Aufsatz 
Festschrift zur Jubiläums-Feier des 50jährigen Bestehens der Unterrichtsanstalten der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a.M. 1903
Entstehung
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ein systematisches Werk ansehen. Mit grösserem Rechte dürften wir den Pentateuch wegen seiner ganzen äusseren Komposition, wegen der eigentümlichen Anordnung der in ihm enthaltenen ge- schichtlichen, gesetzgeberischen wie allgemein belehrenden und aufklärenden Bestandteile als ein organisches Werk bezeichnen. Die fünf Bücher Mosis und die übrigen biblischen Bücher, und unter diesen besonders dieSprüche Salomonis, bleiben aber nichtsdestoweniger eine Fundgrube pädagogischer Weisheit, und sie sind nach dieser Richtung auch von jeher von pädagogischen Denkern voll gewürdigt worden. ²³) Das israelitische Altertum in der biblischen und nachbiblischen Zeit des Bestandes eines jüdischen Staates kannte kein öffentliches Schulwesen und keine allgemeine Schulpflicht. Und doch musste jener biblische Er- ziehungsgedanke und Erziehungsplan, wie wir sie angedeutet haben, verwirklicht werden. Unsere Altvorderen kannten als vor- züglichste Erziehungsanstalt für die Jugend nur das Ha us, das Haus war die Schule, Erzieher und Lehrer waren die Eltern.

Siehe, ein von Gott geschenktes Erbe sind Kinder, ein Lohn ist die Leibesfrucht.) Das ist das Motto für die Auf- fassung des dem Volke Gottes gelehrten Verhältnisses der Eltern zu den Kindern. Eines solchen Erbes teilhaftig zu werden, die- ses Lohnes gewürdigt zu werden, galt den Israeliten in der Zeit des Psalmendichters als ein besonderes Zeichen des göttlichen Segens. Wie diese Schätzung des Segens einer grossen Kinder- schar eine allgemeine war und blieb, erhellt aus einem Satze des viele Jahrhunderte nach dem Psalmensänger lebenden Tacitus (gestorben im zweiten nachchristlichen Jahrhundert), der von den Juden, deren Freund er nicht ist, staunend sagt):Man ist bei ihnen eifrig bestrebt, die Volkszahl zu vermehren. Sind aber die Kinderein Geschenk Gottes und seine Geschöpfe, so musste man in ihnen von ihrer Geburt an Wesen erblicken, die in der göttlichen Weltordnung und in der Stufenreihe der

3) Wir verweisen aus der neueren Zeit auf Oehlers Arbeit über die Pädagogik des Alten Testaments in Schmidts Encyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens.

4) Psalm 127.

5) Augendae tamen multitudini consulitur. Tacitus Hist. V, 5.

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