A 56500 851 I 10 912 539 Ein Beitrag geſchichte der Hochſchule zu Giehen. Akademiſche Feſtrede zur Feier des hohen Geburtsfeſtes Seiner Röniglichen Hoheit des großherzogs TIDIGS II. am 9. Juni 1866 gehalten von dem Kector der Landes-Ainiverſität Dr. Hermann Hoffmann, ordentlichem Profeſſor der Botanik. —AAs— — X△₰ Gießen 1866. Brühl'ſche Univerſitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei(Fr. Chr. Pietſch]. — — = S A2 — 2u IOTHER BIBI. Hochanſehnliche Verſammlung! Motto: Menſch ſein heißt Kämpfer ſein. Der frohe Tag iſt wiedergekehrt, an dem wir das Geburtsfeſt unſeres hohen Beſchützers und gnädigen Fürſten feiern, Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs Ludwigs III., der noch lange Zeit Segen ſpendend unſerer Ludoviciana und unſerem engeren Vaterlande erhalten bleiben möge. Wenn wir nicht umhin können, mit Freude und innerer Befriedigung der ſtets ſich er⸗ neuernden Gnade unſeres Fürſten und Herrn für unſere Univerſität zu gedenken, ſo mögen wir dann auch weiter um uns blicken, und uns freuen, unter hochgeſitteten Menſchen zu leben, welche unter ſeinem milden Scepter vereinigt ſind, und in einer Zeit raſch wachſender Bildung; und gerne nehmen wir die Gelegenheit wahr, dieſen Gefühlen lauten Ausdruck zu geben. Unſere Hochſchule insbeſondere hat doppelt und dreifach Urſache, mit Dank und Vertrauen aufzublicken zu ihrem Fürſten, wenn ſie erwägt, wie in dem gleichen Sinne von deſſen hohen Vorgängern, den Gründern und Erhaltern dieſer uns theuren Anſtalt, ununterbrochen in längſt⸗ vergangener Zeit, wie auf den heutigen Tag, tauſendfältige gnädige Fürſorge getroffen wurde. Geſtatten Sie mir, der ich das Glück habe, ſchon längere Zeit dieſer Anſtalt anzugehören, der ich meine Studien vor nun 29 Jahren gerade auf dieſer ſelben Hochſchule begonnen habe, einige Worte der Erinnerung an die Wandlungen und Erlebniſſe der letzten Jahrzehnde, großen⸗ theils nach eigener Anſchauung und Auffaſſung. Es ſcheint mir eine ſolche Betrachtung nicht nur des heutigen feſtlichen Tages würdig, ſondern auch getragen von der ganzen augenblicklichen Lage. Ringsum von den Wänden ſchauen die ehrwürdigen Bilder unſerer Vorgänger aus der Vergangenheit auf uns nieder, um ihre längſt verſtorbenen edlen Fürſten vereinigt; ſie mahnen uns, eingedenk zu ſein, daß„alles Bedeutende was auf Erden geſchieht, ſich an das warme Bewußtſein einer lebensvollen Vergangenheit anlehnt.“ Umgeben von dieſem Kreiſe der Vergan⸗ 1* 4 genheit ſehe ich vor mir in friſchem Leben die Akademiker der Gegenwart und die Freunde unſerer Anſtalt in würdigem Kranze, die Einen die Träger der wiſſenſchaftlichen Thätigkeit, Lehrer und Lernende; die Anderen meiſt ehemalige dankbare Schüler der Ludoviciana. Und ſo wird mir damit der Schritt in meiner Betrachtung von der Vergangenheit in die lebendige Gegenwart mitten hinein erleichtert und angebahnt. Denn auch dieſer will ich mich zuwenden, da dieß des Nütz⸗ lichen und auch wohl Erfreulichen gar Mancherlei bietet; ſehen wir doch daran, wie ſelbſt das Schwierige, wenn es mit unermüdlicher Ausdauer angeſtrebt wird, zuletzt erreicht werden kann; und finden wir doch in einer ſolchen Betrachtung die Garantien, daß es für unſere Univerſität auch noch eine ſchöne und hoffnungsreiche Zukunft gibt. Daß ich mich dabei als Naturforſcher vorzugsweiſe mit dieſer Seite befaſſe, werden Sie als ſelbſtverſtändlich gewiß nur billigen. Ich habe im Laufe meines Lebens gar mancher Herren Länder geſehen und das Treiben ſehr verſchiedener Völker Europas in der Nähe zu beobachten Gelegenheit gehabt. Es mag ein erhebendes Gefühl ſein, einem großen, mächtigen, in ſich einigen Staate anzugehören, wie Eng⸗ land oder Frankreich. Uns iſt dieß verſagt, und damit mancher Vortheil, z. B. der Schutz, den die Angehörigen jener Länder im Auslande genießen, und den wir leider oft vermiſſen, wovon ich aus eigenen Erfahrungen auf weiteren Reiſen in voreiſenbahnlichen Zeiten zu erzählen wüßte. Aber Eines haben wir vor Jenen voraus, es iſt die Möglichkeit einer vollſtändig freien Entwickelung der Individualität, was dort unmöglich iſt, weil alle größeren Reiche, in Folge eines gewiſſen angenommenen oder erworbenen Nationalcharakters, eine Einſeitigkeit der Einzelnen veranlaſſen, welche oft bis an das Lächerliche ſtreifen kann und der individuellen Be⸗ wegung in vielen Richtungen eine Schranke entgegenſetzt, die uns unbekannt iſt, ſei es in Dingen des öffentlichen Cultus und der äußeren Moral und Sitte, wie in England; oder bezüglich einer übertriebenen Nationaleitelkeit, wie in Frankreich; oder bezüglich der läſtigen Präponderanz einzelner Stände, wie in unſerer nächſten Nähe. Wir erfreuen uns in unſerem engeren Vater⸗ lande eines gewiſſen harmoniſchen Maßes der Intelligenz, der humanen Toleranz und der per⸗ ſönlichen Billigkeit. Chriſten und Juden, Proteſtanten und Katholiken, Männer der Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt, Beamte, Induſtrielle, Bürger⸗ und Bauernſtand verkehren mit einander in einer im Großen und Ganzen würdigen und natürlichen, auf gegenſeitige Achtung gegründeten Weiſe; keiner macht mit Erfolg den Verſuch, tonangebend und prädominirend zu ſein; und dieß i*ſt ein ſchöner und edler Charakterzug und beweiſt einen inneren Bildungsgrad, den der Fremde nach den ſchlichten und anſpruchsloſen äußeren Formen kaum erwarten möchte. D'rum, wenn auch am heſſiſchen Himmel, wie an jedem anderen, mitunter Wolken aufſteigen und ſchwere Gewitter ſich entladen, ſo iſt doch noch kein bleibender Mehlthau in die Geiſtesblüthe unſeres Volkes gefallen, und es ſtellt ſich, um meteorologiſch weiter zu reden, als Reſultat vieljähriger Beobachtung eine milde und gedeihliche Mitteltemperatur und ein hoher geiſtiger Barometerſtand in unſerem Lande heraus. Darum— hoch unſer altes, wackeres Heſſenland! Als ich im Jahre 1837 die hieſige Univerſität bezog, begann dieſelbe eben ſich langſam aus tiefer Kümmerniß emporzuarbeiten. Die Zahl der Studenten, welche im Jahre 1829 nicht weniger als 558 betrug, war auf 290 geſunken; der tiefſte Stand, welcher mir überhaupt 5 (ſeit 1823) bekannt geworden iſt*). Worin die Urſache dieſer Abnahme in der Frequenz lag, iſt mir nicht genügend klar; doch iſt es wahrſcheinlich, daß das Bedürfniß an Beamten gedeckt war. Wenn man erwägt, daß im Jahre 1829 247 Juriſten und 114 Theologen hier ſtudirten (jetzt 65 und 56), ſo wird man dieſe auffallend große Zahl wohl auf die durch die Kriegszeiten entſtandenen Lücken zurückführen können, wodurch ungewöhnlich zahlreicher Zudrang veranlaßt wurde. So würde ſich denen jener niederſte Stand als Folge der Ueberfüllung von ſelbſt ver⸗ ſtehen. Auf der andern Seite mag auch der unerträgliche Zwang, welcher in Folge der Carls⸗ bader Beſchlüſſe zu meiner Zeit in voller Blüthe war und wie ein Alp auf dem Univerſitäts⸗ leben laſtete, viele Jünglinge von der akademiſchen Laufbahn fern gehalten haben, zumal die nicht geringe Zahl derjenigen, welchen ein heiteres Studentenleben ſelbſt Zweck und Ziel des Univerſitätsbeſuches iſt. Wie dem ſei, gewiß iſt, daß zu dieſer Zeit ein friſches Geiſtesleben bei uns erwachte, und es knüpft ſich dieſes, für die Naturwiſſenſchaften wenigſtens, vorzugsweiſe an den Namen unſeres großen Landsmannes Liebig. Ihm haben wir es zu danken, daß im Verlauf von wenigen Decennien der Name Gießen in der ganzen weiten Welt, ſoweit noch Cultur reicht, genannt und bekannt wurde, wie London, Paris oder Rom. Um zu verſtehen, was Liebig hier geleiſtet hat, muß man einen Blick in die hieſigen Verhältniſſe während und kurz vor dieſer Zeit werfen. Die Inſtitute waren im höchſten Grade der Dürftigkeit; eine zoologiſche Sammlung— jetzt eine der Hauptzierden unſerer Univerſität— exiſtirte nur dem Namen nach; der Anatomieſaal war zwar nicht mehr, wie kurz vorher, zugleich Fecht⸗ und Tanzſaal**), aber im Uebrigen ſo unzulänglich, als möglich. Das alte chemiſche Laboratorium und Auditorium unter Zimmermann beſtand aus einem kleinen Gartenhäuschen mit einem einzigen Raume, welches vorn im heutigen botaniſchen Garten ſtand. Nach demſelben Styl waren alle übrigen Räumlichkeiten beſchaffen. Faſt ſämmtliche Vorleſungen wurden vor der Eröffnung der neuen Aula(im Jahre 1841) in Privatgebäuden, in düſteren Zimmern der Hinterhäuſer, viele in wahren Spelunken gehalten; die Mathematik z. B., ein damaliges Zwangs⸗ colleg, das Jeder beſuchen mußte, in einem zweifenſterigen dumpfigen Eckzimmer des alten Oeco⸗ nomatsgebäudes, wo Sie es heute noch einſehen können. Als im Jahre 1824 Liebig als außerordentlicher Profeſſor hier angeſtellt wurde, eröffnete er ſein Laboratorium mit zwei Labo⸗ ranten. Der botaniſche Garten hatte eine Maſſe von Pflanzen, aber ganz ohne Plan und Auswahl, auch waren nicht einmal die Namen angeſchrieben. Dem entſprechend waren auch die Lehrmethoden, für uns heute kaum mehr verſtändlich. Das Mikroſkop war ein verachtetes, oder mit Mißtrauen betrachtetes, niemals benutztes Inſtrument; und doch bietet, um nur von„Einem zu reden, dies Inſtrument allein uns die Mittel,„jenes bleiche, widrige Wurmgeſchlecht: die Eingeweidewürmer in unſerem eigenen Leibe, die von unſerem eigenen Blute ſich mäſten, zu er⸗ *) Um 1789 waren angeblich nur 120 Studirende in Gießen.— Die gedruckten Verzeichniſſe beginnen mit 1822. **) Unter Hert war der botaniſche Gärtner zugleich der Aſſiſtent in der Anatomie. 6 kennen und zu bekämpfen.“ Das andere Fundamentalinſtrument der heutigen Naturwiſſen⸗ ſchaft: die chemiſche Waage, begann eben zum erſten Male zu ſchwingen*). Die ganze Methode des Experimentirens war unbekannt. Die Lehrer ſelbſt unzureichend, da man noch nicht den Werth der Specialiſirung erkannt hatte und noch den Polyhiſtor für den wahren Gelehrten hielt. Die Cumulation der Fächer in jener Zeit erſcheint uns heute unbe⸗ greiflich. Ein und derſelbe Mann las zugleich über Anatomie, Phyſiologie des Menſchen, der Thiere und der Pflanzen; vergleichende Anatomie; Zoologie, Botanik; und fand dabei noch Muße, dicke naturphiloſophiſche und ſyſtematiſche Bücher zu ſchreiben, ja er war— im Sinne jener Zeit— ein ſehr berühmter Mann. Wernekinck(geſtorben 1835) war Ordinarius in der philoſophiſchen Fakultät, Extraordinarius in der mediciniſchen und trug zugleich Anatomie, Kry⸗ ſtallkunde und Mineralogie vor. Klauprecht**) docirte gleichzeitig über Mathematik und Forſt⸗ wiſſenſchaft. Privatdocenten exiſtirten eigentlich gar nicht! Und wie hat ſich das Alles geändert! Nicht nur in der Naturwiſſenſchaft, auch in den übrigen Fächern begann ein reges Leben. Ich nenne nur Credner**r) und Knobel*) in der evangeliſchen Theologie, ebenſo treffliche Männer in der katholiſchen; Hillebrand mit ſeinen anregenden philoſophiſchen Vorleſungen und ſeinen anziehenden Vorträgen über deutſche Nationalliteratur; daneben wuchſen plötzlich maſſenweiſe Privatdocenten hervor, da war Carriere, Baur, J. Hillebrand und Andere, an die ich Sie nur zu erinnern brauche. Und nun die Schaar der jungen Männer, die ſich an und um Liebig gruppirten, theils als beginnende Lehrer, wie Kopp, Knapp, Zamminer(ſtarb 1858) Ettling(ſtarb 1856), Dieffenbach(ſtarb 1855) und Einige, die wir noch heute mit Freuden die unſerigen nennen; oder die ſich hier vorbereiteten, um das neue Licht der organi⸗ ſchen Chemie, welches hier aufgegangen war, in alle Weltgegenden verbreiten zu helfen. Zu dem Kreiſe meiner Bekannten gehörten z. B. ein Hindu, zwei Mexikaner, mehrere Ruſſen, Fran⸗ zoſen, Engländer, Italiener, von denen heute noch gar mancher in der Wiſſenſchaft und als Lehrer eine bedeutende Stellung einnimmt. Welch fröhliches Leben in dieſen jugendmuthigen, geiſterfüllten Kreiſen! Welch überſchwängliches Hoffen von dem Evangelium der modernen Chemie, welche mit ihrem wunderbaren Kaliapparate die Welt zu ſtürmen beſtimmt ſchien!. Ganz dem entſprechend entſtand neues Leben in den angrenzenden Fächern. In der Ana— tomie und Phyſiologie wurde durch Biſchof, unterſtützt von Bardeleben, die Hiſtologie und der ganze naturwiſſenſchaftliche Apparat ſammt Mikroſkop, Reagenzglas und Inductionsſtrom eingeführt, und bald erhob ſich das ſtolze und ſchöne Gebäude, welches heute noch denſelben Doctrinen gewidmet iſt. C. Heyer(geſtorben 1856) trat in würdiger Weiſe in die Fußtapfen *)) Seitdem hat ſich hier am Orte für dieſe ſpecielle Branche eine beſondere Induſtrie ausgebildet. Von 4 hieſigen Meiſtern haben 2 allein 300 und 225 Waggen verfertigt, der erſte zu durchſchnittlich 120—130 fl., der letztere zu 200 fl. **) In Gießen von 1832 1834. en) ſtaub 1857. †) ſtarb 1863. igen, emie, Ana⸗ und trom elben apfen Von 4 30 fl, 7 ſeines weit berühmten Vorgängers Hundeshagen*), und verſammelte um ſich eine ganze Schaar von jungen Forſtleuten aus ganz Deutſchland und der Schweiz. Und dabei fand er noch Zeit, mit unermüdlichem Eifer die Umgegend weit und breit nach Pflanzen zu durchforſchen und hiermit die Floriſtik wieder zu Ehren zu bringen, welche ſeit des unſterblichen Dillenius — des deutſchen Linné— Buche(1719) ganz und gar vergeſſen war. Wenn Sie ſich alle dieſe Verhältniſſe lebhaft vergegenwärtigen, ſo werden Sie es begreiflich finden, daß zur Zeit der Culmination— im Sommer 1847— 570 Studenten in Gießen waren, die höchſte bekannte Zahl; und darunter 78 evangeliſche und 74 katholiſche Theologen, 127 Juriſten, 60 Mediciner, 49 Cameraliſten, 21 Architecten, 53 Förſter(worunter 22 Ausländer) und 57 Chemiker**)(worunter 42 Ausländer); im Ganzen 159 Ausländer. Dieſe ſchönen Zeiten ſind nun freilich vorüber und— man darf ſich darüber keine Illuſionen machen— ſie werden auch nicht wieder kommen. Denn dergleichen Situationen und zugleich ſolche Männer wie⸗ derholen ſich nicht. Aber es wird zu unſerer eigenen Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen, nach meiner Anſicht höchſt ehrenvollen Zuſtande, und zu einer richtigen Würdigung desſelben ſeitens der ferner Stehenden nützlich ſein, wenn wir erwägen, warum dieß nicht mehr wiederkehren kann, wenigſtens nicht, ſo lange die allgemeinen Verhältniſſe bleiben, wie ſie ſind. Zunächſt iſt zu erinnern, daß in Folge eines Federſtriches die ganze katholiſch⸗theologiſche Fakultät**) im Jahre 1851 plötzlich zu exiſtiren aufgehört hat, da man den freien, jugendlichen Verkehr mit Andersglaubenden und anders Gebildeten fürchten zu müſſen meinte; daß das hieſige chemiſche Laboratorium, welches das Muſter für alle übrigen geweſen, in einem wahren Wettlaufe und mit enormem Geldaufwande an zahlreichen andern Orten, wie Leipzig, Göttingen, Heidelberg, München u. ſ. w., bald eingeholt, ja übertroffen wurde; daß Liebig, durch ſeine eigenen Schüler zumeiſt, bald aufhörte, der Einzige zu ſein, bei welchem man organiſche Chemie lernen konnte. Daß das Bedürfniß der Fabrikanten nach jungen Chemikern ſich bis zur Ueber füllung geſtillt hat. Daß der Reiz des Doctorhutes, welcher ſo manchen jungen Mann hierher führte und hier feſthielt, nicht mehr wirken kann, ſeitdem wir uns veranlaßt ſahen, im Jahre 1862 eine neue, äußerſt ſtrenge Promotionsordnung einzuführen †); ein Schritt, auf welchen mehrere ſehr hochachtbare Schweſteranſtalten, wie Marburg, Göttingen oder Heidelberg immer noch warten laſſen, und vielleicht mit Recht, wenn man bedenkt, daß es in der That fraglich iſt, ob unſere Regulative nicht allzu ſtreng ſeien mit ihrem öffentlichen und mündlichen Examen, *) Unter deſſen Leitung die hieſige Forſtlehranſtalt im Jahre 1825 eröffnet wurde. **) Die höchſte Zahl der Chemiker und Pharmaceuten war 68(1843). *ens) Gegründet am 26. Sept. 1829. In der Stiftungsurkunde(vom 22. Juni 1830) ſpricht der Großherzog Ludwig II. ſeine Intentionen dahin aus, daß dadurch„wahre Frömmigkeit, ächt chriſtlicher Sinn, gründliche Wiſſenſchaft und gute Sitte der zum katholiſch geiſtlichen Stande ſich ausbildenden Jugend angeregt, befördert und allgemein verbreitet werde.“ †) Im Winter 1857 auf 58 erreichte z. B. die Zahl der Chemiker und Pharmaceuten 61, darunter 22 Aus⸗ länder; im Sommer 1863 ſank ſie auf 29. Hierbei ſind ſelbſtverſtändlich die übrigen naturwiſſenſchaftlichen Fächer gleichmäßig betheiligt. 8 ihrer Maturitas und ihrem Triennium academicum, fraglich namentlich gegenüber den heutigen Anforderungen und der ganzen Stellung der reinen Naturwiſſenſchaften als gleichberechtigt mit den humaniſtiſchen Bildungsmitteln, ſei es an geiſtigem Inhalt und Tiefe, ſei es an logiſcher Methode und Uebung; denn der naturwiſſenſchaftliche Verſuch iſt das wahre Experimentum logicum. Wenn man erwägt, daß im Jahre 1858 allein 128 Promotionen hier Statt fanden, daß dieſe im Jahre 1862 auf 19 ſanken*), ſo wird man einſehen, daß dieß eine tiefeingreifende Wunde geworden iſt; daß ſie den Betreffenden ein großes finanzielles Opfer auferlegt hat, wozu die⸗ ſelben auf keine Weiſe verpflichtet waren, und wofür das Mindeſte, was dieſelben verlangen können, die unbedingte Anerkennung einer durchaus ehrenhaften Geſinnung iſt. Und erwägt man endlich noch, daß die Zahl der dem Studium ſich Zuwendenden überhaupt— und gewiß mit Recht— überall in fortwährender Abnahme iſt, indem lucrativere Bahnen, gleich ehrenvoll, ſich nach allen Seiten eröffnet haben; daß endlich unſere Univerſität allein von allen deutſchen volle Freizügigkeit eingeführt hat**) und den Aufenthalt anderswo geſetzlich gerade ſo betrachtet, als an der eigenen Landesuniverſität, was auch bekanntlich von den Studirenden in ausgedehnteſter Weiſe benutzt wird, ſo muß man ſich meines Erachtens eher darüber wundern, daß wir im gegenwärtigen Semeſter wieder auf 400 Studenten gekommen ſind, als wenn deren nur 300 wären. 1. Ueberdieß iſt es ein großer Irrthum, den Zuſtand einer Univerſität allein oder ſelbſt vor⸗ wiegend nach der Studentenzahl zu beurtheilen; die Zahl und Thätigkeit der Docenten***) ſcheint mir unbedingt von gleicher Bedeutung, und ſie ſpricht bei uns in erfreulichſter Weiſe für einen friſchen und blühenden Zuſtand des geiſtigen Lebens. Daß ſo viele Männer im Dienſte der ewigen Wahrheit— der Wiſſenſchaft— hier theils ihre Laufbahn beginnen können, theils *) Die Promotionsgebühren betrugen 1860 2,336 fl.; 1862 nur 569 fl. Vgl. d. Ber. des Finanzaus⸗ ſchuſſes der 2ten Kammer der Stände 1866. Beil. 117. p. 111. **) Verordnung vom 26. October 1848; vgl. Regierungsblatt 1848 Nr. 62.— Es wird bei uns gegen⸗ wärtig für die an der Univerſität abzulegenden Examina überhaupt nur verlangt, daß ein junger Mann durch 3 Jahre deutſche Univerſitäten beſucht habe(Beſtimmung von 1861). *) Der neueſte Perſonalbeſtand führt deren 56 auf. Zur Vergleichung ſei hier der Perſonalbeſtand der hoch⸗ berühmten ſchwediſchen Univerſität Upſala von 1866 aufgeführt. 31 ordentliche Profeſſoren, 3 außerordentliche Profeſſoren, 23 Adjuneten, 27 angeſtellte Privatdocenten, Summe 84. Studentenzahl 1200. Wer die Sache nicht in der Nähe beobachtet hat, wird leicht auf die Frage verfallen: wenn man mit 56 Lehrern 400 Schüler ausbilden kann, warum nicht auch 1200? Die Praxis hat aber in entgegengeſetztem Sinne entſchieden. Wenn wir in dieſen Fällen das Princip einer vernünftigen Arbeitstheilung auf eine erfreuliche Weiſe realiſirt ſehen, ſo wollen wir dabei doch zugleich nicht vergeſſen, daß es Leute gibt, welche dieſes Zerſplitterung nennen. ei & ——i— e——,— zutigen nit den ethode gieum. dieſe Wunde u die⸗ langen t man iß mit ll, ſich volle t, als nteſter vir im r 300 t vor⸗ ſe für ſte der theils mit 56 geſetztem freuliche ge dieſes 9 eine bleibende und lohnende Exiſtenz gefunden haben, ehrt nicht nur das Land, das einen ſolchen Zuſtand möglich macht, es ehrt auch die freien Inſtitutionen unſerer Hochſchule, es ehrt endlich die Studirenden, ohne welche ſelbſtverſtändlich eine Lehrthätigkeit nicht gedacht werden kann. Es iſt aber nichts weniger, als gleichgültig für unſer deutſches Vaterland und für den geiſtigen Fortſchritt überhaupt, wie groß die Zahl der Mitglieder des„Standes der Wiſſenden“ iſt; ſind ſie doch ſtets die letzte Inſtanz in allen Fragen der Erkenntniß, ſind ſie doch die Pioniere des Fortſchrittes der Ideen. Und es hat mir immer ſonderbar geſchienen, wenn Angehörige dieſes Standes aus ganz äußerlichen Gründen allen Ernſtes davon reden, die eine oder die andere dieſer Anſtalten aufzuheben, oder— was auf daſſelbe hinausläuft— eine mit der andern zu verſchmelzen; anſtatt einzuſehen, daß es unſerer Nation ſehr wohl anſtünde, wenn ſie noch einige neue geiſtige Bildungscentren und Aufklärungsheerde zu den bereits vorhandenen hinzu in's Leben riefe*). Schauen wir noch einmal zurück auf das, was Liebig in der Zeit ſeiner hieſigen 28 jäh⸗ rigen Thätigkeit(von 1824— 1852) gewirkt hat, im Verein mit trefflichen Männern jeder Art und auf's Kräftigſte unterſtützt und getragen von einer einſichtsvollen Regierung— insbeſondere dem damaligen Repräſentanten der Univerſität, von Linde, von dem noch nichts zu jener Zeit erwarten ließ, daß er, einſt ein lebensfroher, geiſtſprudelnder Profeſſor, ſich in einen Freund des traurigen Ultramontaniſmus verwandeln würde, tief beklagt von der Akademie, der Stelle ſeiner einſtigen Triumphe. Das Verſtändniß der Bedeutung Liebig' iſt Denen, welchen er perſönlich fremd iſt, ſchwierig zu eröffnen. Denn ſowohl als Schriftſteller, wie als Lehrer liegt der Schwerpunkt ſeiner Kraft theils gerade in ſeiner mächtigen Perſönlichkeit, theils in der Fülle ſeiner Ideen, nicht aber oder doch nur untergeordnet in dem, was er Poſitives in ſeiner Wiſſenſchaft entdeckt oder erforſcht hat. Er hat dieſen Charakter gemein mit den größten Naturforſchern der neuen und älteren Zeit, mit Darwin, Schleiden, Humboldt, ja bis zurück zu Linné und Bacon von Verulam, dem man nachſagt, daß er nur wenige Experimente gemacht habe, und dieſe ſeien unrichtig geweſen; und doch iſt er der Gründer der inductiven und experimen⸗ tirenden Methode geworden. Es gilt mir hier nicht, einen Mann von Liebig's Stellung in der Wiſſenſchaft zu kritiſiren, denn ich fühle mit Heine, daß es Dummheit iſt, gegen Männer zu ſprechen, die wirklich groß ſind, ſelbſt wenn man Wahres ſagen könnte. Aber es kann dieß kein Grund ſein, mich abzuhalten, das Eigenthümliche und Charakteriſtiſche dieſes Mannes, der unſerer Univer⸗ ſität ſo hohen Glanz verliehen hat, zu unterſuchen. *) Im Jahre 1863 exiſtirten in Deutſchland und der Schweiz 27 Univerſitäten. Daran wirkten 993 Ordi⸗ narien u. ſ. w., 511 Privatdocenten. Inſecribirt waren 19069 Studenten; die meiſten in Berlin: 2708. Ich erwähne hier noch Wien mit 2123, Prag mit 1747, München mit 1222, Bonn mit 1038,— Bern mit 150, Baſel mit 93. 2 10 Zuerſt ſeine Lehrthätigkeit. Als wir vor nun drei Decennien Liebig's Vorträge über die Chemie des menſchlichen und thieriſchen Körpers hörten, waren wir Alle wie bezaubert. Das war kein Dociren mehr, das war ein gewaltig fortreißender Strom der wunderbarſten Gedanken⸗ fülle, reich an den überraſchendſten neuen Geſichtspuncten, deren Bedeutung wir wohl bereits durchfühlen konnten; getragen von einer mächtigen Phantaſie, welcher kein Schluß zu verwegen, kein Satz zu kühn war. Ein großer Theil dieſer Rhapſodien hat allerdings nicht die Probe der Zeit beſtanden, ſeine Verſuche, die Humoralpathologie in einer neuen Form in die Mediein wieder einzuführen, ſind nach einem kurzen Siegeslaufe faſt ſpurlos verſchwunden, und die Solidar⸗ pathologie macht ſich unter dem neuen Namen der Zellularpathologie breiter wie je, um vielleicht demnächſt wieder einer Nervenpathologie den Platz zu räumen. Aber die Anregung die in dieſem Kreiſe lebendig und weit hinausgetragen wurde, hat ſich in einer außerordentlich großen Reihe der tüchtigſten Arbeiten und Abhandlungen und der poſitivſten Entdeckungen der Liebig'ſchen Schule, deren Quelle ſtets an derſelben Stelle zu ſuchen iſt, höchſt fruchtbar erwieſen; und gerade darin liegt die wunderbare Kraft wahrhaft bedeutender Ideen, daß ſie weiterzeugend wachſen und unendlich neue gebären. Dem entſprechend war die ganze Perſönlichkeit dieſes Mannes. Erfüllt von der Größe ſeiner Miſſion, war es ihm unmöglich, ſich mit kleinlichen Hinderniſſen, die ihm in den Weg gelegt wurden, zu befaſſen, oder, über Einwürfe untergeord⸗ neter Natur, die den kühnen Flug ſeiner Phantaſie zu lähmen drohten, zu ſtraucheln. Sein Grundſatz war: wer nicht für mich iſt, der iſt wider mich. Und ſo konnte es bei ſeiner höchſt aggreſſiven Natur nicht ausbleiben, daß er hier viele herzliche Feinde, aber auch warme Freunde — namentlich unter den Jüngeren— hatte, die zwar nicht durch ihre Stellung an der Univer⸗ ſität und im Senate, wohl aber durch ihre wiſſenſchaftliche Kraft und Bedeutung von großem Einfluſſe auf ſeine hieſige Thätigkeit wurden. Mittelmäßige Leute, oder ſolche, die er dafür hielt— und dieß galt von Allen, die anderer Anſicht waren, als er— wußte er brach zu legen, todt zu machen, oder über Seite zu ſchieben. Und es iſt ein Zeichen großer Zähigkeit und keiner geringen geiſtigen Kraft, wenn Einer oder der Andere nach ſolchen Kämpfen ſich und ſeine wiſſenſchaftliche Selbſtſtändigkeit in eine ſpätere Zeit hinübergerettet hat. Die Kenntniß von Liebig's Perſönlichkeit erleichtert weſentlich das Verſtändniß ſeiner ſchriftſtelleriſchen Thätigkeit. Er gehört nicht zu den ſtrengen Geiſtern, die ihre Kritik zunächſt und zumeiſt gegen ſich ſelbſt üben; bei ihm iſt die ſchaffende Thätigkeit überwiegend. Nicht was er ſchreibt, ſondern was er will, iſt das Bedeutſame in ſeinen Büchern. Denn er ſchreibt in raſch fließendem und oft regelloſem Strome„nicht nur Alles was er weiß, ſondern noch weit mehr“. Daher denn das Verſtändniß dieſer Schriften, auch außerhalb der Kreiſe von Bräſig und Habermann, ohne Zweifel ein ſehr unvollkommenes iſt. Man hat gut ſagen, dieſe Schriften ſeien ohne logiſchen Zuſammenhang, der Anfang mit dem Ende in Widerſpruch, die letzte Ausgabe lehre gerade das Gegentheil von der vorletzten und ſo weiter durch die ganze lange Reihe; man kann die Fehlproducte dieſer Arbeiten im Einzelnen aufführen von den erſten Mißgriffen in der Mineraldüngung und der Erklärung der Wirkung des China⸗Alkaloides oder des Kaffee's bis zu den letzten bezüglich der Kartoffelkrankheit, der Gährung und des Cholera⸗ e über Das danken⸗ bereits wegen, be der wieder olidar⸗ jelleicht dieſem Reihe g'ſchen 7; und zeugend dieſes inlichen rrgeord⸗ Sein höchſt Freunde Univer⸗ großem r dafür rach zu ähigkeit ich und ſeiner zunächſt cht was reibt in jch weit gräſig 1, dieſe uch, die te ganze en erſten des oder gholera⸗ 11 pilzes;— allein Niemand, der dieſe Schriften geleſen hat, wird auch nur einen Augenblick an⸗ ſtehen, zu bekennen, daß Schriften von ſolcher Zeugungskraft, die den ganzen Menſchen in Auf⸗ regung bringen, die in dem mindeſt Begabten ſelbſt den Zug zum Denken, zum Experimentiren, zum eigenen Forſchen und Beobachten mächtig anregen, außerordentlich ſelten geſchrieben werden. Und vergeſſen wir nicht, daß trotz allen wunderbaren Wandlungen, und anfangs tief verſteckt, ſich doch eine Reihe der bedeutſamſten Wahrheiten daraus entwickelt hat, wofür ich nur erinnern will, wie wir Liebig die Erkenntniß danken, daß die Pflanzen ihren Kohlenſtoff und Stickſtoff in letzter Inſtanz aus der Luft und nicht aus dem Dünger beziehen, daß die Aſchenbeſtandtheile ganz etwas Anderes, als zufällige und unweſentliche Beimengungen vorſtellen, und daß unſere hochgeprieſene Landwirthſchaft nichts Anderes, als ein maskirter Raubbau iſt; daß wir ihm die Erkenntniß der verſchiedenen Bedeutung der plaſtiſchen und der reſpiratoriſchen Nahrungsmittel für den menſchlichen und thieriſchen Organismus verdanken, daß ſeine Unterſuchungen zu unſerem heutigen Verſtändniß der thieriſchen Wärme den Weg gebahnt haben; daß endlich die Chemie des lebenden Körpers nicht mehr ein Aggregat unzuſammenhängender Kenntniſſe von Stoffen iſt, deren Bedeutung man nicht kannte, ſondern ein Syſtem zuſammenhängender und continuirlich fortlaufender chemiſcher Metamorphoſen; daß ſie in letzter Inſtanz die große Thatſache von un⸗ endlicher Tragweite feſtgeſtellt hat, daß es nur Eine Chemie gibt, und daß der lebende Körper des Menſchen, wie das fliegende Staubatom, den gleichen, ewigen Naturgeſetzen unterworfen ſind. Ich wende mich nun, wo es gälte, die Lehrer der Gegenwart zu beſprechen, be⸗ ſcheiden aber mit innerem Stolze und Befriedigung, von dieſer Betrachtung ab, indem ich dieß einem Späteren billig überlaſſe; doch geſtatten Sie mir, meine Freude hier offen auszuſprechen, daß es mir vergönnt iſt, in einem Kreiſe von Männern zu wirken, wovon nicht Wenige zu den erſten Größen ihres Faches gehören.— Aber ich will ſtatt deſſen mit Ihnen einen raſchen Blick auf die Hülfsmittel zum Unterrichte, insbeſondere die Inſtitute, werfen, die jenen und den Schülern hier am Orte jetzt geboten ſind. Wer die früheren Zuſtände unſerer Kliniken kennt, wer die ärmlichen Anfänge unſeres chemiſchen Laboratoriums, der zoologiſchen und anatomiſchen Inſtitute geſehen hat, und die gegenwärtige Beſchaffenheit dieſer Anſtalten damit zu vergleichen vermag, der wird mit Freude zugeſtehn, daß viel, ſehr viel geſchehen iſt, daß wir vielfach mit dem Beſten anderer Länder uns vergleichen und meſſen können. Aber nicht quieti⸗ ſtiſches Selbſtgenügen führt uns weiter;„Sorgen und Gedanken ziemen dem Verſtändigen, ruhig und zufrieden iſt nur der Thor“.(Fallmereyer). Und ſo ſehen wir denn etwas genauer zu, ob Alles iſt, wie es ſein könnte oder ſollte, ohne Scheu und ohne falſche Schonung; aber bleiben wir uns dabei bewußt, daß unſer Zweck nicht ſein kann, das mühſam erworbene Gute öffentlich herabzuſetzen, anſtatt lieber die kleinen Fehler zu verſchweigen; daß wir vielmehr bei einer ſolchen Unterſuchung keinen anderen Zweck haben können, als das Gute zu fördern, indem wir das öffentliche Intereſſe in Anſpruch nehmen, und unſere ferner ſtehenden Mitbürger auf⸗ fordern, zuzuſehen und aufzumerken, damit ſie ſich entſchließen mögen, Jeder nach ſeiner Stellung dazu beizutragen, daß es beſſer werde. Und ſo ſei denn hier zuerſt daran erinnert, daß es zu⸗ nächſt mit der Anatomie, dem Fundamente der mediciniſchen Bildung, grundſchlecht beſtellt 2* 12 iſt; während deren Spitze, die Kliniken nämlich, nichts zu wünſchen übrig laſſen. Denn was ſollen alle Apparate, was alle Hör⸗ und Secirſäle, wenn es an der Hauptſache, den Leichen fehlt! Daß es aber in dieſer entſcheidenden Beziehung nicht beſſer, ſondern weit ſchlechter ge⸗ worden iſt, als es früher war, mögen Sie aus Folgendem erſehen. Die Zahl der Leichen, an welchen die anatomiſchen Studien und ferner die Uebungen in der chirurgiſchen Operirkunſt Statt finden, betrug im Jahre 1854—55 60, davon 11 aus Hofheim; im Jahre 1863—64 dagegen 19, davon keine aus Hofheim. Die Zahl der in Marienſchloß Verſtorbenen und hier⸗ her Abgelieferten betrug im Jahre 1860—61 27; im Jahre 1864— 65 nur 8; die Zuchthäusler und Selbſtmörder aus den anderen Provinzen kommen uns, in ſchneidendem Widerſpruche gegen die klarſten Beſtimmungen*), überhaupt gar nicht zu. Und dabei iſt dieſer geringe Beſitz der Gegenwart kein geſicherter, es vergeht kein Jahr, wo dieſes Wenige nicht gleichſam von Neuem erobert werden müßte. Theils iſt es wohl Mangel an Intereſſe für die Univerſität ſeitens der betreffenden Hoſpitalärzte, theils— mit Rückſicht auf die Selbſtmörder— eine beſondere Varietät der Humanität, die über das Ziel ſchießt und außerhalb unſeres Zeitbewußtſeins ſteht, was dieſe leidigen Zuſtände veranlaßt. Wie kann man ernſtlich unter dem Vorwande der Humanität zaudern, die Leiche eines Selbſtmörders(geiſtig Kranke ſind ſelbſtverſtändlich geſetzlich ausge⸗ nommen) für Unterrichtszwecke zu opfern, die ganz und gar nur dem Dienſte des Menſchen⸗ wohles, und wahrlich nicht dem perſönlichen Vortheile oder Vergnügen der ſcheinbar zunächſt Betheiligten gewidmet ſind; während wir fortwährend Acte der gröbſten Intoleranz und In⸗ humanität auf den Friedhöfen von Männern im geiſtlichen Ornate gegen Unbeſcholtene begehen ſehn; und während faſt kein Jahr vergeht, wo ſich nicht ſelbſt die civiliſirteſten Nationen in wilder Kriegsfurie zerfleiſchen und Tauſende von friſchen Menſchenleben zum Opfer bringen! Glaubt man denn wirklich ernſtlich daran, daß dieß jemals anders werden, daß dieſe ſ. g. Humanität jene unvermeidlichen Entwickelungskämpfe der Menſchheit jemals wegdecretiren könne; und iſt es nicht ein Analogon der Kirchthumspolitik, wenn man die Frage an ſich ſelbſt unterläßt: wie denn nun, wenn überall die Leichen dem anatomiſchen Unterrichte vorenthalten würden? Denn für jeden Sachverſtändigen, der über die Mauern ſeiner kleinen Vaterſtadt hin⸗ ausgeſehen hat, iſt es einleuchtend, daß bei einer wirklich conſequenten Durchfuͤhrung dieſer Humanität, welche aber in meinen Augen nichts als Sentimentalität iſt, alle und jede Leichen⸗ zufuhr allerwärts ein Ende nehmen müßte, ja daß ſelbſt die Obduction der Leichen in den Spitälern aufhören würde, und damit jeder Fortſchritt der inneren Heilkunde ſiſtirt wäre. Beſſer ſteht es mit dem Material für die zoologiſche Anſtalt. Sie Alle kennen die⸗ ſelbe. Aber beläſtigend iſt es gegenüber der jetzigen experimentalen Richtung dieſer Wiſſenſchaft, daß die Räumlichkeiten für die lebenden Verſuchsthiere in einem deplorablen Zuſtande ſich befinden. Dagegen ſieht es wahrhaft traurig aus mit der zootomiſch-veterinären Anſtalt. Durch eine beſondere Nachverwilligung der Stände(1847) im Betrage von 20000 fl. iſt *) Statuten Titel XLV; und Edikt vom 10. Sept. 1781. n was eichen ter ge⸗ ichen, eirkunſt 3— 64 d hier⸗ däusler gegen ſitz der Neuem ns der arietät „was nanität ausge⸗ nſchen⸗ unächſt In⸗ eegehen ationen Opfer dieſe retiren ſelbſt thalten dt hin⸗ dieſer eichen⸗ in den nd n die⸗ nſchaft, de ſich Unſtalt l. iſt 13 urſprünglich das Erdgeſchoß der neuen Anatomie*) für dieſen Zweck beſtimmt geweſen; allein es hat ſich ſpäter herausgeſtellt, daß die Localitäten für dieſen Zweck nicht geeignet waren, ſo daß die genannte Anſtalt in neuerer Zeit aus ihrer früheren ſtallartigen Räumlichkeit in das alte Oekonomatsgebäude verlegt werden mußte, eine Localität, welche nicht einmal einen geeig⸗ neten Stall für eine Thierklinik von den allerbeſcheidenſten Anſprüchen enthält, zumal in Betracht, daß der geſammte Jahresfonds dieſes ganzen Inſtituts nur 300 fl. beträgt, und dieß gegenüber einer Zahl von Veterinärſtudirenden, welche jetzt 21 iſt**). In der That, wenn auf der einen Seite der entſchiedenſte Wille der jungen Leute ſich kundgibt, ihren Stand zu heben und durch innere Ausbildung in jeder Richtung ſich der Stufe der Menſchenärzte gleichzuſtellen, wie nur der Univerſitätsunterricht hierzu die Mittel gibt; wenn auf der anderen Seite die verwandten und einſchlagenden Nebenfächer auf's Beſte verſehen ſind und zur Mitbenutzung einladen; kann man da zögern, den letzten Schritt zu thun, um dieſe Anſtalt, wozu ſo wenig Müttel nothwendig ſind, unter geſchickter Benutzung des bereits factiſch Gegebenen auf eine Stufe zu bringen, welche den Anſprüchen der Gegenwart entſpricht, die von der Quackſalberei der Hufſchmiede weiter entfernt iſt, als Viele zu wiſſen ſcheinen. Damit in naher Beziehung ſteht die endliche Herſtellung einer geeigneten landwirth⸗ ſchaftlichen Lehranſtalt als integrirenden Theiles der Univerſität. Schon im Jahre 1771 (23. April) iſt an hieſiger Univerſität durch Landgraf Ludwig IX, eine landwirthſchaftliche Fa⸗ cultät geſtiftet worden.„Aber— um mit dem Vorſitzenden des oberheſſ. landw. Vereines(cf. Ztſchr. f. d. landw. Vereine vom 10. April 1866) zu reden,— obgleich unſer Land ein vor⸗ wiegend Ackerbau treibender Staat iſt, ſo iſt doch in neuerer Zeit für landwirthſchaftliche Bil⸗ dung ſo gut wie nichts geſchehen; während die Gewerbe in dieſer Richtung vielfach begünſtigt erſcheinen.“ Wenn man rechtzeitig erwogen hätte, welche Vortheile es unſerer Univerſität gebracht hat, daß ſie die einzige war, welche eine Forſtlehra nſtalt einſchloß(während anderwärts die Forſtwirthſchaft nur auf ſ g. Inſtituten gelehrt wird, deren wiſſenſchaftlicher Rang und Bil— dungswerth natürlich eine niedere Stellung einnimmt); ſo hätte man gewiß ſchon längſt, ehe andere Hochſchulen, wie Jena, Bonn, Halle***), Berlin u. a., uns zuvorkamen, mit aller Energie dafür geſorgt, daß auch wir nicht hinter den Forderungen der Gegenwart zurückblieben; ja, was mehr iſt, wir würden gezeigt haben, daß wir die Zeichen der Zeit verſtehen, daß wir ſchon der Zukunft vor⸗ arbeiten und ihr rechtzeitig entgegenkommen. Denn Alles, was von der Forſtwirthſchaft gilt, das gilt auch von der Landwirthſchaft. Und wenn man, wie jetzt mehr und mehr dieſe Einſicht zum Durchbruch kommt, davon überzeugt iſt, daß es auch für die Praxis in dieſen Branchen von *) Bezogen im Jahre 1849. **) Die Mittelzahl vom Sommer 1828 bis Sommer 1866 beträgt 8. *en) In Halle befanden ſich im Winterhalbjahre 186566 96 Studirende der Landwirthſchaft,(Amtl. Verz. Nr. 88), nachdem dieſe Lehranſtalt erſt wenige Semeſter vorher eröffnet worden war. Man ſieht daraus, wie groß das Bedürfniß eines univerſitätiſchen Unterrichts auch in jenen Kreiſen geworden iſt. Sehr weſentlich hat auch die glüͤckliche Wahl des betr. Docenten dort mitgewirkt. 14 hohem Werthe ſein muß, wenn der Betreffende das Ferment des Denkens, der Kritik und der Wiſſenſchaft in ſich aufgenommen hat; ſo iſt es nur ein Schritt weiter, der ſpäter oder früher nothwendig geſchehen muß, daß man ihn zur Hochſchule dirigirt. Denn ihr Weſen, was ſie von jeder andern Schule unterſcheidet, beſteht nicht nur in der univerſaliſtiſchen Geiſtesanregung auf der einen Seite, ſondern ebenſoſehr auf der andern Seite darin, daß hier— und hier allein— die Lehrer Specialiſten ſind, d. h. nur Eine Sache betreiben, aber dieſe auch ganz, correct und gründlich. Was das pharmakologiſche Inſtitut betrifft, ſo iſt dieſe Anſtalt in neuerer Zeit ſo oft öffentlich beſprochen worden, daß ich nur kurz darauf hinzudeuten habe. Sie braucht, wie keine, das Licht der Oeffentlichkeit zu ſcheuen. Es iſt dort, wie ich aus eigener und genauer Prüfung ſagen kann, mit den gegebenen Mitteln*) in wenigen Jahren aus Nichts eine wahre Muſterſammlung entſtanden. Und es iſt dankend anzuerkennen, wenn hier, wie bei manchen andern Inſtituten, ſeitens der Verwaltungsbehörde eine möglichſt freie Verwendung der gegebenen Mittel geſtattet wurde. Denn nicht mit ängſtlicher Aufſicht fördert man das wahrhaft Erſprießliche; der Mann, der wirklich Gutes zu ſchaffen gedenkt, wird gelähmt, wenn er ſich mißtrauiſch beobachtet ſieht. Und mag man auch in einem beſonderen Falle— und dieß gilt von allen Inſtituten— über dieſe oder jene beſonders bevorzugte Richtung des einen oder des anderen Dirigenten perſönlich ab⸗ weichender Meinung ſein: immer ſollte man eingedenk ſein, daß Freiheit und Selbſtbeſtimmung die Grundbedingung jedes fröhlichen Schaffens ſind. Seien wir vorſichtig, ja ängſtlich in der Wahl; aber gewähren wir dem einmal Gewählten mit warmen, offenen und freigiebigen Händen zugleich unſer ganzes Vertrauen.— Als Curioſum will ich übrigens hier anführen, daß dieſe Anſtalt von denen, für die zumeiſt ſie ihrer Natur nach beſtimmt iſt, den Pharmaceuten nämlich, ſo gut wie nicht benutzt wird. Wir werden wohl ſo ziemlich der einzige Staat in Deutſchland ſein, wo man akademiſche Studien für dieſe Claſſe der Staatsbürger nicht nothwendig findet, wo ein eigentlich wiſſenſchaftliches Examen, nämlich auf der Univerſität, mit ihnen gar nicht vorgenommen wird. Die mineralogiſchen Sammlungen kennen Sie; innere Schönheit und ſolider Beſtand rivaliſiren mit unzweckmäßiger Aufſtellung und Vertheilung in 3 verſchiedene Localitäten unſerer Stadt; von denen die eine die ſo ſchon viel zu ſehr beengte U niverſitäts⸗Bibliothek auf empfindliche Weiſe einſchränkt. Sie wiſſen, daß dieſe ſeit Jahren ſchmerzlich empfundene Noth an paſſenden Räunlichkeiten, in Verbindung mit der gleichen Noth des ſonſt ſo blühenden und reich ausgeſtatteten Forſtinſtituts, das bekanntlich nur auf Miethe wohnt,— zu dem Plane geführt hat, demnächſt durch einen paſſenden Neubau auf eine bleibende und befriedigende Weiſe abzuhelfen. Ein Plan, für welchen in nicht genug anzuerkennender Weiſe auch unſer Stadt⸗ vorſtand bedeutende Opfer zu bringen bereit iſt, getragen von der Einſicht, daß das Wohl der Stadt und das Gedeihen der Univerſität unzertrennlich mit einander verbunden ſind. Eine Ein⸗ *) Dieſelbe verwendete von 1844 bis 1865(nach Abzug der Miethe für das Local der Sammlung) jähr⸗ lich 284 fl. und der früher was ſie regung nd hier iſe auch Zeit ſo h, wie genauer wahre nanchen gebenen eßliche; obachtet — über lich ab⸗ ung die Wahl; zugleich Anſtalt ämlich, ſchland findet, er nicht Beſtand unſerer othek fundene üͤhenden 1 Plane 1 Weiſe Stadt⸗ ohl der ne Ein⸗ ig) jähr⸗ 15 ſicht, welche nicht immer lebendig war, vielmehr zeitweiſe ſchlummerte und in Vergeſſenheit gerathen zu ſein ſchien.— Die eigentlich techniſchen Fächer ſind auf eine erfreuliche Weiſe ausgeſtattet. Die Phyſik beſitzt ein Cabinet, welches mit jedem andern den Vergleich beſteht; das techno⸗ logiſche Cabinet zeigt noch überall den thätigen, ſchaffigen Geiſt unſeres Knapp; die Bau⸗ und Ingenieurwiſſenſchaften, für welche die Verbindung mit der Univerſität dieſelbe Bedeutung haben muß, wie einſt für Medicin und Aſtronomie(denn ſie wurzeln in der Me⸗ chanik, einer phyſikaliſchen Naturwiſſenſchaft), ſind durch Herbeiziehung neuer Kräfte weſentlich gefördert worden, wie es der bedeutenden Zahl der Architekten an hieſiger Hochſchule entſpricht*), — und es bedarf nur der geeigneten Localitäten und geringer finanzieller Beihülfe, um, in kluger Benutzung des bereits Vorhandenen, dieſelben vollkommen allen Anſprüchen genügen zu machen. Ich will Ihnen an der Betrachtung der nächſtfolgenden Anſtalt, nämlich des botaniſchen Inſtituts, zu zeigen verſuchen, auf welche Weiſe mit der Zeit ſolches Ungenügen der alten Räume und Verhältniſſe eintritt, und warum es auch hier nöthig wird, fortzuſchreiten mit der fortſchreitenden Zeit und Neues unter neuen Verhältniſſen zu ſchaffen. Was zunächſt den Garten**) betrifft, ſo mögen Sie ſelbſt beurtheilen, wie weit er im Stande iſt. Der Kenner erſieht aus der ganzen Art eines ſolchen Inſtituts auf den erſten Blick, was der Dirigent für Zwecke verfolgt. Im Intereſſe der Fernerſtehenden ſei hier daher nur kurz erwähnt: nicht die Naſ ſe der Pflanzen kann die Aufgabe eines kleinen Unterrichts⸗Gartens des Binnenlandes ſein, ſein Ziel iſt naturgemäß ein anderes Sorgfältigſte und umſichtige Auswahl iſt hier erſter ökonomiſcher Grundſatz; jede Pflanze muß ihre Stelle verdienen; jede einem beſtimmten Zwecke entgegen⸗ kommen. Endlich ſollen alle Richtungen der ſyſtematiſchen, der phyſiologiſchen und geographi⸗ ſchen Botanik das nothwendige, aber auf das Weſentliche beſchränkte, Material zur Verfügung haben. Wie alle Naturwiſſenſchaften, ſo iſt auch die Botanik in der neueren Zeit mehr und mehr eine experimentirende geworden; und ich glaube, man beurtheilt einen Garten von der Natur und Größe des unſerigen richtiger nach der Zahl und dem Werthe der dort ausgeführten Culturverſuche, als nach der Menge und der Mannigfaltigkeit der dort cultivirten Pflan⸗ zen. Daß aber hierzu Arbeitskräfte in reichem Maße disponibel ſein müſſen, und zwar zum weſentlichen Theil auch ſolche von einer weit höheren Qualität, als etwa gering beſoldete Tage⸗ löhner ſie bieten, liegt wohl für Jeden klar auf der Hand. *) Die Zahl der Architektur⸗Studirenden ſchwankt von 13(1843) auf 21(1847); ſie ſinkt dann auf 1 (1854) und ſteht jetzt, höher wie je zuvor, auf 27. Jenes auffallende Sinken iſt veranlaßt durch Ueber⸗ füllung des Faches. Nachtheilig wirkte auch eine vorübergehend verſuchte und nicht probat gefundene Aenderung des Vorbildungsganges dieſer Claſſe von Technikern: die(vom 18. April 1832— Ende 1854; Reg.⸗B. Nr. 43. 1853) üblich gewordenen ſ. g⸗„ſpeciellen Examina“, denen wir es verdanken, daß eine große Anzahl unſerer Beamten im Baufache niemals die Univerſität beſucht hat, vielmehr mit der unzurei⸗ chenden„höheren Gewerbſchule“, welche in Darmſtadt beſtand, ſich begnügte. **½) Angelegt 1609. 16 Die Botanik iſt ſchon lange nicht mehr die Kunſt, den Namen einer unbekannten Pflanze aufzuſuchen und die beſtimmte dann einer„Heuſammlung“ zu incorporiren. Die Herbarien— und wir rühmen uns hier eines ſolchen von beſonderem Reichthum— ſind nicht mehr Zweck, ſondern nur eines der vielen Mittel für unſere Wiſſenſchaft. Dieſe aber vertieft ſich einestheils in die Philoſophie des Pflanzenbaues, in die Architektonik der Bauſtyle, nach welchen jene wunderbaren und lieblichen Geſchöpfe ausgeführt ſind,— in die Morphologie. Theils ver⸗ folgt ſie mit dem Mikroſkop das geheimnißvolle Entſtehen und Leben der unendlich kleinen Zellen, aus welchen der Körper der Gewächſe zuſammengeſetzt iſt, ſowie mit der Waagge die chemiſchen Stoffe und ihre Wandlungen im Verlaufe der Vegetation: Phyſiologie. Dazu aber bedarf es eines Apparates, welchen ein Garten allein nicht liefert; dazu ein Muſeum wichtiger und merkwürdiger Präparate und Vorkommniſſe, wie für die Zoologie oder die menſchliche Anatomie und Entwickelungsgeſchichte; dazu Modelle, Karten, Mikroſkope, Inſtrumente von mancherlei Art, und vor Allem— denn Jenes haben wir in einer Weiſe, auf die wir theilweiſe ſtolz ſein dürfen— die geeigneten Räume, an welchen es gänzlich fehlt, ſei es für eine paſſende Auf⸗ ſtellung des Muſeums, welches ſich jetzt in der dumpfigen Hausflur der Gärtnerswohnung be⸗ findet, ſei es der geeigneten, beſonderen Arbeitszimmer, wo die Zöglinge, ungeſtört durch Andere, und nicht gezwungen mit ihnen denſelben Raum von Stunde zu Stunde zu wechſeln, ruhig wie in einem chemiſchen Laboratorium die Apparate aufſtellen, ihre Unterſuchungen beginnen, ihre Experimente fortführen können; dazu endlich eines geeigneten, amphitheatraliſch gebauten, und für dieſen Zweck allein beſtimmten Auditoriums, wo man ſeine Pflanzentöpfe ſtehen, ſeine Modelle, Bilder und Karten bleibend hängen laſſen kann,— wie, in der That, nicht nur hier am Orte für die Mehrzahl der anderen Inſtitute ſolche Räume vorhanden ſind, ſondern auch überall anderwärts, ja ſelbſt an ſolchen Orten, welche, wie Amſterdam, Rotterdam, Frankfurt, nicht eben eigentliche Hochſchulen beſitzen. Sie begreifen jetzt, wie es kommt, daß eine Wiſſenſchaft aus den Kinderſchuhen herauswächſt und mit neuen Anſprüchen an Geld und Raum hervortritt, ohne daß man dies anders, als durchaus naturgemäß finden könnte. Iſt es ja doch auf allen Gebieten des privaten, wie des öffentlichen Lebens, genau ebenſo. Unſere Regierung hat zwar wiederholt Anläufe gemacht, dieſe Mißſtände zu beſeitigen; aber bis jetzt ohne Erfolg. Zuerſt beabſichtigte man, als es ſich um den Neubau des jetzigen Gewächshauſes handelte, bei dieſer Gelegenheit das Muſeum u. ſ. w. zugleich mitzubauen, allein unſere Stände⸗ kammer ging darauf nicht ein, ſondern verwilligte nur die Hälfte des Geforderten; dieſe iſolirte Hälfte mußte dadurch aber begreiflicher Weiſe weit theurer werden, als ſie andernfalls geworden ſein würde. Einige Jahre ſpäter— 1860— legte dann die Regierung das noch immer unerledigte Deſiderat, nämlich die zweite Hälfte, vor, aber wieder ohne Erfolg. Zunächſt wurden 17000 verlangt und mit 34 gegen 3 Stimmen abgelehnt. Die Minorität des Ausſchuſſes trug alsdann darauf an, daß, mit Ausſchluß der geforderten Gärtnerswohnung, 9000 fl. für die genannten übrigen Räumlichkeiten verwilligt werden möchten; aber auch dieſe Propoſition wurde(mit 24 gegen 19 Stimmen) abgelehnt. Daß unter ſolchen Umſtänden keine Rede ſein kann von einer Amtswohnu ng des Directors, wie ſie faſt überall üblich und gleichmäßig ten Pflanze warien— lehr Zweck einestheils elchen jene Theils ver⸗ nen Zellen, chemiſchen ber bedarf htiger und Anatomie maucherlei ſtolz ſein ſende Auf⸗ hnung be⸗ ört durch wechſeln, ſuchungen heatraliſch anzentöpfe der That, iden ſind, otterdam, imt, daß Geld und Iſt es Unſere bis jetzt chshauſes Stãnde⸗ ſe iſolirte geworden h immer ſt wurden iſſes trug für die ropoſition Rede ſein eichmäßig 17 im Intereſſe eines ſolchen Inſtitutes, wie der Wiſſenſchaft iſt, verſteht ſich von ſelbſt; ja es iſt noch nicht einmal der Vorſchlag dazu gemacht worden. Zum Verſtändniß wird es nützlich ſein, wenn ich anführe, daß unſer neues Gewächshaus(bezogen im November 1858) die Summe von 22503 fl. gekoſtet hat. Ich füge hinzu, daß das ſchöne neue Gewächshaus in Marburg, eine wahre Zierde dieſer Stadt, 36000 fl. gekoſtet hat; und daß ich zahlreiche Gärten von reichen Privaten geſehen habe, worin drei, ja ſechs Gewächshäuſer von der Größe des unſrigen ſtehen*). Danach mag man ermeſſen, ob es etwas Großes iſt, wenn ein wohlhabendes Land wie das unſerige die genannte Summe aufwendet. Was die Urſachen dieſes Ablehnens waren, ver⸗ mag ich nicht zu ſagen, ebenſowenig wie in zahlreichen analogen Fällen. Angeblich iſt es Spar⸗ ſamkeit, aber ich halte dies für unwahrſcheinlich. Ich halte unſer Volk nicht für ſo arm und ſo ungebildet, daß man mit ſolchen Redensarten Jemanden irreführen könnte. Wenn die ſächſiſchen Herzogthümer für Herſtellung eines phyſiologiſch⸗botaniſchen Laboratoriums in Jena noch ganz neuerdings die Summe von 13000 Thalern bewilligt haben**), ſo wird man nicht behaupten wollen, daß für ein blühendes Land, wie das unſere, eine Summe von 20— 30— 100,000 fl. für derartige Zwecke eine Verſchwendung ſei. Sparſamkeit für ſich kann unmöglich Zweck ſein, das wäre ja niedriger Geiz; ſie kann nur das Mittel ſein, ſei es um den guten Schein zu wahren, alſo in unſerem Falle Popularität in den Kreiſen der Urtheilsloſen zu gewinnen oder ſich zu erhalten; ein Zweck, den ich ſelbſtverſtändlich entſchieden perhorreſcire. Oder ſie iſt die einzig richtige und berechtigte, ſie häuft im Kleinen Geld auf, um es für bedeutende Zwecke oder im Falle der Noth zu verwenden. Denn zum Ausgeben iſt das Geld da, nicht zum Aufheben, am wenigſten in den Händen des Staates. Er kann nichts Beſſeres thun, als daſſelbe auf's Beſte anlegen***); und wo gäbe es eine Anlage, die berechtigter, rentabler, ſicherer wäre, als die Summe, welche man auf die Erziehung des Volkes durch die freie Wiſſenſchaft *) Näheres über die Geſchichte des botan. Gartens vgl. in Botan. Zeitung 1855 S. 233. und Darmſtädter Zeitung 1861. S. 241.— **) Jena hat gegenwärtig 491 Studirende und Lieentiaten, einſchließlich der Hörer an der landw. Lehranſtalt. Zu letzterer gehört eine landwirthſch. Verſuchsſtation mit 4 Aſſiſtenten und 4 Beamten, nebſt einem Cura⸗ torium von 7 Mitgliedern. An der Univerſität befinden ſich für die Botanik 1) das pflanzenphy⸗ ſiologiſche Inſtitut, mit 1 Director, 1 Aſſiſtent, 1 Diener;— 2) der botaniſche Garten; Director wie oben, 1 Garteninſpector;— 3) Botaniſche Sammlungen: Director, Aſſiſtent und Diener dieſelben wie sub 1. Vorgetragen wird die Botanik an der Univerſität von den Profeſſoren Pringsheim und Hallier, an der Lehranſtalt für Landwirthe von Prof. Langethal. *er) Budget für Krieg und Unterricht. Von 1000 fl. der allgemeinen Ausgabe verwendet: Frankreich für Krieg 295 für Unterricht 11 Preußen„„ 276„„ 14 Württemberg,„ 218„„ 47 Sachſen„„ 214„„ 37 Baden„„ 182„„ 33 Hannover„„ 128„„ 13 (A. Allg. Z. 1864. S. 3786). In Nordamerica wird überall bei Anſiedelungen ein Zehntel des Bodens für das Unterrichtsweſen reſer⸗ virt und für dieſes verwaltet. 3 18 verwendet. Hier iſt Rhodus, hic salta! Nicht mit Tiraden oder Reſcripten gegen die Jeſuiten und ihre Helfershelfer bringt Ihr die Menſchheit vorwärts, das hat die Geſchichte zur Genüge bewieſen;— ſondern dadurch, daß Ihr eintretet für die Märtyrer der Freiheit und der Wiſſen⸗ ſchaft, daß Ihr einſehet und verſtehen lernt, wie dieſe Arbeiter im unbeachteten, ſtillen Studir⸗ zimmer und Laboratorium eure rechte Hand ſind, wo es ſich um Aufklärung, Licht und Wahr⸗ heit handelt! Seid eingedenk, daß ein einziger Schlag mit dem geologiſchen Hammer in den morſchen Bau der Vergangenheit eine Breſche ſchlagen kann, welche keine Macht der Erde wieder herſtellt.— Und ſo gewiß die Sträucher und Bäume aus der Braunkohlenzeit nicht wieder ausſchlagen und grünen werden, ſo gewiß wird das verdorrende Reis obſcurer Weltan⸗ ſchauung im friſchen Zuge der naturwiſſenſchaftlichen Forſchung keine lebenskräftigen Sproſſen mehr treiben; denn das Klima hat ſich auch hierin geändert, und was da war, wiederholt ſich nie. Leider iſt dieſer zweite Factor unſerer Staatsgewalt, wie ich glaube, in ſeiner jetzigen Form, zumal in kleinen Staaten, überhaupt nicht dazu berufen, Großes und Bedeutendes in unſerem deutſchen Vaterlande zu Stande zu bringen. Wenn man bei der Frage nach dem Neubau eines Gewächshauſes nicht danach fragt, ob daſſelbe zweckmäßig und nöthig ſei für den botaniſchen Un⸗ terricht, ſondern ob man dieſem oder jenem Miniſterium von doch ſtets nur kurzer Dauer und vor⸗ übergehenden Tendenzen überhaupt Geld verwilligen will, gleichſam als handelte es ſich darum, dieſem einen Gefallen zu thun, ſo verräth dieſe einen durchaus ephemeren Standpunkt, nicht aber feſte und klare Ziele, welche ernſt und ſicher an die Vergangenheit anknüpfen und die Zukunft vorbereiten. Man mag jenes Verfahren Parteiſtellung nennen und als nothwendig bezeichnen; aber mögen Diejenigen, welche Alles kritiſiren, auch mir meine eigene Anſicht gönnen: ich halte ein Syſtem für ein verfehltes, welches ſolche Verirrungen als innere Conſequenz in ſich ſchließt. Ich würde es für ein glückliches halten, wenn es ſich auf die beſcheidene aber ehrenvolle Aufgabe beſchränkte, überall und von Fall zu Fall das Volkswohl zu fördern, ſei es durch Erbauung von Straßen, die die Men⸗ ſchen verbinden und den Handel fördern, oder durch Schutz des Waldes, der uns eine Zukunft verbürgt, oder durch Geſundmachen der Städte nnd Dörfer, was ſpäter oder früher jedenfalls in Angriff genommen werden muß;— oder durch Förderung der höchſten geiſtigen Güter der Menſchheit: der Kunſt und der Wiſſenſchaft.— Aus der ſog.„Finanzgebahrung“ von 1860 auf 62 ergibt ſich, daß die wirklichen Einnahmen durch die Forſt domänen um ½ Million Gulden mehr betrugen, als dem Voranſchlage nach erwartet worden war. Man ſchreibt dieß mit Recht der ſteigenden Induſtrie zu. Aber um die erforderliche Lieferung von Werkholz nach⸗ haltig gewähren zu können, dazu gehört ein tüchtiger, den Fortſchritten der Wiſſenſchaft ſtetig auf dem Fuße folgender Stand der Förſter;— und man fragt noch, ob man ein paar hundert Gulden mehr für die Hebung unſeres Forſtinſtitutes, ſelbſt für die dringendſten Bedürfniſſe, hergeben ſoll? „In dem friedlichen aber gewaltigen Streite, ſagt der franzöſiſche Unterrichtsminiſter Duruy, der zwiſchen den gewerbetreibenden Völkern geführt wird, gehört der Preis nicht dem, welches über die meiſten Arme und Capitalien verfügt, ſondern der Nation, in deren Schooß die arbeitenden Claſſen Ordnung, Einſicht und Wiſſen in höherem Grade beſitzen. Die Wiſſen⸗ Jeſuiten Genüge Wiſſen⸗ Studir⸗ d Wahr⸗ rin den der Erde eit nicht Weltan⸗ Sproſſen ſich nie. en Form, unſerem au eines chen Un⸗ und vor⸗ hdarum, kt, nicht Zukunft en; aber Syſtem würde es überall die Men⸗ Zukunft edenfalls züter der on 1860 Million eibt dieß olz nach⸗ aft ſtetig rhundert dürfniſſ, sminiſter icht dem, Schooß Wiſſen⸗ 19 ſchaft fährt in ihren Entdeckungen fort und ſtellt jeden Tag der Induſtrie neue, hülfreiche Kräfte zur Verfügung.“ Dieß Syſtem iſt Verhältniſſen entnommen, die von den unſerigen in jeder Beziehung ver⸗ ſchieden ſind. Aus England, dem ungeheuren Inſelreiche, dem Vaterlande Cromwell', in unſere kleinen deutſchen Staaten übertragen, iſt es uns fremd. Statt einer Vertretung der wahren Fundamente der Geſellſchaft, nämlich der einzelnen Stände und der factiſch im Staate herrſchenden Intereſſen erhalten wir hier, im Geiſte des aus Mißverſtand hervorgegangenen Nivellirungsſyſtems, eine abwechſelnd präponderirende Miſchung von Männern, welche entweder als Beamte für eine ganz einſeitige Thätigkeit herangezogen wurden, oder als reiche Leute eine gewiſſe äußere Stellung im Leben einnehmen, die in keiner Weiſe für inneren Gehalt bürgt. Sind dieſe zwei Vorbedingungen ausreichend, um die tauſend Fragen des Staatslebens ſachver⸗ ſtändig, wie ſichs gebührte, und unbefangen zu verhandeln 2 Sicherlich nicht, denn während ſie ſich berufen glauben zur eingehendſten Prüfung aller möglichen Detailfragen, fehlt ihnen die erſte Bedingung, das ſpecielle Verſtändniß, im ſchroffen Gegenſatze zu dem Grundcharakter unſerer Zeit, der ganz weſentlich in Arbeitstheilung und Specialiſirung beſteht. Offenbar iſt dieß Gefühl auch im Kreiſe der Landesvertretung ſelbſt nicht ganz fremd, denn nur ſo erklärt es ſich, daß ſtets einige der trefflichſten Männer ſich ſelbſt zum abſoluten Schweigen verurtheilen. Und ſo kommt man denn, ohne es zu wollen, um doch Etwas zu thun, in die große Politik hinein, der ſich Jeder gewachſen glaubt, die aber überhaupt zu den Aufgaben der Landesvertretung nicht gehört, wenigſtens nicht in Staaten von der Größe des unſerigen. Die Politik iſt bekanntlich vielfach eine populäre Wiſſenſchaft oder richtiger: Probabilitätslehre, in welcher die geſcheuteſten Leute das Recht haben, den größten Unſinn zu behaupten. Aber der Erfolg hat auch innerhalb der Zeit unſeres modernen Verfaſſungslebens(ſeit 1820) genügend gezeigt, daß alle Verſuche, Politik zu machen, auf dieſer Seite jedesmal und gründlich geſcheitert ſind; und ſo wird es es auch ferner gehn, ſo lange die Verhältniſſe dieſelben bleiben. Wenn man dieſe dissolving views des politiſchen Treibens in den kleinen deutſchen Staaten durch ein paar Jahrzehnde ruhig mit anſieht, ſo ſind ſie in der That nicht dazu angethan, die beſondere Be⸗ geiſterung eines Mannes, der nach dem Realen ſtrebt, zu erwecken. Durch die Verhältniſſe faſt zur Unbeweglichkeit verdammt, jedes Einfluſſes auf die großen Zeitfragen und die Intereſſen der activen Nationen bar, ſtehen die politiſchen Führer der kleinen Staaten zuletzt rathlos da und ſind dazu verdammt, ſich raſch aufzubrauchen, ohne irgend welche nennenswerthen Erfolge zu erringen. Denn die große Menge, die ſog. öffentliche Meinung, die ich bereits in einem nicht ſehr langen Leben von der deutſchen Königskrone zur Republik, dann von der deutſchen Kaiſer krone unter Preußens Scepter wieder zum föderaliſtiſchen Staatenbunde ſchwanken ſah, die ſich dann(im Nationalverein) für die ſog. preußiſche Führung erwärmte, um ſich zuletzt in einem geſteiften Particularismus, vollkommen abgekühlt, entſchieden feindlich der preußiſchen Politik entgegenzuſtellen: wahrlich es i*ſt faſt athemraubend, ihren raſchen Bewegungen zu folgen. Und doch kommt es nicht ſelten vor, daß man dieſelben leitenden Perſönlichkeiten auf allen dieſen Etappen wiederfindet. Nirgends große Geſichtspunkte, nirgends eine feſte Anſicht von der Zu⸗ 3* 20 kunft; das iſt ein Leben von Tag zu Tag, das ſich aus illuſoriſchen Wünſchen aufbaut und aus kleinlichem Haſſe, als gälte es nur, ſich das Leben zu retten, und nicht, ein feſtes Fundament zu bauen, auf dein unſere glücklicheren Söhne einſt dankbar unſerer eingedenk ſein ſollen. Wenn man denn überhaupt das engliſche Syſtem nachahmte, warum ließ man gerade das weg, was für unſere gegebenen Verhältniſſe bei Weitem das Wichtigſte war, nämlichidie Enquéte⸗ Commiſſionen bei jeder rein techniſchen Frage? Iſt es nicht einleuchtend, daß ein Mitglied des Finanzausſchuſſes, wenn es nach Gießen geſchickt würde, in zwei Tagen hier am Orte mehr und gründlicher über die Univerſität— ofſiciell und außerofficiell— unterrichtet werden könnte, als wenn er in Darmſtadt dicke Stöße von Acten ſtudirt, deren Anfertigung in allen Branchen des Staatslebens eine Vielſchreiberei und eine Weitläufigkeit herbeigeführt hat, von der man ſich keine Vorſtellung macht;— wo dann endlich die Sache in den Sitzungen der verſammelten Kammer verhandelt wird, ohne daß vielleicht nur ein Einziger— denn dieß kann ſehr wohl vorkommen— ſachkundig und genügend unterrichtet iſt. Und wie wäre das auch möglich, ſei es im Kreiſe der Landesvertretung, ſei es in dem der Regierung, daß ein Ein⸗ zelner Alles zugleich, das ganze Staatsleben, erſchöpfend umfaſſen könnte. Ich aber habe es in der ganzen Zeit meiner Verwaltung nicht ein einziges Mal erlebt, daß einer der Landesver⸗ treter aus eigenem Antriebe z. B. mit mir den botaniſchen Garten inſpicirt hätte; und doch, wie oft ſchon iſt dieſes Inſtitut vor der Kammer verhandelt worden? Dieſes Syſtem iſt ohne Initiative für das Gute und ohne Macht, das Ueble zu verhin⸗ dern; es iſt in ſeiner Thätigkeit ſchwerfällig, kleinlich*) und über die Maßen koſtſpielig**); es verhält ſich zu der emſigen Arbeit des Staates, wie die Recenſion eines ſchreibſeligen Literaten zu einem guten und gründlichen Buche mit Citaten, Quellenſtudien und jahrelang durchgeführten *) Man kann in dem Protokoll 92 von 1864(S. 22) leſen, wie die vollzählige, aus allen Landestheilen zuſammenberufene Kammer darüber verhandelt, ob das ¼ Morgen große Hintergärtchen unſexer neuen Anatomie eine Weißdornhecke, oder„eine andere wohlfeile Art der Einfriedigung“, oder eiſerne Staketen erhalten ſoll. Die Regierung verlangt 1730 fl.; abgelehnt mit 34 gegen 6 Stimmen. Auch das Folgende iſt lehrreich. In der Beilage 117 zum 9. Protokoll der Ausſchußſitzung 2ter Kammer vom 20. März 1866 ſagt der Berichterſtatter, namens Volhard(S. 113). Unter den Ausgaben(der Univerſität) für Feierlich⸗ keiten waren„Stadtfahrten am 10. December 1860 und am 14. Januar 1861, an beiden Tagen wegen der 50 jährigen Dienſtfeier des Kirchenrath(sic) Dr. Engel; dieſe Feier ſcheint hiernach 2mal ſtattge⸗ funden zu haben, wenn nicht etwa die erſte Stadtfahrt nur eine Vorbereitung oder Probe für die zweite geweſen ſein ſollte.“ Man muß ſonderbare Begriffe von einer officiellen Auffahrt einer Univerſitäts⸗Deputation und von dem perſönlichen Charakter und der Würde des Rectors als deßfallſigen Vertreters derſelben haben, wenn man, anſtatt ſich an geeigneter Stelle gehörig zu erkundigen, ſich in einer Ausſchußſitzung der Land⸗ ſtände zu ſolcher Ausdrucksweiſe hinreißen läßt, deren richtige Bezeichnung ich Ihnen ſelbſt überlaſſe. *) Die Koſten einer Seſſion ſind normal auf ca. 20,000 fl. vorgeſehen; es iſt aber vorgekommen, daß die⸗ ſelben 100,000 fl. überſchritten; eine Mehrausgabe, welche das ſeltene Schickſal hatte, nicht von der Kammer beanſtandet zu werden. 3 und aus ment zu ade das quste⸗ d, daß gen hier terrichtet gung in rt hat, bitzungen enn dieß däre das ein Ein⸗ habe es ndesver⸗ id doch, verhin⸗ 4), es eiteraten fführten destheilen rer neuen Staketen 866 ſagt Feierlich⸗ ſen wegen 1 ſtattge⸗ für die und von en, wenn der Land⸗ laſſe. daß dit⸗ von der 21 Verſuchen; es iſt eine Macht wie der Geſchäftsgang, dieſe große Errungenſchaft unſeres Zeitalters der Papyrokratie, erfunden, um jede friſche, unbequeme Thätigkeit langſam aber ſicher abzutöden, ohne den Boden des Geſetzes zu verlaſſen. Dieſes Syſtem, wie es jetzt iſt, hat keine Zu⸗ kunft, denn es beſitzt keine innere Lebensfähigkeit, es entſpricht nicht den Bedürfniſſen der Nation⸗ Glücklich, daß wir wenigſtens in der erſten Kammer einen ſtändigen, durchaus bis in jede Einzelheit des Univerſitätslebens ſachkundigen Vertreter haben, nämlich den Kanzler*); einen Mann, auf welchen wunderbar jene Worte unſerer altehrwürdigen Statuten(Tit. 16) paſſen: Procancellarius sit vir gravis, prudens, amans et promovens quaccunque studiorum genera; comis, humanus et oeconomiae peritus; Rectorem atque omnes Professores, maxime admi- nistratores bonorum Scholae, in omnibus fideliter juvet. Aber wenn wir es auch mit Dank anerkennen müſſen, daß dadurch in der erſten Kammer mancher ſchwere Schlag wieder von uns abgewendet worden iſt, ſo muß es auf der anderen Seite doch bedauert werden, daß durch Dasjenige, was vorher bereits in der zweiten Kammer über einzelne Univerſitätsangelegenheiten bei nicht genügend auf eigene Anſchauung gegründeter Sachkenntniß verhandelt worden, nicht ſelten unrichtige Anſichten ſich verbreitet haben. Und ſo finden wir denn, vielleicht mit veranlaßt durch ſolche Erörterungen, in vielen Kreiſen— ſelbſt unter Beamten, die ihr doch ihr ganzes beſſeres Selbſt verdanken— eine Stimmung bezüglich der Hochſchule, welche weit entfernt iſt, dem Bildungsgrade und dem Verſtändniſſe der Betreffen⸗ den zur CEhre zu gereichen**). Ihr wollt in der Machtfrage die Erbſchaft Eurer Fürſten theilen; gut, vielleicht werdet Ihr ſie einſtens haben. Aber dann zeigt Euch vor Allem ebenbürtig an hoher Geſinnung; zeigt, daß Ihr ein Herz habt für die höchſten Intereſſen der Menſchheit, für Kunſt und Wiſſenſchaft, ohne welche alles Geld keinen Werth hat; zeigt, daß Ihr hoch genug ſteht über dem Drang und Ringen des täglichen Lebens, des Bedürfniſſes und des Kampfes um das Daſein, um überall laut zu bekennen: der Menſch bedarf noch etwas mehr als Eſſen, Trinken und Kleidung; und beantwortet Euch ſelbſt die Frage, ob ein Ständeregiment mit ſolchen Geſinnnngen, wie ſie bisher ſich kundgaben, einen Rafael hätte den Vatikan malen laſſen oder wie Georg III ein 40 füßiges Teleskopfür Herſchel gebaut, einen Göthe zum Miniſter***), einen Schiller zum Profeſſor gemacht, überall an hundert und hundert Orten groß und klein durch ganz Deutſchland Muſeen, Bildergalerien, Theater, Naturalienſammlungen, Bauten, ſchöne Anlagen, Stiftungen und Anſtalten jeder Art, ja die Hochſchulen ſelbſt, die freien, weit über dem Parteigezänke des Tages ſtehenden Emporien *) Geh. Rath F. Birnbaum wurde zum Profeſſor in Gießen ernannt am 13. October 1840, zum Kanzler am 11. December 1847. **) Es möge hier an die Verhandlungen über das neue Landes⸗Irrenhaus erinnert werden. Fehler, daß man dieſes Inſtitut trotz den dringenden Vorſtellungen der Univerſität nicht an dieſe, ſondern an einen weit entfernten Ort verlegte, iſt nie wieder gut zu machen. *e⸗) Merkwürdig genug iſt gerade durch Göthe die erſte Verfaſſung in Deutſchland eingeführt worden, näm⸗ lich am 5. Mai 1816 in Weimar(unter Carl Auguſt). Der große 22 der Wiſſenſchaft, geſtiftet hätte. Sie aber, die Wiſſenſchaft, iſt der Stolz unſerer Nation, und wenn man ſich einbildet, für dieſe kleinen, gering fundirten Inſtitute zu viel zu thun, ſo rufe ich mit den Worten eines weitberühmten Ausländers(Renan) ſtolz entgegen: Une université allemande..(comme) Giessen ou Greifswald, avee ses petites habitudes étroites, ses pauvres professeurs à la mine gauche et éffarée, ses privatdocent haves et faméliques, fait plus pour l'esprit humain que l'aristocratique université d'Oxford avec ses millions de revenu, ses collèges splendides, ses riches traitemens, ses fellows paresseux. Wahrlich, tiefer Schmerz erfüllt den ruhigen Beobachter, wenn er dieſe ewigen Kämpfe und Reibungen eine Zeit lang mit anſieht, und wenn er gewahr wird, wieviel ſeiner beſten Kraft dadurch ſeiner eigentlichen Aufgabe, nämlich der wiſſenſchaftlichen Arbeit, entzogen wird, ohne doch auf der anderen Seite etwas Fruchtbares damit ſchaffen zu können, ja ohne mehr zu thun, als Schaden zu verhüten. Denn in der That, wenn wir vorwärts gekommen ſind, ſo ſind wir es nicht durch dieſes Syſtem, ſondern in nicht wenigen Fällen trotz demſelben. Das Großherzogthum Baden verausgabt, abgeſehen von dem Polytechnikum in Carlsruhe, welches jährlich über 100,000 fl. abſorbirt, noch 151,000 fl. für die Univ. Heidelberg, welche ganz und gar vom Lande unterhalten wird, und für Freiburg 61,000 fl., wozu noch für letzteres ein eigenes Grundvermögen von 1,236,000 fl. kommt. Bei uns ſelbſt betrug der Staatszuſchuß im Jahre 1864 82,875 fl., wozu noch 52,235 fl. aus eigenem Vermögen und eigenen Einnahmen verſchiedener Art hinzukommen, der größte Theil aus Stiftungen früherer Landesfürſten, die es mit der Alma mater wohlmeinten, die in guten und ſchlimmen Tagen für ſie geſorgt, ſie durch alle Stürme der Zeiten nun 261 Jahre*) erhalten haben, die ein Herz und einen Sinn hatten für akademiſches Leben, Leiden und Freuden. Zeuge von Letzterem ſind noch heute die glänzende Reihe koſtbarer Becher von Gold und Silber, welche die ehrwürdigen Landesväter um die Wette der Univerſität zum Geſchenke machten. Haben ſie wohl erwarten können, daß dieſe Becher einſt trocken im dunkeln Schranke vertrauern ſollten, daß einſt die Zeit kommen würde, wo die Epigonen es ungerechtfertigt finden würden, daß von jenen 52,000 fl. die große Summe von noch nicht 100 fl.**) jährlich auf unſeres Fürſten Ge⸗ burstag zur Erinnerung an jene längſt verblichenen Wohlthäter in Wein credenzt werden ſollte. Sicher haben ſie dieß nicht erwartet, denn ſonſt hätten ſie nicht, wie Sie heute noch leſen können, auf die Becher gravirt: ad conservandam publicam hilaritatis memoriam ex clementia principali dono oblatum(1707, vom Landgrafen Ernſt Ludwig); oder, wie ſich Landgraf *) Das Gymuasium illustre zu Gießen wurde geſtiftet 1605; 1607 in eine Univerſität verwandelt; 1625 dieſe nach Marburg verlegt; 1650 in Gießen bleibend reſtituirt. **) Die betr. Ausgabe aus dem Univ.⸗Fond betrug z. B. im Jahre 1860: für Gaſthofsrechnung fl. 75. 48 kr.(meiſt für Deſſertwein, nämlich etwa 50 Flaſchen à fl. 1. 12); für Muſik fl. 18; Trinkgeld für Decoration fl. 6; dabei iſt zu bemerken, daß die Hauptſache bei der letzteren, nämlich die Pflanzen ſelbſt, ohne Koſten aus dem botan. Univ.⸗Garten geliefert wurden. Andernfalls würde die Summe merk⸗ lich höher kommen. eon, und ſo rufe niversité tes, Ses les, fait lions de Kämpfe ten Kraft d, ohne zu thun, ſind wir rlsruhe, welche letzteres ,235 fl. te Theil in guten erhalten Zeuge welche aben ſie ſollten, daß von ten Ge⸗ n ſollte. ſch leſen ementia andgraf 1625 g ſl. 75. Trinkgeld Pflanzen me merk⸗ 23 Georg ausdrückt: Ex paterno affectu et singulari benevolentia gratiose donavit, 1634 (24. Mart.) Gott ſei Dank, ſo arm ſind wir ſämmtlich noch lange nicht, daß wir nicht einmal einige Flaſchen Wein bezahlen könnten, ſei es zum Privatvergnügen, ſei es um unſeren Fürſten zu ehren. Aber durch jene Beanſtandung iſt die Stiftung, das Herkommen vernichtet, die hiſtoriſche Con⸗ tinuität aufgehoben und zerſchnitten, die ganze Weihe zerſtört, und das Geſchenk gütiger Fürſten nur noch eine Reliquie ohne Leben, zum Gaffen. „Wenn eine ehrenhafte Corporation, ſagte bei jener Gelegenheit Domcapitular M aufang, von 40— 60 gebildeten Männern nicht einmal mehr ihre hergebrachten, hiſtoriſch merkwürdigen, an die Huld des Fürſtenhauſes erinnernden Feſtlichkeiten ſoll feiern dürfen, ohne dafür in ſolcher Weiſe, wie es geſchehen iſt, kritiſirt zu werden; ſo begreife ich ganz, wie dadurch das Gemüth des Herrn Kanzlers und der übrigen Herren unangenehm berührt worden iſt. Ich bin der Anſicht, man ſollte die Summe bewilligen“. Ich aber bin nach vieljähriger Erfahrung der Anſicht, daß das gemeinſame Mahl und der gemeinſame Trunk aus denſelben Bechern, deren Rand ſeit langer, langer Zeit ſo mancher brave und edle Vorgänger berührt hat, mehr zur Förderung der Collegialität, und damit mehr zur Förderung der geſammten Univerſitätszwecke beigetragen haben, als alle Vereine, Geſell⸗ ſchaften und privaten Zuſammenkünfte nur irgend vermögen. Doch genug von dieſer Angelegenheit, welche doch nur Diejenigen verſtehen können, die theils Aehnliches erlebt haben, theils Unbefangenheit, Bildung und warmes Gefühl in dem Maße beſitzen, wie es für ſolche Fragen ſelbſtverſtändlich vorausgeſetzt werden muß. Und nun endlich der Student! Werfen wir einen prüfenden Blick in das Leben unſerer jugendlichen Commilitonen, und ſehen wir zu, wie weit und mit welchem Erfolge ſie Dasjenige ausbeuten und benutzen, was der Staat mit ſo großen Opfern ihnen darbietet, was ihre Docenten mit unermüdlicher Aus⸗ dauer forſchen, fördern und lehren.— Auch hier iſt das Reſultat ein gemiſchtes, wie ſo oft im Leben. Es kann keinen Zweck haben, das tauſendfältige Gute ſelbſtlobend aufzuzählen, was hier durch Wort und Lehre in die empfänglichen Geiſter der Jugend gepflanzt und weithin verbreitet worden iſt; oder aufzuzählen, wie viele treffliche Männer, ſei es in beſcheidener Lebensſtellung treu in ihrem Berufe, ſei es auf erhabener Höhe der Wiſſenſchaft oder des Staatslebens, weit⸗ hin Licht und Segen verbreitend, einſt als Studirende hier auf unſeren Bänken geſeſſen haben. Weit nützlicher ſcheint es mir zu ſein, wenn wir die Schattenſeiten des Studentenlebens in's Auge faſſen, um wo möglich Hülfe zu finden zu paſſender Aenderung, oder mindeſtens ruhige und richtige Beurtheilung der Zuſtände.— Wenn man dieß jugendliche Treiben eine längere Reihe von Jahren hindurch mit anſieht, ſo miſcht ſich der anregenden Einwirkung, welche der Verkehr mit nie alternder Jugend mit ſich bringt, doch auch ein gewiſſes Gefühl der Wehmuth bei. Das Studentenleben gleicht einem blüthenreichen, ſchönen Garten. Hunderte treten ein in die viel verheißenden Gelände, dort ſammeln Einige emſig und vorſorglich die Früchte, welche bald zu voller Süße nachreifen werden, während Schaaren von Andern in heiterer Jugendluſt 24 ſorglos vorüberjubeln. In weiterer Ferne ſehen wir die Einen ihr Erworbenes froh und zufrie⸗ den in Sicherheit bringen; ganz weit im Hintergrunde, für den Eintretenden noch verdeckt, ſchleichen trauernd und mit Thränen im Blicke einzelne ſtille Geſtalten wieder hinaus, mit leeren Händen, mit geſcheiterten Hoffnungen. Dieß ſind nicht etwa Phantaſien, nein: Zahlen beweiſen. Nach einem berechneten Durch⸗ ſchnitt von 1847 bis 1860 treten jährlich 16 junge Inländer ein, um, nach vieljährigen Vor⸗ ſtudien und zahlreich aufgewendetem Gelde, oft das mühſam Erſparte wenig vermögender Eltern, — hier das Studium der Medicin zu beginnen. Aber jährlich nur 10 abſolviren hier ihr Schlußexamen; nur dieſe werden wirklich, was ſie Alle doch werden wollten, Doctoren der Medicin. Wo ſind die Andern 6 hingekommen? 3 Viele ſtraucheln ſchon bei den erſten Examina; andere beſtehen wenigſtens dieſe noch, wenn auch erſt nach wiederholtem Anſetzen und ſtets nur ſtückweiſe, womit, beiläufig bemerkt, der Zweck faſt ganz vereitelt wird. Denn es kommt nicht nur darauf an, daß überhaupt etwas gelernt wird, ſondern auch darauf, daß es zu rechter Zeit geſchieht, damit das Ganze regelrecht ſich füge. Ja es macht mir faſt den Eindruck, als ſei es allmählich noch ſchlimmer geworden; denn während in dem mediciniſch⸗naturwiſſenſchaftlichen Vorexamen z. B. im Jahre 1855 27 ſich dieſer öffentlichen Prüfung unterzogen, wovon 10 nicht ſofort beſtanden, alſo ½; und im Jahre 1859 von 28 Examinirten 19 beſtanden; ſo ergibt eines der neueſten Examina Folgendes: 15 angemeldet, 3 zurückgetreten; 2 nicht beſtanden; die Uebrigen 10 beſtanden, aber darunter ſind 8, welche das Examen, und zwar fachweiſe, zum 2ten, ja einer ſogar zum 3ten mal verſucht haben. Daß dieß in den anderen Disciplinen ſich ähnlich verhält, habe ich allen Grund, zu vermuthen; gewiß iſt, daß es in den verſchiedenen Branchen der Naturwiſſenſchaft, überhaupt überall, wo nicht oder wenig dictirt wird, mit dem Fleiße nicht zum beſten beſchaffen iſt. Wenn man auch zugeben muß, daß das Collegium nicht der einzige Weg zur Wiſſenſchaft für Alle iſt,— und das Leben iſt auch eine Schule— ſo ſteht doch feſt, daß es der bequemſte, ſicherſte und für die Mehrzahl der bei weitem kürzeſte iſt. Was ſoll man aber dazu ſagen, wenn bereits zu Ende des 2ten Dritttheils eines Semeſters die Zuhörerzahl durchſchnittlich um 33 pC. abgenommen hat? Ja wenn in größeren Vorleſungen zu keiner Zeit ſämmtliche Inſcribirte gleichzeitig zugegen ſind? Ich habe anfangs geglaubt, dieß ſei individuell; vieljährige Erfahrung hat mich eines Andern belehrt.— Für Jemanden, der wie ich, niemals Mitglied einer ſtudentiſchen Verbindung war, der ich die Unfreiheit dieſer Corporationen ſtets als einen Feind meiner Selbſtſtändigkeit geflohen hatte, lag es nahe, die Urſache dieſes ungenügenden Fleißes in dem Corpsweſen zu ſuchen. Iſt doch in der That, offen ausgeſprochener Maßen, das heitere Studentenleben für gar Viele die Haupturſache des Univerſitätsbeſuches; iſt doch eigentlich wiſſenſchaftliches Intereſſe ebenſo ſelten als wenig rentabel; hat mich doch ſelbſt in heiterem Lebensübermuth ein junger Mann vor nicht langer Zeit verſichert, daß die Menſur der eigentliche Kern des Univerſitäts⸗ lebens ſei. und zufrie⸗ h verdeck, mit leeren en Durch⸗ rigen Vor⸗ der Eltern, hier ihr ttoren der noch, wenn der Zweck das gelernt ſich füge. den; denn 5 27 ſich im Jahre eendes: 15 runter ſind al verſucht Grund, zu überhaupt haffen iſt. nſchaft fuͤr bequemſte, dazu ſagen, nittlich um mmtliche mich eines Verbindung Kſſtändigkeit weſen zu aleben für es Intereſſe ein junger lniverſttäts⸗ 25 Ich bin allmählich im Laufe der Jahre von jener erſten Vorſtellung zurückgekommen. Zwar iſt es nicht ganz leicht, zu verſtehen, wie man einigermaßen conſequente Studien und die nüchterne Beſchäftigung mit der ernſten Wiſſenſchaft verbinden kann mit den tauſend Forderungen, welche das Corpsleben an die Zeit und die geiſtige Ruhe der Mitglieder ſtellt, zu ſchweigen von den Anſprüchen an den Geldbeutel, welche in einzelnen Fällen bis auf 120 fl. per Curſus bloß für Bier ſich belaufen,— ungerechnet etwa 10— 18 fl. für allgemeine Corpszwecke, und ebenſo ſämmtliche Ausgaben für Commerſe, Luſt⸗Fahrten, Deputationen u. ſ. w.*). Nun, Niemand hat das Recht, ſich darum zu bekümmern, was ſein Nachbar ausgibt, und wer es bezahlen kann, der mag mit Vieren fahren. Aber wie Viele, denen es ſchwerer fällt, kommen dadurch in die allerübelſte Lage, die ihnen durch das ganze Leben nachhängt. Genug, wie ſie es fertigbringen, iſt ihre Sache; gewiß iſt aber trotz alle dem, daß ich, wenn ich zurückſchaue, eine nicht geringe Anzahl meiner beſten Schüler ſehe, die den verſchiedenen Corps und Verbindungen angehörten; ja ich weiß nicht gewiß, ob es weniger ſind, als aus anderen Kreiſen. Es iſt nicht zu leugnen, daß das über alles Maß gehende Duellunweſen und die übertriebene Ausdehnung der Ferien in vieler Beziehung ſehr nachtheilig auf das Studium wirken müſſen. Aber es iſt eine andere Frage, ob man darin etwas ändern kann. Was die Ferien**) betrifft, ſo können alle Beſtimmungen hier nichts nützen, wo jedes Zwangsmittel fehlt,— denn die ſog. Zeugniſſe, das Letzte, was man verſuchte, haben ſich überall als gänzlich werthlos herausgeſtellt, ſeit man be⸗ greift, daß ein Docent, der 30— 60 oder mehr Zuhörer hat, die er faſt ſämmtlich perſönlich nicht kennt, unmöglich ein richtiges Zeugniß über den Collegienbeſuch ausſtellen kann; nun gar, wenn er, wie ſo häufig, etwa nicht ſcharf ſieht. Was aber das Duell betrifft, ſo möge man doch bedenken, daß man eine ſolche Sache, die der Student ſelbſt im Weſentlichen nur als ein Mittel zu ſtraffer Zucht und als eine Art ſpontaner Polizei für äußerlich anſtändiges und ehren⸗ haftes Benehmen zahlreicher, unruhiger, freiheittrunkener junger Männer anſieht, nicht wohl, zumal in Betracht der üblichen, ziemlich ungefährlichen Waffe— des Schlägers— als ein Hauptverbrechen betrachten kann, wenigſtens nichts in einer Zeit, wo man gleichzeitig Offiziere entläßt, weil ſie ſich nicht duellirten. Oder wagt es Jemand zu behaupten, daß dem Studenten das, was er ſeine Ehre nennt, weniger theuer ſei, als dem Soldaten die ſeine? Wohin der Arm des Geſetzes nicht mehr reicht, da herrſcht noch der Begriff der Standesehre, der Comment. Und daran ſcheitert denn auch jeder Verſuch, den überall geltenden ſog. eximirten Gerichtsſtand aufzuheben, gerade ſo, wie bei dem Militär, oder bezüglich des Disciplinar⸗Verfahrens bei den Beamten. Und diejenige Univerſität, welche zuerſt den Verſuch machen würde, das Duell als *) Die durchſchnittliche Ausgabe für die Corpsmitglieder berechnet ſich etwa auf 40— 60 fl. per Semeſter. **) Im Jahre 1733 wurde auf Antrieb des berühmten und einflußreichen Theologen Rambach vom Land⸗ grafen beſtimmt, daß Ferien nur auf Oſtern ſein ſollten, und zwar nur 4 Wochen. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß dieſe Beſtimmung niemals eingehalten worden iſt.— Uebrigens iſt es auch ander⸗ wärts nicht beſſee. So z. B. dauern in Upſala und Lund die Curſe vom 15. Jan. bis 15. Juni und wieder vom 15. Septemb. bis 15. Deebr. Factiſch ſind die Studenten aber 7 Monate zu Hauſe und 5 auf der Univerſität.— In Edinburg ſind mit Ausnahme einiger medieiniſchen alle Collegia im Sommer geſchloſſen. 4 26 ein Criminalverbrechen zu behandeln und ſo vermeintlich das Corpsweſen an der Wurzel abzu⸗ ſchneiden, wird ſicher finden, wie noch vor wenigen Jahren Heidelberg und etwas früher(1839) bei dem Carcerſturm Gießen ſelbſt erfahren, daß man damit nicht die Corps, ſondern ſich ſelbſt vernichtet und die Studenten nur auf andere Hochſchulen treibt; worin wir, denke ich, einmal anderen den Vortritt laſſen wollen. Gewiß wird einſtens das Duell aus der Geſellſchaft ver⸗ ſchwinden, wie die fahrenden Schüler verſchwunden ſind und die bettelnden Handwerksburſchen anfangen ſelten zu werden. Aber nicht Kaiſers Gebot und nicht die ſchwerſten Strafen haben dem Fechten ein Ende gemacht, ſondern ein geſteigerter Wohlſtand, Erleichterung der Communi⸗ cationsmittel und gehobene Standesehre. Wenn wir aus Laukhard's Leben ſehen, welch ein Abgrund der brutalſten Rohheit vor noch nicht ganz 100 Jahren ſich an deutſchen Univerſitäten breit machte, ſo kann man nicht umhin, zuzugeben, daß auch in dieſe Kreiſe allmählich Sitte und Anſtand eindringt. Und wenn wir es als ſelbſtverſtändlich betrachten, daß heutigen Tages ein Student nicht mehr, wie 1801, Mittags auf offenem Kirchenplatz in Gießen dem Polizeidiener den Zopf abſchneidet, und zwar aus mehreren Gründen; ſo können wir eben doch daraus lernen, daß eben ein Zopf vorausgeſetzt wird, ehe man ihn abſchneiden kann. So lange aber die Alten auf ihrem ländlichen Caſino nichts Beſſeres wiſſen, als mit den Erinnerungen der Studenten⸗ jahre zu renommiren, muthe man uns nicht zu, die verſäumte Erziehung der Söhne nachzuholen, die nicht unſere Sache iſt. Das Verbindungsweſen hat ſeine Berechtigung in dem Triebe zu geordneter und ſicherer Geſelligkeit, in dem Widerwillen gegen Standesvorrechte und vornehme An⸗ maßung, und in dem Hange der Jugend an phantaſtiſchem Treiben; und ſo lange es nicht gelingt, ihr einen anderen und ausreichenden Erſatz zu bieten, iſt es vergebliche Mühe, durch Verbote etwas beſſern zu wollen. In der That, ich habe den Studenten kennen gelernt in Holland, in England, in Frankreich und anderen Ländern; er hat allerdings mit unſerer Species gar keine Aehnlichkeit. Aber wenn Sie mich nun fragen,— welcher iſt Dir der liebſte?— ſo ziehe ich trotz alledem meinen deutſchen Studenten vor.— Man thut Unrecht, dieſer Beſonderheit des deutſchen Univerſitätslebens allein die Schuld aufzubürden für Erſcheinungen, welche ganz all⸗ gemein ſind: nämlich die Thatſache, daß überhaupt ſtets nur Wenige einen wahren, inneren und nachhaltigen Beruf für die ernſte, ſchwierige und nüchterne Wiſſenſchaft haben können; und vor Allem der Hauptfehler: die Jugend! ein Fehler, von dem wir ſämmtlich nur allzuſchnell geheilt werden. „Denn es iſt und bleibt doch ewig wahr: Aufblühende Jugend, reiches Gut, Die zwei ſind voller Uebermuth.“ (Gottfried von Straßburg.) Der Staat hat am Ende nicht nur nicht die Mittel, ſondern auch nicht das Recht, dem Einzelnen zu verwehren, Sonderlichkeiten zu treiben und Geld und Zeit zu verſchwenden; ſei er nun Student oder Börſenſpeculant; und es würde abſolut unvereinbar ſein mit unſeren Begriffen von Lernfreiheit und Lehrfreiheit, unſerem unantaſtbaren und höchſten Palladium, wenn wir unter Denen, die in thörichter Weiſe ihre Jugend vergeuden, alle die Anderen wollten mit leiden laſſen, welche das rechte Maß von Erholung und Arbeit, von Scherz und Ernſt rechtzeitig zu zuxze abzu⸗ üͤher(1839) n ſich ſelbſt ich, einmal Ulſchaft ver⸗ erksburſchen rafen haben Communi⸗ 1, welch ein Iniverſitäten h Sitte und Tages ein Polizeidiener raus lernen, der die Alten Studenten⸗ nachzuholen, n Triebe zu ornehme An⸗ nicht gelingt, erch Verbote Holland, in s gar keine ſo ziehe ich derheit des he ganz all⸗ inneren und nd vor Allem eilt werden. Recht, dem den; ſei er en Begrifen n wir unter mit leiden rechtzeitig zu 27 finden wiſſen. Das Wort Tugend kommt doch wohl von taugen; nur dem Kämpfer winkt der Sieg; und Viele ſind berufen, aber Wenige ſind auserkoren. Der Staat aber hat, nachdem er alle die Mittel geboten hat für ſeine künftigen wiſſenſchaftlich gebildeten Mitglieder, nur noch das Intereſſe, ſeiner Zeit dieſelben zu ſichten und die Beſten zu behalten: Er hat dazu, in Ermangelung eines beſſeren Mittels, die Examina eingerichtet, welche bei uns nach den um⸗ ſichtigſten, liberalſten und unparteiiſcheſten Grundſätzen geordnet ſind*); es iſt an uns, den Committirten, ſie mit Ernſt und Strenge zu handhaben, das ſind wir dem Staate ſchuldig, den Aeltern, und den beſten unter den Jünglingen ſelbſt.— Aber dieſe Univerſitäts⸗Examina ſind überdieß die einzigen, welche dem jeweiligen Stande der Wiſſenſchaft entſprechen, denn die Univerſität allein bietet das geeignete Perſonal von Männern, welche bleibend auf der Höhe der Wiſſenſchaft ſtehen; ſie ſind ſomit nicht nur eine Garantie für den Staat, ſie ſind auch im Nothfall eine Garantie gegen die momentan fehlgehende Zeitſtrömung des Staates ſelbſt, und der Kirche, im Intereſſe der ewigen, unvergänglichen Wahrheit. Nur Solche, welche ſich durch doctrinäre Schlagworte und Phraſen täuſchen laſſen und unfähig ſind, auf den Kern zu ſehen, können ſich hierüber täuſchen. Nehmt den Männern der Wiſſenſchaft an den Hochſchulen, als den natürlichen Vorkämpfern im Dienſte der freien Forſchung, die Examina der Jugend,— und das Zalladium der Lehrfreiheit iſt dahin, die Axt iſt an die Wurzel der deutſchen Univerſitäten gelegt; Ihr habt nicht mehr die freie Wiſſenſchaft, Ihr habt Abrichtungsanſtalten für den Staatsdienſt und für die Kirche, und werdet bald erfahren, wohin das führt. Die deutſche freie Wiſſenſchaft aber, vergeſſen wir es nicht, iſt das Einzige, worauf ſtolz zu ſein ein Deutſcher das unbeſtrittene Recht hat. Läugnen will ich nicht, daß bezüglich des Studentenlebens vielleicht Einiges wenigſtens dadurch gebeſſert werden könnte, daß die jungen Leute nicht, wie ſo oft geſchieht, mit ſehr unvollkommener Maturitas und mit kaum vollendetem 17. Jahre die Univerſität bezögen; wenn ſie noch 1 oder 2 Jahre mindeſtens unter der ſtrengeren und engeren Aufſicht von Aeltern und Lehrern zubrächten. Wo, wie es gewöhnlich iſt, eine Verſorgung meiſt erſt mit 30— 40 Jahren erlangt wird, kann es nicht als Zeitverluſt betrachtet werden, wenn zu Anfang jener entſchei⸗ denden Lebensperiode 1 oder 2 Jahre mehr auf tüchtige Vorbildung verwendet werden. Und wer überhaupt den Muth hat, dieſen wenig lucrativen Weg als Lebenspfad zu wandeln, deſſen beſter Theil in einer geiſtigen Bereicherung und höheren Bildung beſteht, der ſollte einſichtsvoll genug ſein, zu bedenken, daß in dieſen Jahren der Fonds geſammelt wird, von welchem er ſein ganzes Leben zehren ſoll, der ihn in der Iſolirung des Landlebens oder im unruhigen Treiben der großen Städte ſtets hoch über dem Gemeinen erhalten, ſtets ihn als einen Streiter im niie der Humanität, als ein Muſter der Einſicht und Geiſtesbildung unter ſeinen Mitbürger zeigen ſoll. *) Die medieiniſche Facultät ging mit der neuen Ordnung voran, indent ſie im November 1847 die Oeffent⸗ lichkeit bei den Schlußprüfungen einführte. 28 Insbeſondere aber will ich, von meinem Standpunkte aus, den Wunſch hier laut aus⸗ ſprechen, daß man die Zeit des Gymnaſialunterrichtes auch benutzen möge, um den Unterricht in der Naturwiſſenſchaft, namentlich auch in der Naturgeſchichte, immer weiter zu ver⸗ breiten. Ich halte es für aufrichtig beklagenswerth, daß dieſe Fächer auf der Univerſität von den Gymnaſiallehramts⸗Candidaten bei uns faſt vollſtändig vernachläſſigt werden, während in Preußen ſogar ein Examen darin abgenommen wird; daß am hieſigen Gymnaſium ſeit langer Zeit ein Unterricht in der Botanik nur einmal vorübergehend Statt gefunden, ein Unterricht, der dagegen an einer hieſigen Mädchenſchule mit dem beſten Erfolge und in einer muſtergültigen Weiſe gegeben wird, welche zeigt, wie hier Alles auf die rechte Methode und das rechte Maß ankommt. Oder ſoll man, weil einige Lehrer nicht ſo vorbereitet und genügend unterrichtet ſind, um dieſes zu treffen, die Sache ganz unterlaſſen, ohne zu bedenken, daß bei weitem die Mehrzahl der jungen Leute weiterhin— auf der Univerſität— niemals zu dieſen Studien kommt. Und doch ſcheint es mir nicht gleichgültig, ob ſtudirte Männer jedes Amtes auf der Höhe ſtehen, daß ſie die Fragen und Tendenzen, die unſere Zeit am tiefſten und bleibendſten bewegen, wenigſtens würdigen und verſtehen können. Die humaniſtiſchen Studien haben eine ſchöne, fruchtbare und große Vergangenheit gehabt; mögen ſie auch der Naturwiſſenſchaft eine Zukunft gönnen, denn ſie können es nicht hindern.—— Es war nicht meine Abſicht, irgend Jemanden zu verletzen in Dem, was ich geſagt habe; und wo die Abſicht fehlt, fehlt auch die Kränkung. Aber indem ich durch den Chrenplatz, auf welchen Sie, meine Herrn Collegen, mich durch freie Wahl berufen haben, aus meiner ſtillen Zurückgezogenheit und nur der Wiſſenſchaft gewidmeten Thätigkeit hier an die Oeffentlichkeit zu treten veranlaßt worden bin, glaubte ich kein beſſeres Thema für unſere heutige gemeinſame Be⸗ trachtung wählen zu können, als die jüngſte Geſchichte unſerer Alma Ludoviciana. Sie hat das Licht der Oeffentlichkeit nicht zu ſcheuen und iſt oft genug der Gegenſtand öffentlicher Betrachtung namentlich von unberufener Seite geweſen; ſo daß es mir nützlich erſchien, wenn einmal eine Stimme aus ihrem eigenen Gremium ſich erhübe. Wenn wir geſehen haben, daß Manches der Verbeſſerung fähig iſt, nach menſchlicher Weiſe, ſo kann eine ſolche Betrachtung in den Augen wohlwollender und wohlgeſinnter Freunde der Anſtalt vielleicht ein Echo finden und fördern helfen, indem ſie Intereſſe und Verſtändniß in weiteren Kreiſen verbreiten hilft. Denn wir leben in der Zeit der Oeffentlichkeit, und unſer Amt iſt ſeiner innerſten Natur nach ein öffentliches und jeder Kritik preißgegeben. Und wenn wir geſehen haben, daß Vieles bei uns gut und muſter⸗ haft war und iſt, ſo kann dieß für uns Alle nur erfreulich ſein, die wir daran mitwirkten, es wird uns ein Sporn ſein, dafür zu ſorgen, daß es ſo bleibe und ſtets beſſer werde, damit auch unſere Nachkommen einſt uns nachrühmen mögen: ſie haben geſtrebt, gekämpft und gerungen im Dienſte der Wahrheit, der Freiheit und des Rechts! Anmerkung. Ohne damit im Mindeſten etwaige Kritiken abſchneiden zu wollen, bemerke ich doch hier ſogleich— um ſpätere falſche Auffaſſungen zu verhüten—, daß ich für meinen Theil auf eine weitere Replik und Debatte bezüglich des Voranſtehenden mich nicht einlaſſen kann. laut aus⸗ nterricht ter zu ver⸗ erſität von vährend in ſeit langer erricht, der tigen Weiſe ankommt. um dieſes ehrzahl der Und doch en, daß ſie wenigſtens htbare und n, denn ſie ſagt habe; aplatz, auf r ſtillen tllichkeit zu inſame Be⸗ Sie hat das Zetrachtung inmal eine anches der den Augen nd fördern wir leben tliches und und muſter⸗ wirkten, es damit auch erungen im h hier doch f eine weitere Zum Schluſſe habe ich Ihnen noch nach üblicher Weiſe über die Preißfragen zu berichten. Für das Jahr 186 ⁄66 hatte die theologiſche Facultät die Aufgabe geſtellt: „Es ſollen auf Grund einer allgemeinen Vergleichung zwiſchen der altteſtamentlichen und der perſiſchen Religion die Berührungspunkte beider in Beziehung auf Lehren und Gebräuche herausgeſtellt und die Frage unterſucht werden, ob dieſelben durch geſchichtliche Einflüſſe der letzteren auf die erſtere zu erklären ſeyen“. Die über dieſes Thema der Facultät rechtzeitig eingelieferte einzige Arbeit führt das Motto: Dies diem docet. Das über dieſelbe von der Facultät gefällte Urtheil lautet wie folgt: „Zur Löſung der von der theologiſchen Facultät geſtellten Aufgabe iſt derſelben eine umfangreiche Arbeit mit dem Motto: Dies diem docet, überreicht worden. Dieſelbe iſt richtig angelegt, verſtändig ausgeführt und führt im Ganzen zu be— friedigenden Ergebniſſen. Und obgleich die darin niedergelegten Kenntniſſe im Alten Teſtamente der Durchbildung, Vollſtändigkeit und Sicherheit noch entbehren, auch die Unterſuchung nicht immer gründlich und umſichtig genug geführt iſt, und die Aufſtellungen öfters zu ſchroff gehalten ſind: ſo glaubte die Facultät doch, beſonders in Anerkennung des großen Fleißes und guten Erfolges, mit welchem ſich der Ver⸗ faſſer in den neueren verwickelten Unterſuchungen über die perſiſche Religionsge⸗ ſchichte zurechtzufinden wußte, die Arbeit des Preiſes für würdig erklären zu können“. Der Verfaſſer iſt Theodor Schäfer aus Friedberg, Studioſus der Theologie. Auf die von der juriſtiſchen, medieiniſchen und philoſophiſchen Facultät geſtellten Preis⸗ fragen ſind keine Antworten eingegangen. Für das Jahr 186%, werden folgende Preisaufgaben geſtellt: 1. Von der evangeliſch⸗theologiſchen Facultät: „Es ſollen die Zuſtände der Korinthiſchen Gemeinde, auf welche die Pauliniſchen Briefe an die Korinther Bezug nehmen, unter exegetiſcher Begründung und mit kritiſcher Berückſichtigung der bisherigen Anſichten auf's Neue unterſucht und mit Beziehung auf die Parteien der dortigen Gemeinde in einem Geſammtbilde darge⸗ ſtellt werden“. 2. Von der juriſtiſchen Facultät: „Darſtellung der Grundſätze des römiſchen Strafrechts über Mitſchuld, und Er⸗ klärung der in den Quellen vorkommenden Ausdrücke zur Bezeichnung der verſchie⸗ denen Arten derſelben“. 3. Von der mediciniſchen Facultät: „Kritik der vorgeſchlagenen Maaßregeln, auf eine relativ wohlfeile, aber dauerhafte, und der Landwirthſchaft Nutzen bringende Weiſe den Schädlichkeiten vorzubeugen, 30 welche die Anſammlung des Unraths in unſeren Städten und bewohnten Orten zur Folge hat“. 4 4. Von der philoſophiſchen Facultät: a. aus dem Gebiete der altelaſſiſchen Philologie: „Oratio de domo, quae vulgo Ciceroni tribuitur, utrum genuina, an sub- diticia est?⸗ b. aus dem Gebiete der Mathematik: „Die Eigenſchaften der allgemeinen ebenen Curven vierter Ordnung ſind der Gegen⸗ ſtand mehrerer Unterſuchungen geworden, welche ſich zum Theil in Salmons Treatise on higher plane curves zuſammengeſtellt finden, zum Theil aber in ſpäteren Ab⸗ handlungen(insbeſondere in Crelles Journal) enthalten ſind. Es wird gefragt, wie die bisher bekannten Eigenſchaften ſich modificiren, wenn die Curve Doppel⸗ und Rückkehrpunkte hat. c. aus dem Gebiete der Staatswiſſenſchaften: „Die Lehre Sir James Stewart's(Unterſuchung der Grundſätze der Staats⸗ wirthſchaft), ihr Verhältniß zur Lehre Adam Smith's und Rikardo's“. Letztere iſt zwar ſchon einmal im Jahre 1863 geſtellt worden; da aber ein Verſuch, die⸗ ſelbe zu löſen, nicht eingegangen iſt, und da die philoſophiſche Facultät gerade auf eine gründ⸗ liche Behandlung dieſes ſo wichtigen Thema's großes Gewicht legen zu müſſen glaubt, ſo hat ſie beſchloſſen, dieſelbe Aufgabe von Neuem zu ſtellen. Die mediciniſche Facultät ſtellt außerdem aus der Balſer⸗Stiftung noch folgende Preisaufgabe: „Ermittelung durch Beobachtungen, ob und welcher Unterſchied zwiſchen dem Schlag— ader- und Blutader⸗Blut der Frucht beſteht“. Anhang. Studentenzahl in Gießen.(S Sommer. W Winter.) Kathol. Evang. 8 Auris⸗ 1 i⸗ Thier⸗ Pphiloſ.. 4 Sem. ZJahr.(AAnal Thah— dan. Wedi. andn. wnhn. dan Archt daſf ande, Pharnar Summ lüde linder 5 h g. S 1823 88 149 53 21 311 W 23-24 102 136 68 45 ſ351 S 1824 114 158 55 16 4 347 W 24-25 110 157 54 16 4 341 S 1825 91 167 49 18 10 335 W 25-26 85 191 52 20 12 360 S 1826 95 216 48 23 12 394 W 26-27 99 227 52 31 9 418 S 1827 98 227 52 31 9 417 W 27-28 105 186 53 40 10 394 S 1828 105 189 67 4 46 25 432 W 28-29 88 185 79 5 67 20 439 S 1829 114 247 87 4 38 52 20 558 W 29-30 98 196 98 8 47 41 24 504 S 1830 95 191 98 4 46 40 21 491 W 30-31 120 165 96 5 51 48 27 512 S 1831 120 139 94 6 60 39 20 472 W 31-32 99 129 78 7 54 36 15 411 S 1832 102 119 83 5 50 41 11 406 W 32-33 96 110 88 4 48 47 6 395 S 1833 89 101 67 5 47 41 5 350 W 33-34 94 91 69 5 5 41 38 12 7 362 S 1834 90 72 65 6 5 38 38 13 10 337 W 34-35 95 65 53 6 2 341 26 9 7 294 S 1835 87 59 62 8 2. 341 26 9 17 301 264 37 W 35-36 22 62 65 63 10 3 43 27 9 17 321 286 35 S 1836 21 66 65 52 8 4 46 30 7 20 319 279 40 W 36--37 24 63 53 52 10 4 33 18 12 21 290 248 42 S 1837 26 72 61 62 8 10 33 27 6 21 326 286 40 und Chem. W 37-38 22 68 69 64 8 8 25 4 30 7 20 325 285 40 S 1838 34 77 1 71 69 5 7 20 5 40 8 33 370 306 64 W 38-39 37 63 1 70 61 10 5 18 7 40 9 36 357 287 70 S 1839 41 65 1 82 67 10 5 22 7 47 10 33 390 317 73 W 39--40 45 60 1 86 60 10 10 23 8 35 9 30 377 293 84 S 1840 50 69 1 87 64 10 12 24 10 30 7 40 404 309 95 W 40-41 43 74 1 94 64 7 14 21 14 36 8 31 407 331 76 S 1841 42 73— 93 59 3 10 23 18 40 10 52 423 321 102 W 41-42 40 70 2 95 67 3 9 31 23 42 7 52 446 335 111 S 1842 37 77 2 110 64 8 11 28 21 45 9 60 472 367 105 W 42-43 29 78 1 94 71 8 8 30 17 40 15 54 445 339 106 S 1843 27 83 99 62 7 9 40 13 44 18 68 470 353 117 W 43-44 28 78 112 55 9 11 49 13 40 15 68 478 365 113 S 1844 32 88 124 54 5 6 49 16 46 25 59 504 384 120 W 44- 45 38 82 109 52 5 9 50 16 46 23 62 492 376 116 S 1845 39 98 97 68 9 12 48 18 44 21 58 512 389 123 W 45- 46 42 95 90 60 7 12 42 18 39 28 55 488 371 117 S 1846 52 83 110 66 6 12 45 20 40 41 63 538 400 138 W 46- 4 54 78 110 62 7 12 49 20 45 35 63 535 400 135 S 1847 74 78 127 60 8 10 49 21. 53 33 57 570 411 159 W 47-48 67 80 126 62 5 8 48 21 45 31 57 550 403 147 S 1848 80 77 117 60 9 5 45 16 30 26 43 508 381 127 W 48- 49 69 75 93 63 7 6 36 12 30 24 38 459 362 97 S 1849 44 84 87 72 7 4 24 10 38 28 48 446 352 94 W 49-50 39 81 102 85 5 6 21 6 24 26 35 430 352 78 S 1850 33 272 120 83 6 8 18 6 25 30 37 438 354 84 W 50-51 27 69 106 74 5 10 21 9 20 29 43 413 342 71 S 1851 164 100 88 4 13 25 7 27 31 52 409 332 77 W 51-52 56 94 82 3 12 19 5 19 30 59 379 297 82 S 1852 56 127 82 3 8 18 5 15 37 60 411 334 77 W 52-53 47 142 79 1 8 23 2 15 32 43 392 333 59 S 1853 46 141 91 1 9 23 3 15 25 48 402 340 62 W 53- 54 51 111 88 2 10 26 2 12 33 45 380 317 63 S 1854 52 119 101 2 10 41 1 15 34 29 404 353 51 W 54-55 45 1 105 94 2 10 41 2 13 29 36 378 329 49 S 1855 50 90 95 2 7 45 2 10 37 28 366 322 44 W 55-56 50 67 88 4 6 49 3 10 43 34 354 313 41 S 1856 51 60 87 3 9 49 2 10 54 43 368 329 39 W 56-57 48 59 86 1 10 46 1 12 42 49 354 322 32 S 1857 46 49 90 2 8 40 1 11 42 54 343 307 36 W 57-58 52 53 96 2 9 33 2 14 53 61 375 332 43 S 1858 51 61 106 2 3 30 2 22 52 54 383 338] 45 W 58-59 51 41 105 1 6 23 3 33 52 48 363 314 49 S 1859 46 32 95 1 6 23 4 31 48 53 339 287 52 W 59-60 48 42 99 1 7 18 7 29 55 58 364 303 641 S 1860 56 42 95 7 19 8 37 46 46 356 298 58 W 60-61 62 36 92 6 19 12 43 39 39 348 294 54 S 1861 52 42 86 6 18s 9 43 35 44 335 275 60 W 61-62 48 40 91 7 26 12 40 35 44 343 290 53 S 1862 55⁵ 34 90 7 27 8 46 43 34 344 287 57 W 62-63 62 41 99 9 38 13 59 45 37 403 335 68 S 1863 50 48 94 11 38 14 58 44 29 386 308 78 W 63-64 44 55 94 13 42 14 47 50 28 387 325 62 S 1864 44 48 100 13 40 13 42 49 35 384 325 59 W 64-65 44 53 92 16 46 16 32 47 27 373 338 35 S 1865 50 61 87 17 42 13 33 50 26 379 339 40 W 65-66 50 66 83 21 43 23 35 45 18 384 340 44 S 1866 56 65 85 21 45 27 34 46 21 400 356 44 Mittelzahl im Sommerſemeſter 405. Mittelzahl im Winterſemeſter. 399. Mittelzahl im Ganzen... 402. Bewegung: ſteigend bis 1829(558); ſinkend bis 1837(290); ſteigend bis 1847(570); ſinkend bis 1861 (335); ſteigend bis 1866(400). —— Ein Beitrag ———— Srey Contro Seſhic der Hocſchul zu Dießen Blue White am 9. Juni 1866 gehalten von dem Rertor der Landes-Aniverſität Hermann Hoffmann, V TIIIITGT! Mn Kn 1 1'' V T t “ Ihn Lrttrle Iiiie Gießen 1866. Brühl'ſche Univerſitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei(Fr. Chr. Pietſch).