ganze Volk, alle Volksgenossen nämlich ohne Unterschied des Alters, wie die Kinder so auch die Erwachsenen und Greise, als seine Zöglinge in Auspruch nimmt. Die Schulen der Kulturvölker sind genötigt, ihre Zöglinge zu entlassen, wenn sie in das Jüng- lingsalter eintreten, das heisst zu einer Zeit, wenn sie der sitt- lichen Beratung und Lenkung eigentlich am meisten bedürftig sind. Die Fortbildungsanstalten unserer Zeit, wie sie auch ge- artet sein mögen, sind ja gerade auch aus solchen sittlichen Er- wägungen im Interesse der schulentlassenen Jugend hervorge- gangen. Aber das alte, pädagogisch wie didaktisch gleich wert- volle Wort:„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“, hat in dem biblischen Erziehungsplan eine noch ungleich um- fassendere und erhabenere Bedeutung gewonnen. Jenem Plane ist das ganze irdische Leben die Schule, durch die wir alle zu gehen haben, die uns mit ihren an alle Volksgenossen sich wen- denden Anforderungen lebenslänglich, in jedem Augenblicke von neuem in Anspruch nimmt, und die uns aus ihrem Unterricht und ihrer Disziplin erst dann entlässt, wenn wir Menschenkinder eben in der Schule nicht mehr zurückgehalten werden können— wenn wir sterben! Dann aber beginnt nach dieser Auffassung erst das eigentliche Leben, für welches die irdische Lebenschule vorbe- reitet hat, in dessen höhere Ordnung aber einen Blick zu werfen dem Zögling während seiner Schulzeit versagt ist.
Die biblischen Lehren und Vorschriften erstreben eine Ver- sittlichung und Heiligung des Individuums auf Erden: eine Her- anbildung des einzelnen zur Lösung der Aufgaben, die nur in der irdischen Gemeinschaft der Menschen sich aufwerfen und nur von der Gemeinschaft aller erschöpfend gelöst werden können, und endlich eine Vorbereitung des Individuums auf das jenseitige Leben. Aber abgesehen von diesem für die Bibel charakteristi- schen Plane der Erziehung des ganzen Menschengeschlechtes, kann natürlich jene nicht umhin, auch der Pädagogik im engeren und eigentlichen Sinne des Wortes ihre Aufmerksamkeit zuzu- wenden. Systematische pädagogische Ansichten, Regeln und Vor- schriften darf man von der Bibel nicht erwarten. Die Grund- lage aller Religionsvorschriften und Belehrungen über das Wesen und die Waltung Gottes war den Israeliten immer der Pentateuch. Diesen dürfen wir aber so wenig wie die Bibel überhaupt als
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