„. 12. SEP. B77. 28 R 8 a7 Feb. 179 15 H 92 Bung 1AAAAr ummlung Her rNEISFFNVFNEEENN INVE EEF NTIIINIIINUNNI 4*4 1AAAAdnn Sehulmäͤnner FrrVVNNW K E pp lcht L1AAA 444 rVYVV HNN ErENHNVYNIVVNN NNN NV N 1 4 1AAAAAA AAA 4AAAAA Sr. Hess. Univ. Bibliothek Giessen. Gießen. Curt v. Münchow, Univerſitäts⸗Druckerei. S. S 74* Feſtſchrift zur Begrüßung 38. Verſammlung Heutſcher Philologen unl Srhulmänner 1 dargebracht von dem Graßherzogl. Realgymnaſium und der Kealſchule zu Gießen. — r. Hess. Univ. Bibliothek Giessen. Gießen. Curt v. Münchow, Univerſitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei. 1886. * Inhalt. Über den phyſikaliſchen Kraftbegriff von Dr. Karl Ko ſt. Kleine neue Beiträge zur älteren Geſchichte der Hochſchule Gießen von Prof. Dr. O. Buchner. „Menſchheits⸗ und Dichterideale. Ein litterariſcher Eſſay von Dr. Hermann Menſch. A Chapter from an attempt of a critique of the chro- nologies of Shakespeare's plays by Clemens Theisen. Seite Aeber den phyſikaliſchen Kraftbegriff von Dr. Karxl Koſt. In den metaphyſiſchen Anfangsgründen der Naturwiſſenſchaft hatte Kant ein Syſtem aller Sätze geben wollen, welche als notwen⸗ dige vor aller Erfahrung vorausgehende Urteile die principielle Grund⸗ lage der Naturwiſſenſchaft überhaupt und insbeſondere der Mechanik bilden ſollten. Dieſe Grundſätze, wie ſie in den Newton'ſchen Prin⸗ cipien aufgeſtellt waren, ſchienen die einfachſten und naheliegendſten Annahmen zu ſein, und infolge dieſer Einfachheit bildete ſich ſchon vor Kant die Meinung, dieſelben ſeien für denknotwendige Beſtim⸗ mungen zu halten.¹) Hierzu kam, daß es mit dieſen Grundſätzen nicht nur möglich geworden war, die auf der Erde vorkommenden Bewegungen zu erklären, ſie hatten ſich auch in der Erklärung der aſtronomiſchen Bewegungserſcheinungen als vollſtändig durchführbar bewährt, und dieſes letztere war in ſo einfacher Weiſe geleiſtet worden, daß damit ein empiriſcher Urſprung jener Sätze unverträglich zu ſein ſchien; denn für empiriſche Sätze wäre es doch wunderbar, daß die⸗ ſelben von ſo allgemeiner Durchführbarkeit ſein ſollten. Auch erſchien dieſe von Galilei und Newton begründete mechaniſche Weltauffaſſung ſo großartig, daß man ſie gegen jede Widerlegung, der empiriſche Sätze durch die folgende Erfahrung ſtets ausgeſetzt ſein können, ſichern zu müſſen glaubte. Sie wurden daher einfach als denknotwendig poſtuliert, ohne nach ihren Quellen a priori zu forſchen.2) Es lag hier ein Widerſpruch vor, einerſeits waren dieſe Grundſätze an der Erfahrung erkannt worden und hatten in den Thatſachen derſelben ihre Anwendbarkeit bewährt, andrerſeits hatte man und namentlich auch Kant das Bedürfnis, dieſelben für denknotwendige Beſtimmungen zu halten, und aus dieſem Widerſpruch entſtand für Kant die Auf⸗ gabe, zu zeigen, wie ſynthetiſche Urtheile a priori möglich ſeien, wo⸗ 1) Leibniz, Neue Abhandlungen, Kirchm. S. 161. 2²) Kant, Metaph. Anfangsgründe, Einleitung. —— durch dann die von Kopernikus, Galilei und Newton in Gang gebrachte Naturauffaſſung eine philoſophiſch zureichende Grundlegung erhalten hätte. ¹) Dieſer rationaliſtiſchen Anſicht, welche die Grundſätze der Me⸗ chanik für a priori gewiß hält, ſteht eine empiriſtiſche gegenüber, die in den principiellen Grundlagen dieſer Wiſſenſchaft nichts weiter ſieht, als ein Syſtem von Begriffen, die der Erfahrung angepaßt ſind und durch welche es gelungen iſt, die in der Natur vorkommenden Be⸗ wegungen unter einen allgemeinen Geſichtspunkt zu bringen. Dabei wird es als möglich hingeſtellt, andere Principien als die gebräuch⸗ lichen zur Grundlage der Mechanik zu machen. Doch ſoll für den gegenwärtigen Standpunkt die beſtehende Principienſetzung die einfachſte und darum zweckmäßigſte ſein.2) Von dieſem Standpunkt aus hat Kirchhoff die Aufgabe der Mechanik dahin eingeſchränkt,„die in der Natur vor ſich gehenden Bewegungen zu beſchreiben und zwar voll⸗ ſtändig und auf die einfachſte Weiſe zu beſchreiben“. 3) Er will damit ſagen, daß es ſich nur darum handeln ſoll, anzugeben, welches die Erſcheinungen ſind, die ſtattfinden, nicht aber darum ihre Urſachen zu ermitteln. Mit der Forderung, daß die Beſchreibung auf die einfachſte Weiſe gegeben werde, iſt geſagt, daß dieſe Beſchreibung auch noch in anderer Weiſe zuſtande gebracht werden könne, womit die principielle Grundlage der Mechanik nur als das paſſendſte Syſtem von Sätzen auftritt, denen daher der Charakter von notwendigen Wahrheiten nicht zukommt. Dieſer empiriſtiſche Standpunkt wurde zuerſt von Comte ſcharf vertreten; nach ſeiner Meinung hat die Mechanik nur die Be⸗ wegung als ſolche zu betrachten, aber nicht die erſten Urſachen der Bewegung, die außerhalb der poſitiven Philoſophie liegen, auch nicht die Umſtände ihres Entſtehens, welche in der Phyſik zu betrachten ſind. Darnach wäre die Mechanik eine Wiſſenſchaft a priori, welche aus dem Begriffe der Bewegung zu conſtruieren iſt, wobei indeſſen die Erfahrung zu entſcheiden hat, in wieweit dieſe Conſtruktionen für die Naturvorgänge von Anwendbarkeit und Bedeutung ſeien. So hat der Begriff der Beſchleunigung eine hervorragende Bedeutung erlangt, da ſich mit dieſem Begriff die Beſchreibung der vorkommenden Bewegungen 1) Vgl. Laas, Idealismus und Poſitivismus III, S. 2. 2) Vgl. Lange, Wundt, philoſ. Studien II B, 2, S. 286. 3) Kirchhoff, Vorleſ. über mathem. Phyſik, Vorrede. : weit einfacher geben ließ, als wenn man, was das naheliegendſte war, die Abhängigkeit des Ortes von der Zeit als Gegenſtand der Beſchreibung genommen hätte. Als eine Wiſſenſchaft, die von dem Begriffe der Bewegung ausgeht, iſt die Mechanik in neuerer Zeit be⸗ arbeitet worden. ¹) Die Grundſätze werden für dieſe Darſtellungs⸗ weiſe zu Sätzen der Phyſik,„ſie betreffen Vorgänge der phyſiſchen Welt und vermitteln die Anwendbarkeit der Mechanik auf die Er⸗ klärung der Naturphänomene, indem ſie ausſagen, unter welchen Vor⸗ ausſetzungen die Lehren dieſer Wiſſenſchaft dort zur Geltung kommen“. ²) Daß ein materieller Körper, der ſich ſelbſt überlaſſen iſt, geradlinig und gleichförmig ſich weiter bewegt, daß die Kraftwirkung als Maſſen⸗ beſchleunigung zu faſſen iſt u. ſ. w., ſind demnach Sätze der Phyſik, die auf Erfahrung beruhen und durch welche die Berechtigung gegeben iſt, die abſtracten Conſtruktionen der gleichförmigen Bewegung und Beſchleunigung auf die in der Natur gegebenen Erſcheinungen anzu⸗ wenden. Ob eine wiſſenſchaftliche Auffaſſung der gegebenen Bewegungen erreicht werden könne, war a priori nicht zu entſcheiden. In der That hat es auch ſehr lange gedauert, bis die Mechanik den„ſicheren Weg der Wiſſenſchaft einſchlug“. Es waren zunächſt gewiſſe Beob⸗ achtungen, wie z. B. die Beobachtung des Fallens der Körper, welche die Erwartung einer wiſſenſchaftlichen Auffaſſung zuerſt erregten, in⸗ dem an ihnen ſich gewiſſe allgemeine Begriffe gewinnen ließen, wie z. B. der Begriff der gleichförmig beſchleunigten Bewegung. Es waren weiter die in der Folge mit dieſen Begriffen gemachten An⸗ wendungen derart, daß ſich andere Bewegungen damit auf einfache Weiſe conſtruieren und ſomit erklären ließen, wie z. B. die Bewegung auf der ſchiefen Ebene und die Wurfbewegung. Infolge der Ein⸗ fachheit und Anwendbarkeit dieſer erſten Begriffe entſtand das Bedürfnis, alle Naturvorgänge ſo begreifen zu wollen, aus dieſem Bedürfnis aber der Glaube, dieſe Art des Begreifens ſei für denknotwendig, für eine Einſicht der Vernunft zu halten, zumal dieſes Bedürfnis überall, namentlich in der Newton'ſchen Erklärung der Planetenbewegungen, ſeine volle Befriedigung fand. Aber das Bedürfnis konnte nicht auf⸗ kommen,„wenn nicht die Wahrnehmungen von ſich aus Erwartungen 1) Schell, Theorie der Bewegungen und Kräfte. 2) Schell, a. a. O. S. 491. erregten, und das Bedürfnis konnte nicht zu ſo umfaſſenden Anſprüchen anwachſen, wenn ſich die Erwartungen nicht an ſo viel Stellen erfüllten“. ¹) Es ſoll damit geſagt ſein, daß es den thatſächlich gegebenen Be⸗ wegungen zu verdanken war, wenn dieſelben eine wiſſenſchaftliche Auffaſſung ermöglichten, notwendig mußte es nicht ſo ſein. Als erſter Grundſatz der Mechanik wird gewöhnlich das Princip der Trägheit der Materie aufgeſtellt. Dasſelbe iſt durch Beobach⸗ tung gewonnen worden, aber trotzdem kein Satz, welcher der unmittel⸗ baren Wahrnehmung entſtammt, da hierbei der Begriff eines ſich ſelbſt überlaſſenen materiellen Körpers vorkommt. Ob aber ein Körper ſich ſelbſt überlaſſen iſt, darüber konnten nur Vermutungen aufgeſtellt werden, ein frei fallender Körper ſcheint z. B. auch ſich ſelbſt überlaſſen zu ſein, unterliegt aber nach der jetzigen Auffaſſung der Einwirkung der Schwere. Außerdem war dieſe gleichförmige Fortdauer der Bewegung nirgends zu beobachten, da die beobachteten Bewegungen überall durch Widerſtände allmählich vernichtet wurden. Die Beobachtung zeigte nur, daß, je mehr es gelang, dieſe Widerſtände zu beſeitigen, um ſo länger und gleichmäßiger die Bewegung ſich fortſetzte. Das Träg⸗ heitsgeſetz war mithin zunächſt nur eine Hypotheſe, die erdacht war, um die vorkommenden Bewegungen einmal von dieſem Geſichtspunkt aus aufzufaſſen. Von anderer Seite, neuerdings z. B. von Lotze, iſt behauptet worden, das Trägheitsgeſetz enthalte eine Denknotwendigkeit. Dieſe Verſuche, das Trägheitsgeſetz als denknotwendig begründen zu wollen, ſind auch wiederholt zurückgewieſen worden, zunächſt wohl von Comte. Man ſtützte ſich bei dieſen Verſuchen auf den Satz, daß der Bewegungszuſtand von ſelbſt fortdauern müſſe. Aber hierbei war die Definition des Bewegungszuſtandes dem Trägheitsgeſetz angepaßt und dann war der Satz ſelbſt beſtreitbar, denn nach dem ſcholaſtiſchen Satz, daß mit der Urſache die Wirkung aufhöre, war eine Fortdauer des Bewegungszuſtandes unmöglich. Allerdings erſcheint das Träg⸗ heitsgeſetz als eine naheliegende Annahme, indeſſen war es doch nur den Thatſachen zu verdanken, wenn dasſelbe ſich weiter anwenden ließ. Seine Anwendbarkeit bewies es zunächſt dabei, daß ſich mit Hilfe desſelben eine einfache Conſtruktion der Fall⸗und Wurfbewegungen geben ließ, welche in ihren Reſultaten dem durch die Beobachtung gegebenen entſprach. Lagrange hat daher mit Recht das Genie Galileis 1¹) Laas, a. a. O. S. 261. — 11— weniger in glücklichen Entdeckungen, als vielmehr in der Kraft ſeines zergliedernden Verſtandes gefunden, er ſagt:„die Entdeckungen der Jupiterstrabanten, der Venusphaſen, der Sonnenflecken u. ſ. w. er⸗ forderten nur Teleſkope und Fleiß; aber es bedurfte eines außer⸗ ordentlichen Geiſtes, um die Geſetze der Natur in Erſcheinungen zu entwirren, die man ſtets vor Augen gehabt hatte, deren Erklärung aber nichtsdeſtoweniger den Nachforſchungen der Philoſophen immer entgangen war“. ¹) Das Trägheitsgeſetz hatte alſo zunächſt einen voll⸗ ſtändig hypothetiſchen Charakter, aber der Fortgang der Wiſſenſchaft zeigte, daß es von ganz allgemeiner Anwendbarkeit war, wodurch es in den Rang einer wohlbegründeten Thatſache erhoben werden konnte. Auch die Entdeckung der Fallgeſetze war weſentlich ein Reſultat der Spekulation. Als Galilei ſeine Kugeln auf der ſchiefen Ebene herabrollen ließ, hatte er bereits die Vorſtellung von der gleichförmig beſchleunigten Bewegung ausgearbeitet. Er begriff, daß die Vernunft nur das einſieht, was ſie ſelbſt entworfen hat und daß ſie die Natur nötigen müſſe, auf ihre Fragen zu antworten. ²) Die Annahme, daß die Fallbewegung gleichförmig beſchleunigt ſein müſſe, ſcheint ſehr naheliegend zu ſein. Denn der Druck, den die ſchwere Maſſe auf die Unterlage ausübt, weiſt auf eine Kraft hin, welche die Maſſe dauernd nach unten zu bewegen ſtrebt. Indeſſen dieſer Druck ſagt nichts darüber aus, ob auch noch der fallende Körper dieſes Beſtreben hat. Das eigentümliche bei der galileiſchen Vor⸗ ſtellungsweiſe war, daß er dieſen Druck auch während des Fallens ſelbſt vorausſetzte, indem er ihn in eine Summe momentaner Antriebe auflöſte, durch welche die Bewegung des fallenden Körpers eine gleich⸗ förmig beſchleunigte werden mußte. Aber die Beſtätigung dieſer An⸗ nahme in den Beobachtungen hatte ihre Schwierigkeiten. Denn die Beobachtungen zeigten kein durchgängig geſetzmäßiges Verhalten, ſie zeigten zwar, daß die maſſiveren Körper nahezu in derſelben Weiſe in beſchleunigter Bewegung fielen, bei den leichteren dagegen war dieſes nicht der Fall. Dieſe Thatſachen waren daher geeignet, die platoniſche Lehre von der Relativität und dem geſetzloſen Verhalten der Sinnenwelt ³) zu beſtätigen, welche der wiſſenſchaftlichen Auffaſſung 1) Dühring, Geſchichte der Principien der Mechanik, S. 37. 2) Kant, Kritik der reinen Vernunft, Vorrede zur zweiten Ausgabe. 3³) Laas, a. a. O. S. 14. keinen Gegenſtand darbiete, woraus dann folgte, daß die Vorſtellung der gleichförmig beſchleunigten Fallbewegung nichts weiter war als eine willkürliche Fiktion. Von dieſem Standpunkt aus konnte der Rationaliſt Descartes die galileiſche Vorſtellungsweiſe als eine will⸗ kürliche Erdichtung verwerfen. Er beſtritt das Fundament der ganzen galileiſchen Dynamik. Er hält es für falſch, daß die Geſchwindigkeit der fallenden Körper ſich gleichförmig vermehre, daß bei der ſchiefen Wurfbewegung der Körper horizontal ſich gleichmäßig weiter bewege u. ſ. w. und meint, Galilei habe erſt beſtimmen müſſen, was die Schwere ſei und ſo von den erſten Urſachen auszugehen gehabt. In dem Trägheitsgeſetz liegt die Annahme, daß jede Aenderung der geradlinig gleichförmigen Bewegung als verurſacht anzuſehen iſt. Es war indeſſen naheliegender, die Bewegung ſelbſt als verurſacht anzu⸗ ſehen und nicht die Bewegungsänderung. Man dachte auch ſo vor der Anerkennung des Trägheitsgeſetzes, man meinte, die Bewegung ſei ſelbſt durch irgend welche Urſachen bewirkt, mit deren Wegfall der Körper in Ruhe kommen mußte. Auch Kepler lebte noch in dieſer Vorſtellungsweiſe. Die bewegenden Kräfte, welche die Planeten um die Sonne führten, waren nach ſeiner Meinung tangential gerichtet, ſie mußten in der Entfernung ſchwächer werden, da die Geſchwindig⸗ keit in der Sonnenweite geringer war, von ihnen getragen wurden die Planeten um die Sonne geführt, wie ein Kahn von dem Strom. ¹) Man kann die Frage aufwerfen, warum gerade die Beſchleu⸗ nigung als verurſacht anzuſehen iſt. Eine Notwendigkeit, es ſo zu denken, iſt auch hier nicht vorhanden, denn dieſelbe erſcheint als der zweite Differentialquotient des Weges durch die Zeit, es giebt höhere Differentialquotienten, die als Beſchleunigungen höherer Ordnung auf⸗ gefaßt worden ſind,) und es iſt nicht einzuſehen, weshalb gerade die Beſchleunigung erſter Ordnung als verurſacht anzunehmen ſei. Daß die Beſchleunigung erſter Ordnung gerade dieſe Bedeutung hat, liegt begründet in der Natur der thatſächlich gegebenen Bewegungen. Die⸗ ſelben ſind nämlich derart, daß ſich ihre Beſchreibung, wenn man von der Beſchleunigung ausgeht, am einfachſten geſtaltet, weil die Be— ſchleunigung hierbei einer einfacheren Geſetzmäßigkeit unterliegt, wie die Bewegung ſelbſt. Der freie Fall und Wurf laſſen ſich einfach 1) Wehwell, Geſchichte der induktiven Wiſſenſchaften, Ueberſ., II. T. S. 19. 2) Schell, a. a. O. S. 489. — 13— beſchreiben unter Vorausſetzung einer vertical abwärts gerichteten con⸗ ſtanten Beſchleunigung, die Bewegungen der Planeten laſſen ſich einfach beſchreiben unter Vorausſetzung einer mit dem quadratiſchen Verhältnis der Entfernung abnehmenden centripetalen Beſchleunigung, für welche Art der Abnahme die dreidimenſionale Natur des Raumes eine nahe⸗ liegende Deutung bot. Indeſſen die einfache Geſetzmäßigkeit, der die Beſchleunigung unterliegt, hätte für ſich noch nicht dazu führen können, dieſelbe als verurſacht anzuſehen; denn die Beſchleunigung ſteht in einem rein be⸗ grifflichen Verhältnis zur Bewegung. Wie durch drei ſich ſchneidende Geraden ein Dreieck mit ſeinen Ecken und Winkeln beſtimmt iſt, ſo iſt auch durch eine Bewegung die Geſchwindigkeit und Beſchleunigung an allen Stellen der Bahn beſtimmt, ſowie umgekehrt durch eine ge⸗ wiſſe Anfangsgeſchwindigkeit und die Beſchleunigung an den verſchie⸗ denen Stellen die Bewegung beſtimmt iſt. Die Beſchleunigung iſt nur im Sinne Schopenhauers ein Grund des Seins für die Bewegung, aber kein Grund des Werdens, ſie kann daher nicht ihrem Begriffe nach als ein der Bewegung vorausgehendes Geſchehen gefaßt werden. Daß es doch ſo aufgefaßt wird, liegt darin, daß man ſich die Beſchleunigung erklären kann als hervorgerufen durch die Wechſel⸗ wirkung der Maſſen. Es zeigt ſich nämlich, daß die Beſchleunigung nach Stellen des Raums gerichtet iſt, an denen ſich Materie befindet, beim freien Fall nach der Erde, bei den Planetenbewegungen nach der Sonne. Als dieſe Thatſachen feſtſtanden, bedurfte es nur der Annahme, daß die materiellen Subſtanzen in gerader Linie aufeinander anziehend wirkten, welche Annahme ihre Berechtigung an dem auch ſonſt überall erkennbaren Zuſammenhang der Dinge fand. Die Er⸗ klärung der Planetenbewegungen vermittels der Gravitation hatte aber wohl zuerſt dieſer Auffaſſung der Kraft als Urſache der gegenſeitigen geradlinigen Maſſenattraction zum Sieg verholfen, denn die Fallbe⸗ wegungen für ſich waren noch nicht imſtande, eine allgemeine gerad⸗ linige Wechſelwirkung der Maſſen zu begründen, ſie ließen ſich auch erklären unter Vorausſetzung einer nach unten gerichteten Fallbewegung, die als erſte nicht weiter erklärbare Thatſache hinzunehmen ſei, womit dann die Vorſtellung der Schwere als einer von der Erde ausgehenden anziehenden Kraft verworfen war. Indem aber Newton von dieſer Auffaſſung der Schwere als einer anziehenden Kraft der Erde aus⸗ — 14 ging, war es ihm gelungen, dieſe Annahme aus der bekannten Ent⸗ fernung und Umlaufsgeſchwindigkeit des Mondes zu beſtätigen und dann weiter die von kopernikaniſchem Standpunkt als elliptiſch aufzufaſſenden Bahnen der Planeten in einfacher Weiſe zu erklären, womit eine univerſale Wechſelwirkung der Weltſubſtanzen erwieſen war. Dieſe Wechſelwirkung der Weltkörper beſteht aber in nichts anderem als in der gegenſeitigen Abhängigkeit ihrer Bewegungen, welche Abhängigkeit immer nach demſelben Geſetz ſtattfindet. Wenn man dieſe Abhängigkeit Anziehung nennen will, ſo iſt dagegen nichts zu erinnern, aber es iſt falſch, wenn man hierin den Ausdruck für einen zur Zeit noch unbekannten Vorgang erblickt, welcher dieſe Wechſel⸗ wirkung vermittele.„Sonne und Erde äußern eine Anziehungskraft aufeinander, heißt nichts weiter als: Sonne und Erde bewegen ſich im Gegenübertreten geſetzlich nach einander hin; nichts als das Geſetz kennt der Phyſiker von der Kraft, durch nichts ſonſt weiß er ſie zu charakteriſieren. Man ſagt: aber es muß doch ein Grund ſein, daß ſich Sonne und Erde nach einander hin bewegen. Dieſer Grund iſt eben nichts als das Geſetz, daß wenn dieſe Verhältniſſe des Zuſam⸗ menſeins von Körpern gegeben ſind, dieſe neuen daraus folgen.“¹) Newton ſelbſt wollte die Gravitation in dieſem Sinne demnach nur mathematiſch nicht phyſikaliſch aufgefaßt haben. Es waren nach ſeiner Auffaſſung die Bewegungen der Planeten nur auf einen gemein⸗ ſamen mathematiſchen Ausdruck gebracht worden, aber nicht als Natur⸗ vorgänge erklärt. Er konnte es dahingeſtellt ſein laſſen, ob die ſpätere Zeit eine ſolche Erklärung vielleicht liefern würde, oder ob die For⸗ derung einer Erklärung überhaupt ohne Berechtigung ſei. Als die Lehre Newtons Eingang fand, wurde die Gravitation indeſſen trotz⸗ dem als etwas wirklich Exiſtentes, als eine phyſikaliſche Kraft gefaßt. Anfangs fand dieſe Lehre von den fernewirkenden Kräften nur mit Widerſtreben Aufnahme, denn man lebte, wie Leibniz z. B., in den durch Descartes verbreiteten Anſchauungen, wonach eine Erzeugung von Bewegung nur möglich erſchien bei unmittelbarer Uebertragung durch den Stoß, man hielt es für unmöglich, daß ein Körper auf das wirken könne, was er nicht berühre, denn das wäre eben ſo viel, als einen Körper da als wirkſam vorauszuſetzen, wo er nicht iſt. 2) 1) Fechner, Atomenlehre S. 108. 2) Leibniz, a. a. O. S. 108. 4—* Erſt recht undenkbar erſchien es, dieſe Wirkung durch den leeren Raum anzunehmen, die noch dazu über ſehr große Entfernungen momentan ſtattfinden ſollte. Mit der Zeit überwand man dieſe Scheu vor den fernewirkenden Kräften, man glaubte wirklich, daß in den Maſſen attractive und repulſive Kräfte ihren Sitz hätten, und ſo wurde von Kant die Materie vollſtändig in dieſen Gegenſatz von attractiven und repulſiven Kräften aufgelöſt, ſo daß im Sinne Kants die Materie nichts weiter bedeutete, als die Erfüllung des Raums mit beiden Kräftearten. Die Planetenbewegungen ſollten mittels der Gravitation ihre Erklärung gefunden haben; erklärt waren ſie auch, wenn unter Erklärung verſtanden wird ihre Zuſammenfaſſung unter einem einfachen und allgemeinen Geſichtspunkt.„Von dem, was überhaupt Erklärung ſei, ſuche und leiſten könne, haben ſich die verſchiedenen Zeitalter und Menſchen die verſchiedenſten Vorſtellungen gebildet“. ¹) Die griechiſchen Aſtronomen hatten von dem, was eine Erklärung der Bewegungen der Himmelskörper zu leiſten hätte, eine andere Auffaſſung. Dieſe Bewegungen erfolgten der Wahrnehmung nach gleichförmig auf Kreis⸗ bahnen um eine gemeinſame Axe. Es war naheliegend die gleich⸗ förmige Kreisbewegung infolge der einfachen geometriſchen Eigenſchaft des Kreiſes für die vollkommenſte Bewegung zu halten, die daher den Geſtirnen als himmliſchen Körpern zukommen müſſe. Dieſe Kreis⸗ bewegung war ihnen daher ein Gegebenes, das keiner weiteren Er⸗ klärung bedurfte, denn ſie entſprach vollſtändig dem Bedürfnis aller Erklärung, Ordnung und Einfachheit in den Vorgängen zu erblicken. Ihr Beſtreben war daher darauf gerichtet, die bei der Bewegung ge⸗ wiſſer Himmelskörper wahrgenommenen Unregelmäßigkeiten in der Weiſe zu erklären, daß ſie dieſelben zu faſſen ſuchten als reſultierend aus der Zuſammenſetzung einfacher Kreisbewegungen, was die Theorie der Epicyelen zu leiſten ſuchte. Auch Kopernikus unterlag noch dieſer Denkgewohnheit. Indem er die Bewegung der Planeten auf die Sonne als perſpektiviſches Centrum bezog, war er immer noch der Meinung, daß dieſelbe in Epicyclen erfolge, wodurch die auch für dieſes Bezugs⸗ ſyſtem immer noch bleibenden Unregelmäßigkeiten der Bewegungen ihre Erklärung zu finden hätten. An und für ſich hatte der Verſuch Newtons, dieſe Bewegungen aus dem Beharrungsvermögen und einer fingierten Gravitationskraft begreifen zu wollen, nicht mehr Berech⸗ 1) Laas, a. a. O. S. 131. — 16— tigung, wie die Theorie der Epichelen, erſt die Thatſachen haben zu Gunſten der Annahme Newtons entſchieden, indem ſich alle aſtronomiſchen Erſcheinungen auf Grund derſelben durch dasſelbe Geſetz erklären ließen. Im Gegenſatz zu der Anſicht, wonach Erklärung nur einen be⸗ grifflichen Zuſammenhang darzuſtellen ſucht, meint man, die Natur⸗ erklärung wolle ein Daſein, was in keiner Erfahrung gegeben werden könne, in ſeinen Wirkungen entſchleiern. Für dieſen Standpunkt werden die Kräfte zu wirklichen Exiſtenzen. Es ſind wirkliche zwiſchen den Maſſen geſtiftete Beziehungen, durch welche dieſe ſich gegenſeitig be⸗ ſchleunigen. Es giebt darnach ein in der Wechſelwirkung der Maſſen beſtehendes wirkliches Geſchehen, von welchem die wahrgenommenen Bewegungen nur die Erſcheinungen ſein ſollen. Die Kräfte haben ihren Sitz in den Dingen, unterſchieden von den das Ding charak⸗ teriſierenden Eigenſchaften, ihre Wirkungen erſtrecken ſich in die Ferne f und geben das Daſein der Materie kund. Inſofern haben ſie jedoch ein Gemeinſames mit den Eigenſchaften, als die letzteren nicht an ſich exiſtent ſind, ſondern ſelbſt als Wirkungen von Kräften auf das Be⸗ wußtſein, zunächſt auf die Sinneswahrnehmung anzuſehen ſind. Kant, der das ſogenannte Innere der Materie für eine bloße Grille erklärte, indem dieſes Innere aus nichts anderem als äußeren Verhältniſſen beſtehe, faßte andererſeits doch wieder die Kraft als Cauſalität der Subſtanz. Es läßt ſich gegen dieſe Faſſung nichts einwenden, wenn hiermit nur ein Ausdruck für den als Thatſache gegebenen Zuſam⸗ menhang der Dinge mit Rückſicht auf die Bewegungserſcheinungen gegeben ſein ſoll. Dieſer Zuſammenhang beſteht aber in nichts an⸗ derem, als daß wahrnehmbare Veränderungen des einen Dinges wahr⸗ nehmbare Veränderungen in dem andern zur Folge haben, und die Kräfte ſollen nur die Bedeutung der Dinge in dieſer wahrnehmbaren gegenſeitigen Wechſelwirkung charakteriſieren.„Dieſe Allgemeinbegriffe wie die der Subſtanz und Cauſalität bedeuten nichts, was zu den Anſchauungsobjekten hinzukäme oder außerhalb derſelben noch einmal ſelbſtändige Wirklichkeit beſäße, ſondern es ſollen durch ſie nur ge— wiſſe allgemeine Exiſtenz⸗ und Beziehungsformen des Wirklichen aus⸗ gedrückt werden, zu deren Geſtaltung unſer Denken durch die ſinnliche Wahrnehmung angeregt wird.“ ¹) Es iſt namentlich in den Darſtellungen der Mechanik die Be⸗ ¹) Wundt, Methodenlehre, S. 238. r merkung gemacht worden, daß in derſelben von den Kräften als den „unbekannten Urſachen der Bewegung“ nichts gelehrt werde, ſondern nur von den Geſchwindigkeiten und Beſchleunigungen der Maſſen. ¹) Unter Kraft wird in der Mechanik verſtanden das Produkt aus Maſſe und Beſchleunigung und die Kraft erſcheint ſomit als ein aus den Begriffen Raum, Zeit und Maſſe in ähnlicher Weiſe conſtruierter Begriff, wie die Begriffe der Bewegungsgröße, lebendigen Kraft u. ſ. w., demnach für das Denken ein abgeleiteter Begriff und nicht ein Erſtes, was er doch ſeiner metaphyſiſchen Bedeutung nach, ſofern er als Ur⸗ ſache gefaßt wird, zu ſein beanſprucht. Indeſſen der Begriff der Kraft war vor dieſer Definition, die er in der Mechanik erhalten hat, da, während die anderen genannten Begriffe erſt mit der Mechanik zur Entwickelung gelangten. Der gewöhnliche Verſtand verbindet mit dem Begriffe der Kraft eine pſychophyſiſche Vorſtellung, er denkt an die Fähigkeit ſeines Körpers, der infolge der Cauſalität ſeines Ich äußere Bewegungen auszu⸗ führen imſtande iſt, welche Ausführung ſich jedoch dem Körper durch Empfindungen als größerer oder geringerer Widerſtand bemerkbar macht. Dieſer Zuſammenhang zwiſchen der Vorſtellung von der Cau⸗ ſalität des Ich, der als Widerſtand wahrgenommenen Empfindung und der gewöhnlich durch den Geſichtsſinn wahrgenommenen Wirkung, einer Bewegung, wird nun ſymboliſch ſelbſt da vorausgeſetzt, wo weder von einer Cauſalität des Ich noch von einer Empfindung die Rede ſein kann. Man ſpricht von dem Druck, den die Maſſe auf die Unter⸗ lage ausübt, von dem Zug, den ein Faden durch ein Gewicht erleidet, von dem Widerſtand, den eine ruhende Maſſe der Bewegung durch eine andere entgegenſetzt. Der Druck eines Gewichts auf die Hand iſt eine poſitive Empfindung, aber von dem Druck des Gewichts auf einen anderen als empfindungslos zu denkenden Gegenſtand zu ſprechen, hat nur Sinn durch den Gedanken der möglichen Empfindung, welche die Hand an Stelle jenes Gegenſtandes haben würde. Der gemeine Verſtand glaubt in derſelben Weiſe, daß die Dinge außer ſeiner Wahr⸗ nehmung exiſtieren, wenn er aber tiefer zuſieht, ſo wird er erkennen, daß die Dinge, die er ſich als exiſtierend vorſtellt, nichts weiter ſind als lauter eventuelle Wahrnehmungen, denen er aber infolge ihrer Variabilität und Relativität kein objektives Sein zuſchreiben darf. 1) Schell, a. a. O., Vorwort. do Ebenſo hält er die Kräfte für objektiv exiſtierend. Wenn z. B. eine beſtimmte Menge Luft auf einen kleineren Raum comprimiert wird, ſo unterſcheidet ſich dieſelbe in dem comprimierten Zuſtand von dem urſprünglichen dadurch, daß ſie ein kleineres Volum hat, außerdem iſt aber in derſelben eine Spannung entſtanden, die die Wände des Gefäßes drückt. Wenn man aber dieſer Vorſtellung auf den Grund geht und zuſieht, wie denn dieſe Spannung eigentlich objektiv exiſtent zu denken iſt, ſo bleibt nichts als die Vorſtellung von einer geringen Ausdehnung, die das Gefäß erleidet, wodurch dieſes unter Umſtänden zerſprengt wird, von der Spannung ſelbſt aber nichts. Man hat daher ſchon oft dem ſtatiſchen Kraftbegriff, wonach die Kraft eine Bewegung hervorzubringen ſtrebt, Dunkelheit vorgeworfen.¹) Die Begriffe von Zug, Druck, Widerſtand, Spannung exiſtieren nur als Empfindungen. Der mechaniſche Kraftbegriff, die Maſſenbeſchleunigung, war dagegen vollſtändig klar, wie die Elemente, aus denen dieſer Begriff zuſammen⸗ geſetzt iſt. Indeſſen auch bei der Maſſenbeſchleunigung haftet der Kraftbegriff weſentlich an der Vorſtellung von dem Widerſtand, den die Maſſe einer Beſchleunigung entgegenſetzt, oder von dem Andrang, den die beſchleunigte Maſſe auszuüben imſtande iſt, was nichts weiter als Empfindungsvorſtellungen ſind. Abgeſehen von dieſen Vorſtellungen wären die Bewegungen der Maſſen nichts weiter als Geſichtsphänomene, die ſich widerſtandslos ereigneten. In der Thatſache, daß die be⸗ wegte Maſſe auf den Taſtſinn einzuwirken vermag, wodurch die Kraft⸗ empfindung entſteht, liegt die Veranlaſſung, daß der Kraftbegriff ſeine objektive Bedeutung an der bewegten Maſſe erhielt, indem ſich ein geſetzmäßiger Zuſammenhang zwiſchen der Kraftempfindung und den wahrgenommenen Bewegungen erkennen ließ. Alle Beobachtungen, die zur Feſtſtellung der Bewegungsgeſetze gemacht werden mußten, ſind durch den Geſichtsſinn zuſtande ge⸗ kommen. Der freie Fall und die Bewegungen der Himmelskörper waren als Geſichtsobjekte gegeben, ſelbſt die Beſtimmung der Maſſen, die unmittelbar durch die Druck- und Widerſtandsvorſtellungen gegeben ſind, geſchieht an der Wage, wobei es ſich nur um Beobachtungen des Geſichtsſinnes handelt. Bewegung kann überhaupt nur anſchaulich vorgeſtellt werden als Geſichtsobjekt und iſt dann entweder in der Wahrnehmung gegeben oder als Geſichtsobjekt in der Phantaſie re⸗ 1) Fick, Urſache und Wirkung, S. 39, Kirchhoff, a. a. O., Vorrede. — —— — 419— produciert. Daß mit dem Taſtſinn Bewegung wahrgenommen werden kann, z. B. die Geſtalt eines Körpers dadurch zu erkennen iſt, liegt als Thatſache vor. Aber dieſe Bewegung und Geſtalt wird hierbei ſtets phantaſiemäßig vorgeſtellt als Geſichtsobjekt. Der Gegenſtand der Mechanik war daher die Charakteriſierung von Geſichtsphänomenen oder wenn man will, da es nur auf die begrifflichen Verhältniſſe der Bewegung, nicht auf ihre ſinnliche Erſcheinung ankam, die Charakteri⸗ ſierung von Phänomenen der reinen Raumanſchauung. Die Begriffe von Maſſe und Kraft ſind indeſſen nicht aus Geſichtswahrnehmungen entſtanden, und daß dieſelben einen Gegenſtand in den durch den Geſichtsſinn gegebenen Bewegungserſcheinungen fanden, war keineswegs ſelbſtverſtändlich. Dieſe beiden Begriffe von Kraft und Maſſe müſſen ſich aus den durch beide Sinne gemachten Wahrnehmungen entwickelt haben. Man hat hierüber anders gedacht. Hinſichtlich des Begriffs der Maſſe ſind ſtets rationaliſtiſche Anſichten in Geltung geweſen, wonach die Maſſe als Quantität der Materie gefaßt wurde, welche als das an ſich Exiſtente, die Subſtanz die Grundlage der Dinge bildete und durch keine Sinneswahrnehmung gegeben werden könne. Selbſt der Senſualiſt Locke hielt die Dichte für eine primäre Eigen⸗ ſchaft, die demgemäß den Dingen an ſich zukäme. Es ſchien dieſe ſpeculative Vorſtellung von der Subſtanz auch in einer Reihe wiſſen⸗ ſchaftlicher Thatſachen ihre Beſtätigung zu finden. Das Gewicht, in welchem man den zahlenmäßigen Ausdruck für die Maſſe erkannte, zeigte ſich als eine vollſtändig conſtante Größe, es blieb dasſelbe, wenn ein Körper aus einem Aggregatzuſtand übergeführt wurde in einen andern, es blieb dasſelbe, wenn in chemiſcher Verbindung aus zwei Körpern ein neuer entſtand mit ganz anderen Eigenſchaften. Durch dieſe Thatſachen veranlaßt, war die atomiſtiſche Hypotheſe entſtanden. Darnach wurden alle Vorgänge gefaßt als Verbindung und Trennung von kleinſten an ſich exiſtenten Subſtanzen. Von der Maſſe wurde daun gewöhnlich geſagt, ſie ſei die Summe aller materiellen Teile. Aber dieſe Definition hatte doch nur dann Sinn, wenn Atome von ganz gleicher Beſchaffenheit als Subſtanzen vorausgeſetzt wurden, als deren verſchiedenartige Gruppierungen dann die Stoffe aufzufaſſen waren. Dieſe Anſicht ſchien auch ihre Unterſtützung zu finden in der Thatſache, daß die Atomgewichte der chemiſchen Elemente durch ganze Zahlen ausgedrückt wurden. Darauf geſtützt bildete Prout ſeine Hypo⸗ 2* theſe, wonach die Atomgewichte aller Elemente Multipla vom Atom⸗ gewicht des Waſſerſtoffs ſeien, welche Hypotheſe von ſelbſt dazu führte, in dem Waſſerſtoff das Urelement zu vermuten.¹) Die genaueren Atom⸗ gewichtsbeſtimmungen der neueren Zeit haben indeſſen gezeigt, daß die Atomgewichte nur annähernd ganze Zahlen ſind, womit die ganze Hypotheſe fällt. So lange man damit ausreicht, wird man an der Annahme feſthalten, daß die Materie den Raum in continuierlichem Zuſammenhang erfülle, wie ſie es zu thun ſcheint. Es iſt neuerdings behauptet worden:„Die Phyſik kann und muß der Vorſtellung von Molekülen und Atomen entbehren“. ²) Eine allgemeine Materie ohne Beſtimmungen gedacht, iſt nur eine Abſtraction. In der Wahrnehmung gegeben und als exiſtierend denkbar iſt nur die mit beſtimmten Sinnesqualitäten erfüllte Materie die beſondere Stoffart. Zum Begriffe des Stoffes gelangt man durch die Thatſache, daß„Geſtalt und Größe eines Dinges durch mechaniſche Urſachen veränderbar ſind, ohne daß der Verein der übrigen Qualitäten durch dieſe Veränderung irgend wie berührt würde“.³) Die Geſtalt hängt demnach„von äußeren mechaniſchen Bedingungen ab; d. h. ſie iſt relativ unweſentlich. Nicht unweſentlich, ſondern weſentlich iſt natürlich das generiſche Moment, daß jedenfalls Geſtalt und Größe vorhanden iſt“.¹) Der Stoff iſt demnach die continuierliche Raum⸗ erfüllung mit beſtimmten Qualitäten, wobei jeder einzelne Raumteil dieſe beſtimmten Qualitäten zeigt. Bei derſelben Stoffart hat es Sinn von einem Quantum zu ſprechen, indem man ſich dieſelbe Menge doppelt und irgendwie vervielfacht ſetzen kann, ſo daß bei derſelben Stoffart das Quantum dem Volum proportional iſt. Zwei Körper aus demſelben Stoff laſſen ſich demnach unmittelbar hinſichtlich ihrer Quantität Materie oder ihrer Maſſe vergleichen. Die Vergleichung der Maſſen von Körpern aus verſchiedenen Stoffen iſt indeſſen nur durch Beobachtung des mechaniſchen Ver⸗ haltens derſelben möglich. Die Empfindung von dem Widerſtand, den eine Maſſe der Bewegung durch die Hand entgegenſetzt, oder von dem Andrang, den die bewegte Maſſe gegen die Hand ausübt, bildeten für dieſen Begriff die Grundlage. Man erkannte außerdem, daß ¹) Wundt, Methodenlehre, S. 414. 2) Wernike, Elementar⸗Mechanik, S. XI. ³) Schuppe, Erkenntnistheoretiſche Logik, S. 587. 4) Schuppe, ebend. *⁴ dieſer Andrang abhängig iſt von der Geſchwindigkeit, und es ſchied ſo der Begriff der Maſſe aus der Vorſtellung von dem Andrang aus, indem der letztere gleich dem Produkt aus Maſſe und Ge⸗ ſchwindigkeit zu ſetzen war und den Kraftbegriff auf die bewegte Maſſe anzuwenden erlaubte. Man definiert demnach zwei Maſſen aus ver⸗ ſchiedenen Stoffarten als gleich, welche bei derſelben Geſchwindigkeit den gleichen Andrang ausüben. Dieſer Andrang wird alſo urſprünglich als Taſtempfindung geſchätzt. Aber die durch den Geſichtsſinn an den Bewegungen gemachten Beobachtungen ſind derart, daß auch hier dieſe Vorſtellung von dem Andrang ihre Bedeutung behält, indem auch hier dieſe als gleich geſchätzten Maſſen das gleiche Verhalten zeigen. Wenn zwei durch den Taſtſinn als gleich erkannten Maſſen beim Stoß mit gleicher Geſchwindigkeit gegeneinander anlaufen, ſo iſt ihre Wirkung die gleiche, wenn bei einer Centralbewegung der centrifugale Andrang, den die Maſſe infolge der Aenderung des Bewegungszuſtandes aus⸗ übt, gemeſſen wird, ſo findet man auch hier, daß dieſer Andrang bei den durch den Taſtſinn als gleich erkannten Maſſen der gleiche iſt. Man kann alſo zwei Maſſen als gleich definieren, welche in einem gegebenen Falle bei gleicher Geſchwindigkeit dieſelbe Wirkung ausüben, dieſe Defition gewinnt aber allgemeine Giltigkeit durch die Naturthat⸗ ſache, daß dieſe als gleich definierten Maſſen auch in jedem anderen Falle und bei jeder anderen gleichen Geſchwindigkeit dieſelbe Wirkung ausüben. Es iſt ſchon bemerkt, daß ſich an die bewegte Maſſe die Vor⸗ ſtellung einer dem Produkt von Maſſe und Geſchwindigkeit entſprechenden Kraftgröße knüpft. Dieſe Kraftgröße hat ihren Inhalt in der Be⸗ ziehung auf die eventuelle Empfindung, die der Andrang dieſer be⸗ wegten Maſſe auszuüben vermag. Die Betrachtung der Bewegungen als reine Anſchauungsobjekte hatte ſchon zum Trägheitsgeſetz geführt, darnach erhielt dasſelbe die Faſſung: daß die Materie ſich ſelbſt über⸗ laſſen geradlinig und gleichförmig ſich fortbewegt. Mit Beziehung auf den Kraftbegriff erhält dasſelbe hier noch den Zuſatz, daß die Maſſe gegen jede Aenderung des Bewegungszuſtandes einen ihrer Größe entſprechenden Widerſtand entgegenſetzt. Dieſer Zuſatz iſt nicht etwa ſchon als Folgerung in der urſprünglichen Faſſung des Träg⸗ heitsgeſetzes enthalten, denn darnach iſt allerdings jede Aenderung des Bewegungszuſtandes als verurſacht anzuſehen, indeſſen wäre es denkbar, daß dieſe Aenderung des Bewegungszuſtandes ganz widerſtandslos erfolgte. Das Licht bewegt ſich in gerader Linie, bei dem Eintritt in durchſichtige Körper wird es gebrochen, aber die Vorſtellung von einem Widerſtand, den der Lichtſtrahl der Brechung entgegenſetzt, iſt nicht vorhanden. Wenn indeſſen die Kraft als Maſſengeſchwindigkeit gefaßt wird, ſo iſt es klar, daß wenn die Geſchwindigkeit vergrößert oder vermindert wird, damit auch Kraft aufgewandt ſein muß, aber daß auch mit der Aenderung in der Richtung der Bewegung, wobei die Größe der Geſchwindigkeit dieſelbe bleibt, Kraftwirkung verbunden iſt, erſcheint nicht ſelbſtverſtändlich. Descartes dachte hierüber anders. Die Seelen waren nach ſeiner Meinung nicht imſtande die Summe der vorhandenen Bewegung abzuändern, alſo neue Bewegung zu er⸗ teilen oder zu vernichten, wohl aber konnten ſie die Richtung abändern, er ſah alſo nur in der Aenderung der Bewegungsgröße einen Kraft⸗ aufwand, aber nicht in der Abänderung der Richtung. In der bewegten Maſſe iſt alſo inſofern eine gewiſſe Kraft exiſtent, als dieſe Bewegung durch animaliſche Bewegungen, mit denen Kraftempfindung verbunden iſt, erzeugt und vernichtet werden kann. Dieſe Kraftempfindung iſt keine genau meßbare Größe, ſie hat nur ihren beſtimmten Grad und wir empfinden, daß dieſer Grad mit der bewegten Maſſe und Geſchwindigkeit größer wird, aber nicht, daß dieſe Kraftempfindung genau gleich dem Produkt aus Maſſe und Ge⸗ ſchwindigkeit zu ſetzen ſei. Daß aber die Kraft gleich der Maſſen⸗ geſchwindigkeit geſetzt wird, liegt begründet an objektiven genau meß⸗ baren Vorgängen, die keinen Bezug auf die Empfindung nehmen. Es zeigt ſich nämlich, daß dieſelbe Urſache der Bewegung immer dieſelbe Maſſengeſchwindigkeit hervorruft. Unter Urſache der Bewegung iſt aber hier zu verſtehen nichts geheimnisvoll Transcendentes, ſondern ein Vorgang oder Gegenſtand der nichts als Erſcheinung iſt und durch deſſen Daſein auch eine Bewegung geſetzt iſt. Bei der Atwoodſchen Fallmaſchine iſt Urſache der Bewegung das auf der einen Seite liegende Uebergewicht, bei der Bewegung eines Pfeiles iſt Urſache die Sehne in dem geſpannten Zuſtand. Bei derſelben ſo gefaßten Urſache der Bewegung tritt die hervorgerufene Maſſengeſchwindigkeit als eine conſtante Größe auf, derart, daß bei einer größeren Maſſe eine in demſelben Verhältnis kleinere Geſchwindigkeit erteilt wird, ſo daß das Produkt aus Maſſe und Geſchwindigkeit dasſelbe bleibt. An der — 293— Fallmaſchine läßt es ſich beſtätigen, daß bei demſelben Uebergewicht die Beſchleunigung in umgekehrtem Verhältniß zur geſammten bewegten Maſſe ſteht. Man war daher berechtigt, nach der Maſſengeſchwindigkeit die Größe der Bewegungsurſache zu meſſen und die Bewegungsurſache in Hinblick auf die erzeugbare Bewegung als Kraft zu faſſen. Als Urſache der Bewegung ſcheint in anderen Fällen etwas vorausgeſetzt werden zu müſſen, das nicht wahrnehmbar iſt; die Schwerkraft und Gravitation, auch die magnetiſchen und celektriſchen Kräfte ſind als ſolche nicht wahrnehmbare Urſachen gefaßt worden, die geheimnisvoll in den Dingen ihren Sitz haben und die Bewegungen bewirken. Die hierdurch bewirkten Bewegungserſcheinungen erſcheinen rätſelhaft, während die Bewegungen, die durch Druck und Stoß her⸗ vorgerufen ſind, als einleuchtende, denknotwendige Folgen dieſer Urſachen erſcheinen. Dagegen iſt bereits von Hume bemerkt worden, daß wir von dem Weſen der Mitteilung der Bewegung beim Stoß ſowenig einen Begriff hätten, wie von der cauſalen Hervorbringung irgend eines andern Vorgangs. Daß die Uebertragung der Bewegung beim Stoß als ſelbſtverſtändlich erſcheint, liegt begründet in Folgendem. Die Sinneswahrnehmungen, namentlich die Wahrnehmungen des Ge⸗ ſichtsſinnes ſind uns in einer ſolchen räumlichen Ordnung gegeben, daß ſie als die verſchiedenartigen Anſichten von dreidimenſionalen Körpern erſcheinen, die ein im ganzen beharrliches Daſein aufweiſen. Dieſes beharrliche Daſein ſchließt als Folge ihre Undurchdringlichkeit ein, und hierdurch erſcheint die Wirkung beim Stoß hervorgebracht. Hierzu kommt, daß die Bewegung des geſtoßenen Körpers ein Vor⸗ gang iſt, der an derſelben Stelle anfängt, wo die des ſtoßenden endigt, wodurch die räumliche Stetigkeit der beiden Vorgänge gewahrt iſt. Es erſcheint nämlich als eine Denknotwendigkeit, anzunehmen, daß ein Vorgang nur dann auf einen anderen folgen könne, wenn er mit ihm in einem continuierlichen räumlichen Zuſammenhang ſtehe; daher konnte man, wie Leibniz z. B., es nicht begreifen, wie ein Körper auf das wirken könne, was er nicht berühre, daher die wiederholten Verſuche das„Rätſel der Schwerkraft“ erklären zu wollen aus den Stoß⸗ wirkungen eines hypothetiſchen Äthers, daher die Annahme von einer continuierlichen Fortpflanzung des Lichtes in Strahlen ſelbſt durch den leeren Raum, wo es nicht exiſtent ſein kann, da es erfahrungs⸗ gemäß nur gegeben iſt als Eigenſchaft der materiellen Dinge. Von ſeinem poſitiviſtiſchen Standpunkt aus, der ſich nur an das erfahrungs⸗ mäßig Gegebene hält, hat Comte bemerkt:¹) Derſelbe Newton, der ſo gerne die Phyſik vor der Metaphyſik gewarnt hätte, habe ſich doch durch herrſchende Denkgewohnheiten ſo weit bringen laſſen, daß er das Licht als eine ſelbſtändige unabhängig von dem leuchtenden Körper exiſtierende Subſtanz gefaßt hätte, was eine ebenſo metaphyſiſche Vor⸗ ausſetzung wäre, wie die Annahme einer Schwere, die unabhängig von dem ſchweren Körper ihre eigene Exiſtenz hätte. Sieht man von dieſer Denkgewohnheit, die Wirkung in räum⸗ lichem Zuſammenſein mit der Urſache erblicken zu müſſen ab, dann erſcheint die Fernewirkung ebenſo rätſelhaft und auch ſo begreifbar, wie die Wirkung beim Druck und Stoß. Denn in letzter Inſtanz iſt„aller cauſale Zuſammenhang reines unbegreifbares Faktum. Wie die Urſache es macht, die Wirkung aus ſich hervorzubringen, kann 3 2 niemand ahnen“. ²) Die Schwerkraft bringt dieſen cauſalen Zuſammenhang, der zwiſchen der Erde und den Maſſen auf derſelben beſteht, zum Ausdruck. Das Gewicht und der freie Fall ſind die hierdurch bewirkten Erſchei⸗ nungen, deren Erforſchung zur Annahme dieſes cauſalen Zuſammen⸗ hangs geführt haben muß. Hierbei zeigt ſich zunächſt, daß das Gewicht, der Druck auf die Unterlage, der Maſſe proportional geſetzt werden muß, was als eine wichtige Thatſache hervorzuheben iſt. Die Maſſen werden ihrer Größe nach zunächſt abgeſchätzt aus der Größe des An⸗ dranges, den ſie bei gleicher Geſchwindigkeit auszuüben imſtande ſind, etwas anderes aber iſt der Druck, den die Maſſe auf ihre Unterlage ausübt. Wie die Schwingungen einer Magnetnadel nicht nur von ihrer Maſſenverteilung abhängen, ſondern noch die beſondere Urſache des Erdmagnetismus vorausſetzen, ebenſo könnte der Druck auf die Unterlage nicht einfach proportional der Maſſe ſein, er wäre dann zu erklären als Folge der Schwerkraft, die dann eine ebenſo ſubſtan⸗ zielle von der Materie verſchiedene Exiſtenz haben müßte, wie der Magnetismus. Daß die Thatſachen ſo liegen, ermöglicht es, die Materie ſelbſt als dieſen Träger zu nehmen und die Schwere als Maſſenattraction zu faſſen. Die Erfahrung zeigte, daß dieſe Anziehung der Maſſen ihre ¹) Cours de philosophie positive, II. S. 639. 2²) Schuppe, a. a. O. S. 184. Urſache hatte in dem Daſein der Erdmaſſe. Aus den Erſcheinungen der Fallbewegung und des Gewichtes war dieſe Folgerung noch nicht zu ziehen, denn dieſe Erſcheinungen bewieſen nur die Bewegungstendenz der Maſſen nach dem Erdcentrum, aber nicht irgend einen Zuſammen⸗ hang dieſer Erſcheinungen mit der Maſſe des Erdkörpers. Die Er⸗ fahrung zeigte indeſſen, daß die Länge des Sekundenpendels nach der geographiſchen Breite verſchieden war und daraus mußte man ſchließen, daß das Gewicht nicht etwas durch die Maſſe an ſich Geſetztes war, ſondern daß es an Orten verſchiedener geographiſcher Breite verſchieden ſei und demnach nur in Relation zur anziehenden Erde exiſtierte. Dadurch wurde die Schwerkraft zu einem Beziehungsbegriff. Es lag jetzt nahe, dieſe Maſſenattraction, welche für die Erde und die Welt⸗ körper vorausgeſetzt war, auch zwiſchen den irdiſchen Maſſen wirkſam zu denken, welche Annahme ſich durch die Beobachtung beſtätigen ließ, indem Cavendiſh wahrnahm, wie eine große Bleimaſſe eine Metall⸗ kugel ablenkte und Maskelyne die Ablenkung des Pendels in der Nähe eines Gebirgzugs feſtſtellte. Dem Begriff der Kraft kommt die Entſcheidung darüber zu, ob eine Bewegung als wirklich oder als ſcheinbar vorauszuſetzen iſt. „Wir halten immer diejenige Bewegung für wirklich, welche unſeren Willensregungen oder den mechaniſchen Vorausſetzungen und Geſetzen entſpricht.“¹) Bei irdiſchen Bewegungen kommt dieſe Frage gewöhnlich in einfacher Weiſe zur Entſcheidung. Die Umgebung bietet eine Menge Dinge, die ihre gegenſeitige Lage nicht ändern und daher als ruhend angeſehen werden und dieſes umſomehr, da ſich bei den hierauf be⸗ zogenen Bewegungen gewöhnlich eine bewegende Urſache wahrnehmen läßt. Wir halten deshalb unſeren Körper für bewegt und nicht die Gegend, durch die wir gehen, wir halten das Schiff für bewegt und nicht die Ufer, da in beiden Fällen die bewegenden Kräfte wahrge⸗ nommen werden. Das Trägheitsgeſetz war durch Beobachtungen an irdiſchen Bewegungen erkannt worden, eine Kugel rollte auf einer Bahn geradlinig umſo weiter, je glätter die Bahn war, der im Kreis geſchleuderte Körper floh losgelaſſen in der Richtung der Tangente ab. Wenn man aber auf die Rotation der Erde Rückſicht nahm, ſo war dieſe Bewegung nicht geradlinig, da alle Körper an dieſer Rotation 1) Laas, a. a. O. S. 28. — 26— teilnahmen. Das Trägheitsgeſetz wurde indeſſen dadurch nicht umge⸗ ſtoßen, vielmehr fand es in gewiſſen zur Begründung der Erdrotation gemachten Beobachtungen ſeine Beſtätigung. Es erklärte die Drehung des Foucaultſchen Pendels, die Abplattung der Erde, die Abweichung aus der Höhe fallender Körper von der Verticalen. Damit aber drängte ſich die Frage auf, an welchem Bezugsobjekt dann feſtzuſetzen ſei, ob ein Körper ſich geradlinig und gleichförmig bewege. Für die zuletzt erwähnten Erſcheinungen war die Beziehung auf die ruhenden irdiſchen Objekte nicht mehr ausreichend, ſie mußten bezogen werden auf ein Coordiantenſyſtem, das ſtarr mit der Erdaxe verbunden iſt und keinen Teil nimmt an der Rotation. Für optiſche Erſcheinungen, wie die Aberration des Lichtes der Fixſterne, das in ſeiner Bewegung auch dem Trägheitsgeſetz folgt, war auch dieſes Bezugsſyſtem nicht ausreichend. Dieſe Erſcheinung ließ ſich erklären aus der ſchon aus anderen Gründen angenommenen Umwälzung der Erde um die Sonne, welche Annahme demnach durch die große Entdeckung Bradleys eine weitere Beſtätigung fand. Der Gedanke, daß die Natur einfacher ſein müſſe, hatte zu⸗ nächſt den Kopernikus veranlaßt, den irdiſchen Standpunkt zu ver⸗ laſſen und die Bewegungen der Himmelskörper auf die Sonne als perſpektiſches Centrum zu beziehen. Es war alſo ein rein formeller Grund, der die kopernikaniſche Auffaſſung begründete. Kopernikus hielt dieſe Bahnen, noch der Tradition von der vollkommenen Kreis⸗ bewegung folgend, für epicycliſch, und erſt durch mühſame Arbeiten ge⸗ wann Kepler aus den Aufzeichnungen Tychos über den Stand des Mars die große Entdeckung, daß dieſe Bahnen relativ zur Sonne Ellipſen ſeien. Durch Newton kam dann das kopernikaniſche Syſtem über die formelle Begründung aus der Einfachheit der Natur hinaus, indem es ihm gelang, dieſe elliptiſchen Bahnen aus den durch Galilei gewonnenen Begriffen der beſchleunigenden Kraft und Trägheit zu er⸗ klären. So kam alſo auch hier die Frage nach der wirklichen Be⸗ wegung in derſelben Weiſe zur Entſcheidung, wie bei den gewöhnlichen Bewegungen auf der Erde. Wirklich iſt bei dieſen eine Bewegung, wenn eine bewegende Urſache wahrnehmbar iſt, ebenſo liegt auch bei den Planetenbewegungen im Begriffe der Kraft der Grund ihrer Wirklichkeit. * Kleine neue Beiträge zur älteren Geſchichte der Hochſchule Gießen. Von BProf. Dr. O. Buchner. v Vorbemerkung. Eine ausführlichere Geſchichte unſerer Uni⸗ verſität iſt noch nicht geſchrieben. E. L. W. Nebel, Crome, Klein, Heſſe, Waſſerſchleben, Hoffmann und einige Aeltere und Neuere haben ſehr ſchätzenswerte Beiträge dazu geliefert; ich habe ſie bei nach⸗ ſtehender kleiner Arbeit nur inſoweit benutzt, als es für das allgemeine Verſtändnis nötig war. So mag gleich an die ſehr bekannte That⸗ ſache nur erinnert werden, daß unſere Hochſchule durch die Religions⸗ wirren in Marburg ihren Urſprung hatte. Landgraf Moriz von Kaſſel war durch ſeinen Uebertritt zur reformierten und ſeinen Abfall von der lutheriſchen Lehre nach dem Teſtament Ludwigs IV. ſeiner Erb⸗ ſchaft für verluſtig zu erklären. Doch ging das nicht ſo ſchnell. Unterdeß aber war Moriz ſehr thätig bei der Durchführung der re⸗ formierten Lehre in ſeinen Landen, und als er auch die von Philipp dem Großmütigen 1527 gegründete ſtets rein lutheriſche Univerſität Marburg zu reformieren begaun, widerſetzten ſich einige Profeſſoren der Theologie und wurden 1605 deßhalb ihres Amtes entſetzt. Land⸗ graf Ludwig V. nahm ſich ihrer an, beſchied ſie nach Darmſtadt, um weitere Schritte mit ihnen zu beraten, und die Folge war die Grün⸗ dung eines Gymnasium illustre und eines Paedagogium trilingue noch in demſelben Jahre. Am 10. Oct. 1605 wurden beide Anſtalten in Gießen feierlich eröffnet. Zwei Jahre ſpäter waren die Privilegien des Kaiſers erwirkt, und die erſtere Anſtalt wurde in eine rein lutheriſche Univerſität ver⸗ wandelt und als ſolche am 7. Oct. 1607 feierlichſt eröffnet; ſie er— freute ſich ſofort eines hohen Rufes und ſtarken Beſuchs. Infolge eigentümlicher politiſcher Verhältniſſe bei den beiden heſſiſchen Fürſtenhäuſern wurde die neue Hochſchule Gießen 1625 30 mit der älteren zu Marburg vereinigt, ohne in derſelben aufzugehen. Als aber im heſſiſchen Bruderkriege Marburg 1645 von den kaſſeliſchen Truppen unter Geiſe eingenommen, und Anfang 1646 auch das Schloß vom Kommandanten Willich übergeben worden war, fiel Marburg wieder an die kaſſeliſche Linie. Anfangs verſuchte man die Hochſchule zweiherrig weiterzuführen, dann aber wurde Vermögen, Inventar und Bibliothek nach Vertrag geteilt, und ſo kam 1650 die Univerſität dauernd wieder nach Gießen zurück. Durch die Zwiſchen⸗ zeit von 1625— 1650, wo unſere Hochſchule in Marburg war, wird deren Geſchichte in keiner Weiſe unterbrochen. Ich habe bei den nachſtehenden Bruchſtücken zur Geſchichte un⸗ ſerer Hochſchule vorwiegend den ſchriftlichen Verkehr zwiſchen dem Landesherrn und der Regierung einerſeits und der Univerſität andrer⸗ ſeits benutzt und aus dem reichlich fließenden, wie ich glaube, wenig bekannten Material namentlich das herausgenommen, was in Bezug auf das Perſonal der Hochſchule von kultur⸗ und ſitten⸗ geſchichtlichem Intereſſe ſchien. Die Profeſſoren. Alllezeit legten die Landesherren ein weſentliches Gewicht darauf, daß ſie bei Berufungen von Profeſſoren die einzige Entſcheidung hätten. So erklärte ſich Landgraf Ludwig V. 1618 dahin:„Sonſten aber die nomination, observanz, maiora u. a. betr. verſtehn Wir nicht anders, dann wenn Wir Unſerem gnädigſten Wohlgefallen nach etwa Eurer ſämmtlichen, oder mehreren oder eines Theils Bedenken in Beſtellung der Professionen bishero er⸗ fordert, oder künftig zu erfordern für gut anſehen, daß gleichwohl die Beſtellung der Professionen jederzeit allein frei und lediglich bei Uns verbleibet“. Es wird dann noch ausgeführt, wenn ſeither vom akad. Lehrkörper bei Erledigung von Profeſſuren Vorſchläge und Bedenken eröffnet worden ſeien, ſo habe er, der Herr, dies nicht für unrätlich ermeſſen, auch die Vorſchläge und rationes wohl erhört, auch ſei er geneigt, es künftig ebenſo zu halten, immer aber bleibe der Ausſchlag und die Beſtellung ihm ſelbſt vorbehalten. Aehnlich ſpricht ſich Landgraf Georg II. 1641 aus:„Wiewohl nun Unſere stat. acad. mit ſich bringen, daß Uns Ihr ganz ohn⸗ ſaumhaft ſowohl des verſtorbenen Professoris Ableben berichten, als auch ein und mehr zur Erſetzung der erledigten Stelle qualificirte subiecta nominiren und vorſchlagen ſollet“ ꝛc. Als dennoch 1681 Dr. David Chriſtiani von Rheinfels zur vierten Stelle in der theol. Fac. berufen wurde, reſcribierte die Land⸗ gräfin Eliſabeth Dorothea:„So erinnern Wir Uns auch gar wohl, was in statut. acad. wegen dergl. Beſtellungen, und ſonderlich, daß der Landesfürſtl. Herrſchaft jedesmal frei und bevorſtehe, eine Perſon nach Gutbefinden zu einer vacirenden Profeſſion zu verordnen, ja wenn auch ſchon keine erledigt wäre, dennoch aus erheblichen Urſachen gar einen supernumerarium Professorem anzuſetzen“ Der Prof. der Mathematik Aug. Vagetius war 1700 geſtorben; es präſentierte der Senat verſchiedene subiecta; Landgr. Ernſt Ludwig aber ſchrieb zurück:„Nachdem nun Unſere intention jederzeit geweſen und noch iſt, daß zu einer erledigten Profeſſorſtelle bei beſagter Un⸗ ſerer wunerum nicht ſolche Leute, die nur den Namen eines Professoris tragen können und halb, ſondern die wohlgelehrt und recht tüchtig ſind, beſtellt werden ꝛc.“ Nebel ſpricht in ſeiner„kurzen Ueberſicht einer Geſchichte der Univerſität Gießen“(Marburg 1828) S. 29 von den Proofeſſoren⸗ gehalten. Dieſelben waren von Beginn der Hochſchule an ſo hoch angeſetzt, daß auch Gelehrte erſten Ranges damit zufrieden waren. Durch Verminderung des Münzfußes, durch Steigerung der Preiſe der Lebensmittel, ſowie durch andere Urſachen aber verminderten ſich die in Wirklichkeit gleichbleibenden Gehalte immer mehr und konnten nur durch perſönliche Zulagen oder Nebenämter aufgebeſſert werden. o hatte der Rektor von 1629 an jährlich 50 fl. Zulage zu ſeinem Profeſſorgehalte. Während der Drangſale des 30 jähr. Krieges aber wurde bei den leeren Kaſſen dieſer Zuſchuß zurückgezogen. Auf eine Bitte an den Landgrafen 1652 wurde bis zu einem beſſeren Stand der Kaſſen vertröſtet, und erſt 1666 wurden die ehemals gereichten 50 fl. in eine Naturallieferung von 50 Mött Korn verwandelt, welche die Vogtei Marburg auf des Rektors Koſten zu liefern hatte. Einige Zahlen zeigen am beſten, wie gering die Gehalte im 18. Jahrh. geworden waren. 1726 blieb nach dem Tod des Prokanzlers Prof. jur. primar. Weber der Gehalt des Prof. Hartung mit 325 fl. unverändert, Prof. Gruber aber erhielt zu ſeinen 325 fl. noch 50 fl. Zulage; der Prof. Kayſer bezog 300 und Prof. Wahl 250 fl., Leutner und Eſtor je 50 Rthlr. Als Hartung 1728 ſtarb, ſtieg Kayſer auf 32— 400 fl., Wahl auf 350 fl., Prof. Eſtor auf 300 und Prof. Stock⸗ hauſen auf 250 fl. 1729 verordnete Sereniſſimus, daß Prof. primar. Schupart 370 fl., Prof. Liebknecht 300 fl., Prof. May 300 fl., Prof. Maſſon 280 fl., der neu beſtellte Prof. poeseos Alefeld 120 fl. nebſt der halben Fruchtbeſoldung erhielten. Die übrigen Profeſſoren wurden angewieſen Geduld zu haben, bis ſie nachrückten. Freilich fehlte es niemals an Beſchwerden und Bitten, und hatten dieſelben nicht ſelten auch guten Erfolg. 1735 wurde beſtimmt, daß bei den ordentlichen Profeſſoren die Beſoldung mit dem Beginn desjenigen Vierteljahres anfange, in welchem er ſeine Antrittsrede hielt, bei den außerordentlichen Profeſſoren aber vom Ausſtellungstag des Decrets. Schon von 1685 an wurde denjenigen Profeſſoren, welche ſelbſten um die Profeſſion anſuchten und ſolche erhielten, keine Reiſekoſten ver⸗ gütet, denjenigen aber, welche vociert wurden, ſollten deren Reiſekoſten aufs leidlichſte tractiert werden. So erhielt 1696 Prof. Gernand 90 fl., 1740 der Prof. Senckenberg 200 fl. Aufzugskoſten vergütet, dem Kanzler Ludovici aber wurden 1721 dieſelben abgeſchlagen, „weilen ſie dergleichen Titula Geheimeräthen zu thun nicht ſchuldig ſeye“. Auch Prof. Böhm erhielt 1745 keine Reiſevergütung,„weil er um die Profeſſur per memoriale nachgeſucht und nicht ordentlich vociert worden“. In jeder größeren Körperſchaft hat es zu allen Zeiten Freund⸗ und Feindſchaften gegeben. Daß auch der Lehrkörper unſerer Hoch⸗ ſchule nicht davon ausgenommen war, beweiſt das Reſcript des Land⸗ grafen beim Viſitations⸗Abſchied von 1575, für Marburg, das auch für Gießen zu Grund gelegt wurde. Da heißt es:„Die Profeſſoren ſollen unter einander einig ſein, keiner dem anderen heimlich oder öffentlich Verdruß erwecken, ſondern jeder ſeiner Profeſſion zum treu⸗ lichſten warten, auch ſämmtlich ihr Thun dahin richten, daß die Uni⸗ verſität Gott zur Ehre, dem Vaterland und gemeinem Nutzen zugute und denen Professoribus ſelbſt zur Ehre in Erhöhung und Zunehmen gebracht werde“. Und an einer anderen Stelle:„Sollen ſie, die Pro⸗ feſſoren unter ſich ſelbſten einträchtig ſein und ſich in convocationibus und ſonſten gegen einander mit Worten und Geberden friedlich und alſo erzeigen, wie ſichs gebühret“. ¹ — Sehr warm und ſchön ſind die Mahnworte zur Eintracht in den akad. Statuten:„Wenn ſich die Herren Profeſſoren von dem oberſten bis auf den letzten und von dem älteſten bis auf den jüngſten friedlich begehen, wenn einer dem andern ſeine von Gott beſcherte Stelle gönnt, wenn einer dem anderen freundlich dient, Hand und Herz, Mut und Hand collegialiter zu bieten—— Hat ſchon einer mehr Alters als der andere, iſt ſchon einer beredter als der andere, geſchickter als der andere, ſo ſind ſie doch alle Professores, haben alle einen bei Gott wohlgefälligen, auch bei verſtändigen Leuten hoch und wert geachteten Beruf, und wer weiß durch welchen der Herr am meiſten wirken will“. Aber für die ſtreitbaren gelehrten Herren des 17. und 18. Jahrh. war es ſchwer, wenn nicht unmöglich, die ſo hochgeprieſene und warm empfohlene Freundſchaft im Collegium aufrecht zu erhalten. Dies be⸗ weiſt eine lange Reihe von landesherrlichen Reſcripten; im erſten ſchon von 1608 heißt es: „Daß ſie alle ſchädliche naevos et simultates ablegen und meiden, dagegen aber ſich wohl in universo corpore et singulis facultatibus guter collegialen Eintracht und Communikation, als auch ſonſten unter einander alles friedlichen Weſens befleißigen.“ Schon 1617 iſt eine neue landesherrliche Ermahnung nötig, all gehäſſiges Gezänk und ohnzeitiges eifriges Ohnweſen abzuſtellen, einander als ehrliche teutſche Collegiaten treulich, aufrichtig und brü⸗ derlich zu meinen, auch ob einige Differenz ſich entzünden wollte, „Ihr alleſammt als rechte Philoſophen und Verſtändige das bonum publicum den Privataffekten allezeit vorziehet, und Ihr übrigen, ſo an ſolchen Mißhellungen kein Intereſſe habet, zuvorderſt Ihr, der Rektor und Dekane, auch nachfolgends die Andern, ſämmtlich colle- gialiter oder consistorialiter zuſammentretet und die glimmenden dissensiones vor allen Dingen friedlich, freundlich und brüderlich zu ſtillen, oder aber pro autoritate abzuſchaffen Euch angelegen ſein laſſet“. Dieſe ebenſo wohlmeinenden, wie ernſten Ermahnungen mögen wohl eine zeitlang den Brand erſtickt haben, dann aber brach er aufs neue los, und wieder war 1656 ein Strahl landesherrlicher Ungnade nötig, um die Lohe zu dämpfen:„So wollten S. f. G. die Pro⸗ feſſoren zur Haltung guter collegialer Freundſchaft und Einträchtigkeit erinnert und befohlen haben, dergleichen liederliche und keinem in ſo⸗ 3 34 thanem officio ſich befindenden Manne wohlanſtehende Stichelreden und Diskurſe, wodurch die Profeſſoren ſammt und ſonders bei den Studenten in Verachtung gerieten, gänzlich ein- und abzuſtellen. Wenn der Rektor zwiſchen Professoribus Acad. einige Perſonal⸗ zwietracht verſpürt, ſoll er mit allem Fleiß trachten, wie ſolche Miß⸗ helligkeiten inzeiten in Güte gedämpft und in allen actionibus, dis- putationibus et exercitiis academicis auf Beförderung des ge⸗ meinen Weſens gezielt werden.“ Bei der früheren Sitte, daß jeder Profeſſor eine größere Anzahl von Studenten bei ſich im Hauſe wohnen und auch zu Tiſch hatte, iſt begreiflich, daß bei dem nahen perſönlichen Verkehr eine vorhandene Zwietracht im Lehrkörper ſehr ſchnell bekannt wurde, und die Schimpfereien oder nur Stichelreden bei Tiſch das Anſehen der Profeſſoren ſchwer ſchädigen mußten. Auch dagegen wendete ſich der Landgraf:„Ein jeder Profeſſor ſoll ſchuldig ſein, da hinfüro bei denen Tiſchen und ſonſten dergleichen ſkoptiſche Unterhaltungen und Durchziehungen von Groß und Klein verſpürt würde, ſolches dem Rektor zu ernſter, förderſamſter Remediirung anzuzeigen, welcher ſogleich ohne Anſehen der Perſon darin verfahren ſoll“. Aehnliche Ermahnungen zu Friede, Freundſchaft und collegialer Achtung finden ſich noch häufig, ſo z. B. aus den Jahren 1661, 1665, 1676, 1720, 1723. Um noch ein Beiſpiel aus dem 18. Jahrh. anzuführen, ſei eine Stelle aus dem Eintrachts⸗Reſcript von 1728 erwähnt:„In der Hoffnung, Ihr werdet Euch hinfüro ohne allen praedominat und affectirende Vorrechte friedlicher, als bisher nicht geſchehen, ſowohl unter Euch ſelbſt, als gegen andere begehen, und beſonders dieſer Unſerer Ermahnung zu mehr collegialiſcher Betragung auf alle Weiſe nachzukommen ſuchet. Wie Wir denn die übrigen Fakultäten ebenfalls erinnert haben wollen, mit Beiſetzung aller Affekte und Nebenabſichten, ohne ſich unter einander zu verkleinern und zu verachten, ſich dergeſtalt zu betragen und ihres Amtes mit Friede zu warten, damit Wir nicht bewogen werden, bei verſpürendem Gegen⸗ theil ſelbige ebenfalls in die behörigen Schranken beſſerer Harmonie und Ordnung zu ſetzen“. Außer etwa zeitweiſe vorkommender perſönlicher Eiferſüchteleien innerhalb des Lehrkörpers waren es in der ſtreitbaren Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts vorwiegend religiöſe Streitfragen, welche die Fackel der Zwietracht in den Schoß der Hochſchule warfen. Gießen war durch landesherrliche Beſtimmung eine rein lutheriſche Univerſität und ſollte als ſolche unverbrüchlich erhalten werden. Sie blieb es auch durch das ganze 17. und 18. Jahrhundert, und erſt mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts änderte ſich das Verhältnis durch Be⸗ rufung verſchiedener katholiſcher Profeſſoren(v. Löhr und Stickel, die nach Aufhebung des Reichskammergerichts von Wetzlar an die Hoch⸗ ſchule nach Gießen übernommen wurden, und durch die Weſtfalen v. Arens, Wilbrand, Ritgen und Wernekinck). Von nun an war unſere Hochſchule paritätiſch. Bis dahin aber wurden die neu anzuſtellenden Profeſſoren durch einen ſogenannten Religionsrevers verpflichtet, bei der reinen lutheriſchen Lehre zu beharren. Wenn auch die Praeceptores classici, die Lehrer am Pädagog, verpflichtet waren, dieſen Revers auszuſtellen, ſo war das bei der nahen Verbindung dieſer Anſtalt mit der Hochſchule ſelbſtverſtändlich. Aber auch alle übrigen Beamten derſelben, Notare, Vögte, Pedellen und ſelbſt die Univerſitäts⸗Buch⸗ drucker mußten dieſen Religionsrevers ausſtellen. Es haben ſich über 200 derſelben von 1629 an bis 1794 erhalten; von ſehr zahlreichen Profeſſoren aus allen Facultäten aber fehlen dieſelben. Daß ſie ausgeſtellt und dann verſchloßt wurden, iſt nicht anzunehmen, denn in einem landgräflichen Reſcript von 1706 wird befohlen, nicht nur von denjenigen Profeſſoren, ſo dergleichen Reverſe noch nicht von ſich geſtellet, dieſelben herbeizuſchaffen, ſondern es ſolle auch in Zukunft stricte darüber gehalten und niemandem im geringſten desfalls nach— geſehen werden. Hohe Geburts⸗ und Sterbetage, Kaiſerwahlen u. dgl. wurden durch Feſtreden möglichſt feierlich begangen. So befahl Serenissimus 1637, daß auf das Abſterben Ferdinandi II. Kaiſ. Maj. zu Be⸗ zeigung dieſes publici luctus eine namhafte oration gehalten werde. Zugleich ſolle vermittels Affichirung eines wohl elaborierten gedruckten programmatis der Anſtalt verfüget werden, daß die cives acade- mici auf 3 Monate lang ſich alles Saitenſpiels enthalten ſollten. Auch beim Tod der Röm. Kgl. Maj. Ferdinands IV. 1654, deſſen Wahl im Jahr vorher auf Hochfürſtlichen Befehl vom Prof. der Eloquenz Sinold, genannt Schütz, durch eine solenne oration ge⸗ feiert worden war, haben Serenissimus gnädigſt befohlen, denen civibus acad. die Condolenz auf 3 Monate anzukündigen, auch eine orationem 3*½ 3 — 36— publ. zu halten und ſolche nebſt einem gedruckten Carmen nach Hof einzuſchicken. Nicht minder wurde 1656, als Herzog Johann Georg von Sachſen und 1659 deſſen Gemahlin geſtorben, jedesmal dem Prof. eloq. befohlen, eine Oration zu halten. Prof. Tack hielt auf Fürſtl. gnädigſten Befehl eine ſolche Feſtrede 1658, als die zu Ungarn und Böheim Kgl. Maj. zu Frankfurt zum Röm. Kaiſer und König erwählt worden. Auch wurde 1705 nach Abſterben Kaiſers Leopoldi Maj. dem Prof. eloq. übertragen, publico nomine dem abgelebten Röm. Kaiſer zu parentieren und zugleich der Röm. Kaiſ. Maj. zu gratulieren. Es ließen ſich zahlreiche ähnliche Beiſpiele anführen, mehr aber intereſſieren uns die Feſtlichkeiten, welche durch freudige oder traurige Ereigniſſe in der Familie des Landesherrn ſelbſt veranlaßt wurden. Daß an dieſen die Hochſchule ganz beſonderen Anteil nahm, verſteht ſich von ſelbſt. Eine Elegia gratulatoria oder ein Carmen war das geringſte Zeichen der Teilnahme. 1642 aber haben Rektor Horſt und Can- cellarius der Fürſtl. Kindtauf in Darmſtadt beigewohnt und der Fürſtl. Kindbetterin offeriert: einen Pokal A........ 120 fl ferner an 30 Dukaten und 24 ½2 Rth.. 100 fl. der Sammetbeutel 3 fl. 8 ½ Batzen Auf die Wiege 6 Rth. thut 8 fl. 6„ der Fürſtl. Hofmeiſterin einen Ring à... 4 ½2 fl. Bei den V. g. Fürſtin und Frauen, Jungfrauen 2 gulden Ring 7 fl. Auch war bei manchen Kindtaufen in der landgräfl. Familie das geſammte Corpus acad. zu Gevatter gebeten, ſo 1654, wo Kanzler Schütz bei den Feſtlichkeiten in Darmſtadt die Hochſchule vertrat. (Nebenbei geſagt ſtand das Corpus acad. auch bei Taufen von Juden und Jüdinnen mehrfach während des 17. und 18. Jahrh. zu Gevatter, ſo 1670, 1689, 1734, 1744.) Hochzeiten waren ebenfalls günſtige Gelegenheiten, Carmina darzubringen. Als 1617 Herzog Georg zu Braunſchweig-Lüneburg ſich mit Fräulein Annen Eleonoren von Heſſen vermählet, hat die Univerſität dieſem Fürſtl. Paar zu Ehren eine genealogiſche Tabelle nebſt einem Carmen präſentiert. en — 35— Nachdem am 9. Mai 1627 Landgraf Georg mit ſeiner Ge⸗ mahlin in Marburg ſeinen Fürſtl. Einzug gehalten, mußte Prof. Feuerborn auf dem Schloß und Prof. Herdeni in der Stadtkirche die Dankſagungspredigt halten und beide ſolche bei Hof einſchicken. Als Landgr. Philipp von Butzbach, geb. 26. Dec. 1581, dritter Sohn des Landgr. Georg J. und Bruder vom Landgr. Ludwig dem Jüngeren, im Mai 1632 nach Oſtfriesland reiſte, um ſeine zweite Ehe mit der Gräfin Chriſtine Sophie einzugehn, kam er auch nach Marburg, wo ja damals unſere Univerſität vorübergehend war. Auf beſonderen Befehl des Landgr. Georg wurden zu Ehren dieſes Still⸗ lagers und in festivitatem nuptialem anſehnliche carmina gratu- latoria gedruckt und S. Hochf. Durchl. überreicht. Ebenſo wurde dem Landgr. Ludwig 1650 bei dero Fürſtl. Beilager von der Univerſität ein carmen gratulatorium unterthänigſt präſentiert. Nicht minder hat 1667 das Corpus acad. dero neuen gnädigſten Landesfürſtin durch Prof. Balth. Mentzer gratulieren und zugleich ein Präſent unterthänigſt überreichen laſſen. Ja ſelbſt als 1671 die K. däniſche Prinzeſſin Wilhelmine Erneſtine ſich an den Kurfürſten von der Pfalz vermählte, wurde dieſelbe auf ihrer Durch⸗ reiſe von deputatis academicis durch eine gedruckte lateiniſche An⸗ rede ſalutiert. 1717 feierte die Hochſchule auch die Vermählung des Landgr. Ludwig als Erbprinzen mit einer Gräfin von Hanau durch eine öffentlich abgehaltene Oration, und als 1720 Prinz Maximilian von Heſſen⸗Kaſſel die Prinzeſſin Friedericke Charlotte von Darmſtadt heim⸗ führte, wurden ſie in Gießen von den Studenten eingeholt und ihnen ein Carmen präſentiert. Als aber Landgr. Ludwig IX., der Pirma⸗ ſenſer, als Erbprinz 1741 die nachmalige„Große Landgräfin“, die geiſtvolle Henriette Caroline heimführte, da wurde von der Hochſchule nur ſchriftlich gratuliert. Nicht minder wurde der Trauervorfälle in der Fürſtl. Familie gedacht. Als 1629 Landgr. Henrich zu Siena verſtorben, befahl Landgr. Georg, auf eine anſehnliche orationem funebrem, auf ein programma und verſchiedene carmina lugubria bedacht zu ſein. Als dagegen im Auguſt 1629 des Landgrafen Philipp von Butzbach erſte Gemahlin Anna Margaretha, geb. Gräfin von Diepholz ſtarb und ſeitens der Univerſität bei Hofe angefragt wurde, ob man in pro⸗ — 38— cessione zur Leichenpredigt gehn ſolle, wurde beſtimmt, daß weder in Marburg noch Gießen bei der Univerſität man ohne höheren Befehl niemalen Leichenbegängnis und processiones angeſtellt habe. Bei dem bekannten elenden und kläglichen Tod des Landgr. Philipp ſelbſt 1645 wurde den Proff. Tonſor und Dietrich die Correktur und die Beſorgung des Druckes und des Ehrengedächtniſſes desſelben, darunter das Programm, verſchiedene Trauergedichte und nicht weniger als 22 Predigten, gnädigſt übertragen. Wer hat bei dem öffentlichen Traueraufzug den Vortritt, der Vertreter der Regierung oder der der Univerſität? Dieſe wichtige Rangfrage wurde in verſchiedener Weiſe gelöſt. 1651 zeigte Landgr. Georg der Hochſchule den Tod des Landgr. Johann an und befahl zugleich, daß jemand aus der Mitte der Univerſität in Darmſtadt erſcheine und der Fürſtl. Leichenbeſtattung beiwohne. Während dieſer Feierlichkeit gingen alle Collegia in Corpore nach der Kirche und die Fürſtl. Räte hatten den Vortritt. Als aber im Herbſte wegen Fräulein Helenen Sibyllen abermals öffentliche Proceſſion gehalten wurde, iſt das Corpus universitatis der Fürſtl. Regierung vor⸗ gegangen. Eine Vertretung der Hochſchule bei Trauerfeierlichkeiten in Darmſtadt wurde aber immer beſonders befohlen. Als Landgraf Georg II. 1661 ſtarb, hielt nicht der Prof. eloq. allein, ſondern auch aus jeder Fakultät ein Profeſſor eine feierliche Rede, die auch alle nach Darmſtadt geſchickt werden mußten; zur Eröffnung des Teſtaments am 20. Juli reiſten auf Befehl des Landgrafen Ludwig VI. der Rektor Dr. Haberkorn und der Kanzler Dr. Tabor in Trauer⸗ kleidung und langen ſchwarzen Trauermänteln nach Darmſtadt, um der Teſtamentseröffnung, ſowie der Fürſtl. Leichenbeſtattung beizu⸗ wohnen. Auch bei dem Tode des Landgr. Ludwig VI. 1678 wurden wieder ein oder zwei aus dem Mittel des corporis academici mit ſchwarzer Kleidung und Trauermänteln nach Darmſtadt befohlen; da ſich aber der Prokanzler Strauch mit negotiis entſchuldigte, iſt neben dem Rektor Hennekenio Dr. Rudrauf deputiert, von dieſem auch eine vollſtändige Relation bei den actis hinterlaſſen worden. Als aber 1681 die Haltung derer orationum von denen vier Fakultäten auf Landgr. Ludwig jun. Abſterben unterblieben, iſt ſolches ungnädig auf⸗ genommen und befohlen worden, das Verſäumte nachzuholen. Dagegen — — 39— hat, als 1705 die regierende Landgräfin Dorothea Charlotte und 1709 die Landgräfin Eliſabeth Dorothea ſtarben,„nur der Prof. eloq. parentiren müſſen“. Als jedoch 1726 eine heſſiſche Erbprinzeſſin ſtarb und Prof. Ayrmann in memoriam derſelben eine oration verfertigt hatte, wurde für gut gefunden, dieſelbe mit den behörigen solennitäten um des⸗ willen nicht zu halten, weil von dergleichen bei einer Erbprinzeſſin kein praeindicium vorhanden. Vielmehr ging jedes Glied der Hoch⸗ ſchule auf beſonderen Befehl für ſich, nicht im Zuge, in ſchwarzem Kleid, aber ohne Trauermantel zur Kirche. Wie bedeutend die Koſten bei einer Fürſtl. Beerdigung waren, geht aus der einen Thatſache hervor, daß als Landgr. Ludwig IV., der Aeltere, der auch ſeines Teſtaments wegen Testator genannt wurde, 1604 zu Marburg ohne Erben ſtarb, auf Befehl des Rektors für die Profeſſoren bei dem Kaufmann Holſtein für 328 fl. 6 alb. 5 hlr. Trauerkleider aus engliſchem Tuch und Taffet zu Binden ge⸗ kauft und in der Rechnung auch genehmigt wurden. Daraufhin geſchah dasſelbe bei dem Tode Landgr. Ludwigs V, des Jüngeren, 1626. Sein Nachfolger aber, Georg II., bemühte ſich 1628, dieſem Uebermaß bei den Leichenbeſtattungen ein Ziel zu ſetzen; er befahl, daß alle unnötigen Zuſammenkünfte eingeſtellt, keine Trauerbinden ausgeteilt, ſondern die nächſten Freunde durch eine Mannsperſon zur Trauer und Leichenbeſtattung berufen würden, ein jeder aber müſſe ſeine eigene Binde mitbringen, und ſo ſollten ſie den Verſtorbenen ehrlich in der Proceſſion begleiten. Die Hülfslehrer. Der Student hatte in früherer Zeit mehr noch wie jetzt das Bedürfnis, allerlei Kenntniſſe auf der Hoch⸗ ſchule zu ſammeln, die nicht von der Lehrkanzel aus vorgetragen wurden. Es waren die freien Künſte, die von den ſog. Exercitienmeiſtern gelehrt wurden. Dieſelben ſtanden in Gehalt und Anſehen weit unter den Profeſſoren. Aber in einer Zeit, wo es zu den Vorrechten des Studenten gehörte, nicht ohne Waffe auszugehn, und wo die geſchickte Benutzung derſelben für jeden vom höchſten Werte war, ſpielte na⸗ türlich unter den Exercitienmeiſtern der Fechtmeiſter die wichtigſte Rolle. 1628 gab es deren zwei an der Hochſchule, doch wurde einem derſelben die Erlaubnis zur Unterhaltung eines Fechtbodens entzogen. 1651 wurde Daniel — 40 Engel zum Fechtmeiſter beſtellt und demſelben auf ein halbes Jahr freie Wohnung geſtellt, ſowie 5 Malter Korn und 4 Klafter Holz geliefert. Es war eine wilde, raufluſtige Zeit. Händel mit blanker Waffe auch auf offener Straße auszufechten war gewöhnlich. Am gefähr⸗ lichſten freilich waren die Stoßdegen und zahlreiche Verwundungen und Tötungen wurden durch dieſe veranlaßt. In einem Fürſtl. Reſcript von 1657 wurde der Senat der Hochſchule angewieſen, mit Fürſtl. Regierung zu beraten, wie die Stoßdegen und das hochſchädliche Balgen mit denſelben abgeſchafft werden könne. In dem darauf erlaſſenen Univerſitätsbericht wurde beantragt, daß Stoßdegen zu tragen mit Relegation, nach Umſtänden auch cum infamia zu verbieten und dieſes durch Anſchlag bekannt zu machen ſei. An ihre Stelle traten dann andere Waffen, in deren Hand⸗ habung der Student ſich fleißig übte. Von 1665 an kommen fran⸗ zöſiſche Fechtmeiſter nach Gießen; der erſte war Violet, der die studiosos ſowohl im Fechten wie im Schwingen von Fahnen und Piken üben ſollte. Der alte deutſche Fechtmeiſter Urban Grebner, der ſchon 10 Jahre vorher angeſtellt worden war, erhielt 1666 den Befehl, nicht mehr als 10 Schüler anzunehmen. Als Grebner ge— ſtorben war, kam 1669 wieder ein Franzoſe Louis Papillon und wurde mit 50 Rth. als Fechtmeiſter angeſtellt; da aber kein Geld da war, mußte ihn der Landgraf ſo lange, bis es beſchafft war, an den Hof ziehen. 1673 kam er wieder nach Gießen und brachte aber⸗ mals einen Franzoſen Qualin dit la Rose als Vorfechter mit; dieſer wurde 1674 ebenfalls Fechtmeiſter, hatte aber auch einen Fran⸗ zoſen l'Ange als Gehilfen und dann 1689 als Nachfolger; er erhielt 50 fl. und 10 Achtel Korn. Im 18. Jahrh. kommen dann wieder deutſche Fechtmeiſter an die Reihe; F. W. Kreußler bezog 100 fl. aus der Kriegskaſſe und mußte gegen ein monatliches Honorar von 1 ½ Rth. unterrichten, aber nicht nur im Fechten, ſondern auch im Voltigieren; als aber 1725 das hölzerne Pferd zerbrochen war, mußte er es auf ſeine Koſten ausbeſſern laſſen. Sehr zweckmäßig war die Weiſung für die Fechtmeiſter(1720), dieſelben ſollten die studiosos nicht zu viel beſuchen und mit ihnen nicht allzugroße Bekauntſchaft machen. — 41— Nicht minder wichtig waren die Tanzmeiſter; ſie waren mit den Fechtmeiſtern im Gehalt gleichgeſetzt; für die 100 fl. aus der Kriegskaſſe hatten ſie auch die Fürſtl. Kadetten koſtenfrei zu unterrichten; von anderen Schülern durften ſie nicht mehr als 1 ½ Rth. fordern. Auch unter ihnen war eine Reihe Franzoſen, doch kamen dieſe nach den franzöſiſchen Fecht⸗ meiſtern. Als der Senat der Hochſchule den von Hardy eigen⸗ mächtig als Tanzmeiſter anſtellte, bekam er(1705) einen kräftigen Wiſcher vom Landgrafen, doch wurde Hardy nicht abgeſetzt. 1707 wurde nach ſeinem Tod ein J. B. Tayault Univ.⸗Tanzmeiſter, ihm folgte 1720 ein Nic. Lavenant, der aber ſehr bald ſtarb; der Witwe wurde vom Landgrafen geſtattet, einen Vortänzer zu halten und den Gehalt ihres Mannes weiter zu beziehen; es war ein Jean Humbert, der, als ihn die Lavenant 1721 heiratete, auch Univ.⸗Tanzmeiſter wurde. Aber ſchon nach wenigen Wochen entwich er aus ſeinem Ehe⸗ glück und aus Gießen, wurde auch in drei Herren Ländern ſteckbrieflich verfolgt; die Lavenant bekam als Abſtand 20 Rth. aus der Univ.⸗ Kaſſe und ebenſoviel von der Fürſtl. Rentkammer und zog auch ab. Von da an(1721) waren wieder deutſche Univ.⸗Tanzmeiſter in Gießen. Ein Student Rungenhagen, der 1729 auch Tanzunterricht zu geben ſich unterfing, bekam dies verboten, nicht weil er Student war, ſondern weil er in die Gerechtſame anderer ſtörend eingriff. Der Bereiter. Schon 1610 befahl der Landgraf die Errichtung einer Univ.⸗Reitſchule und wandte er ſich u. A. auch an den Herzog Friedrich von Württemberg um„ein gut dummelhafft pferdt“. Immerhin waren bei der Koſtſpieligkeit des Unternehmens große Schwierigkeiten zu überwinden. Nicht Pferde und das für ſie nötige Futter allein, auch ein Bereiter mußte beſchaffen werden. Als ſich 1653 Sereniſſimus ſehr geneigt zeigte, einen ſolchen anzuſtellen, fragte er bei der Hochſchule deshalb an, wie denen dabei vorkommenden Difficultäten abgeholfen werden könne. 1660 verlangte der Landgraf zu wiſſen, was und wieviel die Univ.⸗Kaſſe dem Bereiter zu ſeinem Auskommen reichen wolle; er erbot ſich dabei, demſelben jährlich etwas an Heu geben zu laſſen. Der Senat jedoch ſtellte ſein Un— vermögen vor und verweigerte einen Beitrag, bewilligte dieſen aber im Jahr darauf zur Unterhaltung eines Bereiters und zur Lieferung von Hafer für drei Pferde, wenn Sereniſſimus den Reſt an Hafer, Heu und Stroh aus der Kellerei zuſchießen wolle. 1665 erging an den Fürſtl. Amtmann und Rentmeiſter der Befehl, das Reithaus ſo zweckmäßig als möglich aufrichten zu laſſen; dann ſchickte der Landgraf ſeinen Bereiter Langsdorf mit einigen ſeiner eigenen Schulpferde nach Gießen und befahl, dieſelben mit Futter von dero Speichern und Böden zu verſorgen, um bei der Akademie eine ordentliche Reitſchule zu halten. Außer ſeiner landes⸗ herrlichen Beſoldung erhielt Langsdorf von der Hochſchule auch den Betrag, der dem Bereiter Müller zugedacht geweſen war. Auch be⸗ willigte die Hochſchule 70 Achtel Hafer und 9 fl. Hufbeſchlagsgeld. 1672 ſtieg Langsdorfs Gehalt um 50 fl. und wurde befohlen, daß ihm die 10 Malter Korn und 20 Malter Hafer jährlich als Be⸗ ſoldung zu liefern ſeien. Dieſer kleine Gehalt war für die Dauer unzureichend. Es wurden daher 1698 in drei nach einander erforderten Berichten wegen einer für den Bereiter auszuwerfenden Beſoldung anfänglich 20 Achtel Korn und 70 Achtel Hafer, ſowie 100 fl., nachher aber, da dieſes als nicht genügend befunden wurde, 100 Rth. und 100 Achtel Hafer nebſt einer Stube auf dem Collegio ſolange er unverheirathet bleibe, verwilligt. Dabei erklärte ſich der Landgraf bereit, nicht allein das Rauhfutter, ſondern auch die Schulpferde ſelbſt zu liefern. Die Sprachmeiſter. In einer Zeit, wo namentlich in den vornehmen und gebildeten Kreiſen großer Wert auf die Kenntnis beſonders der franzöſiſchen Sprache gelegt wurde, durfte an einer Hochſchule ein Lehrer derſelben nicht fehlen. Unter den Profeſſoren war keiner, der außer ſeiner Mutterſprache eine andere lebende Sprache verſtand, man mußte alſo zu Ausländern greifen; nur ausnahmsweiſe findet ſich da und dort ein geſchickter Deutſcher, der als Lehrer auf— treten kann, weil er eine fremde Sprache gründlich gelernt hat oder es doch vorgibt. Aber ſchon 1665 verordnete der Landgraf, man ſolle bei der Beſtallung der Exercitien- und Sprachmeiſter wo⸗ möglich darauf bedacht ſein,„daß Unſerer Religion zugethane Perſonen bekommen werden möchten“. Dabei war der Sprachmeiſter in dem Gehalt dem Fechtmeiſter gleichgeſetzt, auch er mußte gegen einen kleinen Geldbezug aus der Kriegskaſſe die Kadetten gratis unterrichten und durfte von anderen Schülern nicht über 1 ½ Rth. monatlich verlangen. — 43— 1659 wurde dem Jean d'Ordo und dem Giovanni Antonio del pozzo die Fürſtl. Gnade zu teil, daß außer dem Prof. Dr. Lebleu und welche im verwichenen Jahr bereits gelehrt, niemand weiters die franzöſiſche, italieniſche und hiſpaniſche Sprache informieren ſolle. Engliſch war, wie es ſcheint, ohne alle Nachfrage. Es kamen aber im Lauf der Jahre noch allerlei andere berufene und unberufene Lehrer dazu, doch als 1672 der Jean d'Ordo bat, dieſen das Lehren zu verbieten, wurde ſein Geſuch abgeſchlagen. 1696 begegnen wir einem guten Deutſchen, dem Joh. Friedr. Riedel als Sprachmeiſter, mit jährlich 20 fl. und etwas Frucht als Beſoldung, aber ſchon 1699 iſt wieder der Italiener Rosati ange⸗ ſtellt und bezieht 26 fl. an Geld und 10 Achtel Korn zur Beſoldung; erſt 1717 erhielt er eine einmalige Vergütung von 10 fl. Und doch hatte er von 1708 an einen wichtigen Nebenbuhler, denn es wurde dem Philippo Reinetti geſiattet, ebenfalls die italieniſche Sprache zu lehren; dazu kam ſchon 1700 der franzöſiſche Flüchtling d'Eireval, der auf drei Jahre als Sprachmeiſter mit jährlich 45 fl. und 10 Achtel Korn angeſtellt wurde. Ob er drei Jahre oder kürzer oder länger blieb, iſt nicht zu erſehen, aber 1712 wird einem Sigism. Leonhard von Seidlitz die franzöſiſche Sprache zu lehren geſtattet; 1716 hat er noch einen Franzoſen de Flemme neben ſich, und allen an⸗ deren wird verboten, franzöſiſch zu lehren. 1721 tritt ſchon wieder ein anderer Franzoſe Jean Valet als Sprachmeiſter mit der üblichen Beſoldung an Geld und Korn auf. Nach ſeinem raſchen Abgang 1722 wird Gabriel Maria zum franzöſiſchen Sprachmeiſter beſtellt und demſelben aus der Fürſtl. Kriegskaſſe 100 fl. und aus der Kaſſe der Hochſchule 50 fl. und 12 Achtel Korn beſtimmt. Gleichzeitig kam ein anderer Franzoſe Dulac mit, dem zwar kein Privileg auf den franzöſiſchen Unterricht erteilt wurde, wie er gebeten hatte, der aber doch neben Maria als Sprachmeiſter geduldet wurde. Rosati, der immer noch da war, erhielt 1723 eine Beſoldungszulage von 50 fl. unter der Bedingung, daß er die Fürſtl. Kadetten des Tags eine Stunde umſonſt unterrichte. Auch 3 Achtel Korn wurden ihm noch für Lebenszeit zugeſagt. Ihm folgte Andrea Mevi 1729 mit 41 fl. und 13 Achtel Korn, doch wurden ihm 1731 25 fl. und 5 Achtel Korn zugelegt. In Stelle und Gehalt rückte ſchon 1732 der Studioſus Jac. Mathias Wagner ein. — 44— Wie noch jetzt, ſo ſuchten auch damals Studenten, die eine geringe Sprachfertigkeit erlangt hatten, Privatunterricht zu erhalten; ſie ſchädigten natürlich dadurch die privilegierten Lehrer und dieſe ſuchten die Nebenbuhler zu beſeitigen. 1733 befahl Sereniſſimus, daß der fran⸗ zöſiſche Sprachmeiſter Maria gegen diejenigen studiosos, ſo der Sprache nicht mächtig ſind und doch des Unterrichtens ſich unterfangen, unterſtützt, dagegen aber, und wenn ein ſolcher ſich künftig für einen Sprachmeiſter angebe und darum bitte, oder auch ein nach voraus⸗ gegangenem Examen dazu tüchtig gefundener armer Student zu ſeinem beſſeren Unterhalt in dieſer Sprache unterrichten wollte, ſolches dem⸗ ſelben geſtattet werden könnte. 1734 war ſo große Ebbe in der Kriegskaſſe eingetreten, daß der Landgraf genötigt war zu erklären, wegen anderweiter Kriegs⸗ kaſſe⸗Zahlungen ſei denen Exercitien⸗Meiſters die daraus jährlich ge⸗ reichte Beſoldung weiterhin nicht mehr zu bezahlen. Trotz dieſer Schmälerung der Einnahmen konnte ſchon 1741 an Stelle des ver⸗ ſtorbenen Maria ein Pierre Ramet als franzöſiſcher Sprachmeiſter angeſtellt werden. Obgleich ſchon 1629 der Landgraf verordnet hatte, daß ſich die Profeſſoren malen laſſen ſollten, ſo begegnen wir doch erſt 1720 einem beſonderen Univerſitäts⸗Maler. Es war Chriſtoph. Maximilian Pronner, welchem dieſer Titel verliehen wurde:„jedoch mit der restriction, daß derſelbe in causis non academicis als ein Burger, der burgerliche Nahrung treibt, ſein forum unter dem Fürſtl. Oberamt halten ſolle“. Feſten Gehalt erhielt er aber erſt per Decretum Serenissimi 1732 angewieſen und zwar 15 fl. an Geld und 4 Achtel Korn. Da das doch gar zu wenig war, ſo be⸗ kam er 1736 noch 35 fl. an Geld und 6 Malter Korn zugelegt, aber dabei bemerkt, daß er dieſe 50 fl. an Geld und 10 Malter Korn zwar ad dies vitae genießen ſolle, dagegen aber alle Univer⸗ ſitäts-Arbeit, welche er bereits gethan und künftighin thun wird, um⸗ ſonſt verrichte und desfalls nie etwas beſonders prätendiere, auch mit ſeinem Ableben das ganze akademiſche Salarium ceſſiere und dem fisco wieder heimfallen ſolle. Aber derartige Beſtimmungen waren nicht ſo ſchlimm gemeint, als ſie ausſahen. Schon 1738 wurden demſelben wegen der bei Gelegenheit des jubilaei principalis ſowohl, als Rektorats⸗Begräb⸗ niſſes gehabten Bemühungen 28 fl. ausgezahlt. Als er aber 1742 wieder um eine Sondervergütung nachſuchte, wurde ſie ihm vom Land— grafen abgeſchlagen. Muſiklehrer. Ueber die Pflege der Muſik in Gießen in früherer Zeit läßt ſich wenig erzählen; es ſcheint damit nicht weit hergeweſen zu ſein. Doch ſpricht es ſehr für den Kunſtſinn des Landgrafen, daß er 1639 bei Beſtellung des stud. jur. Th. Bader zum Präceptor am Pädagog d die Stelle in das Detre⸗ einfließen ließ: „haben auch gern vernommen, daß er in der Muſik, deren R tantation Wir Uns nach Ausweis Unſeres wiederholten Kommiſſions⸗Reſcripts nicht wenig anliegen laſſen, ſo namhafte Qualifikation geſammelt“. Ein Jahr ſpäter beſtimmte der Landgraf, daß dieſer Bader in die Kommiſſion zur Reſtaurierung der Muſik zugezogen werde. 1661 wurde die Direktion der Muſik im Pädageg dem Päda⸗ gogiarchen Dr. Misler, diejenige aber in der Kirche und bei den Schülern auf den Gaſſen, wie auch in den Landſchulen dem Rektor und Superintendenten Haberkorn übertragen. 1668 wurde eine Sing⸗ und Dichterordnung feſtgeſtellt und zu dem Ende Statuten und Ordnungen aufgezeichnet, die leider noch nicht wiedergefunden ſind. Erſt 1693 taucht ein muſikaliſcher Informator bei der Univer⸗ ſität auf; ein Henrich Breithaupt, der die Glocken auf dem Kirchturm zu verſehen hatte, bewarb ſich um dieſe Stelle; ohne Zweifel war er durch dieſe Vorkenntniſſe dazu geeignet, ſeinen neuen Poſten auszu⸗ füllen. Die Pedellen, Ministri publici oder Ministri academici, hatten früher eine ganz andere Stellung zur Hochſchule wie jetzt. Nicht ſelten wurde der Pedellendienſt von ärmeren Studenten verſehen; ſo war 1618 ein Pedell Joh. Wetzel, der Pfarrer in Wirberg wurde; der Pedell Georg Fink von 1627 wurde nachgehend Pfarrer in Kaldern, der gleichzeitige Pedell Weigand Kuhl ſpäter Vogt in Grünberg. Vielfach heirateten ſie aber auch auf ihre Pedellenſtellen hin und ſuchten dann einen Sohn als Nachfolger einzuſchieben. Die Beſoldung beſtand 1629 in 15 Gulden ohne Zugabe von Korn, erſt 1634 erhielt jeder ein für allemal 6 Malter. 1670 erhielt jeder der beiden Pedellen 5 Gulden Zulage. 1671 bekam der Pedell Velten freie Wohnung im Univerſitätsgebäude, auch 10 fl. an Geld und auch etwas Frucht angewieſen. 1728 erſt ſtieg der Gehalt — 46— wieder um 10 fl. und 4 Achtel Korn, welche 1737 auf 10 Rth. und 6 Achtel Korn erhöht wurden. Einzelnen beſonders dazu beſtimmten Pedellen fiel die ſonder— bare Aufgabe zu, diejenigen Stunden aufzuzeichnen, welche die Pro⸗ feſſoren ſchwänzten. In der Mitte des 17. Jahrh. muß eine große Nachläſſigkeit in dieſer Richtung eingeriſſen ſein, denn 1655 wurde der Rektor augewieſen, die Profeſſoren zu ermahnen, der Verordnung und ihrer Schuldigkeit gemäß nicht allein die Lectiones fleißiger zu halten, ſondern auch inskünftig die Tage zu verzeichnen, an welchen ſie geleſen haben. Daß dieſe Ermahnung nicht viel fruchtete, iſt aus der Fürſtl. Reſolution von 1656 erſichtlich. Darin wird dem Rektor anbefohlen, durch die Pedellen die Lectionen, ſo ein jeder von den Profeſſoren halten würde, die Woche durch genau aufzeichnen zu laſſen, zugleich die Privatcollegien aufzuzählen und die Verzeichniſſe Sereniſſimo alle Monat einzuſchicken. Auch wolle Sereniſſimus eine geheime Perſon beſtellen laſſen, welche deren Unterlaſſung einberichten ſolle. Trotz der„geheimen Perſon“ war es nicht oder nur kurze Zeit beſſer geworden, denn ſchon 1657 ſchreibt der Landgraf an den Rektor, es ſei ihm nicht allein darum zu thun, zu wiſſen, wer ſein Officium und Schuldigkeit beobachtet habe oder nicht, weit mehr ſei darauf zu ſehen, daß ein nachläſſiger Profeſſor, der ohne triftige Gründe ſeine Vorleſungen verſäume, nach den Statuten zur Strafzahlung von 1‧2 Rth. für jede Stunde angehalten werde. Es ſei alſo inskünftig jedesmal bei Ueberſchickung der Berichte beizufügen, ob und wie ſich die be— treffenden Profeſſoren entſchuldigt haben und wie ſie geſtraft wurden. Derartige und ähnliche Zuſchreiben Sereniſſimi waren auch in den folgenden Jahren nicht ſelten, halfen aber nichts; an Ent⸗ ſchuldigungen fehlte es nie, und der Rektor nahm ſie an. Es mußte jemand über denſelben geſetzt werden, und das war ein Pedell. Im Landgräfl. Befehl von 1666 heißt es wörtlich:„Jeder Profeſſor ſoll ſeine Profeſſion treulich vertreten, keine Stunden in habendis lectionibus publicis et privatis verſäumen, oder daß ihm von jeder Stunde, ſo er verſäumt, vermöge der statutorum ⁄½2 Rth. abgezogen werde, gewärtig ſtehn, und iſt dem Pedell M. Velten die Aufzeichnung derer verſäumten Stunden bei Strafe anbefohlen.“ Schon 1667 wurde der Befehl aufs ſtrengſte eingeſchärft. Der betreffende nachläſſige Profeſſor ſolle gewärtiget ſtehn, daß ihm von —x';;— ₰ — 47— jeder Stunde, ſo er verſäumt, vermöge der statutorum ½ Rth. ab⸗ gezogen werde; geſtalt denen Administratoribus ernſtlich anbefohlen wird, den einen Pedellen zu einem Animadversore zu beſtellen und bei namhafter Strafe aufzuerlegen, daß er ohne Anſehen der Perſon treulich alle Stunden, ſo verſäumt werden, aufzeichne ꝛc., die Speci⸗ fication quartaliter dem Adminiſtrator zuhanden ſtelle, die verſäumten Stunden, dafern keine dringende Entſchuldigung der Verſäumnis vor⸗ gebracht werden kann, abziehe ꝛc. Doch waren dieſe Beſtimmungen keineswegs neu. Schon in der Reformationsordnung des Landgrafen Philipp von 1565 ſteht: „Da ein oder mehr Professores nachläſſig ſei und ſeine Stunden verſäumen würde, darüber ſollen die Pedellen bei ihren Pflichten ein eigentliches Verzeichnis halten und dasſelbe alle Quartal dem Refor- matori und Rectori zuſtellen ꝛc. Dieſe ſollen den Nachläſſigen vor ſich fordern, ihm die verſäumten Lectionen vorhalten, und er ſeiner Verſäumnis keine Urſache anzeigen könnte, ihm an ſeinem stipendio pro rata ſo viel abziehen, als manche Stund er verſäumt hat.“ Dieſe Beſtimmung war auch in die akademiſchen Statuten auf⸗ genommen, wo es heißt:„Qui vero sine iusta et gravi causa ordinarias horas neglexerit pro quavis hora dimidium Joachimicum mulctae nomine oeconomo solvet“. Wirklich wurden die ob horas neglectas in annis 1666 und 1667 beigeſchriebenen Gelder dem Oeconomo zur Einnahme ge— ſetzt und denen Professoribus an der Beſoldung abgezogen. Zwar ſuchten ſich die Profeſſoren davon loszumachen, aber umſonſt. Der Landgraf reſcribierte, die eingewandte Entſchuldigung, daß die Beſtim— mung bisher nicht beachtet worden wäre, ſei ganz unerheblich und ſtrafbar. Nochmals wird dem Prorektor und den künftigen Rektoren in gnädigem Ernſt befohlen, genaue Aufſicht zu führen und die Pe⸗ dellen deshalb in Handtreue an Eidesſtatt zu nehmen. So wurde von dieſen denn auch weiter 1668 und 69 Liſte über die horas neglectas geführt. Auch 1669 und 1671 ſpielen dieſe in Fürſtl. Reſcripten eine weſentliche Rolle. Praeceptores classici. Ein Aufrücken der tüchtigen Lehrer am Pädagog an die Univerſität war zu allen Zeiten keine Seltenheit und lag in den wohlwollenden Abſichten der Landgrafen. Ganz beſonders ſprach dies Landgr. Ludwig VI. 1665 aus:„Wir 48— wollen Unſere Superintendenten und übrigen Profeſſores kraft dieſes dahin mit Fleiß erinnert haben, bei zutragenden Fällen und Vakantien unſerer Praeceptorum classicorum, ihren Qualitäten nach zu guter Beförderung vor anderen eingedenk zu ſein“. Auch in anderer Be⸗ ziehung zeigte ſich das landesherrliche Wohlwollen. Wenn im Haupt⸗ reglement von 1720 geſagt iſt:„Die Hauptpädagogia zu Darmſtadt und Gießen ſollen in beſſeren Stand geſetzt, mit tüchtigen Praecep- toribus und dieſe mit beſſeren salariis, auch convenablem Rang verſehen werden“, ſo iſt dies nur als Ausfluß dieſes Wohlwollens aufzufaſſen. Zugleich iſt in Bezug auf den Gehalt verordnet:„es ſoll ſowohl von Unſerer Univerſität als dem geiſtlichen Landkaſten, mit Einrechnung derer bereits zugelegten 5 Achtel Korn und 5 Rth. Holzgelder jährlich 100 Rth. nebſt der Nutzung des von Unſerem Stadtrath ohnedem vor den vierten Praeceptorem erkauften Hauſes oder daraus erlöſenden Kapitals beigetragen und unter die Praecep- tores mit einem praecipue vor den primarium proportionaliter eingeteilt werden“. Menſchheits⸗ und Dichterideale. Ein litterariſcher Eſſay von Dr. Hermann Menſch. Für den Äſthetiker ſowohl als für den Pſychologen wäre es eine intereſſante Aufgabe, zu unterſuchen: wie und wann, unter welchen Verhältniſſen und Bedingungen Dichterideale, die doch immer mehr oder weniger ſubjektiv charakteriſiert ſind und ſein müſſen, zu Menſchheitsidealen heranwachſen, oder anders ausgedrückt: wann und in welcher Weiſe es Dichtern gelungen iſt, die ihre Zeit oder mehrere Geſchlechter bewegenden Gedanken in einem Kunſtwerk zu kryſtalliſieren, ſo daß dieſes nicht nur den Stempel von des Dich⸗ ters eigenſter Weltanſchauung trägt, ſondern zugleich bezeichnend iſt für die theoretiſchen und praktiſchen Beſtrebungen einer beſtimmten geſchichtlichen Epoche. In Bezug auf Schöpfungen, welche Zeiten und Umſtände, denen ſie ihr Daſein verdanken, überdauern und auch unter völlig veränderten Verhältniſſen noch befähigt erſcheinen, dem einzelnen wie der Geſamt⸗ heit als Leuchtſtern zu dienen, pflegen wir den Ausdruck zu gebrauchen: ſie können nie veralten. Aber eben dieſem Grunde des Nicht⸗ veraltenkönnens in ſeinen geheimſten Tiefen nachzugehen, müßte eine feſſelnde und lohnende Denkarbeit ſein. Unſere Aufgabe iſt enger gefaßt. Uns ſoll in dieſen Blättern nur der Nachweis beſchäftigen, daß gerade unſere deutſche Poeſie ſich bis jetzt vor allen anderen befähigt gezeigt hat, Verhältniſſe und Probleme von rein menſchlichen Geſichtspunkten aus und damit im Sinne des Typiſchen zu erfaſſen. Wir wollen zeigen, wie von Anmerkung: Meine urſprüngliche Abſicht, eine Abhandlung unter dem Titel:„Critique des mots nouveaux dans la langue française con- temporaine“ vorzulegen, habe ich aufgeben müſſen, da ihr Umfang die dieſer Feſtſchrift geſteckten räumlichen Grenzen bedeutend überſchritt. unſeren drei größten Dichtern ein jeder ſolch ein Menſchheitsideal und zwar jeder ſeiner Individualität, ſeiner menſchlichen und dichter⸗ iſchen Eigenart gemäß ergriffen und in den Rahmen einer formell und ideell geſchloſſenen Dichtung vor uns hingeſtellt hat. Leſſing, Schiller, Goethe haben drei ſolche Menſchheitsideale geſchaffen und in dieſen Trägern ewiger Ideeen zugleich Repräſentanten ihres eigenſten poetiſchen Weſens gegeben. Die Richtung auf das Gedankliche, auf das Ideelle in den Dingen macht ſich bei dem Volk der Denker vor allem auch in den dichteriſchen Erzeugniſſen geltend. Im deutſchen Drama ſind es nicht wie Shakeſpeare die Helden der That, ſondern die Vor⸗ kämpfer des Wortes, die Weiſen, die Gedankenhelden, welche obenan ſtehen. Nur ſo erklärt es ſich, daß man den grübleriſchen Dänen⸗ prinzen Hamlet geradezu als einen Repräſentanten deutſcher Art auf⸗ zufaſſen vermochte. Noch heute ſieht man es unſerer dramatiſchen Litteratur an, daß ſie nicht im Schoße eines kräftig entwickelten nationalen Gemeinſinns ihren Urſprung genommen, ſondern, entſtanden in den Studierſtuben der Gelehrten, von da aus erſt ihren Weg in das Volk gefunden hat. Um wieviel mehr muß die Litteratur des achtzehnten Jahrhunderts, das von keiner politiſchen Selbſtändigkeit wußte, die vorwiegend geiſtigen Intereſſen des Lebens in den Kreis ihrer Darſtellung ziehen. So ſehen wir in Leſſings Nathan den Träger der religiöſen Aufklärung, in Schillers Marquis Poſa den Repräſentanten des politiſchen und religiöſen Freiheits⸗ ideals, Goethes Fauſt endlich vertritt das Ideal der freien For⸗ ſchung und des raſtloſen Strebens. Faſſen wir zunächſt die Geſtalt ins Auge, welche ſymboliſch für die dichteriſche Perſönlichkeit Leſſings iſt.„Introite, nam et heic Dii sunt!“ Das war das ſtolze Wort, das Leſſing ſeinem „Nathan“ voranſchickte. Es that not in einer Zeit, wo das religiöſe Leben oder beſſer das religiöſe Denken der Maſſen Stagnation be⸗ drohte, wo der Buchſtabe die Herrſchaft über den Geiſt angetreten hatte, mit dem ganzen Mute ſittlicher überzeugungskraft den Humanitäts⸗ gedanken zu vertreten: daß auch jenſeits konfeſſioneller und nationaler Schranken der Geiſt des echten Evangeliums friſche, ſaftige Blüten treibe, daß auch dort Götter wohnen. Die ewigen göttlichen Mächte ſind nicht gebunden an beſtimmte hiſtoriſche Erſcheinungen, den thau uis heits⸗ For⸗ oliſch met einem igiöſe n be⸗ reten täts⸗ naler glüten lichen. ungen, nicht an dogmatiſche Ausgeſtaltungen, ſie wohnen überall, wo die ſittlichen Ideeen im Geiſt und in der Wahrheit begriffen werden. Aus theologiſchen Streitigkeiten hervorgegangen, iſt der„Nathan“ doch wahrlich etwas anderes als eine poetiſche theologiſche Streitſchrift, zu der man ihn hat ſtempeln wollen. Wer mit Leſſings Entwicklungs⸗ gang vertraut iſt, wird wohl keinen Augenblick Anſtand nehmen, in „Nathan der Weiſe“ die reifſte Frucht vom Lebensbaume des Dichters zu ſehen. Die angeſtrengte Geiſtesarbeit eines reichen nach den ver⸗ ſchiedenſten Richtungen ausgreifenden Lebens hat in dieſer Dichtung einen Abſchluß gefunden, wie er ſich ſelten nach heftiger und bitterer Polemik einzuſtellen pflegt. Nach allem Sturm und Drang auf offener See winken die Ufer, wo der kühne Schiffer Anker werfen kann. Das Schwert wird mit der Leier vertauſcht. Was ſich im Lauf der Jahre in Leſſing an religiöſen Geſichts⸗ punkten losgerungen und durchgearbeitet hatte, das empfangen wir hier in edler ſchöner Kunſtform. Der ſittliche Kern, der das Ganze treibende humane Gedanke der religiöſen Toleranz, bleibt jedoch die Hauptſache und iſt gleichzeitig ſo charakteriſtiſch für Leſſings ganzes Weſen. Seine inneren Kämpfe, Leiden und Qualen werden in Nathan zum Austrag und zum befriedigenden harmoniſchen Abſchluß gebracht. Der geiſtreiche Äſthetiker Joſef Bayer macht in ſeinen„Vor⸗ trägen über die klaſſiſche Zeit des deutſchen Dramas“ zum„Nathan“ die Bemerkung:„Iſt es nicht, als ob Leſſing bei der Zeichnung des Nathan das Vorgefühl überkommen hätte, wie milde und verſöhnt er wohl ſelbſt im Alter, das ſchon an der Thüre klopfte, jene Streit⸗ fragen betrachten werde, für die er als Mann ſo tapfer und heiß gerungen und gekämpft? Das Ideal der beruhigten, über die Gegen⸗ ſätze ſich erhebenden Weisheit des höheren Alters ſchwebte ihm deut⸗ lich vor“. Den Deutſchen wird im„Nathan“ ein Schauſpiel geboten, das erſte ſeiner Art, welches obwohl ſchon in der Fremde ſpielend, in ideale Ferne gerückt, zu dem nationalen Element nicht unmittelbar in Fühlung geſetzt iſt, doch ſo völlig und ganz aus der Geiſtesſchule deutſch⸗reformatoriſchen Denkens herausgewachſen iſt, daß wir nicht zu weit gehen, wenn wir ſagen: nur einem Deutſchen konnte es aufbehalten ſein, ein Gedankenwerk dieſer Art zu ſchaffen. Zugleich aber ſteht der„Nathan“ in ſo engem Zuſammenhang mit dem auf⸗ wärts ſteigenden religiöſen Entwicklungsgange der Menſchheit ſelbſt, daß das Dichterideal Leſſings ſich hier zu einem Menſchheitsideal im vollen Sinne des Wortes erweitert. Seit Jahrhunderten hatte ſich die Menſchheit aus den engen Banden der Glaubenslehre zu befreien geſucht. Wykliffe, Huß, Savonarola, Luther ſind die Vorkämpfer dieſes Strebens nach der kirchlichen Seite hin, Descartes, Spinoza, Leibniz die im Sinne des freien, philoſophiſchen Gedankens. Leſſings Nathan, der erſte, der das Erbe Spinozas antritt, emancipiert ſich vollſtändig von allen kon⸗ feſſionellen Anſchauungen und Vorurteilen ſeiner Raſſe und wird ſo der vollgiltige Vertreter des religiös⸗philoſophiſchen Gedankengehalts des achtzehnten Jahrhunderts. Der ausgeſprochene Sinn für Selb⸗ ſtändigkeit und Klarheit trieb Leſſing dazu, die Offenbarung der menſchlichen Kritik zu unterwerfen. Daher wird er ganz unpaſſend mit Luther verglichen, deſſen ganze Arbeit darauf ausging, nicht die menſchliche Vernunft, das begriffliche Denken, ſondern das Wort der Schrift zu Ehren zu bringen. Leſſing war kein Philoſoph im Sinne der Kathederbedeutung, er hat kein Syſtem aufgeſtellt, keine vollſtändige Theorie ausgearbeitet, trotzdem iſt er einer der erſten Weltweiſen. Sein ganzer Bildungs⸗ gang ſteht im engſten Zuſammenhange mit der Entwicklung ſeiner philoſophiſchen Weltanſchauung. In ſeinen proſaiſchen Schriften, namentlich in der„Erziehung des Menſchengeſchlechts“ findet ſich eine ſolche reiche Ausſaat wahrhaft philoſophiſcher Gedanken, daß dieſe ſpäterhin andere Syſteme vielfach füllen, reſpektive beleben halfen. Bei Schelling und Hegel läßt es ſich leicht nachweiſen, daß ſie Leſſingſche Aperçus in den Organismus ihrer Syſteme verflochten haben. Zwei Philoſophen kreuzen ſich in Leſſings Denken: Spinoza und Leibniz. Den Satz des letzteren von der Perfektibilität der Monaden als ſeeliſcher Weſen wandte Leſſing zuerſt auf die Geſchichte, das Geſamtbild der Entwicklung aller menſchlichen Individuen an. Vornehmlich aber war es die Ideeenwelt Spinozas, welche anregend und befruchtend auf den Dichter gewirkt hat. Spinoziſtiſch iſt in Leſſing jene Genügſamkeit an allem, was dem Menſchen hier Sicheres gegeben iſt, in Fauſtiſche Grübeleien über das Unerforſchliche läßt er ſich nicht ein. Spinoziſtiſch iſt jene erhabene Reſignation, in der Leſſing auch einmal zu Jacobi äußerte, er begehre keinen freien Willen; S und wir werden ſehen, daß in ſeinen chriſtlichen Juden, ſeinen Nathan weſentliche Züge aus dem harmoniſchen Bilde des portugieſiſchen Denkers übergegangen ſind. Zuvörderſt möge die Heranziehung einiger Sätze aus der„Ethik“ Spinozas, ſeinem Hauptwerk, zur Vergleichung zwiſchen dem univerſellen Denker und dem philoſophiſch angelegten Kaufmann Nathan dienen. In dem Kapitel über die Affekte iſt der Gedankengang Spinozas folgender:*)„Um auf den Standpunkt der Freiheit zu gelangen, bedarf es vor allem der Askeſe des Gemüts. Der Affekt muß in die Idee erhoben werden. Wenn wir imſtande ſind, die Gemütsbewegung zu befreien vom Gedanken an die äußere Urſache, ſo zerſetzen ſich Liebe und Haß und alle daraus fließenden Affekte. Auch zerſetzen ſich die Affekte, wenn wir ſie unter dem Ge⸗ ſichtspunkt der Notwendigkeit betrachten, denn was wir als frei denken iſt von ſtärkerer Gewalt auf uns als das, was wir als notwendig anerkennen. Die Trauer um ein verlorenes Gut ſchwindet, ſobald wir die Unmöglichkeit einſehen, dasſelbe länger zu beſitzen. Aus der klaren Erkenntnis Gottes erwächſt eine Liebe, die beſtimmt iſt ſich unſeres ganzen Weſens zu bemächtigen. Dieſe Liebe iſt rein intellektuell, und wie Gott ewig, ſo iſt auch die intellektuelle Liebe zu ihm ewig. Dieſe Liebe kann ſich auch nie in Haß verwandeln, denn es giebt nichts in der Welt, das ſie aufheben oder ſich ihr entgegenſtellen könnte. Durch die Verſenkung in die Eine ewige Subſtanz wird aller Egoismus in der Wurzel vertilgt. Gegenliebe von Gott darf man nicht verlangen, man müßte ſonſt bei ihm Luſt- und Unluſtgefühl vorausſetzen. Gott liebt und haßt niemanden. Dieſe Affekte fallen nur in das Gebiet des Endlichen. Dennoch iſt die amor intellectualis ein Teil von Gottes Weſen. Die Menſchenſeele, die durch den Er— kenntnisakt ſich emporſchwingt in die Gottesliebe, iſt nur ein Modus im unendlichen Weſen der Gottheit. Die Liebe, mit der der Menſch die Gottheit liebt, iſt die Liebe Gottes zu ſich ſelbſt. Die Eine Sub⸗ ſtanz iſt ja alles in allem, ſo iſt auch die Liebe zu ihr der Akt, in welchem die unendliche Subſtanz aus der endlichen Geſtaltung ihres Weſens zu ſich ſelbſt zurückkehrt. Die intellektuelle Liebe der Seele zu Gott iſt ein Teil der unendlichen Liebe, mit der ſich Gott ſelbſt liebt. Der Menſch, der wahrhaft iſt und denkt und liebt, iſt *) Freie überſetzung. Gottesteil. Aus der Liebe zu Gott entſpringt das Bewußtſein der Unſterblichkeit, andrerſeits das Gefühl der größten Seelenruhe. Je mehr man Gott erkennt, deſto mehr iſt das göttliche Sein in uns zum Durchbruch gekommen. Je ſtärker die Bekämpfung der Affekte, deſto mehr Fähigkeit empfängt der Körper und parallel damit der Geiſt. Die größte Seelenruhe, die unmittelbar als Blüte aus der intellektuellen Liebe hervorbricht, iſt das ſicherſte Zeichen der Weis⸗ heit.“ 2c. 2c. Alle dieſe Gedanken— nur konkreter gefärbt, der jeweiligen Situation angepaßt— treten uns gleichfalls in der Geſinnung Nathans entgegen. An der Klarheit und Ruhe, die über dieſer ganzen Geſtalt ausgebreitet liegt, brechen ſich die das Leben aufwühlenden und zerſtörenden Affekte. Die volle, einfache Überlegenheit eines klaren Kopfes, verſetzt mit einem leichten Anflug gutmütigen Spottes, zeigt ſich gleich anfangs im erſten Auftritt des erſten Aktes im Ge⸗ ſpräch mit Daja. Als dieſe darauf anſpielt, daß Rechas Retter wohl gar ein höheres Weſen, ein Schutzengel ſein könnte, entgegnet ihr Nathan launig: .. glaube mir; dem Menſchen iſt Ein Menſch noch immer lieber, als ein Engel. Man fühlt hier den bekannten Satz Spinozas heraus:„homo homini deus“. Auch als Recha ihrem Vater davon ſpricht, daß ſie ihre Rettung aus den Flammen nur einem Wunder verdanke, daß ihr Befreier, der Tempelherr, ein Engel geweſen ſein müſſe,— ſpricht Nathan ſanft die berichtigenden Worte: „Wie? weil Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge, Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr Gerettet hätte: ſollt' es darum weniger Ein Wunder ſein?— Der Wunder höchſtes iſt, Daß uns die wahren, echten Wunder ſo Alltäglich werden können, werden ſollen. Ohn' dieſes allgemeine Wunder, hätte Ein Denkender wohl ſchwerlich Wunder je Genannt, was Kindern bloß ſo heißen müßte, Die gaffend nur das Ungewöhnlichſte, Das Neuſte nur verfolgen“. Hierauf zeigt er der Tochter, daß ſie über ihrer Schwärmerei von einem Engel ganz den Menſchen vergeſſen hätte, welcher gar leicht in der Lage ſein könnte, dienſtfertige Freundſchaft zu brauchen. „Begreifſt du aber, Wie viel andächtig ſchwärmen leichter, als Gut handeln iſt? wie gern der ſchlaffſte Menſch Andächtig ſchwärmt, um nur,— iſt er zu Zeiten Sich ſchon der Abſicht deutlich nicht bewußt— Um nur gut handeln nicht zu dürfen?“ Mit edler Beſcheidenheit tritt er dem jungen aufbrauſenden Tempelherrn entgegen. Auf Gnade und Ungnade muß ſich der Braus⸗ kopf der geiſtigen und ſittlichen Überlegenheit des beſonnenen Mannes ergeben. „Verachtet Mein Volk ſo ſehr ihr wollt. Wir haben beide Uns unſer Volk nicht auserleſen. Sind Wir unſer Volk? Was heißt denn Volk? Sind Chriſt und Jude eher Chriſt und Jude Als Menſch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch Gefunden hätte, dem es genügt, ein Menſch Zu heißen!“ An der ruhig leidenſchaftsloſen Klarheit, mit der Nathan Welt und Menſchen betrachtet, nimmt Recha gleichfalls teil, ſowohl was die religiöſe Auffaſſung als die Beurteilung weltlicher Verhältniſſe anlangt. Auf die Frage des Tempelherrn, ob ſie vom Sinai wiſſen wolle, ob daſelbſt die Stelle noch zu ſehen, wo Moſes einſt vor Gott geſtanden, giebt ſie zur Antwort: „Nun das wohl nicht, Denn wo er ſtand, ſtand er vor Gott“. Auch bei ihr handelt es ſich nur um den Kern, nicht um das geſchichtliche Kleid eines Glaubens. Der geſchwätzigen Daja, welche ſich höchlich erſtaunt darüber zeigt, daß Recha die endliche Erſcheinung des Tempelherrn in ihrem Hauſe nicht in die größte Gemütserregung verſetzt hat, werden die verſtändigen Worte entgegengehalten: „Was Kält'? Ich bin nicht kalt. Ich ſehe wahrlich Nicht minder gern, was ich mit Ruhe ſehe“. In Nathans Händen laufen alle Fäden der Handlung zuſammen, er iſt dazu berufen, Einheit in die inneren und äußeren Verhältniſſe zu bringen, und überall zeigt er ſich als Herr der Situation. Die Blüte ſeiner geiſtvollen Dialektik iſt die bekannte Parabel von den drei Ringen, und in dieſer haben wir zugleich die Löſung des drama⸗ tiſchen Knotens zu erblicken. Gemäß dem didaktiſchen Zweck der Dichtung konnte dieſe Löſung nur auf dem Boden des Gedankens vor ſich gehen. Nicht Thatſachen als ſolche, ſondern Ideeen beleben den Gang der dramatiſchen Entwickelung. Auch die Blutsverwandt⸗ ſchaft, welche ſich am Schluß unter den Vertretern der verſchiedenen Konfeſſionen und Nationen herausſtellt, iſt zunächſt ſymboliſch auf⸗ zufaſſen. Es iſt nicht unweſentlich, daß Nathan, der bewußte, geiſtes⸗ klare Träger des Humanitätsprincips, ſich erſt durch innere fort⸗ ſchreitende Entwickelung zu dieſer Reife der Anſchauung emporgearbeitet hat. Wir erfahren das beiläufig aus ſeiner Erzählung an den Kloſter⸗ bruder. In Nathans früherem Leben lag Grund genug, um ſich gleichfalls in die ſtarre Einſeitigkeit ſeiner Nation zu verrennen. Waren doch ſein Weib und ſieben Söhne ein Opfer des chriſtlichen Glaubensfanatismus geworden. Da hatte Nathan, wie er ſelbſt be⸗ richtet, drei Tag' und Nächt' vor Gott im Staub gelegen, geweint, und auch wohl mit ihm gehadert, die ganze Welt verwünſcht und allen Chriſten heißen Haß geſchworen. „Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder. Sie ſprach mit ſanfter Stimm': und doch iſt Gott! Das war auch Gottes Ratſchluß das! Wohlan! Kommi! übe, was du längſt begriffen haſt; Was ſicherlich zu üben ſchwerer nicht, Als zu begreifen iſt, wenn du nur willſt. Steh auf!— Ich ſtand! und rief zu Gott: ich will! Willſt du nur, daß ich will!“ Alſo aus der richtigen Einſicht entſpringt das richtige Handeln. Daß Vernunftklarheit und Tugend ſich gegenſeitig bedingen, iſt ein Lieblingsgedanke des Rationalismus. Einen Juden machte der Dichter zum Vertreter ſeines rein menſchlichen Princips; denn in ihm hatte dieſes Princip den glänzendſten Sieg erfochten, weil es den mächtigſten Feind zu Boden geworfen hat. Der durch den Glauben ſeiner Religion zur ſtarrſten Ausſchließ⸗ lichkeit Verwieſene, befreit ſich durch die Macht des rein menſchlichen Gedankens zur Anerkennung des über alle Satzung, über jede exkluſive Richtung eines Glaubensbekenntniſſes erhabenen Menſchtums. Nur wer in ſich ſelbſt den Gegner völlig überwunden hat, iſt berufen, dieſen Feind auch in andern zu bekämpfen und zu beſiegen. Und das Princip der Duldung, welches Nathan vertritt, iſt bei ihm ein Reſultat des Lebens, das er einem harten Kampfe erſt abgewonnen und nach allen Richtungen in ſich ſelbſt durchgefochten hat.— Der ruhige, geräuſchloſe Gang der Handlung ſtimmt vollkommen zu der Tendenz des Gedichtes. Ein Werk, das uns von den nichtigen Außendingen dieſer Welt ſo ganz auf unſer Innerſtes, auf unſere reinſte Menſch⸗ lichkeit zurückführt, konnte und mußte ſogar durch einen gemeſſeneren Gang auf unſer Empfinden wirken. Nicht gewaltige Felſennatur, nicht ſtürzende Gewäſſer und brauſende Stürme ſind es, was uns hier umgiebt, ſondern wir wandern in einem heilig⸗ſtillen Haine, deſſen hohe und leiſe ſich bewegenden Wipfel in den Himmel zu ragen ſcheinen. David Friedrich Strauß hat Recht, wenn er in einer Vergleichung des„Nathan“ mit Mozarts„Zauberflöte“ dieſe beiden Werke als ſchon„aus einer beſſern Welt ſtammende Schöpfungen ihrer dem Heimgange nahen Schöpfer“ bezeichnet. „Wenn auch das Beſte von dem, was Leſſing dachte und ſchrieb, in der philoſophiſchen Bewegung ſeiner Zeit, die ihn nicht begriff, wirkungslos verſank, ſo ſtreute er doch Keime der größten Gedanken aus, welche ſpäter in der deutſchen Philoſophie zur Entfaltung kamen. Er iſt zwiſchen Leibniz und Kant der einzig ſchöpferiſche Kopf in der deutſchen Philoſophie; er iſt dem Schulpedantismus und der eklektiſchen Verarbeitung des Gegebenen gegenüber der einzige, welcher das deutſche Denken nicht nur mit einer Fülle anregender Ideeen, ſondern vor allem mit einem großen Princip befruchtet hat.“*) Leſſings„Nathan“ erſchien 1779, ein Jahr darauf die Schrift „Erziehung des Menſchengeſchlechts“, welche in großen, beſtimmten Zügen die Wahrheiten ausführt, welche in der Dichtung andeutungs⸗ weiſe und in populärer Form enthalten ſind. Auf den erſten Blick könnte es allenfalls ſcheinen, als ſei das Evangelium der Zukunft, *) Windelband, die Geſchichte der neuern Philoſophie in ihrem Zu⸗ ſammenhang mit der allgemeinen Kultur. — 60— das in„Nathan“ verkündigt wird, lediglich dasjenige der Moral und ſteure ſomit Leſſing in ſeinem poetiſchen Bekenntnis durchaus im breiten Fahrwaſſer des ſeichten Rationalismus.„Möglich— ſagt Windel— band— daß er, als er den„Nathan“ ſchrieb, hin und wieder der Tendenz: das wahre Weſen der Religion reſtlos in dasjenige der Moral aufzulöſen, einer Tendenz, die namentlich in ſeinen Freunden lebendig war, nachgab, und daß die unverkennbare Zurückſetzung, welche in dieſem Werke das Chriſtentum erfährt, dadurch mit bedingt war. Allein ſchon darin, daß Leſſings Darſtellung der Geſchichte von den drei Ringen wenigſtens die Möglichkeit offen läßt, einer von den drei Ringen ſei wirklich der echte, bricht eine andere Auffaſſung durch.“ Der hiſtoriſche Standpunkt, wenn er auch im allgemeinen in dieſer Dichtung gegen den rationaliſtiſchen und univerſaliſtiſchen zurück⸗ tritt, iſt doch niemals aufgegeben, bildet unſeres Erachtens vielmehr die feſte, unverrückbare Grundlage der ſittlichen Ideale, nach deren Verwirklichung Nathan ringt. Keinen Augenblick verliert Leſſing die Fähigkeit, den hiſtoriſchen Erſcheinungen gerecht zu werden. Er weiß, daß kein Kern ohne Schale wachſen kann. Durch und durch Individualiſt, vertritt er überall die hiſtoriſche Berechtigung und ſucht in echt Leibniz⸗ ſchem Geiſt zu zeigen, wie jedes Einzelweſen eine ganz eigene Aus⸗ prägung des Weltlebens iſt und als ſolche beurteilt ſein will. Alle Religionen gründen ſich auf Geſchichte—— ſie ſind nicht künſtlich gemacht, nicht Prieſtererfindungen, wie eine ein⸗ ſeitige Betrachtungsweiſe zu Leſſings Zeit anzunehmen geneigt war,— das iſt die Anſchauung, die auch Nathan vor Saladin vertritt. Aber die Geſchichte der Religionen iſt als eine fortſchreitende Erziehung des Menſchengeſchlechts aufzufaſſen, es liegt im Begriff der Entwick⸗ lung, daß die jeweiligen Formen und Faſſungen der Wahrheiten immer über ſich hinaus, auf eine höhere Stufe weiſen. Wenn die Völker, als Maſſe gefaßt, die hiſtoriſchen Formen aufrecht erhalten wollen und auf eine Zeit lang auch müſſen, ſo kann ſich doch bereits unter einzelnen eine Verſtändigung und Verſöhnung anbahnen. Die drei monotheiſtiſchen Konfeſſionen ſind heutzutage noch genau ſo ſcharf von einander getrennt wie vor hundert Jahren, als Leſſing ſeinen„Nathan“ ſchrieb, aber zwiſchen Individuen wird ſich immer von neuem jenes ſchöne Toleranzverhältnis herſtellen können, den ung, ingt tritt. hung wick⸗ eiten men kaun nung tage hren, wird 9 men, — 61— für welches der Dichter in ſeinem Werk einen, man kann wohl ſagen, ewigen Typus gefunden hat. Von welch tiefgehender Bedeutung die Fragen waren, welche Leſſing bewegten und im Nathan in einer im edelſten Sinne populären Form zum poetiſchen Ausdruck gelangten, wie dieſelben gewiſſermaßen das Material für die Geiſtesarbeit eines ganzen Jahrhunderts lieferten, das beweiſt unter anderem auch das Auftreten Emanuel Kants. Es iſt der Leſſingſche Geſichtspunkt, unter dem auch er die Geſchichte der Religionen betrachtet. Schlagen wir ſein Werk auf:„die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“— dasſelbe erſchien 1793, alſo vierzehn Jahre nach dem„Nathan“— ſo ſtoßen wir hier auf die nämlichen Anſchauungen, welche in Leſſings Dichtung bereits ſichtbar keimen. Da heißt es z. B. an einer Stelle:„Es iſt eine Folge der moraliſchen Anlage in uns, daß die Religion von allen empiriſchen Beſtimmungsgründen, welche auf Geſchichte be⸗ ruhen, allmählich losgemacht werde, und ſo reine Vernunft⸗ religion zuletzt über alle herrſche,„damit ſei Gott alles in allem“; die Hüllen, unter welchen der Embryo ſich zuerſt zum Menſchen bil⸗ dete, müſſen abgelegt werden, wenn er nun an das Tageslicht gelegt werden ſoll. Das Leitband der heiligen Überlieferung, welches zu ſeiner Zeit gute Dienſte that, wird nach und nach ent⸗ behrlich, ja endlich zur Feſſel, wenn er in das Jünglingsalter eintritt.„So lange er(die Menſchengattung) ein Kind war, war er klug als ein Kind, nun er aber ein Mann wird, legt er ab, was kindiſch iſt“—— Im höchſten Grade charakteriſtiſch für das Weſen der Schiller⸗ ſchen Muſe iſt die Geſtalt des Marquis Poſa. Goethe ſagt an einer Stelle von ſeinem Freunde:„Seine eigentliche Produktivität lag im Ideellen, und es läßt ſich ſagen, daß er ſo wenig in der deutſchen als in irgend einer andern Litteratur ſeinesgleichen hat. Durch alle ſeine Werke geht die Idee der Freiheit, und dieſe Idee nahm eine andere Geſtalt an, ſo wie Schiller in ſeiner Kultur weiter ging und ſelbſt ein anderer wurde“. Der erſte Repräſentant von Schillers Freiheitsideal iſt Karl Moor. In dieſer Natur iſt noch alles Sturm und Gährung, ihre Oppoſition gegen die Geſetze und Rechte, die„ſich wie eine ewige Krankheit forterben“, trägt durchgängig die Merkmale der Sturm⸗ und Drangperiode. Im„Fiesko“ — 62— ſchlägt das republikaniſche Selbſtgefühl und Unabhängigkeitsſtreben mächtige Wellen. In„Kabale und Liebe“ iſt es die Freiheit des Individuums, die freie Wahl der Herzen ohne Rückſicht auf den Standesunterſchied, welche der Dichter in Form eines ſocialen Problems einführt. In allen dieſen Dramen— wenn ſie auch übertreibungen und Ausſchreitungen der Phantaſie genugſam aufweiſen— iſt der die Vorgänge treibende Freiheitsdrang niemals ein rein willkürlicher, er iſt ſtets mehr oder minder an der Idee gemeſſen und erhält durch dieſe doch ſtets am Schluſſe ſein Korrektiv. Die in den Erſtlings⸗ werken vereinzelten Freiheitsſtrahlen vereinigen ſich im„Don Carlos“ zu einem ruhigen, mächtigen Lichtſtrom, der erwärmendes und er⸗ leuchtendes Leben um ſich verbreitet. Der enthuſiaſtiſche Freiheits⸗ drang, der in den vorhergehenden Werken ſolche titaniſche Anläufe genommen, erhält in der Poſa⸗Geſtalt ein ausgleichendes Gegengewicht durch ernſte Beſonnenheit des Charakters und ſichert ſich in dieſer Form die Lebensfähigkeit für alle Zeiten. Wäre Carlos, wie es doch wohl zuerſt im Plane des Dichters gelegen, der eigentliche Held der Tragödie geblieben, ſo würde die Begeiſterung für Volkswohl und Volksbeglückung nicht jenen unruhig flackernden Schein, in dem die Reden eines Karl Moor erglänzen, verloren haben, denn der ſpaniſche Infant ſteht ſeinem ganzen Weſen nach auf einer Stufe mit den Helden der erſten Dichterperiode Schillers, während die Geſtalt des Malteſerritters eine neue Phaſe einleitet. Je mehr ſich in des Dichters eigener Seele die Anſchauungen klären, je mehr die Hitze der Jugend einer ernſten, ſtillen, aber deſto nach⸗ haltigeren Begeiſterung weicht, deſto mehr wendet ſich das Intereſſe von Carlos ab und dem Marquis zu, welcher als ein„Bürger der Zeiten, welche kommen werden“, nunmehr als der berufenſte und bedeutendſte Träger von Schillers Weltanſchauung erſcheint. Das Humanitätsideal, wie der Dichter es in„Don Carlos“ niedergelegt hat, verbleibt jetzt zeitlebens bei ihm. Überhaupt hat Schiller nie— mals die Richtung ſeines Geiſtes verändert, ſondern nur erweitert und geläutert, aber die Ideale des Jünglings leben fort in der Bruſt des gereifte Mannes. Des Dichters eigene Seele ſcheint ſich in die Worte Poſas an die Königin Eliſabeth zu drängen: „Sagen Sie dem Prinzen, er für die Träume ſeiner Jugend — 63— Soll Achtung tragen, wenn er Mann ſein wird, Nicht öffnen ſoll dem tötenden Inſekte Gerühmter beſſerer Vernunft das Herz Der zarten Götterblume— daß er nicht Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit Begeiſterung, die Himmelstochter, läſtert“. „Schiller bleibt jung mit dem Helden ſeiner Jugend, in welchem er ſein innerſtes Weſen niedergelegt und aus ſich herausgeſtellt hat. Auch in den ſpäteren Dichtungen wirkt bei ihm das Poſa⸗Element nach— ſowohl in dem jugendartigen Aufſchwung des Gefühls und dem edlen ſittlichen Pathos, wie auch in jenem Freiheitsglauben, der noch in ſeinem letzten Drama, im„DTell“ ſo hell aufleuchtet. In dieſem wird die Idee der Freiheit, mit deren Verkündigung der Dichter begonnen, in dem verklärenden Lichte geläuterter Schönheit noch ein⸗ mal voll und ganz enthüllt. Als auf dem Rütli geſchworen wird, ſchreitet Poſas Schatten unſichtbar, aber vernehmlichen Schrittes hin⸗ durch, es ſpricht ſein Geiſt aus den Seherworten des ſterbenden Atting⸗ hauſen, als dieſer die Alpen im Morgenrote der Freiheit glühen ſieht! Der Geiſt des Poſaſchen Idealismus lebt ferner fort in den hiſtoriſchen und äſthetiſchen Studien Schillers, und die Briefe über die äſthetiſche Erziehung des Menſchen ſind faſt nur die philoſophiſche Ausführung des Gedankens, wie das Jahrhundert durch den pädagogiſchen Einfluß der Kunſt für das Ideal des Poſa reif gemacht werden ſolle.“*) In ſeinen äſthetiſchen Abhandlungen tritt Schiller nirgends als ab⸗ ſtrakter Äſthetiker auf. lieral geht er darauf aus zu zeigen: daß in der Schönheit auch die Freiheit enthalten ſei, überall waltet die Beziehung der Kunſt zum Staat, die Beziehung des vermittelſt des Schönen erzogenen Menſchen zum freien Staatsbürger. Das Staats⸗ bürgertum aber wird im Sinne des Weltbürgertums gefaßt, das Weltbürgertum iſt ein wiederholt ausgeſprochenes Schillerſches Credo: „Es iſt die Pflicht des Philoſophen wie des Dichters, zu keinem Volke und zu keiner Zeit zu gehören, ſondern im 8h Sinne des Wortes der Zeitgenoſſe und Bürger all Zeiten zu ſein“. In der Ankündigung der Horen kennzeichnet Sehiller ſeine Stellung zu ſeiner Zeit mit den Worten:„Je mehr das beſchränkte *) Vgl. Joſef Bayer. Intereſſe der Gegenwart die Gemüter einengt und unterjocht, deſto dringender wird das Bedürfnis, durch ein allgemeineres und höheres Intereſſe an dem, was rein menſchlich und über allen Einfluß der Zeiten erhaben iſt, ſie wieder in Freiheit zu ſetzen und die politiſch geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen“. All dieſe Gedanken treten uns bereits— wenn auch nur leiſe angedeutet— in„Don Carlos“ entgegen. Auch Poſa iſt feſt von der Idee durchdrungen, daß die Schönheit ein Erziehungs⸗ mittel zur Freiheit werden könne, und ſo benutzt er die Leidenſchaft ſeines Freundes für die Königin, um ihn durch dieſe hindurch zur ſittlichen Freiheit und höchſten Schönheit hinanzuführen. Die Liebe ſoll für Carlos ein Bad der Wiedergeburt werden. Seine Abſichten in dieſem Punkt legt Poſa der Königin vor ſeinem Ende mit edlem Freimut dar: 8 „Ich ſah ſie keimen, dieſe Liebe, ſah Der Leidenſchaften unglückſeligſte In ſeinem Herzen Wurzel faſſen.— Damals Stand es in meiner Macht, ſie zu bekämpfen. Ich that es nicht. Ich nährte dieſe Liebe, Die mir nicht unglückſelig war. Die Welt Kann anders richten. Ich bereue nicht. Mein Herz klagt mich nicht an. Ich ſahe Leben, Wo ſie nur Tod— in dieſer hoffnungsloſen Flamme Erkannt' ich früh der Hoffnung goldnen Strahl. Ich wollt' ihn führen zum Vortrefflichen, Zur höchſten Schönheit wollt' ich ihn erheben; Die Sterblichkeit verſagte mir ein Bild, Die Sprache Worte.— Da verwies ich ihn Auf dieſes meine ganze Leitung war, Ihm ſeine Liebe zu erklären“. Auf das ernſte Bedenken der Königin lautet ſeine Erwiderung: „—— ſollten Sie, Sie der Begierden edelſter ſich ſchämen, Der Heldentugend Schöpferin zu ſein? Was geht es König Philipp an, wenn ſeine Verklärung im Escurial den Maler, Der vor ihr ſteht, mit Ewigkeit entzündet? ung: Gehört die ſüße Harmonie, die in Dem Saitenſpiele ſchlummert, ſeinem Käufer, Der es mit taubem Ohr bewacht? Er hat Das Recht erkauft in Trümmer es zu ſchlagen, Doch nicht die Kunſt, dem Silberton zu rufen Und in des Liedes Wonne zu zerſchmelzen. Die Wahrheit iſt vorhanden für den Weiſen, Die Schönheit für ein fühlend Herz. Sie beide Gehören für einander. Dieſen Glauben Soll mir kein feiges Vorurteil zerſtören“. Des Dichters philoſophiſches Glaubensbekenntnis: durch Schön⸗ heit zur Wahrheit und Freiheit, kommt voll und ganz zur künſtleriſchen Erſcheinung in dem Gedicht„Die Künſtler“, welches mit den andern lyriſch⸗didaktiſchen Gedichten ähnlicher Art zu den edelſten Blüten des germaniſchen Geiſtes gehören. Mit der kühnen und frohen Botſchaft eines großen Völker⸗ frühlings, wie ſie Poſa verkündigt, iſt Schiller ſeiner Zeit weit voraus⸗ geeilt, ſomit ſeine eigenen Worte bewahrheitend:*)„Sowie die edle Kunſt die Natur überlebt, ſchreitet ſie derſelben auch in der Be⸗ geiſterung voran, bildend und erweckend. Ehe noch die Wahrheit ihr ſiegendes Licht in die Tiefen der Herzen ſendet, fängt die Dichtung ihre Strahlen auf, und die Gipfel der Menſchheit werden glänzen, wenn noch feuchte Nacht in den Thälern liegt“.—— Das achtzehnte Jahrhundert arbeitete ſich ab an der Aufſtellung von Reformideeen. Auf dem Gebiete der Religion ſuchte der Toleranz⸗ gedanke, dem durch das Augsburgſche Bekenntnis eine zu enge und frühzeitige Grenze geſetzt worden, ſich Raum und Geltung zu ver⸗ ſchaffen. In der Politik bildete ſich allmählich ein neues Staatsideal heraus, und in der Wiſſenſchaft ſuchte man nach neuen Wegen für die Erkenntnis der Natur und ihrer innerſten Geſetze. Dieſen Geiſtes⸗ ſtrömungen ſind unſere Dichter bald gefolgt, bald um ein gut Stück vorangeeilt, immer aber haben ſie dies nach den drei genannten Rich— tungen ausgreifende Streben ihrer Zeit in entſprechenden, lebensvollen Geſtalten zu verkörpern gewußt. Vertritt Nathan das Ideal religiöſer Duldung, Poſa die Forderung einer Monarchie mit garantierten *) Briefe über die äſthetiſche Erziehung des Menſchen. Grundrechten des Volkes, ſo lebt im Fauſt jener ungeſättigte Forſcher⸗ trieb, dem Tradition und Autorität kein Ziel zu ſetzen vermögen. Bei„Nathan“,„Don Carlos“,„Fauſt“ haben wir es in der That mit Gedankenprodukten zu thun, die ſymboliſch für ihre Zeit waren, ja, die vermöge ihrer intenſiven Leuchtkraft auf weite Strecken hinaus das Gebiet erhellten, auf welchem die kommende Generation ihre Kulturarbeit zu verrichten hatte. Mit einem gewiſſen Gefühl des Zögerns tritt man an einen ſo viel behandelten Stoff wie den des Goetheſchen Fauſt heran. Im Laufe der Jahre iſt die Fauſt⸗ litteratur zu einem unglaublichen Umfange angeſchwollen, aber noch immer ſcheinen Luſt und Fähigkeit zu neuen Forſchungen auf dieſem Gebiet nicht erloſchen zu ſein.*) Da das Allgemeinſte nebſt dem Individuellſten im Goetheſchen Fauſt enthalten iſt, ergeben ſich zwanglos immer neue Seiten der Betrachtung. Der Gedankengehalt des Fauſt iſt von typiſcher Be⸗ deutung ſowohl für das Ringen der ganzen Menſchheit als auch ſpeciell für das der deutſchen Volksſeele, ein treuer Spiegel deutſcher Verirrungen und Geiſteskämpfe. Dieſer allgemeine Ideeengehalt iſt zum Zweck der Anſchaulichkeit in durchaus individueller Geſtalt ge⸗ boten und in dieſem Individuellen hat ſich des Dichters eigenes Leben und Streben ſelbſt zum Austrag gebracht.„Mit dem allgemeinſten Gedankengehalt verbinden ſich noch beſondere Verhältniſſe des Dichters, wodurch das Allgemeine der tiefſte Ausdruck perſönlicher Stimmung wird und dadurch ſo ergreifend wirkt. Es bewährt ſich wieder an *) Gerade jetzt iſt die„Wiſſenſchaft, welche auf den Namen Goethe getauft iſt“, an einem Wendepunkt von epochemachender Bedeutung angelangt, da das Ausſterben ſeiner Nachkommenſchaft und die Liberalität des Weimaraner Fürſtenpaares die bisher vor Unberufenen und Berufenen verborgen gehaltenen Schätze des Goethehauſes endlich der Nation erſchloſſen und damit erſt das unentbehrliche Fundament für eine umfaſſende Lebensgeſchichte und eine authentiſch⸗kritiſche Ausgabe der ſämtlichen Werke Goethes geſchaffen hat. gon der überreichen Fülle des in ſechs dichtgefüllten Schränken vorgefundenen Materials, deſſen Durchforſchung und Publikation die nächſte Aufgabe der neugegründeten Goethe⸗Geſellſchaft bilden wird, kann man ſich aus den von Otto Brahm(im Auguſt⸗Heft der„Deutſchen Rundſchau“) gemachten Mitteilungen eine annähernde Vorſtellung machen. In Bezug auf den„Fauſt“ heißt es: Reichlich fließen die Quellen zum erſten und noch mehr zum zweiten Teil des Fauſt! ₰ 4 — 67— dieſer Poeſie ſo recht augenfällig, daß auch der höchſte philoſophiſche Gedanke nur dadurch poetiſche Kraft und Geſtalt gewinnt, wenn er in der Form des perſönlichen Erguſſes und durchlebter Stimmung auf uns eindringt. In dem erſten Monologe des Fauſt, in dem Ausdruck ſeiner Wiſſensqualen, in ſeinem ungemeſſenen Streben, ſich durch einen Akt der Begeiſterung unmittelbar in Einheit mit dem Objekt zu ſetzen und die Kluft von Denken und Sein aufzuheben, pulſiert die Triebkraft der ganzen Sturm⸗ und Drangperiode, welche bei Goethe zu einem Ferment ſeiner eigenen Entwicklung ge⸗ worden iſt, während andere an ihr zu Grunde gegangen ſind. Der urſprüngliche Entwurf der Tragödie ſällt in die Zeit, wo man überall und namentlich in der Kunſt mit dem Formalismus, mit dem durch Üüberlieferung Geltenden brach und an die Stelle desſelben die un⸗ mittelbare, ungebrochene Kraft des Gemüts ſetzte. Dem Pedantismus und der toten Form gegenüber war dieſer Bruch, die Berufung auf die Allmacht des menſchlichen Herzens höchſt berechtigt, denn der Geiſt war darin von dem richtigen Inſtinkte geleitet, daß aus dem Schoße der Innerlichkeit allein jene Form entſpringen müſſe, welche ſich der Geiſter bemächtigen wolle. Aber in dieſer Berufung auf die Unmittelbarkeit des Herzens, in der Abkehr vom Formalismus, ver⸗ höhnte man zugleich die Formbildung ſelbſt, die Beherrſcherin des Stoffs und geriet in das Schrankenloſe. Darin lag die Gefahr dieſer Periode. Ganz auf dieſem Boden, ins Ungewiſſe, Schrankenloſe hinaus zu ſtreben, ſich der Form, der Vermittlung, der Schranke zu ent⸗ ſchlagen, ſteht Fauſt auf dem Gebiete des Gedankens. Er will un⸗ mittelbar ſchauen, was nur durch Vermittlung, durch Zerlegung, durch die Arbeit des Beſondern unſer Beſitz werden kann. Fauſts Recht iſt das Recht der Poeten der Sturm⸗ und Drangperiode der toten überlieferung gegenüber. Wie dieſe ſich einer alt und hohl gewordenen Form entwinden, ſo kehrt ſich der Denker Fauſt gegen den For⸗ malismus der Wiſſenſchaft, welche den Trieb des Geiſtes nach Er⸗ kenntnis des Univerſums nicht befriedigen kann. Wie aber die Stürmer und Dränger mit der berechtigten Abkehr von der alten überlieferten Form zugleich die Form überhaupt und die Schranke verſchmähen und daher ins Formloſe abirren, ſo verkennt der Denker Fauſt, in⸗ dem er die Unzulänglichkeit des wiſſenſchaftlichen Formalismus für die Erkenntnis der Wahrheit erfahren hat, damit zugleich die Wiſſen⸗ 5 — G68 ſchaft überhaupt. Sein Schmerz über die Ohnmacht der Wiſſenſchaft ſeiner Zeit wird zu einer Verurteilung der Wiſſenſchaft überhaupt, als des einzigen Mittels, um ſich des Objekts zu bemächtigen und der Natur ihre Geheimniſſe abzufragen. Man ſieht hieraus, wie innig der Standpunkt Fauſts in dieſem Monologe mit der ganzen Zeit und Zeitſtimmung zuſammenhängt, der die Geſtalt des Frag⸗ ments Fauſt entſprungen iſt. Fauſts Zuſtand der Verzweiflung am Wiſſen iſt ein ebenſo notwendiger Durchgangspunkt zur wahren Be⸗ deutung und Macht der Wiſſenſchaft, als die Sturm- und Drang— periode in der Poeſie zur Herausbildung der künſtleriſchen Form und des allgemein menſchlichen Gehalts.“*) Man kann ſich dem Reiche der Ideale auf doppelte Weiſe zu nähern ſuchen, einerſeits durch das theoretiſche Streben, ſie erkennend zu erwerben und zu durchdringen, und andererſeits durch das praktiſche Bemühen, ſie arbeitend und ſchaffend zu realiſieren. Fauſt beginnt mit dem erſteren, geht durch die ſinnliche Realität und die Welt der Schönheit hindurch und endet bei dem letzteren. Ebenſo gut aber könnte der Entwicklungsgang ſich umgekehrt vollziehen: nachdem die Kraft Fauſts ſich der praktiſchen Verwirklichung der Ideale gewidmet, wendet ſie ſich ſpäter ausſchließlich den theoretiſchen Studien zu,— aber Goethe hatte das richtige Gefühl, daß er ſeinen Fauſt den erſten Weg von der Theorie zur Praxis einſchlagen ließ, weil dies die Signatur des deutſchen Volksgeiſtes iſt. Daß die Geſtalt des Fauſt ein eigentümliches Produkt des Germanentums iſt,— daß z. B. die leichten, beweglichen, heißblütigen Romanen dem grübelnden Denker in Don Juan, dem Manne des Genuſſes, den entſprechenden, ihre Volkstümlichkeit bezeichnenden Typus entgegengeſtellt haben,— iſt ſchon oft erörtert worden. Wie ſehr Fauſt an kulturhiſtoriſche Beſonderheiten geknüpft iſt, werden wir inne, wenn wir den äußern und innern Aufbau der Goetheſchen Dichtung betrachten. Trefflich hat es der Dichter verſtanden, dem allzugedankenhaften Stoffe die Farbe des Lebens anzupinſeln. Fauſt, der abſolute Menſch, der Repräſentant des geiſtigen Ringens der Menſchheit, der ſchließlich doch über die nationalen Bedingungen hinauswächſt und ſich zum Menſchheitsideal ſchlechthin erweiterte, er tritt uns entgegen in der Beleuchtung des *) Rötſcher, Jahrbücher für dramatiſche Kunſt und Litteratur. — 69— deutſchen Mittelalters. Im Grunde iſt Goethes„Fauſt“ ein mo⸗ derniſiertes Myſterienſpiel und will und kann ſeine mittelalterliche Grundlage nicht verleugnen. So entſprechen die drei Entwickelungs⸗ phaſen, welche Fauſt zu durchlaufen hat, den drei Abteilungen im Myſterienſpiel: Himmel, Hölle, Erde. Goethe verlegt zudem den Schau⸗ platz der Handlungen abwechſelnd in dieſe drei Welten, und Fauſts inneres Leben befindet ſich bald der einen bald der anderen nahe. Die magiſche Tonart von Anfang und Schluß der Dichtung ſtreift gleichfalls an das Myſterienſpiel, und durch dieſes waren auch die komiſchen Elemente gegeben. Die Versform iſt im allgemeinen noch die von Hans Sachs. Die holzſchnittartige Charakteriſtik der Figuren, der loſe Zuſammenhang unter den Scenen, die Miſchung von Pro⸗ fanem und Heiligem, all die Freiheiten, die ſich das Faſtnachtsſpiel in ſpäterer Zeit gönnte, Anſpielung auf die Zeitereigniſſe in ſym⸗ boliſcher und allgemeiner Form— all das iſt ganz im Stil der alten Myſterien. Das ſechzehnte Jahrhundert verſtand im Drama nur eine Abwechſelung von Dialogen, und das Hineinragen über— natürlicher Weſen beeinträchtigte nicht die Zurechnungsfähigkeit der menſchlichen Perſonen. Die Muſik— man denke an die Geiſterchöre im Goetheſchen„Fauſt“— umſchwebte das Ganze und diente dazu, die Stimmung auf die rechte Höhe zu bringen und in einen Duft zu verſetzen, der das Geiſterreich leichter verträgt und annehmbarer macht. Das eben Geſagte gilt weſentlich von dem Formellen der Dichtung; was den Inhalt anbetrifft, ſo iſt derſelbe durch die Maſſe des in ihm zur Verarbeitung gekommenen Stoffes von durchaus univerſaler Natur. Beinahe nichts, was für das Geiſtesleben der Menſchen des acht⸗ zehnten Jahrhunderts von Intereſſe war, iſt hier unberührt geblieben. Faſt iſt der Rahmen— der ſich aus den Zügen der Sage und des Volksſtücks zuſammenſetzte zu enge, um dieſe Ideeenfülle zu um⸗ ſpannen. Von einer Einheit der Handlung kann man demnach auch ſchon nicht im erſten Teile der Dichtung reden, nur von einer leitenden Idee, die das Ganze durchzieht, oftmals aber von der Maſſe des herandrängenden Stoffs durchkreuzt und verdunkelt wird. Drei Kultur⸗ epochen ſind im Goetheſchen Fauſt ineinander geſchmolzen: Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Zwei Religionen, ſtellenweiſe mit einander verſchlungen, ſpielen darin: Heidentum und Chriſtentum, erſteres als antikes und germaniſches. Selbſt zwei Welten der Kunſt reichen ſich — 70— da die Hand: Volkspoeſie und Kunſtpoeſie, letztere ſich wieder in antiken und romaniſchen Stil zerlegend. Ferner begegnen wir der Dreiheit der Sphären: Wiſſenſchaft, Kunſt und Staat, und das Moment des Staates hängt mit dem letzten Gegenſatze, dem von Theorie und Praxis zuſammen. Vom erſteren geht Fauſt aus und ſchließt mit dem letzteren. „Die Fauſtſage hat die Beſtandteile anderer älterer Sagen in ſich aufgenommen und das in ſich konzentriert, was bereits frühere Jahrhunderte beſchäftigte. Daher der Reichtum an Motiven und Kern⸗ gedanken, die ſich im Fauſt abgeſetzt haben. Im griechiſchen Pro⸗ metheus finden wir Anklänge an den in der Fauſtgeſtalt ſich ver⸗ körpernden Titanismus. Ferner iſt der Grundgedanke des Buches Hiob benutzt, was vornehmlich im Vorſpiel des Goetheſchen„Fauſt“ zutage tritt. In der Sage vom ewigen Juden, ſofern ſie das Ruheloſe und Friedloſe des von ſchwerer Schuld gepeinigten Menſchengeiſtes verſinnbildlicht, laſſen ſich gleichfalls Bezüge zur Fauſtſage entdecken. Die mittelhochdeutſche Erzählung vom heiligen Theophilus, der einen Pakt mit dem Böſen ſchließt und nur durch Fürſprache der gnaden⸗ reichen Jungfrau Maria ſein verſcherztes Seelenheil wiedergewinnt, enthält auch verſchiedene Berührungspunkte mit der Fauſtgeſchichte. Vor allem aber ſind es in der mittelalterlichen Poeſie zwei Geſtalten, die in inniger Verwandtſchaft zur Fauſtidee ſtehen: Parzival und Tannhäuſer. Die düſtere Figur des Dänen Hamlet, der in ſeinem Streben nach Vertiefung zu einem Grübeln über die Daſeins⸗ rätſel verfällt, hat man nicht ohne Grund den Shakeſpeareſchen Fauſt genannt. Im romaniſchen„Don Juan“ haben wir das Fauſt⸗ princip nach ſeiner erotiſchen Seite hin vertreten.“*) Formelle und materielle Verſchiedenheiten unterſcheiden die beiden Teile der Dichtung von einander: der erſte enthält dem Plane nach die wachſende Schuld Fauſts, der zweite muß die ſtufenweiſe Klärung ſeines Geiſtes aufzeigen. Der erſte Teil ſpielt in der ſogenannten kleinen Welt, der zweite in der großen Welt. Aus der Maßloſigkeit ſeines Strebens gelangt Fauſt zur Selbſtbeſchränkung. Aus dem ſelbſtſüchtigen Streben geht er zum Gemeinnützigen über. Der Kultus der Sinnlichkeit wird zum Kultus der Schönheit, die peſſimiſtiſche Auffaſſung wird zur optimiſtiſchen. Gemeinſam iſt beiden Teilen die *) H. Normann, Perlen der Weltlitteratur. Bd. IX. — 271— Miſchung des Geiſterhaften mit dem Menſchlichen, ferner die möglichſt treue Anſchließung an die Volksſage. Man hat beſonders eingehend die Frage erörtert, ob Goethe nicht beſſer daran gethan, ſeinen Fauſt in die Bewegungen der damaligen Welt, in das Reformationszeitalter, hätte einführen ſollen, anſtatt ihn in eine reine phantaſtiſche Welt zu verſetzen. Andere meinten: Goethe hätte ja den Fauſt auch nach Amerika ſchicken können, überhaupt in ein konkreteres Leben. Die dergleichen Meinungen aufwerfen, laſſen ganz außer Acht, daß dann das ganze Fauſtproblem ſeinem eigentümlichen Elemente entrückt und auf einen Boden verpflanzt worden wäre, auf dem es nicht hätte ge⸗ deihen können. Dann erſt wäre ein unerträglicher Dualismus ent⸗ ſtanden. Fauſt iſt ja eben kein Wilhelm Meiſter, und ihn mit den Reformatoren zuſammenzubringen, wäre ebenfalls kein glücklicher Griff geweſen. Wenngleich ſein Name in der Reformationszeit in Witten⸗ berg auftaucht, ſo ſteht er doch in gar keiner innern Beziehung zu der reformatoriſchen Bewegung, ſein Leben gehört der Sage, nicht der Geſchichte an. Der ſchon oben erwähnte Äſthetiker Joſef Bayer ſagt:„Fauſt iſt im erſten Teil noch ein Individuum mit voller poetiſcher Wärme erfaßt und geſtaltet, im zweiten Teil iſt er nur mehr eine Perſonifikation, ein Gedankenweſen, an welches ſich Gedankendinge aller Art ſchatten⸗ haft herandrängen, faſt nur noch der bloße Vereinigungspunkt für Apercus und Anſchauungen, die ſich ſpäter in Goethes Geiſt an⸗ ſammelten“. Unverkennbar wird das Individuelle völlig ins Typiſche erhoben, und den Geſtalten haftet daher eine gewiſſe Vieldeutigkeit an. Schon aus dieſem Grunde ſollte man von dem Verſuche abſtehen, den zweiten Teil auch für die Bühne einzurichten.*) *) Was die Frage der Aufführbarkeit des Fauſt auf der Bühne anbetrifft, ſo verhielt ſich anfangs der Dichter ſelbſt ihr gegenüber außerordentlich reſerviert, wie ſeine Außerungen in Briefen und überlieferten Geſprächen be⸗ weiſen. Während er jedoch gegen eine Aufführung des erſten Teiles ziem⸗ lich eingenommen war, zeigte er ſich einer Bearbeitung des zweiten Teiles als Oper durchaus nicht abhold. In den„Geſprächen mit Eckermann“ ſagt Goethe:„Mozart hätte Fauſt komponieren müſſen. Meyerbeer wäre vielleicht dazu fähig, allein der wird ſich auf ſo etwas nicht einlaſſen, er iſt zu ſehr mit italieniſchen Theatern verflochten“. Wenn der Dichter den Ideeengehalt auch in die dramatiſche Form goß, ſo leitete ihn dabei ungefähr der nämliche künſtleriſch⸗ plaſtiſche Trieb, welcher den Plato beſtimmt, ſeine Philoſophie in der Dialogform objektiv werden zu laſſen. Wenn auch die Figuren des zweiten Teils keine toten Allegorien ſind, ſo entbehren ſie doch jeder konkreten Lebensfarbe, das Symboliſche überwiegt vollſtändig. Weſen wie Euphorion und Homunculus ſind ja nichts weiter als die Perſonifikation einer Menge von theoretiſchen Einfällen. ·„1 —————— A(hapter- from an Attempt of a(ritique of the Chronologies of Shakespeare’'s Plays bV Clemens Theisen. Introductory remark. From an essay intending to put Shakespeare students in mind of what every Shakespeare scholar knows well enough, but what a student perusing his favourite critic, and captivated by the amount of learning and ingenuity displayed there, may forget, viz. that the sorts of evidence which enable us to arrange Shakespeare's plays in chrono-— logical order, such as dates of printing, allusions in the plays, metre, language and style, power of characterization, etc., etc. do not lead to any sure result,— an essay which tries to do this, placing, side by side, as much as possible with their own words, the contradictory opinions of eminent critics, I choose a chapter only according to the space allotted to me here. Power of characterization. The reader of a poet's works mostly will receive an impression about the age of his author, may the latter eversomuch keep in the background and never intrude upon him by moralizing and reflecting. According to the reader's own age and bent of mind, he will be attracted by a certain writer, or by a certain epoch in his author's writings. C. Hebler makes the excellent remark:„Goethe's cha- racters reflect his own self; Schiller's, in the first place, 76— rise above him up to his own ideals, but in this short cir- cuitous path, they also point to the poet who is personally full of these ideals; in Shakespeare's characters, however, we completely forget the poet himself. He, as a rule, neither gives his own experience like Goethe, nor does he pass before us as a person full of feeling and of thought, like Schiller, but makes the impression of being able to represent the life of every possible kind of foreign character as if it were his own,... he shows a power of transformation and self- abnegation, in which no Garrick can equal him“. And yet the characters whom the poet chooses with predilection, and the manner in which he depicts them, will be different in the different periods of his life; thus we feel that Shake- speare's merry comedies and mighty tragedies cannot have grown side by side. A poet's characters, therefore, may allow us a conclusion as to the period in which he created them. We can study the growth of the poet's mind, but in such a study much of the student'’s individuality, his mental organization and training, and thus acquired opinions and tastes, of his experience and environment comes in; his study always will be a subjective one. The power of characterization shown in delineating the characters, especially the principal character or characters of a play is one of the evidences for assigning to it its place in the chronological order. The impression we receive of a character is a spontaneous one, but on spontaneous impressions a classification and chronology cannot be founded; we try to account for our estimation of a character by the analysis of it, and thus we enter the domain of aesthetic criticism. Shakespeare scholars greatly differ in their appreciation of this branch of Shakespeare literature.„There are two ways by which the critic may arrive at his object“, says Ulrici,„the historical and the aesthetic. In the present day the former is generally the more popular, partly because both genuine and counterfeit thoughts are daily brought into the market in such quantities, that the price of the commo- yet and t in ake- have may ated -— T 1 dity is falling, partly because the realistic tendency of our age is inclined to consider all aesthetic criticism and philo- sophy, all ideas and regulating conceptions, as mere freaks of the imagination... Aesthetic criticism views the artistic work purely by itself, and endeavours to understand it simply by the power of perceptive thought, and to point out its meaning from within itself“. It ought to do so, but how difficult it is, has already been hinted at, and will be shown by some quotations. Grillparzer(Sh. Jahrbuch XVIII, 1883, Grill- parzers Sh.-Studien. Mitgeteilt von Wilh. Bolin) says:„But with this extending interest for the great poet, the literature of commentaries sprang up, which, from Franz Horn and Tieck to Gervinus, has taken all pains possible to render the most intelligible of all poets unintelligible... With a favourite author of a remote period, they(the romantic school) are in the relation of a man to a child, richly gifted, that they admire, and to whom they feel superior at the same time, which is a gratification as well to their love of art, as to their vanity. The principal treat for the admirers of Shake- speare is to put in things of their own, that never will enter into the head of all other men“. F. A. Leo(Sh. Jahr- buch XV, 1880, S. 8) says:„As every man feels to be in the presence of his own god, and presses the stamp of his individuality upon the revealed god, thus between every reader and the poet's persons a personal relation springs up. In one point only these readers differ from one another; the greater number keep their conceptions in their heads, or unconsciously in their hearts, and keep them chaste, as a girl does her first love; a smaller number, but of great weight, feel the vocation to go forth as apostles, and to preach to the heathens; and what confusion do they cause! Since there is no positive truth in these things, the individual opinion is truth for every one, and if an interpretation of Hamlet were doubtlessly false, and acknowledged to be so by all parties, it yet is just for the individual in whose head it has taken birth“. Mézières says(Shakespeare. ses oOeuvres et ses Critiques, VIII) that books have been written on 78— Shakespeare, in which the author departed from him already in the first pages, in order to solve, in his own manner, some aesthetic problem, that, in Germany, since Schlegel, Shakespeare has served as a pretext for the most bizarre reveries. If Leo allows the works of so eminent men as Ger— vinus, Ulrici, and Kreyssig naturally to have high merit in the most different ways, in form and contents, and Furnivall writes:„The profound and generous Commentaries of Ger- vinus— an honour to a German to have written, a pleasure to an Englishman to read— is still the only book known to me that comes near the true treatment and dignity of its subject, or can be put into the hands of the student who wants to know the mind of Shakspere“; Fleay(Shakespeare Manual, p. 105) thinks:„Books about Shakespeare, called aesthetic, are best eschewed entirely, until a distinct opinion has been formed from independent study(Among the best of these are Gervinus, Ulrici, Dowden, Hazlitt)“. Storm (Englische Philologie I., Heilbronn 1881) classifies the com- mentaries of Ulrici and Gervinus as prominent works, but somewhat one-sided, Kreyssig's Lectures on Shakespeare, bis time and his works as popular lectures„of little im- portance in literary point of view“(Jahrb. I, 457), whereas Dowden gives his opinion in the following manner:„Gervinus's Commentaries full and Jaborious; Kreyssig's Vorlesungen über Shakspere and his smaller Sh.-Fragen, the best German literary criticism on Shakspere. Ulrici's Shakespeare's Dra- matische Kunst is highly esteemed in Germany, and has been translated; but Ulrici reads ideas and philosophy of his own into Shakspere“. After having shown how little the admirers and student of our poet agree on the worth of aesthetic criticism, and in the estimation of eminent critics, I wish to add a few lines on the different interpretations and estimations which thie characters in our poet's plays themselves have undergone, in order to prove that the opinion we form about the more or less powerful characterization of the persons, or principal — 10— persons of several plays, even if supported by the judgment of critics of note, does not entitle us to arrange them accor- ding to it in chronological order in their period, not even to assign them to a certain period, if we regard the strict chronological order in the same period as unessential:„Whethen Macbeth preceded Othello, or Othello, Macbeth, need not greatly concern us“.(Dowden). The striking vitality and force of Shakespeare's charac- ters is not to be doubted, but as to their range and nobility a controversy has been possible. Ulrici, Gervinus, Dowden assign, also in these qualities, the very first place to the creations of our poet, and naturally hold not only his genius, but also his mind in equally high estimation. Dowden places the poet whose great energy of will conquered the sensitive- ness and passion of his heart, above the noblest poets Rümelin finds in this point of view his characters, accordingly, his mind inferior to Goethe's and Schiller's. If the question about the estimation of Shakespeare in general was started, I could mention that Voltaire spoke of him as of un sauvage ivre; that Victor Hugo„has celebrated him in a volume of eulogy almost unqualified, often injudicious, but always the writings of a man of genius“(Dowden); that Taine(Histoire de la Littérature anglaise, II, p. 164) calls him„une nature d'esprit extraordinaire, choquante pour toutes nos habitudes françaises d'analyse et de logique,... poétidque, immorale, inspirée, supérieure à la raison par les révélations improvi- sées de sa folie clairvoyante“, etc., etc. Besides the knowledge of the world, of foreign coun- tries, the learning displayed, especially the legal attainments, it is just the nobility of his characters that has been allegedl in proof against his authorship of the plays. In the Bacon- Shakespeare controversy, Appleton Morgan(The Shakespearean Myth, Gincinnati 1881) supports the hypothesis of Delia Bacon, defended by Nathanael Holmes, O. Follett, and others, at least so far, as to state that Shakespeare cannot be the author, leaving undecided, if Southampton, Raleigh, Essex, Rutland, Montgomery, and Bacon were among Shakespeare’s friends who wrote them. Pointing to the excellency of the characters, he holds that William Shakespeare who left Stratford suddenly from equivocal, immoral motives, who then rose in London as manager of a theater to considerable wealth, in a relatively short time, who afterwards returned to his birth-place and invested his money profitably there, now and then took the law of a debtor, remaining behind in payment, and left his second best bed to his wife by his will, impossibly can be the author of Hamlet, Lear, aud Julius Caesar; and he supports it in such an able manner, that even Gustav Körting(Encyklopädie und Methodologie der Romanischen Philologie, II, S. 376, Heilbronn 1884) says: „If afterall Shakespeare really is the author of the works that go by his name, which according to Morgan's investi- gations appears to be very questionable...“ On the other hand, an opponent to the Bacon hypothesis, in a book that cannot be called a clever one(George Wilkes, Shakespeare from an American stand-point of view) from the very same characters of the plays found him out to be a catholic, monarchist, aristocrat, despiser of the poor, and a man of very moderate accomplishments, who very well may be the author of those plays. What greatly different interpretations have not many of Shakespeare's characters undergone! What different qualities have not been discovered in Hamlet's! He was feeble and irresolute, and the contrary:„The opinion that Hamlet is by no means wanting in courage, energy and manliness— which opinion, as far as I know, I first maintained, in opposition to Goethe and Schlegel, is now shared by Rötscher, Gehrt, von Friesen, Rossmann, Hebler, Rümelin, K. Köstlin, Tschisch- witz, Genée, and others“(Ulrici). He was„latently resolute“ (Werder), noble and mean, clever, even acute, and stark mad; so William Leighton(Philadelphia 1882):„Mad? So only can we reconcile him with himself and give him a con- sistent, understandable character. Mad? So only has the play a continuity of purpose... Mad? So only is Prince Hamlet noble“. Eduard P. Vining(The Mystery of Hamlet, -OTKS vesti- hand, annot Im all which sitjon gehrt, nisch- lute“ stark ? 8So 1 Coh- s the erinct 1 an jet, 8 4 Philadelphia 1881) even goes as far as making him a princess, educated as prince, because a male heir was wanted.„It is not claimed that any such thought was in our immortal poet's mind, when first he conceived and put the drama into shape: the evidence is strongly to the contrary. It is not even claimed that Shakespeare ever fully intended to represent Hamlet as indeed a woman. It is claimed that in the gra- dual evolution of the feminine element in Hamlet's character the time arrived, when it occurred to the dramatist that so might a woman act and feel, if educated from infancy to play a prince's part, and that thereafter the changes in the character and in the play were all in the direction of a de- velopment of this idea. Very possibly the poet half juggled with himself in the matter.“ I mention Shylock, who has been thought— for instance by Lee and Grätz— drawn to amuse the mob, and call to their minds a cruel execution, and who has been brought on the stage according to this interpretation, throwing back on the poet himself the blame of being a predecessor io antisemitism. Shylock, on the other hand, has been inter- preted— for instance by Ihering and Honigmann— as a martyr, as the typical figure of the jew in mediaeval times, that outcast from society, who vainly cried for right; and how could it be otherwise, in their opinion, with our noble humane poet? Citing Leighton and Vining, I have transgressed the limits of my task, viz. to prove by the testimony of sober man and able critics that the same character may be ascribed to the poet„in the workshop“, and to the poet„on the heights“, and that the play may be placed accordingly in the chrono- logical order, that this may be done the more easily, if the critic's opinion is biased by other evidence: metre, language, style etc. And now I choose a few examples among our poet's creations. The date of a Midsummer Night's dream is a disputed one, and the delineation of the characters has been alleged as an argument by either party in the controversy. 6 Malone thinks that a piece the principal persons of which are so void of character, and the plot of which is so poor and uninteresting must certainly be supposed to have been one of the earliest compositions of the poet; the beauties that adorn it not being a contradiction, since Shakespeare's genius, also in his minority, knew to raise the coarsest matters with the warmest colours. Therefore he assigns this play to the year 1595. Drake, who has alleged many reasons to set right the critique of Malone, nevertheless pretends to find in this play a barren plot, want of character, and the pro- duction of fiery youthful power and inexperience. He fixes its date two years earlier than Malone. Ulrici says:„It is self-evident that no eminent, staid or thoroughly consistent characters could take part in such a play. Only the most common aesthetic misapprehension could, in this case, demand a sharp delineation of character true to nature. Hence all the figures— in accordance with the sense and spirit of the whole— are throughout drawn in a kind of wavering chiaro- scuro, with but a few light touches and no strong shades whatever. All are full of feeling and imagination, full of self-will and caprice, or, like Bottom and his associates, full of grotesque folly. Ordinary criticism, however, generally clings to the delineation of characters— a criterion readily discernible— and judges the value of the dramatic poem from this one point alone. This accounts for the fact of the earlier English and some of the recent German critics forming so poor an estimate of this play, and for their placing it as far back as possible into the days of the poet's youth... From internal evidence I am inclined to assume that 1596— 97 was the year in which the piece was composed. For, in spirit and character, it agrees so entirely with the works belonging to the close of the second period of Shakespeare's career, that it would be difficult for any one to separate it from these“. After hearing critics that place this play among the early comedies, because the characters are superficially de- lineated, we heard Ulrici who allows this to be true, but hich Door been uties are's tters play ns to fixes lt is Stent most mand e All f the 89 who places this play in the poet's second period, because the characters are delineated just in harmony with the nature of the subject, now we will hear Adolf Schöll, with whose view of this comedy in other points Ulrici much sympathizes, but who denies this kind of characterization expressly; he says:„I cannot allow at all that the characters of the im- portant persons in a Midsummer Night's dream(Theseus and Hippolyta, who stand rather above the action, Oberon and Titania, who actively and passively are much engaged in the action, and the Athenian vouths and maidens, moved by the sufferings and adventures of love) are drawn with but⸗ few light touches„in a kind of wavering chiaroscuro“. They are drawn with broad touches, in warm tints as individualities, in such a manner as, to the Athenian princely couple in their relation to the action, gives together with the suitable nobility, the wise mind of rulers, gay frankness, heart-gain- ing magnanimity; in such a manner as, in the king and queen of the elves, gives to the quarrel in which they are opposed to each other distinctness and delicate percepti- bility; and regarding the character of the Athenian gentlemen and ladies, whom distressed love chases into flight and pursuit, in the wood, where the elves bear sway, where charms cross and puzzle their purposes and passions and, afterwards re-establishing and transposing, reconcile them,— also their characters are so fineshed and so sharply distinguished in clear, individual traits, as it is adequate to their resolution, their conduct in the intrigue, and which is expressed during the confusion, caused by the charm, in each scene of the animated action with as true consequence as in real life; with regard to the lovers, only those moments excepted, when it is interrupted by the power of the charm. And how ingeniously is the romantic wonderful character of the fairy-queen individualized“. Dowden also is persuaded of this distinct stamp of Theseus's character; he explains it accor- ding to his theory of Shakespeare's predilection for the men of action:„The central figure of the play is that of Theseus. There is no figure in the early drama of Shakspere So mag- 6*¾ — 84— nificent. His are the large hands that have helped to shape the world. His utterance is the rich-toned speech of one who is master of events— who has never known a shrill or eager feeling. His nuptial day is at hand; and while the other lovers are agitated, bewildered, incensed, Theseus, who does not think of himself as a lover, but rather as a beneficent conqueror, remains in calm possession of his joy. Theseus, a grand ideal figure, is to be studied as Shakspere's conception of the heroic man of action in his hour of en- joyment and of leisure. With a splendid capacity for enjoyment, gracious to all, ennobled by the glory, implied rather than explicit, of great foregone achievement, he stands as centre of the poem, giving their true proportions to the fairy tribe upon the one hand, and upon de other to the„human mor- tals“... Theseus, who has nothing antique or Grecian about him, is an idealized study from the life. Perhaps he is idealized Essex, perhaps idealized Southampton. Perhaps some night a dramatic company was ordered to perform in pre- sence of a great Elizabethan noble— we know not whom — who needed to entertain his guests, and there, in a mo- ment of fine imaginative vision, the poet discovered Theseus“. „All's well that ends well“ is of a very much disputed date: Knight assigns it to 1590, Ulrici to 1590 93, Delius to 1596— 1599, Drake to 1598, Chalmers to 1599, the New Shakspere Society(Furnivall) to 1589, respectively to 1601,2, Stokes to cir. 1592, resp. to cir. 1604, Gervinus to 1592— 1605,6, Dowden to 1601— 2, Hertzberg to 1603, Fleay to 1604, Malone to 1606. Metre and style may be the decisive reasons to place this piece late, or to admit a late revision, but those who defend an early date, support their hypothesis by the delineation of the characters, and the adherents to the theory of a sole late composition find the characterization quite suitable to that supposition. Hermann Isaac(Die Sonett-Periode in Shakespeares Leben, Sh. J. XIX, 1884) gives utterance to the former opinion in the following manner:„I quite accede to Ulrici's opinion, who Places it in 1590— 3, with the remark that 1593 bout ne is Some pre- rhom Im⸗ ells. ted elius New 01,2, 05,6, 1604, 480l8 but js by 9 the ation eares ormer lrici's 1593 — 85— seems to me to be too late a period for the first composition, — the question of a later revision may be left open.— The figure of Bertram is one of the feeblest productions in characterization which can be laid to Shakespeare's charge. The treatment of obscenity, not as a means for the end of depicting true to life as in Henry IV., but as its proper object is quite youthful. There is no other explication for the lascivious dispute between Helena and Parolles, which is as much apart from the action, as from the character of the heroine, who is far from being wanton“. This same character of Helena decides Dowden for the later date:„Just at the close of the period which gave birth to Shakspere's most joyous comedies, and at the entrance to the tragic period, appear types of female character which are distinguished by some single element of peculiar strength: Helena, Isabella, Portia of Julius Caesar“. He allows„Bertram, when the story begins, though endowed with beauty and bravery, and the advantages(and disadvantages) of rank“, to be„in cha- racter, in heart, in will, a crude, ungracious boy“; but he thinks him drawn in this manner intentionally, and Kreyssig and Elze agree with him:„If Helena's wooing should have any success, she must not be placed opposite to a strong, resolute, self-conscious man“.(Elze). Dowden continues: „Even at the last Bertram's attainment is but small; he is still no more than a potential piece of worthy manhood. We cannot suppose that Shakspere has represented him thus without a purpose. Does not the poet wish us to feel that, although much remains to be wrought in Bertram, his welfare is now assured?... He is safe in the hands of Helena: she will fashion him as he should be fashioned“. The critics will hardly agree about this question. The Transactions of the New Sh. Soc. of 1880— 1882 contain an essay of Dow on All's well, which piece the critic scarcely allows to be a comedy, and assigns to the later period, when Shakespeare began to become grave, and to reflect on the human soul as a compound of good and bad qualities. In Dow's analysis of the characters the Count of Roussillon gets the worst of it, and — 86— with Helena the critic only finds fault on account of her love for Bertram.„The poet must have had another opinion with regard to one and the other, else he would probably not have written the play“.(Delius). Kreyssig also remarks that the action of this comedy is as weighty, as the laws of this kind of poetry will allow in any way, and that it con- tains situations in which tragical dissonances could as easily be arrived at by the poet, as the happy solution, really given. Accordingly he finds that the delineation of the cha- racters is treated very carefully. With the poet's power in characterization also his skill in forming a plot is growing, and generally this two qua- lities of a play are discussed in conjunction as criterion of the place due to it in chronological order.„In the structure of the play and grouping of character is, in some of the early plays a tendency to formal symmetry, an artificial setting of character over against character, and group against group: Antipholus and Dromio against Antipholus and Dro- mio; Proteus and Launce against Valentine and Speed: the King of Navarra and his three fellow-students against the Princess of France and her three ladies. Afterwards the outline of the play is drawn with a freer, because a firmer hand“(Dowden). But also in the estimation of the merit of the plot, the creation and grouping of the persons engaged in it, cele- brated critics differ relatively to some of Shakespeare's plays. Aesthetic criticism plays a prominent part. What is the central idea of the piece? That is a question which even critics who mock at our German theorists cannot get rid of. According to the answer, the propriety of the grouping of persons, of scenes, the right of existence of persons is judged, and chronology is made. Speaking of All's well, Ulrici, who thinks the play one of Shakespeare's earlier works, says:„The composition also is not as successful as in most of his later comedies; several characters, such as the Countess and the Duke of Florence, Lafeu and Parolles, Violenta and Mariana do indeed take —. some external, but no internal part in the action. The reason of this unalterable and chief defect of the whole lies, it seems to me, in the subject-matter of the piece, which is not exactly happily chosen; for it must necessarily be offen- sive to a fine sense of feeling, when in courtship, woman is the wooer, and especially when this unwomanly proceeding — however well motived and excusable it may appear— is not merely narrated(as in Boccaccio's novel), but represented to us in a vivid, dramatic and palpable form. To overcome this difficulty, and more particularly to make the surprising conclusion— the heroine’s attainment of her wish— appear natural, the poet had, as it were, to take into his service a number of figures simply as motives and to bring the action to a close. But the very choice of this subject and his ad- hering to it, in spite of its obvious difficulties, shows us the youthful poet, the youthful pleasure in that which is unusual, the youthful inclination to venture upon a task the difficul- ties of which have not been sufficiently considered. The significance of the whole is based rather on the main feature of love, its fréedom“. Elze, who looks upon this play as a riper production, evinces for the secondary persons a better right of existence, and a closer connection with the principal idea and person, and her extraordinary endeavouring:„Should a woman's love in its richness and genuineness not have the same right of satisfaction as a man's? Should her heart be condemned by nature to inviolable silence and painful resignation?“ he asks and adds, that the persons mentioned by Ulrici as taking no internal part in the action, are, strange to say, just those persons that owe their existence exclusively to the invention of our poet, and that thus two principal persons, the Countess and Parolles, are ranked with very insignificant, subordinate persons.„Should Giletta (Helena) not be repulsive by unwomanliness, then it was important to moderate her orphan position, to bring her into connection with the family, in short, to give her a motherly support, and thus the creation of the Countess of Roussillom is a very happy one, her authorization gives an appearance — 88— of right to Helena's wooing... No less than by himself, we become acquainted with Bertram's character also by the reflection which his friend and tutor Parolles throws upon it: Tell me with whom you associate, and I tell you who you are. This part of Parolles too often is pointed to in the play, as to leave a doubt about his internal connection with the action. Parolles, moreover, answers to a wish of symmetry; he is placed to the side of Bertram, as the Coun- tess is to Helena's side. That Shakespeare, besides this task of Parolles, has used him as a comical figure, only proves the greatness of his art“. The opinion which a Shakespeare scholar, from the subjects and characters chosen, and the manner in which the latter are delineated, has formed of the poet's state of mind at the end of his career, may be a reason of ascribing a play to an earlier or later period. If the great drama- tist, after having measured the depths of human passion, after a period of mighty emotion, of gloom, and temporary despondency, and even disgust passed on to the heights, from where he looked down with philosophical calm on this séèa of troubles, in which great crimes are redeemed by self-sacrificing love, he may picture abnegation and recon- ciliation in his last creations, and may look with serene, perhaps somewhat melancholy benignity on lovely childhood, unconscious of the weary paths of life. He who reads in this way the growth of Shakespeare's mind out of his cha- racters, may place Timon after the great tragedies: Othello, Lear, Macbeth, Antony and Cleopatra, Coriolanus, but before the Romances: Pericles, Cymbeline, Tempest, Winters's Tale, For the„lyrical writers usually utter themselves nearly at the moment they are smitten with the sharp stroke of joy, or of pain. Dramatic writers, for the purity and fidelity of whose work a certain aloofness from their individuality is needed, utter themselves more often not on the moment, but after an interval, during which self-possession and self-mastery have been attained“. He may be persuaded that the bitter feeling was giving way, and that the poet set himself we the pon who in tion nof dun- this nly the hich e Of bing ma- Sion, rary hts, this by won- ene, dod, s in cha- ello, fore Lale, 1 at hey p Of vis but tery ttter elf — 89=— wholly free of it by writing his Timon, as Goethe threw off sentimentality by his Werther-confession. He may be pleased to see in the Tempest the poet's farewell to the stage. He may be pleased to say with Prof. Lowell:„The whole play, indeed, is a succession of illusions, winding up with those solemn words of the great enchanter, who had summoned to his service every shape of merriment or passion, every figure in the great tragi-comedy of life, and who was now bidding farewell to the scene of his triumphs. For in Prospero shall we not recognise the Artist himself:— „That did not better for his life provide „Than public means which public manners breeds, „Whence comes it that his name receives a brand“,— who has forfeited a shining place in the world's eye by de- votion to his art, and who, turned adrift on the ocean of life in the leaky carcass of a boat, has shipwrecked on the Fortunate Island(as men always do who find their true vocation), where he is absolute lord, making all the powers of Nature serve him, but with Ariel and Caliban as special ministers? Of whom else could he have been thinking, when he says, „Graves, at my command, „Have waked their sleepers, oped, and let them forth, „By my so potent art?“ He may think that he left his work not hopeless as to the future of his dear Art, that he left his Art, his mar- vellous child Miranda, to the young Fletcher, with his gal- lantry and his beauty, even if he perceives the weak point in Fletchers genius, its want of hardness of fibre, of patient endurance, and of a sense of the solemnity of the service of art“(Dowden, p. 426). He may, therefore, regard the Tempest as Shakespeare's last play. He who reads a darkening gloom in the characters that he thinks drawn in our poets last period, consequently also in his mind, finds his sentiments well expressed by Ulrici: „Whatever, therefore, may have been the motives which induced Shakespeare to choose this subject(Timon), it always 90 seems that, in his later years, he had lost the fine tact for what was the measure and limit of his art, which(except in his first youthful deviations, as in Titus Andronicus, Henry VI., and others) had invariably been such a safe guide to him, and that, as in his youth, he had allowed himself to be carried away by the state of his own mind and fee- lings. When we compare this tragedy with his other, and pro- bably his latest works, it can scarcely be disputed that his view of life must, in his later years, have become more and more melancholy. Even in Macbeth the conciliatory element of tragedy, the mild splendour of the setting sun, such as is spread over Romeo's, Lear's, and Hamlet's death, is removed far into the background. There hangs over the Winter's Tale, over Cymbeline, the Tempest, and even over Measure for Measure a profound, solemn earnestness of feeling. The shadows continue to become deeper, till finally in Timon of Athens, we have the full darkness of night, and it is only beyond the scenes of the play, as beyond human existence, that we behold the cheerful light of day. It would be difficult to describe misanthropy with such vigour and truth, without having experienced the feeling oneself... He was doomed to see how that upon which he had lavishly spent all his mental energy was profaned and soiled by rude hands; doomed to see how the idea of beauty — as it presented itself to his mind, and with it the poe- tical power and depth of that view of life in which he had himself lived, and which he believed he had found to con- tain truth— was not merely driven out of the spirit of the age, but that the nation itself became more and more degenerate, both morally and politically... Well, then, might the tone of his mind become a shrill dissonance, which he would then endeavour to embody in a corresponding and hurriedly sketched work, in order to shake it from his own soul. This seems to me confirmed, in addition to the general character of the whole drama, more especially by the strong satirical and cutting attacks upon a mercenary art, whose sole object was profit and success, and which was slavishly ich he g and 3 0OWI . neral strong N hose — 91— servile to every humour, every caprice of taste; this alone would testify to the late composition of the drama. For these reasons, which coincide in a striking manner with the peculiar nature of the text, I believe that Timon of Athens is one of Shakespeare's last works, perhaps his very last production“. Ulrici has also acceded to the opinion that a farewell to the theatre may be discovered in the Tempest:„M. Carrière (No. 2 of his explanations to W. v. Kaulbach's Shakespeare- galerie, Berlin 1857) in his ingenious description of Skake- speare's Seelenleben and Geistesgeschichte, establishes an hypothesis both profound and interesting(which Campbell had already incidentally brought forward), that the Tempest in Shakespeare's last dramatic work, and that he wrote the play, at all events, somewhat with the intention of offering it to his country as his farewell, a legacy of the mind and spirit in which he had conceived and poetically described life and history“.— But Ulrici judiciously places Henry VIII. later than the Tempest. I indulge in these rather long quotations, in order to show that the idea we form of the poet's mind, of his in- creasing or decaying power of characterization, and predi- lection for certain characters at certain epochs of his life, is not without influence upon the order in which we arrange his plays, but that it will always remain an entirely subjec- tivé criterion. 3 ¹ — — 2* 42 8 3 2 . 28 1* 54 Blue 3 2 Cyan 225— Shant Green vVellow- Hed Magenta enane Wie Grey 1 — 7“.“ 11 11 AAAAAAAA44 44 44 44 4 4 Grey 2 eed Giosson. 2 ,S 82 3 8 3 87 2 7 8 Grey 3 Grey 4 erx Ichulmänner ehulmaunen rhcht Cr. Hess. Univ. Gießeu. Curt v. Münchow, Univerſitäts⸗Druckerei. — 4 Black 8 85 — 8 83 8 „ LLA 1AAAAn 1 emge NEEILIIL EI LVLLIIILNI—