Aufsatz 
Zu Göthes Tasso / vom ... Wittich
Entstehung
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gesehen! Als er von allen sich verlassen und verstossen glaubt, wie herzlich redet sie ihm zu, wie schonend! Wie müsste seine Verblendung weichen, wie könnte alles noch wieder gut werden, wenn er der Selbstbeherrschung fähig wäre, die sie ihm stets zur Pflicht machen möchte! Sie wird nicht irre an ihm, sie möchte ihn schützen gegen jeden Vorwurf, jede Gefahr, gegen alles Leid, was andre ihm bereiten könnten, was er selbst sich anzuthun im Begriffe steht. Oft hat sie ihn ver- teidigt, ihn gerettet. Was irgend zu seiner Entschuldigung sich sagen lässt, wenn seine Schwächen und Fehler zur Besprechung kommen, sie sagt es gewiss. Sie lobt seine Bescheidenheit, seine Gewissenhaftigkeit, als ihr Bruder bedauert, dass er mit seinem Werke nicht zum Abschluss kommen kann. Als Alfons es tadelt, dass der Dichter sich allzusehr von der Welt zurückzieht, weist sie auf sein inneres Wesen als den Grund hiervon hin, von dem der Mensch einmal nicht scheiden kann. Wie ist sie bemüht Antonio gleich für Tasso wiederzugewinnen, als sie den Unmut des Staatsmannes über des Dichters Krönung erkennt, wie möchte sie Tasso vor innerem Zerwürfnis mit Antonio behüten, als sie des Eindrucks gewahr wird, den dessen Lob Ariosts auf den Dichter gemacht! Wie müssen ihre Worte sein geschwundenes Selbstvertrauen stärken, als sie ihm sagt: Zwar herrlich ist die liedeswerte That;

Doch schön ist's auch, der Thaten stärkste Fülle Durch würd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen.

Wie erkennt es der Dichter an, was sie für ihn gethan, wie sie sein Leitstern war,

wenn er sagt: Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn

Der Gottheit Nähe leicht und willig heilt, So war auch ich von aller Phantasie,

Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe Mit einem Blick in deinen Blick geheilt.

Ja, sie ist seine Gottheit gewesen:

ruft er aus, Du hast mich oft, o Göttliche, geduldet,

Und wie die Sonne trocknete dein Blick Den Tau von meinen Augenlidern ab. Sie war ihm darum auch dichterisches Vorbild für edle Weiblichkeit in seinem grossen

Werk, demBefreiten Jerusalem:

Was auch in meinem Liede wiederklingt, Ich bin nur Einer, Einer alles schuldig. Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild Vor meiner Stirne, das der Seele bald Sich überglänzend nahte, bald entzöge. Mit meinen Augen hab' ich es gesehn, Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne.

Wie schön zeigt sich ihre Bescheidenheit, als die Freundin die Tiefe ihres Empfindens, die Festigkeit ihres Charakters, die Richtigkeit ihres Urteils, die Hoheit ihres Sinns, die Uberlegenheit ihrer Bildung rühmt! Wie zeigt sich Tassos Fall in seiner ganzen Tiefe, als er in ihr nur die Sirene sieht,Die ihn so zart, so himmlisch angelockt,Die Buhlerin, die kleine Künste treibt,Armide, entblösst von allen Reizen.

Was sie von anderen, was sie vor allem von Tasso fordert, an sich hat sie es zuerst geübt. Mässigung und Entbehren haben sie innerlich glücklich gemacht, der Duldung stille Lehre hat sich