Aufsatz 
Nachricht über den Verlauf der 50jährigen Jubiläumsfeier der Realschule zu Michelstadt am 30. und 31. März und am 1. April 1884
Entstehung
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Großherzogliches Kreisamt Erbach, Großherzogliche Kreisſchulcommiſſion Erbach, eingeladen. Außerdem waren durch beſondere Schreiben unter Beilegung des Programms und der Abhandlung die hohen Standesherr⸗ ſchaften von Erbach⸗Fürſtenau, Erbach⸗Erbach, Erbach⸗Schönberg, ſowie alle ehemaligen Lehrer der Anſtalt eingeladen worden. Das Lehrercolleg der Realſchule hatte alle Freunde und ehemaligen Schüler der Real⸗ ſchule zur Feier des 50jährigen Jubiläums derſelben in der Darmſtädter Zeitung, dem Frankfurter Journal, der Kölner Zeitung und in dem ſchwäbiſchen Merkur freundlich eingeladen. Hierauf erſchien eine Reihe von zuſagenden Antwortſchreiben, die wir unten bei der Präſenzliſte eingehender betrachten

werden. II. Der Verlauf des Feſtes.

Die Beteilioung an allen Feſtlichkeiten war eine außerordentlich rege. Am Hauptfeſte waren die Erlauchten Herrſchaften von Erbach⸗Fürſtenau, Erbach⸗Erbach, der Vertreter Großherzoglicher Staats⸗ regierung, Herr Geheimer Oberſchulrat Becker, ſowie der Vertreter Großherzoglichen Oberconſiſtoriums, Herr Superintendent Sell erſchienen. Außerdem waren der ganze Stadtvorſtand von Michelſtadt, viele ehemalige Lehrer, Schüler und Freunde der Schule, und die Eltern unſerer jetzigen Schüler zugegen. Die ganze Feier verlief programmmäßig. Die Begrüßungsfeier imLöwen war ſo zahlreich beſucht, daß die verſchiedenen Räumlichkeiten die Zahl der Gäſte kaum faſſen konnten. Herr Oberamtsrichter Bogen begrüßte als Vorſitzender des Feſtcomités die erſchienenen Feſtgäſte und ehemaligen Schüler der Anſtalt, indem er hervorhob, daß die Liebe und Verehrung zu der altehrwürdigen Schule, die in dieſen Tagen ihr 50⸗jähriges Stiftungsfeſt feiere, ehemalige Schüler veranlaßt habe, zu einem Feſtcomité zuſammen⸗ zutreten, um in würdiger Weiſe von Seiten ehemaliger Schüler dieſe Feier zu begehen, daß dieſe Liebe und Verehrung viele ehemalige Schüler auf die Einladung des Feſtcomités hierhergeführt habe, erinnerte an die Lücken, die bereits der Tod in die Reihen der Schüler geriſſen habe, und knüpfte hieran den Wunſch, daß die zahlreich erſchienenen ehemaligen Schüler frohe Stunden in der Erinnerung an ihre Mitſchüler und an ihre Jugendzeit verleben möchten. Der Unterzeichnete hieß als dermaliger Director der Schule im Namen des Lehrercollegs alle früheren Lehrer und Schüler, ſowie alle Freunde der Schule willkommen und betonte die Liebe, die unſere Schule allen ehemaligen Schülern bewahre, ein Band, das in allem Wechſel der Zeit unverändert geblieben ſei. An dieſes Band wollten wir unſere Feier an⸗ knüpfen, uns des Wiederſehens freuen, uns freuen, daß uns vergönnt ſei, noch im roſigen Lichte zu wandeln; wir wollten dem Feſte ein junges Herz entgegenbringen, wenn auch des Alters Schnee bereits das Haupt bedeckt habe.

Die officielle Schluß⸗ und Jubiläumsfeier fand am 31. März, vormittags von Uhr an, in der feſtlich decorierten Turnhalle der Realſchule ſtatt. Der ſehr geräumige Feſt⸗ ſaal faßte kaum die Zahl der Feſtgäſte. Die Feier wurde nach dem zum vorjährigen Programm beigegebenen Feſtprogramme vorgenommen. Sie begann mit einer Motette von Klein,Hoch thut euch auf, ihr Thore der Welt, die von Schülern der Anſtalt in präciſer Weiſe vorgetragen wurde. Hierauf betrat der Re⸗ ligionslehrer der Anſtalt, Herr Stadtpfarrer Marguth, das Katheder und hielt folgende Weiherede:

In Gottes Namen. Amen!

Ja, auch in Gottes Namen ſeid mir herzlich gegrüßt, ihr teuren und hochgeehrten Feſtge⸗ noſſen alle, ihr alle, die ihr gekommen ſeid, das 50 ¹ährige Jubelfeſt unſerer Realſchule mitzufeiern! Sie ſteht heute da wie eine Mutter, die ihren Geburtstag feiert und ſich mit ihren Söhnen und Freunden freuen will. Sie iſt umgeben von vielen ihrer Söhne, von ſolchen, die ihrer mütterlichen Zucht und Pflege längſt entwachſen ſind, aber doch noch ein Stückchen Anhänglichkeit und Dankbarkeit gegen dieſe ihre Mutter im Herzen tragen, und von ſolchen, die ihrer Erziehung und ihrem Unterrichte noch anver⸗ traut ſind. Sie iſt auch umgeben von manchen ihrer ehemaligen Mitarbeiter, von ihren jetzigen Pflegern und Beſchützern, Freunden und Gönnern, die ſich mit ihr freuen ihres Ehrentags. Ein halb Jahr⸗ hundert ſchon hat ſie Mutterrechte und Mutterpflichten erfüllt; darum gedenkt ſie der großen Zahl ihrer Kinder, welche ſie am goldenen Morgen ihres Lebens mütterlich gepflegt und genährt, welche ſie vorbereitet und tüchtig gemacht hat, zu Ehren Gottes und zum Dienſte der Menſchen in mancherlei Amt und Beruf zu wirken und freut ſich des Segens, den ſie an Wiſſen und Fertigkeiten, an Zucht und Sitte ihnen hat mitgeben dürfen in's Leben, des Segens, der von ihr ausgegangen über dieſe Stadt, über dieſe ganze Gegend, über unſeren Odenwald, ja weit über deſſen Grenzen hinaus.

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