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Jahre froher, erfrischender, anregender Arbeit, Jahre auch der Mühe und mannigfacher Sorge. Nunmehr mahnt im natürlichen Verlauf der Dinge Abnahme der Kraft zum Still- stand; sabbathliche Ruhe soll für mich eintreten.
Dort, wo die heilbringende, befreiende Institution des Ruhetages, des Sabbath, zuerst verkündet und geboten wird, knüpft sie an die Schöpfung an. Das Schöpfungswerk ist vollendet, der Ruhetag tritt ein. Aber der biblischen Darstellung der Arbeit jedes Werk- tages folgt auch eine Kritik des vollbrachten Werkes, die schliesslich in den Worten zu- sammengefasst wird:„Und Gott sah alles was Er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut“. Den Ruhetag nach so vollendeter Arbeit hat Gott gesegnet und geheiligt.
Dieses alles aber ist Gottes und nicht des Menschen. Menschlichem Thun ist Vollendung niemals beschieden. Wer den Umfang und die Verantwortlichkeit seiner Lebens- aufgabe kennt, gelangt nimmer zur Ruhe, und wenn dem Rastlosen geminderte Kraft endlich Rast gebietet, so vermag die eigene Beurteilung seiner Lebensarbeit ihm Befriedigung nimmer zu gewähren.
Da ist es denn menschlich und gut, wenn ihm in einem solchen Momente die Selbstkritik entzogen wird, wenn Wohlwollen, Freundschaft und Liebe das Wort ergreifen zu beschwichtigender, ermutigender Ansprache. So ist mir heute geschehen. Diese Stunde, der ich mit innerer Erregung entgegengesehen, ist mir dadurch eine erhebende geworden und diese, durch das von hier an Generationen von Schülern ergangene Wort der Belehrung geweihte Stätte wird mir heute Altar des Dankes.
Ich danke aus der Tiefe des Herzens Gott dem Allmächtigen, der mich geleitet und aufrecht erhalten hat, dass ich meines Dienstes warten konnte bis auf diesen Tag. Ich danke den staatlichen Behörden und den Behörden der Israelitischen Gemeinde, die diese Schule und meine amtliche Thätigkeit stets wohlwollend gefördert haben. Besonderen Dank sage ich den Männern, die in den letzten 32 Jahren als Mitglieder des Schulrats oft unter schwierigen Verhältnissen sich der Verwaltung der Schule mit Einsicht und That- kraft gewidmet haben; ihr Beistand hat mir die Amtsführung erleichtert, ihr Wohlwollen, das auch heute durch den Herrn Schulrats-Präsidenten Stadtrat Horkheimer zu so ehrendem Ausdruck gekommen ist, verpflichtet mich zu bleibendem Dank.
Von den Lehrern und Lehrerinnen, die bei meinem Amtsantritt an der Schule thätig waren, ist keiner mehr im Amte. Dankbar gedenke ich ihrer in dieser Stunde. Wohlthuend empfinde ich, dass die wenigen, die ein gütiges Geschick uns erhalten hat, sich heute hier dem jetzigen Kollegium wieder eingereilit haben. Die Schule zu leiten war ich berufen, aber fürwahr, von Lehrern und Schülern zu lernen war stets mein Ver- langen. Und so bleibe ich Ihnen, meine verehrten Kollegen und Kolleginnen, im tiefsten Herzen dankbar verbunden für alles, was Sie durch Ihre hingebende, fruchtbare, anregende Arbeit mir geworden sind. Dem heutigen Dolmetsch Ihrer Gesinnung, dem verehrten Senior des Kollegiums, meinem Freunde Prof. Dr. Epstein, und dem Manne, der in den letzten Jahren durch seine rastlose, verständnisvolle Mitarbeit mir die Amtsführung so wesentlich erleichtert hat, Herrn Oberlehrer Dr. Dob riner, sage ich noch besonders herz- lichen Dank.


