ul. 409r UINV.- 3 n 8 0⁴ 1 p 741. JFeuillelau. e Der ſüße Moritz und der bittere Karl. 4 Erinnerungen eines alten Gießener Studeuten Von Dr. Ka ilthey(Brooklyn) Es war erſt zu Anfang dieſes Jahres, daß Karl Vogt ſeinem eben verſtorbenen Jugendfreunde, dem Profeſſor der Philoſophie und Aeſthetik Moritz Carriere zu München, an alte Gießener Erinnerungen anknüpfend, einen Nachruf gewid⸗ met, worin er noch gar keine Neigung verrathen, dem hinüber⸗ gegangenen Altersgenoſſen Folge zu leiſten, vielmehr ſeine Abſicht erklärt, es dem Genfer Staatsmann Jean Louis Fazy gleich zu thun, der in ſeinem 85. Lebensjahre, bei der Nachricht vom Tode eines 84jährigen Verwandten, ganz ärgerlich äußerte: „Was kann nur den Mann veranlaßt haben, ſojung zu ſterben? Das iſt ja gegen jede Kleiderordnung!“ Leider durfte er dieſem löblichen Vorſatz nicht treu bleiben. Heute ſchon iſt auch er dahingegangen, der ſtramme Darwinianer und Vorkämpfer der materialiſtiſchen Richtung unſerer modernen Naturforſchung, der „Affen⸗Vogt“, wie ihn die ſeinen Geiſt und ſeine Vielſeitigkeit beneidenden, zugleich aber ſeine ſcharfe Feder fürchtenden Gegner genannt, er hat das große Lebensräthſel, das ſeinem Forſchergeiſt hienieden verborgen blieb, endlich ergründet und esiſt ihm„Licht, mehr Licht!“ aufgegangen oder— er iſt entſchlummert zur ewigen Nirwana. Moritz Carriere und Karl Vogt, engere Landsleute aus Ober⸗ heſſen, Altersgenoſſen des gleichen Jahrgangs 1817, Schul⸗ und Univerſitätsfreunde aus Gießen, wo ſie beim Eintritt ins Berufs⸗ leben auch ihre akademiſche Lehrthätigkeit begannen und beide im Sturm⸗ und Drangjahre 1848 ſogar eine politiſche Rolle ſpiel⸗ ten, waren in allem lUebrigen zwei ſo grundverſchiedene Menſchen⸗ kinder und Charaktere, wie ſie ſich nur denken laſſen. Schon in der äußeren Erſcheinung hatten ſie durchaus nichts miteinander gemein. Vogt war etwas über Mittelgröße, von breitſchulteriger kräftiger Geſtalt, dichtem ſchwarzem Haar und Vollbart, ſcharf⸗ geſchnittenen Zügen, etwas gebogener Naſe und dunklen blitzen⸗ den Augen. Er trug gewöhnlich einen dunklen Rock nach dem damals noch beliebten altdeutſchen Schnitt und verwendete im Allgemeinen, wie das loſe geknüpfte Halstuch zeigte, auf ſeinen Anzug keine beſondere Sorgfalt. Haltung und Gang waren auf⸗ recht feſt und bedächtig. Carriere war kaum von Mittelgröße, mehr ſchmächtig von Geſtalt, mit blondem, dünnem Haupthaar und ſchwachem Backenbart, waſſerblauen Augen und weichen Geſichtszügen. Er trug ſich immer ſehr modiſch und liebte helle, auffallende Farben. Sein Weſen hatte etwas Haſtiges, Unſtätes und ſein raſcher Gang war eigenthümlich hüpfend. Vogt hatte etwas vom amerikaniſchen Matter of fact⸗Mann, er war Ge⸗ lehrter vom Scheitel bis zur Sohle, aber keiner, der ſich mit Haarſpaltereien, Grübeleien und trockenen, künſtlich ausgeklügel⸗ ten Theorien abgab, ſondern aus dem ſriſchen Born des Lebens ſchöpfte, die Geheimniſſe der Natur im Größten wie im Kleinſten nach den äußeren Erſcheinungen zu ergründen bemüht war, von der ſinnlichen Wahrnehmung auf deren Urſachen zurückging und dann ſeine Schlüſſe zog. Carriere dagegen ſchlug mehr den ent⸗ gegengeſetzten Weg ein, er war Idealiſt durch und durch, er ſah die Welt nicht ſo, wie ſie ſich ſeinem ſinnlichen Auge darſtellte, ſondern wie er ſie ſich ſelbſt in ſeinem Denkprozeß zurecht kon⸗ ſtruirt hatte. Gießen trug in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre den Typus aller kleineren deutſchen Univerſitätsſtädte, den es ſich, wenn auch bedeutend gewachſen und der Zeit Rechnung tragend, mehr oder weniger wohl noch bis zum heutigen Tage bewahrt hat. Die theologiſche, juriſtiſche und philoſopiſche Fakultät wurden faſt ausſchließlich nur von heſſiſchen Landeskindern auf⸗ geſucht, da ſie nur wenige Lehrer von wirklich ngtionalem Rufe aufzuweiſen hatten, obwohl z. B. der Theolog* edner, die Juriſten v. Löhr und Birnbaum tüchtige Fachleute waren. Die mediziniſche Fakultät beſaß in dem Kliniker Balſer und dem Profeſſor der Geburtshilfe v. Ntgen äußerſt reſpektable Kräfte, doch gehörten ſie der älteren Schule an. Weltruf beſaß nur ein akademiſcher Lehrer: Juſtus Liebig, ein Darm⸗ ſtädter, der auf dem dortigen Gymnaſium ein nichts weniger als vielverſprechender Schüler geweſen, ſo daß, als er in der Se⸗ kunda einſt bei den ciceronianiſchen Reden mit ſeinem Latein am Ende war, der Konrektor äußerte:„Liebig, ich blicke mit Beſorg⸗ niß in Deine Zukunft. Was willſt Du denn eigentlich werden?“ worauf prompt die Antwort erfolgte:„Ich möchte Chemie ſtudi⸗ ren.“ Da ſchüttelte der Konrektor das weiſe Haupt und meinte bedauernd:„Das ſcheint mir aber doch ein ſehr unſicheres Brod zu ſein.“ Nun, ſo gar unſicher war es nicht, denn der damalige ſchlechte Lateiner und nachmalige große Chemiker iſt, von Ruf und Ehren abgeſehen, als Millionär geſtorben. Liebig war es allein, der Gießen damals zur berühmten Univerſitätsſtadt ge⸗ macht, die auch von vielen Ausländern, namentlich Engländern und Amerikanern, frequentirt wurde. 2 Unter den Univerſitätslehrern Gießens befanden ſich damals manche, von denen man ſich allerlei humoriſtiſche Züge und ſchnurrige Geſchichten erzählte. Der kleine Theologe Palmer, General⸗Superintendent und Profeſſor, ein Original vom reinſten Waſſer, war zwar ſchon ſeit Jahren todt, aber ſeine Reden und Thaten lebten noch in Aller Mund. Bekannt iſt, daß er einſt einen armen Sünder Namens Heß auf ſeinem letzten Wege zur Richtſtätte begleitete; als dieſer ſich widerſpenſtig zeigte und gegen die Exekution laut proteſtirte, tröſtete er ihn mit den Worten:„Laß Dich doch nur ein bischen köpfen, Heßchen,'s iſt ja doch weiter gar nichts. Dem lieben Gott gilt's gleich, ob Du einen Kopf länger oder kürzer zu ihm kommſt, und Du bleibſt ja noch immer größer, als ich, der Superintendent.“ Profeſſor Umpfenbach, ein überaus gelehrter Mathematiker war immer zerſtreut und ſo ganz in ſeine mathematiſchen Probleme vertieft, daß er Alles um ſich her vergaß. Zu früher Morgenſtunde ſtolzirte er einſt, den Hut auf dem Kopf, aber in Schlafrock, Pantoffeln und Unter⸗ hoſen nach dem Kollegium, und erſt das Gelächter der Zuhörer bei ſeinem Eintritt machte ihn auf ſein Verſehen aufmerkſam. Da er den Rückweg nach ſeiner Wohnung doch nicht im gleichen Aufzuge antreten mochte, erſuchte er einen der Anweſenden, ihm die nöthigen Garderobeſtücke inzwiſchen aus ſeiner Wohnung zu holen:„Sagen Sie der Frau Profeſſorin“, rief er dem Be⸗ treffenden nach,„es wäre zu heiß für die Hoſen, ſie möchte mir die Höschen ſchicken.“ Derſelbe Gelehrte machte täglich um die Abendſtunde im Sturmſchritt und ohne aufzuſehen ſeinen Spa⸗ ziergang um die„Schur“, eine ſich rings um die Stadt ziehende Promenade. Am Seltersberg kam ihm ein Ochſe in den Weg, an den er ziemlich unſanft anrannte, worauf er ſofort den Hut zog und den„etwas ſtarken Herrn“ um Entſchuldigung wegen des Anrempelns bat. Der alte Profeſſor Wilbrandt kam in ſeinem anatomi⸗ ſchen Vortrag darauf zu ſprechen, daß die meiſten Säugethiere die Ohren willkürlich bewegen, was dem Menſchen in der Regel. verſagt ſei.„Mein Sohn, der Profeſſor“, fügte er hinzu, „kann's aber auch. Iunlius, ſpitz' mal den Herren die Ohren!“ Und Profeſſor Wilbrandt jun., ein liebenswürdiger, kenntniß⸗ reicher junger Mann, erſchien auf dem Katheder und erfüllte den Wunſch Papas, natürlich zum nicht geringen Amüſement der Herren. Der Senior der Univerſität, Geheimrath Profeſſor Nebel, las über Geiſteskrankheiten, und zwar in einer Weiſe, welche die Geiſter, zumal an heißen Sommernachmittagen hübſch einſchläferte. Ein Gewitterregen war währrnd des Nebel'ſchen Vortrages herniedergegangen, und der erſte Sonnenſtrahl brach durch das Gewölk, als der Herr Profeſſor eben abtrat.„Post nubila Phoebus!“ jubelte eine Stimme, und die allerdings nicht ſehr zahlreiche Zuhörerſchaft ſtimmte lachend ein. Auf das Nebel'ſche Colleg folgte nämlich unmittelbar eines des ſehr be⸗ liebten Profeſſors Phöbus. Doch genug der Anekdoten. Ich wollte ja weniger von den Univerſitätslichtern des alten Gießen im Allgemeinen, als ven zwei der damals jüngſten Cathederzierden, Vogt und Carriere, reden. Letzterer hatte ſich ſchon einige Semeſter vor 1847 da⸗ ſelbſt als Privatdozent habilitirt und las über Philoſophie und Aeſthetik, auch hielt er im Winterſemeſter zwei Mal wöchentlich einen öffentlichen Vortrag über Goethe's„Fauſt“. Die erſtge⸗ nannten Vorleſungen fanden gewöhnlich nur ſpärliche Hörer, letzterer aber erregte auch außerhalb ſtudentiſcher Kreiſe lebhaftes Intereſſe und mußte daher in der großen Aula abgehalten werden. Als Sohn wohlhabender Eltern war Carriere nicht auf Collegiengelder angewieſen, gleichwohl wurmte es ihn doch, daß ſeine bezahlten Collegien nicht beſſer ziehen wollten, zumal die Vogt's immer ſtark beſetzt waren. Daß aber ſeine öffentlichen Fauſt⸗-Vorleſungen ſoviel Anklang fanden und auch von Damen gern beſucht wurden, ſchmeichelte ihm natürlich ſehr. Das Ewig⸗Weibliche zog ihn überhaupt mächtig an, er war ein enthuſiaſtiſcher Frauen⸗Verehrer. Die Liebes⸗ ſcenen in„Fauſt“ verſetzten ihn in die höchſte Begeiſterung, über ſie erging er ſich in ſchwungvollen Kommenkaren, und Gretchen war ſein Ideal, bei deſſen Schilderung er verklärten Blickes gen Himmel ſchaute. Sehr ſchön verſtand er darzulegen, wie die Gretchen⸗Epiſode ein Spiegel des eigenen Liebeslebens des Dich⸗ ters ſei, das dieſer ſo geſchickt mit der den Anfang der Dichtung bildenden alten Fauſtſage, die dann im zweiten Theil mit dem Erſcheinen der Helena wieder aufgenommen wird, zu verſchmel⸗ zen verſtanden. Es war nicht zu verwundern, daß dieſe Fauſt⸗ Vorleſungen große Anziehungskraft übten, denn der Vortragende war mit ganzer Seele bei ſeinem Stoff. Obwohl mit der Zunge ein klein wenig anſtoßend und etwas ſüßlich ſingend in ſeinem Ton, war er doch ein angenehmer, feſſelnder Redner; wie ein mächtiger Quell ſtrömten die Worte von ſeinen Lippen, über⸗ ſtürzten ſich aber auch zuweilen, ſo daß er ganz außer Athem kam; bilderreich, blühend und ſchwungvoll, von Citaten ſtrotzend, war ſeine Sprache, wenn auch nicht immer logiſch gut geordnet. Vogt hielt geologiſche und zoologiſche Vorträge. Erſtere waren peniger beſucht, vielleicht weil der ordentliche Profeſſor v. Klpſtein, mit dem im Examen gerechnet werden mußte, die gleiche Wiſſenſchaft behandelte. Großen Anklang dagegen fanden ſeine zoologiſchen Vorträge, die nicht nur vog Studenten aller Fächer, ſondern auch von Beamten, Profeſſoren, Geſchäftsleuten u. ſ. w. fleißig beſucht wurden, und die er durch viele praktiſche Demonſtrationen, Einflechtung intereſſanter per⸗ ſönlicher Erinnerungen zu beleben verſtand. Selten hat man wohl einen Gelehrten gehört, der einen ſo feſſelnden Vortrag be⸗ ſaß. Er ſprach mit tiefem, kräftigem Organ langſam, aber fließend und ausdrucksvoll, jedes Wort wohlüberlegt. Seiner Neigung zur Polemik ließ er gern die Zügel ſchießen, ſie war aber immer ſo geiſtvoll und witzig, daß ſie eben auch zur Er⸗ läuterung und Belebung des Vortrags beitrug. Zu leidenſchaft⸗ licher Rede ließ ſich Vogt nur hinreißen, wenn es ſich um poli⸗ tiſche Fragen handelte. 5 Der Naturforſcher und der Philoſoph waren, trotz ihres ſo ſehr verſchiedenen Weſens und ebenſo verſchiedenen Studien⸗ kreiſes, doch die beſten Freunde, die man auf Spaziergängen oft Arm in Arm ſah. In den Abendſtunden fand ſich gewöhnlich eine Geſellſchaft junger Univerſitätslehrer, denen ſich auch einige bemooſte oder beſonders begünſtigte ſtudentiſche Häupter beige⸗ ſellten, im Gaſthaus zum„Hirſch“ am Seltersberg zuſammen, zu der auch Vogt und Carriere gehörten. Hier wurden beim Glaſe Bier vorwiegend wiſſenſchaftliche und literariſche Fragen erörtert, es herrſchte da ein überaus gemüthlicher, ungezwungener Ton und auch Scherz und Witz hatten freien Spielraum. Der Wichtigſten einer war immer Karl Vogt, dem es beſonderen Spaß machte, ſeinen Freund Carriere wegen ſeiner philoſophiſch⸗ idealen Schwärmereien und ſeiner ſentimentalen Frauenbegeiſter⸗ ung, die einem alten provengaliſchen Troubadour oder deutſchen Minneſänger alle Ehre gemacht, etwas zu hänſeln. Er nannte ihn nur den„ſüßen Moriz“, wofür ſich dieſer, in gleich harmloſem Scherz, durch den Koſenamen„bitterer Karl“ revanchirte. Zu der Geſellſchaft im„Hirſch“ gehörten, außer den Genannten, der Liebig'ſche Aſſiſtent Will, ſpäter deſſen Nachfolger im chemiſchen Lehrſtuhl, äußerſt tüchtig in ſeinem Fach, eine ehrliche Haut und guter Kern, wenn auch in etwas rauher Schale. Dann ein Verwandter Vogt's Namens Bauer, theologiſcher Privatdozent, ſpäter hohe geiſtliche Stellungen in mburg und Leipzig bekleidend, poetiſch veranlagt und in den ichtern wohl bewandert, übrigens ein ganz fideler, vorurtheils⸗ ier Gottesmann. Die Privatdozenten Dr. Winter, Aſſiſtent mediziniſchen Klinik, ein Schwiegerſohn Balſer's, Dr. Seitz von der chirurgiſchen Klinik und Dr. Bardeleben erſchienen nur ab und zu. Letzterer ſtand als Proſektor der Anatomie ſpeziell unter Profeſſor Biſchoff, und da dieſer mit Vogt nicht Perade befreundet war, ſchien auch er ſich etwas abſeits zu halten. Dr. Dieffenbach, ein Gießener Kind ohne amtliche Stel⸗ lung, der ſehr weite Reiſen gemacht und gediegene naturwiſſen⸗ ſchaftliche Kenntniſſe beſaß, war einer der Stammgäſte. Auch der forſtwiſſenſchaftliche Privatdozent Dr. Zamminer, ein Intimus Carriere's, verliebt wie dieſer, gehörte zu den„Hirſch⸗ kälbern“, wie die Beſucher des Etabliſſements wohl genannt wurden. Von den Studenten, die oft da verkehrten, nenne ich nur einen, der ſich einige Jahre ſpäter gleichfalls als Bahnbrecher der materialiſtiſchen Richtung bewährte— Ludwig Büchner. Er ſtammte aus einer geiſtig hervorragenden Familie Darm⸗ ſtadts und ließ ſchon als Student den nachmals bedeutenden Forſcher ahnen. Er ſtudirte Medizin, war aber vorzugsweiſe philoſophiſch veranlagt, ein eifriger Anhänger Carriere's, wenn auch deſſen Anſichten durchaus nicht immer theilend, und ſchon damals ebenſo feder⸗ und redegewandt, wie ſchlagfertig in der Debatte. Der ſtürmiſche Völkerfrühling von 1848 ging auch an dem ſonſt ſo ſtillen, friedlichen Gießen nichts weniger als ſpurlos vor⸗ über. Die Muſen verſtummten, die Politik hatte ausſchließlich das Wort. Die braven Spießbürger bewaffneten ſich mit alten verroſteten Musketen, exerzirten Morgens und Abends und zogen Nachts auf die Wache, um ihre gute Stadt vor irgend einem eingebildeten Feind zu ſchützen, der auf 100 Meilen im Umkreis nirgends exiſtirte. Vogt und Andere hielten patriotiſche, groß⸗ deutſche Reden, ſelbſt der„ſüße Moritz“ ließ Plato, Schleier⸗ macher, Schelling, Kant und Hegel auf ſich beruhen und war plötzlich ein gewaltiger Politiker und Staatsmann geworden, der ſeine Beiſpiele aus der römiſchen und griechiſchen Republik holte und viel von den Lehren zu berichten wußte, die aus der franzö⸗ ſiſchen Revolution und der Geſchichte der Girondiſten zu ziehen ſeien. Jedenfalls ſtanden Beide, Vogt und Carriere, damals in hoher Volksgunſt— letzterer vielleicht nur, weil er ſich erſterem ſo eng anſchloß— und wurden denn auch ſofort ins Vor⸗ parlament gewählt. Dort that ſich allerdings nur Vogt rühm⸗ lich hervor, ſo daß er dann auch Parlamentsmitglied wurde und als ſolches bekanntlich eine bedeutende Rolle ſpielte. Des guten Moritz politiſche Rolle ging mit einer oder der anderen unver⸗ ſtandenen Rede im Vorparlament zu Ende. Zwar bewarb er ſich an verſchiedenen Orten Oberheſſens um einen Parlamentsſitz, aber er beſaß keine eigentliche Popularität, man hielt ihn einmal für einen unpraktiſchen Büchergelehrten. So kehrte er zu ſeinem alademiſchen Lehrberuf zurück, wurde durch Liebig's Einfluß ſpäter außerordentlicher Profeſſor, heirathete ſogar deſſen ſchöne Tochter Agnes, bei der er einige ſehr reiche engliſche Bewerber aus dem Felde ſchlug, und ſiedelte dann mit dem berühmten Schwiegerpapa nach dem ſchönen, kunſtreichen München über, wo er Profeſſor wurde und einen Platz an der Tafelrunde genialer Männer König Maxens erhielt. Karl Vogt's weitere Schickſale ſind zur Genüge bekannt. Nachdem er ſeine politiſch⸗ Rolle in Stuttgart abgeſchloſſen, wo er es bekanntlich bis zum Reichsregenten brachte, kehrte er, aller Regierungsſorgen ledig, zu ſeiner Wiſſenſchaft zurück. Er wurde Profeſſor der Geologie und Zoologie zu Genf, gerieth aber nach einiger Zeit doch wie⸗ der ins politiſche Fahrwaſſer und wurde Mitglied des Großen Raths von Genf, dann auch des ſchweizeriſchen Ständeraths und zuletzt des Nationalraths, in welchen Stellungen er ſich um die Geſetze und Inſtitutionen der Schweiz manche Verdienſte er⸗ worben. Mit ſeinem Iugendfreund Moritz iſt er, wie er in deſſen Nachruf humoriſtiſch erzählt, ſpäter nur noch einige Mal flüchtig auf Reiſen zuſammengetroffen. Schließlich noch ein„Karl und Moritz“ betreffendes artiges Hiſtörchen aus der Gießener 48er Revolutionszeit. Bei ſeiner hohen Verehrung und Bewunderung des ſchönen Geſchlechts im Allgemeinen konnte der ſüße Moritz nicht umhin, ſein Auge zu⸗ weilen auch auf einzelne beſonders bevorzugte Vertreterinnen deſſelben zu richten. So machte er auch kein Hehl daraus, daß er eine gewiſſe, ſehr bekannte Kaufmannsfrau, die Vorſteherin des vornehmſten Putz⸗ und Konfektions⸗ geſchäfts, wirklich ſchön finde und bei gelegentlichem Ankauf kleiner Garderobeartikel in ihrem Laden ſeinen, nach der Antike gebildeten Schönheitsſinn an ihren klaſſiſchen Zügen und den allerdings etwas zu üppigen Formen erbaue. Das genügte, um in den abendlichen„Hirſch“⸗Kreiſen eine kleine Komödie in Scene zu ſetzen. Man that plötzlich der betreffenden Schönheit mehrfach Erwähnung; bald Dieſer, bald Jener hatte in ihrem Geſchäft vorgeſprochen und aus dem Munde der Dame vernom⸗ men, daß auch ſie zu den Bewunderern des philoſophiſchen „Fauſt“⸗Interpreten gehöre, ihn als einen ſehr liebenswürdigen Herrn bezeichne, für ſeine„Fauſt“ ⸗Vorleſungen förmlich ſchwärme, ja daß ſie deſſen Schilderungen des Fauſt⸗Gretchen⸗ Verhältniſſes ſo begeiſtert, daß ſie in ihrem Geſchäft Fauſt⸗ Halsbinden nach einem ſehr geſchmackvollen Muſter anfertigen laſſe, auf die ſchon zahlreiche Beſtellungen eingelaufen.. Moritz nahm dieſe Berichte mit ſichtbarem Behagen auf, auch wollte man ihn ſeitdem ſehr häufig über den Marktplatz wandeln ſehen, was man boshaſterweiſe auf Fenſterparade deutete. Eines Abends war der bittere Karl ſehr ernſt.„Moritz,“ ſagte er,„ſei auf Deiner Hut, der H.. ſoll furchtbar eiferſüchtig ſein; er weiß, daß ſeine Frau die Fauſt⸗Halsbinden Dir zu Ehren ſo getauft hat und will den ganzen Vorrath ins Feuer werfen. Er iſt ein deſperater Burſche, geh' ihm aus dem Wege.“ Moritz heimlich vorkam. Er war zerſtreut, trank nicht und ſprach nicht, während er doch ſonſt ſehr redſelig war und gern lange Pauken losließ. Bald gab er auch Müdigkeit vor und machte ſich unge⸗ wöhnlich früh auf den Heimweg. Unbemerkt folgte ihm die ganze Geſellſchaft im Dunkel des Abends. Als Befehlshaber der Bürgerwehr wußte Vogt, daß Kaufmann H... der Gatte der ſchönen Frau, der gutmüthigſte Menſch von der Welt, der die Eiferſucht nicht einmal dem Namen nach kannte, an dieſem Abend Wachedienſte am Seltersberg zu thun hatte, er wollte ihn alſo in voller Waffenrüſtung dem vor ihm gewarnten Moritz in den Weg führen. Richtig, ſchon an einer der nächſten Straßen⸗ kreuzungen tauchte eine dunkle Geſtalt auf in der Blouſe, den Heckerhut mit der Hahnenfeder auf dem Kopf, die Büchſe über der Schulter. Eben iſt er des ſich ihm nähernden Philoſophen anſichtig geworden und tritt auf ihn zu, da wendet ſich diefer plötzlich ſeitlich und eilt im Sturmſchritt von dannen. Gleich darauf hatte man den wackeren Bürgergardiſten, der ganz ſtutzig dem in der Dunkelheit Enteilenden nachblickte, erreicht:„Was fehlt denn dem Herrn Profeſſor?“ fragt er verwundert.„Ich biete ihm einen höflichen guten Abend, will mich nach ſeiner Geſundheit erkundigen und lange in die Taſche, um ihm eine Cigarre zu offeriren. Er aber nimmt ohne Antwort Reißaus. Was hat er?“—„O nichts, gar nichts,“ erwiderte man lachend, „er iſt ermüdet, vielleicht nicht ganz wohl. Die Cigarre kann aber doch geraucht werden. O, danke ſchön! Guten Abend, Bürger!“ Im„Hirſch“ hat man ſich über des Philoſophen Heldenthum noch oft luſtig gemacht. Moritz Carriere war ein überaus liebenswürdiger Menſch und ein höchſt achtungswerther Gelehrter. Er hatte in der Phi⸗ loſophie, Geſchichte und Literatur aller civiliſirten Nationen einen reichen Schatz von Kenntniſſen angeſammelt. Seine Beleſen⸗ heit grenzte ans Wunderbare, und ſeinem nimmer fehlenden Ge⸗ dächtniß ſtanden die Weisheitsſprüche und Kraftſtellen aller Weiſen und Dichter des Alterthums und der Neuzeit jeden Augenblick als Citate zu Gebot. Er war in dieſer Beziehung ein lebender Büchmann, lange ehe des letzteren Sammelwerk er⸗ ſchienen. Dagegen iſt er weder auf philoſophiſchem noch auf literariſchem Gebiete ſelbſtſchöpferiſch thälig geweſen. Die ziemlich zahlreichen Werke, die ſeinen Namen tragen, haben ihm zu Lebzeiten keine Berühmtheit in weiteren Kreiſen verſchafft, ſie werden ihm nun noch weniger Unſterblichkeit ſichern. Er hat nicht, wie ſein vielſeitigerer Schüler, Ludwig Büchner, die Philoſophie mit den großen Er⸗ rungenſchaften der Naturwiſſenſchaft in Verbindung zu ſetzen, di aachte, aber man merkte bald, daß ihm die Sache doch etwas un⸗ Lehren der einen für die der anderen nutzbar zu machen verſtan⸗ den; das auf jenen beruhende rege geiſtige Leben und Streben, welches ſich ſchon damals rings um ihn her in Gießen entwickelte, hat ihn unberührt gelaſſen. Die Brücke zwiſchen den beiden großen Wiſſenſchaften war eben damals noch nicht geſchlagen, und er ſelbſt war kein Brückenbaumeiſter und Pfadfinder, er wandelte nur die Wege, die Andere vor ihm gebahnt und be⸗ treten. Als ſelbſtſtändiger Forſcher und der Welt nutzbringender Belehrter ſtand Karl Vogt unendlich hoch über ihm, denn er hat nicht nur für unſere, ſondern für alle Zeiten gewirkt. Vollkom⸗ men und unfehlbar iſt allerdings auch er nicht geweſen, das „Errare humanum est“ hat gerade er durch manche auffallende Beiſpiele illuſtrirt; aber die großen Wahrheiten, die er offenbart, ſtellen alle ſeine Irrthümer, an denen er oft zu ſtarrſinnig feſt⸗ hielt, ganz in den Schatten. Er war in ſeinem mündlichen und ſchriftlichen Ausdruck gern zu draſtiſch, in ſeiner Polemik zu bitter, in ſeinem Witz zu kauſtiſch, aber das Alles vermag ſeine großen wiſſenſchaftlichen Verdienſte nicht zu ſchmälern, einen genialen Geiſt nicht zu verdunkeln. Der Satz„Menſch ein, heißt Kämpfer ſein“ hat ſich an ihm bewahrheitet, er hat ür ſeine Ueberzeugung, für das, was er für wahr und recht hielt, auf allen Gebieten der menſchlichen Thätigkeit mit wahrem Löwenmuth und meiſt auch mit glänzendem Erfolg gekämpft. An Verſabitität des Geiſtes und Vielſeitigkeit des Wirkens haben es ihm wenige Gelehrte gleichgethan, und konnte er als deutſcher Politiker in jüngeren Mannesjahren keine bleibenden Erfolge er⸗ ringen, ſo hat er in reiferem Alter für die ſchweizeriſche Eidge⸗ noſſenſchaft auch auf dieſem Gebiete um ſo ſegensreicher gewirkt. Im gleichen Jahre, im Zwiſchenraum weniger Monate geboren, der für ein unerreichbares Ideal ſchwärmende Philoſoph und der weltkundige praktiſche Naturforſcher, ſind ſie nun auch in dem⸗ felden Jahre, in gleichem Zwiſchenraum und in der richtigen eihenfolge, zur ewigen Ruhe eingegangen. Jener ſchöpfte ſein philoſophiſches Erbauen,aus den aufgehäuften Wiſſensſchätzen der großen Geiſter aller Zeiten und Völker, dieſer, wie gerade die rößten ſeiner Vorgänger, aus dem ihn umgebenden Natur⸗ und Nenſchenleben und gelangte dabei wohl zu befriedigenden Re⸗ ſultaten, als ſei er ſpeziell der theoretiſchen Weltweisheit ergebe⸗ ner Jugendfreund. Ein alter Schüler aber und guter Bekann⸗ ter aus der goldenen Jugendzeit widmet den jüngſt Heimge⸗ langenen in dankbarer Erinnerung dieſe harmloſe Plauderei. . . 1 G. ss Unhe — 1 hal- b Lane« Liessa 1 Colour& Grey Control Chart 52 Blue Cyan Green Vellow- Hed Magenta Oom Wnite Grey 1 Grey 2 Black G Grey Das iſt ja gegen jede Kleiderordnung!“ Leider durfte er dieſem löblichen Vorſatz nicht treu bleiben. Heute ſchon iſt auch er dahingegangen, der ſtramme Darwinianer und Vorkämpfer der materialiſtiſchen Richtung unſerer modernen Naturforſchung, der „Affen⸗Vogt“, wie ihn die ſeinen Geiſt und ſeine Vielſeitigkeit beneidenden, zugleich aber ſeine ſcharfe Feder fürchtenden Gegner genannt, er hat das große Lebensräthſel, das ſeinem Forſchergeiſt hienieden verborgen blieb, endlich ergründet und esiſt ihm„Licht, mehr Licht!“ aulgegangen oden er iſt entſchlummert zur ewigen awun, UxI I ſciε᷑ι☚ ο. r‿αᷣsαiõr,'„h der hi 8 Tode eines 84jährigen Verwandten, ganz ärgerlich äußerte: „Was kann nur den Mann veranlaßt haben, ſojung zu ſterben? + A◻ 6 7 8 9 10 11 12 14 6 8 4 9 der außeren Erſcheinung hatten nie durchaus nichts mitemander gemein. Vogt war etwas über Mittelgröße, von breitſchulteriger kräftiger Geſtalt, dichtem ſchwarzem Haar und Vollbart, ſcharf⸗ geſchnittenen Zügen, etwas gebogener Naſe und dunklen blitzen⸗ den Augen. Er tug gewöhnlich einen dunklen Rock nach dem damals noch beliebten altdeutſchen Schnitt und verwendete im Allgemeinen, wie das loſe geknüpfte Halstuch zeigte, auf ſeinen Anzug keine beſondere Sorgfalt. Haltung und Gang waren auf⸗