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das Gericht selbst reformiert werden solle. Innerhalb dieses Anstandes solle dann von der Religionsvergleichung, dem beständigen Frieden und der beharrlichen Hilfe gehandelt werden.
Wenn Karl auch keineswegs gewillt war, diesen Vorschlag anzunehmen, so durfte er doch auch keineswegs die Protestanten durch schroffe Zurückweisung ihrer Wünsche vor den Kopf stoßen, schon nicht um seines Bruders willen, der dringender denn je der Hilfe bedurfte: vor allem aber auch, weil sich im allgemeinen die gesamte Lage zu seinen Ungunsten verschlechert hatte. Die Gründe hierfür waren zweifacher Art. Einmal hatte der Streit zwischen den katholischen Fürsten und Städten an Schärfe zugenommen. Die letzteren, empört über die abermalige Zurücksetzung, hatten sich 6ffentlich über die Fürsten be- schwert und energisch Berücksichtigung ihrer Wünsche bei den Beratungen verlangt. Welche Erbitterung bereits auf beiden Seiten herrschte, zeigte deutlich die Außerung der Frankfurter Gesandten, daß die Fürsten trotz der drohenden Türkengefahr ihren Stolz nicht lassen, sondern gern aus den freien Reichsstädten Sklaven und Eigenleute machen wollten. Für den Kaiser hatte dieser Streit insofern seine bedenklichen Seiten, als, von der zu be- fürchtenden Verlängerung der Verhandlungen noch ganz abgesehen, die katholischen Städte in dieser ganzen Angelegenheit stets den Rat der protestantischen Städte eingeholt hatten, wie sie sich auch deren Forderungen nach Friede und Recht angeschlossen hatten. Jeden- falls schien die Gefahr nicht von der Hand zu weisen zu sein, daß die katholischen Städte infolge der rücksichtslosen Behandlung durch die Fürsten immer mehr und mehr in das protestan- tische Lager getrieben und hierdurch die katholische Partei eine nicht unerhebliche Schwächung erfahren würde. Um für Karl die Schwierigkeiten der Lage noch weiter zu erhöhen, hatten sich die Gegensätze unter den katholischon Fürsten selbst wie in ihrem Verhältnis zu den Protestanten, soweit wenigstens die Wortführer der katholischen Partei in Betracht kamen, ganz bedeutend verschärft.
Die Veranlassung hierzu gab die religiöse Frage; diese wWar jetzt wieder mehr in den Vordergrund getreten, da die Antwort, die von beiden Parteien dem Kaiser auf das Regensburger Buch gegeben werden sollten, zur Entscheidung stand, ganz im Gegensatz zu Ferdinands Wunsch. der hierdurch nicht mit Unrecht eine Verzögerung der Erledigung der für ihn so dringenden Unterstützung befürchtete; seine Bitte, zunächst die eilende Hilfe zu erledigen, war jedoch von den Kurfürsten und Fürsten abgelehnt und schon vorher beschlossen worden, beide Angelegenheiten nebeneinander zu beraten. Am 30. Juni be- gannen auf katholischer Seite im Kurfürsten- wie Fürstenkolleg die Beratungen über die Beantwortung Karls. Während man im ersteren an diesem Tage über die einleitenden Vorverhandlungen nicht hinauskam, entbrannte im letzteren bereits ein heftiger Streit. Es waren die bairischen Herzöge, die hier am 30. Juni eine wesentlich von Weißenfelder und Leonhard Eck vertaßte Schrift verlesen ließen, die in der schärfsten Weise sich gegen das Regensburger Buch wandte, dessen Artikel teils irrig und verwerflich, teils sogar ketzerisch seien; ebenso verlangte sie das starre Festhalten am Augsburger Reichsabschied von 1530, den durchzuführen der Kaiser mit Ernst ermahnt werden sollte. Herzog Wilhelm unterließ es nicht, selbst für ihre Anfiahme einzutreten; persönlich ermahnte er vor allem die geist- lichen Fürsten zur Standhaftigkeit und versprach, selbst„Haut und Haar“ daran zu setzen. Trotzdem war der Erfolg nicht der gewünschte. Zwar traten Herzog Heinrich von Braun- schweig, der Bischof von Salzburg und der Abt von Weingarten ebenfalls persönlich für die Annahme der Schrift ein, aber nicht einmal alle Geistlichen schlossen sich ihrer Meinung an. Die Bischöfe von Konstanz, Augsburg und Münster und der Abt von Kempten


