—— 4— —— Das erſte Jahrhundert der theologiſchen Facultät in Gießen. Akademiſche Feſtrede zur Feier des hoöhen Geburtsfeſtes Seiner Königlichen Hoheit des Groſcherzogs KuDMFSS IIl. am 9. Juni 1858 gehalten von dem Rector der Ludwigs-Alniyerſität Dr. Friedrich Hermann Heſſe, ordentlichem Profeſſor der evangeliſchen Sheologie und Univerſttäts⸗Previger. Gießen 1858. Druck der GG. D. Brüh l'ſchen Untverſttats⸗Buch⸗ und Steindruckerel Decani maxime spectabiles! Professores et Doctores omnium ordinum summe reverendi, consultissimi, experientissimi, amplissimi! Commilitones humanissimi! Hospites illustres, splendidissimi, honoratissimi! Zuerſt, hochverehrte Anweſende! erheben wir unſere Gedanken zu dem, der die Geſchicke der Völker beſtimmt, indem er ihnen Fürſten giebt nach ſeinem Rath. Unſern erſten und beſten Dank bringen wir auch heute Gott dem Herrn dar, welcher uns unſern Allerdurchlauchtigſten Großherzog, den Fürſten des Landes und den erhabenen Schutz⸗ und Schirmherrn unſerer Hochſchule, an dieſem Tage gleichſam aufs Neue ſchenkt mit der Hoffnung, daß wir uns der Segnungen Seines Scepters noch lange erfreuen dürfen. Er, der Gott der Gnade und der Treue, wolle die Tage ſeines Geſalbten auf Erden mehren, ihm allezeit Hilfe ſenden aus ſeinem Heiligthume und ihn ſegnen für und für!— Dank bringen wir aber auch Ihm, deſſen Tag wir heute feſtlich begehen, Dank für das herzliche und gnädige Wohlwollen, welches er von jeher für unſere Anſtalt bewahrt und zumahl in dieſem Jahre bewieſen hat, indem er Angehörige Seines hohen Hauſes, die Seinem Herzen nahe ſtehen, ihr zugeſendet hat, um ſie mit einem lange entbehrten Glanze aufs Neue zu ſchmücken. Wie wir um Seinetwillen den heutigen Tag Jahr um Jahr zu einem Tage der Freude machen: ſo möge Sein Andenken auch bei denen geſegnet ſein, die nach uns in dieſen Räumen als Prieſter, als Diener und als Jünger der Wiſſenſchaft ſtehen werden; möge auch bei ihnen grünen und blühen, wachſen und gedeihen, was Er gründet und pflanzt, was Er hegt und pflegt.— Weil es uns aber nicht bloß ein gewohnheitsmäßiges Geſchäft, ſondern ein herzliches Anliegen iſt, den heutigen Tag dadurch auszuzeichnen, daß wir in uns gegenſeitig die Gefühle dankbarer Fröhlichkeit erwecken und beleben: ſo ſagen wir ſchließlich auch Ihnen unſern Dank, hochverehrte Gäſte und Freunde! daß Sie unſerer Einladung ſo bereitwillig Statt gegeben und nicht geſäumt haben, dieſe Feier durch Ihre Gegenwart zu erhöhen. Wüßte ich nur, hochverehrte Anweſende allzumahl! ob es auch mir gelingen wird, durch die Erfüllung der Aufgabe, welche mir für diesmahl zugefallen iſt, das Meinige zur Verherr⸗ lichung des heutigen Tages beizutragen! Laſſen Sie ſich dieſe Aeußerung nicht wundern, noch ſuchen Sie in ihr eine verſteckte Appellation an Ihre Artigkeit; ſie iſt nur ein natürliches Erzeugniß des Bewußtſeins, welche Schwierigkeiten es habe, für die Feſtrede einen Gegenſtand zu finden, 1 welcher aus dem akademiſchen Leben herausgegriffen doch weder der Veranlaſſung dieſes Tages fern liegt, noch dem allgemeinen Intereſſe. Glücklich hat dies der vorjährige Feſtredner zu treffen gewußt; er hat zugleich mit beredtem Munde einen Gedanken ausgeſprochen, welcher bei der Wahl des Gegenſtandes für die Feſtrede des heutigen Tages auch in Zukunft immer wird mitwirken müſſen und welcher ſich dadurch den Nachfolgern ſeines Urhebers hilfreich erweiſen wird. Es iſt uns im vorigen Jahre hier geſagt worden, daß wir in dem Umſtande, daß das hohe Geburtsfeſt des Landesfürſten faſt allerwärts auch eine akademiſche Feier hervorruft, ſowie in dem Umſtande, daß die Mehrzahl der deutſchen Univerſitäten gleich unſerer Alma Ludoviciana ſich mit den Namen deutſcher Fürſten ſchmückt, nicht bloß eine bedeutungsloſe Bezeugung der Ehrerbietung, ſondern den bedeutſamen Ausdruck eines folgenreichen realen Verhältniſſes anzuerkennen haben, indem es eine Thatſache ſei, daß faſt alle deutſchen Hochſchulen ihr Entſtehen— und ſollen wir nicht auch ſagen ihr Fortbeſtehen, ihr Gedeihen und ihre Blüthe?— dem Intereſſe und der Fürſorge edler Fürſten für Gelehrſamkeit, Wiſſenſchaft und allgemeine Bildung verdanken. Liegt es da nicht nahe, hoch⸗ verehrte Herren und Freunde! das Gefühl der Dankbarkeit gegen unſern Fürſten auf die ganze Reihe Seiner erhabenen Vorgänger auszudehnen und dieſem Gefühle dadurch genug zu thun, daß wir in die Geſchichte unſerer Anſtalt zurückgehen und die Erinnerung an ihre Vergangenheit in uns erneuen? daß wir betrachtend uns an der Wahrnehmung erbauen, wie unſere Hochſchule unter der Fürſorge und Obhut edler Fürſten von jeher eine ehrenvolle Stelle unter ihren Schwe⸗ ſtern behauptet hat, und in dem dadurch geweckten ſtolzen Bewußtſein uns neue Springquellen für unſern Eifer öffnen? Würden wir doch alsdann auch den Männern ein wenig näher treten, welche von dieſen Wänden auf ein ihnen unbekanntes Geſchlecht hernieder blicken, deren Züge wir uns aber ſo lange nicht recht zu deuten vermögen, als wir uns nicht mit ihren Beſtrebungen und mit der Art und Weiſe ihrer Wirkſamkeit vertrauter gemacht haben. So laſſen Sie uns denn eine Wanderung durch die alten Zeiten anſtellen; erlauben Sie mir aber, daß ich mich dabei auf die Geſchichte der Facultät beſchränke, welcher anzugehören ich die Ehre habe, nämlich der evangeliſch⸗theologiſchen. Nicht nur, weil ich da noch das Meiſte zu ſagen weiß, ſondern auch, weil ſich ſonſt dem Darſteller eine ſolche Fülle geſchichtlichen Stoffes und eine ſolche Menge von Bildern entgegendrängen würde, daß es beſſer ſein möchte, gleich am Anfange umzukehren, als den unüberlegten Verſuch zu machen, ſich hindurchzuarbeiten. Auch bei ſolcher Beſchränkung der Aufgabe macht ſich die Nothwendigkeit und die Verlegenheit der Auswahl noch fühlbar genug; denn auch die Specialgeſchichte unſerer Facultät iſt an denkwürdigen Thatſachen und Anläſſen zu intereſſanten Beobachtungen noch zu reich, als daß ſie ſich in den engen Rahmen einer Feſtrede einſpannen ließe. Deshalb muß ich mich auch begnügen, nur einige der wichtigſten Puncte hervorzuheben, nur einige Rückblicke auf die Vergangenheit unſerer Facultät zu werfen, und zugleich darauf verzichten, die Wanderung durch ihre Geſchichte bis in die neueſte Zeit fortzuſetzen— ein Verzicht, der ſich übrigens aus mehrfachen Gründen empfehlen wird. blicken feſſore wollte thum Stud Stad von gefäh ſo fu laſſen. Abend gern, zuſehen ſtürmt die S wurde in ein Still mein fremde von d Schöö meiner Tumu Tage welche nach einen Stad verme dieſer Lud⸗ für d ihre ſcheide 3 Tages treffen er Wahl itwirken Es iſt burtsfeſt mſtande, Namen dern den es eine ich ſagen Fürſten ſe, hoch⸗ ie ganze zun, daß enheit in dochſchule Schwe⸗ ellen für n, welche wir uns und mit tbören ich noch das bichtlichen n wöchte, uarbeiten. enheit der wwürdigen h in den nur einige genheit durch ihrt mehrfachen 3 Auf die Entſtehung unſerer Univerſität können wir nicht gerade mit ungetheilter Freude blicken. Es war am 6. Auguſt im Jahre des Heils 1605— Landgraf Moritz hatte die Pro⸗ feſſoren und Geiſtlichen, welche in die Einführung ſeiner drei Verbeſſerungspuncte nicht willigen wollten, zwar nicht vertrieben, aber doch einſeitig entlaſſen und andere aus ſeinem Niederfürſten⸗ thum an ihre Stelle geſetzt, welche eben damit beſchäftigt waren, die Gemüther der Bürger und Studenten durch Predigten für das Anliegen des Landgrafen zu gewinnen— da brach in der Stadt⸗ und Pfarrkirche zu Marburg, während grade der Superintendent Valentin Schoner von Ziegenhain über die originale Geſtalt des Dekalogs, wider die Bilder, ſowie wider die gefährlichen und unerbaulichen Disputationen von der Ubiquität des Fleiſches Chriſti predigte, ein ſo furchtbarer Tumult aus, wie ihn ſich die Lobredner der alten Frömmigkeit kaum können träumen laſſen. Am Tage zuvor hatte der Superintendent Schönfeld aus Caſſel vom Brodbrechen im Abendmahl gepredigt; aber heute, ſagte der fanatiſche Opfermann Anton Harter zu den Bür⸗ gern,„heute wird man die Bilder ſtürmen und aus den Kirchen reißen, es iſt an der Zeit zu⸗ zuſehen, zu wachen und zu wehren; ich will meinen Hals daran wagen.“ Unter der Predigt ſtürmten die Bürger mit ihrem Handwerkszeug in die Kirche, die Maurer mit ihren eiſernen Bickeln, die Steindecker mit ihren Hämmern, die Schreiner und Zimmerleute mit ihren Richtſcheiten; es wurde Sturm geläutet und der Zuſammenlauf dadurch gemehrt; das anfängliche Grunzen ging in ein lautes Geſchrei über, mit welchem„dem Pfaffen und alten Schelmen“ auf der Kanzel Stillſchweigen geboten wurde, und in das Abbrüllen des Liedes:„Allein zu dir, Herr Jeſu Chriſt! mein Hoffnung ſteht auf Erden“—; von dem Schreien kam es bald zu Thätlichkeiten gegen die fremden in der Kirche anweſenden Geiſtlichen. Sie wurden durch die heiligen Räume gehetzt und von dort zum Theil durch die Gaſſen der Stadt; einige wurden blutig geſchlagen, Superintendent Schönfeld ſo, daß er beim Altar halbtodt mit den Worten zuſammenſank:„Herr Jeſu, nimm meinen Geiſt auf! Vater, vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun!“ Während des Tumultes der Bürger, welche zugleich die bürgerliche und kirchliche Regierung an ſich riſſen, aber von dem alsbald herbeigeeilten Landgrafen unter Herbeiziehung militäriſcher Macht in wenigen Tagen gründlich zur Ordnung gebracht wurden, gingen zwei Männer ſtill zum Thore hinaus, welche wir bald hernach unter den höchſten Würdenträgern unſerer Landeskirche erblicken; ſie gingen nach Gießen, wo ihnen wohl Landgraf Ludwig der Getreue bald nach ihrer Entlaſſung einen neuen Aufenthalt angewieſen hatte. Es waren der Profeſſor Dr. Winckelmann und der Stadtpfarrer Dr. Leuchter; wann ſich der Profeſſor Dr. Mentzer zu ihnen gefunden haben mag, vermag ich nicht zu ſagen. Alle Ehre und Anerkennung der Ueberzeugungs⸗ und Pflichttreue dieſer Männer, zumahl ſie im Augenblicke ihrer Entlaſſung zwar auf die Fürſorge des Landgrafen Ludwig rechnen konnten, aber doch noch nicht wußten, wo ſie wieder eine Stätte der Wirkſamkeit für die ihnen ſo theure reinluther'ſche Lehre finden würden; doch auch von den in Marburg an ihre Stellen getretenen Geiſtlichen können wir ohne einen Ausdruck aufrichtiger Bewunderung nicht ſcheiden. Sie mögen in manchen Stücken gefehlt haben, aber das zeugt gewiß von chriſtlicher 1* 4 Hochherzigkeit, daß ſie durch ihre bei Landgraf Moritz eingelegten Fürbitten alle harten Strafen von den Bürgern abwandten und daß Sup. Schönfeld am Sonntag nach dem Tumult, als er noch die deutlichen Zeichen der erlittenen Mißhandlungen an ſich trug, auf die Kanzel trat, um über den Text Mtth. 5, 44. zu predigen:„Liebet eure Feinde, ſegnet die euch fluchen, thut wohl denen die euch haſſen, bittet für die, ſo euch beleidigen und verfolgen.“— Dadurch, daß der Opfermann Harter, der ſeinen Hals hatte wagen wollen, ſich ſehr bald nach Gießen in Sicher⸗ heit brachte, kamen die dahingegangenen Geiſtlichen in Verdacht, Miturheber des Marburger Unheils geweſen zu ſein. Wir dürfen wohl zu unſerm Troſt und zu unſerer Freude ziemlich ſicher anneh⸗ men, daß dieſer Verdacht ungegründet geweſen iſt; dürfen den Verſicherungen jener Männer wohl glauben, daß ſie weder in Predigten noch Privatgeſprächen auf Aufwiegelung hingearbeitet, ihr ernſtliches Mißfallen an dem ausbrechenden Lärmen den ihnen Begegnenden ausgeſprochen haben, und durch völlige Unkenntniß deſſen, was ſich in der Kirche ereignete, abgehalten worden ſeien, den bedrohten Predigern mit ihrer Autorität und ihrem Einfluß zu Hilfe zu kommen. Eine Gemeinde, welcher ihre Geiſtlichen genommen worden waren, welche durch fortwährende Streitigkeiten in be⸗ ſtändiger Unruhe um ihren Glauben gehalten worden war, welcher die neuen Geiſtlichen den Bilder⸗ ſchmuck in den Kirchen und auf den Kirchenplätzen als Götzendienſt verübelt hatten, konnte wohl auch durch eine ſo untergeordnete Perſönlichkeit, wie der Kirchendiener Harter war, in unheil⸗ volle Bewegung gebracht werden, ohne daß es dazu der Anſtiftung durch gewichtvollere Männer bedurft hätte. In Folge dieſer Bewegungen wurde getrennt und ehrlich geſchieden, was damals noch nicht vereinigt bleiben konnte: das reine Lutherthum bekam in Gießen eine Bildungsſtätte für ſich. Noch im October 1605 wurde das gymnasium illustre eröffnet, zu welchem im Laufe des erſten Jahres über 300 lernbegierige Schüler ſich einfanden; im Jahre 1607 erfolgte durch Ver⸗ leihung der kaiſerlichen Privilegien die Erhebung des Gymnaſiums zur Univerſität. Johann Winckelmann und Balthaſar Mentzer l. waren die erſten Profeſſoren der jungen theolo⸗ giſchen Facultät; im Jahre 1608 trat noch Heinrich Eckhardi hinzu, welcher aber ſchon im Jahre 1610 als Superintendent nach Frankenhauſen in Thüringen ging, worauf Chriſtoph Helvicus und Caspar Finck, ein geborener Gießener, einrückten. Indeß Helwig ſtarb ſchon 1617, nachdem Finck im Jahre vorher nach Coburg als General⸗Superintendent und Profeſſor am Casimirianum gegangen war. Sie wurden durch zwei Ausländer erſetzt, durch Johann Giſenius, den jedoch ſein Schickſal ſchon 1619 nach Straßburg und 1621 an die neuge⸗ gründete Univerſität in Rinteln führte, und durch den Weſtphalen Juſtus Feuerborn(Fewr⸗ born), Mentzer's Schwiegerſohn und bisher außerordentlichen Profeſſor. Das war die Zeit, in welcher die junge Facultät ihre erſte Feuerprobe auf dem Gebiet der Polemik zu beſtehen hatte, indem ſie mit den Tübinger Theologen in den ſog. kryptiſchen Streit verwickelt wurde. Nicht als ob ſie vorher den„Kriegen des Herrn“ müßig zugeſehen hätte,— ſie hatte ſich vielmehr an der Beſtreitung der Katholiken und Reformirten mit Eifer betheiligt, ja Eckh Jude Verd Sub vedüt gab (in liche gem ſtante und Beha Win ganz ausſch dama lunge Land Jam wurd führt in H nition anzun ſeiner mit mit d Colle Urthe Heter der( auffy ſo ſe Brie tigke — ** Strafen t, als er rat, um hut wohl daß der n Sicher⸗ eitet, ihr durch Ver⸗ Johann en theolo⸗ ſchon im hriſtoph tarb ſchon Profeſſor Johann die neuge⸗ en GFewr⸗ Gebiet der en Streit hätte/ heiligt, ja 5 Eckhardi hatte ſogar die Streitfragen in ein Syſtem gebracht, welche zwiſchen den Chriſten und Juden ſchwebten—; aber jener Kampf war der erſte, in welchem ihre eigne Rechtgläubigkeit der Verdächtigung ausgeſetzt wurde. Fürchten Sie nicht, meine Herren! daß ich Sie allzu ſehr in die Subtilitäten des Streites verwickeln werde, zu deren Erklärung ich einer allzu großen Vorbereitung bedürfen würde; ich will mich auf das Nothwendigſte beſchränken. Den erſten Anlaß zum Streit gab eine Definition, welche Mentzer in ſeinen Schriften gegen die Reformirten Anton Sadeel (in Paris und Genf) und Matthias Martinius(in Herborn und Bremen) über die gött⸗ liche Allgegenwart, wie ſie in den betreffenden Stellen der heiligen Schrift gemeint ſei, aufgeſtellt hatte. Mentzer beſchrieb die göttliche Allgegenwart nicht bloß als ſub— ſtantielles Naheſein bei den Creaturen, ſondern auch als Allwirkſamkeit, ſo daß er die Vorſehung und Weltregierung mit zu ihren Merkmalen rechnete. Indem er, wie dergleichen bei polemiſchen Behauptungen wohl vorkommt, das Merkmal der Allwirkſamkeit zu ſehr betonte: ſo mochte es Winckelmann und Giſenius ſcheinen, als wolle ihr College den Begriff der Allgegenwart ganz in den der Allwirkſamkeit auflöſen und das Merkmal des ſubſtantiellen Naheſeins von ihm ausſchließen. Das Mißverſtändniß wurde nicht gleich gehoben, weil Mentzer und Winckelmann damals anderer Urſachen wegen ein wenig geſpannt mit einander waren und collegialiſche Verhand⸗ lungen mit einander eher mieden als ſuchten; ja es muß ſo auffällig hervorgetreten ſein, daß Landgraf Ludwig V. ſich veranlaßt ſah, ſämmtliche Profeſſoren der theologiſchen Facultät im Januar 1617 nach Darmſtadt zu beſcheiden, wo unter ſeinem Vorſitz Verhandlungen gepflogen wurden, die endlich zu einer allſeitigen Verſtändigung und vollſtändigen Rechtfertigung Mentzer's führten. Dieſer fuhr nun fort in ſeinen weiteren Streitſchriften gegen die Reformirten Martinius in Herborn, Stein in Caſſel, Crocius in Bremen und Eilsheim in Emden ſich ſeiner Defi⸗ nition von der göttlichen Allgegenwart zu bedienen und ſie auch auf den Go ttmenſchen Chriſtus anzuwenden. Während er aber ſo das Lutherthum nach Außen vertheidigte, fielen ihm einige ſeiner natürlichen Streitgenoſſen, die Tübinger Theologen, in den Rücken. Mit einem derſelben, mit Hafenreffer, unterhielt Mentzer einen freundſchaftlichen Verkehr, ſchickte ihm ſeine Schriften mit der Bitte um ein belehrendes Urtheil. Von einem ſolchen Briefe nahmen Hafenreffer's Collegen, Lucas Oſiander und Theodor Thummius*) ganz ungefragt Gelegenheit, ihr Urtheil über die von Mentzer und Feuerborn vertretenen Anſichten auszuſprechen, auf einige Heterodoxieen, die ſich aus ihnen ergeben ſollten, mit bedenklicher Miene hinzuweiſen und ihn um der Ehre Chriſti und der kirchlichen Ruhe willen bei der Liebe Gottes zu bitten, ſolche Anſichten aufzugeben, indem ſonſt ein gemeinſamer und wirkſamer Widerſtand gegen die Calviniſten, der doch ſo ſehr Noth thue, nicht möglich ſei. Der alte Hafenreffer ließ ſich beſtimmen, den betreffenden Brief mit zu unterſchreiben, entging aber den Unannehmlichkeiten der nunmehr ausbrechenden Strei⸗ tigkeiten durch ſeinen wenige Wochen nachher**) erfolgten Tod. Mentzer lehnte in einem *) Sept. 1619. **) Oct.(Novbr.) 1619. 6 freundlichen Schreiben auf Gründe geſtützt die ihm gemachte Zumuthung ab, und da eine noch⸗ malige Ermahnung von Thummius nur eine noch gründlichere Zurückweiſung zur Folge hatte: ſo veranlaßten die Tübinger,— welche ſchon während des freundſchaftlichen Briefwechſels in Dispu⸗ tationen und Vorleſungen auf Mentzer losgeſchlagen, ihn hier und dort zu verdächtigen geſucht und dabei ſich geſtellt hatten, als ob Winckelmann es mit ihnen hielte,— das Stuttgarter Con⸗ ſiſtorium*), in Darmſtadt darum anzuhalten, daß Mentzer Schweigen aufgelegt würde, obgleich ſich dieſer noch nicht öffentlich gegen die Tübinger hatte vernehmen laſſen und immer noch bemüht war zu verhüten, daß der Krieg nicht offen ausbräche. Auch dieſer Schlag ging fehl und Mentzer ſuchte nochmals durch ein Schreiben an das Stuttgarter Conſiſtorium und an Thummius eine Verſtändigung anzubahnen. Da indeſſen die Würtemberger nicht antworteten, wohl aber fortfuhren das Feuerwerk ihrer Disputationen abzubrennen und Mentzer's Stillſchweigen als ein Eingeſtändniß ſeiner Niederlage deuteten: ſo glaubte auch dieſer, zumahl er von ſeinen Freunden und ſeinen Amtsgenoſſen dazu gedrängt wurde, zur Rettung der Wahrheit und Unſchuld öffentlich mit einigen Disputationen hervortreten zu müſſen, denen ſich auch Feuerborn mit einer Schrift anſchloß**). Die Tübinger waren damit keineswegs zur Ruhe gebracht und Landgraf Ludwig V., der nun um den kirchlichen Frieden beſorgt wurde, beſchloß eine Geſandtſchaft an den Herzog Johann Friedrich von Würtemberg nach Stuttgart zu ſchicken, um über Mittel zur Beilegung des Streites zu berathen**s). Im Ganzen blieb dieſer Verſuch reſultatlos; die Tübinger traten mit maßloſen Zumuthungen auf, und als die Heſſiſchen Theologen an das Urtheil der Sächſiſchen Akademieen appellirten, ſo wollten ſie ihre Zuſtimmung nicht geben, angeblich weil manche unter deren Theologen früher Mentzer's Zuhörer geweſen ſeien. Die ſächſiſchen Theologen blieben aber doch nicht unthätig, unter Anbietung ihrer Vermittlung riethen ſie erſt beiden Theilen zum Still⸗ ſchweigen— ein Rath, den die Gießener befolgten, die Tübinger aber nicht, zumahl dieſe an ihrem Collegen Melchior Nicolai einen neuen Mitſtreiter bekamen—; endlich aber gaben ſie von ihrem Kurfürſten veranlaßt im Jahre 1624 eine Entſcheidung, welche der Sache nach voll⸗ ſtändig zu Gunſten der Gießener Theologen ausfiel, deren Anſicht auch trotz des fortgeſetzten Widerſpruchs der Tübinger in die orthodoxe Dogmatik überging. Was war denn nun aber der eigentliche Gegenſtand dieſes Krieges, deſſen Ausbruch mit dem des 30jährigen Krieges ziemlich zuſammentrifft? Indem Mentzer die göttliche Allgegenwart nicht als die Unermeßlichkeit des göttlichen Weſens ſelbſt in ihrer Beziehung zu den Geſchöpfen faßte,— wodurch ſie eine weſentliche, ewige und unveränderliche Eigenſchaft geworden wäre, was ſie doch nicht ſein kann, indem ſie das Vorhandenſein der Geſchöpfe, alſo die Erſchaffung der Welt vorausſetzt—, ſondern ſie von dem freien Willen Gottes und ſeiner Macht ableitete: ſo konnte *) Decbr. 1620. **) Mz. und Juli 1621. ***) Sptbr. 1621. er ſie idion thigt Erder wie e Nat hat d menſc Bezie woll die J äuße indiſche Unſchei erſt im Natur Zuſtan Gebra enthal lichkei und mache N. atu überal Kriype rung drigun obgleie haupt Grabe gung wodun bloßer wollt et ne gethau eine noch⸗ ige hatte: in Dispu⸗ geſucht arter Con⸗ e, obgleich och bemüht Mentzer nus eine fortfuhren ngeſtändniß nd ſeinen nit einigen Johann egung des raten mit Sächſiſchen anche Unter ben aber zum Still⸗ l dieſe an r gaben ſie nach vol⸗ ortgeſetzten usbruch mit lUlgegenwart Geſchöpfen ware, was 4 der Welt ſo konnte 7 er ſie auch der mit dem Logos vereinigten menſchlichen Natur Chriſti vermöge der eommunicatio idiomatum mitgetheilt werden laſſen, ohne daß er darum zu der ſchriftwidrigen Folgerung genö⸗ thigt geweſen wäre, daß Chriſtus als Menſch im Stande ſeiner Erniedrigung auf Erden wirklich aller Orten zugegen geweſen ſei und an der Weltregierung Theil genommen habe, wie er nach ſeiner göttlichen Natur allerdings Theil daran hatte. Freilich iſt die menſchliche Natur gleich von Mutterleibe an im Beſitz der Majeſtät der Allgegenwart geweſen, d. h. ſie hat die reale Kraft und Fähigkeit gehabt überall gegenwärtig zu ſein, wo es die Perſon des Gott— menſchen wollte; aber der Gebrauch der göttlichen Majeſtät hing in dieſer wie auch in andern Beziehungen von dem freien Willen des Gottmenſchen ab. Während ſeiner Erniedrigung aber wollte der Gottmenſch dieſen Gebrauch nicht machen, er hätte ja ſonſt nicht leiden und ſterben, die Menſchen nicht erlöſen, ſeinem hoheprieſterlichen Amte nicht genügen können; darum ent⸗ äußerte er ſich ſelbſt, enthielt ſich vollſtändig des Gebrauches, außer in einigen Momenten ſeines irdiſchen Lebens, wo er, wie z. B. beim Wunderthun, die innerliche göttliche Majeſtät durch die Unſcheinbarkeit der äußeren Knechtsgeſtalt, die er angenommen hatte, gleichſam hindurchſtrahlen ließ; erſt im Stande der Erhöhung, beim Antritt ſeines königlichen Amtes, tritt ſeine menſchliche Natur in den vollen und allgemeinen Gebrauch der göttlichen Majeſtät ein. Demnach beſteht der Zuſtand der Erniedrigung darin, daß ſich Chriſtus nach ſeiner menſchlichen Natur auf Erden des Gebrauches der ihr zuſtehenden göttlichen Majeſtät— einige Augenblicke abgerechnet— gänzlich enthalten hat.— Die Tübinger dagegen, welche die göttliche Allgegenwart als die Unermeß⸗ lichkeit des göttlichen Weſens in Beziehung auf die Creaturen, alſo als eine weſentliche, ewige und unveränderliche Eigenſchaft auffaßten, konnten ſie nicht vom freien Willen Gottes abhängig machen. Alſo auch nicht vom freien Willen des Gottmenſchen in Beziehung auf ſeine menſchliche Natur. Dieſe iſt mithin auch im Stande der Erniedrigung während des Erdenlebens wirklich überall gegenwärtig geweſen, zu Rom, zu Athen u. ſ. w., während Chriſtus zu Bethlehem in der Krippe lag oder auf Golgatha am Kreuze hing; ſie hat auch immer an der göttlichen Weltregie⸗ rung Theil genommen. Aber alles verborgener Weiſe, weeil ſonſt kein Zuſtand der Ernie⸗ drigung ſtattgefunden hätte, wie denn Chriſtus als Menſch verborgener Weiſe Alles gewußt hat, obgleich er äußerlich Manches nicht wußte. So kamen die Tübinger zu der abenteuerlichen Be⸗ hauptung, um welche ſich allmählich der Streit concentrirte, daß Chriſtus als Menſch auch im Grabe die Welt regiert habe, aber verborgener Weiſe, und ſie ſetzten den Zuſtand der Erniedri⸗ gung bloß in den verborgenen Gebrauch der göttlichen Majeſtät von Seiten der menſchlichen Natur, wodurch ſie freilich den Zuſtand der Erniedrigung wie die darauf folgende Erhöhung zu einem bloßen Spiel mit dem Scheine machten. Wer dieſen Streit als einen unbedeutenden bezeichnen, oder ſeinen Spott darüber ausgießen wollte, wie der Jeſuit Lorenz Forer zu Ingolſtadt in ſeinem bellum ubiquitisticum vetus et novum, oder im„Alten und neuen luther'ſchen Katzenkrieg von der Ubiquität“(1627. 1629) gethan hat: der würde damit wenigſtens kein hiſtoriſches Urtheil abgeben. Wir haben hier die letzte 3— Zuſpitzung des Dogmas vom Gottmenſchen, den letzten Verlauf der Lehrentwickelung, welche auf den allgemeinen Concilien des 4. 5. Jahrhunderts ihren Anfang nimmt. Auch hier ſehen wir wieder das Zuſammentreffen der neſtorianiſirenden Richtung, welche durch allzu ſcharfe Unter⸗ ſcheidung der beiden Naturen in Chriſtus die Einheit der Perſon gefährdet, mit der eutychia⸗ niſirenden, welche um der perſönlichen Einheit willen die beiden Naturen im Gottmenſchen mit einander zu vermiſchen droht. Indem die Tübinger die göttliche Allgegenwart als die Unermeß⸗ lichkeit des göttlichen Weſens auffaßten: ſo liefen ſie durch deren Uebertragung auf die menſchliche Natur in Chriſtus Gefahr, dieſer nicht bloß göttliche Eigenſchaften, ſondern auch göttliches Weſen zu Theil werden zu laſſen, alſo eine Vermiſchung der Naturen anzubahnen und dem Eutychianis⸗ mus zu verfallen. Von dieſem waren ſie auch wohl nicht ganz frei; hatten doch ſchon früher die Gießener dem alten Hafenreffer die Phraſe de deitate Christi pro nobis in sua carne passa et mortua abgewöhnen müſſen! Und wiederum, indem die Gießener den Gebrauch der göttlichen Majeſtät von Seiten der menſchlichen Natur ruhen ließen: ſo konnte es den Anſchein gewinnen, als ob beide Naturen nicht recht zu einander gehörten, eine jede allzuſehr für ſich ihren Weg ginge, als daß nicht die Einheit der Perſon neſtorianiſch gefährdet werden ſollte. Doch haben die Gießener den Vorwurf des Neſtorianismus mit Glück von ſich abzuwehren gewußt, und die Sächſiſche Entſcheidung beſtätigt es ihnen, daß nur ſie den Sinn der Concordienformel richtig getroffen haben. Bei dieſem Streit können wir uns unſers Mentzer's nur freuen. Nicht bloß wegen des endlichen Sieges, ſondern wegen ſeiner Ehrenhaftigkeit, wegen des ſittlichen Charakters, mit dem er uns entgegentritt. Gegen die Calviniſten zu ſtreiten erachtete er nun einmahl ſeines Amtes, zur Theilnahme an einem häuslichen Kriege aber geht er nur mit ſchwerem Herzen. Zu freund⸗ ſchaftlicher Verhandlung und Verſtändigung immer bereit läßt er ſich Jahre lang reizen und necken, ehe er ſich erhebt, der Frieden der Kirche gilt ihm mehr, als ſeine Eigenliebe. Auf alle billigen Vermittlungsverſuche geht er bereitwillig ein, ohne grade ſeinem Rechte weichherzig zu vergeben, und auch in der größten Hitze des Streites bleibt er gemäßigt und gehalten. Zum Schimpfen und Verketzern läßt er ſich nicht herbei, wird er Neſtorianer, Photinianer, Calviniſt, Jeſuit, Muham⸗ medaner u. ſ. w. geſcholten, ſo begnügt er ſich mit der Abwehr und zeigt höchſtens, daß wohl auch er die Gegner mit häretiſchen Namen ſchmücken könnte, wenn er wollte. Er bedarf auch ſolcher Mittel nicht und ſein offenbares geiſtiges Uebergewicht läßt ihn davon abſehen; klar und beſtimmt, ſcharf und gewandt geht er gegen ſeinen Gegner an, ohne ihm einen Schlupfwinkel zu gönnen. Doch verzeihen Sie es einem Theologen, einem Gießener Theologen, daß er Sie ſo lange bei dieſen Dingen aufgehalten hat. Wir eilen weiter. Winckelmann ſtirbt in demſelben Jahre mit Landgraf Ludwig V. 1626. Mentzer 1627. 62 Jahre alt. Kurz vorher war die Verlegung der Univerſität nach Marburg erfolgt, nachdem Landgraf Ludwig V. durch kaiſer⸗ liches Edict die Marburger Verlaſſenſchaft zugeſprochen erhalten hatte. Als aber durch den Weſt⸗ phäliſe mung Theilr Alsf ſtädtiſ und o auch Johe den nur de wählt Georg Landes der Me Noth, Tage Vielen nicht reinen der W geglä dem Latein wegte zurück In dem auch d kryytiſc welche auf rſehen wir charfe Unter⸗ weutychia⸗ menſchen mit bie Unermeß⸗ e menſchliche kliches Weſen Eutychianis⸗ n früher die sua carne Hebrauch der Anſchein Doch haben ßt, und die ormel richtig ß wegen des rs, mit dem 4 nes Amtes, Zu freund⸗ und necken, alle billigen zu vergeben, m Schimpfen it, Muham⸗ 3, daß wohl „bedarf auch en, klar und blupſwintel Sl Sie ſo a6 er S in demſelben er war die durch kaiſer⸗ Weſt⸗ den U 5 phäliſchen Frieden Marburg aufs Neue an die Caſſel'ſche Linie kam mit der abermaligen Beſtim⸗ mung Heſſiſche Geſammt⸗Univerſität zu werden: ſo wird von dem Landgrafen Georg II. eine Theilung der Univerſitätsgüter vorgezogen und nach einigem Schwanken zwiſchen den Stadten Alsfeld, Grünberg, Darmſtadt und Gießen wird letztere aufs Neue der Sitz einer Darm⸗ ſtädtiſchen lutherſchen Landes⸗Univerſität. Neue Männer ſind indeß in die Facultät eingetreten und auch wieder abgetreten: Johann Steuber, der 1643 ſtarb, der Frieſe Neno Hanneken, auch ein Schwiegerſohn Mentzer's, der 1646 nach Lübeck zog und dort Superintendent wurde, Johann Heinrich Tonſor, der den Ueberzug nach Gießen nicht mehr erlebte, ſondern unter den Vorbereitungen deſſelben ſtarb. Von den alten bekannten und berühmten Namen tritt uns nur der 63jährige Feuerborn entgegen, der zum erſten Rector der reſtaurirten Univerſität ge⸗ wählt wurde, als dieſe am 5. Mai 1650, im Beiſein des Erbprinzen Ludwig und des Prinzen Georg, der Blüthe des heſſiſchen Adels, der Geiſtlichen und Magiſtrate aus den Städten des Landes wieder eingeweiht wurde. Könnte ich dieſe Feier ausführlich ſchildern, welche der Profeſſor der Medicin, Johannes Tack als Augenzeuge uns beſchrieben hat! dieſes Aufathmen nach langer Noth, nach den Drangſalen eines 30jährigen Bruderkrieges, welches wieder die Begehung feſtlicher Tage erlaubte! dieſe Rührung, welche während des Ambroſianiſchen Lobgeſanges in der Kirche Vielen Thränen entlockte, dieſe Begeiſterung, welche in den unzähligen Reden und Gegenreden ſich nicht erſchöpfen konnte und auch in Verſen Beruhigung ſuchte! dieſe ſtolze Freude eine Burg der reinen Lehre, ein Bollwerk wider Ketzereien und einen lebendigen, nimmer verſiegenden Bronnen der Wiſſenſchaft wieder im Lande zu haben! Wie mag der innerliche Jubel auf den Geſichtern geglänzt haben, als unter fröhlichem Hörnerklang die feſtlichen Züge zwiſchen dem Gotteshauſe und dem collegium Ludovicianum hin⸗ und wieder gingen! Selbſt bei dem Leſen des unerquicklichen Lateins, in welchem der alte Tack uns Alles ſchildert, meint man das Schlagen ſeines frohbe— wegten Herzens zu ſpüren! Er war freilich auch unter den Glücklichen, denen zu Ehren des Tages der Doctorhut als Zeichen der wiſſenſchaftlichen Freiheit aufgeſetzt, und der goldene Ring als Zeichen der Vermählung mit der Wiſſenſchaft angeſteckt wurde! Doch hinweg über dieſe Bilder, damit wir nicht zu Vergleichungen veranlaßt werden und zurück zu unſern Theologen. An der Spitze ſtand Juſtus Feuerborn, der eifrige Disputator. In den dogmatiſchen Kämpfen, welche die damalige Zeit bewegten, ſoll er wie dem Namen, ſo auch der That nach ein fons igneus geweſen ſein; aber trotz ſeiner lebhaften Betheiligung am kryptiſchen Streit hat er ſich doch nicht, ſoweit ich wenigſtens geſehen habe, zum Verketzern ſeiner Tübinger Gegner fortreißen laſſen, obgleich er ihnen ſcharf zuſetzte mit den Waffen einer faſt über⸗ ſpitzndigen Scholaſtik. Als 164 ½¼, die Caſſel'ſchen Wechſelſchriften erſchienen waren, ſoll er bei deren Widerlegung,— die im Jahre 1636 und als die Caſſeler zehn Jahre lang keine Antwort darauf gegeben hatten, 1647 noch einmahl in ausführlicherer Weiſe erfolgte,— die Feder geführt, und dabei einen in neueſter Zeit wieder aufgegriffenen Streitpunct erörtert haben, nämlich daß eine Vereinigung zwiſchen Lutheranern und Reformirten wegen der fundamentalen Verſchiedenheit in der 2 10 Religion nicht möglich ſei, und ſodann, daß nicht der reformirten, ſondern der luther'ſchen Religion die zeitliche Priorität mit dem daraus fließenden Rechte auch im Caſſel'ſchen Gebiete zukomme. Jetzt war der unermüdliche Streiter alt und auch wohl ſchwach geworden, aber neben ihn trat ſofort eine jüngere Kraft, der Butzbacher Peter Haberkorn, an den die Orthodoxen ſpäterer Zeit noch mit wehmüthiger Sehnſucht dachten, bei deſſen Tode der bekannte Wittenberger Klopffechter Abraham Calovius ſeinen lessus Haberkornianus dichtete und darin den Mann als den maximus theologorum de ecclesia tum Ilassiaca tum universa praeclarissime meritus, als das lumen und columen academiae Gissensis zwar avena rudi, aber animo sincero et moestissimo feierte ein Trauergedicht übrigens, in welchem ſich die Wuth gegen die Helm— ſtädter mindeſtens ebenſo ſehr Luft zu machen ſuchte, als die Trauer um den verlorenen Streit⸗ genoſſen, wenn gleich ſich Kalow dabei als die ſchweſterliche Taube anſtellte, die nun in der Ein⸗ ſamkeit ſeufze. Es mag höchſt unvorſichtig erſcheinen, Haberkorn mit Kalo w's Empfehlung auftreten zu laſſen, wenn man nicht die Abſicht hat, ihn gleich Anfangs in ein ſchlimmes Licht zu ſtellen. Allein der Mann kann ſich ſonſt ſchon ſehen laſſen, nur muß man nicht von ihm verlangen, daß er der Theologie zu neuen Bildungen und Entwickelungen verholfen haben ſoll. Die Zeit zu dergleichen war für unſere theologiſche Facultät vorüber; dieſe trat nunmehr in die Periode des zähen, ſtill⸗ ſtehenden, nur in der Abwehr thätigen Conſervativismus, welcher ſich recht gut mit Meno Hanne⸗ ken's Leibſpruch: a trita via recedere perie ulosum charakteriſiren läßt und bis gegen Ende des laufenden Jahrbhunderts herrſchend bleibt. Es iſt ein Conſervativismus, welcher ſich ſchlechterdings nicht zu Transactionen herbeiläßt, nicht mit dem Franciskaner Chriſtoph Rojas Spinola, Biſchof von Thina, welcher 1683 wie es ſcheint ohne höhere Autoriſation zur Betreibung der kirchlichen Vereinigung zwiſchen Proteſtanten und Katholiken eine Rundreiſe durch das proteſtantiſche Deutſch⸗ land machte und dabei zehn Friedensvorſchläge mit ſo liberalen Anerbietungen vorlegte, wie ſie den Proteſtanten ſchwerlich zu irgend einer Zeit gemacht worden ſind, noch weniger mit den refor⸗ mirten Irenikern Johannes Duräus(Dury) und Johannes Melletus, deren an die Facultät eingeſendeten Tractate de coneilianda inter Partes dissidentes pace ecclesiastica (1671. 72) unbeantwortet zu den Acten gelegt wurden, am allerwenigſten aber mit den Helm⸗ ſtädtern und Synkretiſten, welche wie treuloſe Verräther in einer belagerten Stadt am meiſten gehaßt wurden Auch Haberkorn war weniger zur Eroberung, als zur Vertheidigung gemacht, aber für dieſe wußte der im Uebrigen recht trockene und hölzerne Mann die vorhandenen Hilfsmittel ebenſo geſchickt und gewandt zu benutzen, als er zäh und ausdauernd war im Streite. Obgleich er die Calviniſten keineswegs vergaß und aus den Augen ließ: ſo ſcheint er doch ſeinen katholiſchen Gegnern ein größeres Maß von Aufmerkſamkeit geſchenkt zu haben. Mit Kapuzinern und Jeſuiten hatte er unendlich viel zu ſchaffen. Bald mußte er wider die päpſtliche Meſſe ſtreiten, bald die Rechtmäßigkeit des luther'ſchen Predigtamtes vertheidigen; bald hatte er den Satz abzuweiſen, daß die kat ſpruche klaren er ſich Japſt Ausle nur je Sat ſei,- Uinan vor Li 1böln Dieſer genſcha Verdru gebrach als de geben, einige auf B Geor Dies einige geſpra heſſiſch reſulta en Religion te zukomme. nat ſofort päterer Jeit r Klopffechter als den tus. als ero et die Helm⸗ renen Streit⸗ in der Ein⸗ auftreten zu .Allein „daß er der dergleichen hen, ſtill⸗ o Hanne⸗ an Lnde d Ende d nbe es terdings nicht „Biſchof der kirchlichen ſche Deutſch⸗ deren „ wie ſie t den refor⸗ an die jastica den Helm⸗ am meiſten bhe b cht aber chl/ für ttel ebenſo —baleich er die 2n katholiſchen d Jeſuiten bald die uweiſen/ zuw daß 11 die katholiſche Kirche vorläufig im Beſitze der Wahrheit ſei und das Recht darauf ſo lange bean⸗ ſpruchen könne, bis die Proteſtanten als Opponenten ihnen die Unrechtmäßigkeit des Beſitzes mit klaren Schriftſtellen direct, ohne Folgerungen zu Hilfe zu nehmen, erweiſen würden, bald mußte er ſich der Behauptung widerſetzen, daß man ſich ſchlechterdings auf die Autorität der unter dem Papſt ſtehenden Kirche zu verlaſſen habe, um den wahren Sinn der h. Schrift zu erkennen, weil zur Auslegung der letzteren die Erleuchtung durch den heiligen Geiſt nothwendig ſei, der Geiſt aber nur jener Kirche beiſtehe, von welcher der Papſt das Haupt ſei; dann hatte er auch wieder den Satz der Lutheraner, daß ihre Kirche nicht neu, ſondern die alte und urſprüngliche Kirche Chriſti ſei, gegen den Jeſuiten Forer in Schutz zu nehmen, der in ſeiner Spottſchrift ovum ante gal- linam die höhnende Frage der Gebrüder Walenburg wiederholt hatte, wo denn die wahre Kirche vor Luther geweſen ſei. Am tiefſten war er wohl mit katholiſchen Gegnern verwickelt, als es ſich 1651 um die Convertirung des reformirten Landgrafen Ernſt von Heſſen⸗Rheinfels handelte. Dieſer war 1648 von dem kaiſerlichen General Lamboy gefangen genommen und in der Gefan⸗ genſchaft mit Jeſuiten bekannt geworden. Die Bedenklichkeiten, welche ihm dieſe beibrachten, der Verdruß über die Streitigkeiten in den proteſtantiſchen Kirchen mögen in ihm den Entſchluß zur Reife gebracht haben, zum Katholicismus überzugehen. Der Uebertritt war ſchon eine beſchloſſene Sache, als der Landgraf, um ſich den Schein reiflicher Ueberlegung und wohlerwogener Ueberzeugung zu geben, ein öffentliches Religionsgeſpräch zu veranſtalten beſchloß. Von katholiſcher Seite waren einige Kapuziner dazu auserſehen, unter denen Valerianus Magnus aus Mailand, der auf Bekehrungen in Deutſchland reiſte, der Wortführer war; von protſſtantiſcher Seite ſollten Georg Calixt von Helmſtädt, Crocius von Marburg und unſer Haberkorn eintreten. Dies öffentliche Religionsgeſpräch kam nicht zu Stande, weil man ſich über die Bedingungen nicht einigen konnte; dagegen fand im December 1651 zu Rheinfels vor dem Landgrafen ein Privat⸗ geſpräch zwiſchen drei Kapuzinern und drei von Landgraf Georg II. mit Inſtructionen verſehenen heſſiſchen Theologen Statt, unter denen Haberkorn der Sprecher war, indem ihm Balth aſar Mentzer II. und der Inſpector Happel aus Alsfeld, letzterer beſonders als Protokollführer, zur Seite ſtanden. Neben den Geſprächen, an denen ſich auch einmahl Jeſuiten von Mainz, P. Cornäus an der Spitze betheiligten, aber bald wieder das Feld räumten, gingen ſchriftliche Verhandlungen her, die zuletzt in einen öffentlichen Schriftenwechſel ausliefen, als das Geſpräch reſultatlos abgebrochen wurde, weil Valerian, anſtatt bei der Sache zu bleiben, zu Verdäch⸗ tigungen des moraliſchen Charakters Luthers überging und vom Landgrafen nicht zur Ordnung gewieſen wurde. Fruchtlos waren die Verhandlungen, die ſpäterhin(1653) noch einmahl in einem Geſpräch mit dem Jeſuiten Roſenthal erneuert wurden, bei dem Landgrafen, indem dieſer gleich nach dem Rhein⸗ felſer Geſpräch nach Cöln reiſte, um dort den Uebertritt zu vollziehen; dagegen blieben ſie nicht ohne Eindruck auf Valerianus Magnus ſelbſt, der ſich in der Folge zu Conceſſionen verleiten ließ, die ihm arge Beſeindungen von Seiten der Jeſuiten zuzogen. Würdig und anſtändig, freimüthig und feſt zeigt ſich Haberkorn bei dieſer ganzen Angelegenheit, ſo daß er ſich nicht bloß das 2* 12 zweifelhafte Lob eines strenuus disputator verdient, welcher den einmahl aufgeſtellten Streitpunct mit eiſerner Hartnäckigkeit ſeſthält, ohne ſich durch die Kreuz- und Querſprünge des Gegners ver⸗ locken zu laſſen. Hätte er ſich doch bei den ſynkretiſtiſchen Streitigkeiten grade ebenſo gegeben! Daß die Facultät unter ſeiner Führung an dieſen Händeln nicht unbetheiligt geblieben ſein werde, läßt ſich erwarten. Doch tritt dieſe Theilnahme nicht ſehr bedeutend hervor und verſchwindet faſt ganz neben der Alles verdunkelnden Betriebſamkeit der Wittenberger Theologen. Haberkorn ſelbſt ſchrieb im Namen der Facultät ſeinen Anti-Syncretismus, der ihn in einem ſehr unliebens⸗ würdigen Lichte zeigt. Denn in der Vorrede zeigt er,„es ſey der Syncretismus quoad originem ex instinctu et invitatione Diaboli erregt worden, deßen principium der Teufel ſelbſt ſey und habe ſein inventum dargereicht idololatris in deserto, Baalitis, Samaritanis, Pseudoapostolis pharisaizantibus“, und weiter hin im Buche ſelbſt ſagt er:„wie zwiſchen Christo und Belial, Licht und Finſternus, Weiß und Schwartz, Warheit und Lügen kein 00 ονα, Fried und Ein⸗ trächtigkeit ſey, ſo were auch kein geiſtlicher Friede, Einigkeit und a0rxεαε εεια zwiſchen Lutheri⸗ ſcher und Calviniſcher Lehr“; dieſe ſei„horribilis amtstia, infidelitas, idololatria abomina- bilis et scortatio spiritualis“, weil in ihr„nicht dem wahren Gotte, ſondern eigner Vernunfft, ja dem Teuffel als einem Abgott gedienet werde.“ Nach ſolchen Leiſtungen war freilich der lessus von Kalow ganz an ſeiner Stelle! Gleichwohl wurde in den Jahren 1669—71, als der con- sensus repetitus gedruckt und in Folge deſſen der Streit zwiſchen dem jüngern Calixt und dem Wittenberger Agidius Strauch in den empörendſten Formen wieder erneuert worden war, von Seiten des Landgrafen Ludwig VI. und des Herzogs Ernſt von Sachſen⸗Gotha mit unſerer Facultät ſehr lebhaft über die Beilegung der ſynkretiſtiſchen Streitigkeit berathen und verhandelt; ein Beweis, daß ſie immer noch Achtung und Vertrauen in hohem Grade genoß, wie ſie denn auch ſpäterhin in den Jahren 1678. 79, als die Wittenberger Theologen Kalow und Johann Meisner über chriſtologiſche Fragen in Mißhelligkeiten mit einander gerathen waren, ſowohl von der Wittenberger Facultät wie vom Sächſiſchen Oberconſiſtorium, wie auch von Meisner ſelbſt um ihr Reſponſum angegangen wurde. Haberkorn ſtarb 1676. Neben ihm wirkten in der Facultät außer Balthaſar Mentzer II., der aber noch in dem Jahre ſeiner Anſtellung(1657) von Landgraf Georg II. als Hofprediger nach Darmſtadt berufen wurde, Johann Nicolaus Misler 1652—83, ſeit 1658 der Kirchen⸗ hiſtoriker Michael Siricius aus Lübeck, der jedoch 1670 einem Rufe des Herzogs Adolph von Mecklenburg als Hoſprediger nach Güſtrow folgte, worauf Philipp Ludwig Hanneken, der Sohn Meno Hanneken's in ſeine Stelle einrückte. Ein Jahr vor Haberkorn's Tode trat der philoſophiſch gebildete Kilian Rudrauff ein(1675— 90), ſowie im Jahre 1681 der Pommer David Chriſtiani, der früher ſchon einmahl als Profeſſor der Mathematik und außer⸗ ordentlicher Profeſſor der Theologie der Univerſität angehört hatte. Bemerkenswerth iſt, daß Letz⸗ terer im Jahre 1686 der Facultät den Zorn des großen Kurfürſten Friedrich Wilhelm von Brandenburg zuzog. Er hatte in einer Doctoralabhandlung de syncretismo profligato die Lud zwar widr time ſchull teten ſchrif nicht die Rich deſſe Frel aber einen anzur Hofpie 13 von einem Waldeckiſchen Geiſtlichen Johann Colner unter ſeinem Präſidium vertheidigt wurde, nicht nur Läſterungen gegen die reformirte Confeſſion überhaupt, ſondern auch gegen den Kurfürſten insbeſondere durchgehen laſſen, in denen namentlich geſagt wurde, derſelbe habe einen ebenſo tyran⸗ niſchen und gewaltſamen Proceß wider die Rechtgläubigen in der Mark Brandenburg verhängt, wie die Päpſtler in Ungarn thäten. Der Kurfürſt nahm die Sache ſehr ernſt, und drang bei der Landgräfin Eliſabeth Dorothea, einer Tochter Ernſt des Frommen in Gotha, welche als Wittwe des Landgrafen Ludwig VI. für ihren unmündigen Sohn, den Landgrafen Ernſt Ludwig die Regentſchaft führte, auf eine ernſte und öffentliche Beſtrafung der Facultät, und zwar ſolchergeſtalt, daß er ein Genüge daran haben könne, auch auf die Confiscation des scriptum, widrigenfalls er es durch den Henker verbrennen und auch ſonſt der Facultät ſein gerechtes ressen- timent ſpüren laſſen werde. Wie ſehr ſich auch die Facultät und beſonders Chriſtiani ent⸗ ſchuldigte, es ſeien die betreffenden Stellen ohne ſein Vorwiſſen hineingeſetzt worden, die behaup⸗ teten Thatſachen ſeien wahr, es fehle der animus iniuriandi, eine Privatſchrift ſei keine Facultäts⸗ ſchrift, früher und anderwärts ſeien dieſelben und noch ſchlimmere Dinge geſagt worden: es half nichts, die Landgräfin fand die Entſchuldigungen unzureichend und Chriſtiani mußte wenigſtens die Strafe einer mehrmonatlichen Suſpenſion tragen. Alſo noch immer der alte Haß gegen die reformirten Brüder, noch immer die verbitterte Abneigung gegen Alles, was wie eine Vereinigung mit ihnen, was wie Synkretismus ausſah! Aber bereits war eine neue Zeit für unſere Facultät im Anzuge, eine neue Periode ihrer Geſchichte — ein Glück für ſie, ſonſt wäre ſie geſtorben, nachdem ſich die Productionskraft in der alten Richtung ſchon längſt erſchöpft und lange ſtillgeſtanden hatte. Es kam die Zeit des Pietismus, deſſen Herannahen wir ſchon in Michael Siricius, noch mehr in Kilian Rudrauff, dem Freunde Spener's, ſpüren. Schon einmahl war er im Lande aufgetaucht— in Darmſtadt, aber durch ein Landgräfliches Edict vom 26. Jan. 1678 niedergeſchlagen worden, indem der Hof⸗ prediger Balthaſar Mentzer II. ſeinen ganzen Einfluß gegen ihn aufbot. Was half es? Auch die Fürſtenhöfe ſind keine einſamen Inſeln, welche außerhalb der Strömungen der Zeiten liegen und neuen Richtungen verſchloſſen bleiben; die Landgräfin Eliſabeth Dorothea, welche nach Ludwig's VII. ſchnellem Tode die vormundſchaftliche Regierung führte, der Landgraf Ernſt Ludwig ſelbſt mit ſeiner Gemahlin waren der neuen Richtung freundlich zugewandt, welche mehr Wahrheit und Freiheit in die Kirche zu bringen verhieß. Unter ihrem Schutz gewann der Pietis⸗ mus feſten Boden zunächſt bei der Landes⸗Univerſität, als er nach dem Tode des Orientaliſten David Clodius(1687) und nach dem Weggange Abraham Hinckelmann's, des erſten glücklichen Koranherausgebers(1689), durch die Berufung des Badenſers Johann Heinrich Mai, des weitberühmten Kenners der orientaliſchen Sprachen, ein ausgezeichnetes Werkzeug erhalten hatte. Vergebens tobte Hanneken— ein damals weit verbreitetes Gerücht ſagte, er habe einmahl einen von dem Ketzer Mai bekehrten Juden nicht taufen wollen und als jener bat kein Aergerniß anzurichten, mit dem Stocke nach ihm geſchlagen—; alle ſeine Anſtrengungen konnten es nicht 14 hindern, daß nach einer commiſſariſchen Unterſuchung das Abhalten der collegia pietatis erlaubt und Jemand des Pietismus zu verdächtigen verboten wurde, indem Niemand irriger Lehre ver⸗ dächtig und ungeziemender Neuerung ſchuldig befunden worden ſei. Hanneken ging 1693 im Zorn nach Wittenberg, und als im Jahre 1695 die Anklage wegen pietiſtiſcher Richtung erneuert wurde, ſo prallte der abgeſchoſſene Pfeil auf die antipietiſtiſchen Ankläger zurück; die Pro⸗ feſſoren der Philoſophie Balthaſar Mentzer III. und Philipp Caſimir Schloſſer wurden entlaſſen, Heinrich Phaſianus und Gregor Nitzſch auf einige Monate ſuſpendirt. Für die luther'ſche Kirche iſt das Auſtreten und der Einfluß des Pietismus ſehr bedeutungs⸗ voll und folgenreich geworden. Denn das dürfte ſich bei fortgehender Vergleichung immer deut— licher herausſtellen, daß, ſo ängſtlich er ſich auch den Anſpruch auf Orthodoxie zu wahren ſucht und ſich hütet voreilige Unions-Neigungen kund zu geben, daß doch mit ihm und durch ihn das Eindringen reformirter Elemente in die luther'ſche Kirche beginnt; ferner daß durch ihn und die an ihn ſich anknüpfende Entwickelung die ſoeben noch in den ſynkretiſtiſchen Streitigkeiten mit großer Heftigkeit zurückgewieſene Union mit den Reformirten ſich anbahnt und immer mehr voll⸗ zieht, unmerklich, geräuſchlos, langſam, aber ſicher, ſo daß dieſe Union nicht als eine willkürliche Erfindung unpraktiſcher Köpfe verdächtigt werden darf, ſondern als ein Gedanke angeſehen werden muß, der durch eine lange geſchichtliche Entwickelung ſich hindurchſchlingt und durch ſie uns auf⸗ genöthigt worden iſt. Wunderbares Walten! Das reine Lutherthum, das durch die Stiftung unſerer Univerſität für alle Zeiten gewahrt und geſichert ſein ſollte, mußte endlich eine Verſchmel⸗ zung mit der Richtung eingehen, vor welcher es ſich hierher nach Gießen gerettet hatte! ſo wenig fragt unſer Herr Gott, oder wenn man das lieber hört, die vorwärts treibende Macht der Ge⸗ ſchichte auf dem Gebiete des ſittlichen und religöſen Lebens nach alten Statuten, nach verbrieften Rechten! Und Mai blieb nicht allein, neben ihm und nach ihm traten ſolche ein, die auch ſeines Geiſtes Kinder waren, ja die Principien zu noch weiter führenden Richtungen in ſich trugen. Wir nennen nur aus der nächſten Zeit Johann Chriſtoph Bielenfeld, Johann Ernſt Ger⸗ hard und ihn vor allen, den trefflichen Johann Jacob Rambach. Freilich es kam auch wieder einmahl ein Benner, dieſer eitle und ehrbedürftige Mann, welcher in unſerm Dekanats⸗ buche nicht bloß wilde Diſtichen gegen Carl Friedrich Bahrdt und gegen den famosus Vol- taerius verewigt, ſondern auch der Nachwelt die Verſicherung gegeben hat, daß er mit den von ſeinem Collegen Bechtold in einer Doctoraldiſſertation de praescientia divina futurorum con- tingentium vorgetragenen Anſichten weder übereinſtimme noch jemals übereinſtimmen werde! Mochte er ſich noch ſo ſehr als der Hort der Orthodoxie gebärden, er konnte doch damit weder ſich ein glorreiches Andenken ſichern, noch das Vorwärtsdrängende in ſeine alten Formen zurückdrängen. Und das wird ja auch nie gelingen; gelänge es aber, die Theologie wieder auf den alten Punct zu ſtellen, nun ſo würde ſie den ſchon einmahl zurückgelegten Entwickelungsgang wiederholen müſſen und ein Jahrhundert verloren haben. Doch vor dieſer Gefahr bewahrt ſie der akademiſche Bund der⸗ Glier ſuche Füll faſer Blü mit wac ein gege ſcha Zei And ſteck zu heic brin beden in d Gem wied geit ohne = 15 der Wiſſenſchaften und die davon nicht zu trennende Nothwendigkeit, daß ſie ſich immer als ein Glied in dem Organismus der Wiſſenſchaften denken und ihre Uebereinſtimmung mit demſelben ſuchen muß; es bewahrt ſie die Weisheit erleuchteter Fürſten, welche dem akademiſchen Leben ſeine Fülle und Mannichfaltigkeit laſſen und es nicht nach dem Rathe beſchränkter Praktiker auseinander faſern und aufdröſeln. Darum hat grade auch der rechte Theolog eine Herzensfreude an dem Blühen der Univerſitäten und er findet auch in ſeinem wiſſenſchaftlichen Bedürfniß einen Grund mit dankbarem Gemüthe der Fürſten zu gedenken, welche den Baum der Viſeenſchaft fröhlich wachſen und ſich nach allen Seiten hin verzweigen laſſen, ohne allzuſehr an ihm zu ſchneiden, in der Meinung die wilden Schößlinge und Waſſerreiſer zu vertilgen. Aber alle Freude würde bald erheblich gedämpft werden, wenn nicht auch Sie, geehrte Herren Commilitonen! zur Erhaltung und zum Gedeihen des akademiſchen Lebens dadurch beitragen wollten, daß ſie nicht den Geiſt der Wiſſenſchaft betrüben, ſondern ſichſ von ihm erfüllen laſſen— denn aus Ihnen ſollen die kommen, welche beſtimmt ſind einmahl die von uns verlaſſenen Katheder einzunehmen. Wenn in alter Zeit ein Doctor creirt wurde, ſo wurde ihm ein erſt geöffnetes und dann geſchloſſenes Buch in die Hand gegeben, zum Zeichen, daß er Tag und Nacht aus Büchern lernen, aber auch nach der wiſſen⸗ ſchaftlichen Unabhängigkeit von ihnen ſtreben ſolle; es wurde ihm der Doctorhut aufgeſetzt, zum Zeichen, daß er in der Wiſeenſchaft ein freier Mann ſei, deſſen Erkenntniß nicht den Winken Anderer folge, noch fremder Begierde ſich dienſtbar mache; es wurde ihm der goldene Ring ange⸗ ſteckt und der Kuß gegeben, mit welchem er ſeiner Wiſſenſchaft verlobt wurde, um ihr zugethan zu bleiben in unwandelbarer Treue; es traten vor ihn Knaben mit angezündeten Fackeln, zum Zeichen, daß er in liebevoller und lauterer Geſinnung das Licht der Wiſeenſchaft in die Finſterniß bringen ſolle. Meinen Sie, m. H. das gehe nur die Doctoren an? Nein,—in dieſen ſinnigen bedeutungsvollen Symbolen iſt der Geiſt ächter Wiſſenſchaftlichkeit charakteriſirt, wie er allerdings in den Doctoranden am deutlichſten ſich zu erkennen geben, aber zugleich in der ganzen akademiſchen Gemeinde leben muß, wenn der Beſtand der Univerſitäten und das Gedeihen der Wiſſenſchaft wieder eine Generation weiter verbürgt ſein ſoll. Darum ſei jener Geiſt auch unter uns zu aller Zeit lebendig, dann, meine jungen Freunde! können auch die Alten in Ihr Gaudeamus einſtimmen, ohne in ihrer Freude geſtört zu werden durch die Zeile: nos habebit humus! Ich habe geſprochen. Das Coilour& Grey Sortrol Chart Blue Cyan Green vellow Hed Magenta Wnite Grey 1 Grey 2 Grèey 3 Grey 4 Black 3 4 3 —— — zZur Feier des hohen Geburtsfeſtes Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs LüDG lIll. am 9. Juni 1858 gehalten —— nan Nem MNortar Nor luNaiaA.E424 Ann! Oem 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 2 Gießen 1858. Druck der G. D. Brüh l'ſchen Univerſitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei.