XXI
Darum empfanden die Franzosen den Sieg der Preussen bei Königgrätz härter fast als sterreich seine Niederlage.„Rache für Sadowa!“— das ward die Losung an der Seine. Aber alle Lockungen, Forderungen und Drohungen verfingen nicht bei Bismarck. Höflich zwar, doch darum nicht weniger entschieden wies er die Ansprüche der Pariser Regierung zurück. Nicht ein deut- sches Kleefeld konnte von ihm Napoleon haben, und nicht einen Augenblick liess er ihn im Zweifel, dass das deutsche Schwert zum Kampf bereit sei.
Freventlicher ist nie ein Krieg entzündet worden als der von 70, selten aber hat auch die vergeltende Gerechtigkeit furchtbarer gewaltet. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht— nie wurde die Wahrheit dieses Satzes tragischer bewiesen. Märchenhaft werden dereinst fernen Geschlechtern die Thaten erscheinen, die Deutschlands Heldensöhne in Gallien vollbrachten. Singen und sagen wird man von König Wilhelm und seinen Paladinen; am lautesten aber preisen wird man den grossen, den gewaltigen, den eisernen Kanzler. Im blinkenden Stahlhelm und im Waffenrock der Kürassiere von Mars la Tour, so wird er, mehr ein Held des Schwertes als der Feder, ehernen Tritts durch die Jahrhunderte schreiten.
Der Verlauf des Krieges ist bekannt. Unermesslich war der Waffenruhm, den unsre Krieger an die Fahnen hefteten; Metz und Strassburg wurden wieder deutsche Städte. Endlich ging auch die Sehnsucht des Volkes in Erfüllung: eine Kaiserkrone ruhte auf dem Haupt des Preussenkönigs. Deutschland, das in seiner Zerrissenheit so lange nicht gewusst, wie stark es war, war einig, einig, frei vom Fels zum Meer.
„O Deutscher ohne Vaterland!
O Vogel ohne Nest!
O Träumer an der Klippe Rand,
Wie ist dein Schlaf so fest!...
Verlassen hat dein Kaiser dich,
Den du dir stolz erkorst;
Ein Schutzgeist um den andern wich,
Bis du dich selbst verlorst“ So hatte vierzig Jahre zuvor der edle Paul Pfizer, einer der wenigen Süddeutschen, die die geschichtliche Aufgabe Dreussens frühzeitig erkannten, trauernd gesungen. Jetzt hatte es sich wiedergefunden, dieses verlorene Volk. Wie die Henne ihre Küchlein, so hatte Mutter Germania, lange trauernd in Schmerz und Liebe, endlich ihre trotzigen Kinder gesammelt. Stolzer erhob der Kyffhäuser sein verwittert Haupt über der Goldnen Aue; in der Ferne verzog sich der Raben krächzendes Geschlecht, und nun konnte auch der Alte drunten im Bergesschosse sich zum ewigen Schlummer legen: König Weissbart hatte Kaiser Rotbart endlich erlöst.
Genau betrachtet, war das Lebenswerk des Fürsten Bismarck, die Erhebung Preussens zur führenden Macht in Deutschland und die nationale Einigung der deutschen Stämme, mit der Auf- richtung des Kaiserreiches dort im Spiegelsaale des Lustschlosses von Versailles erfüllt. Aber der nimmermüde Mann, der mit Paulus sprechen darf:„Ich habe mehr gearbeitet denn sie alle“, ruhte auch ferner nicht. Zwei Jahrzehnte hat er machtvoll auf dem Kanzlerposten gestanden als Hüter seines Werks, ein Steuermann, wie wenige auf diesem Erdenball das Schiff des Staats ge- lenkt haben. Und hätte er während dieser Zeit weiter nichts gethan, als uns und Europa den


