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Die Stimme meines Sohns! Vorwärts! eilt
Zur Gruft ihr Diener; durch den offnen Spalt 1215 Der ausgebrochnen Steine dringet bis
Ins Innere vor und schaut, ob ich vernahm
Des Haimon Stimme, oder ob ein Gott
Mich täuscht.“ So taten wir nach dem Befehl
Des schwer verzagten Herrn. Da sahen wir 1220 Im Hintergrund das Mädchen aufgeknüpft,
Den Hals in ihres Schleiers zartem Strick.
Und ihren Leib umschlang, fest angeschmiegt,
Der Jüngling und beklagte den Verlust
Der früh dahingesunknen Braut, die Tat
Des Vaters und die eigne traur'ge Hochzeit. 1225 Bei seinem Anblick seufzte Kreon schwer, Schritt näher auf ihn zu und sprach ihn an
Mit lautem Jammerruf:„Unseliger,
Was tatest du? Was plant dein Sinn? Was ist
Das für ein Unglück, dem du da verfielst? Komm her, mein Sohn, ich ruf' dich flehentlich.“ 1230 Doch wilden Blickes sah ihn an der Sohn
Und spie ihm in's Gesicht und sprach kein Wort.
Des Schwertes Griff erfaßte seine Hand
Und fehlte zwar den eiligst Fliehenden;
Doch selber dann, der eig'nen Raserei
Ein unglücksel'ges Opfer, stieß er sich 1235 Mit Wucht die Spitze mitten in die Brust.
Noch bei Besinnung preßt die Jungfrau er
In seinen matten Arm. Sein letzter Hauch Spritzt roten Blutes einen starken Strahl
Auf ihre weißen Wangen. Also liegt
Er tot dort bei der Toten, der Unsel'ge 1240 Der, erst in Hades' Haus die Braut umarmend, Erfüllte seiner Sehnsucht spätes Ziel,
Und der uns Menschen hier ein Beispiel beut
Daß größtes Unglück die Verblendung bringt.
(Eurydike schnell ab.)


