am Main und Rhein gegen die Franzosen und an der Belagerung von Mainz teil, das am 22. Juli 1793 sich ergeben mußte. Am 24. Oktober 1793 erfolgte der Abmarsch des leichten Bataillons im Verbande der Brigade v. Düring nach den Niederlanden, wo es in einer stattlichen Reihe von Gefechten gegen die Franzosen mitkämpfte und von wo es erst am 31. Dezember 1795 zurückkehrte. Als Garnison erhielt das Bataillon Darmstadt zugewiesen. Bereits im nächsten Jahre marschierte es wiederum aus, um in englischem Solde gegen Frankreich an den Küsten des adriatischen Meeres zu kämpfen. Es kam aber nicht zu kriegerischen Ereignissen und nach sieben Wochen kehrte das Bataillon nach Darmstadt zurück. Von 1799—1806 wechselte das„leichte Infanterie-Bataillon“ mehrmals seinen Namen; so wurde es 1799„Il. Füsilier-Bataillon‘“‘, 1803„Füsilier-Bataillon der Leibbrigade‘‘, 1806„Garde-Füsilier-Bataillon der Leib-Garde- Brigade“. 1803 wurde das jetzige II. Bataillon des Regiments durch Abgabe von Offizieren und Mannschaften aus dem II. Leib-Grenadier-Bataillon als ‚Füsilier-Bataillon der Brigade Landgraf‘ errichtet, mit den Garnisonen Alsfeld und Grünberg, von 1805 ab ebenfalls Darmstadt. 1806 erhielt es zur selben Zeit wie das I. Bataillon den Namen ‚I. Leib-Füsilier-Bataillon der Leib-Brigade‘“. So, noch als getrennte Truppenteile, machten die Bataillone den Feldzug gegen Preußen und Rußland in Napoleons Heeresfolge mit, beteiligten sich an der Schlacht bei Jena, an der Belagerung von Graudenz und Stralsund und zeigten sich in allen Lagen als eine brave, unerschrockene Truppe, der von den französischen Führern hohes Lob ge- spendet wurde. Am 30. September 1807 kehrten die Bataillone 92 Geschichte der Garnison Gießen. zurück, das I. Bataillon wiederum nach Darmstadt, das II. nach Homburg v. d. H. in Garnison. Auch im Feldzug 1809 gegen Oesterreich waren die beiden Bataillone verschiedenen Brigaden zugeteilt, kämpften heldenmütig und tapfer in mehreren ver- lustreichen Gefechten und Schlachten, wie Engerau(Gesamt- verluste 29 Mann tot, 6 Offiziere, 175 Mann verwundet), und Wagram(3 Offiziere, 38 Mann tot, 6 Offiziere, 222 Mann verwundet und vermißt), und kehrten reich an Ehren in ihre alten Garnisonen zurück. Der Feldzug gegen Rußland 1812 brachte den beiden Füsi- lier-Bataillonen die Vereinigung zu einem„provisorischen leich- ten Infanterie-Regiment“, das 21 Offiziere, 1493 Mann stark am 17. und 18. Januar 1812 aus Darmstadt über Braunschweig nach Pommern marschierte, wo es auf der Insel Rügen als Küstenwache verwandt wurde; am 19. September trat es den Marsch nach Rußland an und wurde am 2. November in Wilna dem Korps des bayrischen Generals Graf Wrede zugeteilt. In diesem hat es alle Schrecknisse des furchtbaren Rückzuges der französischen Hauptarmee mitgemacht und kennen gelernt; herangezogen, um den Trümmern der großen Armee als Arriere- garde zu dienen, ist seine Manneszucht und Standhaftigkeit bei den entsetzlichen Bildern und Leiden, die es zu sehen und bald auch selbst zu fühlen bekam, in schwerster Weise erprobt und echt gefunden worden. Der Feldzug 1812 gehört deshalb auch zu den ruhmvollsten Erinnerungen des Regi- ments und stolz kann es auf seine Tapferkeit und Ausdauer, auf seine Anhänglichkeit an die Führer und den unerschütter- ten Gehorsam in allen Lagen zurückblicken. Es war das einzige Regiment der ganzen großen Armee, das seine Ge- schütze rettete; alle anderen fielen in die Hände der ver- folgenden Russen. Das Jahr 1813 brachte dem Regiment am 17. Juni die Erhebung zu einem wirklichen leichten Infanterie-Regiment mit der Benennung„Garde-Füsilier-Regiment‘, aber leider immer noch in fremden Diensten. Denn während Preußen auf Seite Rußlands getreten war und in aufflammender Begeisterung sein Volk dem Rufe des Königs folgend zum Kampfe gegen die langjährigen französischen Bedrücker unter die Waffen eilte, mußten die Truppen der Rheinbundstaaten, die im französischen Machtbereich lagen, aufs Neue für den fremden Eroberer streiten. Sie haben es ihrem Eide getreu, wenn auch mit schwerem Herzen, getan und die blutigen Tage von Groß- Goerschen am 2. Mai(tot 18 Mann, verwundet und vermißt Geschichte der Garnison Gießen. 93 9 Offiziere, 420 Mann) und bei Leipzig, wo das I. Bataillon allein mitfocht(das II. befand sich um diese Zeit in der Festung Torgau) und ungefähr 1; seiner Stärke einbüßte, sprechen genügend davon, wie das Regiment seine Pflicht er- füllt hat. Das Jahr 1814 fand endlich alle deutschen Staaten geeint gegen den gemeinsamen Gegner und auch das ‚„Garde-Füsi- lier-Regiment‘‘ wurde mit den übrigen hessischen Truppen auf den Kriegsfuß gesetzt. Am 10. Januar erhielt die 1. Kom- pagnie den Namen Leib-Kompagnie, am 8. Februar wurden dem Regiment Fahnen verliehen und feierlich auf dieselben ge- schworen, am 1. März die Regimentsmusik gebildet. Am 10. Fe- bruar begann der Ausmarsch des Regiments, doch kam es, Neue Kasernen abgesehen von kleinen Gefechten bei Lyon, nicht zur Aktion. Auch der Feldzug 1815 führte das Regiment wiederum an der Seite der Verbündeten gegen den von Elba zurückgekehrten Napoleon, doch überschritt es erst nach dem großen Siege, den Blücher und Wellington bei Belle-Alliance und Waterloo erfochten hatten, den Rhein. Nach einem leichten Gefecht bei Rheinzabern beteiligte es sich in hervorragender Weise an dem Treffen bei Straßburg am 28. Juni 1815, in dem der fran- zösische General Rapp entscheidend geschlagen wurde. Den kriegsbewegten Jahren folgte von 1816-1848 eine lange Friedenzeit, in der das Regiment wieder zweimal seinen Namen wechselte. Am 6. Juli 1820 erhielt es die Bezeichnung „2. Garde-Regiment‘ und am 11. April 1830 den Namen „2. Infanterie-Regiment Großherzog‘. Am 16. Oktober 1842 wurde der Prinz Alexander von Hessen 2. Inhaber des Regi- ments und blieb es bis zu seinem 1888 erfolgten Tode. Geschichte der Garnison Gießen Das Jahr 1848 brachte die Verwendung des Regiments im Kampfe gegen die aufständische Bewegung in Baden und Frankfurt a. M., das Jahr 1849 aufs neue einen Feldzug in Baden gegen die dort abermals ausgebrochene Revolution und gegen. das zum größten Teile eidbrüchig gewordene und in den Reihen der Aufständischen kämpfende badische Heer. Hier zeigte sich ganz besonders die hessische Treue und Liebe zu ihrem angestammten Fürstenhaus; standhaft gegen alle Ver- lockungen zum Treubruch hielten die Hessen unerschütterlich fest an ihrem Eide, und im blutigen Gefecht bei Hemsbach (2 Offiziere, 49 Mann tot und verwundet) vereitelten sie den Versuch des Gegners, in Hessen einzudringen. Unter Führung des hochseligen Kaisers Wilhelm I., damaligen Prinzen von Preußen, wurde die aufrührerische Bewegung in Baden end- gültig niedergeschlagen, und reich an neuen Ehren rückte das Regiment am 15. September wieder in Darmstadt ein. Am 1. April 1860 erfolgte ein Garnisonwechsel; das 1. Batl. kam nach Offenbach, das 2. nach Friedberg. Das Jahr 1866 fand Hessen-Darmstadt auf Oesterreichs Seite; das Regiment gehörte zum 8. Armeekorps unter Befehl des Prinzen Alexander von Hessen und nahm an den Ge- fechten bei Laufach und Weiler am 13. Juli und bei Gerchs- heim am 25. Juli teil. Am 7. April 1867 schloß Hessen mit Preußen eine Militär- konvention ab, nach der die hess. Division in den Verband der preuß. Armee trat; sie erhielt die Bezeichnung„Großherzog- lich-Hessische(25.) Division“ und gehörte zum 11. Armeekorps. Die allgemeine Wehrpflicht wurde eingeführt, das Zündnadel- gewehr ersetzte den Vorderlader, das schwarze Lederzeug das weiße und der niedrige Helm den bisherigen hohen. 1868 fanden zum erstenmal die Herbstübungen nach den preuß. Be- stimmungen statt und nach Beendigung derselben, am 21. Sep- tember 1868 kam das Regiment nach Gießen in Garnison. Der 1870 gegen Frankreich ausbrechende Krieg teilte das Regiment dem 9. Armeekorps des Generals v. Manstein zu, welches zur II. Armee des Prinzen Friedrich Karl von Preußen gehörte. Am 25. Juli rückte das Regiment aus, überschritt am 11. August bei Saarbrücken die französische Grenze und marschierte über das Schlachtfeld bei Spichern, auf dem noch die Spuren des Kampfes vom 6. August deutlich sichtbar waren, nach Forbach, und von da auf Metz. Am 16. August spät abends trat es bei Gorze in die Schlacht bei Vionville-Mars la Tour ein, im harten Kampfe dem dort schwer ringenden Geschichte der Garnison Gießen. 95 rechten Flügel des preuß. III. Armeekorps erwünschte Hülfe bringend. Die völlig hereinbrechende Nacht machte dem blutigen Kampfe ein Ende, der nur ein Vorspiel des gewaltigen Ringens am 18. August, der Schlacht bei Gravelotte und Saint Privat, gewesen sein sollte. Das Regiment nahm an derselben in hervorragender Weise teil und betrachtet mit Recht die Schlacht, in welcher es mit seinem Blute die Umgebung des Bois de la Cusse im Herzen der feindlichen Stellung bei Amanvillers(Amanweiler) düngte, als ein Ruhmesblatt seiner Kriegsgeschichte. 5 Offiziere, 78 Mann waren gefallen, 11 Offi- ziere, 226 Mann verwundet, ein schwer erkaufter Sieg, aber nicht zu teuer für solchen Erfolge. Vom 19. August bis 29. Oktober gehörte das Regiment der Einschließungsarmee von Metz an und marschierte nach der Uebergabe der Festung mit der II. Armee gegen die Loire, um die Rückendeckung der Einschließungsarmee von Paris in südl. Richtung zu über- nehmen. Die Schlacht bei Orleans am 3. und 4. Dezember machte das Regiment in Reserve ohne Verluste mit und wurde am 20. Dezember dem Aufklärungs-Detachement des Generals v. Rantzau zugeteilt, der Bourbakis Verbleib und Vormarsch feststellen sollte. In diesem Verbande nahm das Regiment an mehreren Erkundungsgefechten teil, von denen besonders die Gefechte bei Briare am 31. Dezember und 1. Januar, sowie am 14. Jan. 1871 erwähnenswert sind, da in beiden Gefechten für das Regiment die größte Gefahr bestand, abgeschnitten und vernichtet zu werden. Die Umsicht der Führung und die tadellose Haltung der Mannschaft ermöglichte auch hier ein Loslösen des Regiments vom übermächtigen Gegner in schwie- riester Lage ohne bedeutende Verluste und in ehrenvollster Weise. Die eintretenden Friedensverhandlungen machten den Feindseligkeiten bald ein Ende, und das Regiment kehrte, nach- dem es bis 1. Juni noch in Frankreich Quartiere bezogen, am 26. Juni, jubelnd begrüßt, in seine Garnison zurück, reich an Ruhm und Ehren.‘In 4 Schlachten, in 3 größeren und vielen kleineren Gefechten hatte es mitgekämpft, 72 Tage vor Metz unter schweren Bedingungen gelegen, 7 Offiz. 180 Mann waren den Tod für das Vaterland gestorben, 14 Offiz. 298 Mann verwundet worden. Die Fahnen wurden mit dem eisernen Kreuz und dem Großherzogl. Hess. Militär-Verdienstkreuze ge- schmückt. Am 1. Januar 1872 trat eine neue Militär-Konvention in Kraft, nach welcher sich für das Regiment manches änderte. Es erhielt den Namen 2. Großherzogl. Hessisches Inf.-Regt. 96 Geschichte der Garnison Gießen. (Großherzog) Nr. 116, der weiße Kragen(mit Litzen) des Waffenrockes wurde durch einen einfachen roten ersetzt, statt der roten Achselklappen wurden weiße mit der Nr. 116 ein- geführt. 1874 erfolgte die Bewaffnung mit dem Gewehr M/71. Am 8. April 1881 wurde beim Regiment, das bisher als einziges in der ganzen deutschen Armee nur zwei Bataillone gehabt hatte, ein drittes, das Füsilier-Bataillon, durch Abgaben aus eigenen Mannschaften, sowie der Regimenter Nr. 115, 117 und 118 aufgestellt, und 1883 wurde das Regiment zum erstenmal seit seiner Formation zu drei Bataillonen von dem Kronprinzen von Preußen als Armee-Inspekteur in Gießen auf dem Trieb besichtigt. 1885 war mit dem Bau der neuen Kaserne für zwei Bataillone am Trieb begonnen worden, die nach den Herbstübungen 1887 vom I. und Füsilier-Bataillon bezogen wurden; das II. Bataillon verblieb in der Zeughauskaserne. 1889 erhielt das Füsilier-Bataillon entsprechend der in der ganzen Armee erfolgten Umbenennung die Bezeichnung: III. Bataillon und 1890 erfolgte beim Regiment die Einführung des Inf.-Gewehrs M/88. Am 13. September 1891 wurde Seine Majestät der deutsche Kaiser auf Vorschlag und Wunsch Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs Chef des Regiments, das die Bezeichnung„In- fanterie-Regiment Kaiser Wilhelm(2. Großherzoglich Hess.) Nr. 116“ und den Kaiserlichen Namenszug in den Achsel- klappen erhielt. Am 1. Okt. 1893 trat anläßlich der Heeres- vermehrung das IV. Bataillon in Stärke von 2 Kompagnien (13. und 14.) zusammen, das jedoch bereits am 1. April 1897 an das neu errichtete Infanterie-Regiment Nr. 168 in Butzbach abgegeben wurde. Das Jahr 1898 brachte dem Regiment zwei große Auszeichnungen: am 24. Januar von Sr. Maj. dem Kaiser die Verleihung gestickter Fahnenbänder, und am 15. Juni von Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog zur Erinne- rung an den zehnjährigen Regierungsantritt seines hohen Chefs schwarze Haarbüsche zum Helm. Am 1. April 1899 trat die Großherzogl. Hess. Division und mit ihr das Regiment zum neugebildeten 18. Armeekorps(Sitz: Frankfurt a. M.) über und zum erstenmal erwarb eine Kompagnie(die 3.) das Kaiser- abzeichen für die besten Schießleistungen innerhalb des Armee- korps. Noch viermal ist dasselbe seitdem ins Regiment ge- fallen, 1901 die 2., 1903 die 8., 1904 die 12., 1906 die 8. Kom- pagnie und als dauernde Erinnerungszeichen dieser Leistungen auch im Frieden schmücken das Offizierkasino die von Sr. Maj. dem Kaiser verliehenen Bronzebüsten: Kaiser Wilhelm der Große, Geschichte der Garnison Gießen. 97 Kaiser Friedrich IIl., Kaiser Wilhelm Il., König Friedrich der Große und der Große Kurfürst. Eine ganz besondere Aus- zeichnung wurde dem Regiment durch den Besuch seines Aller- höchsten Chefs am 1. Mai 1906 zuteil. Als das einzige der ganzen Armee war das Regiment dazu ausersehen worden, das neue Exerzier-Reglement, an dessen Ausarbeitung sein Kom- mandeur, Oberst v. Lindenau, tätigsten Anteil genommen, zu erproben; am 1. Mai hat es seinen Allerhöchsten Kriegsherrn und Chef die neuen Formen zum ersten Male praktisch vor- geführt und nach den Worten Seiner Majestät„das Reglement aus der Taufe gehoben“. Se. Majestät Kaiser Wilhelm II in Gießen am 1. Mai 1906 So sehen wir das Regiment auch im Frieden treu seiner ruhmvollen Vergangenheit den alten Geist bewahren, unablässig tätig in der Vorbereitung für den Prüfstein der Ausbildung, den Krieg. Wann und gegen wen derselbe kommen wird, wer kann es sagen? Das Eine aber steht fest für das Regiment, daß, wenn es sein Kriegsherr ruft, es freudig diesem Ruf folgen und sich seinen fleckenlosen Ruhm bewahren wird, eingedenk seiner ehrenvollen Vergangenheit und treu seinem Eide. Mit Gott für Fürst und Vaterland! > ° Roth’s Illustr Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 7 FALFALCACA EITHER Goethe in Gießen. Aus Dichtung und Wahrheit. In Gießen befand sich Höpfner, Professor der Rechte. Er war als tüchtig in seinem Fach, als denkender und wackerer Mann von Merck und Schlosser anerkannt und höchlich geehrt. Schon längst hatte ich seine Bekanntschaft gewünscht, und nun, als jene beiden Freunde bei ihm einen Besuch abzustatten gedachten, um über literarische Gegenstände zu unterhandeln, ward beliebt, daß ich bei dieser Gelegenheit mich gleichfalls nach Gießen begeben sollte. Weil wir aber, wie es in dem Uebermut froher und friedlicher Zeiten zu geschehen pflegt, nicht leicht etwas auf geradem Wege vollbringen konnten, sondern wie wahrhafte Kinder auch dem Notwendigen irgend einen Scherz abzugewinnen suchten, so sollte ich, als der Unbekannte, in fremder Gestalt erscheinen und meiner Lust, verkleidet aufzutreten, hier ebenfalls Genüge tun. An einem heiteren Morgen, vor Sonnenaufgang, schritt ich daher von Wetzlar an der Lahn hin, das liebliche Tal hinauf; solche Wanderungen machten wieder mein größtes Glück. Ich erfand, verknüpfte, arbeitete durch und war in der Stille mit mir selbst heiter und froh; ich legte mir zurecht, was die ewig widersprechende Welt mir ungeschickt und verworren auf- gedrungen hatte. Am Ziele meines Weges angelangt, suchte ich Höpfners Wohnung und pochte an seiner Studierstube. Als er mir herein! gerufen hatte, trat ich bescheidentlich vor ihn als ein Studierender, der von den Akademien sich nach Hause verfügen und unterwegs die würdigsten Männer wollte kennen lernen. Auf seine Fragen nach meinen näheren Ver- hältnissen war ich vorbereitet; ich erzählte ein glaubliches prosaisches Märchen, womit er zufrieden schien, und als ich mich hierauf für einen Juristen angab, bestand ich nicht übel; denn ich kannte sein Verdienst in diesem Fach und wußte, daß er sich eben mit dem Naturrecht beschäftigte. Doch stockte das Gespräch einigemal, und es schien, als wenn er einem Stammbuch oder einer Beurlaubung entgegensähe. Ich wußte jedoch immer zu zaudern, indem ich Schlosser gewiß erwartete, dessen Pünktlichkeit mir bekannt war. Dieser kam auch wirklich, ward von seinem Freund bewillkommnet und Goethe in Gießen. 99 nahm, als er mich von der Seite angesehen, wenig Notiz von mir, Höpfner aber zog mich ins Gespräch und zeigte sich durchaus als einen humanen, wohlwollenden Mann. Endlich empfahl ich mich und eilte nach einem Wirtshaus, wo ich mit Merck einige flüchtige Worte wechselte und das weitere ver- abredete. Die Freunde hatten sich vorgenommen, Höpfner zu Tisch zu bitten und zugleich jenen Christian Heinrich Schmid, der in dem deutschen Literaturwesen zwar eine sehr untergeordnete, aber doch eine Rolle spielte. Auf diesen war der Handel eigent- lich angelegt, und er sollte für manches, was er gesündigt hatte, auf eine lustige Weise bestraft werden. Als die Gäste sich in dem Speisesaal versammelt hatten, ließ ich durch den Kellner fragen, ob die Herren mir erlauben wollten, mitzuspeisen. Schlosser, dem ein gewisser Ernst wohl zu Gesicht stand, widersetzte sich, weil sie ihre freundschaftliche Unterhaltung nicht durch einen dritten wollten gestört wissen. Auf das Andringen des Kellners aber und die Fürsprache Höpfners, der versicherte, daß ich ein leidlicher Mensch sei, wurde ich eingelassen und betrug mich zu Anfang der Tafel bescheiden und verschämt. Schlosser und Merck taten sich keinen Zwang an und ergingen sich über manches so offen, als wenn kein Fremder dabei wäre. Die wichtigsten literarischen Angelegen- heiten sowie die bedeutendsten Männer kamen zur Sprache. Ich erwies mich nun etwas kühner und ließ mich nicht stören, wenn Schlosser mir manchmal ernstlich, Merck spöttisch etwas abgab; doch richtete ich auf Schmid alle meine Pfeile, die seine mir wohlbekannten Blößen scharf und sicher trafen. Ich hatte mich bei meinem Nößel Tischwein mäßig ver- halten; die Herren aber ließen sich besseren reichen und er- mangelten nicht, auch mir davon mitzuteilen. Nachdem viele Angelegenheiten des Tages durchgesprochen waren, zog sich die Unterhaltung ins allgemeine, und man behandeite die Frage, die, solange es Schriftsteller gibt, sich immer wiederholen wird, ob nämlich die Literatur im Auf- oder Absteigen, im Vor- oder Rückschritt begriffen sei. Diese Frage, worüber sich be- sonders Alte und Junge, Angehende und Abtretende selten ver- gleichen, sprach man mit Heiterkeit durch, ohne daß man gerade die Absicht gehabt hätte, sich darüber entschieden zu verständigen. Zuletzt nahm ich das Wort und sagte: Die Lite- raturen, scheint es mir, haben Jahreszeiten, die, miteinander abwechselnd, wie in der Natur, gewisse Phänomene hervor- bringen und sich der Reihe nach wiederholen. Ich glaube ll 100 Goethe in Gießen. daher nicht, daß man irgend eine Epoche einer Literatur im ganzen loben oder tadeln könne; besonders sehe ich nicht gern, wenn man gewisse Talente, die von der Zeit hervor- gerufen werden, so hoch erhebt und rühmt, andere dagegen schilt und niederdrückt. Die Kehle der Nachtigall wird durch das Frühjahr aufgeregt, zugleich aber auch die Gurgel des Kuckucks. Die Schmetterlinge, die dem Auge so wohl tun, und die Mücken, welche dem Gefühl so verdrießlich fallen, werden durch eben die Sonnenwärme hervorgerufen. Beherzigte man dies, so würde man dieselben Klagen nicht alle zehn Jahre wieder erneuert hören, und vergebliche Mühe, dieses und jenes Mißfällige auszurotten, würde nicht so oft verschwendet werden. Die Gesellschaft sah mich mit Verwunderung an, woher mir so viel Weisheit und Toleranz käme? Ich aber fuhr ganz gelassen fort, die literarischen Erscheinungen mit Naturprodukten zu vergleichen, und ich weiß nicht, wie ich sogar auf die Mollusken kam und allerlei Wunderliches von ihnen heraus- zusetzen wußte. Ich sagte, es seien dies Geschöpfe, denen man zwar eine Art von Körper, ja sogar eine gewisse Gestalt nicht ableugnen könne, da sie aber keine Knochen hätten, so wüßte man doch nichts rechtes mit ihnen anzufangen, und sie seien nichts Besseres als ein lebendiger Schleim: jedoch müsse das Meer auch solche Bewohner haben. Da ich das Gleichnis über die Gebühr fortsetzte, um den gegenwärtigen Schmid und diese Art charakterloser Literatoren zu bezeichnen, so ließ man mich bemerken, daß ein zu weit ausgedehntes Gleichnis zuletzt gar nichts mehr sei. So will ich auf die Erde zurückkehren, versetzte ich, und vom Efeu sprechen. Wie jene keine Knochen, so hat dieser keinen Stamm, mag aber gern überall, wo er sich anschmiegt, die Hauptrolle spielen. An alte Mauern gehört er hin, an denen ohnehin nichts mehr zu verderben ist; von neuen Gebäuden entfernt man ihn billig; die Bäume saugt er aus, und am allerunerträglichsten ist er mir, wenn er an einem Pfahl hinauf- klettert und versichert, hier sei ein lebendiger Stamm, weil er ihn umlaubt habe. Ungeachtet man mir abermals die Dunkelheit und Unan- wendbarkeit meiner Gleichnisse vorwarf, ward ich immer leb- hafter gegen alle parasitischen Kreaturen und machte, soweit meine damaligen Naturkenntnisse reichten, meine Sachen noch ziemlich artig. Ich sang zuletzt ein Vivat allen selbständigen Männern, ein Pereat den Andringlingen, ergriff nach Tische Goethe in Gießen. 101 Höpfners Hand, schüttelte sie derb, erklärte ihn für den brav- sten Mann von der Welt und umarmte ihn so wie die anderen recht herzlich. Der wackere neue Freund glaubte wirklich zu träumen, bis endlich Schlosser und Merck das Rätsel auf- lösten und der entdeckte Scherz eine allgemeine Heiterkeit verbreitete, in welche Schmid selbst mit einstimmte, der durch Anerkennung seiner wirklichen Verdienste und durch unsere Teilnahme an seinen Liebhabereien wieder begütigt wurde. Diese geistreiche Einleitung konnte nicht anders als den literarischen Kongreß beleben und begünstigen, auf den es eigentlich abgesehen war. Merck,‘bald ästhetisch, bald lite- rarisch, bald kaufmännisch tätig, hatte den wohldenkenden, unterrichteten, in so vielen Fächern kenntnisreichen Schlosser angeregt, die Frankfurter gelehrten Anzeigen in diesem Jahr herauszugeben. Sie hatten sich Höpfner und andere Akademiker in Gießen, in Darmstadt einen verdienten Schulmann, den Rektor Wenck, und sonst wackeren Mann zugesellt. Jeder hatte in seinem Fach historische und theoretische Kenntnisse genug, und der Zeitsinn ließ diese Männer nach einem Sinne wirken. jener literarische Verein ward überdies durch eine lebhafte Korrespondenz und, bei der Nähe der Ortschaften, durch öftere persönliche Unterhandlungen begünstigt.—— Bei einem so lebhaften Austausch von Kenntnissen, Mei- nungen, Ueberzeugungen lernte ich Höpfner sehr bald näher kennen und gewann ihn lieb. Sobald wir allein waren, sprach ich mit ihm über Gegenstände seines Faches, welches ja auch mein Fach sein sollte, und fand eine sehr natürlich zusammen- hängende Aufklärung und Belehrung. Ich war mir damals noch nicht deutlich bewußt, daß ich wohl aus Büchern und im Gespräch, nicht aber durch den zusammenhängenden Ka- thedervortrag etwas lernen konnte. Das Buch erlaubte mir, bei einer Stelle zu verweilen, ja rückwärts zu sehen, welches der mündliche Vortrag und der Lehrer nicht gestatten konnte. Manchmal ergriff mich zu Anfang der Stunde ein Gedanke, dem ich nachhing, darüber das Folgende verlor und ganz aus dem Zusammenhang geriet. Und so war es mir auch in den juristischen Kollegien ergangen, weshalb ich gar manchen Anlaß nehmen konnte, mich mit Höpfner zu besprechen, der denn sehr gern in meine Zweifel und Bedenken einging, auch manche Lücken ausglich, so daß in mir der Wunsch entstand, in Gießen bei ihm zu verweilen, um mich an ihm zu unter- richten, ohne mich doch von meinen Wetzlarschen Neigungen allzuweit zu entfernen. Gegen diesen meinen Wunsch arbeite- 102 Goethe in Gießen. ten die beiden Freunde erst unwissend, sodann wissentlich; denn beide eilten nicht allein, selbst von hier wegzukommen, sondern beide hatten sogar ein Interesse, mich aus dieser Ge- gend wegzubringen. Schlosser entdeckte mir, daß er erst in ein freundschaftliches, dann in ein näheres Verhältnis zu meiner Schwester gekommen sei, und daß er sich nach einer baldigen Anstellung umsehe, um sich mit ihr zu verbinden. Meinem Freund und vermutlichen Schwager war nun freilich sehr daran gelegen,: daß ich nach Hause zurückkehrte, weil durch meine Vermittlung ein freierer Umgang möglich ward, dessen das Gefühl dieses von zärtlicher Neigung unvermutet getroffenen Mannes äußerst zu bedürfen schien. Er nahm daher, Als er sich bald entfernte, von mir das Versprechen, daß ich ihm bald folgen wollte. Von Merck, der eben freie Zeit hatte, hoffte ich nun, daß er seinen Aufenthalt in Gießen verlängern würde, damit ich einige Stunden des Tags mit meinem guten Höpfner zubringen könnte, indessen der Freund seine Zeit an die Frankfurter gelehrten Anzeigen wendete; allein er war nicht zu bewegen, und wie meinen Schwager die Liebe, so trieb diesen der Haß von der Universität hinweg. Denn wie es angeborene Anti- pathieen gibt, so wie gewisse Menschen die Katzen nicht leiden können, andern dieses oder jenes in der Seele zuwider ist, so war Merck ein Todfeind aller akademischen Bürger, die nun freilich zu jener Zeit in Gießen sich in der tiefsten Roheit gefielen. Mir waren sie ganz recht; ich hätte sie wohl auch als Masken in eines meiner Fastnachtsspiele brauchen können; aber ihm verdarb ihr Anblick bei Tage und des Nachts ihr Gebrüll jede Art von gutem Humor. Er hatte die schönste Zeit seiner jungen Tage in der französischen Schweiz zu- gebracht und nachher den erfreulichen Umgang von Hof-, Welt- und Geschäftsleuten und gebildeten Literatoren genossen; mehrere Militärpersonen, in denen ein Streben nach Geistes- kultur rege geworden, suchten ihn auf, und so bewegte er sein Leben in einem sehr gebildeten Zirkel, daß ihn daher jenes Unwesen ärgerte, war nicht zu verwundern; allein seine Ab- neigung gegen die Studiosen war wirklich leidenschaftlicher, als es einem gesetzten Manne geziemte, wiewohl er mich durch seine geistreichen Schilderungen ihres ungeheuerlichen Aus- sehens und Betragens sehr oft zum Lachen brachte. Höpfners Einladungen und meine Zureden halfen nichts; ich mußte baldmöglichst mit ihm nach Wetzlar wandern. m Rundgang durch die Stadt. Wenn wir mög- lichst alleSehenswür- digkeiten auf einem Rundgangedurch die Stadt kennen lernen wollen, so nehmen wir den Ausgangs- punkt desselben an dem Bahnhof, von demausjaderFremde in der Reeel zuerst Bahnhofsvorplatz mit Hötel Lenz und Kuhne g 4 den Boden Gießens betritt. Beim Verlassen des Vestibüls bietet sich uns ein freund- licher Blick auf einen freien, mit terrassenartigen Aufgängen abgeschlossenen Platz. Droschken und Omnibuswagen laden uns zur Fahrt in die Stadt. Wir aber folgen zu Fuß der Bahnhofstraße, welche sich geradeaus nach der Stadt wendet. An dem empfehlenswerten Hotel Kuhne vorüber- kommend, sehen wir zuerst das Kaiserliche Haupt- post-, Telegraphen- und Fernsprechamt, ein im Jahr 1863 erbauter einfacher roter Sandsteinbau, ohne beson- deren Schmuck. Schräg gegenüber an der Ecke der Liebig- Straße das anatomische und das zoolosische Institut, erbaut 1845-46. Dasselbe enthält im Mittelbau Vorlesungs-, Sezier- und Arbeitssäle und in den beiden Flügeln die sehr sehenswerten Sammlungen für Zoologie, vergleichende Anatomie, Pathologie und Physiologie. Wir biegen nun von der Bahnhofstraße, welche geradeaus unmittelbar in das Herz der Stadt führt, rechts in die Liebigstraße ein,— gegen- über an der Ecke das komfortable Hotel Viktoria— sehen hier zuerst das Hauptsteueramt, im Jahre 1834 als Arrestlokal erbaut, und kommen zum alten chemischen Universitäts-Laboratorium mit seinem offenen Säu- lenvorbau. Hier wirkte Justus von Liebig von 1824 bis 1852, zu seinen Füßen saßen hier Hörer aus allen Ländern der Welt, 104 Rundgang durch die Stadt. die später selbst wieder hervorragende Vertreter ihres Faches wurden; wir erwähnen nur A. W. Hofmann, Liebigs Assistent bis 1845, später Professor in Berlin und Begründer der deut- schen chemischen Gesellschaft. Am 12. Mai 1903 feierte die Universität Liebigs Geburtstag in feierlicher Weise.) Der Plan, die alte Arbeitsstätte des berühmten Gelehrten zu einem Liebig- museum auszugestalten, dürfte seiner Verwirklichung nahe ge- rückt sein. Rechts weiterhin das große Gebäude daneben war ursprünglich 1818—1819 als Kaserne erbaut. Als 1821 Streitig- keiten zwischen Militär und Studenten ausbrachen, wurde die Blick in die Bahnhofstraße, rechts Hötel Victoria Garnison nach Worms verlegt und das Gebäude 1827—1829 der Universität als akademisches Krankenhaus über- wiesen, da es aber seinen Zwecken zu wenig entspricht, so wurden 1888 sehr umfassende neue Klinikbauten auf der Höhe des Seltersberges errichtet, 1890 fertiggestellt und festlich eingeweiht. Nur die chirurgische und die Augenklinik blieben vorerst in dem alten Gebäude. Eine schon lange vermißte Irrenanstalt wird in der Nähe des Provinzial-Siechen- hauses an der Licherstraße gebaut, während sich die Irren- klinik in der Nähe der neuen Kliniken befindet. Die katho- lische Kirche, der Seitenfront der Klinik gegenüber, wurde 1840 eingeweiht. Sie dürfte bald verschwinden, da die katho- !) Interessenten sei die im Verlage von Emil Roth in Gießen erschienene Biographie empfohlen: Kohut, Justus von Liebig. Brosch. 5 Mk., eleg. geb. 6 Mk. Rundgang durch die Stadt. 105 lische Gemeinde zwischen Liebig- und Wilhelmstraße ein neues monumentales doppeltürmiges Gotteshaus errichtet hat, wodurch die schmuck- und anspruchslose Kirche entbehrlich ist. Erst seit 1791 besteht hier eine katholische Gemeinde. Auf der die Liebigstraße beim Uebergang der Oberhessischen Bahnen kreuzenden Frankfurter Straße kommen wir nun— rechts am Hause No. 11 eine Gedenktafel für den 1832—1857 hier lehrenden Professor der Theologie C. A. Credner— über die Wieseckbrücke zu dem durch zwei Torhäuser flankierten Selterstor. In dem rechten Torhaus be- findet sich die öffent- liche Lese- u. Bücher- halle— Näheressiehe unter„Bibliotheken und Sammlungen“. — Der Name des Selterstores und des Seltersweges bewahrt das Gedächtnis des vormaligen Dorfes Selters, das als Salta- Selterstor, rechts Pianofortegeschäft von Rudolph rissa schon zur Zeit Karls des Großen in einer Urkunde des Klosters Lorsch v. J. 755 er- scheint. Der Seltersweg, die Hauptverkehrsader von Gießen, führt uns nach der eigentlichen Stadt, die sehr bald, selbst in dieser Haupt- straße, unregelmäßig und eng wird; auch die Plätze sind klein und unregelmäßig, doch bietet die Stadt gerade in ihrer Unregelmäßigkeit und Altertümlichkeit manch malerisches Bild. Einige alte Häuser sind mit Geschmack in altertümlicher Weise hergestellt, unter diesen ist besonders zu nennen das Geburts- haus des Theologen Balthasar Schuppius, die frühere Hirsch- apotheke am Marktplatz. Wir wenden uns aber zunächst links vom Selterstor in die hier beginnende Westanlage zu einem Spaziergang um die Altstadt. Links an dem Hause des Restau- rant„Zum Rebstock‘ begegnen wir einer zweiten Gedenk- tafel, sie bezeichnet das Geburtshaus des Philosophen Carl Flillebrand, geb. 17. Sept. 1829, gest.- 19. Okt. 1884. Der Anlage weiter folgend kommen wir vorüber an der Reichsbank- nebenstelle, West-Anlage 33, und dem sehr empfehlens- werten, vielbesuchten Hotel Schütz(Inhaber Philipp Reitzel). Die(Bahnhofstraße kreuzend lassen wir links die Städtische 106 Rundgang durch die Stadt. Bezirksschule und folgen der Anlage, welche zwischen dem Bahndamm der Main-Weserbahn und einer Reihe von statt- lichen Häusern und Villen sich hinzieht, bis zum Neustädter Tor. Wenige Schritte unter dem Bahndamm hindurch die fünfbogige Lahnbrücke mit hübscher Aussicht auf das Lahntal. Nach Norden und Nordwesten schöne Fernsicht auf die das Lahntal begrenzenden Höhen. Unseren Blick fesselt vor allem das schöne Landschaftsbild des Gleiberg, in einer Stunde zu erreichen, dessen Kegel gleich dem des Vetzberges mit einer romantischen Burgruine gekrönt ist. West-Anlage Zwischen beiden Bergen ragt die 500 m hohe Kuppe des Dünsberges mit einem vor mehreren Jahren errichteten Aussichtsturm. 15 Min. entfernt, in der Richtung des Glei- berges gelegen, die große Union-Brauerei A. G. vormals G. Bichler. Auf der linken Seite jenseits der Lahnbrücke die Pulvermühle, ein altes, dicht am Flusse gelegenes Lokal mit Garten, früher lange Jahre Kneipe der Starkenburger und später der Darmstadtia. Dahinter der Städtische Schlacht- hof, flußabwärts am linken Ufer verschiedene Badeanstal- ten, sowie das Städtische Elektrizitätswerk. Zwischen Bahndurchgang und Lahnbrücke befindet sich der Bahnhof der Biebertalbahn, im Volksmunde„Bieber- j lieschen‘ genannt, welche man zu Ausflügen nach dem stattlichen umfangreichen Vergnügungsetablissement Windhof, nach Dorf Heuchelheim mit dem beliebten Restaurant Rundgang durch die Stadt. 107 Hötel Schütz Ecke der Westanlage und Bahnhofstraße ’ „Heuchelheimer Mühlchen“, sowie nach dem lieb- lichen Biebertälchen benutzen kann.(Siehe Wanderungen in die nähere Umgebung.) Wenn wir nun durch die Bahndamm- unterführung zu der Anlage zurückgehen, nachdem wir uns u" noch das etwas flußaufwärts gelegene Bootshaus der Ruder- gesellschaft angesehen haben, werfen wir noch einen Blick in die Neustadt mit der altangesehenen Gail’schen Tabak- und Zigarrenfabrik und kommen dann zu einem großen freien Plate, Oswalds Garten genannt, auf welchem Krammärkte, Vieh- und landwirtschaftliche Ausstellungen, Zirkus- und Schaustellungen, aber auch große Festveranstaltungen und\ Paraden bei Großherzogs und Kaisers Geburtstag abgehalten Lahnbrücke 1 108 Rundgang durch die Stadt. zu werden pflegen. Wir schreiten neben diesem Platz die Nordanlage weiter hinauf, lassen die Turnhalle, welche auch zur Abhaltung von Konzertaufführungen benutzt wird, links am Eingang zur Steinstraße liegen, und besichtigen dass Kaufmännische Vereinshaus und die Neue Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft, sowie die Aliceschule und Stadtknabenschule, einen muster- haft eingerichteten stattlichen Schulbau. Weiterhin kommen wir dann zum Denkmal des Professors der Forstwissenschaft Car| Heyer, errichtet 1892; hinter diesem Denkmal auf einem Komplex zwischen Schiller- und Dammstraße präsentiert sich der neue große Schulbau für die höhere und erweiterte Töchterschule, welche bisher im Gebäude der jetzigen Stadt-Mädchenschule in der Schillerstraße unter- gebracht war. Dieses neue stattliche Schul- gebäude ist einer nä- heren Besichtigung wohl wert. Besonders möge hier auf die von den Erbauern sinnig angebrachten Tiersymbole hinge- wiesen sein.— Wir kreuzen die Schiller- straße und gelangen, uns nach rechts wen- Restaurant Pulvermühle dend, in hübschen Anlagen, vorüber an dem bekannten Gießener Brauhaus von Denning- hoff, zum Walltor. Die hier von dem Herzen der Stadt einmündende Walltorstraße setzt sich inder Marburger Straße fort, welche aus dem Weichbild der Stadt hin- aus führt auf die Chaussee nach Marburg. Am Nordende der Stadt, auf dem sogenannten Rodberg, der Neue Fried- hof mit geräumiger Kapelle. Der Friedhof wurde ‚am 1. Juli 1903 eröffnet. Eine schattige Ulmenallee führt uns von der Marburgerstraße aus zu ihm"hin. Durch das Portal treten wir in den geräumigen, düster und feierlich anmutenden Vorhof. Ein mächtiges Blumenkreuz liegt vor unseren Füßen, und an den Einfassungsmauern ziehen sich erhöhte Säulengänge mit Familiengrüften hin. Eine breite Freitreppe führt uns dann zum Eingang der in romanischem Stil nach Entwürfen des Rundgang durch die Stadt. 109 Friedhofs-Kapelle. Neuer Friedhof früheren Stadtbau- meisters Schmandt erbauten Kapelle. In dieser finden die Trauerfeierlichkeiten für die Verstorbenen statt. Nach deren Be- endigung wird der vor dent Altar aufgestellte Sarg durch eine Ver- senkung hinab- gelassen,um dann zum Grabe ge- bracht zu werden, wo die Leidtra- genden sich zum letztenmal um ihn versammeln. An der östlichen Umfassungsmauer des Friedhofes ist eine Totenhalle für die israelitische Gemeinde errichtet. Nur ein kleiner Teil des Friedhofes ist bis jetzt belegt; aber die herrlichen Grabdenkmäler und der liebliche Blumen- schmuck der Gräber lassen auch hier erkennen, mit welch inniger Liebe und Treue die Bevölkerung Gießens der Heimgegangenen gedenkt. Der Friedhof selbst wie auch seine nächste Umgebung bieten reizende Rundblicke auf die Stadt, das Lahn- und Wiesecktal, sowie auf die benachbarten Ausläufer des Westerwaldes und die ferner liegenden Höhen des Taunus und des Vogels- berges. Rechts von der Marburger Straße zweigt sich die Straße nach Wieseck ab, einem etwa 25Min. entfernten hüb- Turnhalle des Turnvereins von 1846 u ne en er 110 Rundgang durch die Stadt. schen Dorfe. Wir wenden uns aber auf der breiten Landstraße wieder der Stadt zu, kommen dabei an Gärtnereien und hübschen Häusern vorüber, statten dann in der Marburgerstraße 20 der HessischenLehrmittelanstaltundVerlagsbuch- handlung Emil Roth einen Besuch ab und begeben uns zum Walltor zurück. Hier verfolgen wir die an den Torhäusern beginnende Ostanlage. Gleich hinter dem Torhaus er- blicken wir den Garten und die Hinterfront des Garnison- lazaretts, welches mit seiner Vorderfront der Braugasse zugewendet ist. Einige Schritte weiter auf der linken Seite Nord-Anlage erhebt sich der Justizpalast mit dem G@roßh. Land- und Amtsgericht. Vor demselben biegt links ein hübscher Wiesenweg ab nach dem 15 Min. entfernt liegenden Philo- sophenwald mit guter Wirtschaft und herrlichen Spazier- eängen. Der sich weiter hinziehende Teil der Ostanlage mit einem kleinen reizend angelegten Goldfischteich, ist wohl eine der lieblichsten der sich um die innere Stadt hinziehen- den herrlichen Promenaden. Rechts biegt die Sencken- bergstraße zur Stadt ab, am Eingang derselben das P hy- siologische und Botanische Institut mit dem großen botanischen Garten, dessen Besuch auf das angelegent- lichste zu empfehlen ist. Eine kurze Wanderung durch den| Garten wird uns überraschen und im höchsten Maße befriedigen. Rundgang durch die Stadt. hl Land- und Amtsgericht(Ostanlage) Der botanische Garten wurde bald nach Gründung.der Universität imJahre 1609 eingerichtet, nachdem der Land- graf dazu ein Stück des Schloßgartens hergegeben hatte. Im Anfang des vorigen Jahrhun- derts wurde der Garten vergrößert, als auf Vorschlag des Direktors des benachbarten Forstgartens, Walther, dieser Garten mit dem botanischen vereinigt wurde. Mit Recht steht daher sein von Freunden errichtetes Denkmal unter dem Schatten zweier mächtiger, 1824 gepflanzter Platanen an dieser Stätte, Der Haupteingang befindet sich am Brandplatz, neben dem botanischen Institut(in demselben Gebäude sind noch das geographische und geodätische Institut untergebracht). Beim Eintritt hat man vor sich eine prachtvolle Blutbuche. Zur Linken dann mitten auf demRasen- platz ein prächtiges männ- liches Exemplar von Ging- ko biloba, in China und Japan heimisch und in den Tempelbezirken an- gepflanzt. Von der Blut- buche geht man am besten auf das große Winterhaus zu, in dessen Umgebung im Sommer eine Fülle von ausländischen Pflanzen aufgestellt ist. Auf dem großen Rasenplatz an der Rückseite desWinterhauses eine Reihe von Fächerpal- men, Chamaerops humilis und excelsa, dazwischen Bananen. Als Allee stehen hinter dem Hause aufge- Landgrafenstraße a 1 Rundgang durch die Stadt. stellt Orangen, Oelbäume, Eugenien, Myrten. In großen Kübeln findet man Phormium tenax mit harten stattlichen schwertförmigen Blättern. Rechts von diesem Platze stehen die Mittelmeerpflanzen, chinesische, japanische, nordamerikanische, australische und Kappflanzen in getrennten Gruppen beisammen. Auch die kleine Anlage für Wasserpflanzen an dieser Seite bietet Interesse, namentlich im Spätsommer die Papyrusstaude(Cyperus Papyrus). Im Rücken hat man hier das alte Gewächshaus, vor dem die neuseeländi- schen, gewöhnlich mit Palmen verwechselten Yucca- und Dra- caenarten stehen, ferner die Dasylirionarten Mexikos. Vor dem anderen Glashausflügel ist eine reichhaltige Gruppe von Succu- lenten, Cacteen, Alo&arten, Euphorbien aufgestellt. Geht man zum Winterhause hinüber, links herum, so trifft man auf eine Winterhaus im Botanischen Garten schöne Agavengruppe mit ihren mächtigen ornamentalen Blät- tern. An der Seitenwand des Hauses stehen Cypressen, mit ihrem dunklen Grün und durch charakteristischen Wuchs auf- fallend. Endlich hat man die Südfront des auf einer Terrasse gelegenen Glashauses vor sich. Die beiden mit Tuffsteinen be- legten Böschungen der Terrasse sind rechts mit im Sommer reichlich blühenden Cacteen, links mit südafrikanischen Mesem- bryanthemumarten bepflanzt, die Mittags ihre buntfarbigen, aster- ähnlichen Blütensterne öffnen. Am Fuß der Terrasse ist ein halbkreisförmiges, heizbares Bassin mit exotischen Nymphaeaceen und der Victoria regia, welche völlig im Freien wachsend, im Sommer ihre über Meter großen Blätter und zahlreiche pracht- volle Blüten entfaltet. Geht man links um das Haus herum, so trifft man auf einige ausgepflanzte Bambusgebüsche. An dieser Seite entfaltet sich Ende des Frühlings ein prächtiger Rhododendronflor. Rundgang durch die Stadt 113 Großherzogl. Bürgermeisterei g g An das Winterhaus schließt sich das System der Pflanzen an. Zunächst das Koniferenstück mit bemerkenswerten Nadel- hölzern. Vorn findet sich die kleine damit verwandte Ab- teilung der Gnetaceen, durch die einem Schachtelhalme nicht unähnlichen Ephedra-Arten vertreten. An das Koniferenstück grenzen die Monocotylen, Lilien, Tulpen, Allieen, Schwertlilien, Orchideen, Irideen und die reichlich vertretene Familie der Gräser. Alles übrige Freiland ist den Dicotylen eingeräumt, Choripetalen und Gamopetalen durch Wege getrennt, beide Ab- teilungen reich durch interessante Pflanzen vertreten. Für praktische Zwecke sind die Arzneipflanzen von diesem System ausgesondert und bei dem großen Bassin auf einem besonderen Stück zusammengepflanzt. Auch die wichtigsten Kulturpflanzen haben ein besonderes Stück. Sehenswert ist das Alpinum. Alpenähnlich aufgebaut und durch Wege zugänglich, enthält es die wichtigsten Pflanzen der deutschen Alpen und eine Reihe exotischer Hoch- gebirgspflanzen (Himalaya, Neu- seeland etc.). Im Frühling und in der ersten Som- merhälfte bildet das Alpinum ein kleines Blumen- paradies. Der hin- ter dem Alpinum Freimaurerloge Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. [0 nn 114 Rundgang durch die Stadt. liegende Teich zeigt an seinem Ufer heimischeSum pfvegetation(Phrag- mites, Glyceria, Iris Pseudacorus, Kalmus, Oenanthe Phellandrium, den Wasserfenchel etc.), auf seinem Spiegel schwimmen die Blätter unserer gelben und weißen Seerose, im Sommer blühend, dazwischen das Volk kleiner Wasserpflanzen, Hydrocharis, Lemna und der eingewanderte kleine amerikanische Schwimmfarn Azolla car- roliniana. Besteigt man den Berg hinter dem Teich, so gelangt man ins Farn-Quartier mit einer reichen Sammlung von Farnen. In Menge sind ange- pflanzt Aspidium Filix mas, Struthiopteris ger- manica, Osmunda rega- lis, Blechnum Spicant, Scolopendrium und Polypodium. Die Gewächshäuser enthalten eine Menge interessanter Pflanzen. Das ältere große Ge- wächshaus Baumfarne, Cycadeen, Pandaneen, Palmen, Zingiberaceen, Zuckerrohr und andere Tropenpflanzen. Diebei- den kleinen Glashäuser bergen biologisch inter- essante Gruppen, Succu- lenten,Insectivoren(Dro- sera, Sarracenia, Nepen- thes, Drosophyllum etc.), Johannesstraße mit Cafe Skalitzky Platycerien, Orchideen, Epiphyten. Das botanische Institut enthält wertvolle Sammlungen, unter anderm das große Klenze’sche Herbarium. Arbeitssäle für mi- kroskopische und physiologische Arbeiten, Bibliothek und Lehr- mittelsammlung entsprechen den Forderungen des heutigen Uni- versitätsunterrichts. Nach der Besichtigung des Botanischen Gartens wenden wir uns der Ostanlage zu, um das inmitten prächtigen gärtne- rischen Schmuckes gelegene, von dem berühmten Berliner Bild- hauer Schaper in weißem Tiroler Marmor ausgeführte Denk- mal Justus von Liebigs zu bewundern, welches im Jahre 1890 enthüllt wurde. Die Porträtähnlichkeit ist sprechend, Rundgang durch die Stadt. 115 das Denkmal in allen seinen Teilen vorzüglich gelungen. Justus von Liebig war während der schönsten und wichtigsten Zeit seines Lebens Bewohner unserer Universitätsstadt. Mit 21 Jahren wurde er hier Professor an der Hochschule und widmete sich unablässig deren Dienst während nahezu drei Jahrzehnten. Hier reihten sich Entdeckungen an Entdeckungen, alle Länder der zivilisierten Welt sandten lernbegierige Schüler seiner Muster- anstalt zu, und durch ihn wurde Gießen eine zeitlang die be- rühmteste aller deutschen Hochschulen. Noch jetzt erinnert die Liebigshöhe in der Nähe der Stadt an seine ausgedehnten Versuche zur Stütze seiner neuen Theorie der Mineraldüngung: ein wüstes, kaum von Unkraut bestandenes Gebiet hatte er in wenigen Jahren durch seine Mineraldünger in ein blühendes Landgut verwandelt. Verschiedene Berufungen an andere größere Universitäten nahm Liebig nicht an, bis er 1852 einem Rufe nach München Folge leistete. Aber seine größten wissen- schaftlichen Erfolge fallen in die Zeit seines Aufenthaltes in Gießen. Mi rt Cafe Hettler Das Neuenweger Tor, zu dem wir jetzt kommen, zeiet uns die Bürgermeisterei, ein schmuckloses Ge- bäude, früher Realschule. In demselben befindet sich auch die Stadtkasse, in dem Seitenbau ist das Archiv der Stadt Gießen untergebracht. Dieses enthält die städtischen Akten, hauptsächlich des 17. und 18. Jahrhunderts, sodann Stadtrech- nungen, Stadtbücher und Gerichtsprotokolle seit der Mitte de: 16. Jahrhunderts, wenn auch leider nicht in lückenloser Folge. Von den Zunftakten sind diejenigen der Bäckerzunft hervor- zuheben. u tn a pen 116 Rundgang durch die Stadt. Das Archiv ist der wissenschaftlichen Benutzung zugäng- lich. Die Archivakten werden auch nach auswärts, jedoch nur an Archive, Bibliotheken und andere Behörden, die sich zur feuersicheren Aufbewahrung verpflichten, versandt. In Gießen geschieht die Benutzung meist in den Räumen der Universitäts- Bibliothek. Sprechstunde: Mittwochs 4—6 Uhr im Archiv. Teufelslustgärtchen Gegenüber in der rechten Straßenecke das Gebäude der Freimaurerloge„Ludwig zur Treue“. Dieselbe ist 1858 nach dem Plan des Professors der Baukunst Gustav Lange in München erbaut. Am 25. April 1778 wurde durch die damalige Direktorialloge zu Wetzlar in Gießen die Loge „Ludwig zu den drei goldenen Löwen‘ gegründet, deren Chef und Protektor der Erbprinz Ludwig, der spätere Großherzog Ludwig I. war. Sie war damals die einzige Loge im Hessen- Darmstädtischen Lande. Bald zählte sie über 40 Mitglieder aus den gebildetsten Ständen. Am 10. Nov. 1791 stellte sie indes ihre Arbeiten wieder ein, um den Anfeindungen aus- zuweichen, welche während der französischen Revolution die Freimaurerei erfuhr. Im Herbst 1814 traten die in Gießen Rundgang durch die Stadt. 17 lebenden Freimaurer zu einem ‚Maurerischen Verein‘ zusam- men, der am 7. Nov. 1816 von dem Großherzog Ludwig 1. die Erlaubnis zur Gründung einer neuen Loge unter dem Namen„Ludwig zur Treue‘ erhielt: Dieselbe wurde am 10. Mai 1817 installiert und gehörte anfänglich zum eklektischen Bund, dessen Großloge ihren Sitz in Frankfurt a. M. hat. Bei der Begründung zählte sie 49, bei der Installation bereits 82 Mitglieder. Seit 1859 gehört sie dem Freimaurerbunde zur Eintracht an, welcher sämtliche Logen des Großherzogtums Darmstadt, Mainz, Offenbach, Worms, Alzey, Bingen, Fried- berg und Gießen— umfaßt und unter der Leitung der Großloge in Darmstadt steht. Der Loge gehören zurzeit ca. 150 Brüder an. Klubtag: Freitags 8 Uhr. Gehen wir die Süd-Anlage wei- ter, links an der alten Synagoge der Religionsgemeinde vorüber, so kom- men wir an die sich hier abwendende Bismarckstraße flankiert links von der alten Rieker- schen Universi- tätsbuchhand- lung— Inhaber Ernst Legler-—, welche, in einem stattlichen Renais- Kreuzplatz sance- Hauspalast gelegen, nicht allein prachtvolle Räumlichkeiten, wie solche selten eine Buchhandlung einer Großstadt aufzuweisen hat, sondern auch einen weitgehenden guten Ruf in der Gelehrtenwelt wie im Buchhandel genießt. Rechts an der Straßenecke befindet sich das@Großh. Gymnasium, dessen Direktor 23 Jahre lang der weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Professor Hermann Schiller war. Der Bau des Gymnasiums ist 1878 vollendet. Gegenüber durch die Anlage winkt uns der stattliche Eckbau des eleganten Cafe Skalitzky, eines der vor- nehmsten Restaurants der Stadt. Wir biegen hier nicht in die neue Straße, welche direkt in den Seltersweg mündet, ein, 118 Rundgang durch die Stadt. sondern gehen, der Anlage folgend, bis zur Johannes- kirche, die nach den Entwürfen des Baumeisters Griesebach in Berlin 1891—1893 in edlem Renaissancebau errichtet wurde, ein hübscher Bau, der keineswegs durch seine Größe im- ponierend wirkt, sich aber in seiner landschaftlich schönen Umgebung wohltuend dem Auge des Beschauers darbietet. Die Südanlage endigt an dem bereits eingangs erwähnten Selterstor. An der Ecke der Südanlage und der Frankfurter- straße das bekannte und beliebte Cafe Hettler. Hier wen- den wir uns nunmehr der inneren Stadt zu durch die Hauptge- schäftsstraße Gießens, den Seltensw.eos Gleich am Anfang der Straße links das be- suchte Restaurant Royal, gegenüber die altangeseheneFerber- sche Universitäts- buchhandlung— Inhaber C. Koch-, weiter hinauf in einem Eckhause Alt-Gießens die Hof- ıınd Universi- tätsbuchhandlung von Aug. Frees. Auf der linken Seite der Häuser- reihe zurückgelegen das mustergültig eingerichtete Gießener Volksbad, welches aus freiwilligen Zeichnungen der Bürger- schaft mit einem Aufwand von ca. 200000 Mark errichtet und 1898 eröffnet wurde. Auf derselben Seite zwischen Wolken- und Löwengasse das von Reisenden viel besuchte Hotel Prinz Karl. Auf der gegenüber liegenden Seite das be- suchte Theater-Restaurant und Cafe und das Alt- Gießener gute Restaurant Emil Freund der Brauerei Friedel& Asprion, von altersher unter dem Namen„Lotze“ berühmt. Der Seltersweg führt uns über den Kreuzplatz rechts an der alten Pelikan-Apotheke vorüber durch die enge Mäusburg, an altertümlichen Häusern vorbei zum ältesten Teil der Stadtanlage, dem Marktplatz. Wie be- Kriegerdenkmal Rundgang durch die Stadt. 119 scheiden ist dieser Platz ın seiner Altes Rathaus Ausdehnung und doch wıe charak- teristiich in seinen anliegenden Häuserbauten. Dasälteste und eigen- artigste Haus Alt-Gießens fällt uns an der Ecke zuerst in die Augen, ein hoher Fachwerkbau, die frühere Hirsch-Apotheke, welche jetzt nach der Frankfurter Straße verlegt ist. Die hier angebrachte Gedenk- tafel zeigt an, daß in diesem Hause am 1. März 1610 der als Geschichts- lehrer, Philosoph und Theolog be- rühmte Joh. Balthasar Schupp— gest. 1661— geboren wurde, welcher sich durch seine beim Friedens- schlusse des 30 jährigen Krieges 1648 zu Münster gehaltene Festpredigt einen historischen Namen gemacht hat. Vor dem Hause steht das 1900 aus freiwilligen Beiträgen der Bürger- schaft durch den Bildhauer Ludwig Habich aus Darmstadt errichtete Kriegerdenkmal, ein dreiseitiger, eine Gestalt des Krieges tragender Brunnenbau. Schräg gegenüber das 1900 restaurierte alte Rathaus mit der für die hessischen Rat- häuser typischen unteren großen Halle. Die beiden Seiten- wände dieser Halle enthalten zwei bronzene, mit dem Krieger- denkmal zugleich enthüllte Gedächtnistafeln für die Krieger von 1870/71. Auf ig der anderen Seite des L Marktplatzes erhebt sich an der Ecke der Schul- straße einer der stattlich- sten Neubauten der Stadt, die Engel-Apotheke. Einige Häuser weiter in der Schulsraße die Brühl- sche Univ.-Druckerei mitdemVerlageder Haupt- zeitung unserer Stadt, des Gießener Anzeigers, Schulstraße daneben das Postamt Il 120 Rundgang durch die Stadt. und das auch von Studenten besuchte Hötel-Restaurant Kaiserhof. An den Marktplatz schließt sich der Kirchenplatz an, links die Stadtkirche— eingeweiht 1821—. Außen höchst geschmacklos, das Innere früher ein großer Saal mit Doppelgalerien zur Seite, vor einigen Jahren würdig restauriert, wobei auch die obere Galerie, um mehr Licht zu schaffen, beseitigt wurde. Universitäts-Apotheke zum goldenen Engel An der Stelle der Kirche stand früher die Pankratiuskirche, deren Bau 1448 begonnen wurde. Der Glockenturm mit schöner Aussicht, welcher von der Kirche getrennt steht, ist noch ein Ueberbleibsel der alten Kirche. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts scheinen Kirche und Turm fertiggestellt worden zu sein, auf jeden Fall waren 1520 beide vollendet. 1613 bis 1622 wurde die Kirche durch einen Anbau vergrößert und 1808 wegen Baufälligkeit des Ganzen mit dem Abbruch be- gonnen, worauf an ihrer Stelle die jetzige Kirche errichtet wurde. Hinter derselben, an der Umfassungsmauer der ältesten Stadt- Rundgang durch die Stadt. 121 anlage, Wohnhäuser der era a ehemaligen Burgmannen, auch das der Kirche gegenüber liegende alte Gebäude der vor- mals hier befindlichen Engel- Apotheke Kirchenplatz Nr. 12 ist ein solches Burgmannen- haus. Wir kommen nun direkt auf den Lindenplatz, den früheren Stand der alten Ge- richtslinde; an diesen schließen sich rechts die Marktlauben an, in denen dreimal in der Woche der Wochenmarkt ab- gehalten wird. Gehen wir an diesen Marktlauben vorüber, so kommen wir auf einen großen freien Platz„am Brand“, seit 1904 zum Gedächtnis Philipps des Großmütigen„Landgraf Philipp-Platz“ genannt. Am Pfingsttage, dem 27. Mai 1560, wurde hier durch Blitzschlag ein Brand verursacht, welcher 168 Häuser einäscherte Zur Erinnerung an dieses Brand- unglück trug dieser Platz seinen Namen, wie auch die auf denselben ausmündende Brandgasse. Im Erdgeschoß des Turm- hauses der Marktlauben ist das Feuerwehr-Depot, in den oberen Räumen ist de Wanderausstellung des Kunstvereins für das Großherzogtum Hessen. Der Wechsel der Bilder findet alle 4—6 Wochen statt. Die Ausstellung ist täglich mit Ausnahme des Sonnabends von 11—1 Uhr ge- öffnet, Mittwochs auch von 3—5 Uhr, Sonntags von 11—3 Uhr. Vom 15. Juli bis 15. September bleibt sie geschlossen. Ein- trittspreis für Nichtmitglieder 50 Pfennig, für Studierende und Sonntags 20 Pfennig. An gleicher Seite an diesem Platze die Universitäts-Reitbahn mit Marstall, 1720 angelegt, bis 1849 Anatomie. Das Eckhaus. jenseits der Brandgasse, de ehemalige Hauptwache aus dem 18. Jahrhundert. Daneben die Großherzogl. Provinzial- direktion und das Kreisamt. Eine Gedenktafel am Hause sagt uns, daß hier der Freiherr Renatus Karl von Sencken- a 122 Rundgang durch die Stadt. berg,„gelehrter Schriftsteller, warmherziger Menschenfreund und Pätriot“, geb. 23. V. 1751, gest. 18. X. 1800, wohnte, welcher der Universität seine sehr bedeutende Bibliothek von etwa 15 000 Bänden, seine reichen Sammlungen von Handschriften und Ur- kunden, sein Wohnhaus und 10000 Gulden vermachte. Gegen- über auf der anderen Seite des freien Platzes erhebt sich das neue Schloß, angeblich im Jahre 1570 kurz nach dem verheerenden Brande erbaut, jetzt nach den alten Plänen stil- gemäß erneuert, in früherer Zeit mehrfach Residenz der hessischen Landgrafen. Dahinter Gießens schönstes Gebäude Marktlauben aus alter Zeit, die alte Kaserne, vormals Zeughaus, dann Lagerhaus, 1585 von dem Landgrafen Ludwig dem Aelteren, dem Sohne Philipps des Großmütigen, erbaut. Die großen Bruchsteine wurden von dem sogenannten Felsen, linke Lahn- seite, Yı Stunde oberhalb Gießens, gebrochen und auf einem besonderen Kanal von der Lahn durch die Schwarzlach bis zum Wallgraben auf Nachen befördert. Spuren des Kanals sind noch jetzt in der Ederstraße auf der linken Seite zu erkennen. Die reichen Vorräte des Zeughauses wurden teile in Kriegszeiten weggeführt, teils bei Aufhebung der Festung verschleudert und als altes Metall vertrödelt. Eine zweite, viel erößere und ganz neue Kaserne— 1887 bezogen— steht außerhalb der Stadt nahe dem Trieb. Durch die Sencken- bergstraße getrennt steht das schmucklose alte Kol- legiengebäude, die spätere Bibliothek. In die durch Ver- legung derselben nach dem Neubau in der Keplerstraße frei- a Rundgang durch die Stadt. 123\ oewordenen Räume ist das Feuerwehr-Depot und Kunst-Ausstellung botanische, geogra- phische und geodä- tische Institut unter- eebracht worden. Rechts daneben der Eingang zum botanischenGarten, einem derältestenDeutsch- lands— 1609 eröffnet—, worin sich ein einfaches Denkmal der im letzten Kriege gefallenen Stu- denten befindet. Rechts davon erblicken wir das alte Schloß mit dem hochragenden Burg- fried, im Volksmunde der Heidenturm ge nannt, hoch über den Palas und die dazu ge- hörigen Gebäude ragend, die sich um einen engen Hof gruppieren. Das Dach des Heidenturms muß in der Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut sein, denn in der Windfahne sind die Abzeichen von Ziegenhain und Nidda enthalten, die 1450 Hi an Hessen fielen. Bis auf Landgraf Ludwig IV. wohnten die hessischen Landesherren in diesem alten Schloß; auch Landgraf Philipp(1518—1567) hielt sich während der Sickinger Fehde in demselben auf. Aber auch nachdem das neue Schloß 1570 als landgräfliche Residenz gebaut war, verlor das alte seine Bedeutung nicht. Es war vorwiegend der Sitz der höchsten Behörden des Landes— daher auch alte Kanzlei ge- nannt—. Mit der Zeit sarık es aber zur halben Ruine herab und ging immer mehr seinemVerfall entgegen. Vor einigen Jahren übernahm es die Stadt mit der Ver- pflichtung, es in ursprüng- lichem Geiste wieder her- zustellen; jetzt ist hier im| südlichen Teil das früher iu II Partie aus Alt-Gießen Rundgang durch die Stadt. im alten Rathause befindliche Museum— Näheres unter Biblio- theken und Sammlungen— untergebracht; im Obergeschoß des nördlichen Teiles sind Wohnräume, im Erdgeschoß Empfangsräume für Ihre Königlichen Hoheiten den Großherzog und die Groß- herzogin eingerichtet worden. Die Einrichtung der Räume des Erdgeschosses, genau nach den Anordnungen Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs in reichem romanischen und byzantinischen Stil von der Hofmöbel-Fabrik von J. Glückert in Darmstadt aus- geführt, darf als ein Kleinod des Hessischen Kunstgewerbes be- zeichnet werden. Wartezimmer Aus dem Eingang von dem Brandplatz gelangt man zuerst in das Wartezimmer, welches mit dunkelbrauner Täfelung von Nußbaumholz mit Malerei versehen ist, an das sich ein mit Gold durchwirkter grüner Wandstoff harmonisch Anschließt. Eine vier- flügelige Schiebetür trennt das Wartezimmer von dem Empfangs- zimmer, dessen Täfelung, aus Birnbaumholz, rot mit Vergoldung von dem darüber befindlichen blauen Wandstoff sich außerordent- lich prächtig abhebt. Die leuchtende Wirkung dieser Farben wird erhöht durch die Kissenstoffe auf Bänken und Stühlen, rot mit eingewirkten goldenen Tauben und Kronen, und durch eine große Portiere, schwarz mit goldenen Kranichen mit einer Bordüre, welche goldene Papageien auf rotem Grunde enthält. Die Portiere führt in das dritte Zimmer. Die Täfelung von Eschenholz, grau mit Vergoldung, leitet über zu rotem Wandstoff mit goldenen Hirschen. Alle drei Zimmer sind mit Parkettboden, geschnitzter Rundgang durch die Stadt. 125 Balkendecke, welche in dem Empfangszimmer durch zwei alte Holzpfeiler getragen wird, elektrischen Beleuchtungskörpern, großem Kamin und eingebauter Fensternische versehen. Das Mobiliar, Tische, Schränke, Standuhren, Sessel, Stühle in den Farben der Täfelung, zum Teil mit reicher Vergoldung, hebt die Eigenart eines jeden Zimmers noch besonders hervor. Ungeachtet der Fülle reicher und glänzender Farben ist der Gesamteindruck ein außerordentlich wohltuender. Die Prachtentfaltung ist nirgends aufdringlich und störend. Einen ungemein freundlichen Abschluß finden die Prunk- räume dann in dem Rauchzimmer, das hellbraun, aus Rüster- holz mit Eichenbeschlag in seiner Einfachheit, eine große Wirkung erzielt durch die in einem Klostergewölbe endigende Täfelung, von dessen Spitze aus eine Ampel das trauliche Gemach erhellt. Empfangszimmer mit anstoßendem Nebengemach Das Empfangszimmer ist von der Provinz Oberhessen ein- gerichtet worden, die Portiere, Sessel, Stühle, Kissen sind ein Geschenk der Oberhessischen Frauen und Jungfrauen') für Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin, die Mappe im Empfangs- zimmer von Herrn H. Koberstein in Berlin. Das Rauchzimmer ist gestiftet von Herrn Brauereibesitzer Ihring in Lich, die übrigen Zimmer von den Herren Kommerzienrat Emmelius, Kommerzien- tat Heichelheim, Fabrikbesitzer Klingspor und Kommerzienrat Schaffstaedt in Gießen, den Eisenwerken Buderus in Lollar und 1) Mit Ausnahme der Damen des Kreises Friedberg, welche Geschenke für die oberen Räume des Schlosses gegeben haben. 126 Rundgang durch die Stadt. Wetzlar und der Bank für Hahdel und Industrie in Darmstadt, die Parkettböden von dem verstorbenen Herrn Geheimen Kom- merzienrat Buderus in Hirzenhain. Ueber den Kanzleiberg treten wir in die Sonnenstraße, der sich die„Neuen Bäue‘“ anschließt, welche nach dem Neuen- weeer Tor führt, ein keineswegs neuer Stadtteil, denn schon im Beginn des 17. Jahrhunderts war er vollendet. Im Eckhaus Nr. 15— vormals das Haus der Ricker’schen Buchhandlung— besuchte Goethe von Wetzlar aus seinen Freund, den Professor Höpfner— geb. 3. XI. 1743, gest. 4. VII. 1797.— Eine Marmor- tafel an diesem Hause über- liefert der Nachwelt dieses Andenken an Goethe. Ein anderes Haus, Nr. 9, ist das Geburtshaus von Friedrich Diez, dem Begründer der romanischen Philologie, zu dessen Andenken 1883 auch eine Marmortafel am Hause angebracht wurde. Weil früher durch die Straße die armen Sünder zum Hoch- gericht geführt und die Leichen der im Gebärhaus Verstorbenen durchgetragen wurden, galt diese Straße bis in die letzte Vergangen- heit für unehrlich und kein Leichenzug bewegte sich durch dieselbe. Sonnen- straße 19 befindet sich das Klu.bihra ufs 056: Gießener Gesell- schaftsvereins mit sehr guter Bibliothek und reich aus- gestattetem Lesezimmer. Durch die in gerader Richtung die Neuen Bäue fortsetzende Gartenstraße gelangen wir am städtischen Gas- und Wasserwerk vorüber— rechts das Pharmakologische Institut— auf den Lud- wigsplatz mit hübschen Anlagen. Links führt die mit großen schattigen Bäumen bestandene Grünbergerstra Be zu der hochgelegenen, mit moderner Weitläufigkeit gebauten neuen Kasernen des II. und III. Bataillons des 116. In- fanterie-Regiments. Auf der linken Seite, etwas nach der Stadt Altes Burgmannenhaus an der Kirchstraße Rundgang durch die Stadt. 27 zu gelegen, das Ko np anlsden eu lo nen. Von hier aus genießt man einen herrlichen Blick auf die unten im Lahntal gelegene Stadt und auf die in weitem Bogen die Umgebung beherrschenden Höhen. Es dürfte wenige so schön und so gesund gelegene Kasernements in den Garnisonen Deutschlands geben. An der Kaserne vorüber links der große Exerzierplatz, an welchen sich der bereits erwähnte prachtvolle Philosophenwald anschließt. An den Um- fassungsmauern der Kaserne entlang können wir in einigen Minuten zu der ähnlich wie die Grünbergerstraße angelegten schattigen Licherstraße gelangen. Durch die an der Seite sich hinziehenden Anlagen kommen wir zum alten Friedhof, dessen Besichtigung wir uns für einen anderen Tag auf- sparen wollen gelegentlich eines Ausfluges in die nähere Umgebung, ebenso die Be- sichtigung der Anlagen mit der Luther- undSchiller- eiche und der dahinter liegenden Provinzial- Siechenanstalt, welche mit einem Kostenaufwand von 600000 Mark errichtet und 1903 in Benutzung genommen wurde. Unter- halb des Geländes dieser Anstalt wird sich demnächst Heidenturm(Burgfried, die Provinzial-Irren- anstalt erheben. Nach einem Gang durch die Licher- und Gutenbergstraße mit dem Alemannen haus gelangen wir zu dm Neuen Saalbau, wo wir kurze Rast machen. Dieser, die schönste Wirtsgartenanlage der Stadt, wurde 1763 von dem General Christoph von Drechsel im steifen Stil da- maliger Zeit terrassenförmig angelegt und behielt auch diesen Charakter, nachdem er 1765 in die Hände der Familie Busch übergegangen war. Jetzt sind seine geraden Wege und die verschnittenen Taxusbäume verschwunden und der Garten durch Bauplätze wesentlich verkleinert. Die Wirtschaftsgebäude haben sich indes vergrößert und das schöne Anwesen mit seinem ee 98.8: Rundgang durch die Stadt. großen Saal ist der Sammelort der guten Gesellschaft. Hier finden auch oft Konzerte und Bälle sowie größere Privatgesell- schaften statt. Hinter dem Neuen Saalbau am Nahrungs- berg steht ds Korpshaus der Hassia. Durch die Bergstraße kehren wir zum Ludwigsplatz zurück und folgeen der Ludwigsstraße, welche von drei Parallel- straßen, der Bismarck-, Goethe- und Bleichstraße durchquert wird. Vor der Einmündung der ersteren liegen die ausgedehnten Baulichkeiten des Realgymnasiums, auf derselben Seite zwischen Bismarck- und Goethe- straße das chemische Laboratorium, ein im Jahre 1888 erbautes, mit den neuesten Einrichtungen versehenes In- stitut, und das Universitätsgebäude, erbaut 1879, ein im Verhältnis zu seiner Be- stimmung recht schmuck- losesGebäude,dessen Räume den Anforderungen der auf- blühendenUniversitätschon lange nicht mehr genügen. Im Erdgeschoß findet sich eine hübscheSammlung von Gipsabgüssen nach Antiken. Im wohltuenden Gegensatze dazu steht der hinter dem- selben aufgeführte impo- sante Bau des Physika- lisch-Chemischen Instituts, eines der besteingerichteten der deutschen Hochschulen. Verfolgen wir nunmehr die Lud- wigstraße und gehen unter dm Bahndamm der Oberhessischen Eisenbahnen hindurch bis zur Kreu- zung der Liebigstraße, betrachten uns die nach der frühe- ren Aktienbrauerei zu in der Nähe der Wil:helm- straße gelegenen Häuser der Starkenburgia und des Waneolt Durch die Frebrestraßre mi. den non katholischen Kirche oder die Wilhelmstraße ge- langen wir zur Frankfurterstraße. Diese führt von der alten katholischen Kirche den Seltersberg auf- wärts durch einen ganz neuen Stadtteil nach den mächtigen neuen Klinikbauten. Da diese nicht direkt an der Frank- furterstraße liegen, so biegen wir, um zu ihnen zu gelangen, gleich hinter dem höchsten Punkte der Frankfurterstraße links in die Klinikstraße ein. Sofort haben wir dann zu beiden Seiten die gewaltigen Gebäudekomplexe vor uns. Der erste Frankfurter Straße Rundgang durch die Stadt. 129 große Bau rechts ist die gynäkologische Klinik, vor derselben zur Seite steht das Wohnhaus des Direktors. Weiter- hin am Hügel aufwärts folgt zunächst das Verwaltungs- gebäude mit Apotlfeke, dann die medizinische Klinik und ihr gegenüber, auf der nordöstlichen Seite der Straße, die Wohnung ihres Direktors. Hinter den Klinik- bauten liegen das pathologische Institut, die für alle Abteilungen gemeinsame Küche, das Eishaus und das aus- gedehnte Maschinenhaus zur Erzeugung des Heizungsdampfes und der Elektrizität. Gas wird nur für Kochzwecke verwendet. Zwischen den einzelnen Gebäuden ist Platz genug für aus- gedehnte Gartenanlagen zur Benutzung für Genesende. Auf der nordöstlichen Seite der Klinikstraße liegen die mächtigen Gebäude, die bestimmt sind, nach ihrer Fertigstellung die chirurgische, sowie die Augen- und Ohrenklinik aufzunehmen, die gegenwär- tig noch in dem alten Bau an der Liebig- straße unter- gebracht sind. Daß alle Klinikbauten nichtbloß den Zweck haben, Kranke zu heilen, son- Alice-Straße dern auch Stu- denten am Krankenbett zu belehren, und daß danach auch die Einrichtungen bis ins kleinste und vollkommenste aus- geführt sind, versteht sich von selbst. Setzen wir unseren Gang noch etwas weiter den Hügel aufwärts fort, so bietet sich uns bei dem Gasthaus„Zur sehönen Aussicht“ ein reizvoller Blick auf die Stadt und ihre anmutige Um- gebung. Bei klarem Wetter kann man nach Norden hin auch mit bloßem Auge ganz deutlich das Marburger Schloß er- kennen. Empfehlenswert ist es übrigens, diesen Punkt am Vormittag zu besuchen, da man dann die Sonne im Rücken hat, und der Blick nach den Vorhöhen des Westerwaldes— Gleiberg, Vetzberg, Dünsberg usw.— freier ist als am Nach- mittag. Nachdem unser Auge sich an dem schönen Rundblick a E| Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 9 130 Rundgang durch die Stadt. gelabt hat, kehren wir durch die Klinikstraße zur Frank- furterstraße zurück, uns links wendend, dieser in süd- westlicher Richtung zu folgen. An der alten Veterinär- Anstalt— links vorüber gelangen wir zu der psychia- trischen Klinik— links— und der neuen Veterinär- Anstalt- rechts der Frankfurterstraße. Der ausgedehnte Gebäudekomplex der psychiatrischen Klinik zieht sich— ähnlich wie die oben näher besprochenen Klinikbauten — von der Frankfurterstraße in südöstlicher Richtung den Hügel aufwärts. Das rote Gebäude rechts ist die Wohnung des Direktors; daran schließen sich die übrigen Gebäude und Anlagen, bei deren Ausgestaltung durchweg das Streben mab- oebend war, die Kranken möglichst zu isolieren und damit auch möglichst individuell behandeln zu können. Wie sehr man das Richtige getroffen hat, beweist der vorzügliche Ruf der weithin als mustergültig anerkannten Anstalt. Aus- drücklich möge hier bemerkt sein, daß die psychiatrische Klinik naturgemäß keine eigentliche Irrenanstalt ist. Sie dient in erster Linie wissenschaftlichen Beobachtungszwecken; damit aber geht sachkundige Behandlung und zweckmäßigste Pflege der Er- krankten Hand in Hand.— Eine Irrenanstalt für die Provinz Oberhessen, wofür der Landtag die nötigen Mittel bereits bewilligte, ist an der Steinbach-Licher Straße in der Nähe der Provinzial- Siechen-Anstalt im Rohbau fast vollendet. Der psychiatrischen Klinik gegenüber, also auf der nord- östlichen Seite der Straße, liegt das von Gaffky, dem jetzigen Direktor des Reichsgesundheitsamtes, eingerichtete hygie- nische Institut, Kehren wir zur Frankfurterstraße zurück, so fesseln die imposanten Gebäude und Anlagen der neuen Veterinär-Anstalt unseren Blick. Diese lassen in ihrem schmucken Gewande schon von außen her erkennen, daß der hessische Staat kein Opfer gescheut hat, um auch der veterinär- medizinischen Wissenschaft ein stattliches Heim und die denk- bar besten Grundlagen für ihre gedeihliche Weiterentwicklung zu schaffen.— In der Nähe des Instituts nach dem Bahnhof zu liegt an dem Wetzlarer Weg das prächtige Haus der 3urschenschaft Germania mit herrlichem Ausblick auf Lahn und Biebertal. Von unserem anstrengenden Rundgang ermüdet, kehren wir ins Innere der Stadt zurück, um uns zu stärken bei einem kühlen Trunk oder um uns in der gastlichen Musenstadt zu dauerndem Aufenthalt niederzulassen.„Hier ist gut sein‘, den Eindruck haben wir auch auf unserem Rundgang erhalten,„hier laßt uns Hütten bauen“. AO Bibliotheken und Sammlungen. I. Bibliotheken. a) Die Universitätsbibliothek. Von Oberbibliothekar Dr. Heuser. Die größte unter den hiesigen Bibliotheken ist natürlich die Universi- tätsbibliothek; sie zählte am 1. April 1906 302083 Bände(worunter aller- dings zahlreiche Bro- schüren), 1500 Hand- schriften und 550 Ur- kunden. Ihre An- schaffungen erfol- gen nach den Be- dürfnissen der Uni- versität, benutzt aber werden kann sie nicht nur von . Universitäts-Bibliotliek mit Lesesaal Angehörigen der Universität, son- dern auch von anderen einheimischen Personen, die entweder durch ihre Stellung die nötige Gewähr für richtige Benutzung bieten oder gegebenen Falles einen Bürgschein beibringen. Aber auch Aus- wärtigen steht die Benutzung offen, sofern der Nachweis er- bracht wird, daß eine Bemühung an der nächstgelegenen son- stigen Bibliothek(für Hessen im allgemeinen die Hof-, richtiger Landesbibliothek in Darmstadt) vergeblich war. Geöffnet ist ee en az 132 Bibliotheken und Sammlungen. der Lesesaal und das Zeitschriftenzimmer Werktags von 9—1 und außer Sonnabend von 3—6 Uhr. Im Lesesaal mit zurzeit 50 Arbeitsplätzen, die aber auf 70 vermehrt werden können, steht eine reichhaltige Handbibliothek, die zum Teil aus einer Schenkung des hiesigen Kommerzienrats S. Heichelheim im Betrage von 10000 Mark beschafft worden ist; im Zeit- schriftenzimmer liegen die laufenden Jahrgänge bezw. Bände von etwa 1100 Zeitschriften, zu allermeist wissenschaftlichen Inhaltes,.auf, unter ihnen die Tauschschriften der oberhessi- schen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, des oberhessischen Geschichtsvereins und der Gesellschaft für Erd- und Völker- kunde.(Die Gesellschaften erhalten als Entgelt einen Staats- zuschuß.) Ausgeliehen und zurückgenommen werden Bücher im Ausleihezimmer werktäglich von 11—1 Uhr, außerdem Mon- tags, Mittwochs und Freitags nachmittags von 3—5 Uhr. Ein Kasten für Bestellzettel hängt auch in der Eingangshalle des Kollegienhauses. In ihrem von Baurat August Becker ent- worfenen und unter seiner Oberleitung ausgeführten Neubau in der Keplerstraße 2 befindet sie sich seit Herbst 1904. Der Umzug begann am 3. August; der eigentliche Büchertransport war am 20. August beendet, doch konnte der volle Betrieb erst am 21. Nov. wieder aufgenommen werden, nachdem am 12. Nov. eine größere Einweihungsfeierlichkeit in Gegenwart Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs, sowie der drei Minister statt- gefunden hatte. Das jetzige Gebäude wird den Zuwachs von etwa 25 Jahren aufzunehmen vermögen, dann muß angebaut werden, wofür Platz in hinreichendem Maße vorhanden ist. Auch eine Vermehrung der Geschäftsräume ist noch möglich, wenngleich diese von vornherein auf eine noch etwas größere Zahl von Beamten berechnet sind, als sie zurzeit hat(nämlich 1 Direktor, 1 Oberbibliothekar, 2 Bibliothekare, 2 Hülfsbiblio- thekare, 1 wissenschaftlichen Hülfsarbeiter, 1 Kanzleigehülfen, 2 Diener und 1 Heizer für die Zentralheizung). Bis die Bibliothek in ihr jetziges vorzüglich eingerichtetes und praktisches Heim einzog, hat sie den Platz schon öfter gewechselt. Gegründet ist sie im Jahre 1612 durch einen Bücherkauf, den Landgraf Ludwig V. in Straßburg machte und dessen Bestand wir noch genau kennen. Sie wurde auf- gestellt im neuen Universitätsgebäude und blieb daselbst bis 1826,— abgesehen von der Marburger Zeit— in welchem Jahre sie in die ehemalige Kaserne auf dem Seltersberge ver- lest wurde, wo auch die Kliniken eingerichtet wurden. Da diese sich natürlich immer mehr vergrößerten, wurde der Raum Bibliotheken und Sammlungen. 133 zu klein— die Bibliothek nahm doch auch zu, so ganz be- sonders durch Einverleibung der bis dahin selbständig ver- walteten Senckenbergischen Bibliothek im Jahre 1837, durch sonstige Schenkungen und durch ihren regelmäßigen Zugang — und so erfolgte denn vom 16. August bis 14. Sept. 1880 der Umzug in das seitherige Universitätsgebäude am Brand- platz, in dem sie im Erdgeschoß jedoch noch das botanische Institut als Mitbewohnerin hatte. Nach Professor H. Hoff- manns Tode im Jahre 1892 erfolgte die Uebersiedelung dieses Institutes in die inzwischen frei gewordene Entbindungsanstalt. Trotz dieser Erweiterung der Räume trat doch wieder Platz- mangel ein und so entschloß sich nach langen Verhandlungen Großh. Staatsregierung zum Neubau, der, wie erwähnt, im August 1904 bezogen wurde. Die Mittel, die der Bibliothek zu Anschaffungen zur Ver- fügung standen, waren ursprünglich sehr, sehr knapp be- messen— fand sich doch ausgangs des 17. Jahrhunderts Bibliothekar Hedinger veranlaßt, vorzuschlagen,„ein zierlich eingebundenes Buch aufzulegen, in dem die Namen und Wappen derjenigen erscheinen, die Geld, Bücher oder sonst was spendiert haben‘ und ferner,„daß viele, sonderlich Passa- giere möchten veranlaßt werden, die Bibliothek zu besuchen und bei dieser Occasion ihre Liberalität sehen zu lassen‘, und dergl. mehr. Das fragliche Buch, in roten Samt gebunden und mit silbernen Beschlägen versehen, ist noch vorhanden, es verzeichnet bis zum Jahre 1770 weitergeführt, also 70 Jahre lang, nur 29 Geschenkgeber, die zusammen 102 Gulden, 24 Münzen und 57 Werke schenkten. Erst den Bemühungen des äußerst verdienstvollen Bibliothekars Joh. Valentin Adrian, der der Anstalt von 1830—1864 vorstand, gelang es, das Budget, das 1830 etwa 700 Gulden betrug, in die Höhe zu bringen, so daß es 1855 sich auf 3800 fl. belief. Im laufenden Rechnungsjahre stehen der Verwaltung 18300 Mark für Ankauf und 5000 Mark zum Einbinden von Büchern zur Verfügung, abgesehen von sonstigen sachlichen Ausgaben für Heizung, Beleuchtung, Reinigung, Kanzleibedürfnisse usw. Ist diese Summe auch nicht klein, so reicht sie doch nicht im Ent- ferntesten aus, auch nur die wichtigsten der neuen Erschei- nungen auf allen Gebieten zu erwerben, da der bei weitem größte Teil jener Summe für die Fortsetzung der Zeitschriften festgelegt ist, deren Zahl sich obendrein immer vermehrt und deren Preis, besonders bei den naturwissenschaftlichen und medizinischen Abteilungen immer größer wird. 134 3ibliotheken und Sammlungen. Es war und ist daher mit Freude zu begrüßen, daß der Bibliothek auch immer wieder teils kleinere, teils aber auch erößere Schenkungen zugeflossen sind, abgesehen von den Dubletten, die die Hofbibliothek zu Darmstadt sehr zahl- reich der Universität zuwendet, die jedoch z. T. aus älteren Werken bestehen. Die größte Schenkung war die schon erwähnte Senckenbergische, die bis zum Jahre 1837 unter eigener Ver- waltung stand. Außer dieser wären zu nennen die Vermächt- nisse. des. Professors der griechischen und orientalischen Lite- ratur, sowie der Altertumswissenschaft Joh. FIch. May des Jünge- ren vom Jahre 1732 etwa 3300 Bände umfassend, 1764 2622 Bände aus dem Nachlaß des früheren Bibliothekars und Pro- fessors der Rechtswissenschaft Christoph Ludwig Koch. 1771 wurden 205 Handschriften und 308 alte Drucke, welche die St. Markuskirche zu Butzbach besaß und die früher dem dortigen sog. Kugelhause gehört hatten, nach Gießen verbracht. Von den zahlreichen Zuwendungen des 19. Jahrhunderts seien nur drei erwähnt, die Schmid’sche Stiftung(1867 aus dem Nachlaß des Professors, ursprünglich der katholischen Theologie, später der Philosophie, Leopold Schmid), die im Jahre 1870 erfolgte, die Clemm’sche Bibliothek(1678 vortreff- lich erhaltene Werke vorwiegend klassisch-philologischen In- haltes aus dem Nachlasse des 1883 verstorbenen Professors der klassischen Philologie Wilh. Clemm), und die Bradke’sche Bibliothek, 1000 meist gut gebundene Werke und Broschüren aus dem Nachlaß des Professors des Sanskrit Peter von Bradke, der 1897 gestorben war. Die jüngste Zuwendung dieser Art ist die schon erwähnte Heichelheim’sche Stiftung, möge sie nicht die letzte bleiben, mögen der Bibliothek besonders auch im Jubeljahre schöne Geschenke zufallen, wie von der hiesigen Stadtverwaltung sowie von der Stadt Mainz je ein solches von 5000 Mark schon zu- gesichert ist. b) Die öffentliche Lesehalle, gegründet 1898, (Bibliothekar Dr. Ebe]) wird von einem Verein geleitet und erhalten. Behörden des Staates und der Stadt leisten Zuschüsse. Im östlichen Tor- häuschen am Selterstor befinden sich Lesezimmer und Bibliothek. Das Lesezimmer ist täglich von 10 Uhr vormittags bis 10 Uhr abends geöffnet. Man findet da 156 Zeitungen und Zeitschriften, ungefähr 1000 einzelne Bücher und Hefte(Nach- schlagewerke, Reiseliteratur, Broschüren zu Haus- und Volks- 3ibliotheken und Sammlungen. 135 wirtschaft, zu Handel und Gewerbe, zu Gesundheitspflege und Lebenskunde). In 42 Rahmen wird eine wechselnde Ausstel- lung von Werken der vervielfältigenden Künste dargeboten, ein Stereoskop enthält 50 verschiedene Ansichten von Städten, Land- schaften und Kunstwerken. Die Bibliothek enthält ungefähr 5000 Bände aus den Ge- bieten der schönen Literatur und der volkstümlichen Wissen- schaft. Der Bücherbestand wird stetig vermehrt. Katalog er- schienen und käuflich. Ausleihstunden: Montag und Mittwoch abend im Sommer von 7-9, im Winter von 6-8, Freitag von 7—93/, Sams- tag von 6-9.— Bibliothekarin Frl. Ida Dingeldein. Im Jahre 1904 sind im ganzen 26371 Bände ausgeliehen worden. Die Anstalten der Lesehalle sind jedermann ohne Entgelt zugänglich. c) Das städtische Archiv (Bibliothekar Dr. Ebel) besitzt nur wenige Urkunden, dagegen ein Akten-Material, das reichen Stoff für die Verwaltungsgeschichte der Stadt, nament- lich für das 18. Jahrhundert, bietet. Die ältesten Rechnungs- bücher und Gerichtsprotokolle gehen bis in die Mitte des 16. Jahr- hunderts zurück. Das Archiv ist seit Juli 1906 in der der Stadt gehörigen früher Weber’schen Besitzung,\Wetzsteingasse 43, untergebracht und für Benutzer zugänglich. Sprechstunden Mitiwoch nachmittags 4—6 Uhr. Il. Sammlungen: Museum. Von Hauptmann a. D. Karl Kramer, Konservator des Museums. Die Sammlungen des Oberhessischen Geschichtsvereins und der Wilhelm Gail-Stiftung sind im sogenannten alten Schloß auf dem Brandplatz unter- gebracht. Der Bau, eine alte Wasserburg, stammt aus der Wen- de des 13. u. 14. Jahr- Museum(Altes Schloß) “x Fr:. Me ‚ Fr er Br 1305 Bibliotheken und Sammlungen. j hunderts, diente lange als landgräfliche Residenz und wurde vom 17. Jahrhundert ab als Amtsgebäude und später als Kaserne verwendet. | Im Jahre 1904-1905 wurde das Schloß durch die Stadt Gießen gründlich umgebaut und enthält außer dem Museum noch Ab- steigequartier für Se. Königliche Hoheit den Großherzog von Hessen. Das Museum birgt besonders in seinen Ausgrabungen aus der Umgebung von’ Gießen seltene Schätze und sollte von jedem, der sich für Altertumskunde interessiert, besucht werden. Das Museum ist Sonntags von 11—1 Uhr frei zugänglich, sonst gegen eine Gebühr von 50 Pfg. Konservator: Haupt-| mann a. D. Kramer.(Wohnung siehe Adreßbuch.) Ueberall erklärende Aufschriften.| Erdgeschoß enthält mehrere Grabsteine. Rechts vom Eingang zwei Hallen. Erstere enthält alte Werkstätten, Gerät-| schaften des Feuerlöschwesens der verschiedenen Zeiten und| Gegenden. Die Feuereimer, aus Strohseilen angefertigt, bieten ein besonderes Interesse. Der anschließende zweite Raum birgt Steindenkmäler, Giebelbalken, Funde aus dem Schutte des Glei-\ bergs, Ofenuntersätze und Kacheln aus dem 16. Jahrhundert bis in die neue Zeit. Beachtenswert ist eine auserlesene An- zahl von gußeisernen Ofenplatten aus dem 16.—19. Jahrhundert, mit bildlichen, biblischen Darstellungen, Wappen, Sinnsprüchen und Zunftzeichen. Die Wandbretter zeigen eine hübsche Samm- lung von Schmiedearbeiten, Schlössern, Lichtscheren usw. Der Aufgang zum ersten Stockwerk ist geschmückt mit verschiedenen Fahnen, darunter die Wahrzeichen der Bürger- wehr von 1848, Waffen und Ausrüstungsstücken. I. Stockwerk. Rechts eine offene Halle, an deren Hinter- wand mittelalterliche Hieb- und Stoßwaffen malerisch gruppiert sind. Ein Schwert aus dem 13. Jahrhundert erregt reges Interesse. Ein Schrank mit Steingut enthält hauptsächlich rhei- nisches und nassauisches Fabrikat verschiedener Zeiten, darunter u. a. Bauern-, Bartmann’s und sogenannte Kurfürstenkrüge. Ein anderer Schrank führt uns kunstvolle Stickereien und sonstige Textilerzeugnisse aus Urgroßeltern Zeiten vor. Das Gesimse| des Schranks ist gekrönt von alten hessischen Tschakkos und sonstigen historischen Erinnerungen(Lutherknauf aus Grünberg). An der Wand und am Treppengeländer sind verschiedene Wetterfahnen befestigt, von denen uns die des sogenannten Heidenturms des alten Schlosses aus dem 14. Jahrhundert besonders auffällt. Auch der schmiedeeiserne Löwe vom alten Rathaus fand hier seinen Platz, ebenso verschiedene Zunftzeichen. Bibliotheken und Sammlungen. 137 Links der Treppe Saal 1 führt uns in einen Raum, dessen Wände Ansichten von Gießen und seiner Umgebung vom 17. Jahrhundert an bis zur Neuzeit tragen. Bilder von Bürger- meistern, Syndicis und sonstigen volkstümlichen Persönlichkeiten sind mehrfach vertreten. Die ausgestellte Münzsammlung, und zwar die vom Oberhessischen Geschichtsverein angelegte und die von den Erben Dr. Klewitz erworbene, sind reichhaltig. Während die Vereinssammlung Münzen und Medaillen der verschiedensten Länder aufweist, birgt die Klewitzsammlung Sonderheiten von Hessen, Fulda, Frankfurt, Solms und verwandten Gebieten. Museum In zwei Auslagen mit Kleingegenständen sehen wir: Holländische Dosen mit drastischen Eingravierungen, Goldwagen, Löffel, Gabeln, Messer, Spinnwirtel, Würfel, Amulette, astro- nomische Kleininstrumente, Tabaksdosen und-Reiben und viele andere Dinge. In der Mitte des Raumes zieht unsere Aufmerksamkeit ein Schrank mit altem Porzellan, Fayencen, Glaswaren und Schnitzereien auf sich. Unter letzterem ist eine sehr wertvolle Figur eines Bettlers von Troyer, Nürnberg, 18. Jahrhundert. Der Zinnschrank mit seinen sehr schönen kirchlichen Geräten verschiedener Kulten, sowie Profanstücke, die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen, fällt besonders in das Auge. Sehr schön ist außer einer getriebenen Taufschüssel aus dem 138 Bibliotheken und Sammlungen. 14. Jahrhundert, ein Hostienteller, in der Mitte die Auferstehung Christi und am Rande die Wappen der sieben Kurfürsten, vom Nürnberger Zinngießer Caspar Endterlein, 7 1633, angefertigt. Im Erker dieses Saales befindet sich die Hauskapelle. Im Hintergrund ist eine Kreuzigungsgruppe aufgebaut. Auf dem Boden zu beiden Seiten dieser Gruppe sind verschiedene Heiligenfiguren, aus Holz geschnitzt, die dem 15. Jahrhundert angehören, mit Ausnahme der noch Spuren einer Bemalung zeigenden Maria und Johannes, welche dem 17. Jahrhundert ihren Ursprung verdanken. Vortragskreuze, Totenkrone und Bildwerk vervollständigen diesen kleinen Raum. Der im Hintergrund an- gebrachte Leinwandstreifen, der anscheinend einst die Rücken- wand eines Chorgestüls bekleidete und dessen Stifter in den Figuren rechts und links zu erkennen sind, soll aus der Wimpfe- ner Kirche stammen.(15. Jahrhundert.) Saal2 ist im Stile, einer hessischen Bauernstube gehalten. Links vom Eintritt ist ein kleines Gelaß, welches die Einrichtung des ehemaligen Gießener Karzers aufnimmt. An den Wänden zahlreiche Bilder aus dem studentischen Leben, u. a. der Auszug der Gießener Burschen 1829 nach dem Gleiberg. In der Bauernstube befinden sich schöne Truhen, Bett, Stühle, Wiegen, Spinnräder, Küchengeräte. Besonders zu erwähnen ist ein wohlgefülltes Tellerbrett aus Ulrichstein; dem Brett gegenüber die verschiedenartigsten Beleuchtungsgegen- stände bis zum einfachen Kienspanhalter herab. An den Wän- den hängen die Porträts alter Gießener Schöffen, hessische Trach- ten- und Militärbilder. In den Schränken sind hessische Bauern- trachten und sonstige Textilgegenstände ausgestellt. Sehenswert ist die Sammlung alter Tabakspfeifen. Kostbare Meer- schaumpfeifen und Köpfe aus der Zeit der ersten Porzellan- manufaktur wechseln in bunter Reihenfolge mit urwüchsigen, eigenartigen Stücken ab. Die in der Mitte aufgestellten Schaukasten bewahren mittel- alterliche Kuchenformen, Siegel und Siegelabdrücke, sowie Pisto- len, Geschosse, Sprengstücke und ähnliches Material, zum Teil von geschichtlicher Bedeutung und vielfach aus den Befrei- ungskriegen, den Feldzügen 1864, 1866 und 1870/71. Der Treppenaufgang zum zweiten Stockwerk zeigt an den Wänden Waffenverzierungen, alte Holz- und Kupferstiche. Auf dem Vorflur stehen schön verzierte alte Bauerntruhen. Wir betreten nun Abteilung II, der vorrömischen, römi- schen und römisch-germanischen Zeit angehörend. Die Samm- Bibliotheken und Sammlungen. 139 lung des zweiten Stockes führt uns in das Kulturleben unserer ältesten Besiedelungen ein. So viel als angängig sind alle Funde in sich vereinigt. Diejenigen, bei denen der Fundort unbekannt oder nicht sicher ist, wurden der Art und Gattung nach geordnet.; Museum Rechts vom Treppenaufgang Saal 3, Ausgrabungen in der Lindener Mark. In den Schränken sehen wir herrliche Bronzegegenstände, wie Kopf- und Halsringe, Spiralarmbänder, Zierscheiben, Gürtelteile; alle Funde sind von einer hohen Kunstfertigkeit des Bronzegusses und stammen etwa aus dem 8.—4. Jahrhundert v. Chr. Ihnen schließen sich die mannig- fachsten Tongefäße, Urnen, Schalen, Schüsseln, außen glatt oder mit einfachen Verzierungen versehen, an. In dem folgenden Schrank sind u. a. die Ergebnisse einer Ausgrabung aus der Bronzezeit(1200-800 v. Chr.) von dem Plateau von Ost- heim bei Butzbach untergebracht. Bei hervorragend schönen keramischen Formen sind die Bronzebeigaben spärlich. Steinwerkzeuge und Gefäße, die gleichzeitig gefunden worden, bestätigen, daß diese Siedelung in die neolithische Zeit hinein- ragt.(? 4000—2000 v. Chr.) Andere Behälter haben die Funde verschiedener vorrömischer Perioden aus Langsdorf, Villingen, Lauterbach, Bettenhausen u. a.©. aufgenommen. Ein Skelett mit Halsring, Fundort 140 Bibliotheken und Sammlungen. Braunsteinbergwerk in der Lindener Mark, zeigt eine auffallende Größe(etwa 800 v. Chr.). Saal 4 enthält Ausgrabungen vom Gießener Exer- zierplatz(Trieb). Schöne Bronzegegenstände wie Gürtel, Gewandnadeln, Schmuckstücke, darunter vier Goldspiralen, ‘als Haarschmuck dienend, sowie zahlreiche Bronzeäxte, Dolche und Messer verschiedenen Zeitabschnitten zugehörend, erfreuen den Besucher. In einem Glasbehälter Skelettbestattung einer Frau mit Gürtel und Halsring. Saal>5 enthält Funde aus der Diluvialzeit und zwar von dem Hardtplateau, westlich von Gießen, aus der Steedener. Höhle bei Runkel, an der Lahn und von anderen Orten. (Knochen des Rhinoceros, Höhlenhyäne, Renntier, Wildpferd u.a. m.) Eine sehr umfangreiche Sammlung von Steinbeilen und sonstigen Steinartefakten, insbesondere aus Oberhessen stam- mend, gehören der neolithischen Zeit an, aus der auch die hochinteressanten Pfahlbautenfunde aus Bodman am Bodensee stammen. Wie so manche Zuwendung verdankt das Museum auch hier diese Stiftung der Pfahlbautenfunde ihrem hochherzigen, langjährigen Gönner Herrn Kommerzienrat Wil- helm Gail, der auch im Verein mit seiner Familie für die um- fassenden Ausgrabungen in der Umgegend Gießens große Geldmittel bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat. Seitlich, nach dem Hofe zu gelegen, ist ein Raum der Universität geweiht. Ernst und würdevoll schauen uns die Bilder gelehrter Professoren an, daneben befinden sich Liebigs-Frinnerungen in verschiedenen Formen. Die Glas- kasten bewahren sehr hübsche studentische Stammbücher, Drucke, Verbindungszeichen, Doktorhüte, sowie Universitäts-Jubiläums- Medaillen. Die Wände sind mit zahlreichen Kupferstichen und Gemälden geziert. Saall(jenseits der Treppe) enthält eine Sammlung Papyrus- Rollen aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, es sind zum größten Teil Aufzeichnungen aus dem wirtschaftlichen Leben, Rechnungen, Verträge usw. Die übrigen afrikanischen Kleinfunde(siehe Aufschrift) sind beachtenswert. Eine Auslage enthält Funde von dem neuen Friedhof Rodberg, Urnen mit Leichenbrand(etwa 200 v. Chr.) sowie Steingerät, Gefäßreste aus neolithischer Zeit. Auch diese Begräbnisstätte gehört einer uralten Siedelung an. Bei Aufschluß einer Sandgrube an der Straße nach Rödgen (siehe Aufschrift) wurde ein Friedhof aus römisch-germanischer Zeit aufgedeckt. Urnen pp. germanischer Form wechseln mit römischen terra sigillata- Gefäßen ab. Leider sind die meist | | | Bibliotheken und Sammlungen. 141 reichlichen Metallbeigaben bei der Verbrennung der Leichen auf dem Scheiterhaufen verletzt worden. Eine reiche Anzahl von Werkzeugen gehört zu den Wohnstätten dieser Siedelung. Ein anderer Schrank enthält römische Tongefäße und eine getreue Nachbildung des römischen Silberfundes aus Hildes- heim(1868). Museum(Bauernstube) Der große anstoßende Saal 2 führt uns in dierömische Kulturperiode. Glasaufsatz mit römischen Kleinfunden: Aerztliche Instrumente, Schreibgriffel, Schlüssel, Zierrat, Spiegel sowie eine auserlesene Zahl kleiner Tongefäße. Funde vom Dünsberg aus vorrömischer Zeit und keltische Goldstücke, so-' genannte Regenbogenschüsselchen, haben gleichfalls hier ihren Platz gefunden. Der Glasaufsatz ist umrandet von einer römi- schen, nach der Zeit geordneten Münzsammlung. Ein anderer Behälter zeigt römisches, kunstvolles Tongeschirr, verschiedenen Zeiten angehörend. Ein großer Schrank enthält eine sehenswerte Sammlung wunderbar schöner römischer Glasware. Die Aus- grabung von KastellArnsburg und naheliegender Limes- befestigungen gestatten uns einen Einblick in das Leben der römischen Besatzung an der Grenzwehr.(Siehe Aufschriften.) Die fränkisch-merovingische Zeit ist mit wenigen, aber guten Stücken vertreten, desgl. die Keramik der spätkarolingischen Zeit. Das Museum ist in gedeihlichem Aufblühen begriffen und erfreut sich eines regen Besuches. ee .. Di+ Allgemeines über Gießen u | &&) Lage und Klima. a) Lage. Die Universitätsstadt Gießen liegt an der Lahn 500 35’ n. Br. 80 41’ östl. Greenwich, in mittlerer Meereshöhe von 150 m, in einer weiten 3 km breiten Talebene, von der nach Südwesten Vorhöhen des Taunus, nach Nordwesten des \Westerwaldes, nach Osten des Vogelsberges aufsteigen. Die alte Stadt und Festung liegt zwischen Lahn und Wieseck. Erst nach dem Schleifen der Festungswerke— von 1805. an— und namentlich in den letzten drei Jahrzehnten, hat sich Gießen sehr beträchtlich über seine alten Grenzen hin ausgedehnt, auch wieder vorwiegend auf der Talsohle. Dieser Teil erhebt sich kaum oder nur wenig über den mittleren Lahnspiegel; nur die Frankfurter Straße auf dem Seltersberg und der Nahrungsberg erheben sich wesentlich darüber; die Kanalisation der Stadt wurde dadurch sehr erschwert. Erheblich verschieden in ihrem Aussehen ist die alte Innen- stadt von der neuen, vielfach wirklich schönen Außenstadt. Hat sich erstere zwar auch in den letzten Jahrzehnten sehr zu ihrem Vorteil, namentlich unter dem Regime des jetzigen Oberbürger- meisters, verändert, so finden wir doch noch zahlreiche enge Gassen und Gäßchen, in welchen die Häuser mit den wunder- lichsten Frontstellungen zur Seite stehen. Es sind die Häuser aus der Festungszeit, die sich mit dem Raum nach der Decke strecken mußten. Anders die Außenstadt, die mit ihren viel- fach stattlichen, immer freundlichen und wohnlichen Gebäuden ganz das Gepräge einer prächtigen, gesunden und luftigen Gartenstadt trägt. b) Klima. Bei dem Klima Gießens ist zu erwägen, dab Gießen im westlichen Teil Deutschlands ungefähr in der Mitte . Lage und Klima. 143 zwischen der Nord- und Südgrenze des Reichs liegt, und daß ferner die oberrheinische Tiefebene, die in Deutschland zu allen Jahreszeiten am wärmsten ist, mit ihren letzten nörd- lichen Ausstrahlungen bis dicht an Gießener Gebiet heranreicht. Diese Lage bedingt es, daß das Klima Gießens einen mittleren Charakter hat, entfernt von dem des mehr maritimen Nord- westens und des mehr kontinentalen Ostens. Sehr viele Jahre hindurch sind im botanischen Garten die täglichen Maxima und Minima der Temperatur beobachtet worden. Aus verschiedenen Gründen können im streng meteoro- logischen Sinne die ermittelten Zahlen aber nur als die wirk- lichen Verhältnisse annähernd wiedergebende gelten. Seit 1901 werden auch durch das Bauamt meteorologische Beobachtungen angestellt.— Die mittlere Jahrestemperatur dürfte etwas über 80C. betragen. Der wärmste Monat ist der Juli mit nicht ganz 18°0C., der kälteste der Januar mit etwa— 08°C. Als niedrigste Temperatur seit 1844 wurde am 22. Januar 1850— 33,7°C. (—270R.) aufgezeichnet. Der kalte Winter von 1879/80 hatte als Minimum im Dezember 1879— 31,2°C.(—25°R.), er wies auch die größte Dicke des Lahneises mit 56 cm im Februar 1880 auf. Die mittlere jährliche Niederschlagshöhe beträgt etwa 645 mm, d. h. das Regenwasser oder das von Schnee, Hagel, Graupeln usw. herrührende Schmelzwasser würde, wenn keiner- lei Verdunstung, oder Abfließen in die Erde stattfände, den Boden so hoch bedecken. Auf der Hellmann’schen Regenkarte von Deutschland(Berlin, 1906, Dietr. Reimer.), die sich aller- dings nur auf die Jahre 1893—1902 gründet, gehört Gießen mit der westlichen Wetterau zu der Zone mit 500-600 mm Niederschlag. Dieses Zonenstück erscheint hier als schmaler Streifen zwischen dem regenreicheren Taunus- nud Vogelsberg- abhang. Der Niederschlag fällt durchschnittlich an 171 Tagen; Tage mit Schneefall gibt es durchschnittlich 45. Eine ausführliche Vorstellung von der klimatischen Stellung Gießens im Vergleich zu anderen Orten erhält man auch dadurch, daß man die Vegetationsentwicklung in Betracht zieht, also das Klima nach einer seiner augenfälligsten Wirkungen beurteilt. Gerade von Gießen aus ist eine nachhaltige An- regung zu derartigen Beobachtungen, die man phärologische nennt, ausgegangen: durch H. Hoffmann, Professor der Bo- tanik(gestorben 1891). Einige Daten aus dem von ihm durch mehrere Jahrzehnte lange Beobachtungen festgestellten ‚Pflan- zenkalender‘‘ von Gießen seien hier mitgeteilt: se er ro 144 Lage und Klima. 22.Febr.: Schneeglöckchen blüht. 3. Juni: Robinie blüht. 26. März: WeißeAnemoneblüht. 14.„ Weinstock blüht. 31.„ stäubt. 14.„ blüht. 10. April: Pfirsich blüht. 19.„ Liguster blüht. 11.„ schlägt 20.„ Johannisbeere: Frucht- aus. reife. 15.» blüht. 21.„ Sommerlinde blüht. 19.„ Birke schlägt aus. 30.„ Weiße Lilie blüht. 19.„ blüht. 19. Juli: Winterroggen: Schnitt 20°, sschlekewplul beginnt. 23.„ blüht. 1. Aug.: Eberesche: Fruchtreife. DAR ey Traubenkirsche blüht. 3.»: Schnitt DAS, Bioae: beginnt. 2, 0. ale 12. Sept.: Liguster: Fruchtreife. 3.Mai: Buchwald grün. 16.„: Fruchtr. 4.„ Syringe blüht. 10. Okt.: Roßkastanie: Allgem. 7.» blüht. Laubverfärbung. 10.„ Weißdorn blüht. 13.„ Buche: Allgem. Laub- 14.„ Eichwald grün. verfärbung. 15.„.Goldregen blüht. 14.„ Birke: Allgem. Laub- 16.„. Eberesche blüht. verfärbung. 17.„ Quitte blüht. 18.„ Eiche(Stiel-): Allgem. 17.„ Kiefer stäubt. Laubverfärbung. 28.„ Winterroggen stäubt. Ebenso wie astronomische und meteorologische kann man auch phanologische Jahreszeiten unterscheiden, jede einzelne gekennzeichnet durch Belaubung, oder Aufblühen, oder Frucht- reife, oder Laubverfärbung bestimmter Pflanzen. Eine solche Jahreszeit, der Frühling, ist in ihrem Einzug in Mitteleuropa neuerdings kartographisch dargestellt worden(1905 in Peter- mann’s Geographischen Mitteilungen durch Professor Ihne in Darmstadt, einem früheren Schüler und Mitarbeiter Hoffmanns). Der Frühling ist hier als die Zeit aufgefaßt, in der Johannis- beere, Kirsche, Sauerkirsche, Schlehe, Traubenkirsche, Birne, Apfel, Weißdorn, Goldregen, Quitte, Roßkastanie, Syringe, Eber- esche aufblühen; aus der Aufblühzeit ist ein- Mitteldatum, das Frühlingsdatum, berechnet worden. Von 7 zu 7 Tagen sind Zonen gebildete und durch besondere Farben auf der Karte unterschieden worden. In der ersten Zone liegen die Orte mit dem Frühlingsdatum vom 22. bis 28. April, in der nächsten Zone die Orte mit Frühlingsdatum vom 29. April bis 5. Mai, in der letzten Zone die Orte mit Frühlingsdatum "uassalo) joy Ilwg‘A bejuzA en er| “r zyejd-ddiıy4 Jeußpuen 'L06) M2nupilauenby Lage und Klima. 145 20. bis 26. Mai und später. Gießen hat als Frühlingsdatum den 1. Mai, liegt somit in der zweiten Zone, in dem Gebiete mit frühem Frühlingsantrit. In Hessen gehört zu derselben Zone der größte Teil der Wetterau, das nordöstliche Starkenburg, sowie einige Täler des westlichen und südlichen Odenwaldes, das südwestliche Rheinhessen. Früher ist der südlichste Teil der Wetterau, fast ganz Rheinhessen, der Westteil von Starken- burg und das Neckartal. Von späteren Orten seien aus der Nachbarschaft genannt Biedenkopf mit dem 11. Mai, Alsfeld mit dem 10. Mai, Grebenhain im Vogelsberg mit dem 17. Mai. Sowohl meteorologisch als auch phärologisch beurteilt kann also das Klima Gießens als angenehm und milde bezeichnet werden, ein weiteres Moment, welches geeignet ist, günstig auf einen Zuzug nach Gießen zu wirken. = Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen.! 10 EFF Bevölkerungs- und Gesundheitsverhältnisse. Von Medizinalrat Dr. Haberkorn- Gießen. Die Bevölkerung der Stadt Gießen hat wohl zu keiner Zeit aus Menschen eines reinen Volksstammes bestanden, sondern hat wahrscheinlich schon zur Zeit der ältesten Festung durch wechselnden Zuzug von Soldaten, Offizieren, Händlern, Flücht- lingen in Kriegszeiten usw. von jeher einen gemischten Cha- rakter getragen. Heutzutage ist die dunkelblonde bis braune Haarfarbe und braune Augen und mittelgroße, kräftige Körper- bildung der am häufigsten vorkommende Typus; die Ver- treterinnen des weiblichen Geschlechts sind zumeist schlank und können mit Recht beanspruchen, schön und anziehend genannt zu werden. Die älteste, sichere Angabe über die Einwohnerzahl der Stadt liegt aus dem Jahre 1669 vor: Gießen hatte damals 3531 Einwohner; die Zunahme der Bevölkerung schritt im 17. und 18. Jahrhundert, durch Kriege und Seuchen geschädigt, nur langsam voran; 1804 zählte man 4946 Einwohner, 1810: 2(04107 1875: 13 980 1834: 7.878 1880: 17000 1840: 7209 1890: 20 570 1850: 8696 1899223932 1860: 8992 1900: 25 564 11810: 10928 1905: 28000 Am 1. April 1907 ist bereits eine Ein wo hnerzahlvon über 30000 festgestellt worden, sie hat sich ınithin innerhalb der letzten 30 Jahre verdoppelt. Im verflossenen Lustrum kamen im Jahre rund 1000 Kinder in Gießen zur Welt; hiervon werden etwa 400 Neugeborene fremder Mütter alsbald wieder aus der Stadt weggebracht, und es würden rund 600 als natürlicher Nachwuchs der einheimischen Bevölkerung, oder 21,4 pro 1000 Einwohner, verbleiben, wenn nicht ein Teil (Y4a—Ys) der Säuglinge im ersten Lebensjahre wieder wegstürbe. Der Gesamtzuwachs der Bevölkerung durch Zuzug und Neugeborene beträgt pro Jahr zwischen 500 und 600 Personen. Bevölkerungs- und Gesundheitsverhältnisse. 147 Der Gesundheitszustand der Bewohner kann am sichersten beurteilt werden nach der Zahl der Todesfälle und speziell derjenigen zum Tode führenden Krankheiten, welche man als epidemische, endemische, auf Ansteckung, Vererbung oder auf schädigenden Einflüssen örtlicher Verhältnisse beruhend, bezeichnet; nebenher ist die Sterblichkeit nicht unwesentlich abhängig von der Zusammensetzung der Bevölkerung nach Alter und Personenstand. Die Verstorbenen werden in Gießen von dem dazu be- rufenen Beamten getrennt gezählt nach einheimischen und von auswärts in die Krankenhäuser verbrachten Personen. Für die Gesamtzahl der Verstorbenen betrug die Sterblich- keitsziffer in den letzten 10 Jahren 21, nach Ausscheiden der verstorbenen Ortsfremden durchschnittlich nur 13 auf 1000 Ein- wohner. Im Anfang der 90er Jahre war die letztere Zahl für die Einheimischen noch erhöht auf 16-19 /,,, und es ist gewiß kein Zufall, daß das Herabgehen der Sterblichkeitsziffer vom Jahre 1894 ab zusammenfällt mit allgemeiner Einführung der Queckborner Quellwasserleitung in die Stadt und anderen die öffentliche Gesundheit fördernden Einrichtungen. Seit der Besserung der hygienischen Verhältnisse in der Stadt haben auch die Erkrankungen und Todesfälle an ansteckenden Krankheiten' wesentlich abgenommen. Erkrankungen an Unterleibstyphus kommen gegenüber früherer Zeit nur noch vereinzelt vor und sind großenteils von auswärts eingebracht; die Zahl der Er- krankungen an Diphtherie sind bedeutend zurückgegangen, ver- hältnismäßig noch in höherem Grade die Diphtherie-Sterblichkeit. Zählte man beispielsweise in den 5 Jahren von 1890—1894 im Jahre durchschnittlich noch 30 Todesfälle an dieser gefähr- lichen Kinderkrankheit, so fallen im letzten Dezennium— dank der 1894 eingeführten Serum-Behandlung— auf das Jahr nur noch 3,5 Diphtherie-Sterbefälle(im Jahre 1904 ist überhaupt kein Gießener Kind an dieser Seuche gestorben). Bei dem lebhaften Verkehr in der Stadt mit der weiteren Umgebung sind die anderen Kinderkrankheiten mehr oder weniger immer vertreten; ausgedehnte Masern-Epidemien haben wir nach den seitherigen Erfahrungen alle 4—5 Jahre zu er- warten, mit erhöhter Sterblichkeit verbundene Scharlach-Epi- demien treten seltener, Keuchhusten wieder etwas häufiger auf. Die die Neuzeit ganz besonders interessierende Infektions- krankheit, die Tuberkulose, speziell die Lungentuberkulose, brachte in den Jahren 1890—1893 noch 24—25 Todesfälle 10* 148 Bevölkerungs- und Gesundheitsverhältnisse. auf 1000 Einwohner, die Zahl ist in den letzten Jahren zurück- gegangen auf 14—15; die Sterblichkeit an Lungenschwindsucht ist mithin eine erfreulicherweise geringe, wenn man die Mittel- zahl für das Großherzogtum Hessen der letzten Jahre— 22,1%/0 in Vergleich zieht. Es darf nicht unberücksichtigt bleiben, daß, wie oben an- gedeutet, nicht nur die Besserung der sozialen, der Wohnungs- und hygienischen Verhältnisse überhaupt und die bedeutenden Aufwendungen seitens der Stadt für sanitäre, der Neuzeit entsprechende Einrichtungen die ganz ungewöhnlich günstige Sterblichkeit allein bedingen, sondern hierzu auch beiträgt die sehr günstige Zusammensetzung der Einwohnerschaft, welche durch die zahlreichen hier wohnenden Schüler der höheren Lehranstalten,(darunter über 1000 Studenten an der Universität), eine verhältnismäßig große Garnison von 1600 Mann Militär, infolgedessen durch einen größeren Bestand jungen Dienst- personals, also eine beträchtliche Zahl jugendlicher, durch Er- kranken und Sterben weniger gefährdeter Personen, wenn man so sagen darf, verjüngt wird; aber unbeeinflußt von dieser günstigen Mischung der Bewohner steht nach den Zusammen- stellungen des von den Verstorbenen erreichten Lebensalters in den letzten 6 Jahren fest, daß der Gießener Bewohner, wenn er das 15. Lebensjahr überschritten hat, durchschnittlich das 55, Lebensjahr erreicht. Nach diesen statistischen Betrachtungen ist der Schluß er- laubt und berechtigt, daß die Stadt Gießen, was die gesundheitlichen Verhältnisse anlanen, san dere Städte weit bemedna Vetzberg u. ah Eee a hu. bee (reas Se Naturgeschichtliches. Die Fauna von Gießen und Umgegend bietet nichts Be- sonderes; Schlangen sind selten, die Kreuzotter ist nur als große Seltenheit beobachtet worden. Mehrfach wurden Exem- plare von Emys europaea in Lahn und Wieseck gefunden. Auf den sieben Hügeln ist schon häufiger der Apollofalter gefangen worden. Die Lindner Mark, mehr noch der Hangelstein bieten in botanischer Beziehung manches Bemerkenswerte. Im ersteren Walde finden sich Cineraria spatulaefolia, Lilium Martagon, Chry- santhemum corymbosum, Senecio nemorensis, Rubus saxatilis, Poa sudetica u. a., im Hangelstein Saxifraga caespitosa, Asarum europaeum, Viola mirabilis, Lithospermum purpureo-coeruleum, Dentaria bulbifera, Doronicum pardalianches, Seseli coloratum, Leucoium vernum u. a.(s. Dosch& Scriba, Flora von Hessen, 3. Aufl.; Verlag von Emil Roth in Gießen.) Unter den Schätzen des Mineralreichs sind es vorwiegend die Eisenerze, welche dem Lahntal eine besondere Bedeutung verleihen. Die ältesten Urkunden über die Eisenindustrie an der Lahn reichen bis in das 8. Jahrhundert zurück, doch ist ohne Zweifel auch schon früher Eisen ausgeschmolzen worden. In den beiden Bergrevieren Wetzlar und Weilburg gehören die Eisenerze ausschließlich dem Mittel- bezw. Oberdevon an und finden sich in Lagern, die meist an Schalstein oder an Diabas gebunden erscheinen. Es ist vorwiegend kalkiger Rot- eisenstein von vorzüglicher Güte und rührt auch daher der hohe Ruf des nassauischen Eisens. Weniger ausgedehnt tritt Brauneisenerz auf. Die Jahresförderung beträgt 5—-600 000 Tonnen Eisenerz, welche teils auf inländischen Hütten— die bedeutendsten in Lollar, Wetzlar und Burgsolms gehören den Brüdern Buderus—, teils besonders am Niederrhein ver- hüttet werden. Ueber den devonischen Kalken in der Um- gegend von Gießen(Lindener Mark, Biebertal bis zum Düns- berg), die teils gebrannt, teils zum Straßenbau oder als Zu- schlag in den Hüttenwerken verwendet werden, tritt massen- haft manganhaltiger Brauneisenstein auf, der früher nur des Naturgeschichtliches. 151 Pyrolufits wegen gewonnen wurde. Die ungeheuren Massen von mulmigem Brauneisenstein, die auf die Halde geschüttet oder weggewaschen wurden, sind jetzt ein sehr geschätztes Roh- material zur Darstellung von Eisen. Mit dem Auffinden von Phosphorit an Lahn und Dill 1864 eröffneten sich glänzende Hoffnungen auf Entwicklung des Bergbaues, die sich aber im Laufe der Zeit nur zum geringen Teil verwirklichten. Die Phosphoritförderung über- stieg Ya Mill. Zentner jährlich, ist aber jetzt völlig zum Erliegen gekommen. Zur unteren Abteilung der Steinkohlenformation, dem Kulm, gehören die wechsellagernden Grauwacken und Schiefer, welche den Seltersberg bilden und am Bahnhof bloßgelegt sind; ferner treten sie an den sog. Felsen oberhalb der Stadt dicht an der linken Lahnseite und gegenüber an den steilen Abhängen der Hardt, wo auch verschiedene Steinbrüche sind. Die Eisenbahn- einschnitte bei der Badenburg und vor dem Gleiberg gehen auch durch diese Formation. Als sehr festes, aber schwer zu bearbeitendes Material ist die Grauwacke namentlich für Funda- mentbauten sehr geschätzt und vielfach verwendet worden. DR 2 I? 3 Er RE 4 ne Geologisches. In der Umgegend von Gießen treten vier verschiedene geschichtete Formationen auf. Die devonischen Kalke der Lindner Mark erstrecken sich bis Klein-Linden; ferner tritt Devonformation auf nördlich von Großen-Linden am rechten Gehänge des Luckebach-Tales und zieht sich von da der hessisch-preußischen Grenze entlang nach Westen und umgibt das Bibertal bis Rodheim und zum Dünsberg. Der devonische Kieselschiefer ist kein Nutzstein, noch weniger ein selten auf- geschlossener Sandstein, um SO wichtiger aber sind die Kalk- vorkommnisse, die stellenweise durch sehr großartige Stein- brüche(bei Biber besonders) gefördert werden, um teils ge- brannt zu Mörtel, teils zum Straßenbau, teils in den Eisenhütten als Zuschlag verwertet zu werden. Ueber diesen devonischen Kalken und Dolomiten sind vielfach mächtige Ablagerungen von mulmigem Brauneisenstein, der sehr manganreich ist.. Aus- gedehnter Tagbau darauf wird besonders in zwei Gruben zwischen Fellingshausen und dem Dünsberg und am groß- artigsten in der Lindner Mark betrieben, wo früher nur der Pyrolusit ausgehalten, der Eisenmulm aber auf die Halde geschüttet wurde. Zur unteren Abteilung der Steinkohlenformation gehören die wechsellagernden Grauwackenmassen und Schiefer, welche den ganzen Seltersberg bilden und am Bahnhof stark bloß- gelegt sind; ferner treten sie auf an den sogen. Felsen ober- halb der Stadt dicht an der linken Lahnseite und gegenüber an den steilen Abhängen der Hardt, wo auch verschiedene Steinbrüche sind. Die Eisenbahneinschnitte bei der Badenburg a Geologisches. 153 und vor dem Gleiberg gehen auch durch diese Formation. Als sehr festes, aber schwer zu bearbeitendes Material ist die Grauwacke namentlich für Fundamentbauten sehr geschätzt und vielfach verwendet. Bunter Sandstein beginnt erst lahnaufwärts bei Staufenberg und zieht von da in weiter Erstreckung nordwärts. Die zwischen Buntsandstein und dem Tertiär an anderen Orten vorkommenden geologischen Formationen fehlen in der näheren Umgebung von Gießen ganz. Massenhaft aber ist die Tertiärformation entwickelt und tritt in mächtigen Ablage- rungen von buntfarbigem Ton auf(Einschnitt der Main-Weser- Bahn in der Lindner Mark) und Sand(Wieseck usw.) mit lockrem Sandstein und ausgedehnten Kiesablagerungen. Nicht bauwürdige Braunkohle, zuweilen begleitet von Polierschiefer (Tripel), tritt auch an vielen Stellen auf. Vulkanisch sind die mächtigen Massen des Basalts, der sich vom Vogelsberg aus bis in die Gegend von Gießen verbreitet und teils isolierte Kuppen(Gleiberg, Wettenberg, Lollarer Kopf, Hangelstein usw.), teils längere Höhenzüge bildet, welche als alte Lavaströme noch mehr oder weniger mit dem Basaltmassiv des Vogelsberg in Verbindung stehen. Vielfach überlagert er die Schichten der Tertiärformation. Im Ver- witterungsprodukt des Basalts findet man nicht selten Knollen von Brauneisen(Basalteisenstein, im Abbau in der Gegend von Mücke, westlich Grünberg), sowie Knollen eines bauxit- artigen Minerals(bei Grüningen, Grünberg und anderen Orten). Beide werden aufgesucht und kommen in den Handel. Nur an einer Stelle und zwar 21% St. NO. von Gießen bei Climbach ist auch jetzt noch ein ziemlich wohlerhaltener Krater, der Aspenkippel, zu erkennen; seine Eruptionszeit ist vor das Ende der Tertiärperiode zu setzen. Solche basaltische Vulkane gehören zu den größten Seltenheiten. Es ist ein halbkreisförmiger, ziemlich steil abfallender Kessel, der in der Tiefe durch einen flachen, querüber laufenden Buckel fast ab- geschlossen zu sein scheint, in der Tat aber durch ein den Ostfuß des Buckels umziehendes schmales Wiesentälchen mit dem Tale des weiter nördlich der Lumda zufließenden Bächleins in Verbindung steht. Der erste Blick täuscht über die Aus- dehnung des Kessels, welche bedeutender ist, als sie erscheint. Die große Axe des Kessels beträgt 520 m, die größte Breite 350 m und der Umfang etwa 1300 m. Palagonit und Basalt finden sich in der Gegend massenhaft; letzterer überlagert hier = 154 Geologisches. wie im Vogelsberg die der Oligocän- und Miocän-Formation angehörigen Ablagerungen. Ausführliche Schilderungen des Aspen- kippels und aller dort wahrnehmbaren Erscheinungen findet sich in der verdienstvollen Arbeit von Streng und Zöppritz im 14. Bericht der Oberhess. Ges. für Natur- und Heil- kunde 1873. Inbezug auf das Auftreten des Basaltes ist zu unter- scheiden eigentlicher Basalt, sehr fest und dicht, oft säulen- artig gespalten, ein treffliches Material zu Pflaster und für den Straßenbau. Sehr ausgedehnte Basaltbrüche sind am Hangelstein und Schiffenberg. An vielen Stellen des Gebietes findet sich auch im Basalt der Olivin in größeren Partien ausgeschieden. Namentlich in den blasigen Basalten sind Zeolitheinschlüsse, Chabasit, Phillipsit, Harmotom, Gismondin u. a. m. nicht selten. Der Dio.rerit, hier auch en essen genannt, ist ein lockeres, mehr blasiges Gestein, das sehr leicht zu bearbeiten ist und deshalb zu massiven Haus- usw. Bauten vielfach verwendet wird(Lahnbrücke, Viadukte der Main-Weser-Bahn usw.). Ein einzelner Steinbruch ist bei der Ganseburg, sehr ausgedehnte aber bei Londorf. Nephelin- dolerit finden sich bei Meiches, 2St.NO. von Ulrichstein. Kunstleben und Kunstpflege. Von Univ.-Profesor Dr. Sauer. Zur Kunststadt ist Gießen nicht prädesti- niert. Zwar hat seine nähere und weitere Umgebung viel mehr künstlerisch Bedeuten- tesaufzuweisen,alsman gewöhnlich denkt; aber zur Zeit des ersten Auf- schhwunges mittel- alterlicher Kunst exi- stierte die Stadt noch nicht‚undimspäteren Mittelalter hatte sie wie ganz Oberhessen zu wenig Berührun- gen mit den Haupt- stätten des künstleri- Villa des Architekten Meyer mit Interieur schen? Lebens. Das änderte sich in der Renaissancezeit, die in Gießen stattliche‘und schmucke Bauten entstehen ließ: sind auch das Landgrafenschlöß- chen und das imposante Zeughaus, als Bauten des nicht auf Ober- hessen allein angewiesenen Landesherrn, keine vollgiltigen Zeugnisse einheimischen Kunstsinns und Kunstbetriebs, so ist doch das Rathaus mit seiner hübschen, auf Holzsäulen ruhenden Halle ein eigenartiges Stück oberhessischer Kunst, und daß sein Hauptsaal mit historisch-symbolischen Wandgemälden ge- Oo er 156 Kunstleben und Kunstpflege. schmückt wurde, beweist, daß auch Gießens Bürger sich fühlten und mit denen größerer und reicherer Städte zu wett- eifern wagten. Auch der bedeutendste Bau des 17. Jahr- hunderts, die Universität, fand seine Folie an einem bewegten und keineswegs dürftigen Stadtbild. Gerade damals entstanden ansehnliche und zum Teil reichgeschmückte Bürgerhäuser, wie das„rote Haus‘(Hirschapotheke) am Markt und das Haus Sonnenstraße 6, in dessen Hof sich ein schmucker Laubenbau versteckt, damals auch die„neuen Bäue‘, deren einer, das Diezhaus, nun wieder sein altes, gemütliches Gesicht trägt und anderen ein gutes Beispiel gibt. Aber im 18. und || m F II E11 al: IH m nl H =- I Neubau der Mitteldeutschen Kreditbank 19. Jahrhundert war es in der Universitätsstadt Gießen mit der Pflege bildender Kunst schlecht bestellt. Wie man den heimatlichen Fachwerkbau, der so reicher künst- lerischer Wirkungen fähig war, gering achten lernte und beispielsweise die Rathausfassade verputzte, um sie mit einer stolzen Justitia zu bemalen, so sah man gleichgültig zu, wie die schöne, alte Universität durch einen nüchternen Kastenbau ersetzt wurde und das Stadtbild durch das Ein- dringen moderner Schablonenhäuser immer öder und lang- weiliger wurde. Es mußte fast das ganze 19. Jahrhundert vergehen, ehe hier eine entscheidende Wendung zum Besseren eintrat und das Gefühl für architektonische Schönheit soweit erstarkte, daß die Stadt von neuem ein anheimelndes Gesicht bekam. Die städtische Verwaltung fing an, den Fachwerkbau zu begünstigen, soweit es mit den Geboten der Sicherheit Kunstleben und Kunstpflege. 157 irgend verträglich war; das Villa Gail(Gartenstraße) Rathaus, das Landgrafen- schlößchen erstanden in alter Gestalt, das Regie- rungsgebäudewurdedurch einen kecken Umbau, das alte Schloß(die„alte Kanzlei“) durch eine im einzelnen allerdings sehr freie Renovierung der alt- ehrwürdigen Umgebung angepaßt. Die mit einer gewissen Regelmäßigkeit sich folgenden Universi- tätsneubauten wuchsen mehr und mehr zu künst- lerischer Bedeutung heran, wobei die einheimischen Baugewohnheiten vergan- gener Tage manche ori- einelle Neubelebung erfuhren; gegenüber dem kompakten Kasernenbau des alten Typus, der dem Landschaftsbild nicht zum Vorteil gereicht, erhob sich der überaus malerische Gruppenbau des Provinzialsiechenhauses.. Aehnliche Wand- lungen vollzogen sich im Wohnbau, seit die Erschließung der Stadt durch mehrere Straßendurchbrüche— eines der Haupt- verdienste des früheren Oberbürgermeisters, jetzigen Finanz- ministers Dr. Gnauth KH— der Bautätigkeit } ein dankbares Feld eröffnet hat, und es ist erfreulich, zu sehen, daß Gießen nicht nur auf im- portierte Kunst an- gewiesen ist, SOon- dern einen tüchtigen Stamm von Architek- ten besitzt, die rüstig daran arbeiten, dem neuen Stadtbild ein eigenartiges Gepräge Villa Poppert zu geben. 158 Kunstleben und Kunstpflege. Der Pflege der eigentlichen bildenden Kunst, die nicht zugleich Nützlichkeitszwecken dient, sind in der Klein- stadt begreiflicherweise engere Schranken gezogen. Doch weist das moderne Gießen einige ansehnliche Werke der Plastik auf, von Schapers Hand das Liebigdenkmal und die schöne trauernde Gestalt auf der Mahla’schen Grabstätte, von Habich das kühn aufgefaßte und sehr geschickt in den knappen Raum des Marktplatzes hineinkomponierte Kriegerdenkmal, mit dem die Stadt zwar spät, aber dafür in den originellen Formen einer neuen Kunst, ihre Dankesschuld an die Streiter im Kunstausstellung(Kunstverein) großen Krieg zahlte. Ein schöner Wetteifer der Kunstfreunde entbrannte beim Neubau der Johannes- und der Umgestaltung der Stadtkirche(im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts); die Wandbilder, gemalten Fenster und anderer vornehmer Schmuck der beiden Gotteshäuser werden auch für künftige Zeiten von tüchtigem Bürgersinn und ernster Kunstliebe zeugen. Es ist dieselbe Gesinnung, die sich in der Erhaltung der schon dem Verfall geweihten Burg Gleiberg bewährt hat. Wohl gab hier das historische Interesse an dem altehrwürdigen Herrensitz, dem die Stadt Gießen ihre Gründung verdankt, den ersten Anstoß zur Rettung der Ruine; aber je mehr der überwiegend aus Gießenern bestehende„Gleibergverein“ in seinem Besitztum den stolzen Schmuck der Landschaft und seiner Aufgabe sich bewußt geworden ist, desto besser hat er ’ Kunstleben und Kunstpflege. 159 das Kunstdenkmal Villa Wasserschleben einer schaffens- frohen Vergangen- heit schützen ge- lernt. Aehnliches hat. der„Ober- hessische Ge- schichtsverein“ erfahren, dessen er- freulich wachsende Sammlung schon längst nicht mehr auf lokalgeschicht- liche Raritäten sich beschränkt, son- dern immer öfter auch Denkmäler und Denkmälergruppen von künst- lerischer Bedeutung gewinnt, sodaß sie in erwünschtester Weise die entsprechenden Sammlungen der Landes-Universität, das archäolo- gische Museum und das kunstwissenschaftliche Institut, ergänzt, Sammlungen, die zunächst dem akademischen Unter- richt dienen, aber— was allerdings noch lange nicht bekannt genug ist— auch dem Publikum zugänglich sind. Inmitten aller dieser Institutionen steht endlich als eigent- liches und spezielles Organ der Kunstpflege der Kunst- verein,.d. h. die Gießener Sektion des seit 1889 bestehenden ‚Kunstvereins für das Großherzogtum Hessen“. Ihm verdankt Gießen seine permanente Kunstausstellung, die seit 1896 im „Turmhaus am Brand“ ihr gutes und,dankderNach- barschaft der Feuer- spritzen,rechtsiche- res Unterkommen hat. Hier folgen sich von Oktober bis Juli mannigfal- tige Ausstellungen hauptsächlich von Gemälden, neben denen aber auch plastische und gra- phischeKunstwerke sowie Erzeugnisse Villa Burk EHE STTATZENTE 160 Kunstleben und Kunstpflege. des Kunstgewerbes zu ihrem Recht kommen; gelegentlich werden interessante Stücke, insbesondere Neuerwerbungen, aus den ge- nannten Universitätsinstituten vorgeführt, und wiederholt haben hier Kunstwerke aus Gießener Privatbesitz ein übersichtliches Gesamtbild der heimischen Kennerschaft und Kunstpflege dar- geboten. Es geht durch diese Ausstellungen, die besonders Sonntags zahlreiche Kunstfreunde anlocken, ein frischer Zug, und immer häufiger haben sie neben dem allgemeinen deutschen Kunstvereinsgut, das auf dem Wege über Darmstadt, manchmal wohl in einiger Verdünnung, ihnen zukommt, Eigenes, Kunstausstellung(Kunstverein) darunter auch von einheimischen Künstlern Geschaffenes zu bieten; auch wächst neuerdings in gleichem Maße mit dem Werte des Gebotenen Kauflust und Kaufkraft der Besucher, sodaß wiederum die Künstler auf Gießen aufmerksam werden und seine Ausstellungen gern beschicken. Der noch neue „Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein“, der auf anderen Wegen Kunst und Künstler zu fördern sucht, findet hier keinen so günstigen Boden, wird aber hoffentlich mit der Zeit, in schönem Wettstreit mit dem alten Kunstverein, sich seine Stelle im Gießener Kunstleben gewinnen. Auf viel längere Tätigkeit und reichere Erfolge als alle diese Veranstaltungen zur Pflege der bildenden Kunst blickt die Gießener Musikpflege zurück. Ueber 100 Jahre schon besteht der Konzertverein, über 80 der akademische Gesang-' Kunstleben und Kunstpflege. 161! verein, und um Villa Schaffstaedt diese beiden Haupt- faktoren des Gieße- ner Musiklebens gruppieren sich an- dere Vereine, von deren Leistungen besonders der Männergesang zu rühmen ist. Wie alle kleineren Städte hat Gießen nur unter vielen Mühen und mit sehr wechseln- dem Erfolg sich ein Orchester schaffen können. Anfangs fast ganz auf Dilettanten angewiesen, weiß der Konzertverein auch heutzutage, wo ihm als Kern des Orchesters die Regimentskapelle zur Verfügung steht und aus- wärtige Musiker bequemer zugezogen werden können, diese Mitwirkung kundiger Musikfreunde zu schätzen und so in gleicher Weise wie die Gesangvereine die gegebenen Kräfte rege zu halten und zu immer höheren Leistungen anzu- feuern. Wiederholt schon haben sich Orchester und Chor an so Schwieriges wie die 9. Symphonie und die Matthäuspassion, wie Werke von Berlioz, Wagner, Liszt, R. Strauß gewagt und schöne Erfolge errungen. Beson- ders unter dem jetzigen Diri- genten, Universitäts-Musik-| direktor Professor Traut- mann, hat dieses Musik- treiben einen großstädti- schen Zug bekommen, in- dem Solisten- und Kammer- musik-, Orchester-- und Choralaufführungen in glei- chem Maße sorgsame Pflege Villa Pfeiffer erfahren. Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen 11 Bl Kunstleben und Kunstpflege. Theater-Aufführungen blieben noch bis tief ins 19. Jahrhundert hinein wandernden Truppen überlassen, die unter den kümmerlichsten Verhältnissen ihre Kunst darboten. Schon die Räumlichkeiten waren unzulänglich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts behalf man sich mit einem Teil der Gewölbe des alten Zeughauses und wagte sich dort z. B. an Aufführungen des„Freischütz‘‘. Später errichtete man feste, aber enge und mangelhaft ausgestattete Bühnen in privaten Sälen, die von Darstellern wie Zuschauern große Aufopferung verlangten und auch die bescheidensten Ansprüche an künst- lerische Bühnenwirkungen unbefriedigt ließen. Auch hier hat dann die Vereinstätickeit bessernd und fördernd eingegriffen, in- dem der verdiente„Theaterverein‘ zunächst alljährlich einige Gesamtgastspiele auswärtiger Bühnen veranstaltete, bald aber sein Hauptziel in der Unterstützung und Hebung eines ständigen einheimischen Theaters suchte. Seit Gießen, Marburg und Nauheim sich ein Städtebundtheater geschaffen haben, das sein Zentrum naturgemäß in Gießen haben mußte, ist unser Schauspiel in erfreulichem Aufschwung, fühlt sich aber mehr als je durch die Unzulänglichkeiten des bisherigen Betriebs gehemmt. Unter dem Druck dieser Verhältnisse ist das größte Unternehmen, das die Gießener Bürgerschaft im Interesse der Kunst geplant hat, die seit mehr als einem Jahrzehnt betriebene Gründung eines Saalbaues, schließlich nur dem Theater zu gute gekommen. Im Jubeljahr der Universität tritt Gießen, im Besitz eines zweckmäßigen und zugleich würdigen Theater- baues in die Reihe der wirklichen Theaterstädte ein. Die Hoffnung auf einen großen tnd vornehmen Saalbau, der den verschiedensten, besonders aber künstlerischen und unter diesen vor allem wieder musikalischen Zwecken dienen soll, bleibt vorläufig unerfüllt. Aber auch dieser Bau wird in nicht zu langer Frist erstehen, dafür sorgen die berechtigten künstlerischen Ansprüche der aufblühenden Stadt und die er- probte Opferwilligkeit ihrer kunstliebenden Bürger. SEE KSEIAEN Charakter, Sitten, Gebräuche und Sprache der Hessen im weiteren Umkreise Gießens. Die Grundzüge in dem Charakter der Bewohner des Großherzogtums Hessen sind diejenigen, welche dem germanischen Volksstamme über- haupt eigen sind. An der Spitze der guten stehen Fleiß, Ausdauer und Tapferkeit. Hessischen Fleiß und hessische Ausdauer verherrlicht schon das alte Sprichwort: ‚Wo Hessen und Holländer verderben, kann niemand Nahrung erwerben.‘ Von ihnen zeugen die wohl- bebauten Fluren in allen Teilen des Landes, die gewerbliche Tätig- Hessische Tracht keit» und die Erzeuenisse der Literatur und Kunst, die Hessen ihre Entstehung verdanken. Von hessischer Tapferkeit aber reden alle die Schlachtfelder der älteren und neueren Zeit, welche hessisches Blut getränkt hat. Besondere Charaktereigentümlichkeiten, besondere Sitten und Gebräuche gestalten sich nach besonderen Verhältnissen, welche auf die Bewohner eines Landstrichs ihre Wirkung geäußert haben und äußern. Klima, Beschäftigungsweisen, politische Schick- sale und noch andere Ursachen haben ihren Anteil daran, und so ähnlich sich der Bewohner der Rheinebene, der Odenwälder, der Rheinhesse, der Wetterauer, der Vogelsberger und der Hinter- länder in den allgemein deutschen Charaktereigentümlichkeiten sind, so verschieden sind sie in den besonderen, die eben be- sonderen Verhältnissen ihren Ursprung verdanken. Die immer mehr steigende Zivilisation hat freilich gar manches eigentüm- liche in Charakter und Sitte bald zum Glücke, bald zum Un- glücke des Volks weggenommen und wird in ihrem begonnenen LIE „ % ge 164 Charakter, Sitten, Gebräuche und Sprache der Hessen Werke fortfahren. Sie hat dies nicht allein in den Städten getan, in denen naturgemäß ihr Einfluß aus den verschiedensten Ursachen sich stärker äußern mußte, sondern auch auf dem Lande, wohin sie durch Handel und Verkehr mit den Städten, durch Schule und Unterricht mit ihrem guten und bösen Ge- folge den Weg gefunden hat. Immerhin aber hat sie zurzeit manches noch nicht zu verwischen vermocht, teils weil ihr die Anhänglichkeit an das Altherkömmliche Widerstand leistete, teils weil sie die Ursachen, aus welchen es hervorgeht, nicht wegzuschaffen vermochte. Und wie es mit Charakter, mit Sitten und Gebräuchen ist, so ist es auch mit der Sprache. Im ganzen ist die Volkssprache der Bewohner des Groß- herzogtums die mitteldeutsche, welche ihrer Natur nach sich mehr der oberdeutschen anschließt, aber auf niederdeutsche Einflüsse zeigt. Fast jeder Ort hat übrigens seine Dialekteigen- tümlichkeiten, und Flüsse, Berge, Hügel und Waldungen scheiden ab, sowie frühere Einwanderungen. Die Dialektverschieden- heiten liegen zu einem großen Teile in der härteren oder weiche- ren Aussprache, in dem Dehnen oder Schärfen der Silben, in dem bald singenden bald stoßenden Ton.— Wollen wir einen kurzen Einblick in Charakter, Sitten, Gebräuche und Sprache desjenigen Landstriches, in welchem Gießen gelegen, den Lesern unseres Führers ermöglichen, so kommen für uns hauptsächlich die Bewohner der Wetterau, des Vogelsbergs und des Schlitzerlandes in Betracht. In diese Gebiete führen uns unsere Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung, aus den Ortschaften dieser Landschaften kommt die Bevölkerung häufig in die Zentrale von Oberhessen, als welche Gießen für dieselbe gegeben ist, teils zu Markte, teils sonst geschäftlich, teils auf ihren Wegen zu den Behörden, in die Krankenhäuser und Kliniken u. a. m. Wenden wir uns zuerst der Wetterau zu. Der Wetterauer hat zwar in Kleidung und Mundart manches von den Nachbar- städten angenommen, doch unterscheidet er sich noch wesent- lich von seinen Nachbarn, namentlich den nördlich wohnenden Hessenländern und den nordöstlichen eigentlichen Vogels- bergern. Die Wetterauer zeigen sich im ganzen als ein kräf- tiger, aber auch derber Menschenschlag. Sie sind zwar nicht so heiter, lebens- und erwerbslustig wie die Rheinbewohner und nicht so tätig wie die Starkenburser und Vogelsberger, vielleicht darum nicht, weil sie die Natur in ihrem Boden gar reich bedacht hat. Sie könnten im ganzen viel reinlicher und fleißiger sein. Sie bleiben auch gerne beim liebgewordenen Alten, und im weiteren Umkreise Gießens. 165 darum haben die Bemühungen, sie in manchen Dingen vom guten Alten zum besseren Neuen zu bringen, noch nicht die Erfolge gehabt, die sie hätten haben können. Der Wetterauer ist im Umgange weder so gewandt wie der Rheinhesse, noch so gefällig wie der Odenwälder, aber er meints in der Regel doch gut und ehrlich, und weiß er es auch nicht so recht von sich zu geben, so steht er doch keinem anderen an Bieder- keit nach.— Von Trachten findet sich in der Wetterau noch manchesEigen- tümliche. Bei dem Festzuge bei Ge- legenheit der Monu- mentsenthüllung in Darmstadt sah man unter anderen einen Burschen und ein Mädchen aus Nieder- weisel; der Bursche im gewaltigen Drei- master, den Hemd- krageneinwenigüber dem schwarzen Hals- tuch umgeschlagen, eine hellblaue Unter- weste, eine dunkle offene Jacke darüber, und über der letz- Hes: teren den dunkel- blauen, kragenlosen, bis zum Knie reichenden Oberrock, mit Seitentaschen vorn und einer bis über die Taille reichen- den Knopfreihe, gelblederne Hose, weiße Strümpfe und Schnallenschuhe; das Mädchen, das zierliche rote Hessenhäub- chen mit schwarzem Vorband über dem sorgfältig zurück- gestrichenen Stirnhaare, die schwarze Kinnschleife länger und das Vorband rundumlaufend, im Nacken lang herabwallend, das Halstuch rot, die enganliegende blaue Aermeljacke mit langer Taille, vorn zierlich mit zwei Reihen weißer Metallknöpfe, der bis übers Knie reichende Rock gleichfarbig und eine viel- gefältete violette Schürze darüber, die Strümpfe gleichfarbig sches Bauernhaus mit hessischen Bauernmädchen ne 166 Charakter, Sitten, Gebräuche und Sprache der Hessen mit Jacke und Rock.— Man sah ferner einen Burschen aus Gam- bach mit der runden Pelzmütze auf dem Kopf, der hellblauen Weste und dunkelblauen Jacke, beide mit silbernen Knöpfen besetzt, den kurzen gelbledernen Hosen, weißen Strümpfen und Schuhen, und ein Mädchen mit der blauen, über dem Scheitel kammshoch steigenden, hinten im Nacken mit wallen- den weißen und blauen Bändern geschmückten, unterm Kinne gebundenen Haube, deren Rand etwas über dem zurück- gestrichenen Stirnhaar aufsaß, das Band unter dem Kinn bildete die in ganz Oberhessen übliche Schleife, hier etwas länger bis zum Busen ‚herabwallend, ein buntes Tuch um den Hals unter dem den Oberleib knapp umschließenden, vorn mit einer Reihe Silberknöpfen geschmückten Mutzen, der an der Taille vorn mit einer Schleife geziert war, den Rock in zahlreichen Falten bis etwas übers Knie herabreichend, in dunkelblauen Strümpfen und Schuhen.— Die wetterauische Mun’dart ist breit, aber kräftig tönend. Sie zeichnet sich vor der hochdeutschen u. a. durch ihren Reichtum an Doppellauten aus, deren sie etwa zehn mehr hat als das Hochdeutsche. Auffallend dehnt die Vilbeler, am Rande der Wetterau gegen Frankfurt hin, den Ton am Ende der Sätze. Oestlich von Friedberg und rechts der Nidda wird sie noch breiter und eigentümlicher mit einzelnen niederdeutschen Wörtern und Formen. Von Butzbach an, sowie auch an und in Gießen spielt sie in die ihr ähnliche westerwäldische über. Einige besondere Gebräuche finden in der Wetterau an Pfingsten statt. In der Nähe von einigen Höfen versammeln sich junge Burschen mit ihren Pferden auf der Weide und jagen dann nach dem Hofe. Wer zuerst ankommt, ruft aus vollem Halse:„Pfingstrecht heraus!“ Und dann erhält er sein Trinkgeld, das auch schwerlich zu etwas anderem, als zum Vertrinken benutzt wird.— An anderen Orten müssen sich die Burschen und Mädchen des Morgens wohl eilen und nicht verschlafen. Wer am ersten Pfingsttag zuletzt an den Brunnen kommt, wer zuletzt sein Vieh zur Herde treibt und wer mit den Pferden zuletzt auf der Weide erscheint, ist der Pfingst- lümmel etc.— In alten Zeiten fanden sich manche sonderbare Hochzeitsgebräuche, die durch mehrere Verordnungen abge- schafft werden mußten, sich aber zum Teil noch, wiewohl unter anderen Formen, erhalten haben. An manchen Orten wird das zustande gebrachte Verlöbnis von den Kameraden des Bräuti- gams durch Rasseln mit Gießkannen, Knallen mit Peitschen, Werfen mit Töpfen ete. angekündigt. Auch gibt der Bräuti- im weiteren Umkreise Gießens. 167 gam seiner Braut ein Stück Geld auf die Treue. An manchen Orten wird die Braut sogar zuweilen noch verkauft, so z. B. in Rodheim v. d. H., wo sich die alten Gebräuche wie die alten Mauern am längsten erhalten haben. Dort wird nämlich die Braut auf eine Bank oder einen Tisch gesetzt und nun von mehreren verheirateten Personen laut gerufen, ‚es sei ein gutes Kalb oder eine gute Kuh(je nachdem die Braut ledig oder Witwe war) zu verkaufen‘. Hierauf findet sich der Bräutigam, als Metzger gekleidet, ein; es wird lange Zeit gehandelt und die Braut als Kalb oder Kuh dem Bräutigam für einen bestimmten Preis überlassen. Auch werden häufig noch die Brautleute unter Musik in die Kirche geleitet. Nach dem Verkaufe wird, namentlich in Rodheim, die Braut gerupft, d.h. es wird ihr der sogen. chapeau(ein Diadem von Flitter) vom Hauptie gerissen und ihr die Haube gewalt- sam aufgesetzt.— In Ober-Ros- bach wird der Braut bei dem Gange in die Kirche von jeder ihrer Freundinnen ein Band an den Arm geheftet. Ebendaselbst bringen, wenn unverheiratete Personen, na- mentlich Kinder, beerdigt werden, Hessische Trachten Bekannte und Verwandte Blumen- sträuße von gemachten Blumen und erhalten dagegen einen drei- eckigen kleinen Kuchen. Der Vogelsberger ist ein starker Schlag Leute; er besitzt einen mutigen Sinn, eine große Biederkeit, Ehrlichkeit und Dienstfertigkeit und weiß noch nicht so viel von ver- dorbenen Sitten und Gewohnheiten; dagegen ist auch die Geistes- kultur noch nicht so groß, wie bei den Bewohnern der niederen Gegenden, der Bergstraße, der Gegenden der Rheinebene und namentlich in Rheinhessen. Im Einzelnen zeigen sich bei den Bewohnern des Vogelsberges in Sitten und Gebräuchen große Verschiedenheiten. Der Vogelsberg in seiner Ge- samtheit hat keine allgemeine Nationaltracht, keine allgemeinen Nationalsitten und Ge- bräuche. Jedes Gebirgstal, oft wieder nur ein Zyklus näher zusammenliegender Orte in demselben, oft selbst einzelne Oerter haben ihre besonderen Eigentümlichkeiten. Das Ohmtal, das 168 Charakter, Sitten, Gebräuche und Sprache der Hessen Schwalmtal, das Niddatal, das Riedeselsche Gebiet, das Tal der Schlitz ete., alle liefern ihre besonderen Bilder in Bezug auf Sitten und Gebräuche. Für die südwestliche Abdachung des Vogelsberges zunächst gilt, aber auch hier nur mit lokalen Abänderungen und Verschiedenheiten, das Folgende, wenn sich auch wohl eins und das andere auch in anderen Teilen finden mag. Der dortige Vogelsberger ist durch die Natur seiner Gegend auf Wiesenkultur und Viehzucht hingewiesen. Er ist von Jugend auf Hirte; die Hut ist Einzelhut. Im Sommer erblickt man darum auf den Triften und grünen Matten an den Waldrändern das Vieh truppweise in einzelnen Gruppen, jede einzelne Gruppe von ihren eigenen Hirten gehütet, meist Knaben und Mädchen. Die Einförmigkeit jenes Lebens wird nur durch die Vieh- und Krämermärkte unterbrochen, die dort mit dem großen Markte in Gedern im Februar beginnen und mit dem sogen. kalten Markte in Ortenberg schließen. Der Hauptmarkt eines Ortes gilt zugleich als Kirchweihe, die als besonderes Fest dieser Teil des Vogelsberges nicht kennt. Auf diesem Markte erfreut sich die Jugend des Tanzvergnügens, das sie sonst selten zu genießen bekommt. Von Schotten ab- wärts beginnen wieder die Kirchweihen.— Während der Sommer des Vogelsbergers Feld- und Weidleben ist, ist der Winter Stuben- und Hausleben. Im Winter beschäftigt sich der Vogels- berger, alt und jung, Mann und Frau, Burschen und Mädchen mit dem Spinnen der sogen. Urschwingen oder Ahnenschwingen, von denen das Packtuch gemacht wird, oder auch, besonders in der neueren Zeit, mit Holzarbeiten der verschiedensten Art. Das gesellige Zusammensein findet abends in den Spinn- stuben statt; da wird gesungen, gescherzt, geplaudert und Märchen aufgebunden, und der Schalk, dem das letztere recht gelingt, bildet sich viel auf sein Talent ein. Das Zusammen- gehen in den Häusern, das Besuchen wird als„Spielengehen“ bezeichnet. Derjenige, welcher Hausbesuche macht, heißt „Spielengänger“, im Volksmund„Spillegänger‘.— Eine eigen- tümliche Beleuchtung in den höheren Orten des Vogels- berges ist die Beleuchtung durch den Span. In Herchenhain, Hartmannshain, Volkartshain und an anderen Orten brennt kein Licht in der Stube, sondern ein Buchenspan. Man be- nutzt dazu glatte, astfreie Stücke von sechs- und achtspaltigen Buchen, welche in Bretter zersägt, zugehauen und mit dem Spanhobel zu Spänen fertig gemacht werden. In der Stube befindet sich ein hoher, hölzerner Leuchter mit einer zwei- armigen Gabel. In jedem Arme steckt ein Span. Solche Späne im weiteren Umkreise Gießens. 169 brennen sehr hell und ersetzen für größere Gesellschaften ins- besonders den Gebrauch mehrerer düsterer Oellampen. Einer aus der Gesellschaft nimmt am Leuchter Platz und besorgt das Geschäft des Spanwartens, d. h. das Geschäft, die abgebrannten Stücke, welche etwa nicht von selbst abfallen, ab- zuschlagen, den Span, wenn er ungleich brennt, auf die andere Seite zu wenden und wenn er völlig abgebrannt ist, durch einen neuen zu ersetzen.)— Die Lebensweise. ist sehr einfach. Selbst der Wohl- den vorzugsweise die habende genießt in Fleischnahrung der den höheren Orten Wohlhabenden. in der Regel kein Butter als Nahrung Rindfleisch. Milch zu Brot kommt nur und Eier müssen die in besonderen Zeiten Fleischnahrung er- vor, etwa bei Arbeiten setzen. Der wohl- im Walde, in den habende Bauer ist Holzmachereien, bei sehr zufrieden, wenn anstrengenderArbeit, er am Sonntage zu wie zi Zeit des Sauerkraut und Kar- Mähens in der Heu- toffelbrei, etwa auch und Grummeternte. zu Sauerkraut allein, Denn der Ertrag der ein Stück Speck oder Butter bildet den Dörrfleisch genießen Haupterlös, um die kann. Geräucherte kleineren Ausgaben Wurst, Dörrfleisch für die Wochenhaus- und der Speck des Hessische Trachten haltungen zu bestrei- Schlachtschweinsbil- ten. Die Butteraus- fuhr ist sehr bedeutend.— Bei besonderen Veranlassungen im Leben, namentlich bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, hat sich noch manches Eigentümliche erhalten, aber es ist keineswegs in allen Orten dieses Teils des Vogelsbergs und noch viel weniger im ganzen Vogelsberge zu Hause. Bei der Taufe geht in einzelnen Orten der Zug zur Kirche. Sind Gevatter und Gevatterinnen noch ledig, so schmücken sie sich mit Blumen und Bändern. Der Kopfputz der Gevatterinnen, das grüne Kränzchen mit Blumen und Perlen, die in dasselbe eingewunden sind, wird mit dem Namen„Schnalz‘‘ bezeichnet. Im sogen. Hintergerichte(Grebenhain, Crainfeld und Bermuthshain), viel- *), Das Spanbrennen findet jetzt nicht mehr statt, wie auch die Beschäftigung der Vogelsberger im Winter nichtmehr dieselbe wie früher ist. 170 Charakter, Sitten, Gebräuche und Sprache der Hessen leicht auch sonst noch hier und da, nehmen sich die ledigen Gevatterleute noch einen Begleiter oder eine Begleiterin nach eigener Wahl, die sich ebenfalls aufputzen. Ein solcher Bursche heißt„Zümper‘, das Mädchen„Zumpe‘“. Sie werden zu dieser Ehre eingeladen mit den Worten:„Du sollst mir zumpen!“ Die Wöchnerin erhält von den Gevattern und Gevatterinnen eine Wochengabe, oder„sie kriegt etwas mit ins Bett‘, bestehend in Geld, Zucker, Kaffee, Butter, Käse, Branntwein etc.,— Bei- träge zum Kindtaufschmaus. Es besteht der Kindtaufschmaus in den höheren Orten des Vogelsbergs in Brot, Butter, Käse, Wurst und Branntwein, selten nebenbei noch Bier, dann in einem guten starken Kaffee mit Wecken. Kuchen kennt der Bewohner des höheren Vogelsbergs nicht. Was für den Be- wohner des niederen Teils und der Ebene in der Wetterau der Kuchen ist, das ist ihm die ‚„Butterschnitte‘‘, ein Stück Butterbrot. Die Kuchengegend beginnt erst von Schotten an abwärts, und von hier an wird auch der ganze Schmaus bei der Mittelklasse und den Wohlhabenden in Stadt und Land reicher. Der Branntwein nimmt ab, und neben ihn tritt hier Wein und Aepfelwein nebst Braten, in dem Backofen in einer Bratpfanne zubereitet in einer Zwiebelbrühe, namentlich in Orten, die an die Wetterau anzustoßen beginnen. In den höheren Orten des Vogelsbergs herrscht die Sitte, bei Taufen wie bei Hochzeiten den Branntwein mit Zucker zu versüßen und mit Wermut zu verbittern. Die Gläser werden des Scherzes halber öfters hin und her gewechselt und namentlich das weibliche Geschlecht damit geneekt, daß man ihnen statt des Zucker- branntweins Wermutsbranntwein in die Hände spielt.— Der Bauer von Michelbach hält altherkömmlicherweise seinen Taufschmaus in Schotten, wohin der Ort eingepfarrt ist. Er hält daran so zäh und eigensinnig fest, daß er die Kinder trotz aller Verbote eine halbe Stunde Weges, selbst im strengsten Winter tragen läßt, um in dem Bäckerhaus, in dem er ein- zukehren pflegt, mit den Gevattersleuten und der Amme sein Glas Wein oder Branntwein zu trinken und die Kindtaufsbretzel zu genießen.— Bei den Hochzeiten geht es, was essen und trinken betrifft, her wie bei den Taufen. Auch hierbei geht ferner der Zug in die Kirche, der Bräutigam mit dem Strauße am Hute und am Rocke, die Braut mit Kopfputz, voraus, wenn sie sich nicht vorher vergangen haben. Noch gilt es für hohe Fhre, wenn das Brautpaar auf diese Weise geschmückt er- scheinen darf. Eine des Brautkranzes beraubte Braut gilt für beschimpft. Hinter dem Brautpaar folgen die Zeugen, dann im weiteren Umkreise Gießens. ıhzAl die übrigen Gäste, zuerst männliche, dann weibliche, geordnet nach dem Grade der Verwandtschaft, zuletzt, wenn Kinder mitgehen, die Kinder, Knaben hinter den Männern und Bur- schen, Mädchen hinter Frauen und Jungfrauen. Nach der Trauung bewegt sich der Zug in derselben Ordnung ins Haus zurück, nachdem er vorher einen Umzug um den Altar gehalten. Von Schotten an gibt es dann, während anderswo das einfache Mahl ohne Unterbrechung nun stattfindet, erst Kaffee und Kuchen, dann bricht der ganze Zug aus dem Hause wieder auf, damit die Tische für das eigentliche Mahl zugerichtet wer- den können. Paarweise hält der- selbe seinen Umzug durch die Stadt. Jeder männliche Hochzeits- gast, selbst der Schulknabe, der zur Gesellschaft gehört, ist mit einer langen tönernen Pfeife ver- sehen, welche mit einem blauen oder roten Bändchen verziert wird. Tabak überhaupt wird allgemein, in Stadt und Land, auf Tellern aufgeschichtet und den Gästen hingestellt. Obgleich die tönernen Pfeifen sonst ganz abgekommen sind, so sind die Krämer in Schotten stets genötigt, dieselben zu führen, da sie bei der Hoch- Hessische Trachten zeit nicht fehlen dürfen. Ueber die Straße hin wird übrigens nicht geraucht, sie ist nur ein Abzeichen für den männlichen Hochzeitsgast, mit welchem selbst der Knabe im Zuge gravitätisch einherschreitet. Von Schötten abwärts geht die Braut in einfacherem, mehr städtischem Kopf- putz zur Kirche, die Hochzeitsgäste mit Rosmarinzweigen, woran rote Bändchen befestigt sind.— Die gottesdienstlichen Hand- lungen bei Beerdigungen basieren auf den Bestimmungen der alten hessischen Agende,— Gesang vor dem Sterbhause, Zug über die Straße unter Geläute der Glocken, am Grabe eine Rede oder Rückzug nach der Kirche und Gottesdienst nach der Beerdigung. Bei Beerdigungen sind die übrigen Gebräuche egleichmäßiger, als dies bei Taufen und Hochzeiten der Fall ist. Der Trauerzug ordnet sich auf folgende Weise: Die Ver- wandten bis zu ziemlich entfernten Graden, sowie auch die Taufpaten des Verstorbenen werden eingeladen; die Nachbarn E22 Charakter, Sitten, Gebräuche und Sprache der Hessen tragen den Sarg. Die nächsten Verwandten nächst den Paten folgen zunächst dem Sarge, und zwar einzeln, hierauf die ent- fernten Verwandten, und zwar die männlichen voran, dann die weiblichen. Nach der Beerdigung findet im Leichenhause das Trauermahl statt, ‚„Tröstermahl‘“, ‚‚Trösterbier‘“ genannt, auch schlechtweg nur„Mahlzeit“. An diesem Trauermahle hängt der ganze Bauernstand mit zäher Festigkeit; weder Ermahnungen noch Vorstellungen und alte und neue und ganz neue Polizei- verbote helfen viel dagegen. Der Bauer sieht das Todesmahl als eine dem Verstorbenen erwiesene letzte Ehre an, die er ihm nicht schuldig bleiben darf.‘ Je würdiger ein Verstorbener im Leben war, desto mehr hält man ihn des Trauermahls wert.— In der Gegend von Alsfeld herrscht der Gebrauch, daß der Pate bei der Konfirmation dem Paten über der Untertür seines Hauses einen Apfel reicht. Der Konfirmand nimmt ihn an, beißt hin- ein und wirft nun das übrige weg. Dadurch wird er künftig vor Zahnschmerzen bewahrt, wie man annimmt. Einen und denselben eigentümlichen Dialekt hat der ganze Vogelsberg nicht; der südliche Teil nähert sich dem Wetterauer, der nördliche und nordwestliche dem Buchonischen, der z. B. das e wie ein breites ä mit weit geöffnetem Munde, das au wie ou etc. ausspricht. Eigentlich oberhessischer Dialekt ist der der Gegend über die Ohm hin nach und bei Alsfeld. Jenseits des Vogelsbergs treten die Mundarten in und um Schlitz, in und um Lauterbach eigentümlich auf, zeigen sich den thüringischen verwandt und sind in den Vokalen mitunter altertümlich mit altoberdeutschem Gepräge. Aber auch diese unterscheiden sich wieder wesentlich; denn der lauterbachische Dialekt hat überaus gedehnten Ton, der schlitzische ist kürzer und rauher. An eigentümlichen Trachten ist der Vogelsberg ebenfalls ziemlich reich. Reicher freilich noch als der eigentliche Vogels- berg sind die an denselben nördlich angrenzenden Gegen- den, die nicht mehr eigentlich zum Vogelsberg gerechnet werden können. Bei Gelegenheit der Enthüllung des Ludwigsmonuments in Darmstadt konnte man verschiedene Proben von solchen Trachten sehen. Da sah man z. B. ein Mädchen aus Angers- bach bei Lauterbach mit weiß und rot gewürfeltem, auf ziem- licher Kammhöhe über dem Kopf gebundenen Tuch, dessen breite Zipfel sich am Halse bauschten, in violettem Leibchen, über welches ein buntgewirktes Tuch vorn kreuzweise bis zur Taille geschlungen war, der weiße Hemdärmel etwas bis über den Ellenbogen hervorblickend, der bis übers Knie hinabreichende im weiteren Umkreise Gießens. 173 hellbraune Rock mit der rotgebundenen Schürze geschmückt, die Strümpfe blau. Man sah ferner da ein Mädchen aus Pfordt im Schlitzer Land; es trug eine hohe kegelförmige, zu beiden Seiten mit Wulsten ausgeschmückte schwarze Haube mit der oberhessischen schwarzen Bandschleife unterm Kinn, einen schwarzen weitärmeligen Mutzen(Jacke), darüber einen um- geschlagenen gestickten Kragen, ein übers Kreuz auf der Brust geschlungenes rotes Tuch und eine silberne Kette darüber, einen für Oberhessen sehr Seitentaschen vorn, langen, fast bis an die weiße Kniehosen und Knöchel reichenden weite Querfaltenstie- schwarzen Faltenrock fel-bis dichtans Knie. mit blauer Schürze Auch in den Gegen- und weißen Strüm- den südlich vom pfen. Der Bursche eigentlichen Vogels- aus Schlitz hatte berg, in dem eine hohe rauhe Büdinger Land Mütze mit zur Seite finden sich noch lang herabhängen- nationale Trachten. den grünen Bändern, Es kamen daher in schwarzes Halstuch, genanntem Festzug erüneWeste mit weiß die Mädchen mit metallenen Knöpfen, eigentümlich ge- langen dunkelblauen formten weißen ge- Oberrock mitkurzem& steiften Häubchen, Stehkragen, einer Hessische Trachten die sich am Hinter- Knopfreihe und zwei kopf senkrecht, vorn etwas nach innen gewölbt über dem plattgescheitelten Haare auf- türmten und mit schmalen weißen Bändchen nett und reinlich unterm Kinn gebunden waren, in dunkleren(meist braunen) weit- ärmeligen Mutzen und langen Röcken, die blaue Schürze vor- gebunden, das blaue, rotgeränderte Tuch kreuzweise über dem Busen gebunden, die Schuhe hoch.— Aus dem Londorfer Grund waren bei dem Festzug erschienen ein Bursche mit kurzkappigem, breiträndigem Hut, schwarzem Halstuch, hellblauer Weste mit doppelter Reihe von weißen Metallknöpfen, blaßgelbem langem Rocke, blauen Hosen und in Stiefeln,— neben ihm ein Mädchen, das kurze, enge, hellfarbig umsäumte Häubchen auf dem Scheitel, unter dem Kinn zusammengebunden, um den Hals eine Perlenschnur, dann ein buntes Tuch darum geschlagen, im buntgeränderten Mieder, welches vorn ein zu beiden Seiten mit weißen Metall- knöpfen besetztes breites Bruststück hatte, während die weißen \ u Fa 174 Charakter, Sitten, Gebräuche und Sprache der Hessen Hemdärmel bis an den Ellenbogen hervorblickten, der hell- grüne, rot oder blau geränderte Rock bis an die Knie reichend, um die Taille ein buntes Band, eine blendend weiße Schürze und ebensolche Strümpfe. Ebenso war auch die Gegend von Gießen durch die nationale Trächt eines Mädchens von Heuchelheim ver- treten. Es trug ein weißes Häubchen mit dunklem Besatz, eine violette Jacke vorn geschlossen, auf der Brust eine grüne Schleife, einen grünen Faltenrock, eine violette Schürze und blaue Strümpfe. Die nordöstliche Abdachung des Vogels- bergs ist in ihrem oberen Teile rauher, unwirtbarer, nicht so üppig wie die südwestliche und noch mehr Weideland als die letztere. Darum ist auch hier die Viehzucht maßgebend für die Beschäftigungen der Menschen, und es findet sich so ziemlich dasselbe Sommerleben und Winterleben wie dort. Auch hier finden sich die Spinnstuben. Von einzelmen Sitten und Gebräuchen in die sem Teile des Vogelsbergs möge folgendes Erwähnung finden. In dem ganzen ehemals Riedeselschen Gebiete werden meist die Güter nicht geteilt, sondern der älteste Sohn ist geborener alleiniger Gutsherr und Erbe. Die übrigen Kinder werden mit Geld abgefunden. Für die Mädchen wird von der Geburt an eine der Größe des Gutes entsprechende Fläche mit Flachs bebaut. Der Flachs wird in jedem Jahre bis zum Verspinnen bearbeitet und aufbewahrt bis zur Verheiratung. Man schätzt daher, in Bezug auf den Reichtum, ein Mädchen oft nach der Quantität des für dasselbe von seiner Wiege an angesammelten Flachses: Wenn das Mädchen heiratet, setzt es seinen Stolz in den Brautwagen, der seinen Flachs fährt. Hoch oben auf diesem Flachswagen ragt das ihm zur Brautgabe mitgegebene neue Spinnrad hervor, an dessen Spitze der Rockenstock mit einem großen, mit neuem bunten Bande umbundenen Rocken hervorsticht.— In der Pfarrei Niedermoos kommt folgen- der Gebrauch vor: Bei Taufen erhält die Hebamme wie auch anderwärts von den Paten ein Geschenk. Dieses in einem Geld- stück bestehende Geschenk wird hier in den der Amme dar- gereichten Branntwein geworfen, und sie muß das Glas aus- trinken, in dem das Geldstück liegt.— Die Sprache der Be- wohner Riedeselscher Dörfer ist breiter, die Vokale werden dunkler gesprochen, auch begegnet man eigentümlichen Wen- dungen und Ausdrücken, und insofern bildet der Bergrücken in weiteren Umkreise Gießens. 175 zwischen Südwest und Nordost eine scharf trennende Scheide- wand.— Ganz eigentümlich isoliert erscheint das katholische, ehedem fuldische Herbstein. Auf dem Markte in Lauter- bach erscheinen die Frauen und Mädchen von Herbstein mit ihren Spitzhauben, welche ein breites schwarzes Band verdeckt, so daß von der Kattunhaube auf beiden Seiten vom Kopf nur eine schmale Fläche, auf der ein buntes Blümchen auf weißem Grunde bemerkt wird, sichtbar bleibt. Das schwarze Band läuft breit über die Wangen und geht vom hinteren Teile der Haube in einen großen Schlupf aus, aus dem vierteilig die Bandenden über den Rücken herabhängen. Das Mieder ist von dunkler Farbe, j ebenso der Rock, um den an seinem Ende eine dunkel- blaue breite Schnur läuft.— ImSchlitzischen finden sich ebenfalls die Majorate noch, und an diese Ein- richtung knüpft sich noch manches Eigen- tümliche in Sitten und Brauch.— Auch hier bildet der Flachs, welcher dem Mädchen aufgesammelt ist, seinen Hauptstolz. Auch hier muß derselbe am Hochzeitstage paradieren auf dem vier- spännigen Wagen, auf den das ganze Geräte für die neue Haus- haltung geladen wird. Wenn ein Bursche ein Mädchen zur Frau begehrt, dann wird erst auf seinem Gute eine Schau ge- halten von den sogen. Schauleuten. Stall und Fruchtboden, Aecker und Wiesen werden einer Prüfung unterworfen. Hat | die Schau ein günstiges Resultat gehabt, so sagen die Schau- leute beim Weggehen, er solle sich in den ersten Tagen das „Ja“ bei der Braut holen. Im anderen Falle gehen sie schwei- gend von dannen, lassen ihm aber bald durch einen Fremden sagen, die Heirat könne noch nicht vor sich gehen. Bei dem der Hochzeit vorhergehenden Weinkauf wird gut gespeist und getrunken und tapfer getanzt. Die Brautleute haben drei Reigen allein zu tanzen, oft auch von einem Teller zu essen.- Ein Kind erhält bald nach der Taufe von einem Paten ein Mütz- chen, das sogenannte Neunnachtskäppchen; später bis zur Kon- Hessische Trachten ea ee 176 Charakter, Sitten, Gebräuche u. Sprache d. Hessen im weit. Umkr. Gießens. firmation zu Weihnachten Aepfel, Nüsse und Gebackenes, und zu Neujahr einen großen, oval geformten Weck, auf dessen einer Seite allerhand Verzierungen angebracht sind. Wohl- habende Paten geben dem Kinde um das 10. Lebensjahr ein Schaf, ein Halstuch, eine rote Schnur und ein Taschenmesser. Letzteres soll das nunmehrige„Abgeschnittensein“ der Paten- geschenke bedeuten. Das Schaf wird von Reicheren einige Jahre gefüttert, dann gegen ein jüngeres vertauscht und dieses dann dem Kinde bei seiner Verheiratung als das sogen. Petter-Braut- schaf gegeben.— Die Beerdigungen sind in den meisten Orten öffentlich. Im Zuge gehen vor dem Sarge die Schüler und Ortsbürger, hinter dem Sarge einzeln die nächsten Verwandten, die Mannspersonen mit langem Flor, die Frauenspersonen in schwarzer Tracht mit langer weißer, um den Kopf zusammen- gesteckter, über den Rücken herabhängender Schleppe nach Art der Nonnentracht. Peru“ 7 ar Free UaSS2IE) ‘yjoy JIw3 UoA Bejuay "L06} Y2nupjlauenby ee Johanneskirche Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. ni Sean Das kirchliche Leben Gießens. a) Evangelische Gemeinde. Von Pfarrer Ferd. Euler- Gießen. Für das gegenwärtige evan- Stadtkirche-mit Innenansicht gelisch-kirchlichie Leben Gießens ist das Jahr 1893 von grund- legender Bedeutung geworden. Bildete bis dahin die evangelische Stadtgemeinde Gießen eine ein- \heitliche Ge- meinde, in der drei Geistliche wirkten, so voll- zogsich in diesem Jahr die Eintei- lung der Stadt- gemeinde in vier selbständige, voneinander geschiedene, geogra- phisch abgegrenzte Einzelgemein- den: Matthäus-, Markus-, Lukas- und Johannesgemeinde(in großen Zügen: nördlicher, westlicher, süd- licher, östlicher Teil der Stadt). Wirkten seither die drei Geist- lichen gemeinsam an der Stadt- gemeinde, sodaß sie in ihren]Tätig- keiten, wie Taufen, Trauungen usw. in bestimmter Weise wechselten, so erhielt jetzt— ein vierter Geistlicher wurde berufen— jede Gemeinde ihren besonderen Pfarrer, mit besonderen kirchlichen Gemeindeorganen(Kirchenvorstand und Kirchen- gemeindevertretung). War bis dahin nur eine Kirche vorhanden, die am Kirchenplatz gelegene Stadtkirche, so wurde in diesem Jahr die neuerbaute Johanneskirche eingeweiht. Ferner wurde die Militärgemeinde neu gegründet und mit ihrer Versehung einer der Geistlichen beauftragt. Wurde so die ev. Stadtgemeinde Gießen in vier voneinander unabhängige Gemeinden geschieden, so verblieb doch das Kirchenvermögen, das Eigentums- Das: kirchliche Leben Gießens. 179 recht an den Kirchen, Pfarrhäusern und. dergl. der Gesamtgemeinde unter Leitung des Gesamtkirchenvorstandes, der aus Mitgliedern der Einzelkirchen- vorstände sich zusammensetzt, ebenso wie die Kirchengemeindevertretungen der Einzelgemeinden zur Gesamtkirchengemeindevertretung sich vereinen. Den Vorsitz im Gesamtkirchenvorstand, in der Gesamtkirchengemeindevertretung sowie im Pfarrkollegium führt der erste Pfarrer. Wenden wir uns zunächst der Betrachtung der Kirchen zu, so ist die ältere die inmitten° der Stadt— wohl an der tiefsten Stelle Gießens— gelegene Stadtkirche. Im Jahre 1821 eingeweiht, stellt sie„als ein sehr bezeichnendes Beispiel des für deutsche Kirchenbauten nur sehr selten angewendeten Empire- Stils“ sich dar— nur der Kirchturm stammt aus älterer Zeit. Sie wurde im Jahre 1897 einer sehr notwendigen Erneuerung im Innern wie im Aeußeren unterzogen. Die obere Emporbühne wurde entfernt, die untere erweitert, die Orgel umgebaut, ein neues Treppenhaus errichtet, die Fenster, zum Teil neu gebrochen, zum Teil vergrößert, wurden mit Glasmalereien versehen, Beleuch tung und Heizung neu eingerichtet, sodaß das früher eigentlich düstere und unschöne Gotteshaus zu einer schönen und weihevollen Kirche ward.— Die Stadtkirche ist der Matthäus- und Markusgemeinde überwiesen, es werden abgesehen von Passions-Andachten— allsonntäglich drei Gottesdienste in ihr abgehalten, darunter ein Kindergottesdienst(im Sommer vormittags 8 und 9l/, Uhr, im Winter vormittags 91/, und abends 5 Uhr; Kindergottesdienst um 11 Uhr). Außerdem dient sie als Garnisonkirche. Die im Jahre 1893 vollendete, zweischif- fige, unregelmäßige, in den Formen deutscher Renaissance sich dar- bietende Johanneskirche bildet einen hervor- ragenden Schmuck der landschaftlich schönen Süd-Anlage. In ihr findet— abgesehen von den Militärgottesdiens- ten— allsonntäglich die gleiche Anzahl Gottes- dienste statt wie in der Stadtkirche. Sie dient der Lukas- u. Johannes- gemeinde, der mit der Kirche verbundeneKon- firmandensaal ist der Johannesgemeinde zu- gewiesen. Wie nämlich jede Gemeinde ihr eigenes Pfarrhaus hat, so auch einen besonderen Kon- firmandensaal, welcher natürlich nicht nur dem Konfirmandenunter- richt dient, sondern vielfach denMittelpunkt lirchlichen Gemeinde- kebens bildet. In diesen Altar in der Johanneskirche 180 Das kirchliche Leben Gießens. Räumen sammelt sich die konfirmierte Jugend in Konfirmanden-Vereinigungen, zwei Missionsvereine üben ihre Tätigkeit aus, Bibelstunden und Bibelbesprech- stunden finden darin statt; die Vorbereitungen zum Kindergottesdienst werden darin gehalten, ebenso die Sitzungen der kirchlichen Körperschaften. Die Pflege und Versorgung der Armen und Kranken wird kirchlicherseits unter Beihülfe der Gemeinde-Diakonissen, Schwestern des Darmstädter Diakonissen- hauses, ausgeübt. In der städtischen Armen-Deputation sowie der Verwaltung mehrerer Stiftungen haben die beiden ersten Pfarrer, bezw. der erste allein, satzungsgemäß Sitz und Stimme. Den vier Geistlichen steht ein Hülfsgeistliher (Assistent) zur Seite. Die Ausübung der Seelsorge in den Universitäts-Kliniken sowie der Provinzial-Siechenanstalt Oberhessen ist seit Herbst 1905 einem be- sonderen Anstaltsgeistlichen übertragen. In der alten Friedhofskapelle, die aus dem Jahre 1623 stammt, und in der ‚viele schöne epitaphia“ zu sehen sind, wird nur zweimal im Jahr, am Himmelfahrtstag und am Totenfest, Gottesdienst gehalten. Sie dient zu den Leichenfeiern für solche, die noch in den Erbbegräbnissen des alten, sehr schön gelegenen, Friedhofs ihre letzte Ruhestatt finden, ebenso wie auf dem neuen, am sog. Rodtberg gelegenen Friedhof, einer stattlichen, bedeutenden Anlage, eine sehr schöne und würdige Kapelle dem gleichen Zwecke dient. Leichenzüge, die vom Sterbehause aus gehen, hat man in Gießen seit der Eröffnung des weit abgelegenen neuen Friedhofs(1903) nicht mehr; die Leichen werden einige Stunden nach dem Eintritt des Todes nacıı den Leichenhallen der Friedhöfe gebracht. Zahlreich sind naturgemäß die dem kirchlichen Leben dienenden Vereine und Veranstaltungen. Wenn wir dieselben nennen, so schließen wir auch solche ein, die eigentlich interkonfessionell sind, aber doch teils durch ihre Leitung, teils durch ihre Bestrebungen mit dem evangelisch-kirchlichen Leben in engerem oder loserem Zusammenhang stehen. Die im Jahre 1836 von der hiesigen Freimaurer-Loge gegründete Klein- kinderbewahranstalt hat ihr Heim in der Diezstraße. Ungefähr 275 Kinder werden in ihr von drei Schwestern beaufsichtigt und gepflegt. Der Allgemeine Verein für Armen-und Krankenpflege, aus dem seit Ende der vierziger Jahre bestehenden„Frauenverein‘ hervorgegangen, faßt eigentlich verschiedene Vereine in sich zusammen. Seinen Mittelpunkt bildet das in der Johannesstraße in den Jahren 1898/99 erbaute neue ev. Schwesternhaus. Er arbeitet auf den mannig- fachsten Gebieten, in den Abteilungen für Armenpflege, Krankenpflege, Nähabende, Waisenpflege, Mietspatronat, sowie Kinderpflege(Krippe). Zahlreiche freiwillige Hülfskräfte unterstützen die Tätigkeit der Schwestern. Neben dem Feierabend für Lehrlinge(1881), dem Sonntagsverein für Mädchen(1884), dem evangelischen Jünglings- und Männerverein(1887) ist noch der evangelische Arbeiterverein (1892) mit Baugenossenschaft, Sterbekasse und Elisabeth-Kleinkinderschule zu nennen. Der ev. Kirchengesangverein besteht seit 1879, in jeder Kirche trägt eine Chorschule zur Hebung der Gottesdienste bei. Die Herberge ‚zur Heimat‘ wurde im Jahre 1880 vom Oberhessischen Verein für Innere Mission gegründet und erhielt im Jahre 1886 ihr eigenes Haus. Auf dem Gebiet des Gustav- Adolf-Vereins entfaltet besonders der Frauenverein eine rege Tätigkeit; der evangelische Bund veranstaltet Familien-Abende, die gut besucht werden, auch die akademische Ortsgruppe dieses Vereins wirkt eifrig. Die Bedeutung Gießens als Provinzialhauptstadt sowie seine günstige Lage bedingen es, daß mancherlei kirchliche Versammlungen und Vereine alljährlich hier tagen. So feiert hier der Oberhessische Verein für innere Mission(1880), der in Gießen seinen Mittelpunkt hat, seine Jahresfeste mit Hauptversammlung, Festgottesdienst und Familienabend; gleichzeitig tagt der Verband oberhessischer Erziehungsvereine.e Im August jeden Jahres findet die Provinzial-Konferenz Das kirchliche Leben Gießens. 1 [0.0} der oberhessischen Geistlichkeit hier statt(1882), ebenso nach Pfingsten die aus Hessen und den angrenzenden preußischen Gebietsteilen stark besuchte, wissenschaftliche ‚‚Theologische Konferenz‘(1882). Haben auch diese Zusammen- künfte keine eigentlich lokale Färbung, so üben sie doch fraglos eine Rück- wirkung auf das kirchliche Leben unserer Stadt aus. Wenn in den letzten zwei Jahrzehnten das evangelisch-kirchliche Leben Gießens einen bedeutsamen Aufschwung genommen hat, so trägt hierzu fraglos die Gemeinde-Einteilung viel bei. Sie hat sich trefflich bewährt— möge das evangelisch-kirchliche Leben Gießens mit der Entwicklung der Stadt auf den anderen Gebieten stets gleichen Schritt halten! b) Katholische Gemeinde. Von Dekan Johs. Bayer, kathol. Pfarrer. 1. Die katholische Gemeinde Gießen im Mittelalter. Die Bewohner der Gießener Gegend waren am Anfang des 8. Jahrhunderts noch Heiden. Der hl. Bonifatius gründete 72] das Kloster Amöneburg und arbeitete nach seiner zweiten Romreise(722) in Thüringen und Hessen. Unter den von Bonifatius bekehrten Völkern werden in einem Briefe des Papstes Gregor III. aus dem Jahre 738 auch die Lahngauer genannt. Auf Bonifatius als Missionär weist auch die Peters- Neue katholische Kirche kirche zu Selters, einem Dorfe in der Gegend des heutigen Bahnhofes. Die Kirche war dem hl. Petrus geweiht; bei der Treue des hl. Bonifatius zum apostolischen Stuhle und seiner Vorliebe für den hl. Petrus, dem er mehrere Kirchen weihte, wird es kaum zweifelhaft sein, daß die Peterskirche zu Selters eine Stiftung des Apostels der Deutschen gewesen ist. 1129 stiftete die Gräfin Clementia von Gleiberg das Kloster Schiffenberg und zum Schutze des Klosters und der umliegenden Orte entstand: bald die Burg und Stadt Gießen. Die erste Nachricht von einem Gotteshause in Gießen stammt aus 1248, es trägt den Namen: Kapelle zum hl Bankratiusr und zur hl. Maria. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurde bei der Kapelle, die nun als Chor diente, eine Kirche erbaut, die 1808 niedergerissen und durch die jetzige ‚Stadtkirche‘ ersetzt wurde; nur der 1484 erbaute Turm blieb stehen. Bereits 1279 hat Gießen einen Pfarrer. Möglich ist, daß der Pfarrer von Selters, dem Beispiele seiner Parochianen folgend, seine Residenz in die gegen räuberische Ueberfälle sichere Stadt verlegt hat; sicher ist, daß Selters am„Anfang* des 14. Jahrhunderts schon ganz unbedeutend geworden war. Die Kirche und die wenigen in Selters noch vorhandenen Häuser ließ Philipp der Großmütige 1530„aus militärischen Gründen‘ niederreißen und ihre Steine zum Festungsbau verwenden. In Gießen herrschte im 14. und 15. Jahrhundert reges kirchliches Leben und trug herrliche Früchte in Stiftungen zur Ehre Gottes(Stiftungen 182 Das kirchliche Leben Gießens. von Altären, Messen, Andachten, Bruderschaften Bildern usw.) und zum Besten der Armen und Kranken; es entstand das 1393 zum ersten Male urkundlich genannte Spital ‚dem hl. Geist und der hl. frauwen St. Elisabeth geweiht‘'; es lag„uswendig der Ringmure‘ mitten im Felde und war ein Kranken-, Armen- und Versorgungshaus. Ein zweites Spital für Aussätzige stand in der Nähe der heutigen Wieseckbrücke und hieß„sichen Hus‘‘ oder„heilig Hus‘, seine Insassen wurden„‚feltsichen‘“ oder auch„kranke und arme lude‘ genannt. 1489 wurde dort eine Kapelle gebaut, damit die Kranken in der Woche die Messe hören können. So war Gießen Anfang des 16. Jahrhunderts eine katho- lische Stadt, deren Bürger sich durch Frömmigkeit, Eifer für die Zierde des Hauses Gottes und werktätige Nächstenliebe auszeichneten. Diese erste katholische Gemeinde Gießen fand ihr Ende durch Philipp den Großmütigen; er ließ die von dem abgefallenen Mönche Franz Lambert entworfene„‚‚reformatio ecclesiarum Hassiae‘ auf der Synode zu Homberg 1526 genehmigen und die neue Lehre predigen. An Weih- nachten 1532 trat der erste protestantische Pfarrer sein Amt in Gießen an, wo fortan kein Katholik und kein Reformierter leben durfte. 2, Die katholische Gemeinde Gießen in der Neuzeit. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte die Alleinherrschaft der Confessio Augustana ihr Ende erreicht: Katholiken und Reformierte durften in den Grenzen der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wieder atmen. Es kamen einzelne katholische Familien, katholische Professoren und Studenten nach Gießen und seit 1787 wurde katholischer Gottesdienst in einem Saale des Universitäts-Colleg-Gebäudes gehalten durch die Franziskaner von Wetzlar. 1791 erhielt die neu errichtete kathol. Pfarrei Gießen einen Pfarrer. Da das bisherige Lokal nicht mehr ausreichte, wurde der katholischen Gemeinde am 19. Juli 1804 vom Landgrafen Ludwig X. der Mit- gebrauch der Burgkirche gestattet. Wegen Baufälligkeit der Burgkirche überließ man 1823 der katholischen Gemeinde ein anderes Lokal und stellte die Alternative, entweder ein Simultaneum in der protestantischen Kirche gegen einen Beitrag zu den Baukosten anzunehmen oder die Burgkirche zu über- nehmen. Der Kirchenvorstand ging auf keines von beiden ein, faßte vielmehr die Erbauung einer neuen Kirche ins Auge, was nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten gelang: 1838 wurde der Grundstein gelegt, 1840 am 7. September wurde die Kirche konsekriert. 1823 trat Gießen in Verband mit der Diözese Mainz und wurde aus seinem Verhältnisse mit dem protestantischen Oberkonsistorium, dem die katholische Gemeinde Gießen seither unterstellt war, befreit. 1830 am 27. November wurde‘die katholisch-theologische Fa- kultät an der Gießener Universität eröffnet; sie bestand bis 8. Mai 1851. 1862 wurde die Köln-Gießener Eisenbahn und anfangs der 70er Jahre die Strecken Gießen-Fulda und Gießen-Gelnhausen eröffnet. Nun nahm die katho- liche Gemeinde rasch zu; sie hatte im Jahre 1840: 314 Seelen, 1865: 622, 1890: 1783, 1895: 1975, 1900: 2464, 1905: 2747 Seelen. Eine Folge dieser Zunahme der Gemeinde war, daß die 1840 für 314 Seelen erbaute Kirche zu klein war. Vergrößerung war unmöglich, weil der Kirchenplatz einerseits durch die Bahn, andererseits durch einen Weg begrenzt war; daher wurde 1898 mit sehr großen Opfern ein Bauplatz für eine neue Kirche erworben und Chor, Querschiff und ein Joch des Langschiffs in den Jahren 1903—1905 erbaut; dem Bedürfnisse und den Mitteln ent- sprechend wird später der Bau durch drei Langschiffjoche und die Türme Das kirchliche Leben Gießens. 183 vollendet und wird als spätgotische, geräumige Kirche gewiß eine der schönsten Zierden der Stadt bilden. Nach” der"Gottesdienstordnung ist an Sonn- und Feier- tagen 7 Uhr hl. Messe, 8 Uhr hl. Messe, 9.30 Uhr Hochamt mit Predigt; nachmittags— im Sommer um 2.30, im Winter um 5.30 Uhr— Christen- lehre und Andacht; an den Werktagen sind die hl. Messen im Sommer um 6, 6.30, 7 Uhr, im Winter um 7, 7.30, 8 Uhr. Als Pfarrhaus wurde 1856 das neben der alten Kirche gelegene Gros’sche Haus erworben, das, mit einem Anbau versehen, seit 1899 Wohnung der Barm- herzigen Schwestern ist; als Pfarrhaus dient einstweilen seit 1899 das mit dem Kirchenplatz angekaufte frühere Bureau des Fernie’schen Bergwerks. Wegen Vergrößerung der Gemeinde, besonders aber wegen der durch Militär, Kliniken, Gefängnis, Provinzial-Siechenanstalt und die weitausgedehnte Diaspora(ca. 80 Orte, darunter vier mit periodischem Gottesdienste und Reli gionsunterrichte) war eine Vermehrung der Seelsorgskräfte not- wendig. 1882 kam der erste, 1902 der zweite Kaplan. Damit die drei Geist- lichen sich mehr der Pastoration in Gießen widmen können, wäre notwendig, die Diaspora, teilweise wenigstens, einem eigenen Seelsorger zu übertragen, was leider bei dem großen Priestermangel und aus anderen Gründen bisher noch nicht möglich war. Lange ersehnt und mit großen Opfern endlich erreicht war die Eröffnung einer katholischen Konfessionsschule am 6. Mai 1867 mit 34 Kin- dern. Doch die Freude der Katholiken sollte nicht lange dauern. Von der durch das Gesetz gebotenen Befugnis machte der Stadtvorstand Gebrauch und hob 1878 die katholische Konfessionsschule auf. Seitdem besuchen die katho- lischen Kinder die Kommunalschule. Der Kinderzahl(jetzt über 150) entsprechend, wirkt an den städtischen Schulen seit 1898 ein zweiter und seit 1906 ein dritter katholischer Lehrer. Der in der Bürgerschaft und namentlich in ärztlichen Kreisen lebhaft gehegte Wunsch, für die hiesigen Kranken tüchtig geschulte Pflegekräfte zu erwerben, führte zur Berufung der kathol. Barmherzigen Schwestern. Am 7. Dezember 1882 kamen zwei Schwestern aus der Kongregation des aller- heiligsten Erlösers in Niederbronn hier an und nahmen vorläufig im Weißbäcker schen Hause, Seltersweg, Wohnung. 1886 zogen sie in ein für sie neugebautes Haus am Riegelpfad, 1899, als ihre Zahl auf 12 gestiegen war, bezogen sie das seitherige Pfarrhaus, Liebigstraße 22, dessen oberen Stock sie zur Aufnahme von Kranken einrichteten. Die starke Inanspruchnahme hat auch dieses Haus seit Jahren als zu klein erwiesen; deshalb wird eben ein Neubau errichtet, der Herbst 1907 vollendet sein und dem Platzmangel abhelfen wird.— Die Tätigkeit der Schwestern ist die Krankenpflege in der Stadt bei Kranken aller Konfessionen. An Vereinen findet sich in der katholischen Gemeinde: seit 1889 der Paramentenverein, der sorgt für Reparatur und Neuanschaffung kirch- licher Paramente; seit 1897 der Gesellenverein zum Zusammenschluß und zur Unterstützung der Handwerksgesellen; der katholische Kaufmännische Verein für die Kaufleute; der Jünglingsverein, für die Lehrlinge; der Leseverein und der Borromäusverein, beide zur Beschaffung guter Lektüre. Was diesen Vereinen zu gedeihlicher Entwickelung und ersprießlicher Wirk- samkeit fehlte, ist der geeignete Boden im katholischen Vereinshaus. Seine Errichtung ist nicht leicht, aber aussichtsvoller wie je. Möge der leb- hafte Wunsch der ganzen Gemeinde hier recht bald in Erfüllung gehen! 184 Das kirchliche Leben Gießens. c) Jüdische Gemeinde. Von Dr. Sander, Großh. Provinzialrabbiner. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts gibt es in Gießen eine israelitische Ge- meinde. Gegenwärtig leben rund 1000 Israeliten in hiesiger Stadt, von denen etwa 800 der„Religions-Gemeinde‘“ und 200 der„Religions-Gesell- schaft“ angehören. Die Religionsgemeinde trägt den Charakter einer juristi- schen Persönlichkeit des öffentlichen Rechts. Ihr Gotteshaus ist die im Jahre 1867 erbaute und im Jahre 1892 erweiterte Synagoge an der Südanlage, die einen Raum für 250 Männer und 200 Frauen enthält. Der Gottesdienst wird hier Synagoge der israelitischen Religionsgemeinde(Süd-Anlage) nach dem Muster der Großgemeinden Deutschlands nach gemäßigt liberaler Reform mit Orgelbegleitung abgehalten. Als Rabbiner fungiert der Großherzog- liche Provinzialrabbiner Dr. Sander seit 1897, als Vorsänger Lehrer Marx seit 1890. Die Gemeinde besitzt ferner ein Gemeindehaus, Lonystraße 4, enthaltend einen Betsaal für Gottesdienst an den Werktagen, ein Schulzimmer für Religions-, hauptsächlich hebräischen Unterricht, ein Sitzungszimmer für den Vorstand und ein Almosenzimmer, ferner eine Beamten- und eine Dienerwohnung. Die An- regung zu diesem Bau gab das Kommerzienrat Heichelheim’sche Ehepaar anläß- lich ihrer silbernen Hochzeit im Jahre 1895 durch eine namhafte Stiftung. Der gegenwärtig noch benützte Friedhof am Nahrungsberge ist seit 1842 in Gebrauch und bildet einen Teil des Kommunalfriedhofs. Auf dem neuen Fried- hofe am Rodtberge sind gewisse Felder für israelitische Leichen bestimmt; für die Aufbahrung und rituelle Behandlung dieser Leichen und für die Ab- haltung der Trauerfeierlichkeit ist von der Stadt eine zweckmäßige Halle errichtet worden. Die Religionsgemeinde wird rechtlich durch den Vorstand vertreten, dessen Vorsitzender Kommerzienrat Heichelheim ist, weiter gehören dem Vor- stande an die Herren Nathan Rosenthal, Israel Rothschild, Nathan Stamm und Joseph Stern Das kirchliche Leben Gießens. 185 Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft(Nord-Anlage) Die israelitische Religionsgesellschaft besitzt eine im Jahre 1900 erbaute Synagoge an der Nordanlage. Ihr Rabbiner ist der Großherzogliche Provinzial- rabbiner Fr. Hirschfeld, ihr Vorsänger Lehrer Klein. Ihr Kultus wird nach den Grundsätzen der Orthodoxie des Judentums ausgeübt. Ihr Begräbnisplatz befindet sich im östlichen Teile des Kommunalfriedhofs am Nahrungsberg. Den Vorstand bilden die Herren Bankier Jakob Grünewald als Vorsitzender, Lieb- mann Baer und Hermann Katz. Seit 1825 besteht ein israelitischer Männer- und Frauen-Krankenverein, seit 1867 ein Wohltätigkeitsverein, seit 1889 ein Verein zur Förderung des Hand- werks unter den Israeliten Hessens und der Nachbargebiete, seit 1903 ein Ver- ein für jüdische Geschichte und Literatur. Allen diesen Vereinen gehören Mit glieder der Religionsgemeinde und der Religionsgesellschaft an. S KENT Das Schulwesen der Stadt Gießen. Von Lehrer Valentin Müller. Unter den Städten Hessens nimmt Gießen als Sitz einer Universität, eines Regiments und zahlreicher Behörden eine Art bevorzugter Sonderstellung ein. Diese Sonderstellung legte der Stadt die Ehrenpflicht auf, auch dem Bildungswesen ganz beson- dere Aufmerksamkeit zu schenken und es auf eine möglichst hohe Stufe zu heben. Und Gießen darf von sich sagen, daß es dieser Ehrenpflicht stets eingedenk ge- wesen und ihr in vollem Maße gerecht geworden ist. Kein Opfer hat die Stadt gescheut, wo es galt, N NENELEU GH:| das Schulwesen den gewaltigen KRERDLANIG> N)| ol"# Fortschritten der letzten Jahr- DERES Ve nr ES a zehnte entsprechend auszubauen. EVER VON DSEHNTERR: VERETTRERARENEN MSN Jedem Bildungsbedürfnis ist Rech- SCHMALER 8 nung getragen, und nicht zum E 4| wenigsten derVortrefflichkeit ihrer 120 CE Bildungsanstalten verdankt die Bi Stadt den alljährlich sich steigern- den Zuzug von außen. Wenn wir nun in dem Nachfolgenden dem Volksschulwesen den ersten Platz und einen ziemlich breiten Raum gewähren, so mag das wohl manchem befremd- lich erscheinen, zumal man daran gewöhnt ist, die Volksschule in ähnlichen Büchern nur so beiläufig erwähnt und dabei auf den letzten Platz verwiesen zu sehen. Aber abgesehen davon, daß man gewöhnlich durch die Tür ins Haus tritt— und die Volksschule ist denn doch noch für den weitaus größten Teil unserer Schuljugend die Tür, durch die sie in das Reich der Erkenntnis eintritt— haben uns noch folgende Erwägungen dazu veranlaßt. Keine der übrigen Bildungsanstalten wurde und wird in ihrer Entwickelung so von dem Wachstum der Stadt beeinflußt wie gerade die Volksschule; und ihre Entwickelung gibt uns gewissermaßen ein Miniaturbild der Entwickelung der Stadt selbst. Dann haben auch gerade auf das Gebiet der Volksschule mehr als auf das einer anderen Schulgattung die sozialen Bestrebungen der Neuzeit beeinflussend und gestaltend hinübergegriffen. Und gerade die Betrachtung der sozialen Verhält- nisse und der sozialen Entwickelung unserer Stadt bildet wohl nicht den unwesentlichsten und unwichtigsten Teil des vorliegenden Werkchens. Das Schulwesen der Stadt Gießen. 187 Ein Schulprogramm vom Jahre 1869/70 sagt uns, daß die städtische Volks- schule damals von 238 Mädchen und 161 Knaben, insgesamt also von 399 Kindern besucht wurde, die in 4 Mädchen- und 4 Knabenklassen eingeteilt waren(allerdings bestand daneben noch eine sogen.„Armen‘- oder„Freischule‘‘, d. h. eine Schule, in der kein Schulgeld erhoben wurde, die aber nur schwach besucht war). Heute zählt die Stadt-Mädchenschule in 25 Klassen nahezu 1300 Schülerinnen und die Stadt-Knabenschule in 24 Klassen über 1100 Schüler; dabei besteht noch eine Abteilung für Schwachbefähigte, die von ca. 30 Kindern beiderlei Geschlechts besucht wird. Die städtische Volksschule unterrichtet also heute im ganzen über 2400 Kinder in 50 Klassen. Diese Zahlen geben wohl mehr als umständliche Beschreibungen ein Bild von der äußeren Entwickelung des städt. Volksschulwesens seit der Wiederaufrichtung des Reiches. Wir können uns daher im folgenden mehr der inneren Aus- und Umgestal- tung der Volksschule zuwenden. Stadt-Mädchenschule Bis gegen Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren die Volksschulen Gießens in einigen zweistöckigen Häusern untergebracht, die ihrem Zwecke nur in sehr bescheidenem Maße entsprachen. Die Säle waren niedrig und dumpf, dabei auch dunkel und vielfach zu klein; denn Klassen von 80, 100 und noch mehr(bis zu 135) Schülern waren nicht etwa nur vereinzelte Ausnahmen. Der Lehrkörper umfaßte einige zwanzig Lehre- rinnen und Lehrer. Die Leitung und Ueberwachung des Unterrichtsbetriebes war dem Direktor der Höheren und Erweiterten Mädchenschule im Nebenamte übertragen. Daß unter diesen Verhältnissen, wenn nur einigermaßen be- friedigende Resultate erzielt werden sollten, an die Leistungsfähigkeit und Opferwilligkeit der Lehrer ganz bedeutende Anforderungen gestellt werden mußten, ist ganz natürlich. Bessere Verhältnisse traten ein, als sowohl für die Stadt-Mädchenschule wie auch für die Stadt-Knabenschule zweckmäßig eingerichtete und allen Anforde- rungen der Hygiene entsprechende Schulhäuser errichtet wurden. Die Mädchen- schule bezog im Jahre 1897 ihr Heim, das von Stadtbaumeister Stief zwar in einfachen Formen, aber in der inneren Einrichtung ganz seinem Zweck entsprechend an der West-Anlage erbaut worden war, und im Jahre 1892 on- ee 188 Das Schulwesen der Stadt Gießen. konnte dann auch die Stadt-Knabenschule ihr stattliches Haus an der Nord- Anlage in Benutzung nehmen. Läßt schon das prächtige Aeußere gerade dieses letztgenannten Baues auf opferwilligen Sinn der Bevölkerung Gießens schließen, so zeigt noch mehr die innere musterhafte Einrichtung und Ausstattung beider Schulhäuser, wie auch der ganze Schulbetrieb in allen seinen Zweigen und Angliederungen, daß die Stadt für die Kinder aus den weniger bemittelten 3evölkerungsschichten mit nicht geringerem Wohlwollen zu sorgen bestrebt ist, als für die der besser Situierten. Hoch, hell und luftig sind Gänge und Säle; in bester Weise ist für Reinlichkeit und Ventilation gesorgt. Jede Schule hat ihre helle, geräumige Turnhalle und im Erdgeschoß des Hauptgebäudes eine An- zahl Brausebäder; die Knabenschule besitzt außerdem noch ein eigenes Schwimm- bad an der Lahn, in dem die Knaben während der Sommermonate unter Aufsicht ihrer Lehrer erquickende Flußbäder nehmen können. Menschenfreundliche Geber haben die Stadt in den Stand gesetzt, den ärmsten Kindern während der Winter- monate ein warmes Frühstück(Milch mit Semmeln) verabreichen zu können. An beiden Schulen sind Schülerhorte eingerichtet, in denen die Kinder während ihrer schulfreien Zeit, unter Aufsicht von Lehrerinnen und Lehrern turnen, spielen und ihre Schulaufgaben anfertigen können. Dem Lesebedürfnis tragen reich ausgestattete Schulbibliotheken Rechnung und ständig eingerichtete Handfertig- keitskurse— die übrigens auch den Zöglingen höherer Lehranstalten zugängig sind und auch vielfach von solchen besucht werden— geben den Knaben Gelegenheit, sich in allerhand für das tägliche Leben nötigen Handarbeiten auszubilden. Die Mädchen erhalten neben dem lehrplanmäßigen Unterricht in weiblichen Handarbeiten während des letzten Schuljahres allwöchentlich theoretische und praktische Anleitung in der Führung eines einfachen Haus- haltes; mit dieser Einrichtung ist auch ein praktischer Kochkursus verbunden. Stadt-Knabenschule Dabei überwacht ein Schularzt unter Zuziehung eines Zahnarztes die hygienische Seite des Unterrichtsbetriebes und gibt durch regelmäßige Untersuchungen aller Schulkinder Eltern und Lehrern die Grundlagen für etwaige besondere Maß- regeln, die im Interesse der Gesundheit der Kinder geboten erscheinen. Mit dem Bezug der neuen Schulhäuser war auch die Möglichkeit einer vollständigen Neuorganisation und einer selbständigeren Entwickelung der Volks- schule gegeben. Sie wurde zunächst aus ihrem Abhängigkeitsverhältnis von der Höheren Mädchenschule gelöst, und jede Gruppe erhielt ihren besonderen Leiter; in den letzten Jahren stellte die Stadt, um dem ganzen Schulbetrieb Das Schulwesen der Stadt Gießen. 189 ein möglichst einheitliches Gepräge zu verleihen, einen Rektor an, dem das ganze Volksschulwesen Gießens unterstellt ist. Der größte Nutzen aber, der aus dem Bezug der neuen Schulhäuser erwuchs, war der, daß die Stadt in die Lage versetzt wurde, die großen Klassen zu teilen. Während vor etwa 20 Jahren die Durchschnittszahl für eine Klasse noch etwa gegen 80 betrug, dürfte sie heute noch nicht die Zahl 50 erreichen; das Lehrpersonal hat sich in dieser Zeit mehr als verdoppelt. Mit dem demnächstigen Bau eines dritten Schulhauses und der Einrichtung einer Bezirksschule wird ein weiterer be deutungsvoller Schritt vorwärts getan werden. Man sieht, die Stadt hat nichts verabsäumt, um ihr Volksschulwesen zeit- gemäß und segenbringend für die Jugend auszugestalten. Kein Opfer wurde gescheut, keine Forderung der Pädagogik und der Gesundheitslehre wurde überhört, wo es galt, zu helfen und zu bessern, Veraltetes und Schädliches auszumerzen und durch Neueres und Besseres zu ersetzen. Mit aufrichtigem Dank sei auch an dieser Stelle der Name des jetzigen hessischen Finanz- ministers, Dr.Gnauth, des früheren Oberbürgermeisters der Stadt, ge- nannt, der mit weitschauendem Blick wie der Entwickelung der ganzen Stadt, so auch ganz be- sonders der des Schulwesens die Bahn zur Höhe und zum Licht vorgezeichnet hat. Wie für die Schuljugend in der Volksschule in ausreichendem Maße gesorgt ist, so ist auch in der Fürsorge für die aus der Schule Entlassenen nichts verabsäumt. Zunächst schließt sich an die Realgymnasium Volksschule selbst die gesetzlich eingerichtete Fortbildungsschule an. Die Schüler sind darin nach Berufszweigen in Gruppen und Klassen eingeteilt, sodaß es möglich ist, ihnen— unter Ausschaltung alles Nebensächlichen und nur Schulmäßigen— die für ihren Beruf nötigen speziellen Vorkenntnisse im schriftlichen Geschäftsverkehr, in Stoff- und Warenkunde, Kalkulation, Buchführung, Wechsellehre usw. usw. zu übermitteln. Schulgeld wird— in logischer Folge des Schulzwangs— weder.in den Volksschulen noch in der Fortbildungsschule erhoben. Weitergehenden Bedürfnissen entsprechen die Gewerbeschul&@ und die Kaufmännische Fachschule. Die Großherzogliche Gewerbeschule(jetzt noch Ecke Asterweg und Schillerstraße) macht es sich zur Aufgabe, für die einzelnen Gewerbe tüchtige Meister heranzubilden. Aufnahmebedingung ist der Nachweis der Volksschulbildung. Der Unterricht wird nach dem vom Ministerium des Innern genehmigten Lehrplane erteilt. Mit der von etwa 80 Schülern besuchten Anstalt ist eine Sonntagszeichenschule verbunden, die etwa 250 Besucher zählt. An beiden Schulen wirken 3 Architekten, 2 Zeichen- und Gewerbelehrer, 4 tech- nische Lehrer und 1 Volksschullehrer. Der Bau eines neuen zweckentsprechenden Hauses an der Kirchstraße ist bereits in Angriff genommen, und es dürfen für die k Heimes die besten Hoffnungen geknüpft werden Das Schulgeld für die äftige Weiterentwickelung der Schule an die Er richtung dieses neuen Gewerbeschule beträgt zurzeit: Wintersemester 25 bezw. 50 Mark, Sommersemester 190 Das Schulwesen der Stadt Gießen. 20 bezw. 40 Mark, für die Sonntags-Zeichenschule pro Monat 70 Pfg.(Näheres über Aufnahme, Unterrichtszeit usw. bei der Schulleitung.) Die Kaufmännische Fachschule ist eine Gründung des Kauf- männischen Vereins, in dessen Haus an der Nord-Anlage sie auch ihren Sitz hat. Wenn sie also der Gründung und ihrem Charakter nach eine Privatanstalt ist, so wurde sie doch in das Verzeichnis der staatlich anerkannten Schulen eingetragen, und der Staat leistet zu den Kosten einen jährlichen Zuschuß. Auch sie nimmt— wie die Großh. Gewerbeschule— junge Leute mit Volksschulbildung auf und bezweckt eine gründliche Vorbereitung für den kaufmännischen Beruf durch Weiterbildung der Schüler in den Elementar- fächern(namentlich in Deutsch, Rechnen und Schönschreiben), Fachunterricht zwecks Ergänzung der Ausbildung im Kontor und zwar im kaufmännischen Rechnen, Wechsellehre, Handelslehre, in der Handelskorrespondenz und in der einfachen und doppelten Buchführung. Mit der Schule sind noch Kurse für fremde Sprachen(Französisch und Englisch), sowie für Stenographie und Ma- schinenschreiben verbun- den. Die Schule konnte 1903 bereits ihr zehn- jähriges Bestehen feiern und hat in den letzten Jahren durchschnittlich etwa 140 bis 150 Schüler unterrichtet. Es wirken an ihr 9 Volksschullehrer, 2 Oberlehrer(für Fremd- sprachen) und 2 Lehrer für die technischen Fächer (Stenographie und Ma- schinenschreiben). Ein Lehrlingsheim und einereich ausgestattete Bi- bliothek geben den jungen Leuten Gelegenheit, ihre schul- und geschäftsfreie Zeit in Gemeinschaft mit ihren Altersgenossen bei anregendem Spiel oder guter Lektüre nutzbringend zu verwenden. DasSchulgeld für die obligatorischen Fächer beträgt pro Jahr 25 Mark, wovon 15 Mark beim Eintritt und 10 Mark nach den Herbst- ferien bezahlt werden müssen. Für die fakultativen Fächer ist zu zahlen: 1. Für Französisch pro Kursus 20 Mark; 2. für Englisch 20 Märk; 3. für Stenographie 6 Mark; 4. für Maschinenschreiben 10 Mark; doppelte und amerikanische Buch- führung 10 Mark.(Auszug aus der Festschrift nebst Schulbericht pro 1902/03. Näheres über die Schule bei der Schulleitung.) Nicht minder vortrefflich, wenn auch naturgemäß in einfacheren Verhält- nissen, ist auch der Fortbildung der schulentlassenen weiblichen Jugend Rechnung getragen. Die Aliceschule(Schulhaus an Oswaldsgarten und Nord-Anlage macht es sich zur Aufgabe, junge Mädchen in allen Arten weiblicher Handarbeiten für ihren künftigen Beruf als Hausfrau noch weiter vorzubilden, als es die Schule und die Familie in der Regel zu tun imstande sind. Die alljährlichen Ausstellungen der in der Schule angefertigten Arbeiten geben Zeugnis von der hingebenden Treue und peinlichen Gewissenhaftigkeit, mit der die Lehrerinnen an ihre Aufgabe heran- treten, und von der bewundernswerten Arbeitsfreudigkeit, die sie in ihren Gymnasium Das Schulwesen der Stadt Gießen. 191 Schülerinnen zu wecken verstehen. Natürlich wird auch die Pflege der all- gemein bildenden Fächer nicht vernachlässigt, und außerdem gibt die Schule den Mädchen Gelegenheit, sich in der einfachen und feineren Küche aus- zubilden. Auch übernimmt sie die Ausbildung von Handarbeitslehrerinnen, und eine vor der Prüfungskommission der Anstalt abgelegte Prüfung berechtigt zur späteren Anstellung an den Schulen im Großherzogtum Hessen.— Um den in kaufmännischen Betrieben angestellten Mädchen Gelegenheit zur Weiterbildung zu geben, hat neuerdings der ‚Kaufmännische Verein für weibliche Angestellte‘‘ Unterrichtskurse in Buchführung, Rechnen, Korrespondenz, Schönschreiben, Maschinenschreiben und Stenographie eingerichtet. An höheren Lehranstalten für die männliche Jugend besitzt Gießen eine Ober-Realschule, ein Real-Gymnasium und ein Gymnasium. Daneben bereitet die Dr. Kübel’sche Privatanstalt auf Schulprüfungen(Einjährig-Freiwilligen-, Reifeprüfung usw.), sowie auf Prüfungen im Finanz-, Post- und Bahnfach vor. Der weiblichen Jugend übermitteln eine Erweiterte und eine Höhere Mädchen- schule über den Lehrplan der Volksschule hinausgehende allgemeine Kenntnisse. Die zwei Realanstalten(Real-Gymnasium und Ober-Realschule) sind vor- läufig noch unter einer Direktion vereinigt. Sie sind erwachsen aus der am 28. April 1837 eröffneten vierklassigen Realschule, können also gewissermaßen noch als eine Anstalt betrachtet werden. Der mächtige Aufschwung auf allen Gebieten der technischen und Natur-Wissenschaften zu Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte den Anstoß zur Gründung einer Realschule gegeben, und die gewaltigen Fortschritte, die in der Folgezeit auf allen jenen Gebieten, sowie auch im Schulwesen gemacht wurden, hatten ihr mächtiges Aufblühen und ihren- Ausbau zu der obengenannten Doppelanstalt im Gefolge. Hervorragende Gelehrte und Schulmänner, die als Lehrer oder Direktoren an ihr wirkten, wie Weigand, der ausgezeichnete Lexiko-, graph und Mitarbeiter am Grimm’schen Wörterbuch, Hoffmann, Buchner u. a. haben ihren Ruhm weit über die Grenzen Hessens hinausgetragen.— Das Lehrerkollegium, das bei der Gründung der Anstalt neun Köpfe um- faßte, zählt heute 38 ordentliche und Hilfs- ıehrer, und die Schüler- zahl ist von 100(bei der Gründung) auf 980, dieKlassenzahl von 4auf 29 gestiegen. ‚Welchen Segen die Schule schon gestiftet, bewiesen die dankbaren Kundgebungen früherer Schüler gelegentlich des 50 jährigen Jubiläums der Anstalt im Jahre 1837. Wie es bei dem raschen Aufblühen der Schule ganz natürlich erscheint, mußte sie mehrmals ihren Sitz wechseln. Aus dem bescheidenen Heim in der Weiden- gasse(jetzt Polizeiamt), zog sie im Jahre 1856 in das für sie erbaute Haus an der Süd-Anlage(jetzt Bürgermeisterei) und von da im Oktober 1876 in das jetzt noch benutzte Gebäude an der Ludwigstraße, das aber trotz eines angefügten Neubaues auch nur noch für kurze Zeit ausreichen dürfte. Für die Ober-Realschule ist denn auch bereits der Bau eines eigenen Schulhauses Erweiterte Mädchenschule 192 Das Schulwesen der Stadt Gießen. beschlossen, und nach dessen Fertigstellung werden beide Anstalten vollständig getrennt werden. Die Gründung des Gießener Gymnasiums fällt in die bewegte Zeit vor dem dreißigjährigen Kriege. Mehrere Professoren der Universität Marburg fühlten sich durch die Maßnahmen des der reformierten Lehre zuneigenden Landgrafen Moritz von Kassel in ihrer lutherischen Ueberzeugung rechtlich bedrückt. Da lud sie Landgraf Ludwig V. der Getreue von Darmstadt, der ohnehin mit seinem Vetter Moritz in offener Feindschaft lebte, ein, in seine Lande überzusiedeln und daselbst eine hohe Schule zu errichten. Gern folgten sie dieser Einladung, und so wurde nach kurzen, mit großer Energie und Schnelligkeit geführten Unterhandlungen am 10. Oktober des Jahres 1605 in Gießen ein Gymnasium illustre errichtet: die Mutteranstalt unserer Ludoviciana. Mit dieser Hochschule wurde auch sofort eine Vorbereitungsanstalt, ein„Gym- nasium classicum‘ oder„paedagogicum“ mit vier Klassen verbunden, deren Oberleitung einem Professor der philosophischen Fakultät übertragen wurde. Aus diesem ,Gymn. class.‘ ist dann unser heutiges Gymnasium erwachsen, das demnach am 10. Oktober 1905 auf sein dreihundertjähriges Bestehen zurück- blicken konnte. Es wäre ein müßiges Unterfangen, über die Bedeutung und Wirksamkeit dieser Anstalt viele Worte zu verlieren. Die Namen Hillebrand, H. Schiller u. v. a., die mit dem Namen der Anstalt eng verknüpft sind, sind in der wissenschaftlichen und pädagogischen Welt allzu bekannt, als daß man sie besonders umständlich hervorheben müßte. Besonders unter dem Direk- torium Schillers haben die zahlreichen Besuche namhafter Schulmänner aus allen Weltgegenden bewiesen, daß das Gießener Gymnasium nicht nur europäischen, sondern Weltruf genossen hat; und es wird sich auch in der Zukunft seine hervorragende Stellung zu sichern wissen. Besucht war es im Schuljahre 1906/07 von insgesamt 415 Schülern(einschl. Vorschule), die in 12 Klassen von 23 Lehr- kräften, worunter 5 Hilfslehrer, unterrichtet wurden. Mit der Anstalt ist ein pädagogisches Seminar für das höhere Lehramt verbunden. Wie die oben aufgeführten Realanstalten, so sind auch die Höhere und die Erweiterte Mädchenschule in einem Haus und unter einer Leitung vereinigt, können also ebenfalls als ein Schulkörper behandelt werden. Auch diese Anstalt hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens einen außerordent- lichen Aufschwung genommen. In dem(ersten) Programm von 1869/70 lesen wir, daß sie in diesem Schuljahr von 251 Mädchen besucht war, die in vier Klassen und einer gerade damals eingerichteten Fortbildungsklasse von einem Schulinspektor und vier ordentlichen Lehrern unterrichtet wurden. Im Schuljahre 1906/07 zählte die Schule(einschl. Vorschule) 713 Schülerinnen in 20 Klassen; es wirken an ihr 23 ordentliche Lehrkräfte und 3 Hilfslehrer. Auch diese Anstalt war durch ihr rasches Wachstum gezwungen, des öfteren ihren Sitz zu wechseln; nun ist sie auch über ihr jetziges Haus an der Schillerstraße hinausgewachsen, und sehnsüchtig harrt sie des frohen Tages, da sie das seiner Vollendung entgegengehende monumentale Gebäude an der Nord-Anlage be- ziehen kann, das eine Zierde des ganzen Stadtteils bilden wird. Das Schulgeld für die höheren Schulen berechnet sich folgendermaßen: 1. Ober-Realschule, Realgymnasium und Gymnasium: Vorschule bis ein- schließlich Quarta 96 Mark, Unter-Tertia bis Ober-Prima 108 Mark. (Ausländer bezahlen auf allen Stufen 20 Mark mehr.) 2. Höhere Mädchenschule zurzeit Kl. I-III 108 Mark, IV—VII 84 Mark, VIII—X 60 Mark Das Schulwesen der Stadt Gießen. 103 Neue’ Höhere Mädchenschule Erweiterte Mädchenschule zurzeit: Kl. I—III 60 Mark, IV und V 48 Mark, VI—-VIII 36 Mark. Schülerinnen, deren Eltern nicht in Gießen wohnen, zahlen auf jeder Stufe 12 Mark mehr. In ‚allen Schulen(Knaben- und Mädchenschulen) zahlt das zweite Kind der- selben Eltern zwei Drittel, das dritte usw. die Hälfte des betr. Satzes. So haben wir im Geiste das ganze Schulwesen der Stadt Gießen an uns vorüberziehen sehen. In friedlichem Wettbewerb arbeiten die einzelnen Bildungs- anstalten an der gemeinsamen hohen Aufgabe, die Jugend hinaufzuführen auf der lichten Bahn zum Tempel des Wahren, Schönen, Guten.— Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 13 SO Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. Gießen ist einer der hervor- ragendsten Plätze der deutschen Zigarren- und Tabakindustrie, deren Entstehung in die Zeit Napoleons I. fällt. Die Ursache dieser auffallenden Tatsache ist allem Anschein nach lediglich in dem Umstande zu er- blicken, daß die ersten Tabak- und Zigarrenfabriken Gießens ausge- zeichnete Geschäfte machten, wo- durch dann auch andere Firmen, zumal geschulte Arbeitskräfte vor- handen waren, veranlaßt wurden, sich dieser Branche zuzuwenden. Insbesondere ist es die älteste Firma— die Firma Gg. Phil. Gail-— gewesen, die nach ihrer Etablierung im Jahre 1812 in ver- hältnismäßig sehr kurzer Zeit einenaußerordentlichen Aufschwung genommen und dadurch vorzüg- lich zu der genannten Entwicklung beigetragen hat. Sie darf auch mit Recht den Anspruch erheben, den Grundstein der Tabakindustrie in Gießen gelegt zu haben. Es ist eine er- folgreiche Entwicklung, welche die Firma Gg. Phil Ga) während der Zeit ihres nunmehrigen 95 jährigen Bestehens ge- nommen hat. Sie hat sie genommen dank der vorzüglichen kaufmännischen Eigenschaften, die der Begründer in hohem Maße besessen und die sich auf seine Nachkommen weiter- gepflanzt haben. Die deutsche Industrie und speziell die In- dustrie der Stadt Gießen darf stolz darauf sein, einen Mann wie Georg Philipp Gail, geb. zu Dillenburg 1785, gest. zu Gießen 1865,— ein Beispiel deutschen Unternehmungsgeistes, deutscher Tatkraft— zu den ihrigen zählen zu können. Sein Porträt soll daher in unserem Wegweiser durch Gießen einen wohlberechtigten Platz finden.— Als zweite Gründung ist zu regi- strieren die 1825 eröffnete und auch heute noch als einer der bedeutendsten bestehende Fabrik von Georg Heinrich Schirmer. Einen großen Aufschwung erlebte die junge Gießener Tabakindustrie durch die Begründung des deutschen Zollvereins im Jahre 1828 und dessen nachherige Erweiterung. Gg. Phil. Gail Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. 195 1839 wurde in Gießen die erste Zigarrenfabrik eröffnet, und bereits in den fünfziger Jahren gelangte die Gießener Zigarren- industrie zu solcher Blüte, daß sie seitdem die Tabakindustrie erheblich an Bedeutung übertrifft. Heute gibt es in Gießen über 20 Zigarrenfabriken, unter denen zwei auch Rauch- und Kautabak in größeren Mengen herstellen. Maschinenarbeit findet nur in der Tabakindustrie statt, in der Zigarrenfabrikation da- gegen ausschließlich Handarbeit, sodaß trotz seiner ausgedehnten Zigarrenindustrie Gießen nicht das Aussehen einer Fabrikstadt mit vielen rauchenden Schloten hat. Bei dem raschen Wachs- tum der Zigarrenindustrie fehlte es in der Stadt an Arbeits- kräften, sodaß viele Fabriken auf die umliegenden Dörfer ver- legt werden mußten. Hierdurch wurde auch den Landbewohnern vermehrte Arbeitsgelegenheit gegeben und damit der Grund Kaufmännisches Vereinshaus zu der verhältnismäßigen Wohlhabenheit der Ortschaften in der Umgebung von Gießen gelegt. Die Zentralleitung dieser Fa- briken befindet sich zumeist in Gießen. Gegenwärtig existieren in Gießen und Umgebung etwa 80 Betriebe, in denen Zigarren hergestellt werden. Beschäftigt werden ca. 4400 Arbeiter, worunter etwa 4/, weibliche Arbeiter sind. Heimarbeit findet im allgemeinen nicht statt. Die jährliche Produktion der Gie- ßener Zigarrenindustrie beläuft sich auf etwa 225 Millionen Zigarren. Früher wurden in Gießen fast ausschließlich billige und mittlere Zigarren hergestellt, in neuerer Zeit in immer zunehmendem Umfange auch teuere Qualitätszigarren. Von den Zigarrenfabriken seien hier genannt Gg. Ph. Gail(auch Rauch- und Kautabakfabrik), Gg. Hch. Schirmer(auch Rauch- und Kautabakfabrik), C. Klingspor, L. Georgi, J. B. Noll, C. Em- melius, A. Mueller, Gebr. Schmall, L. Scheid, sämtlich in Gießen, und Rinn& Cloos in Heuchelheim bei Gießen. Im Zusammen- hang mit dem Aufschwung der Gießener Zigarrenindustrie ist hier zugleich die Zigarrenkistchenfabrikation ent standen, die in mehreren Betrieben erfolgt. 132 a 196 Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. Bekannt und seit langer Zeit im Betrieb ist das Eisen- steinbergwerk der Gewerkschaft Gießener Braunsteinberg- werke, vorm. Fernie, bei Gießen. Gefördert werden— haupt- sächlich im Tagebau, daneben auch im Stollenbetrieb— Braun- stein und namentlich manganhaltige Eisenerze, die 10 bis 12 Prozent Mangan enthalten. Das im Handel unter der Be- zeichnung„Fernieerz‘“ gehende Erz enthält etwa 20 Prozent Mangan und ebensoviel Eisen. Dieses Erz ist wegen seines hohen Mangangehaltes für die Herstell- ung mancher Eisensorten als Zu- schlagserz sehr wertvoll und wird deshalb auch weithin versandt. Die jährliche Förderung beläuft sich auf mehr als 100000 t Eisen- erz. Beschäftigt werden über 700 Arbeiter. Eine teilweise unter der Erdoberfläche laufende elektrische Bahn verbindet das Werk mit der Eisenbahnlinie Gießen-Geln- hausen. Von großer Bedeutung ist die Gießener Metallindustrie. Bis vor wenigen Jahren wurde hier ein Hochofen betrieben, der einst der Familie Buderus, der Be- eründerin der Hochofenindustrie im Lahntale, gehörte, jetzt aber ab- gebrochen ist.— Die Maschinen- fabrik und Eisengießerei von Heyligenstaedt& Co. (alleiniger Inhaber: Kommerzien- rat Heyligenstaedt) besitzt einen Weltruf und unterhält einen lebhaften Export nach allen Kulturstaaten der Welt. Deren reichhaltiger Katalog über Werkzeugmaschinen ist außer in deutscher auch in englischer, französischer und spanischer Sprache zur Ausgabe gelangt. Aus der Fabrik, die etwa 500 Beamte und Arbeiter beschäf- tigt, sind bis jetzt über 127000 Maschinen"hervorgegangen. Die Erzeugnisse des Werks wurden auf allen beschickten Aus- stellungen mit hohen Auszeichnungen bedacht. Die Fabrik besitzt eine eigene, sehr günstig gestaltete Betriebskrankenkasse, eine eigene Arbeiter-- und Beamten-Pensions-, Witwen- und Waisenkasse und’ sonstige Wohlfahrtseinrichtungen.— Die M e- tallwarentfabrik von H. Schaffstaedt besitze eine Spezialität in der Herstellung von Vorwärmern und gesund- heitstechnischen Anlagen. Die Fabrik ist bekannt durch die Her- stellung von Badeeinrichtungen, z. B. für Privathäuser, Fabriken, die Marine und ferner durch die Einrichtung von Schwimm- bädern(z. B. Volksbad Gießen).— Außerdem erfolgt z. Tl. in Großbetrieben die FabrikationvonLampen(E. Kauff- mann), Kassenschränken(F. Krogmann), sowie die Her- stellung von feinmechanischen und optischen Instrumenten(Wilh. Spoerhase, Wilh. Schmidt, H. Vogel) und von Kreissäge- und Baumrodemaschinen. Gewerbebank dr nnd A ru un ee Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. 197 Fabrik-Etablissement von Heyligenstaedt& Co. Re 7 rm Ausgedehnte Tonlager) haben zur Begründung einer wich- tiren Tonwaren- und Ziegelfabrikation geführt: Gailsche Dampfziegelei und Tonwerke, Tonwerk Hüttenberg. Die Gailsche Dampfziegelei und Tonwarenfabrik wurde am 14. Oktober 1891 von dem jetzigen Inhaber Herrn Kommerzienrat Wilhelm Gail gegründet, im nächsten Jahre durch das Tonwerk im Schiffenberger Walde erweitert, sodaß die Pro- duktion jetzt ca. 12 Millionen beträgt. Die Einrichtungen sind nach den Plänen des bekannten Spezialisten für keramische Anlagen, Herrn Otto Bock, Berlin, ausgeführt(ein für Aus- stellungszwecke benutztes Modell der Dampfziegelei befindet sich jetzt im Deutschen Museum in München), der künstliche Trockenkanal wurde von Möller& Pfeiffer, Berlin, gebaut. Es werden in erster Linie fein weiß- und cremefarbene Verblender, wetter- beständige Glasuren, Terrakotten, Wandbekleidungen, vorzüg- liche Dachziegel, Trottoirsteine, Drainröhren, Hourdis und Scha- mottewaren gefertigt. Die vorzügliche Qualität der Fabrikate hat denselben ein großes, weit über Deutschlands Grenzen hinaus ausgedehntes Absatzgebiet erworben. Es sind in Ver- bindung mit farbigen Glasuren und Hausteinen mit den hellen Verblendern von hervorragenden Architekten eine ganze Anzahl künstlerisch durchgeführte und wetterbeständige schöne Fassa- den entstanden. Dank der Anregung und Förderung bedeu- tender Mitglieder der Künstlerkolonie in Darmstadt(Prof. Olbrich— Bildhauer Bosselt— Dr. Greiner) und des Direktors der Kunstgewerbe- schule Düsseldorf (Prof. P. Behrens) haben die Werke auch in der Kunst- keramik u. Plastik, Majoliken, Reliefs und verschiedenen farbigen künstlerischen Bau- schmuckes gutes gebracht. ‚Auf den Ausstellungen in Alsfeld, Gießen, Gail’sches Tonwerk Pre. Re- er ee Syn, nn ar en ee 198 Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. Darmstadt, Düsseldorf errangen die Erzeugnisse Auszeichnungen und zuletzt in St. Louis U. S. A. die goldene Medaille.— Kalk- und Marmorbrüche von großer Mächtigkeit be- finden sich ebenfalls in der Nähe von Gießen und haben Anlaß zum Entstehen mehrerer Kalk- und Marmorwerke (A. Gabriel jun., C. Haas jun.) gegeben. Das Werk des Herrn Aug. Gabriel jr. dient der Erzeugung von Mauerziegeln(3 Ring- öfen, pro anno 5—600 000 Stück), Marmorkalk, von welchem in 2 Ringöfen 900—1000 Waggons jährlich erbrannt werden, ferner von Marmormehl und Marmorkörnern für Terrazzo. Sehens- wert sind die in jeder Hinsicht musterhaft ausgestatteten Be- amten- und Arbeiterwohnhäuser, sowie die in reichem Maße vor- handenen Wohlfahrtseinrichtungen, wie Arbeiterküche und Ar- beiterbäder, sowie die sehr praktische Einrichtung eines Ruhe- saales für die Arbeiter.— Bedeutend sind auch die Brannt- wein- und Likörfabrikation(10 Betriebe) und die Bierbrauerei(4 Betriebe), darunter sind als weitest bekannte Brauereien hervorzuheben das Gießener Brauhaus A.& W. Denninghoff, welche kürzlich auch einen für Gießen neuen Industriezweig, nämlich eine Getreide-Preßhefefabrik, ihrem Ftablissement angefügt hat, und die Union-Brauerei A. G. (Bichler), Hard. Zu erwähnen sind ferner die Zement- warenfabrikation, die Seifen-, Lack- und Far- benfabrikation, die chemische Industrie sowie die Federindustrie, die Scham und Korsew fabrikation. Gail’sche Dampfziegelei Von besonderer Bedeutung und in hohem Ansehen stehend über die Grenzen des Landes hinaus ist in Gießen der Buchhandel, hervorgerufen hauptsächlich durch das geistige Verkehrsleben der Universitä. An erster Stelle sind hier zu nennen die beiden Verlagsbuchhandlungen Emil Roth und J.Ricker's Verlag, jetzt Alfred Töpelmann. Die Firma Roth gab im vorigen Jahr ein Verlagsverzeichnis mit einem interessanten Vorwort„Dreißig Jahre Geschichte der Firma Emil Roth“ heraus, welches jedem Bücherliebhaber unentgeltlich zur Ver- fügung steht, und aus welchem der große Umfang dieses Ver- lages für jeden deutlich erkennbar hervorgeht. Diese Verlags- buchhandlung darf nicht allein als spezifisch hessischer Verlag u in me Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. 199 bezeichnet werden, der zum Ricker’sche Universitäts-Buchhandlung Ruhme unseres hessischen engeren Vaterlandes und unseres angestammten Für- stenhauses ehrenvolle Ver- lagsunternehmungen gezei- tigt hat, sie ist auch als der bedeutendste hessische Schulbücher-Verlag anzu- sprechen. Durch die juri- stische, medizinische und naturwissenschaftliche Ab- teilung hat sich diese Firma zu einer weltbekannten Ver- lagsbuchhandlung empor- gebildet, welcher Namen wie Moleschott, Büchner, Fuchsberger, Gareis u.v.a.m. einen ehrenvollen Klang ge- geben haben. Die Firma Alfred Töpelmann, vormals J. Ricker's Verlag, pflegt speziell das Gebiet der wissenschaftlich. Theologie und oriental. Sprachwissen- schaft. Unter den hiesigen Sortimentsbuchhandlungen genießen einen Ruf im deutschen Buchhandel die Ricker'sche Universitätsbuchhandlung, die Ferber’sche(früher Roth- sche) Universitätsbuchhandlung und Aug. Frees, Hof- u. Universitäts- buchhandlung. Von großer neuzeitlicher Wichtigkeit ist die im Jahre 1905 von Emil Roth, dem Zuge der Zeit folgend, be- gründete Hessische Lehrmittelanstalt, welche sich in kurzer Zeit zu einer bedeutenden Anstalt in ihrem Fache ausgestaltet hat und den gleichartigen Anstalten in Frankfurt, Köln, Leipzig, München usw. nicht allein ebenbürtig ist, sondern z. T. voransteht, zum Segen der hessischen Schulen, denen sie auch durch eigene Abendstern. Gabriel’s Kalk- und Marmor-Industrie 200 Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. Lehrmittelfabrikation in mancher Beziehung schon wichtige Errungenschaften gebracht hat. Werfen wir einen Blick in die 11 Zimmer umfassende, interessante Lehrmittel- Aus- stellung. Beim Besuche der Hessischen Lehrmittelanstalt in Gießen befindet man sich beim Eintritt ins Geschäft im Empfangsraum, wo ein pädagogisches Sortiment uns alle wichtigen Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Pädagogik, sowie Hülfs- und Präparationswerke für die verschiedenen Unter- richtsdisziplinen zeigt; durch die vorhandenen zahlreichen Kata- loge ist es zugleich eine bibliographische Auskunfts- stelle. Daran schließt sich en Musterschulzimmer an, das die unent- behrlichsten Schul- geräte u.Lehrmittel enthält. Subsellien verschiedener Kon- struktion, ein prak- tischer Katheder u. ein Schulschrank, Schultafeln ver- schiedener Fabri- kate,Kartenständer, Lese- und Rechen- maschinen ver- schiedener Art fül- len den Raum aus. Wamsers Schul- wandkarten von Hessen, Europa u. Verlagsbuchhandlung von Emil Roth Deutschland, die und Hessische Lehrmittel-Anstalt(Emil Roth) Preuschen’schen Palästinabilder, ein Relief der geographischen Grundbegriffe, sowie künstlerischer Wandschmuck vollenden die Ausstattung des Schulzimmers. Sehr reichhaltig und lehrreich ist die Ausstellung für den Zeichenunterricht; sie umfaßt alle für den neuen Lehr- plan des Zeichenunterrichts wichtigen und nötigen Vorlagen und Motive aus der Pflanzenwelt, die nach Hölscher zusammen- gestellten natürlichen, präparierten Blätter, naturgetreue Frucht- und Pilzmodelle, sowie eine reiche Auswahl einheimischer und exotischer Schmetterlinge und Käfer, Spirituspräparate von Rep- tilien usw.; ferner Motive von Re Erzeugnissen: Vasen, Krüge, Töpfe, Flaschen, Fließe, Stoffmuster usw. Außerdem liegen alle über die moderne Bewegung im Zeichenunterrichte erschienenen Lehrbücher auf; auch die nötigsten Zeichen-Uten- silien haben ihren Platz gefunden, ebenso ist der praktische Katheder für einen Zeichensaal nach dem Entwurfe von Baurat Diehm aufgestellt. Daran schließt sich an die Ausstellung für den ersten Anschauungs-, Lese- und Rechenunter- richt. Wir sehen die Bilder von Hölzel, Kafemann, Kehr- Pfeifer-Kull, Lehmann-Leutemamı und Weinhold, verschiedene Leseapparate, die Lautiertafeln, Rechenmaschinen aller Art, Appa- rate zur Veranschaulichung der Bruchrechnung und des metrischen Maß- und Gewichtssystems, ebenso Schulwandkarten Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr 201 und Anschauungsbilder für den Religions- und den Ge- schichtsunterricht. Sehr interessant, lehrreich und reich- haltig sind ferner die Ausstellungen für die Geometrie, die Geopraplie, Anthropologie, Zoologie, Bo- tanık, Mineralogie und Physik, für die Chemie, Technologie und die Kunst. Es würde zu weit führen, dies all im einzelnen zu beschreiben. Einige Abbildungen von Ausstellungsräumen dürften dem großen Publikum, dem eine solche Lehrmittelanstalt leider wenig bekannt zu werden pflegt, die Ausstellungsräume veranschaulichen helfen, um gleich- zeitig Anregung zu geben, daß auch aus der Bevölkerung heraus mancher Gelegenheit nehmen möge, die Ausstellungsräume zu besichtigen, um dadurch einen kleinen Einblick zu gewinnen, welch mächtige Ausdehnung das Lehrmittelwesen in hohem Aufstieg genommen hat. Ausstellungszimmer No. 4 der Hessischen Lehrmittel-Anstalt Auch der Musikinstrumentenhandel ist in Gießen würdig ver- treten, besonders durch die sehr rührige, in weitem Umkreis und weit ins Land hinaus bekannte Firma W. Rudolph. Die alt- angesehene Firma E. Challier pflegt seit Jahren den Musi- kalienhandel aufs beste, ist doch der alte Gründer und Be- sitzer als einer der bedeutendsten Fachmänner im deutschen Musikalienhandel bekannt. Die Firma Challier in Gießen konnte am 1. April d. J. auf eine fünfzigjährige fruchtbringende Tätig- keit zurückblicken. Diese Musikalienhandiung wurde von Hein- rich Rudolph am 1.,April 1857 als Musikalien- und In- strumentenhandlung eröffnet. Am 1. Januar 1879 übernahm es der Sohn unter der Firma Wilh. Rudolph und führte das Geschäft, das sich bereits lebhaft entwickelt hatte, zu hoher Blüte. Am 1. November 1887 wurde das Geschäft geteilt, den Klavierhandel behielt Wilh. Rudolph, das Musikalien- Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. und Instrumentengeschäft(ohne Klaviere) kaufte Ernst Challier sen. aus Berlin, und wählte die noch heute gültige Firma Ernst Challier(Rudolph’s Nacht.). Seit 20 Jahren ist Ernst Challier sen. der seinen Sohn Ernst Challier jun. vor einigen Jahren als Teilhaber auf- nahm, Besitzer der Firma. Durch seine lexikalischen Arbeiten hat sich Ernst@Ehallırer sens wordemsche j Musik gepflegt und gekauft wird, ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Entstanden ist sein lexikalischer Verlag, dessen| R 25 jähriges Jubiläum Ernst Challier sen. 1906 feiern konnte, aus ganz kleinen Anfängen, so eigentlich aus Liebhaberei. Mit dem Doppelhandbuch der Gesangs- und Klavier- musik(14 Bogen stark) begonnen, dem das Verzeichnis\ komischer Duetie und Terzetven. dessspreziere Handbuch und anderes folgten, seinHaupt-undLebens- werk ist aber das aus fünf Teilen bestehende„Lexikon desLiedes‘, das die gesamte Liederliteratur in sich vereinigt. Der erste Teil dieses Lexikons allein, der Große Lieder- kataloe das einstimmige Lied, yes mis seiuen ' 11 Nachträgen 2043 zweispaltige Seiten auf. Ausstellungszimmer No. 6 der Hessischen Lehrmittel-Anstalt Von dem wissenschaftlichen Teil im Handel, der Buchindustrie, wollen wir übergehen zum Großhandel in Borsten (J. Rothschild‘, Hüten(W. und G. Schuchard), Ko- lonialwaren, Petroleum und landwirtschaft- lichen Erzeugnissen— Die GiebenerVven- märkte, die von weither besucht werden, haben einen jähr- lichen Auftrieb von 23—25 000 Stück Rindvieh.— Die Reichs- | banknebenstelle in Gießen hatte i. J. 1904 einen Ge- ! samtverkehr von 168 Millionen Mark. Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. 203 Entsprechend der Ausdehnung von Industrie und Handel ist auch der Verkehr von Gießen sehr bedeutend. Gießen besitzt ein Postamt I. Kl. mit Zweiganstalt in der Stadt. 1905 gingen ein(wurden aufgegeben) 4 317.066(5 210 504) Briefe, Postkarten, Drucksachen und Warenproben, 289 615(287 314) Pakete ohne, 8678(9234) Briefe und 5781(3603) Pakete mit Wertangabe, 48 225 Postnachnahmesendungen und 5645 Post- auftragsbriefe. Eingezahlt wurden auf Postanweisungen 11094207 Mk., ausbezahlt 15840691 Mk. Im Telegramm- verkehr wurden aufgegeben 51111 Telegramme, eingegangen sind 50243 Stück. Das Fernsprechnetz besitzt gegen 600 Teil- nehmer mit 619 Fernsprechstellen. Die Zahl der Gespräche belief sich i. J. 1904 auf 1005 279. Ausstellungszimmer No. 11 der Hessischen Lehrmittel-Anstalt Der Bahnverkehr ist bei der zentralen Lage von Gießen im Schnittpunkt mehrerer Eisenbahnlinien sehr aus- gedehnt. Im Jahre 1904 wurden in Gießen(Staatsbahnhof) 675055 Fahrkarten verkauft. Der Güterverkehr hatte in dem- selben Jahre folgende Ausdehnung: Empfang Versand Stückgut, einschl. Eil- und Expreßgut 16 882 20 552 Tonnen, Wasenladungen...:;...:.. 144887 173 004 ir Diensten a re 56783 10.336 Viehverkehr(Groß- und Kleinvieh). 30778 27025 Stück, Zahl der abgefertigten Frachtbriefe. 181 350 229946„, Der Hauptversand bestand in Erzen mit über 100 000 t, der Empfang in erster Linie in Steinkohlen mit etwa 7510007.— Die Kleinbahn Gießen—Bieber ist 8,8 km lang(im Besitz der Allgemeinen Deutschen Kleinbahn-Gesellschaft in Berlin) und beförderte i. J. 1904 228 454 Personen und rund 71400 t Güter (einschl. Vieh), darunter hauptsächlich Erze und Kalksteine. 204 Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr. Die Gießener Omnibus-Gesellsenain 2E2@ m. b. H., unterhält zwei Omnibuslinien in der Stadt Gießen; sie beförderte 1905 216623 Personen und hatte eine Jahres- einnahme von 21 662,30 Mk. Die Gesellschaft arbeitet ohne Gewinn und erhält von der Stadt einen jährlichen Zuschuß. Dieser Omnibus-Verkehr wird in Kürze jedoch durch eine elek- trische Straßenbahn ausgelöst werden, welche dem aufstreben- den Verkehr in Gießen in großstädtischer Weise dienen soll. Gießen ist Sitz einer Handelskammer(für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach), der 6. Sektion der Hessisch-Nassauischen Baugewerks-Berufsgenossenschaft, zweier Eisenbahn-Betriebs-, je einer Verkehrs- und Maschineninspektion, eines Hauptsteueramts, einer Kammer für Handelssachen, eines Gewerbe- und Kauf- mannsgerichts, einer Gewerbeinspektion und besitzt eine Kaufm. Fachschule und eine Gewerbeschule. Von Berufsvereinen sind zu erwähnen der Verein der Detaillisten, der Kaufm. Verein, Ortsgewerbeverein, Bergmännische Verein, Uhrmacher-Verein Gießen und Umgegend und der Verein der Schuhhändler für Gießen, Wetzlar und Umgegend. Städtische Einrichtungen. a) Städtisches Elektrizitätswerk. Das städtische Elektrizitätswerk wurde angelegt zufolge Beschlusses der städtischen Kollegien vom 26. Oktober 1899. Der Bau wurde der Firma Schuckert& Co., Nürnberg, als Generalunternehmerin laut Vertrag von 1. August 1900 übertragen. Die Betriebseröffnung erfolgte im September 1901. Als Betriebskraft dient teils die Wasserkraft der Lahn, teils Generatorgas. Die Stromverteilung geschieht nach dem Dreileitersystem mit einer Spannung von 220 Volt zwischen Mittel- und Ausßenleiter. Das Werk wurde auf dem seitens der Stadt angekauften Grundstücke, der Neumühle, errichtet. Das hier zur Verfügung stehende Gefälle der Lahn be- trägt etwa 2,3 m. Die Maschinenanlage enthält bis jetzt zwei Turbinen und drei Gasmotore von zusammen 760 PS. ind. Leistung. Die Turbinen leisten je so PS.i. und arbeiten auf eine gemeinsame Vorlegewelle, von welcher durch Riemen ein Dynamo von 120 Kilowatt mit einer 496 bis 700 Volt regulierbaren 150 PS. i. leistend, treiben Spannung angetrieben wird. Zwei der Gasmotore je mittels Riemen je eine Dynamo von gleicher Größe, Spannung und Um- drehungszahl, wie die ersterwähnte an. Die Umdrehungszahl der Gesamtmotore ist dieselbe wie die der Turbinen-Vorlegewelle und ferner haben die Schwung- räder denselben Durchmesser wie die Riemenscheibe, von welcher der Antrieb der ersteren erfolgt. Es ist daher möglich, bzi einem Defektwerden der Tur- binen-Dynamo eine der beiden anderen Maschinen als Ersatz zu verwenden. Eine vierte Dynamo wird von einem vierzylindrigen Gasmotor 300 PS.i. leistend, direkt angetrieben. Die Leistung dieser Maschine beträgt 240 Kilowatt. Das Anlassen der Motore geschieht durch die als Motore arbeitenden Dynamos, welchen von der Akkumulatorenbatterie aus Strom zugeführt wird. Die Akku- mulatorenbatterie, welche im Obergeschosse des alten Mühlengebäudes unter- gebracht ist, besteht aus 272 Elementen; ihre Kapazität beträgt bei drei- stündiger Entladung 771 Amperestunden. Das Leitungsnetz besteht aus unter- irdisch verlegten Leitungen von zusammen rund 95 km mit rund 64 Tonnen Kupfergewicht. 206 Städtische Einrichtungen. Am 31. März 1905 waren an das Werk angeschlossen: 8680 Glühlampen, 246 Bogenlampen, 137 Motore und 20 verschiedene Apparate, oder insgesamt ein Aequivalent von 17026 Glühlampen zu 16 NK. Die Zahl der Abnehmer betrug 393 und die der angeschlossenen Elektrizitäts- zähler 463. Die elektrische Energie für die verschiedenen Gebrauchszwecke wird zu den nachstehend verzeichneten Ansätzen berechnet: a) Energie für Beleuchtungszwecke: 50 Pfg. pro Kilowattstunde; b) Energie für Motore, Heizung und elektrotechnische Zwecke: 20 Pig. pro Kilowattstunde. Je nach Höhe des Stromverbrauchs wird Rabatt bis zu 10 Prozent berechnet. b) Das städtische Gaswerk. Direktor Otto Bergen. Das Gaswerk liegt an der Gartenstraße, zwischen der Ostanlage und dem Wieseckflüßchen. Diese Lage bedeutete zur Zeit des Baues einen äußersten Umfangspunkt der Stadt, jetzt bildet sie infolge des mächtigen Anwachsens der Stadt ziemlich den Mittelpunkt des ausgedehnten Versorgungsgebietes. Das Werk wurde auf Grund eines städtischen Beleuchtungsvertrages im Jahre 1856 von den namhaften Gasindustriellen L. A. Riedinger in Augsburg auf eigene Rechnung unter Leitung des Gasingenieurs John Tebay aus London erbaut und am 24. Dezember gleichen Jahres eröffnet.— Im Jahre 1862 ging dasselbe durch Kauf an Ingenieur August Heß und nach Ablauf des Vertrages ım 1. Oktober 1886 zu einem beiderseitig vereinbarten Kaufpreis an die Stadt Gießen über. Nachdem das Werk schon während des Privatbesitzes wiederholt Erweite- rungen erfahren, fanden mit dem inzwischen sich wesentlich steigernden Gas- verbrauch namentlich von 1892 bis 1895 durchgreifende Erweiterungen und Neuanlagen— auch für maschinellen Betrieb— und Ausdehnung des Stadt- rohrnetzes statt. Ein zur späteren Verdoppelung seines Fassungsraumes vor- gesehener Gasbehälter folgte 1896 und eine neue größere Reinigeranlage 1901. Eine seit gleicher Zeit in Betrieb befindliche und mit Gaskraft angetriebene Maschine zur Zerkleinerung und Sortierung des sich ergebenden Gaskoks hat mit dazu beigetragen, diesem beliebten Brennmaterial ein großes Absatzgebiet in Stadt und Umgegend zu verschaffen. Das Werk besitzt zurzeit 6 mit je 8 Retorten ausgebaute Retortenöfen mit Halbgenerator-Heizung, die entsprechende Zahl von Betriebsapparaten mit Luft- und Wasserkühlung, 2 mit Gaskraft betriebene Saugapparate, Teerscheide- und Waschapparate, 3 große Apparate zur chemischen Reinigung des Gases, 3 Oas- behälter mit gemauerten Bassins und 1 Teleskop-Gasbehälter mit schmiedeeisernem Bassin, zusammen mit 4400 cbm Fassungsraum, 1 Stationsgasmesser für 6000 cbm Tagesabgabe, 1 selbsttätigen Druckregulator mit Druckschreiber, 1 Lichtmeß- apparat, Rollbahnanlage, Dampfheizungsanlage, Brückenwage, Werkstätten für Reparaturen, Gas- und Wasser-Einrichtungen, 3 Gaskraftmaschinen von zusammen 10 PS., Brausebäder für die Arbeiter usw. Die größte tägliche Gasabgabe betrug im Jahre 1904 7885 cbm, die geringste 2130 cbm. Die gesamte Gaserzeugung betrug in demselben Jahre 1651550 cbm. Bezeichnend für die Entwickelung der Stadt Gießen sind folgende Zahlen aus dem letztabgeschlossenen Jahre 1904, verglichen mit denjenigen des ersten vollen Betriebsjahres nach, bezw. vor Uebergang des Werks an die Stadt(1887 bezw. 1885). Städtische Einrichtungen. 207 Gesamtoasverbraiichn aan 2 20.2.0... 25..19084> 1691 550 cbm „ ne. 0 288:4,]887 635625 Bryaibelanehtunes en en en. 2..00.00,,..-1904 682 852 „ N EN unkar, n LEBT;= 401763 HleizemKoch- und Kraffpase, were en a. 1904 559031» „„„„ ee LER 32 396 Straßenhedeichnug a cn 00000 01904 244 924 „ a en. e 1887 144 453 Die übrige erzeugte Gasmenge verteilt sich auf Selbstverbrauch, Verdichtung und Verlust. Städtisches Gaswerk Anzahl der öffentlichen Straßenlaternen....... 1904= 672 Stück n”„„ Be a 8 1887— 400 Anzahl der eingerichteten Gasflammen(einschl. der Schlauchhahnen für Kochapparate)...... 1904= 1752„ Weseleichetw a 0. ce een... 8 0.20.051885=— 7370 In Betrieb befindliche Gaskraftmaschinen.....1904= 38 mit 122 PS. ” n"„ ee LES— 20 Ausdehnung des Straßenrohrnetzes in 1904— 50245 m mit 225 mm größtem Durchmesser, nlesse 1954967„0, WS 5„„ Vergaste Steinkohlen..... 2...... in 1904 rd. 540 Doppelwaggons, „ ‚ ee a): 1240„ Der nach Abzug des zur Unterfeuerung der Retortenöfen verbleibende Koks wird meist in Gießen, die Erzeugnisse an Teer, Ammoniakwasser, ausgebrauchter Reinigungsmasse und Retortengraphit werden an auswärtige chemische Fabriken verkauft. Der Preis des Leuchtgases beträgt 21 Pfg. für 1 cbm, von 1000 cbm Jahresverbrauch an mit verschiedenen Rabattsätzen. Der Preis des Heizgases beträgt 13 Pig. für 1 cbm, mit 10 Prozent Rabatt von 10000 cbm an. In Küchen und Baderäumen können noch 1 bis 2 Beleuchtungsflammen zu dem Preis des Heizgases bewilligt werden. Gasmesser können gemietet oder gekauft werden. Trotz der Mitte September 1901 erfolgten Eröffnung des städtischen Elektıt- zitätswerkes hat der Gesamtjahresverbrauch an Gas seither nicht ab-, sondern 208 Städtische Einrichtungen. wesentlich zugenommen und wurde der Ausfall an eigentlichem Beleuchtungsgas reichlich ausgeglichen durch die stets wachsende Zunahme an Koch- und Heiz- gas und infolge Eindringens des Gasverbrauchs auch in bescheidenere Woh- nungsverhältnisse. Das Gaseinrichtungsgeschäft wird von dem Gaswerk nach Maßgabe des behördlich vorgeschriebenen Umfanges betrieben und ist im übrigen eine größere Zahl hiesiger Installateure zur Ausführung von Gaseinrichtungen im Anschluß an das städtische Gasrohrnetz zugelasse c) Das städtische Wasserwerk. Von Direktor Otto Bergen. Die Vorarbeiten für die Anfänge der städtischen Quellwasserleitung be- schäftigten seit Ende der siebziger Jahre die städtische Behörde. Man hatte sich dabei aber lediglich beschränkt auf die Beschaffung von Quellentrink- wasser zur Speisung einer Anzahl öffentlicher Brunnen. Als Ergebnis dieser Arbeiten gelangte im Jahre 1883 der älteste Teil der Quellwasser-Ver- sorgung zur Eröffnung. Diese Anlage bestand in einem 440 m langen begehbaren, unter eine mächtige Basaltschicht eingetriebenen Sammelstollen im Quellengebiet des Erlenbrunnens, Distrikt Oberwald des Stadtwalds und einem 33 m langen beschlüpfbaren Anschlußkanal an Anneberg im fiskalischen Wald. Zu dieser ersten Anlage gehörte die Erbauung eines vorerst 170 cbm Wasser fassenden Hochbehälters auf dem Lutherberg und die Ausführung einer etwa 4000 m langen in die Licher Straße gelegten 125 mm weiten Zuleitung, welche das Wasser mittels natürlichen Gefälls dem Behälter zuführt, sowie die Anlage des benötigten kleinen Stadtrohrnetzes und die Aufstellung von acht Ventilbrunnen, de im Jahre 1883 in Betrieb genommen und deren Zahl alsbald auf 16 vermehrt wurde. Im Jahre 1885 wurde am Hubertusbrunnen, Distrikt Hohe Warte, eine kleinere Quellfassung mittels Sickerröhren ausgeführt und an die Zuleitung in der Licher Straße angeschlossen. Der Wunsch, das vortreffliche Quellwasser jedoch auch in die Häuser einzuführen, wurde immer lebhafter, sodaß im Jahre 1886 Ingenieur C. Rosen- feld aus Berlin beauftragt wurde, eine weitergehende Wasserversorgung der Stadt Gießen zu projektieren, was die Nutzbarmachung einer in den Wiesen des Distriktes Scheerbrand in der Gemarkung Großen-Buseck aus einem Basaltausläufer des Vogelsbergs austretenden Quelle zur Folge hatte. Die Fassung derselben geschah durch Ausführung eines begehbaren 69 m langen Sammelstollens, von dessen Sammelstube das Wasser mittels einer 7000 m langen, 1755 mm weiten Zuleitung in natürlichem Gefälle dem Hochbehälter am Lutherberg zugeführt wurde. Der Hochbehälter erfuhr dabei eine Vergrößerung auf 520 cbm Inhalt, das Stadtrohrnetz wurde ausgedehnt, Hauswasserleitungen hergestellt und am 25. November 1886 erstmals Quellwasser in die Häuser eingeführt.— Der Gesamt-Wasserzulauf betrug damals rund 500 cbm in 24 Stunden.— Im Jahre 1887 fand eine wesentliche, den Bedürf- nissen einer allgemeinen Hauswasserversorgung mehr Rechnung tragenden Aus- dehnung des Straßenrohrnetzes statt. Im Jahre 1889 wurde bei Großen-Buseck ein zweiter begehbarer 150 m langer Sammelstollen eingebaut, wodurch sich der tägliche Gesamt- Quellenerguß auf 600, günstigen Falls 700 cbm vermehrte und im Jahre 1890 fand eine abermalige Vergrößerung des Hochbehälters am Lutherberg auf 1000 cbm Fassungsraum statt, wodurch die Aufspeicherung überschüssigen Zu- laufs einzelner Tage ermöglicht wurde. Städtische Einrichtungen. 209 Bei alledem war die anfänglich nur für ein beschränktes Bedürfnis angelegte Quellwasserleitung mit dem raschen Aufblühen der Stadt und ihrer wachsen den Einwohnerzahl immer unzureichender geworden. Eine angemessenere Er- weiterung des Wasserwerks wurde deshalb seitens der städtischen Verwaltung schon seit Jahren in Betracht gezogen.— Ein inzwischen auf einem Quellen gebiet bei Alten-Buseck ausgeführter Versuchsstollen ergab nach zweijährigen Beobachtung seines Quellenergusses den Verzicht auf dessen Nutzbarmachung Auf energisches Betreiben der städtischen Behörde und insbesondere des Oberbürgermeisters Gnauth hin wurde danach die Frage der Wasserwerkserweite rung einer erneuten, systematischen und auf das Bedürfnis von Jahrzehnten berechneten Bearbeitung unterworfen und dazu ÖOberingenieur P. Schmick in Frankfurt a. M. herangezogen, der vor längeren Jahren schon einmal mit deı Aufgabe einer allgemeinen Wasserversorgung Gießens sich beschäftigt hatte.— Nachdem derselbe in erschöpfender Weise die Ausführung einer reichlichen Wasserversorgung der Stadt in ausführlichem Gutachten behandelt hatte, wurde unterm 5. Oktober 1893 durch die Stadtverordneten-Versammlung die Erweite rung der Quellvasserversorgung aus dem Queckborner Quellengebiet nach Projekt und Voranschlag P. Schmicks genehmigt. Das betreffende, von der Gemeinde Queckborn erworbene Quellengebiet liegt westlich von Queckborn, 19400 m von Gießen, 4000 m von Grünberg entfernt. Seit undenklichen Zeiten sind hier mehrere mächtige, frei auslaufende Quellen zutage getreten, gespeist aus den nordwestlichen und nordöstlichen Gebirgszügen, aus großen Mulden porösen Basalts, den natürlichen mmel- behältern der atmosphärischen Niederschläge.— Die in dem heißen Sommer 1893 vorgenommenen Messungen ergaben einen täglichen Gesamterguß von über 5000 cbm vorzüglichsten Quellwassers, wovon vorläufig 3000 cbm gefaßt wurden.— Alsbald nach stattgehabtem Ankauf der Quellen begann man am 11. Dez. 1893 mit den Quellfassungsarbeiten und wurde die Gesamtanlage, nach am 1. Dez. 1394 stattgehabter geschäftlicher Inbetriebnahme, durch eine am 7. gleichen Monats veranstaltete schöne Einweihungsfeier dem Betrieb übergeben. Diese Quellfassungsanlage besteht aus einem runden, unten 3,5 m weiten, 8 m tiefen in Zementmauerwerk ausgeführttem Sammelbrunnen, welcher auf wasserführendem Fels ruht, eine offene Sohle hat und mit seit lichen Zuflußöffnungen versehen ist; er ist mit einem Kiesmantel umgeben, mit einer gußeisernen Haube abgedeckt und birgt das Saugrohr für das Pump- werk. Aus einer angebauten Kammer läuft das Wasser bei zeitweiligem Stillstande der Pumpe in den Abzugsgraben. In dem Maschinen- und Kesselhaus stehen die beiden Dampfkessel von je 45 qm Heizfläche, dabei befinden sich eine Werkstätte und eine telepho nische Verbindung mit der Verwaltung in Gießen; in dem abgetrennten Ma- schinenraum sind die beiden je 25pferdigen Compound-Ventil Dampfmaschinen, mit Kondensation, mit zwei doppeltwirkenden Pump maschinen direkt verbunden, aufgestellt.(Ueber die neuerdings stattgehabte Er- weiterung s. unten.) Die Leistung eines Pumpenpaares beträgt etwa 2000 cbm an einem Tage bei einer Gesamt-Förderhöhe von 76 m. Die Dampfpumpen saugen das Wasseı mittels 300 mm weiter Leitung aus dem Sammelbrunnen an und drücken es durch eine 1750 m lange und 275 mm weite Rohrleitung bei einer manometrischen Förderhöhe von 69 m in die oben im Queckborner Wald stehende erste Auslaufkammer, von wo aus es nach dem Durchfließen zwei weiterer Uebeı mm I. D. dem Hochbehälter läufe in 12900 m langer Leitung von bei Annerod zugeführt wird. Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 14 210 Städtische Einrichtungen. Da mit dem älteren auf dem Lutherberg stehenden Behälter die höchsten Versorgungsgebiete unserer Stadt nicht erreicht werden können, mußte, um eine höhere Druckwirkung zu erreichen, dieser neue Hochbehälter an der Staatsstraße nach Grünberg in ungefährer Höhenlage von Annerod eingebaut werden. Mit dieser Einrichtung war die erwünschte Zweiteilung des Stadt- rohrnetzes in ein Hoch- und ein Niederdruck-Gebiet erst ermöglicht. Das erstere Gebiet wird nunmehr aus dem bei Annerod stehenden„Hoch- druckbehälter‘ und das letztere aus dem auf dem Lutherberg stehenden „Nieder druckbehälter‘‘ versorgt. Die Sohle des Hochdruckbehälters liegt 60 m(= rund 6 Atmosphären) und die Sohle des Niederdruckbehälters 26 m (= rund 21/, Atmosphären) über dem Marktplatz der Stadt.— Für Feuerlöschzwecke können durch entsprechende Schieberstellungen ‚Teile des Niederdruckgebietes sofort unter Hochdruck gestellt werden. Der Fassungsraum des Hochdruck- behälters beträet 3000 cbm und bssteht aus Gründen des Betriebes aus zwei trennbaren Teilen. Beide Behälter zeigen mittels elektrischem Wasserstands- zeiger der Verwaltungsstelle den jederzeitigen Wasservorrat an. Die Ausgangs- leitung vom Hochbehälter bis zum Anschluß an das Stadtrohrnetz ist 3820 m lang und hat einen lichten Durchmesser von 275 mm. Zur Abgabe von Wasser aus dem Hochdruckbehälter für dies Niederdruck- gebiet dient eine 4000 m lınge, 225 ınm weite Verbindungsleitung zwischen beiden Behältern. Das Verteilungsnetz ist im Innern der Stadt nach dem Zirkulations-, in den äußeren Teilen meist nach dem Verästelungssystem ausgeführt ih lichten Durchmessern von 300 bis 40 mm. Mit dem städtischen Wasserrohrnetze standen am 1. April 1905 in Verbindung: 1825 Hauswasseranschlüsse, einschließlich der Gartenanschlüsse, 1892 Wassermesser, 31 öffentliche Ventilbrunnen, 2 Wasserbecken und 1 öffentliche Zapfstelle auf dem alten Friedhof, 249 Straßenhydranten, 38 Hydranten auf Privatgebiet(ausschl. der Feuerhähne im Innern der Häuser), 297 Absperr- und Ablaßschieber, 49 Gartenhydranten, 1 Volksbad, 6 Luftventile, 1 Teich in der Ostanlage mit Springstrahlvorrichtung, 1 Grotte am Schiffenberger Weg, 3 Wasserstrahlen am Kriegerdenkmal, 1 Pumpstation für den Stadtringgraben in der West-Anlage, 1 Prüfungsstation für Wassermesser(im Gaswerk), 1 Berieselungsanlage für die Eisbahn in der Moltkestraße, 6 Wasserstrahlapparate(zum Auspumpen der Keller), l Wassermotor von 1/5 PS! Außerdem stehen zurzeit etwa 1100 Spülaborte und etwa 410 Badewannen, sowie verschiedene Brausebad-Einrichtungen und das Volksbad mit der städti- schen Wasserleitung in Verbindung. Ferner wird das Dorf Queckborn auf Grund bestehenden Vertrags mittels besonderem Orts-Hochbehälter und Straßenrohrnetz aus der dortigen städtischen Anlage mit Wasser versorgt und befinden sich daselbst zurzeit rund 120 Hausanschlüsse, 3 Ventilbrunnen, 12 Straßenhydranten usw. Der jährliche Wasserzulauf und Verbrauch aus der städtischen Wasser- versorgungsanlage, welcher im Jahre 1887 189954 cbm betrug, ist inzwischen alljährlich beträchtlich gestiegen bis 1014138 cbm im Jahr 1904. Städtische Einrichtungen. DE Der W Straßensprengen, Feuerlöschzwecke, wird mach, auf Versuchen beruhenden serverbrauch für öffentliche Zwecke(Ventilbrunnen, Springbrunnen, Messungen, der Wasserverbrauch für alle Privatabnehmer nach Wassermesser- angabe berechnet. Der Wasserpreis beträgt von 0—500 cbm Jahres-Verbrauch 25 Pig. für 1 cbm, von 500-1000 cbm 22 Pfg. für 1 cbm und bei größerem Verbrauche finden weitere Preisabstufungen Anwendung; dabei bestehen jährliche Mindestbeträge je nach Größe der Wohnungen und Zahl der Familien. Hinsichtlich Ausübung des Wasser-Einrichtungs-Geschäfts durch das Wa werk gelten in sinnverwandter Weise die in der Beschreibung des Gaswerks SSEL- bezeichneten Bestimmungen für Gaseinrichtungen. Die neuesten Ausführungen im Wasserwerk bestehen in folgenden Im Sommer 1904 erfolgte die Aufstellung einer liegenden Compound-Ventil- Pumpmaschine von 35 PS. mit Differentialkolben und Kondensation von einer Leistung von 2 cbm in der Minute bei einer Gesamt-Förderhöhe von 76 m. Für die Fassung neuer Quellen in Queckborn sind drei Sammel- brunnen in Aussicht genommen, wovon gegenwärtig(Sommer 1905) der größte mit 4,0 m I. Durchmesser sich in Ausführung befindet. An der älteren Stollenanlage bei Großen-Buseck wurde eine Verlänge- rung des Seitenstollens um 8 m vorgenommen, wodurch der tägliche Wasser- zufluß um rund 300 cbm erhöht wurde. Infolge der Kanalisationsausführung wurden am Stadtrohrnetze größere Umgestaltungen und Erweiterungen vorgenommen, welche eine erwünschte Auf- besserung der Druckverhältnisse in den höher gelegenen Stadtteilen zur Folge hatten. Die Qualität des Quellwassers, welches alljährlich vom chemischen Unter- suchungsamt für die Provinz Oberhessen untersucht wird, wird durchgehends als„von großer Reinheit-im hygienischen Sinne und als sehr geeignet zur Speisung einer Öffentlichen Wasserleitung bezeichnet.“— ‚Auch für technische Zwecke ist dasselbe wegen seiner Reinheit und geringen Härte vortrefilich geeignet.‘ d) Städtisches Straßenreinigungs-, Entwässerungs- und Abfuhrwesen. Entwässerung. Die Stadtverwaltung, von jeher bestrebt den Bürgern auch in gesundheit- licher Beziehung das Beste zu bieten, sah sich nach Einführung der allgemeinen Wasserversorgung veranlaßt, auch die Einführung einer geregelten Entwässerung zu beschließen. Da die geplante Entwässerung selbstverständlich den höchsten Anforderungen genügen sollte, waren sehr eingehende Vorarbeiten und die Aufstellung verschiedenartiger Projekte nötig, bevor man zu einem endgültigen Beschluß kam; dieser wurde am 9. November 1899 gefaßt und zwar beschloß die Stadtverordnetenversammlung an genanntem Tage einstimmig auf Antrag der Baudeputation die Entwässerung der Stadt Gießen nach folgenden Grund- sätzen zur Ausführung zu bringen. 1. Entwässerung der Altstadt nach dem System der kombinierten Schwemm- kanalisation unter tunlichster Anstrebung der getrennten Ableitung der Regen- ässer auch aus diesem Gebiet. 2. Entwässerung der übrigen Stadtteile n: 3. Vereinigung der Schmutzwassersiele der äußeren Stadtteile mit dem Haupt- siel der Altstadt, zwecks gemeinsamer Reinigung und zeitweiser künstlicher Hebung des Sielinhaltes vor der Einleitung in die Lahn. 4. Mechanische Reinigung der Schmutzwässer vor ihrem Einlauf in die Lahn nach dem Muster der Marburger Anlage mit Riensch’schen Grob- und Fein- -h dem Trennsystem. 14* 20. Städtische Einrichtungen. rechen, sowie durch Sedimentierung in Klärbecken mit kontinuierlichem Betriebe und einer Strömungsgeschwindigkeit von etwa 5 mm in der Sekunde. 5. Obligatorischer Anschluß der Abtritte an die Schmutzwassersiele und Beseitigung der Gruben und Tonnen unter Gewährung einer angemessenen nicht zu knappen Frist. Bei der Bearbeitung des Bauprojektess wurde Punkt 4 des Beschlusses vom 9. November 1899 noch dahin geändert, daß die Klärung der Abwässer nur in besonders konstruierten Sedimentierbecken, also ohne Vorschaltung jeglicher Rechen erfolgt Um das geplante Werk in allen seinen Teilen vollkommen herstellen zu können, war es nötig auch die Hausentwässerungen bezw. die innere Entwässe- rungseinrichtung der Häuser nach einheitlichem Muster und unter behördlicher Aufsicht ausführen zu lassen. Es wurde daher für diesen Teil eine Lokal- Polizei-Verordnung aufgestellt, die am 1. August 1904 in Kraft trat. Die Bezahlung der Kanalbeiträge erfolgt gemäß einem Ortsstatut. Mit der Bauausführung der Neukanalisation wurde im Herbst 1902 begonnen und war die Gesamtanlage im Herbst 1906 betriebsfertig hergestellt, sodaß die Stadt Gießen nun in bezug auf ihre gesundheitlichen Einrichtungen in deı ersten Reihe deutscher Städte steht. Straßenreinigung, Müllabfuhr usw. Die Reinigung der Straßen, sowie die Müllabfuhr erfolgt städtischerseits. Die Stadt ist in Bezirke eingeteilt, und jedem Bezirk ist ein Straßenwart, sowie eine Kehrkolonne, bestehend aus einem Vorarbeiter und 9 Kehrer, zu- geteilt. Die Straßenreinigung, sowie die Müllabfuhr wird einen über den anderen Tag vorgenommen. Das Besprengen der Fahrbahnen besorgt ebenfalls die Stadt, das Begießen der Boskette während der Sommermonate ist dagegen Sache der Privaten; desgleichen das Beseitigen von Schnee und Eis auf den Bürgersteigen, sowie das Bestreuen bei Glatteis.(Diese Verpflichtungen sind durch besondere Lokal- Polizeiverordnung geregelt.) Ein besonderer Beitrag zu den Kosten der seitens der Stadt vorgenommenen Verrichtungen wird von den Privaten nicht erhoben. Diese Kosten finden in dem allgemeinen Steuerausschlag Berücksichtigung. Außer den für obengenannte Verrichtungen nötigen Arbeitern finden bei der Stadt noch eine Reihe Tagelöhner Beschäftigung, welche mit dem Reinigen der Kanäle, der Wasserläufe, der Öffentlichen Bedürfnisanstalten, mit der Unter- haltung der öffentlichen Anlagen, der Wiesen und Feldwege, der Friedhöfe und anderem mehr betraut sind. Auch sind einige Handwerker, wie Pflasterer, Stein- hauer, Zimmerleute, bei der Stadt für die verschiedenen Zwecke in ständiger Beschäftigung. Die Zahl sämtlicher bei der Stadt beschäftigten Arbeiter be Durchschnitt auf 100 Mann iuft sich im e) Städtischer Schlachthof. Von Direktor Tierarzt Modde. Ueberschreitet man auf dem Wege nach Heuchelheim die Lahnbrücke, so fällt sofort auf dem jenseitigen Ufer links ein Gebäudeblock auf, dessen Aeußeres schon durch die Gleichartigkeit in der Bauweise das Zusammengehören dieser ziegel- gedeckten Backsteinhäuser erkennen läßt. Es ist der Schlachthof, in dem alles in Gießen zum Verzehr gebrachte Fleisch einer fortwährenden fachmännischen Aufsicht unterliegt. Neben dem hier geschlachteten aber wird auch alles von aus- wärts eingeführte Fleisch der Nachschau unterzogen, eine Maßregel, welche von Städtische Einrichtungen. 213 der Stadt sowohl zum gesundheitlichen Schutz ihrer Einwohner getroffen ist, als auch um einem Ueberschwemmen des hiesigen Fleischmarktes mit fremdem Fleisch vorzubeugen. Während in Süddeutschland einige große Städte, gewitzigt durch plötzlichen Ausbruch von Trichinen-Epidemien mit ihren so beklagenswerten Folgen, jetzt erst sich anschicken, eine allgemeine Trichinenschau neben der Fleisch- beschau einzurichten, ging Gießen hierin Süddeutschland voran. Denn als eine der ersten traf bereits im Jahre 1889 die Stadt aus Besorgnis für ihre Bürger diese Einrichtung, die erst zum freiwilligen Gebrauch, dann aber zur zwangsweisen Einführung kam. So regelt diese Stätte die Vorschriften des Nahrungsmittelgesetzes auf dem Gebiete des Fleischverkehrs. Erfreulicherweise ist das zur Schlachtung kommende Vieh von vorzüglicher Güte. Liefert doch gerade die Umgebung das wetterfeste, noch nicht verweichlichte Rind vom Vogelsberg. bei dem im auffälligen Gegensatz zu vielen anderen Gegenden Deutschlands die schleichende verheerende Tuberkulose noch ein seltener Fund ist. Das Schweinefleisch aber, das Volksnahrungsmittel, bringen in ebenfalls nur guter Beschaffenheit die Dörfer ringsum, sodaß sich tädten gegenüber günstigen Verhältnissen befindet. Der Güte des Fleisches entsprechend ist der n besonders Gießen in der Fleischversorgung seinen Schwester Bedarf hieran auch ein verhältnismäßig hoher. Beträgt er doch auf den Kopf der Bevölkerung ungefähr 60 kg im Jahr. Wie der zunehmende Fleischverbrauch mit denı schnellen Anwachsen der Bevölkerungsziffer Schritt hält, befindet sich auch die Zahl der Schlachtungen in einem dauernden Steigen, sodaß der jetzige Schlacht- hof mit seinen nun alten Einrichtungen damaliger Zeit schon lange nicht mehr ausreicht. Dies hat die Beachtung der Stadtverwaltung wohl gefunden, und neben den für die Stadt nötigeren Bauten wurden seit langem die verschiedensten Pläne und Vorschläge erwogen, die im Beschluß einer Erweiterung der jetzigen Anlage gipfelten. In kurzer Zeit werden wir auf dem durch Ankauf vergrößerten Flächen- raum von etwa 33000 qm einen Schlachthof erstehen sehen, der dann durch Anlage eines stattlichen Kühlhauses, geräumiger Schlachthallen und Stallungen, sowie durch seine innere Einrichtung den neuzeitlichen Anforderungen in jeder Beziehung entspricht. f) Das Feuerlöschwesen. Von Branddirektor, Baumeister Traber. Die Feuerwehr der Stadt Gießen ist auf Grund eines Ortsstatuts ler Ortsfeuerlöschordnung— geregelt und wird aus der zurzeit 185 Mann starken „Freiwilligen städtischen Feuerwehr‘ und einer 120 Mann starken städtischen Pflichtfeuerwehr— letztere als Hülfsmannschaften— gebildet. Auberdem steht gemäß der Ortsfeuerlöschordnung im Falle eines Brandes noch eine Privatfeuerwehr.— die 100 Mann starke„Freiwillige Gail’sche Feuerwehr‘ zur Disposition. Die gesamte Feuerwehr wird von einem städtischen Branddirektor rücksichtlich ihrer Ausbildung überwacht und im Falle eines Brandes befehligt, außerdem hat derselbe die Funktionen eines Feuerwehrinspektors für die Stadt Gießen auszuüben. Das Depot der ‚,Frei- willigen städtischen Feuerwehr‘ befindet sich im Turmhause am Brand und das Depot der„‚Freiwilligen Gail’schen Feuerwehr“ in der Sandgasse zunächst der Neustadt. Die ‚Freiwillige städtische Feuerwehr‘ ist— wie bei Berufswehren— in Löschzüge und zwar zurzeit in zwei Löschzüge eingeteilt. Ein jeder Löschzug wird von einem Brandmeister, beide Löschzüge zusammen von einem Brand- inspektor kommandiert. Die städtische Pflichtfeuerwehr wird nach Bedarf und Notwendigkeit den einzelnen Löschzügen zugeteilt. Als Geräte besitzt die „Freiwil städtische Feuerwehr‘‘ 1 große mechanische Drehleiter(24 m hoch), 4 ER [2 er; ae 214 Städtische Einrichtungen. 1 mechanische Leiter(16 m hoch), 2 Rettungswagen mit den nötigen Rettungs- geräten, 2 Schlauchwagen(2 weitere Schlauchwagen sollen in der Kürze noch beschafft werden), 3 Spritzen und 1 Zubringer. Die„Freiwillige Gail’'sche Feuerwehr‘ besitzt an Geräten 1 Rettungswagen, 1 Schlauchwagen, 1 Spritze und mechanische Leiter. In die städtische Wasserleitung sind für die Benutzung bei Uebungen und Bränden 270 Stück Hydranten eingeschaltet, außerdem stehen noch ca. 36 Stück Privat-Hydranten zur Verfügung. Die Alarmierung bei Bränden geschieht zurzeit noch durch den Stadt- türmer, welcher wie folgt die Stadtteile kennzeichnet: bei 1 Glockenschlage ist das Feuer im I. Bezirk(Stadtinneres), „ 2 Glockenschlägen„»»„ 2 een(Nordbezirk), „3„ von De(Ostbezick), „4” no„u IV. u{sudbezirk) und 2)„ Mn„ BEN n(Westbezirk), außerdem alarmieren noch die Trommler und Hornisten der beiden freiwilligen Feuerwehren. Am Tage hängt der Türmer in der Richtung des Feuers eine rote Fahne und bei Nacht eine rote Laterne am Türmer-Umgang heraus. Die Stadtverwaltung beabsichtigt?— nach Beendigung der umfangreichen Kanali- sationsarbeiten in der Stadt— eine elektrische Alarmierung der Feuerwehr mit öffentlichen Alarmapparaten einzurichten, damit das jetzige Alarmierungs- system beseitigt wird. Zur Sicherung der Stadt an den Sonntagen vom April bis Oktober wird seitens der Stadt aus den Mannschaften der ‚Freiwilligen städtischen Feuer- wehr‘ eine Brandwache mit 6 Mann und 1 Führer je von nachm‘ 3 Uhr bis abends 9 Uhr im Turmhause am Brand besetzt. Ferner bezieht ein Kommando aus 7 Mann und 1 Führer die Theaterwachen, und kleinere Kom- mandos die Sicherheitswachen bei Veranstaltung von verschiedenen Privat- Festlichkeiten. Zum Schluß sei noch erwähnt, daß seit einer langen Reihe von Jahren große, ausgedehnte und gefährliche Brände im Stadtgebiete nicht aufkamen; daß die Organisation der Feuerwehr bis jetzt nie versagt hat, und daß durch das immer rasche Erscheinen der Feuerwehr entstandene Brände schnell un- schädlich gemacht wurden. Sem: Fe oebr-=er rn] Die Universitäts-Kliniken u. medizinischen Institute. Von Dr. Friedr. Best, a. o. Professor für Augenheilkunde, Dem südlichen Stadtteile von Gießen geben die Universitätskliniken sein eigenes Gepräge; wenn erst die im Bau begriffenen und später noch zu erbauenden neuen Institute eröffnet sein werden, wird dies immer mehr zutage treten. Bis zum Jahre 1890 war die Universität in bezug auf Krankenpflege gegen- über der großen Mehrzahl der deutschen Universitäten zurückgeblieben. Ein als Kaserne 1807 errichtetes Gebäude, die jetzige ‚alte Klinik‘ in der Liebig- straße beherbergte mit einer Ausnahme alle Kranken; daneben bestand nur die Frauenklinik am botanischen Garten. Außer als Krankenhaus hatte die alte Klinik dazu noch andere Funktionen; in ihren Nebenräumen war das hygienische und das physikalisch-chemische Institut untergebracht, ja in alten Zeiten außerdem noch die Bibliothek und die zurzeit im Universitätsgebäude be- findliche Sammlung von Gipsabgüssen und Antiken. Medizinische Klinik Wir dürfen bei unserer heutigen Beurteilung der alten Zustände indessen nicht vergessen, daß die Mehrzahl unserer Universitätskrankenhäuser sich aus ähnlichen kleinen und engen Verhältnissen heraus entwickelt hat. Nicht jeder Stadt stand, wie z. B. Würzburg, das seinerzeit berühmte Juliusspital zur Ver- fügung, jetzt fast ein Hindernis freierer und größerer Entwickelung. Nur vollzog sich die Entstehung moderner Universitäts-Krankenhäuser anderswo rascher als in Gießen. Dafür wird Gießen aber auch binnen kurzem im Besitze 216 Die Universitäts-Kliniken und medizinischen Institute. eines Klinikenviertels sein, das es den besten Universitäten ebenbürtig hinstelt. Bei den raschen Fortschritten der Technik, der Hygiene, des Krankenhaus- baues wird jeder Neubau vom folgenden in einzelnen Dingen übertroffen, und es ist keine kleine Mühe, bei dem steten Wechsel und den wachsenden An- sprüchen auf der Höhe zu bleiben; zumal für den kleinen hessischen. Staat ist die Aufgabe der Unterhaltung der kostspieligen medizinischen(und natır wissenschaftlichen) Institute nicht leicht. Umsomehr ist anzuerkennen, was er darin geleistet hat. Frauenklinik Wie sehr sich grade innerhalb der letzten 30 Jahre die Verhältnisse in den Krankenhäusern unter dem Einfluß des Fortschrittes der Wissenschaft geändert haben, dafür spricht die zunehmende Zahl der Insassen. Nach einer Angabe des statistischen Amtes wuchs die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland von 1877 bis 1900 von 2357 auf 3716; die Zahl der darin verpflegten von 487 115 auf 1397797. Also Zunahme der Patienten fast auf das Dreifache bei einer Bevölkerungszunahme von 43,5 auf 56 Millionen. Eine ähnliche Steigerung zei sich auch in Gießen. So wurden 1880 in der Poliklinik für Augenkranke 1575 Patienten behandelt, 1906 waren es 4366. g Um dem Laien einen Begriff zu geben, in welcher Weise sich der„Betrieb‘ in den Kliniken reguliert, müssen wir davon ausgehen, daß sie in erster Linie Lehranstalten sind, in zweiter Linie der wissenschaftlichen Forschung dienen. Dadurch begründen sich manche Unterschiede gegenüber reinen Krankenhäusern, die nur den Zweck verfolgen, der ihnen den Namen gibt. An den Patienten der Kliniken sollen die älteren Studenten der Medizin lernen, eine Krankheit richtig zu erkennen; unter Aufsicht ihres Lehrers übernehmen Studenten die Behandlung und“ führen ihnen überwiesene kleinere Operationen aus. Der Lehrer übernimmt die hohe Verantwortung, daß bei der Doppelstellung der Kliniken zu Lehrzwecken und zum Wohle des Kranken das letztere unbedingt gewahrt bleibt. Daß dies erreicht wird, davon zeugt die hohe Frequenzzahl. Dafür, daß der Kranke zu Unterrichtszwecken dienen soll, hat er anderer- seits verschiedene Vorteile. Einmal die unentgeltliche ärztliche Behandlung. In den mit. den Kliniken verbundenen Polikliniken hat der Kranke gar nichts zu zahlen; hier werden die leichteren Fälle eventuell täglich zur Sprechstunde— meistens vormittags von Ysll—1 Uhr— bestellt, hier werden andererseits die schwereren Fälle ausgesucht, die klinischer Behandlung, d. h. der Aufnahme ins Krankenhaus bedürfen. Für die Verpflegung wird den Patienten für den Tag ein mäßiger Satz berechnet, durch den die Selbstkosten des Staates aller- Die Universitäts-Kliniken und medizinischen Institute 97, dings nicht entfernt gedeckt werden; in der chirurgischen Klinik zurzeit 1,25 Mk., in der Augenklinik 1 Mk(Kinder 0,70 Mk.), in den neuen Kliniken 1 Mk.; die Behandlung für den Arzt ist auch hier frei. Diese Bedingungen gelten natürlich nur für Unbemittelte, nicht für Privatkranke. Ein großer Vorzug derKliniksbehandlung be- steht in der Garantie, daß diese sachgemäß ist und dem derzeitigen Stand des wissenschaftlich mög- lichen ärztlichen Könnens entspricht, soweit sich überhaupt der persönliche Faktor dabei ausschließen läßt. Das wird haupt- sächlich durch die weit- gehende Spezialisierung und den engen Verkehr mit den rein wissenschaft- lichen Instituten(patho- logisches u. hygienisches Institut) ermöglicht. Die Dienste, welche diese Verwaltung und Apotheke der Neuen Kliniken theoretischen Fächer zum Wohle des Kranken leisten können, sind nicht hoch genug anzuschlagen. Wenn zum Beispiel der Chirurg eine Geschwulst ent fernen will, so liefert ihm das pathologische Institut an einem probeweise aus- geschnittenen Stückchen die Diagnose, ob bösartig oder nicht, wonach sich der Operationsplan, die mehr oder weniger radikale Entfernung der Ge schwulst richtet. Wenn der innere Mediziner einen Kranken verliert, so zeigt ihm die Sektion im pathologischen Institut, inwieweit er mit seiner durch Untersuchung des Lebenden vorher gewonnenen Krankheitseinsicht das richtige getroffen hat. Im hygienischen Institut wird bei verdächtigen Krankheitsfällen von Typhus, Cholera und anderen Infektionskrankheiten durch Züchtung der Krankheitskeime auf künstlichen Nährböden oder im Tierleibe die sichere Diagnose gestellt. Die Wichtigkeit dieser medizinischen Hulfswissenschaften ist bekanntlich auch von größeren Städten beim Bau von Krankenhäusern ein- gesehen; Prosektor und pathologisch anatomisches Institut fehlt bei den großen Krankenhäusern schon seit langem nicht mehr, und einige größere Städte über- treffen sogar darin die Universität. Ein Institut für Serumforschung ist z. B. mit dem neuen Düsseldorfer städtischen Krankenhaus verbunden, besteht dagegen ın den meisten Universitäten nicht. Was die Einteilung der Kliniken selbst nach Spezialfächern angeht, so ist “ Fr Fer darin seit alter Zeit überkommen die in chirurgische— medizinische und Frauen- Pe B krankheiten Erst in der Mitte und gegen Ende des vorigen Jahrhunderts trennten sich zuerst die Augenheilkunde, weiter Ohren- und Nasen-, Kehlkopf- und Hals-, Haut- und Geschlechtskrankheiten, sowie die Kinderheilkunde als »ht von diesen nur für die Augen ınerkannte Zweigfächer In Gießen best kranken eine eigene Klinik, für Ohrenkranke, die in der chirurgischen Klinik in beschränkter Zahl aufgenommen werden, bisher noch keine, doch ist sie projektiert. Von jeher stand daneben abseits die Psychiatrie, für die wohl in Gießen, aber noch nicht an allen Universitäten Deutschlands eine eigene Klinik Il errichtet ist. Wenn wir uns nun mit den einzelnen medizinischen Instituten in Gießen bekannt machen wollen, so. fallen wohl das anatomische(Balınhofstr. 84), wie 218 Die Universitäts-Kliniken und medizinischen Institute, physiologische(Senckenbergstr. 15), in denen die jungen Mediziner den nor- malen Bau der Körperteile und ihre Funktion kennen lernen, sowie das pharmakologische Institut(Lonystr. 2) als nicht von allgemeinem Interesse und weniger mit den Kliniken in Zusammenhang stehend fort. Chirurgische und Augenklinik sind vorläufig noch in der„alten Klinik“, Liebigstr. 16, untergebracht; sie stehen unter gemeinsamer Verwaltung. Die chirurgische Klinik(Direktor Professor Dr. Poppert seit 1900 als Nachfolger von Geh. Med.-Rat Prof. Bose) nimmt die Hälfte des zweiten Stockwerks und den dritten Stock ein. In einem Anbau nach hinten befindet sich die chirurgische Poliklinik und der Operationssaal. Die andere Hälfte des zweiten Stockes und der erste sind das Gebiet der Augenklinik(Direktor Geheimer Med.-Rat Prof. Dr. Vossius seit 1890 als Nachfolger von Prof. v, Hippel, zurzeit Göttingen). In dem Anbau nach dem Hauptsteueramt hin ist historisch 2 u EEE 7 Ban RE Medizinische Klinik geweihte Stätte; hier wirkte Liebig von 1824—1852. Selbst demjenigen, der den wirklichen Wert des großen Chemikers nicht entfernt zu schätzen imstande ist, wird der Name durch die ‚Reklame der Liebigkompagnie und ihres Fleisch- extraktes kein leerer Schall sein. Es ist im Plane, seine alte Arbeitsstätte zu einem Liebigmuseum auszugestalten; einstweilen hat sich dort die Chemie des häuslichen täglichen Lebens eingerichtet, die Küche mit Nebenräumen. Nach der Frankfurter Straße zu liegt noch ein isoliertes Gebäude mit der Ohrenklinik (Direktor Professor Dr. Leutert, Nachfolger des 1901 verstorbenen Prof. Stein- brügge) und Verwalterwohnung. Die Ohrenklinik wird zunächst in den Räumen der alten Augenklinik untergebracht, bis ihr neues Heim 1910 fertig gestellt sein wird. Da die Verhältnisse in der alten Klinik für ein modernes Krankenhaus, das den Anspruch darauf machen sollte, vorbildlich zu sein, allmählich bei steigender Belegzahl unerträglich wurden— fehlende Zentralheizung, ganz un- genügende Bade- und Aborteinrichtungen, keine Tageräume, zu geringer Luft- raum für die Kranken, feuergefährliche Treppen, fehlende elektrische Beleuch- tung usw.— so wurde, besonders auf Betreiben von Professor Vossius, der Neubau in die Wege geleitet. Wenn wir uns zu den Neubauten von der Stadt aus begeben, so stoßen wir zuerst auf die neue Augenklinik, erbaut nach den Plänen von Professor Vossius durch Regierungsbaumeister Becker. Sie ist für 100 Betten ein- Die Universitäts-Kliniken und medizinischen Institute. 219 gerichtet, die größere, südlich gelegene, chirurgische Klinik, von demselben Baumeister nach den Plänen von Prof. Poppert erbaut, für 200 Betten. Zwischen den beiden Gebäuden liegt das Kesselhaus der chirurgischen Klinik, während die Augenklinik ihre eigene Zentralheizung und Küche im Gebäude selbst hat. Im Bau begriffen sind noch Isolierabteilung für Augenkranke und Pavillon für chirurgische Privatkranke.. Daß die innere Einrichtung beider Kliniken allen Anforderungen der Neuzeit entsprechen wird, ist selbstverständlich. Die Uebersiedelung in die neuen Gebäude wird voraussichtlich 1907, im Jubiläumsjahre der Universität, statthaben. Schon seit 1890 sind die innere und Frauenklinik an ihrer jetzigen Stelle; es ist das Verdienst des 1904 verstorbenen inneren Klinikers Geheimrat Riegel, diesen Platz mit weitschauendem Blick ausgesucht zu haben. Nicht zu weit von Stadt und Bahnhof entfernt, sind die Kranken hier doch fern vom Straßengetriebe, und nach Osten zu sind noch weite Gelände im Besitze der Stadt, sodaß für eine spätere Vergrößerung und eventuelle Neubauten in aus- reichender Weise gesorgt ist. Im Garten der inneren Klinik erinnert ein 1905 errichteter Denkstein an Riegels Wirken. Medizinische Klinik Wer sich über die genauere Einrichtung des Komplexes der medizinischen Klinik orientieren will, für den sei auf einen Aufsatz von Riegel im„Klinischen Jahrbuch‘‘ Bd. V verwiesen. Unsere Aufgabe kann es nur sein, hier den Lageplan der einzelnen Gebäude zu skizzieren. Auf der linken(nördlichen) Seite der Klinikstraße, neben der neuen chirurgischen Klinik, steht die Direktor- wohnung(Prof. Dr. Voit), gegenüber das Hauptgebäude der medizinischen Klinik; der kleine neuerbaute Pavillon daneben soll zu medicomechanischer Therapie verwandt werden. Tiefer im Garten rückwärts liegt eine Isolier- baracke für infektiöse Krankheiten, sowie Schuppen für Tierställe, Garten- geräte usw. Im Erdgeschoß der medizinischen Klinik befindet sich zurzeit noch die Hautklinik. Sie wird aber, bis die neue Hautklinik 1910 fertig wird, die Räume der alten chirurgischen Klinik beziehen(Direktor Prof. Jesionek). Die Frauenklinik(Direktor Geheimrat Prof. Dr. Pfannenstiel, als Nachfolgeı des 1901 verstorbenen Geheimrat Prof. Löhlein) liegt mit der Front nach der Klinikstraße am nächsten der Frankfurterstraße. Sie wird demnächst ebenfalls eine Vergrößerung durch Anbau erfahren. Die Frauenklinik hat zurzeit 48 gynäko- logische Betten, 24 für Wöchnerinnen, 50 für Frauen, die ihrer Niederkunft entgegensehen, und endlich Platz für 25 Hebammenschülerinnen. Neben der Klinik liegt die Wohnung des Direktors. Innere und Frauenklinik haben eine gemeinsame Zentrale mit gemeinsamer Küche, Heizung, eigener Wasserleitung und eigener Erzeugung von elek- trischem Licht. Zwischen beiden liegt das gemeinsame Verwaltungsgebäude un die klinische Apotheke. 220 Die Universitäts-Kliniken und medizinischen Institute. 1, Ueber die Frequenz in den Kliniken gibt folgende Tabelle Aufstchluß: Im Jahre 1906 Poliklinisch Klinik Bettenzahl aufgenommene behandelte Kranke Kranke(1906) Chirurgische 156 2632 3763 Innere 160 1829 3906 Frauen- 122 862+ 500*) 1715**) \ Augen- 93; 1048 4366 Ohren-—= PT) ! Das pathologische Institut, geleitet von Geh. Med.-Rat Professor Dr. H Bostroem, liegt südlich von der Frauenklinik und läßt sich durch einen eigenen Einfahrtsweg von der Frankfurter Straße auch erreichen. Erwähnenswert ist die reiche Sammlung pathologischer Präparate. Es wurde zusammen mit der f Die Provinzial-Siechenhäuser medizinischen und Frauenklinik gebaut, während das noch weiter südlich gelegene hygienische Institut(Professor Kossel) erst 1896 durch den 1904 nach Berlin berufenen Geheimrat Gaffky eingeweiht wurde. Mit dem hygienischen Institut verbunden ist die Untersuchungsstelle für das Großherzogtum Hessen in einem früher zur Veterinärklinik gehörigen Hause; sie dient der Unter- suchung infektiösen Materials zwecks Verhütung und Unterdrückung von Seuchenausbreitung. Gegegenüber dem hygienischen Institut liegt die psychiatrische Klinik. Sie schon dem Laien auffallen wird, nach anderem Prinzip gebaut als gen Kliniken. Bei diesen ist offenbar möglichst alles zentralisiert in einem Hauptgebäude; die Zimmer liegen in der Regel alle auf der einen Seite von langen Korridoren, von denen der ganze Baustil bei Krankenhäusern den Namen trö daß für Isolierkranke und technisch notwendige Nebenräume eigene Baracken gt. Durchbrochen wird bei ihnen das Korridorsystem nur dadurch, oder Pavillons errichtet sind. Die psychiatrische Klinik ist dagegen möglichst dezentralisiertt und ist der Typus eines Krankenhauses im Pavillon- bezw. Barackenstil; sie ist 1896 durch den derzeitigen Direktor Professor Dr. Sommer eröffnet; über die Vorgeschichte des Baues und seine Ausführung berichtet ein« Schrift von Dr. Dannemann: Die psychiatrische Klinik zu Gießen. S. Karger Berlin 1899. Die Klinik hat 80 Betten, 1906 374 Kranke. *) Gynäkologische Kranke und Geburten. *) Nur gynäkologische Fälle **) Hierbei sind Kranke, die in früheren Jahren schon einmal behandelt wurden, nicht mit eingerechnet, sodaß die Zahl der im Jahre 1906 behandelten Patienten entsprechend größer ist Veterinärwesen. DD) im Platz, da ım breitet sind. Die Vielleicht sind noch einige Worte über die Insas Publikum zum Teil völlig falsche Vorstellungen darüber Klinik hat in erster Linie den Zweck, plötzlich auftretende Geistesstörungen und vor allem heilbare Kranke aufzunehmen, und zwar auch Nervenkranke als „freiwillige Pensionäre“. Die unheilbar Kranken werden tunlichst von der Klinik den Landesirrenanstalten überwiesen. Da Geisteskranke durchaus auch als körpeı lich Kranke zu betrachten sind, so ist die erste ärztliche Maßnahme, daß sie ins Bett gesteckt werden. Bettruhe ist der wichtigste Heilfaktor bei Geistes krankheit, und wer die freundlichen Krankensäle betritt, der hat durchaus den Eindruck eines gewöhnlichen Krankenhauses; nichts erinnert an die alten Narrenhäuser mit ihren hohen Mauern, vergitterten Fenstern, Tobhöfen usw. Isolierung unruhiger Kranker ist immer nur vorübergehend notwendig. Aller dings ist eine derart freiere Behandlung nur bei sehr zahlreichem und gut geschulten Wartepersonal möglich.— Mit der Irrenklinik verbunden ist übrigens auch eine Poliklinik für Nerven- und Geisteskranke Am Ende der blind aufhörenden Zugangsstraße zur psychiatrischen Klinik stehend, sehen wir nach links den Berg hinan noch die vor kurzem neuerbaute Zentralwaschanstalt für die gesamte Wäsche der Kliniken. Wir sind mit unserem Durchgang durch die Universitätskrankenhäuser jetzt zum Schlusse gekommen. Ueber manches, das wohl noch erwähnenswert wäre, B. die an den Kliniken tätigen Aerzte und Beamten, läßt sich am besten ıus den periodisch erscheinenden Verzeichnissen der Universität Auskunft holen Von Krankenhäusern, die nicht mit der Universität in Beziehung stehen, sind noch erwähnenswert die Balserstiftung in der Wilhelmstraße(Augenklinik), die in schmuckem Pavillonstil errichteten Provinzial-Siechenhäuser in der Nähe der neuen Kaserne, sowie die erst im Bau begriffene Provinzial-Irrenanstalt, in demselben Gelände, nur näher nach dem Schiffenberger Wald zu SE Veterinärwesen. Von Großh. Kreisveterinärarzt, Veterinärrat Chr. Schmidt, Dozent an der Universität(} 1906), ergänzt von Kreisveterinärarzt Knell-Gießen. Das Großherzogl. Hess. Veterinär-Institut an der Universität Gießen. Mit der Universität Gießen ist seit Beginn des vorigen Jahrhunderts ein Institut zur Ausbildung von Veterinärärzten verbunden. Ueber dic Geschichte dieses Instituts werden sehr interessante Angaben in der Geschichte der Tieı heilkunde von Prof. Dr. Fr. Eichbaum(weiland Professor der Veterinäranatomie zu Gießen) gegeben, deren detaillierte Besprechungen hier zu it führen würde. Es sei nur hervorgehoben, daß das Institut seit dem Jahre 1874 in den, zurzeit noch im Dienste der Veterinärmedizin stehenden Gebäuden auf dem Seltersberg (Frankfurter Straße 85) untergebracht war, daß aber in den letzten Jahren umfang reiche Neubauten ausgeführt wurden(Frankfurter Straße 95), die notwendig waren, um den Ansprüchen der, in den letzten Dezennien in ihrer Entwicklung rasch fortschreitenden Wissenschaft der Veterinärmedizin zu genügen. Die Veterinärmedizin hat durch diese großzügige Neuschaffung eine muster- gültige Pflegestätte bekommen, für deren Beschaffung der hessische Staat mit großen Mitteln eingetreten ist, ein Opfer, das mit Anerkennung und Dankbarkeit betrachtet zu werden verdient. Die Neubauten liegen gegenüber der psychiatrischen Klinik auf deı Westseite der Frankfurter Straße. Sie umfassen Das anatomische Institut(Prof. Dr. Marlin), das erste der Gebäude, das, mit der Frontseite nach der Frankfurter Straße geric htet, erreicht wird, wenn der Besucher, von der Stadt kommen I, diese Straße passiert. Es umfaßt außer den Laboratorien einen Obduktionsraum, Präpariersäle, Sammlungssäle und einen 2 Er a | 9) Veterinärwesen. mustergültig eingerichteten Hörsal. Ihm folgt an der Straßenfront das patho- logisch-anatomische Institut(Prof. Dr. Olt). Es besitzt ebenfalls schöne Arbeits- und Sammlungsräume, Hör: äle und einen vorzüglich eingerichteten Obduktionsraum. Der von der Straßenfront etwas zurückgestellte Mittelbau beherbergt die Hörsäle für klinische Vorlesungen sowie die hierzu gehörigen Samm- lungen(geburtshilfliche, diätetische, chirurgische Sammlung, Sammlung für Huf- krankheiten und Hufpflege). Ferner sind in diesem Gebäude zurzeit die Arbeits- räume der Poliklinik(Kreisveterinärarzt Knell) untergebracht. Der hinter den genannten Gebäuden gelegene Klinikhof wird nach der Stadt- seite zu begrenzt von der neu erbauten chirurgischen Klinik(Prof. Dr. Pfeiffer); dieselbe bietet in vorzüglich eingerichteten Stallungen Raum zur Einstellung von etwa 50 Pferden. Sie besitzt ferner Laboratorien, Sammlungen und einen modernen aseptischen Operationsraum.— Dieser Klinik. angegliedert ist eine Lehrschmiede, Alle genannten Gebäude werden durch eine gemeinsame Dampfheizung beheizt, deren Zentrale sich im Auditoriengebäude für klinische Vorlesungen befindet.} NK Das Gebäude, das früher der gesamten Veterinärmedizin(außer Anatomie) Unterkunft bot, dient zurzeit ausschließlich der Klinik für innere Krank- heiten(med. Veterinärklinik, Prof. Dr. Gmeiner), die dadurch viel Raum zur Ausdehnung gewonnen hat und nach sachgemäßer Innenausstattung ein schönes Heim besitzt. Insbesondere hat sie. auch Laboratorien für pharmaceutische Arbeiten. Für solche Tiere, die mit infektiösen Krankheiten behaftet sind, sind isolierte Stallungen vorhanden.— Auch für diese Klinik ist ein Neubau vorgesehen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Umgebung von Gießen weisen der Viehhaltung und Viehzucht eine wesentliche Bedeutung zu; ist doch die Um- gebung Gießens im weiteren Sinne das Stammland der Vogelsberger Rinderrasse. Dieser Umstand kommt den Studierenden der Veterinärmedizin sehr zu gute, indem sie auf zahlreichen Exkursionen Gelegenheit bekommen, die Verhältnisse zu studieren. Auf den in nächster Nähe von Gießen gelegenen, anerkannt mustergültigen Milchwirtschafts- und Molkereibetrieben bietet sich ihnen reichlich Gelegenheit, sich auch auf diesem volkswirtschaftlich und sanitätspolizeilich wichtigen Gebiete in entsprechender Weise zu orientieren. In dieser Beziehung sind hier insbesondere der Bichler’sche Landwirtschaftsbetrieb auf der Hardt, dann die Fürstlichen Guts- verwaltungen zu Lich und Collnhausen, sowie die Gutswirtschaften des Pächters Brickmann zu Birklar und des Gutsbesitzers Müller zu Neuhof zu nennen. Ein besonderes Interesse für Studierende der Veterinärmedizin sowie der Landwirtschaft bieten ferner verschiedene hervorragende Schweinezüchtereien. An erster Stelle ist hier auf die in ganz Europa berühmt gewordene Zucht des Oekonomierats Hoffmann zu Hofgüll hinzuweisen. Bei einem Besuche dieses Gutes empfiehlt es sich ferner, die daselbst etablierte Zucht des schweren belgi- schen Arbeitspferdes in Augenschein zu nehmen. Von weiteren bedeutenderen Schweinezüchtereien sind die des Pächters Weiß zu Hof Groß und des Pächters Bornemann zu Obbornhofen aufzuzählen. An letzterem Orte ist gleichzeitig auf eine in mustergültiger Weise und großartig angelegte Geflügelzucht- station vermittels künstlicher Brutapparate hinzuweisen. Ferner dürfte die unweit Hungen gelegene, von reizenden landschaftlichen Schönheiten umgebene Fohlenweide, Tiergarten, hier aufzuzählen sein. Diese wurde vor einigen Jahren von dem landwirtschaftlichen Provinzialverein errichtet und hat bereits einen bedeutenden Anziehungspunkt für Pferdeliebhaber und Naturfreunde entfaltet. Veterinärwesen. 223 Veterinär-Klinik Jenseits der Lahn und unweit des Schlachthofes befinden sich die umfang- reichen städtischen Viehmarktanlagen, die für mehr als 3000 Stück Großvieh hinreichenden Raum gewähren. Die hiesigen Viehmärkte zählen zu den be- suchtesten Zuchtviehmärkten Deutschlands und sind von großer volkswirtschaft- licher und veterinärpolizeilicher Bedeutung. Die Märkte werden in der Regel alle 14 Tage an zwei aufeinander folgenden Tagen abgehalten. Ein Besuch derselben gestattet, sich mit eingehenden Rassestudien zu befassen, da fast alle deutschen Viehschläge daselbst vertreten sind. Weiterhin aber haben sie für Veterinäre in veterinärpolizeilicher Hinsicht eine ganz besondere Bedeutung. Hufbeschlagschule: In Gießen befindet sich die, unter Leitung des Großh. Kreisveterinäramtes stehende Hufbeschlagschule für die Provinz Oberhessen. Die theoretische Unterweisung erfolgt in sechsmonatlichen Kursen durch den jeweiligen Kreisveterinärarzt, die praktische Ausbildung in der oben genannten Lehrschmiede des Veterinärinstituts durch einen Lehrschmied. Die bestandene Prüfung gibt die Berechtigung zur Ausübung des Hufbeschlags in Deutschland. Gießen ist für die Provinz Oberhessen der Ort für die Ausbildung deı Fleischbeschauer und Trichinenschauer. Dieselbe erfolgt auf dem Schlachthofe nach Maßgabe der diesbezüglichen gesetzlichen Bestimmungen durch den Direktor dieses Instituts, FTIR Aufnahme in’s Korps. Akademisches. Gestern saß ich still beim Wein Voller Mißvergnügen; War wohl mit dem falschen Bein Aus dem Bett gestiegen. Da erklangen vor dem Tor Jugendstimmen leise, Und in mein geschärftes Ohr Drang die Burschenweise: Gaudeamus igitur, luvenes dum sumus; Post iucundam iuventutem, Post molestam senectutem Nos habebit humus. Zog herein ein lust’ger Schwarm Sachsen und Westfalen, Mit Borussen Arm in Arm Schwaben und Vandalen. Junges Blut mit flaum’gen Bart, Burschen, schlank wie Kerzen; Auf der Wang die tiefe Quart, Auf der Stirne Terzen. DD D [6] Akademisches. I. Allgemeines. „s gibt kein schöner Leben als Studentenleben“ singt | der feucht-fröhliche Studio, und wahrlich mit vollem Recht. Die Wahrheit dieser Worte wird er erst dann ganz wür- digen, wenn er von der alten„Burschenherrlichkeit« Ab- schied nimmt und gesenkten Blickes in das Philisterland zurückkehrt. Bald, recht bald wird er an sich selbst erfahren, wie inhaltsschwer in jenem herrlichen Lied die Worte sind:„Nie kehrst du wieder, goldene Zeit, so frei und ungebunden.“ Mit demExamen, dem Ziel und zugleich dem@talıden letzten Semester, trägt er zugleich seine Jugendzeit zu Grabe; des Lebens Ernst mit seinen Kämpfen und Sorgen erfor- dert von nun an seine ganze Kraft. Dem aber, dem diese„goldene Zeit“ noch beschieden ist, rufen wir zu: Freue dich ihrer aus vollem Herzen, genieße sie, aber erweise dich der damit verbundenen Freiheit auch würdig! Jede Universitätsstadt hat ihre charakteristischen Eigen- tümlichkeiten und Vorzüge und manchem, der vor der Wahl steht, wo er seine Studienzeit verbringen soll, wird es schwer werden, sich zu entscheiden. Möchte diesen jungen Studenten bei der Wahl der Universität unser Wegweiser in die Hände geraten, der ihnen den Besuch unserer heiteren Musenstadt aufrichtig ans Herz legt. Langeweile, das Gespenst, das in manchen mittelalterlichen Städten den Fremden durch die öden Straßen geleitet, hat hier niemals eine Niststätte gefunden. Heiter wie die Natur ringsum, ist auch der Gießener und mehr noch die Gießenerin, sie war es gewiß von jeher! Der treue biedere Volksschlag der Hessen ist als gastfreundlich und treuherzig weit bekannt, der junge Studio findet hier herzliche Aufnahme Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 15 226 Akademisches. und lernt sich schnell wohl fühlen in der alten, schönen, herrlich gelegenen Stadt an der Lahn. Neben den vier traditionellen Fakultäten besitzt die Uni- versität noch eine veterinär-medizinische und ein landwirtschaft- liches Institut. Um sich über die in jedem Semester stattfinden- den Vorlesungen zu orientieren, wende man sich an das Uni- versitätssekretariat um Zusendung eines Vorlesungsverzeichnisses, darin sind auch die zur Immatrikulation nötigen Zeugnisse auf- gezählt. Zwecks Immatrikulation lenkt man seine ersten Schritte auf das Universitätssekretariat, wo man auf Grund der abzu- liefernden Zeugnisse einige Formulare zur Ausfüllung erhält. Von hier wird man auf die Quästur gewiesen zur Entrichtung der Immatrikulationsgebühren und der studentischen Beiträge. Alles weitere bez. der Legitimationskarte, des Immatrikulations- tages, des Kollegienbuchs, der Satzungen, Fechtordnung etc. erfährt man auf dem Sekretariat. Was die Immatrikulation und die studentischen Beiträge betrifft, so gelten darüber folgende Bestimmungen: Bestimmungen für die Studierenden. Anmeldung der Studierenden. 1. Studierende, die bereits hier immatrikuliert sind und ihre Studien hier fortsetzen wollen, haben sich in den am Kopfe des Vorlesungsverzeichnisses näher angegebenen Stunden bei dem Universitäts-Sekretär in der Universitätskanzlei(Bismarckstr. 22) anzumelden, um die Legitimationskarte umzutauschen und ihre Wohnung anzugeben. 2. Anmeldungen zur Immatrikulation sind ebenfalls bei dem Universitätssekretär anzubringen. Verspätete Anmeldungen werden nur dann angenommen, wenn’genügende Entschuldigung vorliegt. 3, Bei der Anmeldung zur Immatrikulation ist das Zeugnis über die für die Prüfung in dem gewählten Fach erforder- liche Vorbildung einzureichen. Nach dem Ermessen des Rek- tors können auch Studierende aufgenommen werden, welche sich durch andere Zeugnisse über Unbescholtenheit und Vor- bildung ausweisen; doch bleiben für die Zulassung zu einer Prüfung die Bestimmungen der einzelnen Prüfungsordnungen allein maßgebend. Wer schon eine Hochschule besucht hat, ist verpflichtet, das Abgangszeugnis derselben vorzulegen. Ist seit Ausstellung dieser Zeugnisse mehr als ein Jahr verflossen, so muß der Studierende ein Unbescholtenheitszeugnis von der Polizeibehörde des Ortes, an dem.er sich im letzten Jahre längere Zeit aufgehalten hat, beibringen. Minderjährige haben ein beglaubigtes Zeugnis ihrer Eltern oder Vormünder beizubringen, daß sie mit deren Einwilligung die hiesige Universität beziehen. Akademisches. DD Immatrikulations- und Honorargebühren. DieImmatrikulationsgebühr beträgt 20 Mark; für g diejenigen, welche vorher an einer anderen Universität studiert haben, 10 Mark; bereits früher Immatrikulierte haben sich in den am Kopfe des Vorlesungsverzeichnisses näher angegebenen Stunden die Legitimationskarte unter Wohnungsangabe erneuern zu lassen. Das Vorlesungshonorar beträgt für eine Stunde pro Woche und Semester 8 Mark; für jede weitere Stunde 3 Mark. Für solche Vorlesungen, mit welchen besondere Bemühungen oder Auslagen des Lehrers verbunden sind, ist der doppelte 3etrag der vorstehenden Norm nicht zu überschreiten. Für die Benutzung der Institute haben diese Normen keine Gültigkeit.— Wer eine Vorlesung bei demselben Dozenten zum zweiten Male hört, ist nur zur Zahlung des halben Honorars verbunden; für Uebungen und Kliniken aber wird stets der volle Betrag in Anrechnung gebracht. Honorar-Stundung: Gesuche um solche sind beim Semesteranfang an den engeren Senat zu richten und nebst einem vorschriftsmäßigen Vermögenszeugnis beim Quästor ein- zureichen. Gesuche um Erneuerung der Stundung sind vor Schluß des Semesters(15. März und 15. August) beim Quästor einzureichen. Zulassung von Frauen an der Universität Gießen. Betr. die Zulassung von Frauen an der Universität Gießen traten nachstehende Bestimmungen am 1. April 1900 in Kraft. Frauen können auf ein schriftliches Gesuch an den Rektor als Hospitantinnen aufgenommen werden. Neben der Angabe, welches Fach hauptsächlich gewählt ist, sind dem Gesuche beizulegen: ein Lebenslauf, die etwa schon auf Hochschulen empfangenen Studienausweise und die Quittung des Quästors. Die Aufnahmegebühr beträgt 10 Mark; für Frauen, die schon an einer Universität hospitiert oder studiert haben, 5 Mark. Ueber die Aufnahme entscheidet der Rektor, ebenso über die Zulänglichkeit der Vorbildungsausweise. Die Dozenten haben ihre schriftliche Einwilligung zur Zulassung zu ihren Vorlesungen oder Uebungen zu geben. Versagt der Rektor die Aufnahme, so kann die Entscheidung des Senats angerufen werden. Für bestimmte Vorlesungen kann der Rektor auf Antrag des Dozen- ten diesem die allgemeine Ermächtigung zur Zulassung von Frauen erteilen. Stipendien-Ordnung. Die Bewerber um Stipendien müssen ein Gesuch einreichen unter Beifügung des Maturitäts-Zeugnisses(in'beglaub. Abschrift) sowie eines Vermögenszeugnisses(Formulare sind‘auf der Univ.- Kanzlei zu haben). Gesuche sind für das Sommer-Sem. bis 1. April, für das Winter-Sem. bis 1. Okt. einzureichen. Ge- suche um Verlängerung der Stipendien sind bis zu denselben Terminen beim engeren Senat einzureichen. Es erfolgt die Ver- längerung nur für ein Semester. Stipendiaten, welche die Universität verlassen, gehen des Stipendiums verlustig. 153 & As) r# I Lee ee Re 228 Akademisches. Krankenkasse. Mitglied der Kasse ist jeder Studierende der Universität Gießen. Die Mitgliedschaft beginnt mit der innerhalb der Imma- trikulationsfrist zu leistenden Zahlung des Semesterbeitrages (3 Mark). Die Mitglieder werden in Krankheitsfällen in den Kliniken unentgeltlich in 1. Klasse verpflegt. Auszug aus dem Versicherungsvertrage und den Statuten betreffend eine Unfallversicherung für die Studierenden der Landes-Universität Gießen. Instruktion für die Studierenden. Alle Studierenden der Landes-Universität sind bei der Ge- sellschaft„Nordstern“ zu Berlin gegen Unfall versichert. Die Versicherung bezweckt in erster Linie eine Sicherstellung der Studierenden gegen die dauernden ‚Folgen eines Unfalls(22.18) Verlust einer Hand, eines Auges). je nach der Schwere des Unfalls werden dem Beschädigten Vergütungen ausgezahlt. Sie stellen sich im Höchstbetrage auf 15000 Mark, bei Verlust eines Auges beispielsweise auf 5000 Mark, bei Verlust des rechten Armes auf 9000 Mark. Führt der Unfall zum Tode des Verletzten, so werden den Hinterbliebenen 5000 Mark ausgezahlt. Außerdem gewährt die Versicherung noch(im Anschluß an die durch die akademische Kranken- kasse für 56 Tage gewährte Behandlung) vom 57. Tage nach dem Unfall bis zum 200. Tage eine tägliche Vergütung von 3 Mark, sofern der Beschädigte durch Zeugnis des zuständigen klinischen Professors nachweist, daß er noch nicht wieder arbeits- fähig ist. Die Vergütung für einen Unfall wird nur dann geleistet, wenn sich der Unfall im Bereiche der Universität bezw. der zu ihr gehörigen Institute oder bei einer von einem akademischen Lehrer geleiteten Exkursion ereignet hat. Eingeschlossen in die Versicherung sind ferner Unfälle beim Fechten oder Reiten, so- fern diese Uebungen unter Leitung eines akademischen Lehrers abgehalten werden. Keine Vergütung wird für Unfälle gewährt, die einem Versicherten in trunkenem Zustande zustoßen. Für diejenigen Studierenden, die in chemischen, physikali- schen etc. Instituten beschäftigt sind, ist hervorzuheben, daß unter die Versicherung fallen: Unfälle, die durch Explosion hervorgerufen werden, sowie Vergiftungen oder Körperbeschädi- gungen durch unfreiwillige Aufnahme von Chemikalien, giftig oder schädlich wirkenden Stoffen. Ferner kommt für Mediziner und Veterinärmedizener in Betracht, daß als Unfälle gelten auch Infektionen der Hände und Arme, wenn sie nachweislich durch Krankenuntersuchung und-Behandlung, oder durch Uebungen an der Leiche entstanden sind. In Betracht kommen außerdem Infektionen der Augen, sofern sie durch Anhusten des Patien- ten, oder durch Anspritzen von Eiter oder infektiösem Sekret während der Untersuchung oder Behandlung, oder bei Uebungen an der Leiche entstehen. Die Summe, welche die Universität für die Versicherten an die Versicherungsgesellschaft zu zahlen hat, ist nach dem Grade der mit dem Studium des Einzelnen verbundenen Gefahren verschieden hoch. Die Prämie ist deshalb für Mediziner, Vete- Akademisches. 229 rinärmediziner und alle, welche chemische Vorlesungen hören, eine höhere. Da ein Teil der Ersparnisse der Krankenkasse für die Bezahlung der Versicherungsprämien verwendet werden soll, so ist zunächst in Aussicht genommen, von den Studierenden der Medizin, Veterinärmedizin und von allen, welche chemische Vorlesungen hören, einen Beitrag von 75 Pfg. pro Kopf und Semester zu erheben. Die Prämien für alle übrigen Studieren- den werden aus den Ueberschüssen der Krankenkassen gedeckt werden(s.$ 3 des Statuts). Damit die Universität imstande ist, die Ansprüche des Geschädigten zu vertreten, ist es unbedingt erforderlich, dab jeder Unfall unverzüglich gemeldet wird. Diese Meldung muß — gleichgültig, ob der Verletzte in einer anderen Klinik oder zu Hause behandelt wird— unter allen Umständen an die chirurgische Klinik der Landes-Universität erstattet werden; denn die chirurgische Klinik ist es, der weitere Meldung an die Ver- sicherungs-Gesellschaft aufgetragen ist. Die Meldung hat durch den Verletzten, falls er hierdurch imstande ist, zu erfolgen. Sie ist schriftlich oder mündlich, persönlich oder durch einen Dritten, aber in allen Fällen so schnell wie möglich zu er- statten. Wird eine rechtzeitige Meldung versäumt, so besteht für den Verletzten die Gefahr eines Verlustes seines Anspruchs. Zu melden ist vor allem: Name des Verletzten, sowie die Angabe, wo der Verletzte liegt(ob in einer Gießener Klinik, oder wo sonst). Wenn möglich, ist eine kurze Angabe der Art des Unfalls(Verbrennung, Vergiftung etc.), sowie der Ort, an dem sich der Unfall ereignet hat, hinzuzufügen. Liest der Verletzte auf einer Klinik, oder wird er von einer Gießener Klinik aus behandelt, so übernimmt die Uni- versität selbst alle weiteren Schritte. Wird der Verletzte von einem nicht zu einer Klinik gehörigen Arzte behandelt, so muß er diesen ermächtigen, die erforderlichen Angaben über seinen Krankheitszustand der Klinik zu machen, und muß sich auf Verlangen einer Untersuchung von seiten der Klinik unter- ziehen. Unbedingt notwendig ist dies deshalb, weil sich nur auf den Bericht, den die Klinik über den Krankheitszustand liefert, die Ansprüche gründen, die von seiten der Universität für den Verletzten erhoben werden können. Wer sich einer solchen Untersuchung nicht unterzieht, oder den Arzt zu den genannten Mitteilungen nicht ermächtigt, verwirkt den Anspruch auf Entschädigung für den Unfall. Sämtliche Verhandlungen mit der Versicherungsgesellschaft, insbesondere diejenigen über die Höhe der Entschädigung, werden von der Universität und nicht von seiten des Verletzten geführt. Promotions-Ordnung. Theologische Fakultät. Licentiatengrad. Beim Dekan der Fakultät sind ein- zureichen: 1. Lebenslauf. 2. Gymnasial-Reifezeugnis. 3. Nach- weis eines dreijährigen Univ.-Studiums. 4. Zeugnis über gegen- wärtige Lebensstellung. 5. Dissertation beziehungsweise Licen- tiatenarbeit; diese muß eine als hervorragend zu bezeichnende theologische Abhandlung sein. S Bi ei ER RS ee)“ NErr... % En 5 ! Akademisches. Ist die Dissertation angenommen worden, so hat sich der Bewerber einer mündlichen Prüfung zu unterziehen; die Fa- kultät ist berechtigt, die vor ihr mit der Note„sehr gut‘ be- zeichnete Fakultätsprüfung an stelle der mündlichen Licentiaten- prüfung anzurechnen. Die Dissertation ist in 150 Exemplaren abzuliefern. Promo- tionsgebühren betragen 240 Mark. Doktorgrad. Es gelten im allgemeinen die vorstehen- den Bestimmungen. Promotion erfolgt nur auf Grund einer Arbeit von hervorragender wissenschaftlicher Bedeutung. Erlaß der mündlichen Prüfung nicht gestattet. Gebühren 460 Mark; für Licentiaten 250 Mark. Juristische Fakultät. Beim Dekan der Fakultät sind einzureichen: 1. Lebenslauf. 2. Gymnasial-Reifezeugnis. 3. Zeugnis über dreijähriges Uni- versitäts-Studium. 4. Zeugnis über gegenwärtige Lebensstellung. 5. Dissertation. Ist die Dissertation für genügend erklärt worden, so hat sich der Bewerber einer mündlichen Prüfung zu unterziehen, die sich auf alle Zweige der Rechtswissenschaft erstreckt. Einem Be- werber, welcher die juristische Fakultätsprüfung mit mindestens Zensur Il bestanden hat, kann auf Nachsuchen die mündliche Prüfung erlassen werden.— Die Dissertation ist in 170 Exem- plaren abzuliefern. Promotionsgebühren betragen 433 Mark. Bei Nichtzulassung zur mündlichen Prüfung werden 100 Mark, bei Nichtbestehen derselben die Hälfte der Gebühren zurück- behalten. Medizinische Fakultät. Beim Dekan der Fakultät sind einzureichen: 1. Appro- bationsschein. 2. Dissertation. 3. Lebenslauf. 4. Zeugnis über gegenwärtige Lebensstellung. Ist die Dissertation für genügend erklärt worden, so hat sich der Bewerber einer mündlichen Prüfung zu unterziehen, die sich auf alle Zweige der Heilkunde erstreckt.— Die Disser- tation ist in 200 Exemplaren abzuliefern. Promotionsgebühren betragen für Inländer 320 Mark; für Ausländer 470 Mark. Bei Nichtzulassung zur mündlichen Prüfung werden 100 bezw. 150 Mark, bei Nichtbestehen derselben 170 bezw. 225 Mark zurück- behalten. Vereinigte medizinische Fakultät. Beim Dekan der Fakultät sind einzureichen: 1. Gymnasial- oder Realgymnasial-Reifezeugnis. 2. Approbationsschein als Tier- arzt. 3. Dissertation. 4. Lebenslauf. 5. Zeugnis über gegenwärtige Lebensstellung. Ist die Dissertation für genügend erklärt worden, so hat sich der Bewerber einer mündlichen Prüfung zu unterziehen, die sich auf alle Zweige der Tierheilkunde bezieht.— Die Dissertation ist in 200 Exemplaren abzuliefern. Promotions- gebühren betragen für Inländer 320 Mark, für Ausländer 470 Mark. Bei Nichtzulassung zur mündlichen Prüfung werden 100 bezw. 150 Mk.; bei Nichtbestehen derselben 170 bezw. 225 Mk. zurückbehalten. Philosophische Fakultät. Beim Dekan der Fakultät sind einzureichen: 1. Lebenslauf. 2. Reifezeugnis einer deutschen neunstufigen höheren Lehr- Akademisches. 231 anstalt. 3. Nachweis eines dreijährigen staatlichen Hochschul- besuches. 4. Dissertation unter Beifügung einer eidesstattlichen Versicherung. Eventl.: 5. Zeugnisse über Stellung und Führung der Bewerber. Nach Annahme der Dissertation seitens der Fakultät hat sich der Bewerber in drei Promotionsfächern einer mündlichen Prüfung zu unterziehen. Hat der Bewerber die Prüfung für das höhere Lehramt, für das Finanz- oder Forstfach an der Universität zu Gießen bestanden, so ist die mündliche Doktor- prüfung auf das Hauptfach zu beschränken. Die Dissertation ist in 200 Exemplaren abzuliefern. Promo- tionsgebühren betragen 325 Mark. Bei Nichtzulassung zur münd- lichen Prüfung werden 105 Mark, bei Nichtbestehen derselben 157 Mark zurückbehalten;. bei Wiederholung derselben sind 195 Mark zu entrichten. Drucksachen für Studierende und Kandidaten. Vom Universitäts-Sekretariat unentgeltlich zu beziehen. Satzungen für die Studierenden. Formular zu Vermögens-Zeugnissen in Stundungs- und Stipen- dien-Angelegenheiten. Fechtordnung. Evangelisch-theologische Fakultät. Anleitung zum Studium der Theologie. Uebersicht über die regelmäßig gehaltenen Hauptvorlesungen. Promotionsbedingungen der theologischen Fakultät. Ordnung für die theologische Fakultätsprüfung. Juristische Fakultät. Ratschläge für die Studierenden der Rechtswissenschaft. Promotionsbedingungen der juristischen Fakultät. Ordnung für die juristische Fakultätsprüfung. Medizinische Fakultät. Studienplan für die Studierenden der Medizin. Promotionsbedingungen der medizinischen Fakultät im engeren Sinne(Promotion zum Dr. med.). Ordnung für die ärztliche Vorprüfung. Studienplan für die Studierenden der Veterinärmedizin. Promotionsbedingungen für die vereinigte medizinische Fakultät (Promotion zum Dr. med. vet.). Ordnung für die Prüfung der Tierärzte. Philosophische Fakultät. Promotionsordnung für die philosophische Fakultät. Prüfungsordnung für das höhere Lehramt. Ordnung der forstlichen Hochschulprüfungen. Prüfungsordnung für die Abhaltung von Prüfungen in der Land- wirtschaft. Prüfungsordnung für die Abhaltung einer Prüfung für Tierzucht- Inspektoren. Prüfungsordnung für Apotheker. Prüfungsordnung für Nahrungsmittel-Chemiker. Prüfungsordnung für technische Chemiker. Das namentlich der Jugend so eigene Bedürfnis nach Ge- selligkeit, nach Vereinigung mit Gesinnungsgenossen findet auf den Universitäten seinen Ausdruck in den akademischen Ver- bindungen. Im folgenden sind die Vereinigungen der Universität Gießen aufgezählt: Akademische Vereinigungen. Korps im Kösener S.C. 1. Teutonia. S. C. 1. VI. 39. Grün-rot-gold. Ff. grün-rot-grün. Mütze grün. Eigenes Korps- haus, Kaiserallee. 2. Hassia. S.C. 3. III. 42. Schwarz-weiß-rot. Ff. schwarz-weiß-schwarz. Mütze weiß. Eigenes Korpshaus, Hessenstraße. 3. Starkenburgia. S. C. 7. VIII. 40. Rot-weiss- gold. Ff. rot-weiß. Mütze karmoisinrot. Eigenes Korpshaus, Wilhelmstraße. Burschenschaften in der„Deutschen Burschenschaft“. 4. Alemannia. D.C. 21. I. 62.(Rekonstr. 6. III. 77.) Hellblau-dunkelrot-gold. Ff. blau- rot-blau. Mütze hellblau. Eigenes Burschenhaus. Schiffenberger Weg. 5. Germania. D. C. 14. VIII. 51.(Rekonst. 25. V. 76.) Schwarz-rot-gold. Mütze ziegelrot. Eigenes Burschenhaus, Wetzlarer Weg. 6. Franconia. Freischlagende Verbindung. 4.VI. 72. Grün-weiß-rot. Schwarze Tuchmütze. Kneipe: Kronprinz, Licher Straße. 7. Arminia. Akademisches. 288 Burschenschaft im A. D. B. A. D. B. 26. XI. 85. Schwarz-gold-rot. Mütze: braunrot. Kneipe: Pulvermühle. Rn on, A R,! Äh Landsmannschaft im Koburger L. C. 8. Darmstadtia. Landsmannschaft.(Im Cob. L.C.) 11. II. 82. Violett-weiß-rot. Ff. weiß-viol.- weiß. Mütze violett. Eigenes Haus: Wetzlarer Weg. Landsmannschaft(freie). 9. Rhenania. Freie Landsmannschaft. 25. VI. 85. Hellblaue Tuchmütze. Kneipe: Restaurant Frank- furter Hof. Kyffhäuserverband der V.V.D. St. 10. Verein deutscher Studenten. K. V. 4. II. 91. Schwarz-weiß-rot(nicht getragen). Kneipe: Cafe Ebel, Burggraben. Verbindungen und Vereine. 11. Chattia. Schwarze Korporation mit unbed. Satisfaktion auf alleCommentwaffen. Gegr. 4. VII.82 alsStudentenvereinigung„Blümchen“. Angemeldet S.S. 96 als Verbindung„Blümchen“. SS. 01 Ver- bindung„Chattia«. Farb.: Rot-weiß-rot, Perkuss.: Silber. Kneip- haus: Seltersweg 68. Kartell mit„Apollo“-München,„Norddeut. Gesellsch.“-Würzb. Freundsch.-Verhält. mit„Friederitiana“-Berlin. Die Verbindung zählt: 103 Alte Herren, 10 Ehrenphilister und 85 Inaktıve nr Aktıve. Chargen: X. X X. xXXx%: 12. Adelphia. Studentische Reformverbindung. 7.V.70. Grün-weiß-gold. Mütze hellgrün. Kneipe: Hotel Schütz(Inhaber Ph. Reitzel), Bahnhofstraße. 13. Wingolf. Christl. Verbindung. 15. VII. 52. Schwarz-weiß-gold. Schwarze Sammetmütze. Wingolfshaus, Wilhelmstraße. 14. Hasso-Rhenania. C.V. 18.1.83. Gelb-weiß- rot. Ff. gelb-rot. Rote Stürmer. Lokal„Schütz“; Kneipe: Bahnhofstraße 57. 15. Nassovia. Katholischer Studentenverein im V.d.k.St.D. 11.1. 95. Blau-orange-blau(nicht getragen). Kneipe: Hotel Einhorn. Akademisches. 16. Normannia. Schwarze Verbindung mit unbed. Satisfaktion. Gegründet: 18. VII. 1902. Farben: Schwarz-weiß-grün. Kneipe:„Vater Jahn“, Ostanl.9. 17. Akademisch-pharmazeutischer Verein. Gegr. 20. I. 1902. Schwarz-gold-grün. Kneipe: Cafe Ebel. Verband wissenschaftlicher Vereine(V. W. V.) 18. Akademisch-theologischer Verein. V. W.V. % 7 9.1.80. Dunkelblau-weiß-hellblau(nicht getragen). K Kneipe: Restaurant Feidel. = 19. Mathematisch-naturwissenschaftlicher Verein. u YA V.W.V. 1.V1.85. Blau-weiß-gold(nicht getragen). ‚ Kneipe: Hotel-Restaurant Kaiserhof, Schulstraße. 20. Philologisch-historischer Verein. V. W. V. IL 28. V1. 75. Schwarz-weiß-hellblau(nicht getragen). Loy, Kneipe: Kaiserallee 50. Biertisch und Briefablage „Gate Ebel« Dürer-Bund. Akad. Ortsgruppe Gießen. Versammlung: Freitag Cafe Ebel. Adresse des Vorsitzenden: Diezstraße 6. Freie Studentenschaft(Wander-, Sport- und wissenschaftliche Abteilung). Vorsitzender: stud. theol. Otto Page. Deutsche christliche Studentenvereinigung. D.C.S.V. Näheres am schwarzen Brett im Universitätsgebäude. Sonstige Vereine: Schach-Club; Cafe Ebel.— Aka- demischer Gesanewerein(gemischte Clou)— Or selllssehhat wssvzene ine Dem Gesellschaftsverein(Club), Sonnenstraße 19, kann jeder Student als außerordentliches Mitglied gegen einen Semester- beitrag von 8 Mark beitreten. Die Mitgliedskarten berechtigen zum Besuche der Bälle und Konzerte sowie zur Benutzung der Lesezimmer, der Bibliothek, der Billard- und Spielzimmer, der Restauration usw. In dem Lesezimmer sind die besten Zeit- schriften des In- und Auslandes aufgelegt. I. Direktor: Geb- hardt, Geh. Justizrat. m ni Ausschuß der Gießener Studentenschaft. (Auszug.) Der Ausschuß der Gießener Studentenschaft besteht aus je einem Vertreter der unter Vereinigungen genannten Korpo- rationen und vier Vertretern von Nicht-Korporationsstudenten. Die Wahl der letzteren erfolgt am- Anfang jeden Semesters aus der Zahl der Nicht-Korporationsstudenten durch Stimm- zettel; hierbei entscheidet die absolute Mehrheit, andernfalls erfolgt Stichwahl. Der Ausschuß ist eine ständige Vertretung der Studenten- schaft. Er berät und beschließt unter dem Vorsitz des Rektors über alle von der ganzen Studentenschaft zu veranstaltenden Aufzüge und Festlichkeiten, sowie über sonstige ihm vom Rektor vorgelegte Fragen. Er ist beschlußfähig, wenn mehr als die Hälfte seiner Mitglieder anwesend ist. Wenn der Ausschuß einen Aufzug beschlossen hat, sind Sonderaufzüge einzelner Korporationen unzulässig. Der Vortritt bei Aufzügen und Vorsitz bei Festlichkeiten wechselt zwischen den einzelnen Korporationen oder Gruppen. Den Schluß bildet bei Aufzügen die Korporation oder Gruppe, welche bei der vorigen Gelegenheit den Vorrang hatte. Bei Nichtteilnahme an den regelmäßigen Verhandlungen des Ausschusses während der Vorrang gebührenden Zeit wird die betreffende Korporation, wenn sie an der Reihe, im Vor- rang übergangen. 236 Akademisches. Einjährig-freiwilliger Dienst. Der Diensteintritt Einjähr.-Freiwilliger findet alljährlich bei sämtl. Waffengattungen(exkl. Train I. XI.) am 1. Okt. statt, sowie bei einzelnen Infanterietruppenteilen am 1. April(Inf.-Reg. Kaiser Wilhelm II.[116)]). Die Meldung zum Diensteintritt kann im Laufe des vor- hergehenden Quartals täglich erfolgen und ist dem Berech- tigungsschein noch ein Unbescholtenheitszeugnis beizufügen. Mediziner, welche als Aerzte in das Sanitätskorps auf- genommen zu werden wünschen, werden während der ersten Hälfte ihrer einjähr. aktiven Dienstzeit zum Dienst mit der Waffe herangezogen. Nach dieser Dienstzeit erhalten sie ein Dienstzeugnis, auf Grund dessen nach erfolgter Approbation die Einstellung zu einem halbjährigen Dienst als Unterarzt erfolgt. Die Universitäten Deutschlands mit Angabe der Gründungsjahre. Bremen: Baden. Belm 2.2 sp /kebug 2... 2 us Bon... 188 Reddbere 2 2 7 2 7859 Breslau 20... 11109 Württemberg. Göttingen......... Mer) Kübnsene ee Greiswald 7 7.858 Sachsen. Halle... 22:0... 008 pm 20 Kiel a 1665| Hessen Königsberg...-.. DE wen a 0 Mecklenburg-Schwerin. Rostock 2 2.22.2119 Bayern. Thüringen. Erlangen».%.. 0... 2.3745 Jena. 2.#0. a Mineckene 2 72 02 20 Elsaß-Lothringen. Würzbug 1405 Sebpug 222 Wie alles im Leben seine Zeit hat, so auch die Studenten- zeit. Auf die paar ersten flotten Semester folgen die weniger angenehmen Semester eifrigen Studiums, denn mit der Semester- zahl rückt das Examen in immer bedenklichere Nähe. Ueber Akademisches. [68] [0] SQ die darüber bestehenden Bestimmungen erhält man Aufschluß durch die für die einzelnen Fakultäten geltenden ordnungen, die auf dem Sekretariat erhältlich sind. 03 „Alte Burschenherrlichkeit! Bist du gleich entschwunden, Schlug mir auch im Lauf der Zeit Frau Fortuna Wunden, Burschenmut ich nie verlor, Mit der Burschenmütze, Und dem Schicksal nach wie vor Biet ich keck die Spitze. Pereat tristitia, Pereat osores, Pereat diabolus, Quivis antiburschius, Atque irrisores.‘ Prüfungs- 5) II. Aus dem Gießener Studentenleben der Vergangenheit. Von Oberlehrer Dr. Chr. Roese. In weiten, geschlitzten Pluderhosen, in kurzem spanischem Wams und kurzem Mantel, auf dem Kopfe ein breites Barett oder einen großen Hut mit Federn, an der Seite den langen Raufdegen mit unförmlichem Griff, so stieg der Bursch im 17. Jahrhundert sporenklirrend durch die engen Straßen Gießens. Oft führte er auch eine Schußwaffe bei sich. Nachts kamen hierzu noch Jagdspieße und lange Stangen und je nach persönlichem Be- lieben auch noch— Raketen.!) Jawohl Raketen. Zwar war das Raketenschießen innerhalb der Stadt streng untersagt, aber von jeher fühlt das Studentenherz in nächtlicher Weile den Drang, zu dem Straßenbeleuchtungswesen in irgendwelche Be- ziehung zu treten, und die heute übliche Betätigung dieses Bestrebens war damals unmöglich, weil es einfach keine Straßen- laternen gab. Und wozu sollte man sich vor die Stadt hinaus- bemühen, wo niemand das Raketenwerfen verwehrte? War doch dem Gießener Burschen ein so reiches Maß von Vorrechten vor seinen Mitmenschen eingeräumt, daß er sich kühnlich er- dreisten durfte, jenes Verbotes zu spotten.„Frei ist der Bursch! Kein bürgerliches Gericht konnte ihn vorfordern, nicht einmal als Zeugen, nur vor seinem Rektor stand er vor Gericht, in ihm hatte er seine Obrigkeit, von der nur direkt an den Landesherrn appelliert werden konnte. Nur nach akademischen Satzungen konnte gegen den Studenten verfahren werden, es 1) Nach W. M. Becker ‚Gießener Studententum in der Frühzeit der Universität“. Mitt. d. Oberh. Geschichtsv. N. F. Bd. XI. aquayyıyaS nn a 240 Akademisches. sei denn, daß er sich eines Kriminalverbrechens schuldig machte; aber auch dann sollte er milder bestraft werden, als ein Nichtstudent. Von. bürgerlichen Abgaben war der Student frei, und zollfrei gingen seine Bücher und die Lebensmittel, die er von Hause bekam, duch das Land. Ein besonderes Vorrecht des Gießener Studenten bildete das Recht der freien Jagd auf hohes und niederes Wild in der ganzen Gießener Gemarkung. Deshalb durfte er auch das Feuerrohr führen. So unterschied sich der Studio in Kleidung und in Vor- rechten ganz außerordentlich von den simpeln Bürgern. Er däuchte sich was unendlich. Höheres und wachte eifersüchtig darüber, daß diese seine bevorrechtigte Stellung keine Schmäle- rung erfahre. Aber der frisch von der Schule kommende junge Student wurde noch nicht als voller Bursch angesehen, sondern hatte in der Regel erst zwei Semester als Pennalt) durchzumachen. Das Wort Pennal stammt aus dem Mittellateinischen und bedeutet zunächst„Federbüchse‘. Etwa seit dem Jahre 1600 bezeichnete man damit einen frischgebackenen Studenten im Gegensatz zu den alten Studenten, den Schoristen. Diese hießen so, weil sie die jüngeren schoren, d. h. foppten und verhöhnten. Die Pennale hießen auch Schützen, Vulpeculae(Füchse), Caeci (Blinde), Vituli(Mutterkälber), Innocentes(Unschuldige), Rap- schnäbel, Bacchanten usw. Die Schoristen betrachteten den Pennal als ihren Diener oder Famulus, und diese Herrschaft bezog sich oft auf Person und Eigentum der Pennale. Sie waren zu den niedrigsten Dienstleistungen gezwungen und oft den gröbsten körperlichen Mißhandlungen ausgesetzt. Erst nach Ablauf eines Jahres erfolgte die Deposition oder Enttölpelung?) unter allerlei plumpen, sinnbildlichen Hand- lungen. Dieser Pennalismus bildete sich um 1600 auf den protestantischen Universitäten aus, und vergeblich suchten lange Zeit hindurch die Behörden, ihm zu steuern. In Gießen scheint erst seit 1656 eine Besserung eingetreten zu sein, nach- dem strengere Maßregeln ergriffen worden waren. Immerhin erhielten sich Ueberreste des Pennalismus noch geraume Zeit, und gewisse unschuldige Erinnerungen an ihn bewahrt die deutsche Burschensitte noch heute. An den Fleiß der Studenten wurden keine übermäßigen Anforderungen gestellt; Mittwochs und Samstags wurde über- 1) W. Fabricius, die deutschen Korps, Berlin 1898, S. 21—34. 2) Fabricius, die deutschen Korps, S. 221. Akadeıinische 24] haupt nicht gelesen. Jeder Student trat zuerst in die philo- sophische Fakultät ein; sie war die Vorschule für die so- genannten„höheren‘“ Fakultäten. Um den Mängeln der Vor- bildung abzuhelfen,— die Reifeprüfung, das Maturitätsexamen, ist erst im 19. Jahrhundert in Deutschland eingeführt worden war dem jüngeren Studenten vorgeschrieben, sich einen älteren Studenten als Privatpräzeptor zu wählen, der seinen Studien- eang überwachen und die Lücken seines Wissens ausfüllen sollte. Ob in der Praxis dieser ideale Zweck der Einrichtung wirklich überall im Vordergrund stand, kann bezweifelt werden; nahe liest es aber, hier den Ursprung des späteren Leib- burschenverhältnisses zu suchen. Paukerei auf dem Schiffenberg(1854) Jedenfalls blieb dem Studenten reichlich Zeit zu Leibes- übungen, zum Zechen und zu tollen Jugendstreichen und Uebergriffen aller Art. Fecht- und Tanzmeister finden sich schon gleich bei der Eröffnung der Universität, seit 1610 gab es eine Reitschule, und später wurde ein Ballhaus(im heutigen botanischen Garten) erbaut. Trinkfest sind die Gießener Stu- denten immer gewesen, und an Anlässen zu einem kräftigen Trunk hat es von jeher nie gefehlt, sei es, daß jemand in eine Tischgesellschaft aufgenommen wurde oder daraus schied, sei es, daß es galt, die Promotionen durch große Festessen und oft mehrtägige Gelage(natürlich auf Kosten der Neugraduierten) Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 16 te 242 Akademisches. zu feiern, an denen neben Professoren und Studenten auch die Professorenfrauen teilnahmen. Ausgesprochene studentische Kor- porationen finden wir in der Frühzeit unserer Universität noch nicht, doch wäre es merkwürdig, wenn nicht auch in Gießen, wie auf anderen Universitäten die Nationen oder Landsmann- schaften, denen wir im 18. Jahrhundert begegnen werden, schon im 17. Jahrhundert bestanden hätten.!) Uebrigens waren die ‚Stoffe‘, in denen gekneipt wurde, also Bier und Wein,, be- sonders aber das Bier, so hundsmiserabel, daß die Studenten wiederholt bei dem Landesfürsten um Beschaffung besserer Getränke petitionierten, anscheinend ohne Erfolg. Der jugend- liche Uebermut der Studenten äußerte sich natürlich in den wilden Zeiten des 17. Jahrhunderts viel ungestümer und zügel- loser als in unseren gesitteten Tagen. Bei Hochzeiten oder Tanzfestlichkeiten der Bürger und Professoren suchten sie sich einzudrängen; oft genug bändelten sie mit der filia hospitalis oder sonst einer Bürgerstochter ein Liebesverhältnis an, wenn auch deren Vater ähnlich wie 200 Jahre später der Spengler- meister Bimbächer?) zu seiner Tochter Luise, sagen mochte: „Brauchst nicht nach den Sturrenten se gucken, die heueraten dich doch nicht. In keiner Art nicht!" Die Studenten plün- derten Gärten und Weinpflanzungen vor den Augen den Be- sitzer, sie fischten ohne Berechtigung und wilderten in den an- grenzenden Gemarkungen. Noch ungezwungener ging es nachts zu. Gegen ihre Kommilitonen aus dem 17. und 182 jan hundert sind in puncto Nachtskandal unsere heutigen Studenten die reinsten Waisenknaben. Wenn so ein Bursch bis in die Nacht weidlich gezecht hatte(den„Anschluß“ hatte er übrigens trotz der Schlechtigkeit der damaligen Getränke meist schon um 11 Uhr erreicht), so pflegte er nachher mit erheblichem Gebrüll durch die Gassen zu rennen, sein Gewehr abzuschießen, Raketen steigen zu lassen und allerhand Unfug zu treiben, so z. B. unbeliebten Personen die Türen zu Zer- brechen, ihnen Holz wegzuführen und die Fenster einzuschlagen. Ja förmliche Sturmangriffe auf Häuser kamen nicht selten vor, bei denen die verschlossenen Türen mit Bäumen eingerannt wurden. Die wiederholte Einführung einer Nachtwache unter einem Wachtmeister verfehlte gänzlich ihren Zweck; nachdem es auf beiden Seiten Tote gegeben hatte, wurde sie auf Ver- wendung des akademischen Senats wieder abgeschafft. Auch 1) Fabricius, die deutschen Korps. S. 35—4#5. ) 2) Der Spenglermeister Bimbächer. Posse aus dem Gießener Volksleben(1845). Gießen, Roth. Preis: Mk. 1.-. Akademisches. 243 mit der Garnison setzte es oft Händel, bei denen sich der Senat fast immer auf die Seite der Studierenden stellte. Streitigkeiten zwischen den Studenten selbst wurden gleich auf der Stelle mit Hieb-, Stich- oder Schußwaffen ausgefochten. Es vereing fast kein Jahr, in dem nicht irgend ein Student auf offener Straße getötet oder schwer verwundet wurde. Um Neujahr 1620 lagen nicht weniger als neun Verwundete in der Stadt. Rhenanenbild aus dem Jahre 1841(nach Trautschold) Im 18. Jahrhundert war es nicht viel besser.!) Umsonst suchte die Regierung dem Unwesen zu steuern. „Darmstädter Verordnungen und Gießer Bier Dauern von morgens bis mittags vier‘ hieß es damals im Sprichwort. Der burschikose Ton in Gießen war berüchtigt durch seine besondere Roheit; eine genauere Kenntnis der damaligen Zustände verdanken wir den Schriften Laukhards, der von 1775—1778 in Gießen studierte. Was ein richtiger„honoriger‘‘ Gießener Bursch war, der legte wenig Wert auf sein Aeußeres. Sonntags wie Werktags trug er die- selbe Kleidung: Burschenhut, Flaus oder Flausch, lederne Bein- kleider und Stiefel mit Sporen, an der Seite den wuchtigen 1) Vgl. Buchner,„Gießen vor hundert Jahren‘. Gießen, S. 28-55, Mk. 2.50, geb. Mk. 3.-. EEE 244 Akademisches. Hieber(zu Hieb und Stoß gleich brauchbar) und über der Schulter eine Hetzpeitsche mit dicken Knoten(vgl.„Der Bursch von echtem Schrot und Korn‘. Lahrer Kommersbuch No. 251). Auf der Straße wich er niemandem, keinem„Philister, Professor, Gnoten oder Frauenzimmer‘ aus, die Vorlesungen mied er und verspottete die Kolleggänger. Seine Lust war das Kommersieren (auch in Schnaps!), oft auf offener Straße oder in den um- liegenden Dörfern, und das Randalieren. Die Philister hatten schwer zu leiden, aber auch gegen die Dörfer wurden sogenannte „Kreuzzüge“ unternommen, bei denen jedoch die Studenten wohl auch gelegentlich den Kürzeren zogen.„Balgereien‘“ oder ‚Schlägereien“(Duelle) zwischen Studenten waren häufiger denn je. Die.„Avantage‘“(wir sagen heute ‚Kontrahage‘)!) des Gegners erfolgte meist so, daß der Herausforderer vor dessen Fenster ging, mit seinem Hieber einigemal ins Pflaster hieb und dabei schrie:„Pereat N. N., der Hundsfott, der Schweinekerl! tief! pereat! pereat!“ Dann stürzte der Herausgeforderte mit seinem Hieber heraus, und die Schlägerei ging vor sich. Auch durch Ohrfeigen oder Traktierung mit der Het zpeitsche kontra- hierte man den Gegner an. Das Non plus. ultra aber war die „Avantage mit dem Nachttopf‘.?) Diese abscheulichen— übri- gens auch auf anderen Universitäten bestehenden— sog.„Real- avantagen“ wurden in Gießen erst zu Anfang des 19. Jahr- hunderts durch den landsmannschaftlichen„Komment‘“ be- seitigt(1. Juni 1806). An studentischen Korporationen haben in Gießen während des 18. Jahrhunderts zweifellos die Lands- mannschaften der Rheinländer und der Fran ken, sowie die Orden’ der Amicisten und Constantisten bestanden. Man darf wohl vermuten, daß auch noch andere Verbindungen existierten(so z. B. der Hessen- und der Harmonistenorden)?), aber wir wissen nichts Näheres über sie. Zwischen Landsmann- schaften und Orden herrschte erbitterte Feindschaft. Als nun, wohl mit infolge davon, einmal im Jahre 1777 nicht weniger als 30 gefährliche Schlägereien innerhalb acht Tagen vorfielen, da wurden nicht nur Karzer-, sondern auch schwere Geldstrafen verhängt, und das ging dem Studio denn doch so sehr an das Allerheiligste, daß ein demonstrativer As zue Leı Saal dentenschaft nach Gleiberg erfolgte, wo eine neue 1) Fabricius, die deutschen Korps. 5.827 Ans 2) Buchner, Gießen vor hundert Jahren. S. 37. 3) Fabricius, die deutschen Korps. 5.00%- Webenzdıe studentischen Orden s. ebenda S. 58 ff. Akademisches. 245 Universität gegründet werden sollte!) Dazu ist es freilich nie gekommen, ebenso wenig wie bei irgend einem der folgenden Studentenauszüge, deren nächster im Sommer 1792 ebenfalls nach Gleiberg stattfand. Er war veranlaßt durch Reibereien mit dem Militär(vgl. Buchner, Allerlei Studenten- auszüge. Gießen, Brühl’sche Univ.-Druckerei. 1896). Da diese Streitigkeiten zwischen Stu- denten und Militär auch in der Folge nicht aufhörten, sondern 1819 zu einem neuen(dem dritten) Studentenauszug nach Glei- berg und in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1821 zu dem berühmten„Batzen- Skandal) führten, so sah sich die Regierung veranlaßt, das Regiment von Gießen nach einer anderen Garnison zu verlegen. Korpshaus des Korps Starkenburgia Mit Beeinn des 19. Jahrhunderts verlassen wir das wüste Mittelalter unserer Hochschule, die gesittetere Neuzeit beginnt. 1) Ob dies tatsächlich die erste ab irato stattgefundene secessio Gissensis in montem sacrum war, wage ich nicht zu entscheiden. Nicht berücksichtigt sind in dieser anspruchslosen Skizze die in früheren Zeiten, z. B. wegen der Pest, erfolgten Auszüge. 2) ‚Batzen‘‘ war ein von der Löhnung hergenommener Spottname der Soldaten. Vgl. die lebendige Schilderung der beiden letzterwähnten Vorgänge in der Abhandlung„Die An- fänge des Gießener S. C.“ in den Akademischen Monatsheften. Jahrg. VI., S. 522ff., sowie Jubiläumsschrift des Korps Hassia S. 31—37. ee 246 Akademisches. Durch den Komment von 1806 wurden Anordnungen für Krieg und Frieden, für den Zusammenstoß eines Studenten mit einem anderen, für den Verkehr der Studenten untereinander, sei es der einzelnen, sei es der Korporationen, getroffen. Vor allem war die„Realavantage‘“ bei Verrufsstrafe untersagt.„Dummer Junge“ war die höchste Beleidigung; auf sie durfte mit keiner neuen und stärkeren Beleidigung erwidert, sondern konnte nur eine Forderung gestellt werden. Schon damals bestand die Gießener Sitte, auf der Mensur beim Beginn eines jeden Ganges die„Klingen zu binden“. Es ist ohne weiteres anzunehmen, daß die Einführung dieses Kommentst) bei den Landsmann- schaften ihren Einfluß auf die Verkehrs- und Pauksitten auch der übrigen Studentenschaft nicht verfehlte. Es bestanden zu Anfang des 19, Jahrhunderts jene oben erwähnten Landsmann- schaften der Rheinländer(blau-weiß-rot) und der Franken (schwarz-rot), sowie der Constantistenorden(blau-rot- weiß)2); ob und welche anderen Korporationen damals neben ihnen bestanden, wissen wir nicht. Die beiden Landsmann- schaften bildeten einen Seniorenkonvent(SC.), und insofern die späteren Korps im Wesentlichen als hervorgegangen und um- gebildet aus den alten Landsmannschaften anzusehen sind, kann man den heutigen Gießener SC. als einen der ältesten in Deutschland bezeichnen. Interessant ist es, aus einem zu- fällig erhaltenen Bruchstück der Frankenkonstitution von 1811 (Akad. Monatshefte, Jahrg. VI, 382 ff.) zu ersehen, wie über- haupt im Vergleich mit dem 18. Jahrhundert die Anschauungen und Sitten der Studenten um diese Zeit sich zum Besseren ge- ändert hatten. Da wird auf ein anständiges, gesittetes Betragen gedrungen;„jedes Bundesglied muß seine Ehre unbescholten erhalten, den Wissenschaften mit Fleiß und Eifer obliegen, aller Ausschweifungen in Wein und Liebe sich enthalten und edle Sitten pflegen.“ Ein besonderes Gewicht wird auf ein friedliches Zusammenleben mit den akademischen Mitbürgern gelegt. Auch der Glanz und die Ehre der Uni- versität sollte den Bundesgliedern am Herzen liegen. Speziell 1) Er ist abgedruckt in den Akademischen Monatsheften, ale 53238 2) Festschrift der Starkenburgia S. 2. Genauere Angaben iiber die studentischen Verbindungen der ersten vier Jahrzehnte des 19, Jahrhunderts sind deshalb so schwierig, weil infolge der Demagogenriecherei alle Korporationen der heftigsten Ver- folgung ausgesetzt waren, und fast alle ihre Verfassungen, Protokollbücher und sonstige Aktenstücke dabei zu Grunde gegangen sind. Akademisches. 247 den Senioren(d. i. nach heutiger Ausdrucksweise: den Char- gierten) wird, allerdings mit einer gewissen Reserve, die Pflege des gesellschaftlichen Lebens zur Pflicht gemacht:„Sie sollen mit den liberal denkenden Professoren in Verkehr zu kommen und die häufi- gen Vorurteile N gegen Stu- denten u. Bur- schenleben zu zerstören, ein ehrenvolles Auftreten der Studenten in öffentlichen Zir- keln zu beför- dern, das An- sehen derselben durch Entreprise von Bällen usw. beim Publikum zu heben suchen, doch so, daß der Burschengeist keine falsche Richtung dadurch nimmt, und endlich selbst in öffentlichen Gesellchaften auf- treten, wenigstens sich nicht ganz davon ausschließen.“‘!) Daß der Uebergang zu feineren Sitten sich tatsächlich wohl nur allmählich vollzog, können wir aus manchen Anzeichen schließen. So bestand z. B. auch im 19. Jahrhundert noch die überkommene Sitte des „Schießens‘, d. h. des Fort- Korpshaus des Korps Teutonia 755 77: Vorder- u. Hinteransicht nehmens von Wein, Wildpret, ae Ba) Gänsen. Während der Freiheitskriege hat die Gießener Hochschule verwaist gestanden. Der Toast, den der alte Blücher auf einem Kommerse in Gießen ausgebracht hatte: ‚Meine Herren, gut deutsch oder an Galgen!“ hatte bei der akademischen Jugend jubelnden Beifall gefunden: zu Anfang des Jahres 1814 wurde o fo} 1) Ein alter Vers lautet: „Der Senior soll sein ein feiner Mann, Der zur Not auch mit Damen umgehen kann.“ 248 Akademisches. auf ihr energisches Drängen ein hessisches freiwilliges Jäger- korps errichtet, in dessen Reihen gegen 130 Studenten den Feld- zug mitmachten. Nach der Rückkehr aus dem Kriege trat unter der Führung von Karl und August Follenius eine Re- Korn beweetneo mit deutsch nationalen denz im Sinne Jahns und Arndts in den Vordergrund des akademischen Lebens(‚Germania von 1815, schwarz-blau- tot). Die Schwarzen! so nannte man ihre Anhänger wegen ihrer dunkeln altdeutschen Tracht— erstrebten vor allem die’ Ersetzung des landsmannschaftlichen Komments durch einen „Ehrenspiegel“. Die gleichzeitig(18. Juni‘ 1815) in Jena er- folgte Auflösung der Verbindungen und die Vereinigung aller Studierenden in eine einzige Burschenschaft(Studenten- schaft)!) verfehlten auch in Gießen ihren Eindruck nicht, und es haben in der Tat wiederholt zwischen Burschenschaften und Landsmannschaften(es bestanden damals die Landsmann- schaften Frankonia, Hassia und Nassovia, sowie der Orden Constantia) Verhandlungen stattgefunden, von denen ıber die Hassia und Constantia zurücktraten, da sie den Kom- ment nicht preisgeben wollten. Es erfolgte dann 1317 unter Annahme des Ehrenspiegels die Gründung der christlich- teutschen Gießener Burschenschaft, die aber nach wenigen Wochen des Bestehens wegen angeblich umstürzlerischer Tendenzen aufgelöst wurde, während auch gegen die seither zwar gleichfalls verbotenen, aber doch stillschweigend gedulde- ten Landsmannschaften eingeschritten wurde. Erst im Früh- jahre 1819 bildeten Mitglieder der aufgelösten Ehrenspiegel- burschenschaft im Verein mit den ins burschenschaftliche Lager iibergetretenen Landsmannschaften eine neue Burschenschaft Germania(blau-rot-grün), und diese hatte einen sehr starken Bestand. Da bereitete ihr die verhängnisvolle Tat Karl Sands (Ermordung Kotzebues, März 1819) ein jähes Ende: sie wurde als staatsgefährlich unterdrückt, obgleich sie als solche mit der Tat Sands in keinen Zusammenhang gebracht werden konnte, bloß daß Sand den exaltierten Anhängern Karl Follens, den alten „Schwarzen“, nahe gestanden hatte. Es ist aber bekannt, mit welchem Mißtrauen der Bundestag schon die Gründung der deutschen Burschenschaft(1815), daraufhin das Wartburgiest (1817) und schließlich die Gründung der Allgemeinen deut- !) Festschrift zum 50 jähr. Stiftungsfeste der Gießener Bur- schenschaft Germania S. Off,, Fabricius, die deutschen Korps Ss. 2ilıt, E. Klein, Akademische Erinnerungen, S. 138. Akademisches. 249 schen Burschenschaft(1818) betrachtet hatte; Kotzebues Er- mordung führte die Katastrophe herbei. Es folgten die bekann- ten Karlsbader Beschlüsse: Beschränkung der Preßfreiheit, Auf- hebung der Studentenverbindungen und namentlich der all- gemeinen deutschen Burschenschaft, Ueberwachung der Uni- versitäten, endlich Einsetzung der Bundeskommission zur Ueber- wachung und Untersuchung demagogischer Umtriebe in Mainz (der sog. Zentraluntersuchungs-Kommission). Diese Beschlüsse wurden in Gießen besonders auf Betreiben des energischen Kanzlers Arens mit der größten Schärfe durchgeführt. Die nächste Folge war die Wiedererstarkung der landsmannschaft- lichen Richtung an der Ludoviciana.!) Trotz des obriekeitlichen Verbotes jeder Studentenverbindung bildeten sich wieder neue Landsmannschaften, die meist nur kurze Lebens- dauer hatten, da man einem behördlichen Einschreiten durch freiwillige Auflösung Korpshaus des Korps Hassia und demnächstige Neu- eründung unter anderen Farben zu begegnen pflegte(Hassia, Brankomia, Rhenania,:Giestphalıa,. Starken- Diuusena, Nandalıa, Deutonia ete); vielfach wurden:sie von gemäßigten Burschenschaftern aufgetan.?2) Uebrigens charak- terisieren sich seit den 20er Jahren die meisten dieser Neugrün- dungen als Korps. In ihnen ist die unumschränkte Herr- schaft der Landsmannschafts-Senioren beseitigt, alle Mitglieder sind dem Komment gegenüber gleich, und die beschließende Gewalt ruht in den Händen des Korps-Konvents(CC.); sie besitzen also— unter leicht erklärlicher Einwirkung des Zeit- geistes— eine konstitutionelle Verfassung statt einer despo- tischen.?2) Die radikaleren Elemente der Burschenschaft taterı insgeheim die alte Germania wieder auf, nannten sie aber eine Waffenverbindung, ein anderer Teil gründete die 1) Festschrift zum 50 jährigen Stiftungsfeste der Gießener Burschenschaft Germania. 1851—1901, S. 9, 2) Akad. Monatshefte, Jahre. VI, S. 524. 3) Die Hassia zu Gießen. Ihre Geschichte und ihr Korps- bestand, S. 651. Akad. Monatshzf!e, Jahrg. VI, S. 459. 250 Akademisches. Verbindung Constantia. Zwischen Korps und Burschen- schaft bestand bis 1828 ein reges Paukverhältnis. Im Sommer 1826 erfolgte wieder einmal ein allgemeiner Stu- dentenauszug(der vierte) auf den Gleiberg. Er soll dadurch veranlaßt worden sein!), daß das Universitätsgericht bei einer abgefaßten Paukerei auch den Unparteiischen mit einer Karzerstrafe belegte, was bis dahin unerhört war. Im Sommer 1828 lösten der SC. und die Burschenschaft wegen irgend einer Prinzipienfrage das seitherige Verhältnis und steckten sich gegen- seitig in Verruf. Dies wurde öffentlich bekannt, und der Kanz- ler Arens setzte eine Massenrelegation(16 Korpsstuden- ten und 34 von der Waffenverbindung) wegen Teilnahme an „geheimen Verbindungen‘ durch. Der SC. und die Burschen- schaft bildete sich natürlich sofort wieder aufs neue, aber nach dem Attentat auf die Frankfurter Hauptwache(April 1833), an dem auch Gießener Burschenschafter beteiligt waren, setzte eine derartig scharfe Verfolgungaller Gießener studen- tischen Korporationen ein, daß die Burschenschaft und auch die Korps nicht mehr bestehen bleiben konnten. Erst im Jahre 1839 bildete sich wieder ein Korps Starkenburgia, von dem sich bald eine Hassia und eine Teutonia abson- derten. Durch unvorsichtiges Auftreten führten jedoch die bei- den erstgenannten Korps ihre Suspension herbei. Es kam zu Verhaftungen, und als sich nun das Gerücht verbreitete, der inhaftierte Starkenburger Matthes sei auf dem Karzer infolge des schlechten Zustandes dieser Räume krank, ja wahnsinnig geworden, zog am Abend des 25. Juli 1839 eine Studentenschar vom Cafe Ebel unter fortwährenden Rufen„Bursch heraus‘ durch die Straßen nach dem Univ.-Kanzleigebäude(dem sog. neuen Schloß) und befreite den stud. Matthes und alle dort Inhaftierten mit Gewalt. Das war der berühmte Karzer- sturm?2), an dem sich auch die burschenschaftlich Gesinnten beteiligten. Dieser Karzersturm führte nun insofern eine Wen- dung zum Besseren in dem Verhalten der Behörden gegenüber den studentischen Verbindungen herbei, als sie end- lich, wenigstens bei den landsmannschaftlichen Verbindungen (Korps), erkannten, daß es sich keineswegs um einen staats- gefährlichen Bund gehandelt hatte. Es kam also jetzt wenig- stens zur offiziellen Duldung der Verbindungen, allerdings 1) Akad. Monatshefte, Jahrg. VI, S. 5881. 2) Ausführliche Darstellung in der Festschrift zum 50 jähr. Stiftungsfest des Korps Teutonia S. 45—50, sowie in der des Konpsblassia Ss. 08119. Akademisches. 251 noch unter einer gewissen Kontrolle des Disziplinargerichtes; der Name„Burschenschaft“ blieb aber auch für die Folge(bis 1859) verpönt. So konnten die Korps ihre Farben seit 1840 offener tragen; offiziell sind sie erst am 10. Nov. 1854 von den akademischen Behörden als gesellige Verbindungen mit dem Rechte, öffentlich ihre Farben zu tragen, anerkannt worden. Die genannten drei Korps bestehen bekanntlich noch heute und bilden den Gießener SC. Daneben haben dem Gießener SC. seit 1840 zu verschiedenen Zeiten folgende, jetzt nicht mehr. existierende, Korps angehört: Rhenania, Marko- MmMaunia, Rhewania-Nassovia, Erankonmia(1806). Jedoch haben nie mehr als 4Korps gleichzeitig bestanden. In den vierziger Jahren bestanden mehrere kurzlebige ‚Reform- verbindungen‘: die Alemannia mit ihren Abzweigungen: Chattia, Rhenania(die aber 1844 Korps wurde und dem SC. beitrat), Frankonia. Außer diesen im Gegensatz zum SC. stehenden Verbindungen gab es noch zwei katholische korpsfreundliche Vereine: Palatia und Nassovia.!) Alle diese heterogenen Elemente zeigten aber eine staunenswerte Einigkeit im Sommer 1846 bei dem(fünften) allgemeinen Studentemauszug auf den Staufenberg2, Am Abend des 31. Juli hatte ein keiner Korporation angehöriger Student in trunkenem Zustande versucht, ein Tanzkränzchen des Tanzlehrers Hummel im ‚Busch’schen Garten‘ zu stören und hatte dabei von dem Polizeisergeant Keßler auf Befehl des Polizeirates Zulehner einen Säbelhieb über das Gesicht erhalten. Diesen Angriff der bürgerlichen Polizei auf einen akademischen Bürger ließ die Studentenschaft sich nicht ge- fallen. Am Morgen des 1. August sandte eine auf dem Loos- schen Felsenkeller abgehaltene allgemeine Studentenversamm- lung eine mit ungefähr 400 Unterschriften versehene Beschwerde- schrift an den Senat. Gleichzeitig bildete sich ein aus sechs Korps- und sechs Verbindungsstudenten bestehendes Komitee. Obgleich nun der Senat alsbaldige gerichtliche Untersuchung in Aussicht stellte, so herrschte doch hochgradige Erregung und Mißtrauen. Es ereigneten sich Ruhestörungen, und drei Studenten wurden relegier. Am 7. August sollten die Rele- gierten von der gesamten Studentenschaft feierlich Komitiert (d. h. begleitet) werden. Da rückte um 4 Uhr morgens eine 1) Festschrift des Korps Starkenburgia S. 16f. 2) Ausführlicher Bericht in der Festschrift des Korps Teu- tonia S. 65—£9. . T Ar 252 Akademisches. Schwadron Butzbacher Chevauxlegers ein, und diese Maßregel, zusammen mit der polizeilichen Bekanntmachung, daß die Poli- zeistunde auf 10 Uhr abends festgesetzt sei und Gruppen von mehr als sechs Studenten auf der Straße verhaftet werden würden, rief eine hochgradige Erbitterung hervor. Man be- gleitete die Relegierten bis auf den Seltersberg und beschloß vor der Universitätsbibliothek(der jetzigen Ohrenklinik) ein- mütie, sofort nach dem Staufenberg wegzuziehen und erst nach Entfernung der Chevauxlegers nach Gießen zurückzukehren. Mit wehenden Fahnen und Trommelschlag setzte sich der Zug in Beweeunge.!) Die Ausgezogenen verpflichteten sich durch Ehrenwort, den Beschlüssen des Komitees Folge zu leisten. Es entwickelte sich nun ein fröhliches Leben, das noch gesteigert wurde, als um 3 Uhr morgens Marburger Studenten in Chaisen mit Fackeln ankamen. Die Bürger schickten Lebensmittel und Bier, und am Nachmittag des 8. August fand auf der oberen Ruine ein großartiger Kommers mit Bürgern statt. Unterdessen hatten als Wortführer der Studentenschaft der stud. iur. Götz aus Mainz und stud. phil. Liebknecht aus Gießen(der spätere Sozialistenführer) mit dem Senat verhandelt. Der Friedens- schluß erfolgte aber erst, als der Gemeinderat von Gießen sich bei dem Senat verwandte und von diesem die Zusicherung erhielt, er wolle die Soldaten wegschicken und beim Ministe- rium eine Amnestie erwirken, wenn die Studenten ihrerseits sich für Aufrechterhaltung der Ruhe verbürgten. Als am Sonn- tag, 9. August, morgens 4 Uhr, eine Deputation des Gemeinde- rats mit diesen Vorschlägen auf dem Staufenberg erschien, wurden diese sofort angenommen, und gegen 9 Uhr morgens erfolgte der ruhige Wiedereinzug in Gießen. Die Sache hatte denn auch für alle Beteiligten keine allzu tragischen Folgen. Zur Erinnerung an den Auszug wurde noch einmal am 8. August 1847 auf dem Staufenberg ein Kommers von Stu- denten und Bürgern veranstaltet. Der für den Auszug be- oründete Ausschuß hatte so sehr zu allgemeiner Zufriedenheit seines Amtes gewaltet, daß man beschloß, ihn in einen perma- nenten zu verwandeln. Er bestand aber nicht lange. Wie sollte auch auf die Dauer unter einer Schar von 400 deut- schen Jünglingen Eintracht herrschen? Der knapp bemessene Raum gestattet leider nicht, auf die Geschichte der Gießener 1) Die Starkenburger, die gerade Stiftungsfest hatten, fuhren erst am folgenden Tage(8. Aug.) direkt von dem Kommers auf dem Schiffenberg, Musik voran, an der Stadt vorbei nach dem Strufenbere DD &)\ 9») Akademisches Studentenschaft während der Revolutionszeit von 1848 einzu- gehen. Um ein Haar wäre damals eins der jetzigen Korps in eine Burschenschaft verwandelt worden. Der Antagonismus zwischen der Burschenschaft und dem SC. hat auch während der folgenden Jahrzehnte, nachdem sich 1851 die Germania und 1862 die Ale- mannia aufgetan(sie bilden heute den DE., d.h. den Dele- sierten- Konvent), fortbestanden, aber seit 1891/92 in mil- derer Form. Der 1852 gegründete Win- eolf hielt sich an- fangs auf der Seite des SC. Mit dem Jahre 1870 setzt dann eine Reihe studenti- scher Neugründ- ungen ein(siehe S. 230), die Zahl der Alemannenhaus Gießener studenti- schen Korporationen auf 20 erhöhte. Da hielt es denn oft recht schwer, eine all- gemeine studentische Feier zustande zu bringen; stets war die eine oder andere Gruppe fern geblieben, weil sie ihre Rechte verletzt oder sich sonstwie zurückgesetzt fühlte. Nach langen Verhandlungen ist es dann der Universitätsbehörde gelungen, am 6. Juni 1895 den allgemeinen Stu denten-Aus- schuß zu errichten(siehe S. 233), der noch zurzeit funktioniert.') So sinnenschmeichelnd nun auch das heutige bunte Farben- gewimmel bei allgemeinen akademischen Festlichkeiten er- scheinen mag, so wollen doch Kenner wissen, daB das studen- tische Leben auf der Ludoviciana seit den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts gar vieles von seiner Urwüchsig- keit, von seiner speziellen Gießener Figenart eingebüßt habe, die es in den vorhergehenden Dezennien aufwies. Das kann man bedauern oder auch nicht bedauern— jedenfalls werden einige Mitteilungen aus jener dahingeschwundenen Zeit auf allgemeines Interesse rechnen dürfen. 1) Festschrift der Germania S. 94. rn min or 254 Akademisches. Gießen war in der ersten Hälfte des vorigen jahr- hunderts im Grunde genommen nicht viel mehr als ein großes Dorf, ein Studentendorf. Bis in die 40er Jahre lagen noch die Misthaufen an der Straße, von Hühnern belebt; blökende Schafherden wurden alltäglich zur Weide getrieben. An der Spitze der Stadt, wie im Gemeinderat, befanden sich nur solche„Borjer“, die„Hehmil un Sahnd- sticker‘‘ ihr eigen nannten; die„Beihäger, die naut hatte(n)‘, also Professoren, Beamte und Studenten begegneten einem Wohl- wollen, in das eine ziemliche Dosis Mitleid ob des Nichtbesitzes jener so wichtigen Inventarstücke sich mischte. Die Gosse hieß „Floß“. Das Wort ist kurz zu sprechen, es kommt von„fließen“. Da ‚„floß“ nämlich nicht nur der Abfluß der Misthaufen und das Küchenwasser, sondern auch, was die Luftklosetts spendeten, die hoch oben gleich großen Starkästen an den Wänden der Häuser klebten. Außerhalb des Ringgrabens gab es nur ganz vereinzelt Häuser; die Neuenbäue endete mit dem ehemals Reatz’schen Hause. Dies war die kleinbürgerliche, verkehrsarme Ackerstadt, in die der Student mit leichtem Gepäck per pedes Apostolorum oder auf der ‚„Blamage‘(dem Omnibus) einzog. Die große Mehrzahl aller Studierenden verfügte über einen äußerst be- scheidenen Wechsel, und ihre Lebensweise und ihr Auftreten war sehr einfach.!) Besonders in Kleidern kannte man keinen Luxus. Einen Ueberzieher besaß durchaus nicht jeder;„als wir in Gießen waren“, pflegte ein durch seinen Witz bekannter Starken- burger zu erzählen, ‚da hat sich der Winteranzug überhaupt vom Sommeranzug nur durch die größere Geschwindigkeit unter- schieden, womit wir in ihm durch die Gassen sausten‘. Aller- dings ist es in den 30er Jahren einmal Mode gewesen, die Farben der Korporation außer an Mütze und Band auch an den— Hosen zu tragen?) Ein Friseur wäre damals in Gießen verhungert, und Handschuhe trug man nur auf Bällen und bei Staatsbesuchen. Daß man auch bei anderen Gelegen- heiten Glac&handschuhe tragen könne, hielt ein solcher alter Gießener für unmöglich; und als einer einst in Marburg eines behandschuhten Studenten auf der Straße ansichtig wurde, soll seinen Lippen das geflügelte Wort entfahren sein:„Guck nur den schnurrigen Kerl dort, der trägt ja, hol mich der t) Das folgende nach der Festschrift der Hassia S. 199—204; Festschrift der Teutonia S. 26f. 2) Akad. Monatsh., VI,, S. 655. | | j | Akademisches. 255 Teufel! auch Strümpfe an den Händen!“ Seit der Zeit hat man lange in Gießen scherzhaft die Marburger Stu- denten auf echt oberhessisch„‚Strümp‘“, und ihre alma mater „Strumpbach‘ genannt. Viel wichtiger als Handschuhe war der buntfarbene Schlafrock, der auch mit in die Ferne wanderte. Ein alter Hesse gibt folgende anschauliche Schilderung, wie um 1840 der Gießener Studio reiste:„Wer irgend gut zu Fuß war, und nicht allzuviel Wegstunden zurückzulegen hatte, der wanderte nur zur Fuß und zwar gewöhnlich in folgender Tracht: Sporen- stiefel, die damals gang und gäbe waren, lederbesetzte Hosen, über der gewöhn- lichen einfachen Kleidung noch den Schlafrock über- gezogen, auf dem Rücken einen großen Ranzen, an dessen beiden Seiten die Stiefel herunterhingen, an dem Schlafrock einen Ta- baksbeutel, in der linken Hand eine lange Pfeife mit großer Quaste, in der rech- ten einen dicken Eichen- stock, auf dem Kopf eine durchlöcherte Mütze mit eroßem Schild.“ o Germanenhaus Wie wir sehen, fehlt in dieser Ausrüstung der lange Rauf- degen, der im 17. und 18. Jahrhundert eine so große Rolle gespielt hatte. Die Duelle in den Straßen der Stadt sind be- seitigt und nach dem Paukplatz verlegt, wo sie unter Wahrung der nötigen Förmlichkeiten ausgefochten werden. Aber die Musensöhne der damaligen Zeit waren doch noch weit ent- fernt von dem gemessenen Wesen und dem sorgsam abgezirkel- ten Auftreten der heutigen. Wie oft blieb es bei Zusammen- stößen auf der Straße, besonders nachts, nicht bloß bei kräftiger Schimpfrede, sondern man benutzte Pfeifenrohr und Eichen- knüppel zu argumenta ad hominem! Das nannte man Holz- komment, der dann, soweit unter den Beteiligten ein Pauk- verhältnis auf blanke Waffen bestand, regelmäßig eine Reihe von Schlägermensuren herbeiführte.e Die Mensuren waren natürlich von den Behörden streng verboten, und es bedurfte 256 Akademisches. oft großer List und Verschlagenheit, um sie ungestört von den „Schnurren‘“(den Pedellen) ausfechten zu können. Das Paukzeug mußten damals noch die Füchse zum Kampfplatz schleppen, wobei die Schlägerklingen unter den Beinkleiderü transportiert wurden. Ebenso standen Füchse während der Mensur auf Wache gegen die Schnurren. Für Mensuren auf dem Windhof wurde später dieser Vorpostendienst bedeutend erleichtert, seitdem im Promenadenhaus und auf der Pulver- mühle Studentenkneipen waren. Sobald nämlich ein Schnurr die Lahnbrücke passierte, wurde auf der Kneipe eine Flagge hochgezogen. Bis dann der ehrsame Ruckelshausen oder Kißler auf dem Windhof erschien, waren natürlich Paukanten und Sekundanten längst ausbandagiert, das Paukzeug säuberlich ver- steckt, und man markierte eine friedlich kneipende Gesellschaft. Die Schnurren machten lange Gesichter, denn sie hatten von jedem akademischen Zuschauer einer abgefaßten Mensur 2 Gulden zu beanspruchen.— Als in der letzten Hälfte der 50 er Jahre die Prinzen Ludwig(der spätere Großherzog Ludwig IV.) und Heinrich von Hessen hier studierten, meinte der Universitäts- richter Haberkorn einen verdoppelten Eifer im Abfassen von Mensuren entfalten zu müssen. Prinz Ludwig seinerseits hätte gar zu gern einmal eine Mensur gesehen. So oft er aber auch seine Spazierritte nach einem Paukplatz lenken mochte, es war stets umsonst, denn vorher hatten Haberkorns Schergen ihres Amtes gewaltet. Der hohe Herr hat nach einem Diner selbst sein Malheur erzählt und hinzugefügt, seine 2 Gulden Abfaß- gebühren führe er immer bei sich.!) Die Gießener Fechtkunst hatte immer einen guten Ruf gehabt, ihre Blütezeit aber fällt zugestandenermaßen in die fünfziger, sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Damals war Universitätsfechtmeister Heinrich Roese,„viel- leicht der berühmteste Fechtlehrer aller deutschen Hochschulen‘), ein Mann von urwüchsigem, goldenem Humor und von hervor- ragender Lehrbefähigung.?) Ihm war es vergönnt, die originale Gießener Fechtkunst zu einer kaum zu übertreffenden Höhe zu erheben und eine stolze Reihe der elegantesten, flottesten und erfolgreichsten Schläger auszubilden, die je auf deutschen Hoch- Festschrift der Starkenburgia S. 56. ) Dr. Pluto(Martin). Burschenherrlichkeit. Lose Blätter aus den Papieren eines alten Korpsstudenten. S. 431, 3) Festschrift der Starkenburgia. S. 98 u, 49. e) Akademisches. Dam schulen gefochten haben.t) Flegler nennt als berühmte Fechter der sechziger Jahre von der Hassia: Hirsch, Flach, Frees, Frank, die beiden Schuster, Klein, Hoff- Mann SWienner, Bierau, FEunorTase he; von der Tenor: Kueliler, die. beiden Seyd,-Erapp), Seh a) Sıprakme, IN ımullleis,, die beiden. anurn, Dorn von der Starkenbureia: Schüßler, Röder, Vierheller, Pullmann und Kratz.„Wenn zwei be- währte Fechter mit dem Schläger in der Hand sich gegenüber- traten, da wurde der Pauk- platz zur Schaubühne, und der Zweikampf verwandelte sich in eine dramatische Aktion, deren einzelnen Szenen eine Kopf an Kopf gedrängte Korona mit blitzendem Auge und ver- haltenem Atem folgte. Und wenn gar ein Korps seine auserwählten Leute nach auswärts schickte, da gab es allerorts gewaltige Augen über die stolze Kunst der Quarten und Terzen, die auf derLudoviciana in Blüte stand... Die Kontrahage- mensur, die Küchler und Kratz in ihren alten Tagen noch miteinander schlugen, war ein Schauspiel für Menschen und Götter. Wie Wingolfshaus zwei Tiger aufeinander lauernd, standen sie vor jedem ersten Hiebe einander gegen- über. War dieser gefallen, so hagelten die andern nur so nieder, daß einem bei bloßem Zuschauen fast Hören und Sehen verging. Unter zwanzig sind wohl kaum in einem Gange geschlagen worden. In der Kopf an Kopf gedrängten Korona stand auch, strahlend ob solcher Leistungen Gießener 1) Das Folgende wieder nach der von Prof. Flegler verfaßten Geschichte des Korps Hassia, S. 247—250. Die Burschen- schaften haben damals ebenfalls berühmte Fechter gehabt, doch ist mir leider kein gedrucktes Material darüber zugänglich ge- wesen. Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 17 958 Akademisches. Fechtkunst, Vater Roese, der sich sonst grundsätzlich vom Paukplatze fernhielt. Beinahe wäre er einmal zur Ruhe ver- wiesen worden, weil er Beifall klatschte und Bravo rief“ (Flegler, Die Hassia zu Gießen, S. 250). Die Korona aber bestand nicht allein aus Studenten, sondern auch aus Gymnasiasten und Bürgern. Wir Primaner waren 1871 und 72 stehende Gäste bei den Mensuren; einmal, als wir in hellen Haufen auf der Heimkehr von Wieseck be- griffen‘ waren, kamen die Doktoren R. und C. vom Gym- nasium hoch zu Roß dahergetrabt, und am nächsten Morgen hielt uns Väterchken Geist eine Standrede über den schädlichen Besuch der ,„Mensuren, wo Duelle ausgefochten werden“, die nicht von schlechten Eltern war. Unter den Bürgern aber gab es eine stattliche Anzahl solcher, die keine Paukerei versäumten, und die in der Gießener Paukgeschichte Bescheid wußten, wie lebendige Paukbücher. War ja doch auch das Verhaltuis zwischen Studentense ande Dia listern im Verlaufe des 19. Jahrhunderts freundlicher ge- worden. Noch 1830 sang man: „Die Philister fressen sich dick und feist, Und wissen den Teufel, was Freiheit heißt.‘ Und im Sommer 1836 hatte vor dem Walltor eine furcht- bare Prügelei zwischen Studenten und Bürgersöhnen statt- gefunden; vornehmlich ärgerte es die Studenten, daß jene unter Nachäffung aller studentischen Formen eine Verbindung(„Chor der Rache‘‘) gegründet hatten, während ihnen selbst jede Ver- einigung untersagt war. Infolge jener Prügelei waren fünfzig Studenten relegiert worden.!) Aber schon um 1850 sang man die heutige Lesart2): „Die Philister sind uns gewogen meist, Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.“ Die Zeiten hatten sich eben geändert, und friedlich tranken die Bürger der Stadt neben denjenigen der Hochschule in denselben Lokalen ihr Bier. Freilich— besonders gut ist auch in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts das Gießener Bier noch nicht gewesen.®) Damals war die beliebteste Wirtschaft das„Loose 1) Akad. Monatsh. VI, 713f. 2) Festschrift der Starkenburgia S. 5. 3) Vergl. die köstliche Felsenkellerszene S. 55ff, im „„penglermeister Bimbächer“. Verlag Emil Roth, Gießen. Akademisches. 259 Heefche“ in der Neustadt(jetzt Schmücker Nachfolger), dessen Schönheit von phantasiebegabten Stammgästen mit der des Heidelberger Schlosses verglichen wurde; im Winter saß man in der„Gabel“ und im„Riemen“. Ein großes Ereignis war es, als am 6. Juni 1840 Loos in seinen neugebauten „Felsenkeller“ überzog. Da fand unter Führung der vier damaligen Korps ein Gambrinuszug von dem alten nach dem neuen Lokale statt, an dem sich fast die ganze Studentenschaft beteiligte. Droben hielt der Teutone Knapp in Anwesenheit zahlreicher Professoren, darunter Liebig, Balser, v. Löhr, Umpfen- bach, eine witzige Bierrede, und der Rhenane Schuchard kom- mandierte dann mit dem Sprachrohr des Turmwächters auf Balthasar Loos einen Riesensalamander!, bei dem auf Kom- mando innerhalb einer Minute zwei Ohm Bier vertilgt wurden.?) Seit der Mitte des Jahrhunderts waren neben anderen be- sonders zwei Wirtschaften beliebt: der Andres Weidig in In’s Lotze-Eck der Sonnenstraße und’s Lotze auf dem Seltersweg, die beide selbstgebrautes, bekömmliches Bier ausschenkten, und beide in den Händen von kernigen, echten Bürgersfamilien waren. Im „Andres“. haben seit den 60er Jahren die Burschen- schafter ihre Exkneipe, während„'s Lotze‘“ mit ganz ver- !) Der Salamander ist nach der Korpsgeschichte der Hassia S. 67 in der Mitte der dreißiger Jahre in Gießen durch Hessen, die in Heidelberg studiert hatten, eingeführt worden. 2) Festschrift der Teutonia S. 52f., der Starkenburgia S. 131. fe 2 he FAR I 4 200 Akademisches. einzelten„Jamb‘-Intervallen bis zum Anfang der neunziger Jahre länger als drei Jahrzehnte hindurch SC.-Lokal war. Im Andres erreichte die Fidelität ihren Höhepunkt zur Zeit des Bock-Ale-Ausschanks, im Februar und März. Da saßen dann dichtgedrängt Studenten, Beamte, Offiziere und Bürger in dem schmalen, langen Lokal und kosteten schmun- zelnd den würzigen Trank. Zu vorgerückter Stunde kam es auch vor, daß man Bänke und Stühle erklomm und einen gemeinsamen Cantus steigen ließ. Und wenn dann wohl einmal im„Anzeiger‘ des nächsten Tages an die Ehrlichkeit desjenigen appelliert wurde, der eine auf dem Weg von der Sonnenstraße nach der X-Straße verlorene goldene Brille und goldene Uhr mit Kette gefunden haben sollte, so bestand für den sach- und ortskundigen Leser kein Zweifel über den Kausalnexus sotanen Verlustes, aber auch ebensowenig ein Zweifel darüber, daß der Verlierer so wertvoller Utensilien wohl schwerlich ein Student sei. Auch das Lotz’sche Lokal war eng und dumpf wie das alte Weidig’sche. Zur Zeit seines höchsten Ruhmest) bestand es nur aus zwei Zimmern. In dem größeren quadratischen Vorder- zimmer saßen an getrennten Tischen die Korpsstudenten und die Bürger. Bei den letzteren unterschied man den„Lügen- tisch“ und. ‚die zwolr Apostel" Das KenesNenen- stübchen hieß„der Mandarinenkasten“; in ihm saßen die alten Herren der Korps. Die Mehrzahl der Bürger nahm an dem Tun und Treiben der Korpsstudenten lebhaften Anteil, und daher bestand zwischen beiden Teilen stets ein freund- liches Einvernehmen und ein zwangloser Verkehr. Kellner gab es keinen. Wenn„Schorsch‘“, jene originelle Mischung von Phlegma, Mutterwitz, Grobheit und Grandezza, seine Zeitung ungestört lesen wollte oder sonst zu bequem war, dann meinte er lakonisch: ,„Zabbe se sich selwer!“, und wenn es ans Be- zahlen ging, dann wurde die Zechschuld einfach nach der individuellen Bierkapazität abgeschätzt. Fremde, die natürlich die Eigenheiten Georgs und des Wirtschaftsbetriebs nicht kannten, machten da gelegentlich seltsame Erfahrungen. Damals nannte man im Lokal die beiden verzapften Biersorten„Schuster“ und„Salvator“ nur abgekürzt:„Schuh“ und„Salv‘.(Solche Abkürzungen, besonders von Namen, waren dazumal an der Tagesordnung. Es ging z. B. niemand zu Max Pilger, sondern zu Meo Peo.) Kommt da nun einst ein Berliner Reiseonkel !) Dr. Pluto, Burschenherrlichkeit S. 37—41. Festschrift der Starkenburgia S. 101 und 95. Akademisches. 261 hereingestürmt:„Bitte, ein Jlas Bier.‘— Georg, der gerade zapft, wendet den Kopf ein klein wenig nach dem Gaste und as Schuhe Sala— Em Jlas Bier,"wenn ich bitten darf!“— Darauf Georg abermals:„Schuh? Salv?“— ‚„Donner- wetter, Jrobian, ein Jlas Bier will ich!“ Da sagt Georg nichts mehr, sondern öffnet ganz ruhig die Tür, hebt das verdutzte Männeken in die Höhe und setzt es behutsam an die Luft. — Bekannt ist auch die Antwort, die er einem anderen Fremden gab, der um die Speisekarte bat:„Speisekarte haben wir nicht, aber ich will Ihnen sagen, was es zu essen gibt. Gestern hatten wir Rumpsteak, Rehbraten, Hasenbraten; heut’ können Sie haben Leberwurst, Blutwurst, Preßkopf, Lim-, Hand- und Schweizerkäs.“ Ihren Höhe- punkt pflegte die ausgelassene Stimmung unter Assistenz der Originale vom Lügentisch, Kaspar Huhn, Tippo Sahib, Gartenwenzel, Palmer Euler etc. beim Sonntagsfrühschoppen und auf Fastnacht zu erreichen," wo einmal der dicke Starken- Darmstadtiahaus burger M., in Georgs Mütze und blauem Kittel, diesem täuschend ähnlich, am Schenktisch waltete. Im Jahre 1869, als Karl Lotz zum zweitenmal heiratete, wurde der ganzen Familie Lotz die Teilnahme an der Hochzeits- feier nur dadurch ermöglicht, daß die zwei dicksten Korps- studenten Schn. und Str. die Brüder Lotz am Büffet und in der Küche ablösten.— In späterer Zeit(unter Klostermann) wurde der„Mandarinenkasten‘“ in die frühere Küche verlegt, und da pflegte dann oft nachts um die Geisterstunde Christian Busch sich auf seiner Rundfahrt einzufinden, Christian, der Pfeifenraucher, Komponist!), Flötenspieler, Sänger und ewige Stu- 1) Als wir Primaner am 14. Januar 1871 durch eine Auf- führung von„Wallensteins Lager‘ und„Kurmärker und Pi- karde‘“ 437 Mark für die Verwundeten aufbrachten, hatte der erste Flötist unseres Schülerorchesters Christian Busch für das Rekrutenlied„Trommeln und Pfeifen‘ eine sehr gefällige Weise erfunden, nach der das Lied von dem späteren Opernsänger Heinrich Müller-Franken(,‚Hennebenn‘) unter rauschendem Bei- fall gesungen wurde. 4 Er" Er Far 2062 Akademisches. dent, um dessen bierehrliches Haupt die allmählich ins sagenhafte steigende Zahl seiner Semester einen stets wachsenden Nimbus wob. Infolge eines Unfalles auf der Fechtscheuer außer stande, ein Examen zu bestehen, blieb er zeitlebens Famulus im chemi- schen Laboratorium, ließ sich nie exmatrikulieren und brachte es so im Laaf der Jahre zu dem Ruhm, der älteste Student Deutschlands zu sein. Er starb im Wintersemester 1904/05 im 51. Lebensjahre, im 67. Semester, und wurde unter Teil- nahme der gesamten Universität und zahlreicher Bürger mit hohen Ehren begraben. Schade, daß er nicht mehr dazu kam, wie er vorhatte, sein wertvolles Besitztum am Seltersweg der Stadt für einen Saalbau, der uns so sehr not tut, zu vermachen! Hat so die Universität in Christian Busch ein Original ver- loren, wie es vielleicht nie wieder auf deutschen Hochschulen vorkommen wird, so hatte sie schon lange vorher das Ver- schwinden von akademischen Bräuchen zu be klagen, die zwar nicht speziell Gießenerisch, aber dach für die alte Burschensitte charakteristisch waren. Dahin gehört zum Beispiel der„Fuchsritt“ und das„Fuch- senbrennen“ Der letzte Fuchsritt der Starkenburger fand am 15. Mai 1871 statt, während bei den anderen Korps dieser Brauch schon vorher außer ‚Uebung ge- kommen war.!)— Weiter das Komitat.(d. h. Ehrenbegleitung besonders verdienter Kommilitonen).?) Der zu Ehrende saß in vierspännigem Galawagen, neben ihm der erste Chargierte in Wichs, auf dem Bock der Postillon(gewöhnlich der alte Wagner, der auch oft beim Fuchsritt mitwirkte), in Galauniform mit dem Posthorn, der durch die Stadt die Weise des alten Liedes„Bemoster Bursche zieh’ ich aus‘ blies. Vor dem Ehren- wagen ein Wagen mit zwei Füchsen in Schärpen und Stulp- handschuhen, die die beiden Korpsfahnen trugen, und hinter dem Ehrenwagen die übrigen Korpsmitglieder in Zweispännern. So fuhr der Zug langsam durch die Stadt entweder zum Bahn- hof oder zu einer nahe gelegenen Bahnstation, wo es dann hieß: „Und nun, ihr Brüder, sei’s, weil’s muß, Das letzte Glas, der letzte Kuß!“ Ein besonders großartiges Komitat mit Kommers in Butz- bach veranstalteten die Teutonen im Sommer 1843 zu Ehren 1) Anschauliche Schilderung in der Festschrift der Starken- bBikelanıS 37% 2) Festschrift der Starkenburgia S. 64. Akademisches. 263 ihres Stifters v. Lichtenberg.— Daß endlich die solennen nächtlichen Musikständchen unter den Fenstern hübscher junger Damen außer Mode gekommen sind, wird die tanzfrohe holde Weiblichkeit von heute wahrscheinlich ebenso sehr bedauern, wie es der ruhsame Bürger mit Genugtuung begrüßt. Nach Kommersen und Examensauflagen zog man, meist nach eingeholter polizeilicher Erlaubnis, vor die Woh- nungen der Schönen, und die Musikkapelle spielte je drei geeignete Stücke!) Gesungen wurde dabei nicht, wohl aber sah das bleiche Mondlicht oder der Strahl der aufgehenden Sonne gar manche eigenartige choreographische Kunstleistung, die die gewohnten Kommißtänze der Bälle weit in den Schatten stellte. Daß durch eine solche Serenade die Bewohner ganzer Straßenzüge in ihrer Nachtruhe gestört wurden, mag wohl der Grund gewesen sein, weshalb seit dem Ende der siebziger Jahre keine mehr genehmigt wurde. Ueberhaupt aber hat sich die Damenwelt während des 19. Jahrhunderts reicher Huldigung von seiten der Gießener Studenten zu erfreuen gehabt. Da lesen wir außer von Bällen auch von zahlreichen Damenpartien im Sommer wie im Winter, letztere natürlich zu Schlitten. Vor dem Bestehen des Klubs wur- den sogar die Bälle für die feinere Welt ausschließlich von Studenten, meist vom SC., arrangiert.?2) Die Leitung des Ganzen wurde mehreren Entrepreneuren übertragen, die eine Liste der einzuladenden Familien und Studenten aufzustellen, die Ein- ladungen persönlich zu besorgen, die Eintrittsgelder zu erheben und daraus die Kosten für das Fest zu bestreiten hatten. Auf einem dieser Entrepreneur-Rundgänge bei den Familien trug sich nun folgender Vorfall zu, mit dessen Schilderung wir unsere Mitteilungen beschließen wollen. Unter den mancherlei Origi- nalen, die dem Lehrkörper der Ludoviciana im Verlauf des 19. Jahrhunderts angehört haben, muß der Theologe Dal mer entschieden eins der originellsten gewesen sein. Eine hervorragende Eigentümlichkeit von ihm war seine außerordent- liche, grenzenlose Höflichkeit. Als einst die Entrepreneure ihr Verslein bei ihm aufgesagt hatten und sich verabschiedeten, begleitete der höfliche Mann sie von der Tür auf den Gang, von dem Gang zur Treppe, natürlich unter endlosen Bücklingen. An der Treppe aber wird ihm das viele Dienermachen zum Verhängnis: er tut einen falschen Tritt, gleitet aus, und— ver 1) Festschrift der Starkenburgia S. 78. 2) Akad. Monatshefte, VI., S. 591 und 6551. 264 Akademisches. den Augen der entsetzten Vertreter kollert der Mann der Gottes- gelehrsamkeit die ganze hohe Treppe hinab bis auf die Stein- platten des Hausflurs. In Riesensätzen eilen die Deputierten ihm nach und helfen ihm auf. Kaum aber steht er wieder auf den Füßen, so wehrt er ihren Beileidsbezeugungen und spricht, während er mit verbindlichen Verbeugungen ihnen die Hand drückt, die ewig denkwürdigen Worte:„Tut durchaus nichts, meine Herren, ich hätte Sie ohnedem bis hierher bier® Kestzeit..) 1) Festschrift der Hassia S. 81. Berichtigung. Die Notiz auf S. 251, daß der Gießener SC. nie mehr als 4 Korps enthalten habe, ist unrichtig. Im Winter 1841/42 trat zu den vier bestehenden Korps: Hassia, Rhenania, Starkenburgia, Teutonia ein fünftes Korps: die Markomannia. Dieser SC.-Bestand von 5 Korps blieb bis zum Sommer 1843. Da verschmolz sich die Hassia mit der Markomannia und nahm deren Stiftungstag an; gleichzeitig löste sich auch die Rhenania auf, wurde aber in der Folge zu verschiedenen Malen wieder aufgetan; zum letztenmale bestand sie von Sommersemester 1858 bis Wintersemester 1861. Die Rhenania ist ein stattliches Korps gewesen; beiläufig bemerkt, ist das künstlerisch vollendetste von allen Gießener Korpsbildern gerade ein Rhenanenbild. US}1ED}SIO,] UOP sne aeg en ee nz or Wohnungsverhältnisse. Die Wohnungsverhältnisse in der Stadt sind sehr günstig. Die Häuser sind in überwiegender Anzahl neu und modern eingerichtet, meist freistehend, villenartige mit Gärten. An Miete ist zu zahlen für einfache Wohnungen von drei Wohnräumen 210 bis 280 Mark, bei vier Räumen 300 Mark bis 500 Mark, bei größeren Wohnungen schwanken die Preise je nach Lage und Komfort. Wohnungsnachweis. $ 1. Die Tätigkeit des Wohnungsnachweises erstreckt sich auf den Gemeinde- bezirk der Stadt Gießen. $2. Für jede Wohnung wird bei der Anmeldung vom Vermieter eine Einschreibegebühr erhoben. Diese beträgt bei Wohnungen mit einem jähr- lichen Mietwert bis 300 Mark einschließlich 20 Pfg., von mehr als 300 Mark bis 500 Mark einschließlich 50 Pfe. und von mehr als 500 Mark 1 Mark. Für die Wohnungsuchenden geschieht die Vermittlung unentgeltlich. $ 4. Der Vermieter ist verpflichtet, dem Wohnungsnachweis die erfolgte Vermietung, sei diese durch den Wohnungsnachweis vermittelt oder nicht, spätestens am folgenden Wochentage anzuzeigen. Bei der Anmeldung der Wohnung hat der Vermieter 1 Mark zu hinterlegen, welche bei Nichteinhaltung dieser Verpflichtung oder bei wahrheitswidrigen Angaben.(8 3) zu Gunsten der Stadt Gießen verfällt. 86. Der Wohnungsuchende erhält zur Besichtigung passend erscheinender Wohnungen eine Ausweiskarte, welche an den Vermieter abzugeben ist und von letzterem zur Anzeige der erfolgten Vermietung benutzt werden kann. Pflege des Sports. Der Sport findet in Gießen lebhafte Pflege. Die Umgebung bietet in Wald und Feld vortreffliche Jagdgründe. Das Volks- bad und die Lahnflußbäder ermöglichen den Schwimmsport. Eine Zementradbahn an Textors Hardt gelegen hat zur Ver- anstaltung von weither besuchten Fahrrad- und Motorräder- Rennen alljährlich Veranlassung gegeben. Auch der Ruder- Bootshaus(Gießener Rudergesellschaft) sport wird in Gießen lebhaft betrieben. Die Gießener Ruder- Gesellschaft 1877(E. V.) besitzt. an der Lahn ein eigenes Boots- haus. Eine Rennbahn für den Rudersport ist vorhanden, inter- nationale Regatten werden regelmäßig auf derselben abgehalten. Der Gießener Eisverein(E. V.) besitzt einen Eisplatz mit den besten Einrichtungen, welcher, sobald der Frost einsetzt, alt und jung zu flottem Schlittschuhlauf versammelt. Der Gießener Ballspielklub 1904 und der Gießener Fußballklub von 1900 vertritt den Fußballsport. Schachspieler finden im Schachklub Gießen ihre Spielgelegenheit. Tennisplätze sind vorhanden. Der Reitsport findet seine Stätte in der Universitäts-Reitschule. Der Schützenverein Gießen hat im Schützenhaus sein Vereinshaus mit eigenen Schießständen. Ein idyllischer Schliefplatz für D @ Pflege des Sports Sportplatz bei Bichlers Hardt Hundesport ist am Philosophenwald durch den Verein Hunde- sport für Gießen und Umgebung angelegt. Ferner sind zu er- wähnen: Zimmerstutzenklub Gießen und Zimmerstutzen-Verein, Erster Gießener Stemm- und Ringklub, auch eine Amateur-Photo- graphen-Vereinigung, 3 Kegel-, 3 Radfahrervereine, 5 Turn- vereine. Der weitaus regste Sport ist der des Wanderns in der herrlichen Umgebung, den neben privater Betätigung zwei Sek- tionen des D. und Oe. Alpenvereins, ein Vogesenklub und der Vogelsberger Höhenklub organisierten. Es ist für das Sport- leben in Gießen bestens und in hervorragender Weise gesorgt, alle Arten des Sports finden hier ihre Pflegstätte. Se Sc Wichtige Adressen für den Privatverkehr. Aerzte. Alker, Dr. Hermann, Augenarzt, Süd-Anlage 3. Sprechst. S—10 vorm. Arndt, Heinrich, Bahnhofstr, 39. Sprechst. 8—9 vorm., 2 8—10 vorm. Bötticher, Dr. Eduard, Kreis-Assistenzarzt Felsing, Dr. Karl, Bergstr. 9. Sprechst. 8S—-9 vorm., 12.30—1.30 nachm. Geyer, Dr. Franz, Seltersweg 64 I. Sprechst. 8.30—10 vorm., 2.30—4 nachm, Haberkorn, Dr. Julius, Medizinalrat, Kreisarzt, Moltkestr. 5. Sprechst. unbest. Kipper, Dr. Georg, Wilhelmstr. 2. Sprechst. täglich 9—11 vorm. Klein, Dr. Karl, Ost-Anlage 37. Sprechst. S—9 vorm., nur werktags 2 nachm., Sonntags Ludwigstr. 59. Sprechst. unbestimmt. ’ 3 nachm. Koeppe, Dr. Hans, Alicestr. 3, Sprechst. S—9 vorm., nur werktags 3 nachm. In der Kinderpoliklinik, Frankfurter Str. 10H., wochentags 12—1 mittags un- entgeltliche Sprechstunde für Unbemittelte Leutert, Prof. Dr. Ernst, Wilhelmstr. 12. Sprechst. 10—12.30 mittags täglich in der Ohrenklinik. Bei vorausgeg. Anmeldung auch 4 Uhr nachm, Meyerhoff, Dr. Julius, Neuen Bäue 27. Sprechst. S—9 vorm., nur werktags 2—3 nachm. Pfannenstiel, Johs., Geh. Medizinalrat, Prof. Dr., Direktor der Univ.-Frauenklinik, Klinikstr. 28. Sprechst. nur werktags 11.30—1 vorm Ploch, Dr. Karl, Asterweg 34. Sprechst. S—9 vorm., nur werktags 2—3 nachm. Poppert, Prof. Dr., Direktor der chirurg. Klinik, Wilhelmstr. 15. Sprechst. 12—1 vorm. außer Samstags und Sonntags teinewald, Dr. Theoph., Spezialarzt für Ohren-, Nasen-, Halsleiden und Sprach- störungen, Liebigstr. 32. Sprechst. 9—1 vorm., 2—3 nachm 9—11 vorm. Richter, Dr. Karl, Spezialarzt für Chirurgie, Frankfurter Str. 4. Sprechst. 11 bis 12 vorm.(f. chir. Erkrank.), 3—4 nachm. nur werktags. Schliephake, Dr. Fritz, Goethestr. 44, Sprechst. 8&—9 vorm., 2—3 nachm. nur werktags. Sonntags ’ Sommer, Dr. med. et phil. ord. Professor, Direktor der Klinik für psychische und nervöse Krankheiten, Frankfurter Str. 97. Sprechst. für Nervenkranke 11—1 in der psychiatr. Klinik nur werktags. Vossius, Adolf, Geh. Medizinalrat, Prof. Dr., Direktor der Univ.-Augenklinik, Frankfurter Str, 48. Sprechst. 10.30—1.30 vorm. in der Augenklinik. Wagner, Franz, West-Anlage 51. Sprechst. 8—9 vorm., nur werktags 3—4 nachm. Walther, Prof. Dr. Heinrich, Frauenarzt, Seltersweg 91. Sprechst. 10-11 vorm., 3—4 nachm. Winther, Dr. Wilhelm, Oberstabsarzt a. D., dirigierender Arzt der Balserischen Stiftung, Wilhelmstr. 14. Sprechst. 11—1 vorm., 2.30—4 nachm. Zinßer, Dr. Heinrich, Medico-mechan. und orthopäd. Institut, Goethestr. 10. Sprechst. 8—9 vorm., nur werktags 2—3 nachm. Siehe ferner Zahnärzte. — am Wichtige Adressen für den Privatverkehr. Apotheker. Caesar, Jül., Dr, Hirschapotheke, Frankfurter Straße 4. Dornberger, Herm., priv. Pelikan-Apotheke, Kreuzplatz 2. Schwieder, Theodor, Universitätsapotheke„Zum goldenen Engel“, Schulstr. 1. Buchdruckereien. Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Schulstraße 7. druckerei(M. A. Klein), Seltersweg S3’hl und Universitäts-Buchdruckerei©. Kindt, Johannesstr. 4. Brühl’sche Gießener Verlag von Münchow’sche Hof- Nitschkowski, Wilhelm, Neuenweg IDEL: Ottmann, Ed., Heppeler& Meyer, Ludwigstraße 30 H. Weinert, Joseph, Neuenweg 9. Buchhandlungen. Ferber’sche Universitäts-Buchhandlung(C. Koch), Seltersweg 87. Frees, August, Hof- und Universitäts-Buchhandlung, Seltersweg 53. Hessische Lehrmittel-Anstalt, Emil Roth, Marburger Straße 20. Ricker’sche Universitäts-Buchhandlung, Süd-Anlage 5. Gesang- und Musiklehrer. 3auer, Ferd., Wetzsteingasse 43 N. Bauer, Franz, Dammstraße 34. Bauer, Herm., Dammstraße 34. Zuff, Meta, Frankfurter Straße 10. Felchner, Elisabeth, Schillerstraße 13. Felchner, Mathilde, Schillerstraße 13. Gernhardt, Wigand, Frankfurter Straße 12N. Geller, Leop., Ederstraße 5. Hahn, Julius, Wiesenstraße 1. Hempel, Karl Ww., Walltorstraße 24 Kasten, Albert, Roonstraße 36. Körner, Minna, West-Anlage Kruse, Christian, Ederstraße, Ecke Steinstraße. Kruse, Gg., Ederstraße, Ecke Steinstraße Sander, Emma, Ost-Anlage 40. Schlapp, Mathilde, Gartenstraße 11. Schneider, Karl, Seltersweg 2. Simon, Agnes, Diezstraße 13. Stammler, Ida, Wilhelmstraße 1. Trautmann, Otto, Universitäts-Musikdirektor, Moltkestraße 6. Volk, Peter, Grünberger Straße 4, Möbeltransporteure. 3ender, Ludw., Kaplansgasse 12% Keßler, Hch., Marburger Straße 28. Stückrath, Carl Heinr., Marburger Straße PIE Weber, Chr., Seltersweg 52N. Weidenhaus, Hch., Löwengasse 13. Musikalienhandlungen. Challier, Ernst, Neuenweg 9. ie Rechtsanwälte und Notare. Arnold, Ferd., Landgrafenstraße 3, s. Dr. Egidius Gutfleisch. Baist, Theophil, Geh. Justizrat, Nord-Anlage 35. Engisch, Friedr., Süd-Anlage 10, s. Dr. Egidius Gutfleisch. Wichtige Adressen für den Privatverkehr. SIT Grünewald, Wilh., Leun, Ludw., vereinigte Rechtsanwälte, Liebigstraße 21. Gutfleisch, Dr. Egidius, Justizrat, Engisch, Friedrich und Arnold, Ferdinand, vereinigte Rechtsanwälte, Bahnhofstraße 67. Hirschhorn, Rudolf, Geh. Justizrat, und Mendelsohn, Hermann, vereinigte Rechts- anwälte, Ludwigstraße 47. Homberger, Rechtsanwalt, Seltersweg 70. Jung, Dr. Ludw., Bahnhofstraße 46. Katz, Hermann, Kaufmann, C., vereinigte Rechtsanwälte, Bahnhofstraße 76. Kaufmann, C., Braugasse 11, s. Katz, Hermann. Klarenaar, Wilh., Rechtsanwalt, Liebigstr. 17 p. Leun, Ludwig, Wilhelmstraße 12, s. Grünewald, Wilhelm. Mendelsohn, Herm., Ludwigstraße 47, s. Hirschhorn, Justizrat, Metz, August, Justizrat, Liebigstraße 15. Müller, Wilhelm, Landgerichtsrat i. P., Rechtsanwalt, Steinstr. 90. Raab, Ludwig, Bahnhofstraße 42. Römheld, Ludwig, Rechtsanwalt und Notar, Seltersweg 56. Rosenberg, Dr. Ernst, Alicestraße 5. Spohr, Dr, Curt, Neue Bäue. Stahl, Dr. Simon, Bahnhofstraße 64. Weidig, Ottmar, Bahnhofstraße 37. Spediteure(s. auch Möbeltransporteure). Adam, Louis, Sonnenstraße 1. Fischer, Joh., Alicestraße 19. Lyncker, Adolph, Bahnspediteur, Erlengasse 7. Pickert, Otto, Frankfurter Straße 27. Schott, Kaspar, Große Mühlgasse 23. Zalınärzte. Frutig, Theodor, West-Anlage 51. Sprechst. 9—12 vorm., 2—5 nachm., Sonn- tags 9—12 vorm. Jaeger, Ed., Frankfurter Straße 3. Sprechst, 8-12 vorm., 2—5 nachm., Sonn- tags 9—11 vorm. Koch I, Georg, West-Anlage 1. Sprechst. 9—12 vorm., 2—5 nachm. Koch, Wilhelm, Seltersweg 24, Sprechst. 8-12 vorm., 1—6 nachm., Sonntags 9—2 vorm. Schwalm, Robert, Plockstr. 7II(Poliklinik für Zahnkranke). Sprechst. 8—12 vorm., 2—5 nachm., Sonntags 10—12 vorm. Für Unbemittelte wochentags 1—2 nachm., American Dentist. Hoddes, Dr. chir. dent., Albert, Bahnhofstraße 76. Sprechst. 9--12 vorm., 2—6 nachm. Zahntechniker. Frutig, Christian, Asterweg 5. Sprechst. 8-12 vorm., 1—6 nachm. Graef, Oskar, Bahnhofstraße 35. Sprechst. 9—12 vorm., 2—5 nachm., Sonntags 10—12 vorm. Melior, Balth., Moltkestr. 281. Theis, Olga, Kreuzplatz 10. Sprechst. 9—6 Zeitungen. „Gießener Anzeiger“, Verlag der Brühl’schen Universitäts-Druckerei. R. Lange, Schulstraße 7. „Gießener Neueste Nachrichten‘, Verlag der Gießener Verlagsdruckerei. Geschäfts- stelle: Seltersweg 83H. © Lahn, du bestrickende Tochter des Rheins, Wie bist du so herrlich vor allen! Dir klingen die Becher des duftenden Weins In Hütten und fürstlichen Hallen. Dich preisen die Lieder mit Jubelgetön Im fröhlichen Wechsel der Tage. Du sonnige Lahn, o wie bist du so schön, Umwoben von Märchen und Sage! Es ragen viel Dome und Burgen ins Land, Zu grüßen dein lachend Gefilde. Die Heilquellen sind dir am grünenden Strand Der Demant im blinkenden Schilde. Und Männer voll Treue und Frauen voll Glut Erblühen an deinen Gestaden. Du sonnige Lahn, o wie schwellst du den Mut, Die Herzen zur Freude zu laden! In strahlender Schöne stehn Dörfer und Stadt Mit waldgrünen Auen zur Seite. Dir gab die Geschichte manch’ glänzendes Blatt Zum Ruhme als Ehrengeleite. Wie Schimmer des Goldes und Edelgesteins Erweckst du des Wandrers Gefallen. © Lahn, du bestrickende Tochter des Rheins, Wie bist du so herrlich vor allen! Keane Schärete gt Hatzfelder ay NW— AOL Bei Battenberger „re SU | x &© Hemerich DEZ FRE\ A VS larburg,© Spiegelslust ’& REN BL Amöneburg®#> VS Fa x 57 I er\ D\ /£ y+ Gladenbach DT berg ON /S eDilendug ae ak, x Zr PEN Ware N Homberg» Fi N oao / x an U, N Stall N A Ber S ne Y DE Kon, N Worne h N Te\ « ilerborn/ a N= Y /2 Staufehber; N& / Mohensalmfe Perg rg,\\ 2 Köngkberge ei en TollankrKop= Greifenstein|| Velzbarg sag, IK Mg enburg ‚Busedk| || odheimmi+ Leunstden"Fangelste-; IO | je& N Kelberg Fri Era Bun ee \ Kinzexbacha-;_;_ h richstki \ Yermann slan.."" Heuchglheine 87 SSEN*lfodgen| Geissensteng N \\ N®Ahnerod[7 x \ 4\ einen 7$ eMerenberg\ Wetzlar Sarg“ 9 SpAiffenberg/ Bilsteinz Be \ Pi/ 2 N N er Ni_ Zeihgestern Aich fi Laubach& El er 2 N Braunfels: Noppelberg| Gräningen/ Ko & Langgönse r \«Weilburg Se ee 2 Aunc® N I/ Hungen r S 4 z \S N_ N EN&% Münzenb \% N Butzbach= Münzenberg N@L»® Weilmünster ee se Des S.WN x@ Hausberg, N np Echzell 27 N Yohannisb r 7 en phannisberzg Nauheim \! s vor er Allkönig< S.5.W a se FriedbergAa_ 5150 Sflerzberg| nn Wanderungen durch die nähere Umgebung Kleinlinden. Gießen ist trotz seiner niedrigen und verhältnismäßig ebenen Lage ringsum überaus reich an landsc haftlich schönen und historisch interessanten Ausflugspunkten. Gebirge Namentlich im Norden und Nordwesten Tal der Stadt au umsäumenden Vorhügeln und einer Anzahl z. ruinen gekrönter bietet das den das T. mit Burg- Basaltkuppen überraschend Schöne Aussichts- punkte dar. Wie kaum eine andere Stadt eignet es sich daher vortrefflih zu längerem Aufenthalt und als Stützpunkt für Touren in die nähere und weitere Umgebung. und Freunde Wanderlustige landschaftlicher Pracht und Herrlichkeit werden uns gern auf unseren Wanderungen zu den beliebtesten Aus- flugspunkten folgen. Besuchen wir zuerst das beliebte Wander- ziel An der N: ähe Gießens, das Dorf Klein-Lindn. Wir beginnen unsere Wanderung am Selterstor und gehen die Frank- furterstraße, wie der hessische Ausdruck lautet„‚strack nauf“ Die Fortsetzung derselben führt durch Felder rechts neben der B h Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen 1S 274 Wanderungen durch die nähere Umgebung. entlang unter Linden und auf chausseeartigem Wege. Zuerst fallen uns rechtsseitig die Bahn-Beamten- und-Arbeiter-Häuser auf, welche ein Bild mit abgeben von dem Umfang und der Bedeu- tung des Gießener Bahnverkehrs. Folgt man der Landstraße weiter, die sehr bald von der Main-Weser-Bahn gekreuzt wird, so gelangt man in Y4 Stunde nach dem Dorte Klein-Linden (Linnes).(Wirtschaft von Rinn, altrenommierte Weinwirtschaft, auch Bier, Kaffee usw.„Zur Burg“, idyllisch gelegen.) Em- pfehlenswert erscheint es, auf dem Rückweg von Klein-Linden einen kleinen Abstecher nach dem nahen Braunsteineisen-Berg- werk zu machen. Man folge zu diesem Zwecke zunächst der Landstraße nach Gießen bis zu dem großen Viadukt der Main- Weser-Bahn. Sobald dieser passiert ist, wende man sich von der Landstraße und von dem Bahndamm ab, und gehe auf dem chaussierten Feldweg zunächst eine ganz kleine Strecke nach rechts und dann in ziemlich gerader Richtung dem Walde zu. An dem aufgeschütteten Erdwall am Waldrande wende man sich links und folge dem Feldwege, der in nordöstlicer Rich- tung stets am Rande des Bergwerks zu den Steiger-Wohnungen führt.‘) Wer aber mehr Zeit hat und einen schönen Waldweg vorzieht, biege nicht links an dem Erdwall ab, sondern folge dem breiten Wege in den Wald. Dieser führt in gerader Rich- tung zu einer Gruppe von Arbeiterhäusern und dem Verwal- tungsgebäude, wo die Erlaubnis zum Eintritt ins Bergwerk ein- geholt werden kann. Leichter als von Klein-Linden ist das Bergwerk von der Stadt aus an der schönen Aussicht vorbei auf Feldwegen zu erreichen. Die weithin sichtbaren berghohen schwarzen Halden des Braunstein- Bergwerks sind dabei die besten Führer. Dieses Bergwerk wird nur mit Tagbau betrieben, doch ist seine Ausdehnung außerordentlich; es wird sich kaum ein ähnlich großes auf dem Kontinent Europa wiederfinden. Die Förderung beträgt rund 1 Mill. Ztr. manganhaltigen und phos- phorfreien Brauneisenstein; dabei wird eine beträchtliche Menge sehr schönen Pyrolusits in großen und kleinen Klumpen aus- gelesen und besonders verwertet. Braun- und Brauneisenstein kommen hier massenweise in einem mächtigen Lager von verschieden gefärbtem Ton vor, welcher devonischen Kalk überlagert. Wird dieser mit dem Tagbau erreicht, so geht der Bergmann nicht tiefer. Wo der Kalk nahe zu Tag tritt, wird er gebrochen, um gebrannt zu werden. Interessant ist es zu sehen wie gearbeitet wird, und bieten dann die verschiedenen Teile des Bergwerks ein außerordent- lich belebtes Bild. Das Bergwerk ist durch eine 1 km lange elektrische Bahn, die in 600 m langem Tunnel unter dem Bergwerkswald hin- durchführt, mit der Bahnstrecke Gießen-Gelnhausen verbunden. An der Ausladestelle ist eine große Erztrockenanlage ein- gerichtet. In der Umgebung des Bergwerks im Walde finden sich zahlreiche Hünengräber, die sofort durch ihre Hügelform ') Erlaubnis zum Eintritt ins Bergwerk einholen. [© Wanderungen durch die nähere Umgebung. 9m auffallen. Während des Bergwerksbetriebs wurden manche geöffnet und sind die dabei gefundenen Bronzen in dem Mu- seum des historischen Lokalvereins aufgestellt, teils kamen sie nach Darmstadt, manches ging leider auch im Privatbesitz ver- loren. Platten-, Urnen- und Erdgräber, die sich an verschie- denen Stellen finden, sprechen für eine langandauernde Besiede- lung dieser Gegend in altgermanischer Zeit. Doch scheinen sie in eine spätere Zeit zu reichen, als die Hühnengräber des Philosophenwaldes.— Botanisch bemerkenswert ist das Vor- kommen von Cineraria spatulaefolia, Lilium Martagon, Chrysan- themum corymbosum, Senecio nemorensis, Rubus saxatilis, Poa sudetica u. a. Der Rückweg vom Bergwerk nach der Stadt— an der früheren Aktienbrauerei vorbei— bietet auf der ganzen Strecke schöne Ausblicke auf die Stadt und ihre Umgebung. 2. Großenlinden. An Klein-Linden oder Linnes, wie es von alters her beim Volke heißt, vorbei führt die Frankfurter Landstraße(1 St.) nach Grossen-Linden(1260 Einw.), einem der ältesten Orte Ober- hessens. Schon 790 wird in einer Urkunde des Klosters Lorsch villa Lindun erwähnt. 1575 wurde G. Stadt und war durch Gräben, Mauern und Türme befestigt, doch hat sich davon nichts erhalten. Bemerkenswert ist seine uralte Kirche, die wohl zu Ende des 10. Jahrhunderts erbaut wurde. Am merk- würdigsten ist das von zwei fenster-- und türlosen Türmen flankierte romanische Westportal mit seinen wunderlichen, schwierig zu deutenden ofechen Darstellungen. Dieselbe rohe Kunst zeigt sich an dem in einer Außenwand eingemauerten „Spatenmännchen‘“, offenbar ein Christus als Gärtner. Auf der entgegengesetzten äußeren Langseite liegt ein mächtiges, in romanischem Stil gehaltenes steinernes Taufbecken. Das Innere ist nur teilweise für den Gottesdienst wieder- hergestellt, nicht der Chor und verschiedene wüste Seiten- kapellen. Auf dem plumpen Turm hängt u. a. neueren eine alte Glocke von 1486. Das altehrwürdige Gotteshaus steht unter dem Denkmals- schutz des Großherzogtums Hessen und wird gegenwärtig(unter Leitung des Kirchenbaumeisters Hofmann) einer Restauration unterzogen. Nahe der Kirche außerhalb des Gottesackers steht das Schulhaus, nach den zwei Steinportalen früher auch ein Ge- bäude von besonderer Bedeutung. Spuren von Inschriften sind nicht zu entziffern. 3. Der alte Friedhof. An der Licher Straße rechts liegt, jetzt schon von der sich immer mehr erweiternden Stadt erreicht, der alte Friedhof. Derselbe wurde 1530 von Philipp dem Groß- mütigen an dieser Stelle angelegt; vorher wurden die ver- storbenen Gießener auf dem Friedhof von Selters auf dem Seltersberg beigesetzt, die letzten Reste dieses Ortes aber zur erößeren Sicherheit der Festung 1530 beseitigt. Der jetzige Friedhof wurde im Laufe der Zeit vielfach erweitert. Von 18 Wanderungen durch die nähere Umgebung. Alte Friedhofskapelle seinen höheren Teilen bietet der- selbe eine pracht- volle Aussicht auf Stadt und Um- oegend dar. Die Totenkapelle, die teilweise auch zu Gottesdienst verwendet wird, wurde 1623 er- baut und neuer- lich restauriert.— Das Leichenhaus, als solches selten benutzt, ist, Unse- rem Wortmann“, einem- vollen Arzte der Stadt, gewidmet und 1836 erbaut; auch ist es Wohnung des Friedhofsaufsehers. Eine Ruhestätte der Toten, die durch Jahrhunderte benutzt wurde, bietet auch in geschichtlicher Beziehung Bemerkens- wertes, wenn auch durch Gleichgültigkeit und Vandalismus manches vernichtet worden ist. Die erhaltenen alten Grab- steine sind zwar meist von ihrer Stelle entfernt und an der Außenmauer des Friedhofs, sowie an der Fundamentmauer der Totenkapelle aufgestellt, doch dadurch wird den Leichensteinen selbst nicht ihr geschichtliches Interesse entzogen. Gleich die zwei Steine links und rechts vom Tor, eine Frau in mittel- alterlicher Tracht und ein knieender Ritter, beide sorgfältig aus- geführt, aber ohne Inschrift und Jahreszahl, und durch Buben- hände stark verdorben, führen uns in die alte Zeit. Unter den alten Grabsteinen vom Tore rechts sind hervorzuheben die des berühmten Prof. der Theologie Joh. Ja. Rambach (1693 bis 1735) mit Porträtmedaillon, und das große Epitaph des Festungskommandanten Wilh. Ludw. Mich. Langsdort, geb. 1664,„der in seinem Leben wenig Ruh’ gehabt“. Auf einer Löwenhaut finden sich- Notizen über sein Leben:„die Cam- pagnes in Brabant und Morea seine erste Kriegsschule, Landau erobert und desendiert‘‘ usw. Die alten Steine an der hinteren Mauer sind teilweise schwer zu entziffern; wenige bieten geschichtliches, keiner künst- lerisches Interesse. Ein kleiner Stein von 1566 mag zu den ältesten gehören. Interessanter sind einige Steine an der Außenseite der Kapelle. Hier sind die z. T. in künstlerischer Renaissance ausgeführten Epitaphien des Professors und Kanzlers Joh. Nic. v. Hert (1651—1710), des Prof. d. Med. Nic. Dillenius(1664 bis 1720), des Vaters des großen Botanikers Joh. Jac. Dillenius, des Ferd. Nitzschius, des ersten Prof. der Mathematik (Orator, Polyhistor, Mathematicus,+ 1702), des Rectors Joh. Melchior Verdriesius, Prof. med. phil.(} 1679) u. a. m. Unter den Steinen auf der O.-Seite sei aufmerksam ge- macht auf den des Zeughauptmanns Eberhard Stroh, der Wanderungen durch die nähere Umgebung DHT. im Mai 1663„bey einem unvermütlichen entzündetem Feüer- werck, welches er bearbeiten helffen, Jämmerlich erschlagen unzweiffenlich aber seeligst verschied‘ usw. Auf der N.-Seite ist der Grabstein des Joh. Phil. Bast, langjährigen Scharf- richters der Stadt Gießen(s. Buchner: Aus dGießens Ver- eanezeulei,, Sy 3 u. 71)... Es würde zu. weit führten, auch” nt die merkwürdigeren der Steine weiter zu erwähnen. Gail’sches Erbbegräbnis . Wir müssen noch einen Blick in die Totenkapelle selbst werfen. Ihr Hauptschmuck ist freilich dahin; es war der hohe architektonische Wert des alten kleinen Bauwerks. Man ließ es ganz verfallen, und unter den Trümmern wurden dann die alten Grabsteine verschüttet und teilweise mit zertrümmert. Bei der Restauration um die Mitte des 18. Jahrhunderts geschah, was mit kleinen Mitteln geschehen konnte. Interessant sind im Innern einige alte Grabsteine und auf der Galerie wenige be- achtenswerte alte Bilder. Unter den Steinen interessiert uns besonders der des berühmten Justus Feuerborn(f 1656, 69]. alt), der in voller Amtstracht dargestellt ist: ‚ein herr- licher und umb die ganze christliche Kirchen hochverdienter und durch viele erbawliche Schriften weit berühmter Theo- logus und trewer diener seines Heylands Jesu Christi‘. Daneben ist in ähnlicher Ausführung das Denkmal des Bioksstieol Deten Liabenkomna, 1070, 772]. alt) und gegenüber das Joh. Winkelmanns, eines der von Mar- burg Vertriebenen, durch welche die Gründung der Universität Gießen veranlaßt wurde(f 1626). Unter den übrigen Leichen- steinen, die teilweise gut ausgeführt sind, sei als auf den besten 2 Co , 278 Wanderungen durch die nähere Umgebung. noch hingewiesen, das große Marmordenkmal mit den Bild- nissen eines Mannes und einer Frau. Auf derselben Seite hinten ganz in der Ecke ist in Sand- stein gut gearbeitet das lebensgrobe Bildnis einer schönen jungen Frau. Früher stand dasselbe in einer Gruftkapelle und wurde durch deren Einsturz stark beschädigt. Die anderen Teile des Grabmals mit Inschriften sind leider verschleudert worden. Es war das Bild einer Jungfrau v. Berlepsch; im Volksmund heißt sie ‚die Teigscherfrau‘, weil sie eine Stiftung hinterließ, aus welcher die Kinder in den Stadtschulen jährlich einmal einen Teigscher(längliches Brötchen; teig und scharre, was aus dem Backtrog zusammengescharrt wird) erhalten. Unter den modernen Epitaphien heben wir als besonders vorzüglich das auf dem Gail’schen Fami liengrab hervor, an der Mauer gegenüber dem Eingangstor. Der architektonische Entwurf rührt von Herrn Geh. Baurat Prof. H. v. Ritgen her, die Reliefs in weißem Marmor von Herrn Bildhauer Küst- hardt in Hildesheim. Dr. Mahla-Gail’sches Erbbegräbnis Nicht minder künstlerisch vollendet und noch großartiger im Entwurf ist das Grabdenkmal der deutsch-amerikanischen Familie Mahla auf einem der höchstgelegenen Teile des Fried- hofes. Auf einer durch eine breite Lauftreppe zugänglichen Erhöhung, die von einer Umfassung von schwarzem Syenit und Bronzeketten umgeben ist, erhebt sich die über lebens- große Statue einer trauernden Frau in weißem Marmor. Die Bildhauerarbeit rührt von dem berühmten Bildhauer Schaper in Berlin her, demselben ausgezeichneten Künstler, der auch das Liebigdenkmal entworfen und ausgeführt hat. Auch unter den kleineren, weniger anspruchsvollen Grab- denkmälern auf dem neueren Teile des Friedhofes sind nicht wenige von künstlerischem Werte und von vorzüglicher Aus- führung. | E j m I No) Wanderungen durch die nähere Umgebung. 4. Luthereiche. Liebigshöhe. Philosophenwald. (Vormittag.) Außerhalb der Mauer des Friedhofs nach der Licher Land- straße hin sind freundliche Gartenanlagen. Folgt man den- selben, so erreicht man nach wenigen Schritten oberhalb der Kiesgrube rechts die Luthereiche, die 1817 gepflanzt wurde und an das 300 jährige Jubiläum der Reformation erinnert. Sie steht in der Mitte eines mit Gartenanlagen gezierten Platzes, von dem aus man eine schöne Aussicht nach Stadt und Tal, sowie auf die dahinter liegenden Höhen hat.(Vormittags zu besuchen!) Ganz nahebei mit ziemlich derselben schönen Aussicht stehen die Schillereiche, die 1859 zur Erinnerung an den hundert- jährigen Geburtstag Schillers gepflanzt wurde, und der Schiller- stein(errichtet 1905). Unmittelbar dahinter ist der große Behälter für die städtische Wasserleitung, der das Wasser teils vom Annaberg, teils von Großen-Buseck und Queckborn zugeleitet wird. Am Ostabhang des Hügels— nach dem Wälder zur liegen die Gebäude der Provinzial-Siechenanstalt, die mit ihrem weißen Verputz, ihren grünen Fensterläden und roten Ziegeldächern einen gar freundlichen Eindruck machen. Die ganze Anstalt wurde auf Kosten der Provinz Oberhessen errichtet, und bietet etwa 300 alleinstehenden, arbeitsunfähigen Personen beiderlei Geschlechts wohnlichen Unterhalt. Liebigshöhe Wir kreuzen die Licher Landstraße, um gleich wieder in städtische Anlagen einzubiegen. Hier ist die Aussicht am schönsten, weil sie am freisten ist. Dahinter erheben sich die weithin sichtbaren mächtigen Bauten der neuen Kaserne, die Herbst 1887 bezogen wurde. Neben der Kaserne die Schießstände und das vielbesuchte Vereinshaus des Gießener Schützenvereins(gute Wirtschaft). Gegenüber oder auf der nördl. Seite der Straße liegt der Exerzierplatz, Trieb genannt, früher auch Richtplatz, mit prächtiger Aussicht auf Stadt und Umgegend. Er wurde seiner- ee 280 Wanderungen durch die nähere Umgebung. zeit von Kaiser Friedrich als der schönste Exerzierplatz Deutsch- lands bezeichnet. Auf dem hinteren nördlichen Teil finden sich zahlreiche germanische Grabhügel(Hünengräber), die aber allermeist schon seit Beginn des vorigen Jahrhunderts geöffnet und teilweise auch eingeebnet sind. Man fand Tonkrüge mit Asche, aber meist Scherben, wohl auch Bronzeschmuck und Waffen. Die meisten Funde aus früherer Zeit mögen ver- schleudert worden sein; doch finden sich Mitteilungen darüber in des Superintendenten Liebknecht„Hassia subterranea‘“ und in J. Webers ‚„Sentiments von den im Philosophischen Wäldchen eruierten Urnis. Gießen 1719“. Einiges in neuester Zeit daselbst Aufgefundene ist im Museum des Oberhessischen Geschichts- vereins aufbewahrt. Am Rand des Trieb steht eine Wirtschaft mit Saal und Garten-Anlagen, die Liebigshöhe, das größte Saal-Etablissement in Gießens nächster Umgebung, die namentlich von Familien vielfach besucht wird und einen sehr angenehmen Aufenthalt darbietet In neuester Zeit hat dieselbe einen sehr rührigen Besitzer als Wirt erhalten, der dieselbe durch umfangreiche bauliche Erweiterungen zu einem feinen, besuchten und beliebten Ausflugsort für das bessere Publikum umgestaltet hat und ganz besonders besorgt ist, seinem Restaurant Ansehen und Achtung zu geben. Die schöne Lage mit der prächtigen Aussicht von der Terrasse aus kommt ihm dabei sehr zu Hülfe. Drei Tennis-Plätze bieten auch für diesen schönen Sport beste Gelegenheit. Das weite eingefriedigte Gebiet mit dem unfruchtbarsten Kiesboden erhielt s. Zt. Prof. Justus Liebig von der Stadt Gießen zu sehr geringem Preise überlassen, um darauf seine agrikulturchemischen Theorien zu prüfen und in die Praxis der Landwirtschaft zu übersetzen. Der Mineraldünger, der das ersetzen sollte, was dem Boden in der Asche der Ernte entzogen worden war, sollte geprüft, seine Wirkung auf die verschiedenen Kulturpflanzen untersucht werden. Acker- und Gartenfeld, Wiese, Wald- und Weinberg wurden auf dem denkbar un- günstigsten Boden angelegt, wie wir sie jetzt noch sehen. Es waren Jahre ernstester Arbeit und größter Hoffnungen; aber Jahre schwerer Enttäuschung folgten darauf. Eine Wirkung des in einer schottischen Fabrik dargestellten Mineraldüngers war gar nicht nachzuweisen, oder sie kam so unmerklich langsam, daß er als unwirksam angesehen werden mußte. So entstand eine zehnjährige Pause in den Untersuchungen des großen Forschers, von welchen er noch sechs in Gießen zubrachte. Erst während seines Aufenthaltes in München, wohin er 1852 berufen wurde, löste sich das bis dahin unerklärte Rätsel. Er hatte, um ein Auslaugen des Bodens durch Regen usw. zu verhüten, die mineralischen Nahrungsbestandteile im Kunstdünger in möglichst unlöslicher Form bereiten lassen. Natürlich konnten sie da auch von der Pflanze nicht aufgenommen werden. In München erst fand Liebig, daß der Boden selbst die Fähigkeit hat, die wässerigen Lösungen der Mineralbestandteile test- zuhalten und an die Wurzeln der Pflanzen direkt abzugeben. Der Mineraldünger, der nach den Täuschungen auf der Liebigs- höhe und überall, wo er Verwendung gefunden hatte, in äußersten Mißkredit gekommen war, wurde nun auf einmal mit | | | Wanderungen durch die nähere Umgebung. 281 den verdienten Ehren aufgenommen; freilich war er ein anderer geworden und sind jetzt tausende von Fabriken mit seiner Darstellung beschäftigt. Unmittelbar an die Liebigshöhe stößt der vielbesuchte Philosophenwald, sehr gutes Restaurant mit großem Saal und hübschen Anlagen. Vorzüglich, von Familien viel be- suchte Wirtschaft(Wein, Bier, Apfelwein, Kaffee, Kuchen, Waffeln usw.— Telephon Nr. 251). Auf dem von mächtigen Bäumen überschatteten Platz vor der Wirtschaft oder in dem geräumigen Saale öfters Konzerte der Gießener Regimentskapelle. In dem großartigen Teile des Waldes hinter den Gebäuden werden alle zwei Jahre in der Woche vor den großen Herbst- ferien die für ähnliche Veranstaltungen an anderen Plätzen vorbildlich gewordenen Gießener Jugendfeste abgehalten, die neben der Schuljugend Tausende von Erwachsenen— auch aus der weiteren Umgebung— in den schönen grünen Wald hinauslocken.— Von dem Saale und den Plätzen davor an- mutiger Blick auf die Stadt und die benachbarten Höhen.— Philosophenwald Der Philosophenwald erhielt seinen Namen bald nach Gründung der Universität. Doch stammen die wohlangelegten Spazier- wege aus neuer Zeit. Der viereckige Wall bei der Wirtschaft ist ein Andenken, das die Franzosen 1758 hinterließen, als sie die verbündete preußische Armee auf der anderen Lahnseite beobachteten. 1759 wurde dann Gießen von den Franzosen besetzt und bis 1763 behalten. In dem entferntesten Teil am hinteren Ende des Trieb liegt ein niederer, mit Kieferndickicht bewachsener Hügel, der Eulen- kopf, auf welchem ein ganz kleiner aber deutlicher germanischer Ringwall wahrnehmbar ist. Ohne Zweifel hängt er mit den umliegend zerstreuten Gräbern zusammen, und sicher war hier in frühester Zeit eine Ansiedelung, die aber lange bestanden haben muß, denn die Art der Totenbestattung in den verschiedenen Gräbern ist sehr verschieden(Urnengräber, Steinplatten-Erd- gräber); für eine Befestrgung ist der Eulenkopfwall zu klein und der Hügel zu niedrig. Hier war wohl eine Opferstätte. zn en Wanderungen durch die nähere Umgebung. 5, Wieseck. Hangelstein. Badenburg. (Vormittag.) Ein schöner Fahrweg führt vom Philisophenwald aus durch die Wiesen nach dem freundlichen Dorfe Wieseck(urkundl. Wisaha, Wiesenbach). Der Ort ist älter als Gießen und war früher auch befestigt. Ein Torturm steht noch. Gehen wir durch das Turmtor am nördlichen Ausgang des Dorfes und auf dem sandigen Fahrweg weiter(links in den Aeckern wächst Veronica acinifolia), so gelangen wir zu den bekannten und sehr ausgedehnten Sandgruben, von wo aus nicht nur Gießen und Umgegend, sondern auch die ganze Wetterau mit feinem, ganz weißem Sande versehen wird; als Formsand für Eisengießereien geht er noch weiter. Sonderbar gestaltete Knollen von tonigem Sphärosiderit liegen reichlich umher. Nahebei ist auch eine sehr reiche Ockergrube, die vortreffliches Material liefert. Dahinter beginnt der Wald des Hangelstein, der seiner reichen und interessanten Flora wegen in der wissenschaft- lichen Welt weithin bekannt ist. Im Gießener Landschaftsbild tritt der langgestreckte Waldhügel auf der Nordseite deutlich hervor. Zu seinen schönsten und aussichtsreichsten Punkten (Teufelskanzel) gelangen wir in mäßiger Steigung und in an- genehmen Waldungen, indem wir vom Dorfe Wieseck aus der farbigen Wegmarkierung— rote Kreuze— folgen. Von der Stadt aus ist der Hangelstein’ auch auf der Marburger Straße in 3/4 Stunden zu erreichen. Vor Lollar, etwa 1 km hinter der Wirtschaft„Wellershäuser Hof‘(im Volksmund mdse Wellersburg‘ genannt), biegt rechts der Weg nach Daubringen ab, dem man folgt, bis durch den Hochwald der große Basalt- steinbruch sichtbar wird. Auch dieser mit seinen regel- mäßigen Säulen ist von Interesse. Zu seiner Linken sind zahl- reiche ältere, jetzt verlassene Steinbrüche, die aber schöne Kleinbilder darbieten. Der Wald über den Steinbrüchen— ge- bahnte Waldwege führen nicht dahin— ist prachtvoll, ebenso der Blick von oben auf das Lahntal. Ganz besonders herrlich aber ist der Blick von der Teufelskanzel(293 m ü. M.); man erreicht sie auf schwer erkennbaren Waldpfaden sich links haltend‘und an dem steilen Abhang gegen den Lollarer Kopf zu hingehend. Ein kleiner freier Platz öffnet sich gegen Norden und der Basaltfels stürzt senkrecht in die Tiefe ab. Die Stelle selbst ist gar nicht gefährlich, obgleich in keiner Weise ver- wahrt, doch hüte man sich, in den Felsspalten herumzuklettern. Der Blick nach Staufenberg und Umgebung ist prachtvoll. An weniger abschüssiger Stelle weiter rechts steigen wir wieder ins Tal und folgen dem Daubringer Weg eine kurze Strecke, wo er rechts Wald und links Feld und Wiese hat. Da liegt rechts am Waldesrand kaum durch Bäume versteckt wieder eine merkwürdige Basaltgruppe, die kleine Teufels- kamzel. Es sind mächtige, unregelmäßig durcheinander ge- worfene Blöcke, welche ebenfalls aus Säulen gebildet sind. Folgt man vom Hangelstein aus in westlicher Richtung der farbigen Wegmarkierung— blaue Striche— so gelangt sınquapeg Wanderungen durch die nähere Umgebung. man, die Landstraße kreuzend, in kurzer Zeit nach der Baden- burg, einem schön an der Lahn gelegenen Punkt.(Haltestelle der Main-Weser-Bahn für einzelne Züge nach Bedarf.) Auch von Gießen aus ist die Badenburg auf verschiedenen Wegen erreichbar(1 Stunde): 1. Feldweg links von der Marburger Land- straße jenseits der letz- ten Häuser, dem neuen Friedhof entlang, dann rechts halten und im allgemeinen der Bahn- richtung folgen. Es ist der uralte Verkehrs- weg zwischen Ham- burg und Basel, jetzt aber kaum für Acker- fuhrwerk brauchbar. 2. Die Marburger Straße bis nahe vor (links) der Wellersburg, dann links den Feld- weg. 3. Von der Schwarzlach bis zum Bahndamm, durch den Viadukt bis zu den Felsen und dann rechts weiter immer zwischen Lahn und Bahndamm. Die Badenburg ist ein alter, jetzt meist zerfallener Herrensitz und war nie eigentliche Ritterburg. Die geschicht- lichen Notizen darüber sind sehr dürftig. 1385 befreite Land- eraf Heinrich VII. dem Johann von Weitershausen sein neu erbautes Haus Badenburg und belehnte ihn damit nebst 5 Hufen Landes. Die Familie von Weitershausen oder Weitols- Mamsen, een. Schrautenbach, Folien um Besiv des Schlosses bis 1820. Es war seinerzeit sehr kostbar eingerichtet: in J. J. Winkelmanns hess. Chronik 1697 heißt es von demselben: „An einer Waldecke liegt das mit schönen künstlichen Gemälden und Feldschlachten geziertes Haus Badenburg, denen von Schrau- tenbach zuständig“. Aber schon in der Mitte des vorigen Jahr- hunderts wurde von der Familie selbst, um das Pfandobjekt wertlos zu machen, alles Holzwerk, Fenster- und Treppensteine usw. ausgebrochen und verkauft. So entstand die Ruine und der zerstörende Feind war der Eigentümer selbst. Nur ein Teil ist wieder in leidlich wohnlichen Zustand gebracht. Das Anwesen mit Garten gehört seit 1820 der Gemeinde Wieseck und ist verpachtet. Leider ist der Garten durch die Eisenbahn quer zerschnitten. Der Blick von der Ruine, die 1883 durch den Geschichts- Verein in Oießen vor drohendem Untergang bewahrt wurde, oder den oberen Fenstern des Wirtschaftsgebäudes ist sehr schön. Unmittelbar zu Füßen rauscht die Lahn, die oberhalb des Wehrs eine bewaldete Insel bildet und eine Ockermühle treibt. Der Fußpfad nach Lollar am Bahndamm her ist nur bei ganz trockenem Wetter gangbar. Restaurant Karlsruhe Wanderungen durch die nähere Umgebung. 285 Bichler’s Hardt 6. Hardt. Heuchelheim. Himberg. (Nachmittag.) Wir folgen der Landstraße von der Lahnbrücke aus in W.-Richtung; das breite Lahntal wird hier gekreuzt und der Blick auf- und abwärts ist sehr schön; rechts erheben sich die in der Geschichte der Stadt mehrfach verhängnisvollen Hardthöhen, an deren Fuß das schon lang vor dem 30 jährigen Kriege ausgegangene Dorf Kropbach lag. Schon 1279 wird dasselbe urkundlich erwähnt, auch noch 1469, später aber nicht mehr. Die Bewohner hatten sich bei den Kriegsbedrängnissen in die nahe Stadt gezogen und so die Neustadt gegründet. Fundamentreste des alten Kropbach finden sich noch jetzt in den Aeckern. Jetzt ist daselbst eine große Bierbrauerei(Bichler) und über derselben eine beliebte Wirtschaft, im Volksmund die „Hardt“, auch Bichlers oder „Textors Hardt“ genannt, (ausgedehnte Terrasse, ge- räumigeSäle), große, zweck- mäßig angelegte Radfahr- bahn mit Tribüne, öfter zum Abhalten größerer Rennen benutzt; Kinderspieiplatz& ee-; 3; mit Turn- und Spielgeräten; a ee Te been verschiedene Lawn-Tennis- plätze usw. usw. Hardthof en — u Wanderungen durch die nähere Umgebung. Bismarckturm Einige hundert Meter weiter, in nordwestlicher Richtung nach dem einsanı auf der Höhe liegenden Hardthof und dem dahinter emporragenden Gleiberg zu die von dem Lehrkörper und den Studierenden der Uni- versität errichtete Bismarck- säule.— An den Abhängen wächst Lactuca saligna. Empfehlenswert ist es, die Hardt gegen Abend zu be- suchen, wenn die unter- gehende Sonne die Westseite der Stadt beleuchtet. Dann bietetdiesemitihrem dunkeln, waldigen Hintergrund(Schif- fenberg, Hochwart usw.) dem Auge ein gar anmutiges Bild. Nicht minder schön ist auch der Blick(auf die Stadt), wenn die Dunkelheit hereingebrochen ist, und die zahl- reichen elektrischen Lampen der ausgedehnten Bahnhofsanlagen aus dem Tal heraufleuchten. Die Straße führt weiter nach dem Dorfe Heuchelheim(2400 E.), das seit den zwei großen Bränden von 1866 sich wesentlich. ver- schönert hat. Auch 1646 ist es vollständig eingeäschert worden. Nahebei die als idyllische Wirtschaft vielbesuchte Heuchelheimer Mühle. Das preußische Dorf Kinzenbach liegt auf der Höhe über Heuchelheim(1/ St.) und ist Station der Berlin-Metzer-Bahn; ausgedehnter Ziegeleibetrieb. Hinter Kinzenbach führen Feld-, dann Waldwege(3 St.) zum Himberg oder Himerskopf, einer dichtbewaldeten Bergspitze, dem Königstuhl(einem uralten Gerichtssitz mit Ringwall und Steinbänken; d. h. so war’s noch vor wenigen Jahrzehnten, jetzt ist durch einen Steinbruch all das verwüstet worden). Nahebei sind im Wald wohlerhaltene sogenannte Schweden- schanzen, die aber aus dem Jahre 1758 aus der Zeit stammen, wo die Verbündeten unter dem Herzog von Braunschweig alle Höhen rechts der Lahn besetzt hatten. 7. Gleiberg. Der schöne Basaltkegel des Gleiberg(313 m) mit seiner Ruine und dem sich anschmiegenden Dörfchen ist für das Tal von Gießen eine Hauptzierde. Dazu mögen nur sehr wenige Burg- ruinen wie diese bis in das 10. Jahrhundert zurückreichen und trotzdem, daß lange Zeit so gut wie nichts für ihre Er- haltung geschah, noch so leidlich erhalten sein. Der Weg dahin (1 St.) führt jenseits der Lahnbrücke rechts, durch die Schützen- straße, dann links— nicht der neu angelegten schnurgeraden er— Wanderungen durch die nähere Umgebung. 287 Straße nach Krofdorf folgen!— bis zu dem steilen Abfall der Hardt, der früher mit Weinbergen bedeckt war, einen anfangs steilen Fußpfad aufwärts bis zum Hardthof. Hier auf der Höhe Aussichtstempelchen(Schutzhütte) mit prachtvoller Rundsicht auf Gießen und Umgebung bis zum Staufenberg, Frauenberg bei Marburg, Nordecken, Schiffenberg und bei klarem Wetter selbst bis Ulrichstein, dem hohen Vogelsberg und ander- | seits zum Taunus bis zum großen Feldberg. Der Feldweg(vor dem Hardthof rechts halten) führt über ein tief eingeschnittenes Stick der Berlin-Metzer-Eisenbahn, durch welche Gießen um- | gangen wird. Am Fuß des Berges, ziemlich steil ansteigend, | Fußpfad bis zur alten Dorflinde und dann Fahrweg oder Schlangenpfad aufwärts zum Burgtor. Sehr bequem ist die | Burg nach von der Haltestelle Krotdorf-Gleiberg der Biebertal- bahn aus zu erreichen. Von der Terrasse prachtvoller Blick auf das Lahntal, die Taunuskette und Teile des\Westerwaldes und Vogelsberges.. Noch umfassender ist der Rund- blick von dem alten Turme aus. Keine Burg in der weitesten Umgebung kann sich an Reichtum landschaft- licher Reize, an architekto- nischer und geschichtlicher Bedeutsamkeit mit unserem Gleiberg messen. Gleiberg mit Burgruine g g Die’ Gründung der Burg fällt wahrscheinlich in die Zeit von 905—917, wo Otto der Salier, Bruder König Konradsl., des Franken, Gaugraf des mittleren Teils des Lahngaues zwischen Weil und Salzböde war. 1000—1019 wird Graf Friedric h von Luxemberg(Lützelburg), Bruder der Kaiserin Kuni- geunde, Gemahlin Heinrichs II., des Heiligen, als Besitzer von Gleiberg(Glichberg, Glizberg) genannt. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die Kaiserin Kunigunde auf Gleiberg geboren wurde. Sein Sohn Fr jedrich von Gleiberg, Herzog von Lothringen, und sein Bruder Hein- 288 Wanderungen durch die nähere Umgebung. rich, Herzog von Bayern, und Giselbert, Graf von Luxem- burg, lehnten sich 1057 gegen Kaiser Heinrich IV. auf. Doch war Hermann von Gleiberg, Dietrichs Sohn, wieder Anhänger Kaiser Heinrichs IV. und entschied 15. Juni 1075 die Schlacht gegen die Sachsen an der Unstrut zu Gunsten des Kaisers. 1081 wurde GrafHermannvonGleibergund Salm, ein anderer als der vorige und Sohn Giselberts von Luxemburg als Gegenkönig(Pfaffenkönıg) gegen Hein- rich IV. erwählt, aber 1086 bei Limburg erschlagen. 1103 wurde die Burg Gleiberg von Heinrich V. erobert und zerstört, doch versöhnte sich Hermann von Gleiberg wieder mit dem Kaiser, gelangte wieder in den Besitz seiner Bif% und stellte sie wieder her. ANVIDIA SINE CAfISA ODITI NE Fr ne} 1110—1120 wurde die Grafschaft Gleiberg unter die Erben des Gleiberger Hauses geteilt; nur die östliche Hälfte und das mittlere Lahntal mit Hüttenberg verblieben bei Gleiberg. 1129 stiftete Clementia, Gräfin zu Gleiberg, auf dem Schiffen- berg ein Augustinerkloster. Ihre Vettern, die Grafen Otto und Wilhelm von Gleiberg teilten in der Mitte des 12. Jahr- hunderts ihre Grafschaft; Wilhelm erhielt die Wiesecker Mark und das 1130—50 neu zum Schutz von Schiffenberg entstandene Giessen mit Umgegend; Otto dagegen Vetzberg und die Lahnorte bis Dorlar und Garbenheim. Die Burg Glei- berg und das Land an der Lahn, sowie der Hüttenberg blieben gemeinschaftlich. 1186 kam die Grafschaft Gleiberg durch Erb- schaft an die Grafen von Merenberg(bei Weilburg).° Gießen eing 1219 an die Pfalzgrafen von Tübingen über und diesen folgte im Besitz Landgraf Heinrich I., das Kind, von Hessen, der auch 1265 die Verhältnisse in Bezug auf den Besitz von Gleiberg regeltee Hartrad III. von Merenberg erhielt die Burg, sowie den Wettenberg allein. So blieben die Meerenberger Herren der Burg, sie er- reichte in dieser Zeit ihre höchste Blüte; doch starb 1328 mit Hartrad VII. der Mannsstamm aus. Durch Erbschaft infolge Heirat fiel die Herrschaft Gleiberg an den Grafen]Jo- Wanderungen durch die nähere Umgebung. 289 hann von Nassau-Weilburg; allerdings war unterdes viel davon durch anderweite Erbschaft und Schenkung verloren gegangen. Dafür wurde die Burg unter Nassauischer Herrschaft sehr be- trächtlich ausgedehnt, auch wurden die noch erhaltenen Wirt- schaftsgebäude errichtet. Kneipzimmer auf dem Gleiberg Das alte Haus stand so stolz und fest noch im dreißigjährigen Kriege, aber den langersehnten Frieden erlebte es nicht mehr. Nachdem während des verderblichen sog. Marburger Erbfolge- kriegs die Hessen-Kassel’schen Truppen 1646 im Bunde mit den Schweden unter Königsmark und Wrangel Marburg erobert hatten, blockierten sie Gießen und beschossen den von Hessen-Darmstadt besetzten Gleiberg mit acht Kanonen. Nach mutiger Verteidigung kapitulierte der Kommandant, Hauptmann Hofmann, weil er schon seit zwei Tagen weder Wasser noch Brot mehr hatte. Die Hessen-Kasseler verbrannten die Burg Gleiberg am 9. Juni 1646. Seitdem ist sie eine Ruine, und dienten die noch unter Dach befindlichen Teile, der Nassauer und der Albertusbau, als Zehntscheuern und zu ähnlichen Zwecken, zuletzt aber standen sie leer und gingen ihrem Zerfall rasch entgegen. Eine durch Jahrhunderte unter mächtigen Geschlechtern blühende Ritterburg war nicht aus einem Guß. Noch jetzt er- kennt man an den Ueberresten die sehr verschiedenen Baustile. Mächtige Schuttberge sind unterdessen weggeräumt, Gänge und Gewölbe geöffnet worden, aber dem Brand und dem späteren Raub widerstanden kaum. Kleinigkeiten. Die zurzeit unter Dach stehenden Gebäude sind offenbar durch den ältesten viereckigen Bergfried, dessen Reste gefunden wurden, vor dem Feuer bewahrt geblieben. Aber auch diese wären zerfallen, wenn nicht Freunde der Burg sich derselben angenommen hätten. Anfangs der Ro:h’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 19 nn en 290 Wanderungen durch die nähere Umgebung. 30er Jahre wurde bei der trigon ymetrischen Landesvermessung auch‘der Gleibergturm als Dreieckspunkt gewählt und durch Leitern zugänglich gemacht. Dabei machte man ganz zufällig die Entdeckung, daß derselbe eine entzückende Aussicht darbiete. 1837 wurde ein Gleiberger Ö eselligkeitsverein ge- gründet, der sofort unten im Turm eine Türe brechen und eine Treppe heraufführen ließ. 1879 schien der Verein dem Tode nahe, doch wurde er durch Zuführung frischen Blutes wieder gekräftigt und hat in der Zeit bis jetzt großes ge- leistet. Durch Ausgabe von Anteilscheinen zu 20 Mark brachte er die Mittel zusammen, um nach Entwürfen von H. v. Ritgen, dem Wiederhersteller der Wartburg, den großen Saal und eine Reihe von kleineren Zimmern auszubauen und stilgemäß ein- zurichten. Ein Kastellan und Wirt wurde hineingesetzt, der die Verpflichtung hat, für gute Speisen und Getränke zu sorgen. Die Ruine wurde von Schutt befreit und dabei Grundrisse bloß- gelegt, von denen man keine Ahnung hatte. Baufällige Teile, die mit dem Einsturz drohten, wurden durch Ausbesserung erhalten. Freilich machte der Verein beträchtliche Schulden und ist ganz auf das Wohlwollen der Freunde des Gleiberg und ihre offene Hand angewiesen, aber er hat auch reiche Gelegen- heit gehabt, an Geschenken aller Art die offene Hand der Freunde zu erkennen. Möchten diese auch fernerhin dem. schönen Glei- berg treu bleiben! 8. Wettenberg. Vetzberg. Auf der Nordost-Seite des Gleibergs erhebt sich jenseits eines engen Tals, durch welches die Krofdorfer Straße führt, eine Gruppe von Basalthügeln, die sieben Köppel oder sieben Hügel im Volksmund, eigentlich der Wettenberg, Wedberg. Man gelangt dahin von Gießen aus über Launsbach, vom Gleiberg aus über Krofdorf oder über die sog. Seemühle im Tal. Der höchste Gipfel bietet eine überraschend schöne Aus- sicht auf das Lahntal und die weite Umgegend, ähnlich wie vom Gleiberg, nur tritt dieser sehr vorteilhaft in den Vorder- grund des Landschaftsbildes. Eine eigentliche Burg kann des mangelnden Platzes wegen hier nicht gestanden haben, höchstens ein befestigtes Vorwerk, doch finden sich von Mauern nur noch Mörtelreste und außerdem ein tiefer Ringwall, der aber nicht aus altgermanischer Zeit herstammt.(Chondrilla juncea, Avena tenuis, Achillea nobilis.) Weit malerischer erhebt sich auf der Westseite des Gleibergs der hohe Bergfried mit den Mauertrüämmern des Vetzberg auch auf isoliertem Basalthügel(308 m). 1152 wird Vetzberg zuerst genannt bei der Teilung der Grafschaft Gleiberg; Graf Otto erhielt dabei u. a. auch die Burg Vetzberg(Voitsberg, Vogtsberg, Voydesberg, Vogedenberg). 1244 wurde dieselbe Merenbergischen Burgmannen zu Lehen gegeben und taten sich diese nun als Ganerben zusammen. Deren waren es 19 im Jahr 1454, aber nur noch 4 im Jahr17635, die Herren von Lesch zu Krofdorf, von Schw al.bacı zu Gießen, vonSchenck zu Schweinsberg und von N 0 rdecken Wanderungen durch die nähere Umgebung. 291 zur Rabenau. Die Grafen von Nassau-Weilburg als Landes- herren von Vetzberg hatten fortwährende Streitigkeiten mit den Ganerben und so wurde 1765 ein Vertrag geschlossen, wonach der Fürst von Weilburg den 4 Ganerben ihre Rechte mit 2000 fl. bar abkaufte. Von da an wurde nicht mehr für die Burg ge- sorgt, und vorher schon vernachlässigt, zerfiel sie nun immer mehr, auch nachdem sie an den preußischen Fiskus gefallen war. Das kleine Dorf dabeı bietet nur sehr bescheidene Ver- pflegung. Vielleicht deshalb, wohl auch wegen des beschwer- lichen Besteigens der Ruine wird Vetzberg wenig besucht. Doch ist auch hier die Aussicht prächtig. Am besten und bequemsten erreicht man Dorf und Burg Vetzberg von der Station Rodheim der Biebertalbahn aus. 9, Biebertal. Dünsberg. Königsberg. Hohensolms. Altenberg. (1 Tag.) Restaurant Windhof In nordwestlicher Richtung von Gießen sieht man auf der Höhe den kleinen Ort Königsberg und darüber das Schloß Hohen- solms sich erheben. Der Weg dahin ist zwar anfangs staubig und schattenlos, aber in seinem letzten Teile— vom Dorfe Rodheim aus— sehr lohnend und reich an Naturschönheiten. Man benutzt daher am besten von Gießen aus(Bahnhof an der Lahnbrücke nahe dem Oswaldsgarten) die Biebertalbahn(Schmal- spurbahn), die, der Landstraße folgend, an den vielbesuchten Gasthäusern„Windhof“(Pauklokal des Gießener SC.) und „Abendstern,(Kalkwerke und Marmorschleifereı von A. Gabriel) vorüber, uns in etwa einer halben Stunde nach Rodheim bringt. (Fahrpreis 30 Pig.) 19* Wanderungen durch die nähere Umgebung. Man durchschreitet dann das Dorf Rodheim mit seinen Filialen für Zigarrenfabrikation und seinem höchst interessanten alten Kirchlein.(Auch von Vetzberg aus ist Rodheim in Yı St. zu erreichen.) von da auf dem schönen Talweg nach dem Dorf Bieber. Es kann auch bis hierher die Biebertalbahn benutzt werden. Hier sind die mächtigen Kalksteinbrüche sehenswert. Der Weg führt im engen Biebertale(hier wächst Stachys ger- manica, Anemone sylvestris u. a.) aufwärts und ist sehr schön. Die Rehmühle bietet Gelegenheit zu ländlicher Erquickung, leider aber nicht mehr die etwas höher gelegene Obermühle mit ihrer reizenden Umgebung. Hier wurde der berühmte Kupferstecher Joh. Gg. Wille— ursprünglich Will— 1715 geboren (1808), ea sourde Hofkupferstecher des Königs von Frankreich, des deutschen Kaisers und des Königs von Dänemark, verlor aber in der Revolution sein ganzes Vermögen und sein Augen- licht. Die Familie ist noch im 3esitz der Mühle. Eine Gedenk- tafel am Hause besagt:„In diesem Hause erblickte der Kupferstecher Joh. Georg Wille, Ritter der Ehrenlesion und Mitglied vieler Kunstakademien, Anno 1715 das Licht der Welt. Er starb am 8. Aug, 1808 zu Paris. Was Sterbliches an ihm war, liegt im Pantheon in Paris begraben.“ An der Obermühle biegt das Tal um den Fuß des Dünsbergs, der höchsten Erhebung in der ganzen Umgegend(nahe 500 m). Er ist nicht vulkanisch, wie so Aussichtsturm auf dem Dünsberg viele andere Höhen der Nach- barschaft, sondern besteht aus Grauwacke und. Der Dünsberg ist ganz bewaldet und trägt auf seinem Gipfel einen massiven Steinturm(mit Schutzhütte), von dessen Platt- form das Auge einen prächtigen Rundblick genießt.(Schlüssel zu Turm und Schutzhütte gegen Entrichtung von 20 Diet ber trag auf den Stationen Bieber und Rodheim, bei Gastwirt Schlierbach in Bieber, in Gießen bei Fr. Kühn, Seltersweg 36 (Sektion Gießen des D. u. Oe. A.-V.). Der Dünsberg kann entweder von der Obermühle aus auf bequemem Waldweg an dem Forsthaus vorbei, Wegmarkierung rote oder orange-gelbe Striche, oder über Krofdorf von Fellingshausen, rote Striche, aus bestiegen werden. Der letztere Weg führt an ausgedehnten Tagbauten(Grube Eleonore und Schalker Grube) auf Braun- eisenstein und Roteisenrahm vorbei und ist im Walde viel- fach sehr steil. Der Name Dünsberg oder Dinsberg hat nichts mit Odin, (noch weniger mit Dünsten, auf der Generalstabskarte steht Dünstberg) zu tun. Auch ist nicht wahrscheinlich, daß, weil auf dem Gipfel des Berges„Ding gehegt‘, d. ch. Rech sag, Wanderungen durch die nähere Umgebung. 293 sprochen wurde, Villa Gail in Rodheim derselbedurch zwei mächtigeRingwälle befestigt wurde, die—— selbst von Gießen aus bei guter Be- leuchtung wahr- nehmbar sind. Es ist vielmehr anzu- nehmen, daß der Dünsberg lange Zeit hindurch die Zufluchtsstätte zahlreichen Volkes gewesen sein muß, welches hier seiner Sicherheit wegen lebte und sich ver- teidigte. Fand man doch innerhalb des obersten Ringwalles einen Handmühlstein und auf der Nord- seite des Berges in der Nähe eines alten, jetzt aber fast ganz versumpften Brunnens hunderte der einfachsten Gräber. Nie- mals aber stand eine Burg auf dem Dünsberg. Aus all dem ergibt sich mit ziemlicher Sicherheit, daß der Name Dünsberg von dem Namen des Kriegsgottes der alten Germanen, dem Tyr oder Tys(Zio, Ziu) herrührt, dem er geweiht war. Ist doch dieser Gott auch der Namenspender unseres Dienstages gewesen. Aus dem Berge des Tys wurde Tynsberg und endlich Dünsberg, wie aus dem Tage des Tys allmählich Dienstag wurde. Nach dem Volksglauben sollen unter seinen Ringwällen große Schätze verborgen liegen, die zu bestimmten Tagen zu- eänglich sind. Nur innerhalb des obersten Ringwalles findet sich auch auf Klüften des schwarzen Kieselschiefers Wavellit(phosphor- sauresAluminium mitFluor- aluminium) in grünlichen, warzenförmig gestellten Kristallchen. Auf der Höhe wächst auch Digitalis pur- purea. Wir kehren wieder nach der Obermühle zurück. In reizend schönem Tale auf- wärts führt der gute Weg, schwarze Dreiecke(über- flüssig, da Weg nicht zu ver- fehlen), nach dem Städtchen Königsberg(385 mü.M.), das aber den Eindruck eines sehr armen Dorfes macht. Aber Parkpartie der Gail’schen BesitzunginRodhein seine Lage ist schön und die ee_ 294 Wanderungen durch die nähere Umgebung. Reste der alten Befestigungen sind malerisch.„Das Schloß stellet zu dieser Zeit nichts als einen bloßen Steinhaufen vor, und das Städtchen so unten am Berg lieget, hat auch eine schlechte Gestalt“(1747) paßt auch jetzt noch. Merian und nach ihm andere teilen mit, hier seien in alter Zeit römische Münzen gefunden worden; doch ist nicht der geringste Anhalt dafür, daß die Römer wirklich hier waren. Wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde das Schloß von Mar- quard von Hohensolms gebaut, 1350 aber wurde das ganze Besitztum an den Landgrafen Heinrich zu Hessen verkauft. Auf dem Plateau bei Königsberg wächst Orchis ustulata und Carum Bulbocastanum. Ueber die Höhe hin erreicht man(1/a St.) das Dorf Hohen- solms(437 m ü. M.) mit seinen alten von mächtigen Linden umstandenen Schloß, das eine vorzügliche Aussicht gewährt. Selbst der Meißner und der Inselberg sind sichtbar. Das Schloß bietet wenig Sehens- wertes. Erwähnt seien nur außer verschiedenen Archi- tekturteilen einige Gobelins von 1634, noch ältere Leder- tapeten, einige alte Gemälde und eine Inschrift über dem Kirchentore.„Das Schloß ist sehr altfränkisch gebaut und hat keinen einzigen über das Dach hervorragen- den Schornstein, denn solche gemeiniglich nur bis an Hof Bubenrod den Boden gehen“(1747). Etwa um 1326 erbaut, wurde das Schloß 1327 von dem Landgrafen Heinrich Il, dem Eisernen, von Hessen und Thüringen zerstört und ihm 1350 von den Grafen]o hann und Dietrich von Solms zu Lehn aufgetragen. Erst 1384 wurde es wieder aufgebaut, aber im dreißigjährigen Kriege von den kaiserlichen Truppen abermals zerstört. Das weithin sicht- bare, große, schloßartige Haus stammt aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es gehört den Fürsten zu Solms-Lich. Sehr schöne Waldstraße durch den Blasbacher Grund, dann durch das Dilltal nach Wetzlar. 10. Forstgarten. Schiffenberg. Zu den besuchtesten Ausflugsorten der Nachbarschaft von Gießen gehört von alter Zeit her auch der Schiffenberg(230 m), mehr noch, seitdem die Züge der Oberhessischen Bahn am Fuß anhalten und seitdem die Gießener Omnibus-Gesellschaft wäh- rend des Sommers ihre Wagen vom Marktplatz bis zum Walde xehen läßt.(An Sonntagen von 3 bis 41) Uhr und von 6 bis ) Uhr nachmittags alle 20 Minuten ein Wagen; an Werktagen auf Bestellung[mindestens 10 Personen]. Fahrpreis 20 Pig.). Wanderungen durch die nähere Umgebung. 295 Die Gebäude sind auf waldiger Höhe von der Stadt aus sicht- bar. Eine Stunde Spaziergang führt vom Neuenweger Tor aus durch die Gartenstraße am„Neuen Saalbau‘ vorüber, dann etwas rechts abbiegend, auf guter Straße durch Wiesen und Felder bis zum Walde. Hier wird der Gang noch schöner. Dabei sieht man den Schiffenberg vor sich auf der Höhe. Mit sehr geringer Steigung gelangen wir bis zum Fuß des Berges selbst und treten, ehe wir diesen ersteigen, in den Forstgarten ein. 1824 wurde mit der Hochschule eine Forstlehranstalt ver- bunden und für diese der forstbotanische Garten gegründet. Er ist teils zur Anpflan- zung der verschieden- sten Waldgewächse be- stimmt, teils zu ver- gleichenden Kulturver- suchen. Der Aufseher führt auch eine vielbe- suchte einfache Garten- wirtschaft.(Dem Forst- garten gegenüber auf Forstgarten der Höhe das sogen. Georgstempelchens.u.) Ein wohlangelester Weg führt vom Forstgarten aus auf den Schiffenberg; der letzte Anstieg ist allerdings etwas steil. Wir gelangen auf schmalem Treppenfußpfade zu der Terrasse und durch ein Pförtchen in den Schloßhof(280 m); wer vor- zieht von Gießen aus zu fahren, kommt durch das hohe Schloß- tor ins Innere, einen weiten mit Wirtschaftsgebäuden umgebenen Hof, an den der Garten mit der alten Kirche stößt. Ein anderer, der sogen. alte Schiffenberger Weg, dürfte dem soeben beschriebenen für den Hinmarsch nach Schiffenberg entschieden vorzuziehen sein, da der Wanderer auf ihm nicht wie bei dem oben geschilderten, durch vorbeijagende Fuhrwerke und aufgewirbelten Staub belästigt wird. Dabei ist er auch bei weniger gutem Wetter gangbar, denn neben der gras- bewachsenen Schneise zieht sich ein gut unterhaltener Kiesweg hin; auch bietet er durch Krümmungen und wechselnde Be- stände dem Auge viel mehr Mannigfaltigkeit dar. Von der Luthereiche am alten Friedhof führt er in gerader Richtung rechts vom Siechenhaus vorbei, dem nahen Wald zu und durch diesen in ganz mäßiger Steigung zur Höhe. Er endet im Fahr- weg, der durch das Tor in den Schloßhof führt; doch kann man auch, sobald die Straße den Wald verläßt, den Fußpfad am Waldrand rechts einschlagen; nach kurzer Steigung haben wir dann unser Ziel erreicht. Ein sehr schöner und lohnender Weg führt auch vom Bahnhof Großen-Linden(auch von Klein-Linden), der Mar- kierung— gelbe Punkte— folgend, durch den prachtvollen Bergwerkswald(von einer Bank reizender Blick durch eine Waldschneise nach dem Schiffenberg) zum Schiffenberg empor. 296 Wanderungen durch die nähere Umgebung. Vor 700 Jahren und länger war die ganze weite Gegend bis zur Lahn mit dichtem Walde bedeckt. Es war der Wiesecker Wald, der den Grafen von Gleiberg gehörte; inmitten erhob sich die Skephenburg. Es könnte der Name abzuleiten sein von ahd. skeopa, Heerhaufen, wonach in altgermanischer Zeit hier ein starker Wachtposten die nahe gegenüber liegenden Römer bei Grüningen beobachtete, wahrscheinlicher aber ist, daß der Name Schiffenberg von Schöffenberg abzuleiten ist, daß also schon in vorgeschichtlicher Zeit hier eine Gerichtsstätte war. Auf dieser hervorragenden Höhe gründete die Gräfin Clementia von Gleiberg mit Zustimmung des Erzbischofs Meginer von Trier 1129 ein Augustinerkloster, dessen Kirche der Jungfrau Maria geweiht war. Von Anfang an wurde das neue Klostergut mit Rod- und Ackerland und Wiesen dotiert, und als die Stifterin Witwe geworden, wurden von ihr 1141 sechs auf Neubruch in der Nähe entstandene Dörfer der zur Pfarrkirche erhobenen Kapelle auf Schiffenberg inkorporiert. Die beiden Vettern der Stifterin, die Grafen Otto und Wilhelm von Gleiberg, bestätigten 1141 die Bestimmungen Clementias. Von den sechs Dörfern bestehen noch jetzt Steinbach, Watzenborn, Garbenteich. Am ältesten von ihnen ist das letztgenannte, urkundlich Gar- warteich, früher noch Gariwarseich, d. h. Eiche des Speer- wächters, oder Stelle, wo gegenüber dem Römerlager am Pfahl- graben ein germanischer Wachtposten stand. Partie aus dem Forstgarten 1239 wird dann noch am Fuße des Berges ein Nonnenkloster Cella genannt, über dessen Gründungszeit nichts bekannt ist. Doch mag es da in dem weiten Walde und fern von der strengen erzbischöflichen Aufsicht lustig genug hergegangen sein. So sah sich 1323 der Erzbischof Balduin von Trier genötigt, das Mönchskloster Schiffenberg wegen Zuchtlosigkeit der Mönche dem deutschen Ritterorden in Marburg zu übergeben. Die Bedingung, daß dieser 12 geistliche Ordensbrüder und darunter wenigstens sechs Priester zu Schiffenberg zu halten habe, wurde 1325 in der Art abgeändert, daß auf Schiffenberg drei Priester Wanderungen durch die nähere Umgebung. 297 unter einem Propst und sechs Ritter unter einem Kommentur wohnen sollten. Das Nonnenkloster Cella erhielt aber seinen eigenen Propst und mußte die Hälfte seiner Güter an Schiffen- berg abtreten. Dadurch aber litt die Beschaulichkeit des Lebens sehr, mehr noch der Zuzug neu gewonnener Nonnen und Mitte Dezember 1449 konnte das Kloster mit seinem Rest von vier Nonnen überhaupt nicht mehr bestehen. Erzbischof Jakob von Trier verleibte es daher der Deutsch-Ordens-Kommende Schiffen- berg ein. Nach 1485 wird es gar nicht mehr erwähnt. Jetzt finden sich im Walde kaum noch schwache Fundamentreste desselben. Die Kommenturei Schif- fenberg aber nahm zu an Reichtum und Ansehen; die alte Probstei(14. Jahrh.) mit ihrem Erker, mehr noch das viel jüngere Kommentur- haus sprechen dafür. Als aber am 24. April 1809 Napoleon im ganzen Ge- biete des Rheinbundes, zu dem Hessen ja auch ge- hörte, den Deutschen Orden aufhob, wurde die Kom- mende Schiffenberg Groß- herzogliche Domäne. Jetzt sind die weiten Räume mit den umliegenden Gütern verpachtet und es vergeht selbst im Winter selten ein Tag, wo nicht Gäste sich in den behaglichen Wirt- schaftsräumen niederlassen und erfrischen. Außen am Hause ist ein alter Stein mit dem Nordeck’schen Wappen eingemauert mit Schiffenberg(Einfahrtstor) der Umschrift:„Ludwig von; Nordecken zu d rabeau dutsch odes hat dit Hus gebuet anno 1493.“ An einigen Toren und Türen der Ställe, sowie am Brunnen hat sich der Kommentur Eugen von Dönhoff verewigt. Von den anderen Herren, die nacheinander die Kommen- turei besaßen, sind in den noch vorhandenen Urkunden noch genannt: Ottmar von Gollen, Graf Diemar, Herr von Ellcker- hausen, Chr. Fr. von Brand. Die sehr alte Kirche ist in der letzten Zeit aus ihrem früheren geradezu unwürdigen Zustand wenigstens einiger- maßen befreit worden. Haupt- und linkes Seitenschiff sind zu- eänglich; Querschiff und Chor zwar verschlossen, aber doch sichtbar und zu besichtigen. Freilich sind die Kanzel und andere Einrichtungen, die noch vor zwei Jahrzehnten vorhanden waren, auch unterdes verschwunden. Der Turm ist jetzt geschlossen. Hinter der Kirche liest der kleine Friedhof der Familie Lynker, 2 ee ae Wanderungen durch die nähere Umgebung. die schon seit nahezu Schiffenberg. Wirtschaftsgebäude hundert Jahren das herrliche Anwesen in Pacht hat. Im Chor und Quer- schiff Inschriften der Deutschordensritter, der Herren von Rabe- nau, von Riedesel, von Dönhoff. Der Reiz des Schif- fenbergsliegtweniger in seiner Vergan- genheit. Es ist die schöne Natur, die entzückende Aussicht von den Fenstern des Hauptgebäudes und von der Ter- rasse. Da liegt der Taunus bis Stiftskirche zu dem Altkönig und großen Feld- berg, dessen Häuser und Turm deutlich sichtbar sind, und in der Nähe und Ferne zahlreiche Dörfer; deutlich ist die Ruine Münzenberg mit ihren beiden Türmen erkennbar. In weiter Ferne erheben sich die Höhen des Vogelsberges, der Rhön, des Spessart, des Odenwaldes und des Taunus und weit rechts jenseits Gießen Westerwald und Hinterland. Aus der Masse der Gipfel ragen hervor der Dünsberg, hinter Gießen, der Stoppelberg bei Wetzlar, der Hausberg bei Butzbach, der Winterstein und Johannisberg bei Nauheim. Es ist kein Wunder, daß es an schönen Sonntagen vom Früh- ling bis in den Herbst hinein auf dem Schiffenberg von Be- suchern förmlich wimmelt. Schon am frühen Morgen kommen und gehen die Naturfreunde, die den Wald durchstreift haben und nun auf der Terrasse die Stille des Sonntagsfriedens ge- nießen. Am Nachmittag aber füllen sich Hof und Terrasse, Gänge und Lauben, Säle und Zimmer oft bis zum letzten Platze, sodaß es dem Nachzügler schwer wird, ein Unterkommen zu finden. Dann entwickelt sich ein buntes Treiben in des Wortes wörtlichster Bedeutung, denn mit den bunten Toiletten und Sommerhüten der Damen mischen sich in wechselnder Mannig- faltiekeit die farbigen Mützen aller möglichen studentischen Verbindungen, und wohlgefällig folgt das Auge des Beobachters den kräftigen Gestalten der Schönen vom Lande, die, strahlend von Gesundheit und blühender Kraft, in ihren malerischen oberhessischen Trachten Arm in Arm den Hof durchschreiten. Wanderungen durch die nähere Umgebung. 299 Auch an Werktagen ist Schiffenberg der Schiffenberg stets be- sucht, und selbst im Win- ter dürfte kaum ein Tag vergehen, an dem nicht Wanderlustige und Natur- freunde zu ihm empor- steigen. Von seiten des Fiskus, dem das Anwesen jetzt gehört, und des jetzigen Pächters ist auch alles getan worden, um die Räume für kurzen und längeren Aufenthalt so behaglich wie mög- lich einzurichten. Für Gesellschaften stehen ein kleiner und zwei große Säle mit pracht- voller Aussicht zur Verfügung, und 12 Fremdenzimmer mit 15 bis 20 Betten sind zu dauerndem Aufenthalt eingerichtet.(Pen- sionspreis 4 Mark und höher, je nach Ansprüchen. Telephon No. 338.) In der Nähe des Schiffenberg, im Tal zwischen ihm und dem auf der Höhe des Berges liegenden Dorf Grüningen wurde am 21. April 1797 General Ney in einem Gefecht mit den verfolgten Oesterreichern von diesen gefangen genommen. Auf dem Rückweg vom Schiffenberg versäume man nicht dem oben schon genannten Georgstempelchen am Ludwigs- brunnen einen Besuch abzustatten. Zu dem Zwecke verläßt man den Schiffenberge durch die große Toreinfahrt(an der Nordostseite) und folgt sofort links dem mit Markierung ver- sehenen Fußpfade am Waldrande abwärts. Kurz vor der Stelle. wo der Pfad wieder die breite Fahrstraße erreicht, biege man links in den Grasweg, der auf dem Rücken des Hügels hinläuft. Stets die lieblichste Aussicht auf Lahn- und Wiesecktal, auf die Stadt und die hinter ihr liegenden Höhen genießend, erreicht man in einigen Minuten das Tempelchen, das uns ebenfalls einen reizenden Ausblick bietet. Am Fuße des Hügels in einer malerisch anmutenden Mulde ein von Steinen, Bänken und Tischen um- gebener Platz, der bei schönem \Vetter im Som- mer allsonntäg- lich von Gieße- ner Vereinen be- sucht wird. Im schattigen Wal- desgrün entwik- kelt sich dann in den Nachmittag- stunden ımter Terrasse auf dem Schiffenberg ee ee Wanderungen durch die nähere Umgebung. den Klängen irgend einer mitgebrachten Musikkapelle bald ein mun- teres Treiben. Es werden Spiele für die Kleinen arrangiert, die tanzfrohe Jugend schwingt sich in fröhlichem Reigen um die schattenspendende Buche, und die Alten, in malerischen Gruppen an dem Abhang ver- teilt und hingelagert, sehen erinnerungsselig dem Treiben der Jungen zu, die heute gerade so übermütig und lebensfroh sich tum- meln wie sie selbst in leider längst entschwundenen Tagen.— Schiffenberg. Stiftskirche Von dem Georgstempelchen(den Namen erklärt eine an der Decke angebrachte Inschrift) bringt uns ein Fußpfad in fünf Minuten nach der Straße, die am Forstgarten vorbei uns nach der Stadt zurückführt. Wer sich aber vom Staub der(vom Schiffenberg) heim- eilenden Wagen belästigt fühlt, benutze eine der Schneisen, die rechts ab in etwa zehn Minuten zu dem oben beschriebenen „alten‘‘ Schiffenberger Weg führen, und gehe auf diesem zur Stadt zurück. 11. Hohe Warte. Annerod. Ein Naturfreunden sehr zu empfehlender Gang ist der über die Hohe Warte(auch Hochwart) nach Annerod. Man benutzt zunächst die Landstraße nach Lich, etwa zehn Minuten nachdem man den Wald erreicht hat, biegt man dann— stets den blauen Markierungspunkten folgend— links ab(gut unter- haltener Kiesweg) und erreicht in etwa einer Stunde den hölzernen Aussichtsturm auf der Hohen Warte. Von hier hat man an klaren Tagen einen unvergleichlich schönen Blick auf die großen Waldungen rundum, den Schiffenberg, das Lahn- und Wiesecktal, die Stadt Gießen(im Vordergrund Kaserne und Siechenanstalt), die Höhen des Westerwaldes und des sogenannten Hinterlandes, des Vogelsberges usw. usw.(Nahebei etwa 15 Minuten südl. Markierung rote Kreuze— an dem sogen. Lumpenmannsbrunnen an der Licherstraße— liegt, Wanderungen durch die nähere Umgebung. 301 von herrlichem Wald umgeben, das Fortshaus„Hochwart“. Gute, vielbesuchte Wirtschaft) Vom Fuße des Aussichtsturmes führt uns die Wegmarkierung— blaue Punkte— nach dem idyllisch gelegenen, sauberen Dorfe Annerod. Von dem soliden, gesunden Geiste, der die Bevölkerung dieses Dörfchens be- seelt, zeugen nicht die sauberen Hofreiten allein, sondern mehr vielleicht noch die stattliche Kirche und das für die Verhältnisse wahrhaft großartige Schulhaus. Gute Wirtschaft von FH. Heinz „zur Krone“, der Kirche gegenüber, mit Sommerwirtschaft an der sogenannten„Platte“. Bier, Wein, Kaffee, stets vorzüglicher selbstgekelterter Apfelwein. Gute Küche; auf vorherige Be- stellung auch Mittagstisch. Wagen zur Rückfahrt zur Ver- fügung. Stallung. Fernsprecher 403, Gießen.— Wirtschaft von Engelhardt mit Garten. Zur Rückfahrt nach Gießen be- nutzt man die Fahrstraße, die von der Kirche in nordöstl. Richtung aus dem Dorfe führt und an dem Springbrunnen am Fuße der„Platte“ sich nach Nordwesten(links) wendet. Sie erreicht nach einigen Windungen in etwa 14 Stunde die Land- straße Grünberg—Gießen.(Nahebei der Flochbehälter der Gießener Wasserleitung.) Schöner und interessanter, wenn auch im Anfang etwas weniger bequem, ist der folgende Weg: Von der Kirche aus folgt man— diese zur Linken, das Gasthaus„Zur Krone‘ zur Rechten— der Hauptstraße des Dorfes. Diese führt uns an dem Friedhof(links) und schönen Grasgärten(rechts), sowie an der idyllisch gelegenen Pfeffers-Mühle vorüber in einigen Minuten zum Walde Hier gehe man nicht dem Fahrwege nach, sondern biege am Waldrand einige Schritte nach rechts, dann wieder durch schönen dunklen Fichtenwald in ursprüng- licher Richtung geradeaus bis zu einem eingefriedigten alten Steinbruch. Nach kurzer steiler Senkung— Vorsicht!— er- reicht man den Rand eines Wiesentälchens, dem man auf gutem Kieswege zur Landstraße folgt. Auf dieser andauernd in schönstem Walde hinschreitend, erreichen wir in etwa 11/, Stunde die Stadt. 12. Kirchberg. Altenberg. Staufenberg. Eine halbe Stunde vom Bahnhof Lollar liegt zwischen Lahn und Marburger Straße das alte, friedliche, kleine Kirchlein von Kirchberg(gutes ländliches Wirtshaus links an der Straße), für viele umliegende Dörfer gemeinschaftliches Gotteshaus. Zahl- reiche gut erhaltene ältere und neüere Grabsteine befinden sich innen an den Seitenwänden. Die Burg, die nahebei stand, wurde in der Mitte des 14. Jahrhunderts vom Grafen Johann von Nassau-Weilburg erbaut. Darüber entbrannte 1366 unter Heinrich II., dem Eisernen, von Hessen eine Fehde, wobei die Umgegend weithin schwer verwüstet wurde. Die Burg bei Ruttershausen wurde zerstört. Gegenüber, rechts der Lahn und durch eine Brücke mit Kirchberg verbunden, liegt Ruttershausen. Hinter demselben erhebt sich der kahle Altenberg(300 m ü. M.), der eine pracht- 302 Wanderungen durch die nähere Umgebung. volle Aussicht lahnauf- bis Marburg und Amöneburg und ab- wärts bis Wetzlar und Braunfels"sewährt. Es ist wohl der einzige Berg Deutschlands, von dem aus man zwei Universitäts- städte sieht. 1396 wurde gemeinschaftlich von dem Landgrafen Hermann dem Gelehrten und dem Grafen Philipp von Nassau mit dem Bau einer Burg auf dem Altenberg beı Ruttershausen begonnen; wann und von wem sie zerstört wurde, ist un- bekannt. Jetzt finden sich kaum noch Reste von Fundament- mauern. Staufenberg Besonders schön in der näheren Landschaft liegt der Kegel des Staufenberg(266 m) mit ausgedehnter Ruine— der Hauptbau ist indessen wiederhergestellt und zu Wirtschaftszwecken ein- gerichtet—, darüber Wald, aus dem wieder eine Ruine auf dem Gipfel des Berges hervorragt. Man erreicht den Ort von Lollar aus auf der Landstraße, dann(r.) guter Fahrweg; oder von Kirchberg aus. Der stattliche Torturm im dörf- lichen Städtchen ist nach einer Inschrift wahrscheinlich 1401 von Friedr. von Rolshausen erbaut. Wirtschaft mit reizend schönem Blick in das Lahntal in der unteren Burg, die 1837 wieder unter Dach gebracht wurde und Eigentum S. K. H. des Großherzogs ist. Die obere Ruine ist Eigentum des hessischen Fiskus und mit schönen Garten- und Waldanlagen umgeben; nur ein kleiner Teil steht noch; der Turm kann auf steinerner, mit Geländer versehener Treppe erstiegen werden und bietet einen prachtvollen Rundblick. Schon zu Ende des 13. Jahrhunderts stand die obere Burg und gehörte damals dem Grafen von Ziegenhain. Kaiser Adolf belagerte sie 1296. 1324 wurde Graf Johann zu Solms 3urgmann des Grafen Johann von Ziegenhain auf Staufenberg. Eine neue Fehde brach 1370 zwischen dem Landgrafen Her- mann dem Gelehrten von Hessen und den Burgmännern und Bürgern von Gießen gegen den Grafen Gottfried von Ziegen- Wanderungen durch die nähere Umgebung. 303 hain aus. Aber 1450 fiel die Grafschaft Ziegenhain und Nidda und damit auch Staufenberg an Hessen. Staufenberg war nie eigentliche Hofburg, ebensowenig eine Raubritterburg. Ihr Zweck war, in Kriegszeiten vor dem Feinde eine Zuflucht zu gewähren und die Umgegend und die Land- straße zu beschützen. Während des hessischen Bruderkrieges wurde 1647 die obere Burg Staufenberg durch den schwedischen General Königsmark zerstört und die Umgegend geplündert. Die viel ausgedehntere und sehr starke untere Burg dagegen wurde im ersten Viertel unseres Jahrhunderts durch vandalische Gläubiger zur Ruine, welche Fenster, Treppen und sonstwie brauchbare Steine ausbrechen und wegschleppen ließen. Wer eine Fußwanderung auf den Staufenberg machen will, folge wenigstens an heißen Tagen— nicht der fast durchaus schattenlosen und staubigen Marburger Landstraße, sondern der Wegmarkierung— rote Kreuze— über Wieseck, Hangelstein, Teufelskanzel, Lollarer Kopf nach Lollar. Die Lahn.') Nicht durch des Liedes stolzen Klang Verherrlicht in den Nibelungen, Nicht durch der Dichter Wettgesang, Wie König Rhein, von Ruhm umklungen: Nein, schlichten Wesens, schöne Lahn, Wallst du bescheiden deine Bahn! Und schmücken stolze Burgen nicht Und Dome hehr auch dein Gestade, Und ziert ein Land, selbst ein Gedicht, Nicht reizend deines Laufes Pfade, Ein Land, das dir sein Herz erschließt Und reich mit Segen dich umsprießt? Doch welcher Lorbeer wäre dein, Wenn du nach Ehre würdest dürsten! Hat dir dein Deutschland nicht allein Zu danken seinen Dichterfürsten, Ihn, der zu deinem Ufer trat Und dein Orakel sich erbat? Allein nach Ruhm nicht dürstest du, Du willst behüten, nur beglücken Und eilst dem stolzen Strome zu, Im stillen Busen das Entzücken: „Viel schöner, als allein zu stehn, Ists mit dem Großen untergehn!“ Alois beenninerer. ') Mit Beziehung auf Goethe’s Dichtung und Wahrheit. Band 22. S. 132. Auf einer Fußreise durch das Lahntal von Wetzlar nach Koblenz schleuderte Goethe, dem dieser Gedanke, wie er sagt, aus dem tiefen Grunde der Seele gleichsam befehls- haberisch hervortrat, sein schönes Taschenmesser in den Fluß, um durch den Wurf entscheiden zu lassen, ob er Maler oder Dichter werden solle. Die Entscheidung war zweideutig, wie alle Orakel; er legte dieselbe jedoch nicht zu seinen Gunsten, doch für seine Neigung zur Malerei aus, ward aber infolge jener„Grille‘‘ dafür der größte Dichter. Aquarelldruck 1907. u” Zu| pP. K pi I:imdher-Nammbuns | ee] f Kisster Araskurys Fe. RN Kloster Arnsburg(Kapitelsaal) Verlag v. Emil Roth, Giessen. Münzenberg nach Merian Empfehlenswerte Touren in die weitere Umgebung. Die weitere Umgebung Gießens ist nach allen Seiten hin so reich an landschaftlich schönen und historisch interessanten Punkten, daß es sich wohl lohnt, hier längere Zeit zu verweilen, um sehr bequeme und lohnende Ausflüge zu machen. Die günstigen Bahnverbindungen kommen uns dabei vorzüglich zu statten. Als die besten Berater für weitere Touren empfehlen wir: Rosi Rust Beikherzein No: 22 Das Batınta 2EMK Reoxalus DL ssare Bulhirler No, 32 Vorerelspere Wet- Wera Rau om 27 ke Nenner FosssistenKeaicte vom Voecelsberg, mit Wegmarkierungen und genauem Touren-Verzeichnis. Brosch. 60 Pfg., aufgezogen 1 Mk. Unter Hinweis auf diese vorzüglichen Reisebücher genügt es, an dieser Stelle nur kurz empfehlenswerte Touren an- zudeuten. a) Nach Norden: 1. Marburg(Bahn- fahrt!/,St. Schnellzug). Marburg ist berühmt als blühende Universi- tätsstadt, mit 1600 bis 1800 Studenten, zu- gleich Garnison des 11. Jägerbataillons, Stadt der heil. Elisa- beth und wegen seiner Ra malerisch schönen Um- Marburg gebung. Diese ist in Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 20 306 Empfehlenswerte Touren in die weitere Umgebung.* Elisabethkirche in Marburg der Tat ausgezeichnet, und selbst wenn man vom geschichtlichen In- teresse der Stadt ganz absehen wollte, so wäre ihre Lage reizend genug, um zu einem Besuche einzuladen. Auf beiden Seiten der Lahn erheben sich steile, meist waldbewachsene Berge, die einen herrlichen Blick auf die Gegend gewähren, ganz besonders die Spiegelslust jenseits des Bahnhofs mit Aussichtsturm. Auch die Stadt selbst rechts der Lahn zieht sich zum größten Teil an einem solchen Berge empor, der dann von dem alten, weithin sicht- baren Schlosse gekrönt wird. Aber dadurch werden die älteren Straßen der Stadt und ihre ganze Anlage, der Bau der Häuser usw., die viel- fach ihr mittelalterliches Gepräge erhalten haben, weniger ingenehm und an manchen Stellen sehr steil. 2. Altenberg—Salzbödetal—Fronhausen.(Bequeme Halbtags- Tour.) Hinfahrt bis Friedelhausen, Rückfahrt von Fronhausen. 3. Wieseck— Hangelstein— Climbach— Allendorf— Lumdatal— Lollar— Giessen.(Von Gießen zum Hangelstein rote Kreuze, von dort ab in östlicher und dann nord-nord-östlicher Richtung blaue Striche) Bei Climbach der„Aspenköppel“, der Krater eines erloschenen Vulkans(s. Kapitel Nat Rück- fahrt von Allendorf oder einer anderen Station, der Grünberg- Lollar-Gießener Strecke, oder von Lollar. b) Nach Osten und Südosten: 1. Giessen— Grünberg(oder Mücke)— Laubach— Hungen— Giessen oder umgekehrt. 2. Kloster Arnsburg— Lich) Bahnfahrt bis Garben- teich— rote Striche bis Kloster Arnsburg.) Hier gute Wirtschaft von Thör- ner; rote Punkte bis Lich, von hier Rückfahrt auf der Linie Gießen— Gelnhausen. Die Rückfahrt kann auch schon von der ganz nahe bei Arnsburg gelegenen Station Hof und Dorf Güll der Butzbach- Licher Bahn angetreten Kloster Arnsburg werden. Empfehlenswerte Touren in die weitere Umgebung. 307 c) Nach Süden: 1. Schiffenberg, der blauen Wegmarkie- rung nach in südlicher Richtung über Watzen- born, später dem Pfahlgraben, dann der gelben Markierung fol- gend, nach Butzbach. 2. Butzbach und nächste Umgebung (Zellengefängnis, Wei- dighain, Schrenzer). — Eine halbe Stunde era zes Bahnfahrt, Personen- Butzbach(Alter Markt) zug. Sehr empfehlenswert ist ein Besuch der herrlichen, auf einem Basalthügel gelegenen Burgruine Münzenberg, im Volksmunde das Wetterauer Tintenfaß genannt, welche man von Butzbach aus in 20 Minuten Bahnfahrt auf der Strecke Butzbach—Lich erreicht. Ausführlich ist diese auch historisch sehr interessante Burg im Illustrierten Führer durch den Vogelsberg behandelt; es sei hier besonders auf diesen Ausflug nach Münzenberg als eine sehr lohnende Tour hingewiesen.— 3. Bad Nauheim(1) St. Bahnfahrt). Bad Nauheim, eine Perle im Kranze der hessischen Städte, ist als Bad weltberühmt. Seine Lage und die Umgegend ist sehr schön. In 1 Stünd- chen erreicht man es von Gießen aus mit der M.-W.-Bahn; in der Badezeit halten bei Nauheim alle Züge. An schönen Nachmittagen sammelt sich die gute Gesellschaft der ganzen Wetterau und zahlreiche Kurfremde auf der prachtvollen Ter- rasse des Kurhauses, um zu hören, zu sehen und gesehen zu werden. Bei schlechtem Wetter spielt das vorzüglich ge- schulte Kurorchester im eroßen Konzertsaal des Kurhauses. Dieser und die übrigen glänzend ausgestatteten Räume(Lese-, Speise-, Billard-, Ge- sellschafts-, Restaura- rationssaal usw.) sind sehr besuchenswert. Am beachtenswerte- sten aber sind die drei Sprudel, die man schon auf dem Weg vom Bahnhof nach der Stadt bei den Badehäusern be- sichtigen kann. te 4. Friedberg, eine alte, sehenswürdige, lebhafte Stadt mit Kloster Arnsburg 20* 308 Empfehlenswerte Touren in die weitere Umgebung. Gymnasium u. Realschule, Gewerbe- Akademie, Seminar, Gewerbeschule, Prediger-Seminar.(Be- quem mit der Tour nach Bad Nauheim zu ver- binden, etwa 35 Minuten Bahnfahrt.) 5. Friedberg(oder Bad Nauheim)— Winterstein— Cransberg— Ziegenberg (Schauplatz von Goethes Wahlverwandtschaften), Bad Nauheim und zurück. Terrasse in Bad Nauheim d) Nach Westen: 1. Wetzlar(mit seinen Goetheerinnerungen), Karlsmunt— Garbenheim(Wahlheim in Werther’s Leiden). Wer nicht vorzieht, mit der Eisenbahn von Gießen aus in Y4 Stündchen nach Wetzlar zu fahren, kann auf zwei Wegen dahin gehen; der eine folgt der Landstraße über Klein-Linden und Dutenhofen(3 St.); er bietet nichts besonderes. Der andere(3 St.) über Heuchelheim, Atzbach, Dorlar und Garben- heim ist guter vielfach schattiger Fahrweg und dem anderen entschieden vorzuziehen. Auch Goethe rühmt denselben. Vom Bahnhof, der weit außerhalb des Stadtgebietes liegt, führt der Weg entweder über die nächste eiserne Lahnbrücke und unter dem alten Torbogen durch unmittelbar in die Stadt oder auf der Straße weiter durch die Langgasse(man beachte das zopfige„bunte Haus‘) über die steinerne Lahn- brücke mit prachtvollem Blick auf- und abwärts des Flusses. Wetzlar trägt überall noch die Spuren seiner ehemaligen Bedeutung als befestigte freie Reichsstadt und als Sitz des Reichskammergerichts. Trotz der engen, teilweise sehr steilen Gassen und der dicht aufeinander gekeilten hohen Häuser hat es den Anstrich reichsstädtischer Behaglichkeit und mittel- alterlichen Reichtums. 2. Stoppelberg— Kirschenwäldchen— Wetzlar.(Fahrt bis Dutenhofen, dann der Wegmarkierung— schwarze Striche— folgen.) 3. Braunfels mit seiner herrlichen Um- gebung.(Kaiser Fried- rich sagte als Kron- prinz im Jahre 1887 bei seinem ersten und Wetzlar a rn en= Empfehlenswerte Touren in die weitere Umgebung. 309 einzigen Besuch in Braunfels mehr- mals:,„Wie konnte man nur so alt werden, ohne Braunfels gesehen zu haben.“) 40 Minuten Bahn- fahrt. 4. Weilburg(1 St. Bahnfahrt). Weilburg, Kreisstadt mit ca.3700Ein- wohnern, in reizender Lage an der Lahn, breitet sich teils um das mächtige und weithin sichtbare Schloß auf der Höhe, teils im Tal aus. In weiter Schleife umfließt die Lahn den vielfach steil ab- fallenden Schloßberg, der zweimal von fast parallelen Tunnels durch- brochen ist, einem älteren für die Schiffahrt und einem neueren und größeren für die Eisenbahn. Das rechte Ufer gegenüber stürzt nahezu senkrecht nach der Lahn ab, und auch von hier aus ist der Blick auf die Stadt prachtvoll. Dabei ist diese gut-gebaut, die Straßen reinlich5 und lebhaft, kurz man merkt immer noch den Einfluß der früheren Residenz der Fürsten von Nassau- Weilburg. Ein Som- mer- und Badeaufent- halt hier in herrlichster und gesündester Natur ist höchst erfrischend und lohnend. Dazu kommt eine angeneh- me Geselligkeit durch zahlreiche Behörden, Schulen und Gewerke mit ihren Beamten. 5. Greifenstein—Dianaburg—Leun.(Fahrt bis Katzenfurt) : 50 Min., derWegmar- kierung nach Grei- j \ “ Dom zu Wetzlar Braunfels fenstein— schwarze Punkte—, von da nach Dianaburg— blaue Striche—, von hier den blauen Dreiecken oder roten Strichen folgen bis Leun.(Stets herr- liche Waldwande- rung.) Rückfahrt von Station Braunfels. Weilburg i j 310 Empfehlenswerte Touren in die weitere Umgebung. 6. In’s Dillta. Die Deutz—Gießener Bahn bietet in dem Dilltal mit seinen zahlreichen malerisch gelegenen Städtchen und Dörfern und seinen vielen Hütten- und"anderen industriellen Werken sehr viel landschaftliche Schönheit. Das wiesenreiche Tal ist von schroffen, teilweise bewaldeten Hügeln eingeschlossen. Obgleich die Dill sehr seicht ist, so ist ihr Wasserreichtum und ihr starker Fall von größter Bedeutung für die Industrie des Tals. Oberhalb Haiger wird die Gegend rauh und verliert von ihrer Fruchtbarkeit, auch haben die Dörfer ein höchst ärmliches Aus- ’ sehen. N Hermannstein. Ehringshausen; etwas weiter Dillheım mit hochgelegenem hübschen Kirchlein._ Sinn mit bedeutender In- dustrie, nahebei eine Eisenhütte mit Hochofen, Puddel- und Walzwerk. Weg a Greifenstein. Herborn. Altertümliches Landstädtchen, das 1048 zuerst genannt wird und 1251 Stadt- rechte erhielt; es ist überragt von dem gleichzeitig erbauten ae Schloß, in welchem jetzt eine Pr räparandenanstalt und die"Wohnung eines Beamten ıst. Am berühmtesten wurde die Stadt durch die 1584 vom Grafen Johann v. Dillenburg, Bruder Wilhelms von Oranien, gegründete und anfangs sehr stark besuchte Universität. Die frühere Aula, jetzt Betsaal, ent- hält die Bildnisse der alten Professoren. Das jetzige Prediger- Seminar wird wenig besucht. Sehr lohnender kurzer Spazier- sang auf den Homberg gegenüber der Stadt, unmittelbar über der Eisenbahn, mit prächtiger Aussicht. Friedberg| Dillenburg. Teilweise moderne Beamtenstadt mit geraden Straßen, liegt zwischen Dill und dem steil ansteıgenden Berg, der mit den Trümmern des früher mächtigen Schlosses bedeckt ist, dem Stammschloß des Herzogs Wilhe IimvonOranien, des Schweigsamen, zu dessen Gedächt tnis 1872—1875 von Nassau und Holland gemeinsam ein Aussichtsturm erbaut wurde, der die Gegend weit überragt und eine prächtige Aussicht gewährt. Eintritt gegen Karten a 30 Pig,, der Schlüssel wird gegen Rückgabe der Karten in einer der beiden Wirtschaften oben neben den Schloßtrümmern verabfolgt. Empfehlenswerte Touren in die weitere Umgebung. 311 Diez 7. Nach Limburg. Diese alte Stadt war im Mittelalter viel bedeutender wie eben(8500 Einw.), obgleich sie sich unter | preußischer Regierung nicht unwesentlich gehoben und ver- | erößert hat, was namentlich auch an den ausgedehnten Bahnhof- gebäuden zu erkennen ist. Schon das mächtige Stationsgebäude bezeugt die Wichtigkeit des Eisenbahnverkehrs in verschiedenen Richtungen. Die Nassauische Staatsbahn zieht durch das Lahntal und ist ein Teil der strategischen Linie Berlin-Metz; die Hess. Ludwigsbahn verbindet L. mit Frankfurt a. M., und geht dabei über das wasserberühmte Nieder-Selters, Kamberg, Idstein, Epp- | stein zum Anschluß an die Taunusbahn in Höchst; die\WVester- | waldbahn verzweigt sich in Altenkirchen einmal nach Engers zur Verbindung mit der rechts-rheinischen Bahn, anderseits aber nach Au zum Anschluß an die Deutz-Gießener Bahn. In L. ist auch die Zentralwerkstätte der Nassauischen Staatsbahn. Dampfbootverkehr über Dietkirchen mit Dehrn. | 8. Nach Diez(4400 Einw.) Diez zeichnet sich durch seine herrliche Lage, seine Reinlichkeit, durch weiches Klima und ausgezeich- nete Gesundheitsverhältnisse vorteilhaft aus. Epidemien und Endemien kommen nicht vor. Der Stadtwald Hain, | der sich von den letzten Wohnhäusern der Stadt bis nach Oranienstein hinzieht, mit vielen gut angelegten Wegen, Spaziergängen und Ruheplätzen, liegt auf einer mäßigen Anhöhe und bietet mitseinem Laub- und Nadel- holzwald die erfrischendste und ganz staubfreie Luit zur Stärkung der Lunge und | Kräftigung des Herzens.— Restauration mit dem prachtvollenAussichtspunkt „die zwölf Säulen“, auch Sammelpunkt der Kurfremden und Trinkhalle für Fachinger und Geilnauer Wasser. Ruine Münzenberg 2 Le” sine A. Empfehlenswerte Touren in die weitere Umgebung. Vogelsberg, Wetterau, Rhön, Taunus sind von Gießen leicht zu erreichende Gebirge und bieten die herrlichsten Sommer- frischen.; Dom zu Limburg Ruine Greifenstein| Von berühmten[Bädern und Luftkurorten liegen nahe: Bad Nauheim, Wildungen, Ems, Soden-Salmünster, Salzschlirf, Hochwald- hausen(Vogelsberg), Salzhausen, Gelnhausen, Orb, Selters.\Ver Großstadtluft zur Abwechslung atmen will, hat im Norden Kassel, im Süden Frankfurt, im Westen Köln, alle drei in Tagestouren zu besıuichen. So bietet auch die weitere Umgebung des Köstlichen und Herrlichen in reicher Wahl.— ME EN RN IN HN Mi} vi Kl SS Ni N N RU N N In l E ry at Nr“ A\ MM = Wen Orts-Verzeichnis des Kreises Gießen. Albach(P. Steinbach) Allendorf a. d. Lahn(P. Gießen Allendorf a. d. Lda.(Post) Allertshausen(P. Londorf) Alten-Buseck(P. Gießen) Annerod(P. Gießen) Arnsburg(P. Lich) Bellersheim(Post) Beltershain(P. Grünberg) Bersrod mit Winnerod(P. Reiskirchen) Bettenhausen(P. Langsdorf) Beuern(Post) Birklar(P. Lich) Burkhardsfelden(P. Großen-Buseck) Climbach(P. Allendorf a. d. Lumda) Daubringen mit Hof Heibertshausen (P. Lollar) Dorf-Güll(P. Lich) Eberstadt mit Arnsburg(P. Lich) Ettingshausen(P. Grünberg) Garbenteich(P. Steinberg) Geilshausen(P. Londorf) Göbelnrod(P. Grünberg) Großen-Buseck(Post) Großen-Linden: Post) Grünberg(Post) Grüningen(P. Gießen) Harbach(P. Grünberg) Hattenrod(P. Reiskirchen) Hausen(P. Steinberg) Heuchelheim mit Windhof und Abend- stern(Post) Holzheim(Post) Hungen(Post) Inheiden(P. Hungen) Kesselbach(P. Londorf) Kirchberg(s. Ruttersh. (P. Lollar) Klein-Linden(P. Gießen) Langd(P. Hungen) Lang-Göns(Post) Langsdorf(Post) Lauter(P. Grünberg) Leihgestern mit Hof Ludwigshöhe und Neu-Hof(P. Großen-Linden) Lich mit Albacher Hof und Hof Koln- hausen(Post) Lindenstruth(P. Reiskirchen) und Staufenb.) N Lollar(Post) Londorf mit Burg Rabenau(Post) Lumda(P. Grünberg) Mainzlar mit Hof und Mühle sachsen(P. Lollar) Münster(P. Lich) Muschenheim mit Hof-Güll(P. Lich) Nieder-Bessingen(P. Lich) Nonnenroth(P. Villingen) Obbornhofen(P. Bellersheim) Ober-Bessingen(P. Lich) Ober-Hörgern(P. Münzenberg) Odenhausen mit Hof Appenborn(Post L ondorf) Oppenrod(P. Großen-Buseck) Queckborn(P. Grünberg) Rabertshausen mit en Hof und Hof Ringelshausen(P. Ulfa) Reinhardshain(P. Grünberg) Reiskirchen(Post) Rodheim mit Hof Grass(P. Hungen) Rödgen(P. Gießen) Röthges(P. Laubach) Rüddingshausen(P. Londorf) en mit Kirchberg(2 Häuser) (P. Lollar) Saasen mit Bollnbach, Veitsberg und Wirberg(P. Reiskirchen) Stangenrod EB Grünberg) Staufenberg mit Friedelhausen und Kirchberg(1 Haus)(P. Lollar) Steinbach(Post) Steinberg(siehe Watzenborn-Steinberg) (Post) Steinheim(P. Hungen) Stockhausen(P. Mücke) Trais-Horloff(P. Hungen) Treis a. d. Lda.(P. Hungen) Trohe(P. Gießen) Utphe(P. Berstadt) Villingen(Post) Watzenborn-Steinberg(P. Steinberg) Weickartshain(P. Mücke) Weitershain mit Hainer Hof(P. Nieder- ohmen) Wieseck mit Badenburg(Post) Winnerod(P. Reiskirchen) Mühl- HASSIACA. Verlag von Emil Roth in Gießen. Hessische Literatur im Allgemeinen und Speziellen. Adam, Erlebnisse eines Dorfschullehrers. Biograph. Bilder.—.60 Mk. Andres, Verfassungs- und Gesetzeskunde für die Fortbildungsschulen des Groß- herzogtums Hessen. 2. Aufl.—.90 Mk. Ausbildung der Volksschullehrer im Großherzogtum Hessen. Eine Denkschrift. —.75 Mk. Backes, Festschrift zur 25 jähr. Jubelfeier des Hess. Landeslehrervereins.—.50 Mk. Bechtolsheimer, Zwischen Rhein und Donnersberg.. Roman aus der Franzosen- zeit. Brosch. 3.— Mk., geb. 4.— Mk. Becker, Die Schwurgenossen. Erzählung. Brosch, 1.50 Mk., geb. 2.— Mk. Bickelhaupt, Rege un Sunneschoi. Gedichte und Geschichten aus dem Oden- wald. Brosch. 1.— Mk., geb. 1.50 Mk. Biermer, Die kommunale Vermögensbesteuerung in Hessen.—.60 Mk. je Nochmals die Hessische Kommunalsteuerreform.—.50 Mk. n Die politische Lage in Hessen.—.50 Mk. Bilderkalender, Kunsthistorisch. 1896, für das Großherzogtum Hessen. 1.— Mk. Bimbächer, Der Spenglermeister. Posse aus dem Gießener Volksleben. 1.— Mk. Bock, Aus einer kleinen Universitätsstadt. Kulturgeschichtl. Bilder. Brosch. 2. Auflage. 1.— Mk., geb. 1.30 Mk. Börckel, Hessens Fürstenfrauen. Brosch. 3,— Mk., geb. 4.— Mk. Fürstenausgabe, Prachtwerk 20.— Mk. », Gutenberg, Sein Leben, sein Wirken, sein Ruhm. Brosch. 3.— Mk., geb. 4.50 Mk. Zriegleb, Wie’s klingt am Rhei’. Mundartliche Gedichte. Brosch. 1.— Mk., geb. 1.50 Mk. : Links am Rhei’ is gut sei. Neue mundartliche Gedichte. Brosch, 1.— Mk., geb. 1.50 Mk. A Wei’schdeier-Lieder. Anhang z. Links am Rhei’.,-—.20 Mk. ” Vivat der Vogelsberg.—.60 Mk. Brilmayer, Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart. Brosch. 8 Mk., geb. 10.— Mk., Prachtausgabe 15.— Mk —_— Hessische Literatur im Allgemeinen und Speziellen. 315 Buchner, Führer durch den Vogelsberg. Geb. 1.60 Mk. Aus Gießens Vergangenheit. Kulturhistor. Bilder. Brosch. 2.50 Mk., geb. 3.— Mk. M Gießen vor hundert Jahren. Kulturhistor. Bilder. Brosch. 2.50 Mk., geb. 3.— Mk. Führer durch Vogelsberg, Wetterau, Lahn- und Dilltal. Geb. 2.— Mk. ” Gießen und das Lahntal. Geb. 2.— Mk. ” Führer durch das Lahntal. Geb. 2.— Mk. Buxbaum, Der Moosbauer. Roman aus dem Odenwälder Volks- leben. Brosch. 2.- Mk., geb. 3.— Mk. ” Bilder aus dem Odenwälder Volksleben. 3 Bände. I. Bd. Hauswirken. Brosch. 1.50 Mk., geb. 2.- Mk. II. Bd. Wildhecken. Brosch. 1.50 Mk., geb. 2.— Mk. III. Bd. Werktagsgestalten. Brosch. 1.50 Mk., geb. 2.- Mk. 3 Bde. in einen Band(Halbfranz) geb. 6. Mk. Chelius, Geologischer Führer durch den Odenwald. 2. Aufl. 2.— Mk., geb. 2.40 Mk. „ Geologischer Führer durch den Vogelsberg. 2.— Mk., geb. 2.40 Mk. Dieffenbach, Joh. Ferdin. Schlez, hessischer Schulmann und Volksschriftsteller.—.25 Mk. Döll, Liederbuch. 3 Hefte, in einen Band geh.—.80 Mk., geb. a 1 Mk. Dosch, L., Exkursionsflora von Mitteldeutschland. Brosch. 5.— Mk., geb. 6.— Mk. ‚„ Das Fischwasser und die Fische des Großherzogtums Hessen. Brosch. 3.— Mk., geb. 3.50 Mk. „Feuerwehr-Zeitung“. XXI. Jahrgang, pro Halbjahr 2.50 Mk. Francke, Rud. Der eiserne Landgraf. Kulturhistor. Roman aus dem 14. Jahrh. Geheftet 3.— Mk., eleg. geb. 4.— Mk. Frommann, Karte vom Großherzogtum Hessen. 30. Aufl., 2.80 Mk., auf Leinw. mit Stäben 4.50 Mk. Gisevius, Univ.-Professor Dr. P., Landwirtschaftliche Naturkunde. Leitfaden für Fortbildungsschulen. 2.40 Mk., geb. 3.— Mk. Gleiberg, Burg, ein Führer,—.50 Mk. „ Greim, Mineralien des Großherzogtums Hessen. 1.— Mk. Greim-Müller, Volksschulwesen im Großherzogtum Hessen. 3.— Mk., geb. 4.— Mk. Henrich, Finanzielle Verwaltung der öffentlichen Vermögen. Brosch. 9.— Mk., geb. 10.— Mk. Mit Anhang 2.— Mk. Heusel, Plan von Alzey. Maßstab 1:1600. 5.— Mk., auf Leinw. mit Stäben 8.— Mk. ” Kleiner Plan von Alzey. Maßstab 1:5000.—.40 Mk. Hörle, Rechtliche Stellung der unehelichen Kinder. 1.20 Mk. Idus, Quitten, Akademische Humoreske.—.60 Mk. Kleinschmidt, Alb. Die geographischen Grundbegriffe. Mit verkleinerter Abbildung von Siedles Relief. 1.80 Mk. Koehler, Steuerpflichtiges Einkommen. 1.20 Mk. Kohut, Justus v. Liebig, sein Leben und Wirken. 2. Aufl. Geh. 5.— Mk., geb. in Leinwand 6.— Mk., Prachtausgabe 10.— Mk. Kretschmar, Secum pensare, Festschrift der jurist. Fakultät in Gießen. 3.— Mk. Künzel-Soldan, Großherzogtum Hessen, Lebensbild aus Vergangenheit und Gegen- wart. Brosch. 8— Mk., geb. in Leinw. 10.— Mk., Halbfranz 10.50 Mk L.andesherdbuch f. hess. Simmentaler. Geb. 2.— Mk. Lange, Schulatlas für Hessen. Kart. 1.— Mk., geb. 1.50 Mk. er 5 316 Hessische Literatur im Allgemeinen und Speziellen. Lehrerkalender, Hessischer. I. bis XXV. Jahrgang. ä 1.40 Mk. Lehrgang zum Unterricht im Verfassungsrecht für hessische Fortbildungsschulen, Herausgegeben von der Großh. Kreisschulkommission Gießen.—.20 Mk. Lehrmittelkatalog, Illustr., für hess. Schulen. 1.— Mk. Leithiger, Vogelsberger Rind und seine Zucht. Brosch. 1.60 Mk., geb- 2.— Mk. 7 Zuchtregister der Gemeinden. Geb. 2.— Mk. in Ortsstatut für den Betrieb einer Simmentaler Rindvieh-Stammzucht. —.20 Mk. En Dasselbe für Vogelsberger Rindvieh-Stammzucht..—20 Mk. Lesebuch, Hessisches, Ausgabe A, 7 Bände, Ausgabe B, 4 Bände, Ausgabe C 3 Bände, Ausgabe D, 4 Bände. ’ > Deutsches, für hessische Schulen, Ausgabe A, 4 Bände, Ausgabe B, 3 Bände, Ausgabe C, 2 Bände. Lucius, Lehrstoffverteilung für Volksschulen Hessens. 2. Aufl, geb. 4.— Mk. Melching’s Taschenkarte vom Odenwald-Gebiet. 1:250 000.—,60 Mk. Merian, Eigentl. Abbildung der Veste und Universität Gießen.—50 Mk. Müller, Heimatkunde von Hessen.—.20 Mk., mit Wamser’s Schulhandkarte von Hessen—.40 Mk.; ni Geschichte von Hessen.—.60 Mk., karton.—.70 Mk., mit Anhang Heimatkunde—.95 Mk. und zwei Karten 1.20 Mk. Münzenberg, Geschichte und Beschreibung.—.60 Mk. Neue Touristenkarte vom Vogelsberg mit Wegmarkierungen und genauem Touren- Verzeichnis.—.60 Mk., aufgez. auf Leinw, 1.— Mk. Niepoth’s Rechenb. 17.—24. Aufl. Ausg. A, 11 Teile, Ausgabe B, 6Teile. Nodnagel, Höhere Schulwesen im Großherzogtum Hessen, Gesetze, Verord- nungen und Verfügungen. 6.— Mk., geb. in Halbiranz 7.50 Mk. I. Nachtrag 1.20 Mk., II. Nachtrag 1.— Mk. Odenwaldbuch, Heimatkunde des Odenwalds. 5.— Mk., geb. 6.— Mk. Plan, Großer geometr., der Stadt Gießen in 6 Farben, 1:4000., 2. Aufl. 6.— Mk., aufgez. mit Rollen oder in Karton 7.80 Mk. Realienbuch für die Schulen Hessens von Müller und Völker. 3. Aufl. Ausg. A geb. 2.50 Mk., Ausg. B geb. 2.— Mk. Ritgen, v., Geschichte der Burg Gleiberg(siehe auch Gleibergführer).—.80 Mk. Roth’s Illustrierte Führer Nr, 1: Führer für Gießen und das Lahntal. 5. Aufl, Geb PR do. Nr. 2: Lahntal, 5, Aut, Geb 2.- Me „ do. Nr. 3: Vogelsberg. 3. Aufl. Geb. 2.— Mk. „» do. Nr. 4: Wanderungen durch die Wetterau. Geb. 1.50 Mk. en do. Nr. 5: Soolbad Salzhausen. 1.— Mk. » do. Nr. 6: Geolog. Führer durch den Vogelsberg. Karton. 2.— Mk., geb. 2.40 Mk. PR do. Nr.7: Geolog. Führer durch den Odenwald. 2. Aufl. Karton. 2.— Mk., geb. 2.40 Mk. „ do. Nr. 10: Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen und ihre nähere Umgebnng. 1.50 Mk. Roth’s Spezialkarte v. Hessen-Nassau, Oberhessen, Vogelsberg, Westerwald, Taunus und Lahntal. 1:200000. 1.50 Mk,, aufgez. auf Leinw. in Etui 2.50 Mk. Schaefer, Die silbernen Glocken von Mörlenbach und die Falschmünzer vom Weschnitztal, Odenwälder Volksroman. 1.50 Mk., eleg. geb. 2.50 Mk. Scherer, Geographie und Statistik von Hessen. 2,50 Mk., in rotem Kalikoband 3.— Mk. Schulbote für Hessen, Organ des Hess. Landes-Lehrervereins. 47. Jahrgang. pro Quartal 1.— Mk. Hessische Literatur im Allgemeinen und Speziellen. 317 Soldan, Geschichte des Großherzogtums Hessen. Brosch. 3.— Mk., in eleg. Ka- likoband 4.— Mk. Spilger, Flora und Vegetation des Vogelsberges. 1.50 Mk. Storch, A., Kurze Geschichte von Friedberg und seinem Lehrerseminar.—.60 Mk. Die Hüttenberger, Volksschauspiel zur Feier des Trachtenfestes in Butzbach, Juni 1906.—.40 Mk.; 2 Heimat und Vaterland. Gedichte. 1.20 Mk., in Leinw. 1.60 Mk. = Deutsche Grüße. Neue Gedichte. 1.— Mk., geb. 1.50 Mk. Tasche, Soolbad Salzhausen. 2. Aufl. 1.— Mk. Trais, v., Heimatklänge aus der Wetterau. Gedichte in Wetterauer Mundart. 1.— Mk., in eleg. Kalikoband 1.50 Mk. Wetterauer Sang und Klang. Dreißig neue Gedichte in Wetterauer Mundart. 1.— Mk., in eleg. Kalikoband 1.50 Mk. P Wetterauer Gedichte. Brosch. 1.50 Mk., geb. 2.— Mk. Volk, Der Odenwald und seine Nachbargebiete. Eine Landes- und Volkskunde. Brosch. 8.— Mk., geb. 10.— Mk. ‚„ Sunndag und Werdag. Gedichte, Sprüche und Geschichten in Oden- wälder Mundart. 2.— Mk., eleg. geb. 3.— Mk. Wamser, Schulwandkarte von Hessen. 1:100000, 3. Aufl., aufgez. auf Leinwand mit Stäben, 20.— Mk. „ » N Handkarte von Hessen. 1:500000. 3. Aufl.—.20 Mk., auf Pappe (einmal gebrochen)—.35 Mk., auf Leinwand in Karton—.45 Mk. a Kreiskarten: 1. Gießen, No. 2 Friedberg, in Höhenschichten und Reliefdarstellung. 1:100000.—.25 Mk., auf Leinwand in Karton —45 Mk. 2. Friedberg, in Höhenschichten- und Reliefdarstellung. 1:100000.—.25 Mk., auf Leinwand in Karton—.45 Mk. . Großer Stadtplan der Haupt- und Residenzstadt Darmstadt mit Bessungen. 1:2000. 6 Blatt Farbendruck. 24.— Mk., auf Leinwand mit Stäben 30.— Mk. m Kleiner Stadtplan von Darmstadt. 1:10000. Farbendruck. —.20 Mk., Taschenausgabe in Umschlag—.40 Mk. N Großer Stadtplan von Friedberg.|: 2000. Farbendruck. 5.— Mk. A Kleiner Stadtplan von Friedberg.|: 5000. Farbendruck. —.20 Mk., Taschenausgabe in Umschlag—.40 Mk. Großer Stadtplan von Gießen. 1:2000. 4Blatt Farbendruck. 16.— Mk., auf Leinwand mit Stäben 20.— Mk. „ Kleiner Stadtplan von Gießen. 1:10000. Farbendruck.—.20 Mark, Taschenausgabe—.40 Mk. er Großer Stadtplan von Mainz und Kastel. 1:2000. 6 Blatt Farbendruck. 24.— Mk., auf Leinwand mit Stäben 30.— Mk. ne Kleiner Stadtplan von Mainz. 1:10000. Farbendruck—.20 Mk., Taschenausgabe in Umschlag—.40 Mk., mit Führer—.50 Mk. A Großer Stadtplan von Offenbach. 1:2000. 4 Blatt Farben- druck. 16.— Mk., auf Leinwand mit Stäben 20.— Mk. ee Kleiner Stadtplan von Offenbach. 1:10000. Farbendruck. —.20 Mk., Taschenausgabe in Umschlag—.40 Mk. ” Großer Stadtplan von Worms. 1:2000. 6 Blatt Farbendruck. 24.— Mk., auf Leinwand mit Stäben 30.— Mk. A Kleiner Stadtplan von Worms. 1:10000. I arbendruck.—.20 Mk., Taschenausgabe in Umschlag—.40 Mk. in Große Umgebungskarte von Gießen, in Höhenschichtendar- stellung. 1:20000. 4 Blatt. 12.— Mk., auf Leinwand mit Stäben 20.— Mk. a 318 Hessische Literatur im Allgemeinen und Speziellen. Wamser, Kleine Umgebungskarte von Gießen. 1:160000. Farbendruck. — 20 Mk., Taschenausgabe in Umschlag—.40 Mk. Große Umgebungskarte von Darmstadt, in Höhenschichten- darstellung. 1:20000. 4 Blatt. 12.— Mk., auf Leinwand mit Stäben 20.— Mk. 5: Kleine Umgebungskarte von Darmstadt, in Höhenschichten- darstellung. 1:100000. Farbendruck.—.20 Mk., Taschenausgabe in Umschlag—.40 Mk. Welzbacher, Karte der Provinz Oberhessen. 1:80000. 4 Blatt. Farbendruck. 3.50 Mk., auf Leinwand mit Stäben 8.— Mk. Wittich, Dr. E. Uebersicht der geologischen Verhältnisse des Großherzogtums Hessen. Mit einer Karte und drei Tafeln.—.80 Mk. Wollweber, Schulkarte von Hessen. 17. Aufl. 1:600000. Farbendruck.—.20 Mark, auf Pappe—.35 Mk. Landgraf Philipp-Wappen am alten Schloß Ge Er a ER mr P2 mp 27, FB Be Err Bari zZ hin Zus ie Be Ar I 5 An 3 Imrmar 788:; 2 Re ai oder. ML 2 BE) BE TERFÄRGE al TR:;;= a TE ge Ark A FE Ger erh VBEZZETOTER£ au 1828. ee 7 Br DES RL, , eg, EP IA Lo a La ED EEE WET 2 a nn an u ga ap nl z Zt ne Ä Se Inhalts-Uebersicht. Vorwort Allgemeines. Orientierende Men re Hotels, Hotel-Restaurants, Gasthöfe, Restaurants, Cafes Verkehrs-Einrichtungen: a) Kaiserliches Postamt: b) Eisenbahnverkehr(mit Karte a besten es verbindungen) ec) Omnibusverkehr d) Droschkenverkehr e) Rollfuhr- und Gepäcktri ak f) Tarif für Dienstmänner ) Meldeordnung; ) Wochenmarktordnung. © 5 h Banken ö 3ade-Anstalten. Theater, Konzerte: a) Theater. Das neue Stadttheater(Univ.-Professor Dr. Fromme) Re b) Konzerte(Ernst Challier sen.) Statistische Mitteilungen über Gießen. Geschichte der Stadt(Bibliothekar Dr. Ebel): Die Universität(Univ.-Professor Dr. jur. et phil. Mass Beer) Geschichte der Garnison(Major Mohr) Goethe in Gießen. Aus„Wahrheit und Dichtung Rundgang durch die Stadt Bibliotheken und Sammlungen: a) Universitätsbibliothek(Oberbibliothekar Dr. Heuser) b) Oeffentliche Lesehalle| Bibliothekar Dr. Ebel f c) Städtisches Archiv J\ Museum(Hauptmann a. D. Kramer) 65 8l 98 103 131 134 135 135 Inhalts-Uebersicht. Allgemeines über Gießen: Lage und Klima. ee. Bevölkerungs- und ana are:(Medizinal- rat Dr. Haberkorn). Naturgeschichtliches Geologisches 5 ne Kunstleben und Kunstp silens(Univ, eraiesger De Sauer) Charakter, Sitten, Gebräuche und Sprache a Das kirchliche Leben Gießens(Pfarrer Euler, Dekan Bayer, Dr. Sander). E Das Schulwesen(Lehrer lan Daallen 5 Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr Städtische Einrichtungen: a) Städtisches Elektrizitätswerk. me b) Städtisches Gaswerk\ j%: c) Städtisches Wasserwerk J 8% d) Städtisches Straßenreinigungs-, Entwässerungs- und Abfuhrwesen e) Städtischer Schl Sach horror Mod(de) f) Feuerlöschwesen(Baumeister Traber) 5 Die Universitäts-Kliniken und medizinischen Institute er.- Professor Dr. Best) i; Das Veterinärwesen(Veterinärrat Sanenaı vol Rebe arzt Knell). Akademisches: a) Allgemeines:; b) Aus dem Gießener laanitehon Er em heit(Oberlehrer Dr. Roese). Wohnungsverhältnisse Pflege des Sports. Wichtige Adressen für den cr: An der Lahn. Gedicht von Karl Schäfer-Dar niet Wanderungen durch die nähere Umgebung: 1. Kleinlinden . Großenlinden . Der alte Friedhof i . Luthereiche, Liebigshöhe, SoSe . Wieseck, Hangelstein, Badenburg Hardt, Heuchelheim, Himberg Gleiberg Wettenberg, Ve nn 9. Biebertal, Dünsberg, Königsberg, Hohensolms, Altenberg. Direktor Bergen ooNau wm Roth’s Illustr. Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen. 21 ne na” Inhalts-Uebersicht. 10. Forstgarten, Schiffenberg 1. Hohe Warte, Annerod en 12. Kirchberg, Altenberg, Staufenberg Die Lahn. Gedicht von Alois Henninger i Empfehlenswerte Touren in die weitere Umgebung Ortsverzeichnis des Kreises Gießen Hassiaca. Hessische Literatur im Alle ner a ie Inhalts-Uebersicht. Sach- und Namenregister Verzeichnis der Abbildungen. Theaterplan. Plan der Stadt. Karte der Umgebung. Verzeichnis empfehlenswerter Firmen. Inseraten-Anhang. Spenglermeister Bimbächer. Seite 294 300 301 304 305 S13 314 320 328 33 hl N alle*|, Dt a In 1. i IN Ü ÜEN ITRTRRE| ale Aa list] I N hun ann N) [ AN SEE all (Aus: Buxbaum, Bilder aus dem Volksleben.) Namen- und Sachregister. (Die Ziffern bedeuten die Seitenzahlen.) ET nn Abendstern 291 Adelphia, Re formverbindung Akademisches 224 Akadem. Gesangverein 234 Akadem.-pharmazeut. Verein 234 Akadem.-theolog. Verein 234 Akadem. Vereinigungen 232 Alemannia, Burschenschaft 73. 232. 2 Aliceschule 108. 190 Allendorf a. Lmda. 306 Alpenverein, D. u. Oe. 268 Altenberg 301. 302. 306 Amtsgericht, Großh. 110 Anatomie 67* „Andres“, Wirtschaft Anlagen 54 Anmeldung der Studierenden 226 Annaberg 208 Annerod 209. 210. 300 Antonii, Jurist, 1. Universitäts-Rektor, her- 288 259 vorragender Schriftsteller auf dem Gebiete des Lehnsrechts 66.* 68 Antoniterkreuz 68 Apotheken 270 Apotheke, klinische 219 Archäologisches Museum 159 Archiv der Stadt Gießen 115. 135 Arens, Kanzler 249. 250 Arminia, Burschenschaft im A. D. B. 233 Arnold, Gottfr., Historiker 69* Arnsburg, Kloster 306 Aerzte 269 Aspenkippel 153. 306 Atzbach 308 | Augenklinik 104. 129. 216. 218. 219 Augenklinik, neue 218 Augenklinik der Balserstiftung 221 Aula, große 79* Ausschuß d. Gießener Studentenschaft 235 Auszüge der Studenten 1776, 1819, 1826, 1846 70 Bade-Anstalten 27 Badenburg 284 Bad Nauheim Bahnhof 63 Bahnhofstraße 103 307 Bahnverkehr 203 Bahrdt, Karl Friedr., Rationalist 69* Ballhaus 241 Balser, Professor 259 Balserstiftung 221 Banken 26 Bardeleben, H. A., Chirurg 76* | Barmherzige Schwestern 183 Bast, Joh. Phil., Scharfrichter 277 Batzenskandal 245 Die ‚neuen Bäue‘‘ 156 Bauernstube, hessische 138 | Baur, Gustav, prakt. Theologe 75* | Bayer, Johs., Dekan, kathol. Pfarrer 181 Becker, August 60 Becker, August, der sog. ‚rote Be cken Becker, Baurat 213 Behörden 12 und ff. Bergen, O., Direktor d. Gas- u. Wasser- werks 206. 208 Bergstraße 128 = 3 DE: 324 3ergwerkswald 295 Bernadotte, General 70* Best Eriedr, Dry a Augenheilkunde 3esuch im Karzer Bevölkerung 146 o 215 67 Namen- und Profe Bezirksschule, städtische 106 Bibliotheken Bichler’scher Bieber 292 Biebertalbahn IS met 106 >SSOI Landwirtschaftsbetrieb der ($) D Biermer, Dr. jur. et phil. Magnus(Origi- nalbeitrag) 65 Bimbächer, Spenglermeister 242 Pirnbaum, Joh. Michael Franz, historiker und langjähriger der Universität 75.* 76 Bischoff, Th. L., Anatom 76* Bismarcksäule 286 3ismarckstraße 117. 128 Blamage(Omnibus) 254 Blücher, Marschall 70* Bleichstraße 128 Böhm, Andreas, Prof. 59 Bonnet, Rob., Anatom 76* Rechts- Kanzler 3ootshaus der Rudergesellschaft 107 Börne, Ludw. 70* 3ose, Hein., Chirurg 76* 218 Bostroem, Geh. Medizinalrat, Prof 220 Bolan“ Gartene 07% 110: 1112128 v. Bradke, Peter, Professor 134 Brand 41. 121 Brandgasse 121 Brandplatz 135 Brandwache 214 Gießener Brauhaus(A. u. W. Denninghoff) 108. 198 3raunfels 398 Braunsteinbergwerk 274 3uchdruckereien 270 Buchhandlungen 270 Buchner, Prof. Dr. 6 3üchner, Alexander, raturgeschichte Büchner, Ludwig, und Stoff‘ 60. Büdinger Land 173 Bürgergarde 61. 62 Bürgermeisterei 67.* 115 Bürgerwache 61 Burgkirche 182 Burgmannen 121 Burschenschaft, Burschenschaft Busch, Christian Busch 127 3usch’sche Garten 251 Buseck, v ‚ Forstmeister Butzbach 307 60. 7 178% Gründun 248 261. 26 16 Cafes Carriere, Moritz, Cella, Nonnenkloster 296 Challier, E Claudius, Matthias 59 Clementia von Gleiberg, Clemm, Wilh., Professor Climbach 153. 306 Constantia-Orden 246. 24 ( Karl Aug., (( Nationalökonom JA redner, rome, Verfas 3 78 ) 61 ser Professor 1B von Extraordinarius Musikaliengeschäft Gräfin 134 Iheolo 7a, 7 250 le 21. der 201 296 Dr Lite „Kraft 73* [ 105 Sachregister. Dammstraße 108 Dannemann, Dr., Oberarzt 220 Darmstadtia, Landsmannschaft 233 Denkmal von Professor Carl Heyer 108 | Denkmal Justus von Liebigs 114 Denkmal der 1870/71 gefallenen Stu- denten 123 Deurer, Romanist 75* | Dialekt im Vogelsberg 172 Dianaburg 309 Dienstmänner-Tarif 24 Diez, Friedrich, Begründer der schen Philologie 76* 126 310 Diezhaus 156 Dillenius, Nic., Professor der Medizin 276 romanı- ı Dillenius, Joh. Jac., Botaniker 276 Dillmann, August, alttestamentl. Exeget fe) Doktorgrad 230 Eugen von Dönhoff Dorlar 308 v. Drechsel, Christoph, General 127 Droschkenverkehr 21 Drucksachen für Studierende didaten 231 Drude, Paul, Physiker Dünsberg 106, 292 Dürer-Bund 234 Dutenhofen 308 297. 298 und Kan- Tore Ebel, Dr., Bibliothekar(siehe Original- beitrz 352.194. 185 Wilh. Eberh., ausgezeichneter des Zivilrechts 75* [3 s. 7 Eckardt, Konr., Physiolog 76 Eckstein, Ernst 67 Ederstraße 122 Eichbaum, Prof. Dr. Fr. 221 | Eichgärten 40 Einjährig-Freiwilligen-Dienst 236 Eisenbahn-Verkehr 19 Eisensteinbergwerk 196 Eisverein 267 Elektrizitätswerk, städt. 83. 106. 205 Entwässerung 211 Erlenbrunnen 208 Erzbischof Balduin von Trier 296 Eulenkopf 281 Euler, Ferd., Pfarrer 178 Exerzierplatz 127. 279 Fachschule, Kaufm. 189. 190 Fauna 150 Fechtordnung 226 Fellingshausen 292 Felsenkeller 259 Fendt, Rudolf, bad. Freischärler 60. 61 73 Ferber’sche Univ.-Buchhandlung 199 | Festung Gießen 53 Feuerborn, Justus, Theologe 277 Feuerlöschwesen 213 Feuerwehr, freiwill. Gail’sche 213 Feuerwehr, freiwill. städtische 213 Feuerwehr-Depot 121 Flora von Hessen 150 Forkenbeck, Max von 73 Forstgarten 295. 300 Forstinstitut 79 Forstlehranstalt 74* Fortbildungsschule 189 Namen- und Sachregister. 325 Franconia, freischlag. Verbindung 233, Graf Otto von 288. 290 Franken, Landsmannschaft der 246| Gleiberg, Graf Wilhelm von 288. 296 Frankfurter Straße 105. 128. 130| Gleibergverein 158 Frankonia, Landsmannschaft 248. 249.251| Gmeiner, Prof. Dr. 222 Frauenklinik, frühere 215 Frauenklinik, neue 79 Frauenklinik 219 Frauenverein 180 Frees, Aug., Hof- und Universitäts-Buch- handlung 199 Freimaurerloge 116. 180 Fresenius, berühinter Chemiker 75 Friedberg 307 Friedhof, alter 127. 184. 275 Friedhof, neuer, am Rodtberg 108. 180. 184 Friedhofskapelle, alte 180 Fromme, Univ.-Professor Dr.(s. Beitrag) 29 Fronhausen 306 Fuchsenbrennen 262 Fuchsritt 262 Fürst zu Solms-Lich Original- 294 Gabel, Wirtshaus 259 Gabriel, Aug. jr. 198 Gaffky, Georg, Hygieniker, Ehrenbürger von Gießen 76.* 220 Gail, Gg. Phil. 74. 194 Gail, Wilh., Kommerzienrat 197 Gail’sches Familiengrab 278 Gail’sche Feuerwehr, freiwillige 213 Garbenheim 308 Gareis, Karl, Kanzler 76 Garnison, Geschichte der 81 Garnisonkirche 179 Garnisonlazarett 110 Garten, botanischer 79 Gartenwenzel(Lügentisch) 261 Gasbeleuchtung 63 Gasthäuser 15 Gas- und Wasserwerk 126. 206 Gatzert, Christ. Sam., Minister 76 Gebhardt, Geh. Justizrat 234 Gebräuche im Vogelsberg 174 Gebräuche in der Wetterau Gemeinde, evangelische 178 Gemeinde, jüdische 184 Gemeinde, katholische 181 Gendarmeriewache 56 Geodätisches Institut 111. 123 Geologisches Institut 152 Georgstempelchen 295. 299 Gepäckträgertarif 23 Germania, Burschenschaft 232. 248. 253. 18) 166 Germania von 1815 248 Gesang- und Musiklehrer 270 Gesangverein, akademischer 160. 234 Geschichte der Stadt Gießen 35 u. ff. Geschichtsverein, Oberhessischer 159 Geselligkeitsverein Gleiberg 234. 290 Gießener Gesellschaftsverein 126 Gesundheitszustand von Gießen 147 Gewerbeschule 189 Gießener SC. 246. 251 Giselbert, Graf von Luxemburg 288 Gleiberg 37. 106. 158. 286 Gleiberg, Gräfin Clementia zu 288 Gleiberg, Friedrich von, Herzog von Loth- ringen 287 Gleiberg, Hermann 5 von 288 Dr. Gnauth, Finanzminister, Ehrenbürger von Gießen 76. 157. 189. 209 Goethe 59. 72. 98. 126 Goethe in Gießen 98 Goethestraße 128 Götz, stud. jur. aus Mainz 252 Greifenstein 309 von Grolmann, K. W., Minister 76 von Grolmann, Melchior, Kriminalist 69* Großen-Buseck 208. 211 Großen-Linden 275 Großherzog Ludwig IV. 256 | Grünberger Straße 126 Grüningen 299 Guestphalia, Landsmannschaft Gutenbergstraße 123 Gymnasium illustre 66* Gymnasium, Großh. 117. 192 249 Haberkorn, Dr. Medizinalrat(s. Original- beitrag) 146 Haberkorn, Peter, Prof. theol. 256 Haberkorn, Universitätsrichter(f 1676) 277 Habich, Bildhauer 158 Handelskammer 204 Hangelstein 282. 306 Hardt 285 Harnack, Adolf, Ordinarius, Theologe 75* Hassia, Korps 73. 232. 250. 264 Hassia, Landsmannschaft 248. 249 Hassiaca, Verlag von E. Roth 313 Hasso-Rhenania, kathol. Verbindung Hauptsteueramt 103 Hauptwache, ehemalige 121 Dası ‚tote Klaus“ 156 Hauskapelle im Museum 138 Hautklinik 79. 219 Heidenturm 123 Heinrich, Herzog von Bayern 288 Heinrich IV., Kaiser 288 Heinrich V., Kaiser 288 Heinstedt, Franz, Physiker Heinzerling, Fr., Ingenieur 7 Hellvicus siehe Hellwig Hellwig, Philologe 68* Henneberg, bsrühmter Chemiker 75 Henninger, Alois(s. Originalbeitrag) 304 Herberge zur Heimat 180 von Hert, Joh. Nic., Professor und Kanz- ler 276 Hess, Richard(Forstwissenschaft) 74* Heuchelheim 174. 286. 308 Heuchelheimer Mühlchen 107. 286 Heuser, Dr., Oberbibliothekar(s. nalbeitrag) 131 Heyer, Gustav(Forstwissenschaft) 74* Heyer, Karl Gustav(Forstwissenschaft) 74* Heyer-Denkmal 108 Heyligenstaedt& 196 Hillebrand, Joseph, Literarhistoriker und Philosoph 73.* 105 Hillebrand, Karl, Professor der deutschen 77* * 7 7 Origi- Co., Maschinenfabrik Sprache 73.* 192 Himberg 286 v. Hippel, Professor(Augenklinik) 218 Hirschapotheke, frühere 105 Ben N Er Zn Namen- und H H s H Hohewarte) 300 H Herm., Botaniker 77.* 143 Hoffmann, Oekonomierat, Hofgüll Hofmann, A. W., berühmter Chemiker Hofmeier, Max, Gynäkologe 76* H H H H H )hensolms 291. 294 jhewarte 300 onorargebühren an der Universität 227 ynorar-Stundung 7 öpfner, Lud. Jul. Friedr., Professor 59 72. 98. 126 urants 1 innen Z( ıgschule uhn, Kaspar(Lügentisch) 261 ummel, Tanzlehrer 251 ındeshaeen, Joh. Christian(Forstwissen schaft, 74* lünengräber 274. 280 Iunnius, Jurist 68* Iygienisches Institut 130 Ihering, Rudolf v., Jurist 75* Immatrikulation 2 Immatri kulationsgebühren 226. 227 Immatrikulationstag 226 {6} Institut, anatomisches und zoologische 103 Institut, anatom. 79. 217 Institut, anatom.,‘ der Veterinärklinik 221 Institut, archäologisches 79 Institut, botanisches 79. 110. 123 Institut, geodätisches 79. 111. 123 Institut, geographisches 79. 111. 123 Institut, hygienisches 79. 130. 215. 217 220 Institut, kunstwissenschaftliches 159 Institut, landwirtschaftliches 79 Institut, mathematisch-physikalisches 79 Institute, medizinische 215| Institut, mineralogisches 79 Institut, pathologisch-anatomisches 222 Institut, pathologisches 129. 217. 220 Institut, pharmakologisches 79. 126. 218 Institut, phys ikalisch-chemisches 128. 215 Institut, physiologisches 79. 110. 218 Institut, zoolorisches 79 Irrenan sta lt für die Provinz Oberhessen 104. 127. 130 Irrenklinik 104. 221 Jesionek, Prof klinik 219 Johanneskirche 118. 158. 17 Jubelfeier, erste 100 jährige der Univer r, Direktor der Haut sität 69* Jüdische Gemeinde 184 Jung, Joachim, Naturforscher und Mat matiker 6 Jung, Joh. Hch., Nationalökonom 71* Ju Stilling, Goethes Freund 71* Tun ermann, Ludwig, Botaniker 67 Justizpalast 110 Kalk- und Marmorwerke 19 Kalkwerke und Marmorschleiferei voı A. Gabriel 291 Kanalisation 63 | Knapp, F. L., Technologe Ft Sachregisteı Kanzleiberg 126 Karzer, Gießener 138 Karzer-Sturm 250 Kaserne, alte 122 Kaserne, neue 122. 126. 279 Katholische Kirche 104 Katholische Kirche, alte 128 Katholische Kirche, neue 128 Kathol.-theo!ogische Fakultit 182 Kattenbusch, Ferdinınd, Theologe 75* Katzenfurt 309 Kaufmännisches Vereinshaus 108 Kaufmänn. Verein für weibl. Angest. 191 Kehrer, F A., Gynäkologe 76* Keim, Karl Theodor, Verfasser schichte Jesu von Nazara‘ Kekule, berühmter Chemiker 75 Keplerstraße 123 Keßler, Polizeisergeant 251 Kinzenbach 286 Kirchberg 301 Kirche, alte katholische 128 Kirche, neue katholische 128 Kirchenplatz 120 Kirchliche Verhältnisse 45 Kirschenwäldchen 308 Kißler, Pedell 256 Kleinkinderbewahranstalt 180 Klein-Linden 273. 308 Klewitzsammlung 137 Klima 142 Klinger, Friedr. Maximilian, Sturm- und Drangpoet 59. 72 Klinik, alte 60. 215. 218 Klinik, chirurgische 104. 129. 217. 218 219 Klinik, gynäkologische 129 Klinik, innere 219 Klinik für innere Krankheiten(med. Vete rinärklinik) 222 8 0,06 d 158 | Klinik, medizinische 129. 219 1 Klinik für Ohrenheilkunde 79 Klinik, ophthalmologische 79 Klinik, psychiatrische 59. 130. 2202. 221 Kliniken, neue 128. 215. 217 Klinikstraße 128. 130 Klopstock 59 Klubhaus des Gießener Gesellschafts Vereins 126 Knapp, Teutone 259 Knell, Kreisveterinärarzt(s. Originalbei- trag) 221 Koch, Christoph Ludwig, Professor 134 Kollegienbuch 226 Kollegiengebäude, altes 59. 122 Komitat(Ehrenbegleitung) 262 Königsberg 291. 293 Königstuhl 286 Konzerte 31 Konzertverein 160| Kopp, H., berühmter Chemiker 75 Korps 72.* 232. 249. 250 Korps-Konvent(CC) 249 Kossel, Professor(Hygienisches Institut)| Kramer, Hauptmann a. D.( Original- beitrag) 135 Krankenkasse der Universität 228 Krankenhaus, akademisches 104 Kransberg 308 Kreisamt 121 m u Namen- und Kreuzplatz 118 Kriegerdenkmal 119. 158 Krofdorf 287 Kropbach, Dorf 285 Küchler, Teutone 257 Kunstausstellung 159 Kunstverein 121. 159 Laboratorium, chemisches 79.* 128 Laboratorium, chem.-pharmazeutisches 67* Lage von Gießen 142 Lahnbrücke 106 Landgericht, Großh. 110 Landgraf Heinrich II. 294 Landgraf Heinrich VII. 284 Landgraf Hermann der Gelehrte 302 Landgraf Ludwig IV. 66 Landgraf Ludwig V. 65. 66. 192 Landgraf Ludwig V., der Getreve 66 Landgraf Ludwig VI. 69* Landgraf Ludwig VII. 69* Landgraf Ludwig X. 182 Landgraf Ludwig der Aeltere 122 Landgraf Moritz von Kassel 66 Landgraf Philipp der Großmütige 83. 123. 181. 182. 275 Landgrafenschlößchen 155 Landgraf Philipp-Platz 121 Lange, Ludw., klass. Philologe 76* Langsdorf, Wilh. Ludw. Mich., Festungs- kommandant 276 Laspeyres, Nationalökonom 76 Lebensweise im Vogelsberg 169 Legitimationskarte für Studierende 226 Lehrlingsheim 190 l.ehrmittelanstalt, Hessische 199 Leichenhaus auf dem alten Friedhof 276 Lemcke, Ludw., Romanist 76* Lesehalle, öffentliche 134 Leuckart, Rud., Zoologe 77* Leun 309 Leutert, Prof. Dr., Direktor der Ohren- klinik 218 Licher Straße 127 Liebig, Justus von 60. 73.* 75. 103. 218. 259. 280 Liebigs chemisches Laboratorium 75 Liebigdenkmal 114. 158 Liebigshöhe 115. 280 Liebigmuseum 218 Liebigstraße 103. 128 Liebknecht, stud. phil. 252 Liebknecht, Wilhelm, Reichstagsabg. 70 Limburg 310 von Lindelof, Justizminister 76 Lindener Mark 35 Lindenplatz 121 von Liszt, Franz, Kriminalist 75* Löhlein, Herm., Gynäkologe 76.* 219 von Löhr, Aegidius, Professor 72. 259 Lollar 284. 306 Londorfer Grund 173 Loos, Balthasar(Felsenkeller) 259 „Loose Heefche‘‘, Wirtschaft 259 Lorey, Tuisko, forstwissenschaftl. Lehrer 74* Lotze Eck 259 Lübbert, Eduard, Philologe 76* Ludwigsbrunnen 299 Ludwigsplatz 126. 128 Ludwigstraße 128 Lügentisch 260 Sachreglster. 307 Lumdatal 306 Lumpenmannsbrunnen 300 Lutherberg 210 Luthereiche 127. 279 Luxemburg, Graf Friedrich von 237 Mädchenschule, höhere und erweiterte 192 Mahla’sches Grabdenkmal 158. 278 Mandarinenkasten 260 Marburg 305 Marburger Straße 108 Marchand, Felix, path. Anatom 76* Marezoll, Gustav Ludw. Theodor, Pro- zessualist 75* Markomannia 251. 264 Marktlauben 121 Marktplatz 118 Martin, Prof. Dr.(Veterinär-anatom. In- stitut) 221 Massenrelegation 250 Mathemat.-naturwissenschaftl. Verein 234 Mathes, Starkenburger 250 May, Joh. Hch., Professor 69.* 134 Melidefrist, polizeiliche 24 Meldeordnung, polizeiliche 24 Meldepflicht, polizeiliche 24 Mentzer, Balthasar, Theologe 66.* 68 Meo Peo 260 Merenberg, Graf von 288 Merenberg, Hartrad III. v. 288 Merkel, Ad., Kriminalist 75* Metallindustrie 196 Miller, Dichter des ‚Sigwart‘‘ 59 Möbeltransporteure 270 Modde, Tierarzt, Direktor des städischen Schlachthofs(s. Originalbeitrag) 212 Mohr, Major(s. Originalbeitrag) 81 Müllabfuhr 212 Lulen, Valentin, Lehrer(s. Originalbei- trag) 186 Mundart, wetterauische 166 Münzsamnuudng des oberhess. Geschichts vereins 137 Münzenberg 307 Museum 124. 135 Museum, archäolog. 159 Musikalienhandlungen 270 Nahrungsberg 128 Nassau, Graf Philipp von 302 Nassau-Weilburg, Graf Johann von 289. 301 Nassovia 233. 248. 251 Nationalökonomen, Gießener 76 Naturgeschichtliches 150 Neuenbäue 126 Neuenweger Tor 115. 126 Neuer Friedhof 108 Neustadt 107 | Neustädter Tor 106 Ney, General 299 Nitzschius, Ferd., Professor d. Mathe- matik 276 Nord-Anlage 108 Nordeck’sches Wappen 297 Normannia, schwarze Verbindung 234 | BIN> Oberhess. Geschichtsverein 159 | Oberhessischer Verein für innere Mission 1 Obermühle 292 Ober-Realschule 191 ‚ FH | I| \ Y | ube 282 Oeffentl. Einrichtungen 12 u. ff. Oeffentl. Lese- und Bücherhalle 105 Ohrenklinik 129. 218 Omnibus-Gesellschaft, Gießener 204 Omnibus-Verkehr(s. Stadtplan) 20 Oncken, Wilh., Historiker 77* Operationssaal der chirurg. Klinik 218 Oranienstein 311 Ortsverzeichnis des Kreises Gießen 312 Ost-Anlage 110 Oswalds Garten 63. 107 Otto der Salier 287 Pädagogium trilingue 66* Palatia 251 Palmer, Theologe 263 Palmer, Euler(Lügentisch) 261 Pankratiuskirche 120 Pfaff, Chr. Matth., Pfahlgraben 307 Pfannenstiel, Prof. Dr. Geheimrat, Direk- tor der Frauenklinik 219 Pfeffers-Mühl: 301 Pfeiffer, Professor Dr Klinik) 222 Pflanzenkalender v. Gießen 143 Pflege des Sports 267 Pflichtfeuerwehr, städt. 213 Pharmakolog. Institut 126 Kirchenrechtler 69 Philipp der Großmütige 83. 181. 182 275 Philolog.-histor. Verein 234 Philosophenwald 110. 127. 281 Physiologisches Institut 110 Pilger,‘ Max(Meo Peo) 260 Poliklinik für Augenkranke 216 Poliklinik, chirurg. 218 Poliklinik für Nerven und kranke 221 Poliklinik, Veterinär- 222 Poppert, Professor(Chirurg 219 Postamt I 18. Postamt II 119 Prinz Heinrich von Prinz Georg 69* Prinz Ludwig 69* Prinz Philipp 69* Promotionsordnung deı Provinzial-Direktion 121 Provinzial-Irrenanstalt 127. 221 Provinzial-Siechenanstalt 127 Pulvermühle 106 Geistes Klinik) 218 103. 203 Hessaı [$) oa [= Quästur der Universität 226 Queckborn 210 Queckborner Quellengebiet 147. 209 Quellwasser-Versorgung 208 Rabenau, v. 298 Rambach, Joh. Jak., Prof. 69.* 276 Rathaus 119. 155 Realgymnasium 128. 191 Realschule 60 Rechtsanwälte und Notare 270 (Kirchenlieder) Namen- und Sachregister. Rehmühle 292 Reiber, Bürgermeister 61 Reichsbanknebenstelle 105. 202 Reinkingk, Jurist 68* Reitbahn, Universitäts- 121 Reitschule 241 Religionsgesellschaft, Israel. 184 Renaud, Achilles, berühmter Lehrer des Wechsel- und Prozeßrechts 75* Restaurationen 15 Rheinländer, Landsmannschaft der 246 Rhenania, Landsmannschaft 233. 249. 251. 264 Rhenania-Nassovia 251 Ricker’sche Univ.-Buchhandlung 199 Riedesel, von 298 Riegel, Geh. Rat Prof. Dr., Kliniker 76 219 Rittgen, Hugo von, Architekt 77* Rodberg 35. 40. 108. 180 | Rodheim 292 | Rollfuhrtarif 22 (Veterinär-chirurg. | Roese, Oberlehrer Dr. Universität 229| Reformation, Einführung der, in Gießen| 53 tegelsberger, Ferd., Pandektist 76 R Regierungsgebäude 157 | Schmitthenner, Fried., Nationa | Scheerbrand, Roese, Heinr., Universitäts-Fechtmeıster 256. 257 Chr.(s. Original- beitrag) 238 Roth, Emil 198 Ruckelshausen, Pedell 256 Rudergesellschaft, Gießener 267 Rudolpı, Wilh., Pianofortehandlung 201 Ruttershausen 301 Saalbau, neuer 127 Salzbödetal 306 Sammlungen 131 u. ff. Sand, K:(Ermordung Kotzebues) 248 Sandberg 35 Sander, Dr., Provinzialrabbiner 184 Satzungen der Universität 226 Säulen, Die zwölf 311 Schach-Klub 234 Schäfer, Karl(s. Gedicht Schaffstaedt, Hch., Volkst 196 Schaper, Bildhauer 158 Gemarkung 272 ) padeinrichtungen Großen-Buseck 208 Scheffer-Boichorst, P., Schießstände 279 Schiffenberg, Kommenturei 297 Schiffenberg 37. 294. 307 Schillereiche 127. 279 Schillerstraße 108 Schiller, Hermann, ehem. Gymnasiums 192 Schirmer, Gg. Hch., Tabakfabrik 194 Schlachthof, städt. 106. 212 Schleifung der Festungswerke 57 Schlettwein, Joh. Aug., Kameralist, be- deutendster deutscher Physiokrat 71* Schlitz 173: 175 Schloß, altes 41. 42. 123. 135. 157 Schloß, neues 122. 123 Schmid, Leopold, Professor(Katholische Theolog.) 134 Schmidt, Christian Goethes) 99 Schmidt, E. Chr., Philosoph Historiker 77* Direktor des Heinrich(zur Zeit 118 ökonom 76 Schnurren(Pedelle) 256 nn Namen- und Sachregister. 329 Schöne Aussicht 274 Schuchard, Rhenane 259 Schulen 46 Schulwesen 186 Schupp, Joh. Balth., Professor der Theo- logie 68.* 119 Schur(oder Schoor) 54 Schützengesellschaft 50 Schwappach, A., fortswissenschaftl. Lehrer 74* Schwedenschanzen 286 Schwesternhaus, Evang. 180 Stickel, Franz, Professor(Staatsrecht) 72 Stief, Stadtbaumeister 187 Stipendien-Ordnung 227 Stoppelberg 308 Stötzer, H., forstwissenschaftl. Lehrer 74* Straßenbeleuchtung 59 Straßenreinigung 212 Streng, Prof., Mineraloge 154 Stroh, Eberhard, Zeughauptmann 276 Studentenausschuß 253 Studentenauszug nach Gleiberg 245. 250 Studentenauszug auf den Staufenberg 251 Studentenleben der Vergangenheit 238 Studentenschaft, freie 234 Studentenvereinigung, deutsche christliche Synagoge an der Nord-Anlage 108. 185 Synagoge an der Süd-Anlage 117. 184 Seitz, Eugen(innerer Kliniker) 76* Selters 181 Seltersberg 128 Selterstor 105. 118 Seltersweg 105 Seminarien 79 Senckenberg, Renatus Karl, Freiherr von 67. 121 Senckenbergische Stiftung 71* Senckenbergstraße 110 Seniorenkonvent(S. C.) 246 Seuffert, Hermann, Kriminalist 75 Sieben Hügel 290 Sieben Köppel 290 Siechenanstalt 46. 127. 130. 221. 279 Siegel, Heinrich, Rechtshistoriker 75* Sinold, von, Kanzler 69* Sintenis, Karl Friedr. Ferd., Pandektist 752 Sitten im Vogelsberg 174 Skephenburg 296 Solms, Grat Friedrich von 294 Solms, Graf Johann von 294 Sommer, Professor Dr., Direktor der psychiatr. Klinik 220 Sonnenstraße 126 Spediteure 271 Spiegelslust bei Marburg 306 Spital 182 Spoerhase, Wilh., Fein-Mechanik 196 Sportvereine 267 Stade, Bernhard, hervorragender Ver- treter der alttestamentl. Wissenschaft 158 Stahl, Nationalökonom 76 Stadtkasse 115 Stadtkirche 59. 120. 158. 178. 179. 181 Stadtknabenschule 108. 187. 188 Stadtmädchenschule 108. 187 Stadtwald, Gießener 35. 36 Starkenburgia, Korps 73. 232. 250. 264 Starkenburgia, Landsmannschaft 249 Statistische Mitteilungen 34 Staufenberg 282. 302 Steinbrügge, Prof. Dr.(Ohrenklinik) 218 Steinstraße 108 Tarif für Dienstmänner 24 Tarif für Droschkenverkehr 21 Tarif der Gepäckträger 23 Tarif für Rollfuhren 22 Teufelskanzel 282 Teufelskanzel, kleine 282 Teutonia, Korps 72.* 73. 232. 250. 264 Teutonia, Landsmannschaft 249 Textors Hardt 285 Theater, neues 29 Theaterbau 162 Theaterverein 162 Tippo Sahib(Lügentisch) 261 Töchterschule, höhere und erweiterte 108 Tonwaren- und Ziegelfabrikation 197 Töpelmann, Alfred, Verlagsbuchhandlung 198 Totenkapelle 276 Touren ın dıe Umgebung 305 Traber, Baumeister und Branddirektor(s. Originalbeitrag) 213 Trachten in der Wetterau 165 Trautmann, Prof., Universitäts-Musikdi- rektor 161 Trieb) 35. 279 Turmhaus am Brand 121. 159. 213 Turnhalle 108 Umpfenbach, Professor(z. Z. Liebigs) 259 Unfallversicherung für die Studierenden der Landesuniversität 228 Unionbrauerei A.-G. 106. 198 Universität 59. 156 Universitätsbibliothek 79. 131 Universitätsgebäude 128 Universitätskliniken 215 Universitätskrankenkasse 228 Universitätslaboratorium 103 Universitätsquästur 226 Universitätsreitbahn 121 Universitätsreitschule 267 Universitätssekretariat 226 Universitätswappen 68 Vandalia, Landsmannschaft 249 Verband der Kunstfreunde 160 Verband wissenschaftl. Vereine 234 Verbindungen, akadem. 233 Verdriesius, Joh. Melchior, Rektor, Prof. med. phil. 68. 276 Verein, akad.-pharmazeut. 234 Verein, akad.-theolog. 234 Verein deutscher Studenten 233 Verein, mathemat.-naturwissenschaftl. 234 Verein, philolog.-histor. 234 Vereinshaus des Gießener Schützenvereins 279 Verkehr 203 Verkehrseinrichtungen 18 Versuchsanstalt, forstl. 74* neue 130 ‚ Großh. Hess. 221 chirurg. 222 Veterinärklinik, medizin. 222 a re 25 330 Namen- und Sachregister. Veterinärmed. Kollegium 78* Veterinärwesen 221 Vetzberg 106. 288. 290 Viehmärkte, Gießener 202 Vogelsberger, der(Tracht und Dialekt) 167 Vogelsberger Höhenklub 268 Vogesenklub 268 Vost, Karl, Professor der Zoologie 62 SETS 28 Voit, Prof. Dr. Direktor der chirurg. Klinik 219 Volhard, berühmter Chemiker 75 Volksbad 27. 118 Volksbelustigungen 49 Volksschule, städt. 187 Vorlesungshonorar 227 Vossius, Prof. Dr. Geh. Med.-Rat tor der Augenklinik 218 Vullers, Joh. Aug., Sanskritist 77* Direk Walltor 108 Walltorstraße 108 Walther, Direktor des Forstgartens 111 Wappen von Gießen 45 Wasserleitung, städt. 63. 279 Wasserschleben, Herm., Kanzler 76 Wasserwerk, städt. 208 Watzenborn 307 Weidig, Andres, vorm. Wirt in der Sonnenstraße 259 Weigandt, Friedr. Ludw.,. Germanist 76* Weiland, Ludw., Historiker 77* Weilburg 309 Weitershausen, Joh. v. (Badenburg). 284 58 \Velker, Professor(1814) 72 Wellersburg 282. 283 Wellershäuser Hof 2 Wernher, Ad., West-Anlage 105 e” URS Wettenberg 290 Wetterauer, der(Tracht, Dialekt) 164 Wetterauische Mundart 166 Wetterauer Trachten 165 Wetzlar 308 Wieland, Ludwig 59 Wien, W., Physike Wiener, Otto, y Wieseck 109. 282. 306 Wilbrand, Joh. Bernhard, Anaton 72 Wilhelmstraße 128 Will, berühmter Chemiker 75 Wille, Joh. Gg., Kupferstecher 292 Windhof 106. 291 Wingolf, christl. Verbindung 73. 233. 253 Winkelmann, Joh., Theologe, 1. Gym- nasialdirektor 66.* 68. 277 Winterstein 308 Wirtshäuser und Herbergen in früheren Zeiten 48 Wochenblatt, Giesser(Gegründet 1750) 59 Wochenmarktordnung 26 Wochenmärkte 49 Wohnungsnachweis 266 Wortmann, verdienstvoller Arzt 276 Zahnärzte: 271 Zahntechniker 271 Zeitungen 271 Zeitung ‚Der jüngste Tag‘ 60 Zentralwaschanstalt der Kliniken 221 Zeughaus 155 Ziegenberg- 308 Zöppritz, Professor 154 Zulassung von Frauen an der Universität 2A Zulehner, Polizeirat 251 Zünfte 48 | Zunftverfassung 58 Zwölf Apostel 260 DT EEE EEE LEE TELLER IE Im il! ul ni Ni 2 [B all EN NY, EM IN sul Shan, a 5 Mel r 3 u si er. ll Alle pn r er il | Hi N (Aus: Buxbaum, Bilder aus dem Volksleben.) Verzeichnis der Abbildungen. Seite 1. Abendstern(Gabriels Kalk- und Marmorindustrie) 199 2. Alemannenhaus x 2 E: i: 2 288 3. Alicestraße:: 09 4. Arnsburg, Kloster. Aquarelldruck nach einem Gemälde von Professor Otto Günther-Naumburg(Vollbild) zwisc hen 304 u. 305 5. Arnsburg, Kloster(Bursenbau) 306 6. ss„(Hauptschiff der"Kirchenruine).: 307 7. Aufnahme ins Korps. Von Allers(„Union“, Stutt gart) 224 8. Aussichtstafel vom Bergfried auf Burg Gleiberg aus 273 9, Aussichtsturm auf dem Dünsberg. i ö; 292 10. Badenburg(Vollbild) 5: ä! 5 27288 11. Bad-Naul yeim, Terrasse.;;&; Ä 308 12. Bahnhof; 5| 5 20 13. Bahnhofstraße mit Hötel Viktoria.:. 104 14. Bahnhofsvorplatz mit Hötel Lenz und Kuhne; 1109 15. Bauernhaus, Hessisches 165 16. Behaghel, 1, Geh. Hofrat Prof. Dr., derzeit. Rektor magnifikus 74 17% Bichler’s Hardt: 2| i:: A 985 18. Bismarckturm i£ EDRO 19. Bootshaus der Gießener Rudergesellsc haft.;= AO 30. Botanischer Garten(Winterhaus). 2 21. Brandplatz, der frühere, mit dem alten Gymnasium 1063 22. Brandplatz, In 2 mit Mordkeller Si Ä ro 23. Braunfels, Schl:: 3:} i i 2300 24. Bubenrod:> 2-; N\.. 294 25. Bürgermeisterei, Großherzogl. z h x 5 613 26: Burgmannenh: us in der Kirchstr.:: 2 301 af Burgmannenhaus in der Kirchstr.::; 120 28. Butzbach(Alter Markt)- s:;: SM ei LE. Pe a“. 2 TEE EP SA 7ER ROÄRBERE u 7 U35 NE Yerzeichnis der Abbildungen. 29. Cafe Hettler . Gleyberg 2:;:!{; 5; . Gnauth, Finanzminister Dr., Ehrenbürger von Gießen . Greifenstein, Ruine : Gymnasium . Hardthof.:: Ä: . Heidenturm, Burgfried am alten Schloß 2. Heyligenstaedt& Co., Fabriketablissement . Hotel Schütz. 4. In’s Lotze Eck.;:! . Johanneskirche(Vollbild) „ . Johannesstraße 2 . Karlsruhe, Restaurant . Darmstadiahaus . Diez(Gesamtansicht); 2. Elektrizitätswerk, städtisches. . Elisabethkirche zu Marburg.}: Ä:; 4. Ernst Ludwig, Großherzog von Hessen, Kgl. Hoheit, Rektor Magnifizentissimus(Vollbild) . Feuerwehr-Depot und Kunstausstellung Forstgarten(Vollbild) . Forstgarten(Restauration) . Forstgarten(Halle am Teich) R 5: . Frankfurter Straße mit katholischer Kirche. . Freimaurerloge; F . Friedberg(Gesamtansicht) 2. Friedhof, neuer; 3 i; 5 . Friedhofskapelle auf dem neuen Friedhof. . Friedhofskapelle auf dem alten Friedhof;- 5 . Gaffky, Geh. Ober-Medizinalrat Professor, Ehrenbürger von Gießen . Gail, Georg Philipp 7. Gail’sche Dampfziegelei . Gail’sches Erbbegräbnis . Gail’sches Tonwerk . Gaswerk, Städtisches . Germanenhaus . Gewerbebank: 2;£ 53. Gießen, Gesamtansicht(Vollbild) Gesamtansicht nach Merian 2 Partie aus Alt-Gießen. 5 5: Blick vom„Busche Garte‘“ auf Gießen(1820) Altes Städtebild aus dem 17, Jahrh, . Gießen, Alt-Gießen: Alte Schulstraße um 1840, nach einem Aquarell(Vollbild).-:. zwischen 64 u. . Gießen, Altes Gießener Straßenbild aus dem Jahre 1845 . Gleiberg. Nach einem Aquarell von Professor Otto Günther- Naumburg(Vollbild) zwischen 176 u. . Gleiberg(Burgruine) mit Burgruine mit Burgruine (Kneipzimmer) (Inneres: Altar). Seite 115 261 310 205 306 Verzeichnis der Abbildungen. 79. Kasernen, neue i 80. Katholische Kirche, neue:: i i; 81—85. Kliniken 3;: Dan 210 2. 2188 86. Knabenschule, städtische 87. Korpshaus der Hassia 88. ir„ Starkent burgia”: Ä 897907, ‚„ Teutonia: a) Vorderansicht, b) Hinter- ansicht:. 5: 5; Kreditbank, mitteldeutsche 02. Kreuzplatz 93. Kriegerdenkmal; B; i: 94/95. Kunstausstellung(zwei Interieurs)|;= 158 96. Laboratorium, chemisches der Universität 97. Lahnbrücke. A 98. Lahn(Partie an der Lalın): 99/100. Lahn(Kopfleiste und Schlußvignette) 101. Land- und Amtsgericht. 102. Landgraf Ludw igV,, Begründer der Universität. 103. Landgrafenstraße 104. Landgraf Philipp-Platz. Nach einem Aquarell von Professor Otto Günther-Naumburg(Vollbild) zwischen 144 u. 105/7. Lehrmittelanstalt, Hessische, Ausstellungszimmer N 4,0 110. 2207292 108. Liebig, Justus von. Nach dem Gemälde von Thiersch in der Akademie zu München 109. Liebig-Denkmal(Vollbild).: 110. Liebig-Denkmal(Huldigung am 12. Mai 1903): a, Liebig- Medaille(Vorderseite und Rückseite), ge- stiftet vom Verein deutscher Chemiker 12. Mai 1903 113. Liebigshöhe um 1840. 114. Liebigshöhe(Restaurant) 5), Limburg, Dom 5; i: 116. Lindenplatz, Wochenmarkt(Vollbild) 117. Mädchenschule(jetzt Bezirksschule)| 118. Mädchenschule, höhere 119. Mädchenschule, erweiterte 120. Mahla-Gail’sches Erbbegräbnis 121. Marburg(Gesamtansicht) 122. Marktlauben: 123. Marktplatz von Gießen um 1845. 124. Mecum, derz. Oberbürgermeister:.:: 125/126. Medaillen zur Hundertjahrfeier der Universität. 127. Museum(Altes Schloß, Außenansicht). i;: 128/129. Museum. Interieurs 5| Be 189 130. Münzenberg, Ruine(Vollbil d): 131. Münzenberg, Ruine> 1992 en nach Merian 133. Nord-Anlage{ 134, Parkpartie der Oail’ schen Besitzung in Rodheim.; 135/136. Partie aus dem Forstgarten. 24.2205 137. Partie aus der Ost-Anlage(Vollbild) R 138. Paukerei auf dem Schitfenberg; 139. Philosophenwald(Restaurant). 140. Pulvermühle(Restaurant) en Een> 1 334 Verzeichnis der Abbildungen. 141. Rathaus, altes.;- ö 142. Realgymnasium(Öberrealschule) i; 5 i 143. Rhenanenbild aus dem Jahre 1841(nach Trautschold) 144. Ricker’sche Univ.-Buchhandlung 145. Schiffenberg(Vollbild) 146.= 147.(Einfahrtstor) 148/149. ,,(Stiftskirche)&:::. 298 150. m(Wirtschaftsgebäude);; SE„(Terrasse) i:; 152. Schiller, Hermann, Gymnasialdirektor(Gedenktafel) 153, Schloß, das alte. Seitenansicht vom botan, Garten 154/155. Schloß, das alte. Interieur(Empfangszimmer und Wartezimmer).::;;=.124 156. Schloß, das alte.(Partie am alten Schloß.) 157, Schulstraße. i: 158. 5, vor 30 Jahren 159. Selterstor J 160. Siechenhäuser 161. Sportplatz bei Bichler’s Hardt 162. Stadtkirche(Außenansicht) 163.„(Inneres) 164. Stadttheater, Neues 165. Stadtwappen 166. Staufenberg.:{ 167. Straßenbahn(Omnibus).:;; i;: 168/170. Studenten-Auszug.: i. 292 0.2895 171. Studentische Kneiptafel i 172. Studentenwohnung(im Dachzimmer): 173. Synagoge der israelitischen Religionsgemeinde 174." Religionsgesellsc haft 15: Teufelslustgärte hen:;;® i i: 176/181. Trachtenbilder. E 103° 1072 1697 127278 182. Turnhalle des Turnvereins von 1846 183. Universität;; 5 184, Universitätsgebäude, früheres 185. Universitäts--Wap pen 5.:- i i ü 186/187. Universitäts-Bibliothek; a) a. b) Lese- Saal>- 188. Universitäts- Apotheke zum goldenen Engel. 189. Vereinshaus, Kaufmännisches: 190. Verlagsbuchhandlung Emil Roth“ 191. Veterinär-Klinik B 192. Vetzberg(Vollbild) 193. Villa Burk: 194. Villa Gail 5: 195.„ in Rodheim: i; 5 196/97."Villa Meyer: a) Außenansicht, b) Interieur 198. Villa Pfeiffer:. i; 199. ,„ 2002,. Schatistaeet> 2012, SWasserschleben; i ö! 202/03. Volksbad: a) Außenansicht, b) Schwimmhalle 204. Weilburg(Gesamtansicht): | | Verzeichnis der Abbildungen. 335 | | Seite | 205. West-Anlage. h:;:.;; 108 | 206. Wetzlar(Gesamtansicht).;:;:; 308 207, En(Dom)\: 809 208. Wingolfshaus:;; i 5 5: 2 209: Wilhelm II., Sr. Majestät Kaiser, Porträt im Offizier- Kasino E: E: 5&;; ao 210/211 Wilhelm II. in Gießen am 1. Mai 1906 890397 | 212. Windhof(Restaurant): 5;$:. 9209] 213. Zeughaus-Kaserne(Vollbild) i;- De.) | Berichtigung. Auf Seite 62 Zeile 5 muß es heißen: Zum Vorsitzenden des Generalrats war der Gymnasiallehrer Dr. W. G. Soldan(statt Hofgerichtsrat Dr. F. Kraft) gewählt worden. Verkehrsverein Giessen Bureau: Löberstrasse 6 erteilt kostenlose Auskunft in allen Fragen betreffend dauernden oder kürzeren “ Aufenthalt in Giessen;: NEE Ratschläge in Wohnungstfragen Erwünschte Nachweise für Studierende betreff. Besuch der Universität Bureau: Löberstrasse 6 Brühl’sche Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen | | — ER ET TE TE Gründung 1866 Fernsprecher 462 Hoflieferant JUL. BACH Seltersweg GIESSEN Black Narr Grösstes und ältestes Luxuswaren-Verkaufshaus Porzellan- Haushaltungs- u.Kristall-= Artikel I | Kristall- Tafelgarnituren Prima nickelplattierte u. Speise-Service:::: reinnickel Koch- und Wasch-Garnituren:: Tafel-Geschirre:: Kaffee-Service ete.:: Praktische Geschenke in Küchen-Garnituren:: Nickel, Kupfer, Messing Immer grösste Auswahl! Stets aparte Neuheiten! 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