Aufsatz 
Zu Göthes Tasso / vom ... Wittich
Entstehung
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Dann fühlt der Jüngling streitend seine Kräfte, Fühlt, was er ist, und fühlt sich bald ein Mann.

Er möchte ihn heilen von seinen Gebrechen, ohne dabei die Schuld des rauhen Arztes auf sich zu laden. Giebt er ihm doch oft in Gegenwart von vielen entschiedene Zeichen seiner Gunst, ist er doch bereit, da man alles üben muss, an Tasso, weil er's verdient, die Geduld zu üben. Er ist's, der Tassos Krönung herbeiführt, der ihm die Dichterkrönung in Rom in Aussicht stellt, der sein Verdienst vor Antonio rühmt. Und wie übt er Geduld an dem Dichter, als dieser den Burg- frieden verletzt hat, als er nicht begreifen will, dass er Unrecht gethan, als er in trotzigem Schmerz ihm Schwert und Kranz vor die Füsse legt, als er Urlaub fordert und durch keinerlei Gegen- vorstellungen sich davon abbringen lassen will. Wie ist er ferner für den Dichter besorgt, dass er in der Fremde nicht in Not gerate, dass er nicht durch kurzsichtiger, kleinlicher oder übelwollender Beurteiler Ausstellungen sich bestimmen lasse

Durch strengen Fleiss die liebliche Natur Zu kränken, die in seinen Reimen lebt.

Wie legt er ihm ans Herz zunächst sich Ruhe zu gönnen, um durch körperliche Erholung

das innere Gleichgewicht wiederherzustellen! Wie warnt er Tasso vor der Abgeschlossenheit von

der Welt, die Tasso so nahe liegt, mit den Worten:

Dich führet alles, was du sinnst und treibst, Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub; Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste, Und reizend ist es, sich hinabzustürzen.

Ich bitte dich, entreisse dich dir selbst,

Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert.

Wie herzlich lädt er ihn zur Rückkehr nach Ferrara ein!

Auch an anderen, rein menschlichen Zügen fehlt es nicht. Gern neckt er z. B. und macht einen Scherz. Seinen Spott haben die Frauen schon öfters über ihre Beziehungen zu Tasso erfahren müssen; mit der spottenden Verwunderung darüber, dass er Tasso auch bei ihnen nicht antreffe, tritt er vor sie. Auch er möchte nicht ohne Liebesabenteuer sein wie sie. Scherzend hält er der Gräfin vor, dass sie wohl gern in den grossen Welthändeln mitwirken würde; scherzend giebt er auch, wie wir gesehen haben, dem Antonio die Gewissheit, dass er ihm nicht zürne.

Es sind nur fünf Personen, die in Göthes Stück handelnd auftreten, aber sie handeln; denn jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von verschiedenen Gedanken, wo einer den anderen aufhebt, ist Handlung, wie uns Lessing sagt. Das empfinden wir, wenn wir das Stück lesen, wenn wir es aufführen sehen; dafür hat auch wohl unsere Besprechung einen Beweis gegeben.

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