——— ——— ———— B GlE Nur zur Benutzn 51 teran rh'dnäann 10 877 881 2 3 C ⸗ 9n 89 2 1. 6. 21. UL 1983 28. R 71 T 15. Nov. 1838 Beiträge G zur Ner. ö. 44&ο Geſchichte des chemiſchen Nnterrichtes an der Nniverſität Gießen 6. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnaſiums und der Realſchule in Gießen. Mit einem Plan. . Toog. b, Bibjothek Giessen, Gießen 1891. Druck und Verlag von Curt von Münchow, Univerſitäts⸗Druckerei. e e eſlehe Nacehe ee leee uc lee ee e e e cooo0000000000000000606006000006000600000000000000000600000000000002 D 5 vUUUeUeene ee s eee S 4 2S 2Te e Seleeed LS9SOOSGG9SOGGOGSOSSGSOðSSOOeeðꝭꝭðꝭ́ꝭᷣꝭðOðððꝭðᷣꝭðᷣ̊ꝭðᷣ̊ððð // sùù/ ͤe6& ã ʒʒ6ʒ6ʒ6ʒ6ʒ68685865686868686868686868686868686868888 56000666 C00000000 Vorbemerkung. Die Errichtung und feierliche Enthüllung des herrlichen Marmorbildes auf der Oſtanlage war eine würdige Huldigung vor den Manen desjenigen Lehrers unſerer Hochſchule, der in der Geſchichte der Wiſſenſchaft überhaupt, in der Geſchichte ſeines Faches und einer ganzen Reihe, in näherem oder entfernterem Zuſammenhang mit der Chemie ſtehender Zweige des Wiſſens als Bahnbrecher im wahren Sinne des Wortes fortleben wird. Die Denkmalfeier ſelbſt, insbeſondere einige Bemerkungen in der Feſtrede des Herrn Geheimerates A. W. von Hofmann haben mein lebhaftes Intereſſe erweckt. Der Aufklärung mehrerer dort nur angedeuteter Vorgänge, die in Liebigs Leben von beſonderer Bedeutung waren, habe ich einige freie Stunden gewidmet; und da die wenigen Ergebniſſe mir immerhin wichtig genug ſchienen, einige Irrtümer, falſche Beurteilungen unſerer Univerſität und Regierung zu beſeitigen, ſo glaubte ich berechtigt und verpflichtet zu ſein, die in den bald nach Liebigs Tode erſchienenen Nekrologen und Erinnerungsblättern von Carriere¹), Kolbe“*), Karl Vogt) u. a. vorgetragenen mehr oder minder belangreichen unrichtigen Auffaſſungen von Perſonen und Handlungen als ſolche zu bezeichnen. Meines Wiſſens ſind jene Beurteilungen bis jetzt nicht richtiggeſtellt worden und es iſt demnach die Gefahr vorhanden, daß der künftige Biograph Liebigs oder der ſpätere Geſchichtsſchreiber der Chemie und beſonders des chemiſchen Unterrichts jene zum Teil herrlichen und pietätsvollen Darſtellungen ohne weiteres als hiſtoriſche Quellen benützt. Meine Nachforſchungen, die nur auf das beſchränkt ſein konnten, was ſich mir am hieſigen Orte ohne allzu großen Zeitaufwand und ohne beſondere Mühe ergab, führten mich zur Gewinnung eines gerechten Urteils bald dahin, die Zuſtände und Perſonen vor Liebigs Zeit zu beachten. Es lag nahe, zu fragen, wer waren die Vorgänger Liebigs auf dem Lehrſtuhl der Chemie und unter welchen Umſtänden walteten ſie ihres )) Carriere, Lebensbilder, S. 276— 308. ²) Kolbe, J. f. pr. Chemie, 1874, S. 428. 3) Karl Vogt, Frankf. Zeitung 1873, von C. u. K. verwertet. 4 7 / / Amtes. Einiges zur Beantwortung dieſer Fragen hat ſchon der Herr Geheime Hofrat H. Hoffmann in ſeiner Rektoratsrede, Gießen 1866 gegeben. Ich erlaube mir im folgenden das dort Geſagte nach Vermögen zu ergänzen und zu erweitern. Ich glaube damit einige kleine Beiträge nicht nur zur Geſchichte der Univerſität und des chemiſchen Unterrichtes an ſich, ſondern auch manches für die Kulturgeſchichte im allgemeinen Intereſſante zu liefern. Nur wenn man erkannt hat, was ſchon Gegenſtand der Kämpfe und Sorgen der Vorgänger war, wenn man wahrgenommen hat, daß die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, weniger in den Perſonen als vielmehr in der Sache ſelbſt, in den herrſchenden Anſchauungen, in den finanziellen und politiſchen Verhältniſſen liegen, nur in dieſem Falle kann man gerecht urteilen und das An⸗ denken des großen Lehrers dieſer Hochſchule, deſſen Vorname Juſtus und deſſen weſentliche Charakter⸗ eigenſchaft bei ſeinen vielen Kämpfen Gerechtigkeit ſtets geweſen iſt, am meiſten ehren. Ich erfülle noch eine angenehme Pflicht, wenn ich des derzeitigen Rektors Magnificenz, Herrn Dr. theol. Gottſchick, für die gütigſt erteilte Erlaubnis zur Benützung des Aktenmateriales, dem Dekan der philoſophiſchen Fakultät im Jahre 1890, Herrn Profeſſor Dr. Naumann für die freund⸗ lichſt geſtattete Einſicht in die Fakultätsakten, ſowie endlich dem Herrn Univerſitätsſekretär Schäffer für die bereitwillige Unterſtützung aus dem Univerſitäts⸗Archiv den wärmſten Dank ſage. 1. Baumer. Bekanntlich war der Landgraf Ludwig IX., der in Pirmaſens ein einfaches, hartes Soldaten⸗ leben führte, eifrig bemüht, die ihm bei ſeinem Regierungsantritte in großer Zerrüttung überlieferten Finanzen wieder in Ordnung zu bringen und die wirtſchaftliche Lage des Landes zu verbeſſern. Der zu dieſem Zweck an die Spitze der Regierung in Darmſtadt berufene Freiherr Friedrich Karl von Moſer ſuchte ſeine Aufgabe, abgeſehen von einer Reihe zum Teil tief einſchneidender Maßregeln auch durch eine beſſere Vorbildung der Beamten in der Staatswirtſchaftslehre zu löſen. Er gründete daher auf der hieſigen Univerſität eine fünfte Fakultät, die ökonomiſche, und berief 1777 als den Ver⸗ treter des Hauptfaches den als Schriftſteller angeſehenen und in der Praxis bewährten badiſchen Amt⸗ mann Schlettwein. Als Profeſſor der Chymie wurde dieſer neuen Fakultät zugeteilt der bisherige Profeſſor der Medizin, Landphyſikus und Bergrat Dr. Baumer. Es verdient beachtet zu werden, daß durch das landgräfliche Reſkript vom 23. April 1777 wohl zuerſt ein beſonderer Lehrauftrag für Chemie und Mineralogie erteilt wurde, während dieſe Disziplinen bisher von einem oder zugleich mehreren Profeſſoren der Medizin, ebenſo wie Phyſik, Botanik und Zoologie nebenher gelehrt wurden. Es mag als ein Beweis großer Sachkenntnis angeſehen werden, wenn Moſer für die Studierenden der Kameraliſtik, welche ſpäter die Staatsgüter verwalten und bewirtſchaften ſollen, Vorleſungen über Chemie, Mineralogie, Geognoſie u. a. vorſchreibt und wenn er zugleich aus ſich ſelbſt und ohne daß die Univerſität darum nachſucht, zur Herrichtung der zu einem gedeihlichen Unterricht der Chymie ge⸗ hörigen Experimente dem Profeſſor Baumer ein beſonderes Laboratorium ſowie 30 fl. in Geld und zwei Wagen Kohlen zuſichert. Gleichzeitig mit Baumer las in der mediziniſchen Fakultät der Profeſſor Cartheuſer über Chemie, Phyſik und einzelne Zweige der Arzneigelahrtheit. Als nun auf Oſtern 1779 Profeſſor Cartheuſer ſich nach Wetzlar in den Ruheſtand zurückzog, wurde als deſſen Nach⸗ folger auf Vorſchlag der mediziniſchen Fakultät der 24 jährige Dr. med. Karl Wilh. Chriſt. Müller berufen, der bisher in Göttingen, wo er auch zuletzt ſtudiert und promoviert hatte, Vor⸗ leſungen über Pharmacie und Chemie hielt und zugleich, wie es in der biographiſchen Notiz heißt, das daten⸗ feerten &t ſeltene Glück genoß, in Büttners Laboratorium zu arbeiten. Müller hatte in Gießen, wo er um Michaelis 1779 eintraf, Naturlehre, Chemie, allgemeine Naturgeſchichte, Mineralogie, Botanik und ſchließlich die meiſten Teile der theoretiſchen und praktiſchen Medizin und Chirurgie zu lehren. Zugleich war er Aufſeher des botaniſchen Gartens. Für Demonſtrationszwecke im botaniſchen und phyſikaliſchen Unterricht waren ihm je 20 fl., im ganzen alſo 40 fl. zugebilligt. Es mag hier vorgreifend eine Parallele gezogen werden, auf welche ſpäter zurückgegriffen werden kann, wie die ſtillen Kreiſe eines älteren Lehrers durch den Eintritt eines ſtrebſamen und deshalb etwas ſtürmiſchen jungen Kollegen, freilich jetzt nicht in ſolchem Maße wie ſpäter, heftig geſtört werden. Müller war, wie geſagt, 24 Jahre und Baumer bereits 67 Jahre alt. Mit Rückſicht auf das Geſagte und zur Beleuchtung der damaligen Verhältniſſe mag nach den Akten ein bezeichnendes Ereignis erzählt werden. Dem landgräflichen Dekrete vom 23. April folgt unter dem 28. April 1777 ein Befehlſchreiben, in dem der Ausbau und die Ein⸗ richtung eines kleinen Häuschens im botaniſchen Garten zu einem Laboratorium angeordnet wird; nähere Beſtimmungen hierüber folgen noch einmal in einem Reſkript vom 31. Oktober desſelben Jahres. Aus Andeutungen an verſchiedenen Stellen der Akten darf gefolgert werden, daß der damalige Amts⸗ keller, dem die Verwaltung liegender Güter des Staates und u. a. auch der Türme und Wälle der Feſtung zuſtand, jenen Anordnungen einen erfolgreichen Widerſtand entgegengeſetzt hat und daß die Univerſität mit jenem Manne ſehr rechnen mußte, jedenfalls ihn nicht als Freund betrachten konnte. Vielleicht darf dieſes Verhalten des Amtskellers darauf zurückgeführt werden, daß zu jener Zeit das vorher unbedingte Vertrauen, das der Fürſt ſeinem Miniſter früher ſchenkte, ſchon wankend geworden war und daß Moſer jetzt ſchon nicht mehr mit jener rückſichtsloſen Thatkraft, wie früher den paſſiven Widerſtand, den die Beamten vielfach ſeinen Maßregeln entgegenſetzten, niederwerfen konnte. Thatſache iſt, daß ſechs Jahre nach dem Erlaß jener landgräflichen Schreiben endlich mit der Einrichtung jenes Gartenhäuschens zu einem Laboratorium Ernſt gemacht wurde. Das beſagte Häuschen ſtand vorn im botaniſchen Garten, unweit der heutigen Gärtnerwohnung; es enthielt nur einen einzigen Raum, in dem zugleich die Vorleſung gehalten und laboriert werden mußte. Der zugeſicherte Ausbau beſchränkte ſich auf den Erſatz verfaulten Holzwerks, der Errichtung eines chemiſchen Herdes und der Beſchaffung einiger Möbel, wie Tiſch und Schränkchen. Als die Angelegenheit nahe vor der Ausführung ſtand, ſtellte Profeſſor Müller an die Univerſität die Bitte,„ihm einen Teil des zu chemiſchen Verſuchen beſtimmten Geldes und der Kohlen zuzuweiſen und zugleich ihm die Aufſicht über das chemiſche Laboratorium zu übertragen.“ An den hierüber entſtandenen langen ſchriftlichen Verhandlungen beteiligt ſich Baumer anfangs recht gelaſſen; er erklärt, daß ſeine Experimente weit mehr Geld verſchlingen, als er hierfür vergütet erhalte und daß er bei dem geringen numero auditorum beträchtlich zulegen müſſe. Er weiſt ferner darauf hin, daß Müller ja 40 fl. für phyſikaliſche und botaniſche Demonſtrationen erhalte. Müller erwidert, das Letztere ſei richtig; er könne aber auch nachweiſen, daß er aus eigner Taſche die anſehnliche Summe von nahe 1000 fl. während ſeines Hierſeins für phyſikaliſche Inſtrumente aus⸗ gegeben habe. Nun macht der Dekan der mediziniſchen Fakultät, der Profeſſor der Anatomie Dietz den unglücklichen Vorſchlag, die Herren Baumer und Müller möchten ein über das andere Jahr die Chemie vortragen, dann könnten die in Frage ſtehenden Emolumente abwechſelnd dem einen und dem andern zugewieſen werden. Daraufhin hört Baumer auf, gemütlich zu bleiben; er fertigt die lange Schreiberei mit einem Schlag durch den Hinweis auf ſein Anſtellungsdekret ab,„in welchem ihm ohne ſein Zuthun und Bitte jene Emolumente zugewieſen ſeien.“ Er fährt dann grimmig fort:„Ich glaube, daß ich in der Experimental⸗Chymie das Meinige redlich gethan habe und mehrere nur in meiner Chymie an⸗ geführte experimenta können davon zeugen. Die Lreninenie wühſi und die Botanik können außer den mediziniſchen Vorleſungen den Herrn Profeſſor Müller genug beſchäftigen und dazu bekommt er 40 fl. aus dem fisco academico. Wenn es wahr iſt, daß der Herr Profeſſor Müller bei Leſung der Chymie, ohne Beihilfe, noch Geld übrig behalten hat, ſo kann er dies auch in Zukunft thun. Den Herrn Studioſis, welche ſich in Kameralwiſſenſchaft üben wollen, möchte es auch mehr um die doki⸗ maſtiſche, als um pharmaceutiſche Chemie zu thun ſein. Mich wundert, daß der Herr Dekanus nicht auch die Teilung des zu der Anatomie zu liefernden Holzes und der 40 fl., die an den Herrn Profeſſor Müller gegeben werden, vorgeſchlagen hat.“(9. Juli 1783. Dr. Baumer.) Gern mag man zugeben, daß Baumer redlich das Seinige get than hat; es mag aber auch die Möglichkeit ins Auge gefaßt werden, daß Müller in ſich einen Hauch jenes Geiſtes geſpürt hat, der die chemiſchen Anſchauungen damals von Grund aus umzugeſtalten begann, als Scheele mit wunderbarer Beobachtungsgabe ausgerüſtet bei ſeiner berühmten Unterſuchung der magnesia nigra(Braunſtein) ſowohl den Sauerſtoff als das Chlor entdeckte, als Black und Cavendiſh die fixe Luft(Kohlen⸗ ſäure) und Waſſerſtoffgas als eigenartige von der Luft ganz verſchiedene Gaſe erkannt hatten, als Scheele und Prieſtley die Frage: Iſt die atmoſphäriſche Luft ein einfacher oder zuſammengeſetzter Körper und welches ſind ihre Beſtand- oder Gemengteile? endgiltig beantwortet hatten; als hierdurch von jenen entſchiedenen Anhängern der Phlogiſtontheorie die ſogenannte pneumatiſche Chemie ausgebildet wurde, welche dem Phyſiker Lavoiſier alle jene Stoffe und Thatſachen lieferten, um mit Beihilfe ſeiner phyſikaliſchen Methoden die Phlogiſtontheorie endgiltig zu beſeitigen. Wenn auch im Anfang der achtz ziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ſelbſt Lavoiſier mit dem Phlogiſton noch nicht ſo weit gekommen war, ſo fiel in jenen Jahren doch die große Entſcheidung, aus welcher der Deutſchfranzoſe Würtz die Be⸗ rechtigung glaubte entnehmen zu ſollen, die Chemie für eine franzöſiſche Wiſſenſchaft zu erklären, aus welcher ferner der große Prioritätskampf entbrannte, den man füglich den engliſch⸗franzöſiſchen Krieg nennen könnte, den man durch den, in eingehender Weiſe mehrfach begründeten Schiedsſpruch Her⸗ mann Kopps geſchlichtet glaubte und der neuerdings als der Streit Thorpe-Berthelot in Folge der nicht zu beſeitigenden franzöſiſchen Eitelkeit wieder aufgelebt iſt ¹1). Von all dem, was damals ſchon ſeit über einem Decennium bekannt war, findet ſich in dem hier in Gießen gedruckten Werke Baumers „fundamenta chemiae theoretico-practicae posita a. D. Jo. Wilh. Baumer, Serenissimi Hassiae Landgravii a consiliis rerum metall. in acad. Giessena medic. prof. prim. historiae natural. et chemiae ord., Giessae apud Kriegerum 1783“ gar nichts. Baumer war ein unglaublich fruchtbarer Schriftſteller auf dem Gebiete der geſamten Medizin, der Mineralogie und der Chemie. In dem eben genannten Lehrbuche iſt er ſelbſtverſtändlich ein Anhänger der Ph lebiſrniheigi und er ſtützt ſich in ſeinen T wDeudi gene. Behauptungen und Experimenten auf Becher, Stahl, Boerhave, Kunkel, Wentzel u. a., bezüglich des arbor Dianae(Silberbaumes) zitiert er zeda einer Schrift von Conr. Hieron. Senckenberg über Metallvegetationen eine hier gedruckte Diſſertation des Joh. Thomas Henſing, de germinatione metallica artificiali, Giessae 1718. In demſelben Werke beſchreibt Baumer auf Seite 81— 87 die instrumenta chemica activa und zwar ignis, aär und aqua; auf Seite 87— 96 die instrumenta passiva, worunter er das Laboratorium mit den Herden verſteht Hiervon giebt er eine Beſchreibung, die auf alle Fälle mit jener Wirklichkeit nicht übereinſtimmt, in ¹) Sehr fein urteilt hierüber Liebig in ſeinen hinterlaſſenen Aufzeichnungen und ſagt am Schluß des hierauf bezüglichen Paſſus:„... und was in den Pariſer Vorträgen in den Thatſachen als neu und wie ohne Anfang dargeſtellt wurde, erſchien mir in der engſten Beziehung zu vorangegangenen Thatſachen, ſo zwar, daß, wenn die letzteren hinweggedacht wurden, die andern nicht ſein konnten.“ welcher er arbeitete. Bezüglich der Herde verlangt und beſchreibt er das Sand⸗, Waſſer⸗ und Dampf⸗ bad, den Wind⸗ oder Schmelzofen, den Sublimierofen, den furnus docimasticus(Probierofen), den furnus vitrarius und endlich den furnus negligentiae(den faulen Heinrich) nach der Beſchreibung des Cramer und Ludolf. Noch viel umfangreicher iſt das Kapitel über die chemiſchen Gerätſchaften, die Gläſer, Kolben, Muffeln, Kapellen u. ſ. w. Soviel iſt ſicher, daß nur das allerwenigſte davon in Baumers Laboratorium zu finden war. Der oben erwähnte Streit iſt ſelbſtverſtändlich zu ſeinen Gunſten entſchieden worden. Die Univerſität berichtet darüber u. a.„Was aber die Ausbauung des Laboratorii und insbeſondere deſſen innere Einrichtung betrifft, worüber der Profeſſor Müller die Aufſicht ſich gleichfalls erbittet, ſo gehen majora dahin, daß ſolche innere Einrichtung am beſten mit gemeinſchaftlichem Rate und Übereinſtim⸗ mung der mediziniſchen Fakultät geſchehe, damit kein Mitglied derſelben ſich beklagen könne; minora aber ſind der ohnmaßgeblichen Meinung, daß nur ein Profeſſor die Aufſicht haben müſſe und ſolche vorzüglich dem Bergrat Dr. Baumer als professori chymiae ordinario, wenn er ſie anderſt annehmen wolle, zu übertragen ſei, welcher alsdann mit dem Profeſſor Müller und dem ganzen Senate darüber zu Rate gehen könne.“ Darauf erfolgt die landesfürſtliche Entſcheidung, Darmſtadt, 13. Auguſt 1783: „daß es bei denen dem Bergrat Dr. Baumer, in der Qualität als Lehrer der Chymie, zugeteilten 30 fl. und andern Emolumenten ſein Verbleiben haben und ſolche anderwärts nicht angewieſen, ſodann, daß die Einrichtung des Laboratorii nach gemeinſchaftlicher Beratung und Uebereinkunft der mediziniſchen Fakultät veranſtaltet und nach deſſen Ausbauung die Aufſicht darüber dem Dr. Baumer, als Profeſſor der Chymie allein übertragen werden ſolle.“ Von den dieſer Entſcheidung vorausgegangenen Gutachten der Mitglieder des akademiſchen Senates iſt eines noch in mehrfacher Hinſicht von Intereſſe. Der Profeſſor der Theologie und Direktor des damals noch mit der Univerſität vereinigten Predigerſeminars, Dr. Schulz, bemerkt mit Bezug⸗ nahme auf den Ausbau des Laboratoriums, daß er es für das Beſte halte, wenn der Ausbau ganz unterbliebe. Das Gebäude ſei zu klein; es größer zu machen, dürfte ſchwerlich ausführbar ſein wegen der großen Koſten. Der jetzt geplante Ausbau koſte die Univerſität gewiß 100 Reichsthaler und dann ſind immer noch keine Ofen und andere nötige Werkzeuge angeſchafft.„Mein ohnmaßgeblicher Vor⸗ ſchlag wäre alſo: Man verlege den Gebrauch des den Einſturz drohenden Gartenhäuschens in horto academico in dieſes Gebäude(sic! Gelände?) und decke es zu dieſem Zwecke blos mit einem Dache; nun kann das armſelige Gartenhäuschen ganz weggenommen und der Platz zu Pflanzen benützt werden. Soll dann doch ein Laboratorium ſein, ſo haben wir ſo viele am vallo ſtehende, ganz ungebrauchte feuerfeſte und geräumige Türme, z. E. am Selzerthore, daß es ein Leichtes ſein wird, einen davon zu dieſem Gebrauch eingeräumt zu bekommen. Sollte dieſer mein Vorſchlag ſtattfinden, ſo wüßte ich auch ein Mittel, die nötigen Ofen ohne alle Koſten für die Univerſität herbeizuſchaffen. Dieſen will ich aber bis dahin noch bei mir behalten.“ Dieſem Votum tritt durch ſeine Unterſchrift bei Profeſſor Böhm, der auch zu den Poly⸗ hiſtoren jener Zeit gehört(er war Univerſitätsbibliothekar und trug vor: Logik, Metaphyſik, angewandte Mathematik, beſonders Mechanik, Hydroſtatik, Hydraulik, Aſtronomie, Chronologie, Gnomonik, Civil⸗ und Militärbaukunſt und Algebra). Auf einem den Akten beiliegenden Blatt, für des Rektors Mag⸗ nificenz beſtimmt, warnt der Sekretarius in beweglichen Worten vor dem Antrag des Profeſſor Schulz. Die Annahme desſelben würde nämlich dem Amtskeller die erwünſchte Gelegenheit geben, nicht allein dieſem Vorſchlag erfolgreich Hinderniſſe zu bereiten, ſondern auch den bereits beſchloſſenen Ausbau des Laboratoriums im Gartenhäuschen völlig in Frage zu ſtellen. Zudem ſeien die genannten Türme nicht frei; der am Selzerthore enthielte Patronen und andere Geräte für die auf der Selzerpförter Batterie ſtehenden Stücke. So wurde denn das Gartenhäuschen ausgebeſſert, die faulen Schwellen und Balken erneuert und mit einem Herde verſehen. In demſelben lehrten und arbeiteten Baumer und Müller; es diente als Laboratorium und Auditorium bis Ende 1824, wo es auf Antrag des damaligen Direktors des botaniſchen Gartens, Wilbrand, niedergelegt wurde. Baumer ſtarb im Jahre 1788 in einem Alter von 76 Jahren. Er mußte als Pfarrer in einem Alter von 30 Jahren ſeinen Pfarrdienſt wegen Blutſpeiens aufgeben. Um ſich heilen zu laſſen, ging er nach Halle und ſtudierte gleichzeitig Medizin. Als 36jähriger Mann promovierte er und wurde bald darauf als Profeſſor der Medizin an die damals kurmainziſche Univerſität Erfurt berufen; dort wirkte er 12 Jahre lang und folgte dann im Jahre 1764 einem Rufe an die hieſige Hochſchule. Mit Baumers Tod war auch zugleich die ökonomiſche Fakultät vollſtändig entſchlafen; denn ſchon ſeit dem Weggang Schlettweins 1785 beſtand ſie inſoferne nicht mehr, als die Hauptprofeſſur in Folge der langen Verhandlungen faſt 2 Jahre lang unbeſetzt blieb. Eingehend berichtet darüber der Nachfolger Schlettweins, Crome, in ſeiner Selbſtbiographie(Seite 140 f.). Er erzählte auch, daß nach ſeiner Ankunft die ökonomiſche Fakultät nicht wieder erweckt worden ſei; man habe vorgezogen, die Kameraliſtik als eine Sektion der philoſophiſchen Fakultät zu betrachten. So mag es auch gekommen ſein, daß man nach Baumers Tod keinen Grund einſah, ihm einen Nachfolger zu geben. Das Fach war ja, neben manchen andern, durch den Profeſſor der Medizin Müller ver⸗ treten. Nach dem Tode des 1815 durch den König Max Joſeph von Bayern geadelten Geheimerates Müller wurde als Nachfolger Profeſſor Vogt, der Vater Karl Vogts, im Jahre 1817 berufen. Vogt gab unzweifelhaft den Anſtoß, daß die Univerſität ſich mehr und mehr mit dem Gedanken ver⸗ traut machte, einen Vertreter der reinen Chemie zu berufen. Er verlangte für ſeine Zuhörer in der Pharmacie chemiſche Vorkenntniſſe, die zu geben er keine Zeit habe. Obwohl er neben der Pharmacie auch noch einige rein mediziniſche Fächer lehrte, ſo war er hiernach von dem Werte der Arbeitsteilung auch in wiſſenſchaftlichen Dingen überzeugt zu einer Zeit, wo noch manche ſeiner hieſigen Kollegen als Vertreter zum Teil ſehr heterogener Wiſſenſchaften prunkten. Vogt“) gehört in erſter Linie mit zu jenen Profeſſoren, welche an der hieſigen Hochſchule nach und nach erfolgreich der Häufung der Lehr⸗ fächer entgegentraten, der Anerkennung einer immer weitergehenden Spezialiſierung die Wege bahnten. 2. Zimmermann. Die Wiederbeſetzung des ſeit Baumers Tod 32 Jahre lang verwaiſten Lehrſtuhles der Chemie ging unter ſo eigentümlichen Verhältniſſen vor ſich, daß dem aufmerkſamen Leſer der darauf bezüglichen Akten ſich der Gedanke aufdrängt: entweder iſt unter dem Druck einer mächtigen Gönnerſchaft hier und in Darmſtadt die Mehrheit des akademiſchen Senats allmählich gefügig geworden oder die Mehrheit hat die unzweifelhaft vorhandene Gönnerſchaft benützt, um einen neuen Lehrſtuhl zu ſchaffen und um damit der erſtrebten Spezialiſierung Boden zu erobern. Doch iſt nicht ausgeſchloſſen, daß der Kandidat dieſer Profeſſur ſich in ſeinen naturwiſſenſchaftlichen Beſtrebungen nach und nach mehr konzentrierte und in Folge davon in Chemie und Mineralogie die Ausſicht auf größere Leiſtungen eröffnete. Hierbei mag gleich geſagt ſein, daß ſeine Hauptgegner gerade die ſachverſtändigſten Mitglieder der philoſophiſchen ¹) Es gereicht mir zur beſonderen Freude, in den folgenden Blättern ein— wenn auch nur beſcheidenes— Denkmal dieſem Manne ſetzen zu können, der in ſeiner Eigenſchaft als Gemeinderatsmitglied in den Jahren 1833, 34 und 35 in ſo hervorragender Weiſe ſich um die Gründung der Realſchule bei den Vorverhandlungen verdient gemach that. 3 und mediziniſchen Fakultät waren, die im Zeitraum von ſieben Jahren allmählich in ihrer Mehrzahl ſeine Fürſprecher wurden. Aus mehrfachen Gründen iſt hier nicht der Ort, auf die Einzelheiten einzugehen; des Zu⸗ ſammenhanges wegen muß jedoch Folgendes erwähnt werden. Nach den vorliegenden biographiſchen Notizen wurde Wilhelm Ludwig Zimmermann, Sohn des Superintendenten Heinrich Chriſtian Zimmermann zu Darmſtadt, von ſeinem Vater ge⸗ zwungen, Theologie zu ſtudieren, während ſeine Neigung ihn zur Naturwiſſenſchaft trieb. Dieſe Neigung muß ihn ſchon frühe zum Sammeln von Naturgegenſtänden hingezogen haben, ſo daß mit Bezugnahme hierauf bei ſeiner ſpäter zu erwähnenden Bewerbung um eine akademiſche Lehrſtelle einige der hervor⸗ ragendſten„emitn ieder in ihren Voten bemerkten, daß, wenn dem Bewerber der Pfarrdienſt nicht zuſage, für ihn vielleicht die Stelle eines Muſeumsinſpektors ausfindig zu machen ſei. Seine Neigung wies ihn zunacht an die Natur in ihrer Geſamtheit, es war viorleicht eine Art Naturſchwärmerei, ein „phantaſievolles Haften an den umgebenden Phänomenen“. Nach Beendigung ſeiner theologiſchen und philoſophiſchen Studien nude er, da er auf eine Verwendung im Pfarrdienſt verzichtete, in einem Alter von 21 Jahren als 4. Pädagoglehrer angeſtellt. Einige Monate darnach, am 25. Dezember 1803, promovierte er zum Doktor der Philoſophie. Bei der ſpäter zu erwähnenden Veranlaſſung ſprechen ſich einige Profeſſoren, und zwar gerade ſolche, die in ihrer Eigenſchaft als Mitglieder der Pädagogkommiſſion zu der Beurteilung gewiß berechtigt waren, über ſeinen Eifer und Fleiß zwar ſehr anerkennend, über ſeine Lehrerfolge jedoch nicht günſtig aus. Er ſei dunkel, heißt es da, und ſeine Schüler verſtünden ihn nicht. Im Jahre 1808 erhielt er auf ſein Nachſuchen zur weiteren Ausbildung in den Naturwiſſenſchaften einen Urlaub und die erforderliche ſtaatliche Geldunterſtützung zu einem Aufenthalte in Paris. Ueber die dortigen Studien fand ſich nur die Bemerkung, daß Cuvier, der Begründer der vergleichenden Anatomie, ſein Lehrer geweſen ſei. Es läßt ſich aber doch wohl annehmen, daß er die großen Phyſiker und Chemiker wie Fourcroy, Vauquelin, Berthollet, Gay⸗ Luſſac, Thénard u. a. nicht vernachläſſigt hat. Zu Oſtern 1811 veröffentlicht Zimmermann in dem Programm des hieſigen Pädagogiums eine 23 Seiten ſtarke Abhandlung:„Einige merkwürdige, die Metallvegetation begleitende Phänomene beobachtet von Dr. W. Z.“, in welcher er ſich mit den eigentümlichen dendritiſchen Formen beſchäftigt, in welchen ſich Metalle aus ihren Salzlöſungen ausſcheiden, wenn andere Metalle in jene Löſungen eingetaucht werden. Die Verſuche ſtellt er nicht in der Weiſe an, wie wir ſie von dem Saturns-⸗Blei⸗) und Dianen ⸗(Silber⸗)Baum kennen; er ſtreicht vielmehr die Salzlöſungen der ſogenannten Schwermetalle (wohl faſt alle damals bekannten) in uee Schicht auf Platten aus den verſchiedenſten Stoffen. An verſchiedenen Stellen der Platten taucht er in die Flüſſigkeitsſchicht die Spitzen von Metalldrähten der allerverſchiedenſten Art und beobachtet 8 dabei erfolgende Metallausſcheidung. Als Beleg für die Stufer der experimentellen Forſchung ſei hier nur auf die Art hingewieſen, in der die Forderung, die Be⸗ dingungen des Verſuches möglichſt zu verändern, erfüllt worden iſt. Selbſtverſtändlich iſt es, daß die Wirkung möglichſt vieler Metalle auf möglichſt viele Salzlöſungen beobachtet und ſo auch bei dieſer Frage gleichſam eine Spannungsreihe aufgeſtellt wurde. Es berührt aber heute eigentümlich, zu erfahren, daß zu den Platten, welche die Salzlöſungen zu tragen hatten, verſchieden gefärbte Gläſer, Goslariſcher und Solfatara⸗Schwefel, Seife, verſchiedene Harze, Wachs, Talg, Elfenbein, Papier, Taffent, Kork, verſchiedene Holzſorten, Leder, Steinſalz, Alaun, Kupfervitriol, Borax, Tuch, rote und weiße Oblaten, Gips, Marmor, Baſalt, Asphalt, Holz⸗ und Steinkohle u. ſ. w. genommen wurden. Wie ſehr der Verfaſſer unter dem Bann der damals herrſchenden Richtung ſtand, dürfte z. B. aus folgender Stelle S. 12 hervorgehen: 40 „So wie die welke Pflanze ſich in friſchem Waſſer aufrichtet, ſo wird auch das Leben des vegetierenden Metalles erfriſcht durch erneuten Zuguß von derſelben Solution, und wie die Pflanze zum Lichte aufſtrebt, ſo breitet auch jenes ſeine Zweige dem verwandten Körper freudig entgegen. Iſt die Flüſſigkeit dem Vertrocknen nahe, ſo erliſcht die plaſtiſche Kraft der Vegetationskette; die Äſte ſterben ab und verlieren durch ſchnellen Übergang ins Oryde, allen Reiz ihres exrpanſiven Daſeins. Was aber den chemiſchen Prozeß erneut, erneut auch das Leben der Vegetation. Man kann, ſolange jene Bedingung ſtattfindet, ſelbſt die vegetativen Gebilde zerſtören und ſie werden aufs neue regenerieret u. ſ. w.“ Die hier geſchilderte Auffaſſung entſpricht der Schelling'ſchen Idee, der Natur einen„unbewußten“ ſchöpferiſchen Geiſt beizulegen, die Thätigkeiten der Natur alſo als„unbewußte“ Geiſtesthätigkeiten anzuſehen. Man wird aber auch unwillkürlich an die Goethe'ſche Vorſtellung von der Natur als etwas„Wirkendem, Lebendigem, aus dem Ganzen in die Teile Strebenden“ erinnert, an den Glauben Goethes von den „allmählichen Wandlungen wie der Erde, ſo auch der organiſchen Welt“. Ein Einfluß Goethes kann auch ſchon aus einer Bemerkung in einer ſpäteren Schrift Zimmermanns entnommen werden, wo er von der Ermunterung ſpricht, die ihm Goethe mehrfach habe zu Teil werden laſſen. Sofort nach dem Erſcheinen dieſer Schrift richtet Zimmermann(am 11. April 1811) an den Großherzog Ludwig I. unter Berufung auf ſeine mit Allerhöchſter Unterſtützung ermöglichten Pariſer Studien(1808) und ſeine fortdauernde Beſtrebung behufs Erweiterung ſeiner Kenntniſſe in der Naturkunde die unterthänigſte Bitte um die Verleihung einer außerordentlichen Profeſſur der Naturkunde. Es kann hier nicht auf die hierüber eingeholten Gutachten der Senatsmitglieder eingegangen werden; es genüge die Bemerkung, daß die Univerſität den Antrag ſtellt, das Geſuch abzuweiſen und den Bittſteller zu bedeuten, er habe als Doktor der Philoſophie das Recht, Vorleſungen zu halten; hiervon möge er nur ausgiebigen Gebrauch machen und die Univerſität in die Lage verſetzen, ſeine Lehrthätigkeit zu beurteilen. Den zuletzt erwähnten Rat ſcheint Zimmermann nicht befolgt zu haben; dagegen hat er außer ſeinem Unterricht am Pädagogium vor den Offizieren und Kadetten der hieſigen Garniſon etwa im Winter 1814/15 über Geographie, Geſchichte, Kameraliſtik, reine Mathematik u. a. Vorträge gehalten. Auf dieſe ſich berufend und auf die dabei erzielten Erfolge hinweiſend, kommt Zimmermann im Jahre 1815— da ihm vier Jahre vorher die Bewerbung um ein Extraordinariat fehlgeſchlagen war— gleich um die Verleihung einer ordentlichen Profeſſur ein. Da hierbei ein beſtimmtes Fach nicht angegeben war, ſo gab dieſer Umſtand, wie es ſcheint, eine mehrfach willkommene Veranlaſſung zu höchſt charakteriſtiſchen Ab⸗ ſtimmungen, auf welche hin das Miniſterium die Bewilligung des Geſuches ablehnt. Unterdeſſen arbeitet Zimmermann weiter; er beſchäftigt ſich mit Verſuchen über die Bildung von Schwefelmetallen unter Bedingungen, die wieder für ſeine experimentellen Methoden ſehr kenn⸗ zeichnend ſind. Die Ergebniſſe dieſer Verſuche veröffentlichte er in dem Oſterprogramm des Pädagogs im Jahre 1816. Die Abhandlung führt die Aufſchrift:„Ueber eine neue Entſtehungsart mehrerer Metallothion- und Hydrothionmetall⸗Arten entdeckt und unterſucht von Dr. W. Z.“ In einer An⸗ merkung zur Einleitung dieſer Abhandlung giebt er an, daß er unlängſt zwei Aufſätze veröffentlicht habe: 1) strena de crystallinis atmosphaerae praecipitationibus und 2) über die Spuren der irdiſchen Ringgebirge und Wallebenen, in welchen er nach ſeinen Angaben näher entwickelt habe,„daß in den merkwürdigen Gürteln der Erdfläche, wo die Feuerberge ſich erheben, die Erdbeben herrſchen, No vnſiſteine(Abrolithen) ſtürzen, wo durch ſtärkere Gewitter, Stürme, atmoſphäriſche Spannungen und Niederſchläge ſich das Spiel der elektriſchen Kräfte in ſteterem Umtrieb ergeht, auch die Hauptgruppen 11 der entzündlichen Stoffe ſich gelagert haben.“ Nach einer weit ausholenden geſchichtlichen Einleitung kommt der Verfaſſer auf einen jener entzündlichen Stoffe, den Schwefel; er giebt die Chemiker an, die ſich mit jenem Stoffe und ſeinen Verbindungen beſchäftigt haben. Doch ſei noch vieles dunkel und unentſchieden; deshalb habe er hierüber eine große Anzahl von Beobachtungen angeſtellt, deren Ergebniſſe bei vielen hervorragenden und ihm teuren Männern, bei ſeinem Lehrer Schmidt, bei Bucholz(dem bekannten, von Goethe hochgeſchätzten Apotheker und analytiſchen Chemiker in Weimar), Gehlen(Mit⸗ glied der Akademie der Wiſſenſchaften in München, 1815 bei der Unterſuchung des Arſenwaſſerſtoffs durch Vergiftung geſtorben), Emmerling(dem angeſehenen Mineralogen, damals Hofkammerrat in Gießen, ſpäter Oberbergrat in Darmſtadt), Lenz(Bergrat und Profeſſor der Mineralogie in Jena, der auch anfangs Theologe war, ſpäter lateiniſche Schriftſteller herausgab und dann auf einmal ſich nur mit Naturwiſſenſchaft beſchäftigte und zahlreiche mineralogiſche Schriften kompilatoriſch verfaßte), Leonhard(dem bekannten Heidelberger Geognoſten, damals noch Aſſeſſor in Hanau) und„Deutſch⸗ lands tiefem Naturdichter, Goethe“ Beifall gefunden hätten. Er ſchickt noch voraus, daß frühere Unterſuchungen ihn belehrt hätten,„daß die Schichtenverbindung verſchiedenartiger feſter Körper, auch bei Ausſchließung der Flüſſigkeit, gleichwohl die einwohnenden Kräfte derſelben zur entſchiedenen Thätigkeit reize.“ Er ſtellt nun durch Guß zwiſchen Glasplatten ſpiegelglatte Schwefelplatten her, im Durch— meſſer zwiſchen 2 Linien bis 2 Zoll, in der Dicke von 0,1 bis 1 Linie. Die betreffenden Metallplatten werden eben geſchliffen und glänzend poliert. Abwechſelnd mit Schwefel und Metall ſetzt er aus dieſen Platten Säulen(nach Art der ſog. Volta'ſchen Säulen) zuſammen und läßt dieſe beſtimmte'Zeit hindurch ruhig ſtehen. Die anfänglich blanke Metalloberfläche erleidet hierbei nun einen Farbenwechſel, der neben andern Bedingungen hauptſächlich von der Zeit abhängt. Dieſer Farbenwechſel und die Zeit werden feſtgeſtellt. Nachher werden die Verſuche dahin abgeändert, daß die Berührungsflächen von Metall und Schwefel mit den verſchiedenſten Flüſſigkeiten befeuchtet werden und daß die Art der Befeuchtung mehr⸗ fach abgeändert wird. Die an dem Farbenwechſel der allmählich ſich vergrößernden dünnen Schicht des Schwefelmetalls erkennbare chemiſche Wirkung wird nun nach den Verſuchsbedingungen(Zeit, Temperatur, Druck u. ſ. w.) klaſſifiziert. Als Metalle werden gewählt Kupfer, Silber, Gold, Eiſen, Zinn, Blei, Meſſing, Tomback, Semilor, Zink, Queckſilber u. ſ. w.; zur Befeuchtung dienen Waſſer, dann in den verſchiedenſten Verdünnungsgraden Salzſäure, Schwefelſäure, Salpeterſäure, Eſſigſäure, Phosphorſäure, Schwefelwaſſerſtoffwaſſer, Kali⸗ und Natronlauge, Ammoniak, Alkohol, Ather, fette und ätheriſche Ole und ſchließlich eine ganze Menge von Salzlöſungen. Rechnet man dazu noch die Variationen der Temperatur, der Zeit u. ſ. w., ſo iſt gewiß der aufgewendete Fleiß anzuerkennen. Weiter als eben angegeben, iſt die Arbeit nicht gediehen; es wird Fortſetzung verſprochen, ſobald„die wenig freie Zeit laſſende Lage“ des Verfaſſers ſich geändert habe. Er hoffe dieſe Beſſerung bald zu erleben, da maß— gebende Perſonen ihm und ſeinen wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen vielen Anteil ſchenken. Inzwiſchen war Müller geſtorben, an deſſen Stelle Vogt berufen und von dieſem der Boden in oben ſchon dargelegter Weiſe bereitet, die Trennung der Pharmacie und Chemie angebahnt worden. Im Jahre 1818 reicht Zimmermann ein neues Geſuch um Verleihung einer Profeſſur ein. Die jetzt, wie vor drei Jahren, unterlaſſene Angabe des Faches wird nunmehr in den Verhandlungen nicht wie damals ausgebeutet. Zu Zimmermanns alten Freunden(v. Grolman, Palmer u. a.) geſellen ſich jetzt ſeine früheren, zum Teil heftigen Gegner, ſo daß mit einer beträchtlichen Majorität das Geſuch befürwortet und Zimmermann durch Dekret vom 6. Juni 1818 zum außerordentlichen Profeſſor der Chemie und Mineralogie ernannt wird. Die Regelung der Verhältniſſe an dem mit der Univerſität ſeit ihrer Gründung eng verbundenen Pädagogium mögen hier übergangen werden. So hatte denn Zimmermann ſein hartnäckig verfolgtes Ziel erreicht; er war in einem Alter von 36 Jahren indemniher Lehrer geworden. If Monate lang war Zimmermann Extraordinarius, als durch Verfügung vom 14. Mai 1819 das Anegirum von der Univerſität ein Gutachten über die Leiſtungen Zimmermanns als akademiſchen Lehrers verlangt; es habe nämlich die Abſicht, denſelben zum ordentlichen Profeſſor zu befördern. Die Führung bei den ſchriftlichen Gutachten übernimmt der Phyſiker G. G. Schmidt mit einem für Zimmermann recht günſtigen Zeugnis. Er habe z. B. in dieſem Semeſter über 20 Zuhörer; er verfolge mit Fleiß und Ausdauer die reiche Litteratur der im ſtarken Fortſchreiten begriffenen chemiſchen Wiſſen⸗ ſchaft und habe ſich ſowohl im Vortragen wie im Experimentieren ſehr geübt. Crome iſt dagegen ſehr mißtrauiſch; Zimmermann habo, ſeit er außerordentlicher Profeſſor ſei, noch gar nichts geſchrieben. Zuletzt fragt Crome, ob der Fiskus eine eigene Profeſſur für eine Hilfswiſſenſchaſt beſtreiten könne und dürfe. Die Verhandlungen, die alle ſchriftlich geführt werden, ziehen ſich innerhalb des Senats lange hin; im September kommt ein Monitorium. Es werden mit der Angelegenheit immer mehr Fragen vermengt, ſo z. B. Zimmermann müſſe ganz vom Unterricht am Pädagog entbunden und ſomit für ihn ein Collaborator beſtellt werden; ferner, ob für den ordentlichen Profeſſor der Chemie die Gehilfen vom Fiskus oder vom Profeſſor, der ja dafür auch höhere Kolleggelder beziehe, zu bezahlen ſeien; wie hoch endlich die zum Experimentieren erforderliche Vergütung feſtgeſtellt werden müſſe. Der von vielen Votanten auf 70 fl. normierte letzterwähnte Betrag wird von andern unter dem Zweifel bemängelt, ob denn auch der fiscus academicus eine ſolche Ausgabe vertragen könne, welche Bemerkung einem ſpäteren Votanten den Ausruf entlockt:„Der fiscus academicus hat, wie es ſcheint, die ſchnurrige Eigenſchaft, daß er große Ausgaben leicht, kleine aber, wie dieſe 70 fl., nur ſchwer vertragen kann.“ ¹) Sehr warm hebt Prof. Vogt Zimmermanns Verdienſte hervor. Er merke es deutlich an ſeinen Zuhörern, die in der Chemie größere Fortſchritte gemacht hätten, als er billig hätte erwarten können. Zimmermann ſei von Charakter höchſt achtungswert und erfreue ſich allgemeiner Hochſchätzung. Die von ihm geſchilderten Vorzüge als Lehrer ſeien höher zu achten als litterariſche Werke. Denn gerade die Hingabe Zimmermanns an ſeine Lehrthätigkeit, ſeine wiſſenſchaftl hinderten allein ihn, ſchriftſtelleriſch thätig zu ſein. Daraufhin wird Zimmermann gegen Ende 1819 zum ordentlichen Profeſſor der Chemie er⸗ nannt.(800 fl. Beſoldung, die Naturalbeſoldung mit etlichen Maltern Korn, Hafer, Heu, ¼ Morgen Grabland; für Experimente 70 fl., die ſpäter auf 120 fl. erhöht werden.) Die für einen Diener nachgeſuchten 60 fl. werden abgeſchlagen, weil der Dienerlohn aus dem höheren Honorar für die chemi⸗ ſchen Vorleſungen zu beſtreiten ſei. Zimmermann hielt im Semeſter drei bis vier Vorleſungen, ab⸗ wechſelnd über: Experimentalchemie nach Döbereiner, Syſtem der Chemie, pneumatiſche Chemie, techniſche Chemie, Reagentienlehre, Anleitung zur chemiſchen Analyſe und mineralogiſchen Diagnoſtik, Anleitung zur Bereitung der chemiſchen Prüfungsmittel und deren Anwendung, Anleitung zur chemiſchen Analyſe des Waſſers, Mineralogie, Geognoſie, Geologie. Zu beſtimmten Stunden öffnete er das mineralogiſche Kabinet. Während Zimmermann kaum nennenswerte litterariſche Leiſtungen aufweiſen konnte, erhielt er im Jahre 1819 einen Kollegen für chemiſche Technologie und Hüttenkunde, der urſprünglich ein Praktiker und dabei ein äußerſt fruchtbarer Schriftſteller auf metallurgiſchem Gebiete und zugleich der iche Weiterbildung ver⸗ ¹) Vergl. hiermit eine Stelle aus Liebigs ſpäter zu beſprechendem Brief an v. Linde(Carriere, Seite 304): „Man hat dieſe Summen, aber verwendet ſie auf eine unerträglich lächerliche Art!“ 13 erſte Ueberſetzer des Lehrbuches der Chemie von Berzelius war, jenes für lange Jahre ſo einflußreichen Werkes. 9s hat hier jedoch keinen beſonderen Zweck auf die Lebensgeſchichte des Hofkammerrates und penſionierten Hütteninſpektors Joh. Georg Ludolph Blumho f einzugehen. Als derſelbe mit einer Remuneration von 300 fl., die ſeinen ſchmalen Ruhegehalt etwas aufbeſſern ſollten, im Jahre 1819 als außerordentlicher Profeſſor der Technologie angeſtellt wurde, war er 45 Jahre alt. Es wird ſeiner hier nur deshalb gedacht, weil in der Rede des Geheimerates v. Hofmann inſofern eine kleine Unrichtigkeit ſich vorfand, als s Blumhof nie Ordinarius war. Zimmermann hat in der Folge nur noch eine unvollendet gebliebene Arbeit veröffentlicht, die was Methode und Behandlung im ganzen anbelangt einen deutlichen Fortſchritt erkennen läßt, obgleich der eigentliche chemiſche Teil gar nicht erſchienen iſt. Dieſelbe erſchien 1824 im erſten Jahrgang von Kaſtners Archiv und war veranlaßt durch einen am 3. Mai 1821, vormittags 9 ½ Uhr in Gießen niedergegangenen Blutregen, der übrigens eine geringe Verbreitung und Dauer gehabt hat. Die Abhandlung iſt überſchrieben:„Beiträge zur genaueren Kenntnis der wäſſerigen Meteore.“ Durch drei Jahre hindurch werden alle atmoſphäriſchen Niederſchläge unter Beobachtung aller Vorſichtsmaßregeln in geeigneten Gefäßen an fünf Orten aufgefangen und zwar auf dem Dünsberg(Vermeſſungsgerüſt) 1055“, auf der Ruine Gleiberg 380“, einem der ſüdlichen Türme der Kaſerne(Klinik) 120“, im Hofe des Klingelhöfferſchen Hauſes Röhrles Brauerei, damals Zimmermanns Wohnung) 24“ und end⸗ lich in einem Garten an der Lahn 8' über dem Lahnſpiegel. Es ſind nun viele, meteorologiſch und 15 jſikaliſch wichtige Beobachtungen gemaht bez. beſtätigt worden, wie z. B. die Niederſchlagsmenge in hrer Abhängigkeit vom Höhenunterſchied, die Anſammlung von ſtaubartigen oder gasförmigen Bei⸗ mengungen der Atmoſphäre auf den Dunſt⸗ oder Nebelbläschen, Regentropfen oder Schneeflocken, der nnchnie von Eiſen und Mangan unter jenem Staub, wobei von Kaſtner in der Anmerkung an vulkaniſchen Aſchenſtaub, von Zimmermann dagegen an kosmiſchen Staub gedacht wird u. a. Etwas langweilig wird die Abhandlung, weil ſämtliche Niederſchläge mehrfach klaſſifiziert werden, einmal nach den Aggregatzuſtänden, dann nach der Farbe, endlich nach den vier Rubriken: a) Meteorſtaub⸗ waſſer, b) Faſerwaſſer, c) Schleimwaſſer, d) Blütenſtaubwaſſer. Hierauf kommen noch Einteilungen nach Geruch und Geſchmack. Die chemiſche Abteilung beginnt zuerſt mit einem ſorgfältigen geſchichtlichen Überblick früherer analytiſcher Arbeiten von Tabernae Montanus an bis zu Bergman, Prieſtley und Lavoiſier. Mitten in der Beſprechung der von ihm angewandten Unterſuchungs⸗ methoden, die in ihren vielfachen Wiederholungen erkennen läßt, daß damals der einfache und klare Gang der qualitativen Analyſe, wie er ſpäter unter Liebig und deſſen Schülern Freſenius, Will u. a. entſtanden iſt, noch nicht ausgebildet war, bricht die Arbeit ab. In einer etwas ſpäter abgedruckten brieflichen Notiz wird die Verzögerung der Fortſetzung mit der großen Menge von Schwierig⸗ keiten entſchuldigt, die zu überwinden ſeien. Eiafündeiſen wird bemerkt, daß ein weſentliches Hindernis bei der Analyſe die geringe Menge der feſten Beſtandteile ſei, trotzdem hätte ſchon feſtgeſtellt werden können, daß jeder Schneefall von einer ſchwärzlich metalliſchen Subſtanz begleitet ſei, die größtenteils aus Eiſen, Mangan und organiſchen Stoffen beſtehe und deren Herkunft völlig rätſelhaft ſei. Als Zimmermann dieſe Worte ſchrieb, war in den Lehrkörper der Univerſität ohne deſſen Willen und Wiſſen ſchon ein Mann eingetreten, der an Jahren zwar ein Jüngling, doch vom erſten Tage ſeiner Wirkſamkeit gleichmäßig bis zum letzten durch die Genialität ebenſo ſehr wie durch die Raſtloſigkeit ſeines Liüefen dieſer Univerſität den größten Glanz verliehen hat. Im Jahre 1823 war Crome Dekan der philoſophiſchen Fakultät und ein eigentümliches Verhängnis zwang ihn, in den beiden folgenden Jahren jedesmal in ſeiner Eigenſchaft als Exdekan nach dem Ableben der zeitigen Dekane die Geſchäfte wieder zu übernehmen. Für das Jahr 1824 war der Pädagogiarch und Profeſſor der Eloquenz Rumpf und für 1825 Zimmermann als Dekan erwählt worden; beide ſtarben während ihres Amtsjahres. Während Rumpfs Dekanat wurde die Univerfität durch die Ernennung des Dr. philos. Juſtus Liebig zum außerordentlichen Profeſſor der Philoſophie über⸗ raſcht. Das Dekret wurde von Großherzog Ludwig I. am 26. Mai 1824 unterzeichnet. Der Gehalt war auf 300 fl. feſtgeſetzt. Bekannt iſt, daß dieſe ungewöhnliche Ernennung unmittelbar aus dem Kabinet veranlaßt war in erſter Linie durch die lebhafte Empfehlung A. von Humboldts, der ab⸗ geſehen von ſeiner eigenen Beurteilung ſich beſonders auf das glänzende Zeugnis Gay⸗Luſſacs berufen konnte, dann aber auch durch die warme Teilnahme des Kabinetsſekretärs Schleiermacher, der Liebig von Jugend auf beobachtete und die Befriedigung der litterariſchen Bedürfniſſe desſelben auf der Hofbibliothek mit ſteigendem Intereſſe verfolgte. Carriere hat a. a. O. S. 303 nach den Jugenderinnerungen Karl Vogts erzählt,„wie der junge Ankömmling für den alten Univerſitätszopf an der Lahn eine Abnormität war. Er hatte nicht auf der„Landesuniverſität“ ſtudiert, und ob er je ein Maturitätsexamen gemacht, darüber konnten gegründete Zweifel erhoben werden..... Ob auch A. von Humboldt für ihn eintrat, man nannte es doch nur Favoritenwirtſchaft, daß der junge Mann, der ſo abſonderliche Wege der Ausbildung ge⸗ wandelt, in die Fakultät eingeſchmuggelt werden ſolle; ſein(wo?) erworbener Doktorhut wurde erſt nach nochmaligem Examen in Gießen anerkannt— als ob dort damals jemand geweſen wäre, der Liebig in Chemie hätte examinieren können!“ Was hierüber feſtgeſtellt werden konnte, iſt Folgendes. Sechs Tage vor der Unterzeichnung des Allerhöchſten Ernennungsdekretes iſt unter dem 20. Mai 1824 dem Dr. Juſtus Liebig in Darmſtadt folgende Verfügung des Miniſterium zugegangen:„Das Großherzogliche Miniſterium p. giebt dem Petenten hierdurch auf die Vorſtellung vom 13. April d. J. zu erkennen, daß es ihn, in Folge der auf der Landes⸗Univerſität beſtandenen ge⸗ ſetzlichen Prüfungen, würdig findet, die ihm von der philoſophiſchen Fakultat zu Erlangen erteilte Doktorwürde mit denſelben verfaſſungsmäßigen Prärogativen, als ſei ſolche auf der Landes⸗Univerſität er⸗ langt, fortzuführen.“ Es iſt nun allerdings höchſt befremdlich, daß in dem Dekanatsbuche in der Jahresüber⸗ ſicht, die an Stelle des verſtorbenen Rumpf der Exdekan Crome giebt, weder in dem Abſchnitt der Perſonalveränderungen noch in jenem der Promotionen der Name Liebig erwähnt wird. Grade die von Crome gegebenen Überſichten zeichnen ſich durch ihre Reichhaltigkeit und Ausführlichkeit aus; ſind doch die ſämtlichen Abiturienten des damaligen Pädagogs nach Herkunft und Studium einzeln aufgeführt. Auch ſonſt war außer dem oben erwähnten Aktenſtück nichts weiteres über die genannte Prüfung zu finden. Jedenfalls handelte es ſich hierbei lediglich um die Erfüllung einer Formſache; das Geſetz wurde allem Anſcheine nach durch ein ſogenanntes Colloquium befriedigt. In der, die Abſchrift des Anſtellungs⸗Dekretes enthaltenden Verfügung des Miniſters von Grol⸗ man giebt dieſer um die Univerſität ſo ſehr beſorgte Staatsmann, der ihr wenige Jahre vorher noch als Profeſſor und Kanzler angehört hatte, dem Senate zu erwägen, ob es nicht rätlich ſei, jetzt, da zwei Profeſſoren der Chemie thätig ſeien, die pharmaceutiſche Chemie getrennt von der allgemeinen Chemie vorzutragen und jene dem Profeſſor Liebig zu überlaſſen. Es würde damit ohne Zweifel ein langjähriger Wunſch der mediziniſchen Fakultät erfüllt.„Was die Mitbenützung des chemiſchen Laboratoriums und des dazu gehörigen Apparates betrifft, ſo werden Sie das Sachgemäße, um mög⸗ lichſt wechſelſeitige Störungen zu verhindern, beſtimmen, im Anſtandsfalle aber weiter berichten.“ Wechſelſeitige Störungen ſcheinen ſich nicht ergeben zu haben, trotzdem Auditorium und Laboratorium nur ein einziger Raum war, trotzdem Zimmermann und Liebig experimentell ſtark beſchäftigt 15 waren. Wie aus Verhandlungen der Adminiſtrations⸗Kommiſſion unmittelbar nach dem Tode Zimmer⸗ manns hervorgeht, hat der Letztere die dem Laboratorium gehörigen Juſtrumente, Gerätſchaften u. ſ. w. in ſeiner Wohnnng gehabt, mithin auch da gearbeitet; bezüglich Liebigs weiß man aus ſeinem berühmten Brief an den Kanzler Geh. Staatsrat von Linde, den er während ſeines Kuraufenthaltes in Baden⸗Baden Herbſt 1833 ſchrieb, daß er alle Laboratoriumsbedürfniſſe für ſich und ſeine Laboranten⸗ aus eigener Taſche beſtritten habe, daß ſomit das ganze Inventar des Laboratoriums ſein Eigentum ſei. Die Art, wie man ſich hier geholfen hat, ſchloß natürlich jedes Zerwürfnis, jede gegenſeitige Störung aus. Durch Allerhöchſtes Dekret vom 23. April 1825 erhielt Liebig auf ſein Nachſuchen eine Zulage von 200 fl., wodurch ſein Gehalt auf 500 fl. wächſt. Im Winterſemeſter 1824/25 lieſt ordentlicher Profeſſor Zimmermann außer Geologie noch Agrikultur- und Forſtchemie und Reagentienlehre; außerordentlicher Profeſſor Liebig dagegen pharmaceutiſche Chemie 4 und Experimentalchemie 4. Für das Sommerſemeſter 1825 kündigten an: 1) Zimmermann: Experimentalchemie 5, Agrikultur⸗ und Forſtchemie 4, Mineralogie und Anleitung zum Beſtimmen der Mineralien 5, Geognoſie 3. 2) Liebig: Erperimentalchemie 5, Pharmaceutiſche Chemie 4, Analytiſche Chemie mit Übungen. 3) Wernekinck, außer anatomiſchen Vorleſungen: Spezielle Mineralogie 5. Als Liebig im Mai 1824 zum außerordentlichen Profeſſor ernannt wurde, war er gerade erſt 21 Jahre alt geworden, doch bereits ein reifer Mann. Als 19jähriger Jüngling beherrſchte er die damalige chemiſche Wiſſenſchaft, ſoweit ſie aus Büchern und in Deutſchland von Lehrern zu lernen war. Als Student war er von Bonn aus mit dem unter den deutſchen Chemikern hoch angeſehenen Kaſtner nach Erlangen übergeſiedelt. Hier übte er bei der erſten Bekanntſchaft auf den Grafen Platen jenen nachhaltigen Eindruck aus, der den um ſechs Jahre älteren Dichter zu dem bekannten Sonett„an Juſtus Liebig“ begeiſterte, der den eigenartigen Freundſchaftsbund zwiſchen beiden Männern erzeugte, dem in dem veröffentlichten Tagebuch Platens und in dem Briefwechſel¹) ein Denkmal errichtet iſt. Wie Liebig als 20jähriger Jüngling ſich den einflußreichſten Beſchützer aller aufſtrebenden Talente, Alexander v. Humboldt, gewann und durch dieſen den großen franzöſiſchen Chemikern und Phyſikern nahe trat, ſchildert er ſelbſt in ſo beredter, von tief empfundener Dankbarkeit zeugenden Weiſe in der Widmung ſeiner Agrikultur⸗Chemie(1840). Das gewinnende, ſieghafte Auftreten des jungen Mannes iſt ausreichend geſchildert und mit einer Menge von Einzelheiten belegt worden von Carriere, Schödler, Kolbe, Hofmann, u. a. und zuletzt in der deutſchen Biographie von Ladenburg, daß darauf verwieſen werden⸗ kann. Auch an jeder andern deutſchen Univerſität wäre Liebig ſiegreich aufgetreten, wahr ſcheinlich wäre aber auch an jeder andern Univerſität das mit Bezug auf die Art ſeiner Ernennung kolportierte Wort„Favoritenwirtſchaft“ aufgekommen. Ich will nun die Ereigniſſe des Sommers 1825 erzählen. Zimmermann, der Ordinarius, und der noch nicht 22jährige Extraordinarius Liebig, welcher erſt ſeit einem Semeſter überhaupt Vorleſungen hielt, kündigten beide dasſelbe fünfſtündige Kolleg über Experimentalchemie an. Die andern Kollegien waren verſchieden. Kaum hatten die Vor⸗ leſungen begonnen, ſo richtete Zimmermann an das Miniſterium ein Geſuch um ein Stipendium zu einer wiſſenſchaftlichen Reiſe ins Ausland. Das Geſuch war faſt ſo kurz wie meine Worte. Zur ¹) Vergleiche Carriere, Lebensbilder. 16 Begutachlung ging es an die Adminiſtrations⸗Kommiſſion. Die Mitglieder derſelben wußten nicht recht, was ſie mit dem Geſuch machen ſollten, ſie waren ſehr überraſcht; ſie ſtimmten darin überein, daß man dem Kollegen gern jede Unterſtützung gönne, doch wären dringendere Bedürfniſſe zu befriedigen, zumal ſolange man nicht den Zweck der Reiſe kenne. Ehe noch die Abſtimmung fertig war, kam an die Univerſität zur Berichterſtattung das, an das Mniniſeridmn anfangs Mai 1825 gerichtete und faſt noch kürzere, völlig unmotivierte Geſuch um Urlaub für das ganze Sommerſemeſter. Inzwiſchen mag wohl Zimmermann erfahren haben, daß das erſte Geſuch nicht befürwortet worden ſei; denn wieder ohne jede Grundangabe zog er dasſelbe in einer Zuſchrift an den Kanzler zurück. Unterdeſſen ging das zweite Geſuch zur ſchriftlichen Begutachtung bei den Mitgliedern des Senates herum. Jetzt weiß jedes Mitglied den Grund dieſes wie des vorigen Geſuches darin zu finden, daß(ſo ſteht in vielen Voten), wie ein glaubhaftes Gerücht ſage, Zimmermann in dieſem Sommer kein Kolleg zu Stande gebracht habe. Man merkt nun faſt allen Voten an, daß die Votanten zwiſchen einem kolle⸗ gialiſchen Mitgefühl und einer faſt pedantiſchen Gewiſſenhaftigkeit ſchwankten, die einzig nach dem In⸗ tereſſe der Univerſität entſcheiden will. Manche verlangen, Zimmermann ſolle zu den Akten geben, daß er kein Kolleg zu Stande gebracht, daß ſomit durch die Bewilligung eines Urlaubes die Univerſität keinen Schaden erleide. Geheimerat Crome fügt ſeiner Abſtimmung noch folgende Herzenserleichterung bei:„Für eine ſo kleine Univerſität ſind zwei Profeſſoren für eine Hilfswiſſenſchaft wie die Chemie zu viel. Die Zahl der Zuhörer iſt ſo gering, daß ſelbſt im günſtigſten Fall die Koſten der Zubereitungen nicht herauskommen können. Es iſt daher ganz begreiflich, daß einer der beiden Profeſſoren keine Zuhörer bekommt, beſonders wenn man noch bedenkt, daß in dieſem Sommer keine neuen Kameraliſten immatrikuliert worden ſind. In Anbetracht deſſen muß es ſelbſtverſtändlich ſein, wenn derjenige Profeſſor, der keine Vorleſung zu Stande gebracht hat, verſtimmt und mißmutig wird.“ Der Bericht, der die Urlaubserteilung befürwortet, ging am 13. Mai ab und unter dem 24. Mai wird für das laufende Sommerſemeſter der nachgeſuchte Urlaub erteilt. Ob der Urlaub zu einer Reiſe benützt wurde, konnte nicht feſtgeſtellt werden; verſchiedene Gründe ſprechen dafür, daß es nicht geſchah. Wie ſchon bemerkt, war Zimmermann ſeit dem 1. Januar auch Dekan. Ich fand in den Akten nirgends eine Andeutung, wer während jenes Urlaubs das Dekanat verſehen ſollte. Ein jeder Dekan führt bis zum heutigen Tage eine Art Tagebuch, in welchem die Amtshandlungen chrono⸗ logiſch eingetragen werden. Am Schluß des Jahres 1824 übergiebt Crome mit den üblichen Segens⸗ wünſchen das Dekanatsbuch ſeinem Nachfolger Zimmermann; von dieſem aber findet ſich nicht der geringſte Eintrag. In der Feſtrede bei der Enthüllung des Liebig⸗Denkmals wurde geſagt:„Liebig iſt nicht lange außerordentlicher Profeſſor geweſen. Schon nach wenig mehr als Jahresfriſt ſtarben die beiden ordent⸗ lichen Profeſſoren, von denen bislang Vorleſungen über Chemie und verwandte Fächer gehalten worden waren.“ Im Jahre 1825 ſtarben Blumhof und Zimmermann; von erſterem wurde ſchon bemerkt, daß er Extraordinarius war. Blumho f erkrankte an einer Lungrnentzündung, die ihn am 19. Mai hinwegraffte. Über Zimmermann findet ſich im Sterbeprotokoll der Burgkirche folgende Todesnachricht „Im Jahre 1825, am 19. Juli abends nach 7 Uhr iſt beim Baden in der Lahn ertrunken Herr Wilhelm Ludwig Zimmermann, Dr. und Profeſſor der Philo ſophie, alt 42 Jahre 9 Monate und 2 Tage und wurde beerdigt den 20. ejusdem abends um 7 Uhr, in Gegenwart des Unterpedellen Wagner, welcher mit dem Pfarrer dieſes Protokoll unterſchrieben hat. Dr. Dieffenbach. Joſt Wagner. 6 0 3 ; d 17 Zu bemerken iſt, daß die Worte„iſt ertrunken“ ausgeſtrichen ſind und von derſelben Hand (des Burgpfarrers und Profeſſors der Theologie Dr. Dieffenbach) mit derſelben Tinte und anſchei⸗ nend mit der nämlichen Feder durch die Worte„fand ſeinen Tod“ erſetzt wurden. In dem Nachrufe, den Crome bei der Übernahme des Dekanats dem Verſtorbenen in dem Dekanatsbuche mit den wärmſten Worten widmet, wird als Zeit der Geburt der 17. Oktober 1782 ¹) angegeben, womit das im Kirchenbuch angegebene Alter übereinſtimmt. Zugleich rühmt Crome als ein Hauptverdienſt Zimmermanns um die Univerſität den von dieſem bewirkten Ankauf der Mineralienſammlung, welche Profeſſor Schaub in Kaſſel beſaß. 3. Liebig. So endete in einer das lebhafteſte Mitgefühl erweckenden Weiſe ein Mann, der von kräftigem Wollen erfüllt und von ſtärkſtem Ehrgeiz getrieben ſich höhere Ziele geſteckt hatte, als zu erreichen ihm geſtattet war, ſowohl nach Maßgabe ſeiner Beanlagung als auch im Hinblick auf die in der geiſtigen Auffaſſung jener Zeit wurzelnden Vorbildung zu ſeinem Fache. Ein im höchſten Grad tragiſches Ver⸗ hängnis war es, daß in die Sphäre des ſtrebſamen und dabei empfindlichen Mannes ein genialer Jüngling trat, der nach ſchwerem Kampfe ſich von den verführeriſchen Lockungen Schelling'ſcher Naturphiloſophie freigemacht, der im Alter von 20 Jahren ſchon die Richtſchnur ſeines zukünftigen Wirkens in einem Brief an Platen’) mit folgenden Worten kennzeichnet: „Es iſt wahrlich traurig, wie ſehr in der neueren Zeit der Ruhm der Deutſchen in der Phyſik, Chemie und den andern Naturwiſſenſchaften geſchwunden iſt; kaum iſt noch ein Schatten übrig geblieben, und um dieſen Schatten reißen ſie ſich wie biſſige Hunde. Der jetzige deutſche Chemiker, der genug zu thun hat, wenn er nur ſeine unerſchöpfliche Wiſſenſchaft umfaſſen will, maßt ſich den Philoſophen zu ſpielen an, und darüber geht ſein Wirken verloren. Recht vortrefflich iſt es, wenn er ſeine Wiſſen⸗ ſchaft philoſophiſch ergreift und erfaßt und dadurch in die tote Maſſe Geiſt und Leben bringt, allein er darf ſeine Grenzen als Chemiker nicht überſchreiten, da bei ihm das Philoſophieren Lachen erregt. Es exiſtieren kaum die nötigen Geſetze, um den ungeheuren Bau dieſer Wiſſenſchaft ein wenig zuſammen⸗ zuleimen, allein deſſenungeachtet wird darauf los ſyſtematiſiert und Hypotheſenkrämerei getrieben, daß einem der Kopf ſchwindelt. Die Franzoſen und Engländer ſchlagen ganz den entgegengeſetzten Weg ein: hier iſt die Wiſſenſchaft bloß ein mechaniſches Mauerwerk, die quasi mathematiſche Art, wie man ſie behandelt, läßt gar kein Raiſonnement zu; doch iſt ſie im Augenblick ſehr gut, ſie hat in der neueren Zeit die herrlichſten Entdeckungen herbeigeführt und iſt beſonders für das Leben von außerordentlichem Nutzen. Die ſchwediſche und däniſche Schule(Berzelius, Oerſtedt) ſchlägt den goldenen Mittel⸗ weg ein, und wir haben noch mehr zu erwarten.“ Wie ſehr jene naturphiloſophiſche Richtung dem ganzen Geiſte jener Zeit entſprach, wie ſchwer es alſo jedem fiel, ſich ihrem Einfluß zu entziehen, wie groß ferner der Schaden war, den ſie dem Fortſchritt der Naturwiſſenſchaften in Deutſchland zufügte, das hat Liebig mit dem ihm eigenen Mannesmut in ſeiner berühmten Schrift:„Ueber das Studium der Naturwiſſenſchaften und über den Zuſtand der Chemie in Preußen“ im Jahre 1840 dargelegt. Sein Zweck war, wie er in einem Brief ¹) Hiernach iſt jedenfalls zu verbeſſern die Geburtsangabe in Scribas Lexikon der heſſ. Schriftſteller, (7. Oktober 1780). Der Ort der Geburt iſt Bickenbach, wo damals Zimmermanns Vater Pfarrer war. ²2) Carriere, Lebensbilder S. 293. 18 vom 1. Juni 1840 an Wöhler ſchreibt,„auf das große Publikum und auf die Regierungen zu wirken. Der Himmel gebe ſeinen Segen dazu und emanzipiere uns. Die Chemie ſtand bisher, den andern Fächern gegenüber, in einer ſonderbaren Lage, wir werden gewiſſermaßen als Eindringlinge betrachtet; allein dies ſoll ſich ändern, ſie ſoll neben oder über den andern ſtehen.“ Wöhler ant⸗ wortet:„Dein Aufeatz iſt vortrefflich geſchrieben, voller Wahrheiten und guter Ideen. Du haſt darin eine Menge von Dingen geſagt, die mir ſchon lange im Sinn herumgingen, ohne daß ich ihnen den klaren Ausdruck geben konnte, womit Du ſie zur Welt gebracht haſt. Aber Du haſt damit in ein gewaltiges Weſpenneſt geſtochen.“ Es war Liebigs Schickſal und Lebensaufgabe, in vielerlei Weſpen⸗ neſter zu ſtechen und die Art, wie dies geſchah, bedingt ſeinen Ruhm. Es iſt hauptſächlich Liebigs Verdienſt, daß die Chemie heute nicht allein bei den Leitern der Staaten im Anſehen ſteht, ſondern daß ſie auch von den Vertretern der reinen Geiſteswiſſenſchaften, wenn dieſer Ausdruck erlaubt iſt, mehr und mehr als Wiſſenſchaft anerkannt iſt, die neben den andern gleichberechtigt das Ziel der Wiſſenſchaft überhaupt, die Erkenntnis vom Weſen der Dinge, zu erreichen ſtrebt. Daß trotzdem auch jetzt noch dieſe Wiſſenſchaft im Verein mit den übrigen exakten und praktiſche Ziele verfolgenden Lehr⸗ fächern manchmal innerhalb der Univerſität nicht als ebenbürtig angeſehen wird, mag wohl vorkommen. Wenn aber dieſe Anſicht, weniger durch das Gewicht der Gründe, als durch die Anzahl der Stimmen in der Entſcheidung über die notwendigſten Lebensbedürfniſſe jener exakten Lehrfächer, ſiegreich war, ſo hatte ſtets die Univerſität ſelbſt den größten Schaden. Es kann vielleicht dieſer Gegenſatz zwiſchen den Vertretern der Wiſſenszweige an der Univerſität verglichen werden mit jenem, der ſich in den Schlag⸗ worten„Gymnaſium und Realſchule“ verdichtet. Zu allem dem kommt noch, daß bei einzelnen Gliedern der Univerſität die Aufgabe und der Zweck derſelben ſehr einſeitig darin erkannt wird, dem Staate ausreichend vorgebildete Beamte zu liefern. Auch bezüglich der Univerſität gilt teilweiſe Wallen⸗ ſteins Wort:„Eng iſt die Welt, und das Gehirn iſt weit. Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume ſtoßen ſich die Sachen; wo Eines Platz nimmt, muß das Andre rücken.“ Es ſei hier an die im Kreiſe der Univerſität in der Mitte der ſechziger Jahre vielumkämpfte Frage der tech⸗ niſchen Aula erinnert und als minder bedeutende Streitfrage mag hier auch die Verhandlung über die Errichtung einer pharmaceutiſch-techniſchen Le hranſtalt berührt werden, welche von Liebig, Wernekinck und Umpfenbach im Jahre 1825 beantragt worden war.(In einem der Gutachten ſtellt ein Mitglied des Senates den Grundſatz an die Spitze: Bekanntlich iſt es die Aufgabe der Univerſität, die künftigen Staatsdiener heranzubilden, folglich— lautet dann der Schluß— liegt ihr die Ausbildung der Apotheker, Seifenſieder, Bierbrauer, Likörfabrikanten, Färber, Eſſigſieder, Droguiſten und Spezereikrämer, obwohl die Wichtigkeit derſelben anzuerkennen ſei, gänzlich fern. Dieſe Schlußfolgerung wurde noch bekräftigt dadurch, daß es unmöglich ſei, die mit einer ganz ungenügenden allgemeinen Bildung verſehenen jungen Leute, welche eben noch Lehrlinge in ihren Geſchäften geweſen, als cives academicos zu immatrikulieren. †Während der letztere Punkt zu breiten Erörterungen Ver⸗ anlaſſung gab, wird der erſte Beweggrund zunächſt wuchtig von Profeſſor Vogt abgethan. Bezüglich der Färber, Eſſigſieder, Droguiſten u. ſ. w., alſo aller jener, die für ihren ſpäteren Fabrikationsbetrieb Kenntniſſe in der allgemeinen und techniſchen Chemie bedürfen, habe er zu bemerken, daß es nach ſeiner Anſicht Zweck der Univerſität ſei, geiſtige Kultur allſeitig zu fördern, Bildung auszubreiten und damit dem materiellen Wohl zu nützen. Es ſei alſo die Aufgabe der Univerſität viel weiter zu ſtellen, als der vorgenannte Votant meine. Das in Frage geſtellte Inſtitut diene den allgemeinen Zwecken des Staates und damit auch der Univerſität. Aus dieſem Grunde ſei er auch dafür, daß die Zöglinge desſelben als ſolche der ganzen Univerſität zu betrachten ſeien und daß für ſie am Schluß des Kurſus 19 ein Apothekerexamen, bezw. ein chemiſch⸗techniſches Examen mit kameraliſtiſcher Grundlage angeordnet werden möge. Vogt ſtimmt ſomit der auch ſchon von anderer Seite ausgeſprochenen Anſicht bei, daß die Zöglinge des beantragten Inſtitutes ſo zu behandeln ſeien, wie jene der ſeit kurzem eingerichteten Forſtſchule. Dieſem beachtenswerten Gutachten ſchließen ſich in allen ſeinen Teilen nur der Medi⸗ ziner Balſer, der Phyſiker Schmidt und der Juriſt von Löhr an, während Crome und von Arens Vorbehalte machen. Das Miniſterium macht der Majorität inſofern ein Zugeſtändnis, als es das Inſtitut gleichſam als eine Privatanſtalt der Geſuchſteller genehmigt; es will dasſelbe„zur Zeit noch nicht als mit der Univerſität vereinigt angeſehen“ haben.(Verfügung vom 17. Dezember 1825, unterzeichnet von Grolman.) Hätte die Mehrheit des Senates ſich den Darlegungen Vogts u. a. nicht verſchloſſen, wären die hier vorgetragenen Lehren auch bei ſpäteren Gelegenheiten, z. B. bei Gelegenheit der techniſchen Aula, nach ihrer Tragweite für die Univerſität richtig gewürdigt worden, hätte man ſich von der doktrinären Behandlung der Verwaltungsfragen frei machen können, wie anders wäre die Blüte der Univerſität gefördert, in welch reicherem Maße hätten ſpäter die Mittel des Landes für die Inſtitute der Univerſität fließen können, als jetzt, wo zwei Hochſchulen immer etliche Wünſche über jenes Maß hinaus haben müſſen, welches das Land nach ſeiner Größe und ſeinen Hilfsmitteln befriedigen kann. Geſchichtliche Lehren haben niemals den Zweck, rückwärts zu wirken und gleichſam die in gutem Glauben Irrenden zu verurteilen, wohl aber ſollen ſie die Gegenwart und die Zukunft in allen Entſcheidungen beeinfluſſen. Sie ſollen helfen, das gut zu machen, was noch gut zu machen iſt. Auch in der anfänglich etwas verkümmerten Form gedieh„das chemiſch⸗pharmaceutiſche Inſtitut“, wie aus einer Nachricht Liebigs in Geigers Magazin für Pharmacie, 20. Band, Seite 98 f., hervorgeht. Die Anzeige iſt für die Liebig ſſche Unterrichtsmethode ſo kennzeichnend, daß ſie hier folgen mag: „Eine dreijährige Erfahrung hat mich belehrt, daß der Unterricht in der praktiſchen und analytiſchen Chemie, ſo wie er in den chemiſch⸗pharmaceutiſchen Inſtituten und auf Univerſitäten gewöhnlich betrieben wird, bei weitem nicht zureicht, um einem jungen Mann nur einigermaßen Fertigkeit und Gewandtheit in analytiſchen Arbeiten zu verſchaffen; ich habe deshalb ſchon ſeit einem Jahre eine Veränderung in dem Lehrplan des hieſigen chemiſch⸗pharmaceutiſchen Inſtitutes getroffen. Die Eleven des Inſtituts beſuchen jetzt während des Sommerſemeſters die Vorleſungen über Chemie, Botanik, Mineralogie ꝛc. als Vorbereitungswiſſenſchaften; das ganze Winterſemeſter aber iſt den praktiſchen Arbeiten in dem chemiſchen Laboratorium der Univerſität gewidmet, worin ſie von Morgens bis Abends ſich mit analytiſchen Arbeiten jeder Art beſchäftigen müſſen; dieſer Unterricht iſt mit wöchentlichen Examinatorien verbunden. Ich habe die befriedigende Überzeugung gewonnen, daß bis jetzt keiner das Inſtitut verlaſſen hat, ohne das Bewußtſein, etwas tüchtiges gelernt zu haben, mit ſich genommen zu haben. Diejenigen, welche geſonnen ſind, das Inſtitut während des neuen Kurſus, der zu Oſtern 1828 ſeinen Anfang nimmt, zu beſuchen, bitte ich, ſich zu Zeiten zu melden, da ich die Zahl der Eleven wegen Mangel an Platz im Laboratorium ſehr beſchränken muß. Für den Winterkurſus 1827/28 ſind alle Plätze beſetzt. Gießen, im Oktober 1827. Dr. Juſtus Liebig. 20 Um den Faden unſerer Erzählung wieder aufzunehmen, müſſen wir auf die Ereigniſſe nach Zimmermanns Tode zurückkommen. Selbſtverſtändlich drängte ſich der Univerſität als nächſte Frage die der Wiederbeſetzung der erledigten Profeſſur auf. Wie wenig der Begriff der Beſtändigkeit und der inneren Notwendigkeit einer ſolchen Stelle ſich eingelebt hatte, trotzdem dieſelbe von 1777 bis 1788 und 1819 bis 1825 beſtand, dürfte aus dem Votum des Juriſten von Löhr zu entnehmen ſein, das dieſer gelegentlich der, wegen der Wiederbeſetzung gepflogenen, nachher noch zu beſprechenden Verhandlungen abgab. Hiernach brauchte die erledigte Stelle gar nicht beſetzt zu werden, da ſie nicht beſtehe. Dem Senate ſei ja hinlänglich bekannt, aus welchen Gründen dieſelbe eigens für Zimmermann geſchaffen worden ſei. Der Tod habe folglich auch die Stelle weggenommen. Ferner ſei ſie auch nicht nötig, indem ja ſeit 1817 Profeſſor Vogt Inhaber der hier wirklich in Betracht kommenden Profeſſur ſei. Der Mediziner Balſer beeilt ſich, dieſem Votum die Spitze abzubrechen und insbeſondere den etwaigen Beitritt anderer Votanten zu verhindern; er erklärt, daß bekanntlich die früher von Geheimerat Müller verſehene Stelle geteilt worden ſei, daß Profeſſor Vo gt den pharmaceutiſchen, Profeſſor Zimmermann dagegen den rein chemiſchen Teil neben der Mineralogie übernommen habe. Ohne Zweifel hat dieſe Erklärung ihre Wirkung nicht verfehlt; fernerhin wurde der Lehrſtuhl für Chemie nicht mehr in Frage geſtellt. Die Verhandlungen ſelbſt wurden durch Liebig eingeleitet, inſofern er an den Landesherrn ein Geſuch um Verleihung des erledigten Ordinariates für Chemie richtete. Während bei der im Jahr vorher erfolgten Ernennung Liebigs zum Extraordinarius die Uni⸗ verſität keine Gelegenheit zur Äußerung hatte, wurde ſie diesmal zur Berichterſtattung aufgefordert. War der jetzt eingeſchlagene Weg der ordnungsmäßig übliche, ſo darf doch auch angenommen werden, daß es dem hohen Schützer Liebigs, dem Großherzoge Ludwig I., und nicht minder auch ſeinen Beratern, zumal Schleiermacher, gewiß von beſonderem Intereſſe war, auch von der Univerſität nunmehr ein Urteil zu erhalten, nachdem bisher allein auf Kaſtners Empfehlung und Humboldts glänzendes, man darf ſagen, auch im Namen der großen Pariſer Chemiker und Phyſiker ausgeſtelltes Zeugnis entſchieden worden war. Wie vor ſechs Jahren, ſo übernahm auch diesmal die Führung der Phyſiker Schmidt. Sein Gutachten erregt Intereſſe, gleichviel ob man es nur mit dem ſeinerzeit für Zimmermann erſeatteten vergleicht, oder ob man es daraufhin prüft, wie ſich die Beurteilung Liebigs ſpäterhin als richtig erwieſen hat. Während Schmidt früher von den ſchönen Lehr⸗Erfolgen Zimmermanns ſpricht und bezüglich größerer wiſſenſchaftlicher Leiſtungen bei dem großen Fleiße und der Strebſamkeit des Bewerbers Hoffnung auf die Zukunft erweckt, ſpricht er ſich jetzt weſentlich beſtimmter aus: „Herr Profeſſor Liebig hat ſich während ſeines Aufenthaltes in Paris durch ſeine ſchwierige Unterſuchung des Knallſilbers und anderer fulminierender Salze einen wohlbegründeten Ruf als analytiſcher Chemiker erworben. Während ſeines hieſigen Aufent⸗ haltes hat er ſich bei ſeinen Zuhörern als ein ſeine Wiſſenſchaft klar vortragender Dozent beliebt gemacht. Das vaterländiſche Publikum insbeſondere kennt ihn aus ſeiner Analyſe der Salzhäuſer Sole. Seine neueſten Arbeiten über die cyanſauren Verbindungen werden mit nicht minderem Beifalle aufgenommen werden als ſeine früheren. Ein Mann, der in kurzer Zeit ſo viele Beweiſe ſeiner Geſchicklichkeit abgelegt und ſo viele Hoffnungen für die Zukunft erregt hat, der ſich überdies durch die Gnade unſeres, die Wiſſenſchaft ehrenden und liebenden Großherzogs für ſeine künftige Laufbahn vorbereitet hat, möchte auf jeden Fall einem von auswärts her zu berufenden Lehrer der Chemie vorzuziehen ſein. Ich trage daher auf die Unterſtützung ſeines unterthänigſten Geſuches an. Dr. G. G. Schmidt.“ 21 Dieſem Gutachten traten bei Hundeshagen, Adrian, Snell, Um pfenbach. Der Profeſſor der hebräiſchen Sprache, Pfannkuche, iſt entſchieden dagegen, weil 1) Liebig erſt kurze Zeit außerordentlicher Profeſſor iſt, 2) als ſolcher ſchon Zulage erhalten hat und weil man 3) ihm durch eine neue Zulage von etwa 200 fl. die durch Zimmermanns Tod ihm erwachſene Arbeitsvermehrung ausreichend bezahlen kann. Hillebrand iſt im allgemeinen dafür, doch ſcheint ihm die Auswerfung des ganzen Gehaltes, den ſeither Zimmermann bezog, zuviel Cumulation, da doch Liebig noch kaum ein Jahr lang außerordentlicher Profeſſor iſt. Oſann erklärt ſich außer Stande, den Wert Liebigs zu ſchätzen, er will daher der zu Stande kommenden Majorität beitreten; doch glaubt er, daß die 9 Monate Lehrthätigkeit Liebigs nicht ausreichend ſeien, um die Befähigung als akademiſcher Lehrer zu beurteilen. Crome ſtimmt im allgemeinen Schmidt bei, aber er will auch„die ſehr richtigen Bemerkungen von Pfannkuche(!1), Hillebrand und Oſann beachtet“ wiſſen. Doch will er zugeben,„daß es auch Ausnahmen von der Regel geben kann.“ Hiernach kann alſo behauptet werden, daß innerhalb der philoſophiſchen Fakultät nur der Profeſſor des Hebräiſchen entſchieden gegen Liebigs Ernennung zum Ordinarius war. Nach dieſem Präliminarvotum der philoſophiſchen Fakultät wurde nun der ganze Senat gehört. Der hier ein⸗ gehaltene Geſchäftsgang war damals und iſt wohl auch noch heute der übliche; ſomit iſt die Bemerkung in der Feſtrede des Geheimerates von Hofmann vom 28. Juli 1890 zu verbeſſern und richtig— zuſtellen,„daß die Regierung ein Gutachten der vereinigten philoſophiſchen und mediziniſchen Fakultät in dieſer ſchwierigen und heiklen Frage verlangt habe.“ Die philoſophiſche Fakultät brachte ganz ordnungs⸗ mäßig und ohne alle beſondere Einwirkung der Regierung vor den Senat den Antrag: Die Univerſität möge die Ernennung Liebigs zum ordentlichen Profeſſor der Chemie mit einem Gehalte von 800 fl. u. ſ. w. befürworten. Der Juriſt von Arens ſtimmt mit G. G. Schmidt überein, daß unter den hier vorliegenden Umſtänden kein auswärtiger Chemiker berufen werden könne. Dem ſtimmen bei die Juriſten von Lindelof, Marezoll; die Theologen Palmer, Dieffenbach und Schmidt; aus der mediziniſchen Fakultät: Wilbrandz; ſehr energiſch tritt Vogt für Liebig ein, indem er alles Hinhalten ablehnt und eine Anerkennung Liebigs als Chemiker und Dozent un⸗ geſäumt verlangt. Seine Leiſtungen ſeien über allen Zweifel erhaben. Wenn einige Votanten den ganzen Gehalt Zimmermanns bei der Jugend Liebigs für zu viel hielten und deshalb die Ex⸗ perimentiervergütung in den Gehalt eingezogen wiſſen wollten, ſo ſei das ſeine Meinung nicht. Bei dieſem Punkte hebt der Mediziner von Ritgen an und verlangt für Liebig eine Beſoldung von 1000 fl. Der Juriſt Stickel iſt dafür; doch ſtimmt er für den Gehalt von 800 fl. nur unter der Bedingung, daß alle ordentlichen Profeſſoren dieſen Gehalt bekommen. Wie ſchon oben bemerkt, erhebt von Löhr Schwierigkeiten bezüglich der Stelle; er erkennt aber Liebigs Bedeutung an und iſt des⸗ halb dafür, ihn zum ordentlichen Profeſſor der Philoſophie zu ernennen, doch hat er Bedenken bezüglich der Beſoldungshöhe im Vergleiche mit dem Gehalte der andern ordentlichen Profeſſoren. Das ent⸗ ſchiedene Eingreifen Balſers iſt gleichfalls oben ſchon berührt worden. Ablehnend in dem entſchiedenen Sinne Pfannkuches votiert der Theologe Kühnöl. Der Bericht mit ſämtlichen Voten geht unter dem Datum des 20. November 1825 nach Darmſtadt, am 7. Dezember erfolgt die Unterzeichnung des Allerhöchſten Dekretes, wonach Liebig zum ordentlichen Profeſſor der Chemie ernannt iſt. In einer Verfügung vom 8. Dezember beſtimmt das Miniſterium, daß Liebig„ſelbſtverſtändlich“ auch die von ſeinem Vorgänger bezogenen 120. fl. als Vergütung für Experimente zu beziehen hat. Auch von dieſer wichtigen Veränderung im Lehrkörper der Univerſität nimmt der Exdekan Crome keine Notiz, obwohl er im Dekanatsbuch ſehr umſtändlich 22 die übrigen Vorkommniſſe leinſchließlich ſämtlicher Abiturienten des Pädagogs) ſchildert. Merkwürdiger⸗ weiſe war Crome auch im Jahre 1826 Dekan; erſt in der Überſicht für dieſes Jahr fällt ihm gelegentlich der Beförderung des außerordentlichen Profeſſors in der mediziniſchen Fakultät, Dr. Werne⸗ kinck, zum ordentlichen Profeſſor in der philoſophiſchen Fakultät endlich ein zu erwähnen, daß„im vorigen Jahre dem Profeſſor Dr. Liebig die Stelle des ſeligen Profeſſors Zimmermann als Lehrer der Chemie in der philoſophiſchen Fakultät verliehen worden ſei.“ Bei dieſer Gelegenheit möge auch bemerkt ſein, daß Liebig als dem Nachfolger Zimmer⸗ manns auch die Verpflichtung oblag, über Mineralogie und Geognoſie Vorleſungen zu halten. Nur einmal, für das Winterſemeſter 1825/26, hat er Mineralogie, zweiſtündig publ., angekündigt und wahrſcheinlich gar nicht geleſen. Zum Belege deſſen und auch als Beiſpiel dafür, auf welch' ſonder⸗ baren Pfaden ein Fach ſelbſtſtändig werden kann, mag hier das Folgende erzählt werden. Etwa im Juli 1825 reicht der als Lehrer und als Schriftſteller auf dem Gebiete der Anatomie und der Mineralogie gleich hochgeſchätzte Prvſekäor und außerordentliche Profeſſor Dr. Wernekinck ein Geſuch um Gehalts⸗ aufbeſſerung ein. Bei der hierüber ſtattgehabten Verhandlung wurde die Gewährung dieſes Geſuches zunächſt von dem Kanzler Arens befürwortet mit dem Hinweis, daß man dem Profeſſor Werne⸗ kinck zugleich die Verpflichtung auferlege, ſeine Geſchicklichkeit in der Mineralogie für die Univerſität durch Vorleſungen über dieſes Fach und durch die Aufſicht über das Mineralienkabinet zu verwerten. Im Sinne dieſes von der Majorität gebilligten Votums wurde durch Allerhöchſtes Dekret vom 1. September 1825 dem Profeſſor Wernekinck der Auftrag erteilt, Mineralogie zu lehren und das Mineralienkabinet zu beaufſichtigen; der dafür ausgeworfene Gehalt betrug 400 fl., wozu für die Thätigkeit als Proſektor noch 300 fl. kamen. Auf das Geſuch Wernekincks vom 27. Juli 1826 um Ernennung zum Ordinarius in der mediziniſchen Fakultät beſchließt die letztere einſtimmig unter beſonderer Betonung ſeiner Verdienſte ihm nur den Titel eines Ordinarius zu verleihen, dagegen von der Teilnahme an den Geſchäften und den daraus erwachſenden Einkünften ihn auszuſchließen. Da nämlich in dem Schlußexamen der Mediziner, in dem doch die praktiſche Seite in den Vordergrund zu treten habe, der theoretiſche Teil ſchon hinlänglich vertreten ſei, ſo wäre ſtark zu befürchten, wenn zu den fünf ordentlichen Profeſſoren noch als ſechster Eraminator Wernekinck auf rein theoretiſchem Gebiete hinzukäme, daß die jungen Mediziner allzu ſehr überbürdet würden. Dieſem Präliminar⸗ votum trat mit Ausnahme von zwei Mitgliedern der ganze Senat bei. Profeſſor Oſann ſtellt nämlich dagegen mit ſcharfer Begründung ein Separatvotum auf, in welchem er den Antrag der mediziniſchen Fakultät als eine Verletzung der Verfaſſung, die weder Supernumerar⸗ noch Honorar⸗ profeſſoren kenne, bezeichnet. Dieſem in ſehr entſchiedener Schreibweiſe abgefaßten Proteſt tritt nur noch Liebig bei. Um aus dieſem Widerſtreit herauszukommen, trifft die Regierung eine Maßregel, welche die Begründung eines Ordinariates für Mineralogie in ſich ſchließt. Durch Allerhöchſtes Dekret vom 22. September 1826 wird Wernekinck unter Belaſſung als Extraordinarius in der mediziniſchen Fakultät zum Ordinarius in der philoſophiſchen ernannt. Sein Gehalt betrug einſchließlich der Re⸗ muneration, die er als Proſektor bezog, im ganzen 800 fl. Durch Verfügung vom 10. Auguſt 1829 beſtimmt der Miniſter du Thil, daß jene Remuneration nur zur Hälfte auf den Profeſſorgehalt zu rechnen ſei, daß ſomit an dem normalmäßigen Gehalt von 800 fl. noch 150 fl. fehlen. Deshalb ſei durch Allerhöchſtes Dekret von demſelben Tag dieſe Summe als Zulage und ſomit der Geſamtbezug auf 950 fl. feſtgeſetzt worden. Eine weitere Gehaltszulage von 150 fl. hat Wernekinck nur 40 Tage genießen dürfen; er ſtarb am 23. März 1835. Um die Univerſität hat er ſich insbeſondere noch durch die Erwerbung der zoologiſchen Sammlung verdient gemacht. Sein Vater, der Medizinalrat Wernekinck u 23 in Münſter i. W. überließ die ihm gehörige Sammlung der Univerſität unter der Bedingung, daß ſeinem Sohne die Aufſicht darüber übertragen werde. Nach des Letzteren Tode verlangt die mediziniſche Fakultät durch ihren Dekan von Ritgen für ihr Mitglied, den Profeſſor Wilbrand⸗ in ſeiner Eigenſchaft als Profeſſor der Naturgeſchichte, das Inſpektorat über die geſamten naturhiſtoriſchen Sammlungen, alſo auch über Mineralienkabinet und zoologiſchee Sammlung. Wenn dem auch will⸗ fahrt wurde, die Profeſſur für Mineralogie und Geologie blieb beſtehen; dieſelbe wurde im Jahre 1836 dem Profeſſor von Klipſtein übertragen. Wie der Mediziner Baumer der erſte Ordinarius für Chemie, ſo war auch der Mediziner Wernekinck der erſte Ordinarius für Mineralogie an hieſiger Univerſität. Wenn hiernach Herr Geheimerat von Hofmann den vorhin erzählten Vorgang ein wenig zu günſtig geſchildert hat, inſofern er den Profeſſor der hebräiſchen Sprache als den einzigen Gegner Liebigs bezeichnet, ſo darf doch nach dieſer aktenmäßigen Darſtellung die Behauptung Carrieres!) von einer mißgünſtigen Beurteilung Liebigs oder gar die Behauptung Kolbes und Karl Vogts) von dem Neid und dem daraus weiter entſpringenden Haß der andern, weniger leiſtungsfähigen Pro⸗ feſſoren, oder endlich von der feindſeligen Stimmung„der bigott⸗ultramontanen, aus Weſtfalen ſtam⸗ menden Cliqne, welche die Univerſität damals und noch lange unter ihrem Daumen hielt“, nicht aufrecht erhalten werden. Grade die Profeſſoren, welche man der letzterwähnten„Clique“ zurechnen müßte, ſtimmten zum Teil ſehr energiſch für ihn, ſomit kann nicht geſagt werden, daß der intime Briefwechſel Liebigs mit dem Dichter Platen bei dieſer Clique keine Empfehlung war“). In den Akten war diesmal und, wie wir ſehen werden, auch ſpäter etwas von der Art nicht zu entdecken. Daß bei einem heißblütigen und für ſein Fach ſo ſehr begeiſterten Manne wie Liebig(beſonders in anbetracht der Art, wie die Univerſitäten, welche keine zielbewußte Kuratoren in ihrer Mitte haben, überhaupt ihre Angelegenheiten verwalten) Meinungsverſchiedenheiten nicht nur leicht entſtehen, ſondern auch raſch zu mehr oder euſdere heftigen Auseinanderſetzungen führen können, iſt Jedermann verſtändlich. Carriere giebt ſelbſt die raſch zufahrende und die polemiſche Natur Liebigs zu; der unlängſt veröffentlichte Briefwechſel mit W hler bietet hierfür eine Menge Belege. Wie oft muß der ruhige Wöhler den Freund beſänftigen, 1 wegen ſeiner Heftigkeit tadeln; nicht ſelten ſchreibt Wöhler wegen irgend einer von Liebig angeregten Polemik:„Man muß ſich ja vor Dir bekreuzigen“ u. ſ. w.¹) Dieſes kampf⸗ luſtige Weſen, das ja für die Entwickelung der Chemie ſo unendlich ſegensreich war, iſt nnch Wöhlers Meinung für Liebig ſelbſt vielfach die Quelle des Verdruſſes geweſen. Hat nun Liebig unter ſeinen Kollegen auf die eben genannte Art ihm erwachſene Gegner gehabt, ſo wird es gewiß auch dem genauen Kenner der hier in Frage kommenden Perſonen ſchwer werden, in den nach der Weiſe jener Zeit bei allen Geſuchen und ſonſtigen Verwaltungsfragen ſchriftlich abgegebenen Voten irgend eine nachweisbare Abweichung von ſtreng ſachlicher Beurteilung zu finden. Und wenn geſagt wird,„daß Feuer unter dem Dach war'), als der endlich definitiv angeſtellte Profeſſor gar ein Laboratorium verlangte, ja daran arbeitete, die Gendarmerie aus einem Pavillon neben der Kaſerne zu vertreiben und ſich dort für ſeine Schüler einzurichten, während der Profeſſor der Phyſik ſich mit einer Küche im alten Schloß(ſollte ¹) C. a. a. O. Seite 303. ²) Kolbe a. a. O. Seite 435. ²) Carriere a. a. O. Seite 303.— Kolbe a. a. O. Seite 435. ⁴) Vergl. insbeſondere den höchſt charakteriſtiſchen Brief Wöhlers, dat. Kaſſel, 3. März 1834, Bd. I, S. 79; und noch bezeichnender Liebigs Antwort, dat. Gießen, 8. März a. a. O. S. 81. 5) C. a. a. O. S. 303. heißen Zeughaus) begnügte“, ſo iſt grade der Profeſſor der Phyſik derjenige geweſen, der ſelbſtlos Liebigs Verdienſte gebührend gewürdigt und ſtets für ihn ſeinen großen Einfluß geltend gemacht hatte, wie auch noch im Folgenden gezeigt werden ſoll. Damit fällt auch die Behauptung Kolbes!): „Niemand dankte ihm dieſe Aufopferung für die Univerſität wie für die Wiſſenſchaft, welcher wohl auch kein anderer der damaligen Gießener Profeſſoren fähig war. Eben weil man eine ſolche Hintanſetzung des eigenen Intereſſes nicht begriff, ſchob man ihm andere, ſogar ſelbſtſüchtige Motive unter, ſah darin die Abſicht, ſeine Privatintereſſen zu fördern u. ſ. w.“ Das iſt eine durchaus einſeitige und gefärbte Darſtellung, welche durch die Akten in jedem Punkte widerlegt wird. Die verunglimpften Profeſſoren dürfen dazu doch auch beanſpruchen, daß man etwa ihre Privatgeſpräche(falls aus ſolchen heraus Kolbe und Vogt ihre Anklage ſchöpften) von rein menſchlichem Standpunkte beurteilte²). Wir können im Gegenteil als feſtſtehend anſehen, daß Liebig— wenn überhaupt von Schwierigkeiten geredet werden kann, die er hier in Gießen zu überwinden hatte— wohl an jeder andern deutſchen Univerſität damals weit größere gefunden hätte, falls er in irgend einen Lehrkörper ſo raſch aufgenommen worden wäre. Es waren eben die damaligen Verhältniſſe, die ganze Armut des Staates und des öffentlichen Lebens in erſter Linie, welche hier nicht außer Acht gelaſſen werden dürfen, ebenſo wenig der Umſtand, daß die Chemie grade durch Liebig ſich einen ebenbürtigen Rang unter den Wiſſen⸗ ſchaften erſt erringen mußte. Aus Wöhlers Briefen geht deutlich hervor, in welch' trauriger Lage damals Mitſcherlich, Roſe, Magnus, ſogar auch Hermbſtädt ſich in Berlin befandens). Liebig war im Gegenteil von den deutſchen Chemikern ſeiner günſtigeren Lage wegen beneidet. Der großartige Brief Liebigs vom Herbſte 1833 an den Geh. Staatsrat von Linde iſt eine echte Leiſtung Liebigs, ein Glied in der Kette ſeiner Kämpfe für die Förderung der Wiſſenſchaft; dieſen denkwürdigen Brief aber gegen die damaligen Perſonen innerhalb der Regierung und der Univerſität ausbeuten und zu Anklagen verwenden zu wollen, iſt einfach ungerecht. Zunächſt will ich, um die zeit⸗ liche Folge einzuhalten, die von Karl Vogt und ihm nach von Carriere in die Welt geſchickte Bemerkung vom„Feuer unter dem Dache u. ſ. w.“(ſiehe oben) als unbegründet nachweiſen. Nachdem in Folge von Streitigkeiten zwiſchen Militär und Studentenſchaft(1821) das Regiment von hier nach Worms verlegt worden war, ſtand die Kaſerne auf dem Seltersberg zum großen Teil unbenutzt. In der Kaſerne und ihren Nebengebäuden befand ſich nur ein Gendarmeriekommando und die Dienſtwohnung, die einem Lieutenant V olz eingeräumt war; außerdem war eines der öſtlichen Nebengebäude den Katholiken zur Abhaltung des Gottesdienſtes bis zur Fertigſtellung der katholiſchen Kirche überwieſen worden, Das dem heſſiſchen Kriegsminiſterium unterſtellte Gebäude war wegen der immerhin koſtſpieligen Unterhaltung dem Militärfiskus eine Laſt geworden. Trotzdem erforderte die mit jener Behörde geführte Unterhandlung in Betreff der Ueberweiſung der Kaſerne an die Univerſität ¹) K. a. a. O. S. 436. ²) Daß es Liebig nicht an Feinden gefehlt hat, geht auch aus ſeinem Brief an Wöhler vom 1. Fe⸗ bruar 1836 hervor:„... meine Berufung nach Göttingen war gewiß, man wollte aber vorſichtshalber in Beziehung auf meinen Charakter und Vortrag noch Erkundigungen einziehen, und man wandte ſich deshalb an einen Schurken, der ganz in meiner Nähe wohnt, mit dem ich mich voriges Jahr überworfen hatte, und der in ſeiner Antwort ſagte, daß ich mit meinen Kollegen in Unfrieden lebe und eine ſchwache Geſundheit habe. Dieſe niedrige Verleumdung war die Urſache, daß von mir keine Rede mehr war.“ Er fügt noch bei, daß er dem Ruf keine Folge gegeben hätte, weil man in Gießen ſeinen Wünſchen zuvorkäme; nur auf die Gehaltsfrage wäre der Ruf von Einfluß geweſen. *) Vergl. auch Liebigs berühmte Abhandlung„Ueber den Zuſtand der Chemie in Preußen, 1840“ in zur Er⸗ Aufzeichnungen, Deutſche Rundſchau, 1891, Seite 33 ff. „Reden und Abhandlungen“ von J. v. Liebig, Heidelberg, Winter 1874, Seite 27 u. ff. und Hofmann, innerung an Wöhler, Seite 46 und 23; ferner Liebigs 25 die ganze Thatkraft des der letzteren ſo ſehr gewogenen Miniſters von Grolman(. B. bezüglich des von dem Kriegsminiſterium als unerläßliche Vorbedingung der Übergabe verlangten Reverſes zur ſofortigen Räumung, falls wieder Militär nach Gießen verlegt werden ſollte; durch eine ſehr kluge und diplomatiſche Auslegung dieſes Reverſes förderte von Grolman die ganze Angelegenheit zu Gunſten der Univerſität ungemein). Wie erbärmlich die einzelnen Inſtitute der Univerſität untergebracht waren, kann ſchon aus den vielen Wünſchen erkannt werden, die in den verſchiedenen Gutachten in Betreff der zukünftigen Verwendung der Räumlichkeiten der Kaſerne laut wurden. Lange bevor man über die dahin zu verlegenden Inſtitute im Klaren war, iſt ſchon durch eine Miniſterialverfügung vom 24. Dezember 1823 das chemiſche Laboratorium als dasjenige Inſtitut be⸗ zeichnet worden, für welches die Beſchaffung eines neuen Raumes am dringendſten ſei, während ſchon vorher Verhandlungen über einen Neubau in der Adminiſtrations⸗Kommiſſion eröffnet wurden, die den Profeſſor Vogt im Februar 1823 veranl aßten, die mediziniſche Fakultät aufzufordern, bei dieſen Ver⸗ handlungen ſich wegen der Pharmacie zu beteiligen. In einer ſpäteren Verfügung weiſt der Miniſter auf eines der zwei öſtlichen Nebengebäude als den geeignetſten Raum hin. In ſeinem hierdurch ver⸗ anlaßten Gutachten vom 17. Februar 1824 verlangt der Phyſiker Schmidt mit guter Begründung anſtatt der öſtlichen vielmehr das weſtliche Nebengebäude für jenen Zweck. Bei dieſer Gelegenheit war es nun, daß ein hochbetagtes Mitglied der philoſophiſchen Fakultät nicht verſtehen zu können erklärt, warum der Geheimerat Schmidt, der doch ſo viele Verdienſte habe, ſich mit dem ihm für das phyſikaliſche Inſtitut zugewieſenen Winkel im alten Zeughaus begnüge. Während dieſer Vorverhandlungen war Liebig noch in Paris ¹); erſt im April 1824 war er ausweislich eines an Platen gerichteten Briefes in Darmſtadt angekommen, nachdem er bis dahin und zwar ſeit März 1823 bei Cu vier, Biot, Laplace, Beutany, Thenard, Gay⸗Luſſac und Dulong Veorleſungen gehört und ſeit Juli 1823 in Gay⸗ Luſſacs Laboratorium gleichzeitig mit Dumas gearbeitet hatte. Inzwiſchen war die Ernennung Liebigs zum außerordentlichen Profeſſor in Gießen vollzogen und da er, wie es ſcheint, ſeine Vor⸗ leſungen erſt im Winterſemeſter 1824/25 begann? 2), ſo darf mit gutem Recht angenommen werden, daß er auf die Entſcheidung des Miniſters vom 26. Auguſt 1824 inſofern keinen ändernden Einfluß aus⸗ übte, als der von Schmidt am 17. Februar begründete und von der Majorität der Profeſſoren ge⸗ billigte Vorſchlag vom Miniſter vollſtändig genehmigt wurde. Da in dieſer allgemeinen, die Verwendung der Kaſerne für die Zwecke der Univerſität regelnden Verfügung die letztere den Auftrag erhielt, mit einem Kommiſſar des Miniſteriums und einem Vertreter der Gießener Regierung in gemeinſamer Beratung für die Unterbringung eines kleineren Militärkommandos, der Gendarmerie, ſowie endlich des Lieutenants Volz Vorſorge zu treffen; da ferner das Gebäude recht vernachläſſigt war und für die verſchiedenen neuen Zwecke erſt herhelichtei werden mußte, ſo war ohne Zweifel das chemiſche Labo⸗ ratorium das erſte dahin verlegte Inſtitut. Das weſtliche Nebengebäude der Kaſerne wurde alſo Liebig ohne ſein Zuthun dargeboten, um es für ſeine Zwecke einzurichten. Zu ebener Erde waren die Arbeits= räume, im dene Stocke Liebigs Dienſtwohnung, in welche er bereits im Mai 1826 ſeine junge Gattin, Henriette P Moldenhauer aus Darmſtadt, einführte. Gegenüber dem verfallenden Gartenhäuschen nahm ſich dieſes Gebäudo wie ein Palaſt aus und doch— wie beſchränkt waren die für Unterrichts⸗ ) Carriere, a. a. O. S. 295. ²) Den Dienſteid legte Liebig im Beiſein des Rektors Dr. Palmer vor dem Kanzler Dr. Arens ab am 17. Juli 1824. 26 zwecke beſtimmten Räume des Erdgeſchoſſes. Es waren drei; der erſte ſtellte das eigentliche Laboratorium, der zweite den Hörſaal vor und der dritte war eine mit Steinplatten belegte Kammer, in welcher alle Apparate, Inſtrumente(Luftpumpe u. ſ. w.) und die ganze Präparatenſammlung aufbewahrt wurden und zugleich alle Wägungen vorgenommen werden mußten. Um jedoch ein unbefangenes Urteil zu ge⸗ winnen, iſt es wohl nötig, Vergleiche anzuſtellen und nachzuſehen, wie es damit anderwärts beſtellt war. In den„Jugenderinnerungen eines Chemikers“ 1¹) ſchildert uns Wöhler, wie er zu Ende Oktober 1823 bei Berzelius in Stockholm eintraf, um das ſeltene(von Deutſchen nur von Mitſcherlich, H. u. G. Roſe und ſpäter von Guſtav Magnus geteilte) Glück zu genießen, der Schüler dieſes großen Chemikers zu ſein.„Das Laboratorium beſtand aus zwei gewöhnlichen Zimmern mit höchſt einfacher Einrichtung; man ſah darin weder Ofen, noch Dampfabzüge, weder Waſſer- noch Gasleitung. In dem einen ſtanden zwei lange Arbeitstiſche von Tannenholz; an dem einen hatte Berzelius ſeinen Platz, an dem andern ich den meinigen. An den Wänden ſtanden einige Schränke mit den Reagentien, in der Mitte die Queckſilberwanne und der Glasblaſetiſch, letzterer unter einem in den Stubenofen⸗Schornſtein mündenden Rauchfang von Wachstaffet. Außerdem befand ſich darin die Spülanſtalt, beſtehend aus einem Waſſer⸗ behälter von Steinzeug mit Hahn und einem darunter ſtehenden Topf, wo täglich die geſtrenge Anna, die Köchin, die Gefäße zu reinigen hatte. In dem andern Zimmer befanden ſich die Wagen und einige Schränke mit Inſtrumenten und Gerätſchaften, nebenan noch eine kleine Werkſtatt mit einer Drehbank. In der nahen Küche, in der Anna das Eſſen bereitete, ſtand ein kleiner, ſelten gebrauchter Glühofen und das fortwährend geheizte Sandbad.“ Wie die Unterrichtslaboratorien in Frankreich bis in die neueſte Zeit beſchaffen waren, hat beſonders ſcharf Kolbe beleuchtet, ſo daß darüber hier jede weitere Bemerkung überflüſſig iſt. Die hierherbezüglichen Verhältniſſe an der Univerſität in Erlangen, wo Liebig ſtudierte, ſind von dem älteren Martius(Erinnerungen aus meinem neunzigjährigen Leben von Dr. Ernſt Wilh. Martius, Leipzig, Leopold Voß, 1847) in köſtlicher Weiſe geſchildert. Als Martius 1788 wieder nach Erlangen kam, wohnte im Hauſe ſeines Oheims der Phyſiker Johann Tobias Mayer, Sohn des berühmteren Mathematikers und Aſtronomen. Während die Vertreter der Chemie in Erlangen als ſtandhafte Phlogiſtiker die neuen Entdeckungen der antiphlogiſtiſchen Chemie von ſich wieſen, beſchäftigte ſich der genannte Phyſiker mit der Darſtellung der verſchiedenen Gasarten, welche die Grundlage der neuen Lehre bilden und bediente ſich dabei als Gehilfen des jungen Martius. Die Verſuche wurden in dem Laboratorium der Martiusſchen Apotheke angeſtellt und nach dem Vorgange von Lavoiſier genaue Gewichtsbeſtimmungen z. B. über das Verhältnis des Oxygens und des Mer⸗ kurius im roten Queckſilberoxyde gemacht. Alle dieſe Verſuchsergebniſſe wurden protokollariſch aufge⸗ nommen, von dem jungen Martius mitunterſchrieben und ſofort in der Erlanger gelehrten Zeitung ab⸗ gedruckt. Als drei Jahre ſpäter der junge Mann vor drei Mitgliedern der mediziniſchen Fakultät Delius, Schreber und Iſenflamm ſein Examen als ſelbſtſtändiger Pharmaceut zu beſtehen hatte, waren die Examinatoren noch überzeugungstreue Phlogiſton⸗Anhänger; doch hatten ſie die anti⸗ phlogiſtiſchen Anſichten des Examinanden unangefochten gelaſſen. Der Hauptvertreter der Chemie war damals in Erlangen der markgräfliche Leibarzt und Präſident der Kaiſerlich Leopoldiniſchen Akademie ¹) Berichte d. d. chem. Geſ. 1875, I, 840. In einem Brief an Liebig ſchreibt Wöhler am 27. April 1860 krank lagſt, ſprachen wir davon, für die Annalen„Erinnerungen aus uſſac“ zu ſchreiben. Denke doch einmal daran. Alles kommt darauf Leider iſt dieſe Abſicht nicht ausgeführt worden. Wahrſcheinlich ſind die in der 5 4 unoſchau abge Liebigs aus dieſer Abrede hervorgegangen. Auch in der unvollendeten Form ſind ſie für die Geſchichte der Chemie von erheblicher Wichtigkeit. (Briefwechſel II, S. 88):„Als Du in Paſſau den Laboratorien von Berzelius und Gay⸗L an, die richtige Form zu treffen.“ Deutſchen Rundſchau abgedruckten Aufzeichnungen nd 27 der Naturforſcher Delius. Sein Laboratorium hatte er ſich in dem hinteren Teile ſeines Wohn⸗ hauſes eingerichtet. Martius erzählt merkwürdige Dinge von ihm; ſein Sinn ſei ſehr aufs Praktiſche gerichtet geweſen und gelegentlich einer Disputation habe er zum Zweck einer demonstratio ad hominem ſich ein Gewehr in die kleine Aula bringen laſſen, dasſelbe mit einem Unſchlittſtümpfchen geladen und damit ein vorgehaltenes Brett durchſchoſſen. Zu ſolchen Svißher hatten damals die Chemiker noch aus⸗ reichend Zeit. Als Delius in Folge eines Schlaganfalls 1791 plötzlich geſtorben war, teilten ſich die Hofräte Wendt und Schreber in deſſen? Vorlefungen.; ſo daß der Letztere die Chemie zu ſeinen vielen Fächern übernahm. Durch letztwillige Verfügung hatte Delius ſeine Sammlung chirurgiſcher Inſtrumente und ſeinen chemiſchen Nach laß der Univerſität vermacht. Mit der Übernahme des Letzteren wurde Martius beauftragt, der auf Schrebers Verlangen ihm als Aſſiſtent beigegeben wurde. Um ein Laboratorium zu erlangen, wurde die Wand, welche Schrebers Haus vom Nachbarhaus trennte, durch⸗ brochen und eine hier befindliche Küche zu jenem Zweck hergerichtet. In ihr ſollte der brauchbare Teil aus dem Deliusſchen Nachlaß das Inventar bilden.„Die Beſichtigung desſelben“, erzählt Martius, „erfüllte mich mit Schrecken. Eine Unmaſſe ganzer und zerbrochener Gläschen und Gläſer enthielt Flüſſigkeiten von allen Farben und dem verſchiedenartigſten Geruche, die meiſten mit keinen oder ganz verdorbenen Etiketten verſehen und überkruſtet mit Kryſtalliſationen.“ Das Wenigſte konnte in dem kleinen neuen Laboratorium Platz finden, das Meiſte war des Aufhebens nicht wert. Es wurde daher im botaniſchen Garten eine tiefe Grube gegraben zur Aufnahme jener Gläſer ſamt ihrem Inhalt. Martius ſchildert des Breitern das hier entſtandene Gebrodel, das man mit aufgeſchüttetem Sand dämpfen mußte, und er verſpricht einem Chemiker der Jetztzeit an dieſer Stelle gewiß ſchöne Ent⸗ deckungen. Er erzählt von Schreber, daß er alsbald nach Delius Tode auch zum Präſidenten der Kaiſerlichen Akademie der Naturforſcher erwählt worden ſei, daß er auf dieſe Ehrenſtelle als Schüler von Linné, als umfaſſender Gelehrter und fruchtbarer gründlicher Schriftſteller Anſpruch gehabt habe. Die Vielſeitigkeit Schrebers wird damit belegt, daß er in der mediziniſchen Fakultät Botanik, Phyſiologie, Diätetik, materia alimentaria, in der philoſophiſchen Fakultät dagegen Landwirtſchaft, Technologie, Kameralwiſſenſchaft, Polizei und nunmehr auch noch Chemie vorgetragen hat.„Seiner großen Gelehrſamkeit ungeachtet iſt er kein anregender Lehrer geweſen. In ſeinen Vorträgen beſchränkte er ſich meiſtens darauf, irgend ein Kompendium abzu uleſen und etwa durch Vorzeigung der betreffenden Gegenſtände oder durch wenige Worte zu erläutern.“ Er benützte die beſten Werke der chemiſchen Litteratur, mit dem operativen Teile dieſer Wiſſenſchaft hat er ſich jedoch nie abgegeben.„Vor den Mineralſäuren ſcheute er fin und eine Retorte oder einen Schmelztiegel hat er wohl nie in die Hand genommen.“ Martius, der die Experimente machen ſollte, vermochte trotz aller ſeiner Bemühungen bei Schrebers AÄngſtl icheit und Unentſchloſſenheit niemals zu einer beſtimmten Anordnung dieſer Ex⸗ perimente zu gelangen.„Heute müſſen wir Seife ſieden“, rief er mir zu, als ich einſtens ins Haus trat.„Vergeblich henterkie ich ihm, daß hierzu keine Vorbereitung getr roffen ſei, und daß ich mich wegen der Kürze der Zeit zur Bereitung der vorhandenen Auflöſung des kauſtiſchen Kali bedienen müſſe. Aber es mußte Aſche geſiebt und ungelöſchter Kalk herbeigeſchafft werden. Ehe dies alles zu Stande kam, war aber auch die Stunde abgelaufen. Und ſo ging es öfters.“ Allmählich gewinnt Martius ls Aſſiſtent doch mehr Einfluß und es nimmt ſich wie eine Bekehrung aus, wenn er ſchreibt:„Unſere Erpeunnent ſuchten ſich dem damaligen Stande der Wiſſenſchaft m bali ſt zu accommodieren, und wir brachten die Fundamentalerſcheinungen der neuen Lehren von Prieſtley, Scheele und Lavoiſier in dem jährlichen Kurſus glücklich zur Anſicht der lernbegierigen anſpere Neben und nach Schreber(† 1810) lehrte ſeit 1793 die Chemie der vom Karolinum zu Braunſchweig berufene 28 Profeſſor Hildebrandt, der außerdem noch Meteorologie, Phyſik, Diätetik und allgemeine Patho⸗ logie und Therapie zu lehren hatte.„In dem praktiſchen Teile der Chemie ſchien es ihm in den erſten Jahren noch an Übung zu fehlen, aber ſpäterhin waren auch ſeine Experimente ſehr glücklich.“ Der Nachfolger Hildebrandts war der aus Bonn berufene Kaſtner. In Bezug auf ihn ſchreibt Liebig ſelbſt in den jüngſt von dem Sohne, Georg von Liebig, in der„Deutſchen Rundſchau“(Januar⸗Heft 1891) veröffentlichten Aufzeichnungen:„Vom Katheder herab empfing der Zuhörer eine Fülle geiſtreicher Anſchauungen, aber körperlos, wie ſie waren, konnte man damit nichts machen. Der Vortrag von Kaſtner, welcher als der berühmteſte Chemiker galt, war ungeordnet, unlogiſch und ganz wie die Trödelbude voll Wiſſen beſchaffen, die ich in meinem Kopfe herumtrug. Die Beziehungen, die er zwiſchen den Erſcheinungen auffand, waren etwa nach folgendem Muſter: „Der Einfluß des Mondes auf den Regen ſei klar, denn ſobald der Mond ſichtbar ſei, hörten die Gewitter auf; oder der Einfluß der Sonnenſtrahlen auf das Waſſer zeige ſich an dem Steigen des Waſſers in den Gruben der Bergwerke, von denen manche im hohen Sommer nicht bearbeitet werden könnten.“ Daß man den Mond ſieht, wenn die Gewitter ſich verzogen haben und daß das Waſſer in den Gruben ſteigt, wenn im Sommer die Bäche verſiegen, welche die Pumpen treiben, waren allzu hausbackene Erklärungen, um ſie in den geiſtreichen Vorträgen damals zu gebrauchen. Ferner:„Man hatte das Ziel der Wiſſenſchaft, und daß ſie nur Wert habe, wenn ſie dem Leben nütze, beinahe aus den Augen verloren, und man gefiel ſich in einer idealen Welt, die mit der wirklichen in keinem Zuſammenhang mehr ſtand.“ „Der Experimental⸗Unterricht in der Chemie war auf den Univerſitäten beinahe untergegangen und nur durch die hochgebildeten Pharmaceuten Kla proth, Hermbſtädt, Val. Roſe, Tromms⸗ dorf, Buchholz hatte er ſich, freilich auf anderem Gebiete, erhalten.“ „Ich erinnere mich, daß noch ſehr viel ſpäter mir der Profeſſor der Chemie in Marburg, Wurzer, eine alte hölzerne Tiſchſchublade zeigte, in welcher das Vermögen wohnte, von drei zu drei Monaten Queckſilber zu erzeugen; er beſaß einen Apparat, deſſen Hauptbeſtandteil ein thönerner Pfeifen⸗ ſtiel war, mit dem er Sauerſtoffgas in Stickſtoff verwandelte; der poröſe Pfeifenſtiel wurde nämlich zwiſchen Kohlen glühend gemacht und Sauerſtoff durchgeleitet“. „Chemiſche Laboratorien, in welchen Unterricht in der Analyſe erteilt wurde, beſtanden damals nirgendwo; was man ſo nannte, waren eher Küchen, angefüllt mit allerlei Ofen und Geräten zur Aus⸗ führung metallurgiſcher und pharmaceutiſcher Prozeſſe. Niemand verſtand eigentlich die Analyſe zu lehren. Ich folgte ſpäter Kaſtner nach Erlangen, da er mir verſprochen hatte, einige Mineralien mit mir zu analyſieren. Er wußte es aber leider ſelbſt nicht, und niemals führte er eine Analyſe mit mir aus.“ Das hier Erwähnte möge genügen, um im Zuſammenhange mit den obigen Schilderungen aus Gießen ein Bild zu gewähren von der Stellung der Chemie im akademiſchen Unterrichte noch bis zu den zwanziger Jahren unſeres Jahrhunderts.„Niemand“, ſagt Kolbe a. a. O.,„hat den Mangel der deutſchen Univerſitäten an den zum Studium der Chemie nötigen Hilfsmitteln und Einrichtungen ſchmerzlicher empfunden als Liebig. Er trat deshalb im Jahre 1824 ſeine Profeſſur in Gießen mit der feſten Abſicht an, nicht blos Chemie vom Katheder herab vorzutragen, ſondern ein Laboratorium für den experimentellen Unterricht zu gründen, ohne welchen eine mehr als elementare Bekanntſchaft mit der Chemie nun einmal nicht erworben werden kann!¹).“ Es war der Begeiſterung und der zähen )) K. J. f. pr. Ch. 1874, S. 434. 29 oder ungeſtümen Energie Liebigs vorbehalten, die übergroßen Schwierigkeiten zu beſeitigen, die ſich der Verwirklichung einer chemiſchen Unterrichtsanſtalt im wahren Sinne des Wortes, oder ſo, wie er ſie ſich dachte, entgegenſtellten. Als Forſcher und als Lehrer hat er ſich bald einen europäiſchen Ruf erworben, ſo daß nach wenigen Jahren das ſeit 1825 eröffnete Laboratorium völlig unzureichend wurde. Alle Bemühungen Liebigs, eine Erweiterung des Gebäudes zu ermöglichen und den Zuſchuß für Laboratoriumszwecke zu erhöhen, blieben vorläufig unerfüllt. Hierfür nun kurzerhand die Regierung oder die Univerſität verantwortlich zu machen, iſt zwar naheliegend, aber völlig ungerechtfertigt, wie im einzelnen gezeigt werden ſoll. Zunächſt iſt zur richtigen Beurteilung der Regierung bei dieſer Frage die ganze politiſche Lage zur Zeit der Julirevolution, die Stellung des Miniſteriums du Thil gegenüber der gemäßigten und der radikalen Oppoſition in der zweiten Kammer, die doch die Mittel zu bewilligen hatte, zu beachten; man hat an die kleinen Aufſtände und Tumulte zu denken, gegen welche Belagerungs⸗ zuſtand und Militärmacht aufgeboten werden mußte und welche u. a. zu dem unglückſeligen Ereignis von Södel in der Wetterau und einige Zeit ſpäter zu dem thörichten Sturm auf die Haupt- und die Konſtabler⸗Wache in Frankfurt führten. Man darf die Schwierigkeiten nicht überſehen, welche der Negisrung aus Anlaß des mit Preußen eingegangenen Zollvereins erwuchſen, den z. B. der hochangeſehene Profeſſor der Forſtwiſſenſchaft Hundesha gen als den Ruin Heſſens bezeichnete und der den patriotiſchen und Nane enden Miniſter du Thil bei maßgebenden Kreiſen in den Verdacht brachte, als treibe er preußiſche Politik; welche ferner alle ſüddeutſche Regierungen zu überwinden hatten, inſofern ſie die, das Volk ſo mächtig aufregenden Bundestags⸗Beſchlüſſe vor den Kammern zu verteidigen und durchzu⸗ führen gezwungen waren. Und ganz beſonders iſt es der große und langwierige Streit zwiſchen Regierung und Kammer wegen der Regelung der Zivilliſte und der Trennung der ſog. Haus⸗ und Staatsdomänen geweſen, welcher die damaligen§ Kammerverhandlungen ſo unerquicklich machte und für einige Zeit alle andern Fragen in den Hintergrund drängte. An dem guten Willen der Univerſität, Liebigs Beſtrebungen zu unterſtützen, hat es gleichfalls nicht gefehlt; beſonders der Phyſiker Schmidt trat mit ſeinem ganzen Einfluß für Liebig ein. Nachdem fvüher immer die Majorität es abgelehnt hatte, für den Profeſſor der Chemie einen Diener zu beſolden(vergl. oben bei der Ernennung Zimmermanns zum Ordinarius), wurde die im Jahre 1827 von Liebig zuerſt ſchriftlich ausgeſprochene Bitte erfüllt. Mit ſeiner ſcharfen und klaren Begründung veranlaßte Schmidt, daß faſt alle Votanten, wenn auch der eine oder andere mit Vorbehalten, nicht gegen die Gewährung des Geſuches waren. Uebereinſtimmend mit den Anträgen der Univerſität wird am 19. November 1827 durch den Miniſter v. Grolman verfügt, daß für den Diener am chemiſchen Laboratorium 150 fl. bereit zu ſtellen ſeien,„die Wahl des Subjektes aber dem Profeſſor der Chemie zu überlaſſen ſei.“ Das war ein Erfolg, der acht Jahre vorher ganz unmöglich zu erreichen war und der erzielt wurde nur deshalb, weil auch den Theologen, Philoſophen und Juriſten bereits ein Dämmer⸗ ſchein von der Bedeutung Liebigs und ſeiner Wiſſenſchaft aufgegangen war. Mehr Mühe machte es freilich, gegen die Unzulänglichkeit des Laboratoriums ein Mittel zu finden. Am 23. Juni 1833 richtet Wöhler in einem aus Kaſſel geſchriebenen Briefe folgende Apoſtrophe an Liebig:„Dein Unwohlſein und Dein grauer Humor gehen uns, Buff und mir, ſehr zu Herzen. Wir freuen uns aber über Deinen guten Entſchluß, ins Bad zu gehen. Ich erwarte davon eine gute Wirkung, vorausgeſetzt, daß Du einigermaßen das Talent haſt, während dieſer Zeit den Profeſſor der Chemie und die ganze Chemie ſamt der ganzen philoſophiſchen Fakultät in Gießen zu vergeſſen, den ganzen Tag mit Nichtigkeiten hinzubringen, amüſante Romane zu leſen, für hübſche Geſichter und Geſtalten Sinn zu haben und nur auf Pflegung Deines Körpers zu denken, denn die 30 hypochondriſchen Stimmungen entſpringen nur aus krankhaften körperlichen Vorgängen. Zu den erſteren gehört auch Dein Mißtrauen gegen Magnus, der aus den Wolken gefallen ſein wird, wenn er hört, wie Du ſeine Schreibnachläſſigkeit ſo übel deuteſt. Glaube mir auf mein Wort, Magnus iſt der vor⸗ trefflichſte Charakter, das beſte Herz, der unveränderlichſte Freund, den es geben kann...“ Als Wöhler dies geſchrieben, war Liebig ohne Zweifel körperlich leidend und in einem gereizten Seelenzuſtand. Neun Jahre der angeſtrengteſten Geiſtesarbeit hatten ihre Spuren hinterlaſſen. Entdeckung auf Entdeckung häufend, hatte er ſich bereits durch die gebildete Welt einen Namen gemacht, durch den Kaliapparat die organiſche Analyſe neu begründet, für den chemiſchen Unterricht die Methode gefunden. Aus Deutſchland nicht nur, aus England und Frankreich kamen Schüler zu ihm; ſelbſt ſein Lehrer Gay-Luſſaec ſchickte ihm aus Paris den Sohn nach Gießen. Das Laboratorium konnte die Schüler nicht faſſen. Aufgerieben durch Anſtrengung, Kampf und AÄrger ging er in den Herbſtferien nach Baden⸗Baden. Von da ſchrieb er den berühmten Brief¹) an den Geheimen Staatsrat von Linde, um ſeinem gepreßten Herzen Luft und ſeiner Lage gewaltſam Beſſerung zu verſchaffen. Carriere giebt über die nächſte Veranlaſſung dazu folgende kurze Aufklärung:„Liebig hatte den Bau eines Auditoriums verlangt, um dadurch für das Laboratorium mehr Raum zu gewinnen; man hatte darunter„nur ſein Privatintereſſe“ geſehen und dem Antrag keine Folge gegeben.“ Kolbe’) ſagt in ſeinen Erinnerungsworten in Bezug auf dieſen Brief:„Was Liebig mit den ſchlagendſten Argumenten und eindringlichſten Vorſtellungen nicht hatte erreichen können, bewirkte ſchnell jener Brief. Solch ſchweren Geſchützes bedurfte es, um dem Miniſter das, was er aus Mangel an gutem Willen und Einſicht nicht gewähren wollte, durch die Furcht vor dem öffentlichen Skandal abzunötigen. Es war wenig genug, was Liebig jetzt bewilligt wurde, aber genügte vorderhand ſeinen ſtets beſcheidenen Anſprüchen. Jener Brief bleibt für die Geſchichte der Entwickelung der Chemie in Deutſchland ein wichtiges Dokument. Wir erſohen daraus, wie geringes Verſtändnis für die Bedeutung und den Nutzen der Chemie— denn das Utilitatsprinzip ſtand damals, wie noch viel ſpäter, bei den Kuratoren nicht blos der Univerſität Gießen, ſondern auch vieler anderer Univerſitäten in großer Geltung— in den ſtaatsleitenden Kreiſen zu finden war, wir entnehmen daraus mit Verwunderung, daß zu einer Zeit, wo der Name Lie big weit über die Grenzen Deutſchlands hinaus mit Achtung und Bewunderung genannt wurde, der Miniſter in Darmſtadt keine Ahnung von der Größe des Mannes hatte oder haben wollte, der Gießen nach außen hin hauptſächlich Ruhm und Glanz verlieh.“ Auf die Frage, was l hat Liebig mit ſeinem Brief erreicht, giebt Carriere die Antwort, der Kanzler von Linde habe ihm erwidert, daß eine Verfügung wegen des Baues und der Einrichtungen des Laboratoriums nach Gießen ergangen ſei. Liebig ſelbſt aber ſchreibt am 18. Februar 1834 an Wöhler:„Du haſt mich, beiläufig geſagt, die Weihnachten ſchändlich geärgert, erſt machſt Du mir den Mund wäſſerig und kommſt nachher hochmütig, mir zu ſagen, Du habeſt Dich anders be⸗ ſonnen, ohne einen Grund anzuführen, als Deine Laune. es war nur Laune. Ich hatte mich um ſo mehr auf Nichts hat Dich abzuhalten, hierherzukommen, Dein Kommen gefreut, da meine jetzige Einrichtung ein wahrhaft ſüßes Arbeiten erlaubt, warmes Laboratorium, reinlich, hell, mit allen Agréments und Comforts verſehen. Ich hoffe, Du machſt mir dennoch die Freude, die nächſte Arbeit gemeinſchaftlich mit mir zu machen.“ Was iſt ge⸗ ſchehen, um in Zeit von kaum vier Monaten dieſen Wechſel der Stimmung hervorzurufen,— zu Tode betrübt ¹) Carriere, Lebensbilder, S. 304. 2) J. f. p. Ch. 1874, S. 438. und himmelhoch jauchzend—; welche Einrichtungen ſind getroffen, von welchen Unzuträglichkeiten iſt Liebig mittlerweile befreit worden? Am 13. November 1832 richtet er an die akademiſche Adminiſtrations⸗Kommiſſion eine Ein⸗ gabe, worin er zunächſt die ihm zur Verfügung ſtehenden drei Laboratoriumsräume(vergleiche oben) ſchildert. In dem kleinen, mit Steinplatten belegten Kabinet, das die Apparaten⸗, Inſtru⸗ menten⸗ und Präparatenſammlung enthalte und deshalb nicht geheizt werden dürfe, müßten alle Wägungen vorgenommen werden. Er ſei daher gezwungen, ſtundenlang in dieſem, im Winter eiſig⸗ kalten Raum zu verweilen. In dem eigentlichen Laboratorium ſei es durch die, nach den Plänen des Geheimen Finanzrates Schmidt(Phyſiker) ausgeführte Erbauung eines neuen Herdes in der Mitte dieſes Raumes möglich geworden, eine größere Anzahl Laboranten aufzunehmen. Die hierdurch aber um ſo dringender gewordene Lüftung und Ableitung der ſchädlichen Dünſte ſei noch nicht auszuführen ge— weſen. In dieſem Raum mußte nun Liebig neun bis zehn Laboranten anleiten und mitten darunter ſeine eigenen epochemachenden Unterſuchungen ausführen!¹). Gelüſtet wurde durch Offnen von Fenſtern und Thüren. So allen Störungen der Laboranten ausgeſetzt, den ſchädlichen Dämpfen, der Zugluft, dem Kohlenſtaub und ⸗Dunſt preisgegeben, darf es nicht Wunder nehmen, wenn ſeine Geſundheit be⸗ denklich geſchädigt wurde. Er wünſcht deshalb, den ſeitherigen, unmittelbar hinter dem Gebäude ſtehenden, dem akademiſchen Hoſpital und dem Laboratorium gemeinſamen Holzſtall zu einem Auditorium umzu⸗ bauen, das ſeitherige Auditorium aber in ein heizbares die Apparate aufnehmendes Wagezimmer und in ein Privatlaboratorium zu teilen. Hierdurch wäre es dann auch möglich, die täglich durch ſeine und ſeiner Schüler Arbeiten wachſende Präparatenſammlung in jenem unheizbaren Raum unterzubringen. Der Schluß jener Eingabe iſt zu charakteriſtiſch, als daß ich ihn hier nicht wiedergeben ſollte:„Das Laboratorium, ſo wie es daſteht, iſt nach und nach unter meinen Händen entſtanden, die kleinſte Ver⸗ änderung und Verbeſſerung iſt aus der Natur meiner Arbeiten hervorgegangen; mich davon trennen zu müſſen, wäre das bitterſte, was mir begegnen könnte.“ Wieder ſteht der Phyſiker Schmidt bei der ſchriftlichen Abſtimmung der Adminiſtrations⸗Kommiſſion mit ſeinem Votum vom 24. Nov. 1832 an der Spitze; angeſichts der großen Verdienſte Liebigs um die Wiſſenſchaft und die Univerſität ſei es die Pflicht der Letzteren, jene billigen Wünſche zu befriedigen; er beantragt, dem Baukonduktor Sonnemann den Auftrag zu geben, die Wünſche auf ihre Ausführbarkeit zu prüfen und darnach Pläne und Koſtenvoranſchlag auszuarbeiten. Sonnemann ſtattet ſein Gutachten am 10. Dez. 1832 dahin ab, daß die dermalen beſtehenden Verhältniſſe unzulänglich und unſtatthaft ſeien, daß jedoch der Vorſchlag des Profeſſor Liebig, den Holzſtall zu einem Auditorium auszubauen, aus mehreren Gründen unausführbar ſei. Der Holzſtall, ein Lehmſtein⸗Fachwerkbau, müſſe ganz abgebrochen werden. Wollte man nun einen einſtöckigen Anbau für den Hörſaal errichten, ſo laſſe ſich derſelbe äſthetiſch nicht mit dem jetzigen Gebäude in Einklang bringen. Er ſchlage deshalb eine zweiſtöckige Fortſetzung dieſes Gebäudes vor, wodurch man zugleich die dringend nötige Erweiterung der überaus engen Wohnung des Profeſſor Liebig erreiche. Der hierzu erforderliche Koſtenaufwand belaufe ſich auf etwa 3500 fl. In ſeiner Entſchließung vom 7. März 1833 verlangt das Miniſterium detaillirte Riſſe, Koſtenanſchläge, um nach den Anträgen der Adminiſtrations⸗Kommiſſion(bez. des Baukonduktors Sonnemann) den Ständen Vorlage zu machen. ¹) Liebig ſchreibt hierüber in ſeinen Aufzeichnungen(Deutſche Rundſchau):„Wir arbeiteten, wann der Tag begann bis zur ſinkenden Nacht; Zerſtreuungen und Vergnügungen gab es in Gießen nicht. Die einzigen Klagen, die ſich ſtets wiederholten, waren die des Dieners(Aubel), welcher am Abend, wenn er reinigen ſollte, die Arbeitenden nicht aus dem Laboratorium bringen konnte. Die Erinnerung an ihren Aufenthalt in Gießen erweckt, wie ich häufig hörte, bei den meiſten meiner Schüler das wohlthuende Gefühl der Befriedigung über eine wohlangewendete Zeit.“ Daraufhin erhält Sonnemann die Weiſung, möglichſt bald, lä ngſtens in 14 Tagen, das Verlangte zu liefern. Die Arbeit des Architekten hat jedoch längere Zeit in Anſpruch genommen; trotz aller Beſchleunigung kann der Bericht der Adminiſtrations⸗Kommiſſion erſt am 15. April 1833 an das Miniſterium abgehen. Der ſehnlichſt erwartete Beſcheid bleibt jedoch aus. Im Juli wird innerhalb der Adminiſtrations⸗Kommiſſion erwogen, ob ein unterthäniger Monitorial⸗Bericht zu erſtatten ſei; man ſieht jedoch davon ab, weil von etlichen Seiten erwähnt wird, daß die Stände noch keine Beratungen gehalten hätten. Am 4. Auguſt legt die Adminiſtrations⸗Kommiſſion die Akten noch einmal zurück in der beſtimmt ausgeſprochenen Erwartung, daß Liebig, der auf ſeiner Urlaubsreiſe ins Bad ¹) in Darmſtadt wohl Raſt machen werde, dort ſeine Angelegenheit in Erinnerung bringe. In welcher Weiſe dieſe Erwartung ſich verwirklichte, zeigt der von Carriere veröffentlichte Brief Liebigs, der von Baden⸗Baden an den Kanzler von Linde gerichtet wurde?*). Die in dem Antwortſchreiben des Kanzlers erwähnte Verfügung des Miniſteriums muß wohl die vom 31. Juli 1833 datierte, in Gießen jedoch erſt am 10. Auguſt eingelaufene ſein. Dieſelbe beſtimmt, daß die in beigelegter Liſte namhaft gemachten Veränderungen am jetzigen Laboratorium u ngeſäumt vorgenommen werden müſſen,„damit der Kurſus für das nächſte Winterſemeſter nicht gehindert iſt. Die beabſichtigten ſonſtigen Einrichtungen bleiben bis zum künftigen Jahre ausgeſetzt. du Thil.“ In der genannten Beilage ſind als ſofort vorzunehmende Veränderungen bezeichnet: Aufführung zweier Lehmſteinwände, Legung eines Fußbodens von Holz, Erweiterung zweier Fenſter, Aufführung eines kleinen Herdes, Ankauf zweier Ofen. Das heißt mit andern Worten: das bisherige Auditorium Liebigs ſoll, abgeſehen von kleineren ſonſtigen Anderungen, in zwei heizbare Arbeitsräume(Wage⸗ zimmer und Liebigs Privatlaboratorium) geteilt werden. Leider iſt das Datum des Liebig'ſchen Briefes nicht angegeben. Aber da Liebig ſeinen Urlaub erſt am 1. Auguſt angetreten und den Brief von Baden⸗Baden aus geſchrieben hat, ſo darf mit Sicherheit angenommen werden, daß die Verfügung vor dem Briefe erlaſſen und keinesfalls als Folge desſelben anzuſehen iſt. — ¹) Liebig reicht am 3. Juni 1833 das Geſuch ein um Bewilligung eines Urlaubes vom 1. Auguſt an auf zwei Monate; genehmigt wird dasſelbe vom Miniſterium am 11. Juni. *) Der Schluß des Briefes lautet:„. Aus dieſer urſprünglichen Behandlung des Laboratoriums hat ſich die Folge herausgeſtellt, daß es kein Eigentum beſitzt, denn ich kann nachweiſen, daß die Einrichtungen, die Inſtrumente, die Präparate, welche das Gießener Laboratorium, ich kann es ohne Erröten ſagen, zum erſten in Deutſchland gemacht haben, mein Eigentum ſind. Alle dieſe Dinge ſind gepackt, und ich hoffe ſie bei meiner Zurückkunft in Darmſtadt anzutreffen. Ich kann beweiſen, daß die ſeither aufgewandten Summen kaum ausgereicht haben den Bedarf und Aufwand für die Vorleſungen und analytiſchen Arbeiten zu decken; man vergütet mir 25 fl. für Kohlen, und ich kaufe jährlich für 80, in demſelben Verhältnis ſteht alles...“ „Ich will nicht mehr von mir ſprechen, meine Rechnung mit Gießen iſt abgeſchloſſen; mein Weg iſt nicht der Weg der Reptilien, ob dieſer auch der leichteſte, wenn auch ſchmutzigſte iſt. Das Geſagte wird hinreichen um meinen Entſchluß bei dem Miniſterium und bei dem Fürſten zu rechtfertigen, daß ich dieſen Winter in Gießen nicht leſen kann. Ich werde niemanden mehr mit einer Anforderung beſchwerlich fallen. Ich werde um meinen Abſchied nicht einkommen, ſondern im Sommer in Gießen, im Winter in Darmſtadt leſen. Ich habe Hoffnung 80 Subſkribenten auf meine Vorleſung in Darmſtadt zu bekommen, und viele meiner Schüler werden mir dorthin folgen oder ſind ſchon dort. Wenn ich geſund bin, wird es mir an Kraft nicht fehlen eine Art Univerſität für meine Lehrzweige auf eigene Fauſt zu errichten. Staat und Stadt können dabei nur gewinnen, und ich weiß aus Erfahrung, was ein feſter Wille zu leiſten vermag. Wird es mir nicht erlaubt und erhalte ich meinen Abſchied, ſo befreit mich dieſer von dem Vorwurf der Undankbarkeit gegen das Land, aus deſſen Mitteln meine Ausbildung möglich ward. Ich habe manches Unrecht, manches falſche Urteil ertragen gelernt, aber dieſer Vorwurf wäre für meine Schultern zu ſchwer.“ 1 das men; 1833 wird aatten keine nmal hin Weiſe von zlers jedoch achten t der ungen rung grung rium n au auf 33 Die Verfügung ſetzt die Adminiſtrations⸗Kommiſſion in nicht geringe Verlegenheit; man fragt ſich, wo denn Liebig überhaupt ſeine Vorleſungen halten ſolle, wenn der neue Hörſaal erſt im nächſten Jahre erbaut werden könne. Zwar hat Profeſſor Adrian ein leer ſtehendes Zimmer bei der in unmittelbarer Nähe gelegenen Bibliothek zu dieſem Zweck zur Verfügung geſtellt; aber die Adminiſtrations⸗ Kommiſſion fürchtet die aus der Natur mancher chemiſchen Experimente erwachſende Feuersgefahr für die Bibliothek. In der auf dieſe Vorſtellung hin erlaſſenen Verfügung vom 11. September erklärt das Miniſterium, keine Fonds zu beſitzen, auch keine Nachforderungen den Ständen vorlegen zu können; alle aus der Ausführung der Verfügung vom 31. Juli entſtehenden Koſten ſeien ausſchließlich aus den Mitteln der Univerſität zu beſtreiten. Ebenſo habe die Adminiſtrations⸗Kommiſſion Sorge zu tragen, daß für die vorerſt verſchobenen Bauten im nächſten Jahre Mittel bereit geſtellt werden. Wahrſcheinlich auf der Rückkehr von Baden⸗Baden nahm Liebig bei ſeinen Verwandten in Darmſtadt noch einen kurzen Aufenthalt und lernte hier die Annehmlichkeiten der durch ein neues Ofengeſchäft daſelbſt ſeit kurzem verbreiteten Fayence⸗Ofen kennen. In einem Schreiben, dat. Darmſtadt, den 23. September 1833, erſucht er nämlich die Adminiſtrations⸗Kommiſſion für die Arbeitsräume (Laboratorium, Privatlaboratorium, Wagezimmer) 3 Fayence-Ofen der gleichmäßigen Wärme wegen anzuſchaffen, dagegen den jetzt im Laboratorium ſtehenden eiſernen Ofen für das im nächſten Jahre zu erbauende Auditorium, das ja doch nur auf 2 oder 3 Stunden täglich zu erwärmen ſei, aufzubewahren. Der Univerſitäts⸗ und Kreisbaumeiſter Hofmann erklärt darauf, daß die für die beiden eiſernen Ofen vorgeſehenen Beträge bei weitem nicht für jenen Zweck ausreichten, wogegen dann Liebig wieder aus Darmſtadt ſchreibt, er wolle den Mehrbetrag aus ſeiner Taſche bezahlen und bitte nur die Adminiſtrations⸗Kommiſſion um die Zuſtimmung zur Anſchaffung jener Fayence⸗Ofen. Selbſtverſtändlich hat die Adminiſtrations⸗Kommiſſion hiergegen nichts einzuwenden. Ebenſo bezeichnend für Liebigs Weſen iſt auch folgende Epiſode. In einem Berichte vom 26. Oktober 1833 macht er die Adminiſtrations⸗Kommiſſion darauf aufmerkſam, daß der Bau des Auditoriums zu beginnen ſei, ſobald es die Witterung im Frühjahr 1834 geſtattete. Damit dann die Maurer nicht durch die Arbeiten im Steinbruch aufgehalten ſeien, müßten ſchon jetzt die Steine gebrochen, bearbeitet und angefahren werden. Nach einer mit Herrn Staatsrat Linde getroffenen Verabredung wolle er mit deſſen ausdrücklicher Zuſtimmung die zur Beſchaffung der Baumaterialien erforderlichen Ausgaben aus eigner Taſche vorlagsweiſe beſtreiten, da die Fonds der Univerſität derzeit erſchöpft ſeien. Dieſem Angebot jedoch widerſtanden die Mitglieder der Adminiſtrations⸗Kommiſſion aus Gründen der Rückſicht, des Zartgefühls oder in Folge rein theoretiſcher Erörterungen über die zu über⸗ nehmende Verbindlichkeit gegen Liebig. In dieſer letzteren Hinſicht werden ſie beſtärkt, als der Bau⸗ meiſter berichtet, daß die ſoeben nahezu vollendete Bauveränderung ſtatt der hierfür vorgeſehenen 408 fl. in Folge unvorhergeſehener Arbeiten(Erſatz von verfaultem Gebälk u. ſ. w.) über 640 fl. beanſpruche, wodurch die ganze Finanzwirtſchaft noch mehr in Verwirrung gerate. Wo Liebig im Winter 1833/34 ſeine Vorleſungen gehalten hat, ließ ſich aus den ein— geſehenen Akten nicht erkennen; in verſchiedenen Eingaben(vom 16. März und 17. April 1834) erſtrebt er die Mitbenützung des ihm zu allernächſt liegenden Auditoriums der mediziniſchen und chirurgiſchen Klinik. Nach Anhörung des Direktors des akademiſchen Hoſpitals, des Profeſſor Balſer, lehnt das Miniſterium die Genehmigung ab, verfügt jedoch, daß eines der leeren Zimmer der Bibliothek einſt⸗ weilen als Hörſaal für die chemiſchen Vorleſungen zu benützen ſei. Während des Jahres 1834 ruht der Bau des Auditoriums völlig, obwohl man für dieſes Jahr den zweiſtöckig gedachten Anbau nach Sonnemanns Voranſchlag mit 3522 fl. in das Univer⸗ ſitäts⸗Budget eingeſtellt hatte. Es ſcheint, daß Liebig mit der Verzögerung einverſtanden war; denn der ihm ſehr befreundete Hofkammerrat Hofmann legt am 1. Februar 1835 einen neu bearbeiteten Plan und Voranſchlag im Betrag von 4864 fl. vor und begründet dieſe Mehrforderung durch eine beſſere Verbindung mit dem alten Gebäude und mit der Aufführung eines getrennten Holzſtalles. Dieſer neue zweckmäßigere Plan findet allſeitige Zuſtimmung; trotzdem nun bei der Vergebung der Arbeiten durch Abgebote ſich der ganze Koſtenaufwand auf 4431 fl. ſtellt, ſo weiſt nach Vollendung des Ganzen die Wirtſchaftsrechnung einen Betrag von 5035 fl. nach. Der Mehraufwand rührt von einer Reihe während des Baues und nach deſſen Vollendung von Liebig vorgetragenen Wünſchen her. Der Rohbau war am 15. September 1835 vollendet; am 17. d. M. verlangt Liebig neue eichene Bänke für den Hörſaal, weil die alten nicht recht paßten und durch das Herumziehen auch etwas ſchadhaft geworden ſeien; ferner einen neuen Experimentiertiſch mit pneumatiſcher Waſſer⸗ und Queckſilberwanne in vertiefter und gegen Queckſilberverluſt geſchützter Lage. Unter dem alten Experimentier⸗ tiſch im früheren Auditorium ſei in Staub und Kehricht 5 Pfund Queckſilber ausgeſchieden worden; ſolche Verluſte müßten fernerhin vermieden werden. Alle dieſe und andere Wünſche werden immer einſtimmig befürwortet und genehmigt. Alle hierbei mitwirkenden Profeſſoren waren in der Erkennt⸗ nis der wiſſenſchaftlichen Stellung Lie bigs eifrigſt beſtrebt, deſſen Wünſche zur Ausführung zu bringen. Am deutlichſten tritt der Eifer zu Tage, als die Regierung— ohne Zweifel in Folge der politiſchen und finanziellen Lage— eine Verzögerung herbeiführte. Wie ſehr aber die Regierung eine„Ahnung von der Bedeutung und Größe des Mannes hatte, welcher hauptſächlich Gießen nach außen hin Glanz und Ruhm verlieh“, das würde wohl auch Kolbe, falls er noch lebte, zugeben, wenn er die folgende Verfügung des Miniſteriums, datiert Darmſtadt, 2. April 1835, kennen lernte: „pp. an die Landes⸗Univerſität. Bei dem Standpunkt, auf welchem ſich gegenwärtig das chemiſche Laboratorium zu Gießen hauptſächlich durch den Eifer und die Sorgfalt des Profeſſor Dr. Liebig befindet, hat derſelbe aus dem Grunde, daß es ihm bei aller rühmlichen Anſtrengung bisher nicht möglich geweſen, die zu dem Unterrichte der Chemie und der dahin einſchlagenden Fächer erforderlichen Geſchäfte allein zu beſorgen, ſondern ſchon ſeit mehreren Jahren zur Annahme eines Aſſiſtenten auf eigene Koſten ſich genötigt geſehen, um widerrufliche Anſtellung eines ſolchen mit einer jährlichen Remuneration von 300 fl. unterthänigſt nachgeſucht und zu dieſer Stelle den Dr. Ettling aus Frankfurt, der die erforderlichen Eigenſchaften beſitze, vorgeſchlagen. In Folge Allerhöchſter Ermächtigung haben wir dieſen Antrag genehmigt, wovon wir Sie zur Nachricht und Nachachtung in Kenntnis ſetzen. du Thil.“ 1 Wie klar und verſtändig die Anſchauungen der Regierung über die Stellung der Chemie als ſelbſtändiger Wiſſenſchaft im Gegenſatz t zu ihrer früheren Abhängigkeit von Medizin und Pharmacie, über die Art ihres mit praktiſchen Arbeiten verbundenen Unterrichtes an der Univerſität, über die Wirkſamkeit Liebigs geweſen ſind, geht auch aus dem 1838 erſchienenen Werke des Geheimen Staats⸗ rates Linde hervor:„überſicht des geſamten Unterrichtsweſens im Großherzogtum Heſſen, beſonders ſeit dem Jahre 1829. Gießen, Ferber“, Seite 320. Daß dieſe Anſchauungen dem Eifer Liebigs erdienſt der Regierung, ſich dieſelben zu eigen gemacht und zu verdanken ſind, ſchmälert nicht das V ihnen gemäß auch gehandelt zu haben. Wenn in jenem vielbeſprochenen Briefe Liebigs vom Herbſte 1833 auch die Gehaltsfrage azu für ihn vorhanden geweſen. Daß aber andere daraus ſcharf betont wird, ſo iſt ja wohl Grund d Ind 35 Veranlaſſung nehmen, Anklagen gegen die Regierung und die Kollegen Liebigs zu erheben, iſt ungerecht, weil zunächſt in Folge menſchlicher Mangelhaftigkeit überhaupt der Würdige nicht immer das ihm Gebührende zugemeſſen erhält und ſomit die Teilung der materiellen Güter ſtets viel zu wünſchen übrig gelaſſen hat, weil ferner ältere Kollegen Liebigs beträchtlich ſchlechter bezahlt waren. Aus den Akten iſt zu erſehen, wie die Regierung ihr Verſprechen zur Beſänftigung Liebigs in der Antwort des Kanzlers von Linde auf den genannten Brief gehalten hat. Am 18. November 1834 rückte Liebig von der 7. auf die 6. ordentliche Profeſſur vor mit einer Gehaltserhöhung von 50 fl.(alſo 850 fl. Gehalt). Es ſcheint, daß ſchon im folgenden Jahre von der Abzählung der Stellen völlig abgeſehen wird; denn in dem Dekret vom 13. Februar 1835 wird ihm einfach eine Gehaltserhöhung von 400 fl. verliehen. Nicht ganz zwei Jahre ſpäter, am 25. Januar 1837, wird ihm mit der beſonderen Begründung„wegen Ablehnung einer Berufung nach St. Petersburg“ eine weitere Zulage von 400 fl., ſomit ein Gehalt von 1650 fl. zugebilligt. Die nächſte und weitaus größte Aufbeſſerung erfolgte gelegentlich der Berufung nach Wien. In dem hierauf bezüglichen Dekret vom 9. Januar 1841 wird nämlich„wegen Ablehnung einer Berufung“ ſein Gehalt auf 3200 fl. feſtgeſetzt. Über die durch dieſe letztgenannte Berufung herbeigeführte Beſſerung ſeiner Verhältniſſe berichtet Liebig in mehreren Briefen an Wöhler(riefwechſel, I., 167 ff.); er erzählt dabei auch, daß ſeine Regierung„den Fond des Laboratoriums um 500 fl. erhöht“ habe,„was ungefähr ſo gut wie eine Zulage iſt, da ich bisher genötigt war, das Defizit aus meiner Taſche zu decken. Gern hätte ich den Ruf nach Wien angenommen, der eine ſo außerordentlich begünſtigte Stellung bot, allein ich konnte nicht von hier weg, ohne mich mit dem Flecken der Undankbarkeit zu beſchmutzen und ehrlos zu machen.“ Hier ſprach allein die wahrhaft edle Geſinnung Liebigs; in einem Briefe, der 14 Tage vorher geſchrieben wurde, kam etwas von ſeinem lebhaften, leicht erregten Temperament zum Ausdruck, wenn er ſchreibt:„Meine Regierung fängt an, mich nicht gut zu behandeln, ſo daß es zweifelhaft wird, ob ich hier bleibe oder nach Wien gehe.“ Worin die Regierung hier geſündigt hatte, ließ ſich nicht feſtſtellen; es fand ſich nur aus etwas früherer Zeit eine an die akademiſche Adminiſtrations⸗Kommiſſion gerichtete Verfügung vom 29. Mai 1839 folgenden Inhalts: „Wie bereits ſchon außeroffiziell zu Ihrer Kenntnis gekommen ſein wird, ſo iſt von den Ständen des Großherzogtums zur Beſtreitung der Koſten der projektierten Ver⸗ größerung des chemiſchen Laboratoriums zu Gießen die Summe von 12000 fl. für die laufende Finanzperiode in der Art verwilligt worden, daß hiervon 8000 fl. aus dem Kapital⸗ vermögen der Univerſität und der Reſt von 4000 fl. für die inneren Einrichtungskoſten aus der Hauptſtaatskaſſe entnommen werden ſollen. In Folge deſſen und der hierzu erteilten Allerhöchſten Genehmigung und da die alsbaldige Vornahme dieſes Bauweſens dringend nötig erſcheint, haben wir die alsbaldige Aufſtellung der Bauüberſchläge veranlaßt und den von der Großherzoglichen Oberbau⸗ direktion einſtweilen im allgemeinen gemachten Vorſchlägen und Anträgen über die Aus— führung dieſes Bauweſens bereits heute unſere Genehmigung erteilt. du Thi l. Im weiteren kommen hierzu noch Vorſchriften über finanzielle Einzelheiten. Selbſtverſtändlich gingen dieſem Erlaß eingehende Erörterungen voraus zwiſchen allen Beteiligten; es mußte vieles mit der Verwaltung der Klinik, mit der Baubehörde u. a. vereinbart werden. Auch noch nachher waren zwiſchen der Adminiſtrations⸗Kommiſſion, dem Miniſterium und der Oberbaudirektion in Folge ver⸗ 36 ſchiedener Einwürfe und Mißverſtändniſſe eingehende Verhandlungen über die Koſten, die Geländetrennung u. a. erforderlich. Daß Liebig perſönlich in die Verhandlungen eingriff, läßt ſich bei ſeinem ener⸗ giſchen und lebhaften Weſen erwarten. Er ſchreibt z. B. am 29. April 1839 an Wöhler:„Ich habe Dir lange nicht geſchrieben, weil ich in Beſchlag genommen durch den Neubau des Laboratoriums nach Darmſtadt mußte, von wo ich ſeit ein paar Tagen wieder zurück bin. Die Stände haben einſtimmig 12000 fl. dazu bewilligt und in wenigen Wochen wird damit, wie ich hoffe, begonnen. In einem Briefe vom 26. Juni:„Mein Laboratorium iſt in acht Tagen unter Dach; ich freue mich auf Dein Hierſein.“ Am 12. Auguſt:„Mache mir das Herz nicht ſchwer mit Pyrmont, Du weißt, daß ich nicht mitgehen kann, daß der Bau des neuen Laboratoriums, das jetzt unter Dach iſt, mich zwingt, die Ferien hierzubleiben, um die neue Einrichtung zu machen; ich kann keinen Tag, keine Stunde von hier weg. Aber ich rechne darauf, Dich mit Deiner Frau hier zu ſehen, damit mir das Leben genießbar werde. Wahrlich ich genieße es nicht; es iſt nicht der Mühe wert zu leben, man arbeitet, bis man krank iſt und macht ſich wieder geſund, um zu arbeiten und ſo geht es fort.“ Der Bau des Labora⸗ toriums geht inzwiſchen ſeiner Vollendung entgegen; es wird die Muſteranſtalt für die chemiſchen Unter⸗ richtslaboratorien überhaupt und behält dieſe Eigenſchaft noch für mehr als ein Decennium.(Vergl. das chemiſche Laboratorium der Ludewigs-Univerſität zu Gießen von J. P. Hofmann, mit einem Vor⸗ wort von Dr. Juſtus Liebig. Dazu acht Tafeln. Heidelberg, Winter, 1842.) Nachdem Liebig, wie oben bemerkt, durch die Regierung in die Lage verſetzt war, die Be⸗ rufung nach Wien abzulehnen, kommt er vier Monate ſpäter, durch die Lebhaftigkeit ſeines Weſens veranlaßt, in einem Brief an Wöhler vom 18. Mai 1841 dazu, die Ablehnung des Rufes halbwegs zu bereuen. Baumgartner, Ettingshauſen, v. Reichenbach u. a. drängten in ihn, eine von einem gewiſſen Dr. Gruber in Wien gegen ihn gerichtete Schrift zu widerlegen, da ſie durch dieſelbe gewiſſermaßen mit getroffen wären, inſofern ſie Liebigs Berufung veranlaßt hätten. Seine mächtige Streitluſt läßt ihn an Wöhler folgende Worte ſchreiben:„Ich habe übrigens ſeit dem Erſcheinen dieſes Dings eine große, unbezwingliche Luſt bekommen, nach Wien zu gehen. Wenn ich nur wüßte, daß Du nach Gießen gingeſt. Ich bin überzeugt, der Tauſch würde Dich nie reuen. Ich könnte Dich überzeugen, daß meine ſämtlichen Einnahmen die Deinen übertreffen.“ Das Gewicht dieſer vertraulichen Mitteilung darf nicht unterſchätzt werden im Hinblick auf den durch nichts erſchütterten, nur durch den Tod gelöſten, innigen Freundſchaftsbund beider Männer ¹). Wir haben hier die vollgiltigſte Beſtätigung, ein unanfechtbares Zeugnis dafür, daß die Lage Liebigs— immer relativ genommen gewiß keine ungünſtige war, daß ſeine Wünſche und wiſſen⸗ ſchaftlichen Beſtrebungen vollſte Würdigung und nach Möglichkeit auch Befriedigung gefunden haben 2). ¹) Vergl. z. B. die geradezu rührende Ausgleichung eines kränkenden Mißverſtändniſſes im Briefwechſel, I., Seite 193 bis 196 oder Seite 211 bis 218; beſonders aber die herrliche Schilderung, welche von Liebig ſelbſt herrührt, in der Rundſchau, Januar 1891, Seite 39. ²) Vergl. auch Liebig,„über den Zuſtand der Chemie in Preußen. 1840“, wo es a. a. O., Seite 29 heißt:„... Zur Ehre und zum Ruhm einer erleuchteten Staatsregierung und der Stände des Landes, welche die Bedürfniſſe der Zeit mit größerer Einſicht und Weisheit erkannt haben, wird in Gießen weit mehr für dieſe Zwecke verwendet. Der jährliche Fond des Laboratoriums beträgt 1500 fl.“ Und Seite 36:„Ich kenne kein Land, wo dieſe ſegenbringenden Inſtitute mit größerer Weisheit und Umſicht begründet worden ſind und gepflegt werden, wie im hr und dankbarer von allen Ständen anerkannt „Ich denke Großherzogtum Heſſen, wo ihr ſichtbarer und wirkſamer Einfluß mel iſt.“ In den Aufzeichnungen in der„deutſchen Rundſchau, Januarheft 1891“ heißt es auf Seite 36 u. f.: 37 Im Grunde leugnen das alles die genannten Verfaſſer der Nekrologe und Biographien durchaus nicht. Aber ſie ſchildern die üblen Stimmungen, in die Liebig zeitweilig verfiel, weit über Gebühr und ſchreiben jene ausſchließlich auf Rechnung der Angehörigen der Univerſität oder der Regierung; ſie laſſen dabei die feurige, ungeſtüme Art, die kampfluſtige Natur Liebigs außer Acht. In dieſem Sinne hat der kommende Geſchichtſchreiber der Chemie noch jene hiſtoriſche Gerechtigkeit zu üben, die den großen Chemiker und Denker in ſeinen menſchlichen Eigentümlichkeiten uns begreifen lehrt, aber auch verhindert, andere, die in ſeinem Leben und Wirken mithandelnd aufgetreten ſind, ungerecht zu beurteilen. Das Leben iſt für jeden Menſchen ein Kampf; in welch' höherem Maße für Liebig, zu deſſen Lebensbedingungen die Polemik gehörte, deſſen leidenſchaftliche Natur ſich nur ſchwer durch den Geiſt bändigen ließ!¹). Seine Streitluſt iſt nicht erwachſen aus blöder Rechthaberei; ſie iſt vielmehr das Erzeugnis des mächtigen Dranges zur Erforſchung der Wahrheit. Wenn der hierauf bezügliche Abſchnitt in Carrieres mehrfach angeführter Abhandlung„Platen und Liebig“(a. a. O. Seite 292) geradezu köſtlich iſt, ſo bietet der Briefwechſel zwiſchen Liebig und Wöhler eine reiche Fundgrube von Belegen für die Beweggründe ſeiner Streitigkeiten. Grade aus dem reizenden Briefwechſel der beiden ſo verſchieden gearteten, durch die innigſten Freundſchaftsbande verbundenen Männer erkennen wir, daß nur das In⸗ tereſſe der Wiſſenſchaft Liebig auf den Kampfplatz rief, und daß er bei aller Reizbarkeit ſich ſtets das Wort ſeiner Mutter vor Augen hielt: Sei gerecht, dein Name iſt Juſtus. Gerecht wollte er immer ſein, und er wurde es, wenn er die Überzeugung gewann, daß der Gegner mit redlichen Mitteln nach der Wahrheit ſtrebte. So ſicher es iſt, daß Liebig nur ſo wie er war, ein ſchlagfertiger, kampfbereiter Kritiker, für die Entwickelung der Chemie ſo Großes leiſten konnte, ebenſo ſicher mag es ſein, daß der amtliche Verkehr mit ihm innerhalb der Univerſitätsverwaltung nicht ohne alle Reibungen ſich abwickeln ließ. Darf hieraus die allerdings befremdlich erſcheinende Thatſache erklärt werden, daß der hervor⸗ ragendſte Lehrer unſerer Hochſchule, der ihr 28 Jahre lang, davon 27 Jahre als ordentlicher Profeſſor angehört hat, niemals zum Rektor erwählt worden iſt? Oder hat Liebig, der eine geradezu beiſpiel⸗ loſe wiſſenſchaftliche und litterariſche Thätigkeit entfaltet hat und dabei, umringt von ſo vielen Schülern, ein unermüdlicher, anregender, geiſtſprühender Lehrer geweſen iſt, die Annahme eines ſolchen Ehrenamtes ſtets mit Freude an die 28 Jahre zurück, die ich dort(in Gießen) verlebte; es war wie eine höhere Fügung, die mich an die kleine Univerſität führte. An einer großen Univerſität oder an einem größeren Orte wären meine Kräfte zer⸗ riſſen und zerſplittert und die Erreichung des Zieles, nach dem ich ſtrebte, ſehr viel ſchwieriger, vielleicht unmöglich geworden; aber in Gießen konzentrierte ſich alles in der Arbeit und dieſe war ein leidenſchaftliches Genießen.“ Mit dieſen Worten hat Liebig zugleich einen der weſentlichſten Gründe angegeben, aus denen man mit Zuverſicht auf die Dauerhaftigkeit der kleineren Univerſitäten ſchließen kann. ¹) Vergl. hierzu von vielen nur den draſtiſchen Brief Wöhlers an Liebig vom 9. März 1843(a. a. O., I., Seite 224):„.. wieder Krieg zu führen,.. bringt keinen Segen, der Wiſſenſchaft nur wenig Nutzen. Du konſumierſt Dich dabei, ärgerſt Dich, ruinierſt Deine Leber und Deine Nerven zuletzt durch Moriſonſche Pillen. Verſetze Dich in das Jahr 1900, wo wir wieder zu Kohlenſäure, Ammoniak und Waſſer aufgelöſt ſind, und unſere Knochenerde viel— leicht wieder Beſtandteil der Knochen von einem Hund iſt, der unſer Grab verunreinigt— wen kümmert es dann, ob wir in Frieden oder in Ärger gelebt haben, wer weiß dann von Deinen wiſſenſchaftlichen Streitigkeiten, von der Aufopferung Deiner Geſundheit und Ruhe für die Wiſſenſchaft?— Niemand— aber Deine guten Ideen, die neuen Thatſachen, die Du entdeckt haſt, ſie werden, geſäubert von all dem, was nicht zur Sache gehört, noch in den ſpäteſten Zeiten bekannt und anerkannt ſein. Doch wie komme ich dazu, dem Löwen zu raten, Zucker zu freſſen!“ Zur Vervollſtändigung des Bildes ſei hier aus der„deutſchen Biographie“ das Wort Ladenburgs angeführt: „Herausfordernd, kühn und kampfbereit im Sprechen und Schreiben, war ſein perſönlicher Verkehr von beſtrickender Liebenswürdigkeit. Noch heute ſchwärmen alle für ihn, die je ihn gekannt. Auf ſeine Schüler wirkte er mit dämoniſcher Macht, Freunde erwarb er ſich fürs Leben aus allen Berufsklaſſen.“ 38 ausgeſchlagen, das neben den mancherlei Verwaltungsgeſchäften auch zeitweilig große Verdrießlichkeiten bringen mag?¹) Durch die oben beigebrachten Belege dürfte ausreichend dargethan ſein, wie wenig begründet die erwähnten, gegen Univerſität und Regierung erhobenen Anklagen ſind, wie vielmehr nach Liebigs eigenem Zeugnis alle ſeine Wünſche nach Maßgabe der Hilfsmittel des Landes erfüllt worden waren. Der Voll⸗ ſtändigkeit wegen darf hier nicht unerwähnt bleiben, daß Großherzog Ludwig II.(1830 bis 1848) auch in der Wertſchätzung Liebigs ein Erbe und Nachfolger ſeines erlauchten Vaters geweſen, indem er am 24. Jan. 1837 Liebig durch die Verleihung des Ritterkreuzes 1. Klaſſe des Ludewigsordens ehrte und am 29. Dez. 1845„zum Zeichen der Anerkennung ſeiner Verdienſte, für ſich und ſeine gegenwärtigen und zukünftigen ehe⸗ lichen Nachkommen beiderlei Geſchlechtes in den Freiherrnſtand des Großherzogtums zu erheben“ geruhte. 2) In der ſchon genannten Rektoratsrede des Herrn Geheimen Hofrates Hoffmann(1866) und in verſchiedenen Aufſätzen des Direktors Dr. Friedrich Schödler, der von 1834 an erſt Schüler, dann bis etwa 1842 Liebigs Aſſiſtent geweſen(z. B. im Programm der Realſchule in Mainz 1874, in Weſtermanns Monatsheften, April 1875, Seite 21— 47), ſowie in den ſchon ge⸗ nannten biographiſchen Schriften iſt insbeſondere die Wirkſamkeit Liebigs als Lehrers und Begründers einer Schule eingehend geſchildert.) Liebig fing im Winter 1824/25 mit zwei Laboranten an. Wie der immer ſtärker werdende Zudrang von Schülern nach und nach die Arbeits- und Unterrichtsräume zu erweitern zwang, iſt ſchon oben gezeigt worden. Vier Jahre nach der letzten beträchtlichen Erweiterung des Laboratoriums(1839) ſchreibt unter dem Datum des 22. Oktober 1843 Liebig an Wöhler: „Ich habe Will ein Laboratorium für etwa fünfzehn Eleven in meinem neuen Hauſe eingerichtet, werde aber kaum dadurch erleichtert werden. Ich bin jetzt in Verlegenheit über Aufgaben und Fragen zu Arbeiten und verwünſche oft das ganze Laboratorium; ich tröſte mich nur, daß es Dir auch ſo geht.“ Am 21. Oktober 1848 ſchreibt er ſeinem Freunde:„Bei uns ſieht es übel aus, ſtatt 36 bis 40 Laboranten habe ich nur 10; Will, dem ich alle Anfänger zuweiſe, hat 18. Ich beabſichtige in dieſem Winter meine Tierchemie zu vollenden, und es iſt mir nun ganz lieb, von anderer Seite nicht zu ſehr in Anſpruch genommen zu ſein.“ Daß in dieſer aufgeregten Zeit auch in Gießen die Ver⸗ hältniſſe nicht ganz dem Sinne Liebigs entſprachen, dürfte einleuchten; in einem Briefe Wöhlers an ihn(vom Dezember 1848) kommt die Stelle vor:„Nach dem Poſtſkriptum in Deinem letzten Briefe ſcheint es in Euren Univerſitätsverhältniſſen trübe auszuſehen. Ich will Dir was ſagen, ergreife die Initiative, verkaufe Dein Haus, nimm Deinen Abſchied und laß Dich als zweiten Chemiker hierher berufen. Ich will die Sache ſchon machen. Wir ſtehen dann gemeinſchaftlich dem hieſigen chemiſchen Inſtitute vor, laſſen es hinſichtlich des Lokals gehörig vergrößern, Du dirigierſt und trägſt die organiſche Chemie vor, ich die unorganiſche. Die Arbeit iſt dann gehörig verteilt, der Einzelne braucht ſich nicht zu Tode zu arbeiten, und es könnte etwas Großes geleiſtet werden. An Studierenden aus aller Herren *) Liebig war im Jahre 1846 zum erſten und 1851 zum zweiten Male Dekan der philoſophiſchen Fakultät; hiernach iſt zu berichtigen, oder ganz unerklärlich die Mitteilung in einem Brief an Wöhler vom 29. Auguſt 1848, daß er in dieſem merkwürdigen Jahre Dekan der philoſophiſchen Fakultät war. ²) Am Schluſſe des Dekanatsjahres 1845 übergiebt der Amtsvorgänger die Dekanatsakten ſeinem Nachfolger, „dem Herrn Profeſſor Dr. Liebig“, mit den üblichen guten Wünſchen. Auf die folgende Seite ſetzt nun Liebig die Überſchrift:„Erſtes Dekanat des Freiherrn Dr. Juſtus von Liebig, ordentlicher Profeſſor der Chemie“. Dagegen ſchreibt er an Wöhler, I., S. 333:„Laß doch den Freiherrn auf der Adreſſe der Briefe weg; der Titel iſt lächerlich, ohne eine Herrſchaft hinter ſich.“ ³) Vergl. auch„Geſchichte der Chemie von E. von Meyer, Leipzig, 1889, Seite 214.“ Ganz beſ onders aber noch die eigenen Aufzeichnungen Liebigs in„Deutſche Rundſchau“, Januar 1891, Seite 38 f. — D Länder ſollte es nicht fehlen.“ agegen ſchreibt Liebig am 29. Mai 1849:„... Unſere Univerſität hat im ganzen abgenommen, der Ausfall trifft aber weder die mediziniſchen noch naturwiſſenſchaftlichen Fächer, ich z. B. habe 107 Zuhörer, mehr als ſonſt. Die ſonſtigen Zuſtände ſind hier leidlich, die Studenten ſind politiſch ganz apathiſch und bekümmern ſich nicht darum. In der hieſigen Stadt 1 viele Rote, aber ſie ſind niedergehalten. Am übelſten iſt es in dem unglücklichen Lande Baden beſtellt u. ſ. w. Die Schilderung der ſonſtigen Verhältniſſe Liebigs und der ihm durch ſeine Lirler all⸗ mählich gewordenen Unterſtützung muß Beränſig unterbleiben. Geſagt ſei, daß auch in der letzteren Hinſicht ſeine Wünſche— ſoweit es irgend die Mittel zuließen— erfüllt worden ſind. Die Namen Ettling, Dieffenbach und Zamminer galle noch jung in den fünfziger Jahren geſtorben) ſeien nur genannt. Beſonders mag aber darauf hingewieſen werden, daß Knapp ſich hier 1838 für chemiſche Technologie habilitierte, 1841 außerordentlicher und 1848 ordentlicher Profeſſor in jenem Fache wurde (1853 folgte er wie noch andere Lehrer unſerer Hochſchule Liebig nach München), daß Will 1837 Aſſiſtent Liebigs, 1839 Privatdozent, 1846 in Folge einer Berufung nach London außerordentlicher Profeſſor der Chemie(1852 Liebigs Nachfolger) wurde, daß endlich Kopp ſich im Jahre 1841 habilitierte, 1843 den Titel eines außerordentlichen Profeſſors der Phyſik und Chemie erhielt. Am 3. März 1846 ſchrieb Liebig an Wöhler mit Beziehung auf eine bevorſtehende, durch Letzteren und Oerſted veranlaßte Berufung Kopps als ordentlichen Profeſſors der Phyſik nach Kiel:„Wir können Kopp hier nicht entbehren, und ich benutzte dieſe Veranlaſſung, um bei unſerm Miniſter eine Beſoldung für ihn durchzuſetzen, was auch gelungen iſt. Es iſt nicht viel, aber Kopp iſt zufrieden und bleibt hier“. Welche weit größere Univerſität hatte gegen Ende der vierziger und am Anfang der fünfziger Jahre eine ſolche Anzahl und ſolch hervorragende Lehrkräfte für ein Fach wie die Chemie? Was müßten dagegen Vogt, Kolbe, Carriere für Anklagen erheben, wenn ſie erfahren, daß trotz des geradezu ungeheuren Fortſchrittes der chemiſchen Wiſſenſchaft und trotz der viel weitergehenden Teilung in einzelne Disziplinen an derſelben Stätte Liebigs in Folge der Ungunſt der Verhältniſſe ein einziger Ordinarius ſeit einigen Jahren die gewaltige Arbeit allein bewältigen ſoll. Und auch hier iſt weder Regierung noch Univerſität für dieſen in der That unerträglichen Zuſtand verantwortlich zu machen. Es iſt wohl ſicher, daß der ſeit mehreren Jahren gehegte Wunſch nach einer weiteren Lehr⸗ kraft demnächſt erfüllt wird, um ſo mehr, als die übrigen Bedingungen für eine dem heutigen Stand⸗ punkt der chemiſchen Wiſſenſchaft entſprechende Vorbildung an der hieſigen Hochſchule ſeit Herbſt 1888 vorhanden ſind. Das ſchon 1843 räumlich unzureichend rnei Liebig'ſche Laboratorium konnte— wie in den ſeit Februar 1883 zlichen dem derzeitigen Ordinarius, dem Miniſterium und der Adminiſtrations⸗Kommiſſion gefüh rten Verhandlungen und in den Gutachten der Baubehörde feſtgeſtellt iſt— durch keinen Baukünſtler jene Erweiterungen erhalten, welche die zunehmende Zahl der Laboranten und ganz insbeſondere die l heutigen wiſſenſchaftlichen Forſchungsmethoden erheiſchten. Nachdem allenthalben, teilweiſe wahre palaſtartige Laboratorien erbaut worden waren, in welchen neben dem für den chemiſchen Unterricht Notwendigen und Nützlichen doch auch manche überflüſſige, für den fertigen Forſcher wohl bequeme, für den Studierenden geradezu ſchädliche Einrichtungen getroffen waren, hat man hier, ganz in Liebigs Geiſt, gute, brauchbare, zweckdienliche Anordnungen der hervorragendſten Unterrichts⸗- Laboratorien beachtet und nunmehr ein geräumiges, allen Anſprüchen der heutigen Wiſſenſchaft genügendes, zweckmäßig eingerichtetes Inſtitut ſeit 2 ½ Jahren den Unterrichtsmitteln der Hochſchule angereiht. Das alte Liebig'ſche Laboratorium bildet jetzt in ſeinem vorderen Teil das hygieniſche Inſtitut der Univerſität, während der hintere Teil als Wirtſchaftsraum der alten Klinik dient. 1 vu DES S 5—— 8 ea GieSSEN 80 ohewwecber K 1N — MN NAA—— 1 8 8 8—1“ W— 5— W d— 14— — O B 1.Ss NENNENEREEEN1 839 SDB S 0 8 C I S O ͤ ₰ — W Ge V . b ᷣͥ᷑ͥ̊̃́N ☛‿ ☛‿᷑]— PLAN S LIEEBIGSCHEN LaoRaATORITMIS ARloam u aln l. Lo bouo u l Thaewacevf. V Janbaunente, Babobbek Feue Waqew Brbobbe IM ecbeb dlber G Raqencholewwe, Rohnle aue ZLur- G' Saudpube Raeeoen Abor J JNapfße 2A. Stock 3 K.KAabid Saboral d Direhlow] 2) 1 S 9 1825 L adακᷣle M Sute oou Ctzerraalten 3 N WWM Kche her Alaoer deee O Qieuee P ltes boralou Q Yorhalle 8 Koleafoll LMNO Op ⸗Xw. 1333 A — -ꝙ-———— ———— ——’-—————————. 2— ———————* 2* 2*—.———————— kruh,c Colour& Grey Control Chart eees Green vellow- Hed Grey 2 Blue Cyan Wnite Grey 1 Magenta Black 2 2 9— an der Nniverſität Gießen VS nrrfn Wnterrichtes von 6. Weihrich. Dir-des Großheraogliche ſiums ſ in Gieß Direktor des Großherzoglichen Realgymnaſiums und der Realſchule in Gießen. efl. Gießen 1891. Druck und Verlag von Curt von Münchow, Univerſitäts⸗Druckerei. 18 19 20