⸗ — 5*½ Widerlegung der Bemerkungen d Großh. Heſſ. Geh. Raths Herrn Dr. A. A. E. Schleiermacher, über den für Aerzte und Wundärzte beſtimmten Studienplan der Landes⸗-Univerſität zu Gießen Von Dr. Adolph Wernher, ordentlichem Profeſſor der Wundarzneikunde, Direktor der chirurgiſchen Klinik. Gießen, 1843. J. Ricker'ſche Buchhandlung. Eine höchſt auffallende Erſcheinung hat vor Kurzem die Aufmerkſamkeit aller der Bewohner des Großherzogthums, welche höheren Studien nicht fern ſtehen, auf ſich gezogen. Nach langer, oft wiederholter Berathung und mehrjährigem Aufſchub, tritt eine Einrichtung in's Werk, über deren wohl⸗ wollende Zwecke und wohlthätige Wirkung, Niemand in Zweifel ſeyn kann. Die Abſicht bei dieſer Einrichtung war, den jungen Männern, welche die Landesuniverſität beſuchen, und welche, im Anfange ihrer Studien wenigſtens, nur ſehr unvollkommen mit dem Umfange des erwählten Faches vertraut ſind, Rath zu ertheilen, wie ſie am leichteſten und ſicherſten zu ihrem Ziele gelangen können, und ſie zu gleicher Zeit mit den An⸗ forderungen, welche der Staat dereinſt an ſie ſtellen wird, bekannt zu machen. Zu dieſem Endzwecke ließ das Großher⸗ zogliche Miniſterium einen Studienplan von denjenigen Be⸗ hörden berathen und ausarbeiten, welche durch ihre Stellung am geeignetſten ſind, denſelben den allgemeinen wiſſenſchaftlichen Anforderungen und der praktiſchen Ausführbarkeit entſprechend zu machen. Wie derſelbe aus den Berathungen dieſer Behör⸗ den hervorging, ſo nahm ihn die höchſte Staatsbehörde an, wohl wiſſend, daß nicht Alles, was vom allgemeinen theoreti⸗ ſchen Standpunkte aus als das Richtige erſcheint, ſich auch unter gegebenen Verhältniſſen in der praktiſchen Ausführung bewährt. Die höchſte Behörde hat ſich daher gehütet, von ihrem allgemeinen Standpunkte aus den Anſichten der Behör⸗ den entgegen zu treten, welchen ſowohl theoretiſche Kenntniß, als praktiſche Erfahrung zu Gebote ſtand. Niemand hat dabei daran gedacht, daß der Studienplan gleich in der erſten Anlage unverbeſſerlich ſeyn würde und daß nicht fortgeſetzte Erfahrung manche Aenderung als zweckmäßig ſollte erſcheinen 14 4 laſſen. Immerhin durfte es aber als ein großer Gewinn angeſehen werden, daß durch ihn, mit der Befriedigung eines längſt gefühlten Bedürfniſſes, einmal ein Anfang gemacht war. Man hätte billig erwarten dürfen, daß der liberale und wohlwollende Sinn, der bei dieſer Einrichtung wirkte, nicht verkannt, etwaige Mängel ſchonend beurtheilt und mit der Unmöglichkeit, eine ſo vielverzweigte Arbeit, an der nothwendig Mehrere Antheil nehmen mußten, den Anforderungen und Begriffen Aller entſprechend zu machen, entſchuldigt werden würden. Statt deſſen hat der Studienplan einen heftigen und erbitterten Angriff von einer Seite her erlitten, von welcher man ihn am wenigſten erwartet hätte. Der Großherzogliche Geheimerath Schleiermacher hat ſich bewogen gefunden, den von dem höchſten Miniſterium und dadurch von dem Landesfürſten ſelbſt ſanktionirten Plan, nicht allein in einzelnen Theilen zu tadeln, ſondern auch im Allgemeinen die Ueber⸗ zeugung auszuſprechen, daß derſelbe in mehrere Beziehungen nachtheiligen Einfluß ausüben werde, und daß die höchſte W Be⸗ hörde ihre Pflicht, das Ganze, wie es aus den Berathungen der Fakultäten und der Landesuniverſität hervorgegangen iſt, zu überarbeiten, ihm eine größere Einheit und Planmäßigkeit zu geben, nicht erfüllt habe.— Ich überlaſſe es der Beur theilung Anderer, ob es für Herrn Schleiermacher in ſeiner Stellung ſchicklich war, gegen Maasregeln öffentlich tadelnd aufzutreten, welche eben erſt die Billigung der höchſten Be hörden erhalten hatten; genug, er hielt es für ſeine Pflicht, ſeine Meinung itendiß und unverholen auszudrücken, und ich will gern annehmen, daß wirklich nur dieſer Grund ihn leitete.— Indem Herr Sahdemachen jedoch zuerſt vor die Oeffentlichkeit trat und ſelbſt zur Erwiederung aufforderte, iſt er aus ſeiner, ſonſt zu beſonderer Rückſichtsnahme auffordernden Stellung herausgetreten, er mag es mir daher verzeihen, daß ich in ihm nur den Recenſenten ſehe, und ſo wie er den Angriff öffentlich und rückſichtslos führte, auch die Mittel zur Vertheidigung öffentlich und rückſichtslos benutze. 5 Herr Schleiermacher ſpricht ſich in ſeiner Vorrede ſelbſt dahin aus, daß er gewünſcht hätte, Ton und Form ſeiner Schrift ändern zu können. Er ſcheint demnach ſelbſt zu fühlen, daß beide für ihn nicht die paſſenden ſind, worin man ihm gerne beipflichten wird. Er entſchuldigt ſich damit, daß ſeine Arbeit urſprünglich für ein kritiſirendes Journal beſtimmt geweſen ſei, daß er ſpäter aber gefühlt habe, eine bloß inlän⸗ diſche Angelegenheit gehöre nicht vor das große Publikum, daß es ihm jedoch nun verdrießlich geweſen ſey, eine eben erſt vollendete Arbeit umzuarbeiten. Der Geheimerath Schleier⸗ macher, ſollte aber doch den Miniſterien gegenüber, das Recen⸗ ſentenſchwert nicht wie ein Schriftſteller führen, der ſeinem Gegner keine Rückſicht ſchuldig zu ſeyn glaubt, weil er weit von deſſen perſönlicher Berührung entfernt iſt; er ſollte wohl überlegen, ob das, was er gedruckt zur öffentlichen Beſprechung bringt, auch nach Form und Inhalt den Anſprüchen, welche man billig an ihn machen kann, genüge. Ein Mann in ſeiner Stellung ſollte nicht die höchſten Behörden in einem Tone öffentlich angreifen, von dem er ſelbſt angiebt, daß er unpaſſend ſey. Was hinderte ihn, wenn auch augenblicklicher Mißmuth über ſeine Arbeit ihn abhielt, dieſelbe alsbald umzuarbeiten, einige Zeit vorübergehen zu laſſen, um eine günſtigere Stim⸗ mung abzuwarten? War die Noth ſo groß, die Abhülfe ſo dringend? und konnte Herr Schleiermacher erwarten, daß auf ſeine Bemerkungen hin, der erſt eben erſchienene Plan zurück⸗ genommen und nach ſeinen Ideen umgearbeitet werden würde? Er hätte wiſſen können, daß das, was im erſten Unmuth ge⸗ ſchrieben wird, ſpäter ſelbſt die eigne Beurtheilung ſelten zu⸗ frieden ſtellt. Nach einem ſo heftigen und eiligen Angriffe, erwartete man in dem dabei intereſſirten Publikum, daß eben ſo beeilte Erwiederungen von den angegriffenen Behörden folgen würden, und mehrfach hat man öffentlich ſeine Verwunderung darüber ausgeſprochen, daß die Erwartungen hierin getäuſcht wurden; Man hat nicht bedacht, daß einer ſo ſchnellen Beantwortung 6 mannichfache Hinderniſſe entgegenſtanden. Es wäre ſelbſt unſchick⸗ lich geweſen, wenn die Univerſität früher, als die höchſte Be⸗ hörde, die, indem ſie die Vorſchläge jener gut hieß, auch zu⸗ nächſt die Verantwortlichkeit auf ſich nahm, hätte antworten wol⸗ len. Mat hat weiterhin nicht bedacht, wie wehrlos eine Cor⸗ poration, welche aus vielen, von einander unabhängigen Mit⸗ gliedern, zuſammengeſetzt iſt, den Angriffen eines Einzelnen gegenüberſteht, deſſen Stellung Manchen zu beſonderer Rück⸗ ſichtsnahme auffordert. Daher iſt es denn auch gekommen, daß nicht die Univerſität im Ganzen, oder die Fakultäten, ſondern nur Einzelne aus dieſen geantwortet haben. Wenn ich, der Jüngſte der mediciniſchen Fakultät, welcher noch an der Berathung des Studienplanes Antheil nahm, zur Verthei⸗ digung deſſelben auftrete, ſo geſchieht dieſes nur, weil ich es als einen Ehrenpunkt anſehe, ungerechte Beſchuldigungen eines achtbaren Gegners nicht unberückſichtigt zu laſſen, und weil das Publikum ein Recht hat, in einer das ganze Land ſo ſehr intereſſirenden Angelegenheit, völlig aufgeklärt zu werden. Ich trete dabei erſt hervor, nachdem Verſuche, die Fakultät als ſolche zu einer Antwort zu vermögen, geſcheitert ſind, und auch die ältern und erfahrenern Mitglieder derſelben, ihr Schweigen nicht brechen.— Hiernach verſteht es ſich von ſelbſt, daß, wie dieſe Entgegnung nur von mir ausgeht, auch die Verantwort⸗ lichkeit nur mir allein gebührt. Welche Motive bei der Anfertigung des Studienplanes zu Grunde lagen, und wie dabei zu Werke gegangen wurde, iſt in der Entgegnung des Herrn Geh. Staatsraths v. Linde dargelegt worden. Es kann nicht meine Abſicht ſeyn, etwas zu dem hinzufügen zu wollen, was derſelbe mitzutheilen für gut befunden hat. Eben ſo wenig werde ich es mir heraus— nehmen, auf die Ausſtellungen zu antworten, welche Fächer ge⸗ troffen haben, die mir ferner liegen, und welche ich nur aus allgemeiner Anſchauung kenne. Diejenigen meiner Collegen, welche mit denſelben näher vertraut ſind, haben geantwortet, oder werden zu ihrer Zeit antworten. So bleibt mir nur der 7 Theil der Bemerkungen zu würdigen übrig, welcher ſich auf die mediciniſchen Fächer bezieht, und hinſichtlich welcher der Herr Kanzler die Beantwortung ganz den Technikern über⸗ laſſen hat. Die Einwürfe, welche Herr Schleiermacher gegen dieſen Theil des Studienplanes erhoben hat, treffen zunächſt die Feſtſtellung und Vertheilung der für die Aerzte beſtimmten Lehrgegenſtände, dann, und ganz beſonders, den Unterricht der Chirurgen und die Stellung, welche ſie ſpäter einzunehmen beſtimmt ſind, ſo wie gleicher Weiſe die Thierärzte zweiter Klaſſe. Die Anſtände der erſten Reihe ſind in der That nur unbedeutend und hätten, ihrer Geringfügigkeit wegen, zum großen Theile unberückſicht bleiben können. Ich werde ſie der Reihe nach, wie ſie in der Schrift des Herrn Schleiermacher auf⸗ geführt ſind, durchgehen und ihre Unhaltbarkeit zu erweiſen ſtreben. Der erſte Vorwurf betrifft die Vorträge über allgemeine Pathologie, allgemeine Therapie und allgemeine Chirurgie. Herr Schleiermacher bemerkt von der allgemeinen Pathologie, dieſelbe bilde eine Art von Einleitung in die Lehre von den verſchiedenen Krankheiten des Menſchen, ſie behandele die Arten und Urſachen der Krankheiten, die ſchädlichen äußern Einflüſſe u. ſ. w. Etwas weiter unten fügt er ſeiner eignen Definition hinzu, daß der Vortrag über dieſe Gegenſtände unmöglich tief eingehen könne, denn dieß müſſe ſchon eine tüchtige Kenntniß der ſpeciellen Pathologie und Therapie vor⸗ ausſetzen. Es iſt in der That richtig, daß die allgemeine Pathologie auf eine ſehr verſchiedene Weiſe behandelt werden kann und je nach der Art der Behandlung, ein ſehr verſchiedenes Maas von Vorkenntniſſen vorausſetzt. Sie kann zweckmäßig entweder am Anfange, oder am Ende des pathologiſchen Studiums, vor⸗ getragen werden. Sie bildet demnach entweder eine Einleitung in die ſpecielle Pathologie, und ſetzt dann nur wenig ſpecielle 8 Kenntniſſe voraus, oder gleichſam den Schlußſtein derſelben, und kann dann nur von denen verſtanden werden, welche ſchon ſehr umfaſſende Kenntniße beſitzen. An die Stelle dieſer letz⸗ tern tiefer eingehenden allgemeinen Pathologie, iſt in neuerer Zeit in vielen Beziehungen die pathologiſche Anatomie getreten, welche nicht mehr bloß die räumlichen und Formabänderungen erkrankter Gebilde darſtellt, ſondern auch die urſachlichen Ver⸗ hältniſſe, die gegenſeitigen Bedingungen der Krankheitserſchei⸗ nungen, die Urſachen ihres Verlaufs und Aufeinanderfolge oder Ausſchließung u. ſ. w. behandelt. Bei der Bemerkung des Herrn Schleiermacher über dieſe Punkte fällt gewiß der Widerſpruch auf, in den er mit ſich ſelbſt geräth, indem er die allgemeine Pathologie als eine Ein⸗ leitung in die ſpecielle Pathologie definirt, und ihren Umfang darſtellt, wie man ihn in ältern Handbüchern angegeben findet, und einige Zeilen ſpäter bedauert, daß der Vortrag über die⸗ ſelbe, im 4. Semeſter gehalten, nicht tief eingehen könne, weil dieß eine tüchtige Kenntniß des ſpeciellen Theiles vorausſetzen würde. Soll denn aber die Einleitung nach dem einzuleitenden Gegenſtande kommen? und die Vorbereitung ſpäter als die gründliche Kenntniß? Der Herr Recenſent will das gewiß nicht, und doch hat er es ausgeſprochen. Er wünſcht ferner einen Vortrag über allgemeine Therapie am Ende des mediciniſchen Curſus, um nach erlangter Einſicht in das Einzelne, die Heilmethoden nach ihrer verſchiedenen Be⸗ deutung gründlich zu erläutern, zugleich mit Anleitung, die einzelnen gehörig anzuwenden und durchzuführen.— Es iſt hier nicht einzuſehen, warum der Herr Recenſent nur über allgemeine Therapie und nicht auch über allgemeine Pathologie einen Vortrag am Ende des Studiencurſus verlangt. Ich ſollte denken, derſelbe wäre noch in höherem Grade wünſchens⸗ werth, denn die genaue Kenntniß des Krankheitsproceſſes iſt doch immer die eigentliche Baſis ärztlichen Wiſſens, die, vereint mit der genauen Kenntniß der Heilwirkungen der Arzneien, den Arzt zu einem, ſeiner Zwecke ſich bewußten Handeln, führt. b V V —:é——ỹ—;—x—x———— —————˖Ö————QO—ZBęůõ·ęQñꝑ— 9 Dieſe Kenntniß der Heilwirkungen der Arzneien erhält der Studierende aber in dem Vortrage über Pharmakodynamik. Herr Schleiermacher hätte gewiß auch einen Vortrag über allgemeine Pathologie an das Ende des mediciniſchen Curſus verlangt, wenn dieſes Verlangen nicht allzu ſehr mit ſeiner, freilich viel zu beſchränkten Definition jener Lehre in grellem Widerſpruche geſtanden hätte.— Ich verſtehe dabei nicht recht, was Herr Schleiermacher unter Heilmethoden meint, die einer gründlichen Würdigung, einer Würdigung, die nicht ſchon in dem Vortrage über Pharmakodynamit eingeſchloſſen iſt, unter⸗ worfen werden ſollen. Verſteht er darunter die der Geſchichte angehörigen Syſteme, oder die Methoden, nach welchen große Krankheitsklaſſen, oder alle Krankheiten ohne Unterſchied, auf eine, allzu wenig den Kranken und die Krankheit individuali⸗ ſirende Weiſe, durch gewiſſe Arzneimittel behandelt werden? die antigaſtriſche, antiphlogiſtiſche, anthelmintiſche Methode, oder die Waſſerheilkunde und dergleichen Ausgeburten der Medicin, ſo läßt ſich ihm darauf entgegnen, daß dieſe Methoden wohl noch literäriſch, in einem bibliothekariſchen Syſteme etwa, vor⸗ kommen und vorkommen müſſen, daß wiſſenſchaftlich gebildete Aerzte aber, welche den Fortſchritten der Wiſſenſchaft gefolgt ſind, von dieſer Verallgemeinung der Therapie und ihrer An⸗ wendung in der Praxis, nichts wiſſen wollen. In demſelben Satze, in welchem obige Anſtände erhoben ſind, ſtößt man auf eine ziemlich ſonderbare Bemerkung. Herr Schleiermacher vermißt, daß neben der Semiotik, der Lehre von den Krankheitserſcheinungen, nicht auch ein beſonderer Vortrag über Symptomatologie, der Lehre von den Krank⸗ heitszufällen, gehalten werde. Es iſt zwar richtig, daß beide Bezeichnungen dem ſtrengen Wortſinne nach, nicht vollkommen daſſelbe bedeuten, bis jetzt aber hat man ſie als ziemlich ſyno⸗ nym betrachtet und es konnte daher der Fakultät nicht beifallen, zwei Vorträge daraus zu bilden. Die Semicotik ſchließt die Symptomatologie in ſich ein. Die Semiotik ſcheint Hrn. Schleiermacher im 7. Semeſter 10 zu ſpät vorgetragen zu werden, er wünſcht ſie, zuſammen mit der allgemeinen Pathologie, als Einleitung in die ſpecielle Pathologie, behandelt zu haben. Er kommt hiermit wieder mit ſich ſelbſt in Widerſpruch, daß er die allgemeine Vorleſung nur als Einleitung vor die ſpecielle geſtellt haben will, wäh— rend er doch, wenige Zeilen vorher, einen Vortrag über allge⸗ meine Therapie, als Reſumé der ſpeciellen Kenntniſſe, für ſehr erſprießlich hält.— Es iſt ihm weiterhin offenbar unbekannt, welche Vorkenntniſſe man jetzt für das Verſtändniß eines um⸗ faſſenden Vortrags über Semiotik vorausſetzen muß und welche Hülfsmittel die neuere Medicin dazu benutzt; wie man den er⸗ folgreichen Gebrauch des Stethoskops, des Mikroskops, chemi⸗ ſcher Unterſuchungen, angewendet auf Krankheits⸗Erſcheinun⸗ gen, nicht von einem Anfänger aus dem 4ten Semeſter vor⸗ ausſetzen darf, wie dazu theils ein gereifteres, ernſtes Streben, theils auch tüchtige ſpecielle Kenntniſſe gehören, wenn wirklich Nutzen aus dieſen Hülfsmitteln und der praktiſchen Einübung derſelben, gezogen werden ſoll. Welchen Vortheil ſoll ein An⸗ fänger aus ſtethoskopiſchen Uebungen bei Herz⸗ und Bruſtkrank⸗ heiten ziehen, wenn ihm dieſe Krankheiten, ſelbſt dem Namen nach, zum großen Theile noch gänzlich unbekannt ſind? Zu welchem Ziele ſoll die mikroskopiſch⸗chemiſche Unterſuchung von Harn⸗Sedimenten führen, wenn der Unterſuchende die Lebens⸗ proceſſe noch nicht kennt, durch welche ſie ſich bilden. Man ſieht hiernach wohl, daß die Semiotik, wie ſie die neuere Me⸗ dicin behandelt, unmöglich an den Anfang des praktiſchen ärzt⸗ lichen Studiums geſetzt werden konnte, und daß die mediciniſche Fakultät mit gutem Bedacht handelte, als ſie rieth dieſelbe erſt in den ſpätern Semeſtern zu hören. Auch die Abtheilung der Chirurgie in einen allgemeinen und einen ſpeciellen mediciniſchen und einen ſpeciellen operati⸗ ven Theil, hat nicht den Beifall des Herrn Recenſenten.— Was die allgemeine Chirurgie anbetrifft, ſo wünſcht er, was in dieſer zu erwähmen iſt, in die allgemeine Pathologie, oder in den Vortrag über ſpecielle Chirurgie aufgenommen und mit 11 letzterer auch den operativen Theil der Chirurgie in einem Jahreskurſus vereinigt. Man hört in dieſen Vorſchlägen wie⸗ der den Mann, der von einem ganz allgemeinen Standpunkte aus, ſich berufen fühlt zu tadeln und zu belehren: in Bezug auf Gegenſtände, über die er keine nähere Erfahrung hat und deſſen Vorſchläge dann auch in der Ausführung, ſich als un⸗ haltbar erweiſen. Es iſt gewiß, daß es ſehr zweckmäßig wäre, wenn alle die Fächer, die nahe in einander greifen, auch in ei⸗ nem Vortrage vereinigt, gelehrt werden könnten, da aber ein⸗ mal bei dem unverhältnißmäßigen Reichthume des Materials, im Verhältniß zu der Kürze der Zeit, Theilungen nothwendig geworden ſind, ſo werden auch ſtets ſolche gemacht werden müſſen, gegen welche ſich von dem Standpunkte aus, auf wel— chem ſich Herr Schleiermacher befindet, mehr oder weni⸗ ger gegründete Einwendungen erheben laſſen. Das Material der Chirurgie iſt ſo angewachſen, daß es ſich nicht wohl in ei⸗ nem Halbjahre, gleichzeitig mit dem was ſonſt noch gelehrt werden muß, überwältigen läßt. Daher die Eintheilung der Chirurgie in einen allgemeinen und in einen ſpeciellen Theil, die in dem Studienplane, als allgemeine und als ſpecielle Chi⸗ rurgie ſtehen. Will Herr Schleiermacher dieſe, Chirurgie all⸗ gemeinen und Chirurgie ſpeciellen Theil genannt haben, ſo iſt dagegen auch nichts zu erinnern. Er würde aber dann gegen bloße Namen zu Felde ziehen und in der Sache nichts ändern. Wenn er weiterhin glaubt bezweifeln zu dürfen, daß ein Lehrer der Chirurgie zu einer ſolchen Trennung, in allgemeine und ſpecielle Chirurgie, geneigt ſeyn dürfte, ſo können wir ihm als Entgegnung, unter vielen andern, das Beiſpiel eines der aus⸗ gezeichnetſten und denkendſten Chirurgen, das des Herrn Geh. Rath v. Walter in München, entgegen halten, der ein vor⸗ treffliches Lehrbuch verfaßt und der Vorrede der erſten Aus⸗ gabe nach, mehr als 60mal Vorträge nach demſelben, in Lands⸗ huth, Bonn und München gehalten hat. Dieſelbe Entgegnung, welche hier, in Bezug auf die praktiſch räthliche und nothwen⸗ dige Eintheilung in allgemeine und ſpecielle Chirurgie gemacht 1² O wurde, gilt auch für den beſondern Vortrag über Operations⸗ lehre. Es iſt mir nicht bekannt, daß, wie Herr Schleier⸗ macher verſichert, auf vielen Univerſitäten, und auf welchen, beide Lehrgegenſtände gemeinſchaftlich und in extenso abgehan⸗ delt werden, ich kann auch nicht glauben, daß ein Verſuch da⸗ mit, ſich bewähren wird. Eine und dieſelbe Operation, eine Amputation z. B. kann bei vielen und verſchiedenen Krank⸗ heitszuſtänden in Anwendung kommen, es müßte ihrer alſo an ebenſo vielen Orten näher gedacht werden, als ſie bei verſchie⸗ denen Krankheiten anzuwenden iſt. Will man daher die Ope⸗ rationen bei Krankheiten näher beſchreiben, ſo ſind Wiederholun⸗ gen unvermeidlich. Operationen ſind Heilmittel wie andere Heil⸗ mittel auch, wie dieſe in der ſpeciellen Therapie bei den einzelnen Krankheiten, in denen ſie Anwendung finden, nur einfach an⸗ geführt, in der Pharmakodynamik aber, in ihrer allgemeinen Wirkung, ihrer Anwendungsweiſe, den beſonderen Cautelen bei ihrem Gebrauche u. ſ. w. näher beleuchtet werden, ſo verhält es ſich auch mit den Operationen, in Bezug auf chirurgiſche Krankheiten, auf ganz gleiche Weiſe.— Eine weitere Betrachtung zeigt aber noch mehr, wie un⸗ praktiſch der Vorſchlag des Herrn Schleiermacher iſt und wie wenig derſelbe die Gegenſtände kennt, über die er belebrend aufzyutreten ſich berufen hielt.— Die Operationslehre muß nothwendig mit praktiſchen Uebungen verbunden ſeyn. Die lo⸗ kalen Verhältniſſe bringen es aber mit ſich, daß die Leichen zu den Operations⸗Uebungen nur in der einen Hälfte des Jahres, dem Sommer, dem Lehrer der Chirurgie zu Gebote ſtehen kön⸗ nen, in der zweiten Hälfte müſſen ſie zu den anatomiſchen Ar⸗ beiten verwendet werden. Nur auf den gröſten Univerſitäten findet ſich das Material, um die Operations⸗Uebungen, ſo⸗ wohl im Sommer, als auch im Winter fortſetzen zu können. Hiernach läßt ſich die Zweckmäßigkeit des Vorſchlages des Herrn Schleiermacher, zu einem Jahres⸗Curſus über Chirurgie, in welchem auch die Operationslehre mit abgehandelt werden ſoll, beurtheilen. 13 Hiermit ſind ſämmtliche Einwürfe, welche den Studien plan für Aerzte getroffen haben, ihrem wahren Werthe nach dargeſtellt. Ich glaube erwieſen zu haben, daß keiner darun ter iſt, der eine genauere Kritik auszuhalten im Stande wäre. Daß man in derſelben Weiſe, noch ſehr viele Bemerkungen über einzelne angezeigte, oder fehlende Vorleſungen, über die Zeit zu denſelben, die Verbindungen derſelben unter einander hätte machen können, die nicht ſchlechter begründet, aber doch eben ſo müßig geweſen wären, bedarf wohl keines weiteren Beweiſes. Ich komme nunmehr zu dem Theile der Bemerkungen, welche den Studienplan für Wundärzte und Thierärzte zweiter Klaſſe zum Gegenſtande haben. Sie ſind viel zahlreicher und, wie es bei oberflächlicher Betrachtung ſcheint, anch viel beſſer begründet. Doch glaube ich zeigen zu können, wie der Recen⸗ ſent ohne gründliche Kenntniß der Sachlage, ſich erlaubt hat, ein Urtheil zu fällen, und wie derſelbe, von vorgefaßten üblen Meinungen ausgehend, ſich vielfach zu unbegründetem, übereil tem Tadel hat fortreißen laſſen.— Ehe ich jedoch die einzelnen Ausſtellungen ſelbſt näher be trachte, ſcheint es mir zweckmäßig, einige allgemeine Bemerkun gen vorauszuſchicken. Der Studienplan hat die Klaſſe der Chirurgen im Bereich der Phyſikatschirurgen nicht erſt gebildet, wie Herr Schleier⸗ macher anzudeuten ſcheint und wie er von den Thierärzten zweiter Klaſſe, was ebenſo unwahr iſt, beſtimmt ausſpricht, ſondern er hat dieſelben ſchon vorgefunden und es war daher nöthig, ihn dem Auffaſſungsvermögen, den Vorkenntniſſen und dem, durch höhere Verordnungen beſtimmten, zukünftigen Wir⸗ kungskreiſe jener anzupaſſen. Ein näheres Eingehen in die Gründe, welche zur Errichtung und zur Erhaltung des Inſti⸗ tuts der Phyſikats⸗Chirurgen geführt haben, iſt hier ganz un— nöthig, denn, da dieſelben einmal geſetzlich, mit einem beſtimmten Wirkungskreiſe, beſtanden, ſo konnten ſie auch nicht als nicht— vorhanden ohne Weiteres übergangen werden. Ich glaube je⸗ doch nicht ſehr fehl zu greifen, wenn ich die Phyſikats⸗Chirurgen 14 hauptſächlich hervorgegangen betrachte, aus der Nothwendigkeit, ein nicht vollſtändig unterrichtetes Perſonal zu dulden und ſeine Hülfe in leichteren und Nothfällen zu erlauben, ſo lange als die vollſtändig gebildeten Aerzte nicht in genügender Zahl vor⸗ handen ſind, um überall dem Bedürfniſſe zu entſprechen. Sie ſollen außerdem Dienſtleiſtungen verrichten, zu welchen ſich nicht leicht ein gebildeter Arzt hergiebt. Da in der neueren Zeit die Zahl der gebildeten Aerzte auf dem Lande immer mehr zunimmt, und ſelbſt in größeren Orten, mehr Aerzte zu finden ſind, als füglich nebeneinander leben können, werden auch die Chirurgen immer mehr zurückgedrängt, und die Nothwendigkeit ſie zu er⸗ halten verſchwindet immer mehr. Die mediciniſche Fakultät hat dieſe Verhältniſſe, lange bevor der Studienplan und die Bemer⸗ kungen des Herrn Schleiermacher gegen denſelben, erſchie⸗ nen waren, erkannt und bei den höchſten Behörden ihre Anſicht dahin ausgeſprochen, daß bei veränderter Sachlage die Erhal⸗ tung der Chirurgen und demnach auch ein beſonderer Unterricht für dieſelben, nicht mehr nothwendig ſey.— Dieſe Verhältniſſe konnten Herrn Schleiermacher bekannt ſeyn, und es muß daher ſehr auffallen, daß er dem Studienplan aufbürdet, was in weit älteren geſetzlich beſtehenden Beſtimmungen begründet liegt, gegen welche ſeine Stimme zu erheben, er ſich nicht ver⸗ anlaßt fühlte.— Eben ſo unrichtig, wie hinſichtlich der Chirurgen, ſind die Bemerkungen des Herrn Schleiermacher über die Thierärzte zweiter Klaſſe. Auch ſie hat der Studienplan nicht erſt ins Leben gerufen, ſie beſtanden vielmehr ſeit langer Zeit und es mußte daher auf ſie Rückſicht genommen werden. Uebrigens iſt die Exiſtenz derſelben noch vielmehr durch die Nothwendigkeit geboten, als die der Wundärzte. Die Laufbahn eines Thierarz⸗ tes bietet ſo wenig lockende Ausſichten, daß nur höchſt ſelten junge Männer, die eine verſprechendere Beſchäftigung ergreifen können, ſich ihr widmen werden. Man muß daher Leute mit geringen Vorkenntniſſen, denen ſonſt kein Studienfach offenſteht, zulaſſen. Ob dieſe ſpäter ihre Rechnung finden, oder nicht, iſt 15 wohl ihre eigene Sache. Immerhin iſt es weniger zu verwun⸗ dern, daß Leute ohne vollſtändige Schulbildung ſich dieſer Bran⸗ che widmen, in der Hoffnung die Maturität ſpäter nachzuholen und in die erſte Klaſſe vorzurücken, als daß, mit gehörigen Vor kenntniſſen verſehene junge Männer, eine ſo undankbare Lauf bahn, wie die eines Thierarztes ſelbſt in Städten iſt, beginnen mögen. Da die Thierärzte zweiter Klaſſe dieſelbe praktiſche Be⸗ fugniſſe haben, wie die Thierärzte erſter Klaſſe, ſo werden ſie auch in denſelben Lehrgegenſtänden unterrichtet, mit Ausnahme derjenigen, welche zum eigentlichen Staatsdienſte qualificiren, zu welchen ſie nicht genöthigt ſind. Nach dieſen Bemerkungen ſind die Chirurgen und die Thier⸗ ärzte zweiter Klaſſe nicht durch den Studienplan ins Leben gerufen worden, ſondern derſelbe hat ſich den, in der Medicinal⸗Ordnung über ſie beſtehenden Beſtimmungen, nur angepaßt. Läßt die Medicinal⸗Ordnung die Wundärzte fallen, ſo verſchwindet auch von ſelbſt der für ſie beſtimmte Theil des Studienplanes.— Ich wende mich nunmehr zu den einzelnen Ausſtellungen, welche der Herr Recenſent gegen die einzelnen Beſtimmungen des Studienplanes für Wundärzte erhebt. Ich folge dabei wieder der Reihenfolge, die er ſelbſt eingeſchlagen hat, mich be⸗ mühend Nichts von Wichtigkeit zu übergehen.— Den Wundärzten iſt ein beſonderer Vortrag über Phyſio⸗ logie vorgeſchrieben. Herr Schleiermacher fragt, welche Theile der Phyſiologie dem Wundarzte unnöthig ſeyen, etwa die ſpeculative, naturphiloſophiſche Phyſiologie, mit der auch die zukünftigen Aerzte verſchont bleiben könnten. Wenn Herr Schleiermacher die Kenntniſſe, welche der Chirurg auf die Univerſität mit bringt und die er dort weiter erhält, ſowie die Stellung, welche er ſpäter im Leben einzunehmen beſtimmt iſt, etwas näher ins Auge gefaßt hätte, ſo würde er ſeine Frage wohl unterlaſſen haben. Es würde ihm nicht entgangen ſeyn, daß für junge Männer mit vollſtändiger Schulbildung, mit ge⸗ hörigen Vorkenntniſſen in Phyſik, Chemie, Zoologie und Bota tanik, beſtimmt dereinſt die geſammte ärztliche Praxis auszuüben 16 ein anderer Vortrag über Phyſiologie möglich und nothwendig iſt, als für niedere Wundärzte, welche erſt geprüft werden müſſen, ob ſie auch ordentlich leſen und ſchreiben können, ob ſie im Stande ſind, ihre Gedanken zu einem ſchriftlichen Auf⸗ ſatze zu ordnen und welche naturwiſſenſchaftlicher Vorkenntniſſe gänzlich entbehren. Daß dabei der ſogenannten Naturphilo⸗ ſophie, deren Zeit glücklicher Weiſe vorübergegangen iſt, nicht gedacht würde, verſteht ſich von ſelbſt, ſo wie, daß nur ein mög— lichſt klarer, bündiger Vortrag über die einfachen Grundlehren der Phyſiologie, wie er den geringen Vorkenntniſſen der Schüler entſpricht, gemeint ſeyn konnte. Ein vergleichender phyſiologi— ſcher Vortrag würde freilich für Wundärzte nicht paſſen, für gebildete Aerzte aber kann er, auch wenn er in philoſophiſchem Gewande einhertritt, nicht ſo unintereſſant ſeyn, als der Herr Recenſent meint, der überhaupt, wie er an mehreren Stellen zu erkennen giebt, kein Freund von philoſophiſcher Behandlung wiſ⸗ ſenſchaftlicher Gegenſtände zu ſeyn ſcheint.— Wer mit der Sache näher vertraut iſt, weiß, wie ſ ſchwer es iſt, den Wirkungskreis der Chirurgen ſo feſt zu ſtellen, daß ihnen weder ein zu enger Kreis für ihre Thatigkeit gezogen wird, wobei ihre Wirkſamkeit ver⸗ loren geht, noch auch allzuviel Spielraum zu Uebergriffen ge⸗ ſtattet iſt. Allerwärts, wo das Inſtitut der Chirurgen noch beſteht, ſind in dieſen Beziehungen Beſchwerden vorgekommen. Die Chirurgen haben ſtets geſtrebt den ihnen vorgeſchriebenen engen Kreis zu überſchreiten, während ſie in demſelben um ſo ſo mehr beengt wurden, je mehr die Zahl wiſſenſchaftlich gebil deier Aerzte zunahm. Aus der Darſtellung des Herr Schleier⸗ macher erſieht man nicht genau, wie er das jetzt beſtehende Verhältniß geändert haben will. An einigen Stellen ſcheint es, als wenn er die Chirurgen gänzlich verdrängt, und an ihre Stelle, neben vollſtändig gebildeten Aerzten, nur Heildiener ge⸗ ſetzt wiſſen wolle, an andern Stellen dagegen, bedauert er ihre eingeengte Stelle gewaltig und beſchwert ſich, daß man manche ärztliche Hülfsleiſtung, welche von ihnen, oder doch von einigen von ihnen, mit Glück und Geſchick vollführt werden könne, nicht 17 geſtatte, ſondern den graduirten Aerzten reſervire. Seiner Mei⸗ nung nach ſollte ihnen außer dem, was ihnen zu thun geſtattet iſt, unter anderem die ganze Klaſſe der lumores, deren einige doch durch eine ganz einfache chirurgiſche Operation entfernt wer⸗ den könnten, zur Behandlung überlaſſen ſeyn. Herr Schleier⸗ macher muß die Klaſſe der tumores in irgend einem veralteten Syſteme der Wundarzneikunde gefunden haben, die neuere Me⸗ dicin erkennt keine Krankheitsklaſſe mehr an, deren Beſtimmung von einem einzelnen Symptome, wie hier von der Geſchwulſt, das den verſchiedenartigſten Krankheiten zukommen kann, entnom⸗ men iſt. Wie iſt es auch möglich, nach einer ſo allgemeinen Ei⸗ genſchaft, welche Uebeln der verſchiedenartigſten Natur gleicher⸗ maßen zukommt, eine Krankheitsklaſſe zu bilden, die den Wund⸗ arzten zur Behandlung überlaſſen ſeyn ſoll, oder nicht. Die Geſchwulſt beſtimmt nicht die Natur der Krankheit, und die Leichtigkeit oder Schwierigkeit der Operations⸗Ausführung giebt nicht die Beſtimmung zum Handeln. Viele lumores, die mit der gröſten Leichtigkeit ausgeſchnitten werden könnten, dürfen nicht ausgeſchnitten werden, weil ihre innere Natur, ihr Zu⸗ ſammenhang mit andern beſtehenden, oder vorübergegangenen Krankheitszuſtänden, ihre Entfernung verbietet. Jedem nur ei⸗ nigermaßen gebildeten Arzte iſt alles dieſes hinreichend bekannt. Die Operation, wenn ſie auch an und für ſich erlaubt iſt, bil⸗ det doch in vielen Fällen nur den geringern Theil der Behand⸗ lung, die durch eine Vorkur vorbereitet, oder durch fortgeſetzte ärztliche Sorge vollendet werden muß. Er kann alſo niemals die Leichtkigkeit oder Schwierigkeit einen tumor auszuſchneiden das Beſtimmende ſeyn, und den Wundärzten dieſe Beſtimmung anheim geben, heißt ihnen einen größern Wirkungskreis ein⸗ räumen, als wozu ſie befähigt ſind.— Wenn die Medicinal⸗ Ordnung beſtimmt hätte, tumores, ſobald ſie nur leicht, durch eine einfache chirurgiſche Operation, entfernt werden können, fallen in den Wirkungskreis der Chirurgen, ſo hätte Herr Schleiermacher Recht gehabt, ſeine Stimme gegen dieſe Beſtimmung zu erheben, und würde es auch gewiß nicht unter⸗ 2 18 laſſen haben, und doch verlangt er jetzt ſelbſt ausdrücklich eine ſolche Beſtimmung.— Die Wundärzte ſollen unterrichtet werden, wie ſie bei plötzlichen Lebensgefahren ſich zu verhalten haben, um die erſte Nothhülfe bis zur Ankunft des Arztes zu leiſten; ſie ſollen, namentlich bei Vergiftungen, die erſte, zweckmäßige Hülfe, ge⸗ währen können. Der Herr Recenſent findet einen Unterricht in dieſen Gegenſtänden unmöglich, weil den Wundärzten nicht auch eine gründliche Kenntniß der Krankheiten, welche eine ſol⸗ che Nothhülfe zuweilen bedingen, beigebracht werden könne und dürfe, und weil, um Hülfe bei Vergiftungen zu leiſten, auch ein ordentliches Studium der Toxricologie nothwendig ſey. Der Wundarzt kenne die einzelnen Gifte und ihre Wirkungen nicht, ſo ſey er auch nicht im Stande, die Gegengifte anzuwenden, er müßte dann eine Art von Mithridat haben, die ſich im Noth⸗ falle gegen alle Gifte anwenden laſſe. Jeder Unbefangene wird bei aufmerkſamer Betrachtung dieſer Aeußerungen ſich eines Lächelns nicht enthalten können, wenn er ſieht, wie Herr Schleiermacher in ſeinem kritiſchen Eifer ſo recht eigentlich das Kind mit dem Bade ausſchüttet. Wenn es brennt, ſo wartet man nicht, bis die Löſchmannſchaft mit kunſtgerechter Hülfe zur Hand iſt, ſondern Jeder greift zu und hilft nach beſten Kräften. Wenn ein Kind aus Unverſtand ein Gift verſchluckt hat, ſo wartet man nicht, bis, nach mehreren Stunden vielleicht erſt, der Phyſikus erſcheint, um den Fall ge⸗ nau aufzunehmen, und bis, nach weiterem Zeitverluſte, die rich⸗ tige Arznei herbeigeſchafft wurde, ſondern Jeder, ein Nachbar, eine alte Frau, räth und hilft mit dem, was als heilſam ihnen zur Kenntniß gekommen iſt. Will man nun den Wundärzten, die doch einige ärztliche Bildung haben, nicht daſſelbe geſtatten, was man jedem Laien geſtatten muß, die Nothhülfe? oder vielmehr will man nicht lieber ſie geradezu darauf unterrichten? hat man doch populäre Schriften genug über dieſe Gegenſtände, und ſoll Wundärzten nicht gelehrt werden können, worüber man⸗ cher Pfarrer und Schullehrer ſich ſelbſt unterrichtet, um im 19 Nothfalle auf ſeinem entlegenen Dorfe als erwünſchter Helfer zu erſcheinen? In der Stadt wird Jedermann zunächſt zu dem Arzte ſchicken, auf dem Lande aber möchte häufig ſeine Hülfe zu ſpät kommen, wenn nicht der näherwohnende Wundarzt einſtweilen die dringendſten Gefahren beſeitigt hat.— Recht ſonderbar nimmt ſich die Bemerkung aus, daß der Chirurg in Vergif⸗ tungsfällen keine Nothhülfe leiſten könne, weil er kein ordent⸗ liches Studium aus der Torxicologie gemacht habe. Werden dieſe Worte genau genommen, ſo darf bei Vergiftungen über⸗ haupt Niemand Hand anlegen, als derjenige, welcher Torxi⸗ cologie genau ſtudirt hat. Der eigene Vater, der dazu kommt, wie ſein Kind eine giftige Subſtanz verſchlingt, darf nicht zum erſten beſten Hülfsmittel greifen, denn er hat nicht Torxicologie ſtudirt. In den meiſten Fällen iſt das Gift bekannt, durch welches die Zufälle erregt worden ſind, und es bedarf nur ei⸗ ner empiriſchen Kenntniß der Gegengifte, um das Erforderliche zu thun. Auch der Arzt hält ſich in Vergiftungsfällen nicht damit auf, das Gift erſt näher zu unterſuchen, es chemiſch zu zerlegen, er entfernt zunächſt die dringendſten Gefahren. Auch wenn ihm das Gift noch nicht aus der Mittheilung des Kran ken bekannt iſt, wird er ſich in der erſten Noth nicht damit be ſchäftigen, es zuerſt etwa chemiſch zu beſtimmen, um in der Wahl des Gegengiftes ja keinen Mißgriff zu begehen, ſondern den er ſten dringendſten Zufällen wird er, aus allgemeiner Kenntniß, Hülfe entgegen zu ſetzen wiſſen. Soll der Wundarzt nicht ein Gleiches in einem Nothfalle thun dürfen? ſoll er einem Men ſchen, von dem er weiß, daß er Sublimat zu ſich genommen hat, nicht etwas Zuckerwaſſer oder Eiweiß geben dürfen, oder einem andern, der ſich mit Schwefelſäure zu vergiften ſuchte, nicht etwas Magneſia oder Kreide, oder Seifenbrühe, oder ir gend eine andere, die Säure bindende Subſtanz, wie ſich eine ſolche léicht überall findet, bloß weil er dieſe Subſtanzen nicht toxicologiſch ſtudirt hat, und theoretiſch nicht Rechenſchaft von ihrem gegenſeitigen Verhalten zu geben vermag. 5* 20 Herr Schleiermacher ſcheint ganz überſehen zu haben, daß es ſich um Nothhülfe in dringenden Lebensgefahren handelt. Was hier ſo recht ſchlagend, in Bezug auf Vergiftungen, gegen die Bemerkungen des Herrn Schleiermacher erwiedert werden konnte, gilt auch in demſelben Maaße für alle übrigen Nothhülfen, bei Erſtickten, Erhängten, bei Blutungen u. ſ. w., ſowie für das, was die Medicinal⸗Ordnung hinſichtlich des Kai⸗ ſerſchnittes an verſtorbenen Müttern, um das Kind zu retten, und die Erlaubniß für Chirurgen, dieſe Operation auszuüben, beſtimmt hat. Der Herr Recenſent hat auch hier überſehen, daß es ſich um eine Nothhülfe handelt, die nicht aufgeſchoben werden kann, wenn nicht ihr ganzer Zweck verloren gehen ſoll. Die Ausführung der Operation ſelbſt iſt aber, beſonders an Verſtorbenen, eine ſo leichte Sache, daß ſich auch ein niederer Chirurg recht gut auf ſie abrichten läßt. Die dazu nöthigen anatomiſchen Kenntniſſe bringt er aus den Vorleſungen über Anatomie mit.— Dabei iſt nicht zu überſehen, daß den Chi⸗ rurgen der Beſuch der geburtshülflichen Vorleſungen, zwar nicht geboten, aber auch nicht verwehrt iſt. Der Chirurg kann daher früher, und auf beſſere Weiſe, wie an ſeiner eigenen Frau, wie Herr Schleiermacher ſcherzend, was man in ſei⸗ ner Schrift nicht geſucht hätte, als den ihm einzig übrig gelaſ⸗ ſenen Weg bezeichnet, zu geburtshülflichen Kenntniſſen gelangen. Die Ausübung der Geburtshülfe, in ihrer ganzen Ausdehnung, iſt bis jetzt noch den Chirurgen geſetzlich geſtattet. Sie werden, wenn ſie es verlangen, auch in Geburtshülfe geprüft. Die mediciniſche Fakultät hat ſich jedoch ſtets bei der höchſten Be⸗ hörde in ihren Gutachten dagegen ausgeſprochen, die Befug⸗ niſſe der Wundärzte über dieſen Zweig ärztlicher Kunſt auszu⸗ dehnen, weil die Geburtshülfe, wie ſie in der neuern Zeit da⸗ ſteht, mehr und mehr die bloß manuellen Hülfen, wie ſie von einem Chirurgen geleiſtet werden können, beſchränkt, und es vor⸗ zieht, die irregulären Geburtsakte durch mediciniſche Einwirkungen zu regeln; und weil hieraus ganz nothwendig folgt, daß der Geburtshelfer, welcher mehr als eine gewöhnliche Hebamme 21 leiſten will, auch vollſtändige mediciniſche Kenntniſſe beſitzen muß.— Herr Schleiermacher ſchließt ſeine Bemerkungen über die Verhältniſſe der Chirurgen mit folgenden Worten: „Schließen wir dieſe widerwärtige und unnöthige Verhand⸗ lung. Die Zeiten ſind vorbei, wo man der Anſicht war, daß innere und äußere Medicin als getrennte Disciplinen neben einander beſtehen könnten. Jeder Arzt muß auch Chirurg ſeyn.“— Umgekehrt wäre der Satz noch richtiger geweſen. Jeder Chirurg muß auch Arzt ſeyn. Die Zeit der bloßen Opera⸗ teure iſt längſt vorbei, kein Chirurg kann, ohne vollkommne ärztliche Bildung mit Sicherheit handeln, dagegen kann es recht gut Aerzte geben, die ſich nicht mit chirnrgiſchen Operationen befaſſen. Hierüber beſteht wohl keine Meinungsverſchiedenheit. Unſere Aerzte ſind zu gleicher Zeit Chirurgen; ſie müſſen ſich in Chirurgie prüfen laſſen und die Zeugniſſe der praktiſch⸗chi⸗ rurgiſchen Reife beibringen; ſie ſind die Medico-Chirurgen, welche Herr Schleiermacher im Auge hat. Die veralteee Trennung in Chirurgie und Medicin beſteht in der That nicht mehr, und iſt auch durch den Studienplan nicht wieder in's Leben gerufen wordrn. Der§. 7. der Medicinal⸗Ordnung ſpricht ſich mit Beſtimmtheit über die Nothwendigkeit der Ver⸗ bindung der Chirurgie mit der Medicin aus. Seit langen Jahren ſind auch bei der Fakultät, Prüfungen, entweder nur über Medicin, oder nur über Cirurgie, nicht mehr vorgekom⸗ men. Die Phyſtkatschirurgen ſind nicht an die Stelle der al⸗ ten Chirurgen getreten, ſie nehmen ſowohl in Bezug auf Chi⸗ rurgie, die ſie nicht in ihrem ganzen Umfange ausüben dürfen, als auf Medicin, eine untergeordnete Stelle ein. Sie bilden einen Nothbehelf, von dem ich mit Herrn Schleiermacher wünſche, daß er bald ganz verſchwinden möge. Einſtweilen be⸗ ſtehen ſie aber, zufolge älterer, von dem Studienplan unabhän⸗ giger, geſetzlicher Beſtimmungen. Der Wundarzt beſucht als Auskultant die mediciniſche und chirurgiſche Klinik, d. h. es wer⸗ 22 den ihm zur ſpeciellen Beſorgung keine Kranken übergeben, de⸗ ren Leiden auch in ſeinem ſpätern ſelbſtſtändigen Wirken nicht in den Bereich ſeiner erlaubten Thätigkeit fallen würde, wohl aber wird er auf alle die Hülfsleiſtungen eingeübt, deren Aus⸗ übung das Geſetz den Chirurgen geſtattet. Was Herr Schleiermacher, außer dem ſchon oben be⸗ rührten, noch weiter über die Thierärzte zweiter Klaſſe bemerkt, iſt nicht von großem Belange. Er vergleicht ſie mit den Chi⸗ rurgen, und ſcheint ſie, mit Unrecht, mit denſelben auf eine Stufe zu ſtellen, da ihre praktiſchen Befugniſſe denen der erſten Klaſſe vollkommen gleich ſind, nur daß ſie, ohne nachgeholte Maturität, nicht zum Staatsdienſte gelangen können. Hiernach ſind ſie nicht unſern Phiſikatschirurgen, ſondern etwa den Chi⸗ rurgen erſter Klaſſe in Preußen gleichgeſtellt. Was ſie an Vorkenntniſſen vor unſern Chirurgen voraus haben, iſt Chemie und Botanik. Ich geſtehe, daß ich die erſtere Disciplin, bei der Stufe, welche die Thierarzneikunſt noch einnimmt, ihnen gern erlaſſen hätte, da eine oberflächliche Kenntniß ihnen nichts hilft, und doch bald wieder vergeſſen wird, und gründlichere Kennt⸗ niſſe von ihnen nicht erworben werden können. Für Botanik beſtehen jedoch allerdings Gründe, welche ihre Nothwendigkeit für die Thierärzte nachweiſen, da dieſe die Futterkräuter, die den Thieren ſchädliche Pflanzen, kennen, und im Nothfalle bo⸗ taniſch müſſen zu beſtimmen im Stande ſeyn. Alles übrige, was Herr Schleiermacher noch hinzufügt, geht nicht den Studienplan, ſondern die Medicinal⸗Ordnung an.— Ich kann meine Entgegnung nicht ſchließen, ohne mein tiefſtes Bedauern darüber auszudrücken, daß ein Mann, wie der Herr Geh. Rath Schleiermacher, deſſen wiſſenſchaftlicher Sinn, deſſen Milde und Ruhe des Charakters, allgemein be⸗ kannt und gewürdigt ſind, ſich hat hinreißen laſſen, durch falſche Beſchuldigungen, unvollſtändige und verkehrte Auffaſſung und Darſtellung einer wohlthätigen Maaßregel, zu irrthümlichen und gehäſſigen Anſichten in dem minder unterrichteten Publi⸗ kum Veranlaſſung zu geben, und eine böchſt unerquickliche und 23 unfruchtbare Polemik hervorzurufen, zu der ich wenigſtens nur höchſt ungern, und gleichſam nothgedrungen, um nicht der An ſicht Raum zu geſtatten, als könne die von dem Herrn Recen ſenten mit Beſtimmtheit geforderte Entgegnung nicht geleiſtet werden, meine Hand bot. Ich will damit wünſchen und hoffen, daß die Glieder der Univerſität, nicht ferner genöthigt werden, aus dem Kreiſe ihrer wahren Thätigkeit herauszutreten, und daß die weitere Beurtheilung und Verbeſſerung des Stu dienplanes, denen überlaſſen bleiben möge, welchen ihre Stel lung und Erfahrung die Mittel gewähren, ſich eine vollſtän dige Kenntniß der bezüglichen Verhältniſſe zu erwerben. Gießen, gedruckt bei Carl Lichtenberger⸗ Widerlegung Colour& Grey Control Chart 3Ses —— —— beſtimmten Studienplan der Landes⸗Univerſität zu Gießen ρ— 9 10 11 — 1‿ — ◻ ◻△O ₰ 00 Gießen, 1843. J. Ricker'ſche Buchhandlung.