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ſie die Trägheit und politiſche Unreife des Volkes nicht kannte oder nicht beachtete.
Wir ſtehen noch immer bei dem oben erwähnten, bedeutungs⸗ ſchweren Satze, der uns in der That viel zu denken gegeben hat. Der Verfaſſer macht weiter ſeinen Verbindungsbrüdern das Com⸗ pliment, daß in ihrem Kreiſe die Rohheit nicht herrſche, worin früher die Landsmannſchaften Großes geleiſtet hatten. Nun iſt es aber bekannt, daß die Sitten im vorigen Jahrhundert, in der guten alten Zeit, zwar viel roher geweſen ſind als heutzutage, wie überhaupt die Zeit keine Rückſchritte, ſondern Fortſchritte macht, daß aber der geiſtigen Strömung, welche in der folgenden Periode das Volk durchdrang, die Sitten milderte und veredelte, die Landsmannſchaften ſich nicht entziehen konnten. Wenn alſo die Corps die Rohheiten der alten Landsmannſchaften allmählich abgeſtreift haben, obwohl wir leider jetzt noch einige Reſte der⸗ ſelben übrig finden, ſo war dies nicht ihr Verdienſt, ſondern die nothwendige Entwickelung des deutſchen Studententhums.
Haben die Corps aber keinen anderen Zweck, als den, wel⸗ chen der Verfaſſer im Folgenden ausführt, nämlich dem geſell⸗ ſchaftlichen Verkehre die natürlichſte Befriedigung zu verſchaffen, ſo iſt es um ſo mehr zu verwundern, daß ein ſolcher, ſo nahe liegender Zweck erſt jetzt und nur von den Führern erkannt wird. Es heißt weiter an dieſer Stelle:„Dem jungen Studenten ſoll neben der wiſſenſchaftlichen Ausbildung“(die aber freilich ſehr in den Hintergrund tritt)„eine ungetrübte Quelle der Erholung und des Frohſinns fließen, und er ſoll einen Freundeskreis fin⸗ den, deſſen Einfluß ihn von Irrwegen zurückhalten und den Ein⸗ gebungen ſeiner Selbſtſucht und Laune beſchränkend entgegen⸗ treten ſoll.“
Alſo von Irrwegen ſoll ein ſolcher Freundeskreis den jungen Studenten abhalten. Welcher Art dieſe Verirrungen ſind, ver⸗ ſchweigt unſer Gegner, und er hat recht daran gethan. Wahr⸗ ſcheinlich enthält der obige Satz nichts anderes als die bekannte Phraſe, daß das jugendliche Alter, welches mannigfachen Ver⸗ irrungen ausgeſetzt iſt, von älteren, verſtändigen Leuten in
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