A. Allgemeines. 1. Die deutsche Sprache. Aus„ Deutschkunde". Ein Buch von deutscher Art und Kunst, hsg. von W. Hofstätter, 3. Aufl., Teubner 1921, wo der Aufsatz sich in einen größeren Zusammenhang einfügt. Aus dem Verband der indogermanischen Sprachen hat sich das Germanische losgelöst durch die sogenannte erste Lautverschiebung und durch die Aufgabe des freien Worttons, d. h. durch die Festlegung des Tons auf der ersten Silbe des Wortes, sowie durch die Ausbildung der schwachen Biegung des Zeitworts und des Nebeneinanders von starker und schwacher Biegung beim Beiwort. Eine Unterabteilung des Germanischen bildet wieder das Westgermanische, d. h. die Sprache der Germanen in England und dem eigentlichen Deutschland. Sie ist gekennzeichnet durch gewisse Verschärfungen vor Mitlautern, durch eine eigentümliche Gestaltung der 2. Pers. Sing. des Präteritums( altsächs. ahd. wâri, altengl. waere, du warst, gegenüber got. wast), durch die Schaffung der Zusammensetzungen bezw. Ableitungen auf-heit. Die unmittelbare Fortsetzung des Westgermanischen ist das Deutsche; gegenüber dem von diesem festgehaltenen westgermanischen Sprachzustand hat das Friesische und das Englische seine eigenen Wege eingeschlagen, das Friesische in den der Nordsee zugewandten Gebieten und auf den an den Küsten gelegenen Inseln, das Englische die Sprache der nach Britannien ausgewanderten Stämme. Die Benennung deutsch begegnet auf westgermanischem Gebiet zuerst in den achtziger Jahren des 8. Jahrh., und zwar mit Bezug auf die Sprache, nicht auf das Volk, nicht in deutscher, sondern in lateinischer Rede( tam latine quam theodisce, theodisca lingua). Das ist Ableitung zu ahd. diot( got. thiuda) Volk: diutisca zunga die Rede des Volkes gegenüber der lateinischen Amts- und Kirchensprache. Nun galt zwar diot oder thiuda niemals dem niederen Teil des Volkes, sondern stets dem Volksganzen. Aber auf einem Umweg kommt doch der erforderliche Gegensah zustande: diutisca zunga überſet gentilis lingua, gentilis sermo, das bei Hieronymus Behaghel, Aufsäße usw. 1 2 - belegt ist( z. B. draco mirae magnitudinis, quos gentili sermone boas vocant), wie das Hauptwort diot lateinisch gens wiedergibt. Die beglaubigte Geschichte des Deutschen beginnt mit dem 6. Jahrh.; in dieser Zeit überliefern uns lateinische Urkunden einzelne deutsche Wörter( Eigennamen). Das Deutsche umfaßt damals ein Gebiet, dessen Grenzen nur zum Teil mit einiger Sicherheit zu bestimmen sind. Die Ostgrenze wurde gebildet durch Elbe, Saale, Böhmerwald, Enns; die östlichen Nachbarn der Deutschen waren Slaven und Avaren. Im Süden strebte die Grenze den Kämmen der Alpen zu, im Süden des Deutschen saß keltoromanische und rätoromanische Bevölkerung. Zum Deutschen gehörte aber noch die Sprache der Langobarden, die jenseits der Alpen, in Italien, im 6. Jahrh. ihr Reich begründet hatten. Ob oder in welchem Umfang im Norden das Deutsche bis an die Nordsee reichte, ist nicht auszumachen. Jedenfalls saßen in einer unsern Sprachquellen vorausliegenden Zeit in den Küstengebieten und weiter ins Land hinein bis nach Nordthüringen Frieſen und ihnen verwandte Stämme, die also die nördlichen Nachbarn der Deutschen waren. Im Westen entsprach der Verlauf der Grenze annähernd dem der späteren Zeit; doch reichen darüber die Westfranken hinaus nach Westen, in nicht näher zu bestimmendem Maß und Umfang in die Bevölkerung des heutigen Frankreichs eingesprengt; auch hier sind Keltoromanen die Nachbarn der Deutschen. Die über die zusammenhängende Linie hinausragenden Teile gehen dem Deutschen früh verloren, indem etwa im Lauf des 9. Jahrh. Langobarden und Westfranken von der nach Zahl und Kultur übermächtigen romanischen Bevölkerung aufgesogen werden. Etwa im 11., 12. Jahrh. löst sich das Niederländische aus dem Verband der deutschen Spracheinheit, indem es eine selbständige Schriftsprache ausbildet. Diesen Verlusten stehen gewaltige Gewinne gegenüber. Insbesondere im 12. und 13. Jahrh. wird das Land östlich der Elbe deutschem Wesen und deutscher Sprache gewonnen, ein erheblicher Teil von Böhmen sowie das Land, das den Namen der Ostmark erhält, und aus dem dann Österreich erwächst. Das Friesische wird stark zurückgedrängt, ihm nur spärliche Küstenteile und vorliegende Inseln belassen. Die Eroberung der Alpen wird vollendet, das obere - 3 - Wallis, Teile von Graubünden werden deutsch, die Linie der späteren Arlbergbahn nach Süden überschritten. Über das Stammgebiet hinaus werden Siedlungen entsendet: die Siebenbürger„ Sachsen“ sind Ableger der Moselfranken, die Gottscheer im slowenischen Sprachgebiet und die heute spärlich gewordenen deutschen Bewohner der sieben und der dreizehn Gemeinden entspringen dem bayrischen Stamm; in den baltischen Ländern ist die Oberschicht deutschen Ursprungs. Das in Polen und Rußland von Millionen gesprochene Jiddische bekundet neben seinen weniger zahlreichen hebräischen Bestandteilen eine im wesentlichen ostmitteldeutsche Grundlage. Was so nach außen als deutsch, als Einheit sich deutlich kennzeichnet, ist im Inneren nichts weniger als eine Einheit. Es spaltet ſich in Unterabteilungen nach Raum und Zeit, es ſtuft sich ab nach den Zwecken der Rede: so steht die Schriftsprache neben der Mundart, mit mannigfachen Übergängen und Mischungen; der Sprache der Prosa tritt die Sprache der Dichtung zur Seite; besonderen Aufgaben dient die Sprache des Rechts, des Seemanns, des Bergmanns und anderer Berufs- und Lebenskreise. Schließlich sind auch die Sprachen der einzelnen vielfältig unter sich verschieden, nicht bloß in den Personen überragender Schriftsteller, sondern auch bei gewöhnlichen Sterblichen. Bei der Entwicklung, die über die Sprache ergeht, tritt bald die, bald jene dieser Einzelheiten mit ihren Schicksalen stärker hervor. Die Wandlungen, denen das Deutsche unterliegt, setzen sich zusammen aus solchen, die die einzelne Spracheinheit unabhängig von jeder anderen vollzieht, und solchen, bei denen der Einfluß anderer Einheiten sich geltend macht. Dabei haben fremde Sprachen auf das Deutsche eingewirkt: in ältester Zeit das Keltische( dem u. a. das Wort reich entstammt), dann das Lateinische, das Französische das Griechische( dieses vielfältig durch Vermittlung des Lateinischen), das Englische. Diese Einwirkung kann erfolgen durch mündlichen Austausch: so haben wir hebräische Bestandteile aufgenommen( meschugge, pleite); so haben die Deutschen schon Jahrhunderte vor dem Beginn unserer Sprachquellen beim Einrücken in das Zehntland, in die Schweiz, in die Rheingebiete, zugleich mit den neuen Errungenschaften der Kultur, die sie vorfanden, in großem Umfang deren Benennungen von den Keltoromanen aufgenommen oder die - 4 - Thüringer von den slawischen Besiegten das Wort dowre„ gut“ gelernt; so haben unsere Soldaten aus Rußland den Panjewagen, das Panjepferd mitgebracht. Aber dieser Austausch kann sich auch innerhalb des deutschen Gebietes selbst vollziehen: in den Rheinlanden, in Thüringen hat das Hochdeutsche dem Niederdeutschen Boden abge= wonnen, und das heutige Niederdeutsche hat manche seiner Besitztümer von einem Überschlagen hochdeutscher Sprachwellen empfangen. Die fremden Bestandteile können aber auch auf literarischem Wege eingedrungen sein, wie die zahlreichen Wirkungen, die das Lateinische zur Zeit des Humanismus ausgeübt hat. Die von außen hereinwirkende Spracheinheit kann aber auch ein Glied der deutschen Sprache selber sein. Wörter, Wortformen, Sazzfügungen der Schriftsprache dringen in die Mundart ein, zumal in den Städten, in abgeschwächtem Maße in deren Nachbarschaft. Die eigene ältere Sprache wird bei den Nachkommen wieder lebendig, frühere Schriftsteller wirken auf spätere. So steht die deutsche Dichtung des 13., 14 Jahrh. sprachlich unter dem Bann der klassischen mhd. Dichtung, die sich um die Scheide des 12. und 13. Jahrh. entfaltet hat; im einzelnen haben Wolfram und Gottfried starke Nachfolge gefunden. Luthers Bibelsprache wirkt nach bei Hamann, bei Goethe und durchdringt unsere eigene volkstümliche Rede. Den Hauch der Goetheschen Sprache, zumal des Wilhelm Meister, verspürt man in der Romantik, bei Immermann, Mörike; in manchem hat Schiller von Goethe gelernt. Jean Pauls Bilder und spielerische Weise sezen sich fort z. B. bei Gaudy, Adalbert Stifter, in den vertrauten Briefen Joh. Peter Hebels. So können geradezu Moden entstehen. Bei den galanten Poeten des 17. und 18. Jahrh. sind Ausdrücke wie artig, süß, zärtlich, Reiz, Unschuld, Wollust in hohem Maße beliebt; in unsern Tagen ist restlos im Sinne von„ vollſtändig“ unter dem Eindruck der Heeresberichte zum lästigen Modewort geworden. Die von anderen Spracheinheiten nicht beeinflußte Veränderung ist in gewissem Umfang Ausfluß eines Spieltriebs, der sich im Spiel mit den Lauten gefällt, in absichtlicher Verrenkung der Wortgestalten, wie in dem tollen Wirbel der Fischartschen Wortgebilde, in Hamannschen Seltsamkeiten, in den Lautreihen des Studentenliedes( Juvivallera; Lautoria; Zwilliwilliwik), den Um- und Neubildungen - - 5 - der Humoristen( Gersprenz ist veritrunken; gelebt, geliebt und auch gedracht). Ein bewußtes Eingreifen in die Sprachentwicklung stellen die Verdeutschungsbestrebungen dar, die der Einwanderung fremder Bestandteile entgegentreten oder die durch heimische Nachbildung fremder Weise dem deutschen Wortstaat neue Betriebsmittel zuführen wollen, Bestrebungen, die in die Anfänge unseres quellenmäßig beglaubigten Sprachlebens zurückgehen. Eine Wirkung bewußten Eingreifens ist es, wenn Sprachgelehrte grammatische Festsetzungen vornehmen und Gläubige finden. So haben die Sprachlehren von Schottel, Gottsched, Adelung vielfältig Nachachtung erfahren; so hat Wustmanns Lehre von der größeren Vortrefflichkeit des Älteren bis auf den heutigen Tag das sprachliche Handeln weiter Kreise beherrscht. Luthers Bibelsprache ist in großem Umfang Ergebnis bewußter Prüfung aller Möglichkeiten. Wenn wir heute zwischen verschiedenen Ausdrücken für denselben Begriff stilistisch wechseln, so steht dabei unablässig theoretische Mahnung im Hintergrund. Die Namengebung der Neuzeit auf dem Gebiete des Flugwesens ist umfassender syste= matischer Erwägung entsprungen. Von den unbewußten Wandlungen der Sprache sind diejenigen der Selbstlaute zum guten Teil Folgen der im Germanischen durchgesezten Anfangsbetonung. So erfahren die Vokale der Nebensilben schon in der Zeit vor unsern Sprachquellen vielfach Tilgung; die vollen Endvokale a, i, o, u, die die althochdeutschen Quellen noch in reichem Maße besigen, sind, soweit sie kurz waren, in mhd. Zeit zu e abgeschwächt; in den nördlichern Gebieten haben damals auch die Längen dieselbe Abschwächung erfahren, und in neuerer Zeit haben die südlicheren Gebiete dieses e ganz abgeworfen. Aber auch innerhalb der nämlichen Silben, innerhalb der Doppellaute hat der dem Wortbeginn fernere Bestandteil mit der Zeit an Gewicht verloren: so wird jenes ahd. diot später zu diët, ahd. briaf zu brief, und ië, uo, üe des Mhd. erscheinen in mittleren Gebieten und in der Schriftsprache als i, u, ü; ei- ai, ou- au früherer Zeit wandeln sich in mitteldeutschen und niederdeutschen Gebieten zu einfachen Längen, mit Überwiegen des ersten Bestandteils: breit ( od. brait) erscheint als brēt und brāt, koufen( kaufen) als kofen und kafen. 6 - Daneben stehen Verbreiterungen alter langer Vokale; auf bayrisch- österreichischem, schwäbischem und mitteldeutschem Boden ist zit zu zeit, hus zu haus, hüte zu häute geworden. Laute der Nebensilben i, j und verwandte Laute haben auf solche der Hauptsilben eingewirkt im sogenannten Umlaut( Kraftkräftig, Graf- Gräfin, Köln aus lat. colonia). - - Von den Veränderungen der Mitlauter ist zumal die zweite autverschiebung wichtig, die im 6. Jahrh. sich vollzogen hat und insbesondere p zu pf oder f, t zu tz oder sz, k zu ch wandelt. Sie ist auf verschiedenen Gebieten verschieden wirksam gewesen: je weiter nach Süden, desto mehr Laute und Lautſtellen werden von ihr getroffen; sie gibt so das wertvollste Hilfsmittel zur Abgrenzung deutscher Mundarten an die Hand. Niederdeutsch sind. die Gebiete, die kaum von der Verschiebung berührt worden sind. ( doch entspricht dem englischen the, thou nd. de, du); hochdeutsch diejenigen, die im Wortinnern und Wortende p zu f, t zu sz, k zu ch verschoben haben. Innerhalb des Hochdeutschen kennzeichnet sich das nördlichere Mitteldeutsche durch das Festhalten von pp ( appel apfel); es hat im Westen auch p des Wortbeginns nicht verschoben( perd, penning). Das Oberdeutsche im Süden hat auch perd zu pferd, appel zu apfel werden lassen. Die Verschiebung des k ist im Mitteldeutschen und nördlichen Oberdeutschen in beschränkten Grenzen geblieben; eine immer weitergehende Verschiebung des k zu ch hat auf alemannischem Gebiet niederalemannisch, hoch alemannisch, höchstalemannisch unterscheiden laſſen. ====Im Leben der Wortformen geht Verlust und Neuschöpfung nebeneinander her. Schon die vorgeschichtliche Zeit hatte eine besondere Form für Aussagen über eine Zweizahl sowie eigene Kasus für das Wo und das Woher untergehen lassen; eine noch im 9. Jahrh. vorhandene Form zur Bezeichnung des Mittels folgte nach; die Aufgaben der untergegangenen Kasus werden durch Verbindungen der übriggebliebenen mit Vorwörtern übernommen, deren Zahl sich in neuerer Zeit durch erstarrte Formen von Hauptwörtern erheblich vermehrt hat( z. B. kraft, laut, mittels, trop, wegen). Etwa seit dem 15. Jahrh. ist im größten Teil des Gebiets in der lebendigen Rede auch der Genitiv abhanden gekommen, bis auf erstarrte Reste; die Schriftsprache hat ihn festgehalten, ent - sprechend ihrem Festhalten an dem Überlieferten. Bei den gebliebenen Kasus hat die Mannigfaltigkeit der Gestaltung einer immer größeren Gleichförmigkeit Plaz gemacht; beim Nomen besteht fast nirgends mehr ein Unterschied zwischen Nominativ und Akkusativ; in der Mehrzahl ist jetzt überall der Genitiv gleich dem Nominativ und Akkusativ. Das Zeitwort ist in die Geschichte eingetreten mit bloß zwei Zeitformen, einer für die Gegenwart, die die Zukunft mitbezeichnen mußte, und einer für die Vergangenheit. Schon in früher altdeutscher Zeit wird in Ausdrücken mit sein und haben und dem Mittelwort der Vergangenheit eine Bezeichnung für die abgeschlossene Handlung gewonnen( Perfektum); sollen, später werden mit dem Infinitiv, gewährt eine deutliche Verkörperung zukünftiger Vorgänge. Nun hat- etwa seit dem 15. Jahrh. die Gegenwartsform auch dem Bericht über Vergangenes dienen können ( Praesens historicum). Schon früh ist auch ein Ersaz für die Leideform gefunden worden, die in vorgeschichtlicher Zeit untergegangen war. Wichtig ist auf dem Gebiete der Sagfügung das Zurückweichen des Konjunktivs, das zum Teil schon in der mhd. Zeit eingetreten ist. Im Ausgang der mhd. Zeit hat die altdeutsche Regelung der Zeitfolge einem neueren Verfahren weichen müssen. Die Wortbildung hat stets wachsende Bereicherung erfahren durch Mehrung der Ableitungen, insbesondere der Hauptwörter auf - ung, der Zeitwörter, die von Hauptwörtern ausgehen( bocken, köpfen, radeln, trompeten). Eine neue Art der Ableitung greift in neueren Zeiten immer mehr Platz, die neue Wörter im Anschluß an Wortgruppen schafft, die sog. Zusammenbildung ( altjüngferlich, rechtsrheinisch, Langschläfer, Inanspruchnahme). Ebenso kommen neue Arten von Zusammensetzung auf( Bethaus, Eßgerät, Singstunde; Grünkohl, Sauerkraut, Wildschwein; Menschensohn, Schwanenhals, Herzogsmantel; Frühlingslied, Liebesgedicht, Weihnachtsfeier, Zeitungsblatt). Im 17. Jahrh. nimmt die Sitte mehrfacher Personennamen überhand, die heute auch stark in den mündlichen Gebrauch übergreift. Swot Dem Wortschatz wachsen neue Bestandteile zu durch Entlehnung aus fremden Sprachen, aus der eigenen älteren Sprache, aus den deutschen Mundarten, durch Neuschöpfungen einzelner. 8. Der erste Abschnitt in der Geschichte der deutschen Sprache ist die Zeit der ungeschwächten Endungen, die Zeit des Althochdeutschen und des Altniederdeutschen, die bis ins 11. Jahrh. hineinreicht. Nur eine beschränkte Zahl von Quellen gibt uns hier Kunde von der deutschen Sprache: Dichtung, zumal geistliche Dichtung, Übersetzungsprosa, Prosa, die der geistlichen Unterweisung, der Auslegung spätrömischer Literatur und biblischer Bücher gewidmet ist; die Übersetzung teilweise so sklavisch, daß etwa das lateinische Deponens durch ein deutsches Passiv wiedergegeben wird, teilweise sich zu feiner und kunstvoller Wiedergabe lateinischer Sazgebilde erhebend. Mit dem 12. Jahrh. beginnt die Zeit des Mittelhochdeutschen und Mittelniederdeutschen mit den abgeschwächten Endungsvokalen, mit starkem Übergewicht des Mittelhochdeutschen über das Mittelniederdeutsche; Dichter aus dem nd. Gebiet schreiben geradezu hochdeutsch oder doch ein vielfach hochdeutſch gefärbtes Niederdeutsch. Eine mhd. Literatursprache beginnt sich auszubilden, deren Grundlage die nördlichen Gebiete des Oberdeutschen gewähren, die aber nicht verhindert, daß in den Quellen seit dem 14. Jahrh. landschaftliche Besonderheiten stärker hervortreten. Im 12. und 13. Jahrh. haben wir es fast ausschließlich, im 14. Jahrh. noch überwiegend mit dichterischen Quellen zu tun; die Gelehrsamkeit, die Akten, die Geschichtschreibung bewegen sich in lateinischer Sprache, soweit nicht die letztere zum deutschen Verse greift. In der ersten Hälfte des 12. Jahrh. steht die Dichtung mit der Einfachheit des Sazbaus noch der mündlichen Rede nahe. Die Zeit der mhd. Klassiker um 1200 zeigt hohe Vollendung der sprachlichen Form, wobei jedoch die eine Richtung älterer und volkstümlicher Rede näher steht, die andere mehr die hösische Gegenwart vertritt und zugleich sich dem Eindringen französischer Wörter stärker öffnet. Das 13. Jahrh. bringt die deutschen Rechtsbücher des Sachsenspiegels und Schwabenſpiegels, das 13. und 14. Jahrh. die deutsche Predigt und die deutsche Mystik, das 14. und zumal das 15. Jahrh. die deutsche Chronik und Geschichtschreibung, das 15. und 16. Jahrh. die deutschen Volksbücher, den deutschen Roman. Die Entfaltung der deutschen Prosa vollendet sich, indem auch die Sprache der Akten und Urkunden deutsch wird, im Süden seit den siebziger Jahren des - 9- 13. Jahrh., in Mitteldeutschland und im Norden etwa von 1300 ab. Diese Sprache der Urkunden ist im Anfang von Weltfremdheit, von Schwulst und Schwerfälligkeit völlig fern; erst etwa in den sechziger Jahren des 13. Jahrh. sezen die Schachtelsäge und Bandwürmer ein, die dann bis hinein in die Rechtssprache unserer Tage fortdauern. In diesen Urkundensprachen liegen die Keime einer folgenreichen Entwicklung. Aus ihnen heben sich bedeutsam. heraus die Sprache der kaiserlichen Kanzlei, in der sich mitteldeutsche und oberdeutsche Bestandteile zusammenfanden, und die der sächsischen Kanzlei. Die Gemeinschaft der beiden hat Luther, mit dem man die neuhoch= deutsche Zeit zu beginnen pflegt, mit vollem Bewußtsein zur Sprache seiner Bibelübersehung gemacht, aber zugleich unablässig darnach gerungen, echtes, lebendiges Deutsch zu reden. Nichts kann Luthers Leistung in helleres Licht sehen als der Vergleich mit der steifen unlebendigen Rede von Zwingli. Es hat freilich noch bis tief ins 18. Jahrh. hinein gedauert, bis das durch Luther begonnene Einigungswerk zu einem Abschluß kam, durch die Bemühungen der Sprachgesellschaften, der Grammatiker, der Schriftsteller selbst. Schon vor dem Auftreten Luthers hat in Deutschland der Humanismus eingesetzt, der gleich zu Anfang hervorragende übersezer aufzuweisen hat; aber deren Deutsch ist vielfach nicht rein und echt, und es ist jetzt dem antiken Einfluß Tür und Tor geöffnet im Hereindringen fremder Wörter, dem Verleihen antiken Gewandes an deutsche Personennamen, der Nachbildung lateinischer Fügungen, wie des Akkusativ mit dem Infinitiv, der Nachbildung fremder Wortstellung. Im 17. Jahrh. wird französischer Einfluß mächtig im Wortschatz; aber der Sazbau verrät nichts von französischem Geiste. Die politische Korrespondenz der Zeit zeigt den schlimmsten Kanzleiſtil; ein inhaltlich so volksmäßiges Werk wie der Simplicissimus ist von volksmäßiger Rede weit entfernt. In der Dichtung herrscht die Bracht und üppigkeit des Barocks, dem dann wieder die Nüchternheit eines Canig, die an Christian Weise anschließende Wasserpoeste entgegentritt. Das 18. Jahrh. bringt in Haller und Klopstock die Schaffung einer neuen Dichtersprache, genährt von den Engländern, von Homer, 10 - aufgenommen und weitergebildet von Goethe und Schiller in ihrer Reifezeit, während Lessing im Nathan der schlichten prosaischen Rede möglichst nahe bleibt. Zu der starken Erhebung über das Gewöhnliche, das diese Dichtersprache bringt, steht die Sprache von Sturm und Drang mit ihrem Willen und Wollen im schärfsten Gegensaz: sie will reine Natur sein. Aber es ist vielfach unechte, gekünstelte Natur, und so geht sie auch rasch vorüber. Aber die Betonung des Eigenen, des Lebendigen, ist geblieben, vorbereitet durch die Kenntnis altenglischer Volksdichtung, gefördert durch die Wiedererweckung des deutschen Altertums, zumal in den Veröffentlichungen Bodmers, gepredigt durch Hamann und Herder. Schon bei Bürger, beim Hainbund begegnen mundartliche Formen, werden abgestorbene Wörter neu belebt. Es erwächst die mundartliche Dichtung und die Dorfgeschichte, mit ausschließlicher oder weitgehender Verwendung der Mundart; in der neueren Zeit der mundartliche Roman, das mundartliche Drama, wobei sich namentlich Niederdeutschland hervortut. Auf der anderen Seite gedeiht der geschichtliche Roman, der in Scheffel und Gustav Freytag, in Kellers Meretlein, in Bruno Wille und HandelMazzetti vielfach Altdeutsches verwendet oder die Sprache des 17. Jahrh. nachzubilden sucht, wie dies auch Gerhart Hauptmann in seinem Florian Geyer unternimmt. Gegen den geschichtlichen Roman und gegen andere Erstarrungen erfolgt ein Gegenschlag in einem neuen Geschlecht von Stürmern und Drängern. Diesmal kam es zu wirklich zuverlässiger Beobachtung der natürlichen Rede und zu ihrer getreuen Nachbildung, in Übereinstimmung mit den Forderungen von Sprachgelehrten, die den papiernen Stil lebhaft bekämpften, und diese Annäherung der schriftlichen Rede an die mündliche dauert bis heute fort. Eine besondere Wendung nimmt das Eintreten für das Eigene in der Heimatkunst, die eine starke Verwertung mundartlichen Sprachgutes bringt, und verwandt damit ist es, wenn den Fachsprachen, etwa der des Jägers oder der Tuchweberei, Einlaß in die Darstellung gewährt wird und diese schwer verständlich macht. Das Recht des Heimischen, das Recht des Lebendig- Einfachen vertritt auch der Allgemeine Deutsche Sprachverein mit seinen erfolgreichen Bestrebungen. Und die nationale Erhebung des großen Krieges hat das