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Verſtändniß die Quellen ſparſamer fließen; das Neue in einer eigenthümlichen Umbildung des Griechiſchen; dazu iſt der Inhalt einzig in ſeiner Art, höher als jede bis dahin erreichte Höhe, tiefer als der Menſchen⸗ geiſt ſich je zuvor vertieft hatte.
Dem gemäß forſchten denn auch die Reformatoren treulich, ſo weit die damaligen Hülfsmittel reichten, und ſuchten auch das Erforſchte ſofort aufzuſtellen. Allein im Allgemeinen war man von der Einſicht weit entfernt, daß manche Schriftſtellen einer verſchiedenen Deutung unterliegen, daß namentlich die Gränze zwiſchen dem eigentlich und dem bildlich Gemeinten nicht immer kennbar gezeichnet ſei. Dieß verkannte man fortwährend bei dem Streit zwiſchen Luther und Zwingli über das Abendmahl, dem darum das Ge⸗ ſpräch zu Marburg nicht abhelfen konnte, der ſpäter auch durch Calvins Faſſung nicht gehoben war; denn der Fehler lag eben in der Meinung, daß ſich eine mittlere Formel finden müſſe, wenn es nicht der einen Seite gelinge, die andere zu ſich herüber zu ziehen. Die mittlere Formel gibt die Schrift ſelber. Wenn ſich die ſtreitigen Punkte für die Menſchen deutlicher ausſprechen ließen, ſo würde es die Schrift gethan haben; nun aber, wo ihre Worte eine verſchiedene Deutung nicht blos verſtatten, ſondern geradezu ein⸗ ſchließen, iſt es Anmaßung, nur Eine gelten zu laſſen. Hierbei iſt es alsdann natürlich, daß die reale oder ſinnliche Auffaſſung der geiſtigen oder idealen gegenüber den ſtärkeren Anſpruch erbebt; das hat auch die Zeit nach der Reformation bewieſen, und beweiſt noch jetzt die tägliche Erfahrung. Die lutheraniſchen Theologen— denn es war immer ein Streit der Prieſter und Gelehrten, und der Gemeinde ging im All⸗ gemeinen noch von der früheren Unmündigkeit her Schriftkenntniß und ſelbſtſtändiges Urtheil ab— die Lutheraner waren die Angreifer und heftigſten Kämpfer; das weckte auch auf der anderen Seite, die ſonſt ihrer Natur nach duldſamer iſt, die Erbitterung, und man erlebte das traurige, aber den Feinden erfreuliche Schauſpiel, daß die Reformirten den Türken gleichgeſtellt wurden, wofür dieſe lieber katholiſch als lutheriſch ſein wollten. Das Jubeljahr 1617 mahnte ſchmerzlich an den Zwieſpalt, der ſelbſt in dem dreißigjährigen Krieg nicht ohne Wirkung war; das Jahr 1717 ließ ſchon ernſtlicher an Vereinigung denken, allein die Plane der Zeit gingen— unpraktiſch wie die europäiſche Republik Heinrichs des Vierten— mehr auf alle chriſtlichen, als nur auf die beiden proteſtantiſchen Confeſſionen. Der allgemeine geiſtige Aufſchwung des achtzehnten Jahrhunderts reifte endlich die Verſtändigung, die nach den Prüfungsjahren des deutſchen Vater⸗ landes, wo die Noth den Bruderſinn geweckt hatte, am dritten Gedächtnißtage in vielen Gegenden unter freu⸗ diger Zuſtimmung ins Leben trat.
Der Widerſpruch, der ſich damals, und zwar von lutheriſcher Seite, erhob, war zunächſt ſchwach und vereinzelt: ein Ammon, ein Harms und dergleichen, konnten gegen die ſiegreiche Denkkraft Schleiermachers nicht auffommen. Denn der Gegenſatz hatte ſich längſt gemildert, die Schärfen ſich abgeſtumpft; man vertrug ſich auch mit den katholiſchen Brüdern in dem gemeinſamen Chriſtusglauben, und innerhalb der evangeliſchen Kirche fühlte man ſich Eins durch die Erkenntniß, daß die Anſichten längſt nicht mehr nach den äußeren Confeſſionen getheilt waren, ſondern mindeſtens ſo viele Lutheriſche reformirt, als Reformirte lutheriſch dachten.
Auch Fürſten waren der Union günſtig. Mit mehr Selbſtherrlichkeit verfuhr dabei der dritte Fried⸗ rich Wilhelm in Preußen, mit weiſer Zurückhaltung in Heſſen der erſte Ludwig, ähnlich auch Baierns erſter Maximilian, als er die jetzt ſo ſehr bedrängten Pfälzer wegen ihrer Unionsurkunde genehmigend belobte. Die Wirkungen waren durchgreifend. So wurde in unſerem Lande, wo jede Vereinigung im Voraus ge⸗ nehmigt war, die oberſte Kirchenbehörde gemeinſchaftlich für alle Proteſtanten, alle Gemeinden und alle Pfarrer hießeu evangeliſch, in der Bildung, Prüfung nnd Anſtellung der Letzteren war kein Unterſchied.
Dieß konnte begreiflicher Weiſe dem Orthodoxismus nicht gefallen. Derſelbe hat von lange her in manchen Städten ſeine Brüteplätze, wie andere ein günſtiger Voden für Freikirchenthum ſtnd. Dem Wider⸗ ſtand, der in Preußen, wie es ſcheint, zunächſt durch die dem Land octroyirte Agende geweckt wurde, ſetzte man weltliche Gewalt entgegen, und die Diſſidenten zogen über den Ocean. Zu uns, wo ſich bis dahin


