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So der weissagende Dichtermund. Wer wollte bestreiten, dass der Dichter die Gabe des politischen Hellsehens in hohem Grade besessen hat? Wer könnte verkennen, dass der Diktator, nach dem er in so beweglichen Worten ruft, in Bismarck, diesem glänzendsten Vertreter des preussisch-deutschen Gedankens in nationalstaatlichem Sinne, seine Verwirklichung erfuhr?
So war Bismarck denn Minister. Nachdrücklich wies er den Landtag auf seine Pflicht hin, die Reformen des Königs zwecks Durchführung einer nationalen Politik zu unterstützen. Seine wahren Ziele konnte er österreichs und des Auslands wegen nicht enthüllen; aber er deutete sie an:„Der Konflikt, sagte er am 30. September in der Sitzung der Budgetkommission des Land- tags, wird zu tragisch aufgefasst und von der Presse zu tragisch dargestellt. Die Eegierung sucht keinen Kampf. Kann die Krisis mit Ehren beseitigt werden, so pietet die Regierung gern die Hand dazu. Preussen hat die Vorliebe, eine zu starke Rüstung für seinen schmalen Leib zu tragen; es muss aber seine Rüstung auch nützen.... Preussen muss seine Kraft zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der schon einigemal verpasst ist. Preussens Grenzen, wie sie die Wiener Verträge geschaffen haben, sind zu einem gesunden Staatskörper nicht günstig. Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die grossen Fragen der Zeit entschieden— das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen—, sonderu durch Eisen und Blut.“
Und nun folgten Bismarcks Meisterjahre, eine wunderbare Zeit, die Werdezeit des deut- schen Reiches. Schleswig-Holstein ward der Ausgangspunkt zur Lösung der deutschen Frage. Nach langer Nacht brach dort die Morgenröte der deutschen Einheit an, und Schleswig, lang ent- fremdet, ward dem Reiche heimgebracht. Es folgte der blutige Waffengang mit Osterreich. Welch ein Ringen dort bei Königgrätz! Brüder standen gegen Brüder. Aber sollte der alte Jammer enden, dann musste Gsterreich fallen. Jahrhunderte alt war die Sündenschuld des Hauses Habs- burg; jetzt endlich war das Mass gerüttelt voll: des Schwertes Schärfe musste die Entscheidung bringen, das Gottesurteil des Erfolges unser gutes Recht beweisen. Als am 3. Juli des Jahres 66 die Abendsonne ihren Scheidegruss der Erde sandte, da leuchtete sie auf ein Schlachtfeld, wie die Weltgeschichte wenige gesehen hat, und wie einst bei Leuthen erscholl aus frommem Kriegermund das alte Lied Martin Rinckarts:
„Nun danket alle Gott
Mit Herzen, Mund und Händen, Der grosse Dinge thut
An uns und allen Enden“
So war das grosse Werk geschehen. Aus dem Diensthause Habsburgs war das deutsche Volk herausgeführt, aus der Knechtschaft der Kleinstaaterei war es erlöst. Nichts anders bedeutet, diese blutige Abrechnung des Jahres 66 als den Sieg der monarchischen Ordnung, den Triumph des nationalen Gedankens über die dynastische Anarchie. Preussen war jetzt Herr im deutschen Hause. Der norddeutsche Bund ward gegründet, die Verträge mit den süddeutschen Staaten in kluger Voraussicht geschlossen. Das Fundament des Einheitsbaues war gelegt, die Mauern aufge- türmt; noch aber fehlte die Krönung des Gebäudes.
Es war eine verhängnisvolle Erbschaft aus den Zeiten des vierzehnten Ludwig, die Meinung unsrer gallischen Nachbarn nämlich, dass Frankreichs Grösse auf Deutschlands Ohnmacht beruhe.


