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Daher die gewaltige Bedeutung des Künstlers für die Festigung und Verdichtung der menschlichen Gesellschaft; denn der Kunstinstinkt ist in seinem Ursprung ein Rasseninstinkt, der durch die Stärke, die er bei einigen Individuen erreicht, diese zur künstlerischen Produktion — natürlich des Zweckes unbevvusst, wie es bei jedem Instinkt ist 1 ) — zwingt, die wieder durch ihre anziehende Wirkung auf andere ein mächtiger Hebel zur Beförderung der sozialen Sympathie wird 2 ). Mit geringerer Stärke äussert sich der Kunsttrieb bei allen übrigen Menschen, in roherer Form beim Kind und beim Wilden. Auch die Neigung Erwachsener zum Komponieren, Dichten und Malen glaubt M. durch ihn erklären zu könnnen. Dem MarshaU'schen Begriff der Kunst ist somit alles Egoistische abgestreift, und M. befindet sich auf einem Punkt, wo er in scharfon Gegensatz zu der Ansicht derer kommt, die die Künstlernatur doch für egoistischer halten, insofern sie beim Ausdruck dessen, was aus ihr heraus zur Gestaltung strebte, von dem Streben nach persönlichem Vergnügen geleitet sei, und glauben, dass die Kunst um der Kunst willen da sei und nicht eine soziale Funktion zu erfüllen habe 3 ). Das Streben einiger, anderen Lust zu gewähren und das Streben aller, Lust
1) In der Ansicht, dass der Trieb zur künstlerischen Produktion blind sei, stimmt M. mit Wundt überein: Wundt „Grundzüge der physioL Psycho!." (2. B., S. 400) sagt: „Nichts kann verkehrter sein als die Meinung, die ursprüngliche Idee des Kunstwerkes müsse in der Form eines logischen Denkaktes in der Seele des Künstlers liegen. Der wahre Künstler wird nie Auskunft darüber geben können, welchen Zweck er bei einer bestimmten Schöpfung im Auge hatte. Wie die Ausführung seiner Jdco die Gedanken nur in anschaulichen Bildern darstellt, so lag die Idee selbst nur in der Form der Anschauung in ihm."
2) The funetion of art in tho development of man U social consoli- dation II, S. 82).
3) In der Zeitschrift für Psych., B. 11, S. 171 sagt Groos in seiner Kritik: „Nach meiner Meinung spielt indessen ein egoistischer Instinkt in der künstlerischen Produktion wahrscheinlich eine grössere Holle als solche altruistischen Regungen, nämlich der Trieb zu herrschen. Der allgemeine Trieb nach Ausdehnung unserer Machtsphäro waltet auch in dem Künstler: das Kunstwerk ist ein Mittel, um durch Suggestion die Mitmenschen unter die geistige Herrschaft seines Schöpfers zu bringen,"


