Aufsatz 
Die Einheit der evangelischen Kirche : eine Rede / von Georg Thudichum
Entstehung
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Was ſo urſprünglich zur Vertheidigung beſtimmt war, und dieſer ſeiner Natur gemäß nicht eigentlich ein Syſtem bilden ſollte denn die Abwehr richtet ſich immer nach dem Angriff, das hatte ſich all⸗ mälig zu einer Theorie abgerundet, und nun trat alsbald der Anſpruch auf Unfehlbarkeit hervor, das Be⸗ ſtreben, eine allgemein gültige Lehrregel aufzuſtellen und nach ihr die Chriſtlichkeit des Einzelnen zu prüfen: Die Dogmatik trat an die Stelle der Religion; man folgerte, man ſtempelte Worte oder nahm die geſtem⸗ pelten an, und was ein Gedankenwerk war, nannte man Glauben. Der Streit, der daraus unter den Reformgenoſſeu erwuchs, iſt keine erſte Erſcheinung in der Geſchichte des Chriſtenthums. Die Apoſtel ſelber ſtritten, freilich ſo, daß ſie ſich bald wieder verſtändigten, denn ſie ſuchten nicht das Ihre: Petrus widmete ſich den Juden, Paulus den Heiden. Auch in den Gemeinden gab es Parteien, wie ſich in Korinth Einige nach Paulus, Andere nach Kephas, Andere nach Apollos, Andere nach Chriſtus nannten; und es bedurfte der ganzen Auctorität des Apoſtels, um das Uebel ſogleich in ſeinen Anfängen zu erſticken. Wir über⸗ gehen dann die Streitigkeiten in den folgenden chriſtlichen Jahrhunderten, die meiſtens in Verfolgung, Unterdrückung und Vertilgung der Unterliegenden ausgingen, und wenden uns zu dem Zwieſpalt, der ſich unter den Reformatoren in der gereinigten Kirche ſelbſt erhob, der, nach langem und heftigem Brande ge⸗ dämpft oder ermattet, gleichwohl bis in unſere Tage fortglomm, und letztlich wieder zu lebhafterem Feuer erwachen will.

Treffend hat Ariſtoteles und nach ihm Horatius geſagt, daß die Tugend, oder das Rechte zwiſchen zwei entgegengeſetzten Fehlern in der Mitte liegt. Es iſt aber dem Menſchen ſelten verliehen, das Wahre unmittelbar zu ſehen, das Rechte geradaus zu thun. Er nähert ſich nur in fortwährender Schwankung dem Ziele, wie der Wanderer, der bald Hinderniſſe zu umgehen, bald Irrgänge gutzumachen hat, wie das Schiff, das in gebrochenen Linien, jetzt zurückgeworfen, jetzt verſchlagen, mühſam allmälig dem geſuchten Hafen entgegenſteuert. Der Einſeitigkeit wohnt öfters auch die größere Kraft und Beharrlichkeit bei, die ja an ſich etwas Gutes iſt; Licht und Schatten liegen da nahe beiſammen, und es iſt Sache des vermittelnden Geiſtes, ſie zum gefälligen Bilde zu dämpfen. Wo ſind in der Geſchichte der Menſchheit große Dinge ohne einige Ueberſteigerung geſchehen? Der von dem Gegenſtand erfüllten Seele fällt es ſchwer, nach bei⸗ den Seiten gerecht zu ſein. Viele Chriſten ſchon der erſten Zeit waren einſeitig, es half ihnen die entgegen⸗ ſtehende Welt verläugnen oder beſiegen; Luther war einſeitig, und wir erkennen darin die Gränzen der Menſchheit; viele größte Männer waren es in irgend einer Richtung; und wenn es die hohen Stifter der Reformation waren, warum ſollten es nicht auch die vielen ſo viel kleineren Geiſter unſerer Tage ſein! Die Katholiken hatten gut mit Verachtung auf die Kämpfenden herabſehen, ein Kaiſer ſcinen Sohn vor der neuen Lehre beſonders darum warnen, weil ihre Bekenner uneins waren. Die mittelalterliche Kirche hatte Abweichung und Widerſpruch gewaltſam ſtumm gemacht, das geiſtige Leben zurückgedrängt, den Baum bis auf die Wurzel abgehauen. Was niedergedrückt war, fraß als böſer Schaden unter ſich, um hier und dort krankhaft hervorzubrechen; Keime, von der Erde bedeckt, erhoben ſich und wurden wieder hinabgetreten, bis ſie endlich mit Uebermacht die Decke ſprengten, und wenn das Gewächs anfänglich ungeregelt aufſchoß, ſo trug die Schuld, wer ihm das Wachsthum verkümmert hatte.

So viel zur Entſchuldigung des Streites. Allein ein Uebel war es immerhin, eine Entwicklungskriſe, eine Jugendkrankheit; gereiftem Alter aber ſteht es nicht an Kinderkrankheiten zu haben. Der Streit je⸗ doch, den wir ein Uebel nennen, iſt nicht der, welcher die Wahrheit ſucht, ſondern der, welcher auf dem Anſpruch wurzelt, ſie ausſchließlich zu beſitzen. Das Neue Teſtament iſt ein Buch, und muß als ein ſolches geleſen werden, in einer beſtimmten Sprache geſchrieben, die der Uebertragung in die einzelnen Landesſprachen bedarf. Seine einzelnen Theile, von verſchiedenen Verfaſſern herrührend, ſind allmälig entſtanden, und noch viel langſamer geſammelt worden; die Aechtheit einiger derſelben wurde gerade in den früheſten Zeiten an⸗ gezweifelt, es bedarf alſo einer kritiſchen Geſchichte ihres Urſprungs; denn nur was anerkannt apoſtoliſch iſt, kann gültig und bindend ſein. Es bezieht ſich auf das Alte Teſtament und gibt den Maßſtab für ſeine Geltung und Bedeutung. Dieſes iſt hebräiſch, in einem ausgeſtorbenen Dialect geſchrieben, für deſſen