Aufsatz 
Über Uhland's "Herzog Ernst"
Entstehung
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größten Ruhe. Die Kaiſerin, in deren Händen die Reichsinſignien waren, führte unter dem Beirath ihrer Brüder, des Herzogs Heinrich von Bayern und des Biſchofs Dietrich von Metz, mit der ihr eigenen Beſonnenheit die Reichsgeſchäfte fort und fand bei den Großen um ſo willigeren Gehorſam, je mehr ſie ſich bemühte, die Wahl des neuen Königs zu beſchleunigen. Es war nicht anders zu erwarten, als daß überall die Fürſten zuſammentreten würden, um die große Frage des Augenblicks zu berathen. Sie thaten dies in der verſtändigſten, edelſten Weiſe. Die ſächſiſchen Großen entſagten bei einer Zuſammen⸗ kunft in Werla um der allgemeinen Wohlfahrt willen allen ihren Händeln. Ein Gleiches geſchah in den andern deutſchen Ländern. Und indem ſo die einzelnen Stämme zuerſt unter ſich zuſammentraten und die Nachfolge des Reiches beriethen, ſtanden ſie ſogleich von jeder Verfolgung eines Sonderintereſſes ab; nicht ein Stammhaupt wollten ſie wählen, ſondern dem Reiche, dem geſammten deutſchen Volke ein Oberhaupt geben. Es war der ſchönſte Triumph des Wirkens Heinrichs, der ſich bei ſeiner Wahl erſt die Anerkennung der einzelnen Stämme hatte gewinnen müſſen, daß bei ſeinem Tod kein anderer Ge⸗ danke auftauchte, als der, daß nur durch die allgemeine Wahl aller Stämme der deutſche Thron beſetzt werden könnte. Schon in den erſten Tagen des September*) verſammelten ſich auf Berufung des Erzbiſchofs von Mainz Fürſten und Mannen auf fränkiſcher Erde in der Rheinebene bei Mainz. Zwiſchen den Gebieten von Mainz und Worms, er⸗ zählt unſer Chroniſt Kap. 2,zieht ſich eine weite Fläche hin(V. 800 u. 801), die wegen ihres ebenen Bodens die größte Menſchenmenge aufnehmen kann und mit ihren ver⸗ ſteckten Inſeln zu geheimen Beſprechungen beſonders ſicher und geeignet erſcheint(V. 820 822); doch von dem

*) Die Wahl war auf den 4. September anberaumt, fand aber erſt am 8. September ſtatt.

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