Ueber die Vedeutung der hiltorilchen Continuitüt N mit beſonderer Rückſicht auf die deutſchen Univerſitäten. Akademiſche Feſtrede zur Feier des hoöhen Geburtsfeſtes Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs t HE l I L 1DGS lll. am 9. Juni 1857 gehalten von dem Rector der Ludwigs-Alniverſität Dr. Guſtav Adolf Ludwig Baur, ordentlichem Profeſſor der evangeliſchen Theologie. 6 G—— If.h HESS:PNV 5 5 .——— ’ Gießen 1857. Druck der G. D. Brühl'ſchen Univerfitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei. V V Cancellarie Academiae magnifice! pecani maxime spectabiles! professores et Doctores omnium ordinum summe reverendi, eonsultissimi, experientissimi, humanissimi! Commilitones honoratissimi! Hospites illustres, splendidissimi, amplissimi! Es iſt heute zum erſten Male, daß dieſer altakademiſche Gruß an dieſer Stelle ausge⸗ ſprochen wird. Indem ich Sie alle, Hochzuverehrende Anweſende, damit in dieſen feſtlichen Räumen willkommen heiße, iſt das Gefühl, welches in dieſem Augenblicke mich vorzugsweiſe bewegt und welches vor allen zum Ausdrucke drängt, das Gefühl des Dankes. Des Dankes vor Allem gegen unſern gnädigen Gott, daß er in unſerm Allerdurchlauchtigſten Großherzoge Ludwig III., deſſen Hohes Geburtsfeſt heute von allen treuen Heſſen in freudiger Erhebung begangen wird, uns allen einen gnädigen Fürſten und Herrn, unſerer Univerſität insbeſondere einen weiſen und huldvollen Fürſorger geſchenkt hat, und daß er während eines nun gerade drittehalbhundertjährigen Beſtehens unter mannigfaltigen Wechſelfällen, welchen manche deutſche Schweſteranſtalten unterlegen ſind, unſere Univerſität durch ſeinen allmächtigen Schutz erhalten und ihr unter den Hochſchulen des deutſchen Vaterlandes eine ehrenvolle Stelle geſichert hat. Des Dankes ſodann gegen unſeren Allergnädigſten Großherzog ſelbſt und ſeine Hohe Regierung, daß er, dem Vorbilde ſeiner erlauchten Ahnen getreu, dieſe Pflanzſtätte der Wiſſenſchaft als eines der Kleinode ſeiner Krone hoch und werth hält, und durch ſeine Muniſicenz auch die würdige Ausſtattung dieſes Raumes gefördert hat. Des Dankes ferner für die Pietät, womit Sie, Hoch⸗ zuverehrende Herrn Collegen, zur Herſtellung dieſer für uns unſchätzbaren Denkbilder an unſere Vorfahren im akademiſchen Lehramte die Mittel gerne dargeboten, und indem Sie die längſt heim⸗ gegangenen Collegen ehrten, ſich ſelbſt geehrt haben. Des Dankes endlich gegen dieſe ganze hochanſehnliche Verſammlung, welche, in allen ihren Beſtandtheilen zu unſerer Hochſchule in mehr oder weniger naher Beziehung ſtehend, durch ihre Anweſenheit unſere akademiſche Feier ehren und verherrlichen will. Nachdem ich aber der nächſtliegenden und ſo angenehmen Pflicht der Dankbarkeit genügt habe, dringt die Maſſe desjenigen, was jetzt an dieſer Stelle zu ſagen wäre, von allen Seiten 1* 4 ſo gewaltſam auf mich ein, daß ich wünſchen muß, es möchte die Aufgabe, dieſen Gedanken den entſprechenden und würdigen Ausdruck zu geben, einer Kraft zu Theil geworden ſein, welche ihr in höherem Grade gewachſen iſt, als die meinige, der ich, durch das Vertrauen meiner ver⸗ ehrten Collegen und die gnädigſte Beſtätigung Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs für dieſes Jahr mit dem Rectorate betraut und dadurch in dem Falle bin, gerade diesmal als Feſtredner auftreten zu müſſen. Doch finde ich einigen Muth in der Erwägung, daß Sie nicht hierher gekommen ſind, um Neues und Abſonderliches zu vernehmen, daß ich durch meine Rede nicht etwa eine neue Stimmung in Ihnen erſt zu erzeugen, ſondern nur einer bereits vorhandenen Worte zu geben habe. Ich darf hoffen, Ihnen Genüge zu thun, wenn es mir gelingt, die Grundtöne dieſer Stimmung anzuſchlagen; und darf es dann Ihnen ſelbſt überlaſſen, dieſe Töne durch näher und ferner liegenden Verbindungen hindurch weiter zu verfolgen und ſinnreicher fort⸗ zuſpinnen, als es Ihrem dermaligen Redner das ihm zugemeſſene Maaß von Zeit und Fähigkeit geſtatten würde. Die akademiſche Feier, zu welcher wir uns hier verſammelt haben, iſt nicht etwas durchaus Neues, ſondern nur die erſte Ausführung eines ſeit Jahren bereits gehegten Planes, zu deſſen Verwirklichung bisher nur die genügende Localität fehlte, und der durch die jüngſten Beſchlüſſe des akademiſchen Senates mit Rückſicht auf die unterdeß veränderten Ferienverhältniſſe dahin modificirt wordrn iſt, daß nicht am Namenstage, ſondern am Geburtsfeſte Sr. Königlichen Ho⸗ heit des Großherzogs, nach der Analogie anderer deutſchen Univerſitäten auch von der unſrigen der feſtliche Tag durch einen feierlichen Redeactus begangen werden ſoll. Durch die im Jahre 1838 erfolgte Abtragung des alten Colleggebäudes wurden wir einer für dergleichen Feier⸗ lichkeiten geeigneten Räumlichkeit beraubt, und obgleich bereits nach zwei Jahren auf dem Grunde des alten das neue Colleggebäude ſich erhoben hatte und dem Gebrauch übergeben werden konnte, ſo ſtellten ſich doch der Vollendung der größeren Aula beſondere Hinderniſſe entgegen; bis denn endlich heute, wo wir durch dieſen erſten in ihr vorgenommenen feierlichen Act ſie zugleich ihrer Beſtimmung übergeben, auch ſie fertig daſteht, ausgeſtattet mit dem würdigſten Schmucke, mit den Bildniſſen der erlauchten fürſtlichen Beſchützer unſerer Hochſchule, ſowie denjenigen unſerer Vorfahren im akademiſchen Lehramte. Jene Bildniſſe, welche die ununterbrochene Reihe unſerer erhabenen Landesfürſten von dem Stifter unſerer Univerſität, Landgraf Ludwig V., bis auf den Großherzog Ludewig J. darſtellen, daneben den gelehrten Landgrafen Philipp zu Butzbach und Georg den Mittleren zu Vöhl, ſind unſchätzbare Geſchenke fürſtlicher Huld. Zugleich verordnete am 20. April 1629 Georg II., daß, ähnlich wie auf anderen theils ausländiſchen, theils deut⸗ ſchen Univerſitäten, ſo auch auf der— damals nach Marburg übergeſiedelten— Alma Ludo- viciana, der damaligen, wie auch jeder künftigen Professorum gemalt Bildniß in einer gleichen Größe und Form mit Anzeig des Namens auch der Jahrzahl ſeines Alters und der Geburt Chriſti aufbewahrt werden ſollte; denen Professoribus, ſo damals allbereit beſtellt waren, ſollte der Malerlohn, umb welchen man zum genaueſten zu markten hätte, vom oeconomo erſtattet, 5 von andern aber, ſo künftig ankommen, zur Hälfte ſelbſt getragen werden. So entſtand denn dieſe Sammlung, welche, wo nicht Wegberufung, oder vorzeitiger Tod die Ausführung der Verordnung hinderte, faſt alle Profeſſoren unſerer Univerſität von der Zeit ihrer Entſtehung an bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein darſtellt, da denn unter dem Ein⸗ fluſſe der gewaltigen Ereigniſſe, welche den geſammen Bau der alten geſellſchaftlichen Ordnung wanken machten, und unter den mancherlei Bedrängniſſen, welche in Folge davon auch unſere Stadt und Univerſität trafen, auch jene Verordnung außer Uebung kam. Die ſo entſtandenen und uns erhaltenen Bilder ſchmücken nun, nach den Facultäten und innerhalb dieſer chronologiſch geordnet, dieſen Saal. Die Lücken zwiſchen jener Zeit und der Gegenwart auszufüllen, bleibt zunächſt der dankbaren Erinnerung überlaſſen. Und ſo ſey denn vor Allem auch hier auf's Neue der Wunſch ausgeſprochen, daß der ehrwürdigen Geſtalt Ludewigs J., des Weiſen, durch fürſtliche Huld das Bildniß des Höchſtſeligen Großherzogs Ludwigs II., des Milden, und das unſeres Allergnädigſten Landesherrn Ludwigs III. ſich anreihen möge, würdige Denkmale eines fürſtlichen Dreigeſtirns, unter deſſen ſegnendem Strahle unſere Hochſchule zu neuer, ausgebreiterer und blü⸗ hender Entwicklung ſich entfaltete. Und dann, um nur einiger der bereits heimgegangenen Collegen zu gedenken, wie gerne ſähen wir neben Theologen, wie der ältere Mentzer, J. H. Mai, J. J. Rambach, unſere Schmidt, Kühnöl, Fritzſche! Wie würden an Sinolt, Hert, Eſtor, Kortholt, Höpfner Juriſten, wie Grolman und Arens, würdig ſich anreihen, und unſer trefflicher Löhr, der mit ſeiner herzgewinnenden Freundlichkeit, mit ſeinem graden, unbeſtechlichen, durch nichts zu beirrenden Rechtsſinne der großen Mehrzahl von uns noch ſo lebendig vor der Seele ſteht! Wie würde die Sammlung der Bildniſſe unſerer medieini⸗ ſchen Collegen bereichert werden, wenn denen von Horſt, Heiland, Valentini die Bildniſſe Wilbrand's, Balſer's, des biedern, auch um die Geſchichte unſerer Univerſität ſo hochver⸗ dienten, Nebel ſich anſchlöſen! Und endlich, wie würde die zahlreiche Gemeinſchaft der Ver⸗ treter der philoſophiſchen Wiſſenſchaften gewinnen, wenn zu dem gelehrten Scheibler, dem ſcharfſinnigen Goclenius, dem geiſtreichen, des lebendigen Wortes mächtigen Schupp, dem gewandten, welterfahrenen Dietrich, dem kenntnißreichen, um unſere Univerſitätsbibliothek ſo verdienten jüngeren Mai, unſere Walther, Schmidt, Schmitthenner, unſer erſt jüngſt aus unſerer Mitte geſchiedener Heyer ſich geſellten, und auch ihr, ihr lieben, unvergeßlichen Freunde, Ernſt Dieffenbach und Ettling, die im kräftigſten Mannesalter und mitten aus der eifrigſten wiſſenſchaftlichen Thätigkeit heraus nach Gottes unerforſchlichem Rathſchluſſe der Tod uns entriß! Solche Erinnerungen, meine verehrten Collegen und Freunde, werden, je jünger ſie ſind, deſto wehmüthiger; in dieſem Augenblicke aber und in dieſer Umgebung wird unſer Schmerz nie⸗ dergehalten durch das ſtolze Bewußtſeyn, einer Corporation anzugehören, welche die ihr Angehö⸗ renden über die Schranken des einzelnen Daſeyns erhebt, welche durch die Kraft der an demſelben Werke Mitarbeitenden die beſchränkte Kraft des Einzelnen nicht blos ergänzt, ſondern auch weit über das dem iſolirten Individuum Mögliche hinaus anregt und erweitert, und welche, 1 3 8 6 wie ſie ſelbſt ſich lebenskräſtig genug gezeigt hat, um aus zahlreichen Kriſen ſtets neugeſtärkt wieder hervorzugehen, ſo auch einem jeden zu ihrer Förderung wirkenden Mitgliede die treue Be⸗ wahrung und Fortpflanzung der Früchte ſeines Thuns und in dankbarem Andenken eine über das irdiſche Daſeyns hinausreichende ehrenvolle Fortdauer ſichert. Wenn bei öffentlichen Handlungen, die, wie die gegenwärtige, das erſte Glied bilden ſollen einer durch lange künftige Jahre hin⸗ durch ſich weiter gliedernden Kette, es überhaupt natürlich iſt, daß mit der hoffnungsvollen Aus⸗ ſicht in die Zukunft auch ein ernſter Rückblick auf den bereits zurückgelegten Weg ſich verbindet, ſo müſſen wir uns gerade jetzt dazu beſonders aufgefordert fühlen. Unſere ganze Umgebung mahnt uns, wie an die altehrwürdigen Grundlagen, auf welchen unſere Univerſität noch immer ruht, ſo an das unentrinnbare und unwiderſtehliche Geſetz der ſich ſtets verjüngenden geſchichtlichen Fortentwicklung, und ſo glaube ich der Grundſtimmung, welche jetzt uns alle durchdringt, nicht beſſer entſprechen zu können, als wenn ich mit einigen Worten Ihre Aufmerkſamkeit auf die große Bedeutung der hiſtoriſchen Continuität zu lenken verſuche, unter vorzugs⸗ weiſer Rückſicht auf die deutſchen Univerſitäten, insbeſondere unſere Alma Ludoviciana. Es will mir ſcheinen, als ob der rechte Sinn für die Bedeutung dieſe hiſtoriſche Conti⸗ nuität eine der Eigenthümlichkeiten ſey, durch welche die Gegenwart, nicht ſowohl durch ihr eignes Verdienſt, als eben durch die Gunſt der geſchichtlichen Entwicklung, vor früheren Generationen ſich auszeichnet. Wie Großes auch auf dem Grunde eines geſunden ſtätigen geſchichtlichen Fort— ſchrittes einſt das altteſtamentliche Volk im Gebiete der Religion, das Griechenthum auf dem Felde der Philoſophie und Kunſt, das römiſche Volk in der Sphäre des äußeren Staats⸗ und Rechtslebens hervorgebracht hat: alle dieſe Leiſtungen waren in die Schranken der Nationalität gebannt, und es drohte ihnen die Gefahr, mit dieſer dem Untergange zu verfallen. Das Chri⸗ ſtenthum erſt, indem es den in der vorchriſtlichen Welt unbekannten Begriff der Menſchheit zur Geltung brachte, ließ damit auch zugleich den hohen und freien Standpunkt finden, von welchem aus die einzelnen Individuen und Nationalitäten als jedes an ſeiner Stelle berechtigte, gegen⸗ ſeitig ſich unterſtützende und ergänzende Glieder eines unter ewigen Geſetzen ſtehenden Geſammt⸗ organismus erſchienen, und von welchem aus auch der geiſtigen Hinterlaſſenſchaft untergegangener Völker die wirkſame Fortdauer im Ganzen und für das Ganze geſichert werden konnte. Aller⸗ dings aber folgte dem ſo im Prinzip Geforderten nicht ſogleich die vollkommene Verwirklichung. Die entgegengeſetzten Elemente des Alten und des Neuen, des Bleibenden und des Wechſelnden, der Ordnung und der Freiheit, des Localen und Nationalen und des allgemein Menſchlichen, deren gegenſeitige Durchdringung die Vorausſetzung normaler Bildungen im Leben der menſchlichen Geſellſchaft iſt, fanden nicht immer jene beſonnene, gleichmäßige Würdigung, durch welche z. B. die deutſche Kunſt, das deutſche Bürgerthum und Städteweſen des Mittelalters, die engliſche Staatsverfaſſung den erquickenden Anblick durch und durch geſunder Producte des wahren, dem bewährten Alten, wie dem durch die veränderten Verhältniſſe unabweislich geforderten Neuen, gleich gerecht werdenden Sinnes für geſchichtliche Continuität darbieten. In der Regel ſchloß die Hinweiſung auf das, was geſchehen war, die Berufung auf das Recht des in der Vergangenheit Gewordnen, zugleich die Zurückweiſung desjenigen ein, was geſchehen ſollte, und den Proteſt gegen die Anſprüche der Gegenwart und Zukunft, und es war nur ein natürlicher Rückſchlag gegen ſolche Einſeitigkeiten, wenn dieſe Anſprüche ihrer⸗ ſeits vom feſten Boden des geſchichtlich Gegebenen ſich vollſtändig entfernten. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts gedieh dieſer Gegenſatz zu einer immer heftigeren Spannung. Auf der einen Seite ein zu völligem Mechanismus ausgeartetes Fortbewegen in den einmal ausgefahrenen Gleiſen, ein das rein Menſchliche erſtickendes Erſtarren in localen Einrich⸗ tungen und Gewohnheiten, eine jede freie Entfaltung des Individuellen hemmendes Feſthalten an dem einmal Gegebenen; und dagegen auf Seiten der vorwärts treibenden Elemente ein zügelloſes Ausſchreiten in's Weite und Wilde, ein Sublimiren des Begriffs des allgemein Menſchlichen bis zu einer abſtracten Höhe, auf welcher er völlig zu verdunſten drohte, und von welcher aus der Weg zu dem concreten wirklichen Leben ſich gar nicht mehr finden ließ, ein anſpruchsvolles Sich⸗ aufſpreizen des iſolirten Subjectes, als ob es erſt die Welt zu ſchaffen habe und nicht vielmehr von dem geiſtigen Erbe vorausgegangener Jahrhunderte das eigne Leben friſte. Der gewaltige Kampf menſchlicher Kräfte, welcher unter den erſchütternden Ereigniſſen um den Beginn des neuen Jahrhunderts herum entbrannte, diente dazu, die ſpröden Maſſen in Fluß zu bringen. Insbe⸗ ſondere waren dem deutſchen Volke, wenigſtens den für ſolche Lehren überhaupt Empfänglichen, die eindringlichen Lehren der Geſchichte unverloren. Die furchtbaren Exceſſe, zu welchen bei dem Nachbarvolke ein mit aller Geſchichte brechendes Streben nach Neuerung führte, zur Strafe für die Verachtung der hiſtoriſchen Continuität und für die Rückſichtsloſigkeit, womit man vorher natürliche organiſche Bildungen im Volksleben zerſtört hatte, diente zur heilſamen Warnung. Die tiefe Noth und Schmach des eignen Volkes aber ließ auch die tieſe Schwäche und die innere Hohlheit und Fäulniß jenes trägen und kurzſichtigen Feſthaltens an dem einmal Gewordenen deutlich erkennen, welches den vorwärtstreibenden Ruf der unaufhaltſamen geſchichtlichen Entwick⸗ lung überhört oder verachtet. Wer ſein Auge auf unſer Volk im Großen, Ganzen richtet, der kann nicht verkennen, es iſt aus jenem gewaltigen Kampfe als ein anderes hervor- als hineinge⸗ gangen. Unſer Geſichtskreis hat ſich erweitert, wie ſehr wir auch das Einzelne in ſeiner Eigen⸗ thümlichkeit anerkennen und werth halten: der Blick, das Intereſſe haftet nicht mehr in dumpfer Beſchränktheit an der unmittelbaren Umgebung, es treibt uns, ſie zu dem Entfernteren in Bezie⸗ hung zu ſetzen, wir fühlen uns lebhafter als Glieder eines Volkes, verflochten in das Thun und Schickſal der ganzen menſchlichen Geſellſchaft. Am unverkennbarſten tritt dieſe Richtung des Zeit⸗ alters auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft hervor. Zeugniß dafür iſt ſchon das Intereſſe für die Geſchichte der Wiſſenſchaft, welches gegenwärtig in einem früher unerhörten Grade und Umfange verbreitet iſt,— für die Geſchichte der Wiſſenſchaft, ſage ich, denn dickleibigen Vorgängern bandwurmartige, aber leider kopfloſe Catenen von gelehrten Notizen abzutreiben und Sammlungen b 8 von Anekdoten aus der Gelehrtenchronik anzulegen, dafür hat Intereſſe und Geduld allerdings abgenommen. Namentlich im Bereiche derjenigen Wiſſenſchaften, welche die Hauptfactoren des geiſtigen Lebens der Geſellſchaft ſelbſt zum Gegenſtande haben, die Religion, das Recht, die Kunſt, regt ſich jenes Intereſſe mit beſonderer Lebhaftigkeit; wiewohl es gerade unter uns unver⸗ antwortlich wäre, der ausgezeichneten Leiſtungen nicht zu gedenken, wodurch auch die Geſchichte der Naturwiſſenſchaften, zumal der Chemie, gefördert worden iſt. Man hat eben erkannt, daß, wie auf jenen weſentlichen menſchlichen Lebensgebieten, das Leben ſelbſt nicht willkürlich gemacht werden kann, ſondern nach höheren göttlichen Geſetzen ſich entwickelt, ſo auch die erſchöpfende wiſſenſchaftliche Erkenntniß nicht das Werk eines Einzelnen iſt, und wenn er der Begabteſte wäre; daß vielmehr das Größte nur durch die ſucceſſive Thätigkeit der wechſelnden Generationen und durch das Zuſammenwirken der Berufsgenoſſen zu Stande kommt. Es hat ſich neben dem In⸗ tereſſe für die Kritik des Einzelnen auch der Sinn entwickelt für jene Kritik, welche objectiv im Verlaufe der geſchichtlichen Entwicklung ſelbſt in ihrem ernſten und unaufhaltſamen Gange ſich voll⸗ zieht, und den, welcher ſich ihr widerſetzen wollte, ihrem vernichtenden Urtheile verfallen läßt. Man hat das Recht des geſchichtlich Gewordenen achten gelernt, aber auch die Pflicht gegen das nach dem göttlichen Rechte der hiſtoriſchen Entwicklung geſchichtlich Geforderte, gegen welches, eigenſinnig und kurzſichtig ſich auflehnend, das hiſtoriſche Recht in das größte Unrecht umſchlägt. Mit einem Worte, man hat die Bedeutung der hiſtoriſchen Continuität erkennen und ſchätzen gelernt, welche in dem harmoniſchen Zuſammenwirken der gegenſeitig ihr Maaß beſtim⸗ menden conſervativen und progreſſiven Elemente ſich vollzieht, und ebenſoſehr zu beſonnener Werthhaltung des bereits Erworbenen mahnt, als zu friſchem Eifer, unbebautes Land urbar zu machen und neue Gebiete zu erobern. Verzeihen Sie, Hochzuverehrende Herrn, wenn mir dieſer Eingang etwas weitſpurig gera⸗ then iſt, und genehmigen Sie auch in dieſer Rückſicht die Berufung auf ein hiſtoriſches Recht, auf das alte Recht des Profeſſors, in ſeiner Darſtellung ab ovo anzufangen. Ich komme nun meinem beſonderen Gegenſtande, der auf ehrwürdigem geſchichtlichem Grunde ruhenden deutſchen Univerſitätseinrichtung, näher und faſſe ihn ſogleich bei der uns zunächſt liegenden concreten Thatſache, daß das hohe Geburtsfeſt unſeres Allerdurchlauchtigſten Großherzogs der Anlaß gewor— den iſt zu dieſer akademiſchen Feier. Bekanntlich ſtehen wir mit dieſem Brauche keineswegs allein. Laſſen Sie uns, meine Herrn, in dieſer Thatſache nicht etwa eine bedeutungsloſe Bezeugung der Ehrerbietung erblicken, ebenſowenig, als es eine leere Ehre iſt, wenn die Mehrzahl deutſcher Uni⸗ verſitäten, wie auch unſere Alma Ludoviciana, mit dem Namen deutſcher Fürſten ſich ſchmückt. Erkennen wir vielmehr darin den bedeutſamen Ausdruck eines folgereichen realen Verhältniſſes. Es iſt eine Thatſache, daß faſt alle deutſche Hochſchulen ihre Entſtehung dem Intereſſe und der Fürſorge edler Fürſten für Gelehrſamkeit, Wiſſenſchaft und allgemeine Bildung verdanken. Unſere Univerſität darf ſich in hohem Grade dieſer Fürſorge rühmen, ſie verdankt ihr recht eigentlich ihre Entſtehung. Schon jenes gymnasium illustre, welches Ludwig V., der erlauchte Stifter unſerer Univerſität, am 10. October 1605 in unſerer Stadt eröffnete, um den weßenm. ihres ſtreng luthe. riſchen Bekenntniſſes aus Marburg vertriebenen Proſeſſoren und Geiſtlichen einen ihrer Fähbigkeit angemeſſenen Wirkungskreis zu bieten, pflegte er ſein koſtbarſtes Kleinod zu nennen, und vorzüg lich ſeinem lebendigen Eifer für die junge Anſtalt iſt es zuzuſchreiben, daß ſie im erſten Jahre ihres Beſtehens bereits dreihundert chüler zählte Die Ertheilung der zur Verwandlung des Gymnaſtums in eine eigentliche Univerſttät nöthigen kaiſerlichen Privilegien betrieb der Landgraß perſönlich in Prag, und bereits am 6.d etober(a t.) 1607 konnte in dem großen Saale des hieſigen Rathhauſes nach dem von dem Landgrafen ſelbſt verfaßten Programm der ſeierliche Act der Einweihung vorgenommen werden, wobet der erlauchte Fürſt ſelbſt die Eröſſnungsrede hielt und dieſe der Univerſität von hm verehrten beiden ſilbernen Scepter dem erſten Rector und Kanz ler der Univerſttät, Ior. Gottfried Antoni, eigenhändig übergab. Mit einer bis ins Einzelne gehenden Sorgſalt war er um die würdige Ausſtattung der Univerſität, um Gewinnung küchtigen Lehrer, um Unterſtützung bevürftigen tudirenden bemüht Im Jahre 1620, nachdem dem Land grafen durch kaiſerliches Ediet die ganze Marburger Verlaſſenſchaft zugeſprochen worden war, wurde die Untverſttät nach Marburg verlegt. Ein Jahr darauf ſtarb Ludwig V. Georg II. trat in die Fußtapfen des Vaters Als im Jahre 1633 eine in Marburg herrſchende Seuche veranlaßte, daß die Univerſität auf die Dauer eines Jahres hierher überſtedelte, wohnte der Landgraf häuſeg. Disputationen und Promotionen bei, und in dem an alle Kirchenthüren des Landes angeheftetem Patent, welches nach Erledigung der Marburgen treitigkeit die Wievereröffnung der Untverſität in Gießen auf den 5. Mai 1650 ankündigte, konnte er mit gutem Grunde verſichern, daß er „geſchickte, erfahrene, treu fleißige und tapfere professornes in ommibus e zingulia fHaeultatibu nominiret“ habe, zur Verherrlichung der Feierlichkeit aber ſandte er den Erbprinzen Ludwig und den Prinzen Georg, um dem Einweihungsact beizuwohnen Oieſes warme Intereſſe des Landes herrn für die Univerſttät zündete weiter. Die Stadt Gießen trug zur Ausſtattung und Förderung der Univerſität das Ihrige bereitwillig bei! ſier ſah ein, daß ſie mit der Sorge für das Wohl ver Univerſität zugleich auch für den eignen Vortheil am beſten ſorgte. Auch der Kaiſer verſah auf Georg’s II. Nachſuchen die Univerſität mit neuen Freiheiten und Privilegien, o erhielt bereits im Jahre 1630 der jedesmalige Hecan bei zuriſtenfacultät,„weil ſich in ihr wohlqualiſt⸗ eirte, in kaiſerlichen Rechten trefflich erfahrene subjecta, doctores unb profossores befunden“, die freilich unterdeß eingegangene Würde eines kaiſerlichen Hofpfalzgrafen, und vamit das Recht zu legitimiren, Wappen zu ertheilen, Notarien und gekrönte Dichter zu ereiren. Weithin ver breitete ſich der Ruhm ver Univerſität und lockte von allen Seiten Stuvirende herbei. Insbeſon⸗ vere zog vas Beiſpiel des Landesfürſtlichen Hauſes ſelbſt viele Sprößlinge erlauchten Familien an. Wie mag es dem wackeren Balthaſar Schupp wohlgethan haben, vaß er in ver Widmung ſeines„Teutſchen Lucianus“ an den Landgrafen Friebrich zu Heſſen, ver vamals als General in ſchweviſchen Dienſten ſtand, ſchreiben konnte:„Eure Hochfürſtliche Gnaden werden ſich gnädig erinnern der Zeit, va Sie zu Marpurg ſtudirten unſere Untverſität befand ſich damals zu 9 oc to, 10 Marburg und Ew. Hochfürſtlichen Gnaden älteſter Herr Bruder einesmals Ihrer Hochfürſtlichen Gnaben, Herzog Ernſten Auguſto zu Braunſchweig und Lüneburg, Herrn Landgraf Ludwigen, und Herrn Landgraf Georgen, die Biſite gaben, daß damals fünf Fürſten, neun Grafen, neben vielen Edelleuten auf einmal zu mir ſeyen ins Auditoyium philosophiceum gekommen.“ Bis zum Jahre 1746 bekleideten vas Ehrenamt eines Rector Magnificentissimus an unſerer Hoch⸗ ſchule neun auf ihr ſtudirende Landgrafen von Heſſen, darunter drei⸗ Erbprinzen, und zu der glänzend begangenen erſten Säcularfeier auf den 18.(n. St.) Oct. 1707 lud der Erbprinz als Reetor Magnificentissimus, der nachherige Landgraf Ludwig VIII., ſelbſt durch ein Programm ein. Es erfreute ſich gerade damals die Univerſität eines beſonderen Aufſchwungs, indem nament lich durch den weit verbreiteten Ruf ausgezeichneter the blogiſcher und juriſtiſcher Profeſſoren eine große Zahl von tudtrenden hierhergezogen wurn In eine um ſo trübere Zeit fiel im Jahr 1807 der zweite 1 ſtät. Gerade ein Jahr vorher hatte mit der Schlacht von Jena für Deutſchland die Zeit de efſten Erniedrigung begonnen Die Nach⸗ harſchaft des 1807 errichteten Königreichs Weſtpha die Anweſenheit eines franzöſiſchen Com mandanten, Kriegscommiſſärs, Lazareths, fortwährende Einquartierungen machten für Gießen den Druck dieſer traurigen Zeit recht unmittelbar fühlban Um ſo mehr iſt es mit freudigem Danke anzuerkennen, daß die Weisheit des Großherzogs Ludewigs I. ſeine Univerſität aus den mancher lei Gefahren, welche ihr drohten, nicht blos rettete, ſondern in verjſüngtem Glanze ſie heraus führte, daß ſeine beiden erlauchten Nachfolger ihr dieſelbe huldvolle Fürſorge bewahrt haben, wodurch denn namentlich die Jahl und vie reiche und zweckmäßige Ausſtattung der akademiſchen Inſtitute auf eine früher nicht geahnte Stuſe erhoben worden iſt. Ich habe, meine Herrn, dieſe Chatſachen nicht etwa blos als hiſtoriſche Notigen angeführt, wie intereſſant an ſich und wie ehrenvoll für unſere Univerſität ſie immer ſein mögen; ſondern um durch das Beiſpiel der letzteren zu beſtätigen, daß die Blüthe dieſer Hochſchulen der Wiſſenſchaft zum großen Theile von dem lebendigen Intereſſe abhängt, welches die Landesfürſten an ihnen nehmen. Auch liegt dies in der Natur der Sache. Stände die Wiſſenſchaft mit ihren Pflanzſtätten unter dem Einfluſſe der unmittelbar auf den materiellen Vortheil gerichteten Tendenzen der Maſſe, oder würde ſie auch nur von den mit der Leitung der Kirche und des Staates betrauten oberſten Behörden zu unmit telbar auf den praktiſchen Staats⸗ und Kirchendienſt bezogen: es würde bald keine Wiſſenſchaft mehr geben, ſondern im glücklichſten Falle ein mannigfaltiges, aber zerſplittertes, prinziploſes Wiſſen, und handwerksmäßige Abrichtung träte an die Stelle wiſſenſchaftlicher Bildung. Es iſt darum wünſchenswerth, daß der Fürſt mit der Autorität ſeiner geheiligten Perſon die Wiſſen ſchaft deckt und ſie gegen ihr Weſen gefährdende Zumuthungen ſchützt, daß er ſie gewiſſermaßen Theil nehmen läßt an der ausgezeichneten Stellung, welche ihn ſelbſt über die unmittelbare Be⸗ ſchäftigung mit den kleinen conereten Fragen des ſtaatlichen und kirchlichen Lebens erhebt, daß er der Wiſſenſchaft die Ruhe gewährt, welche ihr zur rein unbefangenen Ausbildung ihres Weſens unentbehrlich iſt. Das öſſentliche Wohl kann dabei nur gewinnen. Denn wenn dem Staat und 11 der Kirche mit den gelehrten Pedanten freilich ſchlecht gedient iſt, ſo werden ſie dagegen in dem Manne von tüchtigem wiſſenſchaftlichen Sinn und gründlicher wiſſenſchaftlicher Bildung jederzeit auch den praktiſch brauchbarſten Diener finden; und während der Zögling, oder vielmehr Lehr⸗ ling der vielgeprieſenen rein praktiſchen Zurichtung verloren iſt, wenn ſeine Recepte ihn im Stiche laſſen, oder die Verhältniſſe, worauf dieſe ſich bezogen, ſich ändern, wird der wiſſenſchaftlich Gebildete im Stande ſein, überall der Sache auf den Grund zu gehen, und in allen Verhält⸗ niſſen raſch ſelbſt die Formel finden, wonach er zu verfahren hat. Als Hochſchulen der Wiſſenſchaft haben wir die Univerſitäten, insbeſondere die deutſchen Univerſitäten, bezeichnet und betrachtet: das ſind ſie, und das werden ſie mit Gottes Hülfe blei⸗ ben, denn dazu vor Allem hat ſie die Continuität ihrer geſchichtlichen Entwicklung gemacht. Wenn im Unterſchiede von einer bloßen Anſammlung mannigfaltiger Kenntniſſe und von einer todten Gelehrſamkeit das Weſen der Wiſſenſchaft darin beſteht, daß ſie den letzten Gründen und damit dem inneren Zuſammenhange unſerer Erkenntniſſe nachgeht, ſo muß ihr ſchon um deswillen eine Anſtalt am meiſten entſprechen, welche als eine universitas literarum die verſchiedenen Zweige des wiſſenſchaftlichen Erkennens vereinigt und ſo durch ihre Exiſtenz ſchon an den inneren Zuſammenhang der einzelnen Wiſſenſchaften, an ihr letztes Hervorgehn aus einer und derſelben Lichtquelle, an ihr endliches Zuſammenſtrömen in einen Brennpunkt erinnert. Bekanntlich iſt der Begriff, in welchem der Ausdruck universitas ſoeben gebraucht wurde, als Bezeichnung näm⸗ lich einer Geſammtſchule der Wiſſenſchaften, nicht der urſprünglich mit dem Worte verbundene, vielmehr bezeichnete dieſes in ſeiner erſten Anwendung auf akademiſche Verhältniſſe die akademiſche Corporation ſelbſt, wenn auch zunächſt nur eine Specialſchule, wie z. B. in Bologna eine juri⸗ ſtiſche, ihren Vereinigungspunkt bildete. In den meiſten Fällen aber erzeugte das allgemeine wiſ⸗ ſenſchaftliche Bedürfniß der in einer Univerſitätsſtadt zum Zwecke ihrer Ausbildung verſammelten Männer auch Schulen für die übrigen Wiſſenſchaften, welche dann an die urſprüngliche Special⸗ ſchule ſich anreihten: vor allen kam ſchon zu Anfange des 13. Jahrhunderts die Univerſität Paris unſerem Begriffe einer die vier Facultäten vereinigenden universitas literarum ſehr nahe. An ihre Einrichtung knüpften die anderthalb Jahrhunderte ſpäter entſtandenen älteſten deutſchen Univer⸗ ſitäten zu Wien und Prag an, und von dieſen Anfängen an war bei der Gründung deut⸗ ſcher Hochſchulen die leitende Idee immer der Begriff der Geſammtſchule der Wiſſenſchaften; die anfänglich noch beſtehende Gliederung der akademiſchen Corporation nach Nationalitäten ging in der überwältigenden Einheit dieſes Begriffes allmählig unter, bis endlich zu Anfange dieſes Jahr⸗ hunderts und in innigem Zuſammenhang mit dem Erwachen des nationalen Bewußtſeyns im deut⸗ ſchen Volke auch der Begriff der deutſchen Univerſität, gereinigt von den Elementen, welche, durch die Kritik der Geſchichte bereits verworfen, nur die Macht der Gewohnheit noch geſchützt hatte, bei der Gründung der Univerſität Berlin unter dem unmittelbaren Einfluſſe von Männern, wie Stein, W. v. Humboldt, Schleiermacher, Fichte, Fr. A. Wolf, den klarſten Ausdruck und die bewußteſte Verwirklichung fand, welche dann für anderweit akademiſche Neu⸗ 2* 12 bildungen oder Reformen ein einflußreiches Vorbild wurde. Sie ſehen, meine Herrn, unſere Hoch⸗ ſchulen ſind Producte der Continuität einer geſchichtlichen Entwicklung, welche, während bei andern Völkern die Univerſitäten wieder in Specialſchulen auseinanderfielen, oder über den Begriff eines Complexes von Specialſchulen ſich nie völlig erhoben, in ihrem durch Jahrhunderte hindurch ſich ziehenden Verlaufe die Univerſität im deutſchen Sinne, eben die universitas literarum, auch recht eigentlich als ein Erzeugniß des deutſchen Volkes erſcheinen läßt. Es iſt dies nicht eine Zufällig— keit, ſondern hängt mit dem Weſen des deutſchen Geiſtes innigſt zuſammen. Als die Grund⸗ eigenthümlichkeit des deutſchen Geiſtes kann man ſeine Innerlichkeit bezeichnen, indem man dar⸗ unter diejenige Eigenſchaft verſteht, wonach wir in dem innerſten gottverwandten Weſen des menſchlichen Geiſtes den eigentlichen Schwerpunkt unſeres Seyns, das wahre Weſen des Menſchen erkennen, und dieſes dann zum Maaßſtab machen für alles Andere; nicht durch einzelne äußere Erfolge oder ſonſtige äußere Rückſichten uns beſtimmen laſſen, ſondern volle Befriedigung erſt dann finden, wenn unſer inneres und äußeres Leben mit den Grundforderungen des Geiſtes im Einklange ſteht. Aus dieſer Innerlichkeit des deutſchen Weſens erklärt es ſich, daß auch die innerlichſte Religion, daß das Evangelium, vorzugsweiſe bei den Völkern deutſchen Stammes die ſeinem Weſen entſprechendſte, von jüdiſcher und heidniſcher Aeußerlichkeit gereinigte Auffaſſung und Darſtellung gefunden hat. Mit dieſer Innerlichkeit hängt denn auch der dem Deutſchen eigene Muth der Wahrheit zuſammen, welcher, unbefriedigt von oberflächlicher Betrachtung und äußer⸗ licher Benutzung der Dinge, der Sache auf den Grund geht, und durch Hinderniſſe nicht gehemmt, ſondern nur gereizt, raſtlos den ewigen Geſetzen des Seyns und Werdens nachforſcht; jene gei⸗ ſtige Eroberungsluſt, welche die vortheilhafte Ausbeutung des bereits Gewonnenen den mit der Klugheit der Weltleute beſſer ausgerüſteten, aber doch untergeordneten Talenten überläßt; jener rückſichtsloſe wiſſenſchaftliche furor Teutonicus, welchen als eine Art heiligen Wahnſinns das nüchternere Ausland halb lächelnd, halb bewundernd anſieht, ebenſo wie einſt die in ſich ſelbſt befriedigte todverachtende Kampfluſt der zuerſt auf den Schauplatz der Weltgeſchichte vordringen⸗ den germaniſchen Stämme. Daß bei dieſer innerlichen Richtung der deutſchen Volksthümlichkeit andere Völker in der Gewinnung äußerer Vortheile uns voraus ſind, wollen wir zu unſerer eignen Mahnung uns keineswegs verbergen, um ſo weniger, als ja auch die unbefangene, ſelbſt⸗ verläugnende Anerkennung der Größe anderer Nationen jederzeit einen Beſtandtheil jenes die Deutſchen auszeichneten Muthes der Wahrheit gebildet hat. Abdrängen aber von dem von Gott uns vorgezeichneten Wege wollen wir uns deswegen nicht laſſen. Beruht doch in der nicht blos auf das Nächſte ſehenden rückſichtsloſen deutſchen Gründlichkeit am Ende die Hoffnung, es würde das alte Wort, daß Gott keinen Deutſchen verläßt, auch im Großen unſerer nationalen Ent⸗ wicklung als ein wahres Wort ſich bewähren; es werde Gott unſer Volk nicht verlaſſen, bis es die von der Vorſehung ihm aufgegebene Miſſion erfüllt und, wenn auch ſpäter, doch ſicher, zu den unvergänglichen Gütern des Geiſtes auch die Güter des äußeren Lebens und die ſeiner würdige äußere Machtſtellung gewonnen hat. Daß es zuerſt auf dem Felde der Wiſſenſchaft ſeine 13 Siege feiert, liegt in der Natur ſeiner vorhin geſchilderten Grundeigenſchaft, und was auf dieſem Gebiete unſere Niebuhr und Neander, Geſenius und Ewald, Bopp, Schlegel und Laſſen, F. A. Wolf und Otfried Müller, A. v. Humboldt und Liebig, Burckhardt und neueſterdings Barth, gewonnen haben, das ſind auch verheißungsvolle Eroberungen, deren unſer Volk ſich rühmen mag; und wenn, um nur zwei der mir näherliegenden Werke anzufüh⸗ ren, Schriften, wie Grote'’s Geſchichte von Griechenland, oder Renan's Geſchichte der ſemiti⸗ ſchen Sprachen, eine Darſtellung zeigen, wie ſie uns noch nicht gelungen iſt, oder die Löſung von Aufgaben verſuchen, an welche die deutſche Wiſſenſchaft ſich noch nicht gewagt hat, ſo müſſen doch auch dieſe ausländiſchen Werke die deutſchen Meiſter loben, deren Gepräge ſie unver⸗ kennbar an ſich tragen—„Griechiſche Schulmeiſter in Rom!“ hat einſt mit etwas hinkender Vergleichung und wenig Patriotismus ein deutſcher Parlamentsredner der Hinweiſung auf ſolche Erſcheinungen entgegengerufen: er wäre nicht einmal dann ein Philoſoph geblieben, wenn er geſchwiegen hätte. Eben ſo wenig, wie diejenigen, welche nicht etwa gegen einzelne thatſächliche Mißſtände, ſondern gegen Weſen und Princip der deutſchen Univerſitäten ſelbſt ihre Stimme erheben, um die universitas literarum in Specialſchulen zu zerſplittern, und die freiere akademiſche Weiſe des Lernens und Lebens unter Schulzwang und im Convict zu controliren. Wie die Wiſſen⸗ ſchaft ſelbſt, ſo iſt auch die Univerſität als Wiſſenſchaftsſchule mit dem Weſen und den tiefſten Bedürfniſſen des deutſchen Geiſtes verwachſen. Es gehört zum Begriffe der Wiſſenſchaft, daß ſie ein zuſammenhängendes Ganze darſtellt, und die einzelnen Wiſſenſchaften verdienen dieſen Namen nur inſoweit, als ſie ihres Zuſammenhanges mit der allgemeinen Wiſſeenſchaft ſich bewußt ſind. Auf ſich ſelbſt angewieſen nun nimmt auch das ausgezeichnetſte Talent nicht blos meiſt eine ein⸗ ſeitige Richtung, ſondern es geräth auch leicht ins Abſonderliche, Wirre und Willkürliche und in autodidaktiſchen Dilettantismus, und ebenſo ſind Specialſchulen immer in Gefahr, ihren Blick nur nach außen, auf den ſpeciellen praktiſchen Zweck, dem ſie dienen ſollen, zu wenden, und nicht auch nach innen, auf die gemeinſchaftliche geiſtige Quelle und auf den Zuſammenhang alles wiſſenſchaft⸗ lichen Erkennens, und ſo aus dem Wiſſenſchaftlichen in das Handwerksmäßige ſich zu verlieren Die Univerſität dagegen mahnt uns fortwährend an die Solidarität alles wiſſenſchaftlichen Erken— nens, der Wetteifer der verſchiedenen Wiſſenſchaften und Berufsgenoſſen hält in dem Einzelnen Intereſſe und Streben ſtets wach, und im Wechſelverkehr gegenſeitigen geiſtigen Gebens und Em— pfangens ſchreitet, die geiſtige Friſche fördernd, der Bildungsproceß eines Jeden lebendig fort; und nicht minder heilſam, als dieſe Anregung und Bereicherung, iſt die durch das wiſſenſchaftliche Zuſammenwirken dem Einzelnen ſo nahe gelegte Selbſtbeſcheidung, womit man aus jener naiven Verwechslung der beſonderen Berufswiſſenſchaft mit der Wiſeenſchaft ſelbſt heraustritt, und jene Selbſtbeſchränkung, welche darauf verzichtet, mit dilettantiſcher Vielſeitigkeit Alles treiben und wiſſen zu wollen, vielmehr auch auf wiſſeenſchaftlichem Gebiete die Wahrheit des heſiodiſchen 50 kSO ſſtcd yroc anerkennt; anerkennt, daß der Theil beſſer iſt als das Ganze, weil 14 nur wer den ihm zugewieſenen Theil gründlich erfaßt, zur Förderung des Ganzen beiträgt, und ſo durch lebendige Theilnahme an dieſem über die Beſchränktheit ſeines beſonderen Berufes erhoben wird.— Wie nun dem Begriffe einer Geſammtſchule der Viſſenſchaft entſprechend, der Organismus der akademiſchen Inſtitute und Unterrichtsverhältniſſe ſich ausgebildet hat, ſo auch die Weiſe des akademiſchen Studiums. So wenig als der akademiſche Lehrer gehalten iſt, eine genau beſtimmte Anzahl wöchentlicher Lehrſtunden zu halten, ebenſowenig iſt dem Studirenden eine beſtimmte Anzahl von Stunden oder Fächern genau vorgeſchrieben, in welchen er ſich noth⸗ wendig muß unterrichten laſſen, und auch in Bezug auf das äußere Leben iſt ihm eine Freiheit geſtattet, in welcher er ſeine Kräfte ſelbſtſtändig brauchen lerne und zu männlicher Reife und Fä⸗ higkeit ſich heranbilde, eine Freiheit, die ſelbſt den freien Engländern und Nordamerikanern höchſt bedenklich vorkommt, da bei ihnen der Unterſchied zwiſchen Schule und Univerſität immer noch ein fließender iſt. Allerdings mag für Manchen der Schulzwang auf eine für den tüchtigen akademiſchen Lehrer wenig erwünſchte Weiſe durch den im Hintergrunde drohenden Popanz der Examina erſetzt werden. Auch mögen Schwächere bei der Art des akademiſchen Studiums weniger lernen, als wenn ſie auch auf der Univerſität weiter geſchult würden; es mögen einzelne Fähige auf Irrwege gerathen, vor welchen eine unmittelbare Ueberwachung ſie vielleicht bewahren könnte, wiewohl Solche, wenn ſie nur von Hauſe einen ordentlichen Grund ernſter Zucht und aus der Schule einen Kern tüchtiger Kenntniſſe mitbringen, in den meiſten Fällen ſich von ſelbſt wieder zurecht⸗ finden werden. Worauf aber der akademiſche Unterricht eigentlich ruhet, das iſt, daß ihm auch von Seiten der Schüler, wie für das Berufsfach überhaupt, ſo für den einzelnen Unterrichts⸗ gegenſtand, ein lebendiges wiſſenſchaftliches Intereſſe entgegenkomme; durch ſolche Schüler wird reichlich erſetzt, was etwa an andern abgeht, ſie ſich gegenüber zu wiſſen, iſt für den akademiſchen Lehrer die höchſte Befriedigung, für einen anregenden Unterricht der wirkſamſte Sporn. Will man nur brauchbare Leute, um die einmal üblichen Geſchäfte im Dienſte der Kirche und des Staats auf das Leichteſte abzuthun, hat man Grund, die Berührung mit der friſchen akademiſchen Luft zu fürchten: ſo beſchränke man die Bildung des künftigen Theologen auf die Vorbereitung in der geiſtlichen Drillanſtalt der Seminarien, laſſe den künftigen Juriſten bei einem Anwalt, bei einem Gerichte ſeinen praktiſchen Curs durchmachen, der Mediciner mag ſich am Krankenbette, wo er freilich ſeine Experimente leider nicht an einem corpus vile macht, allmählig durch Fähigkeit oder Glück zu einer guten Praxis hinaufpfuſchen, und dem Chemiker gebe man, nachdem er in den nöthigen Manipulationen ſich geübt, noch ein paar gute Recepte als viaticum auf die Lebensreiſe mit: den wiſſenſchaftlichen Sinn des Deutſchen widert eine ſolche banauſiſche Dreſſur an, und ihm folgend haben auch unſere erleuchteten Regierungen die akademiſche Bildung allezeit werth und hoch gehalten. Und dieſe Maßregel hat ſich in der Feuerprobe der Erfahrung glänzend bewährt: unſere Beamten, unſere Aerzte, unſere Forſtleute und Apotheker haben den Vergleich mit dem Auslande wahrlich nicht zu ſcheuen, ſo wenig, als in Bezug auf eine gleichmäßig verbreitete allge⸗ meine Bildung unſer Volk die Vergleichung mit irgend einem andern. Einſichtige Männer des und erufes echend, b auch eine renden noth⸗ reiheit d Fä⸗ höchſt ch ein niſchen erſetzt als rwege ewohl Schule rrecht⸗ auch eichts⸗ wird iſchen man dttaats Luft n der einem vo er oder n den 15 Auslands, wie Victor Couſin, haben mit Neid hingeſehen auf die ſo lebendig anregende und ſo erfolgreiche natürliche Concurrenz, welche an und unter den Univerſitäten unſeres Vaterlandes ſich bildet, und welche die wiſſenſchaftlichen Anſtalten Frankreichs durch ihre geſetzlich vorgeſchrie⸗ benen Concurſe vergebens zu erſetzen ſuchen. Wenn ſtatt deſſen Deutſche den hohen Werth eines aus dem Geiſte unſeres Volkes geborenen und durch eine lange geſchichtliche Entwicklung hindurch mit Liebe groß gezogenen vaterländiſchen Inſtitutes verkennen und die Rückkehr zu den minder vollkommenen Einrichtungen des Auslandes fordern, ſo iſt das eben ſo undeutſch, als es unwiſſenſchaftlich iſt. Bleiben wir vielmehr, ohne den Werth, welchen für einzelne Fächer Spe⸗ cialſchulen neben der allgemeinen akademiſchen Bildung haben, irgend zu verkennen, bei dem ſchönen Worte eines als Rechtslehrer, wie als Geſchichtſchreiber der Univerſitäten, gleich ausge⸗ zeichneten deutſchen Gelehrten, Savigny's:„Die Univerſitäten ſind auf uns als ein edles Erbſtück früherer Zeiten gekommen, und es iſt für uns eine Ehrenſache, ihren Beſitz wo möglich vermehrt, wenigſtens unverkürzt, den kommenden Geſchlechtern zu überliefern.“ Es wäre ſehr einladend, nach dieſen Bemerkungen über die Univerſitäten im Ganzen auch den heil⸗ ſamen Einfluß zu verfolgen, welche auf die einzelnen Wiſſenſchaften die Beachtung der Continuität ihrer geſchichtlichen Entwicklung übt; etwa auch zu unterſuchen, ob nicht die kleineren Univerſitäten ſich über⸗ lebt haben, und auch die Wiſſenſchaft ihren Sitz immer ausſchließlicher an den großen Centralpunkten des Verkehrs aufſchlagen wird: auch auf dieſe Frage würde dem aufmerkſamen Beobachter die geſchichtliche Entwicklung eine Antwort geben, und trotz Allem, was im Augenblicke dagegen ſprechen mag, wie es mir wenigſtens ſcheinen will, eine für die kleineren Univerſitäten nicht ungünſtige. Aber die vorgerückte Zeit mahnt zum Schluſſe, und ſo richte ich nur noch ein kurzes Wort an Sie, meine verehrten Herrn, welche der akademiſche Sprachgebrauch ſo ſchön als Commilitonen, als Kampfgenoſſen, bezeichnet. Was iſt der Preis unſeres gemeinſamen Kampfes? Eine Examen⸗ note, die gut, oder wenig ſchlecht genug iſt, um Ihnen die vielverſprechende Pforte aufzuſchließen, welche von der akademiſchen Laufbahn hinüberleitet auf die ſo viel betretenen und darum nur um ſo dornenvolleren Pfade des Acceſſes? Eine Stelle, oder ein Stellchen, das dem Glücklichen, der es erhaſcht, frühe ein leidliches Auskommen gibt? Für den Kampf um dieſe beſcheidenen Güter, das fühlen Sie ſelbſt, ſchmückt ſie der Ehrennamen des Commilitonen nicht; für ihn wäre das zahlreiche und koſtbare Rüſtzeug der akademiſchen Lehrmittel zu großartig angelegt. Es iſt ein höheres Ziel, das uns vorgeſteckt iſt, die wiſſenſchaftliche Wahrheit iſt der Preis, um den wir ringen, welchen wir dem Irrthum, der Unklarheit, allen ihn uns vorenthaltenden Hin⸗ derniſſen abringen ſollen. Glauben Sie nicht, meine Herrn, daß ich Sie auffordern will, mit dem ſtolzen Bewußtſeyn, um dieſen Preis gerungen und ihn zum Theil errungen zu haben, von dem Leben ſich zurückzuziehen und auf deſſen Güter zu verzichten. Im Gegentheil iſt meine Mei⸗ nung die, daß das Wort des Heilandes:„Trachtet am erſten nach dem Reiche Gottes und ſeiner Gerechtigkeit, ſo wird euch ſolches Alles zufallen!“ auch von dem Reiche der Wiſſenſchaft gilt. Darauf angewandt, lautet es: Sorget nicht vorzeitig, was werden wir eſſen, was werden 00 8 16 wir trinken, wann werden wir angeſtellt und mit wieviel Beſoldung? Sondern trachtet am erſten mit reinem und friſchem wiſſenſchaftlichen Sinne nach einer Stelle im Reiche der Wiſſenſchaft, nach einer tüchtigen wiſſenſchaftlichen Bildung, ſo wird euch ſolches Alles zufallen; und dazu allerdings auch noch eine innere geiſtige Befriedigung, welche der kleinlichen Eiferſucht gegen den vielleicht minder Tüchtigen, den auf der„Leiter zur höchſten Macht“ ein günſtiges Geſchick vielleicht eine Sproſſe über Sie geſtellt hat, keinen Raum läßt. Zugleich dient ein ernſter wiſſenſchaftlicher Sinn unmittelbar auch als der beſte Maaßſtab, um die zarte Gränze einzuhalten, jenſeits welcher die Freuden und Genüſſe des akademiſchen Lebens aufhören, mit den Geſetzen des Anſtandes und der Sittlichkeit verträglich zu ſeyn. Mit ſolcher Rüſtung ausgerüſtet, meine Herrn, ſchmückt Sie der Name des Commilitonen mit Recht: Sie ſtehen nicht blos als Schüler dem Lehrer gegen⸗ über, ſondern bilden ſelbſtthätig mitwirkende integrirende Glieder der akademiſchen Corporation. Niemand, meine verehrten Herrn Collegen, kann lebhafter empfinden, als ich ſelbſt, wie wenig dieſe zerſtreuten Bemerkungen der Bedeutung des Tages und der Würde dieſer Feier angemeſſen ſind. Dürfte ich mich nur der Hoffnung getröſten, daß es mir gelungen iſt, in dieſer feſtlichen Stunde in uns allen das Bewußtſeyn lebendig anzufachen, daß wir einer Corporation angehören, welche berufen iſt, auf altehrwürdigem Grunde an einer der von den Vätern mit Vorliebe gepflegten Bildungsſtätten das heilige Feuer der deutſchen Wiſſenſchaft zu bewahren und wach zu erhalten, Jeder das Auge ſtets feſt gerichtet auf den gemeinſamen Zweck, und perſönliche Intereſſen der Rückſicht auf das Gedeihen und die Ehre des Ganzen unterordnend. Möge denn unſere heutige Feier die Reihe dieſer Doppelfeſte mit gutem Omen eröffnen. Möge der allmächtige Gott ſeine Hand ſchützend und ſegnend halten über unſern Großherzog und über ſein hohes Haus! Wir dürfen in der Erhörung dieſer Bitte eine Bürgſchaft dafür erblicken, daß es auch nicht unerfüllt bleiben werde, wenn wir ſchließlich unſerer Alma Ludoviciana aus vollem Herzen ein vivat, floreat, crescat zurufen! Ich habe geſprochen. — erſten nſchaft, d dazu en den elleicht ftlicher velcher dnend. Möge über , daß ollem Erläuterungen, beſonders in Bezug auf die in der großen Aula des Collegiengebäudes befindlichen Bildniſſe. Es bedarf keiner weitläufigen Rechtfertigung, daß, obgleich die Univerſität vom 25. Mai 1625 bis zum 5. Mai 1650 nach Marburg verlegt worden war, doch in Vorſtehendem ange⸗ nommen worden iſt, es habe die Univerſität Gießen vom Jahr 1607 bis heute ihre ununter⸗ brochene Geſchichte und ſtätig fortſchreitende Entwicklung gehabt. Jene Verlegung hatte ihren Grund darin, daß Marburg an den Heſſen⸗Darmſtädtiſchen Landgrafen fiel. Der Ort wurde gewechſelt; der Landesfürſt aber, die von ihm ausgehende Einrichtung und Leitung der Univerſität, der von ihm aus Gießen mitgebrachte Kern des Lehrerperſonals, kurz der ganze weſentliche Cha⸗ rakter der Univerſität blieb unverändert: die im Jahr 1629 zu Marburg erlaſſenen revidirten Statuten ſind dieſelben, welche für die Univerſität Gießen im Weſentlichen noch heute gelten, und als im Jahre 1648 Marburg wieder an das Haus Heſſen⸗Caſſel kam, kehrten Einrichtung und Perſonal der Univerſität mit dem Landgrafen von Heſſen⸗Darmſtadt nach Gießen zurück. Dieſe ununterbrochene Einheit der Ludwigsuniverſität von der Zeit ihrer Gründung an findet in der Sammlung von Bildniſſen der Profeſſoren, welche von ihrer Entſtehung bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts an ihr lehrten, einen ſprechenden Ausdruck. Den Grund zu dieſer Sammlung legte folgende am 20. April 1629 zu Darmſtadt erlaſſene Verfügung Landgraf Georgs II. Ges RG von Gottes Gnaden, Landgraf zu Heſſen, Graf zu Katzenellenbogen u. ſ. w. Würdige und Hochgelahrte, Liebe Grtreue! Demnach uns unterthänig anbracht worden, wie bei ausländiſchen auch theils deutſchen Uiniverſitäten Herkommen, daß bei denſelben aller und jeder professorum contrefait dera ſelbſt eigenem Nachruhm und Andencken ufgehebt und behalten werde, und dann uns ſolcher Brauch löblich und ſein zu ſeyn bedünket, auch Ihr bei Alnſerer Alniverſität dergleichen einzurichten, gnädiger Zuverſicht nach euch nicht entgegen ſeyn laſſen werdet, Alß iſt unſer gnediger Befelch, daß Ihr darauf bedacht ſeyet, wie auch Euerer jetziger und jeder künftiger pro- 3 18 fessorum gemahlt Vildniß in einer gleichen Größ und Jorm mit Anzeig des Nahmens, auch der Jahrzahl ſeines Alters und der Geburt Chriſti bei Ulnſerer Aniverſität bracht und erhalten werde. Denen professoribus, ſo jetzo allbereit beſtellt ſind, ſollte der Malerlohn, umb welchen man zu genaweſten zu marcken hätte, vam occonomo erſtattet, von anderen aber, ſo künftig ankommen zur Hälfte ſelbſt getragen werden. Es werden ſich auch mit der Zeit Gebewe und Hrier finden laſſen, dahin man ſolche contrefait füglich könne faſſen und ufhengen, verſehen wir Ulns in wohlgewo⸗ genen Gnaden. Datum Darmbſtatt au 20 ten Aprilis 1629. Georg, L. G. Nach der im Jahre 1838 vorgenommenen Abtragung des alten Colleggebäudes, in welchem ſie bis dahin aufgehängt worden waren, mußten die Bilder in Localitäten aufbewahrt werden, welche ſie nicht blos dem Auge des Beſchauers völlig entzogen, ſondern auch wenig geeignet wa ren, ſie, die zum Theil vorher ſchon bedeutend gelitten hatten, in gutem Stande zu erhalten. Nachdem das neue Colleggebäude vollendet war; wandte ſich, namentlich in Folge der huldreichen Schenkung des Bildniſſes Ludewigs I. durch den Höchſtſeligen Großherzog Lndwig IlI., die Auf merkſamkeit auch jenen Bildniſſen wieder zu; doch wurde die Ausführung der am 7. Aug. und 4. Decbr. 1847 beſchloſſenen und von Großherzoglichem Miniſterium zum Theil genehmigten Anträge des akademiſchen Senats unter den Bewegungen der nächſtfolgenden Jahre verſchoben, was kaum zu bedauern iſt, da die große Aula des Colleggebäudes damals noch nichf vollendet und ſomit ein angemeſſenes Local für die Aufbewahrung der Bilder noch nicht vorhanden war. Gegen Ende des Jahres 1851 wurde die Angelegenheit wieder aufgenommen, und unter dem 14. Januar 1852 verfügte Großherzogliches Miniſterium, den Antrag des akademiſchen Senates vom 15. Dec. 1851 genehmigend, daß eine zur Herſtellung der Profeſſorenbilder früher bereits verwilligte und noch nicht verwendete Summe zur Herſtellung der der Univerſität huldreichſt ge ſchenkten Bildniſſe der Landesfürſten verwendet und dem entſprechend erhöht werde: die Reſtau⸗ ration, Einrahmung und Aufhängung der 108 Profeſſorenbildniſſe wurde durch freiwillige Bei träge der Senatsmitglieder und anderer akademiſchen Lehrer möglich gemacht und kurz vor dem 9. Juni dieſes Jahres, als dem Geburtstage Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwigs III., vollendet. Zur Orientirung in dieſer Sammlung, in welcher die Univerſität ein Beſitzthum von un ſchätzbarem Werthe verehrt, diene Folgendes: Die Bildniſſe der Landesfürſten ſind durch die beigeſchriebenen Namen bezeichnet. Die Bildniſſe der Profeſſoren ſind ſo geordnet, daß zur Rechten des Katheders die Theologen ſich befinden und bis in die Mitte der öſtlichen Wand ſich erſtrecken, wo ſich dann, die andere Hälfte dieſer Wand füllend, die M edieiner an ſie anſchließen. Die Reihe der Ju⸗ riſten beginnt zur Linken des Katheders und endet in der Mitte der weſtlichen Wand, während die Philoſophen den übrigen Raum dieſer Wand, ſo wie die dem Katheder gegenüber befind⸗ liche füllen. Die Bilder ſind innerhalb der Facultäten chronologiſch geordnet. 1I. Theolo gen(zur Rechten des Katheders): 1. Jo. Winkelmann, geb. 1551, † 1626 5. Meno Hanneken, geb. 1595, † 1671. 2. † Balth. Mentzer, geb. 1565, † 1627.*) 6. J. H. Tonſor, geb. 1595, † 1649. 3. Juſt. Feuerborn, geb. 1587, † 1656. 7. † Pet. Haberkorn, geb. 1604, † 1676. 1. Jo. Steuber, geb. 1590, † 1623. 8. Tr Balth. Mentzer II., geb. 1614, † 1679. ) Das † vor einem Namen zeigt an, daß das entſprechende Bild in der zweiten Reihe von oben, zwei Kreuze, daß es in der dritten hängt u. ſ. w., und zwar jedesmal gerade unter dem Bilde des vorhergehenden Profeſſors cch der werde. dan zu en zur laſſen, gewo- A . Jo. Göddens, geb. 1555. . Jo. Kempf, geb. 1592, † .* Jo. Tack, geb. 1617, † 1676. Nic. Misler, geb. 1614, † 1683. . † Dav. Chriſtiani, geb. 1610, † 1688. . †† Mich. Siricius, geb. 1628, † 1685. . rrt Ph. Lud. Hauneken, geb. 1637, † 1707. Ueber dem erſten Fenſter: .Kil. Rudrauff, geb. 1627, † 1690. .Dav. Clodins, geb. 1644, † 1687. Zwiſchen dem erſten und zweiten Fenſter: J. H. Mai, geb. 1653, † 1719. 3. † Heinr. Phaſianus, geb. 1633, † 1697. .J. Chriſt. Bielenfeld, geb. 1664, † 1726. .Jo. Barth. Rüdiger, geb. 1660, † 1729. † Ohne Namen. II. Juriſten . Gottfr. Antoni, geb. 1571, † 1618. . † Herm. Vunltejus, geb. 1555, † 1634. 5. 7 1632. .Jo. Breidenbach, geb. 1590, † 1656. 5. Juſt. Sinold, geb. 1592, † 1657. „Ant. Neſenus, geb. 1582, † 1640. . † Jo. Kornmann, geb. 1587, † 1656. . r Greg. Tulsner, geb. 1600, † 1672. 9. Jac. le Bleu, geb. 1610, † 1668. .† Jo. Rich. Malcomeſins, geb. 1637, † 1692. †t Hartm. Jacobi, geb. 1617, † 1680. Ueber dem erſten Fenſter: 2. Friedr. Nitzſch, geb. 1641. † 1702. 3. Jo. Strauch, geb. 1612, † 1679. Zwiſchen dem erſten und zweiten Fenſter. .Nic. Thilenius, geb.—, † 1690. . † Jo. Nic. Hert, geb. 1651, † 1710. 19 (zur .Chriſt. Lud. Schwarzenau, geb. 1647, . Jo. Gottfr. Schupart, geb. 1677, † 1730. Chriſtoph Matth. Pfaff, geb. 1686, Jo. Steph. Müller, geb. 1730, † 1768. Ueber dem zweiten Fenſter: † 1724. Zwiſchen dem zweiten und dritten Fenſter: .J. G. Liebknecht, geb. 1679, † 1749. † Derſelbe. . Jo. Konr. Arnoldi, geb. 1658, † 1735. 1 5 † Reinh. Heinr. Rolle, geb. 1683, † 1768. 6. J. J. Rambach, geb. 1693, † 1735. .† J. Ernſt Nenbaner, geb. 1705, † 1748. Ueber dem dritten Fenſter: † 1760. Linken des Katheders): 16. 17. 18. 19. 20. . Jo. Friedr. Kayſer, geb. 1685, † 1751. Bernhard Lud. Mollenbeck, geb. 1658, † 1720. † Imm. Weber, geb. 1659, † 1726. Sim. Nic. Orth, geb. 1649, † 1714. *† Melch. Dethm. Grolman, geb. 1668, † 1722. Ueber dem zweiten Fenſter: Luc. Franz, geb. 1669, † 1731. Zwiſchen dem zweiten und dritten Fenſter: 22. Jo. Gottfr. Hartung, geb. 1685, † 1728. 23. † Jo. Friedr. Wahl, geb. 1693, † 1755. 24. Jo. Georg Eſtor, geb. 1699, † 1773. 25. † Jo. Ernſt Höpfner, geb. 1702, † 1752. 26. Jo. Inſt. Kortholt, geb. 1711, † 1771. .* Ernſt Chriſtoph Balſer, geb. 1710, † 1750. Ueber dem dritten Fenſter hängen zwei Bilder ohne Namen. III. Mediciner(zur Rechten des Katheders, an die Theologen Zwiſchen dem dritten und vierten Fenſter: .Greg. Horſt, geb. 1578, † 1636. .† Nic. Braun, geb. 1558, † 1639. 1635. 5. 6. 7. 8. ſich anſchließend): Mich. Heiland, geb. 1624, † 1693. † Jo. Chriſt. Hert, geb. 1648, † 1730. Ueber dem vierten Fenſter: Mich. Bernh. Valentini, geb. 1657, † 1729. Georg Theod. Bartholdt, geb. 1669, † 1713. Zwiſchen dem vierten und fünften Fenſter: Ueber und neben dem fünften Fenſter: . Jo. Caſ. Hert, geb. 1697, † 1748..Gerh. Andr. Müller, geb. 1718, † 1762. . 1. Jo. Melch. Verdries, geb. 1676, † 1736. 5. Jo. Karl Voigt, geb. 1714, † 1763. . Ludw. Heinr. Leo Hilchen, geb. 1702, † 1753. 6. Ge. Ludw. Alefeld, geb. 1732, † 1774. . Gerh. Tabor, geb. 1694, † 1742. 7. † Jo. Wilh. Baumer, geb. 1719, † 1788. . Friedr. Wilh. Henſing, geb. 1719, † 1745.. rt Chriſtoph Ludw. Nebel, geb. 1738, † 1782. IV. Philoſophen(Zur Linken des Katheders, an die Juriſten ſich anſchließend, und an der Wand dem Katheder gegenüber): Zwiſchen dem dritten und vierten Fenſter: An der Wand dem Katheder gegenüber, und zwar über .Konr. Bachmann, geb. 1572, † 1646. der weſtlichen Flügelthür, von der Ecke an gezählt: . † Chriſt. Scheibler, geb. 1589, † 1653..Georg Dan. Gernand, geb. 1657, † 1701. 3. Jak. Mülleer, geb. 1594, † 1637. 9. † Erich Chriſt. Kleveſahl, geb. 1745, †— 3. Lor. Strauß, geb. 1633, † 1687. 4. † Marcel Oliva, geb. 1564, † 1634.„Aug. Vagetius, geb. 1670, † 1700. 5. Rud. Goclenins, geb. 1547, † 1628. 2à1. Ant. Heinr Mollenbeck, geb. 1669, † 1739. z. † Theod. Vietor, geb. 1560, † 1644. 22. Jo. Chriſt. Lange, geb. 1669, † 1756. . 3. Matth. Nic Kortholt, geb. 1674, †¾ 1725. Neber dem vierten Fenſter: 24. Univerſitätsſecretär Riedel. .Theod. Höpingk, geb. 1591, † 1641. .* Kaspar Ebel, geb. 1595, † 1664. Ueber der öſtlichen Flügelthüre, vom Bilde Landgraf Zwiſchen dem vierten uud fünften Fenſter.. Ludwigs VIlI. an gzzählt. „Jo. Konr. Schragmüller, geb. 1605, † 1675. 25, Id. O. AMwi Il., deb. 1688, 5 4732.— .* Jo. Balth. Schupp, geb. 1610, † 1661. 26. Chriſt. Friedr. Ayrmann, Pb. 1695, 7 1746. .Jo. Konr. Dietrich, geb. 1612, 1667. 27. Jo. Thum. Henſing, geb. 1683. † 1726. .. Jo. Weiſſe, geb. 1620, 1 1683. 28. Jo. Ludw. Alefeld, geb 1695, † 1760. 29. Ernſt Thom, geb. 1713, † 1773. 30. Andr. Böhm, geb. 1720, † 1790. 31. † Phil. Nic. Wolf, geb. 1707, † 1762. Ueber und neben dem fünften Fenſter: Unter dem Bildniſſe Ludwigs VIII. hängt das von .Jo. Dan. Arcnlarius, geb. 1650, † 1710. Chriſt Hartm. Sam. Gatzert, geb. 1739, bis . Mich. Bernh. Valentini, geb. 1657, † 1729. 1782 Profeſſor der Jurisprudenz, dann Staats⸗ 3 .Jo. Reinh. Hedinger, geb. 1664, † 1704. miniſter; † 1807. . † Balth. Mentzer III., geb. 1651, † 1727. 1746 neber 1 dio d 4 No* ase e Colour& Grey Sortrol Chart Sa e tinuitil lt Blue Cyan Green vellow Hed Magenta i Srey 8— Grey 4 Black Je — M des hohen Geburtsfeſtes Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs II. 4. 0— 4— 0m 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 6 8 7 9 G p e Ie wer evangenſchen Theologie au— TPas 3 (R: HE UXI 1' d 8¹ I I1KIT 3 6 ¹ Gießen 1857. druck 4 Druck der G. D. Brühl'ſchen Univerfitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei. 8