7.2 G55 Por hundert Jahren. —,— Die Flucht des Gießener Univerſitäts⸗Archivs vor den Franzoſen 1796. Von Dr. H. Buchner. Sießen 1396. Brühl'ſche Univ.⸗Buch⸗ u. Steindruckerei(Pietſch& Scheyda), Gießen Ohne Zweifel wird bei der Feier des dreihundertjährigen Beſtehens der Hochſchule Gießen 1907 von berufener Seite eine ausführliche Geſchichte derſelben erſcheinen. Bauſteine dazu auch jetzt ſchon zuſammenzutragen und auf mancherlei Material hinzuweiſen, was in unanſehnlichen Actenbündeln vergraben iſt, kann vielleicht erwünſcht ſein. Es iſt bekannt, daß die Feſtung Gießen dreimal von den Franzoſen beſetzt war: 1) während des ſiebenjährigen Krieges vom 16. Novem⸗ ber 1758 bis zum Schluſſe des Krieges 1763; 2) 1796 vom 8. Juli bis 11. September; 3) vom 21. April 1797 bis zum März 1799. Jetzt, gerade nach hundert Jahren hat die zweite Be⸗ ſetzung ganz beſonderes Intereſſe für uns und iſt durch Wiederdruck der„von einem Augenzeugen“ vor hundert Jahren erſchienenen„Kriegsgeſchichte der Stadt und Veſtung Gießen und deren umliegenden Gegenden“ in verdienſtvoller Weiſe auf die Geſchehniſſe der damaligen ſchweren Zeit aufs neue hingewieſen worden. Originalſchilderungen aus damaliger Zeit ſind ſelten. Wer hat Muße gehabt, ſeine Beobachtungen und Erlebniſſe aufzuſchreiben? Und doch hat es ſolche ſon— derbare Käuze gegeben. Einer derſelben war der Lehrer der franzöſiſchen Sprache Fr. Thom. Chaſtel an der Hoch⸗ ſchule in Gießen. Sein Tagebuch von 1796 befindet ſich jetzt in der Hofbibliothek zu Darmſtadt. Dr. E. Heuſer hat das Verdienſt, daſſelbe neu ausgegraben und in Bd. 5 der Mittheilungen des Oberheſſiſchen Geſchichtsvereins mit einer auszuglichen Veröffentlichung begonnen zu haben. Fortſ. und Schluß— es ſind ſehr ausführliche Aufzeichnungen und man ſtaunt, daß Chaſtel bei ſeinen vielen Arbeiten die Zeit noch dafür auftreiben konnte— werden in Bd. 6 und 7 der„Mittheilungen“ folgen. Bei weitem weniger anſpruchsvoll ſind die Aufzeichnungen des Bauern Abel von Krofdorf, der unentwegt ſein Haus⸗ buch trotz Krieg weiter führte. Er ſchreibt auf, was ihn beſonders intereſſirt, namentlich auch die Fruchtpreiſe. So finden wir z. B. die folgenden Aufzeichnungen, die auch jetzt noch nicht ohne Intereſſe ſind. „1792. Das Korn galt den Frühling im Mai 5 fl. 10 kr., auch 20 kr. 2 Pf., die Gerſt 4 fl. 20 kr., im September auf dem Schloß(Gleiberg) Korn 5 fl., Gerſt 4 fl. Ich nahm 43 Achtel und 10 Achtel Gerſt davon und 4 Wochen her⸗ nach richteten die königl. Preußen ein Magazin in Gießen auf, gaben gleich vor 8 Meſten Korn 8 fl. und vor die Gerſt 6 fl., vor den Centner Heu 3 fl.“ „1794. Den Herbſt kamen um oder nach Michaeli die Kaiſerlichen mit beſtändiger Einquartirung von Brabant und den Niederlanden zurück und hatten den ganzen Winter bis um Pfingſten die Kanonier und Füſilier zur Einquartirung, auch kaſſeliſche Stückknecht, welche ab und zufuhren, da nahm dann die Theurung täglich zu; der Ctr. Heu galt anfänglich 2 fl. 40 kr., zuletzt 3 fl. 40 kr., das Korn das Achtel 17 fl., die Gerſt 13 fl., Hafer 11 fl., Weizen 24 fl.¹ Weit wichtiger aber ſind die Aufzeichnungen Abels von Krofdorf durch die kriegsgeſchichtlichen Notizen, die einen Vergleich geſtatten zwiſchen dem Verhalten der Heere in einer Stadt und einem wehrloſen offenen Dorfe. Er ſchreibt darüber: „1795. Um den Februar 1795 hatten wir 7 Königl. Preuß. Durchzüg und hatten jedesmal Raſttag hier und machten viel Unkoſten mit Zehrung und Vorſpann, und iſt bisher nichts bezahlt worden. Den Herbſt hatten wir die Rohaniſchen Huſaren hier, es waren keine von den beſten“. Wir werden noch mehrmals auf die Abel'ſchen Auf⸗ zeichnungen zurückzukommen Gelegenheit haben, wenden uns zunächſt jedoch den Ergebniſſen zu, die das Studium des alten Actenmaterials ergiebt. Bei allen dieſen alten Geſchichten darf nicht vergeſſen werden, wie langſam und unſicher ſich damals alle Nachrichten verbreiteten. Der Verkehr war gering und in der Kriegs⸗ zeit noch mehr beſchränkt, die Wege ſchlecht und unſicher und ſo iſt begreiflich, daß die Kunde von auswärtigen Ereigniſſen nur als Gerüchte ſich verbreiteten, die aber lawinenartig wuchſen und bis ins ungeheuerliche oft verzerrt wurden, je weiter ſie ſich verbreiteten. Die Bewohner der Feſtung Gießen waren durch Wall und Graben geſchützt, ſie konnten den kriegeriſchen Ereigniſſen ruhiger entgegenſehen. Anders aber war es auf dem flachen Lande und in den Dörfern. Am 5. Juni 1796 verbreitete ſich das Gerücht in Gießen, die Franzoſen ſeien im Anrücken auf die Gegend. Es war bekannt genug, weſſen man ſich von einem ſolchen Beſuch zu gewärtigen habe, und ſo war es nicht zu ver⸗ wundern, daß die Einwohner der Stadt, beſonders diejenigen, welche etwas verlieren konnten, vom größten Schrecken befallen wurden. Ganz beſonders ſchlimm waren die Beamten daran, welche öffentliche Kaſſen zu verwalten hatten. Schon 1795 hatte der Hochſchule dieſelbe Gefahr ſeitens der Franzoſen gedroht, als dieſelben im September zum erſtenmal über den Unterrhein und die Lahn gingen. Zwar war im Frieden von Baſel(April 1795) durch eine De⸗ markationslinie das nördliche Deutſchland mit Gießen für neutral erklärt worden, während im ſüdlichen Deutſchland der Krieg fortdauerte, aber man war trotzdem keineswegs ſicher, ob die Franzoſen nicht doch dieſe Demarkationslinie überſchreiten und unſere Stadt trotz der preußiſchen Beſatzung bedrohen würden. Es wurde deßhalb im September 1795 in aller Eile vom Senat der Hochſchule auf Antrag des Univerſitäts⸗Secretär Oßwald beſchloſſen, es ſollten die Quartals⸗ und Hausbeſoldungen im voraus bezahlt und der Reſt der Kaſſe dann in einen ſicheren Verſteck gebracht wer⸗ den, doch verzog ſich die drohende Gefahr und es war nicht nöthig, einen weiteren Beſchluß zu faſſen. Anders war es Anfang Juni 1796. Da war Gießen nicht mehr durch eine Demarkationslinie geſchützt und de feindliche franzöſiſche Armee näherte ſich in bedenklicher Weiſe unſerer Gegend. Freilich waren die Mittheilungen über die Zeitereigniſſe ebenſo langſam wie unzuverläſſig und beſtanden vorwiegend auf mündlichen Ueberlieferungen, aber gerade dadurch wurden auch kleinere Ereigniſſe zu großen aufgebauſcht. Als am 5. Juni 1796 die erſten Nachrichten von dem Anrücken der Franzoſen nach Gießen kamen, wandte ſich ſofort der vorſichtige Univ.⸗Secretär Oßwald mit einem „unterthänigſten Bericht“ an den Rector Müller der Hoch⸗ ſchule, in welchem es heißt: „Nach einer hier umgehenden und von Wetzlar hierher gekommen ſein ſollenden Nachricht ſollen dieſſeits des Rheins die Kaiſerlichen das Unglück haben, ſich retiriren zu müſſen, und beiderſeitige Armeen nur noch 11 Stunden von hier ent⸗ fernt ſein. Wieweit die Sage gegründet iſt, iſt mir unbe⸗ kannt. Aber da der Fall, bei fernerem Glück der Franzoſen einen Zuſpruch von ihnen zu bekommen um ſo mehr jetzt möglich iſt, als Gießen jetzt außer der Demarkationslinie liegt, ſo räth die Vorſicht an, unterthänig anzufragen, 1) ob, um den Geldvorrath zu vermindern, ich irgend die Beſoldung des dritten Quartals ſchon jetzt zum voraus bezahlen ſoll, und 2) zum Einpacken und Transport der Documente, der Obligationen, des Geldes ec. einſtweilen Anſtalten getroffen werden ſollen. Und um bei widrigen Ereigniſſen auch allem künftigen Zweifel und entſtehen könnenden Fragen zuvor zu kommen, erkläre ich mich mit zu meiner Sicherheit bereit, den Geld⸗ vorrath vorzulegen und den Fruchtvorrath in Gegenwart eines der Herren Profeſſoren(denn der Controlleur iſt gegen⸗ wärtig nach Caſſel verreiſt) ſtürzen zu laſſen, und dies letztere möchte auch nothwendig bei der Univerſitäts⸗Vogtei ſein“. Dieſer Brief iſt ein Beleg für den paniſchen Schrecken, den die ganze Bevölkerung beim Herannahen der Franzoſen erfaßt hatte. Waren doch auch die vorausgeeilten Schreckens⸗ berichte dazu angethan, nicht die Beſitzenden allein das Schlimmſte von den Franzoſen befürchten zu laſſen. Nach Abel's Hausbuch kamen die erſten Kaiſerlichen erſt am 5. Juli auf der Retirade von der Sieg nach Krof⸗ dorf. Das Fußvolk blieb eine Nacht daſelbſt, die Reiterei aber blieb als Vorpoſten bis zum 7. Juli hier ſtehn; da kamen von Rodheim her die Franzoſen, vor denen die Kaiſer⸗ lichen nach Gießen abzogen. Doch wurde dieſe Feſtung erſt am 11. Juni von den Kaiſerlichen beſetzt. Wie die Franzoſen nach Krofdorf kamen, fingen ſie gleich damit an, die Leute zu plündern und zu mißhandeln. Sie drangen in die Häuſer ein und erpreßten mit Drohungen und Gewalt von den Leuten Geld und plünderten bis in die Nacht. Viele Weibsleute wurden vergewaltigt. Gleich den folgenden Morgen wurde die Plünderung und der Raub an Kleidern, Eßwaaren, Geld und Schuhwerk fortgeſetzt, alles mit Gewalt genommen und auch Hühner und Gänſe fort⸗ geſchleppt. Alles dieſes ging noch bei etlichen Leuten leidlich, bis gegen 4 Uhr. Da kamen etliche tauſend Mann von der Hardt, welchen Gleiberg und Krofdorf zu plündern preis⸗ gegeben worden. Aber ſchon lange vorher war der Senat der Hochſchule nicht unthätig. Es wurde ſofort beſchloſſen, die Archivalien und Werthpapiere in eine Kiſte zu packen und nach Grünberg zu ſchicken. Der Oberſtlieutenant v. Schäffer ſtellte zwei Jäger zur Verfügung, welche die Kiſte begleiten und bei derſelben als Wache in Grünberg bleiben ſollten. Der Univerſitäts⸗Oekonomus Hoffmann daſelbſt war ſchon an demſelben Tage brieflich davon benachrichtigt und aufgefordert worden, für ſichere Verwahrung der Werthſendung zu ſorgen. Aber dieſer war in derſelben Verlegenheit wie Oßwald; er hatte etwa 1200 fl. Geldvorrath und fürchtete, dieſe könnten ihm von den Franzoſen, wenn ſie auch nach Grün⸗ berg kämen, abgenommen werden. Er bat daher Oßwald brieflich um fingirte Quittungen,„ſo könnte ich doch ſagen, daß das Geld fort iſt“. Meine Nichte und viele Jungfern beſtehn darauf, daß ſie flüchten wollen, aber wohin?“ In Gießen war kein Fuhrwerk für den Transport nach Grünberg zu haben; Hoffmann ſchickte daher einen mit zwei Pferden beſpannten Wagen und einen anderen mit zwei Paar Ochſen von Grünberg aus nach Gießen. Wirklich ging die Sendung am Morgen des 8. Juni unter Bedeckung von zwei Jägern und mit Begleitung durch den Fruchtmeſſer Weller von Gießen nach Grünberg ab. Aber auch da war an die Möglichkeit einer weiter nöthigen Flucht zu denken. Der unermüdliche Oßwald wandte ſich daher ſchon am 7. Juni nach Alsfeld an den Univerſitäts⸗Oekonomen Vollhard und ſetzte ihn von der Annäherung der Franzoſen in Kenntniß und von der großen Beunruhigung, welche dadurch über die ganze Gegend gekom⸗ men ſei. Vor drei Tagen habe das Flüchten ſeinen Anfang genommen und dauere noch ununterbrochen fort. Nicht nur Vornehme und Reiche, ſondern auch Bauernfamilien ſuchen einen ſicheren Ort. Eme Menge junger Bauersmädchen, die alle um ihre Sicherheit beſorgt ſeien, wären in Gießen an⸗ gelangt. Obgleich ſeit geſtern etwas beruhigendere Nachrichten eingelangt ſeien, ſo wäre doch der wichtigſte Theil des Uni⸗ verſitäts⸗Archivs nach Grünberg an den Oekonomen Hoff⸗ mann abgegangen, mit der Anweiſung, die Kiſten bei An⸗ näherung der Gefahr nach Alsfeld weiterzuſenden. Er gebe vorläufig davon Nachricht mit der Bitte, die Sendung ihrer Wichtigkeit und ihres großen Werthes wegen in ſorgfältige Verwahrung zu nehmen. Sollte aber das Unglück ſo weit über uns verhängt werden, daß auch Alsfeld mit einem feindlichen Beſuch bedacht würde, ſo möge er die Sendung ins neutrale Caſſel'ſche nach Ziegenhain oder Hersfeld befördern. Für Hoffmann in Grünberg war die Verwahrung der Werthkiſten doppelt verantwortlich. Hatte er doch ſelbſt, außer baarem Gelde die Giltbücher und Pachtregiſter zu ver⸗ wahren, und die Angſt vor den Franzoſen war daher bei ihm beſonders groß.„Es ſieht gar bös aus, Gott ſchicke uns den Frieden, weiter iſt keine Hoffnung“, ſchreibt er an Oßwald in einem eiligen Brieſchen, in dem er um weitere Anordnungen bat. Er beeilte ſich deßhalb auch, gleich om 8. Juni die große Kiſte mit Akten und den Koffer mit Geld nach Alsfeld weiter befördern zu laſſen, wo ihn der Univer⸗ ſitäts⸗Oekonom Vollhard erwartete. Wieder dienten dabei die zwei Jäger als Bedeckung, als weitere Hülfe folgte der Fruchtmeſſer Weller von Grünberg. In Ermenrod wurde übernachtet. Doch hatte man ſchon Kunde, daß die Furcht übertrieben ſei und man nichts mehr zu fürchten habe.„Die Friedberger Damen, die bis Alsfeld und weiter gereiſt waren, wurden zurückberufen und Großh. Rektor Roth nebſt Großh. Juſtiz⸗ rath Schnack fuhren am Freitag Mittag hier ab. Die Frau Rektor nebſt Kind und zwei Brüdern, auch zwei Jungfern Rupprecht ſind noch bei mir und trocknen noch an ihren Effecten in allen Stuben, denn das Waſſer tropfte von ihnen aus allen Ecken und Enden. Sie erwarten heute ihre Zurück⸗ berufung, aber das Wetter iſt ſehr ungünſtig und die Nach⸗ richten wollen wieder zweideutig werden; ſonſt werde ich ſie wieder mit meiner Emigrantenchaiſe mit den langen Heu⸗ leitern nachhaus fahren laſſen müſſen. Dero Demoiſell Tochter nebſt Geſellſchaft werden vermuthlich noch in Londorf ſein.— ——— Dergleichen Reiſen ſind ganz verzweifelte Geld⸗ ſachen, und was iſt nicht an Kleidern und Effecten verdorben worden. Es ſoll mich freuen, auch bald von Ihnen etwas vom Oelblatt des Friedens, oder doch wenigſtens von unſerer Sicherheit zu leſen, um auch beiläufig zu wiſſen, wann die Sachen wieder zurückgehn müſſen“. Der hochgradigen Aufregung war alſo raſch eine gewiſſe Vertrauensſeligkeit gefolgt und der alte Vollhard dachte — 10— ſchon an eine Rückſendung der Kiſten und Koffer mit ihrem werthvollen Inhalt. War doch Gießen am 11. Juni ganz unvermuthet von kaiſerlichen Truppen beſetzt worden, welche auch auf den umliegenden Ortſchaften untergebracht waren. Was konnten da die Franzoſen noch wollen? Freilich zogen ſchon nach wenigen Tagen die Kaiſerlichen wieder ab, um ſich mit dem Heere des Erzherzogs Karl zu vereinigen. Dann folgte am 15. Juni die Schlacht bei Wetzlar, in welcher die Franzoſen bis über den Rhein zurückgedrängt wurden. In Gießen blieben nur zwei Compagnieen Kaiſer⸗ licher, bis ſie Anfang Juli durch einen ſchwachen Zuzug anderer kaiſerlicher Truppen verſtärkt wurden, die auf der Flucht von der Sieg her über Krofdorf kamen, daſelbſt eine Nacht blieben(5./6. Inli). Die Reiterei blieb als Vor⸗ poſten bis zum 7. Juli daſelbſt. Da kamen die Franzoſen über Rodheim und die Kaiſerlichen zogen ſich auf Gießen zurück. Dadurch ſtiegen aber die Sorgen und Befürchtungen wieder aufs Höchſte. Schon am 7. Juli hatten die Fran⸗ zoſen die Höhen der Hardt beſetzt, die Lahnbrücke war ver⸗ rammelt, eine Commiſſion aus den angeſehenſten Beamten der Stadt wurde gebildet, um für alle Fälle gerüſtet zu ſein, und um 2 Uhr früh am Morgen des 8. Juli verließ die kaiſerliche Beſatzung heimlich die Stadt und Feſtung Gießen. Schon nach wenigen Stunden waren die Fran⸗ zoſen am Neuſtädter Thor, die Deputation von Regierungs⸗ und Univerſitätsbeamten öffnete die Zugbrücke und das Thor erſt als General Mortier ſelbſt mit der Vorhut ankam. Sein Verſprechen, Perſonen und Eigenthum ſollten ſich voll⸗ kommener Sicherheit getröſten, hat er nach Kräften wahr gemacht. Gießen wurde nicht geplündert, aber es war doch gut, daß die Werthpapiere der Hochſchule fern in Alsfeld untergebracht und in Sicherheit waren. Dieſe hörte freilich jetzt ebenfalls auf. Die Dörfer des offenen Landes, Krofdorf z. B., wur⸗ den von den Franzoſen in unerhörter Weiſe heimgeſucht. 1— In den Aufzeichnungen des Bauers Abel daſelbſt heißt es darüber, daß die Franzoſen„die Leute gleich plünderten, mißhandelten, in die Häuſer gingen und mit Gewalt und Drohungen Geld von ihnen erpreßten und dabei bis in die Nacht fortplünderten, auch viel Weibsleut geſchändet und den Morgen gleich wieder anfingen zu plündern an Montirung, Eßwaaren, Geld und Schuhe mit Gewalt wegnahmen, Hühner und Gäns, alles fortſchleppten. Alles dies ging noch bei etlichen Leuten leidlich, bis gegen 4 Uhr kamen etliche tauſend Mann von der Hardt, welchen Gleiberg und Krofdorf zu plündern preisgegeben worden. Die kamen wie eine rechte Räuberbande in voller Eil gezogen und überſchwemmten alle Häuſer von unten bis oben und nahmen alles was noch zu finden war. Als ſie nun mit allerlei Effecten beladen, nahm noch jeder eine Ladung Stroh und zogen dann wieder in ihr Lager auf der Hardt. Den Morgen als den 9. Juli waren die auf der Hardt alle fort, den Kaiſerlichen nach über Gießen und verfolgten die Kaiſerlichen bis an die Donau. In Gießen und Wetzlar blieb franzöſiſche Beſatzung mit Commandant und Commiſſär, welche ſtarke Contributionen ausſchrieben“. Es iſt wünſchenswerth, daß derartige alte Geſchichten auch jetzt nach dem Krieg 1870 nicht vergeſſen werden, daß namentlich unſere Jugend weiß, wie es ihren Großeltern in der Franzoſenzeit ergangen iſt. Natürlich verbreitete ſich die Schreckenskunde, daß Gießen von den Franzoſen beſetzt ſei, mit Blitzesſchnelle durch die ganze Provinz. Schon vorher begann die Flucht der im offenen Lande wohnenden Frauen und Mädchen aufs neue. Geld und Geldeswerth wurde ebenfalls geflüchtet oder mög⸗ lichſt ſicher verſteckt. Schon am 5. Juli wurde der Regierungs⸗ rath und Profeſſor Muſäus vom Rector nach Grünberg geſchickt, um ſich über den Zuſtand des Oekonomats und der Gefälle zu unterrichten. Da die Gerüchte von der Annäherung der Franzoſen immer bedenklicher lauteten, reiſte er am — 12— 7. Juli nach Alsfeld weiter und nahm einen Kaſten mit den wichtigſten Grünberger Vogteipapieren mit. Hier erhielt er am 8. Juli Mittags die Nachricht, daß am Morgen des⸗ ſelben Tages Gießen von den Franzoſen beſetzt worden ſei. Daraufhin wurde für nötig erachtet, das Regierungsarchiv weiter zu ſchaffen. Als der alte Univerſitäts⸗Oeconomus Vollhard davon Wind bekam, ruhte er nicht, bis er auch die Werthſachen der Hochſchule an demſelben Tage weiter nach dem Amthof in Grebenau verſchickt hatte. Das war aber leichter geſagt, als ausgeführt. In Alsfeld entſtanden, wie an vielen anderen Orten Unruhen und Aufſtände des ärmeren Volkes, das nicht flüchten konnte; es fanden Zuſammenrottungen der Bürger ſtatt, welche ver⸗ hindern wollten, daß ihresgleichen ihre Sachen in Sicherheit brächten. Nur mit Mühe gelang es, daß das Staats⸗ und Univerſitätseigenthum freigegeben wurde und abfahren konnte. In Grebenau konnte man ruhiger an die weitere Flucht denken. Wohin? Die Feſte Ziegenhain war nicht feſter und ſicherer als Gießen. Man entſchloß ſich deßhalb, das Regierungsarchiv nach Hersfeld zu ſchaffen. Darauf⸗ hin ſollten auch die Univerſitäts⸗Acten ꝛc. dorthin verbracht werden. Muſäus ſelbſt fuhr in der Nacht von Alsfeld ab und kam am 9. Juli morgens 10 Uhr in Hersfeld an. Gleich nach ſeiner Ankunft beſchickte er den Stadt⸗Oberſchultheiß Commiſſionsrath Vietor und ließ um einen Platz in der Regiſtratur nachſuchen, wo er die Univerſitätskiſten unter⸗ bringen könne. Es wurde ihm darauf verſichert, die Auf⸗ nahme ſei nicht ſchwierig, doch möge ſich Muſaeus des geeigneten Platzes wegen an Privathäuſer wenden. Da aber unterdeß für das Regierungsarchio Platz im Stiftsgebäude bewilligt worden war, ſo erwirkte Muſaeus die Erlaubniß, auch die Univerſitäts⸗Acten in dieſem wohlverwahrten, ſicheren Gebäude unterzubringen. Aber der Schatz war noch nicht da! Sollten neue Zu⸗ ſammenrottungen ſtattgefunden, ſollte die Flucht verhindert, die Kiſten zerſchlagen und ihr werthvoller Inhalt von dem aufgeregten Volke zerſtreut worden ſein? Es wurde deßhalb ein Bote an Vollhard geſchickt mit dem Auftrag, er ſolle ſobald wie möglich die Univerſitäts⸗ ſachen ſchicken. Dieſe kamen dann endlich auch am 12. Juli in Hersfeld an und wurden auf wiederholtes dringendes Bitten des Regierungscommiſſärs Muſäus im Stift in der alten Canzlei in ſichere Verwahrung gebracht. Der unförm— lich große, von nur ſchwachen Dielen verfertigte und allzu⸗ ſchwer beladene Kaſten war inzwiſchen, obgleich der Oeconom Vollhard ihn noch mit hölzernen Reifen verſehen laſſen, auf den ſchlimmen Wegen nach Hersfeld auf der eine Seite aus den Fugen gegangen. Hoffmann in Grünberg, davon benachrichtigt, ſchickte zwar ſein Factotum, den Fruchtmeſſer Weller, nach Hersfeld, um den Kaſten auszubeſſern, aber Muſäus fand für nöthig, daß für den Fall einer weiteren Flucht oder ſelbſt für die Rückkehr in ruhig und ſicher ge— wordener Zeit, der Inhalt des Kaſtens in Gegenwart eines Bevollmächtigten der Univerſität in wenigſtens zwei ſtarke Verſchläge übergepackt werde; denn es ſei zu befürchten, daß ſchon beim Herunterſchaffen aus dem mit eiſernen engen Thüren verſehenen Gewölbe und der Treppe mit zwanzig Stufen ein Schaden nicht zu verhüten ſei. Schlimmer noch aber wäre es, wenn der Verſchlag unterwegs entzwei ginge und man in die Nothwendigkeit verſetzt würde, auf der Straße liegen zu bleiben und die einzelnen Actenſtücke und andere Sachen auf der Straße zuſammenzuſuchen. So ſei es mit den Kirchenkaſtenſachen gegangen, die nicht gehörig verwahrt geweſen. Dem Bericht, den der Regierungsbevollmächtigte Prof. Muſäus am 14. Juli 1796 an den Rektor über ſeine Er⸗ lebniſſe erſtattete, war am Schluß noch die Ermahnung bei⸗ gefügt, alle ſeine Mittheilungen nur an wenige, die des Vertrauens würdig ſeien, gelangen zu laſſen. So waren denn die Werthpapiere ꝛc. der Hochſchule vorerſt ſicher geborgen. Aber wie lange? Mit Schrecken — 14— dachte der alte Univerſitäts⸗Oeconom Vollhard an die Nothwendigkeit einer weiteren Flucht und wendete ſich in beweglichen Worten an den Rektor, ihn in dieſem Fall von dem Geſchäft zu entbinden und die ganze Arbeit dem in Hersfeld befindlichen Fürſtlichen Regierungsrath, Profeſſor und Univerſitäts⸗Syndikus Muſäus oder einem anderen beliebigen Bevollmächtigten von Gießen zu übertragen, da ſeine anderen Geſchäfte ihn bei den gefährlichen Zeitläufen verhinderten, ſich längere Zeit von zuhaus zu entfernen. Immer noch war die Provinz voll Schrecken vor den Franzoſen und ihrem weiteren Vorrücken. In einem Briefe Vollhards von Alsfeld vom 15. Juli 1796 heißt es darüber: „Obgleich es ſeit einigen Tagen dahier ziemlich ruhig, ſo werden wir doch noch immer durch allerley ſich durchkreutzende Schrecken verbreitende Gerüchte geängſtiget. Z. E.: Heute entſtunde das Gericht, daß eine Colonne Franken hier durch nach Fulda ziehen würde, um den Kaiſerlichen den Rückzug ins Frankenland abzuſchneiden. Inwiefern etwas hieran, muß die Zeit lehren. Der gütige Himmel verhüte dieſes und ſchenke uns den Frieden. Ohnerachtet wir dahier noch keine Franken geſehen, wie Sie, ſo glaube ich doch, daß der Schrecken und die Angſt bei uns noch größer war, als wirk— lich bei Ihnen, wo ſolcher ſchnell und vorübergehend war. Mein Haus war gepfropft voll Flüchtlinge und Effecten, die theils blieben, theils fortreißten. Madame Weber und zwei älteſte Töchter Herrn Hofrath v. Schmalkalder von Grünberg ſind noch bey uns. Fr. H. v. Schmalkalder nebſt Ihrer Frau Mutter ſind geſtern zurück nach Grünberg“. In Gießen hatten ſich die Gemüther nach den erſten Tagen des Schreckens durch unerhörte Erpreſſungen und nach Abzug der franzöſiſchen Hauptmacht raſch beruhigt. Schon am 17. Juli gingen die Poſten wieder ihren alten Gang, der Gottesdienſt wurde wieder eingeführt und leidlich geordnete Zuſtände waren wieder eingetreten. Am deutlichſten erhellt dies daraus, daß ſchon am 19. Juli 1796 dem Secretär Oßwald vom Senat der Hochſchule Vollmacht ertheilt wurde, die Univerſitätspapiere und übrige Sachen in Empfang zu nehmen und ſolche ſämmtlich wieder anhero zurückzubringen. So machte ſich dann Oßwald mit dem Gärtner Sauer auf den Weg nach Hersfeld und brachte nach ſechs Tagen die Kiſten mit Papieren wieder nach Gießen zurück; die Franzoſen aber hielten die Stadt noch bis zum 11. Septem⸗ ber beſetzt. Die kaiſerlichen Vorpoſten kamen in größeren Maſſen, die Franzoſen verließen die Stadt, beſchoſſen ſie aber von der Pulvermühle aus. An verſchiedenen Stellen brach Feuer aus— die arme Stadt war im höchſten Grade bedroht. In Folge eines Waffenſtillſtandes verlief die Nacht vom 11. zum 12. September ſtill, aber auf dem Lande war kein Waffenſtillſtand. Abel von Krofdorf erzählt darüber in ſeinem Hausbuch: Den 9. September kamen die Franzoſen wieder, ging das erſte Wetter erſt von neuem an. Obigen Abend kamen an 20 Mann Infanterie, verlangten unſelig viel Brot, dieſes mußte in Eil geliefert werden, auch etliche Karolin dabei zur Abkaufung unmöglich zu Liefernden dazu gegeben werden. Den 10. September kamen die Schaſchier(Chaſſeurs), verlangten Brot, Fourage und 18 Stück Hämmel, welche auch in Eil geſchafft werden mußten; auch 3 Karolin mußten dem Unteroffizier, um noch gnädig zu handeln, gegeben wer⸗ den, ſonſten ſollte der Ort gleich in Brand geſteckt werden. Den 11. September war die ganze Gegend hier mit Franzoſen beſetzt und ging das Plündern auf das Aller⸗ grauſamſte Tag und Nacht mit Lichter und Fackeln, und währte von Sonntag bis den künftigen Sonnabend. Den 17. September in Stille fortgezogen, denn dieſe Woche war noch drückend, dann immer ging das Plündern, kein Brot war in den erſten zwei Tagen mehr da, wer es nicht zum allerbeſten verſteckt hatte; es mußten gar viel Leut ſich mit Gwetſchen und Kartoffeln aufbringen, alle Schuh⸗ waaren ausgezogen, keine Montur, was nicht verflickt war, war alles geſtohlen. Krofdorf mußte in einem Tag 30 Stück Küh liefern, und dabei war immer noch, wenn ſie wollten, das Vieh aus dem Stall genommen und geſchlachtet. Den Mittwoch gab es ein Geplänkel mit den Kaiſerlichen und Franzoſen, weil aber die Kaiſerlichen zu ſchwach waren, mußten ſie ſich wieder über die Lahn zurückziehen. Den Freitag als den 16. September kamen die Kaiſer⸗ lichen abermal und wollten die Franzoſen verdrängen und ging die Attack morgens um 9 Uhr an und waren bis auf den Siegköppel und überall diesſeits dem Hegegraben, mußten ſich aber zurückziehen durch die Krockeln und Großen⸗Wald bis die Platt und Wismarer Wald und ſtan⸗ den auf dem Homberg*) und auf dem Wetterberg mit Kanonen und Kavallerie und die Kanonade dauerte von morgens 9 Uhr bis in die ſpäte Nacht mit Kanonen und Kleingewehrfeuer, doch ſind über 20 Mann nicht geblieben. Dabei wurde noch immer geplündert und die Nacht noch das weibliche Geſchlecht mit Gewalt geſchändet, überhaupt iſt alles Verfahren nicht zu beſchreiben, wie ſich dieſes Räubervolk bei ſeinem hieſigen Stägigen Aufenthalt betragen. Mein obenhin nur berechneter Schaden beläuft ſich auf 856 fl. und die ganze Schaden⸗ rechnung in beiden Gemeinden beträgt 36870 fl. Bei dieſer Freitags⸗Kanonade, wobei wir der größten Lebensgefahr ausgeſetzt waren, iſt dennoch alles glücklich vor⸗ übergegangen, denn die Kaiſerlichen ſtanden auf dem Wetter⸗ berg und Homberg und ſchoſſen mit Kanonen, Haubitzen und Kartätſchen über Krofdorf, doch ſind nur etliche Kugeln durch Gebäu in der Obergaß gefahren, aber weiters kein Schaden gethan. Es ſind über 50 Ctr. Kugeln hier aufgeleſen wor⸗ den. Dabei iſt ein Mann(Wagner) verunglückt, der eine Haubitzgranate mit dem Bajonet ausbohren wollte, die explo⸗ dirte und ihn derart verſtümmelte, daß er 43 Jahr alt von vier Kindern wegſtarb. *) Alle hier namentlich aufgeführten Stellen liegen nördlich von Krofdorf nach dem Walde zu oder in demſelben. von Hier iſt nicht der Platz, um die Kriegsereigniſſe der da⸗ maligen Tage nochmals im Zuſammenhang aufzuklären. Unſer Freund Abel hat natürlich von all der Schießerei hinüber und herüber kein Verſtändniß gehabt, das war auch nicht nöthig. Aber für die Angſt und Sorge um ſich und die Seinen und um ſeine Mitbürger hat er klares Verſtändniß gehabt. In der Kriegsgeſchichte von 1796 iſt aber klar ent⸗ wickelt, wie die Kaiſerlichen den Franzoſen gegenüber manöv⸗ rirten. Wieder wurde unſere Stadt durch hereinfliegende Haubitzgranaten geängſtigt, ſchließlich aber durch das Vor⸗ dringen des Erzherzogs Karl die Stadt raſch von Freund und Feind befreit. Erſt vier Wochen nach ihrem Abzug hatte die Geſchichte von der Flucht des Archivs und der Rückkehr desſelben ein eigenthümliches Nachſpiel. Es handelte ſich dabei in langen Verhandlungen um die Koſten, welche dadurch veranlaßt worden waren. Sollen dem Secretär Oßwald für ſeine beſonderen Bemühungen Taggelder oder eine Belohnung bewilligt werden und wieviel,„maßen bey dieſer Reiſe ganz und gar kein Vergnügen, vielmehr ſolche bey meinem kränk⸗ lichen Zuſtand eine wahre Strapaze für mich war, und die ich einzig und allein in der Abſicht übernahm, damit bey der damaligen Lage der Dinge zu der Univerſität Zufriedenheit alles in Ordnung beſorgt werden mögte“. Nach längerer ſchriftlicher Verhandlung im Senat, ob hier Diäten oder eine Belohnung oder nichts an Oßwald zu zahlen ſei, wurde dieſer aufgefordert, beſtimmte Vorſchläge zu machen. Daraufhin beantragte dieſer für die ſechstägige Reiſe nach Hersfeld und zurück für ſich 18 Gulden und für ſeinen Gehülfen, den Gärtner Sauer, 6 Gulden Taglohn. Abermals wurde im Senat dieſe große Frage ausführ⸗ lich und gründlich erwogen und ſchriftlich abgeſtimmt. Das Ergebniß war, daß dem Secretär Oßwald 18 fl. als„wohl⸗ verdientes Douceur“, dem Gärtner Sauer aber 5 fl. zuge⸗ billigt wurden. Noch einmal trat an die Hochſchule die wichtige Frage — 18— heran, wie während der Kriegsereigniſſe zu Beginn unſeres Jahrhunderts die vorräthigen Gelder der Unnverſitätskaſſe gegen Plünderung zu ſichern ſeien. Es war nach der Schlacht bei Leipzig. Am 26. October 1813 ſchrieb der unterdeß zum Ober⸗ Oeconomus aufgerückte Herr Oßwald an den Senat, die Koſacken ſeien bis Kaſſel vorgedrungen und die Gefahr liege nahe, daß ſie auch nach Gießen kämen. Im akademiſchen Fiskus, der Wittwenkaſſe, dem v. Senkenbergiſchen Fonds, in der Bibliothekkaſſe und dem philologiſchen Seminarium lägen aber baar über 6000 fl. Er erklärt ſich bereit, das Geld in ſeinem Hauſe zu verſtecken und es ſo dem erſten Anlauf zu entziehen; auch wolle er einige Vertraute mit den Verſtecksorten bekannt machen. Es geſchah ſo. Aber erſt viele Jahre, nachdem der Schatz wieder aus ſeinem Verſteck gehoben war, erfuhr man, daß derſelbe in den Brunnen des jetzt Köhlinger'ſchen Hauſes in der Wetzſteingaſſe verſenkt und dann nach Abzug der Koſacken wieder gehoben worden ſei. Gegenüber wohnte der auch dem jetzt lebenden Geſchlecht noch wohl erinnerliche Univerſitätsdiener Zimmermann, der als uralter Mann zwar durch der Jahre Laſt gebückt, aber doch raſchen Schrittes die Botengänge für die Hochſchule innerhalb der Stadt beſorgte, aber auch ſchon in der Koſackenzeit ſich für dieſelbe verdient machte. Er war ſein ganzes langes Leben hindurch ein Ehrenmann und ſo wird er ſich auch redlich bemüht haben, ein ſicheres Verſteck für die mit Gold⸗ und Silbergeld ge⸗ füllten Beutel und die Univerſitäts⸗Kleinodien an Pokalen, Sceptern u. a. zu finden und zu bewahren. Dieſe Gegend der Stadt, damals am äußerſten Rand gelegen und nur durch enge Gäßchen zugänglich, iſt jetzt durch den Durchbruch nach der Nordanlage vollſtändig verändert und die alten Stellen gar nicht wieder aufzufinden. Wir haben in dieſem Jahre ſchon einmal Erinnerungen an die Franzoſenzeit aufs neue aufleben laſſen; das waren die verſchiedenen Feſttage nach 25 Jahren des letzten ruhm⸗ reichen Krieges mit Frankreich, der Wiederauferſtehung des deutſchen Reiches und deſſen Wiedervereinigung mit Elſaß⸗ Lothringen. Grund genug zu lebhaſteſter vaterländiſcher Feſtfreude. Wie anders die hundertjährigen Erinnerungen in dieſem Jahr. Sie können uns gewiß nicht freudig erregen. Wars doch eine Zeit des Jammers und Elends. Nur noch ein Schritt und unſer Vaterland ſtand am Rande ſeines Unter⸗ gangs, ſeines Grabes. Die Zeit der größten Schmach war ſchon angebrochen und weit und breit keine Ausſicht auf Beſſerung der politiſchen Verhältniſſe. Ein Jahrhundert hat dazu gehört, allmälich Wandel zu ſchaffen. Mit Ruhe und Zuverſicht und guter Hoffnung blicken wir in die Zukunft. Möchten ſolche Zeiten wie vor hundert Jahren von unſerem Volke fern bleiben. —— A —/—— 5 5 0) à gh; ——— 24 Por hundert Jahren. Colour& Grey Control Chart Blue Cyan Sreen vellow Hed Magenta White 2 Grey 1 Grey 2 Grey 4 Srey Siacs HLAANE2₰ Sießen 1396. Brühl'ſche Univ.⸗Buch⸗ u. Steindruckerei(Pietſch K Scheyda), Gießen.