ℳ, Wisenschaltiche Beilage zum Jahresbericht des Königl. Kaiserin- Augusta-Gymnasiums zu Charlottenburg. Oster 1904. Aus der deutschen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. 1904. Programm Nr. 74. Nach Stammbuchblättern. II. Teil. Von Hubert Freund, Oberlehrer. Lehrerbibliothek der Oberrealschule Giessen BERLIN Weidmannsche Buchhandlung. 1904. In dem ersten Teile unserer Arbeit(Programm des Königl. Kaiserin-Augusta- Gymnasiums zu Charlottenburg. Ostern 1902) haben wir Joh. Heinr. Soermans aus Danzig an der Hand seines Stammbuchs auf seiner Reise von Göttingen über Leipzig, Dresden. Prag nach Wien und Innsbruck in den Jahren 1774 und 1775 begleitet. An der Fortsetzung seiner Reise, die offenbar ihren Weg durch Deutschland nach Holland, der Heimat seiner Voreltern, nehmen sollte, wurde er, wie wir glaubten annehmen zu dürfen, durch den am 21. Dezember 1775 erfolgten Tod seines Vaters gehindert. Er kehrte nach Danzig zurück. Nach einigen Monaten sehen wir ihn seine Reisepläne wieder aufnehmen. Im April 1776 reiste er über Elbing nach seiner ersten Universitäts- stadt Königsberg, um seine früheren Lehrer zu besuchen. Im Sommer desselben Jahres wandte er sich nach Berlin, wo er einige Monate verweilte. Alsdann taucht er nach einigen Wochen in München auf, von wo er nun in Verfolgung seines ursprünglichen Planes seine Reise durch Mitteldeutschland und die Rheingegenden antritt mit Holland als dem letzten Ziel, das er im Juli 1777 erreicht. Wir wollen ihn nun zunächst nach Königs- berg und Berlin begleiten. Wir teilen alle Finschriften ohne Ausnahme in der Reihe, wie sie stattgefunden haben, mit. Wie früher wollen wir wiederum möglichst die Be- deutung der von ihm aufgesuchten Personen, die sie in dem achten Jahrzehnt des XVIII. Jahrhunderts an dem Orte ihre Wirksamkeit besafsen, und auch so weit möglich die Lebensumstände, unter denen er sie antraf, uns zu vergegenwärtigen suchen. Wir glauben, damit ein Kulturbild, wenn auch nur in einem sehr beschränkten Rahmen, von Berlin aus der zweiten Hälfte der Regierungszeit Friedrichs des Grolsen zu geben. Königsberg, Donnerstag, 18. April— Sonntag, 21. April 1776. In Königsberg, das durch den Hohenzoller Albrecht, den ersten weltlichen Herzog von Preuſsen, i. J. 1544 eine Universität erhalten hatte und seit 1701 die Krönungs- 1* 144 114 und dritte Residenzstadt der preuſsischen Könige war, tritt uns zuerst folgende Ein- schrift entgegen: 144 Duc me, nec ſine me ſine Te Veus optime duci: Nam duce me pereo, Te duce ſalvus ero NHonor. et Memor cauſ. ſor. Negiomonti Bor. VMeodorus Christophorus PLilienthal d. X V. April. 4. 7776. S. TMeol. Poet.[1744] et Prof. Ordin.[1750) Aug. Bor. Regi a Conſiliis Eocleſiaſticis et Schol.[1773]) et ad dedem Cathedralem Pastor.[1763] Lilienthal(717— 82), Sohn eines durch seine Schriften zur Geschichte Ostpreuſsens geschätzten Königsberger lutherischen Theologen, gehörte seit dem J. 1740 dem Lehr- körper der Königsberger Universität an, an der er einst als dreizehnjähriger Knabe seine Studien begonnen hatte. Nach Beendigung derselben hatte er während der Jahre 1736— 40 eine groſte„gelehrte Reise“ unternommen, die ihn durch Deutschland nach Jena und Tübingen, von da durch Holland nach England bis Oxford, zurück durch Holland und Norddeutschland auch nach Halle führte. An der Königsberger Universität begann er seine Tätigkeit mit Vorlesungen über Philosophie und Mathematik, ging dann aber i. J. 1746 zu seinem eigentlichen Fache, der Theologie, über. Inmitten des aufstrebenden Rationalismus blieb er ein Vertreter der alten strengen Orthodoxie bis an sein Lebens- ende. Den Standpunkt des Supranaturalismus verteidigte er auch in einem groſsen Werke, das schon i. J. 1750 seinen Anfang nahm und erst bei seinem Tode mit dem 16. Bande seinen Abschluſs erreichte:„Die gute Sache der in der heiligen Schrift alten und neuen Testaments enthaltenen göttlichen Offenbarung wider die Feinde derselben er- wiesen und gerettet“. Trotz seiner strenggläubigen Richtung genoſs er wegen seiner Pflichttreue, Menschenfreundlichkeit, Rechtschaffenheit und Duldsamkeit die gröſste Ver- ehrung und Zuneigung aller seiner Mitmenschen, seiner Kollegen und Zuhörer. Sein Kollege Kant, der ihm sonst nicht näher gestanden zu haben scheint, widmete ihm bei seinem Tode folgenden Ehrendenkspruch: Was auf das Leben folgt, deckt tiefe Finsternis: Was uns zu tun gebührt, des sind wir nur gewiſs. Dem kann, wie Lilienthal, kein Tod die Hoffnung rauben, Der glaubt, um recht zu tun, recht tut, um froh zu glauben. Es folgt der Literarhistoriker Pisanski(1725— 90), der vom Jahre 1759 an, wo er Bektor der Domschule am Kneiphof wurde, neben diesem Amte philosophische und historische Vorlesungen an der Universität hielt. Als er 1773 veranlalst wurde, seine akademische Tätigkeit auch auf die Theologie auszudehnen, lieſs er sich zwar zum Doktor der Theologie promovieren; eine Professur aber nahm er ebenso wenig als früher an. Als akademischer Lehrer erfreute er sich groſser Beliebtheit bei seinen Zuhörern. Zu diesen zählte nach dem Zeugnis der Einschrift auch Soermans, in dessen Stammbuch er sich mit derselben Sentenz aus Seneca einzeichnete, die ein Jahr vorher der Witten- berger Professor Daniel Wilhelm PTriller benutzt hatte: 114 Seneca.[Epist. 82, 3] Otium ſine litteris mors eſt et hominis vivi ſepultura. Poſesſorem Albi hjus Nobilisſimum, Auditorem quondum ſuum asſi- duum, ſauſtis ominibus proſequitun Kegiomonti Prus/. Georgius CMriſtophorus Piſanſxi d. 20 April. Theol. et Phil. Voctor, RNegiae Soci- COMCCLXXV. etatis Jeutonicae Regiomontanae Mrector, Lycei Cathedralis Rector. Die noch heute bestehende„Königliche Deutsche Gesellschaft“, als deren Direktor sich Pisanski bezeichnet, war 1741 von einigen Königsberger Gelehrten gestiftet worden; i. J. 1743 hatte sie durch ein besonderes Diplom ihre Bestätigung erhalten und die Erlaubnis, sich eine Königliche deutsche Gesellschaft zu nennen, zugleich auch die Zensurfreiheit für alle ihre Schriften und für ihre Sitzungen ein eigenes Zimmer auf dem Königlichen Schlosse. Am folgenden Tage, einem Sonntag, hat sich Immanuel Kant(1724— 1804) in Soermans' Stammbuch eingeschrieben. Das Jahr 1770, in welchem Kant im Alter von 46 Jahren stand, bewirkte dadurch, dals es ihm das längst ersehnte, bis dahin aber ver- geblich erstrebte Ziel, eine ordentliche Professur der Philosophie, brachte, die ent- scheidende Wendung sowohl in seiner äufseren Lebensstellung als auch in seiner inneren wissenschaftlichen Entwickelung. Fünfzehn Jahre, darunter die Jahre des siebenjährigen Krieges und wieder darunter die Jahre 1758— 62, in denen Königsberg sich im Besitz des Feindes befand, hatte er in der unsicheren Stellung eines Privatdozenten zugebracht. Schon einmal, i. J. 1758, war jene Professur frei geworden; doch der russische Gouverneur, der General v. Korff, verfuhr nach der Anciennität und gab die Stelle einem älteren Kollegen Kants. Endlich nach elf Jahren weiteren Wartens boten sich ihm im Winter- semester 1769/70 gleich drei Stellen, von denen er die zu Erlangen und Jena dankend ablehnte, sobald sich die an der heimatlichen Universität für ihn auftat. Es war die Professur der Logik und Metapbysik, dieselbe Stelle, um die er sich zwölf Jahre zuvor vergeblich beworben hatte; er sollte sie bis an sein Ende einnehmen. Sie brachte ihm ein festes Gehalt von 400 Reichstalern jährlich. Fr trat sie an mit der Friedrich dem Grolsen gewidmeten Inauguralschrift De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et Principiis, dissertatio pro loco professionis log. et metaph. ordinariae rite sibi vindicando, die er am 20. August 1770 öffentlich verteidigte. Aber in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit schien, nach seinen Publikationen zu urteilen, mit der gesicherten Stellung ein Stillstand eingetreten zu sein. Vom Jahre 1755 an, in dem Kant sich habilitierte, war bisher kaum ein Jahr vergangen, das nicht durch das Erscheinen irgend einer Schrift bezeichnet ist. Seit jener Inauguraldissertation vom Jahre 1770 war in diesem achten Jahrzehnt nur eine kleine Schrift„Von den verschiedenen Racen der Menschen“, eine Programmarbeit zur Ankündigung der Vorlesungen über physische Geographie im Sommer- semester 1775, veröffentlicht worden; sie erschien 1777 noch einmal in veränderter und erweiterter Gestalt im zweiten Teil von Engels„Philosophen für die Welt“. Auſserdem 239 — 65 finden sich nur noch drei kleine Aufsätze in den„Königsbergischen gelehrten und poli- tischen Zeitungen“ aus den Jahren 1776—78, die das Basedowsche Philanthropin in Dessau betreffen, von denen indes auch nur der eine aus dem Jahre 1777 als von Kant herrührend allgemein anerkannt wird, die beiden andern noch bestritten sind. Er selbst gibt in einem Briefe vom 24. November dieses Jahres 1776 an den Arzt und Popular- philosophen Dr. Markus Herz in Berlin zu, dals er von allen Seiten Vorwürfe wegen seiner Untätigkeit empfange, darin er seit langer Zeit zu sein scheine; er erklärt aber zugleich, dals er doch im Rückblick auf die letzten Jahre sagen könne, er sei wirklich niemals systematischer und anhaltender beschäftigt gewesen. Eine Arbeit beschäftigt ihn unaufhörlich, so sehr, dals er sie durch keine Veränderung, mochte sie auch eine Ver- besserung seiner Lage bedeuten, unterbrechen will. Es wurde nämlich durch den am 21. Juni 1777 erfolgten Tod G. Fr. Meiers, den wir ein Jahr zuvor(15. April 1775) auch in Soermans' Stammbuch eingezeichnet gefunden haben, der philosophische Lehr- stuhl in Halle erledigt, und der Minister v. Zedlitz wünschte aufs lebhafteste, diese erste philosophische Professur Preuſsens— denn Halle war damals die bedeutendste preuſsische Universität— mit Kant wieder zu besetzen. Aber obwohl er selbst zweimal brieflich an Kant die dringendsten Vorstellungen richtete und ihm alle Vorteile einer Uber- siedelung nach Halle aufs verlockendste schilderte, so vermochte dennoch weder das bessere Klima noch die verdoppelte Besoldung noch die Aussicht auf einen ungleich gröſseren Wirkungskreis Kant zu bewegen, die Arbeit, die seine Gedanken damals ganz erfüllte, im Stiche zu lassen. Es sind die Gedanken, die er in jener Inauguraldissertation erst noch unvollkommen ausgesprochen hatte, die er nun in unablässiger Denkerarbeit weiter zu entwickeln sich bemühte, die ihn über Wolfs Rationalismus und den Empi- rismus und Skeptizismus der Engländer hinweg auf eigenen Bahnen zu einem neuen Ziele. seinem Kritizismus, führten. Immerfort angestrengt denkend, rastlos prüfend, un- aufhörlich verbessernd, bereitet er in diesem Jahrzehnt von 1770—80 die grolsen philo- sophischen Werke vor, die dann in dem folgenden neunten Jahrzehnt in so rascher Folge erscheinen: am Anfang und Ende die drei Kritiken und dazwischen die anderen grundlegenden Werke. Nennt doch Kant selbst in einem Briefe vom 18. August 1783 an Mendelsschn seine„Kritik der reinen Vernunft“ das Produkt des Nachdenkens von einem Zeitraume von wenigstens zwölf Jahren. So bonnte er mit der an ihm bekannten strengen Wahrhaftigkeit gegen sich selbst seinem ehemaligen Schüler eine Lehre ins Stammbuch schreiben, die er auch in jener Zeit scheinbarer Untätigkeit an sich selbst vollauf betätigte: 239 Hendum ſt aetate. Cito pede labitun aetas. Ooid.:[Ars amat. III, 65] Memoriae cuuſa ſoripſit auditori quondam ſuo et amico honoratisſimo Regiomonti. J. Kant d. 27. Ap7l 776. Logie: et Met: Prof: Ord: h. t. Mecanus. Berlin, Donnerstag, 18. Juli— Montag, 2. September 1776. Charlottenburg, Mittwoch, 14. August.— Potsdam, Mittwoch, 28. August. Berlin war mit seinen 130 000 Einwohnern die zweite Stadt Deutschlands, doch in Rücksicht auf Wissenschaften und Künste die erste. Dazu gaben ihr als Residenz Friedrichs des Groſsen dessen Ruhm und Siege im siebenjährigen Kriege einen groſs- artigen politischen Hintergrund. Fs war der Hauptsitz der Aufklärung und blieb es auch ferner; selbst das Erscheinen des Wöllnerschen Religionsediktes im Juli 1788 unter dem Nachfolger Friedrichs hat an der Sache nichts geändert. Das geistige Leben der ge- bildeten Kreise bewegte sich auf einem hohen Niveau. Ein reger Austausch der Gedanken fand in den geselligen Zirkeln statt, die allein durch das lebendige Interesse ihrer Mit- glieder an Literatur und Wissenschaft, ohne die Protektion eines Augustus oder Mäcenas, zusammengehalten wurden. Gewils würde auch Goethe, als er 1778 einige Tage im Monat Mai in Berlin verweilte, einen vorteilhafteren Eindruck von Berlin erhalten haben, wenn er in diese Kreise hineingekommen wäre und sich die Stadt nicht blols von der äufseren Seite angeschen hätte. Berlin besafs in allen Zweigen der Wissenschaft hervorragende Gelehrte; es besals ausgezeichnete staatliche und private Institute, Kunst- und wissen- schaftliche Sammlungen, reichhaltige Bibliotheken, so dafs alle Elemente zur Zildung einer Universität vorhanden waren. In Berlin eine Universität zu gründen, daran hatte schon hundert Jahre früher(1667) der Grolse Kurfürst gedacht; Geld war schon be- willigt, der Stiftungsbrief bereits in lateinischer Sprache abgefalst und vom Kurfürsten eigenhändig unterschrieben, selbst ihr Name schon festgesetzt— sie sollte heiſsen: Universitas Brandenburgica Gentium, scientiarum et artium— indessen hatte sich das Projekt später wieder aus Mangel an den erforderlichen Geldmitteln zerschlagen. Auch jetzt währte es noch ein volles Menschenalter, ehe eine Universität ins Leben trat, die dann aber auch in kurzer Zeit alle andern überflügeln sollte. Berlin besaſs ferner die besten Kanzelredner, die nicht einer einseitigen Richtung folgten, sondern mit voller Freiheit sich das Beste aus den herrschenden Systemen aneigneten. Es besals endlich die besten Schriftsteller, die zu dem hohen Aufschwunge des deutschen Geistes in dieser Periode wesentlich beitrugen. Finige der berühmtesten Namen finden wir in Soermans' Stammbuch. Unter allen gelehrten Instituten nahm die Académie Royale des Sciences et Belles Lettres den höchsten Rang ein. Der König war seit dem Ende des siebenjährigen Krieges gleichsam selbst ihr Präsident; er selbst ernaunte bis an seinen Tod allein die Mitglieder, die ordentlichen wie die auswärtigen. Dieser Umstand verlieh ihren Diplomen einen höheren Wert und gab ihrem Urteil ein gröfseres Ansehen. Die Mitglieder muſsten, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können, in Berlin oder in der Nähe wohnen; denn wöchentlich fanden Sitzungen statt und muſsten Vorträge gehalten werden. Von Inskribenten des Stammbuches gehörten als ordentliche Mitglieder dieser Akademie an: der Oberhofprediger Sack, der Astronom Joh. Bernoulli, der Philosoph Lambert, der Kgl. Bibliothekar Pernety und der Hofprediger Cochius in Potsdam. Nach dem Tode Fried- richs des Grolsen wurden, noch in seinem Todesjahre selbst, in die Akademie als ordent- liche Mitglieder aufgenommen: die beiden Schriftsteller Ramler und Engel, die Ober- konsistorialräte Teller und Silberschlag, von denen der letzte schon 1760 zum auswärtigen Mitglied ernannt worden war. Von anderen auswärtigen Mitgliedern dieser Zeit(1776) 142 sind uns schon begegnet der Mathematiker Kästner in Göttingen und der Philosoph Meier in Halle; es werden späterhin noch vorkommen der Prediger Schaeffer in Regensburg, der Physiker Adelbulner in Altdorf, der Arzt Leidenfrost und der Mathematiker Schilling in Duisburg. Nach des Königs Tode wurden zu auswärtigen und Fhrenmitgliedern ernannt der Altertumsforscher Heyne in Göttingen, Kant in Königsberg, der Botaniker Jacquin in Wien, Namen, die uns schon in Soermanns' Stammbuch begegnet sind; schlieſslich noch der Philosoph Eberhard in Halle, den wir unten noch in Charlottenburg antreffen werden. Ein zweites angesehenes staatliches Institut war das Collegium medico-chirurgicum, von dem später die Rede sein wird. Von privaten Vereinigungen, die sich die Förderung der Wissenschaft zum Ziel setzten, verdient vor allen die„Gesellschaft naturforschender Freunde“ genannt zu werden, die sich i. J. 1773 nach dem Muster der 1743 in Danzig begründeten natur- forschenden Gesellschaft gebildet hatte und die noch heutigen Tages besteht. Unter Führung des praktischen Arztes Dr. Friedr. Heinr. Wilh. Martini(1729— 78) waren Fachgelehrte und Liebhaber der Naturwissenschaften aller Zweige und Kategorien zu- sammengetreten zu dem Zwecke: sich gegenseitig die Früchte ihrer Arbeit mitzuteilen, die Freuden an dem wissenschaftlichen Umgange mit der Natur gemeinschaftlich zu ge- nieſsen und so sich gegenseitig zu weiteren Forschungen anzuregen. Die Anzahl der Mitglieder wurde auf zwölf festgesetzt; die Versammlungen fanden alle Dienstag bei den Mitgliedern nach einer durchs Los bestimmten Ordnung statt. Die Gesellschaft legte Sammlungen und eine Bibliothek an, gab jährlich einen Band Abhandlungen heraus und stellte auch Preisaufgaben. Als Anerkennung und zur Unterstützung ihrer Wirksamkeit erhielt sie vom Könige Friedrich Wilhelm II. das noch jetzt ihr gehörige Haus in der Franzõsischen Straſse zum Geschenk. Der Verein suchte den Kreis seiner Tätigkeit durch die Wahl auswärtiger Mitglieder zu erweitern, unter denen die Namen Titius, Jacquin und Schiffermüller uns schon in Soermans' Stammbuch begegnet sind und der Nürnberger Privatgelehrte v. Murr, der Erlanger Professor Schreber und der Hanauer Konsistorialrat Bergstraeſser noch begegnen werden. Von Berliner Gelehrten gehörten der Arzt Sproegel und der Oberkonsistorialrat Silberschlag dieser Vereinigung an. Uber den Montagsklub, eine andere Privatgesellschaft mit literarischen Inter- essen, wird weiter unten gehandelt werden. In Berlin galt der erste Besuch Soermans' dem PDirektor des vereinigten Berlinischen und Cölnischen Gymnasiums zum Grauen Kloster Büsching(1724— 93). Dieser Gelehrte hatte nach einem vielbewegten Wanderleben endlich seit zehn Jahren hier in Berlin, das er schon während seines ersten Aufenthaltes i. J. 1749 als einen „vorzüglich wünschenswürdigen Ort für einen Liebhaber der Wissenschaften und Künste“ schätzen gelernt, die Stätte gefunden, an der er länger als an irgend einem andern Orte vorher bis an sein Lebensende wirksam sein sollte. Von Altona, wo er sich fünf- viertel Jahr als Privatgelehrter aufgehalten hatte, war er, der sich in seiner letzten amt- lichen Stellung als Prediger der deutschen lutherischen Gemeinde zu St. Petersburg (1761— 65) zugleich als ein vorzüglicher Organisator von Schulen bewiesen hatte, unter gleichzeitiger Ernennung zum Oberkonsistorialrat an das infolge der zurückgegangenen Frequenz vereinigte Berlinische und Cölnische Gymnasium berufen worden. Er entfaltete alspald eine erfolgreiche reformatorische Tätigkeit, durch die er nicht mur für die ihm unmittelbar unterstellten Anstalten, sondern durch sein Beispiel auch für die übrigen höheren Lehranstalten Berlins Epoche machend wurde und in der er selbst, der Theologe, der nie daran gedacht hatte, ein Schulmann zu werden, die vollkommenste innere Be- friedigung fand. Zwei Jahre zuvor(1774) hatte die Anstalt, die nun wieder rasch emporgeblüht war, in Gegenwart von Mitgliedern des Königshauses, der königlichen und städtischen Behörden, in rühmlichster Weise ihr zweihundertjähriges Stiftungsfest feiern können. Unermüdlich arbeitsam wie in seiner amtlichen, blieb er es ferner auch in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, namentlich in seinem Lieblingsfache, der Geographie. Zwar an seinem ersten Hauptwerke, durch das er seinen Ruf als Geograph begründet hatte, der„Neuen Erdbeschreibung“, hat er seit seiner Ubersiedelung nach Berlin nicht weiter gearbeitet; es ist nach seinem Tode von andern fortgesetzt worden. Aber zwei andere weitangelegte Werke hatte er zu dieser Zeit unter den Händen, an denen er bis zu jener schweren Krankheit fortarbeitete, von der er fünf Jahre vor seinem Tode befallen wurde: 1) Magazin für die neue Historie und Geographie, 22 Teile, und 2) Wöchent- liche Nachrichten von neuen Landkarten, geographischen, statistischen und historischen Büchern, 15 Jahrgänge. Dieses letzte, ein kritisches Blatt, war wie jene„Neue Erd- beschreibung“ ein Werk, das einzig in seiner Art war und es für längere Zeit blieb. Vor seiner Niederlassung in Berlin war Büsching vom Schicksal mannigfach in der Welt umhergetrieben worden, war viel und weit, zu Wasser und zu Lande gereist, war nach Kopenhagen und zweimal nach St. Petersburg zu längerem Aufenthalt gekommen; seinen fast 27 jährigen Aufenthalt in Berlin unterbrach er jedoch nur durch fünf kleine Reisen innerhalb der Grenzen der Mark. Eine davon hatte er im Jahre vorher(1775) nach Reckahn bei Brandenburg zu dem Domherrn Friedr. Eberh. v. Rochow, dem Volksfreunde, unternommen, der in seinen Bestrebungen für Verbesserung des Volksschulunterrichts i. J. 1772 in jenem Dorfe, seinem Gutsbezirke, nach seinen Ideen eine Lehranstalt für die Kinder seiner Bauern gegründet hatte, die in der Folge eine Musteranstalt für die Ausbildung des Volksschulwesens geworden ist. Die nächste Reise(i. J. 1779) ging nach Kyritz in der Prignitz. Beide Reisen hat Büsching in besonderen Schriften be- schrieben, in denen er eine Menge für die Staatswissenschaft wichtiger Bemerkungen niedergelegt hat, jene erste Reise, die fünf Tage währte, in einem Buche von 332 Seiten (es ward noch eine zweite„stark vermehrte Ausgabe“ nötig), und die zweite, eine sieben- tägige, in einem Buche von 560 Seiten.— Er hat sich auf der Rückseite des Blattes, auf dem sich Basedow ein Jahr zuvor in Dessau eingetragen hatte, folgendermalsen ein- geschrieben: 142 Glücklicher Mann! der die Wahrheit ſo liebet, und nach ſeiner Erkenntniß derſelben, ſo frey und ungeſchadet von derſelben reden und ſchreiben darf, als Baledow. Solcher Freyörter, dergleichen Altona und Deſſau ſind, giebt es nicht viele wer aber an einer derſelben, oder auch zu Berlin, ſeine Sicherheit und Ruhe gefunden hat, der hat nicht nöthig die glückliche Inſel zu ſuchen, nach welcher ſich der hochachtungswürdige Baledow ohne Urſach ſehnet. Anton Friderich Büſching Berlin am 18 Jul. 1776. Kaiserin Augusta-Gymn. 1904. 2 —————————— 124 — Beide Männer hatte das Schicksal zweimal einander nahe gebracht; das erste Mal, als Büsching im Herbst 1752 seinen Zögling, einen jungen Grafen v. Lynar, auf die Ritter- akademie in Soröe begleitete und dann bis 1754 seinen Aufenthalt in Kopenhagen nahm, und Basedow i. J. 1753 eine Professur an jener Anstalt erhielt; das zweite Mal, als Büsching nach seiner Rückkehr von seinem zweiten Aufenthalt in St. Petersburg bis zu seiner Berufung nach Berlin 1 ½ Jahr von Juli 1765 bis Oktober 1766 in Altona zubrachte, wohin Basedow schon 1761 von Soröe gegangen war. Indessen sind sie nicht in per- sönliche Berührung gekommen. Mit Büsching war eng befreundet der Oberkonsistorialrat und Propst zu Berlin, Spalding(1714— 1804), den Soermans am nächsten Tage besuchte. Spalding hatte für Büschings Berufung gewirkt, als er i. J. 1765 im Auftrage des Staats- und Justizministers Ernst Fridemann v. Münchhausen zusammen mit dem Oberkonsistorial-Präsidenten v. Keffen- brink und dem Bürgermeister Diterich eine Untersuchung des Zustandes der Berliner Gymnasien vorzunehmen und Vorschläge zu ihrer Verbesserung zu machen hatte. Er war geistlicher Ephorus des Gymnasiums zum Grauen Kloster und hielt auch bei der 200 jährigen Stiftungsfeier des Gymnasiums die Festpredigt in der Klosterkirche.— Spalding war nach Berlin gekommen im Jahre 1764 von Barth in Schwedisch- Vorpommern, wo er zur Zeit des siebenjährigen Krieges Prediger und Präpositus war, und wo sich Lavater mit zwei andern jungen Freunden, als sie aus politischen Gründen ihre schweizerische Heimat meiden mufsten, fast ein Jahr lang bei ihm aufgehalten hatte; für sie alle endete mit Spaldings Berufung nach Berlin auch ihr dortiger Aufenthalt. Und zwar war Spaldiogs Berufung auf Betrieb des später aufzuführenden Predigers Diterich an der Marienkirche— denn auch diese Kirche gehörte zum Amtskreise des Propstes zu Berlin— eines Mannes von gleicher Geistesrichtung, erfolgt. Als einen Anhänger der Aufklärung hatte sich Spalding namentlich in seinem vielgerühmten Buche„Gedanken über den Wert der Gefühle in dem Christentum, 1761,“ bewiesen. Diesen Standpunkt behauptete er mit groſser Festigkeit bis an sein Lebensende, so dafs er, als beim Er- scheinen des Wöllnerschen RBeligionsediktes er« zusammen mit den anderen Räten des Oberkonsistoriums eine Vorstellung dagegen erhob, aber nicht durchdringen konnte, noch in demselben Jahre sein Amt niederlegte. Vor kurzem, i. J. 1772, war seine Schrift „Uber die Nutzbarkeit des Predigtamts und deren Beförderung“ erschienen, die Herders bittere Gegenschrift„An Prediger, funfzehn Provinzialblätter, 1774“ hervorrief. Die Ent- fremdung, die infolge davon zwischen beiden Männern eintrat, glich sich später wieder aus. EFinen weitreichenden Finfluſs übte Spalding durch seine geistlichen Reden, 8so dafs er der„Erbauer seiner Zeitgenossen“ genannt wurde, wie ja auch Goethe während seines kurzen Aufenthalts in Berlin es nicht unterliels, eine Predigt Spaldings anzuhören. Jetzt seit einem Jahre lebte Spalding in dritter Ehe verheiratet mit der sechsundzwanzigjährigen Tochter des seiner Zeit berühmten und bei den Fachgelehrten durch die Glandulae Lieberkuehnianae noch heute wohl bekannten Berliner Arztes Joh. Nathanal Lieberkühn (1711— 56), mit der er sich in seinem 60. Lebensjahre verbunden hatte und die ihn nur um wenige Monate überleben sollte. Seine Wohnung befand sich in der Propstei gegenüber der Nicolaikirche. Er hat sich in Soermans' Stammbuch unmittelbar hinter Semler, dem Haupte des Rationalismus und dem persönlichen Freunde Spaldings sowie der andern Berliner Aufklärungstheologen, auf der Rückseite des Blattes, auf dem jener sich im Jahre zuvor in Halle eingeschrieben hatte, mit einem Spruche aus Hiob 28, 28 eingetragen: 124 Die Furcht des herrn das iſt Weisheit, und meiden das Böſe, das iſt Perſtand. Sum freundſchaftlichen Andenken Berlin, am 19 Julius von 776 Joh. Joach. Spalding. Auf dem nächsten Blatte zeichnete sich hinter Spalding der erste Hof- und Dom- prediger Aug. Friedr. Wilh. Sack(1703— 1786) ein. Mit ihm war Spalding seit dem Jahre 1745 befreundet, in welchem er ihn bei seinem ersten kurzen Aufenthalte in Berlin kennen lernte, seit dem J. 1770 auch verwandt, indem seine einzige, aus erster Fhe stammende Tochter wit Sack's ältestem Sohne verheiratet war, der damals noch Prediger in Magdeburg war, im nächsten Jahre aber(1777) ebenfalls Hofprediger in Berlin wurde. Sack hatte schon durch die Art seiner Universitätsstudien, indem er das der Theologie mit dem der Naturwissenschaften verband, sich früh einen freien Standpunkt, gleich weit von der strengen Orthodoxie wie von der Freigeisterei, angeeignet; er drang auf praktische Betätigung der Frömmigkeit. In der Geschichte der protestantischen Kanzel- beredsamkeit machte er Epoche dadurch, dafs er gelehrten Wortkram, theologische Spitz- findigkeiten, Spielereien des Witzes und trockene Untersuchungen vermied und auf einen einfachen, geschmackvollen Vortrag hielt. Im Jahre 1740 war er von Magdeburg her, wo er erster Prediger der reformierten Gemeinde war, noch vom Könige Friedrich Wilhelm I. als Hofprediger nach Berlin berufen worden. Aber infolge des inzwischen eingetretenen Thronwechsels wurde er erst von Friedrich dem Groſsen in sein Amt ein- gesetzt, durch dessen ganze Regierungszeit sich seine Wirksamkeit erstreckte; er starb im April 1786, vier Monate vor dem Könige. Bei der königlichen Familie stand er in hohem Ansehen. Als der Hof während des siebenjährigen Krieges nach Magdeburg übersiedelte, folgte Sack dorthin, da ihm die Unterweisung der königlichen Prinzen an- vertraut war. Zu seinen Zöglingen gehörte auch der Thronfolger, der spätere König Friedrich Wilhelm II., den er auch noch im Januar 1762 konfirmierte, ehe er zur Armee nach Schlesien abging. Mit groſser Gewissenhaftigkeit hatte sich Sack seiner Aufgabe unterzogen und den jungen Prinzen mit sittlich ernstem Geiste zu erfüllen gesucht; freilich erwies sich später die sinnliche Natur des Prinzen als stärker. Als im Jahre 1769 die Fhescheidung des Kronprinzen von seiner ersten Gemahlin Elisabeth Christine von Braunschweig stattfand, waren Sack und Spalding die beiden Oberkonsistorialräte, die auf des Königs Befehl zusammen mit zwei Obertribunalsräten zu den Beratungen der Minister des auswärtigen und des Justizdepartements hinzugezogen wurden. Sack war auch Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften, und zwar war er bei ihrer Erneuerung i. J. 1744 in die physikalische Klasse derselben aufgenommen worden. Zu dieser Zeit(1776) zählte er, da er schon über 25 Jahre Mitglied war, zu den„Vete- ranen“. Diese waren von gewissen Verpflichtungen, wie z. B. von der Einreichung von Abhandlungen, entbunden, blieben aber noch im Genusse der Pensionen und Vorrechte. Er wohnte in einem eigenen Hause in der„Letzten Straſse“. Dies ist die heutige Porotheenstraſse, in dem damaligen Berlin in Wahrheit die letzte Straſse, nämlich von 126 — den Linden nach der Spree hin gerechnet(Linden, Mittelstralse, Letzte Stralse).— Seine Einschrift lautet: 126 Nhil movebit ſapiens in ſacris. Gic. in memoriam sui adsor. Berol. d. 2 Jul: 7776. 4. F W Sack. Das Citat findet sich in obiger Form bei Cicero nicht; Anklänge enthalten Stellen wie De legibus II, 47: de sacris... haec sit una sententia, ut conserventur semper et... perpetua sind ſsacra) und De leg. II, 22: sacra privata perpetua manento. Das östliche Ende der Letzten Stralse stiels auf die zur Akademie gehörigen Gebäude, die im letzten Winter vor wenigen Wochen abgebrochen worden sind. Eines davon, der groſse viereckige Turm in der Mitte, diente als Sternwarte und war die Arbeitsstätte des Astronomen Johann Bernoulli(1744— 1807), den Soermans am folgenden Tage aufsuchte. Bernoulli gehörte der berühmten Baseler Gelehrtenfamilie an, in der die Beschäftigung mit den mathematischen Wissenschaften das Erbteil aller Mit- glieder schon mehrere Generationen hindurch gewesen war. Abweichend von dieser Tradition hatte sich jener Johann Bernoulli, nachdem er mit 13 ½ Jahren Magister ge- worden war, auf den Wunsch seines Vaters dem Studium der Rechte zugewandt und darin im Mai 1763 die Licentiatenwürde erlangt. Indessen hatte er daneben die wathe- matischen und astronomischen Studien fortgesetzt, und die angestammte Neigung für diese Wissenschaft gewann nun wieder die Oberhand. In eben jenem Jahre 1763, dem neunzehnten seines Lebens, wurde er, sobald Friedrich der Groſse nach Beendigung des siebenjährigen Krieges seine Sorge wieder der Akademie zuwenden konnte, als Mitglied der mathematischen Klasse nach Berlin berufen. Als nun auch die während des Krieges etwas vernachlässigte Sternwarte wieder neu eingerichtet wurde, erhielt er 1767 als Zwei- undzwanzigjähriger das Amt des Direktors derselben. Aber die Unvorsichtigkeit, die er beging, indem er die neu gebaute Wohnung zu früh bezog, brachte ihm eine heftige Krankheit, von der in seinem ganzen Leben nicht mehr völlig genas; es blieb eine ge- wisse Kränklichkeit und Schwerhörigkeit zurück. Zur Wiederherstellung seiner Gesund- heit erhielt er wiederholt Urlaub, den er zu Reisen in wärmere Gegenden verwandte. Schon damals, als er dem Rufe nach Berlin folgte, richtete er seine Reise von Basel aus so ein, dals er auf einem Umwege durch Frankreich und Holland dahin gelangte. Jetzt (1769) nahm er von Berlin aus seinen Weg zunächst nach England, wo er fünf Monate verweilte, dann nach Paris, indem er überall mit Gelehrten in Verbindung trat und die astronomischen Anstalten besuchte; zuletzt weilte er noch einige Monate in seiner Vater- stadt Basel. Leider blieb der gehoffte Erfolg aus. Zwar arbeitete Bernoulli in dem Fache der Astronomie als Schriftsteller sehr fleilsig und verfaſste durch das ganze folgende Jahrzehnt eine Reihe bedeutender astronomischer Werke; aber seine praktische Tätigkeit wurde durch seine Kränklichkeit sehr gehemmt. Daher wurde auf Betrieb Lamberts, dem wir später begegnen werden, der junge Elert Bode aus Hamburg i. J. 1772 zur Unterstützung Bernoullis berufen. Es folgten nun andere gröſsere Reisen; so eine, die er in einem dreibändigen Werke: Lettres sur différents sujets, écrites pendant le cours d'un voyage par PAllemagne, la Suisse, la France méridionale et Plalie en 1774 et 1775 beschrieben hat, und die ihn bis Florenz und Rom führte. Fine andere Reise unter- nahm er in dem auf Soermans' Besuch folgenden Jahre 1777 nach dessen Vaterstadt Danzig, von wo er nach einem vierzehntägigen Aufenthalt über Colberg und Stettin nach Berlin zurückkehrte. Nachdem er im nächsten Jahre abermals Danzig besucht hatte, setzte er von dort aus seine Reise nach Königsberg und St. Petersburg fort. Auch diese Reise hat er in dem sechsbändigen Werke:„Reisen durch Brandenburg, Pommern, Preuſsen, Curland, Ruſsland und Polen, 1779— 80,“ beschrieben. Immer mehr trat bei Bernoulli das Interesse für die Geographie in den Vordergrund, das sich auch darin kund gab, dals er fortan auch Sammlungen und Ubersetzungen von Reisebeschreibungen herausgab:„Sammlungen kurzer Reisebeschreibungen“ 1782—87 in 18 Bänden, und „Archiv zur neueren Geschichte, Geographie, Natur und Menschenkenntnis“ 1783—88 in 8 Bänden. So war es ganz natürlich, dals bei der Neuorduung der Akademie nach dem Tode Friedrichs des Grolsen an Bernoullis Statt Bode zum Pirektor der Sternwarte er- nannt und ihm allein ihre Leitung anvertraut wurde. Dagegen wurde Bernoulli 1792 eine neue Ehrung dadurch zu Teil, dafs ihm die Direktorstelle der mathewatischen Klasse in der Akademie übertragen wurde.— Seine Einschrift lautet: 65 S Eernal Wsdom“————— Place me on the bright wings of daꝝ To travel with the ſun; Wth hat amaee shall T ſurve TMe wonders thou hast done? Another great lover of travelling¹) begs the Favour of M. de Soermans to remember Sometimes His most obed'. humble ſervant Berlin Jul 24u. 1776. Ju. Bernoulli Astronomer Noyal at Berlin. ¹) Mit diesen Worten bezicht sich Bernoulli auf die gegenüberstehende Einschrift: 234 Incenditque animum ſamae venientis amore[Vergil. Aen. VI, 889] 4 great loven of travelling myself 6 an admiren of it in those oho travel ſor the ſahe of improving themselves their ſellow ereatures, Lis ou ever succeſs zohich so laudable a ſcheme as ſours desenves ohich is guided 5% ihe famae venientis amore. Venna Dec. 3: Charles Ernest His Britannick 7775 Maj Chargé d'aſaires af ihe Imp. C. —— Am nächsten Tage, Donnerstag, den 25. Juli, besuchte Soermans den Propst zu 132 Cöln an der Spree und ersten Prediger an der Petrikirche Wilh. Abr. Teller(734— 1804), der seine Wohnung in der Brüderstralse in der Propstei der Petrikirche hatte; drei Häuser davon entfernt wohnte Friedrich Nicolai. Er war aus Leipzig gebürtig, wo er sich mit einer geb. Börner, einer Ziehschwester von Chr. F. Weiſse's Gattin(dessen EFin- schrift vom 22. Mai 1775 wir im ersten Teil S. 31 mitgeteilt haben) vermählt hatte; beide, Weiſse und Teller, hatten zusammen an demselben Tage, 1. Juni 1763, ihre Hoch- zeit gefeiert. Von Helmstädt aus war er auf Vorschlag jenes Predigers Diterich, der auch Spaldings Berufung bewirkt hatte, durch Vermittelung Nicolai's, mit dem Teller als Mitarbeiter an dessen„Allgemeiner Deutscher Bibliothek“ von ihrem Anfange an in Verbindung stand, i. J. 1767 nach Berlin berufen worden. Dort in Helmstädt hatte er in der Stellung eines Generalsuperintendenten und ordentlichen Professors der Theologie an der Universität, die er in dem jungen Alter von 27 Jahren erhalten hatte, durch sein „Lehrbuch des christlichen Glaubens, 1764“, in welchem er mit Verwerfung der ganzen alten scholastischen Dogmatik aus der Bibel allein durch eine„vernünftige“ Exegese den wahren christlichen Lehrbegriff herzustellen versuchte, einen Sturm der gesamten Ortho- doxie gegen sich hervorgerufen. Auch der oben aufgeführte Königsberger Professor Lilienthal lieſs sich in seinem Programma de ea, quam Gu Abr. Tellerus adhibuit Theo- logiam Dogmaticam tradendi methodo, 1766, zu dem Streite vernehmen. In Kursachsen wurde das Buch verboten mit Konfiskation aller vorgefundenen Exemplare; der eigene Bruder, Joh. Friedr. Teller, Prediger zu Zeitz, verdammte ihn in einer besonderen Schrift: „Abgenöthigte Kritik über seines Bruders Lehrbuch des christlichen Glaubens, 1764; Anhang dazu 1766“. In Helmstädt selbst verschrien ihn zwei Doktoren der Theologie als Ketzer; der Magistrat beantragte beim Ministerium in Braunschweig seine Absetzung schon aus dem Grunde, dafs aus Furcht vor seiner heterodoxen Lehre weniger Studenten nach Helmstädt kommen und damit die Stadt eines wichtigen Nahrungszweiges verlustig gehen würde. Aber in Berlin gereichte zu der„Zeit der schönsten Blüte der schönen Regierungszeit Friedrichs des Groſsen“ seine Freimütigkeit ihm gerade zur Empfehlung, so dals man„die Gelegenheit ergriff, den preuſsischen Staaten einen so verdienstvollen Mann zu erwerben“. Er war zugleich ins Oberkonsistorium berufen worden. In dieser obersten geistlichen Behörde der preuſsischen Monarchie traf er sich unter dem Vorsitze der Minister v. Münchhausen und v. Zedlitz mit Sack, Spalding, Büsching, bald nachher auch(1770) mit Diterich. In Gemeinschaft mit diesen gleichgesinnten Männern wirkte er eifrig und allezeit schlagfertig für die Ideen und Ziele der Aufklärung, und vermöge seiner Lebhaftigkeit war er, bei weitem der jüngste, die bewegende Kraft von allem. Von den Schriften, die in Berlin erschienen, erzielte eine besonders nachhaltige Wirkung sein„Wörterbuch des Neuen Testaments zur Erklärung der christlichen Lehre, 1772,“ in dem„die fremdartigen und jüdischen lokalen Ausdrücke im Neuen Testamente in jetzt übliche, deutliche, und daher gemeinverständliche Redensarten aufgelöset sind“. Auch diesem Buche, von dem Teller noch während seines Lebens sechs Auflagen ver- anstalten mufste, setzte wiederum sein Bruder ein anderes Wörterbuch des Neuen Testa- ments 1775 entgegen. Als das Wöllnersche Edikt erschien, beteiligte er sich natürlich auch an dem Protest der übrigen Konsistorialräte. Er wich auch nicht, weder von seiner Uberzeugung noch von seinem Posten. Noch in demselben Jahre veröffentlichte er bei Gelegenheit einer Introduktionspredigt eine Schrift:„Wohlgemeinte Erinnerungen an aus- gemachte, aber doch leicht zu vergessende Wahrheiten, auf Vei anlassung des Königlichen Edikts, die Religionsverfassung in den preufsischen Staaten betreffend“. Er bewahnte seine Standhaftigkeit, als 1792 infolge eines ungerechten und schimpflichen Verfahrens, durch einen Machtspruch seine dreimonatliche Suspension vom Amte mit gleichzeitiger Entziehung des Gehalts verfügt wurde. Um so kränkender wurde diese Maſsregel, als das Geld zum Bau des Irrenhauses verwendet werden sollte, weil er das Kammergericht, das sein Votum gefordert hatte, durch dasselbe irre gefährt hätte. Er harrte aus, ob- gleich ihm in dieser bedrängten Lage auf eine sehr edle Art seine vorige Stelle in Helm- städt wieder angeboten wurde. Dem Minister Wöllner aber der ihm diese Verfolgungen bereitet hatte, hielt er später nach dessen Tode in der Akademie, in die sie beide zu- gleich in derselben Sitzung vom 30. Nov. 1786 aufgenommen worden waren, in edler Selbstverleugnung die übliche Gedächtnisrede.— Er hat sich folgendermaſsen in das Stammbuch eingetragen: 132 Wahrheit ſuchen iſt Weisheit, ſie finden Glückſeligkeit, aber ſie zum allgemeinen Wohlwollen bey ſich und andern anwenden iſt mehr denn beydes ſchriebs zur Empfehlung ſeines Andenkens bey Wilhelm Abraham Teller Berlin. am 25. Jul. 76. In der Nachbarschaft des Wiener Ehepaares v. Pernet finden wir folgende Einschrift: 274 Humani à mne nihil alienum puto. Terent. Heautontim. Honore, dit Plocylide, dhalement hAranger et le concitoen; can nous sommes tous des vohſageurs Sun la Tenre. Memoriae causd scripsit à Berlin le 30. Juillet 1776. Antoin.— Vosepl. de Pernet Abbé de Abbahe de Bürgel, Membre des Acadèꝭmies Nopales des Spiences et belles Tettes de Prusse, et de Forence, et Bibliothꝰcaire de Sa Majesté Pruſſienne. Für die Stelle eines königlichen Bibliothekars, die dieser Mann jetzt bekleidete, war ursprünglich(1765) vom Könige Friedrich II. Winckelmann, der damals in Rom weilte, in Aussicht genommen worden; indessen als die Verhandlungen mit ihm scheiterten, hatte der König i. J. 1767 diesen Pernety aus Paris kommen lassen, von dem i. J. 1758 274 —— eine Schrift erschienen war: Les fables égyptiennes et grecques, dévoilées et reduites au mème principe, avec une explication des hiéroglyphes et de la gnerre de Troie. Er war ein Benediktiner, und zwar gehörte er der Kongregation von St. Maurus an, die, be- gründet 1618 und blühend bis zu ihrem Untergang durch die französische Revolution, alle anderen Kongregationen jenes durch seine wissenschaftlichen Bestrebungen aus- gezeichneten Ordens in dieser Hinsicht noch weit überragte, unter ihren Mitgliedern Gelehrte ersten Ranges zählte und Werke von unvergleichlichem und unvergänglichem Werte schuf. Das Kloster St. Germain des Prés bei Paris, aus dem Pernety hervorging, war das angesehenste dieser Kongregation; es besafs eine Bibliothek von 8000 Manu- skripten und 60 000 Druckwerken; in ihm residierte auch der Generalsuperior der Kon- gregation. Pernety hatte in den Jahren 1762— 64 als Schiffsprediger den berühmten französischen Seefahrer Louis Antoine Grafen v. Bougainville auf einer Fahrt nach den Falklandsinseln begleitet, die jener zum Zwecke von Kolonisationsversuchen auk der bis dahin unbewohnten Inselgruppe unternahm. Von dieser Reise hat Pernety gleich im Anfange seines Aufenthaltes in Berlin eine Beschreibung geliefert: Journal historique du voyage fait aux iles Malouines et au détroit de Magellan, 1769. Im nächsten Jahre nach seiner Ankunft in Berlin wurde er vom Könige auch zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt und bezog fortan ein Gehalt von 1000 Talern, das dasjenige der andern Mitglieder z. T. weit überstieg und nur dem des Direktors Lagrange nachstand, der 1700 Taler erhielt. Nichtsdestoweniger soll nach einer Erzählung Thiébault's, eines andern Mitgliedes der Akademie, der mit Pernety in Berlin sehr freundschaftlich ver- kehrte(in seinen Souvenirs d'un séjour de vingt ans à Berlin) Pernety's Berufung nach Berlin auf einer Verwechselung beruht haben. Der König hätte einen andern, Jacob Per- nety, Kanonikus zu Lyon, im Sinne gehabt, dessen 1748 erschienene Lettres philosophiques sur les physionomies ihm sehr gefallen hatten. Ubrigens waren die beiden Pernety mit einander verwandt: der Benediktiner aus Paris war ein Neffe des Kanonikus in Lyon. Nach desselben Thiebault's Urteil ist Pernety's Wissen bei allem Umfange doch nur eine rudis indigestaque moles gewesen, und weder in der Akademie noch in der Verwaltung der Königlichen Bibliothek hat Pernety's Tätigkeit irgendwie nennenswerte Spuren hinter- lassen. Er blieb in des Königs Viensten bis zum Jahre 1783, wo ihm auf sein Ansuchen Seine Entlassung erteilt wurde. Diese soll ihren eigentlichen Grund in seiner Hin- neigung zu den mystischen Spekulationen des schwedischen Theosophen Emanuel Sweden- borg gehabt haben, von dessen Schriften er in der Tat noch während des letzten Jahres seines Berliner Aufenthaltes französische Ubersetzungen geliefert hat, gegen den Kant aber schon 1766 seine Schrift„Träume eines Geistersehers“ gerichtet hatte. Aus Berlin soll ihn vollends die Furcht verscheucht haben, dals die Weissagungen des Superinten- denten Ziehen von dem bevorstehenden Ende der Welt in der protestantischen Mark Brandenburg wirklich in Erfüllung gehen könnten. Er begab sich nach Frankreich zu- rück, wo er immer mehr sich in die Wissenschaft der Magie vertieft zu haben scheint. Während der Revolution, wo 42 Ordensbrüder seiner Kongregation, darunter der General- superior Anton Chevreux, auf dem Schafotte starben, wurde auch er ins Gefängnis gesetzt. Er Starb i. J. 1801 im Alter von 85 Jahren.— Seine Wohnung in Berlin be- fand sich„in der Burgstralse, bei der Post am Wasser“. Die alte Post lag in der Königsstralse rechts von der Langen- oder Kurfürstenbrücke und erstreckte sich von der Burg- bis zur Poststralse; also lag die Wohnung gegenüber dem heutigen Königl. Marstalle. Die Königl. Bibliothek aber befand sich zu dieser Zeit noch an der ersten Stelle, die ihr vom Groſsen Kurfürsten i. J. 1661 angewiesen worden war: in dem Flügel des Königl. Schlosses an der Spree über der Schlolsapotheke. Der Bau des jetzigen Gebäudes der Königl. Bibliothek am Opernplatz wurde erst im Jahre 1775 angefangen. — In der obigen Finschrift nennt er sich Abt der Abtei Bürgel. Bürgel ist das durch seine Töpfereien bekannte evangelische Städtchen im Groſsherzogtum Sachsen- Weimar, östlich von Jena, in dessen Nähe das Dörfchen Thalbürgel liegt, wo 1133 eine Benediktiner-Abtei gegründet, aber 1526 infolge der Reformation wieder aufgehoben wurde. Friedrich Nicolai sagt darüber in der Beschreibung seiner Reise vom Jahre 1781: „Von diesem Orte ist der ehemalige Königl. Bibliothekar, Herr Pernety, Abt in partibus infidelium, welcher sehr leicht durch Bürgel reisen könnte, ohne zu merken, daſs er in seiner Abtei wäre, so wie sich die Töpfer in Bürgel wohl nicht träumen lassen, daſs sie noch einen Abt haben.“— Der aus Terentius Heautontimorumenos zitierte Vers lautet korrekt: Homo sum: humani nil a me alienum puto. Das angeführte zweite Zitat stammt aus dem einst von den Tironen des Grie- chischen viel traktierten, c. 200 Verse zählenden Noina vovheriuév, das unter dem Namen des alten Elegikers Phocylides aus Milet um 540 v. Chr. geht, aber von Jak. Bernays:„Uber das Phokylideische Gedicht, 1856“ als das Werk eines alexandrinischen Juden erwiesen worden ist. Die Stelle lautet bei Th. Bergk, Poetae Lyrici Graeci: Forcooan o' öhcrhot woeg év oAnjraig diteg ydo aving ocbhueha 7 oAnAdynro 10b0) 6' oör ßeßatov xet bo dochroow. Bernays setzt im zweiten Verse Sevlng für cving. Diese Lesart wandte schon der Magister Joh. Ad. Schier in seiner Leipziger Ausgabe vom J. 1751 an und übersetzte darnach— denn die Gelehrten, namentlich Schulleiter, veranstalteten unaufhörlich neue Ausgaben des Gedichtes und wetteiferten in Paraphrasen, Kommentaren und möglichst wörtlichen Ubersetzungen— Sint in pari honore advenae cum civibus. Omnes enim peregrinationem experimur vagam. Terra nullum constantem habet locum hominibus. Donnerstag, den 1. August, besuchte Soermans Johann Heinrich Lambert (1728—77). Dieser allumfassende Geist, der einem Leibniz gleichzustellen war, der Christian Wolff weit überragte, den Kant selbst für das gröſste Genie Deutschlands er- klärte(in einem Briefe aus dem Jahre 1770), lebte seit 1764 in Berlin. Schon 20 Jahre früher, im Alter von 16 Jahren, hatte er das Theorem gefunden, das noch heute seinen Namen trägt. Er war auf der Durchreise von seiner Schweizer Heimat nach St. Peters- burg begriffen, um eine seinen Fähigkeiten angemessene Stellung zu erwerben, als es seinen Landsleuten unter den Berliner Akademikern gelang, ihn hier festzuhalten und beim Könige seine Ernennung zum Mitglied der Akademié zu erwirken. Dieser scharf- Kaiserin Augusta-Gymn. 1904. 3 88 233 — und tiefsinnige Denker, dessen rastlos arbeitender Geist stets in den höchsten und fernsten Regionen weilte und mit den schwersten Problemen beschäftigt war, besals bei aller Kenntnis seines eigenen Wertes doch ein kindlich einfaches und harmloses Gemüt. So lautet auch seine EFinschrift schlicht und einfach: 88 Bleib Dir im Glück und Unglück gleich, Richt ſtolz wenn jenes lacht, nicht feig wenn dieſes drücket. Berlin Memoriae ergo adposuit 1. Aug. 1776. J. H. Lambert. Er starb schon am 25. September des nächsten Jahres, kaum 49 Jahre alt, infolge geistiger Uberanstrengung. Sein Landsmann Joh. Bernoulli gab seinen„Deutschen ge- lehrten Briefwechsel“ heraus, der fünf Bände umfalst.— Seine Wohnung befand sich „hinter dem neuen Packhof an der Chaussee“. Der Neue Packhof lag an der Stelle, wo jetzt die National-Galerie sich erhebt; die„Chaussee“ führte von der Friedrichsbrücke, damals Pomeranzenbrücke genannt, auf dem linken Ufer der Spree entlang nach der Weidendammer Brücke. Lambert's Wohnhaus stand also etwa an der Stelle des Perga- mon- oder des Kaiser-Friedrichs-Museums. Am Montag, den 5. August, zeichnete sich Moses Mendelssohn in Soermans' Stammbuch ein. Mendelssohn(1729— 86), dessen Geburtsstadt Dessau Soermans ein Jahr vorher besucht hatte, lebte hier in Berlin, in das er als ein dreizehnjähriger mittel- loser Knabe eingewandert war, als Mitinhaber und Leiter der Bernhard'schen Seiden- fabrik, in die er vor zwanzig Jahren als Buchhalter und Korrespondent eingetreten war. Seit Oktober 1763 besals er das Privilegium eines preuſsischen„Schutzjuden“(das ihm der Marquis d'Argens persönlich beim Könige Friedrich II. erwirkt hatte), aber nur für sich und seine Frau Fromet Gugenheim aus Hamburg; für seine Kinder erhielt er es selbst auf ein i. J. 1779 eingereichtes Gesuch noch nicht. Zwar schätzte ihn der König als Schriftsteller hoch; hatte er ihm doch mit Rücksicht auf seine wissenschaftlichen Ver- dienste die von der Chargenkasse für die Erteilung eines solchen Privilegs verordnungsmäſsig verlangten 1000 Rtlr. i. J. 1764 erlassen. Man erinnere sich, dals bei der Bewerbung um den von der Berliner Akademie für das Jahr 1763 ausgesetzten Preis, an der sich auch Kant peteiligte, Mendelssohn für seine„Abhandlung über die Evidenz der meta- physischen Wissenschaften“ den Preis zuerkannt erhielt. Erst nach Mendelsschns Tode wurde vom Nachfolger Friedrichs des Grolsen seinen Kindern jenes Privilegium erteilt (1787). Mendelsschns Wohnhaus befand sich»in der Spandauer Stralse unweit des goldenen Sterns“; es hat aber dem Durchbruch der Kaiser Wilhelm-Straſse weichen müssen.— Soermans' Besuch fällt in die für Mendelssohn unglücklichste, weil in wissen- schaftlicher und schriftstellerischer Hinsicht unfruchtbarste Zeit seines Lebens. Er litt noch in körperlicher wie selischer Beziehung unter den Nachwirkungen des Lavaterschen Bekehrungsversuches. Das Erscheinen seines„Phädon“ i. J. 1767 hatte ihn auf die Röhe seines Ruhms erhoben und ihm einen europäischen Ruf verschafft. In rascher Folge erschienen sowohl die eigenen Ausgaben als auch die Ubersetzungen in fremde Sprachen. —— Der Kreis seiner Verehrer erweiterte sich; Gelehrte und wer sonst Anspruch auf Bildung machte, unterlieſs bei einem Besuche der Hauptstadt nicht, Mendelsschns persönliche Bekanntschaft zu machen. Da(i. J. 1769) erfolgte der schmerzliche Riſs in die Seele des Philosophen durch den übereilten Schritt Lavaters, der in der Vorrede zu seiner Ubersetzung von Bonnet's„Philosophischer Untersuchung der Beweise für das Christentum“ eine förmliche Aufforderung an Mendelssohn richtete, Bonnets Beweise für das Christen- tum zu widerlegen oder selbst zum Christentum überzutreten. Diese Zumutung versetzte Mendelssohn in die peinlichste Verlegenheit, und wenn er auch mit ruhigem und sicherem Takt seine Antwort erteilte und durch Lavaters edlen Sinn und offenherziges Zugeständnis seiner Ubereilung sich bald wieder ein würdiges Verhältnis zwischen beiden Männern herstellte, so wurde er doch in unaufhörliche Unruhe versetzt durch die nachfolgenden in aller öffentlichkeit geführten Kämpfe, indem sich nun neue Streiter von hüben und drüben erhoben und den Streit mit Leidenschaftlichkeit und mit unedlen Waffen fort- setzten. Die Folge all des Irgers und der Aufregungen für den feinfühligen und körper- lich schwachen Mendelsschn war, daſs er zunächst(im Februar 1771) in eine lebens- gefährliche Nervenkrankheit verfiel, und als er davon genas, sich für die folgende Zeit aller geistigen Arbeit enthalten muſste. Und auch in dieser Zeit(1776) waren die Nachwirkungen jener Nervenkrankheit noch so stark, daſs er seine gelehrten Arbeiten auf die Morgenstunden von 5 bis 9 Uhr einschränken muſste. Alles was er als Schrift- steller seit 1770 bis an seinen Tod geleistet hat, ist in diesen vier Morgenstunuden niedergeschrieben worden; denn er stand jeden Morgen regelmäſsig um 5 Uhr auf und um 9 Uhr begab er sich in sein Comptoir. In der Zeit von 1771, wo sein in hebräischer Sprache verfaſster Kommentar zum Prediger Salomo, bis 1778, wo die„Ritualgesetze der Juden“ erschienen, die er, um einem Befehl der Regierung nachzukommen, auf Ver- aulassung des damaligen Oberrabiners verfafſste, hat er überhaupt nichts besonders nennenswertes geschrieben. Wielands Aufforderung zur Teilnahme an seiner Zeitschrift, dem„Deutschen Merkur“, hatte er 1773 abgelehnt; nur im zweiten Teil von Engels „Philosoph für die Welt(1777)“ finden sich zwei kurze Stücke von ihm. Zur Kräftigung seiner Gesundheit unternahm er in den Jahren 1773 und 1774 zwei Reisen in das Bad Pyrmont. Auf der letzten, im Juli und August 1774, mufs es geschehen sein, wo die Studenten in Göttingen sich abends vor dem Hause, in dem er übernachtete, versammelten und ihn, den berühmten Philosophen, mit Musik begrüſsten. Es war das letzte Semester, das Soermans in Göttingen zubrachte, und er könnte ein Zeuge dieses Vorganges ge- wesen sein. Die Reisen, die Mendelsschn in den folgenden Jahren unternahm, waren eigentlich Geschäftsreisen; sie muſsten ihm zugleich zur Erholung dienen, wie er denn in diesem Jahre 1776 eben im Begriff stand, eine solche Reise nach Dresden anzutreten. Schon während seines Streites mit Lavater hatte er, zunächst um einem inneren Be- dürfnisse zu genügen, es unternommen, die Psalmen zu übersetzen. Diese Arbeit ge- währte ihm Trost und Beruhigung. Sie hat ihm, wie er selbst in der Vorrede zu seiner Ausgabe vom Jahre 1783 sagt, in den zehn Jahren, die er damit beschäftigt war,„viele angenehme Stunden verursacht, so manches Leiden versüſst“. Uber die Art seines Arbeitens gibt er uns an derselben Stelle weiter genauere Auskunft:„Ich habe die Psalmen, sagt er, nicht in ihrer Ordnung, nach einander weg, übersetzt; sondern wählte mir einen Psalm, der mir gefiel, der zu der Zeit mit der Lage meines Gemüts über- 3* 2— einkam, der mich bald durch seine Schönheit, bald durch seine Schwierigkeit, reizte; diesen trug ich im Sinne, bei so mancherlei ungleichartigen Beschäftigungen, mit mir herum, bis ich glaubte, mit dem Geiste meines Dichters so vertraut zu sein, als ich es meiner Fähigkeit nach, werden konnte“. Aus diesem Grunde trug er stets ein Taschen- buch mit leeren Blättern bei sich, in das er in stillen Stunden seine Entwürfe schrieb, die er dann später ausarbeitete. So finden wir ihn auch auf der eben erwähnten Reise nach Dresden beschäftigt. In Baruth, das damals das erste sächsische Städtchen jenseits der preuſsischen Grenze war, kehrte Mendelsschn bei dem gräflich Solms'schen Ober- förster Jung ein, der einst bei einem gelegentlichen Aufenthalt in Berlin den Verfasser des„Phädon“ aufgesucht und ihm das Versprechen abgenommen hatte, ihn einmal im Sommer mit seinem Besuch zu beehren. Hier sals Mendelssohn des Morgens im Garten auf einem Rasensitz und übersetzte Psalmen; den Platz liels Jung dann zum Andenken durch einen Stein bezeichnen mit der Inschrift:„Sitz des Herrn Moses Mendelsschn am 12. August 1776“. Worte eines Psalmes sind es auch(XXV, 21), die Mendelssohn wählte, als Soermans ihm sein Stammbuch zur Einzeichnung vorlegte. Die Einschrift ist um so bemerkenswerter, als wir aus der Zeit vom Frühjahr 1775 bis Juni 1777 nicht einmal einen Brief von Mendelsschn haben. n ſh Pp en wpn dr drn P ren h Die Abbreviatur in der letzten Zeile 75 lautet aufgelöst—5. Darnach heiſs die Einschrift in deutscher Ubersetzung: Treu und Redlichkeit mögen mich behüten(Franz Pelitzsch). (Luther: Schlecht und recht, das behüte mich. Mendelssohn: Aufrichtig sein, und gerades Wesen Das behütet mich.) Berlin Dies schrieb zu Ehren des Besitzers des Buches 20. des Trost(monat)s. 5536. Moses Sohn des Rabbi Menachem; sein ſdes Vaters] Andenken sei zum Segen. Der Leser beachte das Wortspiel zwischen dem Namen des Vaters S(Tröster, = Mendel) und dem gleichen Namen des Monats in dem Datum, indem statt des ge- wöhnlichen 2(Ab) die Bezeichnung Hnp(Trost) gewählt ist. Im Monat Ab aber ist der 9. Tag ausgezeichnet als der verhängnisvollste Tag für die Juden, da an diesem Tage zweimal(586 v. Chr. und 70 n. Chr.) der Tempel und 135 n. Chr. bei ihrem letzten Aufstande gegen die römische Herrschaft unter Bar-Kochba ihre letzte Feste Bethar zerstört wurde, andererseits der 15. als ein Freudentag: das Holzfest, Holztrage- fest, das zur Prinnerung an die in der Zeit Nehemia's bei der Wiederherstellung des Gottesdienstes im Tempel vom Volke freiwillig übernommene Holzabgabe für den Tempel- bedarf(Nehemia 10, 34 und 13, 31) gefeiert wird. — Am folgenden Tage schrieb sich Karl Wilhelm Ramler(1725— 98) in Soer- 230 mans Stammbuch ein. Seit 1748 befand sich Ramler in Berlin in fester Anstellung als Maitre, später Professor der schönen Wissenschaften am„Adlichen Kadettenkorps“, er bekleidete dieses Amt 42 Jahre lang. Er wohnte in der Neuen Friedrichstralse, in der auch der König 1775 angefangen hatte, das Gebäude aufführen zu lassen. das das Kadettenkorps bis zu seiner Ubersiedelung nach Groſs-Lichterfelde innegehabt hat. An seiner Stelle befindet sich jetzt das Königliche Amtsgericht.— Ramler stand in nahen Beziehungen zu dem Freundschaftsbunde, den einst i. J. 1754 Lessing, Mendels- sohn und Nicolai geschlossen hatten. Gemeinsam mit Lessing hat er 1759 Logau's Sinn- gedichte herausgegeben; ihm übertrug Lessing auch noch seine späteren Dichtungen(bis auf den„Nathan“ 1779) zur kritischen Durchsicht und zur Verbesserung, namentlich in metrischer Hinsicht. Mendelsschn widmete ihm seine Psalmenübersetzung 1783. In jenem Jahre 1748 hatte Ramler sich durch die„Ode an den Apollo“ bei der Eröffnung des neugebauten Opernhauses am Opernplatz zum ersten Mal dem Publikum als Dichter und zwar in derjenigen Dichtungsgattung bekannt gemacht, durch deren besondere Pflege ihm von seinen Zeitgenossen der Name„der deutsche Horaz“ zuerkannt worden ist. Den Höhepunkt seines Ruhmes als Odendichter hatte er in der Zeit des siebenjährigen Krieges erreicht, und mit der Herausgabe seiner Dichtungen in den„Lyrischen Ge- dichten, 1772“ hatte er die Periode eigenen dichterischen Schaffens im wesentlichen ab- geschlossen. Von nun an trat in dem letzten Drittel seines Lebens bei Ramler, der Dichter und Kritiker zugleich war, die andere Richtung seines Geistes in den Vorder- grund, indem er als Herausgeber von Anthologien sein kritisches Talent an den Werken anderer übte, wie bekannt, oft mit groſser Willkür und keineswegs immer zum Vorteil der Dichtungen. Den Anfang darin hatte er bereits 1774 mit der„Lyrischen Blumen- lese“ gemacht.— Zwar nicht in eben jenem Jahre 1748, wie die Mitglieder wähnten, sondern erst im folgenden war der„Montagsklub“ begründet worden. Von den Mit⸗ gliedern, die ihn stifteten, war in dieser Zeit Ramler allein noch übrig und zwar be- kleidete er jetzt das Ehrenamt des Seniors. Dieser Klub, der der Wissenschaft und dem Frohsinn geweiht war, nahm mit seinen ca. 25 Mitgliedern seiner Zeit in Berlin eine bedeutsame Stellung ein. Er vereinigte in sich die besten Geister aus allen Ständen und Berufsarten; die angesehensten Gelehrte und Künstler gehörten ihm an. Lessing und Nicolai, von denen jener ihm 1752—61 und dieser seit 1756 bis an seinen Tod (1811) angehörte, hatten ihm sein ganzes Gefüge, sein wissenschaftliches und geselliges Gepräge gegeben. Alle literarischen Neuigkeiten erregten seine Aufmerksamkeit und fanden eine ernsthafte und gründliche Besprechung. In der irrtümlichen Annahme, daſs der Klub i. J. 1748 gestiftet worden sei, waren seine Mitglieder im April 1798 im Be- griff das fünfzigjährige Jubiläum seines Bestehens durch eine besondere Feier zu begehen, als Ramler fünf Tage vor dem Feste am 11. April starb.— Zu seiner Finschrift benutzte er ein Epigramm aus Logau's Sinngedichten und zwar nach der von ihm und Lessing 1759 besorgten Ausgabe; in der Breslauer Originalausgabe vom Jahre 1654„Salomons von Golaw Peutscher Sinn-Getichte Drey Tausend“ findet sich dieses Epigramm in„des Ersten Tausend Sechstem Hundert“(= I. Band, Seite 130) unter No. 60 mit der Uber- schrift„Ein Phrgeitziger“. 184 230 Togau, Singed. L. 60. Wer viel Zimter will genießen, Muß in ſich viel Gaben wiſſen; Gder muß auf Portheil gehen; Gder— muß ſie nicht verſtehen. Karl Wilh. Ramler Berlin, den 6. Auguſt, 1776. Ramler schrieb sich auf der Rückseite des Blattes ein, auf dem sich ein Jahr zuvor J. J. Engel in Leipzig eingetragen hatte. Engel, der inzwischen nach Berlin gekommen war, nahm hier als Professor der Moralphilosophie und der schönen Wissenschaften am Joachimsthalschen Gymnasium ¹) die gleiche amtliche Stellung wie Ramler am Kadetten- korps ein. Auch war er sogleich in den Montagsklub eingetreten und scheint überhaupt in enger Freundschaft zu Ramler gestanden zu haben. Als Ramler sich unmittelbar hinter Engel in das Stammbuch einschrieb, ahnte er gewils nicht, dals er alle Ehren, die ihm noch im späteren Leben erteilt wurden, in Gemeinschaft mit Engel erhalten sollte. So ward beiden zugleich die Auszeichnung zu Teil, in der ersten Sitzung, die die Akademie nach Friedrichs des Grolsen Tode abhielt, am 14. September 1786 zu ihren Mitgliedern erwählt zu werden. Im folgenden Jahre wurden beide zu Direktoren des Königlichen Nationaltheaters ernannt; ihre gemeinschaftliche Leitung desselben währte bis zum Jahre 1793, wo zuerst Engel aus Gesundheitsrücksichten ausschied, während Ramler noch bis 1796 das Amt weiter führte. Einem anderen intimen Freunde Nicolais und Mendelsschns begegnen wir in dem nächsten Inscribenten Joh. Aug. Eberhard, Prediger in Charlottenburg. Er hatte 1763 seine Imter als Konrektor an der Martinischule und Prediger an der Hospitalkirche zum Heiligen Geist in seiner Vaterstadt Halberstadt aufgegeben und war dem späteren Staats- minister Freiherrn von der Horst, bisherigen Kriegs- und Domänenrat an der Halber- städtischen Kammer, als Lehrer seiner Söhne nach Berlin gefolgt, als derselbe als Präsident der Kurmärkischen Kammer dorthin ging. Sehr bald mit Nicolai und durch ihn mit Mendelsschn bekannt, trat er in ein enges Freundschaftsverhältnis zu ihnen und wurde zu ihren wöchentlichen Zusammenkünften hinzugezogen, die sie zum Zwecke philo- sophischen Gedankenaustausches und geistiger Unterhaltung abhielten. Von dem Wunsche beseelt, wegen der Gelegenheit zu Geistesbildung und zu geselligem Verkehr für immer in Berlin zu bleiben, nahm er i. J. 1768 die Stelle eines Predigers am Arbeitshause ²) an, mit der wegen ihrer kärglichen Einkünfte die Predigerstelle in Stralau verbunden war. Jene Stelle nämlich trug ihm bei freier nicht sehr geräumiger Wohnung, freiem ¹) Dieses Gymnasium lag damals noch inmitten Berlins: in der Burgstraſse gegenüber dem Dome; die Gebäude erstreckten sich bis zur Heiligen Geist Stralse hindurch. ²) Dieses Gebäude stand am Alexanderplat? an der Stelle, auf der jetzt das Königliche Poliseipräsidium errichtet ist. Holz und Licht jährlich nur fünfzig Taler bar ein, diese nur acht Taler. Allerdings war ihm in dem Bestallungsbriefe zugesagt worden, er solle zufolge einer Verordnung des Königs nach zwei Jahren bei Eintritt einer Vakanz zu einer weiteren guten Beförderung vorgeschlagen werden. Als Frucht seiner fortgesetzten theologischen Studien, die sich namentlich auf die Kirchengeschichte und die Kirchenväter bezogen, erschien 1772 seine erste Schrift„Neue Apologie des Sokrates oder Untersuchung der Lehre von der Selig- keit der Heiden“, die in seinem Leben eine bedeutsame Wendung hervorrufen sollte. Jean Frangois Marmontel hatte in seinem philosophischen Roman Bélisaire(1767) die Ansicht ausgesprochen, dals Heiden tugendhaft sein könnten und dals also die ver- storbenen tugendhaften Heiden nicht verdammt wären. Wegen dieser und ähnlicher mit grolsem Freimut vorgetragenen Sätze hatten der Erzbischof von Paris und die Sorbonne ein förmliches Verdammungsurteil über dieses Buch ausgesprochen. Der Prediger Peter Hofstede zu Rotterdam aber hatte zur Beurteilung jenes Buches eine Schrift verfalst, worin er schon im Titel ankündigte,„die Laster der berühmten Heiden anzuzeigen, zum Beweise, wie unbedachtsam man dieselben ihrer Tugend wegen selig gepriesen,“ und er war darin besonders beflissen, auch die Tugend des Sokrates herabzusetzen. Diese Schrift teilte Nicolai sofort nach ihrem Erscheinen Eberhard als Stoff zu ihren gewohnten wöchentlichen Unterhaltungen mit. Jener Angriff auf die Tugend und Seligkeit der vor- trefflichsten Männer des heidnischen Altertums gab Eberhard Veranlassung, alles, was dafür oder dagegen anzuführen ist, zusammenzustellen und auf der Wage der Ver- nunft und der Bibel unparteiisch gegen einander abzuwägen. Die Untersuchung führte ihn dahin, noch andere Dogmen, wie die Lehre von der Erbsünde, der Genugtuung, den ewigen Strafen u. s. w. hinsichtlich ihrer geschichtlichen Entstehung und ihres wahren Wertes einer scharfsinnigen Kritik zu unterziehen. Mit kühnem Freimute suchte er den Ungrund jener Lehren in einem Buche darzulegen, das er auf Nicolais Anregung ver- falste und für das er mit Bezug auf Hofstedes Verunglimpfung des griechischen Philo- sophen den Titel„Neue Apologie des Sokrates“ wählte(1772). Eberhards Buch erregte gewaltiges Aufsehen; neben vielem Beifall fand es aber auch entschiedenen Widerspruch, namentlich bei den Theologen, und zwar nicht bloſs von seiten der Orthodoxen, sondern auch von seiten der Aufklärer. Ja sogar Lessing, mit dem Eberhard 1768 auf einer Reise nach Hamburg persönlich bekannt geworden war, schien die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen gegen Eberhard in Schutz nehmen zu wollen. Die Berliner Theologen fanden zwar an dem Inhalt des Buches nichts auszusetzen; aber sie nahmen daran Anstols, dals ein Prediger solche Untersuchungen und mit solchem Resultate anstellte; von einem Laien oder einem Universitätsprofessor hätten sie ein solches Unternehmen gelten lassen. Nun fand man in Eberhards„Wandel“ auch noch anderes anstöſsig: sein fast täglicher Umgang mit Mendelssohn, mit dem er sich sogar auf offener Stralse sehen liels, schien sich für einen Prediger nicht zu schicken; warnende Hinweise hatte er mit einem bloſsen Lächeln beantwortet. Da Eberhard unter diesen Umständen keine Hoffnung mehr sah, seiner Vokation gemäfs weiter befördert zu werden, nahm er in dem damals 2000 Einwohner zählenden Charlottenburg eine Predigerstelle an, die ihm der Magistrat dieser„Immediatstadt“ angeboten hatte. Aber auch hierher schien ihm der Weg durch AMerlei Kabalen versperrt werden zu sollen, und schon hatte er mit edler Uneigennützig- keit Verzicht geleistet, als er durch eine Entscheidung des Königs selbst, der die Kabalen 215 durchschaute, in diese Stelle eingesetzt wurde. Hier arbeitete er den zweiten Teil seines zuches aus(er erschien 1778), in dem er sich gegen die erhobenen Finwände, auch gegen die Lessings, mit groſser Festigkeit verteidigte und seine Untersuchungen fort- setzte. Die Theologen aber, die seine Entfernung vom Predigtamte wünschten, hatten bei den Behörden ihrer Meinung Geltung zu verschaffen gewulst, dals Eberhard als Prediger nicht an der rechten Stelle sei, dagegen sich wohl zum Professor der Philo- sophie an einer Universität eigne; und um allen weiteren Angriffen aus dem Wege zu gehen, nahm er 1778 eine solche Professur in Halle an. Hier in Halle erklärte ihn 30 Jahre später die theologische Fakultät am Feste der Wiederherstellung der Universität (808) zum Poktor der Theologie und zwar gerade mit Rücksicht auf seine„Neue Apo- logie des Sokrates“. Noch während seines Aufenthalts in Charlottenburg falste Eberhard die Idee zu seinem 1779 in Halle erschienenen Buche„Amyntor, eine Geschichte in Briefen“, einer Art philosophischen Romans zur Bekämpfung der epikureischen Grund- sätze der nach den Maximen der leichtsinnigen französischen Weltphilosophie lebenden gens du grand ton, in deren Lebens- und Denkungsweise ihm sein Verkehr im Hause des Ministers v. d. Horst tiefe Einblicke verstattet hatte. Im Jahre 1776 gewann er im Wett- streit mit Herder durch seine„Allgemeine Theorie des Denkens und Empfindens“ den Preis der Berliner Akademie, zu deren auswärtigem Mitgliede er zehn Jahre später er- nannt wurde.— Seine Finschrift in Soermans' Stammbuch steht gegenüber der seines nachherigen Hallischen Kollegen Chr. Gottfr. Schütz und lautet: 184 Unſer keiner lebt ihm ſelber.[Röm. 14, 7] Charlottenburg hiemit wollte ſich dem d. 14. Aug. 1776. Andenken d. h. Beſitzers empfehlen Joh. Aug. Eberhard. Der Arzt Sproegel, der„hinter der Petrikirche«, d. i. in der Gertraudtenstralse gegenüber jener Kirche, wohnte, schrieb sich am 18. August, einem Sonntag, ein: 215 Oculis oportet magis credere, quam opinionibus. Nippoer: Berolini Benevolae memoriae ac recorda- die X V. Augusti tionis cauſa haec pauca adpoſuit MYCCLXXV. Voannes Weodorus Sproegel. Med: D. Med: et Phſiol: Profesſ Coll: Neg: Med: Chir: Societ: Nat: Our: Berol: Sodal: Honor: Zu Berlin 1728 geboren und auf dem Joachimsthalschen Gymnasium vorgebildet, hatte er zu Göttingen 1747 studiert und von dort aus eine botanische Reise durch Deutsch- land, dann eine zweite durch die Schweiz, Frankreich, England und die Niederlande ge- macht. Er besaſs eine auserlesene medizinisch-physikalische Bibliothek, ein beträchtliches Naturalienkabinett und eine Sammlung physikalischer Instrumente und Maschinen. Er ist vermutlich der Schn des Professors Theodor Sproegel(1699— 1759 oder 1760), der seiner Zeit ebenfalls Mitglied des Collegium Medico-Chirurgicum war und von 1737 an der Berliner Akademie angehörte.— Jenes Collegium Med.-Chir. bildet den Ausgang der heutigen„Pepinière“ oder, wie der amtliche Name seit 1895 lautet, der„Kaiser Wil- helms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen“. Im Jahre 1713 war auf eine Anregung der königlichen Societät der Wissenschaften in Berlin in einem ihr gehörigen Gebäude an der Ecke der„Letzten“(= Dorotheen-) Straſse neben dem Observatorium ein Theatrum anatomicum angelegt worden zu dem Zwecke, dals dort Demonstrationen und anatomische Untersuchungen„in exercitus populique salutem, civium hospitumque commodum“ abgehalten würden. Dieses Institut wurde 1724 zu dem Collegium medico- chirurgicum erweitert vornehmlich in der Absicht, geschickte Wundärzte für die Armee heranzubilden. Es war dies die erste derartige Anstalt in Deutschland, wo auf Staats- kosten und im Inlande junge Leute zu Militärchirurgen ausgebildet wurden. In den Heeren jener Zeit bestand das Sanitätspersonal aus„Feldscherern“, die, meist Leute niederen Standes und mit sehr mangelhaften Schulkenntnissen, aus den Barbierstuben hervorgingen. Nach Errichtung jenes Collegiums wurde aus den Kompagniefeldscherern eine gewisse Zahl, anfangs acht, später mehr, ausgewählt und ihm zugewiesen. Erfordert wurde, dals die jungen Leute Landeskinder waren, Fähigkeiten und Kenntnis der latei- nischen Sprache besalsen. Ihre Kompetenzen betrugen 100 Rtlr. jährlich; wogegen sie verpflichtet waren, allen Vorlesungen des Collegium med.-chir. ohne Unterschied beizu wohnen. Sie erhielten in der Folgezeit den Namen„Pensionärs«. Sie pildeten aber immer nur den kleineren Teil der Zuhörerschaft; auch anderen war der Zutritt zu den Vorlesungen verstattet. Ja i. J. 1725 erschien ein Medizinaledikt, wonach ohne Ausnahme ein jeder, der in Preufsen als Arzt praktizieren wollte, auch wenn er schon anderwärts als Doktor promoviert hatte, noch den sogenannten Cursus anatomicus et chirurgicus bei jenem Kollegium absolvieren— daher noch heute der Staatsexaminand„Kursist“ ge- nannt wird— und sich von ihm eine Bescheinigung und Beurteilung ausstellen lassen muſste, um die Erlaubnis zur Ausübung der ärztlichen Praxis zu erlangen. Die sieben Lehrstühle wurden von Anfang an mit hervorragenden Autoritäten besetzt. Vermöge ihrer vortrefflichen Einrichtungen bildete diese Anstalt eine kleine medizinische Fakultät, und schnell gelangte sie zu Ansehen und Blüte, so dals nicht bloſs Einheimische, sondern auch Fremde in groſser Zahl herbeigezogen wurden. Für jene„Pensionärs“ aber, die nach einer Kabinettsordre vom J. 1790 bei ihrem Eintritt in den Regimentsdienst nicht mehr Feldscherer, sondern Chirurgen hieſsen, wurde 1795 die Pepinière errichtet mit der erweiterten Aufgabe, nicht, wie bisher, blols in der Chirurgie, sondern in den gesamten medizinischen Disziplinen unterwiesen zu werden. Sie sollten die bis dahin versagte Berechtigung erhalten, auſser im Militär-, auch im Zivilverhältnis Praktisch tätig zu sein. Als 1810 die Berliner Universität gegründet wurde, bildete das Collegium med.-chir. mit seinen vortrefflichen Einrichtungen eine bequeme Grundlage für die Schaffung einer vollständigen medizinischen Fakultät.— Uber die in der Einschrift am Schluſs ge- nannte Berlinische Gesellschaft naturforschender Freunde ist in den Vorbemerkungen gehandelt worden. Kaiserin Augusta-Gymn, 1904. 134 — Am folgenden Tage schrieb sich der Oberkonsistorialrat Diterich, Archidiakonus an der Marienkirche, mit einem Spruche aus 1. Thess. 5, 16 in das Stammbuch ein: 134 Seyd allezeit frölich. Berlin d. 10 Auguſt. Sum geneigten Andenken 1776 Joh. Sam. Diterich 1721 in Berlin geboren, war Diterich an seines Vaters Statt 1751 zweiter und 1754 erster Prediger an der Marienkirche geworden. Er war auch der„Beichtvater“ der Königin Flisabeth Christine, der Gemahlin Friedrichs des Groſsen, und starb am 14. Januar 1797, einen Tag nach dem Tode seines königlichen Beichtkindes. Er war der älteste und intimste Freund Spaldings, für dessen Berufung nach Berlin er besonders tätig gewesen war. Wie er ihm, was ihre religiösen Anschauungen betraf, geistig nahe stand, 8o auch räumlich; denn Diterichs Wohnung befand sich in Spaldings nächster Nachbarschaft: in dem zur Marienkirche gehörigen Pfarrhause, das in der Spandauerstraſse(No. 37) zwischen der Eier- und Nicolaikirchgasse lag.— Dieser den zeitgemäſsen Anschauungen der Auf- klärung huldigende Prediger hatte sich als geistlicher Liederdichter einen Namen gemacht, und noch in unsern heutigen Gesangbüchern finden sich einige seiner Lieder. Im J. 1765 hatte er zusammen mit seinen Amtsbrüdern von der Marienkirche Bruhn und Kirchhoff einen Anhang zu dem allgemein verbreiteten Porstschen Gesangbuch herausgegeben. Dieser Anhang enthielt mehr als 200 Lieder: teils neue, die moderne Dichter, wie Cramer, Klopstock, dann auch Diterich selbst zu Verfassern hatten; teils alte, mit denen aber, um den Forderungen des herrschenden Rationalismus zu genügen, oft eine völlige Um- gestaltung vorgenommen worden war. Dieses Vorgehen fand den Beifall der Gelehrten und Gebildeten und gab den Anstoſs zu einer tiefgehenden und andauernden Bewegung auf dem Gebiete der Verbesserung des Kirchenliedes, die zu einer wahren Gesangbuch- revolution führte. Aller Orten entstanden in Deutschland in den folgenden Jahren Ge- sangbücher nach dem Berliner Vorbilde; dazu gehörte unter vielen andern das von Zolli- kofer in Leipzig besorgte, von dem schon im ersten Teil unserer Arbeit die Rede gewesen ist, und das von dem Superintendenten Stockhausen in Hanau herausgegebene, dem wir noch begegnen werden. Diterich selbst schritt auf dem von ihm betretenen Wege fort und gab, von Spalding und Teller unterstützt, 1780 ein neues vollständiges Gesangbuch heraus, das nach dem Verleger das Mylius'sche genannt wird. Ein königlicher Erlals vom Oktober desselben Jahres an sämtliche Geistliche der Kur- und Neumark empfahl seine allgemeine EFinführung in den Gemeinden. Aber alsbald erhob sich gegen dieses moderne Gesangbuch ein Sturm, da man die gewaltsamen Veränderungen der alten Lieder keineswegs als Verbesserungen, sondern als Verwässerungen empfand. Sowohl einzelne Literatoren eiferten dagegen, als auch sträubten sich die Gemeinden gegen die Fin- führung. Es kam sogar zu allerlei Fxzessen. An einigen Orten sang man nach der angeschriebenen Nummer das Lied nach dem alten Gesangbuche und fuhr darin, auch als der Prediger schon die Kanzel bestiegen hatte, mit besonders kräftiger Stimme fort, 8o dals er am Reden gehindert wurde. Anderwärts hörte man nur die Predigt an und verliels sofort, wenn der Gesang beginnen sollte, unter grolsem Geräusche, namentlich — auf den Emporen, die Kirche. In Berlin vereinigten sich einige Gemeinden zu einer Immediatvorstellung an den König, in der sie unter Berufung auf seine früheren Frlasse in Bezug auf die Freiheit in Religionsangelegenheiten um Belassung des ihnen lieb- gewordenen alten Gesangbuches baten. Darauf verfügte ein königliches Reskript vom Januar 1781, daſs jede Gemeinde in Ansehung des Gesangbuches völlig freie Hand be- halten sollte; eine von dem König eigenhändig darunter geschriebene Bemerkung enthält den Satz:„was die Gesangbücher angeht, so steht einem Jeden frei zu singen: Nun ruhen alle Wälder, oder dergleichen thöricht und dummes Zeug“. Andere Gemeinden erhielten auf ihre Vorstellung dasselbe Recht, und so war das Resultat dies, dafs in einigen Gemeinden das neue Gesangbuch eingeführt, in andern das alte beibehalten wurde. Von dem geistlichen Liederdichter kommen wir zur„deutschen Sappho“, wie der überschwengliche Gleim Anna Louise Karsch(1722— 91) im ersten Entzücken über seine Bekanntschaft mit diesem merkwürdigen poetischen Talente genannt hatte. Finem elenden Leben voll Kummer und Entbehrung, den Miſshandlungen eines trunksüchtigen Fhemannes war sie durch den Baron v. Kottwitz entrissen worden, der sie auf ihren Wunsch im Januar 1761 von Groſs-Glogau nach Berlin bringen lieſs, wo hochgestellte und hochangesehene Freunde ihr eine herzliche und achtungsvolle Aufnahme bereiteten und Obdach und Lebensunterhalt gewährten. Woblwollende Menschen hatten ihr die Sorge für ihre beiden Kinder abgenommen; der Baron v. Kottwitz liels ihren Sohn auf seinem Gute zu Boyadel erziehen, der Leibarzt Stahl gab auf seine Kosten ihre Tochter auf die Realschule in Pension. Ramler und Sulzer in Berlin sowie Gleim in Halber- stadt lielsen sich die Ausbildung ihres dichterischen Talentes angelegen sein, indem sie sie durch persönliche Unterweisung mit den Regeln der Kunst bekannt zu machen suchten, ohne die es kein wahres Kunstwerk gibt. Damit sie sich ganz der Kunst widmen könne, bemühten sich dieselben Freunde, ihr zunächst durch die Erzengnisse ihres eigenen Talentes eine sorgenlose Zukunft zu verschaffen, indem sie eine auserlesene Ausgabe ihrer Gedichte auf Subskription veranstalteten, wovon sie auf einen Gewinn von 5000 Ilrn. hofften. Diese Zeit, die glücklichste in ihrem Leben, dauerte indes nur zwei bis drei Jahre und war längst dahingeschwunden. Durch ihre eigene Unüberlegtheit war sie in den vorigen elenden Zustand zurückgesunken, aus dem sie nie wieder herauskam. Der Umstand, in Berlin ihren jüngeren Stiefpruder Hempel, nachdem sie ihn vierzehn Jahre lang nicht gesehen hatte, unvermutet wiederzufinden, brachte sie auf den Gedanken, ihre bisherige Unterkunft bei einer Freundin aufzugeben und für sich und ihren Bruder wieder einen eigenen Haustand, wenn auch noch so ärmlich— sie wohnte zunächst in einer Dachstube— zu begründen, während sie doch aus Erfahrung(ihre Fhen waren ja zum Teil auch deshalb so unglücklich gewesen) wissen muſste, dafs sie zur Führung eines Hauswesens nicht taugte. Den Erfolg jener Subskription hatte sie selbst durch ihr unbedachtsames Eingreifen vereitelt; immerhin waren 2000 Tlr. dabei heraus- gekommen, die aber die Freunde, um bei ihrer Unwirtschaftlichkeit das Geld vor Ver- schleuderung zu bewahren, fest anlegen muſsten, so dals sie davon nur die jährlichen Zinsen in Höhe von 100 Tlrn. erhielt. Ebensoviel bekam sie an jährlichen Pensionen von den Herzögen Friedrich und Ferdinand von Braunschweig und einigen auswärtigen Freunden. Da dies alles zur Bestreitung des Haushalts nicht ausreichte, sah sie sich gezwungen, wieder wie vor ihrer Ubersiedelung nach Berlin in den befreundeten vor- 37 — nehmen Familien von einer zur andern zu gehen, um durch Gelegenheitsgedichte und Stegreifdichtungen sich den Lebensunterhalt von einem Tage zum andern zu verdienen. War es schon von Anfang an bei ihrer Unbeständigkeit und Ungeduld für ihre Berliner Freunde schwer, sie zu strengerer Kritik und zu ästhetischen Studien anzuhalten, so fielen jetzt bei solcher Art zu dichten derartige Rücksichten ganz weg; ihre Dichtungen Sanken mit der Zeit immer mehr zu oberflächlichen und unvollkommenen Reimereien herab. Nicht lange nachdem sie sich neu eingerichtet hatte, wurde nach dem bald er- folgten Tode des Barons v. Kottwitz auch ihr Sohn ihr wieder zugeschickt. Zwar wurde er durch Vermittelung und auf Kosten eines ungenannten Wohltäters noch zwei Jahre auf der Realschule in Pension gehalten; aber von nun an wollte sich für den unbe- ständigen jungen Menschen zwölf Jahre lang keine ihm zusagende Stellung finden, bis er endlich, nach der gegenwärtigen Zeit, eine Schullehrerstelle an der Garnisonschule in Ruppin erhielt. Bald nach dem Sohne kehrte auch die Tochter, Karoline Luise mit Namen, nach einem füntjährigen Aufenthalte auf der Realschule zu ihr ins Haus zurück. Nach wenigen Jahren wurde diese, kaum mannbar, im Alter von fünfzehn Jahren, ohne dals man sie weiter nach ihrer Neigung fragte, mit dem Stiefbruder der Mutter ver- heiratet, und da der junge Ehemann keine auskömmliche Stellung hatte, so übernahm die Mutter die ganze Last auch dieses Hausstandes, der nach einiger Zeit durch die Geburt eines Enkels noch vergröſsert wurde ²). Es ist begreiflich, dals unter diesen Umständen ihre Wohnung ihr zu eng wurde. Daher ihre fortwährenden Bitten an den König, ihr ein Haus zu schenken. Hatte er ihr doch bei der Audienz, die er ihr im Oktober 1763 in Sanssouci gewährte, versprochen, dals er für sie sorgen wolle, und sie mit dem Bedeuten entlassen, daſs sie sich wiedér melden sollte. Aber der König, durch dessen Ruhm sie doch zu ihren ersten veröffentlichten Dichtungen begeistert worden war und den sie nicht müde wurde, bis an sein Grab bei allen Gelegenheiten immer von neuem in ihren Gedichten zu preisen, blieb unempfindlich gegen alle ihre Bitten. Sie vermutete, daſs er durch die Verleumdungen einer falschen Freundin gegen sie einge- nommen worden wäre. Es waren ihr immer nur kleinere Geschenke zu teil geworden. Zuletzt(im J. 1773) hatte ihr der König, wahrscheinlich um sie für immer von ähnlichen Bitten abzuschrecken, nur zwei Taler durch die Post übersandt mit der Beischrift:„Zwei Thaler zum Geschenk für Deutschlands Dichterin“. Da hatte sie den Mut, auf ein Blatt zu schreiben Zwei Thaler giebt kein groſser König; Ein solch Geschenk vergröſsert nicht mein Glück, Nein, es erniedrigt mich ein wenig: Drum geb' ich es zurück. ¹) Diese erzwungene Ehe mit dem rohen und beschränkten Menschen war unglücklich und wurde nach neun Jahren geschieden. Eine zweite Bhe, die die Tochter 1782 mit dem jungen Freiherrn v. Klencke schlols, war ebenso unglücklich, und das Zusammenleben der Gatten währte nicht bis zur Geburt des ersten Kindes; wie ja denn in der Familie der Karschin von ihrer Mutter her bis zu ihrer Enkelin Hel- mina v. Chézy hinab mehrfache unglückliche Heiraten das Erbteil waren. Das poetische Talent vererbte sich auf Tochter und Enkelin fort; in diesem Jahre 1776 trat die Tochter Karoline(1754— 1812) mit ſhrer ersten Pichtung, dem zweiaktigen Schauspiel„Der ehrliche Schweizer“, an die öffentlichkeit. Aber sie wandte sich doch auch später mit gleichen Bitten an den König, allerdings mit nicht viel besserem Erfolge. Auf ein Gesuch, das sie i. J. 1783 einreichte und worin sie wahrscheinlich abermals um ein Haus bat— ihr Hausstand hatte eben durch die Geburt einer Enkelin einen neuen Zuwachs erfahren— erhielt sie drei Taler. In der Quittung, die sie in Reimen abfaſste, kommen diese Verse vor: Seine Majestät befahlen, Mir, anstatt ein Haus zu baun, Doch drei Thaler auszuzahlen—— und: Aber für drei Thaler kann In Berlin kein Hobelmann Mir mein letztes Haus erbauen u. s. w. Erst Friedrich Wilhelm II. erfüllte ihren so sehnsüchtigen Wunsch und lieſs ihr 1791 am Hackeschen Markte ein kleines Haus bauen, das sie aber nur noch wenige Monate bewohnen sollte. Sie wohnte übrigens i. J. 1776 in der Nähe dieses Platzes, nämlich „vor dem Spandauerthore im Curtschen Hause“, das ist heute Spandauerbrücke No. 6 oder 7, zwischen der Stadtbahn, die an dieser Stelle über dem ehemaligen Königsgraben aufgeführt ist, und der Rosenthaler Straſse. Während des letzten Drittels ihres Lebens teilte sie ihre tägliche Zeit zwischen Besuchen und Gegenbesuchen, die ihr zur unent- behrlichen Lebensbedingung wurden, und alles, was sie schrieb, Freundschafts- und Geschäftsbriefe, schrieb sie in Reimen. Ihre Finschrift in Soermans' Stammbuch ist folgendermaſsen gestaltet: 37 Berlin iſt welltbekand durchs Thönende Gerüchtte Sin Jedes land bringt Seine Früchtte Ein jeder Menſch hatt Freud und Schmerz Sum antheil in der Welltt, Du haſt Ein guttes herz Daß Seugniß ſteht davon im offnen angeſichtte Du ſcheinſt Vergnügt mitt deinem glückeslooß du neneſt unßeren König groß— und dieſen Vers Kein Lobgedichtte——— ohne ſchmeycheley ſchriebs dem beſitzer A. L. Karſchin. Berlin den 22 Auguſt N7ß Die Verse sind offenbar improvisiert und wahrscheinlich unter den Augen des Besuchers niedergeschrieben; dafür spricht auch die Schrift, die sehr flüchtig ist, so daſs oft nicht zu unterscheiden ist, ob die Anfangsbuchstaben groſs oder klein sein sollen. Von ähn- licher Beschaffenheit mag auch das Gedicht gewesen sein, in dem sie Goethe, als er sie bei seinem Aufenthalt in Berlin besucht hatte,„beversete“, wie er sich in einem Briefe an Frau v. Stein ausdrückt, der er auch das Gedicht der Karsch übersandte. 237 128 — 3— Am Mittwoch, den 28. August, besuchte Soermans den aus Königsberg in Preuſsen stammenden Hof- und Garnisonprediger Leonard Cochius(1718— 79) in Potsdam. Das- selbe Amt hatte schon unter dem Könige Friedrich Wilhelm I. sein älterer Bruder Christian Johann Cochius bekleidet, der dann i. J. 1741 als Oberhofprediger nach Berlin versetzt wurde, wo er 1749 starb. In demselben Jahre wurde jener jüngere Bruder, nachdem er bis dahin am Friedrichs-Werderschen Gymnasium in Berlin zuerst als Kon- rektor, zuletzt als Prorektor tätig gewesen war, vom Könige Friedrich II. in jene Hof- predigerstelle berufen, die er 30 Jahre lang bis an seinen Tod inne hatte.— Als die Berliner Akademie für das Jahr 1768 als Thema für die Preisaufgabe die Frage stellte: „ob es möglich sei, natürliche Neigungen zu zerstören, und wie man die guten zu stärken, die schlechten zu schwächen habe,“ ging er aus der Bewerbung, an der sich auch Christian Garve beteiligte, als Sieger hervor. Bald darauf(i. J. 1770) wurde er vom Könige als ordentliches Mitglied in die Akademie aufgenommen. Diese Auszeichnung war für ihn um so rühmlicher, als er von Berlin entfernt wohnte, während sonst alle ordent- lichen Mitglieder in Berlin selbst ihren Wohnsitz haben mufsten. In den philosophischen Abhandlungen, die er für die Akademie verfaſste, zeigte er sich in der Art, wie er ge- wisse Begriffe, z. B. Raum und Zeit, behandelte, als ein Vorläufer Kants. In der Akademie selbst galt er als ihr bester lateinischer Stilist. Friedrich der Grolse zollte ihm stets die grölste Achtung, die sich auch darin ausdrückte, daſs er nach Cochius' Tode dessen hinterbliebener Gattin zu ihrem Witwengehalte noch eine jährliche Pension von 200 Rtlrn. hinzulegte.— Er hat sich in der Nähe seines Landsmannes Kant, ein Blatt vor- her, eingeschrieben: 237 Seneca. Quo modo fabula, sic vita; non quum diu, sed quam bene acta sit, refert. Potsdamꝭ, In sui memoriam scripsit V. Kal. Sept. MYCCLXXV. Leonardus Cochius. Der letzte Berliner, der sich in Soermans' Stammbuch einzeichnete, war der Oberkonsistorialrat Silberschlag(1721— 91), Pastor an der Preifaltigkeitskirche und zugleich Direktor der Realschule. Diese Schule war 1747 von seinem Amtsvorgänger Hecker als die erste ihrer Art gegründet worden; aus ihr ist das beutige Kaiser-Wil- helms-Realgymnasium hervorgegangen, während 1797 das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium von ihr abgezweigt vurde. In der Kochstraſse,„der Realschule gegenüber“, da wo jetzt das letztgenannte Gymnasium sich befindet, hat Silberschlags Amtswohnung gestanden.— In Silberschlags Familie hatte sich seit 200 Jahren der Beruf als Arzt oder Apotheker und damit der Trieb zu den Naturwissenschaften schon durch viele Generationen fort- geerbt. Auch er selbst betrieb, obwohl er sich für den geistlichen Stand entschieden hatte, schon auf der Universität neben der Theologie eifrig das Studium der Mathematik und Physik, und während seines ganzen späteren Lebens erhielt er ohne sein besonderes Zutun stets Gelegenheit, wo er neben seinem Seelsorgeramte für seine Kenntnisse in den Naturwissenschaften eine reiche praktische Verwendung fand. Von Magdeburg aus, —— —. — — wo er 1756—69 als Pfarrer an der Heiligengeistkirche gewirkt hatte, wurde er nach Berlin in die Stelle des 1768 verstorbenen Oberkonsistorialrats und Predigers an der Preifaltigkeitskirche Joh. Jul. Hecker berufen, da er so recht geeignet zur Fort- führung des von jenem begonnenen Werkes erschien. Denn zum Leiter der Realschule wollte man keinen zünftigen Gelehrten, einen Theologen oder Philologen, sondern, ent- sprechend den Zielen dieser Schule, die eine Vorbildungsanstalt für das sogenannte praktische Leben sein sollte, einen Mann der realen und exakten Wissenschaften. Noch in Magdeburg hatte der früher genannte Berliner Oberhofprediger Sack, den das gleiche Interesse für die Naturwissenschaft beseelte, Gelegenheit gehabt, als er sich während des siebenjährigen Krieges mit dem preufsischen Hofe dort aufhielt, Silberschlag, in dessen Hause er sogar wohnte, als einen in den physikalischen Wissenschaften wohl bewanderten Mann kennen und schätzen zu lernen. Auf seinen Rat hatte Silberschlag auch eine„Abhandlung von den kriegerischen Wurfmaschinen der Alten« der königlichen Akademie der Wissenschaften eingereicht, die seine Ernennung zum aus- wärtigen Mitgliede zur Folge hatte(1760). Bereits im nächsten Jahre nach seiner Uber- siedelung nach Berlin wurde Silberschlag zusammen mit dem Baudirektor Joh. Boumann und dem früher aufgeführten Philosophen Lambert vom Könige in das neuerrichtete Ober-Baudepartement berufen, wo er das Referat über das Maschinenwesen und den Wasserbau erhielt. Denn für dieses Fach hatte er schon in Magdeburg theoretisch und praktisch seine besondere Befähigung dargetan. Fr hatte dort in höherem Auftrage auf dem Fürstenwalle eine Wasserkunst erbaut, welche einen ganzen Stadtteil mit Wasser aus der Stromelbe versah. Ferner hatte er j. J. 1766 bei einer Preisaufgabe über den Strombau, die der Vizepräsident des kursächsischen Oberkonsistoriums Graf v. Hohen- thal stellte, mit seiner Abhandlung„Vom Wasserbau an Strömen“ den Preis davon- getragen. In Berlin erhielt er 1772 von der Regierung den Auftrag, die Wasserwerke in den preufsischen Gebietsteilen am Rhein zu untersuchen; er schloſs daran eine Reise durch Holland, um die dortigen Kanal- und Wasserbauten zu studieren. Fine bedeutende Tätigkeit konnte er in den Jahren 1784 und 1786 entfalten, als durch die Uber- schwemmungen des Rheins und der Weichsel grolse Verheerungen angerichtet wurden. Im J. 1775 wurde er auch zum Mitglied der naturforschenden Gesellschaft in Berlin er- wählt, deren Versammlungen er fleifsig besuchte und für die er eine grolse Zahl Abhand- lungen naturwissenschaftlichen Inhalts verfalst hat. Mitglied der Königlichen Akademie war er, wie oben gesagt, seit 1760. Auch in Berlin zählte er immer noch zu den„ab- wesenden“ oder auswärtigen Mitgliedern; zum ordentlichen Mitgliede wurde er erst nach Friedrichs des Groſsen Tode und zwar zusammen mit Teller und Wöllner ernannt(30. Nov. 1786). Indessen behandelte er auch dort nur technische und astronomische Probleme, keine philosophischen oder theologischen. In seinem geistlichen Amte erfreute er sich als Seelsorger groſser Beliebtheit bei seiner Gemeinde, namentlich wurde er gern an Kranken- und Sterbebetten gerufen. Als Kanzelredner fand er einen gleich groſsen Bei- fall wie Spalding, freilich aus einem ganz verschiedenen Grunde. Denn er war ein Theologe alten Schlages, der die ganze religiöse Aufklärung miſsbilligte, und seine Predigten hatten durchaus einen pietistischen Charakter. Daher stellte er sich auch, als das Wöllnersche Religionsedikt erschien, im Gegensatz zu den übrigen Räten des Ober- konsistoriums, Spalding, Büsching, Teller, Diterich u. s. w., auf des Ministers Seite und — liels sich auch zum Mitglied der Prüfungskommission ernennen, die fortan die preuſsischen Theologen auf ihre Rechtgläubigkeit hin zu prüfen hatte. Aerdings lieſsen es seine anderweitigen Studien und Beschäftigungen nicht zu, für die Zwecke dieser Kommission sehr tätig zu sein.— In Soermans' Stammbuch wählte er sich einen Platz unter den übrigen Berliner Theologen, so dals diese nun alle bei einander stehen: 128 Miſcite iuſtitiam moniti nec temnere Criſtum Momoriae cauſſa Joannes Eſaias Silberſchlag Berolini NI. Non. Sept. 4. O. R. OCCCLXX V. Der Wahlspruch stellt eine Variation eines Vergilianischen Verses aus Aeneis VI, 620 dar: Discite iustitiam moniti et non temnere divos. Druch von W. Pormetter in Berlin. ℳ ,, wissenschaſtiche Beilage zum Jahresbericht des Königl. Kaiserin- Augusta-Gymnasiums zu Charlottenburg. Oster 1904. Aus der deutschen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Nach Stammbuchblättern. II. Teil. Farbkarte 613 1904. Programm Nr. 74.