Aeber Alter und Wechſel der Profeſſoren an den deutſchen Univerſitäten. Akademiſche Feſtrede zur Feier des Stiftungskestes der Großherzoglich Heſſiſchen Ludewigs⸗Univerſität am 1. Juli 1882 gehalten von dem derzeitigen Rektor Dr. Etienne Laspeyres ordentlichem Profeſſor der Staatswiſſenſchaften. Gieſſen. Wenzel'ſche Univerſitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei(C. v. Münchow 1882. —* * — ͦ—. Hochanſehnliche Verſammlung! Unter dem Schutze Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludewig des vierten, deſſen Bildniß bis in ferne Jahrhunderte die Ehren⸗Kette unſeres Rectors ſchmückt, begehen wir heute wieder das Stiftungsfeſt unſerer Alma Mater Ludoviciana, und auf dieſen Schutz feſt vertrauend bringen wir unſerm Schirmherrn an dieſem Tage den erſten Gruß und die Verſiche⸗ rung unſerer unerſchütterlichen Treue entgegen. Auf dieſen Schutz vertrauen zu dürfen iſt für uns beſonders wichtig in einer Zeit, wie die jetzige, in welcher bedenkliche Anzeichen aufſteigen, daß das Land ſeine höchſten Bildungsanſtalten aus wirklicher oder aus vermeintlicher Finanznoth auf das Nothwendige, das Handwerksmäßige herabſinken laſſen will. In einer Zeit mit ſolcher Tendenz auf das Nothwendige und Handwerksmäßige iſt es gewiß angezeigt, daß die Landesuniverſität was an ihr iſt, dazu thue, wenigſtens einmal im Jahre, wenn auch in beſcheidenen Grenzen, dem Luxus und der Kunſt Eingang in ihre Feſträume zu verſchaffen. Von dieſem Gedanken geleitet, iſt zum erſten Male an dieſem Stiftungsfeſte der Hochſchule neben der Wiſſenſchaft auch die Kunſt in ihr Recht, das ſie an dieſem Jubeltage beanſpruchen darf, getreten. Zu dem bunten ſtudentiſchen Fahnenſchmuck und dem grünen Laubwerk, die bisher unſerer Feier fehlten, hat ſich ein reicher Damenflor mit jugendfriſcher Stimme und der kraftvolle Männerchor unſerer Studentenſchaft geſellt. Zu dem ernſten Wort von dieſer höchſten Stätte der Univerſität iſt der liebliche Friedens⸗ gruß getreten, den wir ſoeben vernommen haben in den ſchönen Worten:„Wie lieblich ſind die Boten die den Frieden verkündigen.“ Mögen dieſe Worte für die ſtudirende Jugend in ihren verſchiedenen Verbindungen, deren Vertreter wir unter uns mit Freuden erblicken, eine Mahnung ſein ſich gegen⸗ ſeitig in ihren Beſtrebungen, mögen dieſelben noch ſo weit auseinander gehen, zu achten, mögen dieſe Worte aber auch für uns Profeſſoren die ſchöne Bedeutung haben, daß alle Verſchiedenheit der Meinungen, ja ſelbſt manche Schroffheiten in akademiſchen Verhandlungen den Frieden dieſer heiligen Stätte der Wiſſenſchaft höchſtens für ein paar aufgeregte Stunden, nicht aber über die Nacht hinaus auf Tage und Jahre trüben dürfen. 1 — — ——— — — Es war bisher üblich, daß der Rector am 1. Juli die Feſtrede ſeinem Lehr⸗ und For⸗ ſchungsgebiete entnahm. Richtiger iſt es vielleicht, wenn an dieſem Tage Gegenſtände beſprochen werden, welche entweder ganz allgemeine Univerſitätsfragen berühren oder in Beziehung zu unſerer Landesuniverſität ſtehen. So hat ſchon, den letzteren Weg einſchlagend, mein Vorgänger im Amt ſeine letzte Rectoratsrede der Geſchichte unſerer Hochſchule entnommen. Wähle auch ich mein Thema ſowohl aus allgemeinen Univerſitätsfragen als auch aus Fragen, welche unſere Ludoviciana be⸗ rühren und nehme ich aus meinem Forſchungsgebiete nur die Methode, die ſtatiſtiſche Behandlung, ſo bin ich mir in Bezug auf dies Letztere der Schwierigkeit meines Unterfangens wohl bewußt. Eine Statiſtik kann nicht vermeiden, Zahlen, viele Zahlen zu nennen, aber es wirkt ermüdend viele Zahlen zu hören. Wenn auch ich trotz allen Bemühungen möglichſt Ihnen die Zahlen zu er⸗ ſparen, mit ziemlich viel Zahlen Sie behelligen muß, und dadurch etwa Ihren Unwillen errege, ſo habe ich mich mit gewiſſen Dramatikern zu tröſten. Wie es im Drama neben den bühnen⸗ mäßigen Dramen eine Menge Dramen giebt, welche nur geleſen aber nicht aufgeführt gefallen, und man dieſe Dramen ganz richtig Buchdramen nennt, ſo dürfte auch meine Rede weniger eine Katheder⸗ Rede als eine Buchrede ſein, in welcher, wenn dieſelbe erſt gedruckt vorliegt, gewiß Manche unter Ihnen, geehrte Herren Collegen, Zahlen finden werden, welche Ihre Aufmerkſamkeit feſſeln und Sie zum weiterem Nachdenken darüber anregen. Ich beginne meine ſtatiſtiſchen Unterſuchungen mit Darſtellung der mancherlei Perſonal⸗ veränderungen unſerer Hochſchule in dem heute abgelaufenen letzten Jahre. In Perſonalfragen ſpielt für uns die erſte Rolle unſtreitig die Studentenſchaft. Hier können wir mit Freuden berichten, daß, nachdem wir im Sommer 1881 zum erſten Mal wieder ſeit 1866 die Zahl von 400 Studenten überſchritten hatten, und 402 Studirende aufweiſen konnten, wir im letzten Jahre einen weiteren Fortſchritt auf 435 gemacht haben, eine Zahl, welche ſeit mehr als 30 Jahren, ſeit 1850 nicht mehr erreicht worden war. In unſerem Lehrbeſtand, welcher augenblicklich 36 ordentliche Profeſſoren, einen ordentlichen Honorarprofeſſor, 9 außerordentliche Profeſſoren, einen weiteren Lehrer, 3 Privatdocenten, 4 Lehrer der freien Künſte und 13 Aſſiſtenten umfaßt, ſind, wie das auch ſein ſoll, unter den Aſſiſtenten die meiſten Veränderungen eingetreten, denn nur drei unter den 13 ſind uns aus dem Vorjahr überkommen. Durch Tod haben wir nur ein Mitglied des Lehrkörpers verloren, dagegen folgten einem Rufe an andere Lehrſtellen zwei außerordentliche und einem Ruf an andere Univerſitäten drei ordentliche Profeſſoren. Ausnahmsweiſe lehnten zwei Profeſſoren einen Ruf an andere Hoch⸗ ſchulen ab, während ſonſt gewöhnlich der aus Gießen anderswohin Berufene dem Rufe folgt. An Profeſſoren traten in den Lehrkörper neu ein 3 Ordinarien und ein Extraordinarius. An dieſe kurze, meinem Lehrfach entſprechend, nur ſtatiſtiſche, d. h. Namen nicht nennende, Schilderung des Ganges und Standes unſeres Lehrperſonals knüpfe ich eine eingehendere Betrachtung nur der zwei Fragen nach dem Wechſel der Profeſſoren und nach dem Alter derſelben, Beides in geographiſcher Vergleichung Gießens mit den Schweſteranſtalten Deutſchlands und den, wenn ich ſie ſo nennen darf, Halbſchweſtern deutſcher Zunge im Ausland, endlich, ſoweit es an⸗ geht, in hiſtoriſcher Vergleichung des jetzigen Gießen mit dem früheren. Wenn hierbei immer nur die ordentlichen Profeſſoren berückſichtigt werden, ſo mögen die wegen mangelnder Statiſtik nicht erwähnten Privatdocenten und Extraordinarien ſich damit tröſten, daß viele von uns Ordinarien vor ein paar Jahren auch noch nicht ſtatiſtiſch analyſirt wurden, und viele von Ihnen vielleicht bald als Ordinarien mit in den Reigen aufgenommen werden. Recht ſchlagend muß Ihnen, geehrte Gäſte, wenn Sie darauf achteten, bei unſerem heu⸗ tigen Einzug, der Ihnen ein Bild unſeres Lehrperſonals darbot, die Jugendlichkeit unſerer Körper⸗ ſchaft entgegengetreten ſein. Nicht als ob wir alle uns noch der Jugend erfreuten, aber unter den 36 ordentlichen Profeſſoren ſind auffallend wenige über 50 Jahre alt, nämlich nur 11, umgekehrt, ſind auffallend viel Profeſſoren unter uns, welche das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, nämlich 16, und nur 9 ſtehen in dem mittleren Alter von 40—50 Jahren. Fragen wir, um dieſe Angaben in ein Bild zufammenzufaſſen, wie alt iſt durchſchnittlich heute am 1. Juli 1882 der Gießener Qrdinarius, ſo ergiebt die Berechnung das wie Sie ſpäter erkennen werden— ſehr niedrige Alter von 46 Jahr und 62 Tagen. Das Alter iſt in den drei Facultäten der Juriſten, Mediciner und Philoſophen ziemlich das gleiche mit je 48, 46 und 48, nur unſere Theologen, welche man ſich ſonſt als beſonders auch durch das Alter ehrwürdige Herren vorſtellt, fallen ganz aus dem Rahmen, denn über ihre ausnahmslos noch unergrauten und ungelichteten Scheitel ſind noch nicht mehr als 34 Sommer dahingegangen, ja der Curioſität halber ſei darauf hingewieſen, daß im Sommerſemeſter 1879 unſere Theologen im Durchſchnitt noch nicht einmal 31 Jahre alt waren, ein Durchſchnittsalter einer vollſtändigen Facultät, welches wohl noch niemals vorgekommen iſt und auch nicht ſo leicht wieder erlebt werden wird. Unſer Gießener Alter von 46 Jahr und 62 Tagen will für Manchen vielleicht noch nicht viel beſagen, und in der That verlangt dieſe Zahl ihre Deutung durch Vergleich mit andern Uni⸗ verſitäten. Zu dieſem Behuf können wir nicht unſer augenblickliches Alter zu Grunde legen, ſondern müſſen auf eine etwas frühere Periode zurückgreifen, auf das Winterſemeſter 188%⁄. Der Zufall wollte es, daß ich mit dem Alter der Profeſſoren zuerſt im Winter 187%¾ mich beſchäftigte, dann nach einem paſſenden Zwiſchenraum von fünf Jahren alſo für 1875⁄ die Unterſuchung wieder aufnahm, und um nun nach gleichen Perioden die Unterſuchung weiter zu führen, für die dritte Beobachtung auf das Winterſemeſter 188%⁄ zurückgreifen mußte. Wenn alſo einem oder dem anderen Collegen einige Daten aus Gießen auf den erſten Anblick nicht ganz richtig zu ſein ſcheinen, dann berück⸗ ſichtigen Sie bitte immer, daß drei Semeſter zurück manche Verhältniſſe etwas anders lagen als heute. Das Alter der Profeſſoren iſt zum erſten Male im Winter 188 ¾⁄ für alle 21 Univer⸗ ſitäten des deutſchen Reiches(Münſter rechnet in ſeinen beiden Facultäten für voll) ein vollſtändiges denn wenn auch, wie bei den zwei früheren Beobachtungen unſere gedruckten Quellen bedenkliche Lücken enthielten, ſo hat doch eine Correſpondenz mit allen 20 Schweſteranſtalten, und wo dieſe, 1 für einzelne Perſönlichkeiten verſagte, mit den Collegen ſelbſt uns archivaliſche Quellen erſchloſſen, ſo daß uns aus dem deutſchen Reich kein theures Haupt für den Winter 188 ⁄ fehlt. Die 948 ordentlichen Profeſſoren an unſern 21 Hochſchulen des deutſchen Reichs(faſt ein Bataillon auf Kriegsfuß) waren durchſchnittlich 52.6 Jahre alt, das höchſte Durchſchnittsalter einer Univerſität 58.2 für München, das niedrigſte 45,9 Jahr für Gießen. Wir ſind neuerdings von allen deutſchen Univerſitäten die jugendlichſte. Ehe wir jedoch darauf eingehen, Gießen als die jüngſte mit all den 20 älteren Schweſtern zu vergleichen, ſei noch Folgendes bemerkt: Unſere früheren Berechnungen, welche nur auf den unvollſtändigen gedruckten Quellen beruhten, hatten als Durch⸗ ſchnittsalter 187% damals noch ohne Straßburg ergeben 53.7 Jahre, 1875⁄/⁄6 ohne Straßburg 54.4 Jahre, mit Straßburg 54 Jahre. Der Durchſchnitt aller drei Berechnungen ſtellt ſich auf 53.6 Jahre für das letzte Jahrzehnt. Wollen wir Gießen mit den andern Univerſitäten vergleichen und den Alterscharacter aller Univerſitäten mit möglichſt wenig Zahlen darſtellen, dann haben wir uns zunächſt darüber zu ver⸗ ſtändigen, welche Univerſitäten wir nach dem Alter ihrer Ordinarien als„jung“, welche als „alt“ bezeichnen wollen. Es iſt dies, auf unſern Fall angewendet, die allgemeine Aufgabe in die ſtatiſtiſch, d. h. mittelſt ſyſtematiſcher Maſſenbeobachtungen zu durchforſchenden Wiſſensgebiete quan⸗ titative Begriffe und Worte einzuführen. Um eine gegebene Menge von Beobachtungen, in unſerem Fall alſo Univerſitäten mit verſchiedenem Alter, in zwei Hauptgruppen„jung“ und„alt“ zu theilen, ſetzt man den Durchſchnitt aller, hier das Durchſchnitts alter als Grenzſcheide zwiſchen jung und alt, und verſteht ein für alle Mal unter„jung“ die Univerſitäten, welche unter dem Durchſchnitt aller bleiben und unter„alt“ die, welche den Durchſchnitt überſteigen. Mit dem Wort jung und alt verbindet ſich dann ſogleich ein beſtimmter Begriff über⸗ und unterdurchſchnittlich. Darnach wären als alt alle Univerſitäten zu bezeichnen an denen im Mittel der drei Jahre 1870, 1875, 1880 die Ordinarien durchſchnittlich über 53.6 Jahre, als jung alle, an denen dieſelben unter 53,6 Jahre ſind. Daß hier eine Altersdifferenz von nur wenigen Tagen den Einen von zwei faſt gleichalterigen Profeſſoren zum alten, den anderen zum jungen Profeſſor ſtempelt, iſt ein bei keiner Ein⸗ theilung zu vermeidender Fehler, gerade ſo wie man Jemanden, der ein nur um wenige Mark höheres Einkommen hat als ein anderer, in eine viel höhere Steuerſtufe ſetzt. An den Univerſitäten, welche wir auf dieſe Weiſe als„alt“ befunden haben, ſind die Ordinarien durchſchnittlich 55,4 Jahre alt, an den jungen Univerſitäten 51.7. Wird eine weitere Theilung in 4 Gruppen etwa in„ſehr alt“, „ziemlich alt“,„ziemlich jung“ und„ſehr jung“ beliebt, um nicht zu verſchiedene Alter in eine Gruppe zu zwängen, dann wird die Scheide zwiſchen ſehr alt und ziemlich alt wieder beim Durch⸗ ſchnittsalter aller„alten“, alſo bei 55.4 Jahren zu ſetzen ſein, und ebenſo die Scheide zwiſchen ziemlich jung und ſehr jung beim Durchſchnittsalter aller„jungen“, alſo bei 51.7. Welche Univer⸗ ſität hiernach ein Durchſchnittsalter von mehr als 55.4 Jahren aufweiſt, gilt als„ſehr alt“, alle Univerſitäten, deren Alter zwiſchen 55.4 und 53.6 Jahren liegt, gelten als„ziemlich alt“, zwiſchen 53.6 und 51.7 als„ziemlich jung“, unter 51.7 als„ſehr jung.“ Iſt das Material genügend groß, kann man beliebig auf dieſelbe Weiſe zur Achttheilung, zur Sechzehntheilung u. ſ. w. fortſchreiten. — Der eine Vortheil dieſer Eintheilung vor den meiſten anderen iſt der, daß eine Willkür, wo man eine neue Gruppe oder Kategorie beginnen laſſen will, völlig ſich ausſchließt, und das iſt in der Statiſtik, welche durch„Gruppirung der Zahlen“ ſo leicht irreleiten kann, ſehr wichtig. Ein zweiter Vortheil iſt Folgender. Dieſe Eintheilung zeigt, um es gleich an unſerm Falle zu er⸗ läutern, ſehr deutlich, ob das mittlere Alter aus Einzelaltern reſultirt, welche ſehr wenig von ein⸗ ander abweichen, oder aus wenig auffallend hohen und vielen nicht auffallend niedrigen, oder um⸗ gekehrt. So ſinden wir, daß von den 20 alten deutſchen Hochſchulen jede der 4 Gruppen nicht gleichmäßig 5 Univerſitäten umfaßt, ſondern daß nur 3 als ſehr alt, 7 als ziemlich alt, 5 als ziemlich jung und 5 als ſehr jung aus der Analyſe hervorgehen, weil die 17 wenigſt alten Uni⸗ verſitäten unter ſich durchſchnittlich nur um je ⁄ Jahr differiren, die drei älteſten um durchſchnitt⸗ lich ein ganzes Jahr. Doch das praktiſche Reſultat der Einreihung aller 20 Univerſitäten in die 4 Gruppen dürfte die Meiſten von Ihnen mehr intereſſiren als die Methode der Einreihung. Hier iſt das Reſultat: Nach unſerer Eintheilung ſind ſehr alt: Berlin mit 58.2, Göttingen mit 57.6, und München mit 57 Jahren. Auf dem anderen Ende der Reihe mit der jüngſten anfangend iſt vor allem ſehr jung unſer Gießen mit 49.1. Dieſe Zahl iſt gegen die früher für Gießen mitgetheilten ſo hoch, weil 1870 und 1875 wir noch manchen jetzt penſionirten Collegen in unſerer Mitte hatten, und dieſe 49.1 Jahre ſind ja das Mittel aus 1870, 1875, 1880. Auf Gießen mit ſeinen 49,1 Jahren folgt Roſtock mit 49,2, Tübingen mit 49,7, Kiel mit 49,8 und Erlangen mit 50,8 Jahren. Als ziemlich jung, an Erlangen jenſeits der Grenze anſchließend ſtellen ſich dar Freiburg, Würzburg, Königsberg, Marburg und Greifswald. Endlich ziemlich alt anſchließend an das Jüngſte unter den ſehr alten, nämlich an München mit ſeinen 57 Jahren, die ſieben Hochſchulen Leipzig, Jena, Breslau, Bonn, Halle, Heidelberg. Gruppirt man die Univerſitäten nach jeder der drei einzelnen ſtatiſtiſchen Aufnahmen, dann verſchieben ſich wohl einmal ein paar Univerſitäten gegen einander, im Weſentlichen bleibt das Bild das gleiche. Eine weitere Frage iſt, ob die einzelnen Facultäten ſtark im Alter von einander abweichen. Nehmen wir hierfür die vollſtändigſte ſtatiſtiſche Erhebung, die vom Winter 1880/⁄1, als das Durch⸗ ſchnittsalter aller Facultäten 52.6 Jahr betrug. Die mediciniſche und die philoſophiſche Facultät aller Univerſitäten ſind ganz und faſt ganz dem Durchſchnitt gleich mit 52.6 und 52.4 Jahren, die Theologen ſind weſentlich älter, nämlich 54.4 Jahr, wie ſie auch ſchon 1870 und 1875 es geweſen, die Juriſten, wie ſie es zum Mindeſten 1875 auch ſchon geweſen, etwas jünger, 51.6 Jahr. Daß die Juriſten durchſchnittlich faſt 3 Jahr jünger ſind als die Theologen, iſt höchſt auf⸗ fallend. Ein entſchiedener Mangel an Juriſten, der zu ſehr jungen greifen ließ, ſcheint hier vor⸗ zuliegen und wird durch den ſpäter zu beſprechenden enormen Wechſel der Profeſſoren in den Juriſten⸗ facultäten beſtätigt. Die vier Fucultäten unterſcheiden ſich ferner dadurch ſtark von einander, wie viele der 21 Univerſitäten in jeder der 4 Facultätsaltersgruppen ſtehen. Während 1881 in allen Facultäten zuſammen jede Altersſtufe je 5 und einmal 6 umfaßt, iſt dies in den einzelnen Facultäten ——— nicht der Fall; ſo ſind„ſehr junge“ Juriſtenfacultäten nur 4,„ſehr junge“ Theologenfacultäten nur 3, umgekehrt„ſehr alte“ Philoſophenfacultäten nur 3,„ſehr alte“ Medicinerfacultäten ſogar nur 2. Im Durchſchnitt mehrmaliger Beobachtungen wird die Vertheilung, welche im einzelnen Jahr von Zufälligkeiten bedingt iſt, aber viel regelmäßiger. Iſt, um auf die Angehörigen einer Facultät an allen Orten zurückzukehren, ein Profeſſor der Theologie erſt alt zu nennen, wenn er über 54 ½ Jahr iſt, ein Juriſt ſchon, wenn er 51 ½ Jahr zählt, ſo tritt die Relativität des Altersbegriffes hier recht klar zu Tage. Nehmen Sie ein aller⸗ dings als Ausnahmsfall zu bezeichnendes Beiſpiel. Innerhalb der Gießener Theologenfacultät iſt einer unſerer Collegen mit ſeinen 38 Jahren ein ſehr alter Mann, während er in einer anderen Facultät bei uns, oder in der gleichen Facultät an einer anderen Univerſität vielleicht ſehr jung wäre. Eine Berufung an eine andere Hochſchule wäre für ihn ein wahrer Jugendbrunnen. Wollen wir bei dem Alter der einzelnen Profeſſoren, auf welches uns dieſes Beiſpiel ſchon gebracht hat, noch einen Augenblick verweilen, dann müſſen wir allerdings, um nicht zu lange Ihre Zeit in An⸗ ſpruch zu nehmen, mit Gießen uns genügen laſſen. Da wir eine Vergleichung mit den anderen Schweſtern nicht brauchen, können wir unſere Alma mater Ludoviciana auf ihr Alter heute an ihrem Geburtstage prüfen. Der Gießener Ordinarius iſt heute, wie ſchon erwähnt, 46.2 Jahre alt, wer darüber iſt, hat alſo als Senatsmitglied ſich als alt zu betrachten, und wir haben darnach 14 alte und 22 junge Senatoren. Tröſten wir nun Diejenigen unter uns, die wie Ihr Feſtredner nur wenig über dem Durchſchnitt ſtehen, und doch einfach für alt gelten, dadurch, daß wir die Alten in ſehr alte und nur ziemlich alte zerlegen, ſo ſind nach unſerer Methode, da alle Alten durchſchnittlich 59.5 Jahre zählen, als ſehr alt nur die 8 Collegen zu bezeichnen, welche 60 und mehr Jahre tragen, während 6 noch mit dem Prädikat ziemlich alt davonkommen. Die Jungen umgekehrt ſind im Durchſchnitt 37.6 Jahre alt, wer alſo über 37.6, aber noch nicht 46.2 Jahre zählt, der betrachte ſich für Gießen als ziemlich jung, Jeder unter 37.6 Jahr als ſehr jung und freue ſich deſſen. Wer von uns in jede der vier Kategorien gehört, könnte ich Ihrer Neugier natürlich leicht verrathen, aber als Statiſtiker muß ich mich davor hüten. Faſt jeder Menſch, auch der gebildete, hat eine gewiſſe Scheu davor, ſtatiſtiſche Angaben über ſich zu machen, weil er fürchtet, daß Der⸗ jenige, der dieſelben erhebt, die Angaben individuell gegen den Befragten ausbeuten möchte, während den Statiſtiker das Individuum ebenſo kalt läßt, wie den Kellner. Wie für den Kellner der Menſch nur eine Zimmernummer, ſo für den Statiſtiker nur eine Summe von Ziffern. Wollte ich perſönlich werden, ſo könnte Einer oder der Andere unter Ihnen fürchten, daß er durch Nennung ſeines Alters als bereits über dem jetzt üblichen ziemlich niedrigen Berufungsalter ſtehend unvortheilhaft gekennzeichnet würde, oder die Junggeſellen unter den Collegen könnten bangen, ob ihr Alter den Töchtern des Landes noch annehmbar erſchiene. Der Grund für die Jugend gewiſſer Univerſitäten wird hauptſächlich in dem häufigeren Wechſel ihrer Profeſſoren zu ſuchen ſein, und das führt mich auf den zweiten und letzten Theil meiner ſtatiſtiſchen Unterſuchungen, den Profeſſorenwechſel. Den Wechſel des Ortes kann man betrachten von Seite der einzelnen Perſon, d. h. am Ende —— des Lebens eines jeden Profeſſors ermitteln, an wie viel Orten derſelbe als Profeſſor gewirkt hat, wie viel Jahre auf jede Univerſität fallen, und Anderes. Vorläufig iſt uns dieſer Weg noch ver⸗ ſchloſſen, doch ſteht uns ein anderer offen, der nicht an den einzelnen Profeſſor, ſondern an den einzelnen Ort anknüpft. Unſere Perſonalliſten aller Profeſſoren jeder Univerſität aus drei verſchie⸗ denen Zeiten 187%¾⁄, 1875⁄6, 188% erlauben uns zu forſchen, wie viel Profeſſoren, welche 187% an einer Univerſität als Ordinarien wirkten, waren 1875 ⁄6, alſo nach 5 Jahren nicht mehr daſelbſt im Amt, ſondern abgegangen durch Berufung an eine andere Univerſität, durch Uebergang in eine andere Laufbahn, durch Penſionirung, durch Tod. Dieſelbe Frage konnte 5 Jahre ſpäter wieder geſtellt werden, wie viele der Profeſſoren, welche irgendwo 1875⁄6 wirkten, lehrten 188 ¾ daſelbſt nicht mehr. Die Zahl der in jedem Luſtrum abgegangenen zum Beſtande des Anfangsjahres in Procente umgerechnet giebt den fünfjährigen Wechſel. Dieſe zweite Frage im Sinne des eben defiinirten Wechſels haben wir auch, da das Material dafür rechtzeitig uns ſchon vorlag, erweitert auf die drei Schweizer Univerſitäten deutſcher Zunge Baſel, Bern und Zürich, auf die fünf öſterreichiſchen deutſcher Zunge, Wien, Prag, Inns⸗ bruck, Graz und Czernowitz, endlich auf die eine Univerſität Rußlands mit deutſcher Lehrſprache, Dorpat. Durchſchnittlich ſind von den Ordinarien einer Univerſität nach je fünf Jahren ein Viertel nicht mehr an derſelben, der fünfjährige Wechſel iſt im Durchſchnitt 25(genau 25.6) Procent, wobei freilich ein unvermeidlicher Fehler mit unterläuft, indem Diejenigen, welche nach dem erſten der beiden verglichenen Zähltermine an einer Univerſität das Ordinariat erlangten, aber vor dem zweiten Zähl⸗ termine von dieſer Univerſität wieder abgingen(ein bei uns nomadenhaften Profeſſoren gar nicht ſo ſeltener Fall) dem Statiſtiker ganz entgehen. Ein anderer Fehler liegt darin, daß der Durchſchnitt aus zweimaliger Beobachtung noch nicht ganz genügt. Der oben angegebene Wechſel von 25 Pro⸗ cent iſt das Mittel aus zwei durchaus nicht gleich großen Wechſeln, 1870 auf 1875 war der Wech⸗ ſel 30% geweſen, 1875 auf 1880 nur 22%, der letztere Durchſchnitt iſt wohl der normalere, denn 1870 auf 1875 wurde der Wechſel durch die Gründung Straßburgs abnorm beſchleunigt. Der Wechſel in der theologiſchen, in der mediciniſchen und in der philoſophiſchen Facultät iſt einander ſehr ähnlich, zwiſchen 22 und 25 Procent, in der juriſtiſchen viel bedeutender, nämlich 34 Procent. Hier war die erſte der beiden Perioden ganz abnorm, hat doch das erſte Jahrfünft nach dem franzöſiſchen Kriege eine ſo große Wanderwuth in den Rechtsgelehrten hervorgerufen, daß gegen 26— 27 Procent in den andern Facultäten, bei den Juriſten nicht weniger als 44.8 Procent wechſelten. Den Gründen hierfür nachzuſpüren muß ich den Juriſten überlaſſen, es wird aber ein einmaliges Moment geweſen ſein, denn im nächſten Luſtrum ſind die Juriſten wieder faſt auf den Wandertrieb der anderen Facultäten herabgeſtiegen auf 24 Procent, gegen 20 Procent der Mediciner, 23 Procent der Philoſophen, und 19 ½ Procent der Theologen. Die Letzteren haben ſich bisher als die Seßhafteſten bewährt. Indem wir die verſchiedenen Facultäten zunächſt noch bei Seite laſſen, unterſuchen wir zu⸗ — 10 erſt die ganzen Univerſitäten auf ihre Wanderluſt. Die Unterſchiede ſind enorm. Den größten Wechſel mit je 34 Procent haben Roſtock, Bern und Gießen, den geringſten München mit 16, Leipzig mit 12, und Czernowitz mit 9 Procent. Neben dieſen Extremen betrachten wir den Wechſel in den auf die obige Art gemachten 4 Gruppen ſehr häufig, ziemlich häufig, ziemlich ſelten und ſehr ſelten. Sehr häufig iſt unter 30 Hochſchulen der Wechſel an 10 Anſtalten, ziemlich häufig an 6, ziemlich ſelten au 9 und ſehr ſelten an 5. Zu den Anſtalten mit ſehr häufigem Wechſel gehören außer den drei ſchon genannten Roſtock, Bern und Gießen noch die weiteren 4 ſehr kleinen Univerſitäten Baſel, Kiel, Zürich, Freiburg; aber auch die ziemlich großen Univerſitäten Dorpat, Heidelberg, Tübingen. Daß der Profeſſor die ſehr kleinen Univerſitäten gern und ſchnell verläßt, bedarf keiner Erklärung, daß ferner Dorpat ſchnell wechſelt, liegt zum Theil darin, daß die vielen aus Deutſchland dahin berufenen Profeſſoren meiſt, wenn ſie können, ſchnell nach Deutſchland zurückkehren, theils in den Penſionsver⸗ hältniſſen. Darum fällt es auch gewiß nicht auf, daß alle drei Schweizeruniverſitäten, welche man geradezu die Schwungbretter der deutſchen Profeſſoren nennt, als klein und als im Ausland gelegen, dem ſehr ſchnellen Wechſel unterthan ſind. Nur Heidelberg und Tübingen wird man mit Verwun⸗ derung unter dieſen Hochſchulen finden, und hier glaube ich allerdings den Grund in der noch nicht genügenden Statiſtik ſuchen zu müſſen; eine längere Beobachtungsreihe wird Heidelberg und Tübingen wohl eine etwas andere Stelle einräumen, ebenſo dürfte es umgekehrt auffallen, unter den Hochſchulen mit ſeltenem Wechſel, außer Leipzig, München und Czernowitz nur noch Halle und Marburg zu finden, während Berlin und Göttingen, doch gewiß geſuchte Univerſitäten, nur zu den mit ziemlich ſeltenem Wechſel, alſo nur mit ziemlich großer Anziehungskraft gehören ſollen, eine genauere Statiſtik wird vielleicht die Stellung von Göttingen und Berlin mit der von Halle und Marburg vertauſchen. Daß man München und Leipzig nicht gern wieder verläßt, iſt erklärlich genug, daß man aber Czernowitz weit hinten faſt in der Türkei in dieſer Geſellſchaft findet, ſogar mit dem allergeringſten Wechſel, muß billig befremden, die Reize dieſer Hochſchule können doch ſchwerlich ſo groß ſein, daß man ſie mit keiner andern vertauſchen möchte. Die Gründe für dieſe Stellung von Czerno⸗ witz dürften folgende ſein: es wurden faſt nur Landeskinder dort angeſtellt, zweitens haben wir hier erſt einen einmaligen Wechſel beobachten können, endlich ſind an dieſer erſt 1875 eröffneten Univerſität ſeiner Zeit faſt lauter junge Profeſſoren angeſtellt worden, ſo daß auch der Abgang durch Tod noch keine große Rolle ſpielt. Dagegen muß Leipzig jetzt wohl als das Ideal der deutſchen Univerſitäten gelten, denn unter allen 30 Hochſchulen iſt Leipzig die einzige, die nicht nur ins Geſammt, ſondern auch in jeder einzelnen Facultät einen„ſehr ſeltenen“ Wechſel hat. Wir ſchreiten fort zu den Beziehungen zwiſchen Profeſſorenwechſel und Profeſſorenalter. Daß ein Zuſammenhang zwiſchen Wechſel und Alter ſtattfindet, indem die älteſten Pro⸗ feſſoren durchſchnittlich an denjenigen Univerſitäten ſich finden müſſen, welche man freiwillig nicht leicht wieder verläßt, braucht allerdings mit Zahlen nicht bewieſen zu werden, wohl aber bedürfen wir wieder der Zahlen um zu zeigen, wie eng der Zuſammenhang zwiſchen Wechſel und Alter iſt. Ordnen wir die 20 alten Univerſitäten des deutſchen Reichs(das Material für die andern iſt zu lückenhaft) nach der Größe des Wechſels, ſo ergiebt ſich, daß auf den 12 Hochſchulen mit häufigem Wechſel von mehr als 24.8 Procent das Durchſchnittsalter 51.6 Jahre iſt, auf den übrigen 8 mit ſeltenem Wechſel von weniger als 24.8 Procent aber 55.8 Jahre, durchſchnittlich über 4 volle Jahre mehr. Auf weitere Viertheilung und auf Eingehen in die einzelnen Facultäten muß ich leider aus Zeitmangel verzichten, da ich noch einige Beziehungen von Wechſel und Alter zu anderen Erſcheinungen berühren möchte. Meine Zahlen haben mich belehrt, in welchem Maße die Studenten diejenigen Univerſi⸗ täten mit Vorliebe aufſuchen, an denen die Profeſſoren durchſchnittlich beſonders alt ſind, wobei es ſich, nebenbei bemerkt, freilich nicht ſelten ereignet, daß der Student eine Univerſität um eines berühmten alten Profeſſors willen bezieht, aber ſchließlich bei einem viel weniger berühmten aber vielleicht anregenderen Extraordinarius oder Privatdocenten hört. Ordnen wir unſere 21 Hochſchulen Deutſchlands nach dem Alter der Profeſſoren, und ſetzen dazu die durchſchnittliche Studentenzahl, ſo zählen wir bei ſehr alten Profeſſoren der Uni⸗ verſitäten durchſchnittlich 2093 Studenten, bei ziemlich alten Profeſſoren 847 Studenten, bei ziem⸗ lich jungen Profeſſoren 465. So weit gehen beide Erſcheinungsreihen miteinander, aber die Uni⸗ verſitäten mit den ſehr jungen Profeſſoren haben nicht noch weniger Studenten, ſondern wieder mehr, nämlich 621. Wir wunderten uns ſchon früher, unter den ſehr jungen Univerſitäten das große Tübingen zu finden, und ſprachen die Vermuthung aus, daß bei längerer Beobachtung Tübingen, wie es ſchon die älteſte unter den ſehr jungen iſt, in der 3. Gruppe der ziemlich jungen ſeinen Platz finden würde. Außerdem ſteht noch Straßburg unter den 5 ſehr jungen Univerſitäten, wäh⸗ rend es bei zunehmendem Alter ſeiner vor höchſtens zehn Jahren in jugendlichem Alter dorthin be⸗ rufenen Profeſſoren zu den nur ziemlich jungen, ja vielleicht zu den ziemlich alten von ſelbſt heran⸗ reifen wird. Nimmt man Frequenz und Alter nicht aus einer, ſondern aus 3 Beobachtungen, wobei Straßburg wegfallen muß, dann ſtimmt die Frequenz mit allen vier Altersſtufen, denn bei einem Alter von 58, 55, 52, 50 Jahren iſt die Studentenzahl 1600, 1000, 552, 418. In den einzelnen Facultäten gehen auch, wenn man nur zweitheilig alte und junge Uni⸗ verſitäten unterſcheidet, 188% die Studenten ausnahmslos mit dem Alter. Die alten Theologen facultäten zählen je 151 Studenten, die jungen je 124, die alten Juriſtenfacultäten haben je 348 Studenten, die jungen nur 162, die alten Medicinerfacultäten je 294 Studenten, die jungen nur 156. Endlich die alten Philoſophenfacultäten haben je 713 Studenten, die jungen nur 201. Bis zur Viertheilung durchgeführt, ſtimmen Alter und Frequenz nur bei den Juriſten, denn die Univerſitäten von je 57, 54, 48 und 44 Jahren zählen 438, 329, 183, 129 Studenten. In den drei andern Facultäten ſtimmt noch nicht Alles aus mannigfachen hier zu weitläufigen Gründen, nur für die Theologen wollen wir bemerken, daß die Sache in ſofern hinkt, als wir in Bonn, Breslau und Tübingen die beiden Facultäten, die evangeliſche und die katholiſche, zuſammen nehmen mußten, wodurch dieſe Facultäten zu größeren wurden, als jede für ſich allein wäre. —— 12 Wenn nun auch, wie ſoeben gezeigt, die Studenten gern den berühmten alten Herren nachziehen, ſo wird der umgekehrte Fall der noch viel häufigere ſein, daß die Profeſſoren den vielen Studenten nachziehen, und wenn ſie eine Univerſiiät mit großer Studentenzahl ihrer Facultät erreicht haben, dort alt werden. Stehen darnach unverkennbar Profeſſorenalter und Studentenmenge in Wechſelwirkung, ſo wird doch wohl die Studentenmenge ſtärker auf das Alter, als das Alter auf die Studentenmenge einwirken. Darum ſei unſere letzte ſtatiſtiſche Analyſe darauf gerichtet, wie der Profeſſorenwechſel, und damit das Profeſſorenalter von der Frequenz der Univerſitäten abhängt, die Hochſchulen werden alſo geordnet nach der Anzahl ihrer Studenten. Die großen Univerſitäten,(groß und klein wieder als über⸗ und unterdurchſchnittlich) haben einen Fünfjahrewechſel von nur 21 Procent und ein hohes Alter von 55.4 Jahren, die kleinen Univerſitäten einen großen Wechſel von 28% und ein niedriges Alter von nur 51.7 Jahren. Die Viertheilung läßt auch ausnahmlos mit der Frequenz den Wechſel ab⸗ und das Alter zunehmen. Bei Frequenz von 300, 600, 1000, 2500 Studenten iſt der Wechſel 31, 25, 23, 18 Procent, und das Alter 51, 53, 55, 57 Jahr. Hiernach kann kein Zweifel ſein, daß neben anderen Gründen die Anzahl der zu erwarten⸗ den Zuhörer und die darausfolgenden beſſeren Colleggelder die Profeſſoren beſtimmen, ſo lange die kleinen Univerſitäten mit den größeren freiwillig zu vertauſchen, als ihnen dazu Gelegenheit ge⸗ boten wird, um dann an den glücklich erreichten großen Wirkungsſtätten zu bleiben. Dann müßte aber, wenn nicht in den einzelnen Facultäten beſondere modificirende Umſtände ſtark einwirken, in jeder Facultät dieſe Erſcheinung von Neuem ſich zeigen und zwar in ſtärker ausgeprägter Form, denn in erſter Linie wird z. B. ein Profeſſor der Jurisprudenz nicht dahin gehen, wo überhaupt viele Studenten, aber etwa beſonders Theologen, Mediciner und Philoſophen ſind, ſondern gerade dahin, wo er für ſeine Vorleſungen viele Hörer findet, in zweiter Linie geht man freilich auch an eine überhaupt nur große und darum berühmte Univerſität, weil es als Ruhm gilt, Mitglied derſelben zu ſein, auch wenn man einer weniger berühmten und weniger frequenten Facultät angehört. Im Allgemeinen ergeben unſere Zahlen, auf deren Wiedergabe ich hier verzichte, daß auch innerhalb jeder Facultät die großen Univerſitäten geringen Wechſel und hohes Alter haben, die kleinen umgekehrt. Bei Viertheilung ſtimmen die Reihen vollſtändig nur bei den Medieinern. Bei mediciniſcher Frequenz von rund 400, 230, 140, 80 Studenten iſt der Wechſel 19, 20, 22, 24 Procent und das Alter 58.9, 52.4, 51.7, 49,5 Jahre. In der philoſophiſchen Facultät ſtimmt mit der Frequenzreihe von rund 1000, 400, 200, 80 Studenten der Wechſel mit 16, 18, 28, 37 Procent, nicht aber die Altersreihe, da die nur ziemlich frequenten Facultäten genau daſſelbe Alter haben, wie die ſehr frequenten, im Uebrigen nimmt die Reihe richtig ab. Der Grund der nicht völligen Uebereinſtimmung iſt vielleicht zu ſuchen in dem bekannten Miſchcharacter der philoſophiſchen Facultät. Würden wir wenigſtens trennen können in die hiſtoriſch⸗philologiſche und die naturviſſenſchaftlich⸗mathematiſche Abtheilung, dann 13 würde in der Trennung wohl ſchon ſtimmen, was in der Miſchung nicht ſtimmt, denn was könnte, wenn es ſich nicht gerade um eine überhaupt ſehr geſuchte Univerſität handelt, den Chemiker be⸗ ſtimmen, von ſeiner zwar kleineren aber in Bezug auf Naturwiſſenſchaften bedeutenderen, zu einer zwar größeren, aber durch das Studium der Philologie, nicht der Chemie größeren Facultät überzugehen. Daſſelbe Moment kann die Nichtſtimmung in den Reihen der Juriſtenfacultäten nicht bedingen, denn dies ſind reine, nicht Miſchungsfacultäten. Bei einer Frequenzreihe von 670, 275, 110 und 50 Studenten ſtimmt wohl die Altersreihe mit 57, 53, 51, 49 Jahren, aber nicht die Wechſelreihe, der Wechſel iſt nur bei den ſehr großen Facultäten ſehr klein, bei den ziemlich großen, ziemlich kleinen und ſehr kleinen aber faſt ganz gleich mit 36, wieder 36 und 34 Procent. Sollte hier vielleicht die oben berührte Unruhe, welche zwiſchen 1870 und 1875 in der Juriſtenwelt herrſchte, und den Wechſel auf faſt 45 Procent hob, als ſtörendes Moment eingewirkt haben? Vielleicht bleibt die Luſt zu wechſeln, ſelbſt wenn man eine leidlich große Facultät glücklich erreicht hat, auch noch beſtehen, weil der Ehrgeiz unbedingt auf die ganz großen Univerſitäten gerichtet iſt, oder verläßt man vielleicht, wie Beiſpiele aus Gießen andeuten, eine in vielen Beziehungen ſehr angenehme Uni⸗ verſität zu Gunſten einer weniger angenehmen, nur um in der Bewegung, die ja bei den Juriſten eine ſehr raſche iſt, zu bleiben, oder um nach Preußen und damit moraliſch Berlin näher zu kommen? Wohl in keiner Facultät dürften die Glücksgüter, welche direct aus der Lehrthätigkeit fließen, von Univerſität zu Univerſität ſo ungleich vertheilt ſein, wie bei den IJuriſten, ich ſage ausdrücklich, die direct aus der Lehrthätigkeit fließen, denn in der Medicin und etwa in der Chemie gilt nicht gerade hier aber anderwärts die rein academiſche Einnahme zuweilen nur als geringe Nebeneinnahme. Nirgends ſind die Univerſitäten in ihrer Frequenz ſo verſchieden, wie bei den Juriſten. Während die Frequenz der ſehr kleinen Medicinerfacultäten zu den ſehr großen ſich verhält wie 100:520, der Theologenfacultäten wie 100:810, der Philoſophen wie 100: 1190, ſteht die der Juriſten zu einander wie 100: 1340 und auf den verſchiedenen Univerſitäten werden die berühmten dickleibigen Pandektenvorleſungen an Zuhörerzahl ganz beſonders differiren. Doch ſollen die obigen Erklärungen nur als mögliche hingeſtellt ſein. Endlich bei den Theologen ſtimmt mit der Frequenzreihe mit 340 189, 90, 40 Studenten wohl die Wechſelreihe mit 21, 22, 25, 26 Prozent, aber nicht die Alters⸗ reihe, denn die ziemlich großen theologiſchen Facultäten haben durchſchnittlich ältere Mitglieder als die ganz großen, während allerdings für die ziemlich kleinen und ſehr kleinen Facultäten die Altersreihe eine abnehmende bleibt. Tritt bei den Theologen die Altersreihe vielleicht wieder darum nicht in ihr Recht, weil in drei Fällen die evangeliſche und die katholiſche zuſammen geworfen werden mußten? Oder gehen von den berühmten ſehr großen Facultäten beider Confeſſionen etwa Viele in hohe Kirchenämter, ſo daß dadurch ihr Alter ſich niedriger ſtellt, als wenn der Abgang erſt im hohen Alter durch den Tod erfolgte? Oder ſollte, worauf auch der auffallend geringe Orts⸗ wechſel ſchließen laſſen möchte, der Grund der ſein, daß die Theologen weniger auf große Zuhörer⸗ zahl geben, weil ſie irdiſchen Beſitz, hier Colleggelder, geringer anſchlagen, als andere Profeſſoren, oder endlich, weil bei zwar gleicher Werthſchätzung irdiſcher Güter die im Verhältniß zur Profeſſorenzahl geringe Anzahl der Theologie⸗Studirenden und die im Vergleich zur Studentenzahl — ——O— — — außerdem noch geringere Zahlungsfähigkeit der Theologen auf Frequenz und Einnahme weniger Gewicht legen läßt? Wir haben dieſe dunkelen wirthſchaftlich-⸗pſychologiſchen Fragen mit der Fackel der Statiſtik leider noch nicht zu beleuchten vermocht. Doch ich habe Ihre Geduld mit allgemeinen ſtatiſtiſchen Univerſitätsfragen, obwohl ich eine Menge anderer noch unterdrückte, ſchon zu lange in Anſpruch genommen, und breche hier⸗ mit ab, indem ich für die Frage des Alters und des Wechſels nur noch einmal auf unſere Ludo⸗ viciana, von der ich ausging, zurückkomme. Warum wir die jüngſte deutſche Hochſchule ſind, iſt leicht zu beantworten. Der Grund der Jugendlichkeit liegt neben der Kleinheit der Univerſität vornehmlich darin, daß bei uns von der Penſionirung, der erbetenen, der gegebenen und der quaſierbetenen in ſtärkerem Maße Gebrauch gemacht wird als anderwärts. Denken Sie, daß wie anderwärts, auch bei uns die 6 augenblick⸗ lich noch lebenden penſionirten Profeſſoren mit ihren durchſchnittlich faſt 73 Jahren neben den jetzigen Vertretern dieſer Fächer oder ſtatt derſelben an unſerer Hochſchule lehrten, dann würde unſere übergroße Jugendlichkeit von 46 Jahren auf 50 bis 51 Jahre emporſchnellen. Dieſer Umſtand iſt ſehr zu beherzigen, will man einer Vergleichung Gießens mit andern Univerſitäten gerecht werden. Damit endlich neben der räumlichen Vergleichung Gießens mit ihren älteren Schweſtern doch auch eine kleine hiſtoriſche Forſchung ſtehe, will ich Ihnen noch zeigen, ob denn der Wechſel ſchon lange Zeit unſere Reihen ſo ſchnell immer wieder gelichtet hat. Eine Durchblätterung der Perſonalbeſtände unſerer Hochſchule, ſoweit ſie gedruckt vorliegen, ergab, daß in den letzten 40 Jahren, alſo von 1840 an von je 5 zu 5 Jahren der Wechſel betrug: 21, 29, 28, 16, 23, 39, 32, 36 Procent. Zuſammen gefaßt in zwei gleiche Perioden von je 20 Jahren ſtieg der Wechſel ſeit 1860, der Periode des ziemlich völlig ausgebauten Eiſenbahnnetzes, von durchſchnittlich 23 auf durch⸗ ſchnittlich 33 Procent. Die Eiſenbahnen ſcheinen, wie es das Beiſpiel von Gießen lehrt, den Nomaden⸗ character der deutſchen Profeſſoren auf eine ſehr hohe Stufe der Entwickelung gebracht zu haben. Nehmen wir gar den allerneueſten Fünfjahrewechſel, der ſich in Gießen von 1877 auf 1882 voll⸗ zogen hat, ſo iſt er nicht 23 und nicht 33, ſondern 43 Procent, bei den Philoſophen zwar nur 25 Procent, bei den Juriſten aber 50 Procent, bei den Medicinern 67 Procent und bei den Theologen gar 75 Procent. Wenn das ſo fortgeht, wie viele von uns werden dann nach abermals 5 Jahren noch wieder hier zum Stiftungsfeſt erſcheinen? Laſſen Sie mich ſchließen mit dem Wunſch, daß es doch nicht gar zu Wenige ſein möchten. —jer—— Es bleibt mir noch übrig, Bericht zu erſtatten über die akademiſchen Preisfragen. Nur eine der für das verfloſſene Jahr geſtellten Aufgaben hat eine Beantwortung ge⸗ funden. Das Thema dieſer von der philoſophiſchen Facultät geſtellten Aufgabe lautete: „Beſchreibung der in der Gegend von Gießen vorkommenden Kalkſpathkryſtalle. Die Facul⸗ lät verlangt eine auf Winkelmeſſungen gegründete und durch Zeichnungen unterſtützte Beſchreibung der in der Umgegend von Gießen vorkommenden Kalkſpathkryſtalle. Zugleich ſoll die Art ihres Vorkommens genau geſchildert werden.“ Die Facultät ſpricht ſich über die Bearbeitung, welche das Motto führt:„Der Menſch iſt nicht geboren, die Probleme der Welt zu löſen, wohl aber zu ſuchen, wo das Problem angeht“ folgendermaßen aus: „Der Verfaſſer hat in vorliegender Arbeit die wichtigſten Kalkſpathformen der Umgegend von Gießen auf das Sorgfältigſte zuſammengeſtellt und durch Winkelmeſſungen be⸗ ſtimmt. Dabei hat er zwei neue Formen gefunden, deren Signatur aber erſt durch erneute zahlreiche Winkelmeſſungen mit Sicherheit feſtgeſtellt werden konnte. Der Ver⸗ faſſer hat ſeine Darſtellung in die knappſte Form gekleidet, ſo daß oft die Deutlichkeit und Klarheit beeinträchtigt werden. Eine tabellariſche Zuſammenſtellung der Formen nebſt Angabe der Winkel würde die Ueberſicht weſentlich erleichtert haben, auch würde durch eine beigefügte Linear⸗ und eine ſtereographiſche Projection ein Ueberblick über den Zonenverband der gefundenen Flächen gegeben worden ſein. Die Zeichnungen ſind mit Sorgfalt ausgeführt, es fehlen aber die zur Orientirung durchaus nöthigen Flächen⸗ bezeichnungen. Abgeſehen von dieſen Mängeln iſt die Aufgabe richtig gelöſt, und er⸗ kennt die Facultät dem Verfaſſer den Preis zu.“ Der Name des Verfaſſers iſt: Auguſt Stroman, stud. rer. nat. aus Offenbach. Für das Jahr 1882 ⁄ ſind folgende Aufgaben geſtellt: 1) Von der theologiſchen Facultät: „Es ſoll nach den Schriften des neuen Teſtaments gezeigt werden, inwieweit bereits für die Anſchauung der apoſtoliſchen Zeit die chriſtliche Gemeinde an die Stelle des Volkes Israel getreten iſt und welchen Ausdruck ſich dieſe Anſchauung im Einzelnen gegeben hat.“ Von der juriſtiſchen Facultät: „Die rechtliche Bedeutung der Sponſalien im älteren und neueren katholiſchen ſowie im evangeliſchen Kirchenrechte.“ Von der mediciniſchen Facultät: a. Akademiſche Aufgabe: „Nach längerem Gebrauch großer Doſen Chinin iſt wiederholt doppeltſeitige Erblindung beobachtet worden, die man auch bei Thieren experimentell herbeiführen kann. Welche ophthalmoſkopiſch ſichtbaren Veränderungen des Augenhintergrundes zeigen ſich dabei und wie laſſen ſich dieſelben erklären?“ 2 ‿— Aufgabe der Balſerſtiftung: Es iſt durch methodiſche Harnunterſuchungen die Frage nach der Häufigkeit des Vor⸗ kommens von Eiweiß im normalen Zuſtande zu löſen, dabei iſt im Beſonderen der Einfluß der Tageszeiten, der Muskelarbeit, der Verdauung und dergleichen mehr auf die Eiweißausſcheidung feſt zu ſtellen. Bei dieſen Unterſuchungen iſt nicht allein das Vorkommen der gewöhnlichen gerinnbaren Eiweißkörper, ſondern auch ſolcher Eisweiß⸗ körper, welchen das Zeichen der Gerinnbarkeit abgeht, vor allem das Vorkommen von Hemialbumoſe oder Propepton zu berückſichtigen. Von der philoſophiſchen Facultät. aus der Zoologie„Anatomiſch ſyſtematiſche Bearbeitung der bei Gießen vorkommenden Rotatorien.“ aus der Botanik:„Beſchreibung und Abbildung der Stigmata vor, während und nacht der Beſtäubung; durch einige Familien.“ aus der Mineralogie:„Ueber die Eutſtehung der Dolomite. Die Facultät verlangt eine auf eingehende Literaturſtudien gegründete Darſtellung der verſchiedenen Anſichten über die Entſtehung der Dolomite im Allgemeinen, derſenigen der Umgegend von Gießen im Beſonderen. In Betreff der letzteren ſollen ſpezielle Beobachtungen in der Natur die Grundlage bilden zur Entwickelung und Ausführung eigener Anſichten über den fraglichen Gegenſtand.“ Aus der Geſchichte:„Darlegung der Entſtehung und des Verlaufs der Zunftkämpfe in Mainz im 14. und 15. Jahrhundert.“ Aus der neueren Philologie:„Ueber die Function des Präſixes ge-(got. ga-) vor Verben in den germaniſchen Sprachen.“ — — * — — 2 . — 7 ——— —— d —— ⸗— — Aeber Colour& Grey Control Chart ase roi Blue Cyan Green Vellow HRed Magenta Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black der Großherzoglich Heſſiſchen Ludewigs-Univerſität am 1. Juli 1882 gehalten Gieſſon. Wenzel'ſche Univerſitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei(C. v. Münchow.) 1882.