XIX
nur so vermag es seinen Rang unter den Staaten Europas zu behaupten... Meine Pflichten für Preussen fallen mit meinen Pflichten für Deutschland zusammen. Als deutschem Fürsten liegt mir ob, Preussen in derjenigen Stellung zu kräftigen, welche es vermöge seiner ruhmvollen Geschichte, seiner entwickelten Heeresorganisation unter den deutschen Staaten zum Heile aller einnehmen muss.“ Die Armeereform, Verstärkung und Verjüngung des preussischen Heeres, hatte sich der König schon als Prinzregent zur Aufgabe gemacht. In Roon und Moltke fand er treffliche Be- rater; der Landtag aber, auf sein verfassungsmässiges Recht sich stützend, setzte allen dauernden Forderungen ein entschiedenes Nein entgegen— ein tragischer Widerstreit zwischen der auf ein testes, wenn auch nur wenigen erkennbares Ziel lossteuernden Realpolitik der Krone und der ihr formales Recht ängstlich hütenden doktrinär-liberalen Volksvertretung. Schon ging der König ernstlich mit dem Gedanken um, die Krone seinem Sohne abzutreten— da, nach langem Schwanken, im letzten Augenblicke noch berief er auf Betreiben Roons am 23. September 1862 Bismarck, der durchaus nicht verlänglich nach einem Ministerposten in Berlin, seit Mai Gesandter in Paris war — ein für die Entwicklung der folgenden Jahre wichtiger Aufenthalt—, an Stelle des Prinzen Adolf zu Hohenlohe-Ingelfingen an die Spitze des Ministeriums. Zwei Jahre vorher, im Juni 60, hatte der Dichter J. G. Fischer in der Gartenlaube ein Gedicht veröffentlicht, das uns Nach- lebenden wie ein zukunftkündendes Prophetenwort erscheinen will. Darin hiess es:
„... Tritt aus der Führer wildem Zanken Kein so antiker ganzer Mann, Der den unsterblichen Gedanken Der deutschen Grösse fassen kann? Der uns ohn’ Ansehn und Erbarmen Zusammentreibt im Schlachtenschweiss Und dann mit unbeugsamen Armen Die deutsche Mark zu runden weiss?
Nur einer aus den Millionen, Soweit die deutsche Langmut haust, Zum Heil der Völker und der Thronen Nur eine eisern harte Faust, Die wie ein Blitz durch alle Grade Empor sich zum Diktator schwingt, Und die Rebellen ohne Gnade Ins starke Joch der Einheit zwingt! Die, nicht erwägend und nicht wählend, Aufstelle das Kolumbusei, Dass nicht der Deutschen Schmach und Elend Ein Spottlied aller Völker sei. Komm, Einziger, Dir sei geschworen, Tritt auf— wir folgen Deiner Spur, Du, letzter aller Diktatoren, Komm mit der letzten Diktatur!“ 3*


