Aufsatz 
Pädagogisch-didaktische Aphorismen über Syntaxis ornata, Extemporiren, Construiren, Praepariren / Jul. Rothfuchs
Entstehung
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nicht jeder Schöler mit dem ersten Buche des Dichters die Lectüre¹) beginnt. Uebrigens dürfen von den Wörtern des Ovid-Vocabulars nur die der zu lesenden Verse und diese auch blos latein-deutsch, nicht deutsch-lateinisch memorirt werden, um nicht für den Gebrauch in den Exercitien die Wörter der Prosa zu verdrängen. Denn beim Uebersetzen aus dem Deutschen ins Lateinische wendet der Schüler gewöhnlich nur diejenigen Wörter an, welche er deutsch-lateinisch gelernt hat. ²) Der Schritt nach Secunda sei zugleich der Ueber- gang zum grossen Wörterbuch, welches entweder die ganze Latinität oder auch nur die der Gymnasialautoren umfassen kann. ²) Der Schüler ist dann schon so weit, dass er nicht mehr viel Wörter aufzuschlagen braucht; die er aber noch aufschlagen muss, sind nicht die häufig vorkommenden, im Lexicon mit langen Schleppen versehenen(res, ratio, hdes), sondern die seltenen, kurz bekleideten. § 18.

Die Gründe, weshalb ich auch in mittleren Klassen das Vocabular dem Specialwörterbuch des Autors vorziehe, sind für mich folgende:

Das Vocabular giebt nur so viel, als nöthig ist, und veronlasst keinen unnützen Zeitver- lust; enthält es auch zuweilen ein Wort, welches der Schüler weiss und nicht aufschlagen würde, so schadet das nichts; es wird dadurch sogar manchmal eine falsche Meinung desselben corri- girt, die ihm sonst weitere Verwirrung anrichten würde. Das Specialwörterbuch dagegen ver- ursacht viel nutzlosen Zeitaufwand. Der Schüler sucht zuerst das Wort und dann die Stelle, wo diejenige Bedeutung angemerkt ist, die er brauchen soll. Diese schreibt er ab; oft ver- sieht er sich dabei, indem er Capitel-Paragraphen- oder gar Buchzahl verwechselt; und wenn auch kein solcher Irrthum mit untergelaufen ist, so hat er eine mechanische Mosaikarbeit ge- than, die ihn geistig gar nicht fördert. Häufig wird auch nochzu seinem Verdruss statt seines sorg- sam aufgesuchten, abgeschriebenen und auswendig gelernten Ausdrucks(hätte er ihn sich aus dem Zusammenhang der Stelle abzuleiten gesucht, so hätte er selbst im Falle des Nichtfindens einen Nutzen gehabt), vom Lehrer, dem nicht zuzumuthen ist, dass er seinen Unterricht einem bestimmten Wörterbuch anpasse, ein anderer gewählt, wodurch er seinen mühsam erlangten für verworfen hält, und so hat die ganze Operation nicht nur den Nutzen, sondern auch die ge- wünschte Anerkennung des Lehrers verfehlt. Ueber all diese Umständlichkeit hebt ein Voca- bular, welches einfach die unbekannten Wörter verzeichnet, auch manches Schwierige wiederholt aufführt, einfach hinaus. Da, wo es nöthig ist, kann es noch die abgeleiteten Bedeutungen an- zeben und im Fall des Bedürfnisses alles das aufweisen, was das- Wörterbuch Nützliches ent- hält. Den Inhalt des Vocabulars kann der Lehrer vom Schüler verlangen, und dieser darferwarten, dass

*) Die neuerdings aufgetauchte Ansicht, Oeid vom Gymnasium auszuschliessen und dafür die Aeneide von Tertia an zu lesen, halte ich mindestens der Beachtung werth. Ooid hat als Schullectüre manches gegen sich.

*) Aus demselben Grunde ist es auch durchaus fehlerhaft Homer-Wörter deutsch-griechisch abzuhören.

²) Ein Universallexicon der gesammten Latinität, wie das von Georges oder Klotz, behält seinen Werth und seine Nutzbarkeit für jedes academische Studium, während ein Wörterbuch der Gymnasialautoren weder dem Juristen noch dem Theologen, geschweige denn dem Philologen genügen kann. Aus diesem Grunde habe ich denjenigen Schülern, welche zu studiren beabsichtigen, und schon über die Tertia hinaus waren, immer ein Lexicon der zuerst bezeichneten Art empfohlen, wenn sie nicht schon ein anderes besassen.