Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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Über die Seele will Gott Niemanden regieren laſſen, denn ſich ſelbſt allein. Es iſt ein frei Werk um den Glauben, dazu kann man Niemand zwingen. Darum, wo weltlich Gewalt ſich vermiſſet, den Seelen Geſetz zu geben, da greift ſie Gott in ſein Regiment und verderbet die Seelen.

Ebenſowenig wie eine Vermiſchung von weltlicher und geiſtlicher Macht und eine Herrſchaft der einen Lebensmacht über die andere, wollte Luther eine völlige Trennung von Staat und Kirche, von bürger⸗ lichem und religiöſem Leben herbeiführen.

Er weiß ſehr wohl, daß Kirche und Staat aufeinander angewieſen ſind und ſich in manchen Punkten ſo nahe berühren, daß eine völlige Trennung weder gedacht, noch im Ernſte gewünſcht werden kann, weil ſonſt dem Staate in der chriſtlichen Sittlichkeit eine mächtige Stütze, ja die Grundlage ſeiner Ordnung überhaupt verloren gehen müßte.

Da aber die geſchichtliche Entwicklung eines Volkes nicht dieſelbe iſt wie die des anderen, und da die Reformatoren, wenigſtens Luther und Melanchthon, ſich vor jeder unbefugten Einmiſchung in rein ſtaatliche Angelegenheiten hüteten, ſo wollten und konnten ſie auch darüber, wie beide Lebensgebiete aufeinander zu wirken hätten, nichts Beſtimmtes anordnen. Sie überließen es der Einſicht beider, in das rechte, das Wohl ihrer Glieder fördernde Verhältnis zueinander zu treten. ¹)

Zugleich lag in dieſer Unterſcheidung zwiſchen ſtaatlicher und kirchlicher Gewalt auch ein Beweis für den patriotiſchen Sinn Luthers, dem nicht nur das religiöſe, ſondern auch das bürgerliche Wohl ſeines Volkes am Herzen lag, wie wenigen. Durch ſeine Anſchauung vom Verhältnis des Staates zur Kirche hat er ſich um die Nation wie um die ganze chriſtliche Welt ein nicht hoch genug anzuſchlagendes Verdienſt erworben und gewiß mit dazu beigetragen, daß in dem deutſchen Volke bei aller Treue gegen die ange⸗ ſtammten Fürſten der Sinn für bürgerliche und politiſche Freiheit erwachte, der ihm die Kraft ver⸗ lieh, ſeine nationale Selbſtändigkeit gegenüber römiſchen Herrſchergelüſten zu verteidigen und feſter zu begründen.

Von dieſer fruchtbaren Scheidung zwiſchen weltlichem und geiſtlichem Gebiete hing auch, wie uns die Geſchichte der deutſchen Reformation unwiderleglich darthut, die Möglichkeit ihrer Durchführung und ihrer gedeihlichen Weiterentwickelung weſentlich ab. Es hat auch für Luthern eine Zeit gegeben, in welcher er leicht hätte Gefahr laufen können, ſich zugleich auch zum Reformator auf politiſchem Gebiete aufzuwerfen und ſo dem aus Gottes Wort und Gottes Geiſt geborenen Werke eine Richtung zu verleihen, die ihm, dem Urheber desſelben, wie der guten Sache ſelbſt, hätte zum Verderben gereichen müſſen. Solche Verſuche, die Reformation zur Folie einer politiſchen Umwälzung in Deutſchland zu benutzen, gingen von dem Kern der deutſchen Reichsritterſchaft, insbeſondere ihren Vertretern Sickingen und Hutten aus, von denen der letztere die Nation zum gewaltſamen Abſchütteln der ihr von Seiten des Papſttums ſeit Jahrhunderten auferlegten unwürdigen Feſſeln aufrief und ſich dabei Luthers, als des Vertreters der neu erwachten religiöſen Idee bedienen wollte, während Sickingen mit Plänen eines Umſturzes der geiſt⸗ lichen Fürſtengewalt ſich trug, ja vielleicht den Gedanken hatte, eine Umbildung des Reiches in einheitlichem Sinne herbeizuführen. Beide hatten ſich bald nach Luthers Auftreten, in welchem ſie eine That echt nationaler Geſinnung erkannten, an den kühnen Mönch angeſchloſſen und waren, ſeitdem Luther in der köſtlichen Schrift an dendeutſchen Adel dieſen aufgefordert hatte, die Selbſtändigkeit und Unabhängigkeit weltlicher Macht gegenüber den Anſprüchen Roms zu verteidigen, mit Freuden bereit, der Sache der Re⸗ formation jedweden Vorſchub zu leiſten. So edel dieſe Männer, denen die Stärkung der Macht des deutſchen Kaiſertums Gegenſtand der eifrigſten Pflege war, auch denken mochten, und ſo ſehr es dem echt deutſchen Sinne Luthers entſprach, daß die Einheit des Reiches, deſſen Zerſplitterung dem nationalen Leben ſo tiefe Wunden geſchlagen hatte, wiederhergeſtellt und namentlich dem Kaiſer die ihm gebührende Fülle der Macht zurückgegeben werde, ſo konnte er ſich nicht entſchließen, und zwar aus religiöſen Bedenken nicht,

¹) Vgl. Luthers Schriftvon der weltlichen Oberkeit bei Meurer p. 325 f.