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Preußens hindurch das unumwundene Bekenntniß ausſprach:„wir haben nach allen Richtungen gründlich geſchulte, mit vielem Wiſſen ausgerüſtete junge Männer erhalten, aber kraͤftig entfaltete Talente, geniale Individualitäten, lebensfriſche, gemüth⸗ und thatkräftige Perſönlichkeiten immer wenigere.“ Dieſes aus vieljährigen Erfahrungen hervorgegangene ernſte Bekenntniß hat ein großes Gewicht, enthält eine inhalt⸗ ſchwere Mahnung. Iſt der Vorwurf an ſich ſchon nicht zurückzuweiſen, daß auf unſern Gelehrtenſchulen überhaupt zu viel gelehrt und dem Selbſtſtreben, dem Selbſteindringen und Selbſterſchaffen nicht genug freier Spielraum gegeben wird, ſo wird nun vollends der freien Bewegung der pſychiſchen Kräfte mit Ausdauer und Liebe nach den Richtungen, wohin die Anlagen und Neigungen drängen, durch die ſtrengen Anforderungen gleicher Leiſtungen auf allen Gebieten der vorge⸗ ſchriebenen Gymnaſial⸗Diſciplinen eine gefährliche Schranke, eine oft die reichſten Befähigungen für immer zerſtörende Hemmung entgegengeſtellt. Weil er Alles mit gleicher Anſtrengung zu gleicher Leiſtung betreiben ſoll, verliert der Jüngling oft alle Energie der Neigung und freudigen Strebkraft, überhaupt das Gepräge der Tüchtigkeit, des Durſtes nach Wiſſen, und nimmt, wie für niedere Genüſſe, ſo auch für die höchſten, die geiſtigen, eine widerliche Blaſirtheit an. Aus dieſem Grunde ſind die gleichen Anforderungen bei allen Unterrichtsgegenſtänden ſowohl für die Klaſſenverſetzungen als für die Maturitätsprüfungen verwerflich. Zeigt ein Jüng⸗ ling in einigen weſentlichen Gebieten Tüchtigkeit, iſt ſein Sinn und Streben bei einigen in die Tiefe gegangen, hat er in ihnen die Kraft einer logiſchen und dia⸗ lektiſchen Beſtimmtheit und Klarheit im Denken gewonnen, ſo laſſe man es geſchehen, daß er in der einen oder andern Diſciplin nicht gleichen Umfang und Stärke des Wiſſens erreiche, in ihr nicht das im Allgemeinen für die Klaſſen⸗ und Univerſitäts⸗ reife vorgeſteckte Ziel berühre.“ Wenn jedoch derſelbe weiter hinzufügt, daß den G. im Allgemeinen, dem Rector und Lehrercollegium insbeſondere nicht genug freie Be⸗ wegung gegeben ſei, und daß das große Zeitgebrechen bürokratiſcher Ueberwachung und Einengung in gleichmäßigen Schematismus und formreiche Abhängigkeiten ihre freie und kräftige Entwickelung lähme, ſo kann glücklicher Weiſe hinzugefügt werden, daß zu dieſer Beſchwerde in unſern Kreiſen keine Veranlaſſung vorliegt.
Unſer voriges Gymnaſialprogramm hat in der gelehrten Schulwelt eine überaus günſtige und ehrenvolle Aufnahme gefunden, ſ. Berliner Gymnaſialzeitſchrift 1849. S. 263— 271.— Von dem Unterzeichneten iſt gedruckt worden eine Abhandlung über das römiſche Bingen in dem neueſten Stück des Archivs für heſſiſche Geſchichte. — Dr. Wagner hat die 20ſte Ausgabe von ſeines Vaters Lehren der Weisheit und Tugend als das älteſte aller im G. noch gebrauchten Lehrbücher ſeinen Mitlehrern am G. zum Zeichen amtsbrüderlicher Geſinnung gewidmet.
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