Vierteljährlicher Preis bei der Poſt: bei den Expeditionen zu Köln und Rünchen: 1 Mark 60 Pf. Einzelne Nummern à 15 Pf. Inſerate die geſpaltene Petitzeile 25 Pf. ſoweit ſie dem Inhalte des Blattes angemeſſen ſind. 2 Mark.A Poſtzeitungskatalog Nr. 1892, O T g A n für Deutſcher Merkur. katholiſche Reformbewegung. 16. April 1898. Redaſttion: München. Jungfernthurmſtraße 2. Haupt-Expedition: München Kgl. Hof⸗ und Univerſitäts⸗Buchdruckerei von Dr. C. Wolf& Sohn. Exped. für Köln und Deutz, Paul Neubner Buch⸗ und Kunſthandlung, Köln, Hoheſtr. 81. Inhalt. Die Vernichtung der katholiſch⸗theologiſchen Fakultät in Gießen.— Der Ultramontanismus. Sein Weſen und ſeine Be⸗ kämpfung.— Friedensglocken zum Apoſtolikum II.— Korreſpondenzen und Berichte: München(Die Ziele des Ultramontanismus in Deutſchland; zum Vorgehen des Evang. Bundes, btr. die ſeparate Kaiſerfeier in Rom).— Berlin(Die römiſche Kirche in ihrer Thätigkeit).— Kattowitz(ein Reliquienfund).— Schweiz(Schenkung; Firmung in Baſel; ultramontane Umtriebe).— Aus Holland(Altkatholiſches aus Egmond aan Zee und Inſel Nordſtrand).— Italien(Evangeliſche Kirche Italiens).— Spanien(religiöſe Unduldſamkeit).— Griechenland(Prof. Kyriakos über den Wiener Kongreß).— Litteratur(Die Lehren des Syllabus). Die Vernichtung der katholiſch-theologiſchen Fakultät in Gießen*) Das„Mainzer Journal“ hat in Nr. 303 vom 29. Dez. vor. Js. in echt jeſuitiſcher Weiſe auf mein heutiges Vor⸗ tragsthema aufmerkſam gemacht und mit geiſtreich ſein ſollendem Humor die Hoffnung ausgeſprochen, ich möchte mich der Röntgenſtrahlen bedienen, damit ich mir nicht den Vorwurf zuziehe, ich ſei nur von einem„Irrlicht“ verblendet geweſen. Nun, der Röntgenſtrahlen bedarf ich nicht: die Heroſtrats⸗ arbeit ſamt den Triebfedern dazu liegen ſo offen vor mir da, daß ich nur zu kopieren brauche. Uebrigens hätte ſich das Blatt des alten Sprichworts erinnern ſollen, daß man im Hauſe des Gehängten nicht vom Stricke reden ſoll. Leute, veren oberſter, mit göttichen Prärogariven ausgeſtäulerer Herr und Führer ſich durch ganze 12 Jahre hindurch von dem Irrlicht Leo Taxil durch alle Sümpfe mittelalterlicher Teu⸗ feleien ziehen läßt, ſollten ſo vorſichtig ſein, das Wort Irr⸗ licht gar nicht in den Mund zu nehmen. Was wir an Irrlichteln in der ultramontan gewordenen Religionsgeſellſchaft miterleben mußten, iſt ſo unglaublich und maſſenhaft, daß nur eine Gemeinſchaft darunter nicht zuſammenbrechen konnte, die es verſtanden hat, die mächtigſte Oppoſitionspartei im Reichstage zuſtande zu bringen, um die ſich die übrigen kleinen Kläffer ſcharen und dadurch zu einiger Bedeutung gelangen konnten. Hyperliberale, Proteſtler, Polacken, Welfen und Sozialiſten ſind tagtäglich an der Arbeit, daß ihr Schutz und Schirm, der Zentrumsturm, der allein ihnen Leben und Daſein verbürgt, keinen Schaden nehme. Ein Blick auf das Frankreich der letzten Wochen ſollte allerdings dieſe Leute belehren, daß ſie fremde Arbeit verrichten. Wenn uns das„Mainzer Journal“ unterſtellt, wir hätten mit der Beſprechung unſeres Themas ein„Zugſtück“ einlegen, oder ich habe damit meine Toleranz erweiſen wollen, und ſchließlich der Vermutung Raum gibt, ich möchte in engerem Kreiſe manches reden, was ich weiteren Kreiſen zu verbergen Urſache hätte, ſo bemerke ich zunächſt zu dem aus der Theaterwelt herübergenommenen Wort„Zugſtück“, daß wir das Schauſpielen den profeſſionsmäßigen Schauſpielern überlaſſen; ich aber hielt es für eine Ehrenpflicht, den edlen, frommen und wahrhaft katholiſchen Männern, mit denen ich das Glück hatte, noch in den letzten Jahren ihres Lebens zu verkehren, und die immer nur mit tiefer Wehmut daran denken konnten, daß ſie aus ihrem Berufe, der das Glück ihres Lebens geweſen war, ſo ſchmählich herausgeriſſen wurden, ein Wort der Erinnerung zu weihen, und der heutigen Ge⸗ neration, die kaum mehr eine Ahnung hat, daß mit der **) Ein dunkles Blatt in der neuern heſſiſchen Geſchichte. Vortrag im evangel. Männerverein, 16. März 1898. Gießener Univerſität bis zur Mitte unſeres Jahrhunderts eine blühende katholiſch-theologiſche Fakultät verbunden war, an einem nahe gelegenen Beiſpiel zu zeigen, wie man den gottvergeſſenen, unſer engeres und weiteres Vaterland aufs tiefſte ſchädigenden Ultramontanismus bei uns eingeſchmuggelt hat. Wenn das„Mainzer Journal“ glaubt, mich mit dem Worte„Toleranz“ hänſeln zu können, ſo ſpricht es da von einer der herrlichſten chriſtlichen Tugenden, welche der Hei⸗ land bei den verſchiedenſten Anläſſen in den mannigfaltigſten Wendungen den Seinen ans Herz gelegt hat, von welcher jedoch ein ultramontaner Zeitungsſchreiber gerade ſo viel verſteht, wie die alten Phariſäer. Sie verſtehen es nicht, wenn ich ihnen ſage, daß es mich immer tief ergriffen hat, wenn ich an einem in proteſtantiſchem Gotteshauſe aufgerich⸗ l ko.holiſchen Altur ſungierle, weil mich bas Gefuhl uber⸗ mannte:„Es gibt in dieſer Stunde weit und breit keinen heiligeren Ort, als dieſes proteſtantiſche Gotteshaus, in dem die Liebe Chriſti ihren Thron aufgeſchlagen hat.“ Als wir darum in der von mir paſtorierten Gemeinde Heßloch eine altkatholiſche Kirche erbaut hatten, luden wir den evangeliſchen Pfarrer von Dittelsheim, deſſen Pfarrkirche uns 16 Jahre hindurch Unterſtand geboten hatte, ein, nach Bedarf von un⸗ ſerer neuen Kirche Gebrauch zu machen, weil wir glaubten, daß dieſer gemeinſame Gebrauch der Chriſtuskirche erſt die rechte Weihe verleihe. Ich weiß es, weil ich es ſelbſt erlebt habe, daß man mit Millionen Chriſten ſich in Glaube und Liebe verbunden fühlen kann, ohne eines unfehlbaren Ober⸗ prieſters zu benötigen. Es iſt nach meiner innerſten und tiefften Ueberzeugung ein furchtbares, an der Menſchheit be⸗ gangenes Verbrechen, ſie glauben gemacht zu haben, der Chriſt bedürfe eines Menſchen oder gar eines zu Rom thro⸗ nenden Prieſters, um ſelig zu werden. Zum Schluß erkläre ich noch den römiſchen Vorpoſten in Germanien, daß es mit zum Glück meines Lebens gehört, Leuten von ihrer Qualität die ganze und volle Wahrheit ſagen zu können Alſo wird es an mir nicht liegen, wenn ſie nicht in den Beſitz des vollen Wortlautes meines heutigen Vor⸗ trags kommen. Indem ich nun endlich daran gehe, auf das vorgeſteckte Ziel loszuſteuern, kann ich nicht umhin, den päpſtlichen Fahnen⸗ trägern für Wahrheit, Freiheit, Recht die tröſtliche Ver⸗ ſicherung zu geben, daß auch ich der Ueberzeugung geworden bin, daß eine römiſch⸗katholiſche theologiſche Fakultät in den Verband weder der Gießener noch irgend einer wirklichen Univerſität gehört; denn die Aufgabe der Univerſität iſt die Pflege der Wiſſenſchaft, alſo die Aufgabe der theologiſchen Fakultät das Forſchen nach ewiger Wahrheit. Hat nun eine Kirchengemeinſchaft das Glück, den unfehlbaren Statthalter Chriſti in ihrer Mitte zu haben, der alle Wahr⸗ heit im Schreine ſeiner Bruſt trägt, dann iſt eine ſolche Fakultät doch ein recht unnützes, überflüſſiges und koſtſpie⸗ liges Inſtitut. Wie man ſich ſeit dem Vatikanum ja in Deutſchland faſt überall daran gewöhnt hat, fragt man in zweifelhaften Glaubens- und Gewiſſensangelegenheiten beim heiligſten Vater an und die klare Antwort fehlt nie. Dieſe Orakelſprüche zu regiſtrieren und die prieſterliche Jugend darauf einzudrillen, dazu bedarſ's nicht der ohnehin verdäch⸗ tigen humaniſtiſchen Bildung, und man kommt auch ſo an den„hochmütigen Profeſſoren“ vorüber, die heute gerade noch ſo wie im Mittelalter erklären, ſie könnten nicht exi— ſtieren ohne die a kademiſche Freiheit; die Wiſſenſchaft ſei durch die Freiheit bedingt. Aber gerade dieſe Freiheit der Wiſſenſchaft hat der unfehlbare Papſt als Irrtum und Gottloſigkeit verdammt. Iſt nun auch ſein Fluch den mo⸗ dernen ſtaatlichen Univerſitäten gegenüber wirkungslos, ſo gilt es hentzutage doch ſelbſt proteſtantiſchen Regierungen als ſo ziemlich ſelbſtverſtändlich, daß die römiſch⸗katholiſche Fakultät unmittelbar unter dem Einfluß der päpſtlichen Hier⸗ archie zu ſtehen habe, was nach der Meinung der gewöhn⸗ lichen Menſchenkinder völlige Unfreiheit bedeutet, nach dem Jargon des Ultramontanismus freilich die alleinige wahre Freiheit genannt zu werden verdient. Eine römiſch⸗katholiſche theologiſche Fakultät in den Rahmen einer modernen Hoch⸗ ſchule bringen zu wollen, iſt demnach ein Unding. Die Großherzöge Ludwig J. und Ludwig II., denen in edler Begeiſterung für das religiös-ſittliche Wohl ihrer katho⸗ liſchen Unterthanen kein Opfer zu groß ſchien, Biſchof Burg von Mainz, ſowie ſein Nachfolger Leopold Kaiſer, die ihre ganze Liebe und Fürſorge der Gießener katholiſch⸗theologiſchen Fakultät zuwandten, konnten natürlich ihre Liebe, Begeiſterung und Fürſorge nur einer katholiſch⸗-theologiſchen Fakultät zuwenden; eine römiſch⸗-fatholiſche, vatikaniſche Kirche mit einem unfehlbaren Univerſalbiſchofe und abſoluten Herrn und Gebieter an der Spitze kannte man damals noch nicht in Deutſchland. Das aber iſt das Tragiſche bei der Grüff⸗ dung der katholiſch-theologiſchen Fakultät in Gießen, daß man in Deutſchland damals noch durchaus an die alte katho⸗ liſche Kirche glaubte, während die Päpſte Pius VII. und Leo XII., die bei der Gründung der Fakultät Gießen mit in Frage kamen, bereits eine neukatholiſche, vatikaniſche planten. Waren ja beide bereits wieder in den Händen der Jeſuiten. Dieſer Konflikt zwiſchen der alten und neuen Kirche, der ſchon bei der Gründung der Fakultät vorhanden war, brachte letztere ſchließlich zum Fall. (Fortſetzung folgt.) Der Ultramontanismus. Sein Weſen und ſeine Bekümpfung. Paul v. Hoensbroech„Der Ultramonta⸗ ſein Weſen und ſeine Bekämpfung“(ſ. D. M. 1897, 48) iſt ſoeben in zweiter, vermehrter und verbeſſerter Berlin, Verlag von Herm. Walther) erſchienen. nach zehn Wochen war die erſte ſtarke Auflage ver⸗ griffen.“ Mit Recht ſieht der Verfaſſer in dieſem Erfolge einen Beweis für das große Intereſſe, das weiteſte Kreiſe an dem Gegenſtand nehmen. Daß auch wir, die wir ſeit einer ſtattlichen Reihe von Jahren im Kampfe wider den Ultramontanismus ſtehen, an allen antiultramontanen Be⸗ ſtrebungen großes, ſogar ſehr großes— Intereſſe und infolge deſſen auch allen Grund haben, an die Prüfung mit größtem Ernſte und größter Gewiſſenhaftigkeit heranzutreten, iſt geradezu ſelbſtverſtändlich. Unſer großes Intereſſe für das Hoensbroechſche Buch haben wir doch ohne Zweifel ſchon dadurch bewieſen, daß wir ihm in drei Abteilungen durch vier Num⸗ mern des„Merkur“ eine Beſprechung gewidmet haben. Ob⸗ wohl wir nun in derſelben die Hoensbroechſche Darſtellung des Ultramontanismus ſelbſt und ſeiner großen Bedeutung für Staat und Geſellſchaft, Religion und Kultur beſtens an⸗ Des Grafen nismus, Nr. 45 A ufl age „Schon ( 122 erkannt und das Buch zum Schluß allen Patrioten warm empfohlen haben, wußten wir freilich auch im voraus, daß der Herr Verfaſſer mit den weiteren Ausführungen nicht zu— frieden ſein werde; aber daß er unſere gegenteiligen Anſchau⸗ ungen mit einer bloßen gröblichen Beleidigung abfertigen werde, das haben wir doch nicht, um ſeiner ſelbſt willen nicht, erwartet. Wir konnten nämlich und wir können noch jetzt nicht auf die vom Grafen v. Hoensbroech vorgeſchlagenen Kampf⸗ mittel ſchwören und zwar deshalb nicht, weil bei den einmal beſtehenden und für praktiſche Fragen in Rechnung zu zieh⸗ enden ſtaatlichen Verhältniſſen, und ſo lange dieſe Verhält— niſſe fortbeſtehen, auch nicht die geringſte Ausſicht da iſt, daß das von Hoensbroech vorangeſtellte Hauptmittel Hoff⸗ nung auf Verwendung hat. Es ſetzt Menſchen und Zeit⸗ lagen voraus, die im modernen Geiſte nicht bloß denken, ſondern auch handeln, und dieſer Geiſt im religiöſen wie im patriotiſchen Sinne muß zunächſt in den Menſchen geweckt und wieder lebendig werden, in welche heute der Ultramon⸗ tanismus ſeine breiteſten Spuren einerſeits des Indifferen⸗ tismus, anderſeits des Fanatismus gegraben hat. Wir haben das damals in unſern Artikeln eingehend klar zu legen und nachzuweiſen verſucht. Wie will Hoensbroech in ſeiner Weiſe. die Wurzel des Ultramontanismus durchſchneiden, ſolange er beiſpielsweiſe Verhältniſſen gegenüberſteht, wie ſie bei der ultramontanen Kaiſerfeier zu Rom zu tage getreten ſind? Hoensbroech freilich ſieht darin das höchſte Lob für ſein Buch, daß es„im ſchärfſten Gegenſatz zu den wirklichen Verhält⸗ niſſen ſteht.“ Die Thatſache ſtimmt, aber das Lob verſtehen wir eben nicht. Wer mit Verhältniſſen, die ſich vielleicht ein⸗ mal verwirklichen, gewiſſe Zwecke erreichen will, der zeigt uns wohl ſchöne Zukunftsbilder, aber zwiſchen der Gegenwart und dieſen Zukunftsbildern bleibt eine Kluft beſtehen, die vor allem erſt überbrückt oder eingeebnet werden muß, ehe an die Verwirklichung der ſchönen Zukunftsbilder gegangen werden kann. Ehe die Hoensbroechſche Weiſe der Durchſchneidung der ultramontanen Wurzel Anwendung finden kann, muß in Staat und Geſellſchaft bis zu höchſt hinauf der anti⸗ ultramontane Geiſt und jenes Selbſtbewußtſein groß gewachſen ſein, daß die Stütze der Throne und die Größe der Nationen nicht in der Macht der Hierarchie, ſondern in der Verfaſſung ruht. Nur wenn dieſer Geiſt vorhanden iſt, iſt das Hoens⸗ broechſche Hauptmittel keine bloße Utopie. Im vorliegenden Falle alſo mußte uns Graf v. Hoensbroech zunächſt angeben, wie man an Stelle des Indifferentismus und der Selbſt⸗ ſucht den Geiſt der Wahrheit und Wahrhaftigkeit, den Geiſt gewiſſenhafter Treue, an Stelle der Wurſtigkeit den ſittlichen Ernſt den Menſchen und vor allem den tonangebenden Men⸗ ſchen anerziehen und wie man in die Regierungen den nötigen neuen Geiſt mit der nötigen Energie zu gießen vermag. Wenn einmal dieſe ſchwere Arbeit gelungen wäre, dann wäre die Durchſchneidung der Wurzel eine leichte Sache. Eine Löſung der religiöſen Frage in der Gegenwart, ſoweit dabei die römiſch⸗katholiſche Kirche und ihr Ultramon⸗ tanismus in Frage ſteht, iſt nur dann zu erhoffen, wenn man das, was Graf v. Hoensbroech als das unfehlbare Heilmittel hinſtellt, den Folgen der Zeiten überläßt, hingegen mit allen Kräften des Geiſtes und vor allem unter dem Schutz und Schirm des von Chriſtus geſendeten heiligen Geiſtes an der Erkenntnis und Verwirklichung der im in⸗ nerſten Weſen chriſtlichen modernen Staatsidee, insbeſondere wahrer geiſtiger Aufklärung und charaktervoller Selbſtändig⸗ keit durch alle Geſellſchaftsſchichten hindurch arbeitet. Auf die Erziehung des Volkes im Geiſt und in der Wahrheit im Gegenſatz zur ultramontanen Erziehung blinder Unter⸗ werfung von Willen und Urteil— darauf kommt es an, denn das würde an ſich ſchon unſerer kranken Zeit wieder auf⸗ helfen, alle die jetzt an Indifferentismus oder Feigheit kran⸗ kenden Katholiken und Nichtkatholiken aufrütteln und ſucceſſive, aber unaufhaltbar dem ultramontanen Ungeiſte den Nähr boden im Volke entziehen. In einer auf dem Altkatholikenkongreß zu Mainz(1877) gehaltenen Rede wurde die Aufgabe der Ritter im Geiſte dahin zuſammengefaßt:„.... nach beſtem Vermögen dem Strom des Geiſtes die Bahn zu den Herzen und Köpfen der wider— willigen Menſchen frei machen; denn ſoll endlich das Werk gelingen, muß der Geiſt ſtrömen in die Zeit, wie der von Herkules abgelenkte Fluß durch den Stall des Augias. Und es muß Geiſt vom Geiſte Gottes ſein, von jenem Schöpfergeiſt, der aus dem Weltenchaos den erſten Schöpfungs⸗ frühling formte,— ſoll er Verſtand und Herz erleuchten und erquicken, ſoll er nicht zerſtören und nur neue Schlamm— maſſen abſetzen, ſondern befruchtend und reinigend in den Entwicklungsgang des Menſchengeſchlechts eingreifen. Unſer Wirken hat nur dann einen über den Moment und über lokale Beſchränknng hinausreichenden Erfolg, wenn wir ſo arbeiten, daß das Strombad des Geiſtes ahnungslos über die Menſchen kommt, wie durchs geöffnete Fenſter der goldene Morgenſtrahl, der auf den Schläfer fällt und den Schlaf verſcheucht.“ Das war der Geiſt, der uns bei unſerer Beſprechung der I. Auflage des Hoensbroechſchen Buches geleitet hatte. Wenn wir eine brüske Abweiſung, die Graf Hoensbroech, ohne daß hiezu eine Notwendigkeit gegeben war, dem„Deutſchen Merkur“ in einer Anmerkung(S. 228) widerfahren ließ, eben⸗ falls nicht beſonders freundlich— wir geſtehen das gerne zu— abgewieſen hatten, ſo waren wir ja dazu abſichtlich herausgefordert worden. Und wenn nun Graf Hoensbroech in der neuen Auflage die urſprüngliche Anmerkung ſtehen läßt und noch hinzufügt:„Die Beſprechung, die der Deutſche Merkur' meinem Buche gewidmet hat, iſt derartig durchſetzt von übelwollenden perſönlichen Bemerkungen, daß ein Ein⸗ gehen auf ihre ſachlichen Ausſtellungen unmöglich iſt, ohne das Gebiet des Perſönlichen zu betreten, und das widerſtrebt mir. Für perſönliche Reibereien bei Behandlung grundſätz⸗ licher Fragen fehlt mir jedes Verſtändnis.*) Nur die eine ſachliche Bemerkung muß ich der Kritik des„Deutſchen Merkur’ entgegenſtellen: ſie gibt in verſchiedenen wichtigen Punkten meine Auffaſſung völlig entſtellt wieder.“ Wir wollen von der wohlfeilen Art, den perſönlich Be⸗ leidigten zu ſpielen, um ſich von einer Verantwortung weg— zuſchrauben, abſehen, denn das iſt des Grafen Hoensbroechs eigene Sache; aber die daran geknüpfte„ſachliche“ Be⸗ merkung, die ſachlich nichts als eine beleidigende Unter⸗ ſtellung iſt, können wir nicht unberückſichtigt laſſen. Wir ſenden hier voraus, daß wir uns, die wir ſeit Jahren gegen die„Unfehlbarkeit“ anderer zu Felde ziehen, gewiß ſelbſt nicht für unfehlbar halten und daß wir jederzeit bereit ſind, wenn uns durch irgend ein Verſehen ein Mißverſtändnis unter⸗ laufen ſollte, uns belehren zu laſſen; aber dagegen müſſen wir entſchieden Verwahrung einlegen, daß wir abſichtlich wichtige Stellen uns zurecht geſchnitten haben, denn wir ſind gewohnt immer wortwörtlich zu zitieren. Was uns aber Graf Hoensbroech hier vorwirft, geht auf Verdrehung hinaus. Oder weiß Graf Hoensbroech nicht, daß der Vorwurf„Ent⸗ ſtellung“ bewußte Abſicht des Entſtellers zur Vorausſetzung *) Ohne jede Beifügung zitieren wir hier nur einen Satz des Grafen v. Hoensbroech aus dem Vorwort zur zweiten Auf⸗ lage:„Der denkfaule„Bildungsphiliſter“ iſt leider in Deutſch⸗ land noch zahlreich vertreten; einige große ‚freiſinnig“ oder bliberal' ſich nennende Zeitungen ſind ſeine Stützen und Pa⸗ trone. Alle ‚pfäpffiſchee und jjunkerliche Beſchränktheit⸗ findet ſich vereint in der Verbohrtheit und Einſeitigkeit der ‚Bildungs⸗ philiſtereic. Für ſie und ihre Blätter iſt das ausgetretene Geleiſe ‚Fortſchritt“, iſt die tönende Phraſe ‚Bildunge, ſind Scheulappen und charakterloſe Gleichgültigkeit ‚Feſtigkeite und „Freiſinn“.“ 123 hat? Wir können darauf nur antworten mit der öffentlichen Aufforderung an den Herrn Grafen, uns nachzuweiſen, wo wir„in verſchiedenen wichtigen Punkten“ ſeine Auffaſſung „völlig entſtellt“ wiedergegeben haben. Wir ſtellen ihm zu dieſem Zwecke den„Deutſchen Merkur“ ſelbſt— natürlich nicht in ungemeſſenem Raume— zur Verfügung. E. Z. Friedensglocken zum Apoſtolikum. II*). Der zweite Teil des Apoſtolikums lehrt den Glauben an Jeſus Chriſtus Zu ihm wird übergegangen im An— ſchluſſe an das anfängliche„Ich glaube an Gott“. Ohne Wiederholung des„Ich glaube“ folgt bloß unter Anknüpfung mit„und“: und an Jeſus Chriſtus, ſeinen einzigen Sohn. Dieſe Verknüpfung entſpricht nicht minder dem gleichen äußern Vorkommen im Neuen Teſtamente, als dem Ver⸗ hältniſſe des Glaubens an Jeſus Chriſtus zum Glauben an Gott zufolge der Schrift: Jeder Geiſt, der bekennt, daß Jeſus Chriſtus im Fleiſche gekommen iſt, und in der Lehre Chriſti bleibt, der hat ſowohl den Vater als den Sohn(1 Joh. 4, 2. 2 Joh. 7. 9); durch den Glauben an Jeſus Chriſtus kommt den Menſchen die Gerechtigkeit von Gott(Röm. 3, 22); durch den Glauben an Jeſus Chriſtus ſind alle Söhne Gottes (Gal. 3, 26); und die erſte Predigt dieſes Glaubens ſchließt, nachdem ſie überall von dem Glauben an Gott ausgegangen, mit der Aufforderung, daß jeder ſich taufen laſſe auf den Namen Jeſu Chriſti, ſchließt ſo bloß dieſen Namen hervor⸗ hebend(Th. 2, 38), obſchon das Taufgebot des Herrn lautet: zu taufen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des hl. Geiſtes. Muß hiernach nicht gar geſagt werden, daß der Glaube an Jeſus Chriſtus mit dem Glauben an Gott untrennbar verknüpft iſt, ſo daß der eine Glaube nicht ohne dem andern beſteht? Und liegt nicht auch der Grund dafür offen? nämlich: Ziel des Glaubens an Gott iſt der Eintritt der Menſchen in Gottes Kindſchaft; der Eintritt in Gottes Kindſchaft aber iſt ohne Jeſus Chriſtus nicht gegeben, weil nach der von Gott für die Menſchheit aufgerichteten großen Ordnung Jeſus Chriſtus der Mittler dieſes Eintritts iſt, jener, der von ſich bezeugte:„Niemand kommt zum Vater als durch mich“(Joh. 14, 6). In dieſem Sinne denn den Anſchluß des Glaubens an Jeſus Chriſtus an den Glauben an Gott auffaſſend, ſind wir dadurch für uns auf die voll— getreue Feſthaltung des Glaubens an Jeſus Chriſtus, das Licht der Welt, unſern Mittler und unſer Vorbild für die Gewinnung der Kindſchaft gewieſen, in betreff derer aber, die dieſes Glaubens entraten, auf den Standpunkt weiteſter Duldung geſtellt, dies in der Hoffnung der Bruder⸗ liebe. Hoffen wir bei den tauſendfältig verſchiedenen Ent⸗ wicklungen des Glaubens an Gott, die die Menſchheit durch laufen mußte und muß, doch noch für das Heil derer, die in der menſchlichen Verwilderung ſelbſt den Namen Gott ver⸗ loren haben. Wir hoffen ſo im Hinblicke auf den einge⸗ ſchloſſenen Glauben ihres Lebenswirkens. Denn„ohne Glau⸗ ben iſt es unmöglich, Gott zu gefallen“; wenn aber dieſem Ausſpruche(Hebr. 11, 6) hinzugefügt iſt:„Glauben muß, wer Gott nahen will, daß er iſt und vergilt denen, die ihn ſuchen“, ſo iſt dabei als ſelbſtverſtändlich vorausgeſetzt, daß der Menſch in ſeinem diesſeitigen Leben in der Lage ſein muß, ſo zu ſuchen und zu glauben. Fehlte es daran dem, der ſterbend vor Gott tritt, ſo hat er von Gott als Vater die Zugabe des Fehlenden zu erwarten, wie dies ſchon zum erſten Satze des Apoſtolikums verfolgt wurde. Bei Un trennbarkeit des Glaubens an Gott von dem Glauben an *) S. Nr. 11 u. 12. Jeſus Chriſtus kann für dieſen kein weſentlich anderes Ver⸗ hältnis beſtehen; das ergibt ſich des weitern auch noch aus der im Apoſtolikum fernerhin folgenden Lehre vom„Abſteigen Jeſu Chriſti zu den Untern“. Mit dem(den) Namen Jeſus Chriſtus tritt das Apo⸗ ſtolikum vor die hiſtoriſche Perſon Jeſu. Die Annahme der geſchichtlich ſichern Kunde von ihr kann nach der Lehre, daß der Glaube die Ueberführung iſt von dem, was nicht geſehen wird, der hier geforderte Glaube nicht ſein, er iſt anders zu ſuchen. Er iſt zu ſuchen, wie die ſchon bezogenen Stellen der Johannesbriefe(1 Joh. 4, 2. 2 Joh. 7. 9.) in anderer Uebertragung beſagen, wonach Jeſus der im Fleiſche gekom⸗ mene Chriſtus iſt Die beiden Namen Jeſus und Chriſtus kommen im Neuen Teſtamente häufig auch jeder für ſich allein vor; ebenſo häufig iſt die Zuſammenſtellung Jeſus Chriſtus, dieſe noch in Umſtellung Chriſtus Jeſus bei Paulus⸗ Von ihnen iſt„Jeſus“ der perſönliche Name,„Chriſtus“ das griechiſche Wort für das jüdiſche„Meſſias“, für den Verheißenen des Alten Bundes,„der kommen ſollte“(Matth. 11, 3. Joh. 11, 27), der aber nicht bloß den Juden verheißen war, ſondern zufolge des Wortes, daß in„Abrahams Samen“ alle Völker gefegnet werden ſollten, wie auch ſchon nach ſeiner anfänglichen Verheißung als„Same des Weibes“, welcher dem Feinde den Kopf zertreten werde, der für die ganze Menſchheit Verheißene war. Bei ſolcher vorausge⸗ ſtandener Verheißung, die durch das Kommen Jeſu Chriſti im Fleiſche erfüllt worden, ſtellt das Apoſtolikum Jeſus Chriſtus zum Glauben vor nicht anders als Johannes im Abſchluſſe ſeines Evangelinms, wo er ſagt:„Dieſe(Zeichen, die Jeſus gethan hat) ſind geſchrieben, damit ihr glaubet, daß Jeſus iſt der Chriſtus, der Sohn Gottes, und durch den Glauben Leben habt in ſeinem Namen.“ Der lateiniſche Text des Apoſtolikums kann hier in gleicher Weiſe über⸗ tragen werden, nämlich:„Ich glaube an Jeſus den Chriſtus“ Vielleicht hat auch die verſchiedentliche pauliniſche Umſtellung „Chriſtus Jeſus“ den Zweck gehabt, durch die Vorausſtellung von„Chriſtus“ hervorzuheben, daß Jeſus der Chriſtus iſt. Was Johannes in dem Abſchluſſe ſeines Evangeliums durch die Worte„der Sohn Gottes“ ſofort anfügt, läßt das Apoſtolikum gleichfalls ſofort folgen:„ſeinen einzigen Sohn“; dies wenn von dem zu„Sohn“ beigefügten„einzig“ abge⸗ ſehen wird und die Zurückbeziehung durch„ſein“ auf das Wort„Gott“ in dem vorausſtehenden Satze geht. Nach der Meinung, die ſeit dem Arianismus herrſchte, ſoll hier das Apoſtolikum die göttliche Seite Jeſu Chriſti treffen, ſeine Sohnſchaft in der Gottheit. Dem entſprechend iſt die Trini⸗ tätslehre entwickelt. Danach wird weniger Gewicht gelegt auf das im Eingange des Joh. Ev. für die zweite göttliche Perſon Geſagte:„Wort, das Gott und bei Gott“, als auf den im Joh. Ev. folgenden Ausſpruch:„Das Wort iſt Fleiſch geworden und zeltete unter uns, und wir haben ge— ſehen ſeine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Einge⸗ bornen vom Vater.“ Insbeſondere nach dieſem Aus⸗ ſpruche, außerdem auch unter Heranziehung weiterer Schrift⸗ ſtellen, ſind die Worte„einziger Sohn“ im Apoſtolikum und ebenſo der Name„Sohn“ in zweiter Stelle der Taufformel ſeit dem großen arianiſchen Streite dahin erfaßt worden, wie dies die Zuſätze in dem nicäno⸗konſtantinopolitaniſchen Sym⸗ bolum beſagen. Anſtatt der Worte„ſein einziger Sohn“ des Apoſtolikums heißt es hier:„Gottes eingeborner Sohn“; ſodann von dieſem weiter:„aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott von wahrem Gott, gezeugt, nicht gemacht, gleicher Weſenheit mit dem Vater, durch den alles gemacht worden“ So wird noch heute gelehrt; das Apoſtolikum weiſt anders. Jeſus Chriſtus iſt nach überall unbeſtrittener Lehre der Sohn Gottes; aber der Sohn Gottes iſt er, der Gott⸗Menſch, zufolge der Schrift nicht als Gott, nicht als„das Wort, 124 das Gott und bei Gott“, ſondern als Menſch. Dabei darf in Anſehung ſeiner Menſchheit nur nicht lediglich auf ihn als „den im Fleiſche gekommenen“ hingeblickt werden, muß— wegen vieler hier in Betracht kommender, von der herrſchen⸗ den Lehre auf ſein göttliches Vorſein bezogenen Schrift⸗ ſtellen— vielmehr ein, durch die frühere Erſchaffung ſeiner menſchlichen Seele bedingtes, menſchgeſchöpfliches Vorſein vor ſeiner Empfängnis und Geburt von Maria vorausgeſetzt werden— dies eine Vorausſetzung in Uebereinſtimmung mit dem für die Menſchenſeelen überhaupt anzunehmenden Vorſein, die insbeſondere auch durch das Schriftwort von der Fleiſch— Werdung(nicht Menſch-Werdung) des Wortes offen ge⸗ laſſen iſt. Das Apoſtolikum kann nur mit Zwang anders erklärt werden in gleicher Weiſe wie die hier vorausſtehenden Schriftſtellen. Einer andern Erklärung des Apoſtolikums ſteht nament⸗ lich entgegen die Zurückbeziehung„ſein Sohn“ und die Be⸗ zeichnung des Sohnes als des„einzigen“. Durch die Zurückbeziehung iſt Jeſus Chriſtus hingeſtellt als Sohn deſſen, der im erſten Satze vorgeführt iſt als„Gott“ mit den nähern Beſtimmungen:„Vater“,„Allmächtiger“(im Sinne des griechiſchen Subſtantivs Pantokrator) und„Schöpfer Himmels und der Erde“. Da erſcheint es willkürlich, nicht auf das Wort„Gott“ in dem vorausſtehenden Satze zurückzugehen, ſondern auf die Appoſitionen zu„Gott“ und von dieſen die. erſte„Vater“(gar noch mit fehlerhaft beigefügtem„allmächtig“ im Sinne des lateiniſchen Adjektivs omnipotens) herauszu⸗ greifen und hierauf den Sohn zurückzubeziehen. Aber auch dadurch erreicht man noch nicht, was man bedarf, um den Sohn Gottes in der Gottheit ſuchen zu können; man muß dazu noch von dem vorher im Apoſtolikum gelehrten Satze, daß Gott Vater iſt, in deſſen nächſtem Sinne abſehen und bloß den hier nur im Hintergrunde ſtehenden Namen für die erſte göttliche Perſon berückſichtigen.— Ebenſoſehr wider⸗ ſpricht die Bezeichnung des Sohnes durch„einzig“. Handelte es ſich um die göttliche Seite Jeſu Chriſti, um ihn als göttlichen Sohn, ſo würde es als wenigſtens überflüſſig ſtören, dieſen noch näher durch„einzig“ zu beſtimmen, da wäre ſein Einzigſein doch ſelbſtverſtändlich. Dagegen war letzteres für Jeſus Chriſtus als ge⸗ ſchöpflichen Sohn Gottes hervorzuheben mit Rückſicht auf noch weitere anders geſtellte Kinder Gottes, mit Rückſicht namentlich auf die übrigen Menſchen, die nur durch ihn als Mittler in Gottes Kindſchaft gelangen können. Das würde auch anzunehmen ſein, wenn das„einzig“ des Apoſtolikums ganz gleich zu nehmen wäre mit dem„eingeboren“ der Jo⸗ hannesſchriften; doch darf auch das nicht einmal geſchehen. So gleich genommen iſt es verſchiedentlich, wie ſchon früh in den dem Apoſtolikum nachgefolgten Symbolen, ſo noch in jüngſter Zeit bei Uebertragungen des griechiſchen Bibeltextes der Johannesſchriften, ſo auch in verſchiedenen deutſchen Ueber⸗ tragungen des Apoſtolikums, die anſtatt„einzig“„einge⸗ boren“ ſetzen; doch iſt dabei folgendes unbeachtet gelaſſen. Das„einzig“ zu„Sohn Gottes“ im Apoſtolikum iſt wört⸗ lich nicht ſchriftgemäß, ſinngemäß dagegen beſtens zutreffend, wenn es— und nur dies kann als das Richtige angeſehen werden— als eine Zuſammenfaſſung genommen wird von den hier bibliſch vorausſtehenden drei Bezeichnungen des Sohnes, der johanneiſchen„eingeborner“ und der pauli⸗ niſchen beiden„erſtgezeugter(oder: erſtgeborner)“ und „eigener Sohn“.— Dies Verhältnis des Sohnes, und wie dadurch der Gottheit Chriſti in keiner Weiſe Abbruch geſchieht, iſt des nähern bereits verfolgt in den vorausge⸗ ſchickten Erörterungen— vgl. insbeſondere Deutſcher Merkur Jahrg. 1898 S. 3— 5. 12— 13. 18— 19 u. 26—28. Die fernere Beſtätigung bringt das Apoſtolikum darin, wie es Jeſus Chriſtus, den einzigen Sohn Gottes, ſofort weiter vorführt, nämlich als: unſern Herrn. 1 Hier folgt das Apoſtolikum in ſeiner Lehre vom Glauben an Jeſus Chriſtus dem Ausſpruche des Herrn an ſeine Jünger: „Ihr heißt mich Herr und habt recht, ich bin es“(Joh. 13, 13). Er iſt der„Fürſt unſeres Heiles, der Herzog unſerer Seligkeit“(Hebr. 2, 10), dem wir als unſerm Herrn zu hul⸗ digen haben. Dies ſchulden wir ihm ſchon als dem einzigen Sohne Gottes, der unſer Erſtling iſt, ohne weiteres; dies ſchulden wir ihm übervollends, weil er, unſer Erſtling, da wir geknechtet waren, uns losgekauft hat(Röm. 3, 24), unſere Schuldſchrift ans Kreuz nagelte(Kol. 2, 14), uns reinigte zu ſeinem Eigentumsvolke(Tit. 2, 14). Demgemäß durch⸗ zieht der Ausdruck„Jeſus Chriſtus unſer Herr“ das ganze Neue Teſtament. Wenn wir nun Jeſus Chriſtus als unſern Herrn be⸗ kennen, bekennen wir ihn dadurch zugleich als Gott? Jeden⸗ falls„zum Preiſe Gottes“ nach der dahin gehenden aus— drücklichen Hervorhebung des Phil perbneſes(Phil. 2 1 1). An ſich liegt in dem Bekenntniſſe zu Jeſus Chriſtus ai unſerm Herrn das Bekenntnis zu ihm als Gott⸗Herrn noch nicht. Dies ergibt auch die erſte Predigt von ihm in dem Worte des Petrus:„So erkenne nun das ganze Haus Israel, daß Gott ihn zum Herrn und Chriſtus gemacht hat.“ Oder wäre ein göttliches Herrſein Chriſti zu finden in jener Stelle, die ihn Porführt, als die Phariſäer wider ihn verſammelt waren?„Da frug Jeſus ſie: Was dünkt euch von Chriſtus, weſſen Sohn iſt er? Sie antworteten: Davids. Darauf ſprach er zu ihnen: Wie nennt ihn denn David im Geiſte Herr, da er ſagt: Der Herr hat geſagt zu meinem Herrn, ſetze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. Wenn nun David ihn Herr nennt, wie iſt er ſein Sohn?“(Matth. 22, 41—45). Zielte Jeſus mit letzterer Frage auf das Gottſein des Chriſtus, auf ſein eigenes Lüetſhes Herrſein? Dies darin zu finden, hält ſchwer, zumal bei Zuläſſigkeit der Annahme, daß der Herr ſchon ein geſchöpfliches Vorſein gehabt hat, bevor er im Fleiſche kam. Denn als Gott iſt er mit den anderen gött⸗ lichen Perſonen doch jener, der ſo zu Davids Herrn (Chriſtus) geſprochen hat. Aber Davids Herr iſt auch mehr als Davids Sohn. Davids Sohn iſt der Herr bloß„dem Fleiſche(ſeiner leiblich⸗organiſchen Seite) nach, geſetzt aber mit Macht als der Sohn Gottes“(vgl. Röm. 1, 3 ff.), der „eingeborene, eigene, erſterzeugte“; und alſo mit Macht ge⸗ ſetzt, iſt er auch David gegenüber der Herr, war er deſſen nächſter Herr,„ſein Herr“, wie er der unſrige iſt. Sonach erblicken wir ihn auch bei jener Frage an die Phariſäer nicht als Gott, ſondern als Herrn, der Menſch iſt wie wir unter„ſeinem und unſerm Vater, ſeinem und unſerm Gotte“(Joh. 20, 17), von dem er jedoch entſprechend über uns erhöht iſt: er der in ſeinem menſchgeſchöpflichen Vorſein ſofort Herrliche in der Herrlichkeit beim Vater vor der We di Gnandiegung(ogl Joh. 17, 3 f. 24),— er, nachdem er im Fleiſche gekommen, der„Herr der Erde“ Gff. 11, 4), „König der Könige und Herr der Herren, auf deſſen Haupte viele Diademe“, wenn er wiederkommt(Off. 19), inſonderheit der Herr der Jünger und deren, die durch ihr Wort an ihn glauben(Joh. 17, 20), die„glauben und getauft ſind“ (Mark. 16, 16),— er unſer, der Chriſten, Herr, dem wir, alſo zur Folge aufgerufen, nachgehen müſſen.— Die dieſem ſeinem Hierſein ſich weiter an ſchüependen Fragen ſind zu der ſpäteren Angabe„ſitzt zu Rechten Gottes, des Vaters, des Allmächtigen“ zu verfolgen. Nur dann auch auf dieſen unſern Herrn, den Menſchen Chriſtus Jeſus(1 Tim. 2, 5), in dem das„Wort Fleiſch geworden,“ geht, womit das Apoſtolikum fortfährt. Nachdem es nämlich bis hierhin zuvor in großen allgemeinen Zügen den Herrn vorgeführt hat, wo⸗ bei die vorausſtehenden Schriftſtellen auch namentlich ſein menſchgeſchöpfliches Vorſein ergeben, tritt es nunmehr im be— ſonderen an ſein„Kommen im Fleiſche“ heran: 125 der iſt empfangen vom hl. Geiſte, geboren aus Maria der Jungfrau. Eheiheni erzählen die Evangelien Matth. 1 und Luk. 1 und 2. Am vollſtändigſten wird hier das Apoſtolikum gedeckt durch Lukas, der insbeſondere die Antwori mitteilt, die Maria dem Verkündigungsengel gab:„Wie ſoll das geſchehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Mag dies Wort verſtanden werden in dem Sinne„da ich keinen Mann weiß“— nämlich daß Maria für das Kommen des Chriſtus das nicht wußte, was an Stelle des erzeugenden Mannes trete— oder in dem Sinne„da ich keinen Mann anerkenne“— nämlich, daß ſie der ihr gewordenen Verkündigung bereit ſei, aber ohne Mann, indem ſie ſich Gott zur Jungfräulichkeit verlobt habe—: ſo hat ſchon Maria ſelbſt auf die Empfängnis Chriſti ohne Mann hingezeigt. Daß Chriſtus ſo in der That geboren werden ſollte, beſtätigte dann der Engel durch die Worte:„Der hl. Geiſt wird über dich kommen... darum wird auch das Heilige, das erzeugt wird, Sohn Gottes genannt werden.“ Ganz damit übereinſtimmend iſt Matth. 1 geſagt:„Als Maria mit Joſeph verlobt war, fand ſichs, daß ſie ſchwanger war vom hl. Geiſte“, und dann hervorgehoben, daß durch Chriſti Ge⸗ burt erfüllt worden die Weisſagung:„Siehe, eine Jungfrau wird ſchwanger ſein und einen Sohn gebären“ Das alles zuſammenfaſſend, hat das Apoſtolikum dem „empfangen vom hl. Geiſte“ die Worte„ohne Mann“ nicht ausdrücklich beigeſetzt, wie es namentlich nach dem Lukas⸗ berichte hätte geſchehen können, eingeſchloſſen jedoch dasſelbe gegeben, indem es dem„geboren aus Maria“ das Wort„der Jungfrau“ anfügte— letzteres in Uebereinſtimmung mit Matth. 1, auch ferner mit der Erzählung bei Lukas, daß der Engel zu einer„Jungfrau“ geſandt worden ſei. Obſchon nun gerade Lukas als der hiſtoriſche unter den Evangeliſten daſteht, iſt doch die Auffaſſung hervorgetreten, hier ſei von ihm ein Mythus aufgenommen. Alles Be⸗ gleitende bei Lukas trägt keinerlei mythiſches Gepräge— wie ſolches noch eher für das erſte Evangelium angenommen werden könnte, namentlich wegen der ihm eigentümlichen Er⸗ zählung von dem Sterne der Magier. Lukas hat geſchrieben, nachdem er erſt bei vielen zuvor geforſcht hatte und zwar bei ſolchen, die von Anfang Augenzeugen und Diener des Wortes waren(Luk. 1, 1— 4). Soll er das hier nicht ge⸗ than haben? Iſt ihm hier nicht gar jene lauterſte Augen⸗ zeugin und Dienerin des Wortes, die Mutter des Herrn ſelbſt, die Quelle für ſeine Erzählung geweſen?(vgl. Luk. 2, 19. 51.) Jeſus Chriſtus,„vom hl. Geiſte empfangen, geboren aus Maria der Jungfrau“, das— und zwar nicht mythiſch genommen— iſt dann auch alle chriſtlichen Zeiten hindurch das allgemein herrſchende Glaubenswort geweſen: unſer holdes Weihnachtswort, ſoweit es auf die leibliche Geburt von der jungfräulichen Mutter geht,— ſoweit es aber auf die dem vorgängige Empfängnis vom hl. Geiſte geht, ein Wort, das der von Chriſtus geforderten Wiedergeburt des Menſchen als deren hehrſter Anfang vorausſteht.(Fortſetzung folgt.) Korreſpondenzen und Berichte. München. Der lange verſtorbene badiſche Hofrat Buß war ein Ultramontaner der ſchwärzeſten Sorte, aber dabei von der größten Naivetät, ſodaß er auch die geheimſten Ge⸗ danken preisgab, unter anderen über die letzten Ziele des Ultramontanismus in Deutſchland, welche auf den Fall der Burg des Proteſtantismus und auf die Unſchädlichmachung der Hohenzollern hinausgingen. Als vor einiger Zeit die Proteſtanten aus mündlichen Erinnerungen auf dieſe Aeuße⸗ rungen zurückkamen, beſtritten die rtrmnprtauc denen natür⸗ lich ein ſolches Aufdecken ihrer Karten höchſt unangenehm ſein muß, daß Hofrat Buß je ſolche enßstideſ gethan habe. Nun iſt es aber Herrn Prof. Dr. Sell gelungen, die Beweis⸗ ſtellen aufzufinden. Und dieſe ſind jetzt wörtlich in den kürzlich von ihm veröffentlichten Vorträgen über„Die Ent⸗ wicklung der katholiſchen Kirche im 19. Jahrhundert“ ab⸗ gedruckt. Hier heißt es S. 73 f.: „Ganz ungeſcheut war auf der Katholikenverſamm⸗ lung 1851 eben nach dem Olmützer Friedensſchluß vom Präſidenten Buß als letzter Zweck derſelben in Deutſchland ausgeſprochen worden, durch den Sieg über die Preußen müſſe der Proteſtantismus zur Anerkennung der Kirche und des Papſtes gezwungen werden. Steht unſer Radetzky in Berlin, ſo iſt die Burg des Proteſtantismus gefallen. Das ſei vorerſt durch dieſen Frieden vereitelt. ‚Aber die Kirche raſtet nicht, und mit den Mauerbrechern der Kirche werden wir dieſe Burg des Proteſtantismus langſam zerbröckeln müſſen. Wir werden in den vorgeſchobenſten norddeutſchen Diſtrikten die zerſtreuten Katholiken ſammeln und mit Geld— mitteln unterſtützen, damit ſie den Katholizismus erhalten und Pioniere nach vorwärts werden. Mit einem Netz von katholiſchen Vereinen werden wir den altproteſtantiſchen Herd in Preußen von Oſten und Weſten umklammern und durch eine Unzahl von Klöſtern dieſe Klammern befeſtigen und damit den Proteſtan⸗ tismus erdrücken und die kath. Provinzen, die zur Schmach aller Katholiken der Mark Brandenburg zugeteilt worden ſind, befreien und die Hohenzollern unſchädlich machen.:(Aus einer Rede des Miniſters Falk 7. Mai 1875 bei Hahn, Geſchichte des Kulturkampfes in Preußen, S. 187.)“ * München. Das Vorgehen des Evangeliſchen Bundes gegen den preußiſchen Geſandten beim Vatikan wegen ſeiner Beteiligung an der ultramontanen Sonderfeier von Kaiſers Geburtstag in Rom und der darauf erfolgte Beſcheid des Staatsſekretärs des Auswärtigen Amts hat die Vereine und ihre Mitglieder naturgemäß ſehr beſchäftigt. Eine Anzahl Haupt⸗ und Zweigvereine hat dem Vorſitzenden des Zentralvor⸗ ſtandes, Grafen von Witzingerode, den Dank für das Auftreten des Zentralvorſtandes ausgeſprochen und das Gelübde treuer Anhänglichkeit erneuert. Und nicht bloß Vereine des Evang. Bundes haben ſich zuſtimmend ausgeſprochen, auch andere Vereine oder Perſönlichkeiten haben dem Zentralvorſtand ihre volle Zuſtimmung und ihren freudigen Dank ausgeſprochen, z. B. die Gladbacher Pfarrkonferenz. Berlin. In dankenswerter Weiſe gibt die ultramontane „Schleſiſche Volksztg.“ über die nächſten Ziele der römiſchen Propaganda in der deutſchen Reichshauptſtadt Aufſchluß. Nachdem das Blatt der Einweihung der Ludwigskirche ge⸗ dacht hat, fährt es fort: „Es iſt indeſſen hervorzuheben, daß hiemit zur Abhilfe der eigentlichen Kirchennot nicht allzuviel erreicht iſt. Die Kirchen⸗ not zeigt ſich weniger im Weſten, wo die Ludwigskirche liegt, als im Norden und Oſten, wo dichtgedrängt die katholiſchen Arbeitermaſſen polniſchen und deutſchen Stammes wohnen. Trotz⸗ dem iſt die Erbauung der Ludwigskirche ja hocherfreulich, denn im Weſten fängt jetzt die Bebauung im großen Stile an. Nach zehn Jahren hätten wir dort alſo doch eine Kirche bauen müſſen, nur wäre dann der Bau unendlich viel teurer gekommen.... Die weitere Entwicklung der Stadt im Weſten können wir alſo vorläufig ruhig an uns herankommen laſſen; deſto mehr muß jetzt im Oſten geſchehen. Es iſt erfreulich, daß der unermüd⸗ liche Generalſekretär der Arbeitervereine Dr. Hille jetzt ein Antoniuskirchlein baut, aber nicht nur mehr Gotteshäuſer ſind erforderlich, ſondern ſpeziell auch eine weitere Zerlegung der Gemeinden. Ganz beſonders dringlich erſcheint dieſe Aufgabe in der Rieſengemeinde St. Michael, wo annähernd 40 000 Men⸗ ſchen als Quaſiparochie um eine Kirche flattern.... In Kreiſen der Gemeindeglieder neigt man vielfach der Anſicht zu, daß es am beſten wäre, ſofort eine Dreiteilung der St. Michaels⸗ gemeinde vorzunehmen. Außer dieſer Gemeinde bedarf aber auch die St. Piusgemeinde, deren neue Kirche erſt vor ein paar Jahren eingeweiht worden iſt, der Teilung, und ebenſo ſollte man nur gleich die Herz⸗Jeſugemeinde teilen, obſchon 9 126 ihre Kirche noch nicht einmal fertig iſt. Die abgetrennte Hälfte der Gemeinde könnte ſich dann gleich eine Notkirche bauen. Im Zuſammenhange mit der ſehr aktuellen Teilungsfrage der Oſtgemeinden ſteht natürlich die Vermehrung der geiſtlichen Kräfte, welche ebenfalls im Oſten beſonders dringlich erſcheint. Immer lauter treten die Wünſche der Gemeindeglieder nach Geſtattung einer Ordensniederlaſſung hervor, obſchon in einer Weltſtadt wie Berlin ja Weltgeiſtliche infofern auch ihre Vor⸗ züge haben, als ſie ſich mehr an der hier ſo dringend not⸗ wendigen Vereinsthätigkeit beteiligen können. Jedenfalls haben aber die bisherigen Erfahrungen gelehrt, daß Weltgeiſtliche nicht in genügender Zahl zu beſchaffen ſind und ſo wird nichts weiter übrig bleiben, als auf Geſtattung einer Ordensnieder⸗ laſſung hinzuwirken.“ Inzwiſchen hat die Grundſteinlegung der„Herz⸗Jeſu⸗ Kirche“ in der Fehrbellinerſtraße ſtattgefunden. In Rixdorf bei Berlin iſt die Roſenkranzkirche eingeweiht worden. Die „Germania“ berichtet triumphierend: „Bei der Einweihung waren alle katholiſchen Gemeinden durch Abordnungen vertreten und unſere Vereine waren ſo zahl⸗ reich wie kaum je zuvor mit ihren farbenprächtigen Fahnen und Bannern zur Feier erſchienen, die bei der Bewohnerſchaft Rixdorfs, die in dichten Reihen die Bürgerſteige der Straßen, welche der Feſtzug durchſchritt, beſetzt hielten, großes Aufſehen erregte. Der Feſtzug war in der That ſo großartig, wie ihn Rixdorf kaum je zuvor geſehen haben dürfte.“ Wir wollen hier nur die Vereine aufzählen, die im Zug ſich befanden: Der Jungfrauenverein St. Agnes, der Aloyſius⸗ verein von St. Michael, der Arbeiterverein Rixdorf vollzählig, die Bruderſchaft vom hl. Altarsſakrament, der Michaelverein Rummelsburg, der geſellige Verein Konkordia, der Arbeiter⸗ verein Charlottenburg, der Winfried⸗, Unitas⸗, Matthias⸗ und Joſefsverein(Steglitz), der Arbeiterverein Pius, die Kon⸗ kordia, geſelliger Verein katholiſcher Kaufleute, der Joſefverein der Matthiasgemeinde, der geſellige Paulus- und Piusverein, der Arbeiter⸗ und geſellige Verein St Sebaſtian, der Arbeiter⸗ verein Reinickendorf, der Johannesverein, der Militärverein Mauritius, der Geſellenverein, die Arbeitervereine St. Michael, Köpenick, Weißenſee, Südweſt und Norden, der Bonifatius⸗ verein, der Meinrad- und Meiſterverein, der Geſellenverein Charlottenburg, der Leoverein Friedrichsberg und der Urſula⸗ verein. Man ſieht: die römiſche Kirche arbeitet rührig auf dem märkiſchen Sande und ſucht den Berlinern, die immer dabei ſind,„wo etwas los iſt“, nach Kräften zu imponieren. Inzwiſchen iſt zu den vorhandenen Kirchen noch eine neue gekommen, die Eliſabethkapelle des Afraſtiftes in der Graun⸗ ſtraße. Für den Bau weiterer Kirchen wird eifrigſt von der geſammten ultramontanen Preſſe Deutſchlands ge⸗ ſammelt. Kattowitz. Beim Abbruch der alten baufälligen alt⸗ katholiſchen Kirche fanden ſich zwei ſogenannte Altaria por- tatilia(tragbare Altäre) mit Reliquien von 4 Heiligen. Dieſe Reliquientafeln, mit den Weiheurkunden der Breslauer Weihbiſchöfe Bogedain und Wlodarski aus den Jahren 1851 und 1861 verſehen, hatte im Jahre 1871, als dieſe Kirche ſeitens des römiſchen Kirchenvorſtandes an die altkath. Ge⸗ meinde zum Abbruch verkauft wurde, der damalige Curatus, jetzige Erzprieſter Herr Schmidt in Kattowitz zu bergen ver⸗ geſſen. Pfarrer Müller erſtattete, nach dem altk. Volksbl., über den gemachten Fund Bericht an den Herrn Biſchof Dr. Weber mit der Bitte um Angabe, was mit den Reliquien geſchehen ſolle. Herr Biſchof Dr. Weber erteilte dem Pfarrer die Weiſung, die Reliquien dem fürſtbiſchöflichen Stuhle zu Breslau, von wo ſie ſtammen, unentgeltlich zur Verfügung zu ſtellen. Pfarrer Müller kam dieſer Weiſung nach und ſtellte die Re⸗ liquien in einem Schreiben vom 25. März dem Herrn Kar⸗ dinal Kopp zu Breslau zur Verfügung. Der Kardinal hat von dem Anerbieten Gebrauch gemacht und das hieſige römiſch⸗ katholiſche Pfarramt beauftragt, die Reliquien beim Pfarrer 1 V Müller abholen zu laſſen. Am 30. März händigte letzterer auf Grund eines höflichen Schreibens des hieſigen römiſchen Pfarramts die beiden Reliquienſteine aus. Schweiz. Dem Biſchof Herzog ſind von Gebern, die nicht genannt ſein wollen, zur Aufnung des theologiſchen Stipendienfonds die Summe von 10 000 Frks. übergeben worden. Derſelbe hat die Schenkung im Einverſtändnis mit den edlen Donatoren der Berniſchen Erziehungsdirektion als Beitrag an den hieſigen, unter ſtaatlicher Aufſicht verwal⸗ teten Stipendienfonds der chriſtkatholiſchen theologiſchen Fa⸗ kultät übergeben.— In Baſel ſpendete am Palmſonntag der Herr Biſchof 135 Kindern das Sakrament der Firmung. Um halb acht Uhr fand Morgengottesdienſt mit Gemeinde⸗ Buß⸗ und Kommunionandacht ſtatt. Um halb zehn Uhr be⸗ gann der Feſtgottesdienſt in der impoſanten, dicht beſetzten Predigerkirche. Der Herr Biſchof predigte auf Grund des Tagesevangeliums über das Kommen und Wohnen des Herrn in der Gemeinſchaft der Gläubigen. Der Gottesdienſt wurde verſchönert durch Chor⸗ und Gemeindegeſänge. Ein einfaches Mittagsmahl, gewürzt durch freundliche Reden, vereinigte Kirchenvorſtand und Gemeindeglieder um den lieben Gaſt. Schweiz. Der„Köln. Ztg.“ wird aus Bern, 2. April, geſchrieben: Aus verſchiedenen katholiſchen Kantonen kamen ſeit einiger Zeit Warnungsrufe der dortigen fortſchrittlichen Minder⸗ heiten gegen das Wiedererwachen ultramontaner Unduldſamkeit und eine außergewöhnliche Rührigkeit der römiſchen Geiſttlichkeit. Mehrere zur allgemeinen Kenntnis gelangte Vorgänge beſtätigten die an Ort und Stelle gemachten Wahrnehmungen, denen man in der übrigen Schweiz anfänglich keine große Beachtung ge— ſchenkt hatte. In Wallis wird offen gegen den Proteſtantismus gepredigt, gegen den ſich ſogar der neueſte Hirtenbrief richtet. In Genf, in Teſſin und in Freiburg das gleiche Vorrücken. In letzterm Kanton wurde neulich wieder einem dort verſtor⸗ benen Proteſtanten eine anſtändige Beerdigung verweigert. In Schwyz bot der Biſchof bei einer Verfaſſungsabſtimmung den ganzen Klerus auf zur Bekämpfung der Vorlage. Ein ultra⸗ montanes Blatt der Weſtſchweiz, die„Liberté“, ruft die Gläu⸗ bigen zur Sammlung und, da ſeine Partei bei rein materiellen und rein politiſchen Angelegenheiten ſortwährend unterliege, zur Fortſetzung des Kampfes auf dem Boden der konfeſſionellen Fragen. In gleichem Sinne ſchreibt ein Blatt im Berner Jura. Es läge nahe, dieſe Bewegung, an der nicht zu zweifeln iſt und deren einzelne Erſcheinungen offenbar zuſammenhangen, mit gewiſſen Vorgängen im Auslande in Verbindung zu bringen, allein es mag zur Zeit genügen, auf dieſelbe bei Zeiten hin⸗ gewieſen zu haben als auf einen Beweis, wie wenig tief in unſerm ſonſt aufgeklärten Ländchen die Axt des konfeſſionellen Krieges vergraben iſt. Aus Holland. Ende Februar beging der Geiſtliche der Gemeinde Egmond aan Zee, Herr van Greuningen, unter vielſeitiger Teilnahme ſein 40 jähriges Prieſterjubiläum. In zwei Jahren wird er auch ſeine 40 jährige Thätigkeit als Pfarrer der dortigen altkatholiſchen Gemeinde feiern. Sein Vorgänger Glasberger begann ſeine Wirkſamkeit in Egmond aan Zee vor 100 Jahren, 1798, ſo daß daſelbſt innerhalb eines Jahrhunderts nur zwei Pfarrer gewirkt haben.— Auf der Inſel Nordſtrand feierte am 20. März der Küſter der altkathol. Gemeinde, Herr Klauſen, ſein 50 jähriges Küſter⸗ jubiläum. Der Herr Pfarrer richtete an den Jubilar, der von vielen Seiten Zeichen freudiger Teilnahme erhielt, in der feſtlich geſchmückten Kirche eine herzliche Anſprache im Anſchluß an Pſalm 134. Der Jubilar, welcher ſein Amt an der Kirche in Nordſtrand unter vier Pfarrern verwaltet hat, erhielt das allgemeine Ehrenzeichen mit der Zahl 50. (Altk. Volksbl.) Italien. Für die Evangeliſation Italiens arbeitet neben den vielgenannten Waldenſern„die Evangeliſche Kirche Italiens“, eine Kirchengemeinſchaft von 30 Kirchgemeinden, die ſich im Jahre 1870 zu Mailand als„Freie chriſtliche 127 Kirche in Italien“ mit Bekenntnis und Verfaſſung durchaus bibliſch-geſunden Inhaltes der römiſchen Kirche, aus der ſie meiſt durch Bibelleſen hervorgegangen waren, gegenüberſteltte. Als im Jahre 1885 die gerade von dieſer Kirchengemeinſchaft angeregte und einſtimmig angenommene Vereinigung mit den Waldenſern zu einem gemeinſamen Kirchenkörper von den Waldenſern abgelehnt wurde, nahm dieſe Kirchengemeinſchaft den Namen„Evangeliſche Kirche Italiens“ für ſich allein an, weil die Gegner den früheren Namen zum öfteren ge⸗ fliſſentlich rationaliſtiſch auslegten, um die junge Kirche, namentlich im Auslande, um ihren guten Ruf zu bringen. Als„Evangeliſche Kirche Italiens“ hat ſie denn auch im Jahre 1891 durch königliches Dekret die offizielle Anerkennung des Staates unter Verleihung der Rechte einer juriſtiſchen Perſon gefunden. Die aufſehenerregende evangeliſche Be⸗ wegung im Valſeſia(ſüdlich vom Monte Roſa in der Pro⸗ vinz Piemont) und Valſoana, die im Jahre 1896 ein Dutzend Ortſchaſten zum größten Teil ſich für das Evangelium er— klären ließ, hat lediglich ihren Grund in der Arbeit der „Evangeliſchen Kirche Italiens“. Zu den genannten 30 Mutter⸗ gemeinden kommen noch 47 Tochtergemeinden, die in zehn Synoden: Piemont, Ligurien, Lambardei, Venetien, Emilia, Toskana, Rom, Neapel, Apulien und Sizilien eingeteilt ſind. An der Spitze ſteht ein von der jährlichen Generalverſamm⸗ lung gewähltes Evangeliſationskomitee, welches die Leitung des Ganzen in der Hand hat und der Generalverſammlung Rechenſchaft von ſeinem Thun ablegt. Gegenwärtig gehören ca. 2000 Glieder(Kommunikanten) zu dieſer Kirche. Eine „theologiſche Schule“, welche von 1878— 1890 in Rom be⸗ ſtand, iſt ſeit 1895 in Florenz eingerichtet unter dem Namen „Kurſus vorbereitender Studien für das heilige Amt“. Zur Errichtung eines theologiſchen Konvikts fehlen leider die Mittel. Bei der großartigen Jubiläumsfeier am 20. September 1896 in Rom hatte die„Evangeliſche Kirche Italiens“ nicht bloß einen Ehrenplatz im Feſtzuge, ſondern war die einzige evan⸗ geliſche Kirchengemeinſchaft, deren Vertreter von dem Könige von Italien in offizieller Audienz empfangen wurden und eine Ergebenheitsadreſſe überreichen durften, welche an der Spitze eine nach allen Seiten Lichtſtrahlen ausſendende Bibel mit dem Wahlſpruche der Kirche:„Wahrheit in Liebe“ zeigte. K. K. Gr. Spanien. Von der in Spanien herrſchenden reli⸗ giöſen Unduldſamkeit gibt folgender Appell eine Probe, welcheu die in Valencia erſcheinende„Antorcha Valentina“ an den zuſtändigen Richter richtet und welcher beweiſt, daß in dem gelobten Lande der Inquiſition doch noch nicht aller Sinn für Recht und Billigkeit erſtorben iſt:„Herr Richter! In der Calatravaſtraße wurde vorigen Sonntag ein Ver⸗ brechen begangen, das unbedingt geſühnt werden muß. Dort befindet ſich ein evangeliſcher Betſaal, wo die Bekenner der proteſtantiſchen Konfeſſion friedlich ſich vereinigen, um ihre Gottesdienſte zu feiern, ohne jemand zu nahe zu treten. Fanatiſche Haufen von Katholiken ſind nun ſchon verſchie⸗ dentlich in jene evangeliſche Kapelle eingedrungen, haben ſie entweiht und die verſammelten Gläubigen inſultiert. Am Sonntag aber überſtieg der Skandal alles Dageweſene. Zehn oder zwölf katholiſche Sakriſtane ſtürmten herein und be⸗ gannen einen Lärm zu vollführen, als ob ſie ſich in einer Kneipe befänden, ſodaß die Evangeliſchen ſich gezwungen ſahen, ihren Gottesdienſt zu unterbrechen, und der Prediger die Kanzel verlaſſen mußte. Dies geſchah vormittags. Während des Abendgottesdienſtes kamen drei oder vier von den Stören⸗ frieden wieder, während die übrigen an der Thür blieben und jenen den Rücken deckten. Neues Getümmel. Anſtän⸗ dige Leute, welche draußen vorbeipaſſierten, ſchlugen ſich auf die Seite der ſo ſchnöde angegriffenen Proteſtanten und zwangen die Tumultuanten, das Feld zu räumen. Die aber, feig und roh zugleich, ließen zu guterletzt noch eine Rakete los, wodurch den in großer Zahl anweſenden Frauen kein gelinder Schrecken eingejagt wurde. Von Polizei war natür⸗ lich bei dem ganzen traurigen für unſere ‚Verteidiger des apoſtoliſch⸗katholiſchen Glaubens“ recht charakteriſtiſchen Vor⸗ kommnis weit und breit keine Spur zu erblicken. Herr Richter! Es handelt ſich um ein Verbrechen gegen§ 239 des Straf⸗ geſetzbuches. Man hat bisher nicht gehört, daß Strafver⸗ folgung gegen die Verüber des ſchändlichen Tumults ein⸗ geleitet wurde. Dagegen iſt das Gericht ſogleich bei der Hand, diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, welche etwa vor einer vorüberziehenden Prozeſſion nicht das Haupt ent⸗ blößen. Die Preſſe des Auslandes wird von ſolchen Dingen Notiz nehmen, wird unſere katholiſchen Fanatiker mit Muham⸗ medanern und Türken vergleichen.— Herr Richter! Wir erlauben uns ergebenſt um Aufklärung zu bitten, warum bisher nicht eingeſchritten wurde, und ob dies noch geſchehen wird. Wir geſtatten uns auch die Anfrage, ob in Spanien ein zwiefaches Geſetz gilt, eins für Katholiken, eins für Pro⸗ teſtanten.“ Griechenland. Herr Profeſſor Kyriakos hat in der in Athen erſcheinenden angeſehenen Zeitung„Neologos“ einen ausführlichen Bericht über den Wiener Altkatholikenkongreß erſcheinen laſſen und zwar auf Grund des einſchlägigen Berichtes im 21. Hefte der internationalen theologiſchen Zeitſchrift. Hievon nimmt nun dieſe letztere in ihrem neueſten Hefte Notiz und führt aus dem Schlußwort des Herrn Prof. Kyriakos folgende Gedanken an: Er(Kyriakos) habe den vorausgehenden ausführlichen Bericht mitgeteilt, weil er wiſſe, daß die Leſer des ‚Neologos“ in Griechenland und im griechiſchen Orient denſelben mit Intereſſe leſen werden, gemäß der lebendigen Sympathie, welche die altkatholiſche Bewegung bei ihnen ge⸗ nieße. Das ſchöne Schreiben des ökumeniſchen Patriarchen Konſtantinos an den Altkatholikenkongreß, in welchem er das Werk der Altkatholiken ſegnete und ſeine Wünſche für deſſen gedeihlichen Fortſchritt ausſprach, drücke die Gefühle aus, die faſt alle orthodoxe Orientalen für die Altkatholiken hegen. Es ſei auch gar nicht anders möglich, als daß dieſelben mit den Altkatholiken ſympathiſieren. Die ganze Stellung der Altkatholiken, alles was ſie bis jetzt gethan haben und was ſie erſtreben, die Urſache ihrer Separation und ihre Stellung den neuen vatikaniſchen Dogmen gegenüber, ihre Ueberein⸗ ſtimmung in Lehre, Verfaſſung, Kultus und Disciplin mit den Normen der alten Kirche, alles dieſes könne ihnen nur die Sympathie der Orientalen erwerben. Entſprechend ihren ſonſtigen Prinzipien haben ſie auch von Anfang an die Her⸗ ſtellung der kirchlichen Union zwiſchen der eigenen und der orientaliſchen orthodoxen Kirche geſucht, während ſie aber auch mit den anderen Kirchen, entſprechend dem Grundſatze: in necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas, wenigſtens freundliche Beziehungen zu unterhalten ſuchten. Dieſem Beſtreben, die Verſöhnung und den Frieden unter den Chriſten zu befördern, dienen auch die internationalen Kon⸗ greſſe, wie desgleichen auch die Herausgabe der Revue inter nationale de Theologie.„Iſt es— fährt Herr Prof. Kyria⸗ kos dann fort— angeſichts aller dieſer Dinge möglich, daß ein orthodoxer Chriſt gleichgültig bleibe gegen die Altkatho⸗ liken? Iſt es möglich, daß er nicht mit ihnen ſympathiſiere, daß er nicht Gott anflehe, ihre Kämpfe zu ſegnen, daß er nicht die Erreichung der von ihnen angeſtrebten, Gott wohl⸗ gefälligen Ziele wünſche? Gewiß müſſen der offiziellen kirchlichen Union der Orientalen und der Altkatholiken noch manche weitere Verhandlungen vorangehen. Das hindert aber nicht, daß wir die Altkatholiken ſchon jetzt als die unſerem Glauben am nächſten verwandten Brüder betrachten, weil ſie in den Grundlagen und im Weſentlichen mit uns überein⸗ ſtimmen. Orthodoxe und Altkatholiken ſtehen wir auf dem— ſelben Boden, d. h. auf dem Grund der Beſtimmungen der ſieben ökumeniſchen Konzilien und der übereinſtimmenden Lehre der Väter der neun erſten Jahrhunderte, oder der alten Tra⸗ dition, alſo auf dem Prinzip: quod semper, quod ubique, 128 quod ab omnibus creditum est. Die Alteatholiken ſollen überzeugt ſein, daß ſowohl in Griechenland als im ganzen orthodoxen Orient die Orthodoxen die freundlichſten Gefühle für ſie hegen, daß wir ſchon jetzt, wenn wir auch noch nicht eine Kirche ausmachen, gleichwohl mit ihnen durch die Bande brüderlicher Liebe verbunden ſind, und daß, indem wir ſie zu ihrem in Wien ſo glänzend durchgeführten letzten Kongreß beglückwünſchen, wir von Herzen die beſten Wünſche hegen für die Fortſetzung dieſer ihrer Thätigkeit, für ihr Starkſein im Kampf gegen den Papismus und für das Gedeihen ihrer Kirchen, für die raſche Erreichung der Union zwiſchen unſeren Kirchen wie für die von ihnen angeſtrebte Herbeiführung des Friedens und der Eintracht zwiſchen den Anhängern aller der verſchiedenen chriſtlichen Kirchen. Möge ihnen Gott in allen dieſen Dingen Helfer ſein“! Litteratur. (Ein neues Flugblatt des Evangeliſchen Bundes.) Auf vielfach aus dem Schoße der Vereine geäußerte Wünſche iſt der Zentralvorſtand des Evangeliſchen Bundes im vorigen Jahre daran gegangen, kurze, gemeinverſtändliche und billige Flugblätter herauszugeben. Bisher erſchienen folgende vier:„Die Caniſiusfeier in Freiburg“,„Der Diana⸗Vaughan⸗Schwindel“, „Die geiſtige Minderwertigkeit des Ultramontanismus“ und endlich vor kurzem„Die Lehren des Syllabus“(Leipzig, C. Braun, Preis für 1— 100 Expl. 1 Pfg. pro Stück, 100—500 Expl. 80 Pfg. pro Hundert, 500— 1000 Expl. 70 Pfg. pro Hundert, je 1000 Expl. auf einmal bezogen 6 Mk.) In dieſem Flug⸗ blatt werden zunächſt kurz und ſchlagend die Lehren des Syllabus beleuchtet. Bei der vielfach vorhandenen Unkenntnis derſelben iſt die hier gegebene kurze Aufklärung ſehr dankenswert. Zu ernſtem Nachdenken ſtimmt der Schluß:„Wie einſt die Bauern 12 Artikel auf ihre Fahne geſchrieben haben, ſo hat Pius IX. im Syllabus ſeinen Streitern eine Sturmfahne mit 80 Arti⸗ keln verliehen; ſie fordern die Unterwerfung des geſamten ſtaat⸗ lichen und bürgerlichen Lebens in allen ſeinen Regungen unter den römiſchen Oberprieſter. Vieles iſt ſchon erobert; anderes wird folgen; keine Forderung wird vergeſſen oder aufgegeben. Daß um der ſchlechten Zeiten willen dieſe oder jene Forderung zurückgeſtellt wird, darf uns nicht irre machen. Rom kann warten, aber nicht vergeſſen. Darum dürfen wir nicht Friede!“ rufen, wo offener Eroberungskrieg uns bedroht. Wir müſſen die Augen offen und das Schwert blank halten; und wir müſſen den berufenen Wächtern Arm und Auge ſtärken, damit nicht unſere geſamte nationale Kultur und Geiſtesbildung in Schutt und Aſche ſinke. Denn ‚der römiſche Papſt kann und darf ſich mit dem Fortſchritt, dem Liberalismus und der modernen Bildung niemals verſöhnen noch vertragen:(Nr. 80 des Syllabus.)“ Einladung. Am 26. Januar dieſes Jahres waren es 25 Jahre, daß der erſte altkatholiſche Gottesdienſt in Offenbach gefeiert worden iſt. Auf Veranlaſſung unſeres hochw. Herrn Biſchofs Dr. Weber haben wir die Gedächtnisfeier an dieſen denkwür⸗ digen Tag auf Sonntag, den 24. April, verlegt. Wir beehren uns unſere Glaubensgenoſſen und Freunde nah und fern, zumal in den Nachbargemeinden, hierzu freundlichſt ein⸗ zuladen. Das Feſtprogramm iſt folgendes: 1. Feſtgottesdienſt 8 Uhr früh in der Stadtkirche mit Feſtpredigt unſeres hochw. Herrn Biſchofs Dr. Weber. 2. Gemeinſchaftliches Mittageſſen für Damen und Herren, mittags 1 Uhr im Saale des evangel. Vereinshauſes. Für Offenbach zirkuliert eine Liſte zum Einzeichnen. Auswärtige Gäſte belieben Anmeldungen rechtzeitig an Pfarrer Stein⸗ wachs zu richten. 3. Feſtverſammlung, abends 7 Uhr, im großen Saale des evangel. Vereinshauſes mit Anſprachen und reichem Programm. Der Kirchenvorſtand. Herausgeber und Redakteur: A. Gatzenmeier.— Kgl. Hof⸗ u. Univerſitäts⸗Buchdruckerer von Dr. C. Wolf& Sohn in München. 29. Jahrg. ℳo 17 23. April 1898. Deutſcher Merkur. Vierteljährlicher Preis bei der Poſt: Poſtzeitungskatalog Nr. 1892, bei den Expeditionen zu f5fn und München: Mark 60 Pf. Liraun. Nummern àa 15 Pf. Inſerate die geſpaltene Petitzeile 25 Pf. ſoweit ſie dem Inhalte des Blattes angemeſſen ſind. 2.Marti, 1w- Organ katholiſche Reformbewegung. Revaktion: München. Jungfernthurmſtraße 2 Haupt-Expedition: München Kgl. Hof⸗ und Univerſitäts⸗Buchdruckerei von Dr. C. Wolf& Sohn. Exped. für Köln und Deutz, Paul Neubner Buch⸗ und Kunſthandlung, Köln, Hoheſtr. 81 Inhalt. Der falſche Myſticismus unſerer Zeit— ein Werk des Ultramontanismus.— Friedens sgloſſen zum Apoſtolikum II(Fortſ.)— Die Vernichtung der katholiſch⸗theologiſchen Fakultät in Gießen.(Fortſ.)— Korreſpondenzen u nd Berichte: Württemberg(Reſervalien⸗ geſetz)— Vom Rhein(Bekehrungsverſuche am Sterbebette).— Berlin(Privatdozentenvorlage).— Ungarn kklerikale Partei).— Aus Italien(Don P. Miraglia).— Frankreich(Lage des Proteſtantismus).— Petersburg(Uebertritt ſyro⸗chaldäiſcher Gemeinden).— Schweden(Strafbeſtimmungen gegen Eingriffe in die Freiheit der Miſchehenſchließenden). — England(Nationalkonzil der„Free Church Federation“ — Nordamerika(Vilatte).— Miszelle(Aberglauben in Berlin).— Bekanntmachung der altk. Gemeinde Kattowitz. Der falſche Myſticismus unſerer Zeit— ein Werk des Ultramontanismus. „Der falſche Myſticismus— eine Zeitkrankheit“— unter dieſer Ueberſchrift hat die„Kölniſche Volkszeitung“ in ihrer Nr. 158 vom 2. März einen Leitartikel veröffentlicht, der ſich an den dritten Teil der Schrift des Jeſuiten H. Gruber (Hildebrand Gerber):„Leo Taxils Palladismus-Roman“ anſchließt. Die„Kölniſche Volkszeitung“ benutzt die Gele⸗ genheit, um mit dem genannten Jeſuiten die Katholiken, die ſich durch die gläubige Aufnahme, die begeiſterte Vertei⸗ digung und die eifrige Ausnützung der angeblichen Offen⸗ barungen des ungeheuerlichen Schwindels gegen Andersdenkende ſo unſterblich lächerlich gemacht haben, zu„ernſter Selbſt⸗ prüfung“, zu„höherer geiſtiger Bethätigung beſonders auf dem wiſſenſchaftlichen Gebiete“, zu„philoſophiſcher Durch⸗ dringung der Worſehungs⸗Ergeöninie⸗ aufzufordern und vor „handwerksmäßiger, routinenhafter Anti⸗Freimaureraktion“, vor„Einſeitigkeiten und Uebertreibungen auf dem Gehieke der Frömmigkeit“, vor„gewiſſen Auswüchſen erbaulicher Volks⸗ litteratur“, und vor dem„Ausſchlagen kirchlicher aeſnnang in unverſtändigen Zelotismus und eigenſinnigen Konſerva⸗ tismus“ zu warnen. Die„Köln. Volkszeitung“ meint zum Schluß, wenn die von dem Jeſuiten Gruber gepredigten Wahr⸗ heiten„in den weiteſten Kreiſen, auch im Klerus, auch in Deutſchland“ beherzigt würden,„dann werde auch im Taxilſchen Teufelsſchwindel die unabläſſig der Kirche entgegenwirkende Macht, die ſtets das Böſe will, thatſächlich das Gute ge⸗ ſchaffen haben“. Den guten Willen der„Köln. Volkszeitung“ in allen Ehren! Aber ſie wird keinen Einſichtigen glauben machen können, daß ſie ihre bezüglich der weiteſten Kreiſe der Katho⸗ liken und namentlich bezüglich des Klerus ausgeſprochenen Hoffnungen für beſonders begründet hält, noch viel weniger wird ſie einen Kenner der Verhältniſſe dazu vermögen, ſich ähnlichen, durchaus eiteln Hoffnungen hinzugeben. Geſteht ſie doch ſelbſt in ihrem Artikel:„Es gibt Leute genug, die aus den gottesläſterlichen Hanswurſtereien der Firma Taxil u. Co. trotzdem und alledem noch einen tüchtigen Brocken retten möchten und emſig nach einem Erſatz für die Satanismen der Mémoires d'une epallaclste ſuchen. Wie die„Köln. Volksztg“ ſehr richtig bemerkt,„war Taele Erfolg nur dadurch möglich, daß gebildete Leute, auch ſolche, an deren perſönlicher Integrität nicht zu zweifeln iſt, öhn die Wege ebneten“. Der„auf allen Verſtand verzichtende myſtiſche Duſel“, jene Weßſtesniung⸗„deren Träger ohne Beſch äf⸗ tigung mit nerhennd mehr oder minder abgeſchmackten, min— deſtens gänzlich unbeglaubigten ‚Wundern“,„Prophezeihungen“, Heilungen“,„Gebetserhörungen⸗ und Erſcheinungen⸗ nament⸗ lich des Teufels, ſich anſcheinend nicht wohl befinden“, wird eben von einer Macht gepflegt, gegen die auch die„Köln. Volkszeitung“ nicht ernſthaft anzukämpfen wagt, und das auch nicht kann, ohne ſich ſelbſt aufzugeben. Dieſe Macht aber iſt der Ultramontanismus. Als es beim Beginn des ſogenannten Kulturkampfes für die Verfechter der Intereſſen und der Macht der kirch⸗ lichen Hierarchie galt, den Maßnahmen und Forderungen der Seehaant gegenüber das ganze„katholiſche Volk“ mobil zu machen und den Gegnern als gewaltigen, feſt Teegeſiehene aufs höchſte fanatiſierten und darum auch höchſt gefährlichen Heerbann entgegenzuwerfen, da wurden ſeitens des Klerus und der mit ihm verbündeten, gerade damals üppig ins Kraut ſchießenden ultramontanen und insbeſondere der ſogenannten Kaplanspreſſe aus den Arſenalen der Kirche und der katho⸗ liſchen„Wiſſenſchaft“ alle jene Waffen hervorgeholt, deren Gebrauch die„Zeitkrankheit“ des„falſchen Myſticismus“ naturnotwendig erzeugen und zu der jetzigen Höhe ausbilden mußte. Tag für Tag konnte damals das katholiſche Volk in ſeinen„Zeitungen“, in„populären Schriften“ und Flug⸗ blättern aller Art leſen, und von der Kanzel herab wurde es ihm verkündigt, der Kulturkampf ſei das Werk der im Bunde mit dem Teufel ſtehenden Freimaurer und deren Ziel kein anderes, als die Vernichtung der katholiſchen Kirche und die Ausrottung des Glaubens an Gott. Wer ſich dem ultra⸗ montanen Machtgebot nicht unbedingt und in jeder Hinſicht unterwarf und mit den ultramontanen Heerführern durch Dick und Dünn ging, der wurde als„liberal“ gebrandmarkt und wem dieſes Brandmal aufgedrückt worden, der galt in den Augen des„gläubigen Volkes“, ganz im Sinne ſeiner Lehrer und Führer, nicht nur als ein ungläubiger, ſondern auch als ein gottloſer und ſittlich verworfener Menſch. Traf ſolch einen Mann oder einen ſeiner Angehörigen ein Unglück, wurde ein Mitglied einer ſolchen Familie von ſchweren Leiden heimgeſucht oder von jähem Tode hinweggerafft, dann ver⸗ maßen ſich die Redakteure der ultramontanen Blättchen und die Geiſtlichen auf der Kanzel, den Ratſchluß Gottes zu durchſchauen und den erſchreckten Gläubigen zu zeigen, wie die ſtrafende Hand Gottes, der„ſeiner nicht ſpotten laſſe“, hier gewaltet habe. Ganze Sammlungen von„Strafgerichten Gottes“, und„merkwürdigen Todesarten“, der Profan⸗ und Kirchengeſchichte wie dem täglichen Leben entnommen, er⸗ ſchienen, um zu beweiſen, wie die Rache des Himmels ſchon hier auf Erden alle getroffen, die es gewagt, die Kirche und die Geiſtlichkeit zu„verfolgen“. Ein wahrer Hohn auf Chriſti Wort:„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Dagegen ſollte ſich nach klerikaler Anſicht die Hilfe des Himmels namentlich in den zahlreichen Muttergottes⸗Erſchei⸗ Es iſt ja außer allem Zweifel, daß wir heute, wenn nicht die Staatsgewalt eingegriffen, in Mar⸗ pingen ein deutſches Lourdes haben würden. Der Schreiber dieſer Zeilen kennt fromme katholiſche Frauen, die noch heute nach den Angaben der„Marienkinder“ in grellen Farben ausgeführte Abbildungen der Muttergottes von Marpingen, wie ſie damals maſſenhaft unter dem leichtgläubigen Volke verbreitet wurden, voll heiliger Scheu aufbewahren. Das Beiſpiel von Marpingen reizte bald zur Nachahmung an den verſchiedenſten Orten; ſogar in mit Waſſer gefüllten Flaſchen zeigte ſich die Muttergottes, und das herbeiſtrömende Volk lag davor auf den Knieen und ſtaunte das„Wunder“ an. — Nicht minder wirkte Louiſe Lateau, die Stigmatiſierte von Bois d'Haines, zu der die katholiſchen Gelehrten und Theo⸗ logen in Scharen hinpilgerten, um ſich im Glauben zu ſtärken; und auch hier fehlte es nicht an bald verunglückten Kon⸗ kurrenzen auf deutſchem Boden. Zu alledem kam dann der „Aufſchwung des kirchlichen Lebens“, der ſich in Bruder⸗ ſchaften und Kongregationen, in Meßbündniſſen und Gebets⸗ vereinen, im Tragen von Skapulieren und wunderthätigen Medaillen, in Miſſionen und Exerzitien, in Wallfahrten mit mancherlei Wundergeſchichten, in der Ausbreitung des dritten Ordens für Laien und anderen Unternehmungen ähnlicher Art äußerte. Ein nicht zu unterſchätzender Faktor zur Erzeugung des jetzt beklagten Reſultats iſt dann die von den„Verlegern des Apoſtoliſchen Stuhles“ fabrizierte und verbreitete„Er⸗ bauungslitteratur“. Man denke an die zahlloſen„Leben der Heiligen“, in denen die Erſcheinungen des Teufels in den lockendſten wie in den widerwärtigſten Geſtalten und die wahnwitzigſten und unflätigſten Drangſale, die er den von ihm Verſuchten bereitet, eine ſtehende Rubrik bilden. Man denke an die ſogenannten„Armenſeelenbücher“, in denen die unglaublichſten whe über die Erſcheinungen der Geiſter der Verſtorbenen, über ihre Klagen betreffs der Urſache, der Art und Größe ihrer Leiden im Fegfeuer und die Kraft der Fürbitte oder anderer guten Werke bei den noch auf Erden Wandelnden zu leſen ſind. Man denke an die„Offenba⸗ rungen“ einer Katharina von Emmerich und anderer„gott⸗ ſeligen“ Perſonen. Man denke endlich an die unzähligen Traktate, in denen bald dieſes bald jenes wunderthätige Mittel, bald dieſe bald jene Andachtsübung empfohlen wird. Und wo die eigene Phantaſie und Beleſenheit ichi ausreicht, um„zweckentſprechende“ und„geſuchte“ geiſtige? Nahrung für das„gläubige“ Volk zu bereiten, da müſſen Frankreich und Belgien, Italien und Spanien in Ueberſetzungen ihre reichen Schätze darbieten Es gehört ein guter Fond geiſtiger Kraft dazu, wenn jemand, der von Jugend auf in dieſem Wunder⸗ und Irr⸗ beweiſen. nungen garten umhergeführt worden, mit geſunden Sinnen wieder herauskommen ſoll. Das Heer der Schwärmer und der geiſtig Schwachen und namentlich die Frauen finden über⸗ haupt den Ausgang nicht mehr. Und weder der katho⸗ liſche Klerus noch der ſogenannte Geſchäftskatholizismus wird jemals ernſtlich daran denken, dem ſo großgezogenen„falſchen“ Myſticismus die Adern zu unterbinden. Macht und Gewinn ſind vielmehr zwei Triebfedern, welche die furchtbare Blamage des Taxil⸗Schwindels bald vergeſſen machen und dem Ge⸗ ſchäft immer wieder zu neuer Blüte verhelfen werden. Die heute in der leitenden klerikalen Preſſe verlangte Selbſtprüfung iſt die Folge der raſtloſen Aufklärungsarbeit des nationalen Liberalismus Seine Aufgabe iſt jetzt naturgemäß dahin zu drängen, daß der Selbſtprüfung eine wirkliche und dauernde Beſſerung folgt. Sonſt iſt ſie ſchlechterdings undenkbar; denn die Geſchichte des Ultramontanismus führt jeden, auch den blödeſten Optimiſten zu der Erkenntnis, daß es in der That Mächte gibt, welche den Fortſchritt der Menſchheit zu nebeln vermögen.(Nh. K.) 130 Friedensgloſſen zum Apoſtolikum. II.(Fortſetzung.) Hätte denn etwa Chriſtus anders empfangen und ge⸗ boren werden können? Er jener,„der da kommen ſollte“, mußte nach Eintritt des menſchlichen Sündenfalles kommen, um zunächſt unſer Erlöſer zu werden. Hierzu aber mußte er ſelbſt der Reine ſein Zwar heißt es von ihm, daß er ſich„zum Löſegelde gegeben für alle“(I Tim 2, 6), doch kann zs„alle“ nur verſtanden werden im Sinne von„alle andern Menſchen“; wenn es auch für ihn ſelbſt noch des Löſegeldes 3 bedurft k hätte, wie ſollte da ſeine Hingabe über ihn ſelbſt hinaus o groß gewirkt haben? Er mußte das Sühn— opfer für alle andern bringen als ihr Hoheprieſter, der ſelbſt „heilig, lauter, iei⸗ abgeſondert von den Sündern“ (Hebr. 7, 26 f., vgl. Joh. 8, 46) So von den Sündern abgeſondert wäre er doch nicht geweſen, wenn er leiblich⸗ organiſch gekommen wäre durch eine Erzeugung von Mann und Weib. Würde er da nicht ſelbſt unter die Erbſünde getreten ſein? Denn durch die Abſtammung von dem erſten Paare je bei Erzeugung durch ein gleich verbundenes ſpäteres Paar, durch ſolche an ſich freilich nicht ſündige Erzeugung „aus Blut, aus Fleiſches nn Mannes Willen“(Joh 1, 13), und nicht bei noch fernerem Erforderniſſe eigenen Sündigens iſt die Erbſünde das große allgemeine Uebelerbe. Würde ferner, da dieſes Uebelerbe die Notwendigkeit des Todesendes einſchließt(Röm. 5, 12. Hebr. 9, 27), der dpif nicht haben ſterben müſſen? Aber erſt durch ſein freiwilliges Sterben vollendete er die Erlöſung(Joh. 10, 17 f.). Anderſeits mußte er, um unſer Erlöſer zu werden, in unſer Geſchlecht eintreten,„geboren werden vom Weibe“ (Gal. 4, 4). Zwar nahm er dadurch auch unſern Leib, den „Knechtsleib“ an, der der menſchliche Leib infolge der erſi Sünde geworden iſt, aber als ſelbſt ſich erniedrigend(Phil. 2. 7 f); und ſo eben ward er das„unbefleckte, tadelloſe Lamm, um unſere Sünden i ſeinem Leibe auf das Holz hinauf⸗ zutragen“(1 Petr. 1, 19. 2, 24). Demnach war beides, Empfängnis vom ht Geiſte ohne Mann und Geburt von Maria der Jungfrau, ſchon unſerer Erlöſung wegen erfordert. Ueber ſolchen Glauben, zumal mit ſolchen weiteren Er⸗ wägungen, ſpottet heute eine Menge derer, die von Chriſtus abgewandt dem Verſuche einer moniſtiſchen Erklärung der Welt huldigen. Wenn aber auch unter denen, die in an⸗ derem noch chriſtlich bekennen, dieſem Glauben zwar nicht ſpottend, doch lächelnd begegnet wird mit der Alnahae, d das Apoſtolikum wie di gleich zeugende Schrift bringe hier eine mythiſche Einkleidung: ſo erklärt ſich dies aus einem falſchen Naturalismus mit der einſeitig-realiſtiſchen Richtung, die ſich dem derzeitigen beſſeren Naturwiſſen angeſetzt hat; es wird da die real-idealiſtiſche Erfaſſung nicht genügend gewahrt, die der chriſtlichen dualiſtiſchen Weltanſchauung entſpricht. Man ſagt naturaliſtiſch Nicht bloß die Menſchen haben für ihr Hervorgehen je Mann und Weib vorausſtehen, dasſelbe Verhältnis iſt auch in der höheren Tierentwicklung anzutreffen, und erſt bei den niedriger organiſierten Tieren wird es anders erblickt, zeigt ſich die Vielformigkeit der Fort⸗ pflanzung im animaliſchen Reiche: wie ſoll da der einzige Sohn nicht im Fleiſche gekommen ſein gleich uns allen? iſt nicht die Form unſeres Hervorgehens die von Gott für alle Menſchen gewollte, ſeine Naturordnung, die unantaſtbare? — Bei real-iealiſtiſcher Erfaſſung entfällt dieſer Einwurf. Erſt mit dem organiſchen Leibe wird der Menſch das vollſtändig, wozu er beſtimmt iſt, dazuſtehen als das die Schöpfung abſchließende Vereinsweſen von Stoff und Geiſt. Als ſo das Menſchengeſchlecht in ſeinen Stammeltern hervor⸗ gegangen war, mußte noch, weil ihr Leib ſeinem Natur⸗ aufbaue nach ſterblich, ihre Seele aber unſterblich war, das „Sterbliche Unſterbl ugtei anziehen“(1 Kor. 15, 53). Dies Ziel and ſchon ſofort vor den erſten Menſchen. Sie würden es bei rechtem Gebrauche ihrer geiſtigen Freiheit erreicht haben; . 1 . — es blieb ihnen aber unerreicht, als ſie ſündigten. Als ſie ſündigten, wandten ſie ſich nach der Gegenſeite, verfielen ſie für ſich und ihr Geſchlecht dem Leibestode(Röm. 5, 12. 8, 23)— jenem, was für unſere organiſche Seite ein Na— türliches iſt, dagegen ein Widerſpruch für uns Menſchen nach Leib und Seele zuſammen, vor dem jeder erſchrickt Gebr. 2, 15) Da ward die auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes in dem menſchlichen Geſchlechte harrende Schöpfung der Nich⸗ tigkeit unterworfen, nicht durch ihren Willen, ſondern um deſſen willen, der ſie unterworfen hat(Röm. 8, 19 f.). So⸗ nach iſt die Natur noch Gottes Ordnung, aber herab— geſunken in Anſehung des für ihre Entfaltung geſetzten Zieles, ſo herabgeſunken durch den Menſchen, durch den Mißbrauch ſeiner ſchöpfungsgemäßen Freiheit. Des ferneren trifft dies auch für das menſchliche Leben bis zur Erreichung des Todesendes zu, namentlich für die Geſchlechtsverhältniſſe, deren beſondere Organe die Menſchen gar als ihre„Scham“ verhüllen. In die ſonach herabgeſunkenen Naturverhältniſſe der menſchlichen Leiblichkeit hatte Chriſtus, im Fleiſche kom⸗ mend, bloß ſo weit einzutreten, als zu unſerer Erlöſung er— forderlich war. Dazu genügte die Erzeugung allein vom Weibe— ſie ein Außerordentliches, nicht wider, ſondern noch innerhalb der Natur; zeigt doch die Welt der Organismen das Hervorgehen eines neuen Einzelweſens von nur einem Vorweſen gar doppelt, nicht bloß in der Tiefe des(rea⸗ liſtiſchen?) Tierreichs, ſondern auch in dem(idealiſtiſchen?) Pflanzenreiche, hier gar in deſſen höchſter Entfaltung! Wenn dennoch Chriſtusgläubige, die dies im übrigen ſind, Empfängnis und Geburt unſeres Herrn ſo nicht glauben annehmen zu können und namentlich das hier bibliſch Er⸗ zählte ats mythiſch anſehen, ſo will das vielen von uns als unerträglich erſcheinen. Ob wir aber berechtigt ſind, jene deshalb nicht mehr als Chriſten anzuſehen? Gegenüber ſteht das Hervorgehen des erſten Adam zufolge der bibliſchen Schöpfungs⸗ und Paradieserzählung. Auch dieſe hat man als mythiſch verfolgt, und der Chriſten, die dem beipflichten, ſind noch viel mehr. Solcher Auffaſſung der bibliſchen An— fangserzählung gegenüber iſt nur zuzugeben, daß man in der näheren Beſchreibung der vier Paradiesſtröme zwar nicht ein mythiſches, aber doch geographiſch-legendariſches Ein⸗ ſchiebſel vor ſich habe. In allem Uebrigen ſteht die bibliſche Anfangserzählung dem Mythiſchen noch ferner, doch fehlt es uns an übereinſtimmender anderer Erklärung. So deutet dieſe Gegenüberſtellung auf Duldung bei den Fragen nach dem an ſich noch viel Vechüllteren, Empfängnis und Geburt des letzten Adam. Darauf ſind wir denn gar ſchon durch das Apoſtolikum hingewieſen, inſofern, als es bei ſeiner Zu⸗ ſammenfaſſung der bezüglichen Schriftſteller die Empfängnis des Herrn vom hl. Geiſte ohne Mann nur eingeſchloſſen durch den Zuſatz„Jungfrau“ zu Maria hervorhob. Wir ſind darauf ferner hingewieſen durch den Umſtand, daß hier das Wort vom„hl. Geiſte“ zum erſten Mal im Apoſtolikum vorkommt. Durch den hl. Geiſt iſt die Liebe Gottes in un⸗ ſere Herzen ausgegoſſen(Röm. 5, 5); die Liebe Gottes aber wird bekannt und gethätigt durch die Liebe des Bruders (1 Joh 4, 20 f.) und dieſe vor allem durch religiöſe Duldung, bei Beachtung der beiden ſich ergänzenden Weiſungen des Herrn:„Wer nicht für mich iſt, der iſt wider mich“(Luk. 11, 23) und Luk. 9, 50)„Wer nicht wider euch(oder: uns) iſt, der iſt für euch(oder: uns)“, dazu unter Feſthaltung des johanneiſchen Leitwortes:„Jeder Geiſt, der bekennt, daß Jeſus Chriſtus im Fleiſche gekommen, iſt aus Gott“(1 Joh. 4, 2). Wegen unſerer Unduldſamkeit haben die chriſtlichen Recht⸗ gläubigkeitsſtreite vielfach ſo wenig Frucht, oft gar nur wei⸗ tere Entzweiung gebracht. Durch ſeine folgenden Sätze: hat gelitten unter Pontius kreuzigt, geſtorben, will das Apoſtolikum nicht Pilatus, iſt ge⸗ begraben zum Glauben vorſtellen, was hier 131 Gegenſtand des geſicherten Wiſſens von Jeſus Chriſtus iſt; doch lehnt es ſich an dies an und bringt ſo namentlich auch den Pontius Pilatus in das Credo, weil Glauben und Wiſſen zur gegenſeitigen Beſtärkung Hanz in Hand gehen ſollen. Zum Glauben dagegen iſt hier das Leiden und Sterben des Herrn vorgeſtellt, um die, wie für die Menſchheit überhaupt, ſo insbeſondere für die chriſtgläubige Menſchheit darin liegende Bedeutung zu ſuchen und zu finden. Der allreine Sohn Gottes hatte Leid und Tod nicht für ſich ſelbſt um eigener Erlöſung willen zu ertragen. Er, der keine Sünde kannte, ward zur Sünde gemacht, damit wir— die in Finſternis und Todesſchatten Sitzenden— Gerechtigkeit Gottes in ihm würden(2 Korr. 5, 21 Luk. 1, 79) Sein Blut vergoß er für uns zur Vergeltung der Sünden(Luk 22, 20. Matth. 26, 28), wir ſollten durch ſeine Wunden geheilt werden(I Petr. 2, 24). So ward er die Verſöhnung für unſere Sünden, nicht aber bloß für die unſern, ſondern die der ganzen Welt(1 Joh 2, 2). Denn „da er in die Welt kommt, ſagt er: Opfer und Darbringung haſt du nicht gewollt, aber einen Leib haſt du mir bereitet, Ganzopfer und Sündopfer gefallen dir nicht, da ſprach ich: Siehe ich komme(im Buche ſteht von mir geſchrieben) zu thun... Gott, deinen Willen... In dieſem Willen ſind wir geheiligt durch die Darbringung des Leibes Jeſu Chriſti ein für allemal(Hebr. 10, 5— 10). Erſt der Kreuzestod des Herrn war das Gott wohl⸗ gefällige helfende Opfer. Dies darbringend, ward er nach dem Schattenvorbilde des altteſtamentlichen Hohenprieſters der wahre Hoheprieſter für das ganze Menſchenvolk und voll⸗ endete unſerer Erlöſung. Da„machte er durch ſeinen Tod zu nichte den, der Gewalt über den Tod hat, d. i. den Teufel, und befreite ſo uns, die durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte ſein mußten“(Hebr. 2). So nämlich Knechte unter dem Verführer der Menſchheitseltern waren wir ge⸗ worden durch den Menſchheitsvater dem Fleiſche nach, als durch ihn, den Einen, die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod und dieſer auf alle Menſchen überging, weil alle geſündigt haben; dies aber geſchahdurch den Ungehorſam des Einen, wodurch die Vielen in den Sündenzuſtandverſetzt wurden. Darnach konnte auch durch den andern Einen, Jeſus Chriſtus, den„einzigen Sohn“, und deſſen Gehorſam für das Menſchen⸗ geſchlecht das Verlorene wieder gewonnen, konnten durch ihn die Vielen in den Stand der Gerechtigkeit verſetzt werden. (Röm. 5). Und alſo ſind wir, iſt die Menſchheit durch ſeinen Gehorſam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze entſühnt und geheiligt. Dieſer Wiedergewinn des Verlorenen war dabei verbunden mit Zugewinn, nämlich mit dem Zugewinn größerer Herrlichkeit als derjenigen, zu der die Menſchheit ohne die Sünde gelangt wäre. Denn als der zum Königtume der Welt berufene Erſterzeugte aller Schöpfung am Kreuze auch als der Prieſter in Ewigkeit hervorging (Hebr. 5), brachte er ſein Opfer zwar nicht für ſich, gewann indes wegen ſeiner Erniedrigung jene namentlich im Philipperbriefe gefeierte Erhöhung, zufolge deren dem Gekreuzigten eine ent— ſprechend größere Herrlichkeit gegeben iſt. In dieſem Sinne iſt des Herren Wort zu den beiden Jüngern zu erfaſſen, die nach Emaus gingen:„Mußte nicht der Meſſias dies leiden und in ſeine Herrlichkeit eingehen?“ Wie aber ihm ſelbſt dadurch größere Herrlichkeit geworden iſt, ſo auch der ihm folgenden Menſchheit überhaupt, denn dieſe ſollen teil haben an allem, was ſein iſt(Joh. 12, 26). Indem er ſo ein Opfer für die Sünden auf immer dargebracht hat(Hebr. 10, 12), iſt dies doch nicht dergeſtalt geſchehen, daß jeder dadurch ohne weiteres und für immer entſündigt und geheiligt würde, vielmehr dergeſtalt, daß jeder hinzutreten könne, um Erbarmen und Gnade zu finden in rechtzeitiger Hilfe(Hebr. 4, 16). Das Gericht über den einzelnen Menſchen wird nach dem ergehen, wie er ſelbſt entweder dem Sündigen des erſten Adam oder dem„Rechttun“ des letzten Adam gefolgt iſt; für dieſen Hinzutritt zu dem Kreuzesopfer des Herrn, der allen offen ſteht, wird hinſicht— lich derer, denen ſein Evangelium nicht verkündigt iſt, nament⸗ lich durch die dem nachjolgenden Satze des Apoſtolikums „abgeſtiegen zu den Unteru“ vorausſtehende Schrift Näheres gebracht. Für die, denen das Evangelium verkündigt wurde, gilt auch heute, wie die Apoſtel die Erſten gewieſen haben, zunächſt, womit Petrus in ſeiner erſten Verkündigung des Herrn zu Jeruſalem ſchloß:„So wiſſe nun das ganze Haus Iſrael, daß ihn Gott zum Herrn und Chriſtus gemacht hat. Thut Buße und laſſe ein jeder ſich taufen auf den Namen Jeſu Chriſti zur Vergebung der Sünden, ſo werdet ihr empfangen die Gabe des hl. Geiſtes“(Th. 2, 36. 38). Des weiteren für dieſen Hinzutritt, nämlich bei fernerem Sündigen, heißt es:„Laßt uns feſthalten an dem Bekenntniſſe, denn wir haben nicht einen Hohenprieſter, der nicht mitfühlen könnte mit unſeren Schwachheiten, ſondern der verſucht iſt in allem, ähnlich wie wir, nur ohne Sünde; ſo laßt uns denn mit Zuverſicht hintreten zu dem Throne der Gnade“(Hebr. 4, 14 ff.). Feſthaltend an dem Bekenntniſſe in dem liebeskräftigen Glauben an Jeſus Chriſtus finden wir wieder und wieder Verzeihung. Für das Letzte aber, das wir in demſelben Hinzutritte angeſichts des„gelitten, gekreuzigt, geſtorben und begraben“ erreichen ſollen, lehrt Paulus, daß wir,„die wir auf Chriſtus Jeſus getauft ſind, auch auf ſeinen Tod getauft wurden, um mit ihm gekreuzigt zu werden in unſerem alten Menſchen, um mit ihm zu ſterben, nämlich der Sünde abgeſtorben und begraben zu ſein zu neuem Stande des Lebens“(Röm. 6, 1— 6). All dem voraus verkündigte der Herr:„Wenn ich erhöht ſein werde von der Erde, werde ich alle an mich ziehen“ (Joh. 12, 32). Welch anderes Glaubenswort könnte werter ſein als dies, worüber Paulus den Korinthern ſchrieb:„Ich hielt mich nicht dafür, etwas unter euch zu wiſſen als allein Jeſus Chriſtus und zwar den Gekreuzigten(1 Kor. 2, 2). Das Wort von Chriſtus dem Gekreuzigten mit ſeiner Erhöhung nach ſeiner Erniedrigung zeigt uns, welch höchſtes Heil unſer iſt, wenn wir die Sünde überwinden. Vor allem aber iſt das Wort vom Kreuze den Menſchen von Werte für das ihnen Schwerſte, die Sünde wahrhaft zu erkennen: nicht bloß daß unſer Geſchlecht ein ſündiges geworden iſt, ſondern auch wie furchtbar die Menſchen von der Sünde umſtrickt ſind, ſo daß Gott ſeines eigenen Sohnes nicht ſchonte, um nur ſie zu retten(Röm. 8, 32. Joh. 3, 16). Ohne dieſe Erkenntnis kann der einzelne Menſch ſein Heilswerk nur fehlerhaft vollführen. In dem Zuſammenſtehen der Menſchen aber muß ohne ſie das Reich Gottes ihnen ferne bleiben oder wieder verloren gehen, wenn es ihnen gekommen iſt. Denn ohne ſie wiederholt ſich, was Paulus den Korinthern über das Wort vom Kreuze weiter ſchrieb, daß es den Heiden eine Thorheit ſei(1 Kor. 1, 18. 23), gelangt jener falſche Na⸗ turalismus zur Herrſchaft, der in der Erlöſung durch den Gekreuzigten und in ſeiner Nachfolge nur Thorheit erblickt. Dieſer ſieht alles, was in der Menſchheit ſich begibt, als natürlich recht an und leugnet die Sünde. Wie ſollen da die Menſchen„ſich durch den Geiſt Gottes noch ſtrafen laſſen“? Wie ſoll da ſich nicht die Gewalthand erheben zum Sturze aller Ordnungen und das Gericht nicht über ſie kommen? So wird es auch gerade heute wieder in der Menſchheit weithin erblickt.(Fortſetzung folgt.) Die Vernichtung der katholiſch-theologiſchen Fakultät in Gießen. (Fortſetzung.) Durch den Wiener Kongreß hatten die Staaten Heſſen⸗ Darmſtadt, Heſſen⸗Kaſſel, Naſſau, Baden und Württem⸗ berg eine erheblich größere Zahl katholiſcher Unterthanen 132 erhalten, als ſie früher hatten. Da ſah es nun gerade be⸗ treffs der katholiſchen Kirche gar traurig aus: die Biſchofs⸗ ſitze verwaiſt, die Grenzen der Diözeſen noch zweifelhaft, die Anſtalten für die Heranbildung des Klerus ungenügend, die katholiſch-theologiſche Wiſſenſchaft wie im ganzen übrigen Deutſchland in ihrer tiefſten Erniedrigung und faſt ungenießbar. Die proteſtantiſchen Oberhäupter der genannten Staaten hielten es für ihre Pflicht, ſo raſch wie möglich Ordnung in dieſe Verhältniſſe zu bringen. Ihre Regierungen ſetzten ſich einer— ſeits mit dem Papſt in Verbindung, anderſeits traten ſie in Frankfurt zu Beratungen zuſammen, die vom 20. März bis 7. Oktober 1818 währten. Die Regierungen, ſich der Pflichten gegen ihre katholiſchen Unterthanen bewußt und zugleich beſtrebt, ſich deren Liebe zu erwerben, ſcheuten kein Opfer. Die äußeren Verhältniſſe waren bald geordnet, die Biſchofsſitze mit würdigen Männern beſetzt. Nur betreffs der Vorbildung der Geiſtlichen konnte man in Rom nicht einig werden. Die genannten Regierungen hatten am 24. März 1819 dem Papſt Pius VII. eine Deklaration überreichen laſſen, in der ſie bezüglich dieſer Angelegenheit erklärten:„Die biſchöflichen Seminare, welche zu Rottenburg und Meersburg (das nach Raſtatt zu verlegen) und Mainz ſchon beſtehen, um die dem geiſtlichen Stande ſich widmenden Jünglinge zu bilden, werden erhalten werden. Wo aber Seminare noch nicht beſtehen, da wird man Sorge tragen, daß entweder neue errichtet oder die Jünglinge in ein anderes ſchon ge⸗ gründetes biſchöfliches Seminar innerhalb der Provinz auf⸗. genommen werden. In die Seminare werden von den Bi⸗ ſchöfen nur ſolche aufgenommen werden, welche ausgezeichnet durch Sittenreinheit und in einem vom Staat angeordneten Examen geprüft und beſtanden als der Aufnahme würdig befunden worden ſind. Den Zugelaſſenen wird der zur Er— langung der höheren Weihen nötige Tiſchtitel von dem Landes⸗ fürſten zuerteilt werden. Auch werden der Provinz nicht akademiſche Inſtitute fehlen, damit die, welche ſich den hei⸗ ligen Dienſten zu widmen wünſchen, in den theologiſchen Wiſſen⸗ ſchaften Unterricht erhalten.“ Man ſollte meinen, dem hei⸗ ligſten Vater hätte das Herz im Leibe lachen müſſen, als er vernahm, wie eilig es dieſe proteſtantiſchen Fürſten hatten, ihm auf ihre Koſten einen würdigen, wiſſenſchaftlich gebildeten und geachteten Klerus erziehen zu helfen.— Weit gefehlt! Es kommt im Gegenteil eine ſehr ungnädige und ablehnende Antwort. Am 10. Auguſt 1819 ſchickte Kardinal Conſalvi folgende Darſtellung der Geſinnung Sr. Heiligkeit betreffs dieſes Punktes:„Was am meiſten die Sorge des hl. Vaters in Hinſicht der Seminarien, welche der Gegenſtand der zärt⸗ lichſten Sorgfalt für die katholiſche Kirche ſind, in Anſpruch nimmt, iſt die Form, welche man dieſen Seminarien anpaſſen will. Aus dem letzten Abſatze hat Se. Heiligkeit erſehen, daß Schulen der heiligen Wiſſenſchaften auf den Univerſitäten er⸗ richtet und daß folglich in die Seminarien nur erwachſene Jünglinge aufgenommen werden ſollen, um daſelbſt das Prak⸗ tiſche ihres heiligen Amtes, die Paſtoralpflichten, die Liturgie und andere dergleichen Gegenſtände zu erlernen. Eine Ge⸗ ſtaltung indeſſen, welche der vom Trienter Konzil feſtgeſetzten geradezu entgegen iſt, welche dem Zweck widerſtreitet, den die Kirche bei Errichtung der Seminarien ſich vorſteckte, und welche die Rechte der Biſchöſe in Anordnung der Erziehung und des Unterrichtes der Weltgeiſtlichen in den ihrem Stande notwendigen Kenntniſſen verletzt, kann von dem heiligen Vater nicht genehmigt werden. Das heilige Konzil von Trient, welches in der 23. Sitzung von den Seminarien redet, ſetzt feſt, daß in denſelben eine beſtimmte Anzahl Knaben unter— halten, religiös erzogen und in den kirchlichen Wiſſenſchaften unterrichtet werden ſoll. Und wirklich iſt der Zweck, welchen die Kirche bei Errichtung von Seminarien hatte, gerade der geweſen, diejenigen, welche Diener der Kirche werden wollen, ſchon von ihrer zarten Jugend an unter der Auf⸗ ſicht und gänzlichen Abhängigkeit von den Biſchöfen in der Uebung der ihrem Stande eigenen Tugenden zu er⸗ iehen“ 8 Das war nach Kardinal Conſalvi die Geſinnung des Papſtes. Anſtatt der Schulen und Univerſitäten will der⸗ ſelbe Seminarien und er beruft ſich dafür auf das Konzil von Trient, wodurch angeordnet wird, daß in jeder Diözeſe „Seminarien errichtet und in dieſen Knaben vom 12. Jahre ihres Alters an, vorzugsweiſe aus den ärmeren Ständen, auf Koſten der Kirche für den geiſtlichen Stand erzogen und gebildet werden ſollten.“ Aber das Konzil verlangt nicht bloß Seminarien mit Ausſchluß der Univerſitäten, vielmehr werden vom Konzil wiederholt den Univerſitäten und ins⸗ beſondere den katholiſch⸗theologiſchen Fakultäten daran die ihnen früher erteilten Privilegien aufs feierlichſte beſtätigt und außerdem auch noch in Betreff der Seminarien die Vorſchrift gegeben, daß in denſelben alle wichtigeren Unterrichtsgegen⸗ ſtände von Doktoren, Magiſtern und Licentiaten, d. h. auf den Univerſitäten Graduierten vorzutragen ſeien. Wir er⸗ kennen daraus, daß ſelbſt ſogenannte ökumeniſche Konzilien für den Papſt nur dazu da ſind, um ſie nach Bedarf zu inter⸗ pretieren. Dazu kommt noch, daß die betreffende Beſtimmung des Trienter Konzils eine disziplinäre, keineswegs für alle Zeiten geltende iſt; daß ſie im 19. Jahrhundert gar nicht mehr anwendbar iſt. Damals waren die Gymnaſien im Ent⸗ ſtehen begriffen, heute ſind es abſolvierte und bereits ſelbſtändig gewordene Gymnaſiaſten, die in das theologiſche Studium eintreten. Um dem Papſt zu genügen, müßten wir unſere heutigen Bildungsverhältniſſe auf die des 16. Jahrhunderts zurückſchrauben. Dahin geht ja auch das Streben unſerer heutigen Ultramontanen. Kaum zur Herrſchaft gelangt, hatten ſie in Bayern nichts Preſſanteres zu thun, als das achte Schuljahr in den Volksſchulen zu kaſſieren. Daß dieſe Sekte auch in Oeſterreich jetzt oben iſt, das beweiſt der neuliche Beſchluß des Wiener Gemeinderates, das nach ſchweren Schlappen gegründete Pädagogium nächſte Oſtern eingehen zu laſſen. Die mit fabelhaften Einkünften dotierten ungar⸗ iſchen Biſchöfe haben für die Volksbildung ſoviel wie nichts gethan. Wenn es mit dem deutſchen Katholizismus heute vielfach beſſer ſteht, als etwa in den romaniſchen Ländern, wenn wir Theologen wie Langen, Reuſch, Döllinger, Kuhn, Hirſcher, Staudenmayer, Möhler ꝛc. aufweiſen können, die ſich mit den Koriphäen proteſtantiſcher Wiſſenſchaft meſſen können, ſo ſind nicht die Päpſte daran ſchuld, ſondern die Schulen, die nicht durch den Klerus, oſtmals ohne ihn und ſehr häufig ſogar trotz ihm von deutſchen Regierungen ins Leben gerufen worden ſind. Der Papſt will Seminarien für die Ausbildung des Klerus und verabſcheut Schulen, in welchen auch der Staat ein Wort mitzureden hat, weil, heißt es in der Dar⸗ ſtellung des Kardinals Conſalvi, dadurch die Rechte der Bi— ſchöfe verletzt würden. Von den Rechten des katholiſchen Volkes ſpricht Se. Heiligkeit nicht. Das hat keine Rechte. Rechte des katholiſchen Volkes werden von den Vati⸗ kanern nur in feindlicher Abſicht dem Racker Staat gegen⸗ über ausgeſpielt. Der Papſt will nur Seminarien unter der unumſchränkten Gewalt des Biſchofs, und zwar ſollen die zukünftigen Prieſter ſchon von zarter Jugend an, im Alter von 12 Jahren, unter der Aufſicht und gänz⸗ lichen Abhängigkeit von den Biſchöfen ſtehen. Arme Eltern ſollen ihre Kinder dazu hergeben, ſo ſpricht es das Trienter Konzil aus. Es wird ihnen koſtenfreie Er⸗ ziehung und ein reiches und ehrenvolles Leben in Ausſicht geſtellt. Die armen verkauften Sklavenkinder, in ſorgfältig bewachte Seminarsmauern eingeſchloſſen, erfahren bald, daß es zweierlei Leben gibt, ein geiſtliches und ein weltliches, zwei Wege, die beide zum Himmelreich führen, aber der Weg durch die Welt wird den armen Jungen als ſo ſchlecht und verwerflich dargeſtellt, daß ſie nur das geiſtliche Leben wählen können. Will einer nicht, ſo werden mit überlegener Päda⸗ gogik Zureden, körperliche Züchtigungen, Angriffe auf ſeine 133 Ehre, Hinweiſe auf die Schande, die ihm bevorſtehe, angewandt, und der arme Jüngling, der in ſich ſelbſt keinen Halt hat, mit der Außenwelt außer Zuſammenhang ſteht, wählt endlich frei das geiſtliche Leben. Damit er auch ſpäter ſeinem Stande nie untreu werden könne, erhält er eine Vorbildung, die ihn nur für das Geſchäft ſeines Standes befähigt. Zieht er die Kutte aus, ſo bleibt ihm nichts anders übrig, als jenen 60 franzöſiſchen Prieſtern, die nach ſtatiſtiſchem Ausweis als Portiers oder Trambahn⸗Kondukteure in Paris ihr Leben friſten. Es iſt ein furchtbares Wort, welches Conſalvi ſeinem Herrn in den Mund legt:„unter gänzlicher Abhängig⸗ keit von den Biſchöfen!“ Nun denke man ſich etwa einen Biſchof, wie den verſtorbenen Kardinal⸗Erzbiſchof Melchers von Köln, von dem mir Profeſſor Lutterbeck in Gießen oft erzählte und auch aus perſönlicher Beobachtung viel erzählen konnte. Hatte er doch auf die Bitten von deſſen Angehörigen den jungen Prieſter Melchers eine Zeitlang in ſeinen Schutz genommen, weil die Seinigen nicht wußten, ob er nur an heiliger Verſimpelung kranke, oder fürs Irrenhaus reif werde. Als derſelbe für den erzbiſchöflichen Stuhl von Köln in Frage kam, da warnte Lutterbeck die preußiſchen Staats⸗ männer wie vor einem großen Unglück, welches der Kölner Diözeſe wie dem preußiſchen Staate drohe. Allein der maß⸗ gebende Staatsmann blickte durch die Brille der katholiſchen Abteilung im Kultusminiſterium. Als Profeſſor Michelis ihm im Anfang der ſiebziger Jahre zu Köln einen Beſuch machte und erklärte, ſein Gewiſſen verbiete ihm, die neuen Dogmen anzunehmen, da ſagte der Erzbiſchof Melchers:„Ein guter Prieſter hat kein Gewiſſen; er thut, was der Papſt will; wär's Unrecht, hat nicht er, ſondern der Papſt die Verant⸗ wortung.“— Nun denke man, ein Mann in ſolcher Ver⸗ faſſung und von ſolchen Grundſätzen mit einer Art ſouverainer Omnipotenz und Unverantwortlichkeit in Beherrſchung ſeiner Diözeſanen ausgeſtattet, als höchſte Inſtanz in allen Er⸗ ziehungsfragen, beſonders in Betreff der zum Prieſterſtande beſtimmten Jugend, und dazu die Anweiſungen des hl. Triden⸗ tiner Konzils und Sr. Heiligkeit Pius VII.! Muß einem da nicht Grauen erfaſſen, wenn man an die armen Studie— renden denkt, die von zarter Jugend auf in gänzlicher Ab⸗ hängigkeit von dieſem ungeheuerlichen Weſen gehalten werden. Darf dies wirklich das letzte Ziel der Erziehung ſein: gänz⸗ liche Abhängigkeit, Unfreiheit, Unſelbſtändigkeit? Iſt nicht alle wahre Erziehung die Erziehung zur Freiheit? (Schluß folgt) Korreſpondenzen und Berichte. Württemberg. Nach vielen vergeblichen Vorverhandlungen hat endlich am 16. März die Kammer der Abgeordneten das Reverſaliengeſetz nach einer nur zweiſtündigen Verhandlung in namentlicher Abſtimmung einſtimmig angenommen. Die „Allg. Ztg.“ enthält in Nr. 73 zur Orientierung über die Sache folgende Darſtellung: Das Geſetz trifft Beſtimmungen darüber, wie die landes⸗ herrlichen Kirchenregimentsrechte über die evangeliſche Landes⸗ kirche, die jetzt dem König als summus episcopus zuſtehen, beim Uebergang des Thrones an die katholiſche Linie auszu⸗ üben ſind. Dieſe Beſtimmungen ſind in einem kirchlichen Ge⸗ ſetz zu treffen, das inſoweit der ſtaatsgeſetzlichen Sanktionierung bedarf, als ſeine Anordnungen in das ſtaatliche Gebiet über⸗ greifen. Die Verfaſſung von 1819 hatte in dieſer Beziehung nur in§ 76 beſtimmt, daß eintretenden Falls die früheren Religionsreverſalien aus den Zeiten der Herzoge Karl Alexan⸗ der, Karl Eugen, Ludwig Eugen und Friedrich Eugen wieder in Kraft treten ſollten. Nach dieſen Reverſalien hatte an Stelle des summus episcopus der„Geheime Rat“(das heißt das Staatsminiſterium ſamt den ihm beigegebenen Staats⸗ räten) zu treten. war in dem herzoglichen, durchaus proteſtantiſchen Württemberg die gegebene Löſung; im jetzigen Das Württemberg mit ſeinen katholiſchen Landesteilen und ſeit der verfaſſungsmäßigen Gleichberechtigung der Bekenntniſſe für den Zugang zum Staatsdienſt iſt ſie unmöglich. Eine Korrektur, bezw. Ergänzung der Verfaſſung unterblieb ſeither, weil kein genügendes Bedürfnis dazu vorlag. Jetzt, da die Thronfolge der katholiſchen Linie in den Bereich der Wahrſcheinlichkeit ge⸗ rückt iſt, mußte die Frage gelöſt werden. Der erſte Verſuch wurde 1894 und 1895 gemacht. Die evangeliſche Landes⸗ ſynode nahm im November 1894 ein kirchliches Geſetz an, wo⸗ nach das Kirchenregiment aus den proteſtantiſchen Mitgliedern des Geheimen Rats— und zwar in erſter Linie des Staats⸗ min iſteriums, und wo die Zahl ſolcher nicht hinreichte, der Staatsräte zu bilden geweſen wäre. Im April 1895 brachte die Regierung dieſes Geſetz zur ſtaatlichen Sanktion an die Stände. Wäre dieſe erteilt worden, ſo wären die betreffenden Mitglieder des Geheimen Rats verpflichtet geweſen, den Sitz im Kirchenregiment einzunehmen. Hiegegen erhoben ſich in der Kammer Bedenken, teils vonſeiten der Demokratie, teils vonſeiten des Zentrums. Die Bedenken waren weſent⸗ lich ſtaatsrechtlicher Natur; die ſtaatsrechtliche Zuläſſigkeit eines Zwangs zur Uebernahme eines kirchlichen Nebenamts wurde beſtritten... Da ſodann mit dem Eintritt in das Kirchenregiment auch die Ablegung eines feierlichen Gelöbniſſes auf den Glauben der evangeliſchen Kirche verbunden ſein ſoll, ſo traten Bedenken religiöſer Natur hinzu, die auch in den kirchlichen Kreiſen des Landes mehr und mehr geteilt wurden. Die Mehrheit der Kammer hatte ſich im Frühjahr 1895 dahin geeinigt, der Bil⸗ dung des Kirchenregiments die ſtaatliche Sanktion nicht zu er⸗— teilen. Sobald der betreſſende Beſchluß bei der Einzel⸗ beratung des Geſetzes in der Kammer gefallen war, zog die Regierung die ganze Vorlage zurück.... Aus den Beratungen der Landesſynode vom Herbſt 1897 iſt nunmehr ein neues kirchliches Geſetz hervorgegangen, das die Regierung nun wieder⸗ um den Ständen zur ſtaatlichen Genehmigung derjenigen Be⸗ ſtimmungen, für welche ſie erforderlich iſt, vorgelegt hat. Auch in dem neuen Geſetz iſt die Berufung von Mitgliedern des Geheimen Rats in die Kirchenregierung grundſätzlich beibehalten, die Zahl derſelben iſt jedoch auf zwei beſchränkt. Die geſamte Kirchenregierung ſoll hienach beſtehen aus zwei Mitgliedern des Geheimen Rats(in erſter Linie aus der Zahl der Miniſter zu nehmen), aus dem Präſidenten des Konſiſtoriums, dem Präſidenten der Landesſynode und einem Prälaten, der nach dem Prinzip des Dienſtalters eintritt und wobei Verzicht und Uebergang auf den Nächſtälteren zuläſſig iſt. Die Kirchen⸗ regierung iſt ſchon in der Zahl von drei Mitgliedern beſchluß⸗ fähig; ſie kann ſich alſo vorausſichtlich ſofort mit dem Eintritt der Thronbeſteigung eines katholiſchen Königs konſtituieren, ohne daß ſie irgend ein Hindernis zu überwinden hat. Das neue Geſetz ſieht nun aber auch den Fall vor, daß es an jenen zwei evangeliſchen Mitgliedern des Geheimen Rats fehlen könnte. In dieſem Falle ſind von der aus den drei anderen Mitgliedern gebildeten Kirchenregierung Erſatzmänner zu berufen; dieſe werden in einem Zuſammentritt der evangeliſchen Oberkirchenbehörde und des Ausſchuſſes der Landesſynode mit einfacher Stimmen⸗ mehrheit gewählt, und zwar iſt mindeſtens die doppelte Zahl der erforderlichen Mitglieder zu wählen, und der König hat das Recht, von der ihm zu präſentierenden Liſte die ihm minder genehmen zu ſtreichen. Endlich iſt die Frage, ob eine ſtaatliche Verpflichtung der zu berufenden Beamten zum Eintritt in das Kirchenregiment ſtattfinden ſoll, in dem neuen Geſetz dahin ent— ſchieden, daß eine Verpflichtung nicht ſtattfindet, daß dieſe Beamten aber auch zum Eintritt in das Kirchenregiment keiner höheren Genehmigung bedürfen.... Die Geſchäftsaufgabe der künftigen Kirchenregierung umfaßt alle innerkirchlichen Ange⸗ legenheiten, welche jetzt zur Entſchließung des evangeliſchen Landesherrn ſtehen, und zwar übt ſie dieſe Befugniſſe ohne Anbringen an den katholiſchen König aus. Die Kirchenregierung ernennk u. a. die Prälaten und die Dekane, während die Er⸗ nennung der Pfarrer künftig dem Evangeliſchen Konſiſtorium 134 zukommt. Der Vorſtand und die Mitglieder des Konſiſtoriums und die evangeliſchen Hofprediger werden künftig aus der Zahl der von der Kirchenregierung Vorgeſchlagenen vom König er⸗ nannt. Vom Rhein. Bekehrungsverſuche bei Sterbenden ſind, wie wir der„Rh. K.“ entnehmen, ſchon ſo oft in der Preſſe als eine rohe Grauſamkeit verurteilt worden: trotzdem reißen dieſe Verſuche nicht ab, wie ein vor einigen Wochen in Köln vorgekommener Fall das beweiſt. Eine nach ſchmerzhaftem Leiden im Sterben liegende evangeliſche Dame hatte in der äußerſten Not auf Anraten des Arztes ſtatt der pflegenden Schweſter vom roten Kreuz. zwei katholiſche barmherzige Schweſtern zur Pflege erhalten. Und Bekehrungsverſuche waren ſofort ihre erſte und wichtigſte Arbeit. Die Angehö⸗ rigen erzählten einſtimmig, daß die Schweſtern der armen Sterbenden ſo lange vom„ſchwarzen Mann“ vorredeten, der mit dem Finger droht und ein ſchwarzes Buch bei ſich hat und dgl., bis die gequälte Kranke den katholiſchen Paſtor rufen ließ, um dem ſchwarzen Mann zu entgehen. Dieſer nahm ſie denn auch noch nachts um 10 Uhr in ſeine Kirche auf und erteilte ihr die Oelung. Auch ließ ſie ſich am nächſten Morgen in großer Teilnahmloſigkeit die Kommunion gefallen, die der in völliger Apathie daliegenden Sterbenden, wie die Angehörigen verſichern, gewaltſam in den Mund ge⸗ ſchoben werden mußte. Die erwachſene Tochter durfte von dem Augenblicke an, wo die betreffenden Schweſtern die Pflege übernahmen, nie mehr mit der Mutter allein ſein. Die Tochter entfernte nach dem„üUebertritt“ der Mutter die Schweſtern; mit ihnen verſchwand auch der„ſchwarze Mann“, und die Kranke verſchied in Frieden, als ſie endlich vor dem konfeſſionellen Uebereifer Ruhe erhielt. Berlin Ueber die ſogenannte Privatdocentenvorlage wurde der Zentrumsabgeordnete Dr. Dittrich, Profeſſor am Lyceum Hoſianum zu Braunsberg zum Referenten gewählt. Darüber äußert die„Frkf. Ztg.“ entrüſtetes Erſtaunen. Die „Tägl. Rundſchau“ teilt das Erſtaunen, nicht aber die Entrüſtung. Sie ſchreibt: Macht Herr Dr. Dittrich ſeine Sache gut, d. h. im freiheitlichen Sinne, ſo haben wir nichts gegen ihn oder irgend jemand andern einzuwenden; macht Dr. Dittrich ſeine Sache ſchlecht, d. h. im rückſchrittlichem Sinne, ſo iſt uns ſeine Eigenſchaft als ultramontaner Abgeordneter und Pro⸗ feſſor an einer ultramontanen Lehranſtatt doppelt ſchätzens⸗ wert. Denn ſein Bericht wird dann dem Lande zeigen, was die freie Wiſſenſchaft vom Ultramontanismus zu erwarten hat. Alſo warten wir ruhig das Ergebnis der ultramonta⸗ Berichterſtattung ab.“ Ungarn. Mit der Schaffung der Zivilehegeſetze iſt auch eine ungefähr 20 Mann ſtarke klerikale Partei in das Par⸗ lament eingezogen. Ihr Programm bildet die Reviſion der liberalen Reformgeſetze. Aber dieſe Löſung ſcheint von Tag zu Tag an Wirkung einzubüßen, denn die Maſſen ſind für die Reviſion der Ehegeſetze nicht zu intereſſieren. Infolge⸗ deſſen iſt die Umbildung des klerikalen Programms in das chriſtlich⸗ſoziale beſchloſſen worden. Gelegentlich der Appro— priationsdebatte hat einer der beredteſten Wortführer dieſer metamorphoſierten Partei, Graf Johann Zichy, offen aus— geſprochen, das Heil gegen ſoziale Erſchütterungen könne nur von der Reaktionerhofft werden. Dazu wird der„Allg Zig.“ aus Budapeſt von einer der ungariſchen Regierung nahe⸗ ſtehenden Seite geſchrieben: „Daß eine Partei ſich direkt als reaktionäre bezeichnet, daß ihr Präſident eine Rede mit dem Ausruf ſchließt: „Es lebe die chriſtliche Reaktion“, das iſt ein Fall, der noch nie vorgekommen iſt. Die energiſche Abwehr dieſes offenſiven Vor⸗ ſtoßes der Dunkelmänner hat Miniſterpräſident Baron Banffy übernommen. Die beſondere Wärme, mit der er den Libe⸗ ralismus als das unveräußerliche Prinzip der politiſchen Ent⸗ wicklung hinſtellte, hat ihm ſtürmiſchen Beifall eingetragen; das umſomehr, als jenes unverhohlene Hervortreten der klerikalen Reaktion vielfach Beſorgnis erweckte und eine düſtere Vorſtellung von ihrer großen Macht hervorgerufen hatte.„Ich bin glückliche, rief der Miniſterpräſident aus, ‚daßich in einem Kreiſe aufgewachſen bin, in dem man nie nach dem Glaubensbekenntnis gefragt hat. Es überläuft mich förmlich kalt, daß ich hier im Abgeordneten⸗ hauſe mich einer Partei gegenübergeſtellt ſehe, die die Schlag⸗ worte des Konfeſſionalismus aus dem Grabe erweckt, die ſtets eine Gefahr für den öffentlichen Frieden und die Eintracht des Bürgertums bildeten.’ Von großer Wirkung war auch der Hinweis, daß die Reaktion wiſſe, ſie habe im Magyarentum einen geſchworenen Feind; die reaktionäre Tendenz, die Graf Johann Zichy provoziere, ſei nicht autochthon, ſie komme aus der Fremde und ihr erſtes ſei— was die Volkspartei auch redlich gethan—, daß ſie ſich mit dem Panſlavismus alliiere, um durch Erſchütterung des Nationalbewußtſeins dem freiheit⸗ lichen Prinzip das Verderben zu bereiten.“ Aus Italien. In Piacenza hat die Gemeinde das Oratorium S. Paole, das eine Zeit lang aus Furcht vor Störung des öffentlichen Friedens durch die Römiſchen poli zeilich geſchloſſen und alſo nur mit Eintrittskarten zugäng⸗ lich war, wieder eröffnet und dann am Oſtertage als Synode den Don P. Miraglia mit Ungeſtüm zum Biſchof gewählt. In den andern altkatholiſchen Kirchen wußte von dieſem Vor⸗ gehen niemand etwas. Dasſelbe iſt— obſchon Aehnliches auch in altchriſtlichen Zeiten hie und da vorgekommen iſt, als die Kirche noch nicht Staatskirche war— ein über⸗ ſtürztes und hat ſeine ſchweren Bedenken. Don Miraglia hat nur eine Gemeinde und dieſe keinen zweiten Geiſtlichen. Da hätte man ſicher noch Nötigeres zu thun, als einen Biſchof zu wählen. Sodann hat Italien noch andere altkatholiſche Gemeinden unter Heinrich v. Campello. Damit, daß Don Miraglia ſeine Kirche als italo internazionale bezeichnet, deutet er den weiter greifenden Charakter derſelben an, zudem iſt die Gemeinde in Kultus und Lehre ſtreng katholiſch. Da ſollte es ſich von ſelbſt verſtehen, daß die Leute miteinander ſich zu einigen ſuchten. So aber würde die Zerfahrenheit verewigt; es entſtünden Sekten, nicht eine italieniſche katho⸗ liſche Kirche. Dieſes eigenmächtige, ſtürmiſche Verfahren iſt um ſo unbegreiflicher, weil die Gemeinde noch keine Ver⸗ faſſung hat. Es iſt charakteriſtiſch, daß der Synodalbeſchluß dahin geht, es ſei die Wahl offiziell dem Herrn Dr. Weibel als Sekretär des internationalen Kongreſſes anzuzeigen, nicht etwa den altkatholiſchen Biſchöfen. Offenbar hat Don Mira⸗ glia ſelber noch nicht das volle Verſtändnis für den Unter⸗ ſchied zwiſchen Synode und Kongreß. Es iſt aber auch bezeichnend, daß Don Miraglia von dem Vorhaben ſelbſt den Leuten, mit denen er ſonſt korreſpondierte, wie Herrn Dr. Weibel, nichts meldete. Endlich iſt es auch ſehr ſeltſam, daß die Wahl getroffen wurde in der Kirche, vermutlich unter dem Vorſitze des Erwählten ſelbſt. Die Wahl und Weihe des hochw. Biſchofs Kozlowski laſſen ſich mit dieſer Wahl nicht vergleichen. Die polniſche Kirche in Amerika iſt kon⸗ ſtituiert als freie Kirche im Lande der freien Kirchen; in Italien liegen die Verhältniſſe anders; die Gemeinde Mira⸗ glias entbehrt noch jeder Konſtitution. Die polniſche Kirche hat ihre Synode und ihr Presbyterium und iſt aus ver⸗ ſchiedenen Gemeinden gebildet, obſchon ſie nur von Chicago benannt iſt. Die Gemeinde in Piacenza nennt ſich wohl chiesa italo-internazionale, entbehrt aber noch der förm⸗ lichen Synode als der Verſammlung mehrerer Gemeinden und hat auch kein Presbyterium. Trotz der großen Eigenſchaften des Herrn Miraglia, ſogar wegen derſelben, iſt dieſe voreilige Wahl zu bedauern, auch wegen der Konflikte, die ſie gegen⸗ über dem Grafen Campello und ſonſt leicht, ſehr leicht her⸗ vorrufen kann. Frankreich. Ueber die gegenwärtige Lage des Prote⸗ ſtantismus hat auf dem letzten Nationalkonzil der engliſchen Freikirchen in Briſtol M. Paul Guignard, der Präſident des Evangeliſchen Komitees der Freien Evangeliſchen Kirche 135 in Frankreich, Bericht erſtattet. Daraus teilt die„Chr. der chriſtl. Welt“ mit:„Von 38 Millionen Einwohnern ſind nur 600 000 Proteſtanten. Die überwiegende Majorität dieſer 600 000 ſind nur dem Namen nach proteſtantiſch; die, die bereit ſind, mit zu arbeiten, ſind eine bloße Handvoll. Das Volk iſt dank der Wirkſamkeit Roms an aller Religion irre ge⸗ worden, die mit dem römiſchen Katholizismus identifiziert wird. Die Bibel iſt völlig unbekannt. In einer Stadt von 50 000 Einwohnern verlangte eine Frau in der Buchhand⸗ lung ein Neues Teſtament. Es ſtellte ſich heraus, daß der Buchhändler überhaupt noch nichts davon gehört hatte. Er meinte, das Buch ſei wohl noch gar nicht erſchienen. Er erklärte ſich bereit, ein Exemplar von Paris kommen zu laſſen, ſobald es die Preſſe verlaſſen habe. Gleichzeitig macht ſich eine neue katholiſche Strömung bemerkbar, und zwar in ſehr aggreſſiver Form gegenüber dem Proteſtantismus. Man fängt an, die Proteſtanten auf dieſelbe Stufe wie die Juden zu ſtellen. Sie werden Verrätere,„Dreyfuße“, bezahlte Spione von England oder Deutſchland genannt. Es werden Antiproteſtantenliguen gebildet, und damit der Sache auch der Humor nicht fehle, hat kürzlich ein Senator dem Senat eine Karte aus dem Jahresbericht der Britiſchen Bibelgeſell⸗ ſchaft vorgelegt, worauf die Diſtrikte der Kolporteure ver⸗ zeichnet ſind, die er aber für einen Verteilungsplan des Landes bei einer zukünftigen Annexion durch England hielt! Die Jeſuiten errichten mit großartigem Geldaufwand Schulen als Gegengewicht gegen die Staatsſchulen und wiſſen das beſte Schülermaterial an ſich zu ziehen. So haben ſie es fertig gebracht, eine große Zahl ihrer Kreaturen in jeden Zweig der öffentlichen Verwaltung zu bringen. Als der Kongreß beſchloß, den franzöſiſchen Freiktrchen ſeine Sympathie zu bezeugen, bat Guignard, recht vorſichtig dabei zu ſein, da die Feinde des Proteſtantismus eine derartige Kundgebung als eine Beſtätigung ihrer Anklagen anſehen würden.“ Petersburg. In der Dreifaltigkeitskirche des Alexander Newski⸗Kloſters wurden am 6. April der ſyro⸗chaldäiſche Biſchof Mar⸗Yonan, vier andere Geiſtliche und die ihnen unterſtehenden Gemeinden von ungefähr 15000 Syro⸗Chaldäern in den Schoß der orthodoxen Kirche feierlich aufgenommen. Der Kaiſer ließ die Bekehrten durch den Gehilfen des Ober⸗ prokurators des heiligen Synod, Geheimrat v. Szabler, der der Feierlichkeit beiwohnte, beglückwünſchen. Schweden. Dem eben verſammelten Reichstage iſt ein Geſetzentwurf vorgelegt worden, der Strafbeſtimmungen gegen diejenigen Geiſtlichen und Gemeindevorſteher enthält, die im Falle von Miſchehen einen Druck auf die Krontrahenten zum Zwecke der Kindererziehung in einer fremden Konfeſſion aus⸗ üben.(Chr. d. chr. W.) England. In Briſtol haben, wie wir der„Chr. der chr. W.“ entnehmen, vom 7. bis 10. März die engliſchen Freikirchen ihr Nationalkonzil abgehalten. Die„Free Church Federation“ iſt erſt 5 Jahre alt; aber ihre Bedeutung und ihr Wachstum zeigt ſich ſchon darin, daß ſie in England und Wales bereits mehr Plätze in den Kirchen, mehr Kom⸗ munikanten, mehr Sonntagsſchullehrer und ⸗Schüler aufweiſt als die Staatskirche. Nach offiziellen Quellen belief ſich die Zahl der Kommunikanten in den Freikirchen auf 16 625 152, in der Staatskirche auf 3 122 526. In Briſtol waren in dieſem Jahre bereits ſünfhundert Lokalkonzile vertreten mit ſechs bis ſieben Hundert gewählten Deputierten. Mr. Price Hughes(Präſident im Jahre 1896) ſieht in der ganzen frei kirchlichen Bewegung eine Parallele zu der„Oxforder Be wegung“ in der anglikaniſchen Kirche und erhofft von ihr dieſelbe Belebung für den Nonkonformismus, wie jene ſie der Staatskirche gebracht hatte. In dieſem Jahr war Prä ſident Dr. Clifford(Baptiſt). Geſprochen haben Dr. Clifford über„die Einheit der Kirchen: die Löſung des Problems“, M. Paul Guignard über die gegenwärtige Lage des Pro⸗ teſtantismus in Frankreich, Dr. Berry über ſeine Reiſen in Amerika; beſprochen wurde außerdem: die Arbeit der Frauen für Frauen, das Projekt einer katholiſchen Univerſität in Irland, die Stellung der Preſſe zu den Freikirchen. Der Abend des 9. März vereinigte die Teilnehmer des Kongreſſes in einer großen enthuſiaſtiſchen Miſſionsverſammlung. Der nächſte Kongreß ſoll vom 14. bis 19. März 1899 in Liver⸗ pool ſtattfinden. Nordamerika. Bekanntlich hat ſchon am 24. Septem⸗ ber 1896 eine in Buffalo zuſammengetretene Verſammlung in formloſer Weiſe einen Herrn Kaminski als Biſchof bezeich⸗ net. Allein bevor von einer Konſekration ernſtlich die Rede ſein konnte, kamen die Wähler zur Einſicht, daß ſich der Mann nicht eigne und proteſtierten bei Vilatte gegen die Vollziehung der Weihe. Hierauf entwarfen die unabhängigen Polen in Chicago eine Kirchenverfaſſung, organiſierten eine Synode und wählten am 7. Mai 1897 Herrn Ant. Stanislaus Kozlowski zum Biſchof der„unabhängigen pol⸗ niſchen Diözeſe von Chicago“. Dieſe in regelrechter Form vorgenommene Wahl wurde auch von den altkatholiſchen Bi— ſchöfen Europas anerkannt und demgemäß Herr Kozlowski am 21. November 1897 konſekriert. Dies zu verhindern, hatte ſich Vilatte alle Mühe gegeben. Im Aerger über das Miß⸗ lingen ſeiner Intriguen ſchrieb Vilatte ſchon vor mehreren Wochen einem Geiſtlichen in Genf, daß er nun ſeinerſeits nach Belieben die biſchöfliche Konſekration erteilen werde. Er hat mit ſeiner Drohung Ernſt gemacht, indem er am 20. März 1898(4. Faſtenſonntag) unter großem weltlichen Gepränge den vorgenannten Kaminski, Pfarrer an der Kirche „der Mutter des heiligen Roſenkranzes“ in Buffalo, zum Biſchof der Diözeſe von Buffalo“ konſekriert hat. Der zum Biſchof geweihte Herr Kaminski iſt ein Schleſier, geb. 29. De⸗ zember 1859. Er hat keine beſonderen Studien gemacht, aber den preußiſchen Militärdienſt abſolviert, kam dann nach Amerika, wo er als Laienbruder in einem Franziskanerkloſter ſein Leben friſtete. Nach ſeinem Austritt aus dem Kloſter weihte ihn Vilatte am 24. Auguſt 1894 ohne weiteres zum Prieſter. Herr Vilatte, der ſich„Erzbiſchof, Metropolit und Zrimas“ der Altkatholiken in Amerika nennt und gelegent⸗ lich auch den ſyriſchen Titel„Mar Timotheus I.“ führt, iſt— wie hieraus erſichtlich— nach Kräften beſtrebt, den Alt⸗ katholizismus zu kompromittieren. Es iſt das bedauerlich, denn mit Recht bemerkt dazu der„Kath.“, daß dieſe Vor⸗ gänge beweiſen, wie günſtig in Amerika der Boden der Or⸗ ganiſation unabhängiger katholiſcher Diözeſen wäre, wenn ſich nur die rechten Männer fänden, die die Leitung übernehmen könnten. Mliszelle. (Aberglauben in Berlin.) Ein Dienſtmädchen hatte einen jungen Mann St. lieb gewonnen. Dieſer ließ aber trotz der ihm zugeſandten Briefe nichts mehr von ſich hören. Die Betrogene klagte ihr Leid einer Kartenſchlägerin„Den wollen wir bald wiederkriegen,“ war die Antwort,„ich habe Zauber⸗ mittel, die nie fehlſchlagen.“ Und nun begann der Zauber. Das Mädchen mußte eine weiße Taube kaufen und der Alten bringen. Die Taube wurde geſchlachtet, die Zauberin briet und verzehrte ſie. Nur das Herz erhielt das Mädchen mit dem Auftrage, es zu Hauſe zu verbrennen und die Aſche zu vergraben. Nach acht Tagen würde dann der Mann, der ihr das„gebrannte Herzeleid“ angethan habe, zu ihr zurückkehren. Das Mädchen, das der Alten für ihre Bemühungen 2 Mk. zahlen mußte, folgte der Weiſung. Aber St. kam nicht.„Dann müſſen kräftigere Mittel angewendet werden,“ meinte jene. Zunächſt die Froſchkeule. Die Zauberin zeigte dem Mädchen eine ſolche, und da ſie von einem amerikaniſchen Froſch herrührte, mußte das Mädchen 3 Mk. dafür zahlen. Die Froſchkeule wurde verbrannt und vergraben. St. kam nicht. Nun waren 136 größere Opfer zu bringen. Es wurden nun nach der Reihe die verſchiedenſten Zaubermittel zur Anwendung gebracht, ſo ein Handtuch zum Anbinden des St., Glückswurzeln zur Ausräucherung der Kammer des Mädchens, Liebestropfen und endlich ein Totenpulver. Für alles das mußte das arme Mädchen tüchtig zahlen, aber alles half nichts, der Geliebte kam nicht. Die Betrogene erſtattete endlich die Anzeige. Im Termin behauptete die Angeklagte, daß ſie von der Wirkſam⸗ keit ihrer Sympathiemittel um ſo mehr überzeugt ſei, da ſie dieſelben ſelbſt mit Erfolg gegen einen ihrer früheren Ehe⸗ männer, welcher reuig zu ihr zurückgekehrt ſei, angewendet habe. Sie berief ſich auf ihre halbtaube Aufwärterin darüber, daß viele Damen ihren Dank durch Geſchenke zu erkennen gegeben hätten, weil die Mittel ſich ſo glänzend bewährt hätten. Dies wurde allerdings von der Aufwärterin bekundet, aber auch, daß die Angeklagte ſich bisweilen über die Dummheit der Menſchen luſtig gemacht habe. Das Urteil lautete auf drei Monate Gefängnis. Altkatholiſche Gemeinde Kattowitz. Sonntags, den 1. Mai ds. Is., findet in Kattowitz die Einweihung der neuerbauten(alt) katholiſchen Kirche durch den hoch⸗ würdigſten Herrn Biſchof Dr. Weber aus Bonn ſtatt. Zu dieſer Feſtfeier beehren ſich die unterzeichneten Gemeindekörper⸗ ſchaften hiedurch aufs freundlichſte einzuladen unter gleichzeitiger Mit⸗ teilung folgenden Programms: 1. Sonnabends, den 30. April, abends 8 Uhr, im Saale des Herrn Max Wiener(Hoôtel de Prusse): öffentlicher Feſt⸗ und Familienabend mit einem Vortrag des hochw. Herrn Biſchofs und muſikaliſchen Vorträgen. Zu dieſer Vorfeier haben Angehörige aller Konfeſſionen mit ihren Familien freien Zutritt.. 2. Sonntags, den 1. Mai, vormittags 10 Uhr: Einweihungsfeier mit daran ſich ſchließendem Hochamt; Feſtpredigt des Herrn Biſchofs und Anſprache des Herrn Pfarrers K aminski aus Thiengen in Baden, des Gründers der Gemeinde. 3. Nachmittags 4 Uhr: Feſtmahl im Saale des Hôtel de Prusse. Preis des trockenen Gedecks 3 Mark. Eine Liſte zum Einzeichnen liegt bis zum 30. April beim Herrn Max Wiener aus. Anmeldungen zu dem Feſtmahl nehmen auch die beiden unterzeichneten Vorſitzenden entgegen. Der Kirchenvorſtand: Die Gemeindevertretung: Karl Müller, Max Gierth, Vorſitzender u. Pfarrer. Vorſitzender. Zu vorſtehender Einladung ſei noch Folgendes bemerkt: Beſondere ſchriftliche Einladungen an die Mitglieder der Kattowitzer Gemeinde, an die auswärtigen Glaubensgenoſſen, Gemeinden und Herren Geiſtlichen— mit Ausnahme der benachbarten ſchleſiſchen— ergehen nicht. Die Herren Geiſtlichen, die an den Einweihungsfeierlichkeiten teil⸗ zunehmen beabſichtigen, werden gebeten, Soutane, Chorrock, Kragen, Stola und Birett mitzubringen, ſowie die Zeit ihrer bezw. der Herren Deputierten Ankunft in Kattowitz unter gleichzeitiger Angabe der Namen derſelben dem Pfarrer Müller rechtzeitig mitzuteilen. Am 1. Mai iſt der Eintritt in die Kirche nur gegen, Vorzeigung von Einlaßkarten geſtattet, die bei den unterzeichneten Vorſitzenden un⸗ entgeltlich zu haben ſind und von den auswärtigen Teilnehmern beim Familienabend oder vor dem Gottesdienſte in Empfang genommen werden können Diejenigen Herren Geiſtlichen und Abgeordneten, welche an dem Montags, den 2. Mai, in der Gleiwitzer Gemeinde ſtattfindenden biſchöflichen Gottesdienſte und dem daran ſich ſchließenden Feſtmahl und Familienabend ſich zu beteiligen gedenken, wollen dies dem Pfarrer Müller zu Kattowitz oder direkt an den Vorſitzenden des Gleiwitzer Kirchenvorſtandes, Herrn Profeſſor Ha wlitſchka vorher mitteilen. Der Katholik, ſchweizeriſches Organ für kirchlichen Fortſchritt, für 1898 in ſeinem 21. Jahrgang erſcheinend, kann jederzeit abonniert werden. Derſelbe erſcheint jeden Samſtag wenigſtens 8 Seiten ſtark. Gewünſchte Nummern werden nachgeliefert. Von früheren Jahr⸗ gängen ſind einzelne Nummern vergriffen. Abonnementspreiſe: Für die Schweiz Fr. 4 jährlich.— Nach dem Ausland bei direkter wöchentlicher Franko⸗Zuſendung unter Kreuzband Frs. 8 pro Jahrgang.— Im deutſchen Reichspoſtgebiet kann der „Katholik“ zu Mk. 1.95 per Semeſter bei jeder Poſtſtelle abonniert werden. Herausgeber und Redakteur: A. Gatzen meier.— Kgl. Hof⸗ u. Univerſitäts⸗Buchdruckerei von Dr C. Wolf& Sohn in München. 1 —— 29. Jahrg. ℳ 18. 30. April 1898. Deutſcher Merkur. Vierteljährlicher Preis bei der Poſt: 2 Mark Poſtzeitungskatalog Nr. 1892, bei den Expeditionen zu Köln und München: 1 Mark 60 Pf. Einzelne Nummern à 15 Pf. Inſerate die geſpaltene Petitzeile 25 Pf. ſoweit ſie dem Inhalte des Blattes angemeſſen ſind. Organ katholiſche Reformbewegung. Revaktion: München, Jungfernthurmſtraße 2. Haupt-Expedition: München Kgl. Hof⸗ und Univerſitäts⸗Buchdruckerei von Dr. C. Wolf& Sohn. Exped. für Köln und Deutz, Paul Neubner Buch⸗ und Kunſthandlung, Köln, Hoheſtr. 81. Inhalt. Eröffnung des Paulinum.— Die Vernichtung der katholiſch⸗theologiſchen Fakultät in Gießen.(Schluß).— Friedensgloſſen zum Apoſtolikum(II Fortſ.).— Korreſpondenzen und Berichte: München(Prieſterjubiläum des Pfr. Gatzenmeier; Kultusminiſter zur Schul⸗ frage; päpſtliche Belobung des„Pelikan“).— Aus Baden(J. A. Czerwenka in Baltersweil).— Bonn(Geh. Sanitätsrat Dr. Schäfer †; Biſchof Dr. Weber; altk. Bürgerverein).— Offenbach(Stiftungsfeſt).— Krefeld(Pfr. Lic. Moog).— Berlin(„T T ägl. Rundſchau“ über das Zentrum).— Böhmen(Familienabend der Warnsdorfer Gemeinde).— Wien(Statiſſtiſches). Eröffnung des Paulinum. Die in Bonn gegründete altkath. Anſtalt für Gymnaſiaſten, welche den Namen Paulinum führt, wurde Mittwoch den 20. April um 8 Uhr abends durch eine ſtille Feier in dem Hauſe Arndtſtraße 22 eröffnet. Einladungen zur Feier waren nicht ergangen; außer den Hausbewohnern nahmen nur der Biſchof und der Pfarrer der Bonner Gemeinde teil. Der Biſchof eröffnete die Feier mit einer kurzen Anſprache etwa folgenden Inhaltes. Der heutige Tag erfüllt uns alle mit Freude und fordert auf zum Danke gegen Gott, denn von ihm gilt das Wort des Pſalmiſten:„Das iſt der Tag, den der Herr gemacht hat; laſſet uns freuen und frohlocken an ihm.“ Die Gründung einer Anſtalt, wie diejenige, die wir jetzt eröffnen, war ein in der kath. Kirche der deutſchen Altkatholiken lange und tief empfundenes Bedürfnis. Aber woher die dazu erforderlichen Mittel nehmen? Es zeigte ſich kein anderer Weg, als an die Opferwilligkeit der vermögenderen Altkatholiken zu appellieren, und der Appell iſt nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen. Es gingen ſo viele Gaben ein, daß gewagt werden konnte, das Haus, in dem wir uns befinden, und das mit Staats⸗ genehmigung als erſte Liegenſchaft dem Bistum überwieſen iſt, zu kaufen und die Eröffnung der Anſtalt mit dem Beginn des neuen Schuljahres in Ausſicht zu nehmen. Freuen wir uns alſo und danken wir Gott von ganzem Herzen, daß wir heute ſo weit ſind; bitten wir ihn aber auch, daß die Hoffnungen, die wir an die Anſtalt knüpfen, in Er⸗ füllung gehen. Die Statuten bezeichnen den Zweck der Anſtalt. Sie ſoll eine Pflanzſtätte chriſtlicher Geſittung im Sinne des Apoſtels Paulus werden. Dabei handelt es ſich alſo um euch, geliebte Zöglinge. Eure Eltern haben euch hierher ge— geben, damit ihr das Gymnaſium beſuchen ſollt. Sie ſowohl als die Anſtalt erwarten von euch, daß ihr durch Aufmerk⸗ merkſamkeit, Fleiß und volle Hingebung an die in der Schule gelehrten Fächer als gute Schüler dem Gymnaſium zur Ehre und euern Lehrern zur Freude gereichet. Aber ihr ſelbſt kennt den weiſen Spruch:„Qui proficit in litteris, sed deficit, in moribus, plus deficit quam proficit.“(Wer wiſſenſchaftlich Fortſchritte, ſittlich aber Rückſchritte macht, machtmehr Rückſchritte als Fortſchritte.) Demnachwirddie Anſtalt euch anleiten, mit dem Streben nach gelehrtem Wiſſen das Streben nach echter Religiöſität und Geſittung im Geiſte der kath. Kirche zu verbinden. Die Wurzel aller Religiöſität und Geſittung iſt die Tu⸗ gend der Wahrhaftigkeit. Die Pflege dieſer Tugend in jedem einzel⸗ nen und ſelbſt im kleinſten lege ich euch ganz beſonders ans Herz. Gebt der Lüge niemals den Raum, weder in eurem Denken noch im Reden. Vonſeiten der Anſtalt wird alles gethan werden, um euch das Eülternhaus zu erſetzen und euch den Aufenthalt in ihr nicht nur zu einem ſegens⸗ reichen, ſondern auch angenehmen zu machen. Seid auch ihr daher in allem gern gehorſam euren Vorgeſetzten und thut in jedem eure Pflicht. Dann dürfen wir zuverſichtlich hoffen, daß ihr als leiblich und geiſtig geſunde, wohl erzogene, der Wahrheit und Gerechtigkeit ergebene, für euren künftigen Lebensberuf tüchtig vorgebildete Jünglinge die Anſtalt der⸗ einſt verlaſſen und bis in die ſpäteſten Tage eures Lebens ſie ſegnen werdet. Möge das alles an einem jeden von euch und an denen, die ſpäter in dieſes Haus aufgenommen werden, in Erfüllung gehen! Das walte Gott! Nach dieſer Anſprache wurden den Teilnehmern an der Feier einige Erfriſchungen verabreicht. Man blieb in leb⸗ hafter, dem Alter der Zöglinge angemeſſener Unterhaltung zuſammen, bis der Herr Biſchof und Pfarrer Demmel vor 10 Uhr ſich verabſchiedeten. In das Paulinum ſind vorerſt ſechs Schüler aufgenommen, die zum größten Teil die höheren Gymnaſialklaſſen beſuchen. Die Unterhaltung der Anſtalt wird noch viele Sorge machen und bedeutende Opferwilligkeit erfordern. Aber bisher hat Gott geholfen; wir vertrauen, daß er auch weiter helfen wird! Die Vernichtung der katholiſch-theologiſchen Fakultät in Gießen. (Schluß.) Der chriſtliche Staat als oberſter Schutzherr ſeiner Unter⸗ thanen kann ſolche Zuſtände nicht dulden; darum reklamierten Heſſen und ſeine Verbündeten ihr landesherrliches Schutz⸗ und Aufſichtsrecht über die katholiſche Kirche. Als der Papſt wagte, den Regierungen geradezu Wortbrüchigkeit vorzuwerfen, da gingen die Regierungen ſelbſtändig vor. Und ſie konnten es damals; ſie hatten damals noch katholiſche Biſchöfe, keine päpſtlichen Präfekten auf deutſchem Boden; auch gab es noch kein irregeleitetes, ultramontanes Volk! Dekan Burg, einer der thätigſten Förderer der kirchlichen Neuorganiſation und der katholiſchen Fakultätsgründung in Gießen, wurde Biſchof von Mainz. Er ging Hand in Hand mit Herrn von Linde, Referenten im Miniſterium des Innern und der Juſtiz, die hochherzigen Intentionen der Großherzoge Ludwig I. und Ludwig II. durchzuführen. Am 27. November 1830 wurde die katholiſch⸗theologiſche Fakultät außerordentlich feier⸗ lich eröffnet. Die neue Fakultät wurde von den vier alten Fakultäten aufs freundlichſte begrüßt; ein ſchönes Verhältnis entwickelte ſich zwiſchen den beiden theologiſchen Fakultäten. Durch die Munificenz des Großherzogs war die neue Fakultät nach jeder Richtung ſo reichlich ausgeſtattet, daß ſie nicht nötig hatte, mit Neid auf ihre älteren Schweſtern zu ſchauen. Die freundliche Geſinnung der größtenteils evangeliſchen Be⸗ völkerung Gießens gegenüber den katholiſchen Profeſſoren und Studierenden der Theologie wußten die alten Herren Pro⸗ feſſoren nicht genug zu rühmen. Der katholiſchen Geſinnung und Opferfreudigkeit der Familie Wilbrand, die mit Beginn des 19. Jahrhunderts nach Gießen gekommen war, war es vorzugsweiſe zu danken, daß dort eine katholiſche Gemeinde ſich ſammelte. Ein der Familie verwandter Geiſtlicher aus Weſtfalen fungierte dort als erſter Seelſorger. Mit Unter⸗ ſtützung der evangeliſchen Bevölkerung und der Regierung erhielt die Gemeinde in den dreißiger Jahren auch eine ſchöne Kirche. Von größter Bedeutung für die Entwicklung der katholiſchen Gemeinde Gießens war das Daſein einer größeren Anzahl jnnger Theologieſtudierender, die ihrer Religion mit Eifer anhingen und zugleich zu den fleißigſten Studenten zählten. Unter den Profeſſoren befanden ſich Namen, die in ganz Deutſchland einen guten Klang hatten, wie Kuhn, Staudenmayer, Leopold Schmid. Die Frequenz war an⸗ fangs ſchwach. Von 1830 bis 1838 durchſchnittlich 13 bis 26, von da bis 1846 ſtieg die Zahl auf 54, von 1846 an auf 84. Nach dem Tode des Biſchofs Burg und ſeines Nachfolgers Humann, der kaum ein Jahr an der Spitze der Diözeſe ſtand, folgte 1835 Leopold Kaiſer, der ſich bis zum letzten Atemzuge in wahrhaft väterlicher Weiſe der Gießener Fakultät angenommen hat. Seiner Intervention war der Vertrag mit Naſſau zu verdanken, wonach auch für die katho⸗ liſchen Theologen Naſſaus die Gießener Fakultät als Landes⸗ univerſität gelten ſollte. Auch Biſchof Pfaff von Fulda— eine biſchöfliche Idealgeſtalt körperlich und geiſtig, den ich das Glück hatte, nicht bloß wiederholt zu ſehen, ſondern der ſich auch herabließ, mich einer kurzen Unterhaltung zu wür⸗ digen, deſſen Bild darum immer vor meine Seele trat, wenn ich des göttlichen Kinderfreundes gedachte— Biſchof Pfaff, ſage ich, war ebenfalls ein Gönner der Fakultät, war mehreren Fakultätsmitgliedern perſönlich befreundet, ſchickte ſeinen eigenen Vetter zum Studium der Theologie nach Gießen und ſtrebte ein Naſſau ähnliches Verhältnis für Kurheſſen an. So war die jüngſte Stiftung in kurzer Zeit trotz Papſt zu einem kräftig aufſtrebenden Baume geworden. Doch war es des Papſtes Anhang gelungen, ein kleines exotiſches Würmchen in das Mark des Baumes zu praktizieren, das ſich im Saft desſelben allmählich zu einem Wurm anfraß, an dem ſchließlich der Baum zu Grunde ging. Dieſer Wurm war Kasſpar Riffel, gebürtig von Büdesheim, der ſich eine Ehre daraus machte, ſich von der Gießener Fakultät zum Dr. theol. promovieren zu laſſen, um dann als wohlbeſtallter ordentlicher Profeſſor in ſeiner Art an ihr zu wirken. Früh ſchon fing er an, als Docent mancherlei tolle Sprünge zu machen, alſo daß in ſeinen Kollegen der Verdacht rege wurde, er gehe darauf aus, die Fakultät der großh. Regierung gegen⸗ über zu kompromittieren. So vergaß er einem Studioſus med. Popp gegenüber, der ihn während der Vorleſung ab⸗ gemalt, ſo ſehr ſeine Würde, daß es zu einem Injurienprozeß beim Hofgericht kam und die Sache ſchließlich ſogar noch den Staasrat beſchäftigte. Bald darauf fing er eine Stänkerei mit ſeinen Kollegen Kuhn und Staudenmayer an. Die beiden berühmten Männer zogen es ſchließlich vor, ehrenvolle Be⸗ rufungen an andere Hochſchulen anzunehmen und von Gießen zu ſcheiden. Seine jüngeren Kollegen Reuß, Kindhäuſer und Hartnagel vermochte er, mit ihm eine gemeinſame Wohnung zu beziehen und gemeinſame Wirtſchaft zu machen. Man nannte dieſe Behauſung in Gießen ſpottweiſe das„Kloſter“. Trat dann aber bald, während er in ſeinen kirchenrechtlichen Vor⸗ leſungen zu nicht geringer Unterhaltung zahlreich verſammelter Gießener Studentenſchaft ſehr großen Eifer für den Zölibat an den Tag legte, mit der das Hausweſen beſorgenden Schweſter Hartnagels in Beziehungen, welche dieſer auf keine Weiſe dulden zu dürfen glaubte. Das war der Anfang. Dazu 138 kam dann noch, daß Riffel ſeine Kollegen veranlaßte, in ihrer Wirtſchaft auf gemeinſame Koſten einen ſo großen Aufwand zu machen, daß dieſe und insbeſondere wieder Hartnagel dadurch in die ſchlimmſten pekuniären Verlegen⸗ heiten gebracht wurden. Die gemeinſame Wirtſchaft trennte ſich endlich 1840 im größten Streit, und Riffel verſuchte nun, auf eine ſehr unedle Weiſe ſich namentlich an Hartnagel zu rächen, unter anderm durch die Aufnahme eines Proto⸗ kolls über angeblich private Handlungen desſelben, das er von einem Studenten, der es nicht geleſen, als Zeugen unter⸗ ſchreiben ließ und dann als Klagelibell dem Biſchof Kaiſer überſandte. Dieſer wußte jedoch ſchon, wie er mit Riffel daran war, und ſo ſcheiterte der Plan. Um dieſelbe Zeit ſprach er in ſeinen Vorleſungen über die neueſte Kirchengeſchichte mit einer Bitterkeit über die Re⸗ formatoren, daß es allgemeines Aufſehen erregte und zuletzt eine Unterſuchung darüber angeordnet werden mußte. Bei dieſer Gelegenheit wurde auch Profeſſor Schmid von den kirchlichen und ſtaatlichen Behörden zu einem Gutachten ver⸗ anlaßt. Er widerriet, Riffel bloß auf Grund der Beſtim⸗ mungen der Dienſtpragmatik ſeiner Stelle zu entheben, weil er ſich dann in der Oeffentlichkeit als ein Opfer der katholiſchen Lehrfreiheit im proteſtantiſchen Gießen hinſtellen würde. Gleich⸗ wohl wurde im Staatsrat aus Schonung gegen den geiſt— lichen Charakter Riffels alles Perſönliche mit Stillſchweigen übergangen und nur das für den konfeſſionellen Frieden Nachteilige ſeines Benehmens hervorgehoben; in der Pen⸗ ſionierung bezog ſich die höchſte Behörde ledig auf die Be⸗ ſtimmungen der Dienſtpragmatik. Der Märtyrer für katho⸗ liſche Freiheit war fertig. In Mainz, wo man es längſt als ſchwere Beleidigung empfunden, daß die theologiſche Fakultät in Gießen und nicht in Mainz ſich befand, inſze⸗ nierten die Freunde Riffels einen Petitionsſturm für die Ueberführung der Fakultät nach Mainz. Der Jeſuit Devis der ſich mit einigen Mitgliedern ſeines Ordens im Lande des konvertierten Herzogs Ferdinand von Köthen aufhielt, kam nach Gießen und hatte mit einigen Fakultätsmitgliedern Unterredungen, in denen er ſich dahin ausſprach:„Man müſſe vor allem beſtrebt ſein, die katholiſch⸗theologiſchen Fakul⸗ täten von den Univerſitäten zu entfernen, und am füglichſten mache man darin ſeinen Anfang mit der Gießener katholiſch⸗ theologiſchen Fakultät“. Ein ultramontaner Bund beſtand längſt, deſſen Häupter die ſpäteren Biſchöfe Geiſſel, Räß und Weiß und die Pro⸗ feſſoren Dieringer, Lüft, Sauſen und Riffel waren. Allmäh⸗ lich hatte man an alle Biſchofsſitze in Rom gebildete Geiſt⸗ liche, die ihr Deutſchtum völlig ausgezogen und ſich dem Papſte mit Haut und Haaren verkauft hatten, vorgeſchoben. Sie hatten die Aufgabe, ohne ſelbſt zunächſt auf den Bi— ſchofsſitz zu aſpirieren, doch das Heft in der Diözeſe in die Hand zu bekommen. Auch den hochbetagten Biſchöfen Pfaff in Fulda und Brand in Limburg fehlten dieſe päpſtlichen Gefangenwärter nicht. Biſchof Pfaff hatte noch nicht die Augen geſchloſſen, da war Riffel ſchon Gaſt im Pfarrhaus des guten, liebenswürdigen, aber geiſtig unbedeutenden und ſchwachen Chriſtof Florentius Kett auf Amöneburg bei Kirch⸗ heim. Riffel und Dr. rom. Schneider in Fulda fädelten ſeine Wahl für den Fuldaer Biſchofſitz ein. Kett wurde Biſchof und ging bis an ſein ſeliges Ende von der Hand des einen Dr. rom. in die des andern über. Von Beziehungen zu der Gießener Fakultät war natürlich keine Rede mehr. Nach Biſchof Brand wurde unter ähnlichen Verhält⸗ niſſen Blum Biſchof von Limburg, ein ſchwacher Charakter, der in der Kulturkampfszeit ſogar unſer innigſtes Mitleid erregen konnte. Domkapitular und geiſtlicher Rat Schütz war zunächſt ſein Mentor, ein begabter, redegewandter Mann, der aber zu den mir im Leben häufig genug begegnenden Prie⸗ ſtern gehörte, die mit ihrem untadeligen Papſtglauben nur Gerade zu der ihre ſittlichen Mängel zu verbergen ſuchten. Zeit, wo Riffel es brauchte, war Schütz allmächtig in der katholiſchen Kirche Naſſaus. Wiederholt verlangte er im Land⸗ tage im Namen der Freiheit die Kündigung des Vertrags mit Heſſen, indem er zugleich die Gießener Fakultät mit Kot beſpritzte. Endlich gelang es ihm. Die Theologieſtudierenden Naſſaus mußten Gießen fern bleiben, wenn ſie eine An— ſtellung in Naſſau haben wollten. Riffel und ſein Anhang beuteten jede Gelegenheit aus, um der Fakultät eins zu verſetzen. Als ein katholiſcher Theo⸗ loge zu Gießen, Georg Keilmann, deutſch⸗katholiſcher Pre⸗ diger in Offenbach wurde, titulierten die Riffelſchen Blätter die Gießener katholiſchen Theologieproſeſſoren nicht anders als„Schneidemühler“, ſo daß Profeſſor Schmid ſich ge⸗ zwungen ſah, ein kleines Schriftchen herauszugeben, in welchem er ſich mit den Deutſchkatholiken auseinanderſetzte. Im„Frank⸗ furter Journal“ und anderen ähnlichen Blättern wurde Schmid deshalb als Ultramontaner, Jeſuit, Dunkelmann bezeichnet. Hofgerichtsadvokat Dr. Welker beſchuldigte in demſelben Blatt Prof. Dr. Hartnagel, ein Kind aus gemiſchter Ehe unrecht⸗ mäßig getauft zu haben. Eine ſpätere gerichtliche Entſcheidung fiel zu Gunſten Dr. Hartnagels aus. Aber für die erſte Zeit wirbelte auch dieſe Angelegenheit viel Staub auf. Der Riffelſche Anhang aber zog die Konſequenz:„Seht, ſogar die „Schneidemühler“ ſind noch zu katholiſch für dieſe Gießener; alſo fort mit der katholiſch⸗theologiſchen Fakultät von Gießen. Nun rückte das Jahr 1848 heran. Niemand verſtand den Freiheitsſchwindel dieſes Jahres gründlicher auszubeuten, als die Ultramontanen. Auch Riffel bewarb ſich um ein Mandat zur Frankfurter Nationalverſammlung; mündlich und ſchriftlich wandte er ſich an ſeine Mitbürger:„Die Frei⸗ heiten, Erleichterungen und Verbeſſerungen, die wir bean— ſpruchen, ſind: 1. Erſetzung der von Anfang an verfehlten Bundesverfaſſung durch eine kräftige, auf dem Prinzipe der Volksſouveränität baſierte Reichsverfaſſung, 2. Gleiche poli⸗ tiſche Rechte aller, ohne Unterſchied des Glaubens und Standes, Trennung von Kirche und Staat, 3. Unbeſchränkte Wähl⸗ barkeit und Wahlfähigkeit eines jeden Staatsbürgers zu poli⸗ tiſchen und Gemeindeämtern, 4. Volle Preßfreiheit und Aburteilung der Preßvergehen durch Schwurgerichte, 5. Auf⸗ hebung des unnützen Hofſtaates und dadurch von ſelbſt ein⸗ tretende Verminderung der Zivilliſten und Apanagen, 6. Freies Vereins⸗ und Verſammlungsrecht, 7. Unbedingte Lern⸗ und Lehrfreiheit“ u. ſ. w. Im Namen dieſer Freiheit verlangte man Abſchaffung ſowohl des Bienniums, d. h. der Vorſchrift, zwei Jahre auf der Landesuniverſität zu ſtudieren, als auch des akademiſchen Trienniums für das Großherzogtum Heſſen. Das Miniſterium Jaup gewährte die Forderung, ohne den akademiſchen Senat auch nur um ein Gutachten darüber auf⸗ zufordern. Jaup, ein ebenſo wohlwollender als freiſinniger Mann, bedachte nicht, daß eine Partei exiſtierte, welche die Unterrichtsfreiheit nur verlangte, um ſie zu Gunſten des Papſttums in das gerade Gegenteil zu verwandeln. Jetzt war das Heil der Fakultät nur noch auf einen Mann ge⸗ ſtellt; das war Biſchof Kaiſer, und auch der ſtarb im De⸗ zember 1848. Wohl wurde Prof. Dr. Leopold Schmid vom Mainzer Domkapitel zum Biſchof gewählt und die Regierung berief ihn als erwählten Biſchof in die I. Kammer. Allein ohne den durch verſchiedene Bullen feierlich und ausnahmslos zu⸗ geſagten Informationsprozeß anzuordnen, verwarf Pius IX. die Wahl und ordnete eine Neuwahl an. Die Darmſtädter Regierung gab nach und der Papſt beſtätigte Wilh. Emmanuel v. Ketteler; er wurde im Juni 1850 in ſeine neue Würde eingeführt. Am Schluß des Winterſemeſters 1850/51 zweifelte in Gießen niemand mehr, daß es mit der katholiſch⸗theologiſchen Fakultät zu Ende ſei. Beim Wiederbeginn der Vorleſungen ließ ſich kein katholiſcher Theologe blicken. Die Fakultät war nicht mehr, obwohl nicht ein einziges Schriftſtück weder ſei⸗ tens der Regierung noch ſeitens des Biſchofs an ſie gelangt 139 war. Erſt im Mai 1851 kam das erſte und letzte Doku⸗ ment in der Sache nach Gießen, in welchem das biſchöfliche Ordinariat zu Mainz dem Dekanat der Fakultät mitteilte, Se. biſchöflichen Gnaden habe es als eine dringende Ge⸗ wiſſensangelegenheit angeſehen, zu handeln, wie ſie gehandelt. Das war die Kampfesweiſe des alten heidniſchen Rom, das iſt auch die Kampfesweiſe des papiſtiſchen Rom. Ich brauche nicht zu ſagen, wohin wir ſeit jenen Tagen gekommen ſind: es liegt vor aller Augen und der Einfluß Roms wächſt von Tag zu Tag: Gerade in unſeren Tagen ſtürmt es vor, als ob es noch am Schluß des 19. Jahrhunderts am Ziele ſeiner Weltherrſchaftspläne ankommen wolle. Und was will es nach Erreichung dieſes Ziels? Nichts anderes als die Haupt⸗ güter unſerer Kultur und Geſittung vernichten. Wer das nicht ſieht und darin Uebertreibung findet, der ſchaut nicht klaren Auges hinein in die Dinge, wie ſie ſich um uns ge⸗ ſtaltet haben und immer mehr geſtalten. Rom iſt mächtig geworden, das ſteht unleugbar feſt. Seinem Treiben muß ein Ende gemacht werden, ehe die Nacht der römiſchen Un⸗ freiheit und Unkultur ſich wieder über uns und die Völker der Erde legt. Und dies, iſt nur möglich, wenn alle rom— freien religiöſen Kräfte ſich ſammeln und über alle kleinen reli— giöſen Unterſchiede hinwegſehend in Bekämpfung des ſchlimmſten Feindes der Menſchheit gemeinſame Sache machen. Unſere germaniſchen Vorfahren haben die alte abfaulende romaniſche Welt zertreten. Seien wir ihrer nicht unwürdig! Friedensgloſſen zum Apoſtolikum. II.(Fortſetzung.) Dem„geſtorben, begraben“ des Apoſtolikum folgt: abgeſtiegen zu den Untern ein Satz, der zum Streitworte geworden iſt. Zum Streit— worte aber ward er wohl weſentlich wegen der hier gewöhn⸗ lichen, den lateiniſchen Text nicht wahrenden Uebertra⸗ gung:„abgeſtiegen zur Hölle.“ In dieſer Uebertragung iſt weniger das Apoſtolikum als der durch das Apoſtolikum nicht gelehrte Höllenglaube feſtgehalten— ein Glaube, der allerdings viele chriſtliche Jahrhunderte hindurch geherrſcht hat. Die vordere Grundlage für dieſen Höllenglauben dürfte der altjüdiſche Volksglaube vom Scheol mit der Gehenna geweſen ſein. Dem entſprach in der griechiſch⸗römiſchen Mythologie der Hades mit dem Tartarus. Die germa⸗ niſche Mythologie brachte dazu den Hel⸗(oder: Hell a)Glauben, der zu dem deutſchen Namen Hölle geführt hat. Zu all dem kam buchſtabenmäßige Auffaſſung vieler Schriftſtellen, nament⸗ lich der Parabel vom reichen und armen Manne, ſowie Verkennung der ſymboliſchen Sprache der Apokalypſe in ihrem Worte vom„feurigen mit Schwefel brennenden Pfuhle“, das, wie die Parabel vom reichen und armen Manne, dem End⸗ gerichte gilt, der erſt durch dieſes herbeizuführenden großen Scheidung. Ein Abſteigen des Herrn zu ſolcher Hölle iſt im Apo ſtolikum nicht zu ſuchen. Dies ſagt nur, der Herr ſei nachdem er, zufolge der vorausgeſchickten Sätze, die Sühne für die ganze Welt geworden— abgeſtiegen zu den Untern (vad inferos“, nicht:„ad infernum“). Das kann auch übertragen werden:„abgeſtiegen zu den Geſtorbenen.“ Es wird voll gedeckt durch den erſten Petrusbrief und deſſen Hinweiſung auf den Herrn als„getötet nach dem Fleiſche, aber lebendig gemacht nach dem Geiſte, worin er auch hinging und den Geiſtern im Gefängniſſe predigte, die einſt ungehorſam geweſen, als die Langmut Gottes zuwartete in den Tagen des Noah“(1 Petr. 3, 18 f.). Dabei ſind die hier hervorgehobenen Geiſter nur beiſpielsweiſe her⸗ vorgehoben; denn weiter folgend(1 Petr. 4, 6) ſagt Petrus allgemein, das Evangelium ſei verkündigt worden den Toten, auf daß ſie ſelig werden ſollten. Alſo bezweckte der Herr durch ſein Abſteigen zu den Untern, ſeinem Erlöſungswerke * hinzuzufügen, was nach ſeinem Kreuzesrufe„Es iſt voll⸗ bracht“ zunächſt für die vor ihm Geſtorbenen noch erfor⸗ derlich war. Dies aber nicht bloß für die Gerechten des Alten Bundes, ſondern für alle vor ihm Geſtorbenen, die nach ihrem Lebensabſchluſſe befähigt waren, ſeinem Kreuzes⸗ opfer hinzuzutreten; iſt doch nach 1 Petr. 3, 20 anzunehmen, daß unter denen, die der Herr alſo aufſuchte, auch Seelen derer geweſen ſind, die, während die Acht in der Arche ge⸗ rettet wurden, ihren Leibestod in der Strafflut gefunden haben. Die nähere Beſtimmung dieſer Seelen als„Geiſter im Gefängniſſe“ kommt dem nahe, was im zweiten Petrusbriefe von den Engeln, die ſündigten, geſagt iſt, daß ſie„in Ketten der Finſternis in den Tartarus geſtürzt worden zur Verwahrung auf das Gericht“(2 Petr. 2, 4); wo weiterhin auch noch von den Ungerechten unter den Menſchen vermerkt iſt, daß ſie auf den Tag des Gerichts zur Be⸗ ſtrafung bewahrt werden(2 Petr. 2, 9; welche Stelle jedoch Zweifel läßt, nämlich ob ſie nicht auf das göttliche Walten gegenüber den Ungerechten in dieſem Leben zu be⸗ ziehen iſt,— gar lediglich darauf, was anzunehmen, wenn auſtatt der Uebertragung„zur Beſtrafung“ zu übertragen wäre„unter Züchtigung“), Danach geht der Ausdruck „Geiſter im Gefängniſſe“ in erſter Linie auf das Zuſtands⸗ verhältnis jener Seelen: ſie waren„Gefangene“ infolge der Sünde des menſchlichen Geſchlechts und unter deſſen Todes⸗ folge, ſo lange die Erlöſung durch den Loskaufstod Chriſti ausſtand. Von ſolcher Gefangenſchaft ſchon als Unerlöſte im diesſeitigen Leben betroffen, unterſtanden ſie ihr vollends im Jenſeits: mit dem Todeszerfalle ihres Leibes war ihnen Licht und Leben gänzlich genommen. Wenn bereits vor unſerm Sterben bloß bei großer Störung unſeres Organismus unſer Bewußtſein ſchwindet, wie ſoll die von ihrem Leibes⸗ organismus vollſtändig getrennte Seele noch Bewußtſein beſitzen? Da iſt ſie zwar noch— dies auch zufolge des Wortes„Dieſe Nacht wird deine Seele von dir gefordert werden“(Luk. 12, 20)— ſie iſt noch, aber iſt als ob ſie nicht wäre. Und das muß ſo lange andauern, bis das durch den Verluſt ihres Leibesorganismus ihr Fehlende ihr zugebracht wird Wie nun konnte, bevor der Herr ſelbſt der Erſtling der Leibesauferſtehung geworden war, jenen Seelen das hinzu⸗ kommen, was ihnen fehlte, um die Predigt des im Geiſte zu ihnen abgeſtiegenen Herrn zu vernehmen? Auch in dieſe Frage führt der erſte Petrusbrief ein durch das, was er vom Herrn ſagt:„lebendig gemacht nach dem Geiſte.“ Dem Herrn, als er„getötet worden nach dem Fleiſche“, brachte der Tod nicht das, was er uns bringt, Bewußtloſigkeit: ſeine Seele in Vereinigung mit dem göttlichen Worte blieb im Leben. Hätte nun bloß dies hervorgehoben werden ſollen, ſo würde Petrus doch einfach geſagt haben:„getötet nach dem Fleiſche, aber bebend nach dem Geiſte.“ Statt deſſen ſteht das auffällige„lebend gemacht“. Dies führt auf ein ſofort mit des Herrn Tode eingetretenes neues Verhältnis, „in welchem er auch hinging und predigte“. Dabei liegt es greifbar nahe, wodurch dies neue Verhältnis gegeben war. Als er getötet war nach dem Fleiſche,„ſchaute doch ſein Fleiſch die Verweſung nicht“(Th. 2, 27. 31. 13, 34. 35); wie ſeine Seele in Vereinigung mit dem göttlichen Worte verharrte, ſo wurde auch ſein Leib im Tod und Grabe nicht daraus getrennt, konnte dieſer darum der Verweſung nicht unterſtehen, aber nicht bloß das, es war in ihm auch das nach ſtofflicher Seite zur Ergänzung der Untern Erforderliche gegeben, auf daß der Herr ſchon vor ſeiner Auferſtehung den Toten die große Predigt des Evan geliums zu teil werden laſſe. Den weitern Anhalt bietet zunächſt das Wort des Herrn über Abraham(Joh. 8, 56):„Abraham ward froh, daß er meinen Tag ſehen ſollte(dies in ſeinem Glauben, als er die 140 Verheißungen während ſeines diesſeitigen Lebens empfing), und er ſah ihn und freute ſich“(dies, als der Tag gekommen, der Herr im Fleiſche erſchienen war). So aber konnte er ſich nur freuen, wenn ihm Kunde von dieſem Tage unter Ergänzung, um dieſe Kunde zu erfaſſen, zugekommen war. Wie anders ſoll das geſchehen ſein als vom Herrn her von deſſen Fleiſche, her von deſſen organiſchem Leibe, als er hienieden wandelte? Bei Annahme ſolcher Einwirkung er⸗ klärt ſich ferner ſofort beides, was die Evangelien über die Verklärung des Herrn mitteilen: daß Moſes und Elias mit dem Herrn redeten, und daß die dabei anweſenden Jünger ein ſtofflich überaus Herrliches empfanden, infolge deſſen Petrus das Wort ſprach:„Hier iſt gut ſein“(Matth. 17, 1—13. Mark. 9, 2— 13. Luk. 9, 28—36; vgl. 2 Petr. 1, 17 ff.)— Hierzu kommt das Wort des Herrn zu dem reuigen Schächer: „Noch heute wirſt du mit mir im Paradieſe ſein“(Luk. 23, 43). Das erſte Paradies enthielt eine Naturerhöhung, die zur Naturverklärung führen ſollte, aber unterging, als die Menſchheitseltern ſündigten. Das durch Chriſtus erneuerte Paradies wird vollendet bei ſeiner Wiederkunft in der dann eintretenden Naturverklärung(Off. 21. 22). Der Anfang dieſer dereinſtigen Naturverklärung begann in vollem Glanze mit des Herrn Auferſtehung, verhüllt aber ſchon vorher mit ſeinem Tode, als ſein Fleiſch ausgelitten hatte, in dieſem, dem unverweslichen. Von dieſem Zeitpunkte bis zur Wieder⸗ kunft Chriſti iſt kein anderes Paradies auszudenken als des Herrn Leib(vgl. 2 Kor. 12, 4 und Deutſcher Merkur Jahrg: 1898 S. 35). In ihm war gegeben, weſſen es zur Ergän⸗ zung für die Toten bedurfte, zu denen er abſtieg. Hiermit iſt das Wort„abgeſtiegen zu den Untern“ noch nicht erſchöpft. Auch nach Chriſtus waren und ſind die meiſten Menſchen geſtellt wie die Menſchen vor ihm. Sie müſſen ſterben, ohne ihn geſehen zu haben; nur verhältnis— mäßig wenige ſind, die von ihm wiſſen, noch weniger, die, von ihm wiſſend, zum Glauben an ihn gelangen. Und die da an ihn glauben, iſt ihr Glaube, wie er ſein ſoll, wenn der Tod ihr diesſeitiges Leben beendigt? Galt der Ruf des Herrn zu Philippus„So lange bin ich bei euch, und du haſt mich nicht erkannt, Philippus!“ nur etwa für dieſen? Demnach bedurften und bedürfen auch ſeit Chriſtus die Menſchen, die das diesſeitige Leben verlaſſen haben wie die„Untern“, zu denen der Herr abſtieg, gleicher Hilfe durch ihn unter Zubedingung des ihnen Fehlenden, und iſt dies nur inſoweit anders zu denken, als ſeine Auferſtehung und Himmelfahrt darin eine Veränderung herbeigeführt haben. Auch hierfür fehlt der Anhalt nicht. Der Herr ſagte bei ſeinem Abſchiede zu ſeinen Jüngern:„In meines Vaters Hauſe ſind viele Wohnungen.... Ich gehe hin, euch eine Stätte zu be⸗ reiten; und wenn ich hingegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, ſo komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen“(Joh. 14, 2 f.). Und wiederum:„Ueber ein kleines, ſo werdet ihr mich nicht ſehen, und aber über ein kleines, ſo werdet ihr mich ſehen, denn ich gehe zum Vater“ (Joh. 16, 16). Das der Schriftbezeugung voll entſprechende Wort des Apoſtolikum„abgeſtiegen zu den Untern“ berührt hiernach allerdings Verhältniſſe, die uns mehr oder minder verhüllt ſind. Darum iſt es jedoch in keiner Weiſe ein myſtiſch irre— führendes Wort, vielmehr das Glaubenswort höchſten Troſtes, dazu das große Duldungswort, wenn wir vermeinen, bei der Frage nach dem jenſeitigen Loſe unſerer Menſchenbrüder urteilen und verurteilen zu ſollen; auch derer ſind ſelig ge⸗ worden, die in dem Flutgerichte untergingen, weil ſie unge⸗ horſam geweſen, als Gott langmütig war in den Tagen des Noah. Und auch derer werden ſelig werden, die in unſern Tagen über die Predigt für die Toten lächeln oder gar ſpotten, wofern nur unſer Fürſprecher beim Vater bei ihrem Sterben ihnen gegenüber ſein Kreuzeswort wiederholen kann „Vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun“ und dann auch ihnen zum Heile kommt wie den Toten, die vor ihm ſtarben. Nur bleibt hinſichtlich der Nachpredigt für die Toten aus der Zeit bis zu Chriſti Auferſtehung und Himmelfahrt, ſowie hinſichtlich ſeines entſprechenden fernern Kommens ſeit⸗ dem, immer feſtzuhalten, daß ſo nur denen Heil zu bringen, die befähigt, bei Gott im Geiſte zu leben; denn es iſt dadurch das Drohwort nicht beſeitigt:„der eine wird angenommen, der andere wird preisgegeben“(Luk. 17, 34 f.). Wer unter die zählt, die preisgegeben werden, hat von einer Nachpredigt für ihn kein Heil zu erwarten. Er iſt ſchon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes(Joh. 3, 18), d. i.(vgl. Joh. 3, 19 f.), weil er in ſeinem Lebenswerke zu dieſem Glauben, auch nur dem einge— ſchloſſenen, nicht genügend gelangt iſt, vielmehr mit ſolchem Uebelwerke daſteht, daß des Herrn Nachkommen für ihn keine Beſſerung des Fehlenden bringen kann. Für ihn kann in Anſehung der ſeinem Tode nachfol— genden Dinge nur fraglich ſein, ob außer dem allgemeinen Endgerichte zuvor noch ein Einzelgericht ergeht, in welchem jeder für ſich Gott Rechenſchaft zu geben hat. Im übrigen gehört ein ſolcher nicht zu den„Seligen und Heiligen, die da teil haben an der erſten Auferſtehung“, zählt vielmehr zu denen, für die der Apokalyptiker weiter verkündigt:„Die andern Toten leben nicht auf, bis die tauſend Jahre(d. i. die Zeit bis zu Chriſti Wiederkunft) vollendet ſind“(Off. 20, 5 f.). Eine Qualhölle für ihn ſchon vorher anzunehmen, geht nicht an; die ſämtlichen Verkündigungen über die letzten Dinge, wie auch die Folgerungen aus ſeinem Zuſtande, ſtimmen nur zuſammen bei der gegenteiligen Annahme, daß die Toten, die im Weltgerichte oder auch ſchon vorher im Einzelgerichte verdammt werden, erſt nach unverklärter Leibesauferſtehung durch das Weltgericht in das Verdammungsleid verwieſen werden. Der andere Höllenglaube, der heute noch weithin herrſcht, der die Qualhölle als ſchon längſt eröffnet anſieht für die, von denen es im zweiten Petrusbriefe(2 Petr. 2, 9) bloß heißt, daß ſie„bewahrt werden zur Beſtrafung auf den Tag des Gerichts“(ſofern dieſe Stelle ſo richtig übertragen und nicht ausſchließlich auf das göttliche Walten gegenüber den Gottloſen im diesſeitigen Leben zu beziehen iſt)— dieſer an⸗ dere Höllenglaube erſcheint nicht haltbar. Ihn heute zu ver— laſſen, hat um ſo weniger Bedenken, als gerade heute dieſer Glaube für viele Menſchen ein Hindernis iſt, um zu Chriſtus zu kommen. Oder ſollte für ihn noch gar das Wort„ab⸗ geſtiegen zu den Untern“ angeführt werden können, dies in Verbindung mit dem Epheſerbriefe:„Daß er ‚aufſtiege, was heißt das anders, als daß er auch hina bgeſtiegen iſt in die untern Oerter der Erde“(Eph. 4, 9)? Hatte und hat, ſo ſchließt ſich hier eine weitere Frage an, unſere Erde Oerter für die Toten? Wenn das zu bejahen ſein ſollte, ſo würde daraus noch nicht hervorgehen, daß bei ihnen das Verdammungs⸗ leid ſchon begonnen habe. Ob es aber und wie es bejaht werden kann, bleibt zu betrachten in dem zweitfolgenden Satze „aufgefahren gen Himmel“, wovon ja auch Paulus hier ausgegangen iſt.(II. Fortſetzung folgt.) Korreſpondenzen und Berichte. München. Am 27. April feierte Hr. Pfarrer A. Gatzen⸗ meier ſein 25 jähriges Prieſterjubiläum. Faſt ebenſo lange wirkt derſelbe als Seelſorger in der hieſigen altkatholiſchen Gemeinde. An dieſem Tage war aus Anlaß des Gehurtsfeſtes Sr. Majeſtät des Königs Otto feierlicher Gottesdienſt. Der⸗ ſelbe wurde von dem Jubilar abgehalten. Ihm zu Ehren fand nach dem Gottesdienſte in dem an die Sakriſtei anſtoßenden Sitzungsſaale eine ſinnige Feier ſtatt. Der Saal war mit Guirlanden und Topfgewächſen ſchön geſchmückt. An der Wand prangte in Silber die Zahl 25. 141 Zu den Mitgliedern des Kirchenvorſtandes geſellten ſich die Herren Kaplan Ullmann, der zufällig in München weilende Pfarrer Meißner aus Landau und Bauführer Trient, der eigens zur Feier aus Augsburg erſchienen war. Im Namen aller begrüßte der Vorſitzende des Kirchen⸗ vorſtandes den Jubilar mit herzlichen Worten und überreichte ihm eine geſchmackvoll ausgeſtattete Adreſſe mit folgendem Wortlaut: „Hochverehrter Herr Pfarrer! Am heutigen Tage vollenden ſich fünfundzwanzig Jahre, daß Ihnen Erzbiſchof Loos in Utrecht die Prieſterweihe er⸗ teilt und Sie einen Beruf übernommen haben, der zwar reichen Segen für ſich und andere, aber auch viele perſön— liche Opfer und große Verantwortlichkeit in ſich ſchließt. Fünfundzwanzig Jahre ſtehen Sie in der Erfüllung Ihrer prieſterlichen und pfarramtlichen Pflichten, und wer könnte darüber ein beſſeres Urteil fällen, als unſere— Ihre Gemeinde, in der Sie ausſchließlich all die Jahre her Ihres Amtes treu gewaltet haben, und welche das, was Ihnen mit der Prieſterweihe aus dem unerſchöpflichen Gnadenquell Jeſu Chriſti anvertraut worden, in reichem Maße empfangen hat— wie in den Tagen des Friedens, ſo in den Tagen der Not. Die Aufgabe, die Sie mit unſerer Gemeinde übernommen haben, war keine leicht lösbare, denn ſchwere Prüfungen waren Ihnen mit uns nicht erſpart geblieben. Aber voll Treue und Liebe ſtanden Sie im Amt und im Leben zu Ihrer Gemeinde; in Ihrer Unerſchütterlichkeit eines felſen— feſten Gottvertrauens waren Sie derſelben allzeit ein leuch— tendes Vorbild und unter Gottes ſichtbarem Beiſtand führten Sie dieſelbe durch alle Bedrängniſſe hindurch, ſo daß ſie heute befeſtigter als je daſteht. In Erinnerung an all dieſe Wohlthaten und auch aus perſönlicher Hochſchätzung kommen wir heute zu Ihnen, um aus vollem Herzen Ihnen zu danken, und wir kommen zu Ihnen mit dem innigen Wunſche, Gott möge Sie uns und unſerm heiligen Werke noch Jahrzehnte in voller Geſundheit des Körpers und Geiſtes erhalten!“ Herr Trient brachte als Vorſitzender die Glückwünſche der von Pfarrer Gatzenmeier gegründeten Gemeinde in Augsburg dar. Auch Pfarrer Meißner ergriff das Wort. Er bemerkte unter anderm, daß er von der Jubelfeier keine Ahnung gehabt, als er in die Kirche gekommen ſei, daß es der ſchönſte altkatholiſche Gottesdienſt geweſen, dem er bis jetzt beigewohnt habe, und daß er wohl im Sinne aller Kollegen handle, wenn er dem Jubilar deren Sympathien und herzlichſte Segenswünſche zum Ausdruck bringe. Tief bewegt dankte Pfarrer Gatzenmeier allen Gratulanten. An⸗ knüpfend an die ſchöne Adreſſe verbreitete er ſich über die 25 Jahre ſeines prieſterlichen Wirkens. Mit hohen Idealen ſei er in den geiſtlichen Stand eingetreten, und ſeine Ideale ſeien in den Wirrniſſen der Zeit nicht erloſchen. Die Kämpfe, welche in München zu beſtehen geweſen, hätten ihn und die Gemeinde nicht entmutigt, ſondern geſtählt. Trotz allen Fähr⸗ lichkeiten habe ſich die Münchener Gemeinde auf ihrer Höhe gehalten. Im Rückblick auf die Vergangenheit dürften wir mit dem Propheten Samuel ſprechen: Bis hieher hat uns der Herr geholfen. Aus dem Blick auf die Vergangenheit könnten wir aber auch Zuverſicht ſchöpfen für die Zukunft: der Herr werde uns auch weiter helfen. Beſonderen Dank ſprach Pfarrer Gatzenmeier den Männern aus, die ihm treu zur Seite geſtanden. Er bat um ihre fernere Unterſtützung und gelobte ſeinerſeits, auch fürderhin alle ſeine Kräfte in den Dienſt unſrer heiligen Sache zu ſtellen. Er ſchloß mit den Worten: Wir bleiben die Alten, was ſich auch neu mag geſtalten. München. Aus der Rede des Herrn Kultusminiſters von Landmann in der Plenarſitzung der Abgeordnetenkammer vom 19. April gelegentlich des Kapitels„Deutſche Schulen“ heben wir hervor: Der Standpunkt in Betreff der prinzipiellen Frage wegen Verſtaatlichung der Volksſchulen iſt Ihnen bekannt und die Staatsregierung hat keinen Anlaß, davon ab⸗ zuweichen. Mein Vorgänger, Miniſter Dr. v. Müller, hat am 28. Februar 1894 hier die Frage der Verſtaatlichung der Volksſchulen als eine wohl nur akademiſche bezeichnet und die Anſicht ausgeſprochen, daß kein Anlaß beſtehe, an den Grundlagen unſeres Volksſchulweſens zu rütteln. Unterm 10. Dezember 1896 iſt auch in dieſem Sinne auf die Ime⸗ diateingabe des Epiſkopats über das Volksſchulweſen in Aller⸗ höchſter Entſchließung Ausdruck gegeben worden. Die Herren Erzbiſchöfe und Biſchöfe haben unter dem 24. Dezember 1896 in einer an den Prinz⸗Regenten gerichteten Eingabe auf die Be⸗ ſtrebungen hingewieſen, die auf eine Aenderung des in Bayern beſtehenden Verhältniſſes zwiſchen Kirche und Schule hinzielen und hatten der Meinung Ausdruck gegeben, daß dieſe Rich— tung in der letzten Zeit eine Wendung angenommen habe, die den Biſchöfen die Pflicht auferlege, an Allerhöchſter Stelle dahin zu wirken, daß der Kirche ihr Einfluß und ihr Recht auf die Schule bewahrt bleibe, wie es der allgemeine Wunſch des noch in ſeiner Mehrheit gläubigen Volkes ſei. Die Ein⸗ gabe ſchließt mit der Bitte, es mögen die altherkömmlichen Grundſätze der chriſtlichen Erziehung aus unſerer Volks⸗ ſchule nicht verdrängt werden. Der Allerhöchſte Entſcheid an den Erzbiſchof von München⸗Freiſing erklärt die Beſorg⸗ nis für unbegründet, daß die beklagten Vorgänge eine prin⸗ zipielle Aenderung der bayeriſchen Volksſchulen zur Folge haben könnten. Zugleich wird in dem Handſchreiben die Bitte des Epiſkopats, daß die bewährten Grundſätze der chriſtlichen Erziehung nicht aus den Volksſchulen verdrängt werden möchten, als auch den Allerhöchſten Abſichten ent⸗ ſprechend bezeichnet. Bezüglich der Simultanſchulfrage führte der Herr Miniſter aus: Unter Eingehen auf die prin⸗ zipielle Seite der Sache habe ich zu erklären, daß die Staats⸗ regierung in dieſer Hinſicht den vermittelnden Standpunkt der allerhöchſten Verordnung vom 26. Auguſt 1883 ein⸗ nimmt, die, wie ich glaube, ſich bewährt hat. Im üb⸗ rigen habe man in den vorangegangenen Verhandlungen geſehen, wie ſchroff ſich in dieſer Sache noch die Anſichten gegen⸗ überſtehen und daß auch aus dieſem Grunde das Feſthalten am vermittelnden Standpunkt immer noch das Beſte iſt. Die betreffende Verordnung enthält einen ausgiebigen Schutz der Minorität in Bezug auf die Errichtung neuer Simul⸗ tanſchulen beziehungsweiſe Umwandlung konfeſſioneller Schulen in ſolche. Diejenige Beſtimmung, welche den kirchlichen Ober⸗ behörden eine gewiſſe Befugnis in die Hand gibt, bezieht ſich nur darauf, daß, wenn der Erteilung zureichenden Re⸗ ligionsunterrichtes Hinderniſie im Wege liegen, die Zuſtim⸗ mung zur Errichtung von Simultanſchulen zu verſagen iſt. Neue Simultanſchulen können alſo auch, ſelbſt wenn die kirchliche Oberbehörde nicht einverſtanden iſt, errichtet werden, und das kommt auch hie und da vor. Weiter auf die Sache einzugehen habe ich keinen Anlaß, denn es iſt kein Antrag auf Abänderung der Verordnung geſtellt und ich kann Ihnen verſichern, daß ich noch nie einen Streit in dieſer Sache zu entſcheiden hatte, mit Ausnahme eines ein⸗ zigen, wo in einer Stadt einzelne Klaſſen ſimultan gemacht werden ſollten. Der Miniſter ſchloß: Das Volksſchulweſen iſt wohl der ſchwierigſte Teil meines Reſſorts; gerade die materiellen Fragen, die da der Löſung harren, gehören wohl zu den allerſchwierigſten. Das werden Sie meinen Darle⸗ gungen entnommen haben. Ich glaube aber, daß dieſe Dinge zu einem befriedigenden Ende geführt werden und nament⸗ lich, wenn man ſich hütet, die materiellen Fragen mit politi— ſchen Streitfragen zu verquicken. dieſem Sinne wirken. München. Verſchiedene Zentrumsblätter führen ſeit einiger Zeit einen Krieg gegen das ultramontane Erbauungsblatt „Pelikan“, das den Katholizismus fortwährend durch Jedenfalls werde ich in 142 Begünſtigung des tollſten Aberglaubens bloßſtellt und ſich insbeſondere in Sachen des Taxilſchwindels mit Ruhm be⸗ deckte. Dem Herausgeber, dem Prieſter Künzle, ſind aber mäch⸗ tige Bundesgenoſſen erſtanden. Künzle veröffentlicht nämlich ein Schreiben des Kardinalvikars Parocchi, in dem es heißt: Der heilige Vater beſtätigt und erneuert den Segen, den er ſchon letztes Jahr Ihnen und Ihrer Zeitſchrift überſandte. Er ermutigt Sie dazu, mit ſichern Lehren und Andacht und Salbung in jenen Gegenden die Andacht zum allerheiligſten Sakrament zu verbreiten; denn es iſt der Mittelpunkt der katho⸗ liſchen Frömmigkeit... Empfangen Sie meine beſten Glück⸗ wünſche, die ich dem Herrn für Sie und Ihre Zeitſchrift dar⸗ bringe. Gegeben im Vikariate Ihr Lucid. Maria, Kardinal⸗ Vikar. Rom, 17. Februar 1898. Ferner kann Künzle ſich auf ein Zeugnis des biſchöf⸗ lichen Ordinariats von St. Gallen berufen, das ihm be⸗ ſcheinigt,„daß alle Verdächtigungen und Anſchuldigungen gegen ſeine Perſon als unwahr und lieblos bezeichnet werden müſſen“. Künzle bemerkt dazu: Da durch die Zentrumspreſſe ein neuer Sturm gegen den „Pelikan“ tobte und manche Blätter die ärgſten Verdächti⸗ gungen gegen meine Perſon vorbrachten, hat das biſchöfliche Ordinariat St. Gallen von ſich aus, ohne darum angegangen worden zu ſein, uns das Atteſt zugeſandt zur beliebigen Publi⸗ kation. Unſern lieben Leſern wird es angenehm ſein, aufs neue zu erfahren, daß ſowohl der heilige Vater in Rom als unſer hochwürdigſter Biſchof mit uns iſt. In dem Artikel„Der falſche Myſticismus unſerer Zeit — ein Werk des Ultramontanismus“(Nr. 17) heißt es: „Der ‚auf allen Verſtand verzichtende myſtiſche Duſel', jene Geiſtesrichtung,„deren Träger ohne Beſchäftigung mit allerhand mehr oder minder abgeſchmackten, mindeſtens gänzlich unbeglaubigten ‚Wundern“,„Prophezeiungen“, ‚Heilungen“, ‚Ge⸗ betserhörungen“ und ‚Erſcheinungen“, namentlich des Teufels, ſich anſcheinend recht wohl befinden“, wird eben von einer Macht gepflegt, gegen die auch die ‚Köln. Volksztg.“ nicht ernſt⸗ haft anzukämpfen wagt, ohne ſich ſelbſt aufzugeben. Dieſe Macht aber iſt der Ultramontanismus.“ Iſt das Voranſtehende nicht ein draſtiſcher Beleg dafür! Künzle, unter dem Schutze des„heiligen Vaters“ und ſeines Biſchofs fordert das Jahrhundert in die Schranken. Und das Jahrhundert hat wahrlich Eile, wenn es noch ſiegen will und nicht eine traurige Erinnerung für eine endlich geiſtig befreite Nachwelt ſein will, denn es geht raſch mit ihm zu Ende. Aus Baden. Der bisherige Pfarrverweſer Mülhaupt zu Baltersweil wurde nach Bonn berufen; es tritt an ſeine Stelle Herr Czerwenka. Ueber den neuen Seelſorger der Gemeinde gehen dem„Altk. Volksbl.“ folgende Daten zu: Herr Joſ. Anton Czerwenka wurde am 7. Februar 1870 zu Pilſen geboren, beſtand im Juli 1890 am dortigen Ober⸗ gymnaſium die Maturitätsprüfung, ſtudierte am biſchöflichen Klerikalſeminar zu Leitmeritz 8 Semeſter Theologie und wurde am 17. Juni 1894 daſelbſt zum Prieſter geweiht. Vom 28. Auguſt 1894 bis 31. Juli 1896 war er als Ka⸗ techet in Morchenſtern bei Gablonz a. N. und von da bis Ende Mai 1897 als Kaplan in Radonitz bei Kaaden und ſodann wieder in Morchenſtern thätig. Er wandte ſich der altkath. Kirche zu, bereitete ſich vom Oktober 1897 an für die altkath. Seelſorge im altkath. Seminar zu Bonn vor und wurde zum Pfarrverweſer der Gemeinde Baltersweil beſtellt. Pfarrverweſer Mülhaupt übernimmt das Vorſteheramt des Paulinum in Bonn.. Bonn. Am 14. d. M. verſchied Geheimer Sanitätsrat Dr. Schäfer im Alter von 78 Jahren nach zweitägiger Krankheit, geſtärkt durch den Empfang der hl. Sakramente. Dr. Severin Schäfer war, wie wir dem Nachruf im„Altk. Volksbl.“ entnehmen,„einer der edelſten Vertreter unſerer hl. Sache, ein überaus treues Mitglied und einer der Gründer der Bonner altkath. Gemeinde, zu deren Kirchenvorſtand er von An⸗ fang an gehörte. Der Dahingeſchiedene war geboren zu Königs⸗ winter am 22. Februar 1820. Er ſtudierte in Bonn und wurde am 7. Februar 1846 zum Doktor der Medizin pro⸗ moviert. Bald darauf beſtand er die mediziniſche Staats⸗ prüfung in Koblenz und ließ ſich als Arzt in Ehrenbreitſtein und ſpäter in Bonn nieder, wo er ein halbes Jahrhundert mit opferwilligem Eifer und beſtem Erfolg ſeinem Berufe ge⸗ lebt hat. Wiederholt war er auch Mitglied der Prüfungs— kommiſſion für das ärztliche Staatsexamen. Sein ſegens⸗ reiches Wirken fand vielfache Anerkennung. Er wurde zum Sanitätsrat, ſpäter zum Geh. Sanitätsrat ernannt und mit Orden ausgezeichnet.... Raſtlos hat Geh. Sanitätsrat Dr. Schäfer zum Wohle ſeiner Mitbürger gewirkt bis an ſein ſeliges Ende. Bei uns Altkatholiken insbeſondere wird ſein Andenken nie erlöſchen. Wir wiederholen hier, was wir bei Gelegenheit der Feier ſeines fünfzigjährigen Doktorjubiläums in dieſer Hinſicht geſchrieben: Ueber dem Studium der Natur⸗ wiſſenſchaften und der Medizin hat er nicht wie ſo viele den Glauben an die Wahrheit des Chriſtentums verloren. Schäfer war ſtets ein treuer, gläubiger, frommer Katholik. Und da er aus gutem Grunde mit all' den Seinigen das bis an ſein Lebensende bleiben wollte, ſo ſtellte er ſich im Jahre 1870 mit ſeiner ganzen Familie entſchloſſen auf die Seite derjenigen, die gegenüber den vatikaniſchen Neuerungen von der Religion der Väter nicht abließen und dem alten kath. Glauben die Treue bewahrten. Bei der Wahl des Herrn Biſchof Reinkens war er als Delegierter der hieſigen Gemeinde beteiligt. In der Erfüllung ſeiner religiöſen Pflichten, in dem Beſuche des Gottesdienſtes, in der thätigen Teilnahme an dem Gemeinde⸗ leben ſteht er hinter keinem Bonner Altkatholiken zurück. Ein ganz beſonderes Verdienſt hat er ſich erworben als Mitbe⸗ gründer des Bonner Schweſternvereins, als ſorgſamer Lehrer und Erzieher der Krankenſchweſtern, deren Ausbildung ſeine Lebensfreude geworden war“.... Die Beerdigung fand den 17. April auf dem Friedhofe in Poppelsdorf ſtatt. Ein ſehr anſehnliches Trauergefolge erwies dem Entſchlafenen die letzte Ehre. Am Grabe hielt Herr Pfarrer Demmel einen tief⸗ empfundenen Nachruf, der von der eigenen inneren Er⸗ griffenheit des Redners zeugte, dem der Verſtorbene über 20 Jahre ein väterlicher Freund geweſen. — Am 13. April hatte der Herr Biſchof Dr. Weber die Ehre, an einer Rheinfahrt ſich zu beteiligen, zu der er bei Anweſenheit Ihrer Majeſtät der Kaiſerin Friedrich in Bonn von Sr. Durchlaucht dem Prinzen von Schaumburg⸗Lippe und Ihrer Königl. Hoh. der Prinzeſſin von Schaumburg⸗ Lippe Einladung erhalten hatte. Der Biſchof wurde von Ihrer Majeſtät und dem prinzlichen Paare während der Fahrt mit einer längeren Unterredung beehrt.— Am gleichen Tage hielt der altkath. Bürgerverein ſeine Generalver⸗ ſammlung ab. Der Vorſitzende, Herr Schubach, eröffnete dieſelbe und erſtattete den Jahresbericht. Unter anderm wurde beſchloſſen, die regelmäßigen Monatsverſammlungen des Vereins wiederherzuſtellen und am zweiten Montag jedes Monats abzuhalten; ſodann ſollen ſür den Sommer zwei Ausflüge, einer für den Juni, der andere für den Auguſt, in Ausſicht genommen werden. Bezüglich der Begräbniſſe ver⸗ ſtorbener Vereinsmitglieder wurde beſchloſſen, daß zu jedem Begräbnis eines Mitgliedes die Vereinsgenoſſen ſchriftlich durch beſondere Zettel einzuladen ſeien, und das dahingeſchiedene Mitglied durch eine einfache Kranzſpende geehrt werde. St. Offenbach. Sonntag den 24. April feierte die Gemeinde Offenbach ihr 25jähriges Stiftungsfeſt. Der Herr Biſchof war tags vorher angekommen. Die kirchliche Feier fand Sonntags früh 8 Uhr in der evangeliſchen Stadtkirche ſtatt. Herr Pfarrverweſer Dr. Küppers⸗Heßloch aſſiſtierte dem Herrn Pfarrer Steinwachs beim deutſchen Hochamte, welches ein gut geſchulter Chor verherrlichte. Der Herr Biſchof hielt die Feſtpredigt über den Heiland als den guten Hirten 143 der Menſchheit und über die Bedeutung desſelben für den Altkatholizismus überhaupt und für jeden einzelnen Altkatho— liken. Mittags um 1 Uhr verſammelten ſich gegen 70 Ge⸗ meindemitglieder zu einem einfachen gemeinſamen Mahle im „Kaiſer Friedrich⸗Hotel“. Der Biſchof brachte den Toaſt auf Se. Maj. den Kaiſer und Se. Königl. Hoheit den Groß⸗ herzog aus. Darauf wurde an letzterem ein Huldigungs⸗ telegramm nach Darmſtadt geſandt. Noch manche andere Toaſte folgten: auf den Biſchof, den Pfarrer, den Kirchen⸗ vorſtand, die Gemeindevertretung und die altkatholiſche Jugend. Die Abendverſammlung im evangel. Vereinshauſe war von Gemeindemitgliedern und Gäſten ſehr ſtark beſucht. Eröffnet wurde dieſelbe mit einer poetiſchen Begrüßung des Herrn Biſchofs durch Herrn Lehrer Reiſer. Eine ganze Reihe der herrlichſten muſikaliſchen Genüſſe in Sang und Spiel wurde abwechſelnd mit Vorträgen geboten. Herr Pfarrer Steinwachs gab eine kurze Chronik der Gemeinde. Der Biſchof ſprach über die verſchiedenen Gegner des Altkatholizismus. Herr Fabrikant Müller legte namens der Gemeinde das Gelöbnis treuen Ausharrens ab. Bei voller Anerkennung der beſtehenden Verſchiedenheiten wurde wiederholt die zwiſchen der altkatho⸗ liſchen und den evangeliſchen Gemeinden der Stadt beſtehende Einigkeit und Friedfertigkeit von beiden Seiten hervorgehoben. Der Abend verlief in allſeitig gehobener Stimmung. Zuletzt noch die Mitteilung, daß von verſchiedenen Teilnehmern an dem Feſte 700 Mk. für den Kirchenbau gegeben wurden. Derſelbe iſt für die Gemeinde ein dringendes Bedürfnis. Er ſei daher bei dieſer Gelegenheit allen Freunden des Altkatho⸗ lizismus aufs neue warm ans Herz gelegt. Kroefeld. Am 17. April fand die Einführung des neuen Pfarrers, Herrn Lic. Moog, durch den Herrn Biſchof Dr. Weber ſtatt. Im Anſchluß an die Einführung hielt ſo⸗ dann der neue Pfarrer das deutſche Hochamt und richtete nach Beendigung desſelben vom Altare aus eine Anſprache an die Gemeinde. Mit dem Geſange„Großer Gott, wir loben Dich“ ſchloß die ſchöne Feier. Berlin. Die„Tägl. Rundſchau“ bringt in Nr. 78 einen zweifelsohne vom Grafen v. Hoensbroech ſtammenden Leitartikel über„Das Zentrum“. Wir entnehmen demſelben: Wieder einmal ſteht das Zentrum im Vordergrunde politiſcher Beachtung. Mit unglaublicher Zähigkeit und vollendetem Geſchicke iſt es dem Vertreter des Ultramontanismus in Deutſch⸗ land gelungen, im Laufe der Jahre die parlamentariſche Vor⸗ herrſchaft ſich zu erringen.... Parteien und Regierung ſtehen bittend an ſeinen Thüren. Erſtaunlicher Wechſel! Wie lange iſt es her, daß weder Regierung noch Parteien etwas vom Zentrum wiſſen wollten; daß man ſeine Mitglieder„Reichs⸗ feinde“ ſchalt; daß man geſchloſſen wie ein Mann das Zen trum niederſtimmte und ihm mit erdrückender Mehrheit Geſetze an den Nacken zwang, die es vernichten ſollten?...(Und jetzte²) Das Ziel iſt erreicht, ſo vollſtändig, daß nnſere künftigen Panzerkoloſſe, mit der kaiſerlich deutſchen Kriegs⸗ flagge im Topp, an ihrem Bug die Inſchrift tragen dürfen: von Zentrums Gnaden; ſo vollſtändig, daß am 1. Januar 1900 die erſte Rechtſprechung auf Grund des „Bürgerlichen Geſetzbuches für das Deutſche Reich“ Herrn Dr. Lieber und Genoſſen ihr juriſtiſches Daſein verdankt. Herr von Miquel nannte beides neulich: nationale Thaten des Zentrums. Das Zentrum eine nationale Partei! Und ſeine Thaten nationale!... Nie iſt das Zentrum vater⸗ ländiſch um des Vaterlandes willen; immer und überall iſt ſeine„nationale“ Politik untergeordnet den„höheren“ Rück⸗ ſichten ultramontaner Weltpolitik. Auch die vom Zentrum bewilligte Flotte fährt im Kielwaſſer des„Schiffleins Petri“; auch das vom Zentrum dem Deutſchen Reiche geſchenkte „Bürgerliche Geſetzbuch“ ſteht unter dem„kanoniſchen Recht“. Nichts lernen unſere Politiker, mögen ſie Miniſter oder Partei⸗ führer heißen, aus der Geſchichte. Wo in aller Welt iſt der Ultramontanismus echt und recht national geweſen; wo hat man ihn jemals durch Zugeſtändniſſe und Nachgeben befriedigt? Das Gegenteil ſteht auf jedem Blatte der Ge— ſchichte, aber beachtet wird es nicht. Nun redet man viel von einer Wandlung des Zentrum, und ſelbſt ein Mann von der geiſtigen Bedeutung des Herrn v. Bennigſen hat erſt vor wenigen Tagen im Reichstage dieſe Wandlung hervor⸗ gehoben. Iſt es denn wirklich nötig, auszuſprechen, daß das Zentrum und ſeine Ziele ſich nicht wandeln, daß nur die Mittel, deren es ſich bedient, mit diplomatiſchem Geſchick von ihm gewechſelt werden; temporum ratione habita. Vor zwanzig Jahren war das Zentrum Widerſtaudspartei bis aufs Meſſer; denn damals galt es, das katholiſche Volk unter der Vorſpiegelung, der Kampf gelte ſeiner Religion, um die Kriegsfahne des Ultramomtanismus zu ſcharen; heute und ſchon länger iſt das gleiche Zentrum regierungs⸗ freundlich und national, denn heute gilt es, die im Kampf und Sieg geſchaffene mächtige Stellung nach allen Richtungen hin einflußreich zu verwerten. Das iſt aber natürlich nur möglich unter„nationaler“ Flagge.... Wir weiſen auf den genialſten deutſchen Staatsmann hin, dem wir Deutſchlands Einheit und damit Deutſchlands Größe verdanken. Am 28. No⸗ vember 1885 ſprach Fürſt Bismarck die inhaltſchweren Worte: „Ich habe das gelernt, daß mit den Grundſätzen der Politik des Zentrums weder das Deutſche Reich, noch der preußiſche Staat auf die Dauer exiſtieren können. Ich habe gelernt, daß ein Bund mit den Herren nicht zu flechten iſt, ohne die Exi⸗ ſtenzbedingungen der preußiſchen Monarchie auf⸗ zugeben.“ Wenn ein Bismark dies als die Summe ſeiner langjährigen Erfahrung zieht, dann ſollten unſere heutigen Politiker, große wie kleine, ſich wenigſtens hüten, dem Gegen⸗ teil das Wort zu reden. Oberflächliche Beobachter werden das Verhalten des Zentrums in der Septennatsfrage ent⸗ gegenhalten. Damals ſprach Rom, und das Zentrum ge⸗ horchte nicht. Und doch iſt gerade dieſer Vorgang ein Beweis dafür, daß das Zentrum ein Werkzeug des ultramontanen Papſttums iſt. In heißer Erregung, als die Befolgung der römiſchen Richtſchnur ihm ſeine eigene Machtſtellung im Lande und Parlament zu koſten ſchien, hat es ſich allerdings den römiſchen Befehlen für einen Augenblick entzogen, um aber ſofort unter Zeichen lebhafteſten Bedauerns unter den Hirten⸗ ſtab zurückzukehren. Der Zentrumsführer Frhr. von Franken⸗ ſtein wurde nach Rom beſchieden, um dem Papſte und ſeinem Kardinal⸗Staatsſekretär die verlangten Aufklärungen zu geben. Wo iſt es jemals erhört, daß eine politiſche Partei einem fremden „Souverän“ und ſeinem erſten politiſchen Miniſter ſich ſtellt ad audiendum verbum und der fremden Macht Rechenſchaft ablegt über die Abſtimmung in einer innerpolitiſchen, vater⸗ ländiſchen Frage? Hier tritt der ultramontane, undeutſche Charakter der Zentrumspartei(von ihren einzelnen Gliedern iſt nicht die Rede) in ſchneidender Schärfe hervor. Wir ſind nicht gegen das Zentrum immer und überall, und wir ſind noch weniger gegen ſo manche nützliche Anregung, die auf geſetzgeberiſchem Gebiete aus ſeinem Schoße von einzelnen ſeiner Glieder ausgegangen iſt. Aber wir ſind gegen ſeine Grundſätze als Partei, und wir machen Front gegen den verderblichen ſich allmählich feſtſetzenden Wahn, das Zentrum ſei national, oder könne es jemals werden. Böhmen. Die altkatholiſche Gemeinde Warnsdorf hielt am 17. April ihre diesjährige Hauptverſammlung ab. Aus dem gedruckten Bericht iſt das Hauptſächliche bereits mitgeteilt. An die Hauptverſammlung ſchloß ſich ein zahl⸗ reich beſuchter Familienabend, bei welchem Muſikſtücke, ſowie verſchiedene Lieder und Deklamationen zum Votrag kamen. Dazwiſchen hielt Herr Bistumsverweſer Czech einen längeren Vortrag über die Erfolge und Ausſichten der katholiſchen Reformbewegung. Die Verhältniſſe und Zuſtände der Gegen⸗ wart ſeien allerdings wenig ermutigend. Das gerade Gegen⸗ teil von dem, was Altkatholiken erſehnten und erſehnen, ſei jetzt ſiegreich zum Durchbruch gelangt. Der Papismus ſteht auf dem Gipfel ſeiner weltlichen Macht, und die Veräußer⸗ — Herausgeber und Redakteur: A. Gatzenmeier.— Kgl. Hof⸗ u. Unwverſitäts⸗Buchdruckerei von Dr. C. Wolf& Sohn in München. 144 lichung des kirchlichen und religtöſen Lebens und die Super⸗ ſtition haben ihren Höhepunkt erreicht. Und doch hoffen wir, ſagte Redner, weil uns keine Macht dieſer Welt zu dem Glauben zu bekehren vermag, daß die verweltlichte jeſuitiſche Richtung Siegerin bleiben werde in der Kirche; wir hoffen, weil wir in innerſter Seele die Ueberzeugung hegen, daß die flüchtige Abkehr von den lichtvollen Wahrheiten des lauteren Chriſtentums die hohe und erlöſende Bedeutung desſelben den Völkern nur noch eindringlicher wieder vor Augen führen muß. Hoffentlich werde ſich kein Altkatholik von den Lockungen der im Augenblicke ſiegreichen Reaktion verführen laſſen, ſondern jede Zumutung zu ſchwächlichen Kompromiſſen mit den Trä⸗ gern der Reaktion im öffentlichen und Privatleben mit Ent⸗ ſchiedenheit zurückweiſen. Redner ſpielte auf den Mißbrauch der nationalen Strömung ſeitens der Ultramontanen an. Wer in der Kirche die Mutterſprache verleugne, ſelbſt das kirchliche Volkslied romaniſiere, dem Volke ſeine Freiheit und ſeine Bildungsmittel verkümmern will, ſei in der That ein Feind des Volkes, mag er ſich hundertmal deutſch nennen. Freiheit und Bildung ſeien die Vorbedingungen für eine würdige nationale Exiſtenz eines Volkes. Redner ſchließt mit einem warmen Appell zu einmütigem und opferfreudigem Zuſammen⸗ ſtehen aller im Kampfe für die heilige Sache. Reicher Beifall lohnte den Redner. Wien. Nach dem gedruckten Jahresbericht für 1897 wurden in der altkatholiſchen Gemeinde dortſelbſt an kirchlichen Handlungen vollzogen: 37 Taufen, 23 Begräbniſſe, 16 Trau⸗ ungen. Beigetreten ſind der Gemeinde im verfloſſenen Jahre 58, ausgetreten 7 Perſonen. Die Mehrung im ganzen ſind 65 Seelen. Am gemeinſchaftlichen Unterricht beteiligten ſich 191 Schüler und Schülerinnen der Volks⸗ und Bürgerſchulen; 8 Mittelſchüler und 1 Lehramtskandidatin genoſſen beſonderen Unterricht. Es gab 33 Erſtkommunikanten und 26 Firmlinge. Am 2. September hatte die XVIII. Synode ſtattgefunden. Altkatholiſche Gemeinde Kattomwitz. Sonntags, den 1. Mai ds. Js., findet in Kattowitz die Einweihung der neuerbauten(alt) katholiſchen Kirche durch den hoch⸗ würdigſten Herrn Biſchof Dr. Weber aus Bonn ſeatt. Zu dieſer Feſtfeier beehren ſich die unterzeichneten Gemeindekörper⸗ ſchaften hiedurch aufs freundlichſte einzuladen unter gleichzeitiger Mit⸗ teilung folgenden Programms: 1. Sonnabends, den 30. April, abends 8 Uhr, im Saale des Herrn Max Wiener(Höôtel de Prusse): öffentlicher Feſt⸗ und Familienabend mit einem Vortrag des hochw. Herrn Biſchofs und muſikaliſchen Vorträgen. Zu dieſer Vorfeier haben Angehörige aller Konfeſſionen mit ihren Familien freien Zutritt. 2. Sonntags, den 1. Mai, vormittags 10 Uhr: Einweihungsfeier mit daran ſich ſchließendem Hochamt; Feſtpredigt des Herrn Biſchofs und Anſprache des Herrn Pfarrers Kaminski aus Thiengen in Baden, des Gründers der Gemeinde. 3. Nachmittags 4 Uhr: Feſtmahl im Saale des Hôtel de Prusse. Preis des trockenen Gedecks 3 Mark. Eine Liſte zum Einzeichnen liegt bis zum 30. April beim Herrn Max Wiener aus. Anmeldungen zu dem Feſtmahl nehmen auch die beiden unterzeichneten Vorſitzenden entgegen. Der Kirchenvorſtand: Die Gemeindevertretung: Karl Müller, Max Gierth, Vorſitzender u. Pfarrer. Vorſitzender. Zu vorſtehender Einladung ſei noch Folgendes bemerkt: Beſondere ſchriftliche Einladungen an die Mitglieder der Kattowitzer Gemeinde, an die auswärtigen Glaubensgenoſſen, Gemeinden und Herren Geiſtlichen— mit Ausnahme der benachbarten ſchleſiſchen— ergehen nicht. Die Herren Geiſtlichen, die an den Einweihungsfeierlichkeiten teil⸗ zunehmen beabſichtigen, werden gebeten, Soutane, Chorrock, Kragen, Stola und Birett mitzubringen, ſowie die Zeit ihrer bezw. der Herren Deputierten Ankunft in Kattowitz unter gleichzeitiger Angabe der Namen derſelben dem Pfarrer Müller rechtzeitig mitzuteilen. Am 1. Mai iſt der Eintritt in die Kirche nur gegen Vorzeigung von Einlaßkarten geſtattet, die bei den unterzeichneten Vorſitzenden un⸗ entgeltlich zu haben ſind und von den auswärtigen Teilnehmern beim Familienabend oder vor dem Gottesdienſte in Empfang genommen werden können. Diejenigen Herren Geiſtlichen und Abgeordneten, welche an dem Montags, den 2. Mai, in der Gleiwitzer Gemeinde ſtattfindenden biſchöflichen Gottesdienſte und dem daran ſich ſchließenden Feſtmahl und Familienabend ſich zu beteiligen gedenken, wollen dies dem Pfarrer Müller zu Kattowitz oder direkt an den Vorſitzenden des Gleiwitzer Kirchenvorſtandes, Herrn Profeſſor Hawlitſchka vorher mitteilen. 29. Jahrg. 4 16. 16. April 18988. la Deutſcher Merkur. Birtenit ilhe Prein 1— der Poſt: Redaſttion: München, Jungfernthurmſtraße 2. Colour& Grey Control chart G Saupt-eryexition: mänchen Kgl. Hof⸗ und Univerſitäts⸗Buchdruckerei B1 Cyan Green Vellow Hed Magenta von Dr. C. Wolf& Sohn. Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black ng. Exped. für Köln und Deutz, Paul Neubner Buch⸗ und Kunſthandlung, Köln, Hoheſtr. 81. Der Ultramontanismus. Sein Weſen und ſeine Be⸗ München(Die Ziele des Ultramontanismus in Zerlin(Die römiſche Kirche in ihrer Thätigkeit).— 3 EZ— Aus Holland(Altkatholiſches aus Egmond XE bſe Unduldſamkeit).— Griechenland(Prof. Kyriakos 7i ſü bis zur Mitte unſeres Jahrhunderts =m wnerrn— eKtholiſch⸗theologiſche Fakultät verbunden war, Prns an einem nahe gelegenen Beiſpiel zu zeigen, wie man den Das„Mainzer Journal“ hat in Nr. 303 vom 29. Dez. gottvergeſſenen, unſer engeres und weiteres Vaterland aufs vor. Js. in echt jeſuitiſcher Weiſe auf mein heutiges Vor⸗ tiefſte ſchädigenden Ultramontanismus bei uns eingeſchmuggelt tragsthema aufmerkſam gemacht und mit geiſtreich ſein ſollendem hat. Wenn das„Mainzer Journal“ glaubt, mich mit dem Humor die Hoffnung ausgeſprochen, ich möchte mich der Worte„Toleranz“ hänſeln zu können, ſo ſpricht es da von Röntgenſtrahlen bedienen, damit ich mir nicht den Vorwurf einer der herrlichſten chriſtlichen Tugenden, welche der Hei⸗ zuziehe, ich ſei nur von einem„Irrlicht“ verblendet geweſen. land bei den verſchiedenſten Anläſſen in den mannigfaltigſten Nun, der Röntgenſtrahlen bedarf ich nicht: die Heroſtrats⸗ Wendungen den Seinen ans Herz gelegt hat, von welcher arbeit ſamt den Triebfedern dazu liegen ſo offen vor mir da, jedoch ein ultramontaner Zeitungsſchreiber gerade ſo viel daß ich nur zu kopieren brauche. Uebrigens hätte ſich das verſteht, wie die alten Phariſäer. Sie verſtehen es nicht, Blatt des alten Sprichworts erinnern ſollen, daß man im wenn ich ihnen ſage, daß es mich immer tief ergriffen hat, Hauſe des Gehängten nicht vom Stricke reden ſoll. Leute, wenn ich an einem in proteſtantiſchem Gotteshauſe au fgerich⸗ veren oberſter, mit göttle chen Prärogariven ausgeſtaurerer Herr 12t ko. hollſchen Altur ſungierle, weil mich 5˙5 Geſuhl uber⸗ und Führer ſich durch ganze 12 Jahre hindurch von dem mannte:„Es gibt in dieſer Stunde weit und breit keinen Irrlicht Leo Taxil durch alle Sümpfe mittelalterlicher Teu⸗ heiligeren Ort, als dieſes proteſtantiſche Gotteshaus, in dem feleien ziehen läßt, ſollten ſo vorſichtig ſein, das Wort Irr⸗ die Liebe Chriſti ihren Thron aufgeſchlagen hat.“ Als wir licht gar nicht in den Mund zu nehmen. Was wir an darum in der von mir paſtorierten Gemeinde Heßloch eine Irrlichteln in der ultramontan gewordenen Religionsgeſellſchaft altkatholiſche Kirche erbaut hatten, luden wir den evangeliſchen miterleben mußten, iſt ſo unglaublich und maſſenhaft, daß Pfarrer von Dittelsheim, deſſen Pfarrkirche uns 16 Jahre nur eine Gemeinſchaft darunter nicht zuſammenbrechen konnte, hindurch Unterſtand geboten hatte, ein, nach Bedarf von un⸗ die es verſtanden hat, die mächtigſte Oppoſitionspartei im ſerer neuen Kirche Gebrauch zu machen, weil wir glaubten, Reichstage zuſtande zu bringen, um die ſich die übrigen kleinen daß dieſer gemeinſame Gebrauch der Chriſtuskirche erſt die Kläffer ſcharen und dadurch zu einiger Bedeutung gelangen rechte Weihe verleihe. Ich weiß es, weil ich es ſelbſt erlebt konnten. Hyperliberale, Proteſtler, Polacken, Welfen und habe, daß man mit Millionen Chriſten ſich in Glaube und Sozialiſten ſind tagtäglich an der Arbeit, daß ihr Schutz Liebe verbunden fühlen kann, ohne eines unfehlbaren Ober⸗ und Schirm, der Zentrumsturm, der allein ihnen Leben und prieſters zu benötigen. Es iſt nach meiner Venceſien und A Daſein verbürgt, keinen Schaden nehme. Ein Blick auf das tiefſten Ueberzeugung ein furchtbares, an der Menſchheit be⸗ Frankreich der letzten Wochen ſollte allerdings dieſe Leute argene Verbrechen, ſie glauben gemacht zu haben, der belehren, daß ſie fremde Arbeit verrichten. Chriſt bedürfe eines Menſchen oder gar eines zu Rom thro⸗ Wenn uns das Mainzer Journal“ unterſtellt, wir nenden Prieſters. um ſelia au- mardan — hätton audt ae——õy—— 1' TeE INNNn W 2 WNaeTITPEnſnn 9 20 21 22 23 24 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 2 Oem 1 2 3 4 5 un 9 9 1 C. 6 8 3 U V.„— IIILIII—,, wrerr, Oier wozufreuern, rann ich nicht umhin, den päpſtlichen Fahnen⸗ frommen und wahrhaft katholiſchen Männern, mit denen ich trägern für Wahrheit, Freiheit, Recht die tröſtliche Ver⸗ das Glück hatte, noch in de letzten Jahren ihres Lebens zu ſicherung zu geben, daß auch ich der Ueberzeugung geworden verkehren, und die immer nur mit tiefer Wehmut daran bin, daß eine römiſch⸗katholiſche theologiſche Fakultät in denken konnten, daß ſie aus ihrem Berufe, der das Glück den Verband weder der Gießener noch irgend einer wirklichen ihres Lebens geweſen war, ſo ſchmählich herausgeriſſen wurden, Univerſität gehört; denn die Aufgabe der Univerſität iſt die ein Wort der Erinnerung zu weihen, und der heutigen Ge⸗ Pflege der Wiſſenſchaft, alſo die Aufgabe der theologiſchen neration, die kaum mehr eine Ahnung hat, daß mit der Fakultät das Forſchen nach ewiger Wahrheit. Hat —— nun eine Kirchengemeinſchaft das Glück, den unfehlbaren *) Ein dunkles Blatt in der neuern heſſiſchen Geſchichte. Statthalter Chriſti in ihrer Mitte zu haben, der alle Wahr⸗ Vortrag im evangel. Männerverein, 16. März 1898. heit im Schreine ſeiner Bruſt trägt, dann iſt eine ſolche