Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

Willens oder endlich vor allem auf die Bereicherung ſeinerwiſſenſchaft⸗ lichen Erkenntniß abzielen? Auch hier gilt es von der geſchichtlichen Entwicklung des Religionsunterrichts zu lernen. Pietismus, Rationalismus und die moderne kritiſche Richtung laſſen jede dieſer drei Beſtrebungen in ihrer einſeitigen Iſolirtheit erſcheinen; gerade darum ar⸗ beiten dieſe Richtungen je länger je mehr auf Extreme los, gerade damit liefern ſie aber den indirecten Beweis, daß die richtige Mitte in einer Verbindung der drei Beſtrebungen gefunden werden muß. Es gilt den ganzen Menſchen zu packen. Auf Grund aller dieſer Erwägungen, die in dem zweiten Theile dieſer Arbeit ausführlicher erörtert werden ſollen, beſtimmt ſich nun das Ziel des Religionsunterrichts an höheren Schulen als: Befeſtigung der Schüler in der chriſtlichen Lebensanſchauung.

Der AusdruckLebensanſchauung iſt mit gutem Bedacht gewählt. Er ſoll zuerſt gerecht⸗ fertigt werden. Alle pädagogiſche Thätigkeit unterſcheidet ſich vom rein wiſſenſchaftlichen Arbeiten vor allem dadurch, daß jene ſich auf concret gegebene Individuen erſtreckt. Dieſe bringen nicht nur Kräfte verſchiedener Art und verſchiedenen Grades mit, ſondern ſie leben vor und neben der Schule in einer Fülle von Beziehungen, aus denen ihnen fort und fort Einflüſſe in concreter Form und in lebhafteſter Färbung zuſtrömen. Elternhaus, Bekanntenkreis, Heimat, die Preſſe, insbeſondere die lokale, ſie wirken mächtig und vielſeitig auf die bildſamen jugendlichen Naturen ein. Nun tritt die Schule mit dem ganz beſtimmten Verlangen auf, für die ganze weitere Ent⸗ wicklung ihrer Angehörigen während der bedeutungsvollſten Jahre entſcheidend zu wirken. Sie iſt nicht nur theoretiſch von der Richtigkeit des Zieles, das ſie ſich dabei geſteckt hat, und der Mittel, die ſie in Anwendung bringt, überzeugt, ſondern ſie verfährt auch täglich und ſtündlich nach dieſer Ueberzeugung und weiſt jeden fremden Einfluß, ſobald er dieſer Ueberzeugung wider⸗ ſpricht, mit Entſchiedenheit ab. Dieſes Selbſtvertrauen der Schule beruht darauf, daß ſie alle ihre Einzelwirkungen unter beſtimmte Grundgedanken ſtellt, die aus der Erkenntniß des menſch⸗ lichen Weſens und der Geſetze ſeiner Entwicklung hergenommen ſind. Die Erfahrung lehrt, daß dieſe Entwicklung einer außerordentlichen Vervollkommnung fähig iſt. Die Grundgedanken, welche dieſe Entwicklung leiten, müſſen daher auf die denkbar vollkommenſten Ziele hinlenken.Das Reinſte, Erhabenſte, ſich ſtets Gleichbleibende iſt aber die Idee oder das Ur- und Vorbild, in welchem Weſen, Zweck und Geſtalt einer Gattung zu einheitlichem, harmoniſchem und völlig reinem Ausdruck verſchmolzen und gediehen ſind ¹). Je klarer und tiefer dieſe Erkenntniß von der Einheit in der Fülle, von demruhenden Pol in der Erſcheinungen Flucht erfaßt wird, deſto mehr feſſelt ſie den menſchlichen Geiſt in ſeiner organiſchen Einheit, deſto mehr vermag ſie bildend auf denſelben einzuwirken. Bietet nun die moderne höhere Schule einen reichen Kranz von Unterrichtsgegenſtänden dar, alle geeignet, ſolchen bildenden Einfluß auszuüben, ſo fragt es ſich, in welchem Verhältniſſe ſollen die Ideen, welche die Gedankeneinheit der verſchiedenen Dis⸗ ciplinen in ſich ſchließen, unter einander ſtehen? Die Antwort auf dieſe Frage kann nur durch die Entſcheidung über die Superiorität der Ideen ſelbſt gefunden werden. Und die alle Voll⸗ kommenheit des Inhalts und der Form mit der Vollkommenheit des Zweckes vereinigende Idee

¹) Schrader a. a. O.