Aufsatz 
Vorbereitung und Begründung des städtischen Volksschulwesens in Frankfurt am Main
Entstehung
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diesen Quartierschulen zu Mute war, denn er hatte selber in seiner Jugend eine solche Schule besucht.¹) Auch als Lehrer war er einige Jahre tätig gewesen und hatte sich praktische Erfahrungen im Unterrichtswesen erworben: in seiner Kandidatenzeit war er Erzieher bei der Familie Manskopf und Lehrer am Waisenhause gewesen. Dann unter- richtete er zwei Jahre lang unentgeltlich an der Musterschule, bis er als Professor an das Frankfurter Gymnasium berufen wurde. Doch bekleidete er dies Amt nur während eines Jahres, dann wurde er(1807) Prediger an der Kirche zum Heiligen Geist. Es war ein glücklicher Griff, daß der Großherzog diesen Mann, der ihm persönlich nahe stand und sein volles Vertrauen besaß, zum Oberschulrat ernannte. Getragen von warmer Liebe zu seiner Vaterstadt, deren Jugend ihn jammerte bei den trostlosen Schulverhältnissen, ²) hat er mit Feuereifer die Organisation der neuen Schule in Angriff genommen. Durch Patent vom 4. Mai 1813 wurde er zumGroßherzoglichen Direktor der zu errichtenden staat- lichen Volksschule ernannt. Es war dies ein unbesoldetes Ehrenamt. Zunächst lag es Kirchner ob, die Eröffnung der Schule vorzubereiten, die Lehrer zur Anstellung vorzu- schlagen und den Lehrplan auszuarbeiten.

18000 Gulden bewilligte die großherzogliche Regierung für die bauliche Herstel- lung und die erste Einrichtung des Gebäudes. ²) 2500 Gulden wurden als jährlicher Zu- schuß seitens des Staates in Aussicht genommen; solange das Schulhaus nicht vom Staat angekauft war, sollte außerdem noch die Miete mit 335 Gulden jährlich vom Staat be- zahlt werden. Wenige Monate, nachdem die Ober-Schul- und Studieninspektion ihre Tätig- keit begonnen hatte, ging man ans Werk.

Die Wahl des Gebäudes war sehr glücklich In einer Gegend, die damals noch abseits vom Lärm des Verkehrs, außerhalb der dumpfen Innenstadt lag, in dem ehemaligen Weißfrauenkloster¹) wurden 6 geräumige Schulzimmer eingerichtet, die den damaligen An- forderungen der Schulhygiene durchaus genügten. Die Räumlichkeiten waren für die beiden Geschlechter völlig getrennt; auch die Eingänge waren gesondert. Ein geräumiger, mit Gras bewachsener und von Bäumen beschatteter Hof konnte zur Erholung in den Pausen dienen. Wahrlich ein Schulpalast, verglichen mit den elenden Räumlichkeiten, in denen die Quartierschulen ihr Unterkommen gefunden hatten!

Drei von diesen Quartierschulen ließ man nun eingehen. Die des soeben ver- storbenen Ewald wurde vom Staat für den üblichen Preis von 300 Gulden angekauft und nicht wieder vergeben. Die Besitzer der beiden zunächst liegenden Schulen, die durch diese Neugründung schwer geschädigt wurden, stellte man als Lehrer an der Weißfrauen- schule an: Graeff und Diehl.

Graeff war, wie so mancher derdeutschen Schullehrer, eine schiffbrüchig ge- wordene Existenz. Er hatte das Frankfurter Gymnasium besucht und dann Theologie studiert. Aber ein Examen hatte er nicht gemacht. Fünfundzwanzigjährig trat er als Gehilfe in eine Quartierschule ein, die er einige Jahre darauf selbst übernahm. Wenn man die

¹) Daher seine anschauliche Schilderung des dort herrschenden Betriebs. Siehe den Anhang. ²) Siehe den Anhang. ³) Nach der Abrechnung beliefen sich die Kosten genau auf 17 268 Gulden 51 Kreuzer.

¹) Daher wurde die Schule Weißfrauenschule genannt.