— ,, Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht des Königl. Kaiserin Augusta-Gymnasiums zu Charlottenburg. Ostern 1902. Aus der deutschen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts Nach Stammbuchblättern. — Von Hubert Freund, Oberlehrer. Lehrerbibliothek der Oberrealschule Giessen BERLIN 1902. R. Gaertners Verlagsbuchhandlung Hermann Heyfelder. 1902. Programm Nr. 70. MAuf der Königlichen Bibliothek zu Berlin wird unter der Signatur Alba ami- corum 57 ein Stammbuch aufbewahrt, das sich schon durch seine sorgfältige Erhaltung aulsen und innen vorteilhaft auszeichnet, und über das der Katalog die Bemerkung ent- hält:„reichhaltig“ und eine Notiz, nach der es aus der Autographensammlung des bekannten preuſsischen Generals und Staatsmannes Joseph Maria v. Radowitz stammt. Es ist ein Lederband in Queroktav mit Goldschnitt und einfach-vornehmer Goldpressung und trägt in Goldschrift auf dem vorderen Deckel die Buchstaben I. H. S. und auf dem hinteren Deckel die Jahreszahl 1774. Das Titelblatt weist die Inschrift auf: Fautoribus et Amicis hoc sacrum esse voluit Johannes Henricus Soenmans Gedanensis COOCCLXX. 283 Einschriften füllen das Buch bis auf die letzte Seite; sogar auf dem Titelblatt findet sich zu dem Worte Amicis(unterstrichen) an dem Rande die Eintragung: entre les quels se compte 7 W Schenck. und auf dem hintersten Deckblatt: Quicquid ſit cum virtute, it cum ploria. Haec, Sui memoriam quo commendet, seripsit Johannes Ratelband. S S Weolog: doctor et Professor ordin: atque Concionutor academicus Franeg: Am Ende des Buches ist ein alphabetisches Namensverzeichnis der Inscribenten mit ziemlicher Sorgfalt angelegt, so dals man oft aus der Stellung des Namens im Register Ort und Zeit von Eintragungen bestimmen kann, in denen diese Angaben fehlen, wie z. B. bei der oben angeführten Einschrift des J W Schenck aus der Stellung dieses Namens zwischen Schiffermüller und Suke mit einiger Sicherheit gefolgert werden darf, dals sie zu Wien zwischen dem 28. September und 4. Dezember 1775 gemacht worden ist. Eine Anzahl der Namen— es sind die von berühmten Personen— sind rot, einige wenige auch schwarz 1* unterstrichen. Offenbar t diese Auszeichnung erst in späterer Zeit vorgenommen worden, aber wohl noch vom Besitzer selbst. Denn bei einigen Namen, die im Stammbuch selbst entweder abgekürzt stehen(wie v. M in Nürnberg) oder(wie auf S. 233) hebräisch geschrieben sind, ist mit derselben roten Tinte von des Besitzers Hand die Auflösung v. Murr und Mendelssohn hinzugesetzt. Was nun die Person des Besitzers betrifft, so habe ich teils aus den Angaben, die man dem Stammbuche entnehmen kann, teils durch Anfragen bei den betreffenden Behörden¹) folgende Thatsachen in Erfahrung gebracht. Joh. Heinr. Soermans aus Panzig gehörte einer Familie an, die ihren Ursprung aus Holland herleitete. Der Ur- groſsvater Joh. Soermans(† kurz vor 1754) war Prediger zu Giesen-Oudekerk bei Port- recht. Der Groſsvater Hendrik Soermans(1700— 17. Aug. 1775), ein Kaufmann, ward 1727 Bürger zu Danzig, wo er als Kommissarius und Konsul der Generalstaaten fungierte. Er war in Danzig eine angesehene Persönlichkeit; er machte sich um die dortige holländische Gemeinde verdient durch die Gründung des Soermans'schen Stiftes unweit der Peterskirche auf der Lastadie, das er 1773 erbaute und zu freien Wohnungen für verarmte Glieder der reformierten niederländischen Gemeinde bestimmte. Dessen Sohn Joh. Heinr. Soermans, gleichfalls ein Kaufmann(“ 23. April 1722, † 21. Dez. 1775), ward am 22. April 1749 Danziger Bürger und Ratsherr in der Altstadt Danzig. Seiner ersten Ehe mit Charlotte, Tochter des Dr. med. Joh. Phil. Brayne, die 1756 starb, entsprols der Besitzer des Stammbuches, wie sein Vater mit Namen Joh. Heinr. Soermans geheiſsen; er wurde am 22. April 1750 geboren und starb— es werden nunmehr 100 Jahre— am 18. Juli 1802 als Altstädtischer Schöppe zu Danzig.— Nach dem Besuche des Panziger Gymnasiums bezog J. H. Soermans die Universität Königsberg, wo er am 31. Aug. 1769 als Gedanò-Borussus, I. U. Stud., unter dem Rektorate des Professors Joh. Ludw. TEstocq (1712— 1779) immatrikuliert wurde; von dort ging er nach Göttingen, wo er sich am 5. Mai 1771 immatrikulieren liefs und bis zum Schlusse des Sommersemesters 1774 blieb. Darauf wandte er sich nach der Universität Leipzig, an der er am 21. Nov. 1774 unter dem Rektorate des Professors Morus immatrikuliert wurde und die er im Juli 1775 verlieſs. Das Stammbuch legte Soermans bei seinem Abgange von Göttingen an und führte es während der nächsten Jahre auf seinen Reisen, von denen sich, wenn man die Paten zusammenstellt, folgendes Bild ergiebt. Auf dem Wege von Göttingen nach Leipzig berührte er Jena. Von Leipzig aus besuchte er im Frühjahr 1775 Halle, Dessau und Wittenberg. Ende Juli desselben Jahres begann er eine groſse Reise, die ihn über Presden, Karlsbad und Prag nach Wien führte, von wo aus er einen Abstecher nach Preſsburg unternahm, dann aber im Dezember nach Innsbruck weiter reiste. Hier brechen die Ein- tragungen im Dezember 1775 plötzlich ab und beginnen erst im April des nächsten Jahres zu Elbing wieder. Offenbar hat ihn der Tod seines Vaters, der am 21. Dez. 1775 erfolgt war, in die Heimat zurückgerufen. Von Elbing aus besuchte Soermans wieder seine erste Vniversitätstadt, Königsberg in Preuſsen. Im Sommer 1776 weilte er in Berlin, im Anfang ¹) Ich erfülle hier mit Vergnügen die angenehme Pflicht, den Herren Universitäts-Quästor Dr. Pauer in Göttingen, Oberjustizrat Dr. Meltzer in Leipzig, Staatsarchivar und Archivrat Dr. Bär in Danzig, Verwaltungsgerichtsdirektor Meyer in Königsberg i. Pr. auch öffentlich meinen verbind- lichsten Dank für ihr bereitwilliges Entgegenkommen auszusprechen. 5 des Oktober in München und nahm hier nun offenbar den Reiseplan, den er dreiviertel Jahr vorher in Innsbruck hatte fallen lassen müssen, wieder auf, indem er von München aus sich durch Bayern, Franken— Weihnachten 1776 und Neujahr 1777 weilte er in Nürn- berg— die Rheinlande nach Holland wandte, wo seine Reise im August 1777 in Leiden endete. So durchquerte er Deutschland gleichsam in drei groſsen Diagonalen, deren Endpunkte sind: Göttingen— Wien, Königsberg— München, München— Leiden. Sehen wir uns nun die Personen näher an, die sich in das Stammbuch ein- geschrieben haben, so merken wir bald, dals es eine sogenannte gelehrte Reise ist, die Soermans unternommen hat, wie man sie vielfach noch zu jener Zeit zu machen pflegte. Man ging auf Reisen, um durch eigene Anschauung sich richtige Kenntnisse von Land und Leuten zu verschaffen, da es an geeigneten Büchern noch gebrach. Es sind vor- nehmlich Gelehrte und Schriftsteller, auch höhere Staatsbeamte, die Soermans aufgesucht hat; von Künstlern findet sich nur der Musiker Joh. André in Offenbach, aber kein Maler und kein Bildhauer. Dem Leser wird hierbei die Scene in Goethes Faust zwischen Mephistopheles und dem Schüler und Goethes Erzählung in Wahrheit und Dichtung (XII. Buch) von seinem Besuche bei dem Gieſsener Professor Höpfner einfallen, wo ja auch das Stammbuch eine Rolle spielt, nur dafs diese beiden Besuche eine humoristische Wendung nehmen, während wir uns hier überall einen ernsten und würdevollen Hergang vorzustellen haben. In Soermans' Stammbuch sind alle Bekenntnisse vertreten: Protestanten und Katholiken, unter jenen Lutheraner und Reformierte; ebenso in der Wissenschaft alle Zweige derselben und in der Litteratur alle ihre Richtungen. Unter den Theologen finden wir Supranaturalisten und Anhänger des Rationalismus, unter letzteren Joh. Sal. Semler, den„Vater des Rationalismus“ selbst; unter den Lehrern der Philosophie Anhänger der Leibnizschen und Wolff'schen Richtung und Kant. Von Litteraten erscheinen Dichter und Popularphilosophen, unter jenen Anakreontiker und Barden; ältere Dichter, deren Verdienste fast schon vergessen waren, und jüngere, die sich zu dieser Zeit des höchsten Ansehens und gröfster Popularität erfreuten, aber schon im Begriffe standen, noch jüngeren, unseren eigentlichen Klassikern, das Feld zu räumen. Die Art, wie sich die Personen in der Widmung genannt haben, ist sehr mannig- faltig. Die Einen begnügen sich mit der bloſsen Nennung ihres Namens. Andere fügen ihre Titel und Würden hinzu. Wenn manche in der Aufzählung ihrer Imter sehr aus- führlich sind, so ist der Grund von dieser Umständlichkeit gewiſs nicht immer in Fitel- keit und Prahlsucht zu suchen, sondern vielmehr in einer gewissen Förmlichkeit, die zu jener Zeit noch allgemein herrschte, und in einer gewissen Feierlichkeit, von der der ganze Vorgang begleitet war. Die Wahl- oder Denksprüche, mit denen sich die Personen eingezeichnet haben, sind, so kurz sie auch in der Regel sind, doch häufig für die ganze uns anderweitig bekannte Denk- und Handlungsweise der Einzelnen charakteristisch; sie sind mehr als blolse Erinnerungszeichen, es sind Lebensgrundsätze, Maximen. In vielen Fällen besteht eine deutliche Beziehung zwischen jenen Sprüchen und den eigentümlichen Lebensschicksalen der einzeichnenden Person, die man näher kennen mufs, damit jene Bezichung erst recht verständlich wird. Manche Eintragungen sind unter dem Findruck augenblicklich obwaltender Lebensumstände und Stimmungen gemacht und verfen daher oft in überraschender Weise ein aufklärendes Licht auf die Beweggründe und Absichten, von denen sich die Ein- zeichner in ihren Handlungen leiten lieſsen. Indessen, auch da, wo eine solche besondere Beziehung der Denksprüche zu der einzeichnenden Person nicht erkennbar ist, flölsen viele Einschriften entweder wegen der Bedeutung, die die Person besals, ein Interesse ein, oder sie sind schon an sich selbst wegen ihrer Eigenartigkeit in Bezug auf Inhalt oder Form interessant. Wenn wir uns die allgemeinen Zeitverhältnisse, unter denen Soermans' Reise stattfand, vergegenwärtigen, so fällt sie in die Mitte der Zeit des Friedens zwischen dem siebenjährigen Kriege und der französischen Revolution und liegt von beiden weltbewegenden Ereignissen je 12 bis 15 Jahre entfernt. Die Stürme des Krieges schwiegen; aber es lebten noch Friedrich der Groſse und Maria-Theresia; indessen sie beide waren nur noch bemüht, die Wunden, die jener lange, schwere Krieg geschlagen hatte, zu heilen und ihren Völkern die Segnungen des Friedens zu teil werden zu lassen. Kunst und Wissenschaft konnten ihrer stillen, aber um so eindringenderen und erfolgreicheren Arbeit nachgehen, die auch durch die näherliegenden Freignisse der ersten Teilung Polens und des bayrischen Erbfolgekrieges nicht wesentlich gestört wurde. Es ist diese Zeit das Zeitalter der Auf- klärung, der auch der mächtige Jesuitenorden zum Opfer fallen muſste. Seine Auf- hebung durch den Papst Clemens XIV. Ganganelli machte, wiewohl dieses Ereignis nicht unerwartet kam, nun, da es wirklich eintrat, namentlich in katholischen Ländern, einen ungeheuren Eindruck, von dem wir uns heute kaum eine rechte Vorstellung zu machen vermögen, und rief in den Finzelnen, die davon betroffen wurden, die verschiedenartigsten Empfindungen hervor. Es ist ferner die Zeit des Sturmes und Pranges, wo der deutsche Geist einen mächtigen Aufschwung nahm, wo in unserer Litteratur zwar noch die Vor- klassiker den gröſsten Einfluſs besalsen, aber die jungen Geister, die sie zu ihrer Klassizität zu führen berufen warén, sich doch schon in ihren ersten Werken ankündigten; der Musenhof zu Weimar fing mit Goethes Ubersiedelung dorthin im November 1775 an sich zu bilden. Jenseits des Ozeans aber entzündete sich das Feuer des Freiheitskampfes der Nordamerikaner, von dem später ein Funken nach dem alten Kontinent hinüber- sprang und den Brand der französischen Revolution entfachen half, die dann weiter über Frankreichs Grenzen hinübergriff und auch im Heiligen Römischen Reiche deutscher Nation manch altes morsches Haus in Trümmer legen sollte. Indem wir es nun in der folgenden Darstellung unternehmen, gleichsam an der Hand des oben genannten Stammbuchs eine Reise durch das gelehrte und litterarische Deutschland der siebenziger Jahre des XVIII. Jahrhunderts zu machen, haben wir von den vielen Personen, die wir eingezeichnet finden, eine Auswahl von solchen getroffen, deren Wirksamkeit in ihrer Zeit grols genug war, dafs ihre Verdienste auch heute noch nicht vergessen sind, oder die wenigstens etwas für die Kenntnis ihrer Zeit ganz besonders Charakteristisches bieten, die also in kulturgeschichtlicher Hinsicht erwähnenswert sind. Wir haben versucht, in wenigen Worten die Stellung, die diese Personen an ihrem Orte in dieser Zeit besaſsen, kurz zu kennzeichnen. —. ———— Göttingen, Montag, den 19. September— Montag, den 3. Oktober 1774. Zu Göttingen stiftete Georg II., König von Groſsbritannien und Kurfürst von Hannover, nachdem schon 1734 die Vorlesungen ihren Anfang genommen, am 17. Sep- tember 1737 eine Universität nach den Ratschlägen seines Ministers Gerl. Ad. Frh. v. Münchhausen(1685— 1770), der die vorzüglichsten Lehrer von andern Universitäten dorthin zu ziehen bemüht war und für eine reichliche Dotierung aller mit der Universität verbundenen Institute sorgte. Die Göttinger Universität, bei deren Einrichtung namentlich das 40 Jahre ältere Halle als Vorbild diente, erhielt gegenüber den älteren deutschen Universitäten einen ganz modernen Charakter. Da die Zöglinge namentlich für den höheren Staatsdienst vorgebildet werden sollten, fanden die Staatswissenschaften, Politik und Geschichte mit allen ihren Hilfswissenschaften eine besondere Pflege, und manche von diesen Disziplinen wurden in der That hier zuerst gelehrt. Aus diesem Grunde wurde auch auf die gesellschaftliche Bildung der akademischen Jugend grolser Wert gelegt, und alle Institute, die zu ihrer Ausbildung in den ritterlichen und gesellschaft- lichen Künsten dienen konnten, wie Reiten, Fechten, Tanzen, Musik, Zeichnen und Malen, wurden besonders reichlich ausgestattet. Göttingen wurde bald von der vor— nehmen Jugend Deutschlands als ihre vorzüglichste Bildungstätte betrachtet, und schon vor Ablauf ihres ersten Semisäkulars war die Georgia-Augusta wohl die vornehmste Universität Deutschlands. Nachdem die Stürme des siebenjährigen Krieges, während dessen Göttingen wiederholt bald auf längere, bald auf kürzere Zeit von feindlichen tranzõsischen Truppen besetzt wurde, vorüber waren, begann die Glanzzeit der Uni- versität. Alle Fakultäten waren mit den berühmtesten Gelehrten ihrer Zeit besetzt; ganz besonders glänzend war die philosophische Fakultät vertreten, in der Namen wie Heyne und Michaelis schon auf Goethe anziehend wirkten, als er sich 1765 zum Besuch der Universität anschickte, und in ihm den sehnlichsten Wunsch erweckten, zu ihren Füſsen zu sitzen und auf ihre Lehren zu merken, bis seines Vaters Wille für Leipzig entschied (Wahrheit und Dichtung, VI. Buch). Fast alle Universitätslehrer haben sich in Soermans' Stammbuch eingezeichnet. Mit der Universität standen drei gelehrte Gesellschaften im Zusammenhang, die durch königliche Bestätigung zu staatlichen Instituten erhoben worden waren, und denen anzugehören zugleich als Beweis für die wissenschaftliche Bedeutung eines Mannes gelten konnte. Dies trifft bei allen Göttinger Gelehrten zu, die sich in Soermans' Stammbuch eingeschrieben haben; ein jeder von ihnen gehörte der einen oder der anderen Ver- einigung an. Das gröſste Anschen hatte die noch heute bestehende Königliche Sozietät der Wissenschaften, die zur Förderung naturwissenschaftlicher, mathematischer und historisch- philologischer Kenntnisse auf Veranlassung des Frh. v. Münchhausen nach einem Entwurfe Albrechts v. Haller, der auch ihr erster ständiger Präsident wurde, i. J. 1751 von Georg II. gestiftet worden war. Nachdem Joh. Dav. Michaelis die Vorstandschaft, die er seit 1761 geführt, 1770 niedergelegt hatte, wurde kein ständiger Präsident mehr ernannt; sondern von nun an wechselte wie noch heute das Direktorium alljährlich zwischen den ältesten Mitgliedern. Um ihre Publikationen hat sich Heyne, 99 — der in jenem Jahre 1770 zum ständigen Sekretär ernannt worden war und dies Amt bis zu seinem Tode 1812 bekleidete, besondere Verdienste erworben, zunächst durch die Erhaltung der 1753 gegründeten und anfangs von Haller und Michaelis geleiteten Zeit- schrift:„Anzeigen von Gelehrten Sachen“, die dadurch die älteste der noch bestehenden litterarisch-kritischen Zeitschriften Deutschlands geworden ist, und ferner durch die Wiederbelebung der Abhandlungen der Sozietät, die 1755 eingegangen waren und nun seit 1770 wieder in ununterbrochener Folge regelmäſsig erschienen. Von den beiden anderen gelehrten Gesellschaften war das Königliche historische Institut auf Veranlassung und unter Direktion des Professors Gatterer i. J. 1764 gestiftet worden zur Förderung aller historischen Wissenschaften mit Hilfe von Urkunden, Wappen, Münzen und Medaillen, die in eigenen Kabinetten gesammelt wurden. Die dritte Vereinigung, die Königliche deutsche Gesellschaft, war zur Pflege der deutschen Sprache schon 1738 begründet worden, ver- mochte aber, trotzdem seit 1762 der Professor Abr. Gotth. Kästner als„Iltester“ den Vorsit? führte und sie den Umfang ihrer Wirksamkeit auf die deutsche Geschichte, Länder- kunde und Altertümer ausgedehnt hatte, doch nicht recht in Flor zu kommen und ging schon 1792 ein. Von viel grölserer Bedeutung für die deutsche Litteratur und Göttingens Stellung in derselben als diese behördlich anerkannte Vereinigung ward der Freundschaftsbund, den junge enthusiastische Studenten zwei Jahre vor dieser Zeit, am 12. September 1772, geschlossen hatten: der Göttinger Hainbund. 2u seinen Mitgliedern aber scheint Soermans in keinen Beziehungen gestanden zu haben; erst zwei Jahre später lieſs er in Ulm einen älteren Verwandten Millers sich in sein Stammbuch einzeichnen. Gerade an dem Montage, an dem Klopstock auf seiner Reise von Hamburg nach Karlsruhe zu dem Markgrafen Karl Friedrich von Baden bei jenen jungen Dichtern, die ihn als ihren Meister glühend verehrten, in Göttingen verweilte, freilich ohne sonst weiter Besuche zu machen noch anzunehmen, begann Soermans seine Abschiedsbesuche und lieſs die erste Eintragung in sein Stammbuch machen. Der erste, der sich in Soermans' Stammbuch eingeschrieben und ihm gleichsam die Weihe gegeben hat, war der Konsistorialrat und erste Professor der Theologie an der Universität Chr. Wilh. Franz Walch(1726— 1784), Mitglied einer Gelehrten- tamilie, von der sein Vater Joh. Georg Walch(693— 1775) und sein Groſsvater mütter- licherseits Joh. Franz Buddeus(1667— 1729) als Professoren der Theologie an der Universität zu Jena ihrer Zeit zu groſsem Ruhme gelangt waren. Er selbst war seit 1754 an der Universität Göttingen ein gern gehörter Lehrer der Theologie. Seine reiche Gelehrsamkeit, die sich über alle Gebiete der Theologie erstreckte, aber in dem der Kirchengeschichte sich besonders kundgab, hat er in zahllosen kleinen und groſsen Schriften niedergelegt, die heute noch ihren Wert haben. Darunter ist das Hauptwerk seines Lebens der„Entwurf einer vollständigen Historie der Ketzereien, Spaltungen und Religionsstreitigkeiten“, an dem er von 1762 bis zu seinem Tode gearbeitet hat und das bis auf die Zeit der Reformation gehen sollte, aber in seinem elften und letzten Bande nur bis zum IX. Jahrhundert gelangt ist.— Seine Einschrift befindet sich auf Seite 99 des Stammbuches und sei ebenso wie die nächstfolgende zur Veranschaulichung des allgemeinen Typus dieser Einschriften hier vollständig mitgeteilt: — Noenov sor u oyov Nooriuvos xAsoat, dMla xut ENMA Praestantissimo possessori studiore se commendat ¶Mristiun. Guidelm. Franciscus Walchius. D. In Acad Georg. Augusta d. XIX sept. ann Seculi PXXV Als Nächster schrieb sich der Jurist Georg Ludwig Böhmer(1715— 1797) ein. Er gehörte einer Familie an, deren Mitglieder von seinem Groſsvater an bis zu seinen eigenen drei Söhnen sich fast alle dem juristischen Stande gewidmet haben. Der Vater Just Henning Böhmer war seit 1699 Dozent der Jurisprudenz an der Universität zu Halle und starb 1749 als Regierungskanzler des Herzogtums Magdeburg und Ordinarius der Juristenfakultät. Als dessen Sohn 1715 in Halle geboren, kam 6. L. Böhmer 1740 als Lehrer der Rechte nach Göttingen. Auch als juristischer Schriftsteller hat er sich aus- gezeichnet; seine 1762 erschienenen Principia iuris canonici, speciatim iuris ecclesiastici publici et privati, quod per Germaniam obtinet, wurden der Redaktion des Kirchenrechts im Preuſsischen Allgemeinen Landrechte zu Grunde gelegt. Seine EFinschrift lautet: In vecto decus. Comis memoriae et benevolentiae causa scripsit Georgius Ludovicus Bohmer M. Britanniae Negi a Consiliis iustitiae intimis[1770] et Primarius Antecessor[1774] in Academia Georgia Augusta Gottingae a. d. XX. Sept. C00CCLXXIV) Am Freitag, den 23 September, schrieb sich der älteste Dozent an der Universität, der Philosoph und Naturforscher Samuel Christian Hollmann ein, mit der aus Senecas zehntem Dialoge de brevitate vitae VII, 3 entnommenen Sentenz: Mori tota vita discendum est. Zu Stettin 1696 geboren, hatte er 1734, von Wittenberg als ordentlicher Professor der Philosophie herberufen, zu Göttingen mit Fröffnung der Universität seine Lehrthätigkeit begonnen, die in der Folgezeit auſserordentlichen Beifall fand. Denn seine Vorlesungen wurden nicht blols von Studierenden, sondern auch vou Adligen und Offizieren besucht, und oft muſste er dieselbe Vorlesung zweimal des Tages halten. Während seines langen Lebens hat er alle Schicksale der Georg-Augustus-Universität„in ihrer Wiege, in ihrer blühenden Jugend und ihrem reiferen Alter“ geteilt. Seine öffentliche Lehrthätigkeit gab er erst 1784 in seinem 88. Lebensjahre auf, nachdem er noch als einziger Lehrer, welcher der Universität von ihren ersten Anfängen her angehörte, sein 50 jähriges Jubiläum hatte ¹) Alle in eckige Klammern eingeschlossenen Zusätze innerhalb der Einschriften, wie in dieser die Jahreszahlen, rühren vom Verfasser dieser Arbeit her. Kaiserin Augusta-Gymn. 1902. 2 57 73 105 97 feiern können. Seine überaus fruchtbare litterarische Thätigkeit setzte er noch bis zu Seinem Tode fort, der in seinem 91. Lebensjahr, am 4. Sept. 1787, wenige Tage vor der Jubelfeier der Georgia Augusta eintrat. An dem gleichen Tage zeichnete sich der Geschichtsforscher Aug. Ludw. Schlözer (735— 1809) ein, und zwar mit einem Citat aus Lucan.[Pharsalia] T o 462. ynavum est vedituwae pancere vitae. Von Wittenberg, wo er, gleich seinen Vorfahren von den Zeiten der Reformation an, Theologie studiert hatte, war er, durch den eben aufsteigenden Ruhm des Orientalisten Michaelis bestimmt, zur Vollendung seiner Studien 1754 nach Göttingen gekommen. Als Michaelis zum gründlicheren Verständnis der Bibel Reisen nach Syrien und Arabien empfahl, griff er diesen Gedanken mit solcher Lebhaftigkeit auf und machte ihn sich so zu eigen, daſs alles, was er in den nächsten Jahren unternahm, nur dem einen Zweck dienen sollte, ihm die Mittel und Kenntnisse für eine solche Reise zu verschaffen. Dies war der Zweck geines Aufenthalts in Schweden(1755— 58), wo er nach einander Hauslehrer bei einem Prediger, Dozent an der Universität Upsala, Korrespondent bei einem Groſshändler war, und in Ruſsland(1761— 67), wo er in Petersburg litterarischer Gehilfe des russischen Reichshistoriographen Friedr. Müller, dann Adjunkt der kaiserl. Akademie war und zuletzt 1765 durch einen Kabinettsbefehl der Kaiserin Katharina zum ordentlichen Mitgliede derselben und Professor der russischen Geschichte ernannt wurde. Im Jahre 1769 wurde er als ordentlicher Professor der Geschichte an der Universität Göttingen noch auf Betrieb Münchhausens angestellt. Zwar hatte Schlözer durch alle jene Unter- nehmungen seine ursprüngliche Absicht nicht erreicht; indessen war er durch sie auf Studiengebiete geführt worden, auf denen er von nun au als akademischer Lehrer wie als Publizist seine erfolgreichste Thätigkeit entfaltete und aut denen seine eigentliche Bedeutung beruht: durch den Aufenthalt in Schweden auf die Statistik und Politik, durch den Aufenthalt in Ruſsland auf die Universalhistorie. Statistik und Politik lehrte er in Göttingen unter ungeheurem Zudrange der Studierenden zu einer Zeit, wo diese beiden Disziplinen anderwärts kaum dem Namen nach bekannt waren. Die allgemeine Welt- geschichte wurde in den ersten 12 Jahren seine Hauptvorlesung, die er jedes Semester vor- trug und zu der sich bald eine dreifach grölsere Zahl von Hörern tand als bei den älteren Geschichtslehrern, die sich nunmehr alle zurückgedrängt sahen. In manchen seiner Kollegien fanden sich 300 Zuhörer ein, während doch die Zahl der Studierenden in Göttingen in dieser Zeit sich insgesamt auf 800— 900 beliet. In diesen Jahren legte er auch den Grund zu einem Unternehmen, das, als es 1776 zur Ausführung kam, in der Wirkung alle seine bisherigen theoretischen Schriften übertreffen und einen gewaltigen Einfiuſs auf die Entwickelung der öffentlichen Meinung und der Publizistik gewinnen sollte; es ist der „Brietwechsel meist historischen und politischen Inhalts“ 1776—82 und dessen Fortset?ung, die„Staatsanzeigen“ 1782— 93. Parnach kehrte er zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten zurück und gab die„Ubersetzungen des russischen Chronisten Nestor“ heraus, indem er mit diesem Werke in seiner letzten Lebensperiode nach dem Urteile der Fachmäuner das pedeutendste vollbrachte, was ihm überhaupt gelungen. Am folgenden Tage hat sich der Anatom Wrisberg(1739— 1808), dessen Name bei den Fachgelehrten in dem nach ihm benannten Ganglion Wrisbergii magnum für alle Zukunft fortleben wird, folgendermaſsen eingeschrieben: Vide sed cui vide. Honoris amoris amicitiaeque cuusa Gottingae d. 24. 7br. 774. scripsit Henricus August Wyrisberg med. Anat. atque An. Ost. C. Er gehörte der Georgia-Augusta von seiner ersten Studienzeit(1757) an; seine Lehr- thätigkeit begann er kraft besonderer Konzession schon 1762; zum ordentlichen Professor ward er 1765 ernannt. Von den übrigen Lehrern der Medizin, deren Verdienste um ihre Wissenschaft heute noch nicht vergessen sind, hat sich am nächsten Tage, Sonntag den 25. September, der als medizinischer Schriftsteller hervorragende Professor Ernst Gottfried Baldinger (1738— 1804) eingezeichnet. Von groſser Bedeutung wurde gleich eine seiner ersten Schriften: de militum morbis inprimis exercitus regis Borussiae 1763. Den Stoff dazu gaben ihm die eigenen Wahrnehmungen im siebenjährigen Kriege, den er von 1760 an als Militärarzt im preuſsischen Heere unter dem Oberbefehl des Prinzen Heinrich mitmachte, und während dessen er auch der Belagerung Torgaus 1761 beiwohnte. Bei der Abfassung seiner zahlreichen und gern gelesenen Schriften sowie bei seinen Vorlesungen über medizinische Gelehrtengeschichte uud Bücherkunde wurde er namentlich durch seine wertvolle Bibliothek unterstützt, die er noch unablässig zu vermehren bedacht war. Sie enthielt in der Fach- litteratur auſser andern seltenen und merkwürdigen Büchern eine vollständige Sammlung alter griechischer Irzte und Ubersetzungen der Araber und Latinobarbari. Aber sie umfaſste auch schönwissenschaftliche Werke und eine Kupferstichsammlung, die wiederum reich an Porträts von Irzten und Naturforschern war. Er hat das Verdienst, bei seinen Zeitgenossen den Sinn für das Studium der alten klassischen Medizin und für medizinische Litteraturgeschichte erweckt zu haben. Sein persönliches Interesse dafür bekundet er auch durch den Denkspruch, mit dem er sich in das Stammbuch einschrieb: Solis medicis licet occidere, nec tamen occidi. Menunden.) Baldinger gehörte nur in den Jahren 1773— 82 der Göttinger Universität an; darnach trat er als erster Leibarzt und Direktor aller Landes-Medizinal-Anstalten in hessische Dienste und wurde 1785 mit der Reorganisation der in tiefen Verfall geratenen medi- zinischen Fakultät an der Universität Marburg betraut. ¹) Mit diesem Citat sind offenbar die Verse gemeint: Mo 0' taro rodro zc onyo SEeorn dnoxrsinsm ty, d ohoxei e n, die aber nicht dem Menander, sondern dem Philemon angehören, dessen Fragmente mit denen Menanders in den Ausgaben vereinigt zu sein pflegen. 1 6 C 31 Zu den berühmtesten medizinischen Gelehrten seiner Zeit, namentlich auf dem Gebiete der Chirurgie und der Augenheilkunde, zählte der auch als Fachschriftsteller aus- 104 gezeichnete Professor August Gottlob Richter(1742— 1802). Er war wie Wrisberg ein Zögling der Göttinger Universität(on 1760 an), und hat durch seine Lehrthätig- keit, die er seit 1766 übte und durch die er Mediziner aus allen Teilen der Welt, aus den höchsten, selbst fürstlichen Familien nach Göttingen zog, wesentlich zu ihrem Glanze beigetragen. Er schrieb sich am 29. September mit dem Wahlspruche ein: Nec temere, nec timide. Als Letzter der berühmten Professoren der Medizin zeichnete sich am 2. Oktober 153 John Andr. Murray aus Stockholm(1740— 91) ein und zwar mit dem Spruche Natuna et arte. Er war von der Universität Upsala, wo ihn Linné in die Botanik eingeführt hatte, im Jahre 1760 nach Göttingen gekommen. In medizinischen Fache ist er dadurch merkwürdig, dals er als einer der ersten, schon durch seine Inauguraldissertation de fatis variolarum insitionis in Suecia 1763, dann später auch durch andere Schriften für die Schutzpockenimpfung wirkte, die damals gerade in Europa eingeführt wurde. Der grölsere Teil seiner Thätigkeit bezieht sich aber auf die Botanik, die er auf besondere Erlaubnis schon vor seiner Promovierung an der Göttinger Universität lehrte und mit der er die Entomologie zu vereinigen suchte. Seine Verdienste in dieser Hinsicht hat zuerst Linné anerkannt, indem er ihm zu Ehren 1771 einen ostindischen Baum mit dem Namen Murraya exotica belegte, sowie er auch vorher ein von ihm entdecktes Insekt Cassida Murrayi“ genannt hatte. Und nicht bloſs die Göttinger Sozietät der Wissenschaften, sondern auch zahlreiche Akademieen und gelehrte Gesellschaften des Aus- landes, in Schweden, Dänemark, Frankreich, Schweiz und Italien, ehrten seine Verdienste, indem sie ihn zu ihrem Mitgliede ernannten. An demselben Sonntage, wie der Mediziner Baldinger, haben sich noch mehrere andere namhafte Gelehrte eingezeichnet, unter ihnen der Historiker Johann Christoph 95 Gatterer, und zwar mit einer Sentenz, die aus den beiden letzten Hälften zweier Hexameter aus Horaz' Episteln I, 1, 60. 61 znsammengesetzt ist: Hic murus aheneus esto: Nulla pallescere culpu. Gatterer(1727— 1799), Sohn eines Dragonerunteroffiziers in Nürnbergischen Piensten, der„Mann seiner eigenen Thaten“, hatte schon auf der Universität Altdorf Geit 1747), wo er Theologie studieren sollte, sich ganz dem Studium der Geschichte, zu dem er bereits auf der Schule eine groſse Neigung gefalst hatte, gewidmet und es durch- geführt, indem er, da es dort an geeigneten Lehrern in diesem Fache fehlte, darin meist sein eigener Lehrer war. In Göttingen, wohin er 1759 berufen wurde, hat er während seiner 40 jährigen Thätigkeit als Lehrer wie als Schriftsteller eine neue Epoche in der deutschen Geschichtsforschung und darstellung herbeiführen helfen. Seine eigentliche Bedeutung liegt auf dem Gebiete der sogenannten historischen Hilfswissenschaften: der Diplomatik, Heraldik, Numismatik, Genealogie und Chronologie. Er hat die Wichtigkeit dieser Disziplinen für die Geschichtsforschung hervorgehoben, sie selbst erst wissen- schaftlich begründet und an den Universitäten eingeführt. — Ferner zeichnete sich an diesem Tage der Mathematiker und Dichter Abraham Gotthelf Kästner(1719— 1800) ein. Von seinem Vater, der Professor der Rechte an der Universität zu Leipzig war, zum Juristen bestimmt, war er mit 12 Jahren als Student der Rechte immatrikuliert und schon mit dem vierzehnten Jahre zum Notar ernannt worden. Er hatte sich dann aber doch, seiner innersten Neigung folgend, dem Studium der Mathematik, Physik und der verwandten Wissenschaften gewidmet und schon 1739, in seinem zwanzigsten Lebensjahre, als Privatdozent philosophische und mathematische Vor- lesungen zu halten angefangen. Ostern 1756 ward er als ordentlicher Professor der Mathematik und Physik nach Göttingen berufen, wo er dem mathematischen Unterrichte, der in jenen Zeiten auf den Universitäten noch auf einer ziemlich elementaren Stufe stand, sogleich durch Einführung der Differential- und Integralrechnung höhere und würdigere Ziele wies. Wenige Monate nach seiner Berufung brach der siebenjährige Krieg aus, und Göttingen wurde bis zum Oktober 1762 mehrfach auf längere Zeiten von französischen Truppen besetzt. Die fremden Offiziere benutzten den Aufenthalt in Göttingen dazu, Kästners Vorlesungen zu besuchen, der nach seinem Geständnis an ihnen eifrige und strebsame Zuhörer fand. Die nächste Zeit zwischen den Jahren 1760— 80 war die erfolgreichste in Kästners akademischer Thätigkeit; seine Vorlesungen machten in dieser Zeit für Göttingen Epoche. Auch in der deutschen Litteratur nahm Kästner in dieser Zeit eine angesehene Stellung ein. Schon früh hatte er sich neben den mathematischen und naturwissenschaft- lichen Fächern mit den schönen Wissenschaften beschäftigt. Unter Gottscheds Leitung begann er sich in Leipzig in der Poesie zu üben, und seinen Lehren ist er auch in der Zukunft treu geblieben. Wenn er sich auch in mancher Hinsicht im Geschmack und Urteil seinem Meister überlegen bewies, hat er sich doch nicht, wie die Bremer Beiträger thaten, von ihm losgesagt, sondern ihm stets ein ehrendes Andenken bewahrt. Noch in Göttingen trat er in der Deutschen Gesellschaft, deren„Iltester“ er i. J. 1762 geworden, nach Gottscheds Tode zu dessen Verteidigung gegen die Schweizer auf. Andererseits war er auch mit Lessing noch von seiner Leipziger Zeit her eng verbunden, und auch später bestand zwischen beiden ein reger Verkehr. Den jungen Göttinger Dichtern war er sehr gewogen. In dem ersten Musenalmanache auf das Jahr 1770, den in ihrem Namen Boie herausgab, stammt die„Nachricht“ des Verlegers aus seiner Feder. Aber auch andere Beiträge, namentlich Epigramme, steuerte er für diesen wie für die späteren Almanache bei. Auf seinen Epigrammen beruht vornehmlich seine Bedeutung für die deutsche Litteratur. Mit einem seiner Sinngedichte hat er sich auch in das Stammbuch ein- getragen: Pracht, Reichthum, eitle Luſt kann ſie uns nicht gewähren, Was gieht die Weisheit uns? Den Geiſt, das zu entbehren. Dieses Epigramm findet sich schon in der ersten Ausgabe seiner„Vermischten Schriften“ vom Jahre 1755 unter den„Sinngedichten“ auf Seite 168 mit der Uberschrift „Die Vortheile der Weisheit“ und der Unterschrift„Contemtae dominus splendidior rei. Hor.“[Carm. III 16, 25]). Diese Ausgabe hat Kästner Maupertuis, dem Präsidenten der Berliner Akademie der Wissenschaften, gewidmet, zu deren Mitglied er schon 1750 er- nannt worden war. 109 113 86/87 — Am folgenden Tage, Montag den 26. September, trugen sich die beiden Lektoren der französischen und der englischen Sprache ein. Lehrer der französischen Sprache war Isaak von Colom du Clos(1708— 95), der aus der französischen Kolonie zu Münche- berg in der Mittelmark stammte. Er hatte als Schüler das Joachimsthalsche Gymnasium zu Berlin besucht und sich zugleich den Unterricht der Lehrer des Französischen„gymnasii illustris“ zu Nutze gemacht. Nachdem er seine Studien in Jena, Leiden und Bremen fortgesetzt hatte, war er 1730 Erzieher des let?ten Fürsten von Ostfriesland aus dem Hause der Cirksena, des damaligen Erbprinzen Carl Edzard, geworden. Während der Regierung seines Zöglings 1734— 44, der sich ihm durch die Ernennung zum Geh. Kabinettssekretär und zum Bibliothekar dankbar bewies, blieb er zu Aurich. Nach dem Tode des jungen Fürsten nahm bekanntlich Friedrich der Grolse das Land in Besitz. Colom aber ward nach einer kurzen Lehrthätigkeit am Gymnasium zu Ifeld 1747 als lector publicus linguae Gallicae nach Göttingen berufen, wo er 1751 zum aufserordentlichen Professor der Philosophie ernannt wurde. Er erhielt 1764 den Rang eines ordentlichen Professors, zählte indessen immer zu den aufserordentlichen Lehrern der Universität. In dem letzt- genannten Jahre ward er auch zum Mitglied des Königlichen historischen Instituts er- nannt. Denn auſser seinem eigentlichen Fache beschäftigte er sich mit Heraldik und Geographie, worüber er auch an der Universität Lehrvorträge hielt und worin er von einer reichen Kartensammlung unterstützt wurde. Seine Einschrift in Soermans' Stamm- buch lautet: Les gens d'esprit vivent tomjours contens; s napdhendent point Vorage: Tout iel das n'est qu'un passage, Tout peut changer avee le tems. Quand par ses passions, qui le rendent coupable, Vimpie incessamment a le coeun agits; à Goitingue Fous jouisses, Soermans, d'un repos agréable: ce 26 Sept. Cest-la le juste Ppric de votre probitẽ. En mémoine de mot Jsaat de Colom Der Vertreter der englischen Sprache, Philipp Pepin Eu London 1736 geboren, 1769— 88„Professor linguae Anglicae“ in Göttingen, gestorben 1811 zu Stettin) wählte für seine Einschrift die Worte, mit denen in Shakespeares Hamlet, in der dritten Scene des ersten Aktes, Polonius seinen Sohn Laertes in die Fremde entsendet: — 7ese ſeib precepts in ih memon See hou characten. 21 Verse, indem die beiden Verse, die sich auf Frankreich im besondern beziehen, weg- gelassen sind, bis hin zu den Worten: Tou canst not ihen de false to an man. — 5 Alsdann fügt er die Widmung hinzu: Vnden sanction of mn ccuntrman Shalespeare's above eaellent adoice to is auditors, I shall beg, Sir, ou will perpetuall⸗ continue me a place in vour friendstip Ph. Pepin, Proſessor of the Sept. 26. 1774. Englis Language in the Vniversit of Gottingen. Am 28. September schrieb sich der groſse Philologe und Archäologe Christian Gottlob Heyne(1729— 1812) mit dem Denkspruch ein: Singula quaeque dies vita est. Als Sohn eines armen Leinewebers zu Chemnitz geboren, war er nach Ab- solvierung seiner Studien zu Leipzig(1748— 52) in Dresden als Kopist und Bibliothekar in die Dienste des damaligen sächsischen Premier-Ministers Grafen v. Brühl getreten. Bei seinem Gebalte von 100 Thalern war in den nächsten zehn Jahren sein Leben ein fortwährender Kampf ums Pasein. Die Not des Lebens und die Sorge ums tägliche Brod trieben ihn zur schriftstellerischen Thätigkeit. Doch diese wissenschaftlichen Arbeiten dienten ihm zur Empfehlung bei seiner Berufung nach Göttingen als ordentlicher Professor der Beredtsamkeit und Poesie i. J. 1763, nach dem Ende des siebenjährigen Krieges. Zugleich wurde er zum Mitglied der Sozietät der Wissenschaften und ein Jahr später zum ersten Universitäts-Bibliothekar ernannt. In dieser Zeit(1774) stand er in der vollen Kraft seines Wirkens. An der Universität wie in der Sozietät, mit denen beiden seine wissenschaftliche Thätigkeit aufs engste verwachsen ist, waren alle Imter, die ihm überhaupt in seinem Leben übertragen wurden, schon in seine Hände gelegt, und durch ihre Verwaltung übte er in einer langen Reihe von Jahren den gröſsten Finfluſs auf das Gedeihen beider Anstalten aus. Leute, die ihn persönlich kannten und Gelegenheit hatten, sein Wirken zu beobachten, staunten über die Arbeitskraft dieses„seltenen“ Mannes. Was seine akademische Thätigkeit betrifft, so stand schon der Plan und die Ordnung fest, nach denen er in seinen Vorlesungen das riesige Gebiet der gesamten griechischen und lateinischen Litteratur und Altertumskunde in einem zweijährigen Kursus umspannte und nach seiner vertieften Auffassung vortrug. In der Sozietät bekleidete er seit 1770 das Amt des ständigen Sekretärs, und als solchem lag ihm die Herausgabe der Sozietäts- schriften und die Redaktion der von der Sozietät herausgegebenen Gelehrten Anzeigen — für die er bei weitem der thätigste Mitarbeiter war— dazu die Rechnungsführung und Kassenverwaltung ob. Bewundernd ruft Joh. Friedr. Ludw. Hausmann, der ihm noch persönlich nahe getreten war, im J. 1851 in seiner Geschichte der Königlichen Gesell- schaft der Wissenschaften zu Göttingen Seite L u. LI aus:„Man begreift es wahrlich kaum, wie derselbe Mann es möglich machte,.. neben diesen Geschäften(des Sekretärs der Sozietät) täglich mehrere Vorlesungen zu halten, dem philologischen Seminar vorzustehen [seit 1763), das Amt des Bibliothekars zu verwalten, als Mitglied der philosophischen Fakultät thätig zu sein, die Inspektion über das Pädagogium in IIfeld zu führen[seit 1770], und dabei noch in hohem Grade schriftstellerisch thätig zu sein, indem er auſser seinen eigenen gröſseren Werken und Gelegenheitsschriften, zu deren Abfassung die Professur ihn verpflichtete, zahlreiche Abhandlungen für die Sozietät lieferte“. 11⁵ Zugleich mit Heyne, dieser Koryphäe der Wissenschaft, zeichnete sich der 121 Universitäts-Stallmeister Joh. Heinr. Ayrer ein. Zu Koburg 1732 geboren, hatte er sich Seit dem 14. Lebensjahre der Reitkunst gewidmet. Nachdem er von 1749 an den Marställen mehrerer österreichischer und ungarischer Grafen vorgestanden hatte, wurde er 1760 von Wien nach Göttingen als Lehrer der Reitkunst berufen„mit dem Range eines professoris ordinarii und dem Vortritt vor den professoribus extra-ordinariis“. Wir erinnern daran, dals schon bei der Gründung der Universität ein Hauptaugenmerk darauf gerichtet wurde, den Studierenden eine möglichst weltmännische Bildung zu geben, und daher den Instituten, die diesem Zwecke dienten, besondere Beachtung zugewandt wurde. Auch suchte man die hohe Stellung des Stallmeisters damit zu rechtfertigen, dals man erklärte, wie von der medizinischen Fakultät zugleich die ganze Naturkunde und die gemeinnützigsten Wissenschaften: Chemie, Mineralogie und Botanik, und Physiologie tierischer und mensch- licher Körper und Seelen gelehrt werden, so stehe auch mit jener nicht unschicklich d.e Vieharzneiwissenschaft in Verbindung, und Ayrer lehrte„nach eigenen Sät?en“„Physiologie, Pathologie und Therapie des Pferdes, mit dazu nötiger Materia Medica“.— Seine Ein- schrift lautet: Sey, was Du jedermann im Leben werden mußt Gott, jedem Bürger hier, und dan auch Deiner Lußt. Zu geneigten Andencken des Herrn Beſitzers empfiehlet Sich ganz ergebenſt, der die Ehre hat mit vollkommener Ergebenheit zu ſeyn I H Ayrer K Stallmeiſter Göttingen d 28. Septembr. 1774. Am nächsten Fage, Donnerstag, den 29. September, schrieb sich der groſse 117 Staatsrechtslehrer Pütter(1725— 1807) ein, mit dessen Wirksamkeit ältere Publizisten eine neue Epoche in der Geschichte des deutschen Staatsrechts ansetzen und dessen Ver- qienste um seine Wissenschaft Goethe in Wahrheit und Dichtung, VII. Buch, in die Formel gefalst hat, dals er durch die Klarheit seines Vortrags auch Klarheit in seinen Gegenstand und den Stil gebracht habe. Aus einer Kaufmannsfamilie zu Iserlohn stammend, bezog er, noch nicht 13 Jahre alt, die Universität Marburg, studierte einige Zeit in Halle, wo er auch den Vater seines jetzigen Kollegen, des oben genannten Professors Böhmer, hörte, und begann, nach Marburg zurückgekehrt, mit 19 Jahren öffentliche Vorlesungen über ver- schiedene Teile der Rechtsgelehrsamkeit zu halten. Michaelis 1747 trat er, nachdem er noch während eines Jahres eine gelehrte Reise durch Deutschland gemacht hatte, um namentlich in Wetzlar das Reichskammergericht, in Regensburg den Reichstag und in Wien den Reichshofrat aus eigener Anschauung kennen zu lernen, seine Stellung als aulserordentlicher Professor der Rechte in Göttingen an, wozu er schon vorher ernannt worden war. Im Jahre 1753 ward er zum ord. Professor der Rechte und 1757 zum Professor des Staatsrechts ernannt. Wie er 1745, noch von Marburg aus, der Wahl und Krönung des Kaisers Franz I. zu Frankfurt beigewohnt hatte, so war er auch 1764 als beigeordneter juristischer Berater der kurfürstlich-hannoverschen Wahlbotschaft bei der Römischen Königswahl Josephs II. zugegen gewesen, eine Fhre, die ihm später im Jahre 1790 bei der Kaiserwahl Leopolds II. noch einmal zu teil ward. Als akademischer Lehrer übte er in den 70er und 80er Jahren seine grölste Wirksamkeit aus, und gerade in den Jahren 1770— 75 besalsen seine Vorlesungen die höchste Anziehungskraft, die sie in diesem Grade weder vorher noch nachher wieder erreicht haben. Von der gesamten Göttinger Studentenschaft bildeten in dieser Zeit die Juristen die Hälfte, und wiederum die Hälfte von diesen besuchte seine Hauptvorlesungen über deutsches Staatsrecht, Reichs- geschichte und Reichsprozels. Die Kompendien, die er zunächst nur zum Gebrauch bei seinen Vorlesungen verfaſst hatte, wurden damals fast überall in Deutschland von den Universitätslehrern ihrem Unterrichte zu Grunde gelegt. Um Göttingen hatte Pütter sich noch ein ganz besonderes Verdienst dadurch erworben, dafs er, wie er selbst zwar eine vornehme, aber doch gesellige Natur war, den gesellschaftlichen Verkehr in den ge- bildeten und einflufsreichen Kreisen auf eine höhere geistige Stufe erhob. In seinem ge- räumigen Hause veranstaltete er alle Montag Nachmittag Privatkonzerte, in denen er selbst die Geige spielte und die zu einer gewissen Berühmtheit gelangten. Er wurde dann auch der Begründer der öffentlichen Konzerte, die alle Sonnabend im Konzilienhause unter Leitung Joh. Nik. Forkels(Seit 1769 in Göttingen) stattfanden.— Er hat sich folgendermaſsen in das Stammbuch Soermans' eingeschrieben: VDeo et reipublicae NHonoris et memoriae caussa scripsit Joannes Stephanus Pütter 1. v. D.[1748] regi a consil. iust. int.[1770] et prof. iuris publ. ord.[1757] in Georgia Augusta. Gottingae d. 29. Sept. 1774. Denselben Wahlspruch benutzte nach Rob. und Rich. Keil, Deutsche Stammbücher, S. 189, Nr. 969 Pütter schon im J. 1749 zur Fintragung in ein Stammbuch, wo er sich noch unterzeichnete J. U. D. et Prof. extraord. in Georgia Augusta. Wie Pütter veranstaltete auch der oben genannte Professor Böhmer und der Stadtkommandant während des Winters alle Sonntag Nachmittag Gesellschaften, und das Haus des Kommandanten pflegte der Sammelpunkt der zahlreichsten Gesellschaft zu sein. Es fanden sich dort die Professoren mit ihren Gattinnen, Offiziere, Mitglieder der Stadt- obrigkeit und andere Honoratioren, sowie junge Grafen und Adlige, die in Göttingen studierten, ein; Studenten bürgerlicher Herkunft scheinen nur ausnahmsweise Zutritt gehabt zu haben. In den Jahren 1774— 76 bekleidete das Amt des Stadtkommandanten der General Georg v. Walthausen, der sich folgendergestalt in das Stammbuch ein- 53 gezeichnet hat: Pro Patriã pati atque mori dulce et deconum est. Memoriae ac amicitiae causa ergo ſsic!] praenobilissimum possessorem Jaee pauca adjicere voluit: Gõttingae d. 30 Georgius à Walthausen inter Summos Sept. 1774. Erencit: N. M. Brit. Flect. Br. Luneb. Duces excubiarum et ei milituris Götting. Supremus praefectus, nec non primae Legionis desultoniae pr. T Vuctor. Kaiserin Augusta-Gymn. 1902, 3 145 — Dieser General hatte im Jahre zuvor während des Prorektorats Pütters der Göttinger Universität ein Paar Kesselpauken, die das Regiment, dessen Kommandant er jetzt war, einst im spanischen Erbfolgekriege in der Schlacht am Schellenberg 1704 den Franzosen abgenommen hatte, mit der Bestimmung verehrt, dals sie bei akademischen Feierlichkeiten in der Universitätskirche gebraucht würden. 2Zur Beurkundung dessen liels er beide Pauken mit einer Inschrift versehen, in der die Titulatur hinter seinem Namen fast wörtlich, ja fast buchstäblich mit jener Finschrift im Stammbuch über- einstimmt. Fine der hervorragendsten Säulen und glänzendsten Zierden der Göttinger Universität erscheint uns wieder in dem berühmten Theologen und Orientalisten Joh. Dan. Michaelis(717—91). Er war der Sohn des gleichfalls als Theologen und Orientalisten bekannten Professors Christ. Bened. Michaelis(1680— 1764) an der Universität zu Halle, und hatte schon selbst dort seit 1739 Vorlesungen über biblische Bücher und semitische Sprachen gehalten, als er 1745 von dem Frh. v. Münchhausen als Privatdozent an die Göttinger Universität berufen wurde, an der er während 46 Jahre mit steigendem Ruhme ununterbrochen wirkte. Im J. 1750 ward er zum ordentlichen Professor der Philosophie ernannt, während er den Titel eines Professors der orientalischen Sprachen oder eines Doktors oder Professors der Theologie, wie man nach seinen Hauptlehrfächern annehmen könnte, nie geführt hat. Für die im folgenden Jahre gestiftete Sozietät der Wissenschaften entwarf er mit Haller zusammen die Statuten und war selbst 1751— 56 ihr erster Sekretär und 1761—70 auch ihr Präsident; darnach schied er gänzlich aus ihr aus. Er beteiligte sich 1753 mit Haller auch an der Begründung der Göttinger Gelehrten Anzeigen. Neben seiner erfolgreichen akademischen Wirksamkeit entfaltete er eine aulserordentliche rege Thätigkeit als Schriftsteller auf den mannigfachsten Gebieten und setzte durch den Umfang und die Tiefe seines Wissens die Zeitgenossen in Erstaunen. Von den verschiedensten Seiten wurden ihm in der Folgezeit auſser- ordentliche Ehren zu teil, auch vom Auslande; so ward er 1775 zum Ritter des Königl. Schwedischen Ordens vom Nordstern und 1789, zwei Jahre vor seinem Tode, zum Mit- glied der Pariser Académie des Inscriptions, deren Korrespondent er schon seit 1764 war, und zum Mitglied der Königl. Sozietät der Wissenschaften in London ernannt. Der Berliner Akademie gehörte er schon vor seiner Berufung nach Göttingen an. Aber mit einer tiefen Gelehrsamkeit verband er die praktische Klugheit und Gewandtheit eines feingebildeten Weltmannes.— Seine Finschrift lautet: Arm an Sentenzen, die mir nie bekamen, Wenn mein Praecepter ſie im Auctor fand Und mir zum Arger dabey ſtille ſtand, Hab' ich fürs Stammbuch nun nichts als den Nahmen. Erſchrick o jüngre Welt, und ſpiegle dich An meinem Beyſpiel, und Du, denk an mich. Göttingen d. 1. Oet. 1774. J. D. Michaelis. Halle(Hala Magdeburgica). Donnerstag, 13. April(= Gründonnerstag)— Sonnabend, 15. April 1775. In Halle, das als Teil des Erzbistums Magdeburg nach dem Tode des Ad- ministrators August, Herzogs von Sachsen, 1680 endgültig an Kurbrandenburg gekommen war, und dessen lutherische Bevölkerung nach einer verheerenden Pest im Jahre 1682 durch Aufnahme reformierter Franzosen und Pfälzer von 1685 an ein anders geartetes Element erhalten, hatte der Kurfürst Friedrich III., der spätere König Friedrich I., 1694 im Gegensatze zu dem streitsüchtigen Leipzig und Wittenberg eine Universität als eine „Pflanzstätte verträglicher Christen“ gestiftet. Zugleich sollte an ihr ein„gegründetes Staatsrecht“ gelehrt werden, um die im westfälischen Frieden errungenen Rechte deutscher Fürsten und deren Verhältnisse gegen das Oberhaupt durch nähere Untersuchung immer mehr zu befestigen. Zu der Zeit, wo Soermans Halle besuchte, wirkte der Geist ihrer berühmtesten Lehrer, des deutschen Rechtslehrers Christian Thomasius und des Philo- sophen Christian Wolf(in Halle 1707— 23 und 1740— 54), in mehreren ihrer unmittel- baren Schüler fort. Zu Halle war ferner auf demselben Boden, wo durch Aug. Herm. Francke, den Begründer des Waisenhauses, der Pietismus erwachsen war, die neue kritische Richtung in der theologischen Wissenschaft, der Rationalismus, emporgekommen, und Halle stand mit Berlin an der Spitze der Aufklärung. Auch für die deutsche Litteratur war Halle als Wiege der Anakreontik bedeutungsvoll geworden, indem sich hier um 1740 Uz aus Ansbach, Götz aus Worms und Gleim aus Halberstadt trafen, von denen der erste sich später in Soermans' Stammbuch eingezeichnet hat. Von den Gelehrten, die sich in Halle eingeschrieben haben, tritt uns zuerst der Rechtsgelehrte Carrach entgegen mit einem Citat, das er aus Ciceros erster Catili- narischen Rede c. 12, 29 nur aus dem Gedächtnis anführt: Cic. Invidiam virtute partam glorium magis quam invidiam duco. . e 56. Joannes Tobias Carrach. TGtus Potentissimo Borussorum Regi a Consil. Intim.[1753] Regiae Fridericianae Academiae Mirector et Senior Facult. Jurid. Praeses Ordinarius[1763] Halae Magdeb. DV. N. Aprilis 4. O. R. GIO0 CCULXXV. Carrach war am 1. Januar 1702 zu Magdeburg als Sohn eines Kaufmanns geboren und gehörte der Halleschen Universität seit seiner Studienzeit(1721) an. In der Rechts- wissenschaft war noch Thomasius sein Lehrer. Mit dem Jahre 1732 begann er an ihr als aufserordentlicher Professor der Rechte seine Lehrthätigkeit, die er 43 Jahre lang ausübte. 1738 ward er ordentlicher Professor, doch blieb er vorläufig ohne alle Be- soldung. Erst Ende des Jahres 1744„erhielt er von des verstorbenen Kanzlers v. Ludwig 3* 3* 69 gehabten Gehalt Einhundert Reichsthaler, wozu ihm 1746 etwas von des verstorbenen Geh. Rat Gassers Besoldung zugelegt wurde. Dabei bekam er zugleich die Hälfte der Fakultäts- sporteln, welche letzterer genossen hatte. Die andere Hälfte wurde dem Hofrat Schlitte zugeschrieben, welchem er aber mit der Hoffnung zu succediren adjungiret wurde. Er folgte ihm auch nach dessen im Jahre 1748 erfolgtem Absterben in dem völligen Genuſs.“ Während des siebenjährigen Krieges war er bei einer„Invasion“ Halles durch„Reichs- völker“ im August 1759 mit anderen angesehenen Personen als Geisel fortgeführt und bis zum November 1762 in Nürnberg gefangen gehalten worden. Als zu dieser Zeit der preuſsische General Kleist mit einem kleinen Korps leichter Truppen nach Franken kam, wurde er mit den übrigen preuſsischen und hessischen Geiseln weiter fortgebracht. Aber durch den preufsischen Gesandten am BReichstage zu Regensburg, Freiherrn v. Plotho, denselben, der den Dr. Aprill, als er ihm die Reichsacht gegen seinen König„insinuieren“ sollte, so eigentümlich behandelte, wurden bei jenem General über den Aufenthalt und wegen der Befreiung der Gefangenen„Insinuationen gemacht“, und dieser liels durch ein Kommando Husaren die Geiseln abholen und nach Ilmenau bringen. Aber nur mit knapper Not entging Carrach einer abermaligen Gefangennahme durch feindliche Truppen, die sich in der Nähe aufhielten und mit denen es auch bald hinterher zu einem Gefechte kam, und erlitt auf der Weiterreise, die eben wegen dieser Gefahr beschleunigt werden muſste, noch durch einen Sturz vom Pferde für die ganze Zeit seines Lebens einen schweren Leibesschaden. Zu Halle wurde ihm im Sept. 1763 mit dem Ordinariate der Juristen- fakultät das Direktorat der Universität übertragen, wobei sein Gehalt von 300 Rthlrn. um 182 Bthlr. erhöht wurde. Er starb noch in diesem Jahre 1775 am 21. Oktober. Sein Nachfolger in der letztgenannten Würde ward Paniel Nettelbladt, Pot. Bor. Regi a Cons. int.[1766]) et Prof. Iur. ord.[1746), der sich an demselben Tage mit einer Sentenz aus Seneca eingezeichnet hat: Ideo peccamus, quonium de purtibus vitue deliberamus omnes, de tota vita veno delibenat nemo. Nettelbladt zählte als Lehrer wie als Schriftsteller zu den ersten Juristen seiner Zeit. Von Rostock, wo er 1719 geboren war und wo er auf der Universität nach dem Willen seines Vaters anfangs Theologie, nach dessen Tode Jurisprudenz studierte, war er 1740 nach Marburg gegangen, um seine Studien unter der Leitung des Philosophen Wolf, der mit ihm verwandt war, fortzusetzen. Als Wolf nach der Thronbesteigung Friedrichs des Groſsen nach Halle zurückberufen wurde, folgte er ihm auch dorthin. Hier begann er 1744 seine Lehrthätigkeit, in der er sich als ein eifriger Anhänger Wolfs bewies und die er bis an seinen Tod 1791 ausübte. An dem gleichen Tage schrieb sich Joh. Sal. Semler(1725— 91), der Haupt- repräsentant der theologischen Aufklärung des XVIII. Jahrhunderts, ein. Er war 1752 von der Universität Altdorf, wo er Professor der Geschichte und Poesie Var, nach Halle gekommen, wo er als Professor der Theologie mit groſser Pntschiedenheit und Kühnheit eine neue Richtung, die historisch-kritische, in der Bibelauslegung begründete und mit einem von Jahr zu Jahr sich steigernden EFinflufs im Sinne der Aufklärung arbeitete. Mit einer überaus charakteristischen Handschrift, die das Unbeholfene, Eckige und Pedantische, das er in seinem ganzen Wesen an sich hatte, auf das deutlichste offenbart, schrieb er ein: VFanitas/ omnia vana. Initium christianae Ssupientiae et Sui utiquum benevolam memoriam commendat Halae, d. 14. April. Jo. Salomo Semler. Auch jener Ausruf ist wohl der Ausdruck einer verzagten Stimmung, wie sie so häufig in einem Augenblick über ihn kamen und in denen er an sich und seinem Thun ver- zweifeln konnte, bis gute Freunde, namentlich seine Gattin, durch tröstlichen Zuspruch ihn wieder aufrichteten und er bei neuer angestrengter Arbeit Mut und Kraft wiedergewann. Am folgenden Tage— es war Charfreitag— schrieb sich der als Begründer der Jenaischen Allgemeinen Litteratur-Zeitung später zu groſsem Ruhme gelangte Chr. G. Schütz(1747— 1832) ein: 185 OAoxclsw t' svreAeiag, xc ioooe ds aAcxic. Humanissimo Possessori Sul memoriam commendat Christianus Godofredus Schite Halae in Fridericiana Regia d. XV April. 1776. Im Jahre 1769 war Schütz auf Verwendung Semlers Inspektor des theologischen Seminars geworden, in dem aber die Ubungen mehr philologischer als theologischer Art waren und mehr die Interpretation der alten Klassiker als die der Bibel betrieben wurde. Da die Seminaristen auch zu Lehrern für höhere Schulen ausgebildet wurden, so erhielt Schütz vom Minister Zedlitz den Auftrag, sich mit Basedow's Bestrebungen bekannt zu machen. Zur Anerkennung für seine eifrige Thätigkeit wurde er, bisher(seit 1773) auſserordent- licher Professor, 1777 zum ordentlichen Professor befördert. Im Jahre 1778 nun wurde neben jenem Seminar ein Institut für 20 Zöglinge gegründet, denen Schütz pädagogische Unterweisungen erteilte und für die er ein„Neues Elementarwerk für die niederen Klassen lateinischer Schulen und Gymnasien“ schrieb, aber in einem Basedow entgegen- gesetzten Sinne. Als im Jahre 1779 von Jena an Schütz der Ruf als Professor der Poesie und Beredsamkeit erging, nahm er ihn an, zumal da auch der Minister Zedlitz sich aulser Stande erklärte, ihm zu dem Gehalte von 300 Thalern eine Zulage zu ge- währen. Das Institut aber wurde, da auch Semler von der Oberleitung zurücktrat, auf- gelöst. In Jena, wo die beiden Professoren der Theologie Griesbach und Danovius seine Schwäger waren, bildete sein Haus lange Zeit den Mittelpunkt des geistigen Verkehrs, wo Goethe, Schiller, Fichte, selbst der Herzog Karl August, und Andere sich trafen. Hier in Jena gründete er 1784 die Allgemeine Litteratur-Zeitung, deren Redaktion er bis in sein hohes Alter mit vorzüglichem Erfolge führte. Aber als Aug. Wilh. Schlegel auftrat, der sein eigenes Haus zum Sammelpunkt aller hervorragenden — 2 Geister zu machen strebte und mit dem er bald in persönliche Konflikte geriet, kehrte er 1804, nach 25 Jahren, nach Halle zurück, wohin er einen Ruf als Professor der Beredsamkeit erhalten hatte. Ein königliches Gnadengeschenk von 10 000 Thalern setzte ihn in die Lage, das Semlersche Haus anzukaufen, in dem er jedoch in den nächsten Jahren während der Napoleonischen Kriege allerlei Ungemach erleiden sollte. Als nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt die Franzosen im Oktober 1806 Halle besetzten, wurde sein Haus, aus dem von Fremden ein Schuls abgegeben worden war, verwüstet und ausgeplündert; er selbst wurde verhaftet und erst, nachdem er mancherlei Gefahr aus- gestanden, wieder freigelassen. Als Napoleon am 20. Oktober die Aufhebung der Uni- versität verfügte, wurde sein Gehalt wie das der übrigen Lehrer einbehalten, und Schütz war genötigt, einen wertvollen Teil seiner Bibliothek zu verkaufen. Zwar wurde die Universität von der westfälischen Regierung wieder hergestellt, aber 1813 von Napoleon zum zweiten Male aufgehoben. Erst nach der Schlacht bei Leipzig kehrten für die Uni- versität und auch für Schütz ruhigere Zeiten zurück. Die letzten Jahre seines Lebens war er mit philologischen Arbeiten beschäftigt. Er starb am 7. Mai 1832, wenige Wochen nach Goethes Tode. Zuletzt hat sich am Sonnabend, den 15. April, der Professor Georg Friedrich 159 Meier(1718— 77) eingeschrieben, der seiner Zeit durch seine Vorlesungen wie durch seine Schriften, die sich beide grolser Beliebtheit erfreuten, einen weitreichenden Ein- fluls übte und sich um die Popularisierung der Wissenschaften und Künste bleibende Ver- dienste erwarb, wie er denn z. B. in dem Bestreben, allgemein verständlich zu sein, mit vielem Glück für schwierige philosophische Begriffe deutsche Bezeichnungen fand, die sich bis heute erhalten haben. Jüngerer Talente nahm er sich mit groſsem Fifer an. So hatte er, als die ersten drei Gesänge von Klopstocks Messias 1748 in den Bremer Beiträgen erschienen, durch seine Schrift„Beurteilung des Heldengedichts des Messias, 1749“, die eigentlich ein Panegyricus war, die allgemeine Aufmerksamkeit des Publikums auf dieses Gedicht gelenkt und, wie er sich selbst rühmen konnte, diesem„göttlichen“ Gedichte viele Verehrer verschafft. Bbenso hatte er Wieland durch eine empfehlende Vorrede zu dessen Erstlingswerk„Die Natur der Dinge“ 1752 in die litterarische Welt eingeführt. So hatte er auch die Dichterin Anna Louise Karschin(die sich im nächsten Jahre in Soermans' Stammbuch einzeichnete), aufgemuntert, als sie sich an ihn, der ihr nur durch seinen Ruf bekannt war, wandte und eines ihrer Lieder zuschickte. Er hat sich in das Stammbuch mit einem Citat aus Martial's Epigrammen I 15, 11— 12 eingetragen, das er übrigens nach Rob. und Rich. Keil, deutsche Stammbücher, S. 194 No. 1008 schon im Jahre 1748 zu einer Finschrift in ein Stammbuch benutzt hat: Non est, crede mihi, sapientis dicere: vivum; Sena nimis vita est crastina, vive Nodie. Dessau, Dienstag, den 2. Mai 1775. In Dessau hatte sich auf den Ruf des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz (751— 1817), dessen treffliche Regierung für das Land in vielfacher Hinsicht segensreich 3 geworden ist, Johann Bernhard Basedow(1723—90), der Reformator des Erziehungs- 141 und Unterrichtswesens, Anfang Dezember 1771 niedergelassen und hier die Gelegenheit erhalten, seine längst gehegten und immerfort von neuem ausgesprochenen Gedanken zu verwirklichen. Als er noch Professor der Moral und der schönen Wissenschaften an der Ritterakademie zu Sorö auf Seeland war(1753— 61), wo er durch einen geschickten und erfolgreichen Unterricht den Neid und die Eifersucht der Kollegen erregte, hatte er seine reformatorischen Ideen über die Verbesserung des Schulunterrichts in der Schrift„Prak- tische Philosophie für alle Stände“ 1758 zuerst ausgesprochen. Sie fanden zwar den Bei- fall solcher Männer wie Gellert, aber nicht den seines Kurators, des Grafen v. Daneskiold, auf dessen Betrieb Basedow an das Gymnasium zu Altona versetzt wurde. In Altona 1761— 71) brachte er durch seine freimütigen theologischen Schriften, in denen er aller- lei heterodoxe Ansichten vortrug, z. B. die Ewigkeit der Höllenstrafen bestritt, die Kinder- taufe verwarf, die orthodoxe Geistlichkeit gegen sich auf. Die Folge war, dafs seine Schriften in mehreren deutschen Staaten verboten, er und seine Familie vom Abendmahl ausgeschlossen wurde. Zuletzt wurde er 1767 selbst vom Amte suspendiert, freilich mit Belassung seines Gehaltes, da er an dem Minister v. Bernstorff einen Beschützer fand. Er widmete sich nun ganz der Pädagogik. In rascher Folge erschienen seine Schriften, in denen er seine Ideen über eine vernunft- und naturgemäſse Erziehung der Jugend unter grolsem Beifall entwickelte und zu Geldbeiträgen für ein nach diesen Grundsätzen anzu- legendes„Seminar für Kinder, künftige Lehrer und Hausbediente“ aufforderte. Durch briefliche und persönliche Vorstellungen war es ihm gelungen, bis Mai 1771 15 000 Thaler zusammenzubekommen; aber er bedurfte noch weiterer 27 000 Thaler. Die Reisen, die er nun im Interesse des Werkes durch die Städte Norddeutschlands unternahm, führten ihn auch nach Dessau, wo er durch Behrisch, Goethes einstigen Mentor in der Leipziger Zeit, dem Fürsten bekannt wurde. Dieser nahm ihn in seine Dienste mit einem Gehalte von 1100 Thalern, wozu noch die dänische Pension von 800 Thalern kam. Nach dem Willen des Fürsten brachte er das seit mehreren Jahren angekündigte„Elementarwerk“ in 4 Bänden Ostern 1774 zu Stande. Es fand zwar wieder allgemeinen Beifall und wurde sogar in mehrere fremde Sprachen übersetzt; aber es hatte nur geringen praktischen Erfolg und wurde nur wenig im Unterricht der öffentlichen Schulen verwertet. Auch gingen die Gelder zur Gründung jener Musteranstalt nicht in dem erwarteten Maſse ein. Um das Publikum zu grölserer Teilnahme anzustacheln, unternahm er im Sommer jene Reise, die ihn im Juli und August mit Goethe und Lavater zusammenführte. Goethe hat uns im XIV. Buch von Wahrheit und Dichtung ihre gemeinsame Reise an den Rhein beschrieben, die ihn auch zu dem Gedichte„Diner in Coblenz“ anregte. Wiewohl die Reise nicht den gehofften materiellen Erfolg hatte, wovon uns Goethe in jener Erzählung die Erklärung giebt, eröffnete Basedow nach seiner Rückkehr trotz des Mangels an Baulich- keiten, Lehrern, Schülern, Büchern und Geldern am 27. Dezember 1774 das Philanthropin, das zunächst nur kümmerlich gedieh. In diese Zeit fällt Soermans' Besuch. Fin öfientliches Examen, zu dem Basedow für den 13. Mai 1776 eingeladen hatte, rief die an- geschensten Männer dorthin; die aufgewiesenen Resultate erweckten Vertrauen und lockten mehr Zöglinge herbei. Indessen, gerade als die Verlegenheiten vorüber, Gebäude und Gelder vorhanden waren, legte Basedow infolge von Zerwürfnissen mit seinen Mit- arbeitern die Pirektion der Anstalt 1778 nieder. Er wandte sich nun, seiner päda- gogischen Studien überdrüssig, wieder der Theologie zu, lebte abwechselnd an verschiedenen Orten und starb zu Magdeburg 1790. Das Philanthropin aber ging, nachdem sich die tüchtigsten Mitarbeiter zerstreut hatten, 1793 gänzlich ein.— Basedows Finschrift lautet: Wer kann Freiheit zu denken wehren? Aber Freiheit, nach unſerm Gewiſſen, von Gott und göttlichen Dingen, laut zu re⸗ den und oft zu ſchreiben, wo iſt die? Ich habe dieſe glück⸗ liche Inſel vergeblich geſucht. Gott gebe, daß wenigſtens Einer meiner Enkel ſie finde! Deſſau am 2 May J. B. Baſedow. 1775. Es scheint, als ob Basedow diese Worte in der Erinnerung an die Erfahrungen, die er in Sorö und Altona gemacht hatte, geschrieben habe und, wie jenem Coblenzer Tisch- nachbarn, so auch diesem Besucher gegenüber mehr seine theologischen als seine päda- gogischen Ansichten habe zur Geltung bringen wollen. Während die Nachwelt Basedows Verdienste besser zu würdigen weils, hatte er in seinem Leben viele Feinde und Neider. Die Stimme eines solchen Gegners glauben wir 140 in der Einschrift des Kommissionsrates Carl Ludwig von L'Estocq(1725— 1807) zu vernehmen, der sich Basedow gegenüber mit den Worten eingeschrieben hat: Ein unruhiger Thor glaubt ohne Umſturz der guten Ordnung in der Republik nicht glücklich ſeyn zu können; der wahre Weiſe aber unter⸗ wirft ſich den göttlichen und weltlichen Geſetzen. TLegibus parere Summa libertas. Belieben Sie, Hochgeehrteſter Herr Deſſau Landsmann Sich zuweilen gütig zu d 2 May erinnern Ihres 1775 ergebenſten Dieners C E v. T Estocq Fürſtl. Anhalt. Deſſauiſcher Kommiſſions⸗Rath. L'Estocq war zu Danzig geboren und hatte auch das dortige Gymnasium pesucht. Nachdem er von 1745 an zu Leipzig und Halle dem Studium der Medizin und der schönen Wissenschaften obgelegen, ward er 1750 Erzieher des jetzigen Fürsten, der damals noch Erbprinz war und im 10. Lebensjahre stand. Zum Kommissionsrat ward er im Jahre 1758 ernannt, in dem der junge Fürst für groſsjährig erklärt wurde und die Regierung antrat.— Wie Büsching in Berlin im folgenden Jahre 1776 in seiner Ein- Schrift auf Basedow Bezug genommen hat, werden wir später sehen. Wittenberg, Sonnabend, den 6. Mai— Montag, den 15. Mai 1775. Die Universität Wittenberg, 1502 am 18. Oktober vom Kurfürsten Friedrich III., dem Weisen, gestiftet, die also in diesem Jahre 1902 ihr viertes Säkularfest hätte feiern können, überdauerte nur wenige Jahre ihr 300 jähriges Jubiläum. Die Universität Luthers und Melanchthons, von der einst das Licht der Reformation ausging, hatte im Laufe des XVIII. Jahrhunderts hauptsächlich in Folge der Gründung der Universitäten Halle und Göttingen viel von ihrem Glanze verloren. Während sie einst aus den entferntesten Ländern die Zöglinge an sich zog, auch die aus Ungarn und Siebenbürgen ihr bis in diese Zeit hinein, die uns beschäftigt, treublieben, war sie in der Frequenz, selbst im Vergleich mit dem XVII. Jahrhundert, gewaltig zurückgegangen, wie aus einer kleinen Tabelle zu ersehen ist, in der wir für die gleiche Reihe von zehn Jahren des XVII. und des XVIII. Jahr- hunderts(1662— 71 und 1762— 71) die Zahl der Immatrikulationen zusammengestellt haben: 16 305 333 375 347 1464 350 303 325 274 266 60 0 05 20 96 142 120 Zwar besals sie auch noch in dieser Zeit unter den Professoren ausgezeichnete Gelehrte von bedeutendem Rufe, aber auch sie vermochten den Niedergang nicht mehr aufzuhalten. Die Stadt hatte durch den letzten, den siebenjährigen Krieg furchtbar gelitten, und noch jetzt lag ein Viertel der Häuser in Folge des Bombardements im Oktober 1760 in Trümmern. Sie konnte sich auch in den folgenden Jahrzehnten noch nicht erholen, und als die Napoleonischen Kriege 1806— 15 neue Leiden über sie brachten, war es um die Universität geschehen. Die Professoren wandten sich nach der Einverleibung Wittenbergs in Preulsen nach Halle, und am 12. April 1817 ward durch einen Kabinettsbefehl die Vereinigung beider Universitäten endgültig ausgesprochen, nachdem sie am 12. April 1815 thatsächlich erfolgt war. Unter den Ersten, die sich zu Wittenberg in das Stammbuch eingeschrieben haben, finden wir den Kirchenhistoriker Joh. Matth. Schröckh. FEr war 1733 zu Wien von protestantischen Eltern geboren. Sein Vater, Johann Wolfgang, war k. k. Nieder- lagsverwandter, d. h. er gehörte zu jener Gesellschaft von Groſskaufleuten Protestantischen Bekenntnisses, die zwar ihrer Religion wegen in Wien nicht Bürger werden konnten, die aber, da sie durch ihren Fleiſs und Unternehmungsgeist dem Staate sehr viel Nutzen brachten und nicht wohl zu entbehren waren, von der Regierung auf ihr Nachsuchen die besondere Prlaubnis zur Anlage von Warenlagern und noch andere Freiheiten erhielten. Die Mutter, Euphrosyne, war die Tochter des Seniors der lutherischen Gemeinde zu Prelsburg, Matthias Bel(1684— 1749), der sich durch seine Geschichtswerke über Ungarn in der Wissenschaft einen geachteten Namen erworben hat. Durch die Bedrückungen, denen sein Glaube vielfach in den österreichischen Ländern unterlag, wurde in dem jungen Schröckh früh der Eifer für Religion und durch die historischen Studien seines Groſs- vaters in Preſsburg, wo er bis zu dessen Tode das Lyceum besuchte, das Interesse für geschichtliche Forschungen erweckt. Nachdem er noch die Schule zu Klosterbergen bei Magdeburg, auf die ihn seine Eltern gaben, besucht hatte, bezog er 1751 die Universität Göttingen, wo der Orientalist J. D. Michaelis groſsen Finfluſs auf ihn übte. Im J. 1754 wurde er von seinem mütterlichen Oheim, dem Professor K. A. Bel in Leipzig, der in diesem Jahre die Redaktion der Acta Eruditorum Lipsiensium und der Leipziger Gelehrten Anzeigen übernommen hatte, als Mitarbeiter an denselben dorthin gerufen. In Leipzig wurde für ihn die Bekanntschaft Joh. Aug Prnesti's von groſser Bedeutung, zu dem er in der Folge in ein freundschaftliches Verhältnis trat. Beide Männer werden wir später Koiserin Augusta-Gymn. 1902. 4 197 in dem Stammbuch eingezeichnet finden. Im J. 1756 begann er selbst Vorlesungen über Kirchengeschichte zu halten. Als sein Oheim 1758 zum Pirektor der Universitäts- bihliothek ernannt worden war, ward er selbst auf dessen Betrieb 1759 Kustos an der- selben und begann in dieser Stellung seine ersten Werke zur Kirchen- und Gelehrten- geschichte zu verfassen. Als nach zehnjährigem Warten sich keine ordentliche Professur in Leipzig für ihn öffnete, nahm er 1767 die„Professur der Poesie“ in Wittenberg an, wo er alsbald durch seine öffentliche Wirksamkeit als Lehrer einen heilsamen Finfluls übte, indem er einer toleranten Denkungsart und freieren Anschauungen Eingang verschaffte. Bis zu seiner Zeit nämlich stand Wittenberg in dem Rufe strengster Orthodoxie, so dals man, wenn man einen recht steifen Orthodoxen bezeichnen wollte, ihn einen Wittenberger nannte. In jener amtlichen Stellung befand sich Schröckh noch, als Soermans ihn auf- suchte und ihn sich in sein Stammbuch einzeichnen lieſs: Quod sis, essse velis, nihilque malis Martial.[X 47, 12.] Nohiliss. Possessor Velicitatem penpetuam precatur sui que memoriam diligenter commendat Jo. Matthias Schnoechh Prof. Poeseos. In Acad. Viteberg 4. N. C CCCLXXV Aber noch in diesem Jahre 1775 wurde Schröckh Professor der Geschichte, und aufser der Kirchengeschichte trug er nun auch Profangeschichte vor: die Geschichte Sachsens, des deutschen Reiches und der europäischen Staaten. In Wittenberg führte er ein zu- rückgezogenes, arbeitsames Gelehrtenleben und schuf hier, obgleich es an einer öffent- lichen historischen Bibliothek am Orte fehlte und er mit Amtsarbeiten überhäuft war, seine epochemachenden Geschichtswerke. Nur Parerga, die er neben jenen her verfaſste und um diese Zeit veröffentlichte, waren das„Lehrbuch der allgemeinen Weltgeschichte zum Gebrauch beim ersten Unterricht der Jugend“, 1774, und die„Allgemeine Welt- geschichte für Kinder“, 1779— 84. Zu letzterem Werke wurde er von Chr. F. Weiſse in Leipzig veranlafst, der, wie wir später sehen werden, in dieser Zeit seinen Kinderfreund begann. Bald nach dieser Zeit, i. J. 1777, erschien von Schröckh das Kompendium: Historia religionis et ecclesiae christianae, das rasch eine weite Verbreitung fand, in mehrere Sprachen übersetzt, kommentiert, von Kaiser Joseph II. 1786 auf den öster- reichischen Universitäten eingeführt und noch 20 Jahre nach dem Tode des Verfassers von Phil. Konr. Marheineke(1780— 1846, seit 1810 Professor an der neugegründeten Universität zu Berlin und seit 1811 Prediger an der dortigen Preifaltigkeitskirche), der selbst ein an- gesehener Kirchenhistoriker war, i. J. 1828 in 7. Auflage herausgegeben wurde. Indessen sein grölster Ruhm und sein bleibendes Verdienst beruht auf seiner„Christlichen Kirchen- geschichte“, dem ersten pragmatischen Geschichtswerke dieser Art, einem Riesenwerke von 45 Bänden. Gleich nach seiner Ubersiedelung nach Wittenberg, zum Feil auf An- regung des Geh. Legationsrates Chr. Ludw. v. Hagedorn, dem wir in Dresden begegnen werden, hat er es 1768 begonnen und bis zu seinem Tode daran gearbeitet. Er starb 75 Jahre alt an den Folgen eines Sturzes von der Bücherleiter. Am Dienstag, den 9. Mai, hat sich der Professor der Physik Joh. Daniel Titius 90 (1729— 96), ein Landsmann Soermans', mit dem Spruche eingetragen: Vhi bene, ihi patria. Zu Konitz in Westpreuſsen geboren, ward er nach dem frühen Tode seines Vaters im Hause seines mütterlichen Oheims, des Professors Hanov in Danzig, erzogen, der ihn auch das dortige Gymnasium besuchen liefs. Nach Absolvierung seiner Studien in Leipzig kam er 1756 nach Wittenberg als Professor der Mathematik und ward 1762 Professor der Physik. Seine zahlreichen Schriften zielten auf die Popularisierung der Naturwissenschaften und die Nutzbarmachung ihrer Resultate fürs praktische Leben. Bei der Belagerung Wittenbergs im Jahre 1760 verlor er durch die Feuersbrunst alle seine Handschriften, die zum Peil schon für den Druck fertig waren. Mit seinem Namen ist in der astronomischen Wissenschaft jenes Gesetz über die Abstände der Planeten von der Sonne benannt, für das er eine einfache Formel gefunden hat, nach der man seit Kepler so lange vergeblich suchte. Er hat sie in einer Note zu seiner deutschen Uber- setzung von Bonnets Contemplation de la nature 1766 mitgeteilt. Man nennt sie auch das Bode'sche Gesetz, indes mit Unrecht, da dieser Astronom(1747— 1826, seit 1772 in Berlin) nur das Verdienst hat, 1772 in der 2. Ausgabe seiner„Anleitung zur Kenntnis des gestirnten Himmels“ auf die von Titius gefundene Regel von neuem hingewiesen zu haben. Nachdem sie durch die bald darauf 1781 von Wilh. Herschel gemachte Ent- deckung des Uranus eine Bestätigung gefunden hatte, hat sie durch die nachdrückliche Hinweisung darauf, dals die Lücke zwischen Mars und Jupiter durch zur Zeit noch un- bekannte Planeten unzweifelhaft ausgefüllt werde, zur Entdeckung der Planetoiden, deren erste in der Neujahrsnacht 1801 erfolgte, ihr Teil beigetragen.— Titius hat auch ver- schiedene einzelne Gedichte verfafst, von denen eines, das K. Goedeke in seinem Grund- riſs zur Geschichte der deutschen Dichtung im IV. Bande S. 58 anführt:„Das Frhabene eines Rechtsgelehrten“(1748), für Soermans noch ein besonderes persönliches Interesse haben mochte. An demselben Tage hat sich der Vater eines berühmten Physikers eingetragen, des durch die Entdeckung der Klangfguren und die noch heute geltende Deutung der Meteore als kosmischer Gebilde bekannten Ernst Florens Friedrich Chladni(1756— 1827). Der Vater, Ernst Martin Chladni, ein Rechtsgelehrter, zu Wittenberg 1715 geboren 71 und 1781 gestorben, an der Universität seit 1746 als auſserordentlicher, seit 1752 als ordentlicher Professor der Rechte thätig, hat sich also eingezeichnet: Pyout Religio suggerit. Memoriae causa cripsit Vitembengue Eynestus Martinus Qladenius, D. Sereniss. Princ. Elect. Sacon. a Consil. Aulae et Justitiue, Consist. Eocles. Mi- ECCLX recton, Acad. et Facult. Nn. Ondinarius, Qur. Provine et Scabin. Assessor. Die angeführten Würden: Kursächsischer Hof- und Justizrat, Direktor des Konsistoriums, Beisitzer des Hofgerichts und des Schöppenstuhls, erhielt er 1763. 4* — SENNCA.[Epist. 82, 3] Otium sine Litteris Mors est, et hominis vivi sepultura. Memoriae et Honoris caussa, Witebergae haec pauca adscribebat, d. X. Maj. D. Daniel Wilhelmus Tillenus, Consil. Aul. Elect. Sauoniae, Med. professor primar.[1749] So, in seiner amtlichen Stellung als kursächsischer Hofrat und erster Professor der Medizin, hat sich, ein Blatt vor dem Göttinger Mediziner Baldinger, mit dem er das Interesse für die Geschichte der Medizin gemein hatte, als einer der Letzten in Witten- 129 berg der 80 Jahre alte D. W. Triller eingezeichnet, der einst auch als Dichter in der deutschen Litteratur eine bedeutende Stellung einzunehmen dachte. In der medizinischen Wissenschaft soll er nach dem Urteil der Fachgelehrten in seinen zahlreichen Gelegen- heitsschriften wertvolle Beiträge zur Kenntnis der alten medizinischen Klassiker geliefert haben. Indessen seine Leistungen für die deutsche Litteratur waren wohl schon zu der Zeit, wo er Soermans' Besuch empfing, der Vergessenheit anheimgefallen. 20 Jahre waren es her, wo der sechste und letzte Band seiner„Poetischen Betrachtungen“ erschienen war, die 1725 ihren Anfang genommen, und mehr als 30 Jahre, seitdem er sein Haupt- werk:„Der sächsische Prinzenraub oder der wohlverdiente Köhler“ veröffentlicht hatte, ein Epos, in dem er eine Familiensage von neuem behandelte, nachdem schon sein früh- verstorbener Vater demselben Stoffe eine poetische Gestaltung zu geben versucht hatte⸗ Aber wenn auch seit jener Zeit seine Muse schwieg, so nahm er doch bis an das Ende seines Lebens(1782) regen Anteil an den neuen Erscheinungen der deutschen Litteratur. — Von seinen Kindern war eine Tochter mit dem Buchhändler Fleischer in Frankfurt a. M. verheiratet; in Gesellschaft dieses Ehepaares machte Goethe seine Reise zur Universität Leipzig, und er erzählt uns in Wahrheit und Dichtung, VI. Buch, in launiger Weise, wie er den Geist und Witz dieser Frau an sich selbst erfuhr. Leipzig, Sonntag, 23. April— Donnerstag, 20. Juli 1775. Leipzig,„Klein Paris“, hat uns Goethe im VI. bis VIII. Buche von Wahrheit und Dichtung geschildert; von den Gelehrten und Litteraten, zu denen er in ein näheres oder entfernteres persönliches Verhältnis getreten ist, fehlen im Stammbuch nur Gottsched, der schon während Goethes Aufenthalts(1766), Gellert, der ein Jahr nach seinem Abgange (1769), und der Hofrat Ludwig, der i. J. 1773 starb. Die übrigen leben und wirken noch an ihrer alten Stelle; sie alle finden wir in dem Stammbuche eingetragen. Die Universität mit ihren Instituten blieb so, wie sie bei ihrer Gründung 1409 eingerichtet worden, im wesentlichen bis ins XIX. Jahrhundert hinein unverändert. Lehrer und Studenten waren noch nach vier Nationen eingeteilt; Goethe wurde als Frankfurter noch der bayrischen Nation zugeteilt. Das Rektorat wechselte unter den Professoren alle Halbjahre am Tage St. Georgi(23. April) und St. Galli(6. Oktober) in 55 der Ordnung, wie sie der alte Vers ausdrückte: Saxo, Misnensis, Bavarus tandemque Polonus. So gehörte der aus Lauban in der Lausitz gebürtige Professor Morus, unter dem Soermans am 21. November 1774 immatrikuliert wurde, der„pohlnischen“, der Professor Plaz, unter dem er im Sommer 1775 abging, als geborener Leipziger der sächsischen Nation an. Bei der Stiftung der Universität i. J. 1409 erhielten die ersten Lehrer, Magistri, 20 an der Zahl, von dem Kurfürsten Friedrich dem Streitbaren und seinem Bruder Wilhelm zwei Gebäude zu ihrer Wohnung und ihrem Unterhalt angewiesen, und sie wurden in diese Kollegien so verteilt, dals 12, nämlich 3 aus jeder der 4 Nationen, in das groſse, und 8, aus jeder Nation 2, in das kleine kamen: Collegium maius— minus— principum. Später wurden bei dem groſsen Kollegium inbetreff der Besetzung einzelner Stellen kleine Veränderungen vorgenommen; auch wurde die Beschränkung, die anfangs bestand, dals die Kollegiaten unverheiratet sein muſsten, 1541 nach der Finführung der Reformation aufgehoben.— Auſser jenen beiden Fürstenkollegien bestand noch ein drittes, das„Frauenkollegium“, das seinen Ursprung dem ersten Rektor der Universität, Joh. Otto von Münsterberg, verdankte. Dieser Mann hatte schon in Prag, ehe dort der Streit über das Stimmrecht der Nationen ausbrach, der schlieſslich zur Auswanderung der deutschen Studenten führte, bei seinen Landsleuten Geld zur Begründung eines solchen Kollegiums gesammelt. Er verwandte es nun zu demselben Zwecke in Leipzig, wohin sich ja die meisten, Studierende sowohl wie Lehrer, begeben hatten. Nach seinem Tode 1416 vollendete in seinem Auftrage sein Landsmann Joh. Hoffmann, 1409— 27 Lehrer der Theologie, das Werk und bestimmte, dafs das Kollegium zur Aufnahme von vier schlesi- schen und einem preuſsischen Magister dienen sollte. Durch ein landesherrliches Privileg vom J. 1422 wurde es den andern beiden Kollegien gleichgestellt. Im J. 1440 schenkte Hoffmann, der inzwischen Bischof von Meiſsen geworden war, diesem Kollegium sein in der Ritterstralse einer Marien- oder Frauenkapelle gegenüber liegendes Haus; daher der Name des Kollegiums: Collegium beatae Mariae virginis. Bei der Reform, die mit der Universität und ihren Einrichtungen vor 70 Jahren, den Anschauungen der Neuzeit ent- sprechend, vorgenommen worden ist, wurden die beiden Fürstenkollegien aufgehoben und die Gehaltsverhältnisse der Professoren auf andere Weise geregelt; das Frauenkollegium aber blieb bestehen und besteht heute noch. Die Mitglieder dieser Kollegien pflegten bei der Angabe ihres Amtscharakters auch ihre Zugehörigkeit zu ihnen zum Ausdruck zu bringen. Unter den gelehrten Vereinigungen genoſs ein hohes Ansehen die noch heute bestehende„Deutsche Gesellschaft“. Sie war 1697 als die„Görlitzische poetische Gesell- schaft“ von Studierenden, die aus der Stadt Görlitz stammten, zur Ubung in der Dicht- kunst gegründet worden. In der Folgezeit erweiterte sie nicht blols den Kreis ihrer Mitglieder, insofern sie auch solche aufnahm, die anderswoher stammten, sondern auch das Feld ihrer Thätigkeit, indem sie auch Ubungen in der deutschen Prosa vornahm. Aber ein neues Leben erhielt sie 1727 durch Gottsched's Fintritt, der auch jährliche litterarische Wettstreite mit Preisverteilung veranstaltete. Im J. 1755 war Gottsched als „Senior“— so hieſs von da an ihr Präsident— an ihre Spitze getreten; ihm war der oben genannte Professor Ludwig gefolgt, und jetzt stand sie unter der Leitung des Professors der Theologie Morus. Zu ihren Mitgliedern gehörten in Leipzig die Professoren Clodius und Schwabe, der Dichter Chr. Felix Weilse und der Prediger Zollikofer; aus- wärtige Mitglieder, deren Namen sich im Stammbuch finden, waren Kästner in Göttingen und Karl Mastalier in Wien. Eine andere noch heute bestehende Gesellschaft war soeben im November 1774 ins Leben getreten: die Jablonowskische. Joseph Alexander Jablonowski, der einer polni- schen Adelsfamilie angehörte, die ihren Namen von dem Flecken Jablonow in West- preuſsen herleitete— er selbst hatte 1743 die Würde eines deutschen Reichsfürsten er- halten— hatte 1768 wegen der Unruhen, die dann vier Jahre später zur ersten Teilung Polens führten, sein Heimatland verlassen und in Leipzig seinen Wohnsitz genommen. Hier brachte er nach mehrjährigen Bemühungen eine Gesellschaft von acht Mitgliedern, sämtlich Professoren der Universität, zusammen, und nannte sie nach seinem Namen die Fürstlich Jablonowskische Gesellschaft der Wissenschaften. Er setzte ein Kapital aus, dessen Zinsen zu drei Preisen für drei Arbeiten aus dem Gebiete der Geschichte, der politischen Okonomie, Physik und Mathematik verwandt werden sollten. Die Preise bestanden in drei goldenen Medaillen mit dem Bilde des Fürsten, jede 24 Dukaten im Werte; gegenwärtig besteht der Preis in 1000 Mark. Jene 8 Mitglieder waren: Noh. Aug. Ernesti, Jac. Heinr. Born, Carl Ferd. Hommel, Seger, Bel, Francke, Bortz und Clodius. Ernesti wurde zum Präsidenten ernannt, ihm folgte in diesem Amte Bel und nach dessen Tode Bortz; vierter Präsident war 1799— 1801 Aug. Wilh. Ernesti und fünfter in den Jahren 1801— 1810 Fried. Aug. Wilh. Wenck. Zum ersten Sekretär wurde Clodius gewählt, der dieses Amt bis zu seinem Tode 1784 ständig verwaltete; später wechselte es alljährlich. Mit Ausnahme Born's finden sich die übrigen Mitglieder im Stammbuch eingezeichnet. Unter den Berühmtheiten Leipzigs begegnet uns zuerst der Dichter Christian 167 Felix Weiſse(1726— 1804), der sich zu dieser Zeit auf der Höhe seines Ruhmes und seiner Popularität befand. Seit dem Jahre 1761, in welchem er das Amt eines Kreis- steuereinnehmers zu Leipzig erhalten hatte, befand er sich in gesicherter Lebensstellung und seit 1763 durch die Verheiratung mit der zweiten Tochter des 1747 verstorbenen Hofrates Joh. Zach. Platner, eines berühmten Chirurgen und Mediziners an der Leipziger Universität, im Besit? eines eigenen Hausstandes, dessen Glück noch in den Jahren 1765— 76 durch die Geburt von zwei Söhnen und drei Töchtern vermehrt wurde. Pas Jahr 1775, in dem er in seinem 50. Lebensjahre stand, bezeichnet einen Wendepunkt in seiner litterarischen Thätigkeit. Er, der thätigste Schauspieldichter seiner Zeit, schloſs diese Thätigkeit ab und zog gleichsam die Summe derselben, indem er von seinen Trauer- und Lustspielen, die er zu verschiedenen Zeiten in bunter Reihenfolge gedichtet und ver- einzelt hatte erscheinen lassen, nunmehr eine Gesamtausgabe veranstaltete. Von jetzt an wandte er sich, durch das Heranwachsen seiner eigenen Kinder auf dieses Gebiet geführt, der Jugendschriftstellerei zu, mit ebenso glücklichem Erfolge. Von seinem„Kinderfreund“ erschienen 1775— 82 24 Bände; diesem Werke schlols sich der„Briefwechsel der Familie des Kinderfreundes“ 1784—92 mit 12 Bänden an. Seine Popularität, die schon, vie erwähnt, zu dieser Zeit(1775) sehr grols war, stieg dürch diese Unternehmungen auf eine seltene Höhe; er nahm eine Stellung ein, wie seiner Zeit Gellert. Junge Poeten, haupt- sächlich solche, die der katholischen Geistlichkeit in österreich und Bayern angehörten, sandten ihm ihre Manuskripte zur Begutachtung, selbst in Gewissensfragen wandte man sich vertrauensvoll an ihn. Zu der Korrespondenz, zu der er hierdurch genötigt wurde, kam noch sein ausgedehnter Briefwechsel mit seinen Freunden, zu denen fast alle nam- haften Schriftsteller jener Zeit zählten. Daneben redigierte er immer noch die„Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste“, die Nicolai und Lessing 1757 begründet und deren Redaktion er auf ihren Wunsch 1760 übernommen hatte.— Seine Einschrift lautet: Seneca. Bealum dicamus hominem eum, cu unum bonum Monestas, unum malum turpitudo videatun. Ou vera voluptas erit volup- tatum contemptio. Quem Monestt cultorem et vintute con- tentum nec eutollant Fortuita, nec frangant. Qui For- tunae muneribus utatur, non serviat. Hunc necesse est sequantur gaudium inconcussum et aequabile, perpe- tua tnanquillitus et libertas, tam ſsic!] paæ et concordia animi et magnitudo cum mansuetudine. Lipsiae Memoriae ac benevolen- d. XX. Mai. tiae causa scripsi CIOOCCLXXV. C N Weiſse. Pas Citat ist aus verschiedenen Sätzen von Seneca's VII. Dialog ad Gallionem de vita beata bunt zusammengestückt, namentlich aus cap. IV 2, IV 3, III 3 und III 4. Weilse konnte in dem Stammbuche sich selbst zitiert fnden. Ein Vetter des Besitzers, Namens Carl Heinrich Soermans(1752— 1780), ebenfalls aus Danzig gebürtig, 251 der, von Leiden kommend, im Sommersemester 1774 mit ihm zusammen in Göttingen studierte, hat sich dort am 21. September des genannten Jahres eingezeichnet mit den Versen: Weiße. Glücklich wer in ſeiner Bruſt Bloß ſein Glücke weiß zu finden. Piese beiden Verse finden sich in Weiſse's komischer Oper:„Die Liebe auf dem Lande«, die zur Ostermesse 1768 und mit Joh. Adam Hiller's Musik Ostern 1769 erschien und grolsen Beifall fand. Sie stehen im I. Aufzug, I. Auftritt, am Schlusse eines eingelegten zwei- strophigen Liedes, dessen Anfang lautet: Nur in süſser Einsamkeit Blühet die Zufriedenheit. Am 18. Juni, einem Sonntage, zeichnete sich der erste Universitätslehrer ein: der aus Ostpreuſsen stammende Mathematiker Bortz(1714— 99), der einst ein Schüler des 60 DPanziger Gymnasiums gewesen war: Aureu Medioeritas.[Hor. Carm. II, 10, 5] Hs memoriam sui commendat ac ſfausta quaevis precatun Georgius Henricus Boritæ Vecanus ac coll. B. Mar. Virginis subsenior Yab. in Acad. Lips. die 16 Juni anno 1776. Im J. 1743 war er mit Gellert zusammen zum Magister der Philosophie promoviert; aber 61 —— erst 20 Jahre nach seiner Beförderung zum Magister ward er aufserordentlicher und erst 1769 ordentlicher Professor der Mathematik. Hoc tempore Dekan der philosophischen Fakultät, d. h. im Sommersemester 1775, da in dieser Fakultät das Dekanat alle Halb- jahre wechselte. Er hat auch in den Wintersemestern 1772/3, 1780/1 und 1786/87 das Amt des Rektors der Universität bekleidet. Von 1782 an war er Präsident, und zwar der dritte in der Reihe, der Jablonowskischen Gesellschaft. Aus Dankbarkeit gegen das Frauenkollegium, das ihm seine ersten Einkünfte gegeben, dessen Mitglied er über 50 Jahre und dessen Senior er 19 Jahre gewesen, setzte er bei seinem Tode dieses Kollegium zum Erben ein und stiftete ein Kapital von mehr als 1000 Thalern, dessen Zinsen abwechselnd ein in Leipzig studierender geborener Preulse oder Schlesier auf 3, oder wenn er sich zu einem Lehrer auf der Universität qualifiziere, auf 4 Jahre als Stipendium er- halten sollte. Von den sechs Gelehrten, die sich am darauffolgenden Dienstage eingetragen haben, hat sich Bortz gegenüber der Philosoph und Theologe Crusius(1715— 75) folgender- gestalt eingeschrieben: ¶Aorohusa zvdosorot 75 Koi etwu. Memoriae causa scripsit et C. Possessori sui memoriam, cum ap- Lipsiae precatione omnigenae a POMNO Salutis, humanissime commendat D. Cristianus Augustus Crusius Prof. priman. Crusius, der einflusreichste Gegner der Wolfischen Philosophie, hatte sich 1737 als Magister in der philosophischen Fakultät habilitiert. Im J. 1750 war er als ordentlicher Professor und Doktor der Theologie in die theologische Fakultät übergetreten, wo er als Lehrer der Gottesgelahrheit eine vermittelnde Stellung zwischen der alten Orthodoxie und dem aufkeimenden Rationalismus einnahm und Vernunft und Offenbarung, Philosophie und Theologie in Einklang zu bringen suchte. Seit 1757 war er Senior oder Professor primarius seiner Fakultät, seit 1773 auch Senior der Universität. Er starb noch in diesem Jahre 1775 am 18. Oktober.— Jenes Citat übrigens hat er aus der angegebenen Stelle des Neuen Testaments erst selbst zu dieser präzisen Form zugeschnitten. Mit demselben Wahlspruche wie Bortz zeichnete sich an diesem Tage(20. Juni) 149 der Professor Sam. Friedr. Nathanael Morus ein, der Goethe schon von Frankfurt aus als ein„helles Licht“ neben Ernesti erschien und zu dem er in Leipzig engere Beziehungen anknüpſte. Er lernte ihn bei dem Professor der Medizin Ludwig(1709— 73) kennen, dessen beide Söhne Morus früher als Privatlehrer unterrichtet hatte und dessen Haus zugleich für ihn eine Schule feiner Lebensart geworden war. Ludwig sowie Ernesti, der als Professor der klassischen Litteratur und Beredsamkeit sein Lehrer gewesen und später in ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm getreten war, hatten Morus auch bewogen, sich als Lehrer an der Universität zu habilitieren(1761). Zur Zeit des Aufenthalts Goethes noch aufserordentlicher Professor, wurde er 1771 ordentlicher Professor der lateinischen und griechischen Sprache; er erklärte aber nicht bloſs die klassischen Schriftsteller, sondern auch die Bücher des Neuen Testaments und zwar sämtlich aufser der Offen- barung Johannis. Als Ernesti 1782 starb, wurde Morus auch im theologischen Lehramt sein Nachfolger. Als akademischer Lehrer hatte er sich„Ernestis unnachahmliche Methode und wahrhaft bildenden Vortrag“ zum Muster genommen und war überaus beliebt. Aber auch als exegetischer Schriftsteller wirkte er auf weite Kreise, und selbst im Auslande, bei Franzosen und Engländern, stand er wegen seines gründlichen Sprachstudiums in hohem Ansehen. Als er 1792, erst 56 Jahre alt, starb, herrschte in Leipzig allgemeine Trauer, wie etwas ähnliches seit Gellerts Tod sich nicht ereignet hatte. Von den 14 Gelehrten, die sich am folgenden Tage, Mittwoch, den 21. Juni, ein- gezeichnet haben, heben wir zuerst den Historiker Bel, den Oheim jenes Wittenberger 49 Professors Schröckh, heraus, der sich folgendermaſsen eingeschrieben hat: Lutum, nist tundatum, non ſit unceus, Memoriam su commendatunus, soripsit D. Carolus Andreas Bel, Consil. Aul. Seren. Mect. Saon. Poeseos Prof. ordin. et Academ. Bibliot. Lipsiae, d. XXV. Juni MDCCLXXV. C. A. Bel, 1717 als Sohn des ungarischen Geschichtsforschers Mathias Bel(1684 — 1749) in Prelsburg geboren, war, nachdem er von 1735 an zu Altdorf und Jena studiert, dann 1739 Straſsburg, wo er mit dem Geschichts- und Altertumsforscher Schöpflin bekannt wurde, und Paris besucht hatte, 1740 nach seiner Vaterstadt zurückgekehrt. Aber schon im nächsten Jahre kam er nach Leipzig, wo er 1743 zunächst auſserordent- licher, 1757 ordentlicher Professor der Dichtkunst wurde. Aüch seine Forschungen be- zogen sich hauptsächlich auf die ungarische und österreichische Geschichte, über die er verschiedene Schriften erscheinen lieſs. Das Amt eines Direktors der Universitäts-Biblio- thek erhielt er 1758; als solcher bezog er ein Jahrgehalt, das sich also zusammensetzte: 1) aus dem Buhle'schen Legat...... 17 Thaler 18 Groschen 2) aus dem Fiskus des Pauliner Kollegiums 17„ 12„ 3) von der theologischen Fakultät.... 1 Gulden 4) von der philosophischen Fakultät... 2 zusammen 37 Thaler 21 Groschen. Es sei bemerkt, daſs er seit 1754 Redakteur zweier, ihrer Zeit berühmten, Zeitschriften war. Erstlich der Acta Eruditorum Lipsiensium. Diese waren als die erste gelehrte Zeitung in Deutschland von dem Lic. Otto Mencken, Prof. Moral. et Polit.(1644— 1707) im Jahre 1682 begründet, von seinem Sohne, dem Professor der Geschichte Joh. Burchard Mencken(1674— 1732), und dann von dessen Sohne Friedrich Otto Mencken(† 1754) fortgeführt worden und hatten sich einer steigenden Beliebtheit nicht blols in Peutsch- land, Ssondern auch im Ausland erfreut. Die Erben übertrugen die fernere Direktion dem Professor Bel, der aber doch für ein solches Geschäft nicht recht paſste. Weder die ein- zelnen Monatsstücke, noch auch zuletzt die Jahrgänge erschienen zu rechter Zeit; so geriet das Unternehmen zuerst ins Stocken und ging zuletzt gänzlich ein. Der letzte Band ist datiert vom Jahre 1776, erschien aber erst 1782, als der Herausgeber schon tot war. K aiserin Augusta-Gymn. 1902. 5 — 34 Nachher konnte das Werk wegen der Abnahme des Interesses an der lateinischen Sprache und des Aufkommens der deutsch geschriebenen Journale nicht mehr aufgenommen werden. Der mittlere von jenen drei Mencken hatte 1715 auch eine„Neue Zeitung von gelehrten Sachen u. s. w.“ in deutscher Sprache begründet; auch ihre Redaktion war seit 1754 in Bel's Händen. Er führte sie bis Johannis 1781; von da an redigierten sie bis zu ihrem Aufhören im J. 1798 andere.— Bel war seit 1771 auch Senior der philo- Sophischen Fakultät; ein Jahr vor seinem Tode— er erhängte sich in einem Anfalle von Schwermut im April 1782— war er noch Präsident der Jablonowskischen Gesell- schaft geworden. Jenes lateinische Sprüchwort in der Finschrift führt Erasmus von Rotterdam in seinen Adagia auf griechischen Ursprung zurück: o nrdöc„„ öac, couuoc oö yiwrat, und nennt als seinen Gewährsmann den Michael Apostolius. Dies war einer von jenen griechischen Gelehrten, die infolge der Einnahme Konstantinopels durch die Türken nach Italien gingen, um dort in der Umgebung der für Künste und Wissenschaften begeisterten Fürsten und Vornehmen ihr Glück zu machen. Er ver- falste auſser andern Schriften auch eine Sammlung von griechischen Sprüchwörtern und schöpfte dabei vielfach, wie Erasmus sich ausdrückt, a vulgi faece. Auf dem folgenden Blatte hat sich der berühmte Philologe und Theologe Joh. Aug. Ernesti(1707— 1781) mit den Worten eingezeichnet: Atye dgtore z odsv zdAtora. Seine Wirksamkeit gehörte seit 1759 ausschlieſslich der Universität an. Vorher, vom Jahre 1731 ab, Konrektor und vom Jahre 1734 ab— im Alter von 27 Jahren— Rektor an der Thomasschule, hatte er in dieser Stellung ein solches Lehrgeschick entfaltet, daſs ihm i. J. 1742 durch eine besondere kurfürstliche Verfügung entgegen dem bisher streng geübten Gebrauche neben dem Schulamt ein akademischer Lehrstuhl als Professor extra- ordinarius litterarum humaniorum eingeräumt wurde. 1757 war er in die theologische Fakultät übergetreten, in der er nun namentlich durch Ubertragung der philologischen Kritik von den klassischen Schriftstellern auf die biblischen Schriften freiere Grundsätze für ihre Auslegung schuf und damit Epoche machte. In diesem Jahre 1775 war er Pekan der theologischen Fakultät und sollte nach wenigen Monaten, nach Crusius' Ableben, ihr Senior werden. Ein halbes Jahr zuvor war er bei der eben gegründeten Jablonowskischen Gesellschaft zu deren erstem Präsidenten ernannt worden. Er wurde nächst Melanchthon und Camerarius als praeceptor Germaniae gefeiert, und schon jetzt nahmen viele seiner Schüler als Theologen, Philologen und Juristen, selbst an der Leipziger Universität, akademische Imter ein. Gerade in dieser Zeit(1774—77) war er, der von seinen Zeitgenossen Cicero-Ernesti genannt, von den holländischen Gelehrten als Sospitator Ciceronis gechrt wurde, mit der dritten, der bedeutendsten seiner Cicero-Ausgaben, be- schäftigt. Seine eigenen Leistungen auf dem Gebiete der lateinischen Beredsamkeit in Gestalt von Memoriae und Elogia, zu denen ihm das Amt des Professors der Eloquenz (756— 70) die nächste und häufigste Veranlassung bot, waren schon in mehreren Samm- lungen erschienen. Sie feierten nicht blols das Gedächtnis seiner Kollegen, sondern auch das angesehener Männer und Frauen der Stadt Leipzig, und da mit diesen Druckschriften ein groſser Luxus getrieben wurde und die Hinterbliebenen von reichen Leuten gut dafür bezahlten so verschafften sie ihm nicht allein groſsen Ruhm, sondern verhalfen ihm auch zu zeitlichen Gütern. Er besals zwei Rittergüter und eine reiche Bibliothek. Er hinter- liels eine einzige Tochter, Sophie Friederike, der er eine sehr gelehrte Erziehung gegeben hatte. Sie besals reiche Kenntnisse in der lateinischen und griechischen Litteratur. Wegen des Reichtums ihres Vaters wurde sie viel umworben, doch blieb sie unvermähit. Bei ihrem Tode, der fünf Monate nach dem ihres Vaters eintrat, setzte sie allerlei Legate aus, auſser Stipendien für Studierende auch eine Summe zu dem Zwecke, dals das An- denken ihres Vaters jährlich nicht nur in der Schule seines Geburtsortes Tennstädt, die er einst selbst besucht hatte, sondern auch in Leipzig teils in der Thomasschule, teils an der Universität durch eine von einem Magister legens öffentlich zu haltende Rede gefeiert werden sollte. Die Einschrift des Historikers und Staatsrechtslehrers Böhme(1717— 1780), an den Goethe bei seiner Entsendung zur Universität empfohlen war und der ihn bei dem vom Vater vorgeschriebenen Studium der Rechte festzuhalten wuſste, lautet also: Mancet sine inwidia vintus. Memoriae et amicitiae caussa scripsi Johannes Gottlob Boehmius Consil. Aulic.[1766)§ Hstoriogr. Sau.[1760) Hist. Prof. Publ.[1758] Alumn. Elect. Eplor.[1767) 4cad Pacemv.[1771]) Colleg. Princ. Sen.[1772] P. 4. Acad. Pisaur. Institut. Hist. Gottingens. Sodalit. Litt. Lips. Jenens. Teutoburgens. Moguno-Enfordiens. Soc. Honorar. Lipsiae a. d. XX. Jun. MDCCLXXV. Böhme hatte zu Leipzig unter dem berühmten, von Goethe öfter genannten Staats- rechtslehrer und Geschichtsschreiber Mascov(1689— 1761) studiert und war nach Jöchers Tode 1758 ordentlicher Professor der Geschichte geworden. Seine gründlichen Forschungen zur deutschen und sächsischen Geschichte hat er in mehreren Schriften niedergelegt, die sich durch gutes Latein auszeichnen. Seine Gewissenhaftigkeit, die ihm als Lehrer nachgerühmt wird, und von der auch die Art seines Pinwirkens auf den jungen Goethe Zeugnis ablegt, spricht sich selbst in der obigen Finschrift aus, in der alle seine Imter und Würden in etwas pedantischer Weise von ihm aufgezählt sind. Es ist hierbei auf- fällig, dals Böhme zwar seine Zugehörigkeit zur Academia Pisaurensis, nicht aber die zur Akademie der Akadier zu Rom erwähnt, deren Mitglied er unter dem Namen Crisenius Beroensis gewesen ist. Da nur Dichter und Dichterinnen in diese 1690 auf Betrieb des Dichters Crescimbeni gegründete Akademie aufgenommen wurden, so war Böhmes Aufnahme wohl auf Grund seiner lateinischen Dichtungen erfolgt, deren erste Ausgabe 1749 erschien; in der zweiten Ausgabe derselben vom Jahre 1757 bezeichnet er sich bereits als Mitglied dieser Akademie. Dals auch Goethe noch in den letzten Wochen seines römischen Aufenthalts im Januar 1788 in sie aufgenommen wurde, erzählt er uns selbst in seiner Italienischen Reise.— Böhme starb am 20. Juli 1780 eines plötzlichen Todes, indem ein Schlagfluls ihn mitten in der Vorlesung traf. Zuvor hatte er noch auſser andern milden Stiftungen für Studierende seine aus 6500 vorzüg- lichen Büchern bestehende Bibliothek der Universität vermacht, eine Schenkung, die 5* 66 alle früheren dieser Art bei weitem übertraf, deren Zahl doch an der Leipziger Uni- versität nicht gering war. Um die durch seinen Tod erledigte Professur der Geschichte bewarb sich auch Schröckh, jener Professor der Kirchen- und Profangeschichte in Wittenberg, der Neffe des oben genannten Professors Bel, indes vergeblich; es erhielt sie Friedr. Aug. Wilh. 189 Wenck(1741— 1810), der sich am Tage zuvor, den 20. Juni 1775, mit folgendem Citat in Soermans Stammbuch eingeschrieben hat: Bertholdus TI, Zaringiae Dua, si quando nuntius tristia ipsi appor- tans, secundum quod feri assolet, haesitare voluit, divit, die, dic“ scio enim, quod semper laeta tristia, vel tristia praecedant Magniſica voæ et viro forti digna. Otto Fisingensis de gestis Frider. J. p Wenck hatte 1770 als Magister seine Vorlesungen eröffnet und war zu dieser Zeit noch auſserordentlicher Professor; im J. 1779 wurde er ordentlicher Professor der Philosophie. Er gehörte von 1776/7 auch der Jablonowskischen Gesellschaft an, und war von 1801 an bis zu seinem Tode ihr fünfter Präsident. In der Nähe Weiſse's hat sich der Professor Schwabe(1714— 1784), der ja in der That mehr zu den Litteraten als zu den Akademikern gehörte, eingeschrieben: Noc est Vvere bis, vita posse priore Frui. Memoriae causa scribebat Tipsiae d. XX Jun. Joannes Joachimus Schabe, COOCCLXXV. Prof. Phil. P. Colleg. maj. Princip. Coll. et Bibl. acad. cust. h. t. Praep. Majn. Dieser Mann, der sich jetzt von einer stillen Thätigkeit als Ubersetzer von Reise- beschreibungen und naturwissenschaftlichen Werken, gelegentlich auch als Korrektor im Dienste des Breitkopf'schen Verlages nährte, konnte wohl bei der Erinnerung an eine vergangene Zeit, in der er in Verbindung mit Gottsched an der Erhebung des deutschen Geistes mitarbeitete, einige Genugthuung empfinden. Als er, von Magdeburg kommend, 1734 die Universität Leipzig bezog, war er mit Gottsched bekannt geworden und hatte sich ihm ganz in seinen Bestrebungen um die Hebung der deutschen Litteratur an- geschlossen. Bald hatte er dessen ganzes Vertrauen gewonnen; Gottsched überliels ihm nicht nur die Aufgabe, seine junge Frau, die aus Panzig gebürtige Luise Adelgunde Viktoria Kulmus, in die alten Schriftsteller einzuführen, sondern auch die Herausgabe seiner eigenen Schriften. Und gerade in den Einleitungen zu diesen Schriften bekundete Schwabe vielfach ein von den Ansichten seines Meisters abweichendes, richtigeres Urteil; aper er besals nicht die Kraft des Geistes, sich gänzlich von ihm loszusagen. So führte er die Zeitschrift:„Belustigungen des Verstandes und Witzes“ immer noch in Gottscheds Sinne als dessen„getreuer Schildknappe“ weiter, als Schon andere Mitarbeiter, wie Gellert, Uz, Kleist, Rabener u. s. w. in den Bremer Beiträgen ein von Gottsched unabhängiges Unternehmen begründet hatten. Mit dem Aufhören jener Zeitschrift(1745) hörte auch Schwabe's thätiges Eingreifen in die Litteraturbewegung auf. Bei dem geringen EFin- kommen, das er als Mitglied des groſsen Fürstenkollegiums und als Universitäts- Bibliothekar(das Gehalt eines solchen betrug 30 Thaler jährlich) bezog, ging seine schrift- stellerische Wirksamkeit immer mehr auf Gelderwerb aus. Auf der Rückseite des Blattes begegnen wir in dem Anthropologen Ernst Platner 166 (744— 1818) einem aufgehenden Gestirne; seine Finschrift steht der seines Schwagers Chr. F. Weiſse gegenüber und lautet: Haller: Wer von der Tugend weicht der weicht von ſeinem Glücke. Leipzig den 21 ſten Juny 1775 E. Platner Nach dem frühen Tode seines Vaters hatte Ernst Platner an J. A. Ernesti einen fürsorglichen Pflegevater gefunden, der ihm an die Thomasschule nahm und, solange er Rektor derselben war(bis 1759), selbst unterrichtete. Nach Beendigung seiner philo- sophischen und medizinischen Studien an der Leipziger Universität machte Platner eine längere Reise nach Straſsburg, Paris und Holland. Seit 1770 auſserordentlicher Professor in der medizinischen Fakultät— 1780 ward er ordentlicher Professor— hielt er aulser medizinischen auch philosophische Vorlesungen, in denen er seine Zuhörer aufs äuſserste zu fesseln verstand. In dieser Zeit(1775) war er mit der Abfassung seines Hauptwerkes:„Philosophische Aphorismen“ beschäftigt, die im folgenden Jahre zu er- scheinen begannen und in deren späteren Bearbeitungen er an Kants Schriften eine scharfsinnige Kritik übte. Jenes Citat aus Haller ist dessen Gedichte„Uber den Ursprung des Ubels“, III. Buch, entnommen und zwar in der Fassung der zweiten bis neunten Auflage, wo es heiſst: Der Mensch, der Gott verläſst, erniedrigt sein Geschicke, Wer von der Tugend weicht, der weicht von seinem Glücke. Von der zehnten Auflage an(1772) hat Haller den Text der ersten Ausgabe von 1732 wiederhergestellt: Wer von der Tugend weicht, entsaget seinem Glücke: Und beugt sein Engels-Recht zu eines Thiers Geschicke. Zwei Tage später, am Freitag, den 23. Juni, schrieb sich hinter Weiſse der Philosoph und Dichter Christian August Clodius(1738— 84), zu dem Goethe, wie er 168 selbst uns im VII. Buch von Wahrheit und Dichtung erzählt, in ein eigenartiges Ver- hältnis kam, mit der Sentenz ein: Muth, Warheit, Tugend und Verſtand Dieß adelt— Reichthum nicht, nicht Rang und Vaterland. Wie Weilse zu Annaberg geboren, war er 1760 zu Leipzig schon mit 21 Jahren Professor der Philosophie geworden, zunächst auſserordentlicher, dann 1764 ordentlicher; i. J. 1782 wurde er Bel's Nachfolger in der„Professur der Dichtkunst“. Mit einem empfänglichen Sinn für die Schönheiten in den Dichtungen des Altertums verband er die Gabe, sie in unserer Sprache nachzubilden und seinen Hörern zum Verständnis zu bringen. Nach Goethes eigenem Zeugnis ist er nicht ohne einen heilsamen Einfluls auch auf dessen Dichtweise geblieben, insofern er ihn alles mythologische Beiwerk, mit dem noch vielfach die zeitgenössischen Dichter ihre Dichtungen aufzustutzen pflegten, 43 148 verachten lehrte. Die Jablonowskische Gesellschaft ehrte ihn, indem sie ihn zu ihrem ständigen Sekretär ernannte. Am regsten war Clodius' schriftstellerische Thätigkeit gerade in den Jahren, wo Goethe sich in Leipzig aufhielt; dann wieder kurz vor seinem Tode. An demselben Tage hat sich auch der Professor Plaz, der damalige Rektor, eingetragen: Mantuunus Fidite virtuti; Fontuma, fugacion undis, Non manet, et centam nescit habere domum. scr. Lipsiae D. Antonius Gulelmus Plaz, d. XX. Vunit Werap. P. P. Ord. Facult. Med. Vecanus, Decemvin, Major. Princip. Coll. Collega Acad. Imperial. Natur. Qurios. Socius. Acad. h. t. Rector. Plaz, zu Leipzig 1708 geboren und dort auch 1784 gestorben, war schon 1723, also mit 15 Jahren, Baccalaureus und 1725 Magister der Philosophie. Doktor der Medizin ward er zu Halle i. J. 1728. In Leipzig ward er 1733 Professor, zunächst auſserordent- licher, dann 1749 ordentlicher; inzwischen war er 1744 zum Mitglied der kaiserlichen Akademie der Naturforscher ernannt worden, über die wir später bei Erlangen näheres berichten werden. Nach Professor Ludwigs Tode rückte er in die erste medizinische Professur ein, mit der in dieser Fakultät das ständige Dekanat verbunden war. Das Rektorat verwaltete er in diesem Sommer zum siebenten Male; er hat es dann später, im Sommer 1779, noch einmal erhalten.— Der in der Finschrift genannte Mantuanus, mit Vornamen Johannes Baptista, war ein lateinischer Dichter in der Zeit der Renaissance und führte seinen Namen nach der Stadt Mantua, wo er 1448 als ein unchelicher Spröſs- ling aus dem Geschlechte der Spagnuoli geboren worden war. Er trat in den Carmeliter- orden und zwar in die Kongregation von Mantua, die sich durch besonders strenge Ob- servanz der Ordensregeln vor den übrigen Kongregationen hervorthat. 1513 erlangte er die höchste Würde, die des„Generalpräsidenten“, die er aber, als er mit seiner Absicht, die Klöster zu reformieren, auf unüberwindliche Hindernisse stieſs, 1515 niederlegte; er starb 1516(nach Anderen 1518). Seine Dichtungen, deren Umfang man insgesamt auf 55 000 Verse geschätzt hat, standen bei seinen Zeitgenossen in hohem Ansehen und ver- schafften ihm den Phrennamen Vergilius Neotericus. Jene beiden Verse aber stehen in einem längeren Gedichte, das die Uberschrift trägt: de pugna virtutis et fortunae und zu der Sammlung von Epigrammen gehört, die Mantuanus dem apostolischen Protonotar Sinibald Falco, wie er sagt, zum Dank für Errettung aus mannigfachen Gefahren ge- widmet hat. Am 1. Juli, einem Sonnabend, zeichnete sich der von seinen Zeitgenossen gefeierte, auch von Goethé zusammen mit Jerusalem und Spalding wegen ihrer Verdienste um das deutsche Schrifttum gerühmte Prediger Georg Joachim Zollikofer') ein. Er war 1730 zu St. Gallen geboren. Von Bremen aus, wo er seine Vorbildung erhalten hatte, war er ¹) Zollikofer hat in dem Stammbuch seinen Namen mit c statt k geschrieben. — 39— nach Utrecht gegangen, um Theologie zu studieren; 1754 hatte er zu Murten im Waadt- lande ein Predigtamt erhalten, und nachdem er noch zwei Stellen in seinem Heimat- lande bekleidet hatte, war er 1758 als Prediger der deutsch-reformierten Gemeinde nach Leipzig berufen worden, wo er bald als Kanzelredner zu hohem Ansehen gelangte. Seine Predigten waren zu dieser Zeit schon in mehreren Auflagen verbreitet; aber einer ganz besonderen Beliebtheit erfreute sich sein„Neues Gesangbuch“, in das er viele bisher un- gedruckte Lieder von modernen Dichtern wie Gellert, Cramer, Schlegel, Klopstock, Uz, aufnahm; es erfuhr 8 Auflagen vom ersten Erscheinen im Jahre 1766 bis zum Todesjahre Zollikofers 1788. In den Jahren 1771— 73 war von ihm auch das„Geheime Tagebuch von einem Beobachter seiner selbst“ erschienen, das sein Landsmann Lavater verfalst, ihm aber zur Herausgabe anvertraut hatte.— Zu seiner Einschrift in das Stammbuch wählte er die Worte: Nhil habet nec Fontuma humana maius, nec natura melius quam ut quam plurimis prodesse et possimus et cupiamus. Cic. Nach seiner Angabe stammen also diese Worte aus Cicero; indessen vermag ich das Citat in dieser Gestalt nicht bei Cicero aufzufinden; es ist wohl nur eine Reminiscenz. Ahnliche Gedanken werden bei Cicero mehrfach ausgesprochen; am nächsten kommt noch die Stelle Pro Ligario 38: nihil habet nec fortuna tua maius quam ut possis, nec natura melius quam ut velis servare quam plurimos. Am folgenden Tage, einem Sonntag, schrieb sich der Rechtsgelehrte Carl Ferdinand Hommel(1722— 81), der Spröſsling einer vor länger als 200 Jahren aus der freien Reichsstadt Memmingen im schwäbischen Kreise nach Leipzig übergesiedelten Gelehrten- familie, der Sohn des 1765 als Professor der Rechte und Appellationsrat verstorbenen Ferd. Aug. Hommel, in folgender Gestalt ein: Sapientiae initium Mubitatio. m. c. Scr. Lipsiae die 2. Julih 1775 — ommel Ordinarius Lip/. Seit 1744 an der Universität habilitiert, an der seine Vorlesungen mit vielem Beifall aufgenommen wurden, war er bis zum Jahre 1763 durch alle Professuren der juristischen Fakultät hindurchgegangen. In dem genannten Jahre rückte er in die Stelle des Ordinarius ein, nachdem sein Vater wegen Altersschwäche den Eintritt abgelehnt hatte. Der Titel Ordinarius bezeichnete in der Leipziger Juristenfakultät den Inhaber der ersten, mit der ständigen Vorstandschaft der Fakultät ausgestatteten Professur, also gleichsam den be- ständigen Dekan, welche Würde somit Hommel 18 Jahre lang bekleidete. Der Ordinarius wurde auch als der Consiliarius universitatis angesehen, an dessen Gutachten in Justiz- und Verwaltungssachen sich die Rektoren in der Regel gebunden erachteten. Hommel gehörte zu den sogenannten„eleganten Juristen“, die sich aulser ihrer Fachwissenschaft auch mit philosophischen Fragen und naturwissenschaftlichen Problemen beschäftigten. Auch seine 45 206 229 Schriften beziehen sich nicht blols auf die Rechtsgelehrsamkeit, obgleich auch deren Zahl sehr groſs war und sie sich fast auf alle Gebiete derselben erstreckten, sondern er verfafste auch deutsche Schriften, die sich durch feinen Humor und Witz auszeichnen, wie schon zum Teil die blolsen Titel erkennen lassen:„Erklärung des goldenen Horns aus der Nordischen Theologie“ 1769,„Kleine Plappereien“ 1773,„Brutalia juris für alle Menschen- kinder“ 1779. Ja selbst jene kleine Finschrift verrät doch in der Verschlingung der Anfangsbuchstaben seines Namens deutlich die Lust und Neigung zu Scherz und Spiel. Der letzte der Leipziger Universitätslehrer, der sich in das Stammbuch Soermans' einzeichnete, war der Philologe Reiz, 1733— 1790, der sich als Denkspruch die beiden Verse aus Horaz' Carmina I, 24, 19— 20 wählte: Levius ſit patientia Quidquid corrigere est nefas. vider. Volgangus Reieius Collegii Maioris Prineipum Socius P. P. E. Lipsiae die 4 Julii a. C N. COCCLXXV Reiz, aus der freien Reichsstadt Windsheim gebürtig, wo seine Vorfahren mehrere Menschenalter hindurch Geistliche gewesen waren, hatte sich seit 1753 unter Ernesti dem Studium der klassischen Philologie gewidmet, hatte sich dann im Jahre 1766 an der Leipziger Uuiversität habilitiert und war seit 1772 auſserordentlicher Professor in der philosophischen Fakultät. Im Jahre 1773 war er nach Wien berufen worden, um dort das dem Freiherrn v. Heſs gehörige, von Joseph de France, dem 1761 verstorbenen Schatz- meister der Kaiserin Maria-Theresia, begründete Antiquitätenkabinett zu ordnen. Nach- dem er dort über ein Jahr verweilt hatte, war er wieder nach Leipzig zurückgekehrt, wo er 1781 eine Beschreibung jener berühmten Sammlung erscheinen liels. Im J. 1782 wurde er nach Morus' Ubertritt zur theologischen Fakultät an dessen Stelle ordentlicher Professor der griechischen und lateinischen Sprache und 1785 nach Clodius' Tode Professor der Dichtkunst; denn auch als lateinischer Dichter hat er sich bewährt. Als Lehrer wie als Gelehrter gehörte er zu den bedeutendsten seiner Zeit; er ist der Begründer der neuen exakten Richtung in der philologischen Wissenschaft geworden, die Gottfried Hermann und Friedrich August Wolf, die beide in ein näheres persönliches Verhältnis zu ihm getreten sind, jener als ein Schüler und Verwandter, dieser als ein jüngerer Freund, weiter ausgebildet haben. Im J. 1782 ward er an Bel's Stelle Direktor der Universitäts- bibliothek; seine Besoldung aber schenkte er, obwohl er bei zahlreicher Familie kein vermögen besals, der Bibliothek zur Vermehrung ihrer Sammlungen. Als letzte Leipziger Berühmtheit finden wir wieder einen Litteraten, nämlich Johann Jacob Engel, der im Gegensatze zu dem auf der Höhe seines litterarischen Ruhmes stehenden Chr. F. Weiſse durch seine ersten dichterischen und philosophischen publikationen die Gunst und Bewunderung seiner Zeitgenossen zu erwerben im Begriffe stand. Er war im J. 1741 zu Parchim in Mecklenburg geboren. Nachdem er die Uni- versitäten Rostock und Bützow besucht hatte, war er zur Fortsetzung seiner philosophischen Studien 1765 nach Leipzig gegangen. Seine schriftstellerische Laufbahn hatte er eben im Anfange der 70 er Jahre mit kleinen Lust- und Schauspielen eröffnet; darunter war sein — erstes„Der dankbare Sohn“, das von Goethe im XIII. Buch von Wahrheit und Dichtung als so recht die Stimmung der Zeit treffend bezeichnet wird. In diesem Jahre 1775 erschien von seinem ersten populären Werke, dem„Philosophen für die Welt,“ der erste Teil; der zweite Teil erschien erst 1777 von Berlin aus, wohin Engel inzwischen 1776 als Professor der schönen Wissenschaften an dem Joachimsthalschen Gymnasium berufen worden war. In Berlin hat er die„Ideen zur Mimik“(1785), seinen Roman„Herr Lorenz Stark“(1795), den„Fürstenspiegel“(1798) und die übrigen Werke geschrieben, durch die er sich in den Augen seiner Zeitgenossen einen Rang neben Goethe und Schiller erwarb. In Berlin harrten seiner noch einfluſsreichere Stellungen: im Jahre 1786 ward er nach Friedrichs des Groſsen Tode in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen; 1787 ward ihm die Direktion des Königlichen Theaters übertragen, die er mit Ramler zusammen bis 1794 führte; ferner wurde ihm der Unterricht des Kronprinzen, des späteren Königs Friedrich Wilhelms III., in den schönen Wissenschaften übertragen, der ihm seine Dankbarkeit durch Aussetzung eines ansehnlichen Jahrgehalts bis zu seinem Tode(1802) bewies.—„Zur Empfehlung ſeines Andenkens“ schrieb er in das Stamm- buch die Verse: Gefeſſelt führt der Schmerz uns alle durch das Leben, Sanft, wenn wir willig gehn; rauh, wenn wir widerſtreben. In Leipzig hat sich auch eine Anzahl Studiengenossen in Soermans' Stammbuch eingeschrieben, von denen Voh. Mav. Bahno, Mariaeburg: art: med: Baccalaureus folgende 188 Lebensregeln ihm auf den Weg mitgiebt: St tibt deſieiant Medici, medici tibi ant Haec tria: mens hlaris, vequies, moderata dideta a. ene conviviis non tristibus, utene amicis Quos nugae et risus et joca salsa iuwant. 6. Quod caret alterna requie durabile non est Naec veparat vires fessaque membra levat. y. St tarde cupis esse senea, utaris oportet vel modico medice, vel medico modice Sumpta, cibus tanquam, laedit medicina salutem at, sumptus prodest ut medicina cibus. Ein anderer: 4. Richten. Stralsundensis Th. C.[= Theologiae Cultor oder Can- 220 didatus] scheidet von seinem Freunde mit den Worten aus Ovid's Tristien III 3, 87: Accipe supremo dictum mihi forsitan ore: VALE. Dresden, Sonntag, 30. Juli— Montag, 7. August 1775. Dresden, das Elbflorenz, das durch die Belagerungen und Beschieſsungen im siebenjährigen Kriege 800 Häuser und die Mehrzahl seiner Kirchen verloren hatte und in seiner Einwohnerzahl von 63 200 i. J. 1757 auf 45 000 herabgesunken war, bot auch Kaiserin Augusta-Gymn. 1902. 6 50 — jetzt noch wie bei Goethes Besuch 8 Jahre vor dieser Zeit(Wahrheit und Dichtung VIII. Buch) und noch Jahrzehnte nachher, vielfach ein Bild der Verwüstung und Zerstörung. Zwar hatte die Regierung sofort nach Friedensschluſs begonnen, die Schäden des Krieges zu beseitigen und für einen schönern Aufbau der Stadt einen neuen Plan zu entwerfen, wie auch den Ruhm Dresdens als einer glänzenden Kunststätte durch die Gründung der Akademie der Künste 1764 zu erhöhen. Doch neue Leiden brachte in den Jahren 1771 und 1772 eine Hungersnot, die in dem Lande 150 000 Menschen hinwegraffte, und Dresden zählte 1774 auch noch nicht mehr als 45 576 Einwohner. Der erste Besuch in Dresden galt dem Superintendenten und Pastor primarius an der Kreuzkirche J. J. G. am Ende(1704— 1777). Dieser Mann war als Sohn eines Predigers zu Gräfenhainichen geboren, der Heimat Paul Gerhardts, dem er in Bezug auf Charakter und Schicksale merkwürdig ähnlich ist. Wegen seines Ruhmes als Kanzelredner war er im Jahre 1750 an die Kreuzkirche zu Dresden berufen worden und bewährte sich in den schweren Drangsalen des siebenjährigen Krieges als ein Patriot und treuer Hirte seiner Gemeinde. Er verstand es, durch taktvolles Auftreten seinem angestammten Fürsten während dessen Verbannung die Treue, dem Eroberer gegenüber bei schuldiger Achtung und dienstpfichtigem Gehorsam seine eigene Ehre und Würde zu pewahren. Berühmt war die Predigt, die er mit Zugrundelegung des ordentlichen Fvangeliums am 23. Sonntage nach Trinitatis im November 1756 in Gegenwart Friedrichs des Grolsen, seiner Brüder und eines zahlreichen Gefolges in der Kreuzkirche über den preuſsischen Wahlspruch Suum cuique hielt, die er auf ausdrückliches Verlangen des Königs dem DPruck übergab und die in verschiedene fremde Sprachen übersetzt wurde, was auch mit mehreren anderen seiner Predigten geschehen ist. Als im Jahre 1758 der König einen Befehlerliels, dals der Sieg bei Zorndorf über die Russen in ganz Sachsen durch ein allgemeines kirchliches Dankfest unter Trompetenklang und Pauken- Schall und unter Anstimmung des ambrosianischen Lobgesanges gefeiert werden sollte, er- hob der Superintendent am Ende dagegen mündlich und schriftlich die entschiedensten Vorstellungen und fügte sich erst, als ihm noch am Tage vor dem abzuhaltenden Pankfeste ein letzter ernstlicher Bescheid zuging. EFrst jetzt erliels er ein Missive an die Prediger der Stadt, erbat darin zugleich für sich und seine Amtsbrüder von Gott„den Geist der Weisheit und des Verstandes, damit sie dabei denken und reden möchten, was vor ihm gefällig sei“ Noch andere Predigten, die er bei verschiedenen Veranlassungen gehalten hat, z. B. bei dem Bombardement Dresdens durch Friedrich den Grolsen im Juli 1760, durch das auch seine Kreuzkirche eingeäschert wurde, und bei der Grundsteinlegung zum Wiederaufbau der Kirche, sind zu grolser Berühmtheit gelangt. Seine Finschrift in das Stammbuch lautet: Ropobvoc, Miuioc, zvosß̃cg! Memoriae caussa et cum apprecatione divinae gratiae, et benedictionis sc. YD. Jo. Joach. Gottlob am Ende. Mresdae d. 50. Jul. 1775. Am Sonnabend, den 5. August, hat sich der Geh. Legationsrat und Generaldirektor der Kunstakademien zu Dresden und Leipzig v. Hagedorn, der jüngere Bruder des Hamburger Dichters Friedrich v. Hagedorn eingezeichnet. Er war 1757 in sächsische Dienste getreten. Von ihm war der Entwurf zu der 1764 gegründeten Akademie der zeichnenden und bildenden Künste ausgegangen. Durch seine vielgelesenen ästhetischen Schriften, wie z. B. seine„Betrachtungen über die Malerei“ 1762, in denen er die Ansicht vertritt, dals nur die Freunde der Natur echte Schätzer der Kunst seien, hatte er auf lange Zeit einen mafsgebenden Einfluſs auf seine Zeitgenossen gewonnen. Er besaſs eine vortreffliche Sammlung von Gemälden, Handzeichnungen und Kupfer- stichen, die auch Goethe's Entzücken hervorriefen, und übte sich selbst in der Radier- kunst. Bei seinem Tode 1780 vermachte er sein ganzes Vermögen, seine ansehnliche Bibliothek und jene Gemäldesammlung der Universität Wittenberg. Er schrieb sich mit einer Sentenz aus Cicero(De natura Deorum II, 5), die auch schon der Professor der Botanik Dr. Joh. Fhrenfried Pohl zu Leipzig benutzt hatte, folgendermalsen ein: Opinionum commenta delet dies, natunae iudicia conſirmat. Cic. NHoc Ciceronianum etiam de artibus intelliyi cupit, memoriam su commendatunus Mnistianus Pudovicus de Hagedorn. Dresdae d. 5. Aug. MDCCLXXV. In Osterreich war die Kaiserin Maria Theresia,„die Gröſseste und Beste Frau“, während ihrer ganzen Regierungszeit, besonders aber seit dem Ende des siebenjährigen Krieges aufs eifrigste bestrebt, durch hochherzigen Aufwand reicher Mittel alle Bildungs- anstalten, die hohen wie die niederen, zu heben. Die östreichischen Patrioten meinten, dals ihre unzähligen Stiftungen für die Aufklärung alles überträfen, wodurch je eine deutsche Kaiserin die Heilig-Sprechung verdiente. Zur Durchführung ihrer reformatorischen Pläne berief sie tüchtige Männer auch aus dem Auslande, vor allen van Swieten, der als Leibarzt der Kaiserin 1745 nach Wien kam, aber bald nicht blols als Arzt, sondern als Reformator des Studienwesens eine groſse, segensreiche Wirksamkeit ausübte. Mit der Aufhebung des Jesuitenordens fiel das letzte groſse Hindernis, das einer gründlichen Reform des Unterrichtswesens entgegenstand. Die Jesuiten hatten ja auch völlig ab- gewirtschaftet; durch den geisttötenden Betrieb alles Unterrichts hatten sie die Schulen, die ihnen nach und nach fast alle ausgeliefert worden waren, so vollständig zu Grunde gerichtet, dals, wenn man sie nicht ganz schlieſsen wollte, nichts übrig blieb, als mit anderer Hilfe zu versuchen, sie wieder emporzubringen. Ein Anteil an dieser Aufgabe fiel dem Orden der Piaristen zu. Dieser Orden war von dem heil. Joseph von Calasanza 1621 gestiftet worden und verpflichtete seine Mitglieder auſser zu den drei gewöhnlichen Mönchsgelübden zu dem vierten, die Jugend, insbesondere die armen Kinder zu unter- richten. Fs wurden ihnen die Privilegien der Bettelorden erteilt, und sie nannten sich Regulares pauperes Matris Dei scholarum piarum, woraus der Name„Piaristen“ entstand. 6* 170 — 4 Der Orden verbreitete sich sehr rasch nach Böhmen und Polen; schon 1631 wurde zu Nikolsburg das erste Ordenshaus in Deutschland gegründet. Die Thätigkeit der Piaristen hatte sich bisher hauptsächlich auf die niederen Schulen erstreckt; jetzt, nach Aufhebung des Jesuitenordens, wurden sie auch als Lehrer an den Universitäten verwendet. Freilich sahen die Jesuiten nicht unthätig jenen Reformen zu, sondern wirkten, da auch nach der Auflösung des Ordens die Einzelnen mutata veste sich meistens in ihrem Finflusse zu pehaupten verstanden, ihnen vielfach mit Erfolg entgegen. Die Regierung besals bei vielem guten Willen zu Verbesserungen ihnen gegenüber doch nicht die nötige Festig- keit; sie wurde schwankend und verzichtete zuletzt auf die Ausführung vieler wohl- gemeinten, heilsamen Absichten. Prag, Sonnabend, den 26. August— Freitag, den 1. September 1775. Die im dreilsigjährigen und im siebenjährigen Kriege so oft und heiſs umstrittene Stadt Prag wies die älteste deutsche Universität auf. Sie war 1348 von Kaiser Karl gegründet worden; aber schon nach sechzig Jahren begann, als in Folge der Streitig- keiten, die Hulſs und Hieronymus zwischen den einheimischen und fremden Studenten hervorriefen, die letzteren auswanderten und die Veranlassung zur Gründung anderer Universitäten gaben, ihr Niedergang und mit dem Ausbruch der Hussitenkriege ein schneller Verfall, aus dem sie erst Ferdinand I. mit Hilfe der Jesuiten zu retten suchte, wiewohl vergeblich. Von Ferdinand H. wurde die Universität gänzlich den Jesuiten über- geben, und sie behielten die Oberhand bis zur Regierung Maria Theresias, die im An- fange der siebenziger Jahre ihre Reformen mit Einschränkung des Einflusses der Jesuiten begann und deren Nachfolger Joseph II. und Leopold II. die Reformen fortsetzten; zu- gleich wurde für alle Vorlesungen statt der bisher üblichen lateinischen Sprache die deutsche Sprache vorgeschrieben. Die Einschriften der Personen, die sich zu Prag in Soermans' Stammbuch ein- getragen haben, folgen hintereinander. Von den Gelehrten begegnen wir zuerst dem 265 böhmischen Geschichtsforscher Felix Jakob Pobner, der zu Prag 1719 geboren wurde und 1790 ebendaselbst starb. Sit /ortuna comes Nbi, du Meus ipse viarum; Vrtus, Relligio, doctrinaque foenus earum. ita er animo cupit Pragae 26 Augusti Gelasius à S. Catharina Mobnen 7775 e Scholis Pijs Mector. Dobner war früh in den Orden der Piaristen eingetreten. An dem Kollegium der frommen Schulen, das nach Beseitigung vieler Hindernisse in Prag neu errichtet worden, war er von 1762 bis 1778 Rektor; auch wurde er im Jahre 1775 zum Consultor provinciae ernannt. Durch Anwendung des kritischen Verfahrens schuf er eine neue Epoche in der böhmischen Geschichtsschreibung, so dals man von einer Dobnerschen Periode des historischen Studiums spricht und ihn selbst den Vater der neueren Geschichte Böhmens genannt hat. Maria 4 Theresia verlieh ihm ein Gnadengehalt von 300 Gulden und den Titel k. k. Historiograph. Er hatte 1769 auch einen wissenschaftlichen Verein gegründet, aus dem 1784 die„könig- liche böhmische Gesellschaft der Wissenschaften“, eine der ältesten in Hsterreich, ent- standen ist, mit dem Zwecke, Forschungen im Gebiete sämtlicher Wissenschaften mit Aus- nahme der Theologie und der positiven Rechtsgelehrtheit anzustellen und deren allseitige Förderung zu bethätigen. Diese Akademie hat in unserer Zeit einen tschechisch-nationalen Charakter angenommen; daher wurde im Gegensatz zu ihr 1891 in Prag von Privatleuten die„Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Litteratur“ gegründet. Einem zweiten gelehrten Piaristen begegnen wir in Adauctus Voigt, Cericus regularis Scholarum piarum, der sich an demselben Tage mit einer Sentenz aus Terenz Phormio 241— 242 einschrieb: Omnes quum secundae res sunt mauume, tum maume meditan Secum oportet, quo pacto adversam aerumnam Ferant. Tenent. Im Jahre 1733 in Böhmen geboren, trat er schon 1747 in den Orden der Piaristen, obwohl er nach dem Willen seines Vaters— eines Tuchmachers— von den Jesuiten erzogen worden war. Er ward im Jahre 1771 Rektor in dem Kolleg seines Orden zu Prag; in demselben Jahre erschienen seine ersten Schriften zur Münzkunde, die über- haupt zu den ersten kritischen Arbeiten auf diesem Gebiete gehörten, und die er bis zu seinem Tode fortgesetzt hat. Im J. 1776 wurde er von der Kaiserin Maria Theresia, die ihn wegen seiner verdienstvollen Wirksamkeit eigenhändig mit einer goldenen Denk- münze schmückte, als Professor der Geschichte an die Wiener Universität berufen und zum Kustos an der akademischen Bibliothek und an der kaiserlichen Münzsammlung er- nannt. Er starb 1787 zu Nikolsburg, nachdem er sich infolge seiner stark angegriffenen Gesundheit in das dortige Kollegium seines Ordens zurückgezogen hatte. Als nächster folgt der Professor(Ritter v.) Seibt mit einer in Stammbüchern jener Zeit beliebten und in diesem selben Stammbuch später wiederholten Sentenz: My Eijre za yw6hsva yivsoha, cc 6leig· alAc 0l6 yipsoha zd yippev, dg yipsruu xc sypojosic. Hisce memoriam su commendat Pragae 265. Aug. Carolus Henr. Seibt, 1775. litterarum elegantiorum et Philosophiae de moribus Proſessor publ. et ordin. Heinrich Seibt, geboren 1735 zu Kloster Marienthal in der Oberlausitz, das damals noch zu Schlesien und somit zur österreichischen Monarchie gehörte, hatte auſser zu Prag auch zu Leipzig studiert, wo er mit Gellert bekannt wurde. Im Jahre 1763 erhielt er auf seine Bitte von der Kaiserin Maria Theresia die besondere Erlaubnis, als auſser- ordentlicher Professor an der Prager Universität in den schönen Wissenschaften Vorträge zu halten. Durch diese Vorträge hat er, zumal da er gegen das Herkommen in deutscher Sprache las, eine neue Epoche in Böhmens Kulturgeschichte begonnen und in der Jugend einen wissenschaftlichen Eifer zu entflammen gewuſst, an dem es unter den jesuitischen 266 267 268 — 16 Lehrern nach ihrem eigenen Geständnis gefehlt hatte. In Folge der Reorganisation, die nach der Aufhebung des Jesuitenordens mit der Universität vorgenommen wurde, ward er in diesem Jahre 1775 Präses und Direktor der philosophischen Fakultät. Aber er hatte mächtige und einfluſsreiche Widersacher unter den Jesuiten, und als er 1779 ein Gebetbuch herausgab, das sich von dem durch die Jesuiten in die Andachtsbücher ein- geschwärzten Zelotismus frei hielt, gedachten sie aus diesem Buche ein Mittel zu seinem Verderben zu machen und erhoben eine förmliche Klage gegen ihn. Aber die Kaiserin Maria Theresia, die das Buch selbst gelesen und sich in hohem Grade daran erbaut hatte, wies die Klage ab und übersandte vielmehr Seibt einen kostbaren Diamantring mit den eigenhändigen Zeilen„Meinem lieben Seibt zum Andenken, Maria Theresia“. Er wurde später noch in andere Stellungen befördert, in denen er bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand(i. J. 180 1) sich noch gröſsere Verdienste um das Unterrichtswesen in Böhmen erwarb, derentwegen er schon 1791 in den Ritterstand erhoben wurde. Er starb 1806 zu Prag. Als Letzter schrieb sich in Prag der Prior des Prämonstratenserklosters ein: Ta vraie vertu est trouwable dans la prudence et science. pour le Souvenin Le 1. Septembre P. Candide Sethler Doen de la Sainte Meologie dans J Universite de Prague, CManoin Regulier Pyromontré au Mont Sion. Das reiche Prämonstratenserkloster Strahow, auf dem höchsten Punkte des Hradschin gelegen, daher Mons Sion, wurde 1140 gegründet und gilt für das erste Kloster dieses Ordens in österreich. Das groſsartige Klostergebäude enthält eine Bibliothek von 60 000 Bänden, eine Gemäldegalerie und eine Wappensammlung von 10 000 Wappen. Es ist besonders angesehen, da es den Leib des heiligen Norbert, des Stifters dieses Ordens, birgt. Norbert war 1134 als Erzbischof von Magdeburg gestorben und dort auch in der Marienstiftskirche begraben worden. Aber nachdem Magdeburg protestantisch geworden war, wurden seine Uberreste 1627 während des dreiſsigjährigen Krieges in die Kirche des Klosters Strahow übertragen. Auch das Grabmal des kaiserlichen Generals Pappen- heim befindet sich hier. Nachdem er am 16. Nov. 1632 in der Schlacht bei Lützen tödlich verwundet worden war, starb er am Tage darauf in Leipzig; von hier wurde sein Leichnam nach Prag übergeführt. Wien, Donnerstag, 28. September— Montag, 4. Dezember 1775. Prelsburg, Mittwoch, 18. Oktober 1775. Wien, mit 200 000 Einwohnern damals die gröſste Stadt Peutschlands und seit dem Kaiser Rudolf II. die beständige Residenz der deutschen Kaiser, besaſs nächst Prag die älteste Universität. Da sie 1356 vom Erzherzog Rudolf IV. begründet worden war, plickte sie zu dieser Zeit, von der wir handeln, auf mehr als vier Jahrhunderte ihres Bestehens zurück. Auch sie war 1622 durch Ferdinand II. den Jesuiten ausgeliefert worden; die theologischen und philosophischen Lehrstühle wurden fortan ausschlieſslich mit Jesuiten besetzt. Erst unter der Regierung Maria Theresias begann für die Wiener Universität eine bessere Zeit. Mit der Errichtung eines neuen prächtigen Gebäudes 1755 wurden auch innere Reformen vorgenommen, um die sich jener k. k. Leibarzt van Swieten besonders verdient gemacht hat. Fine eigene groſs angelegte Unterrichtsanstalt schuf 1746/47 die Kaiserin in der nach ihr benannten Theresianischen Ritterakademie, mit der sie 1759 die savoyische Adelsschule, ein anderes ähnliches Institut, vereinigte. Sie schenkte 1748 dieser Anstalt die Büchersammlung des ehemaligen Leibarztes Garelli, die aus 11 000 Bänden bestand. Joseph II. hob 1784 das Theresianum auf, aber später wurde es wiederhergestellt. Der bekannteste Name von allen, die sich zu Wien eingetragen finden, ist der des Dichters Denis, oder wie er bereits von dem„Barden Ringulf“, dem Advokaten und Gerichtsaktuar Karl Friedr. Kretschmann in Zittau, in anagrammatischer Weise um- geformt und von Denis selbst angenommen worden war,„der Barde Sined“. Seine Ein- schrift mit einem Denkspruch aus Juvenals Satiren X, 365 lautet: Nullum numen abest, s sit prudentia. Juv. Dem werthen Andenken des H. Beſitzers empfiehlt ſich Mich. Denis. Biblioth. am k. k. Thereſianum in Wien. 5 In demselben Jahre wie Lessing 1729 geboren und zwar zu Schärding am Inn, das wie das ganze Innviertel damals noch(bis 1779) zu Baiern gehörte, hatte Denis zu dieser Zeit(1775) seine dichterische Thätigkeit schon abgeschlossen. Die Aufhebung des Jesuiten- ordens, in den er sich 1747 hatte aufnehmen lassen, drückte sein Gemüt nieder, trotz- dem er seinem ganzen sanften und treuherzigen Wesen nach den Bestrebungen jenes Ordens fern stand. In der Zeit vom Jahre 1759 an, in welchem seine Anstellung als Lehrer der Litteratur am Theresianum in Wien erfolgte, bis zu jenem Ereignis, ist seine Thätigkeit am erfolgreichsten.„Die Gedichte Ossians“ erschienen 1768, die„Lieder Sineds des Barden“ 1772, die„Sammlung kürzerer Gedichte aus den neuesten Dichtern Deutschlands zum Gebrauche der Jugend“ von 1762 an. Das besondere Verdienst, das darin bestand, daſs er der österreichischen Jugend die modernen deutschen Dichter Klop- stock, Gellert, Haller, Uz und selbst den gegen österreich dichtenden Gleim— lauter Protestanten— als Muster vorhielt, hatte er sich mit diesen Chrestomathien schon er- worben. Von jetzt an wandte er sich bis an seinen Tod im J. 1800 gelehrten Arbeiten zu, die sich meist auf die Bibliographie und Litteraturgeschichte bezogen und zu denen seine Stellung als Aufscher der Garellischen Bibliothek im Theresianum, und nach dessen Aufhebung im J. 1784 als Kustos an der k. k. Hofbibliothek ihm die nächste Ver- anlassung gab. Eng befreundet war Denis mit seinem Ordensbruder und Schicksalsgefährten 94 Schiffermüller(1727— 1806), der in gleichem Jahre wie er am Theresianum an- 269 247 —— gestellt worden war und zwar in der Eigenschaft, mit der er sich in seiner Einschrift unter- zeichnet hat: Cicero.[Paradoxa 9.] Quod rectum et honestum et cum virtute est, id solum opinor bonum. Haec, su memoriam quo commendet cripsit Vennae Jo. Jnatius Schenmüller. 26 va Sept. 1776. Architectumae civilis ac milit. Prof. in Coll. TMeres. In diesen Jahren machten beide Exkursionen in die Umgegend Wiens, deren wissenschaft- liches Ergebnis das„Systematische Verzeichnis der Schmetterlinge der Wiener Gegend“ bildet, das Schiffermüller 1776 herausgab, an dem aber Denis einen hervorragenden An- teil hat. Im J. 1777 wurde Schiffermüller unter gleichzeitiger Verleihung des Titels eines k. k. Rates zum Regens oder Direktor des Nordischen Stiftes in Linz ernannt. Dieses Collegium Nordicum war um 1700 von einem ehemaligen Edelknaben der katholisch gewordenen Königin Christine von Schweden, Joh. Goldenblatt, der nach ihrem Tode in den Jesuitenorden getreten war, zu dem Zwecke gegründet worden, Knaben aus Schweden aufzunehmen und in der katholischen Religion zu erziehen, damit sie dann als Missionare im Dienste der katholischen Kirche in ihrem nordischen Heimatlande wirkten. Nachdem Schiffermüller von 1788 an noch andere geistliche Amter bekleidet hatte, starb er 1806 als Titular-Domherr von Linz. Zu Prelsburg, der„Königlichen Ungarischen Haupt-, Frei- und Krönungsstadt“, hat sich der evangelische Prediger Ribinij eingetragen, der als junger Rektor zu Oedenburg (Geit 1747) wegen Heterodoxie angeklagt, allerlei Kämpfe zu bestehen hatte, jet?t aber in der Stellung eines Seniors der evangelischen Gemeinde zu Preſsburg mit der Ab-— fassung des Hauptwerkes seines Lebens beschäftigt war. Dies war eine Geschichte der evangelischen Kirche und ihrer mannigfachen Geschicke in Ungarn auf Grund archivalischer Quellen, die ein Jahr vor seinem Tode(1788) erschien und wegen ihrer Gewissen- haftigkeit und Gründlichkeit die Grundlage für spätere Forschungen bildete. Seine Ein- tragung lautet: Plin. in pan. ſ5 fin.] NHabhet has vices conditio mortalium, ut adversa er secundis, eæ adversis secunda nascantur. Nobilissimo Vomino possesso- yi Secundam a Deo fortunam pre- Posonii 16. Octobr. catus, memoriam sui quam dili- 7775. gentissime commendat Joh. Ribinij mppria Ministr. Poson. Aug. Conf. Senior Die letzten Worte heiſsen vollständig: Ministerii Posoniensis Augustanae Confessionis Senior. — 49— Finen tapferen Kämpfer gegen die Herrschaft der Jesuiten lernen wir in dem 270 jungen Professor Matthias Ignaz v. Hels kennen. Er war zu Würzburg 1746 geboren und hatte auch dort unter der Leitung des„Geschichtsschreibers der Deutschen“, M. J. Schmidt, der sich später ebenfalls in das Stammbuch eingetragen hat, studiert. Von Würzburg aus war er 1774 als Professor der Universal- und Litteraturgeschichte zur Belebung der Studien an die Universität zu Wien berufen worden. Der Freiherr v. Martini, dem von der Regierung das Referat über Studiensachen übertragen war, erkannte in ihm ein geeignetes Werkzeug für seine Ideen zur Verbesserung des Schulwesens in den K. K. Erblanden. Der Plan, den Heſs in seinem Auftrage aufstellte, war von allen eingereichten der beste und er kam auch noch zum Druck, gelangte aber bei der schwankenden Haltung der Regierung gegenüber der heftig ankämpfenden geistlichen Partei nicht zur Ausführung. .— Er starb schon im nächsten Jahre 1776, am 7. Juni. Er hat sich am 26. Oktober, einem Donnerstag, mit den Versen eingeschrieben: Aprés tous les Succes, qu'a l'esprit des mechans Je sais, Jon en vevient oMſouurs auu bonnes gens. Vienne 26. 6bre d' Hess 2775. Professeur de lMistoine. Am folgenden Montag schrieb sich ihm gegenüber sein Antipode, der Exjesuit Hel!l, ein: 271 Non vidert, Sed esse— In perennem Amicitiae et Venenationis memornam WMennae 30. oct. 2776. Mauimilianus Hell Astronomus Caes. Negius Hels und Hell waren sich beide gegenüber getreten, als die Kaiserin Maria Theresia mit der Absicht umging, eine Akademie der Wissenschaften in Wien zu errichten. Hell ward zuerst mit der Abfassung eines Entwurfes beauftragt. Aber sein Plan ward, da nach ihm die Akademie aus lauter ehemaligen Jesuiten bestehen sollte, von der Kaiserin selbst verworfen, und Hefs mit dieser Aufgabe betraut, der nun einen entgegengesetzten Plan aufstellte. Doch kam das ganze Unternehmen über diese Vorbesprechungen nicht hinaus.— Hell(1720— 92), seit 1755 Direktor der neuen Sternwarte in Wien, stand sonst in dem Rufe eines tüchtigen Gelehrten; aber in den letzten Jahren hatte er durch ein auffälliges Verhalten verschiedentlich von sich reden gemacht. Zur Beobachtung des Venusdurchganges, der am 3. Juni 1769 stattfand, hatte er sich im Auftrage des dänischen Königs Christian VII. nach der Insel Vardöhus begeben und wollte dort auch unter günstigen Verhältnissen Beobachtungen gemacht haben, während sie auf andern Stationen in den nördlichen Gegenden wegen der Ungunst des Wetters fehlgeschlagen waren. Als man die Richtigkeit seiner Angaben anfocht, kündigte er nach seiner Rückkehr nach Wien die Mitteilung seiner Ergebnisse in einem grolsen wissenschaftlichen Werke an; dies ist aber nie erschienen. Man suchte das Unterbleiben des Werkes mit der Beschränkt- heit seiner Mittel, dann auch mit der Aufhebung des Jesuitenordens zu entschuldigen, Kaiserin Augusta-Gymn. 1902. 7 272 273 — 50— die ihm die Lust an der Arbeit benommen habe. Sehr zweifelhafter Art war das Ver- hältnis, in das er gerade in diesem Jahre 1775 zu dem Erfinder des tierischen Magne- tismus, Mesmer, trat. Während er bisher zu Gunsten der magnetischen Kuren Mesmers gewirkt hatte, trat er ihm jet?t plötzlich entgegen, behauptete, dals er schon früher als Mesmer die Heilung von Krankheiten mittelst Magneten getrieben und Mesmer ihm seine Heilmethode gestohlen habe. Zuletzt erklärte er den ganzen tierischen Magnetismus Mesmers für Schwindel. Nachdem einige Streitschriften über dieses Thema ausgewechselt waren, wurde die Fehde beigelegt und Hell arbeitete wieder im Interesse Mesmers. In- dessen hatte Hell auch wirkliche Verdienste in seiner Wissenschaft als Lehrer der Astronomie und Herausgeber der 37 Bände umfassenden Ephemerides astronomicae ad meridianum Vindobonensem 1757—93. Und diese wissenschaftlichen Verdienste hatte der piedere Denis im Auge, als er auf den Tod seines Freundes die Verse schrieb, indem er das Symbolum des berühmten Astronomen Tycho Brahe„Suspice et despice“ auf Hell anwandte: Corpore dum posito, levior Tellure relicta Candidus ad Superos Hellius urget iter Et nunc has stellas, nunc illas transvolat, inquit Sat vos suspexi, despicere incipiam. Auf die Fintragung Hells folgt die Einschrift des Dichters Mastalier(1731— 95, geboren und gestorben zu Wien): Horat.[Carm. I 17, 13— 14] Mi me tuentur; Miis pietas mea Et musg cordi est. Memoriae causa scripsit Wennae 30. Octobris Carolus Mastalier mppria. Proſessor Esthetices. Auch er war mit Denis eng befreundet und gehörte ebenfalls dem Jesuitenorden an, und zwar seit seinem 18. Jahre. Nach der Auflösung des Ordens ward er als Professor der schönen Wissenschaften am Theresianum und an der Universität ernannt. Seine Dichtungen aber, die von den Zeitgenossen mit groſsem Beifall aufgenommen und auch von Goethe geschätzt wurden, hatte er im Jahre 1774 gesammelt unter dem Titel herausgegeben „Gedichte nebst Oden aus dem Horaz,“ und damit hatte er auch seine poetische Thätig- keit der Hauptsache nach beendigt. Später erschienen nur noch wenige Dichtungen; man war also nicht berechtigt, an jene Worte der Einschrift noch groſse Erwartungen zu knüpfen. Als Pritter folgt an demselben Tage der Naturforscher Jacquin, der sich als Denkspruch einen Vers wählte, den Cicero in seinem Buche Laelius de amicitia 64 als einen Vers des Ennius anführt: Amicus certus in re incerla cernitur. Cic. NMennae Austriae NMcol. Joseph de Jacquin 0 die octobris 1775. a Consiliis metallungicis Chemiae et Botanicae Professor. Jacquin war zu Leiden 1727 geboren. Nach Wien war er 1752 von Paris aus, wo er seinen medizinischen Studien oblag, auf die Aufforderung des Freiherrn van Swieten, eines Freundes seines Vaters, gekommen Im Jahre 1755 hatte er im Auftrage des Kaisers Franz eine Reise nach Westindien angetreten, um die kaiserlichen Gärten mit neuen merkwürdigen Pflanzen auszustatten. Mit reicher Beute kehrte er 1759 zurück, und unter seiner Leitung wurden nun die kaiserlichen Gärten in Wien und Schönbrunn so um- und ausgestaltet, daſs sie zu einer Berühmtheit in Europa wurden. Auch als Lehrer der Chemie und Botanik an der Universität zu Wien, an die er 1768 von Schemnitz, wo er von 1763 an als Bergrat thätig war, berufen wurde, erwarb er sich grolse Verdienste, in deren Anerkennung ihm 1774 der Adel verliehen wurde. Im J. 1806 wurde er für seine weiteren Verdienste in den Freiherrnstand erhoben. Seine Thätigkeit als Universitäts- lehrer übte er bis 1797, als Gartendirektor bis 1807; im J. 1817 starb er als neunzig- jähriger Greis zu Wien. Auf dem nächsten Blatte finden wir folgende Einschrift: Als Freundin ſchreib ich mich wohl in Dein Stambuch ein, Als Dichter würd' ich ſonſt, klein wie mein Körper ſeyn. Da mir zum hohen DichterFlug Das Glück die Flügel niederſchlug, ſolt' ich deswegen gäntzlich ſchweigen nein, auch ein niedrer Schall gefällt, und hört ihn nicht die gantze Welt, ſoll ihn doch Dir Dein Stammbuch zeigen. Dem Herrn Beſitzer dieſes Buchs Wienn Widmet dieſe Zeilen eine Freundin den 4“ 9br: 1775. der Rechtſchaffenheit und der Künſte H. L De Pennet Nee Barone de Kemmetenr. Von dieser kleinen bescheidenen Dichterin weiſs auch K. Goedeke in seinem Grundriſs zur Geschichte der deutschen Dichtung Bd. IV, S. 46 nur zu melden:„Hedwig Louise von Pernet, geb. Freiin von Kemmete. Versuch in Fabeln und Erzählungen, nebst einem komischen Trauerspiel in Versen. Grätz 1770.* Ihr gänzlich unbekannt gebliebener Gatte aber, Joh: Heinricus de Pernet, hat sich auf der Rückseite des Blattes mit dem stolzen Worte eingezeichnet: Aut Caesar aut nihil. Auf der folgenden Seite hat sich am Mittwoch, den 15. November, der reformierte Prediger K. W. Hilchenbach(1749— 1815) eingeschrieben, ein Altersgenosse und Lands- 7 275 276 277 4 130 — mann Goethes. Nach Beendigung seiner Studien auf der Universität Göttingen war Bilchenbach auf einer Reise 1772 nach Wien gekommen. Er vertrat häufig den holländischen Gesandtschaftsprediger Joh. Mieg'), wenn dieser sich auf Reisen befand; nach dessen Ab- gang von Wien 1776 erhielt er selber durch den Grafen Degenberg diesen Posten. Ihm werden besonders auch in den schönen Künsten Kenntnisse nachgerühmt; seine Schrift Rurze vorläufige Nachricht von der K. K. Bildergallerie zu Wien und ihrem Zustande im Jänner 1781“ giebt von diesen Interessen Zeugnis. In dieser Zeit lebten die Pro- testanten. Lutheraner wie Reformierte, in Wien wie in ganz Osterreich noch unter hartem Druck. Die öffentliche Ausübung des Gottesdienstes, das ganze Excercitium religionis war ihnen noch verboten; jener Professor Schröckh zu Wittenberg, der 1733 in Wien geboren war, wurde noch nach katholischem Ritus im Stephansdome getauft. Die Lutheraner, 2500 Seelen, hatten ihren Gottesdienst bei den dänischen und schwedischen Gesandten*), die Reformierten, 500 Seelen, beim holländischen Gesandten. 3000 also betrug im ganzen die evangelische Bevölkerung, während 200 Jahre früher fast ganz Wien lutherisch war. Erst Joseph II. verstattete durch das Toleranzedikt vom Jahre 1781 den öffentlichen Gottesdienst, doch noch ohne den Gebrauch der Glocken; wo 100 Familien peisammen wären, sollten sie auf ihre Kosten ein Bethaus bauen dürfen. Die lutherische und die reformierte Gemeinde kauften i. J. 1783 Teile des aufgehobenen Klosters der Klarissen, um darin Bethäuser für sich einrichten zu lassen. Hilchenbach unternahm nun eine Reise durch Deutschland, Holland und England, um Beiträge für den Bau des Bethauses zu sammeln, dessen Einweihung im Dezember 1784 stattfand. Seinen Bemühungen gelang es auch, 1794 eine eigene Lehranstalt für die evangelische Gemeinde zu begründen. Kaiser Joseph ernannte ihn 1786 zum ersten Geistlichen des in Wien neu errichteten Ronsistoriums für reformierte Gemeinden und zum Superintendenten derer zu Wien und Triest. Im J. 1804, als die Wohlthätigkeits-Hofkommission errichtet wurde, ward Hilchen- ¹) Johann Friedrich Mieg(1744 zu Lingen geboren, 1770— 76 in Wien, später kurpfalzbayerischer Kirchenrat und Prediger zu Mannheim) hatte sich drei Tage zuvor in das Stammbuch eingetragen: Four wit ma mahte clear hings doublſud, hut it's our prudence 1o malte doubtful things clear; remember he that is quich in seancheng, seldom seurches to he quich. remember ou, i/ ou please, m⸗ dear Sir, and Friend, of our Wienna d. 12. nov. 175 most humble servant mr. John Mieg. 2) Der schwedische Gesandtschaftsprediger hat sich als Letzter zu Wien am Montag, den 4. De- zember, eingezeichnet. Quods? vita est optanda sapienti, nullam alium o5 causum vivere optaverim, quam ut aliquid aMciam, quod vitu dignum sit, et quod utilitatem hominibus aßerat. Lactantius. Findobonae, IV. Dec. C. G. Suhe MDCCLXN degiue Legat. Sueciae a sucris. bach von der Regierung zum Beisitzer derselben, 1806 zum Armen-Bezirks-Direktor er- wählt. Er starb zu Wien 1816.— Seine EFinschrift lautet: Es iſt ein ſchwaches Ding um unſer Herz. Und dennoch, ſo ſchwach es iſt, und ſo oft es uns irren macht, es iſt doch die Quelle unſerer beſten Geſinnungen, unſerer beſten Triebe, unſerer beſten Handlungen. Diog: Meine freundſchaftlichen Wünſche begleiten Sie auf Ihrer ferneren Reiſe, und laſſen Wien mich erwarten, daß jederzeit mein Andenken 5 Ihnen empfohlen iſt! Karl Wilhelm Hilchenbach evang: ref: Prediger. Innsbruck, Mittwoch, 27. Dezember 1775. Die Universität zu Innsbruck, die 100 Jahre vor dieser Zeit vom Kaiser Leopold I. angelegt worden war(1673 gestiftet, 1677 eingeweiht), und zu dieser Zeit ebenso wie die übrigen österreichischen Universitäten unter der Herrschaft der Geistlichkeit darniederlag, wurde auch erst durch Maria Theresia gehoben, die ihre Fürsorge für die Universität auch noch dadurch bethätigte, dals sie sie 1745 mit der Bibliothek des Schlosses Ambras und üchern aus der kaiserlichen Bibliothek zu Wien beschenkte. Hier findet sich nur die eine Finschrift des Rechtslehrers v. Banniza: Multi famam Jabhent, et non merentur! Multi merentun, et non habent. 0 quam multum est, quod iynonamus! Oeniponte Jos. Leonard. Bannea de Baean, D. XXV. Nöris. omnig. Jun. Moct., S. C R. Majest. CC consil. Regim. infer. Austr., Jur. civil. et eriminal. profess. publ. ord., Vud. delegat. acad. Praeses. Er war 1733 zu Würzburg geboren und war mit seinem Vater Joh. Peter v. Banniza ¶707— 1775) nach Wien gekommen, als dieser von Maria Theresia 1755 als Professor der Rechte an die dortige Universität berufen wurde. Der Vater, der wegen seiner Verdienste in den Adelstand erhoben worden war, starb im Juni des Jahres 1775. Der Sohn war 1762 ebenfalls an der Wiener Hochschule als Professor der Rechte mit dem Titel eines k. k niederösterreichischen Regierungsrats angestellt worden. Aber 1768 ging er an die Universität zu Innsbruck, wo er auch das Präsidium in dem„Consistorio academico in judicialibus“ erhielt. Er hat sich wie sein Vater durch zahlreiche Schriften juristischen Inhalts bekannt gemacht. Die Kaiserin Maria Theresia bekundete durch besondere Aus- zeichnungen ihr persönliches Interesse an dem jungen Gelehrten; nach C. L. Baader, 41 Lexikon verstorbener bayerischer Schriftsteller 1824, hat sie ihn bei seiner Doktor- promotion mit einer goldenen Kette, nach v. Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaisertums österreich, i. J. 1770 mit Rücksicht auf seinen rühmlichen Diensteifer mit einer goldenen Medaille beschenkt. Er starb zu Innsbruck 1800. Wie wir in der Einleitung zu unserer Arbeit gesagt haben, hören hier in Inns- pruck die Eintragungen plötzlich auf, und wohl mit Recht haben wir als Grund dafür vermutet, dals Soermans durch den am 21. Dezember erfolgten Tod seines Vaters zur schnellen Rückkehr in die Heimat veramlafst wurde. Auch für uns besteht die Notwendig- keit, an dieser Stelle unsere Arbeit abzubrechen. Druck von W. Pormetter in Berlin. , Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht des Königl. Kaiserin Augusta-Gymnasiums zu Charlottenburg. Ostern 1902. Aus der deutschen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts Nach Stammbuchblättern. Von Hubert Freund, Oberlehrer. Farbkarte 113 —