Aufsatz 
Zu Schillers Wallenstein / von Hubert Beckhaus
Entstehung
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So klagt auch die Herzogin, dass es früher anders war: Der Kaiser liebte ihn, vertraute ihm!).

Zwar erklärt Wallenstein später gegen Max, wenn er dem Kaiser gewesen wäre, was Oktavio ihm, er hätte ihm nie den Krieg angekündigt:

Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund, Nicht meiner Treu vertraute sich der Kaiser.

Aber hier will er sich vor Max rechtfertigen und übertreibt, im Schmerz über Oktavios Verrat.

Sonst wird man Werder in der Charakterschilderung Wallensteins fast überall beistimmen können. Die Betrachtungen über Wallensteins Aberglauben und Verblendung, über seine masslose Eigensucht und den Wahnglauben an sich selbst dringen tief in diese wunderbare Natur ein, deren gewaltige Vorzüge und gewinnende Seiten nicht minder gewürdigt werden.

Auch in den Charakter Oktavios hat sich Werder lebhaft versenkt und ist diesem viel ver- kannten Gegner Wallensteins gerecht geworden; nur die Erklärung, weshalb trotz alledem Oktavio sich nicht so recht in unserer Teilnahme festzusetzen vermag, leidet wieder an dem dargelegten Fehler. Denn er findet, dies liege lediglich an der kritischen Natur der kaiserlichen Sache, die nicht lauter sei, und an der Person des Kaisers. Allerdings wirkt die Notlage der kaiserlichen Sache, welche gegen den allmächtigen Wallenstein zu heimlichen und unedlen Mitteln greifen muss, mit. Aber ist es wirklich so schlimm übertrieben, was Werder besonders empörtz), wenn Oktavio Max gegenüber in seiner Er- regung behauptet, dass der Kaiser der Verräter Dolche in seiner eigenen Hauptstadt fürchten müsse? ³) Will denn nicht Montecuculi dem Kaiser in seinem eignen Wien die Bedingungen machen), erklärt nicht Illo, sein Degen solle nicht ruhn, bis er sich in östreichischem Blute satt gebadets), fürchtet nicht Oktavio, dass der Bürgerkrieg entbrenne, der unnatürlichste von allen?) Vergegenwärtigen wir uns bei der Bedeutung, welche die richtige Würdigung Oktavios für das Verständnis des Stückes hat, das Verhältnis, in dem Wallenstein und Oktavio nach ihrem Charakter zu einander stehn.

Wallenstein fühlt sich allen so überlegen, ist so sehr gewöhnt, alle als seine Werkzeuge zu betrachten, dass von einer wahren Freundschaft bei ihm nicht die Rede sein kann. Er hat nichts an sich, was einer völligen Hingabe, einer Aufopferung für andere gleichsieht. Das zeigt sein Ver- halten gegen die, welche ihm am nächsten stehn. Seine Gemahlin,Graf Harrachs edle Tochter, die nach ihren Anschauungen im vollen Gegensatz zu ihrer Schwester, der Gräfin Terzky steht, ist eine milde, aristokratische Natur, welche dem Kaiserhause eine innere Anhänglichkeit bewahrt; sie empfindet den verzehrenden Ehrgeiz Wallensteins als das grösste Unglück.Was sind wir, sagt sie, wenn kaiserliche Huld sich von uns wendet?*³) Sie fühlt sich mit Wallenstein wie an ein feurig Rad gefesselt. Als die Gräfin Terzky Thekla bedeutet, das Weib sei an fremdes Schicksal gebunden, bemerkt diese, dass solches ihr auch im Kloster vorgesagt sei, sie habe sich nur als des Mächtigen Tochter empfunden, dessen Lebens Schall auch zu ihr drang und ihr kein anderes Gefühl gab als dies:

Ich sei bestimmt, mich leidend ihm zu opfern.

Die Gräfin erwidert hierauf:

Das ist dein Schicksal. Füge dich ihm willig, Ich und die Mutter geben dir das Beispiel.

Thekla ist dem Wallenstein die kostbarste Münze in seinem Schatz. Rine Krone will er auf

ihrem Haupte sehn; sie muss seinem Ehrgeize dienen. Auch Max, der ihm so nahe steht, ist nur

¹) W. Tod. III. 3Z.*) S. 149 150.*) Picc. V. 1.*) Picc. IV. 3.) W. Tod. IV. 7.°) Picc. V. 1. 7) Pioc. II. 2. 3 1