des . G, 3 4 3 Gymnaſiums Klartino-Catharinem vordem Ober⸗ und Progymnaſium zu — Braunſchweig. A 2 — 3 Inhalt: boc 4 4 I. Die Bedeutung des Schwarzen Meeres für den Welthandel. Von R. Mack II. Schulnachrichten von dem Director des Gymnaſiums, Schulrath C. Th. Grav enhorſt. Braunſchweig, Druck von Joh. Heinr. Meyer. 1871. 11 — 4 Die Bedeutung des Schwarzen Meeres für den Welthandel. Die zuſammenhängende Ländermaſſe der alten Welt wird von zwei Seiten her durch eindringende Meere geſpalten. Der eine dieſer Spalte geht in der Richtung der Breitenkreiſe, der andere faſt in Meridianrichtung, und beide kommen ſich mit ihren inneren Enden ſo nahe, daß nur die ſchmale Landenge von Suez ſie von einander trennt. Dem zweiten dieſer Spalte, dem Rothen Meere, parallel dringt noch ein dritter, der des Perſiſchen Golfs, in die Ländermaſſe hinein. Er findet auf dem Lande eine Fortſetzung am Euphrat und Tigris aufwärts, deren Quellgebiet nur wenige Meilen mehr von dem innerſten Winkel jenes von Weſt nach Oſt eindringenden Spalts, dem Schwarzen Meere, entfernt iſt, als der Meerbuſen von Suez vom Mittelmeere. Dieſe Spalten waren von der Natur dazu beſtimmt, zwei Welten mit einander zu verbinden, die indiſche und die europäiſche. Unter dem Namen Indien, deſſen Begriff im Alterthum und Mittelalter ein ſehr unbeſtimmter war, faßte man alle die Länder zuſammen, welche jene koſtbaren Produkte lieferten, nach denen zu allen Zeiten die Völker des Weſtens ſo großes Verlangen trugen: Färbeſtoffe, Edelſteine, Perlen, Reis, Baumwollen⸗ und Seiden⸗Gewebe, feine Holzarten, Droguen, Wohlgerüche u. ſ. w.; vor allem noch Gewürze; alſo China, die indiſch⸗chineſiſche Inſelwelt und die indiſchen Halbinſeln. Dieſe Produkte ſtrömten zunächſt an der Malabarküſte zuſammen, und auf verſchiedenen Wegen gelangten die vereinigten Waaren Chinas, der hinterindiſchen Inſelwelt und Indiens im engeren Sinne von da an das Mittelmeer. Der bequemſte und kürzeſte dieſer Wege iſt der durch das Rothe Meer, nicht bloß weil er faſt durchaus Waſſerſtraße iſt, ſondern auch weil die Schiffe ſich nur den Winden anzuvertrauen brauchen, um in der einen Hälfte des Jahres(October bis April) von der Malabarküſte nach dem Bab el Mandeb, in der andern zurück zu gelangen. Im Rothen Meere dagegen herrſcht der Nordwind; nur in der ſüdlichen Hälfte weht vom November bis Mai der Südwind. Auf der Grenze beider liegt Dſchidda. Von dort Suez zu erreichen würde für Segelſchiffe unmöglich ſein, wenn nicht in den Pauſen, die der Nordwind macht, zur Nachtzeit Briſen einträten, welche die Fahrt nach Norden, wenn auch langſam, ermöglichen. Daher die Bedeutung des Hafens von Dſchidda, die noch erhöht wird durch die Nähe des heiligen Mekka; daher auch die ſonſt unerklärliche Thatſache, daß die Schiffe ehemals in den ſüdlichen Häfen der Oſtküſte Aegyptens löſchten und die indiſchen Waaren auf Laſtthieren an den Nil gebracht wurden. So kamen auf dieſem Wege Waſſer und Wind dem Verkehr zu Hilfe, in einem Grade, der ihm ein natürliches Uebergewicht über alle andern den Orient und Occident verbindenden Straßen ſicherte. 1* 4 Dennoch iſt auch der zweite jener Spalte, der des perſiſchen Golfs, von außerordentlicher Bedeutung. Von ſeinen Küſten führten verſchiedene Wege zum Mittelmeere. Der eine ging von dem alten Gerrha an der Weſtküſte durch die Wüſte nach dem alten Petra und von da weiter zur ſyriſchen Küſte. Der andere zog in der Senke des Euphrat und Tigris aufwärts und ſeine Verzweigungen endeten theils gleichfalls an der ſyriſchen Küſte, welcher der Euphrat auf 28 Meilen nahe kommt, theils an der des ägeiſchen Meeres, theils, Armenien durchſchneidend, an der Südküſte des Pontus. Auch dieſer über den perſiſchen Golf gehenden Straße und ihren Verzweigungen kommen noch in hohem Grade die Erleichterungen zu gute, welche das Waſſer dem Verkehr bietet, weit mehr als einem dritten Straßenſyſtem, das die Waaren durch Centralaſien an den Pontus führte. Von der Malabarküſte, gewiſſermaßen der weſtlichſten Station Indiens, auf der die Waaren der ver⸗ ſchiedenen unter dieſem Namen begriffenen Länder zuſammenfloſſen, wurden dieſelben zunächſt an die Mündung des Indus gebracht, dann dieſen Strom aufwärts geſchafft bis an die Mündung des Kabul in den Indus. Ihren weiteren Weg nahmen ſie an dem Kabul aufwärts durch die Keyberpäſſe nach dem jetzigen Kabul, deſſen Name, Niederlage der Waaren, die Wichtigkeit dieſes Platzes für den Handel beweiſt. Von Kabul an tritt eine Verzweigung ein. Eine Straße führt weſtlich, durch Iran, und trifft in Meſo⸗ potamien mit den oben erwähnten vom perſiſchen Golf herkommenden zuſammen. Eine andere überſteigt unter den größten Beſchwerden das Alpengebirge des Hindukuh und gelangt dann, zum Theil den Waſſerweg eines Fluſſes benutzend, nach Balkh, dem alten Baktra. Hier theilte ſich der Waarenzug aufs neue. Einmal ging er auf dem Oxus hinab geradeswegs ins Kas⸗ piſche Meer, in welches dieſer Strom damals mündete. Seiner Mündung gegenüber befand ſich die des Kur, auf dem die Waaren ſo weit aufwärts geſchifft werden konnten, daß ſie nur das ſchmale den Kaukaſus mit Armenien verbindende Gebirge zu überſchreiten hatten um an den Phaſis und dieſen abwärts ans Schwarze Meer zu gelangen. Oder ſie gingen von der Mündung des Oxus zur Wolga hinüber, dieſe aufwärts bis zu dem heutigen Sarepta, überſchritten die ſchmale Landſtrecke bis zum Don, der an dieſer Stelle nur etwa 10 Meilen von der Wolga entfernt iſt, und kamen auf dem Don ans Schwarze Meer. Die andere von Baktra auslaufende Straße war ganz Karawanenſtraße. Sie zog zunächſt mehr nord⸗ wärts durch die Steppe an die Mündung der Wolga und von dieſer zu der des Don. Auf dieſen Straßenſyſtemen, über die wir nur einen allgemeinen Ueberblick gegeben haben, bewegte ſich bis zu der Entdeckung des Seeweges nach Oſtindien der Verkehr zwiſchen Orient und Occident, d. h. der Welthandel des Alterthums und des Mittelalters. Er wurde hervorgerufen durch das Verlangen des Occidents nach den Erzeugniſſen Indiens; aber mit den Waaren brachte er auch wichtige bis dahin unbekannte Kul⸗ turen nach Europa und tauſchte die Ideen des Oſtens und Weſtens aus. Denn„an den Frachten des Kauf⸗ manns haftet ein Hauch imponderabeler Subſtanzen, die höchſten und idealſten Güter denkender Weſen.“ Seit jene alten Handelsſtraßen verödeten, ſanken auch die von ihnen berührten und beglückten Völker zur Unbedeu⸗ tendheit oder gar zur Barbarei herab; anderen Ländern, anderen Geſtaden leuchtete die Sonne des Glücks, zunächſt nur denen, welche an den neu aufkommenden Verkehrswegen lagen, bis ſich in den letzten Menſchen⸗ altern der Welthandel, der auch bis dahin der Hauptſache nach immer noch ein Verkehr zwiſchen Indien und Europa geweſen war, zu einem Welthandel im eigentlichen Sinne des Worts, d. h. zu einem die ganze Erde in ſeinen Bereich ziehenden Verkehr der Völker entwickelte. Eine Menge Faktoren im Leben der Völker haben dies zu Wege gebracht; einer der wichtigſten iſt, daß eine große Zahl und nicht die am wenigſten begehrten der Produkte Indiens heutzutage auch in vielen anderen Ländern gewonnen werden. Betrachten wir bloß die Länge jener Verkehrswege und die größeren oder geringeren Schwierigkeiten, 5 welche ſie dem Waarentransporte entgegenſetzten, ſo tritt auf den erſten Blick die außerordentliche Bevorzugung der Straße durch das Rothe Meer hervor. Darum ſehen wir auch den Hauptſtrom des Weltverkehrs, wenn er durch anderweitige Verhältniſſe von dieſer kürzeſten Bahn abgelenkt war, immer wieder in den Kanal des Rothen Meeres zurückfluthen. So in den Zeiten der Ptolemäer, ſo nach mancherlei Irrungen auch in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters. Ja ſelbſt in unſeren Tagen haben wir trotz der gänzlich veränderten Verhältniſſe dieſe alte prädeſtinirte Straße ſich wieder beleben ſehen. Am ungünſtigſten dagegen für den indiſch⸗europäiſchen Verkehr iſt offenbar der an dem Pontus mündende, weit längere und beſchwerlichere Ueberlandweg; nichtsdeſtoweniger behauptet er bis zum Schluſſe des Mittel⸗ alters nicht nur fortwährend eine gewiſſe Bedeutung im Welthandel, ſondern zeitweilig ſelbſt ein entſchiedenes Uebergewicht über die anderen Straßen. Zu dieſem Ergebniß wirkten Urſachen der verſchiedenſten Art, theils vorübergehende, theils bleibende zuſammen. Manche Waaren vertrugen einen längeren Transport zur See nicht gut. Der auf dem Ueberlandwege bezogene Ingwer z. B. wurde deshalb 10—20 Proc. theurer bezahlt als zu Alexandria. Bei andern mochte das Vorurtheil dieſelbe Wirkung hervorbringen. Hatten doch auch die Portugieſen, als ſie die auf dem See⸗ wege ums Cap geholten Gewürze und andere Waaren Indiens auf den Markt zu Antwerpen brachten, der damals die beſte Abſatzgelegenheit bot, erſt die Konkurrenz der Italiener zu beſiegen. Trotz weit höherer Preiſe fanden die Venetianer bis tief ins 16. Jahrhundert hinein noch Käufer für ihre über die Levante bezogenen indiſchen Waaren, weil man in Deutſchland und den Niederlanden lange das Vorurtheil hegte, ihre Waaren ſeien beſſer als die der Portugieſen. Gerade der höhere Preis ſchien dieſes Vorurtheil zu beſtätigen. Die Venetianer und Genueſen thaten auch das Ihrige um dieſen Glauben zu erhalten, und daß ſolche Anſichten, ſelbſt wenn ſie völlig unbegründet ſind, oft ganz die Wirkung reeller Gründe haben, beweiſt unter anderen der Umſtand, daß noch lange Zeit nach Entdeckung des Seeweges nach Oſtindien und der Verpflanzung des Zuckerrohrs nach Weſtindien Marſeille ſeinen Zucker aus der Levante kommen ließ, obgleich er viel theurer ſein mußte als der amerikaniſche. Wohl weniger, weil es auf ſeine alt herkömmlichen Bezüge nicht verzichten wollte, als weil man glaubte, der levantiſche ſei beſſer. Beachten wir in dieſer Hinſicht noch weiter, daß der Welthandel in jenen Zeiten noch wenig zum maſſen⸗ haften Austauſche von eigentlichen Lebensbedürfniſſen diente, ſondern hauptſächlich nur dem Kitzel und der Ueppigkeit der Großen oder der hoffährtigen Verſchwendung der reichen Mittelklaſſen in großen Handelsſtädten, ſo wird es um ſo erklärlicher, wie die oben genannten Vorurtheile ganz die Wirkung wirklicher Thatſachen her⸗ vorbringen konnten. Waren nun bei manchen Artikeln die genannten Umſtände maßgebend, ſo war es bei andern in der That gleichgiltig, ob ſie den längeren Land⸗ oder den kürzeren Seeweg machten, nämlich bei ſolchen, die Koſtbarkeit mit geringem Gewichte vereinigten, bei denen alſo die Transportkoſten nicht viel verſchlugen. Ein anderes Gegengewicht gegen die Vertheuerung durch den koſtſpieligeren Transport auf dem längeren Ueberlandwege bildeten die koloſſalen Zölle, die zu Zeiten im Rothen Meere und in Aegypten entrichtet werden mußten. Von Dſchidda nach Alexandrien wurden in der letzten Hälfte des 15. Jahrhunderts von man⸗ chen Waaren mehrere Zölle von je 5 oder 10 Proc. erhoben. Die Mäklergebühren waren auch außerordent⸗ lich hoch. Der Transport durch die Wüſte an den Nil war Monopol der Regierung, und dieſe nahm einen achtmal höheren Frachtpreis als die gewöhnlichen Kameeltreiber. Dazu kamen noch andere Monopole, die in einer Weiſe ausgebeutet wurden, daß ſie im Verein mit jenen Zöllen den gänzlichen Verfall des ägyptiſchen Handels nach ſich zogen, den die Portugieſen ſpäter nur vollendeten und zu einem dauernden machten. Das eben Geſagte gilt zwar nur von der angegebenen Zeit; aber überhaupt waren die Zölle in Aegypten und 6 Syrien zur Zeit der Mammelukenherrſchaft außerordentlich hoch. Verträge, welche die mediterraniſchen Han⸗ delsſtädte mit den Sultanen ſchloſſen, halfen nicht allzuviel, und die Despotenlaunen der letzteren brachten noch obenein dem Eigenthum der Kaufleute ſowie deren Perſon oft große Gefahren. So erklärt ſich, daß ſelbſt die Straßen durch Centralaſien trotz des ungeheuren Umwegs zu Zeiten ſehr wohl mit dem Seewege nach Aegypten konkurriren konnten. Der letztere bot außerdem noch andere Nachtheile für den Handel der Europäer. Indien war in jenen Zeiten Europa gegenüber ſo gut wie bedürfnißlos. Bedarf nach ausländiſchen Kleidungsſtoffen konnte ſchon des Klimas wegen kaum vorhanden ſein. Dazu hatte die Weberei ſeit Jahrtauſenden in Indien eine ſolche Vollkommenheit erreicht, daß europäiſche Gewebe wohl erſt in den letzten Zeiten des Mittelalters auf den indiſchen Märkten Käufer fanden. Wenn heutzutage europäiſche Baumwollengewebe einen bedeutenden Markt in Indien haben, weil ſie in Folge der Maſchinenarbeit, auch wenn der Rohſtoff aus Indien ſelbſt ſtammt, ſich dort billiger ſtellen als die einheimiſchen, ſo war das im Alterthum und Mittelalter ganz anders. Nah⸗ rungsmittel dem fruchtbaren Lande zuzuführen, machte nicht nur das heiße Klima, ſondern auch die hohe Fracht des langen Weges unmöglich. Die Hauptrimeſſe, welche die arabiſchen Zwiſchenhändler nach Indien brachten, waren Edelmetalle, und dieſe wurden in ſolcher Menge eingeführt, daß Indien, an ſich durchaus arm an denſelben, zu allen Zeiten für das goldreichſte Land gegolten hat. Die großen Kaufleute von Malakka, der Zwiſchenſtation zwiſchen den indiſchen Halbinſeln einerſeits und China und der indiſch⸗chineſiſchen Inſelwelt andererſeits, ſollen ihr Vermögen nach Centnern Goldes berechnet haben, als die erſten Portugieſen dorthin kamen. Außer Edelmetallen führten die Araber Pferde, leinene Gewebe, Waffen und ſonſtige Metallwaaren ein. Der wichtigſte Einfuhrartikel waren die Pferde, indem die einheimiſche Raſſe klein, häßlich und voller Mängel war und die eingeführten ſich raſch verbrauchten. Die leinenen Gewebe ſtammten aus Aegypten, das im Alterthum wie im Mittelalter Vorzügliches darin leiſtete; die Waffen bezogen ſie nebſt anderen Metall⸗ waaren von der Zanguebarküſte, wo man ſich auf Metallarbeiten vortrefflich verſtand. Europäiſche Waaren fanden die Europäer, die am Ende des Mittelalters nach Indien kamen, wenig vor auf den dortigen Märkten. Aegypten hatten ſie außer Geld— allein die venetianiſchen Galeeren brachten im 15. Jahrhundert jährlich 300,000 Dukaten nach Alexandrien— verhältnißmäßig auch wenig zu bieten. Nach den Produkten ihrer In⸗ duſtrie trug auch dies Land kein allzugroßes Verlangen; nur Waffen waren geſucht. Die ſonſtige Hauptein⸗ fuhr beſtand in Rohſtoffen, die noch dazu meiſt ſehr voluminös waren: Bauholz, Metalle und Sklaven. Der Verkehr mit den ſyriſchen Handelsplätzen— Damaskus, Aleppo— ſtellte ſich in dieſer Hinſicht im Mittel⸗ alter, von dem das eben Geſagte hauptſächlich gilt, weit günſtiger. Hier bezahlte z. B. Venedig namentlich mit den Produkten ſeiner Seiden⸗, Wollen⸗ und Glasinduſtrie. Auch in den pontiſchen Handelsplätzen werden in dieſer Hinſicht günſtigere Verhältniſſe für die Handelsſtädte des Mittelmeeres ſtattgefunden haben. Auf dem weiten Ueberlandwege nach Indien werden die europäiſchen Fabrikate einen beſſeren Markt gefunden haben als in Aegypten und am Rothen Meere, und die Länder des Ueberlandweges beſaßen werthvolle Ausfuhr⸗ artikel, beſonders das baktriſche Land, der nächſte Stapelplatz des indiſchen Handels nach Norden, das mit ſeinen eigenen Produkten die Waaren Indiens wohl zu erwidern vermochte. Auch hier ſpielen Pferde die erſte Rolle. Der Handel mit denſelben durch die Keyber⸗Päſſe zählt nach Jahrtauſenden, und die Einfuhr auf dieſem Wege war jedenfalls natürlicher und mit weniger Gefahr verbunden, als die der Araber zur See. Sie kamen meiſt aus den Oxusländern, und ſelbſt aus dem ſüdlichen Rußland wurden z. B. im 14. Jahr⸗ hundert Pferdeheerden von 6000 Stück nach Indien getrieben. Was alſo die Geldausfuhr anlangt, ſo ſtellte ſich der Handel der Europäer über Aegypten entſchieden am ungünſtigſten, und dieſer Umſtand fiel nicht gering ins Gewicht, da der Abfluß der Edelmetalle nach 7 Indien nicht nur in den letzten Jahrhunderten Roms, ſondern auch am Ende des Mittelalters zu einem wahren Nothſtande für Europa geworden war. War doch vom 14. bis 15. Jahrhundert der Werth der Edelmetalle in Europa gegen Getreide um das Doppelte geſtiegen, da die Erträge der europäiſchen Bergwerke den Abfluß nur zum Theil zu erſetzen vermochten, der, je mehr der Verbrauch der indiſchen Luxusgegenſtände in den reich gewordenen Städten Europas ſtieg, um ſo ſtärker werden mußte. Kamen die bisher entwickelten Verhältniſſe dem Pontushandel mehr indirekt zu gute, ſo wirkten manche andere direkt darauf hin, ihm ſeinen Antheil am Welthandel zu ſichern. So zogen, ſchon lange ehe ein See⸗ verkehr zwiſchen Indien und China beſtand, die Karawanen von China— auf der Seidenſtraße— durch die Gobi über den Belurdagh nach den Ländern am Oxus und Jaxartes. Lange Zeit hindurch iſt dieſe Straße die einzige geweſen, durch welche Weſtaſien und Indien mit China in Verbindung ſtanden. Das verlieh der alten von Indien nach Baktrien und Sogdiana ziehenden Straße eine erhöhte Bedeutung: die werthvollen Erzeugniſſe Chinas floſſen in dieſen Ländern mit den über Kabul herangeführten indiſchen zu⸗ ſammen, und auch Baktrien ſelbſt lieferte geſchätzte Handelsartikel, namentlich Edelſteine. Für den Verkehr mit dem Mittelmeere und Europa waren dieſe außerordentlich wichtigen Handelscentren Aſiens durch die geo⸗ graphiſchen Verhältniſſe auf das Schwarze Meer angewieſen. Denn der Waſſerweg des Oxus, für den der Aralſee damals nur eine ſeitliche Erweiterung war, führte ununterbrochen ins Kaspiſche Meer, und auch bis zum Pontus war der Waſſerweg nur durch die kurze Strecke zwiſchen Kur und Phaſis unterbrochen. Vom Kaspiſchen Meere aus eröffnete ſich aber in der Wolga noch eine zweite Ader des Verkehrs, welche nur durch einen ſchmalen Landrücken, einen Tragplatz, von der zum Pontus hinabführenden Waſſerader des Don ge⸗ trennt iſt. Endlich wurde auch der Landweg von der Bucharei nach der Wolga, durch das große Thor zwiſchen dem Kaspiſchen Meere und dem Ural zu Zeiten viel benutzt, dieſe Eingangspforte für Völkerwanderungen, Kriegsheere und Karawanen. Zur Zeit, da die Genueſen auf dem Pontus das Uebergewicht erlangten, zogen Karawanen fränkiſcher Kaufleute von der Mündung des Don zu der der Wolga, von da durch die Wüſte zwiſchen dem Kaspiſchen Meere und dem Aralſee an den Oxus, weiter in nordöſtlicher Richtung auf die Dſungarei, das große Eingangsthor des hinteraſiatiſchen Hochlandes, und im Norden des Thianſchan durch die Gobi nach Peking. Für dieſen Handel mit China lag der Pontus ſelbſt günſtiger als das Rothe Meer und der perſiſche Golf, und die oben beſchriebenen chineſiſch⸗buchariſchen Straßen ſicherten ihm eine Bedeutung ſelbſt in Zeiten, in denen die geographiſchen Vorzüge des Rothen Meeres ungehindert und in voller Kraft wirkten. Zu alle dem lieferten aber das Schwarze Meer und die auf den Verkehr deſſelben hingewieſenen Länder ſeiner Umgebung eine Menge äußerſt werthvoller Produkte, welche die Griechen frühzeitig beſtimmten, die ins Fabelhafte geſteigerten Gefahren des ungaſtlichen Pontus nicht zu meiden. Dieſe Produkte waren meiſtens ſolche, die nicht wie die Waaren Indiens nur dem Luxus dienten, ſondern mehr oder minder zum Leben un⸗ entbehrlich waren. So vor allem Sklaven, Getreide, Fiſche, Schlachtvieh. Ferner Schaafwolle, Häute für die Gerbereien, Talg. Dann die für den Schiffbau nothwendigen Materialien: Maſten, Balken, Planken und anderes Bauholz; Hanf und Flachs, Theer und Pech. Dazu Honig und Wachs in Fülle und endlich die aus dem fernen Norden und Nordweſten an den Pontus geführten, nicht weniger als die koſtbarſten Pro⸗ dukte Indiens begehrten Artikel: Pelzwerk und Bernſtein. Dieſe Produkte, die zumeiſt aus der großen Tiefebene im Norden kamen, vertheilten ſich auf die ver⸗ ſchiedenen Pontusländer etwa folgendermaßen: Honig und das als Handelswaare ungleich wichtigere Wachs lieferten namentlich die heutige Moldau und Wallachei ſowie das Innere Rußlands, beſonders wohl, wie noch heute, die Ukraine. Das Bauholz bezog man nicht nur von der Südküſte, die auf der ganzen Strecke 8 von Bithynien bis nach Sinope wegen ihres Reichthums an Wäldern gerühmt wird, ſondern auch aus den ſarmatiſchen Ebenen. Hauptausfuhrhafen war in griechiſcher Zeit Pantikapäon. Aus ebendenſelben erhielt man auch die ſonſtigen Materialien zum Schiffsbau, namentlich Theer, Pech und Hanf, für welche Rußland ſtets ein wichtiges Erzeugungsland geweſen iſt. Flachs, der aber wie der Hanf auch aus den Ländern im Oſten des Pontus ausgeführt wurde, kam gleichfalls aus Rußland. Unerſchöpflich war ferner der Reichthum dieſes Landes an Erzeugniſſen der Viehzucht, an Talg, rohen Häuten, Schaafwolle und Schlachtvieh, welche die heerdenreichen Nomaden der weiten Ebenen Südrußlands in den Handel brachten und die noch heute eine Hauptausfuhr für Odeſſa bilden. Die wichtigſten Handelsartikel des Pontus aber waren wohl Korn, Fiſche und Sklaven. An Korn— Weizen— war ſchon die Südküſte reich; weit mehr aber lieferte die im Alterthum wegen ihrer außerordent⸗ lichen Fruchtbarkeit geprieſene Krim— namentlich die kleine Halbinſel derſelben zwiſchen dem alten Theodoſia und Pantikapäon— und die inneren Gegenden Rußlands, in denen ſchon ſehr früh Getreide zum Zwecke der Ausfuhr gebaut wurde. Auf den Flüſſen, namentlich auf dem Dnjepr, wurde es an das Meer geführt. Dieſer Zweig des Pontushandels gewinnt auch jetzt wieder immer mehr an Wichtigkeit, und wie im Alterthum die Athener, ſo waren im Mittelalter die Venetianer zu Zeiten auf das pontiſche Getreide vornehmlich an⸗ gewieſen, nicht nur für ihren Kornhandel, ſondern auch für ihren eigenen Bedarf, in dem Maße, daß, als die Genueſen die Venetianer aus Konſtantinopel verdrängten, dies in Venedig eine mehrere Jahre an⸗ dauernde Theurung hervorrief. Erſt allmählich konnten ſie dieſen Ausfall durch Eröffnung anderer Bezugs⸗ quellen erſetzen. Dem Fiſchfange verdankten manche der griechiſchen Städte am Pontus einen großen Theil ihres Reich⸗ thums, vornehmlich dem Fange des Thunfiſches. Aus dem Atlantiſchen Ocean durch die Meerenge von Gi⸗ braltar kommend zogen die zahlreichſten Maſſen durch den Hellespont und Bosporus in das Schwarze Meer. Hier laichten ſie und erſchienen genügend herangewachſen an der aſiatiſchen Küſte des Pontus, um wieder nach dem Mittelmeere zu ziehen. Je nach ihrer Lage hatten die Städte einen größeren oder geringeren Antheil am Fange, den reichſten Sinope, und vor allem Byzanz, in deſſen Hafen die Strömung des Bosporus ſolche Maſſen hineintrieb, daß der Fang derſelben Byzanz trotz der ſchwerſten Unglücksfälle immer wieder auf⸗ blühen ließ. Außer an Thunfiſchen war der Pontus auch noch an anderen Fiſchen reich, namentlich an Stören und Barben, und mannigfach zubereitet kam die Ausbeute des Fanges in den Handel. Die Thunfiſche wurden zum größten Theil eingeſalzen, und zwar mit Seeſalz, das viele der pontiſchen Städte ſelber gewannen. So bildeten ſie eine häufige Nahrung für die große Maſſe der Bevölkerung in Griechenland und hatten ſowohl als Nahrungsmittel wie als Handelsartikel eine ähnliche Bedeutung wie ſeiner Zeit der Häring für die Hol⸗ länder. Daneben lieferte das Schwarze Meer aber auch Delikateſſen von Fiſchen, die von den Feinſchmeckern des Alterthums ſo außerordentlich geſucht waren. Kaviar war ſchon damals ein häufiger Ausfuhrartikel des Pontus und ſelbſt für die raffinirte Gaſtronomie der Römer lieferte der Pontus Fiſche. Die Sklaven des Pontus endlich ſpielen nicht nur in der Handelsgeſchichte, ſondern auch in der politiſchen eine Rolle. Wenn man bedenkt, daß die Sklaven für die wirthſchaftlichen Verhältniſſe des Alterthums ganz unentbehrlich waren und daß die Zahl derſelben eine außerordentliche Höhe erreichte, ſo daß z. B. auf der Inſel Delos im 1. Jahrhundert vor Chr. an einem Tage leicht 10,000 Sklaven verhandelt wurden, ſo ergiebt ſich, ein wie umfangreiches Geſchäft der Sklavenhandel in jener Zeit war. Die Griechen aber wenigſtens bekamen die ſtärkſte Zufuhr von Sklaven aus dem Pontus, deſſen kräftige Barbaren ſehr geſucht waren. Thrakien lieferte ganze Schaaren, dann Bithynien, Paphlagonien, Kappadokien. Auch die Nomaden der ſarmatiſchen 9 Ebene brachten Maſſen von Sklaven nach den griechiſchen Handelsſtädten am Schwarzen Meere zum Verkauf. Als Hauptſtapelplatz dieſer ſarmatiſchen Sklaven wird Tanais genannt; für den pontiſchen Sklavenhandel über⸗ haupt aber war Byzanz der bedeutendſte Markt. Im Mittelalter holte man Sklaven aus dem Pontus beſonders um Leibwachen und Heere daraus zu bilden, und der Handel mit denſelben war in den Händen der Genueſen und Venetianer. Letzere trieben überhaupt einen ſehr umfangreichen Sklavenhandel. Die deutſchen Kaufleute führten ihnen Sklaven über die Alpen zu; die Päpſte traten ihnen entgegen bei der Abhaltung von Sklavenmärkten in Rom; in Venedig ſelbſt erwirkt die Kirche wiederholt Verbote des Sklavenhandels; den Khalifen von Kordova liefern ſie das Material zu ihrer aus mehreren tauſend Mann beſtehenden ungariſchen Leibwache u. ſ. w. Aus dem Schwarzen Meere holten ſie und die Genueſen vorzugsweiſe Georgier und Tſcherkeſſen, welche ſie nach Aegypten brachten. Dieſe wurden in das Mammelukencorps, die Stütze der Sultane von Aegypten, vor denen im 13. und 14. Jahr⸗ hundert das Abendland zitterte wie ſpäter vor den Türken, eingereiht und daſſelbe ſtets durch neue Zufuhren verjüngt. Ausfuhrhafen war Kaffa, das alſo im Sklavenhandel des Mittelalters eine ähnliche Stellung ein⸗ nimmt wie das nahegelegene Tanais im Alterthum. Trotz aller Verbote von Seiten der Kirche blieb dieſer Handel beſtehen; ja die oft wiederholten Verbote beweiſen gerade ſeine umfangreiche Exiſtenz. Er hört erſt auf, als die Osmanen im 15. Jahrhundert immer weiter vordringen und durch die Gründung des Janitſcharen⸗ corps als Mitbewerber der Mammeluken auftreten. Dies Aufhören zeigt aber wieder recht deutlich ſeine Wichtigkeit: es iſt einer der Gründe des Verfalls der Mammelukenherrſchaft. Der Pontus führte endlich auch das koſtbare Produkt des hohen Nordens in den Weltverkehr, das Pelz⸗ werk. Die großen Ströme der ſarmatiſchen Tiefebene, die in den Pontus münden und eine faſt ununter⸗ brochene Waſſerverbindung bis an das nördliche Meer herſtellen, ließen dieſen vielbegehrten Artikel frühzeitig an den Pontus gelangen. Hauptſtapelplätze für denſelben waren in der griechiſchen Zeit wie im Mittealter die Städte an dem mäotiſchen See. Der Don führte von hier leicht zur Wolga, dieſe vermittels der Kama weit hinauf in die Gegenden des Ural und Sibiriens und an die Nordküſten von Europa, die Heimath von Füchſen, Mardern, Hermelinen, Zobeln u. ſ. w., deren Pelzwerk bei den alten nordiſchen Völkern als Werth⸗ meſſer galt wie bei den Jägernomaden Sibiriens der Zobel noch heutigen Tages. Die von Nordweſten her in das Schwarze Meer mündenden Flüſſe dagegen führten den Bernſtein früh in den Weltverkehr. Auf zwei Straßen gelangte er an das Mittelmeer; die eine führte durch die mähriſche Pforte zwiſchen Sudeten und Karpaten zur March und weiter durch die Oſtalpen zum adriatiſchen Meere; die andere zum Dnjepr hinüber und ans Schwarze Meer. Die letztere iſt ohne Zweifel die ältere; an ihrer Mündung nahmen ihn wohl ſchon die Phönizier in Empfang. Die eben geſchilderten Verhältniſſe ſicherten dem Schwarzen Meere unter allen Umſtänden einen Antheil am Welthandel, bis die Türken alles Leben auf ihm erſtickten. Aber je nach den politiſchen Verhältniſſen, die im weſtlichen Aſien und am Mittelmeere herrſchen, iſt ſeine Bedeutung eine größere oder geringere. Dies wird ein hiſtoriſcher Ueberblick ergeben. Der Pontus war ſchon in vorhiſtoriſcher Zeit von Seefahrern belebt. Die älteſten Schiffe, die er, ſo weit wir wiſſen, getragen hat, waren phöniziſche. Näheres über den Verkehr dieſes Volks auf dem Schwarzen Meere iſt nicht bekannt; doch kann man annehmen, daß es den Reichthum ſeiner Uferländer an Produkten in umfaſſendem Maaße ausgebeutet hat. Indiſche Waaren freilich haben die Phönizier ſchwerlich über den Pon⸗ tus bezogen, da ſie dieſelben auf viel kürzerem Wege durch den Zwiſchenhandel der Araber oder aus den Län⸗ dern am Euphrat erhalten konnten. Wohl aber mögen ſie aus Baktrien die Waaren Centralaſiens nebſt den chineſiſchen, auf der oben erwähnten Straße durch die Gobi herangeführten, bezogen haben. Die hohe Kultur 2 10 der Oxusländer, weit älter als die phöniziſche, kann ohne Handel gar nicht gedacht werden, und ſomit kann man annehmen, daß die Waaren Indiens, Chinas und Baktriens ſchon früh an den Pontus kamen. Die Verbindung Baktriens mit der Südoſtecke deſſelben war ja durch den Lauf des Oxus ins Kaspiſche Meer, durch den Kur und Phaſis von der Natur gewiſſermaßen vorgezeichnet. Man könnte ſich verſucht fühlen, zum Beweiſe die Argonautenſage anzuführen. Die Fahrt der Argonauten geht nach Kolchis, dem Punkte, wo die kürzeſte und bequemſte Straße aus Baktrien mündet; ſie geht aus von Jolkos am pagaſäiſchen Meerbuſen, an welchem ſich phöniziſche Faktoreien befanden. Das goldene Vließ deutet auf die Reichthümer, die Kolchis durch den Handel erworben. Was liegt näher, als daß die Argonauten ihren Lehrmeiſtern, den Phöniziern, folgend eine Handelsunternehmung nach dem reichen Kolchis machten? Damit wäre aber auch für die Phönizier ſelber der Verkehr mit Baktrien und China auf der genannten Straße bewieſen. Aber das Ziel, ja die ganze Richtung der Argonautenfahrt ſind urſprünglich ebenſo nebelhaft geweſen, wie die Wunder⸗ bilder der Odyſſee und erſt ſpäter bei deutlicheren geographiſchen Kenntniſſen fixirt. Daß man aber gerade Kolchis ſchließlich als das Ziel hinſtellte, ſcheint doch in dem Bewußtſein geſchehen zu ſein, daß es ein reiches Kulturland ſchon in ſo zu ſagen vorhiſtoriſcher Zeit war. Dieſe Kultur verdankte es ſicherlich ſeiner Lage an der Mündung des baktriſch⸗chineſiſch⸗indiſchen Straßenſyſtems. Auf den Umfang und die Intenſität des phöniziſchen Handels im Pontus laſſen ſich auch ſonſt wohl aus den Vorgängen an deſſen Geſtaden zur Zeit des griechiſchen Verkehrs mancherlei Schlüſſe ziehen. Sicherlich haben die Phönizier wie überall, ſo auch an den Ufern des Schwarzen Meeres zahlreiche Faktoreien angelegt. Von einigen griechiſchen Städten am Pontus iſt nachgewieſen, daß die Griechen phöniziſche Anſiedler dort vor⸗ fanden, und man muß annehmen, daß nur der geringſte Theil der helleniſchen Kolonien am Pontus ganz neue Gründungen waren. Nur ſo läßt ſich erklären, daß in verhältnißmäßig kurzer Zeit von wenigen Städten aus eine ſo außerordentliche Menge von Pflanzſtädten gegründet werden konnte. Die griechiſchen Anſiedler müſſen aber auch den Verkehr mit dem Hinterlande ſchon eröffnet gefunden haben, ſonſt wäre ein ſo raſches Aufblühen der Kolonien in den Barbarenländern des ungaſtlichen Pontus auch kaum denkbar. Aus allem dieſem läßt ſich auf eine umfaſſende Handelsthätigkeit der Phönizier an den pontiſchen Ge⸗ ſtaden ſchließen, um ſo mehr als dieſelben die Rohprodukte des Pontus bei ihrer umfangreichen Induſtrie und ihrem ausgedehnten Handel trefflich verwerthen konnten, und der Tauſchhandel mit den Barbaren, für welche die phöniziſchen Fabrikate ſehr werthvoll ſein mußten, ſicherlich ein außerordentlich gewinnreicher war. Als ſie dann, von den Aſſyriern in der eigenen Heimath aufs äußerſte bedrängt, den aufſtrebenden Griechen gegen⸗ über ihre Handelsherrſchaft im Aegeiſchen und Schwarzen Meere nicht länger behaupten konnten, übernehmen die letzteren die reiche Domäne des Pontus. Mit überraſchender Schnelligkeit ſehen wir an ſeinen Geſtaden eine Menge helleniſcher Pflanzſtädte empor wachſen, über deren Gründung und Entwickelung wir aber wenig wiſſen. Die Ueberlieferungen der Griechen geben ja über die materiellen Intereſſen, von denen der Verkehr bedingt iſt, ſo außerordentlich wenig Auf⸗ ſchluß. Von vielen ihrer Kolonien wiſſen wir gar nicht, wie weit bei deren Gründung neben politiſchen Rück⸗ ſichten auch Handelsintereſſen im Spiele waren; bei den pontiſchen waren ſicherlich die letzteren maßgebend. Sie wurden gegründet im Laufe des 7. Jahrhunderts und ſpäter. Der Handel mit den Barbaren an den pontiſchen Küſten konnte nur durch Faktoreien und feſte Anſiedelungen geſichert werden. Erleichtert wurden ihnen dieſe durch vorgefundene Niederlaſſungen der Phönizier, die, abgeſchnitten vom Mutterlande, rings von Barbaren umgeben, vielleicht eine Verſtärkung durch griechiſche Anſiedler nicht ungern ſahen. Die Ablegenheit des Pontus von den Schauplätzen der großen Politik mochte ihnen eine verhältnißmäßige Ruhe und Sicherheit gewährt haben, ſo daß ſie den Verkehr mit ihren Hinterländern ungeſtört hatten offen halten können und die 11 Hellenen den Handel auf den von der Natur vorgezeichneten an den Pontus mündenden Straßen in vollem Gange finden mochten. Ihre Anſiedler miſchten ſich mit den phöniziſchen und mit den Barbaren und drückten den emporblühenden Städten, die nun ganz unter griechiſchem Einfluſſe ſtanden, das Gepräge ihres über⸗ legenen Weſens auf. Vor allen waren es die Mileſier, welche ſich die Koloniſation der Pontusgeſtade angelegen ſein ließen. Auf 75 und darüber wird die Zahl ihrer dortigen Kolonien angegeben. Viele gründeten auch die Megarenſer. Nicht wenige dieſer zahlreichen Anſiedelungen wurden bedeutende Städte, eben die, welche an den Mündungen der großen Handelsſtraßen lagen. Die an der kleinaſiatiſchen Küſte weſtlich von Sinope gelegenen verdankten ihre Bedeutung der hohen Kultur ihrer Hinterländer: Lydien, Myſien, Bithynien, Phrygien, deren Erzeugniſſe ſie gegen die des pon⸗ tiſchen Nordens austauſchten. Aber bei ihnen wie bei den Kolonien an der Weſtküſte, der thrakiſchen, hatte der Handel bei weitem nicht eine ſo großartige Ausdehnung als bei den Kolonien an der öſtlichen Hälfte. Allerdings verkehrten die Städte an der thrakiſchen Küſte bis weit nach Möſien und Dacien hinein, wie uns eine beſtimmte Nachricht beweiſt von einem etwa in der Mitte zwiſchen dem Adriatiſchen Meere und dem Pontus gelegenen Markte, den griechiſche Kaufleute beſuchten, offenbar um mit den Barbaren jener Länder zu handeln. Viel weiter aber reichte der Handel der Kolonien der öſtlichen Hälfte. Sie liegen alle unmittelbar an oder in der Nähe der Mündung großer Handelsſtraßen. So Olbia an der Mündung des Hypanis in den Liman des Boryſthenes, bedeutend namentlich wegen der Kornausfuhr aus dem Binnenlande und der Ueber⸗ landſtraße an das baltiſche Meer. Zahlreiche Funde griechiſcher Münzen nicht bloß in den benachbarten Län⸗ dern, ſondern ſelbſt im Netzegebiete und in den Küſtenländern der Oſtſee beweiſen die Ausdehnung und Rich⸗ tung dieſes Handels, der offenbar durch den Bernſtein hervorgerufen iſt. Daß die Münzen der älteſten Periode griechiſcher Münzprägung angehören, beweiſt, daß dieſer Handel ſchon früh ſtattgefunden hat. Die zweite große an den nördlichen Ufern des Pontus mündende Handelsſtraße, die des Don, verräth ihre hohe Wichtigkeit gleich in der helleniſchen Zeit durch zahlreiche höchſt bedeutende Kolonien: Tanais, Panti⸗ kapaeon, Phanagoria, Theodoſia. Letztere diente hauptſächlich als Getreidehafen der Krim, die anderen drei dem bedeutenden Handel nach dem Norden. Die am weiteſten ausgedehnten Handelsverbindungen hatte ſeiner Lage gemäß Tanais. Daß dieſe ſehr weit ins Innere reichten, läßt ſich mit Sicherheit daraus ſchließen, daß Herodot die Völker bis weit in das Innere kennt. Denn der Stand des geographiſchen Wiſſens iſt die ſicherſte Urkunde für die Ausbreitung des Völkerverkehrs. Wie weit der Handel von Tanais in das Innere ging und welche Richtung er einſchlug, läßt ſich zwar nach den Angaben Herodots nicht ſicher beſtimmen; aber ſeiner entſchiedenen Verſicherung daß im Lande der Budinen, deren Gebiet 15 Tagereiſen von Tanais nach dem Inneren begönne, eine von Griechen bewohnte Stadt gelegen habe, iſt unbedingt Glauben zu ſchenken. Er trennt das, was er beſtimmt wiſſe, von dem Saggenhaften für dieſe Gegenden zu entſchieden, als daß wir dasjenige, was er als auf den Angaben von Augenzeugen beruhend hinſtellt, in Zweifel ziehen könnten. Seine fabelhaften Nachrichten ſind für uns jedenfalls inſofern beachtenswerth, als wir daraus erſehen, daß der Ver⸗ kehr noch weit über die Grenze ſeines beſtimmten Wiſſens hinausreichte. Und naturgemäß erſtreckt ſich in Zeiten wie die damaligen derſelbe weiter als die geographiſche Kunde reicht. Wenn ſich nun auch die Angaben Herodots nicht mit irgend welcher Sicherheit lokaliſiren laſſen, ſo geht doch die Richtung ſeiner verbürgten Angaben ganz deutlich von Tanais aus nach Norden und ſpäter nach Oſten, alſo wohl in das Gebiet der Kama und an den Ural. Bis dahin kamen nach Herodot die helleniſchen Kaufleute der pontiſchen Handels⸗ plätze ſelber. Was ſie ſo weit über Land führte, können nicht Produkte des Ackerbaues oder der Viehzucht 2* 12 geweſen ſein. Denn einmal ſchildert Herodot dieſe äußerſten Völker als Jäger, und zum andern würden dieſe Produkte die Koſten eines ſo weiten Transports nicht haben tragen können. Offenbar war es namentlich Pelzwerk, was man aus jenen Gegenden holte, das leicht zu transportiren und koſtbar genug iſt, um ſo weite Reiſen zu verlohnen. Die noch weiter, vielleicht über den Ural nach Aſien führenden mit Fabeln gemiſchten Berichte von den Arimaspen und goldhütenden Greifen ſowie die beſtimntte Angabe— 3,116—, daß ſich nach dem Norden von Europa zu— wobei wohl an das nördliche Aſien mit zu denken iſt— das meiſte Gold finde, laſſen wohl keinen Zweifel, daß auch Gold unter den Waaren ſich befand, welche die pon⸗ tiſchen Griechen von ihren weiten Handelsreiſen ins nördliche Europa zurückbrachten. Ob dies aus dem Ural, oder aus dem Altai, oder aus beiden kam, müſſen wir dahingeſtellt ſein laſſen.— Dieſer weitreichende Handel machte Tanais zu einer ſo bedeutenden Stadt, daß es ſich nicht ſelten gegen die bosporaniſchen Fürſten, deren Reiche es mit Pantikapäon, Phanagoria und Theodoſia angehörte, ſelbſt in den Zeiten ihrer beſten Kraft zur Wehr ſetzte.— Die Hauptſtadt dieſes Fürſtenthums, Pantikapäon, betrieb mehr die Ausfuhr der aus dem Hinterlande kommenden Produkte, während das gegenüberliegende Phanagoria ſich mit der Einfuhr der über den Pontus herangeführten Waaren— Wein, Oel, Fabrikate— befaßte. Auf dieſem Handel ſowie aus dem Kornſegen der öſtlichen Gebiete der Krim beruhte die Blüthe des bosporaniſchen Fürſtenthums, deſſen Städte es verdienen unter den hell leuchtenden Sternen des helleniſchen Städtehimmels genannt zu werden, wenngleich ihre Kultur keine rein helleniſche war. Das bosporaniſche Reich behauptete ſich, wenn auch in den letzten Jahrhunderten unter römiſcher Oberhoheit, bis ins 4. Jahrhundert nach Chriſtus, und erſt die Stürme der Völkerwanderung machten ihm und ſeinen Städten ein Ende. So bleiben noch die Hellenenſtädte an der öſtlichen Hälfte der aſiatiſchen Seite über. Die bedeutendſten ſind Sinope, Amiſos, Trapezunt— dies erſt in ſpäterer Zeit— Phaſis und Dioskurias. Auch ſie unter⸗ hielten einen ſehr bedeutenden, reichen Gewinn bringenden Verkehr mit den zahlreichen Stämmen der näheren Nachbarſchaft, deſſen Hauptartikel wir oben ſchon aufgeführt haben; aber mehr intereſſirt uns ihr Handel nach Indien hin. Wenn man nun auch annehmen muß, daß zu allen Zeiten Waaren aus Indien ſowohl über den Handelscentralpunkt Baktrien als auch auf den vom Euphrat und von der uralten Handelsſtation Täbris durch Armenien führenden Straßen an den Pontus gelangten, ſo iſt doch ebenſo entſchieden feſtzuhalten, daß man in Griechenland ſeinen Bedarf an indiſchen Erzeugniſſen ebenſo wie den vielgebrauchten Weihrauch von den Phöniziern bezog, daß ferner nach Alexandriens Gründung die Straße des Rothen Meeres, von der bis dahin die Phönikier den indiſchen Waarenzug abgelenkt hatten, in Kraft trat. Sicherlich nicht ohne Rückſicht auf die beabſichtigte Gründung der Stadt, die ſeinen Namen tragen ſollte, hatte Alexander ſo viel Zeit auf die Ver⸗ nichtung von Tyrus verwendet. Aber die Eroberungen Alexanders hatten zugleich den pontiſchen Griechen das Innere Aſiens im vollſten Maße erſchloſſen. Lange Zeit nach Alexanders Tode zog ſich eine ununterbrochene Reihe griechiſcher Fürſtenthümer über Centralaſien bis in die Nähe des Indus. An dem Tigris erhob ſich eine Nachfolgerin des alternden Babylon, Seleukia, zugleich eine Rivalin des neu gegründeten Alexandrien im Welthandel und bald ein großer Markt für den Handel zwiſchen Süden und Norden. Von dort aus ging eine Straße nach dem pontiſchen Komana am Iris und auf dieſem hinab nach Amiſos am Schwarzen Meere, von welcher Stadt Sinope jetzt überflügelt wurde; eine zweite Straße führte durch Armenien an den Pontus. Aber die Macht des Seleukidenreiches ſank raſch. Kaum ein halbes Jahrhundert war Seleukia der Punkt, über den Herrſchermacht den indiſchen Waarenzug zwängte, als ſich im Oſten, in Baktrien, die Macht der Parther erhob und einen großen Theil des indiſchen Verkehrs durch die Keyberpäſſe auf die alte baktriſche Straße lenkte, von der die Waaren den Oxus hinab durch das Kaspiſche Meer und weiter auf dem Kur und Phaſis im alten Kolcherlande an das Schwarze Meer gelangten. Hier vertheilten ſie ſich über die Städte 13 des Südoſtens, unter denen beſonders Dioskurias und Phaſis dieſem Straßenzuge einen Theil ihrer Blüthe verdankten. Für das griechiſche Mutterland war der Pontushandel von der allergrößten Bedeutung. Den griechiſchen Seeſtaaten mit ihrer ungemein dichten Bevölkerung von Handel⸗ und Gewerbtreibenden fehlte ein fruchtbares großes Hinterland; Erzeugniſſe des Ackerbaues und der Viehzucht hatte Griechenland, wenn man von Oel und Wein etwa abſieht, kaum in irgend nennenswerther Menge zur Ausfuhr oder zur Verarbeitung in ſeinen Fabriken; dagegen bedurfte es einer ſtarken Zufuhr an Lebensmitteln. Alles dies lieferte der Pontus in reicher Menge. Dabei mußte der Handel mit den pontiſchen Barbaren, namentlich der Weſt⸗, Nord⸗ und Oſtküſte außerordentlich gewinnbringend ſein, da für die letzteren die Arbeit des griechiſchen Handwerks ſehr werthvoll, mit der Zeit immer mehr unentbehrlich und der Martkt, den die griechiſchen Fabrikate unter ihnen fanden, ein faſt unermeßlicher war. So iſt es erklärlich, daß die griechiſchen Städte, wenn ſie der Lüſternheit der Bar⸗ baren zum Opfer fallen, doch wieder von neuem erſtehen. Die Barbaren ſelbſt konnten eben nicht ohne die Griechen fertig werden. So lebte Olbia, etwa 50 Jahr vor Chr. von den Geten ſo ausgeplündert und ver⸗ heert, daß es gänzlich verlaſſen wurde, doch bald wieder auf, wenn auch nur als ſchwächliches Abbild ſeiner früheren Größe. Denn die nämlichen Barbaren, die es geplündert hatten, bedurften nothwendig eines Handels⸗ platzes, und zwar eines ſolchen, wie nur die Griechen ihnen bieten konnten. Daher giebt denn nicht nur die Beſitzergreifung des Pontus dem griechiſchen Handel einen außerordent⸗ lichen Aufſchwung, ſondern wir ſehen auch alle die griechiſchen Staaten, die der Reihe nach die Suprematie im Handel und zur See haben, großes Gewicht auf den Verkehr mit dem Pontus legen. So die Mileſier und Megarenſer, die ihn koloniſiren, ſo die Athener, die an ſeiner Pforte, dem Bosporus, ſorgfältig Wache halten, ſo Rhodus, das einen Krieg gegen Byzanz führt, als dies einen Sundzoll im Bosporus zu erheben anfängt. Als aber der Handel Griechenlands ſinkt, da treten manche der Pontusſtädte erſt recht bedeutend hervor, namentlich Byzanz und Kyzikos. Die Handelsverbindungen des letzteren erſtreckten ſich in der römiſchen Kaiſerzeit vom äußerſten Ende des Schwarzen Meeres bis zu den Säulen des Herkules. Auch die Städte am Pontus ſelbſt behaupten in dieſer Zeit immer noch eine große Bedeutung, ſo daß z. B. in Dioskurias die Römer für ihre Geſchäfte hundert und dreißig Dolmetſcher nöthig hatten. So viele Völker verſchiedener Zungen verkehrten dort.. Aber mit der Blüthe des Handels und der Gewerbe ging es während der römiſchen Weltherrſchaft immer mehr abwärts und daher natürlich auch mit dem Handel des Schwarzen Meeres. Schon ehe die Römer die Weltherrſchaft antraten, hatte der Handel des Mittelmeeres ſeine höchſte Blüthe hinter ſich. Eine eigentliche Handelspolitik, wie ſie die Phönizier und Karthager, auch wohl die griechiſchen Republiken und die erſten Pto⸗ lemäer ausübten, hört mit dem Untergange Karthagos für die alte Welt faſt ganz auf; denn die Römer waren nie Kaufleute im höheren Sinne. Eine friedliche Herrſchaft durch Handelsbeziehungen etwa im Sinne der fleißig ſchaffenden Phönizier, deren Kaufleute in ihrer Weiſe auch Fürſten waren, iſt für die Römer etwas durchaus Unverſtändliches. Wollte man auch Aeußerungen wie die Ciceros, daß alle Handwerker ein niedriges Gewerbe treiben, daß der Kleinhandel eine verächtliche Beſchäftigung ſei und eigentlich nur auf Betrug gegründet, der Großhandel dagegen keinen ſtrengen Tadel verdiene, wollte man auch dieſe Aeußerungen nur als Ausfluß junkerhafter Anſichten gelten laſſen, ſo könnte man doch nie in Abrede ſtellen, daß die Art und Weiſe, wie ſich die Römer zu Handel und Gewerbe verhielten, den Cicero zu ſolcher Auffaſſung ſeinen Landsleuten gegenüber durchaus berechtigten. Die Wirkſamkeit ſeines Volkes in induſtrieller, handelspolitiſcher und nationalökonomiſcher Hinſicht beweiſt dies mit entſetzlicher Klarheit. Sie ließen allenfalls andere Völker ſich durch Handel und Induſtrie bereichern, um ſie alsdann mit roher Gewalt der Früchte ihrer Anſtrengungen 14 zu berauben. Ihr Handel verdient eigentlich mehr den Namen Wucher; von einer Induſtrie als Grundlage des Handels iſt vollends keine Rede; ihre Nationalökonomie ging auf das Verzehren, nicht auf das Vermehren der Reichthümer. Was viele Geſchlechter fleißiger Menſchen um das Becken des Mittelmeers herum in einer ſtattlichen Reihe von Jahrhunderten gewirkt und geſchafft, hat Rom in einer Weiſe vergeudet, daß die Kultur des Mittelmeers nach einem Siechthum weniger Jahrhunderte an Entkräftung geſtorben iſt. Man iſt geneigt, ſich hier den Einwurf zu machen, daß die Völker, die Rom ſeiner Herrſchaft unterwarf, ſchon alle mehr oder weniger im Niedergange begriffen waren. Aber die Araber haben zwei Jahrhunderte ſpäter gezeigt, was ſich mit dieſen Völkern bei richtigem Verſtändniß für Handel und Gewerbe erreichen ließ. Ein Handel exiſtirte allerdings nach wie vor auf dem Mittelmeere, ja ſogar ſtellenweiſe ein äußerſt leb⸗ hafter, da die ungeheuren Bedürfniſſe der Weltbeherrſcherin befriedigt werden mußten. Aber die Zufuhren nach Italien waren entweder Tribute der Provinzen oder wurden mit den Tributen der Provinzen bezahlt. Denn auszuführen hatte Italien bald ſo gut wie nichts. Das Ergebniß des Handels im Römerreiche konnte alſo nur ſein, daß einige der Provinzen einen Theil der Erpreſſungen wiedererhielten, und dieſem Umſtande verdanken ſie einen allmählich aber ſicher zurückgehenden Reſt von Kultur und Wohlſtand. Diejenigen, die ſich nicht durch beſondere Kunſtfertigkeit auszeichneten oder nicht von der Natur beſonders begünſtigt waren, ſei's dadurch, daß ſie eine günſtige Lage für den Handel beſaßen oder daß ſie vermöge ihrer Fruchtbarkeit Kornkammern von Italien waren, verarmten raſch— man denke nur an die Entvölkerung ſelbſt Griechen⸗ lands zur Zeit Plutarchs— die übrigen langſamer. So treten manche der alten Handelsſtädte noch immer als bedeutend hervor, wie Gades, Neu⸗Karthago, Maſſilia, Byzanz, Alexandrien und andere. Der Pontus, durch Byzanz vertreten, behauptet alſo an dem damaligen Handel ſeinen bedeutenden Antheil; aber alle übrigen Länder und Städte wurden doch weit überflügelt durch Aegypten und Alexandrien. Denn der Zufluß der indiſchen und arabiſchen Waaren über das Rothe Meer war durch nichts gehemmt, und ſeit der Mitte des erſten Jahrhunderts vor Chr. fuhren griechiſche Schiffe durch den Indiſchen Ocean nach der Malabarküſte. So mußten die zum Pontus führenden indiſchen Handelswege gegen dieſe kürzeſte und bequemſte Straße zurück⸗ treten. Durch den Kanal des Rothen Meeres floſſen denn auch die Edelmetalle, die ſich im Weſten an⸗ geſammelt hatten, ſo ſtark ab, daß ſchon unter den Nachfolgern Konſtantins ein Verbot der Goldausfuhr aus Italien erlaſſen wurde, natürlich vergeblich, da die Römer ſogar ihr tägliches Brot von der Fremde kaufen mußten und nur mit Gold bezahlen konnten. Der Einbruch der Germanen in die weſtlichen Länder des Reichs ließ dann die letzten Lebenskräfte ſich in dem Oſten zuſammendrängen. Bald kamen Aſien, Griechenland, Aegypten faſt außer aller Berührung mit dem Weſten und fanden ihren Mittelpunkt in Konſtantinopel. Handel und Gewerbe kamen hier zu einer gewiſſen Blüthe, und ſelbſt als das Vordringen der Araber Konſtantinopel von dem Verkehr mit Indien über das Rothe Meer abſchnitt und feindliche Politik im Bunde mit Religions⸗ haß die Scheidewand zwiſchen den Byzantinern und Arabern, welche den Handel in Aſien und Afrika zu der höchſten Blüthe brachten, aufrecht erhielt, riß doch der Faden des Verkehrs zwiſchen Indien und China einer⸗ ſeits und dem oſtrömiſchen Reiche andererſeits nie ab. Der Handel zwiſchen dem Abend⸗ und Morgenlande, dieſe Grundbedingung der Kultur des Alterthums wie des Mittelalters, wurde durch das oſtrömiſche Reich und vornehmlich durch ſeine Hauptſtadt Konſtantinopel lebendig erhalten, und ſo wurde das alte Byzanz, dieſe pontiſche Kolonie der Mileſier, die Vermittlerin der alten und neuen Kultur Europas. Aber nicht bloß rettete das byzantiniſche Reich, indem es mit einer auffallenden Zähigkeit alle Erſchütte⸗ rungen der Völkerwanderung und des Araberſturmes überdauerte, die Bauſteine der alten Kultur und des Handels, ſondern Byzanz ſchwang ſich auch in der zweiten Hälfte des Mittelalters durch ſeine Lage zu einem Welthandelsplatze empor, an dem die weſtlichen Barbaren die Waaren des Abend⸗ und Morgenlandes um⸗ 15 tauſchten und von dem aus zu den Völkern des Weſtens das Verlangen nach ungekannten Genüſſen drang und ſie zu erhöhter Thätigkeit antrieb. Dieſe Bedeutung in der Geſchichte des Handels verdankt aber Konſtantinopel nur ſeiner Lage und ſeiner alten Kultur, nicht der Tüchtigkeit und Strebſamkeit ſeiner Bewohner. Von der Natur mit einem ausgezeichneten Hafen verſehen gebot es durch ſeine Lage über die Schifffahrt zweier Meere; in Folge ſeiner Lage und ſeiner Kulturbedürfniſſe war es der Mittelpunkt von Ländern, die durch eigene wie als Durchgangsländer fremder Produkte von der höchſten Wichtigkeit waren. Dies alles ließ es für den Zwiſchenhandel wie geſchaffen erſcheinen. Aber dieſer Zwiſchenhandel war meiſt nur ein paſſiver, und ſelbſt dieſen ließen ſich die Byzantiner von ſtrebſameren Völkern mehr und mehr aus den Händen winden, theils in Folge ihrer Trägheit, welche durch die unſelige von Altrom überkommene innere Politik ſyſtematiſch großgezogen ward, theils in Folge der Schwäche und Hilfloſigkeit, die das rings von kriegeriſchen Feinden umgebene Reich zwang, für Handelsvorrechte die Hilfe ſelbſtſüchtiger Freunde zu erkaufen. Schließlich kam es dahin, daß die Fremden weit mehr Rechte be⸗ ſaßen als die eigenen Bürger. In den erſten Jahrhunderten Konſtantinopels zeigt ſein Handel im großen und ganzen denſelben Charakter wie der italieniſche in der römiſchen Kaiſerzeit, nur daß die Griechen noch mannigfach mit werthvollen In⸗ duſtrieerzeugniſſen die fremden Einfuhren bezahlen konnten. Aber die Verſchwendung der bevorzugten Klaſſen war dieſelbe; ebenſo wurde die entſittlichende Vertheilung der Lebensmittel fortgeſetzt, und um beides durch⸗ führen und außerdem die anſtürmenden Feinde durch fremde Söldner abwehren oder gar den Frieden von den Barbaren erkaufen zu können, mußte man das nöthige Geld durch ein räuberiſches Finanzſyſtem herbeiſchaffen. Namentlich die Staatsmonopole wirkten verderblich. Machte ſchon die Vertheilung der Lebensmittel die ver⸗ armte Maſſe arbeitsſcheu, ſo brachte die Monopoliſirung nicht nur von Luxusartikeln, wie Seide, ſondern auch der nothwendigſten Lebensmittel, wie Getreide, Oel, Wein, die arbeitende Bevölkerung um die Früchte ihres Fleißes. Die kornreichen Provinzen, namentlich Aegypten, mußten Getreide als Abgabe in die Magazine der Regierung liefern, und nur aus dieſen, nicht von den Producenten ſelbſt durften die Unterthanen kaufen. So konnte es nicht fehlen, daß in den Konſtantinopel nahe gelegenen Provinzen der Ackerbau ebenſo zu Grunde ging wie in Italien. Nach dem Verluſte Aegytens durch die Araber ſah ſich die Hauptſtadt des bedeutend geſchmälerten Reiches hinſichtlich der Zufuhr von Lebensmitteln noch mehr als früher auf die Pontusländer angewieſen und wie vor⸗ dem die Hellenen holten die Byzantiner ihr Schlachtvieh und ihr Getreide von den nördlichen Küſten dieſes Meeres. Der Handel mit denſelben, unterbrochen durch die Völkerwanderung, in deren Stürmen alle griechiſchen Kolonien an der Nordküſte bis auf ſchwache Reſte auf der Krim zu Grunde gegangen waren, wurde wieder ſehr lebhaft. Dieſer Verkehr war der einzige in dem die Byzantiner auch noch in den Zeiten der Italiener aktiv auftraten. Sie fuhren ſelber nach der Krim, um Getreide und Schlachtvieh zu holen und namentlich auch um Fiſche theils einzuhandeln, theils ſelber zu fangen. Noch im Anfange des 13. Jahrhunderts ſollen 1600 griechiſche Fahrzeuge mit dem Fiſchfange beſchäftigt geweſen ſein. Aber der bedeutendſte Zweig ihres Aktiv⸗ handels, die Getreideeinfuhr, kam zuletzt auch meiſt in die Hände der Genueſen. Auch für den Bezug der indiſchen Luxusgegenſtände war in Aegypten das Hauptemporium geweſen. Wie Alexandrien früher Italien verſorgt hatte, ſo richtete es jetzt ſeine Zufuhren nach Konſtantinopel. Daß da⸗ neben der Handel über Mittelaſien nicht aufhörte, erſieht man aus der bekannten Erzählung von der Verpflan⸗ zung der Seidenzucht— nicht der Seideninduſtrie, die längſt in Griechenland heimiſch war— nach Europa. Sie erfolgte im Jahre 550 nach Chr. auf Anlaß der Störung des Seidenhandels mit China durch die Perſer; 16 aber die Eier der Seidenwürmer, welche die Mönche nach China brachten, ſtammten ſchwerlich aus China ſelbſt; denn die Seidenzucht, im Anfange des 5. Jahrhunderts durch eine nach Khotan— öſtlich vom Be⸗ lurdagh an der uralten Karawanenſtraße von China nach Mittelaſien— verheirathete chineſiſche Prinzeſſin dorthin verpflanzt, hatte ſich ſeitdem ſchnell über Mittelaſien verbreitet. Seit der Gründung des arabiſchen Weltreichs mußte aber beſonders für die indiſchen Waaren eine Aen⸗ derung eintreten. Der Bezug derſelben über Aegypten wurde unterbrochen. Der Khalif Omar erbaute an dem vereinigten Euphrat und Tigris die Stadt Basra und lenkte den indiſchen Waarenzug über den perſiſchen Meerbuſen. Aegypten hat in dem Reiche der Khalifen nur mehr die Bedeutung eines Durchgangslandes zwiſchen Aſien und Afrika. So wird Konſtantinopel ſeine indiſchen Waaren auf dem Landwege vom Euphrat zum Pontus bezogen haben, namentlich über Trapezunt, das jetzt aufblüht. Auch die anderen Ueberlandwege von Centralaſien her werden nicht ganz außer Uebung gekommen ſein, bis ſie im 13. Jahrhundert durch die Venetianer wieder neu belebt wurden. Der Verkehr mit dem übrigen Europa war bis in die Zeiten der Kreuzzüge, wenn auch ſtetig wachſend, doch nicht von bedeutendem Umfange. Der Verbrauch morgenländiſcher Luxusartikel war dort gering; die Griechen gingen in ihrer Scheu vor Berührungen mit den Barbaren und bei ihrer ſchon hervorgehobenen Paſſivität im Handel nicht darauf aus, jene mit neuen Bedürfniſſen bekannt zu machen, und überdies trennte auch kirchlicher Zwieſpalt ſie von dem römiſch⸗katholiſchen Weſten. So konnte der Zwiſchen⸗ und Ausfuhrhandel nicht be⸗ deutend ſein. Aber abgeriſſen iſt die Verbindung mit dem Weſten nie, nachdem ſie durch die Eroberung Italiens unter Juſtinian auf einige Zeit wieder enger geknüpft war. Von außerordentlicher Wichtigkeit iſt hier das enge Verhältniß, in welchem ſeit der Gründung des Longobardenreichs die Griechen fortwährend mit den Bewohnern der venetiſchen Inſeln ſtanden. Dieſe Inſeln, von den Alpenflüſſen Venetiens an ihren Mündungen gebildet, wurden von einem abgehärteten, derben Geſchlechte bewohnt, das den Handelsſtädten Venetiens, Aauileja, Altinum, Padua, die Schiffer und Matroſen geliefert hatte. Der Hunnenſturm, die Kämpfe zwiſchen Griechen und Oſtgothen und ſchließlich der Einbruch der Longobarden hatten jene Städte zerſtört oder herabgebracht; aber die Bewohner der Inſeln, an weite Seefahrten gewöhnt, gaben den Verkehr nicht auf, vielmehr zogen ſie ihn vom Feſtlande, das in der Hand der Longobarden war, auf ihre Inſeln herüber. Dieſe geriethen nie in die Gewalt der Beherrſcher des Feſtlandes, da ſie ohne eine Seemacht, welche wohl die Venetier, nicht aber die germaniſchen Könige beſaßen, weder zu erobern noch zu behaupten waren. Hatten ſchon die Oſt⸗ gothen den Bewohnern Seevenetiens gegenüber nicht als Herren auftreten können, ſo vermochten die Longo⸗ barden und Franken es noch weniger. Denn ſeit den Zeiten des Exarchats Ravenna fanden dieſe Veneter, die als kräftige mit dem Meere vertraute Seeleute ſchätzbare Dienſte leiſten konnten, eifrige Beſchützer an den Griechen. Ja noch mehr; auch eine möglichſt wohlwollende Regierung übten die Byzantiner über dieſes See⸗ land aus, das zwiſchen zwei Mächten in der Mitte ſtehend jeden Augenblick ſich dem Gegner in die Arme werfen konnte. So erſtarkte das venetiſche Gemeinweſen auf den Inſeln; die byzantiniſchen Gebieter ſtiegen nach und nach zu der Stellung von Beſchützern, von Verbündeten, von Beſchützten— von Beherrſchten herab.— Schon im 8. Jahrhundert treten die Veneter als italiſche Seemacht auf, indem ſie den Longo⸗ barden Ravenna entreißen. Selbſt Karl der Große vermochte weder durch Gewalt, noch durch Ränke Herr der Inſeln zu werden. Nur Otto I. gelang es dieſelben thatſächlich unter ſeine Herrſchaft zu bringen, indem er den Dogen gewann und ihm zur Errichtung einer tyranniſchen Regierung behilflich war. Das Beſtreben der Dogen, ihrem Geſchlechte die erbliche Herrſchaft unter der Oberhoheit des abendländiſchen Kaiſers zu ſichern, ſtützte ſich auf eine Partei, die ihre Handelsvortheile zu den fränkiſchen oder deutſchen Kaiſern hinüber⸗ 17 zogen, während die Gegenpartei, durch ihre Handelsverbindungen auf das byzantiniſche Reich hingewieſen, die bürgerliche Freiheit zu begründen ſuchte und hierin— auf den erſten Blick eine auffallende Erſcheinung— von den griechiſchen Kaiſern unterſtützt wurde. Die letzteren konnten eben ihr Intereſſe nur ſo weit wahren, daß ſie ihren ſtreitbaren Schützling abhielten, auf die Seite der weſtlichen Kaiſer zu treten. Unter dieſen Verhältniſſen wuchs, nicht ohne vielfache Kämpfe, die innere Freiheit und Kraft Venetiens empor bis es ſtark genug war, auch in der Mitte großer Reiche auf eigenen Füßen zu ſtehen. Die byzantiniſche Partei umgab den Dogen mit Garantien, daß er nicht um den Preis der Tyrannis Venetien an die Franken verkaufte, und der oſtrömiſche Kaiſer ſah dies gern, weil die Dogen ſich ſo weniger leicht unabhängig machen konnten. In dieſer Schule erwarb Venedig ſeine Staatskunſt, in deren Ausübung es byzantiniſche Feinheit verband mit der Kraft freier Bürger, die, zwiſchen großen Mächten in der Mitte ſtehend, mit aller Anſtrengung rangen, ſelber ſo mächtig zu werden, daß ſie gefürchtet wurden, nicht zu fürchten brauchten. Aus dem Geſagten geht hervor, daß dieſe ganze Entwickelung Venedigs aufs engſte mit den Handels⸗ verhältniſſen deſſelben zuſammenhängt, ja ſich eigentlich nur um dieſe dreht. Suchte Venedig nichts als Sicher⸗ heit vor den Herrſchern des Abendlandes, ſo konnte es dieſelbe durch Abſperrung leicht erreichen. Durch ſeine inſulare Lage und ſeine Seemacht war es für dieſelben unerreichbar. Aber Venedig war ſchon der Knoten⸗ punkt des Verkehrs zwiſchen dem Abend⸗ und Morgenlande; jene beiden Parteien waren erwachſen, die eine aus der Sorge, daß die Franken, die andere, daß die Byzantiner durch Handelsſperren ihre Erwerbsquellen abſchneiden möchten. Ihre Handelsverbindungen erſtreckten ſich auch ſchon früh weit in die weſtlichen Völker hinein. Nicht nur hatten ſie ſchon die longobardiſchen Könige mit Einfuhrartikeln aus Konſtantinopel verſehen, ſondern ſie haben auch zu Karls des Großen Zeiten ſchon viele feſte Niederlaſſungen im Frankenreiche. Von ihnen hatten die Hofleute Karls des Großen jene ſchönen Stoffe gekauft, die ſie auf der bekannten Jagd in Buſch und Dorn zerriſſen. Dieſelben werden uns genannt: Goldfaſanen⸗, Straußen⸗, Pfauen⸗Federn, Sammet und Seide, ſyriſche Purpurſtoffe, Zobel⸗ und Hermelinpelze. Daß ſie zu derſelben Zeit ſchon feſte Nieder⸗ laſſungen im Frankenreiche beſaßen, geht aus dem Aachener Frieden(810) hervor, in welchem See⸗Venetien den Byzantinern überlaſſen und den Venetern im ganzen Umfange des Frankenreichs die Befugniß Nieder⸗ laſſungen zu gründen und Grundeigenthum zu erwerben, ertheilt wird, Rechte, die ſie im byzantiniſchen Reiche ſchon lange beſaßen und die ihnen von den Nachfolgern Karls des Großen mehrfach beſtätigt, von Otto III. noch vermehrt wurden. Dieſe Angaben beweiſen die enge Verbindung Venedigs mit Konſtantinopel ſeit den Zeiten Juſtinians, ſie beweiſen ferner, daß Venedig in jenen Zeiten ein Knotenpunkt für den Handel des Morgen⸗ und Abend⸗ landes iſt. Ihr Verkehr im Morgenlande beſchränkt ſich aber nicht bloß auf Konſtantinopel und das byzan⸗ tiniſche Reich; auch nach Syrien und Aegypten fahren ihre Schiffe. Sie brachten den Saracenen des holz⸗ und metallarmen Nillandes Balken, Maſten und Planken zum Bau von Schiffen, Waffen, Eiſen und andere Metalle. Hiermit rüſteten jene die Flotten aus, die zum Kampfe gegen die Chriſten das Mittelmeer befuhren. Wie große Maſſen Bauholz nach den Ländern der Saracenen ausgeführt wurden, dafür giebt heute noch die Waldarmuth der an Venetien grenzenden Länder deutliche Beweiſe. Auch der Handel mit Waffen muß ſehr bedeutend geweſen ſein. Feine Stahlwaffen wurden zwar in Damaskus und anderen Städten Syriens in weit größerer Vollkommenheit verfertigt; aber zur Bewaffnung der großen Maſſen der ſaraceniſchen Heere bediente man ſich vorzugsweiſe der Waffen, die aus Mitteleuropa kamen. Auch Sklaven führten ſie den Sa⸗ racenen in Menge zu und ſetzten ſich dabei über religiöſe Bedenken ſo vollſtäudig hinweg, daß ſie ſelbſt Chriſten in die Sklaverei der Ungläubigen ſchleppten. Alles dies erſieht man aus den zahlreichen Verboten, die gegen den Sklavenhandel auf Veranlaſſung der Kirche(876; 943; 960), gegen den Handel mit Waffen und Schiff⸗ 3 18 baumaterialien nach Alexandrien auf Veranlaſſung der griechiſchen Kaiſer(z. B. 971) erlaſſen wurden. Die jene Verbote begleitenden Klagen über Nichtbefolgung früherer beweiſen, daß ſie nichts halfen. In welchem Maßſtabe und unter welchen Vorwänden ſie übertreten wurden, zeigt auch der Bericht von den Umſtänden, unter denen im J. 828 die Leiche des Evangeliſten Markus von Alexandrien nach Venedig gebracht wurde. Es geſchah dies von zwei vornehmen venetianiſchen Kaufleuten,„die trotz des vor einiger Zeit veröffentlichten Verbots mit zehn wohlbeladenen Schiffen in Alexandrien eingelaufen waren, weil ſie ein heftiger Wind in den dortigen Hafen trieb.“ Jenes Verbot des griechiſchen Kaiſers aus dem J. 971 fällt in die Regierungszeit Otto's des Großen, in der die Beziehungen zu Konſtantinopel bedeutend erkaltet waren; denn der Kaiſer droht bei Gelegenheit jenes Verbots die venetianiſchen Schiffe mit Feuer und Schwert zu vernichten, wenn die Lieferungen von Schiffbauholz und Waffen an die Saracenen nicht aufhörten. Später wurden die Beziehungen wieder inniger. Die byzantiniſche Partei in Venedig bekommt wieder die Oberhand; die Venetianer leiſten den Kaiſern wie früher Beiſtand mit ihrer Flotte und zu den früheren Rechten die ſie in Konſtantinopel und Romanien be⸗ ſaßen bekamen ſie durch einen Vertrag vom J. 992 werthvolle neue. Dieſe„goldene Bulle“ verwilligt ihnen bedeutende Zollermäßigungen. Statt der 30 Goldſchillinge, die bisher jedes Schiff bezahlen mußte, ſollen von venetianiſchen Schiffen— nicht aber von denen der Amalfitaner und der Einwohner von Bari, das unter griechiſcher Herrſchaft ſtand— fortan nur zwei Schillinge beim Einlaufen und 15 Schillinge beim Auslaufen bezahlt werden. Offenbar weil die Einfuhren: Holz, Eiſen, Eiſenwaaren, Getreide, Wollſtoffe, Sklaven, Rauchfleiſch weit weniger koſtbar und weit voluminöſer waren als die Ausfuhren: Gewürze, Seide, Pelzwerk, Leckereien, feines Leder, feine Waffen, alſo Waaren des Orients und der hochentwickelten griechiſchen Luxusinduſtrie. Ferner wird ihnen bis zu einem gewiſſen Grade eigene Gerichtsbarkeit in Konſtantinopel be⸗ willigt. Veneter in Verbindung mit nur einem hohen byzantiniſchen Beamten ſollen die Händel der Veneter unter ſich und mit griechiſchen Unterthanen ſchlichten, und nur jener eine Beamte das Recht haben, venetiſche Schiffe anzuhalten und zu unterſuchen. Offenbar außerordentlich werthvolle Zugeſtändniſſe, namentlich wenn man bedenkt, daß es weit weniger toſtſpielig war, einen einzigen, als die ganze Schaar der byzantiniſchen Zoll⸗ beamten zu beſtechen. Aber die in dieſem Vertrage gewährten Rechte werden noch weit übertroffen von denen des Vertrags von 1084. Die Normannen hatten den Byzantinern den Untergang gedroht und Venedig alle Kraft ange⸗ ſtrengt, dieſelben zu ſeinem eigenen Vortheil zu retten. Denn herrſchten die Normannen auf beiden Seiten des adriatiſchen Meeres, ſo war Venedig vom Mittelmeere abgeſperrt und ſein Handel vernichtet. Allerdings hatte es große Opfer gebracht: 13,000 Veneter ſollen nach einer Angabe in der Seeſchlacht bei Korfu um⸗ gekommen, 2700 lebendig gefangen ſein. Aber die Belohnungen für dieſe„unermeßlichen“ Dienſte waren auch unerhört. Die Venetianer durften fortan frei Handel treiben mit allen möglichen Waaren in jedem Theile des Reichs ohne den geringſten Zoll oder irgend welche Abgabe, wie auch ihr Name lauten möge, zu ent⸗ richten. Sie ſollten ferner befreit ſein von jeder griechiſchen Hoheit, während in der goldenen Bulle von 992 die Kaiſer ſich die oberſte Gerichtsbarkeit noch bewahrt hatten. Schließlich werden noch ſtrenge Strafen allen Griechen angedroht, welche die den Venetianern in dieſem Vertrage gewährten Rechte antaſten würden. Man ſah alſo einen heftigen Widerſtand voraus, und mit Recht; denn der griechiſche Handelsſtand mußte durch die Ausnahmeſtellung der Venetianer im Reiche gänzlich vernichtet werden. Jener war mit Steuern überbürdet, dieſe bezahlten weder Zölle noch Steuern. Und ſo iſt es denn auch in der That gekommen. Die griechiſchen Kaufleute, an ſich gemächlich, hatten ihre Schifffahrt mehr und mehr auf den Pontus beſchränkt und die Fahrten im Mittelmeere den Italienern 19 überlaſſen. Die Marine dieſer war immer mehr gewachſen, die jener immer mehr zurückgegangen. Schließlich entriſſen die Venetianer den Griechen in ihrem eigenen Lande nicht nur den Zwiſchenhandel, ſondern bemäch⸗ tigten ſich auch der wichtigſten Induſtriezweige, namentlich der Seideninduſtrie. In Menge ließen ſie ſich in Konſtantinopel nieder und verheiratheten ſich mit Töchtern aus angeſehenen Häuſern; das griechiſche Reich mit alle den außerordentlichen Vortheilen, die es für den Verkehr bot, beuteten ſie auf das rückſichtsloſeſte aus. Aber nicht bloß die Venetianer, auch die Amalfitaner, ſpäter die Genueſen und Piſaner errangen Handels⸗ vorrechte in Konſtantinopel. Auch ſie waren zu Hilfeleiſtungen mit ihren Flotten gegen Vorrechte bereit und erhielten ſie auf Koſten der griechiſchen Unterthanen. Die byzantiniſche Regierung zog daraus einen Vortheil, der die Exiſtenz des Reichs noch auf einige Jahrhunderte friſtete. Sie waren jetzt nicht mehr auf die Hilfe der Venetianer allein angewieſen, ſondern konnten ſogar bei der zwiſchen den italieniſchen Handelsrepubliken beſtehenden Eiferſucht die Macht der einen gegen die andere benutzen. Daß ſie dies thaten, zeigt das ernſt⸗ liche Zerwürfniß mit Venedig in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Die Venetianer hatten ihre Hilfe gegen Wilhelm von Sicilien verweigert, weil das lange von ihnen bekämpfte Normannenreich in Folge einer blühenden Seideninduſtrie und der Anpflanzung des Zuckerrohrs für ihren Handel von Wichtigkeit geworden war. Vorſichtig rief Venedig alle ſeine Angehörigen aus dem griechiſchen Reiche zurück und verbot den Verkehr mit dem⸗ ſelben. Aber getäuſcht durch hinterliſtige Verſprechungen des Kaiſers Manuel nahm es das Verbot zurück, und nun ließ dieſer alle in ſeinem Reiche befindlichen Venetianer, gegen 20,000, die nach Aufhebung der Handelsſperre mit reichen Ladungen nach Konſtantinopel gefahren waren, feſtnehmen und ihr Eigenthum konfisciren. 1171. Erſt nach 10 Jahren fand eine Ausſöhnung Statt. Aber Venedig vergalt die Hinterliſt durch den Umſturz des byzan⸗ tiniſchen Kaiſerreichs im Jahre 1204. Die Gründung des lateiniſchen Kaiſerthums gab dann vollends den ganzen Handel des Pontus und Konſtantinopels in die Hände der Venetianer, die nun auch ihre italieniſchen Mitbewerber mit Erfolg verdrängen konnten. Sie erhielten nicht nur neue Vorrechte zu den alten, ſondern auch reiche Provinzen des griechiſchen Reichs, die Sitze des Seidenbaues und der Seideninduſtrie: Morea, Epirus, Akarnanien, ferner die ioniſchen Inſeln, Kandia, Cypern und die wichtigſten Inſeln des ägeiſchen Meeres. Parallel mit dem Handel der Italiener durch den Bosporus hatte ſich aber auch auf den großen in den Pontus mündenden Strömen wieder ein reger Verkehr entwickelt, welcher den pontiſchen Handel der Hellenen an Ausdehnung und namentlich an Bedeutung für die Kulturgeſchichte weit übertraf. Vor allem tritt die Donauſtraße, im Alterthum minder wichtig, mit immer ſteigender Bedeutung hervor. Die Länder, welche die untere und mittlere Donau durchzieht, wechſelten nach der Völkerwanderung mehrfach ihre Herren, ſo daß nach einander verſchiedene Völker den Verkehr zwiſchen Konſtantinopel und dem Nordweſten vermitteln. Zuerſt finden wir die Avaren im Beſitz dieſes Zwiſchenhandels. Ob ſie ſelber nach Konſtantinopel gingen, oder ob die Griechen zu ihnen kamen, iſt nicht bekannt. Sie bringen die griechiſchen Waaren nach dem alten Biſchofsſitze Lorch bei Enns, und ſpäter, als der Biſchofsſitz nach Paſſau verlegt wird, erſcheint dies als Stapelplatz der griechiſchen Waaren. Ihre Nachfolger ſind vom 9. Jahrhunderte an die Bulgaren, die bei der Paſſivität der griechiſchen Kaufleute ſelber nach Konſtantinopel gehen und große Reichthümer erwerben. Sie verlieren im Anfange des 11. Jahrhunderts ihre Selbſtſtändigkeit, und nun treten, durch den großen Strom ihres Landes zum Handel aufgefordert, die Ungarn an ihre Stelle, die etwa anderthalb Jahrhunderte den Zwiſchenhandel zwiſchen Deutſchland und Konſtantinopel behaupten. Auch ſie reiſen ſelber nach Konſtantinopel, ja ſie müſſen ſogar feſte Niederlaſſungen daſelbſt gehabt oder wenigſtens in ihren Geſchäften lange dort verweilt haben, da ihnen ihr König Stephan eine prächtige Kirche in dieſer Stadt erbauen ließ. Jedenfalls muß man hieraus auf einen nicht unbedeutenden Verkehr der Ungarn nach Konſtantinopel ſchließen. 3* 20 Ihre volle Wichtigkeit gewinnt indeſſen die Donauſtraße erſt, als die Deutſchen, die ſich bisher in Bezug auf den Handel mit Konſtantinopel paſſiv verhalten hatten, aktiv auftraten. Dies geſchah in größerem Maßſtabe ſeit dem Beginn der Kreuzziſge. Die außerordentliche Bedeutung derſelben für die Entwickelung des Handels im mittleren und weſtlichen Europa hier näher auseinander zu ſetzen, würde uns zu weit führen. Erſt durch die Kreuzzüge wurden die Produkte Indiens in weiteren Kreiſen des Abendlandes zum Bedirfniſſe; erſt durch das rege Leben, welches ſie im mittleren und weſtlichen Europa hervorriefen, nahm die Induſtrie einen Aufſchwung, der einen bedeutenden Handel ermöglichte; erſt durch dieſe Völkerwanderung nach Oſten, bei der die Donau den Deutſchen als Heerſtraße diente, wurde ſie auch als Handelsſtraße denſelben geläufig. So nimmt denn im 12. und 13. Jahrhundert der Handelsgeiſt der Deutſchen einen mächtigen Aufſchwung. Unter dem Einfluſſe der Donauſtraße kommen zuerſt die Oberdeutſchen zu Reichthum und höherer Kultur; ſie waren Konſtantinopel, dem Stapelplatze zwiſchen Orient und Occident, näher. Schon 1140 iſt die Zahl der in Konſtantinopel anſäſſigen Deutſchen ſo groß, daß man ihnen eine eigene Kirche zugeſteht. Die Donau⸗ ſtädte blühen nun raſch empor: Regensburg wurde die reichſte und bevölkertſte Stadt Deutſchlands. So be⸗ fruchtend wirkte die Nähe Konſtantinopels und des Schwarzen Meeres, und ſo lange jene Stadt der Haupt⸗ markt für die indiſchen Waaren blieb, dauerte auch dieſer Großhandel der Deutſchen nach dem Pontus. In Konſtantinopel trafen die Deutſchen nicht bloß mit den Italienern, von denen ſie die indiſchen Waaren einhandelten, ſondern auch mit den in den nördlichen Pontusländern wohnenden Völkern zuſammen. Wir haben ſchon früher geſehen, daß die Griechen, namentlich ſeit ihnen Aegypten durch die Araber ent⸗ riſſen war, die wichtigſten Lebensbedürfniſſe aus den Ländern im nördlichen Bereich des Pontus holen mußten. Aber auch deren Bewohner waren, wie früher auf die Hellenen, ſo jetzt auf die Byzantiner angewieſen, als das einzige Kulturvolk, welches weiter gehende Bedürfniſſe befriedigen konnte. So mußte ſich nothwendig zwiſchen beiden ein lebhafterer Verkehr entwickeln, ſobald in jenen nördlichen an den unentbehrlichſten Pro⸗ dukten ſo reichen Ländern die Völker zu einiger Ruhe gekommen waren. Zwiſchen den Weſtküſten der Krim und den Mündungen der Wolga ſaßen bis zum Mongolenſturme die Chazaren, zwiſchen dem mäotiſchen See und den Donaumündungen dagegen vom Anfange des 10. Jahrhunderts an die Petſchenegen und von dem des 12. an die Komanen und Polowzer. Mit dieſen Völkern ſtanden die Griechen beſtändig in Handels⸗ verbindungen, die, wenn auch nicht anfänglich, ſo doch ſpäter dahin führen, daß jene ſelber nach Konſtanti⸗ nopel kommen, wo z. B. 1043 blutige Händel mit ihren Kaufleuten ausbrechen. Wichtiger aber als dieſe ſind die über den Petſchenegen wohnenden Ruſſen. Ihre kühnen Herrſcher zogen, ſo lange das normänniſche Blut der Seckönige ſie zu weiten Raubfahrten trieb, auf der Waſſerſtraße des Dnjepr gegen das byzantiniſche Reich und trotzten ihm Tribut ab; ſpäter ſehen wir die Waräger bei den Kaiſern in Kriegsdienſte treten, und daneben geſtaltet ſich ein reger Handelsverkehr, der ſchon im Beginne des 10. Jahrhunderts durch Ver⸗ träge geregelt wird. Aber wieder gehen die Griechen nicht zu den Fremden, ſondern dieſe kommen nach Kon⸗ ſtantinopel, wo ſie ſehr geehrt wurden. Von Nowgorod im Bereich des baltiſchen Meeres, von Tſchernigow an der Desna, von Mielniza in Volhynien kamen die ruſſiſchen Kaufleute in Kiew zuſammen und vereinigten ſich hier, um den etwaigen Anfällen der Petſchenegen am unteren Dnjepr gewachſen zu ſein, in großer Zahl zu gemeinſchaftlichen Fahrten nach Konſtantinopel. So ſtand der Pontus mit den Oſtſeeländern durch die Dnjeprſtraße in Verbindung und auf dieſer kam mit den griechiſchen Waaren auch das griechiſche Chriſtenthum zu den Ruſſen. In Konſtantinopel trafen dieſe mit den Italienern und bald auch mit den Deutſchen zu⸗ ſammen. Kein Wunder, daß deren rührige Kaufleute die bequemen Griechen, welche ſich nur auf die Lage und den Ruf ihres Handelsplatzes verließen und überdies durch Monopole eingeengt waren, bald im Verkehr mit den Ruſſen überflügelten und Konſtantinopel mit Uebergehung der Griechen für die Fremden bald nur 21 ein Tauſchplatz wurde. Damit war aber der Grund des guten Verhältniſſes zwiſchen Byzantinern und Ruſſen weggefallen; man ſuchte die letzteren in ihrem Verkehr mit den Fremden zu Gunſten der einheimiſchen Kauf⸗ leute zu beſchränken. Man verbot ihnen in Konſtantinopel zu überwintern. Aber der Erfolg war ein ganz anderer als man erwartet hatte. Denn ſtatt ſich dieſen Maßregeln zu unterwerfen, gingen die thätigen Italiener den Ruſſen bis an die Mündung des Dnjepr entgegen, und die Deutſchen, welche einmal in Konſtantinopel den Handel mit den Ruſſen kennen gelernt hatten, ſuchten deren Waaren ſogar an der Quelle auf. Sie gingen auf geradem Wege nach Kiew ſelbſt. So wurde dieſe Stadt ein bedeutender Handelsplatz. Von Kon⸗ ſtantinopel aber blieben die Ruſſen, denen die Venetianer die früher auf dieſem Markte erhandelten Waaren nach Oleſch, dem ruſſiſchen Stapelplatze an der Mündung des Dnjepr, entgegenbrachten, immer mehr weg. Im Anfang des 13. Jahrhunderts, gerade in der Zeit, in welcher der Pontushandel in ſeine glänzendſte Periode eintrat, verödete die„griechiſche Straße“, der Dnjepr, allmählich. Die Gründung des lateiniſchen Kaiſer⸗ thums veranlaßte die Ruſſen auch aus religiöſen Gründen Konſtantinopel zu meiden. Dazu wurde Kiew wiederholt erſtürmt und geplündert, zuletzt 1240 durch die Mongolen. Der Sitz des Großfürſtenthums war ſchon früher, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, von Kiew nach Wladimir zwiſchen Oka und Wolga verlegt, und der Verkehr Kiews zog ſich nach dem 1220 gegründeten Niſchnii Nowgorod. Damit ging aber der ruſſiſche Handel dem Pontus nicht verloren, ſondern er wandte ſich nur mehr der Wolgaſtraße zu, die vermittels des Don auch zum Schwarzen Meere führte. Die Chazaren am Don und auf der Krim waren gleichfalls früh mit Konſtantinopel in Verkehr getreten; aber weit bedeutender war ſeit der Gründung des Khalifenreichs ihr Handel mit den Arabern. Ihre Haupt⸗ ſtadt, etwa an der Stelle des heutigen Aſtrachan an der Wolga gelegen, hieß wie dieſer Fluß ſelbſt Atel, Itel, Itil. Sie erlangte durch den Handel mit den Arabern eine große Bedeutung, da ſie die Vorzüge eines Seehafens vereinigte mit der Lage an der Aus⸗ und Eingangspcforte eines mächtigen, an unentbehrlichen Pro⸗ dukten reichen Stromgebiets. Dazu kam der ungemein bedeutende Fiſchfang in den vielverzweigten Mündungen der Wolga. Alle die bekannten Produkte des Wolgagebiets holten die Araber von den Chazaren, namentlich aber auch das koſtbare nordiſche Pelzwerk. Das Verlangen nach dieſem von der arabiſchen Mode vielbegehrten Artikel wird es auch vorzugsweiſe geweſen ſein, was die Araber in ihrem weitſtrebenden Handelsgeiſte bis tief in den Norden Europas hineinzog. Hier wohnte um Kama und Wolga herum ein Theil des Volks, dem wir früher ſchon an der Donau begegnet ſind, der Bulgaren. Ihre Hauptſtadt, Bulgar, wird am Zu⸗ ſammenfluſſe der beiden Ströme gelegen haben, welche ihr nach Oſten, Norden, Weſten und Süden die weiteſten Verbindungen eröffneten. Daher ward ſie zu einem wichtigen Handelsplatze, auf dem die Araber auch mit den Ruſſen zuſammentrafen und außer Pelzen namentlich noch Bernſtein, Sklaven und Leder er⸗ hielten. Wie die Dnjeprſtraße der Verbreitung des Chriſtenthums, ſo diente die Wolga der des Islam. Dieſer war bei den Chazaren und Bulgaren, wenn nicht die allein herrſchende, ſo doch die vorzugsweiſe begünſtigte Religion, und bis tief ins Wolgagebiet hinein erhoben ſich Minarets und Moſcheen. Nach dem Verfalle des Khalifenreichs wandte ſich der Verkehr der Wolgaländer dem Pontus und Kon⸗ ſtantinopel zu, und ſo ſehen wir denn an der Mündung des Don auch bald die Italiener erſcheinen. Im 12. Jahrhundert iſt der Verkehr Konſtantinopels mit den Chazaren in vollem Gange. So haben wir mehr und mehr ein lebhaftes Handelstreiben auf dem Schwarzen Meere ſich entwickeln ſehen. Von allen Seiten ſtrömen die europäiſchen Völker auf ihm zuſammen. Er iſt der Mittelpunkt, in dem ſich alle Radien des Verkehrs von Oſt⸗, Nord⸗, Mittel⸗ und Süd⸗Europa vereinigen. Aber die höchſte Blüthe des Pontushandels ſollte erſt noch eintreten durch ein Ereigniß, das wie die Belebung des deutſchen 22 Handels auf der Donauſtraße eine Folge der Kreuzzüge war und die Don⸗Wolga⸗Straße zu der den Verkehr Chinas und Indiens mit Europa hauptſächlich vermittelnden Welthandelsſtraße erhob. Schon im 12. Jahrhundert hatte ſich Aegypten zu einer Großmacht erhoben, der namentlich das Scheitern der Kreuzzüge beizumeſſen war. Mittelbar trugen hieran die Chriſten zum großen Theil ſelbſt die Schuld. Denn wenn auch das Nilland durch ſeine außerordentliche Fruchtbarkeit und ſeine ausgezeichnete Weltlage ſtets zu Bedeutung und hoher Blüthe gelangt iſt, ſobald es ſich längere Zeit geordneter Zuſtände erfreute, ſo ver⸗ dankte es doch im Mittelalter dem europäiſchen Handel nicht nur den größten Theil ſeines Reichthums, ſon⸗ dern es wurde durch die Italiener geradezu erſt gegen die Chriſten bewaffnet. Mit den im Verkehr mit den Italienern gewonnenen Schätzen kaufte man die Sklaven zur Bildung der Heere, kaufte man die Waffen zu deren Ausrüſtung, kaufte man das Holz, den Hanf, den Theer und die ſonſtigen Materialien zum Schiffbau. Und wiederum führten alle dieſe Gegenſtände den Herrſchern Aegyptens europäiſche Schiffe zu. Dieſelben Städte, welche die Kreuzzüge im Intereſſe ihres Handels nach Kräften förderten, verſorgten auch die Gegner der Chriſten mit allem was zur Kriegführung gehört, und oft kam es vor, daß die Saracenen beſſer bedient wurden als die chriſtlichen Heere. Von jeher ſahen deshalb die chriſtlichen Völker den Handel mit Alexandrien voll Unwillens. Man konnte dieſen gefährlichſten Feind ihrer Religion entwaffnen, wenn man ihm nicht ſelber die Waffen zuführte. Was war alſo natürlicher, als daß das Haupt der Chriſtenheit dieſen Handel unter⸗ ſagte? So erneuerte denn die Lateraniſche Kirchenverſammlung des Jahres 1178 das Verbot der griechiſchen Kaiſer und früherer Päpſte, den Muhamedanern Sklaven, Waffen, Eiſen, Schiffbauholz und andere Kriegs⸗ bedürfniſſe zu verkaufen. Aber dieſe Gegenſtände waren es gerade, mit denen die Chriſten in Alexandrien die indiſchen Waaren bezahlten, ſo daß in Wirklichkeit dies Verbot den Handel mit Aegypten und Syrien überhaupt unterſagte. Unter dieſen Verhältniſſen mußte daſſelbe nicht geringen Einfluß auf den Entſchluß der Venetianer zur Eroberung Konſtantinopels haben. Die übrigen Handelswege nach Indien waren durch das Verbot geſperrt; es galt ſich des Ueberlandwegs für alle Fälle zu verſichern. Der uralte Waarenzug durch die Bucharei hatte nie aufgehört und Balkh, Buchara, Samarkand waren ſtets Emporien der indiſchen und chineſiſchen Waaren geblieben. Am Don aber hatten die Venetianer ſchon 1180 den Stapelplatz Tana in der Nähe des heutigen Azow gegründet, auf dem wir am Ende des 12. Jahrhunderts ein venetianiſches Konſulat finden. Von dort aus wurde jetzt der Verkehr mit der Bucharei neu belebt; Tana wurde für einige Zeit das, was in kleinerem Maßſtabe Phaſis und Dioskurias im Alterthum geweſen waren: die Endſtation des baktriſchen Verkehrs am Pontus. Seine Lage ſchon weiſt darauf hin, daß dieſer Verkehr vom Kaspiſchen bis an das Schwarze Meer einen anderen Weg einſchlug als zur Zeit der Hellenen. Nicht den Kur auf⸗ und den Phaſis abwärts gingen die morgenländiſchen Waaren, ſondern die Wolga hinauf bis nach dem heutigen Sarepta, dann zum Don hinüber und dieſen hinunter. Den Venetianern folgten bald auch die Genueſen und Piſaner; große Waaren⸗ lager entſtanden in Tana, wo auch die Produkte des Wolgagebiets und der Länder bis zur Oſtſee und dem Weißen Meere zuſammenſtrömten, und die Stadt blühte raſch empor. Der Umſchlag der politiſchen Ver⸗ hältniſſe in Konſtantinopel, wo die Genueſen im Jahre 1261 das griechiſche Kaiſerthum wieder herſtellten, verminderte die Bedeutung der Donmündung nicht, wenn auch das Uebergewicht der Genueſen bewirkte, daß deren Kolonie Kaffa, an der Stelle des alten Theodoſia gegründet, emporblühte, Tana dagegen ſank. Viel⸗ mehr nahm der Pontushandel unter der Herrſchaft der Genueſen noch an Bedeutung zu, da ſie ſich der Pflege und Erweiterung deſſelben vorzugsweiſe widmeten. Zahlreiche Niederlaſſungen entſtanden in allen Theilen der Krim, wie an den wichtigſten Punkten der nördlichen und ſüdlichen Geſtade, meiſt mit ſtarken Befeſtigungen verſehen, deren Trümmer noch heute von der Macht und Größe Genuas in jener Zeit Zeugniß ablegen. Im 23 Kaukaſus bauten ihre Bergleute auf Silber; ihre Schiffe befuhren das Kaspiſche Meer; bis in die Bucharei hinein gingen die Italiener, um die indiſchen und chineſiſchen Waaren aus einer früheren Hand zu erhalten, und ſelbſt die für jene Zeiten fabelhaft erſcheinenden Handelsreiſen nach China ſcheuten ſie nicht. Es war dies die Zeit, wo die Mongolen ihre Herrſchaft über Oſteuropa, Mittelaſien und China ausgebreitet und erſt an der Mammelukenmacht in Syrien eine Grenze gefunden hatten. In Folge ihrer Feindſchaft mit den Sa⸗ racenen wurden ſie die natürlichen Bundesgenoſſen der Chriſten, ſo daß zahlreiche Verſuche, ſie für das Chriſtenthum zu gewinnen, gemacht wurden. Die Miſſionsreiſen zu den Mongolenkaiſern brachten die erſte Kunde von dem Volke der Chineſen nach Europa, deren fernes Land die Sage zu einem Lande der Wunder ausſchmückte. Nach dieſem Lande der Wunder gelangten dann bald zwei venetianiſche Kaufleute, die Poli— 1260— 1269— deren Spuren die Karawanen fränkiſcher Kaufleute bis nach Peking folgten. Der Weg, der ſich nach einem erhaltenen Itinerar im großen und ganzen noch verfolgen läßt, war faſt überall völlig gefahrlos und wurde bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts von den Italienern benutzt, bis zu welcher Zeit auch der Klang chriſtlicher Kirchenglocken in Peking ertönte, der mit dem Sturze der Mongolendynaſtie verſtummte. Dieſe Freundſchaft mit den Mongolen kam dem Handel der Chriſten im Schwarzen Meere ſehr zu Statten. Verträge mit den Mongolenfürſten ſicherten nicht bloß ihre Kolonien am Pontus, ſondern gewährten ihnen auch niedrige Zölle, eigene Gerichtsbarkeit, Grundeigenthum und was ſonſt die rührigen Italiener in fremden Ländern an Rechten ſich zu verſchaffen pflegten, um in der Fremde die Heimath im kleinen wieder⸗ zufinden. Daß ſie neben der Donmündung auch die übrigen für den Handel wichtigen Punkte im Auge be⸗ hielten, bedarf wohl keiner Erwähnung. Namentlich waren noch Trapezunt und Sinope von Bedeutung. Mit den griechiſchen Herrſchern von Trapezunt hatten Venetianer wie Genueſen Verträge geſchloſſen und bezogen über dieſe Stadt die perſiſchen, vorderaſiatiſchen und auch indiſche Waaren, die auf der Straße über Täbris und Erzerum herangeführt wurden. Ueber Sinope erhielten ſie die Gewebe aus dem Haar der Angoraziege, die wegen ihres Glanzes als Erſatz für Seide geſucht waren. Das Uebergewicht der Handelsſtraße durch die Bucharei verlieh auch der Donauſtraße eine noch größere Bedeutung. Erſichtlich war ſie jetzt, wo der Don die Welthandelsſtraße war, der nächſte Weg für den Zug der indiſchen Waaren nach Mitteleuropa. Sie führte aus dem Pontus bis ins Herz Deutſchlands hinein, und die Donauſtädte, namentlich Regensburg, erreichten in dieſer Periode ihre höchſte Blüthe. Auch den Städten an der Oder und Weichſel war in dieſer Zeit der Welthandel näher gerückt, und ihre Kaufleute benutzten dieſe Gunſt der Verhältniſſe um wie die Oberdeutſchen ſelber nach dem Pontus zu gehen. Ja noch mehr; ihr Unternehmungsgeiſt ließ die Deutſchen kaum den Italienern nachſtehen. Wie dieſe drangen ſie möglichſt an die Quelle vor, indem ſie um die Mitte des 13. Jahrhunderts bis in die Bucharei gingen, um die indiſchen Waaren zu holen. Das Verlangen nach denſelben nahm immer mehr zu und damit auch der Antrieb, in Landwirthſchaft und Induſtrie alle Kräfte anzuſtrengen. So ging von dem Schwarzen Meere ein Impuls aus, der für die deutſche Kultur von der ſegensreichſten Wirkung war. Als dagegen der Pontus vom Rothen Meere wieder überflügelt wurde und Konſtantinopel für die in⸗ diſchen Waaren nicht mehr der Hauptmarkt war, bekam auch der Handel der Deutſchen und Italiener über die Alpen das Uebergewicht, und die Donauſtraße, die nunmehr abſeits lag von dem Hauptſtrome des Welt⸗ verkehrs, verödete. Zwar hatte ſchon ſehr früh ein Handel der Italiener über die Alpen ſtattgefunden. Schon im 7. Jahrhundert beſuchen lombardiſche Kaufleute die Meſſen in Frankreich und im 9. finden wir in Regens⸗ burg eine Latinergaſſe, ein Beweis, daß ſich lombardiſche und wohl namentlich venetianiſche Kaufleute dort niedergelaſſen hatten. Aber dies beweiſt nicht, daß der Hauptzug der indiſchen Waaren nach Deutſchland über die Alpen ging. Dies beginnt vielmehr erſt ſeit dem Anfange des 14. Jahrhunderts, wie aus dem Aufblühen 24 Augsburgs, das an der neuen Straße lag, zugleich mit dem Sinken der Donauſtadt Regensburg um die ge⸗ nannte Zeit hervorgeht. Dieſer Umſchwung wurde durch die Venetianer veranlaßt. Zwar iſt es den Genueſen nie gelungen, dieſe Nebenbuhler ganz aus dem Pontus zu verdrängen; jedoch kamen die Venetianer ihren begünſtigten Feinden gegenüber immer mehr in Nachtheil. Nun war aber damals der Handel mit den indiſchen Produkten der am meiſten bereichernde; er hatte Venedig zur erſten Stadt der europäiſchen Welt gemacht. Kein Wunder alſo, daß es nach anderen Richtungen hin die größten Anſtrengungen machte, ſeinen Antheil an dieſem Handel zu ſichern und zu vermehren. Den Verkehr mit Alexandrien offen wieder aufzunehmen, wagte man wegen des Kirchen⸗ verbots nicht; aber auch hier leiſteten die Mongolen vortreffliche Dienſte. Sie herrſchten im nördlichen Syrien, in Armenien, in Aderbeidſchan, wo in dem Knotenpunkte uralter Handelsſtraßen, Täbris, der Khan der vorder⸗ aſiatiſchen Mongolen ſeinen Sitz hatte, in Perſien und Meſopotamien. Die Straße des perſiſchen Golfs mit ihren Verzweigungen nach Norden und Nordweſten war alſo in ihrer Hand. Mit ihnen, in denen man ſchon künftige Chriſten ſah, war der Handel nicht verwehrt. Was die Genueſen zur Zeit der Uebermacht Venedigs auf dem Pontus ſchon angebahnt, die Route von Ajazzo, dem alten Iſſus, nach Täbris in Aufnahme zu bringen, das führten die Venetianer durch; ſie eröffnete die einzige Pforte, welche zwiſchen Genuas Macht⸗ ſtellung auf dem Pontus und dem verſchloſſenen Mammelukenreiche ſich zeigte. Sie bot ſogar den Vortheil eines näheren Wegs zu der Quelle der indiſchen Reichthümer, ſo daß auch die Genueſen ihnen folgten. Die verlockende Nähe anderer ſyriſcher Häfen, die Schlupfwinkel der ſüdlichen Küſten Kleinaſiens, das Gewirr der griechiſchen Inſelwelt luden überdies zum Schleichhandel ein, und kaum hatten ſich in den genannten Gegenden Märkte für denſelben gebildet, als auch ägyptiſche Händler dieſelben beſuchten. So war nur noch ein Schritt bis zum Schleichhandel mit Aegypten zu thun und bald war dieſer überall, auch mit Barka und den Küſten der Berberei, im Gange. Wurden doch ſchon im Jahre 1289 in Alexandrien ſelbſt in Folge von Mißhellig⸗ keiten ſo viele Genueſen, die auch hier den Venetianern gefolgt waren, verhaftet, daß die Regierung eine Ge⸗ ſandtſchaft an den Sultan ſchickte, um wieder ein freundliches Einvernehmen herzuſtellen. Jene Sperre mußte den Kaufleuten unnatürlich erſcheinen. Sie deuteten das Verbot möglichſt zu ihren Gunſten; nicht geradezu verbotene Importen mußten ihnen den Grund zum Verkehr mit Alexandrien liefern, und die verbotenen wurden mit eingeſchmuggelt. Die Kirche drückte gegen einen Antheil am Gewinne oft genug ein Auge zu, um zu einer anderen Zeit wieder einen Anlauf zu größerer Strenge zu nehmen. So unterſagte ein päpſtliches Edikt vom Jahre 1304 ausdrücklich jede Einfuhr nach Aegypten. Der Kampf der Gewinnſucht und der Furcht vor den ewigen Strafen, welche die Kirche drohte, förderte eigenthümliche Erſcheinungen zu Tage, die zeigen, wie die Gewiſſen aus einem Extrem in das andere geſchleudert wurden. So ſehen wir auf der einen Seite, wie die Venetianer das Verbot ſogar benutzten, um große Vortheile daraus zu ziehen. Sie bedungen ſich Zoll⸗ freiheit aus für die Waaren, welche ſie für die verbotenen Einfuhren einhandeln würden; offenbar ſollte ihnen der Sultan das Riſico ihrer ewigen Seligkeit bezahlen. Nahete aber der Tod, ſo machten die Kaufleute Teſtamente, durch welche ſie ſich mit den im alexandriniſchen Handel gewonnenen Reichthümern in den Schooß der Kirche, aus der ſie ausgeſtoßen waren, zurückkaufen wollten. Die Menge dieſer Teſtamente und die Summen, die darin geopfert wurden, waren im 3. Jahrzehend des 14. Jahrhunderts, nachdem in Folge des Verluſtes des letzten Bollwerks der Chriſtenheit im heiligen Lande— 1291— die Kirche längere Zeit mit größerer Strenge aufgetreten war, ſo groß, daß durch deren Vollſtreckung der Vermögensſtand einer Menge venetianiſcher Familien und darunter mancher, die zu den erſten der Republik gehörten, zerrüttet und der Handel empfindlich geſchädigt worden wäre. Nach langen Verhandlungen ließ ſich endlich der apoſtoliſche Stuhl zu einem Vergleiche herbei, der den Verkehr mit den Ungläubigen gegen päpſtlichen Dispens erlaubte, 25 und von nun an durchlöcherte die Begehrlichkeit der Kirche das Verbot immer mehr. Eine praktiſche Bedeu⸗ tung hatte es überhaupt nicht mehr; denn an eine Eroberung des heiligen Landes, für welche allein daſſelbe von Wichtigkeit geweſen wäre, war ohnehin nicht mehr zu denken. In den Städten Italiens wie Deutſch⸗ lands, deren Bürger ihren Wohlſtand zu fühlen und zu zeigen begannen, hatte ſich eine Richtung auf das Materielle eingeſtellt, welcher der Glaubenseifer der Kreuzfahrer völlig fremd war. Dieſelbe materielle Ge⸗ ſinnung ließ auch den Papſt und die Geiſtlichkeit die Vortheile, welche der Verkauf der Dispenſe gewährte, ſehr wohl würdigen; berechnete man doch die jährlichen Einkünfte des apoſtoliſchen Stuhls aus demſelben auf faſt 10,000 Dukaten. Aus den Dispenſen für einzelne wurden, da auch die Beichtväter auf eigene Hand den Uebertretern des Verbots Abſolution ertheilten und ſo dem heiligen Stuhle einen Theil des Gewinnes entzogen, mit der Zeit ein ſolcher für den geſammten Handelsſtand der Republik Venedig, anfangs nur auf eine Reihe von Jahren, doch ſpäter gegen hohe Summen verlängert. Allmählich kam das Kirchenverbot ganz in Vergeſſenheit. Jetzt ſtand der Abſchließung von Verträgen zwiſchen Venedig und dem Sultan nichts mehr entgegen, und nun machte ſich die unübertreffliche Handelslage Aegyptens wieder vollſtändig geltend. Mehr und mehr erwarb Alexandrien das Monopol des indiſch⸗europäiſchen Handels. Schon im 14. Jahrhundert gingen nur noch die koſtbarſten Gewürze, die längere Seereiſen nicht vertrugen, den Ueberlandweg. Die Blüthe Aegyptens in jenen Zeiten war unter dem ſtreng militäriſchen Regiment der Mammeluken, das Ordnung und Sicherheit ſchuf, eine ganz außerordentliche. Es iſt kein Grund an den Angaben der Schriftſteller aus jener Zeit zu zweifeln, nach denen Babylon, wie Kairo im Mittelalter genannt wurde, eine Ausdehnung von 4 ½ Meilen in der Länge und von 2 Meilen in der Breite hatte, 30,000 Vermiether von Pferden und Laſtthieren, deren jeder noch ſeinen Treiber beſaß, und 12,000 Waſſerträger ſich daſelbſt befanden, 36,000 Fahrzeuge die Waaren den Nil auf⸗ und abwärts ſchafften. Dem entſprechend war Alexan⸗ drien, das in der islamitiſchen Welt ſchon durch den Pilgerzug aus Spanien und Afrika nach Mekka ſtets bedeutend war, gewachſen. Es war entſchieden die erſte Handelsſtadt im Bereiche des Mittelmeeres. Von dieſer Entwicklung des ägyptiſchen Handels, die bis um die Mitte des 15. Jahrhunderts noch zu⸗ nahm, war das Sinken des pontiſchen Handels die nothwendige Folge. Nicht nur wurde der Zug der in⸗ diſchen Waaren über das Schwarze Meer ſchwächer und ſchwächer, ſondern auch die Donauſtraße verlor in Folge der veränderten Richtung des Welthandels ihre Bedeutung. Sie war nur ſo lange die nächſte und vortheilhafteſte für die Deutſchen, wie Konſtantinopel als Hauptmarkt der indiſchen Waaren daſtand; ſeit ſich Alexandrien zu dieſem Range emporgeſchwungen, war der Weg über IJtalien und die Alpen weit natürlicher. Damit war aber noch eine weitere Schmälerung des pontiſchen Verkehrs verbunden. Die ruſſiſchen Erzeug⸗ niſſe, welche die Venetianer früher allein aus dem Pontus bezogen hatten, wurden ihnen jetzt von den Deut⸗ ſchen über die Alpen zugeführt oder ſie holten dieſelben ſeit dem Anfange des 14. Jahrhunderts ſelber von den Hanſeaten aus Brügge und Antwerpen. Nichtsdeſtoweniger blieb dem Schwarzen Meere noch immer eine hohe Bedeutung. Noch immer kamen auf der Straße von Peking die chineſiſchen Waaren über Baktrien an den Don; noch immer lieferte Kaffa das ſarmatiſche Pelzwerk und die Sklaven des Kaukaſus, die von ſo hoher Wichtigkeit für den Handel mit Aegypten waren, da die Söhne der Mammeluken als geborene Muhamedaner nicht in dieſes Corps auf⸗ genommen werden durften. Nach wie vor war das Schwarze Meer reich an Fiſchen, blieb die Fruchtbarkeit ſeiner Hinterländer. Noch immer kamen über Trapezunt von Täbris her die Waaren Perſiens und die werth⸗ volleren Produkte Indiens von geringerem Umfange, und die letzteren erzielten höhere Preiſe, als die auf dem Seewege über Alexandrien an den Markt gebrachten. Die ungehemmte Konkurrenz des Rothen Meeres ver⸗ mochte den Pontushandel wohl zu mindern, aber ſie mußten ihm doch eine Bedeutung laſſen, welche über die 4 26 lokale, die der Pontus vermöge ſeiner eigenen Hilfsquellen ſtets haben mußte, weit hinausging. Die Ge⸗ nueſen wandten ſo überwiegend ihre Kräfte der Pflege des pontiſchen Handels zu, daß ſie darüber im ägyp⸗ tiſchen von den Venetianern weit überholt wurden. Aber auch dieſe ſchenkten dem Schwarzen Meere nicht geringe Beachtung. Heftige Kämpfe führten ſie im 14. Jahrhundert gegen die Genueſen um dieſen Handel (1351 Seeſchlacht im Bosporus), ohne aber dieſelben aus ihrer übermächtigen Stellung verdrängen zu können. Noch das ganze 14. Jahrhundert hindurch erſchien jährlich eine venetianiſche Flottenabtheilung in Sinope und Trapezunt, eine andere in der Mündung des Don, und erſt im Anfange des 15. Jahrhunderts zog ſich Venedig nach zweimaliger Verheerung Tanas in dem Mongolenſturme dieſer Zeit, von denen namentlich die letzte mit außerordentlichen Verluſten verbunden war, aus dem Schwarzen Meere zurück. Der Mongolenſturm Tamerlans, der die Faktoreien am Don, die Mongolenreſidenz Sara an der Wolga und andere Etappen des pontiſch⸗buchariſchen Handels vernichtete, mußte auch den Handel der Genueſen ſchä⸗ digen. Aber die Mongolen zerſtörten nicht bloß. In Samarkand ſchufen ſie einen neuen Mittelpunkt, in den alle die wichtigen Kanäle des centralaſiatiſchen Handels mündeten und der auch den pontiſchen Handel wieder hob. Bald aber trat ein neuer Feind auf, der nur zerſtörte, die Osmanen. Nachdem ſie ſich im Laufe des 14. Jahrhunderts Kleinaſiens und eines Theils der Hämushalbinſel bemächtigt, bedrängten ſie, durch den Sieg Tamerlans über Bajazeth nur auf kurze Zeit gebändigt, das griechiſche Kaiſerthum immer heftiger. Genua war im Gegenſatze zu dem innerlich feſt gefugten Venedig von Parteikämpfen zerriſſen und ſeine Kraft welkte hin. So war es, ſelbſt wenn es gewollt hätte, nicht im Stande, dem griechiſchen Kaiſerthum ge⸗ nügenden Beiſtand gegen den wilden Fanatismus der kräftigen Osmanen zu gewähren, ſondern ſuchte vielmehr ſeine Intereſſen durch Handelsverträge und ſelbſt durch Hilfeleiſtungen bei den Türken zu ſichern. Es wußte auch nach der Eroberung Konſtantinopels ſich die Gunſt der Eroberer, freilich unter den größten Demüthi⸗ gungen, zu verſchaffen. Die Genneſen erhielten freien Zugang und die Erlaubniß, den pontiſchen Handel weiter zu treiben. Einen ähnlichen Vertrag ſchloß bald auch Venedig mit dem Sultan. Aber die Hoffnungen auf einen friedlichen Verkehr unter der Herrſchaft der Türken waren eitel. Nacheinander wurden Sinope, Trapezunt, die venetianiſchen Beſitzungen in Griechenland und im griechiſchen Archipel von den Türken erobert; jedes Jahr brachte neue Verluſte. Endlich erhielten im Jahre 1475 die genueſiſche Handelsmacht und der Pontushandel den Todesſtoß. Inmitten der größten Bedrängniſſe und Verwirrungen veranlaßte der genuneſiſche Konſul in Kaffa durch ſein hochmüthiges Verfahren noch einen Krieg mit den Mongolen, welche die Türken zur Eroberung Kaffas herbeiriefen. So fiel die Beherrſcherin auch des kimmeriſchen Bosporus in die Hände der Türken, aber nicht ohne durch ihre 70,000 den verſchiedenſten Nationen angehörigen Bewohner, welche die Türken auf dem Sklavenmarkte zu Konſtantinopel feilboten, Zeugniß abzulegen von der Bedeutung der Donſtraße ſelbſt in jener Zeit des verfallenden Pontushandels. Die noch übrigen weniger wichtigen Stapelplätze des genueſiſchen Handels im Schwarzen Meere theilten das Schickſal der Hauptkolonie, und jeder Reſt chriſtlicher Herrſchaft an dem Pontus ward vernichtet. Ver⸗ gebens erkauften die Venetianer um einen jährlichen Tribut von 10,000 Dukaten von den Türken die Er⸗ laubniß zur Schifffahrt auf dem Schwarzen Meere; die Türken hielten keinen Frieden, und die Venetianer gaben die Verſuche auf, den Pontus dem Handel wiederzugewinnen. So war dieſes wichtige Organ des damaligen Welthandels gelähmt. Seine Lähmung zog auch Aegypten in Mitleidenſchaft. Die Zufuhr von Sklaven aus dem Schwarzen Meere, welche die Türken jetzt für ihr Janitſcharencorps in Anſpruch nahmen, hörte auf und damit die Verjüngung der Mammeluken durch friſches Blut. Der Thron des Sultans wurde erblich in dem alternden Mammelukenreiche, und jeder neue Thron⸗ folger mußte ſeine Herrſchaft durch Entleerung der Schatzkammer für Geſchenke an die Mammeluken erkaufen. 27 Bedrückung der Unterthanen und des Handels war die Folge, ſo daß die Preiſe der indiſchen Waaren uner⸗ ſchwinglich wurden. Wollte man nicht auf ſie verzichten, ſo war die Auffindung des oceaniſchen Weges nach Indien eine Nothwendigkeit für Europa. Die Verſuche führten zu wichtigen Erfolgen, lange ehe das letze Ziel ſelbſt erreicht ward. Man fand das Elfenbein bei den Guineanegern, die wiederaufgefundene Inſel Madeira und namentlich die Kanarien lieferten bald reiche Zuckerernten, die Inſeln und Halbinſeln des Mittelmeeres ſchon lange Baumwolle, und das Modegewürz des Mittelalters, der Pfeffer, der durch ein unglaublich drücken⸗ des und verzwicktes Monopolſyſtem die Schatzkammern der ägyptiſchen Sultane wie kein anderer Artikel ge⸗ füllt hatte, ward auch an der Weſtküſte des tropiſchen Afrika aufgefunden. Alle dieſe wichtigſten Gegenſtände des ägyptiſchen Verkehrs kamen jetzt auch ohne Zwiſchenhandel nach Europa, und je höher die Sultane ihre Monopolpreiſe ſteigerten, deſto tiefer ſank der Ertrag. Alle dieſe Gründe wirkten zuſammen zum Sinken der Mammelukenmacht. Die Unſicherheit Aegyptens, wo die Beduinen wieder am Nil ſtreiften, ließ ſeinen Handel noch mehr herabkommen, und im Anfange des 16. Jahrhunderts wurde es gleichfalls eine Beute der Türken. So war die letzte Pforte des indiſch europäiſchen Verkehrs in den Händen dieſes Volkes, das ſeine her⸗ vorragendſte Befähigung im Vernichten des Völkerverkehrs gezeigt hat. Die Türken haben es zu Stande ge⸗ bracht, daß der klaſſiſche Erdraum, auf dem ſich die Grundlagen unſerer Kultur entwickelt haben, auf dem ſich wohl 3000 Jahre hindurch, ſeit phöniziſche Schiffe das Meer durchfurchten, die Völker in reicher Handels⸗ thätigkeit begegneten, auf dem die Spaltungen der Ländermaſſe und die Radien des Verkehrs wie in einem Centrum zuſammenliefen, der Oede und der Stille anheimfiel. Schulnachrichten. A. Lehrerperſonal. Unſer Lehrercollegium beſteht gegenwärtig, d. h. für das bevorſtehende Sommer⸗Semeſter 1874 aus folgenden Mitgliedern: I. Claſſenlehrer. in Claſſe Oberprima: C. Th. Gravenhorſt, Schulrath und Director. „„ Unterprima: L. Drewes, Oberlehrer, zugleich Bibliothekar. „„ Okerſecunda: C. Spengler, Oberlehrer. „„ Unterſecunda A.: J. K. Koch, Oberlehrer. „„ Unterſecunda B.: W. Gebhard, Collaborator. „„ Okbertertia A.: W. Albrecht, Collaborator. ,„ Okertertia B.: Rob. Mack, Oberlehrer. „„ Untertertia A.: W. Jeep, Collaborator. „„ Untertertia B.: K. Koch II., Dr. phil., Collaborator. „„ Quarta A.: Bruno Unger, Collaborator. „„ Quarta B.: Herm. Corvinus, Collaborator. 4* 28 in Claſſe Quinta A.: H. Lentz, Dr. phil., Collaborator. „„ Quunnta B.: A. Haspelmacher, Collaborator. „„ Sexta A u. B.: Otto Sievers, Dr. phil. Collaborator. II. Fachlehrer. für Mathematik: D. Giffhorn, Oberlehrer. für Religion in den oberen Claſſen: Paſtor W. Steinmeyer. für alte und neue Sprachen: W. Sack, Oberlehrer. für neuere Sprachen: Fr. Brandes, Dr. phil., Oberlehrer. für Naturkunde und Mathematik: Th. A. Olfe, Gymnaſiallehrer. für Religion und Hebräiſch: F. Pröſch, Collaborator. für verſchiedene Fächer: H. Hermann, Gymnaſiallehrer. für Geſang: L. Rebbeling, Gymnaſiallehrer. für verſchiedene Fächer: W. Koch III., Gymnaſiallehrer. für verſchiedene Fächer: Fr. Krökel, Gymnaſiallehrer. für Zeichnen: C. Heel, Maler und Zeichenlehrer. B. Ueberſicht des Lehrplans für das bevorſtehende Sommerſemeſter 1874. Oberprima. Curſus einjährig*). Ordinarius: Gravenhorſt. Religion 2 St. Steinmeyer. Deutſch 2 St. Gravenhorſt. Latein. Poetiſche Lectüre und Exercitia 3 St. Gravenhorſt. Proſaiſche Lectüre und freie Aufſätze 6 St. Gebhard. Griechiſch. Proſaiſche Lectüre 3 St. Gravenhorſt. Poetiſche Lectüre und Exercitia 3 St. Spengler. Engliſch und Franzöſiſch 4 St. Brandes. Geſchichte 3 St. Gravenhorſt. Mathematik 4 St. Giffhorn. Naturkunde 2 St. Olfe. Unterprima. Curſus einjährig. Ordinarius: Drewes. Religion 2 St. Steinmeyer. Deutſch 2 St. Drewes. Latein. Curſoriſche Lectüre 1 St. Gravenhorſt. Statariſche Lectüre und Stilübungen 8 St. Drewes. Griechiſch⸗Poetiſche Lectüre 3 St. Drewes. Proſaiſche Lectüre und Exercitia 3 St. Sievers. Engliſch und Franzöſiſch 4 St. Koch I. Geſchichte 3 St. Drewes. Mathe⸗ matik 4 St. Giffhorn. Naturkunde 2 St. Olfe. Oberſecunda. Curſus einjährig. Ordinarius: Spengler. Religion 2 St. Steinmeyer. Deutſch 2 St. Spengler. Latein 7 St. Spengler; 2 St. Drewes. Griechiſch 6 St. Spengler. Engliſch und Franzöſiſch 4 St. Brandes. Geſchichte 3 St. Gebhard. Mathe⸗ matik 4 St. Giffhorn. Naturkunde 2 St. Olfe. Unterſecunda. Curſus einjährig“**). Coetus A. Ordinarius: Koch I. Religion 2 St. Steinmeyer. Deutſch 2 St. Koch. Latein 10 St. Koch. Griechiſch 6 St. Sack. Engliſch und Franzöſiſch 4 St. Brandes. Geſchichte 3 St. Lentz. Mathematik 4 St. Giffhorn. Natur⸗ kunde 1 St. Olfe. *) Richtiger geſagt, mit Unterprima zuſammen zweijährig. ***) Für den Coetus A von Michaelis bis Michaelis, für den Coetus B von Oſtern bis Oſtern. Ebenſo in den unteren Claſſen. 29 Coetus B. Ordinarius: Gebhard“). Religion 2 St. Steinmeyer. Deutſch 2 St. Gebhard. Latein 2 St. Koch I.; 8 St. Gebhard. Griechiſch 6 St. Sack. Engliſch und Franzöſiſch 4 St. Sack. Geſchichte 3 St. Gebhard. Mathematik 4 St. Olfe. Naturkunde 1 St. Olfe. Obertertia. Curſus einjährig. Coetus A. Ordinarius: Albrecht. Religion 2 St. Pröſch. Deutſch 2 St. Albrecht. Latein 8 St. Albrecht; 2 St. Sievers. Griechiſch 6 St. Albrecht. Franzöſiſch und Engliſch 4 St. Brandes. Geſchichte und Geographie 3 St. Albrecht. Mathematik 4 St. Olfe. Naturkunde 1 St. Olfe. Turnen 2 St. Albrecht. Coetus B. Ordinarius: Mack. Religion 2 St. Pröſch. Deutſch 2 St. Mack. Latein 8 St. Mack; 2 St. Koch II. Griechiſch 6 St. Mack. Franzöſiſch und Engliſch 4 St. Brandes. Geſchichte und Geographie 3 St. Mack. Mathematik 4 St. Olfe. Naturkunde 1 St. Olfe. Turnen 2 St. Mack. Untertertia. Curſus einjährig. Coetus A. Ordinarius: Jeep. Religion 2 St. Pröſch. Deutſch 2 St. Jeep. Latein 10 St. Jeep. Griechiſch 5 St. Jeep. Franzöſiſch 4 St. Jeep. Geſchichte und Geographie 3 St. Pröſch. Mathematik und Rechnen 3 St. Hermann. Turnen 2 St. Hermann. Singen 1 St. Rebbeling. Coetus B. Ordinarius: Koch II. Religion 2 St. Pröſch. Deutſch 2 St. Koch II. Latein 10 St. Koch II. Griechiſch 5 St. Koch II. Franzöſiſch 4 St. Sack. Geſchichte und Geographie: Haspelmacher. Mathematik und Rechnen 3 St. Koch II. Turnen 2 St. Mack. Singen 1 St. Rebbeling. 2 Quarta. Curſus einjährig. Coetus A. Ordinarius: Unger. Religion 2 St. Pröſch. Deutſch 3 St. Unger. Latein 10 St. Unger. Griechiſch 6 St. Unger. Ge⸗ ſchichte und Geographie 3 St. Unger. Rechnen, mathematiſches Zeichnen und Naturkunde 5 St. Hermann. Turnen 2 St. Hermann. Singen 1 St. Rebbeling. Coetus B. Ordinarius: Corvinus. Religion 2 St. Pröſch. Deutſch 3 St. Corvinus. Latein 10 St. Corvinus. Griechiſch 6 St. Cor⸗ vinus. Geſchichte und Geographie 3 St. Pröſch. Rechnen, mathematiſches Zeichnen und Naturkunde 5 St. Hermann. Turnen 2 St. Corvinus. Singen 1 St. Rebbeling. Quinta. Curſus einjährig. Coetus A. Ordinarius: Lentz. Religion 2 St. Koch III. Deutſch 3 St. Lentz. Latein 10 St. Lentz. Geſchichte und Geographie 4 St. Lentz. Rechnen 3 St. Koch III. Schreiben 2 St. Koch III. Zeichnen 2 St. Heel. Naturkunde 2 St. Hermann. Mathematiſches Zeichnen 1 St. Hermann. Singen 1 St. Rebbeling. Turnen 2 St. Lentz. Coetus B. Ordinarius: Haspelmacher. Religion 2 St. Krökel. Deutſch 3 St. Haspelmacher. Latein 10 St. Haspelmacher. Geſchichte und Geographie 4 St. Haspelmacher. Rechnen 3 St. Krökel. Schreiben 2 St. Krökel. Zeichnen 2 St. Heel. Naturkunde 2 St. Hermann. Mathematiſches Zeichnen 1 St. Hermann. Singen 1 St. Rebbeling. Turnen 2 St. Haspelmacher. *) In proviſoriſcher Stellvertretung des früheren Claſſenlehrers W. Sack, der auf eigenen Wunſch vorläufig als Fachlehrer fungirt. 30 Sexta. Curſus einjährig. Coetus A. Ordinarius: Sievers. Religion 3 St. Koch III. Deutſch 4 St. Koch III. Latein 8 St. Sievers. Geſchichte und Geo⸗ graphie 4 St. Koch III. Rechnen 4 St. Koch III. Schreiben 2 St. Koch III. Zeichnen 2 St. Heel. Singen 1 St. Rebbeling. Turnen 2 St. Sievers. Coetus B. Ordinarius: Sievers. Religion 3 St. Krökel. Deutſch 4 St. Krökel. Latein 8 St. Sievers. Geſchichte und Geographie 4 St. Krökel. Rechnen 4 St. Krökel. Schreiben 2 St. Krökel. Zeichnen 2 St. Heel. Singen 1 St. Rebbeling. Turnen 2 St. Krökel. 3 Außerdem erhalten die Schüler der beiden Prima und der Oberſecunda, deren künftiger Beruf es er⸗ fordert, namentlich die künftigen Theologen und Philologen, in zwei Abtheilungen je zwei Stunden Unterricht im Hebräiſchen bei dem Collaborator Pröſch; desgleichen wird den Schülern der oberen Claſſen, von Ober⸗ tertia aufwärts, in drei Stunden Singunterricht ertheilt; auch ſind zur fakultativen Benutzung für dieſelben noch für Zeichenunterricht vier Lectionen angeſetzt. Das Turnen wird von den Schülern der Claſſen Prima und Secunda in einem freien Verein unter Aufſicht der Lehrer Albrecht und Gebhard geübt. C. Hülfsmittel beim Unterricht. Abgeſehen von den zu häuslichen Arbeiten unentbehrlichen Wörterbüchern werden in den einzelnen Claſſen folgende Bücher und ſonſtige Unterrichtsmittel von den Schülern gebraucht: In Sexta A. und B.: 5 Der Landeskatechismus.— Das Braunſchweigiſche Geſangbuch.— Bibliſches Leſebuch von Schulz.— Henneberger, lateiniſches Elementarbuch.— Oſtermann, Uebungsbuch zum Ueberſetzen nebſt Vocabularium für Sexta.— Deutſche Sprachlehre von Heidelberg.— Deutſches Leſebuch von Hanſen. Th. 2.— Geograph. Compendium von Dr. Lenz.— Schulatlas von Lichtenſtein.— Rechenaufgaben von Tunica.— Rebbeling, Hülfs⸗ buch für den Geſangunterricht. Dazu kommen in Quinta A. und B.: Weller, lateiniſches Leſebuch aus Herodot.— Lattmann, kurzgefaßte lateiniſche Grammatik.— Oſtermann, Uebungsbuch nebſt Vocabularium für Quinta.— Deutſches Leſebuch von Hanſen. Th. 3.— Spieß und Berlet, Weltgeſchichte in Biographien, Curſus I.— Geſchichtstabelle von Dr. Koch.— Leunis, Schul⸗ naturgeſch. Th. 1 u. 2. Dazu kommen in Quarta A. und B.: Weller, latein. Leſebuch aus Livius.— Fromm, Uebungsbuch zum Ueberſetzen aus dem Deutſchen ins Lateiniſche, Th. 1.(Quarta).— Stier, griechiſches Elementarbuch.— Deutſches Leſebuch von Hanſen, Th. 4. — Leunis, Naturgeſchichte. Th. 1 und 2. Dazu kommen in Untertertia A. und B.: Caesar, Bell. Gall.— Ovid, Metamorphos.— Fromm, Uebungsbuch, Th. 2.(Tertia.)— Curtius, griech. Schulgrammatik.— Schenkl, Elementarbuch.— Xenophon, Anabasis.— Deutſche Gedichtſammlung von Echtermeyer und Hincke.— Plötz, Grammatik, Th. 2.— Lidecking, franzöſiſches Leſebuch, Th. 1.— Leitfaden der Geometrie und Arithmetik von Giffhorn.— Heis, Aufgabenſammlung. 31 Dazu kommen in Obertertia A. und B.: Bibel.— Holzer, Uebungsſtücke zum Ueberſetzen aus dem Deutſchen in das Lateiniſche. Th. 1.— Seyffert's Palaestra Musarum.— Homeri Odyssea.— Lüdecking, Leſebuch, Th. 2.— Fölſing, Lehrbuch der engliſchen Sprache, Th. 1.— Walter Scott, Tales of a grandfather. Dazu kommen in Unterſecunda: Livius.— Cicero pro lege Manilia.— Holzer, Uebungsſtücke, Th. 1.— Xenophon, Cyropaedia.— Roſt und Wüſtemann, Uebungsſtücke zum Ueberſetzen aus dem Deutſchen ins Griechiſche, Th. 2.— Fölſing, Th. 2.— Tales from Shakspeare by Charles and Miss Lamb.— Schlömilch, Lagarithmentafel. Dazu kommen in Oberſecunda: Palmer, Lehrbuch der Religion.— Horatii Carmina.— Terenz.— Sallustius.— Cicer. orat. selectae.— Cicer. epist. selectae.— Berger, lateiniſche Styliſtik.— Homeri Ilias.— Lyſias, ausgewählte Reden.— Plato, Apologia und Crito.— Herodotus.— Bibliothèque choisie p. Schwalb. T. 2.— W. Irwing, Tales of the Alhambra.— Gruner und Wildermuth, Muſterſtücke zum Ueberſetzen ins Fran⸗ zöſiſche und ins Engliſche.— Hebräiſche Grammatik von Geſenius⸗Rödiger.— Leſebuch dazu von Heiligſtedt.— Leunis, Naturgeſchichte, Th. 3. Dazu kommen in Prima: Horatii Satirae et Epistolae.— Tacitus.— Cicero(Auswahl).— Plautus(Auswahl).— Griech. Tragiker(Auswahl).— Thucydides.— Plato(Auswahl).— Stoll, Anthologie.— Mignet, histoire de la révolution française.— Md. de Staél, l'Allemagne.— Shakspeare(Auswahl).— Macaulay, Essays.— Lord Byron(Auswahl).— Biblia hebraica. D. Zuwachs der Gymnaſialbibliothek ſeit Oſtern 1872. Heynemann de interpolationibus Horat.— Schmidt, Aeschylus, Prometheus.— Brumbach, Hilfs⸗ buch für lateiniſche Rechtſchreibung.— Kühner, ausführl. Gramm. der griech. Sprache.— Cicero pro Milone von Richter.— Schmidt, griechiſche Metrik.— Schmidt, antike Compoſitionslehre.— Lang, altgriech. Harmonik.— Ahrens, griech. Formenlehre des homeriſchen und attiſchen Dialekts.— Weſtphal, griech. Grammatik, II. 1.— Weſtphal, Verbalflexion der latein. Sprache.— Juvenal von Weidner.— Hemmer⸗ ling, Uebungen zum Ueberſetzen ins Lat.— Corſſen, kritiſche Beiträge zur lat. Formenlehre.— Corſſen, kritiſche Nachträge.— Curtius, griech. Etymologie.— Sophocles, Aiax von Wolff.— Kopp, griech. Literatur⸗ geſchichte.— Cicero, Tuscul. von Meißner.— Dieſelben von Tiſcher u. Sorof.— Müller⸗Strübing, Ariſtophanes und die hiſtoriſche Kritik.— Sophocles, Philoctet von Seyffert.— Gentle, commentatt. Sophocl. ſeit 1836.— Peterſen, Kunſt des Phidias am Parthenon und zu Olympia.— Marquardt, römiſche Staatsverwaltung Bd. 1.— Teuffel, röm. Literatur.— Carrière, Goethe's Fauſt.— Sanders Hauptſchwierigkeiten der deutſchen Sprache.— Hartmann, Phi⸗ loſophie des Unbewußten.— Riehl, hiſtoriſches Taſchenbuch, 2. u. 3.— Scheube, deutſcher Geiſt im Elſaß. — Koch, Nibelungenſage.— Ueber nationale Erziehung.— Guthe, Geographie.— Lewitz, Themen zu deutſchen Aufſätzen.— Berlepſch, Schweizerkunde.— Horn, Bei Friedrich Karl.— Förſter, Geſchichte der deutſchen Kunſt.— Bach, Naturſtudien.— Brehm, die Vögel.— Pröhle, Friedr. Ludw. Jahn.— Stahr, 32 Leſſing.— Behm, geogr. Jahrbuch, Bd. 4.— Löper, Goethe's weſt⸗öſtlicher Divan.— Burſian, Geo⸗ graphie von Griechenland.— Beſte, Goethe's und Schiller's Religion.— Wagler, Geſchichte der Freiheits⸗ kriege.— Gieſebrecht, deutſche Kaiſerzeit, Bd. 4.— Schrader, Erziehungs⸗ und Unterrichtslehre für Gym⸗ naſien.— Uhland, zur Geſchichte der Dichtung und Sage.— Goedeke, deutſche Dichtung aus den Quellen III. 4.— Benthin, Sternkunde.— Flathe, Geſchichte Sachſens.— Bryce, das heilige römiſche Reich.— Schaefer, hiſtoriſche Aufſätze.— Pierſon, der große Kurfürſt.— Sanders, einheitliche Rechtſchreibung für Alldeutſchland.— Carrière, Aeſthetik.— Bardey, algebraiſche Gleichungen.— Werner, preußiſche Expedition nach China, Japan, Siam.— Rümelin, Shakeſpeareſtudien.— Benedix, Shakeſpearemanie.— Körner, Erdtheile.— Schmidt, neueſte Geſchichte Preußens.— Schopenhauer, die Welt als Wille und Vorſtellung. — Delorme, Cäſar und ſeine Zeitgenoſſen.— Wollſchläger, Cardinalzahlen der Geſchichte des claſſiſchen Alterthums.— Hübner, Grundriß zur römiſchen Literaturgeſchichte.— Kiepert, neuer Atlas von Hellas und den helleniſchen Colonien.— Die Fortſetzungen von: Grimm, deutſches Wörterbuch.— Wackernagel, Kirchen⸗ lied.— Kirchmann, philoſophiſche Bibliothek. E. Statiſtiſche Mittheilungen I. Frequenz der Schule in tabellariſcher Ueberſicht. A. Von Oſtern 1872 bis Michaelis 1872. Claſſe I. IIa. IIb. IIc. IIIa. IIIb. IIIc. IIId. IVa. IVb. Va. Vb. VIa. VIb. Im Ganzen Oſtern b. Beginn d. Semſtrs. 49 23 26 28 25 27 38 37 38 38 33 44 31 50 487 Johannis 1872 49 23 25 29 24 28 37 38 39 39 34 44 31 49 488 B. Von Michaelis 1872 bis Michaelis 1873. Claſſe Ia. Ib. IIa. IIb. IIc. IIIa. IIIb. IIIc. IIId. IVa. IVb. Va. Vb. VIa. VIb. Im Ganzen Michaelis 1872 21 22 31 30 21 31 29 41 39 43 35 40 33 49 35 500 Neujahr 1873 20 21 29 30 22 31 29 41 39 43 35 39 34 49 35 497 Oſtern 1873 16 23 35 29 31 37 32 41 40 32 39 39 51 28 39 512 Johannis 1873 16 24 33 29 31 36 31 40 40 32 39 38 51 28 39 507 C. Von Michaelis 1873 bis Oſtern 1874. Claſſe Ia. Ib. IIa. IIb. IIc. IIIa. IIIb. IIIc. IIId. IVa. IVb. Va. Vb. VIa. VIb. Im Ganzen Michaelis 1873 18 29 30 34 36 32 38 41 23 38 41 48 38 36 34 516 Neujahr 1874 16 29 30 34 36 32 37 41 22 37 41 48 38 35 34 510 II. Verzeichniß der abgegangenen und dieſe Oſtern abgehenden Schüler. A. Nach beſtandener Maturitätsprüfung gingen ab: Oſtern 1872: Wilhelm Wagner aus Gandersheim zum Studium der Medicin(iſt im Oſterprogramm irrthümlich nicht mit aufgeführt). 33 Michaelis 1872: Oswald Bleukinſop aus Braunſchweig auf ein Polytechnikum, Ludwig Boſſe aus Braunſchweig zum Studium der Mathematik, Wilhelm Brandes aus Braunſchweig zum Studium der Philologie, Johannes Feiſe aus Braunſchweig zum Studium der neueren Sprachen, Hugo Haars aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz, Otto Hallbauer aus Aſtfeld zum Studium der neueren Sprachen, Traugott Klügel aus Braunſchweig zum Studium der Juris⸗ prudenz, Adolf Klügel aus Braunſchweig zum Studium der Theologie und Philologie, Fritz Maedge aus Harzburg zum Studium der Philologie, Friedrich Modera aus Mancheſter zur Oekonomie, Georg Niemeyer aus Gr. Schwülper zum Studium der Theologie, Hugo Roſe aus Salzgitter zum Studium der neueren Sprachen, Auguſt Schmidt aus Stade zum Studium der Jurisprudenz, Paul Wolf aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz. Oſtern 1873: Johannes Beſte aus Braunſchweig zum Studium der Theologie, Richard Cuers aus Braunſchweig zum Militair, Richard Culemann aus Braunſchweig zum Militair, Eduard Huſtedt aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz, Willy Hemmingſon aus Braun⸗ ſchweig zum Studium der Chemie, Adolf Klügel aus Braunſchweig zum Studium der Theologie und Philologie, Emil Moldenhauer aus Schöppenſtedt zum Studium der Theologie, Heinrich Rittmeyer aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz, Wilhelm Sack aus Braun⸗ ſchweig zum Militair, Eugen Schlüter aus Braunſchweig zum Studium der Theologie, Max Silberſchmidt aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz. Michaelis 1873: Paul Beſte aus Braunſchweig zum Studium der Theologie, Wilhelm Bodenſtein aus Oſchersleben zum Studium der Philoſophie, Hermann Kellner aus Klenze bei Uelzen zum Studium der Medicin, Ernſt Retemeyer aus Braunſchweig auf das Polgyeechnikum hieſelbſt, Emil Riedel aus Braunſchweig zum Studium der neueren Sprachen, Ludwig Sattler aus Braunſchweig zum Studium der Medicin, Fritz Sievers aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz. Oſtern 1874: Erich Ahrt aus Braunſchweig zum Studium der Medicin, Auguſt Cramer v. Claus⸗ bruch aus Barum zur Oekonomie, Albert Fricke aus Braunſchweig zum Studium der Medicin, Werner Haars aus Braunſchweig zum Studium der Philologie, William Henſeling aus Peine zum Militair, Erich Hildebrand aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz, Julius Menadier aus Braunſchweig zum Studium der Philologie und Geſchichte, Carl Meyer aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz, Arnold Rimpau aus Braunſchweig zum Handelsſtande, Bruno v. Seckendorf aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz und Cameral⸗Wiſſenſchaften, Carl v. Seelen aus Braunſchweig zur neueren Philologie, Carl Trömner aus Braunſchweig zum Studium der Jurisprudenz. B. Vor abſolvirtem Gymnafialcurſus gingen ab: Oſtern 1872 außer den im Programm von Oſtern 1872 aufgeführten Schülern: aus Cl. IIb.: Hermann Damköhler aus Braunſchweig zur Pharmacie, Wilhelm Mack aus Gehren⸗ rode, Albert Varrentrap aus Branſchweig zum Handelsſtande; aus Cl. IIc.: Louis Wachowski aus Braunſchweig auf eine andere Anſtalt; aus Cl. IVa.: Hermann Lange aus Braunſchweig auf das Günther'ſche Inſtitut, Hermann v. Uslar aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Hildesheim; aus Cl. Vb.: Bernhard Kutſchenbach aus Braunſchweig auf die Cadettenſchule in Berlin, Ernſt Müller aus Oelper auf das Günther'ſche Inſtitut; 5 34 aus Cl. VIb.: Hermann Huisken aus Braunſchweig auf das Realgymnaſium, Paul Valentin aus Braunſchweig auf eine andere Anſtalt; Johannis 1872: aus Cl. IIb.: Oskar Maehnert aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Blankenburg; aus Cl. IIIc.: Heinrich Oſthoff aus Braunſchweig auf eine andere Anſtalt; aus Cl. IVb.: Hugo Machnert aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Blankenburg; Michaelis 1872: aus Cl. I. Guſtav Fuchs aus Braunſchweig in ein Bankgeſchäft; aus Cl. IIa.: Albert Foelling aus Braunsfeld auf das hieſige Polytechnikum, Eduard Röttcher aus Braunſchweig desgl.; aus Cl. IIb.: Otto Korfes aus Veltheim auf das Gymnaſium zu Wolfenbüttel, Erich Lüddecke aus Braunſchweig zur Pharmacie, Otto Müller aus Braunſchweig zum Handelsſtande, Theodor Schmalz aus Vienenburg zur Pharmacie; aus Cl. IIIc.: Robert Gotthard aus Wolfenbüttel nach Luzern; aus Cl. IVa.: Hermann Rittmeyer aus Braunſchweig auf das Günther'ſche Inſtitut, Alwin Spörr aus Leinde desgl.; aus Cl. IVb.: Otto Daubert aus Braunſchweig auf die Cadettenanſtalt in Plöen; aus Cl. Va.: Heinrich Korfes aus Veltheim auf das Gymnaſium zu Wolfenbüttel; aus Cl. Vb.: Paul Heinemann aus Mancheſter auf eine andere Anſtalt, Emil Wieries aus Braun⸗ ſchweig desgl.; Weihnachten 1872: aus Cl. Ia.: Erich Meyer aus Braunſchweig zum Studium der Muſik; aus Cl. Ib.: Clemens Pape aus Sülfeld auf das Gymnaſium zu Holzminden; aus Cl. IIa.: Ernſt v. Eſchwege aus Braunſchweig, um ſich auf die Militaircarrière vorzubereiten, Carl Fabricius aus Bodenburg zur Pharmacie; aus Cl. IIIc.: Max Büttner aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Helmſtedt; aus Cl. IVb.: Otto Grützmacher aus Braunſchweig; aus Cl. Va.: Moritz v. Nauendorf aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Wiesbaden; Oſtern 1873: aus Cl. Ia.: Rudolf Schiller aus Gandersheim zum Studium der Chemie; aus Cl. Ib.: Friedrich Block aus Seeſen auf das Gymnaſium zu Holzminden; aus Cl. IIa.: Carl Oberhey aus Braunſchweig zum Eiſenbahndienſte; aus Cl. IIb.: Franz Bertling aus Braunſchweig zum Handelsſtande, Richard Ehrenberg aus Braun⸗ ſchweig desgl., Otto Paulſſen aus Braunſchweig desgl., Heinrich Stichel aus Bleckenſtedt zur Oekonomie; aus Cl. IIIa.: Rudolf v. Rode aus Heſſen; aus Cl. IIIc.: Theodor Ramdohr aus Braunſchweig nach Ballenſtedt, Karl Ziermann aus Braun⸗ ſchweig auf das Günther'ſche Inſtitut; aus Cl. IVa.: Adolf Niemeyer aus Greene auf das Gymnaſium zu Wolfenbüttel; aus Cl. IVb.; Claus v. Anderten aus Braunſchweig auf die Cadettenanſtalt in Plöen, Paul Löber aus Hannover auf das Realgymnaſium; aus Cl. Va.: Wilhelm Dommes aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Nordhauſen, Bodo Hartig aus Braunſchweig nach Dresden; aus Cl. IVa.: Fritz v. Zglinicki aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Glogau, Guſtav Brandes aus Braunſchweig auf das Günther'ſche Inſtitut, Alfred Way aus Braunſchweig; aus Cl. VIb.: Georg v. Boſſe aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Blankenburg; 35 Im Laufe des Johannis⸗Quartales 1873: aus Cl. IIIa.: Bernhard Balhorn aus Braunſchweig zur Handels⸗ marine; aus Cl. Va.: Franz Ehrenhard aus Braunſchweig, geſtorben; aus Cl. VIa.: Werner Damköhler aus Braunſchweig auf eine andere Anſtalt. Johannis 1873: aus Cl. IIa.: Franz Müller aus Oelper zum Handelsſtande; aus Cl. IIIb.: Friedrich Hoppe aus Königslutter auf das Günther'ſche Inſtitut; aus Cl. IIIc.: Otto Schimmler aus Braunſchweig, um ſich durch Privatunterricht fortzubilden. Michaelis 1873: aus Cl. Ja.: Heyno Fricke aus Braunſchweig zum Studium der Medicin; aus Cl. Ib.: Heinrich Thiele aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Gütersloh; aus Cl. Ia.: Ernſt Hartung aus Braunſchweig auf das hieſige Polytechnikum; aus Cl. IIb.: Hans Lackowitz aus Braunſchweig auf das hieſige Polytechnikum, Paul Mühlbein aus Braunſchweig, um ſich einem techniſchen Rufe zu widmen, Bruno Sack aus Braunſchweig zur Handelsmarine, Karl Schmidt v. d. Sollingerhütte zum Handelsſtande, Curt v. Walbeck aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Helmſtedt; aus Cl. IIc.: Friedrich Schrader aus Braunſchweig, um ſich dem Militairſtande zu widmen, Robert v. Voigtländer aus Braunſchweig, um ſich durch Privatunterricht fortzubilden; aus Cl. IIIa.: Ernſt Knoblauch von der Clus nach Hannover, Wilhelm Kraaz aus Braunſchweig, um ſich durch Privatunterricht fortzubilden; aus Cl. IIIb.: Ernſt Koken aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Holzminden, Paul Riemann aus Braunſchweig auf das Günther'ſche Inſtitut; aus Cl. IIIc.: Karl Matthias aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Wolfenbüttel; aus Cl. IIId.: Maximilian Dieſing aus Fürſtenberg auf das Gymnaſium zu Höxter; aus Cl. IVa.: Hermann Eicke aus Hambühren b. Celle auf das Gymnaſium zu Blankenburg, Max Hanke aus Braunſchweig auf das Günther'ſche Inſtitut, Ludwig Meyer aus Braunſchweig desgl., Karl Steinmann aus Braunſchweig desgl., Wilhelm Steinmeyer aus Duddenſtedt auf das Gym⸗ naſium zu Wolfenbüttel; aus Cl. IVb.: Henry Way aus Braunſchweig auf eine andere Anſtalt; aus Cl. VIa.: Hermann Praél aus Nankato im Staate Minneſota auf das Günther'ſche Inſtitut, Max Rabſilber aus Bernau auf das Gymnaſium zu Wolfenbüttel; aus Cl. VIb.: Alfred Challinor aus Braunſchweig auf das Günther'ſche Inſtitut. Weihnachten 1873: aus Cl. Ia.: Otto Meyer aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Blankenburg, Wilhelm Rennau aus Schöppenſtedt desgl.; aus Cl. IIIb.: Franz v. Diringshofen aus Braunſchweig auf das Gymnaſium zu Küſtrin; aus Cl. IIId.: Emil Frühling aus Braunſchweig auf das Günther'ſche Inſtitut; aus Cl. IVa.: Robert Denecke aus Braunſchweig desgl.; aus Cl. VIa.: Oſtern 1874 haben ſich zum Abgange gemeldet: aus Cl. IIa.: Hugo van Bargen aus Hamburg zum Handelsſtande; aus Cl. IIb.: Heinrich Ahrens aus Braunſchweig zur Handelsmarine, Albert Clahes aus Braun⸗ ſchweig zum Handelsſtande, Erich v. Dolffs aus Braunſchweig desgl., Ernſt Nöggerath aus Garde⸗ legen desgl., Rudolf Krüger aus Braunſchweig desgl., Friedrich Haubner aus Braunſchweig zur Pharmacie; 5* 36 aus Cl. IIIc.: Theodor v. Gertell aus Braunſchweig nach Blankenburg, Rudolf Wendeburg aus Druffelbeck bei Gifhorn auf das Gymnaſium zu Salzwedel; F. Chronik des Gymnaſiums von Oſtern 1872 bis Oſtern 1874. Wir beginnen unſern Bericht von den Schickſalen des Gymnaſiums in den beiden letzten Jahren mit einem Worte der Trauer. Der Tod hat einen Amtsbruder aus unſerer Mitte genommen, den wir alle ſchätzten und liebten. Unſer Heller iſt in die Gruft hinabgeſtiegen. Es treibt uns das Herz, auch an dieſer Stelle ſeiner Freundſchaft zu gedenken, nachdem am Grabe des Verblichenen College Steinmeyer ein zwiefach Todtenopfer ihm geſpendet. Heller iſt im Jahre 1810 zu Braunſchweig geboren. Sein Vater war ein armer, aber fleißiger Damaſt⸗ weber. Obgleich ſelber einer gelehrten Bildung fernſtehend, wußte er doch den hohen Werth derſelben zu ſchätzen und übergab daher den zwölfjährigen Sohn, welcher bis dahin die Daubert'ſche Schule beſucht hatte, dem Gymnaſium zur weiteren Ausbildung und Erziehung. Unter Friedemanns und Krügers Auſpicien hat Heller die Anſtalt beſucht. Beide betrachteten mit regem Intereſſe die ſchnellen Fortſchritte des ſtrebſamen und talent⸗ vollen Schülers. Schon hatte Heller ein Jahr in Prima geſeſſen, ſchon hatte er das Studium der Philologie als ſeine Lebensaufgabe ins Auge gefaßt, da kamen ihm Zweifel, ob er auch im Stande ſein würde, ſich die materiellen Mittel zur Ausführung ſeines Planes zu verſchaffen. Dieſe Zweifel ſteigerten ſich zur Verzweiflung, als Männer, deren Rath ihm alles galt, ihm alles gelten mußte, ihn, den Mittelloſen, von ſeinem Vorhaben abzuſchrecken ſuchten. Er verließ das Gymnaſium mit weinendem Auge und blutendem Herzen— und wurde Schriftſetzer, derſelbe Menſch, welcher noch vor Kurzem dem ſüßen Sang der Homeriſchen Muſe gelauſcht. Doch die Liebe zur Wiſſenſchaft glühte heimlich fort in ſeiner Bruſt, und nach einem nur halbjährigen Exil kehrte er zurück in die geliebten Räume des Gymnaſiums zur größten Ueberraſchung ſeiner Lehrer ſowohl als ſeiner Eltern, die nichts davon geahnt hatten. So viel ſtand ihm nunmehr feſt, daß er Philologie ſtudiren werde, es komme, was da wolle. Allein die eigentliche Schwierigkeit war ja keineswegs gehoben. Woher das leidige Geld nehmen? Endlich erlangte er ein mäßiges Stipendium, und nun ging er, zwanzig Jahre alt, nach Göttingen, der geliebten Wiſſenſchaft ſich mit Entzücken in die Arme werfend.— Im Jahre 1836 treffen wir ihn als Collaborator im braunſchweigiſchen Staatsdienſt wieder; 1846 avancirte er zum Oberlehrer und vier Jahre ſpäter, alſo bereits vierzig Jahre alt, trat er in den Stand der Ehe. Bis dahin hatte er ſeine armen und ſchwachen Eltern zu erhalten; und er hat dieſes gethan mit der ſelbſtloſen Aufopferung und der liebenden Hingebung eines echten Muſterſohnes.— Was Heller als Lehrer war, wiſſen alle, die ſeine Schüler ſich zu nennen das Glück hatten. Er beſaß jenes unverwüſtliche Wohlwollen, welches der Grundton ſein ſoll in der Seele eines jeden Lehrers. Dazu war ihm ein ungemein ſicheres Wiſſen eigen, namentlich auf grammatiſchem und lexicaliſchem Gebiete. Aber er war auch ein ſinniger Interpret des alten Homeros, deſſen naive Einfachheit mit ſeinem eignen, kindlichen Gemüthe ſchön harmonirte. So entfaltete er eine fruchtbare und ſegenbringende Wirkſamkeit, bis jene mör⸗ deriſche Krankheit ihn aufs Sterbebette warf. Der 27. Februar des Jahres 1873 iſt ſein Todestag. Ein Jahr ſpäter haben ihm ſeine dankbaren Schüler einen Denkſtein errichtet auf ſeinem Grabe; aber das ſchönſte Denkmal hat er ſich ſelber geſetzt in unſer aller Herzen. 8. 37 Die große Anzahl der Primaner veranlaßte Michaelis 1872 die Trennung der Prima in Ober⸗ und Unter⸗Prima mit je einjährigem Curſus. Das Ordinariat von Oberprima behielt der Director, während das von Unterprima dem Oberlehrer Drewes übertragen wurde; die dadurch erledigte Stelle eines Fachlehrers für alte Sprachen und Geſchichte in den oberen Claſſen erhielt der Collaborator Gebhard. Das Ordinariat von Quinta, welches derſelbe bis dahin verwaltet hatte, ſollte Dr. phil. Sievers erhalten; da derſelbe indeſſen zur Erfüllung ſeiner Militair⸗ pflicht eingezogen wurde, ſo wurde das Amt eines Claſſenlehrers von Quinta vorläufig dem Candidaten des höheren Schulamtes Langheim übertragen, welcher demſelben bis Neujahr 1873 vorſtand. Zu dieſer Zeit nämlich übernahm Dr. phil. Sievers, welcher aus Geſundheitsrückſichten aus dem Militairdienſte entlaſſen war, das Ordinariat von Quinta. Die durch mehrfache Krankheitsfälle im Lehrer⸗Collegium entſtandenen Lücken wurden außer durch die an⸗ geſtellten Lehrer beſonders durch den ſeit Michaelis mit Abſolvirung ſeines Probejahres am hieſigen Gym⸗ naſium beſchäftigten Candidaten des höheren Schulamtes Carl Grundner gedeckt. Mittelſt Patents vom 1. Januar 1873 wurde der bisherige Hilfslehrer Dr. phil. Hermann Lentz zum Collaborator befördert. Am 29. Juni 1872 fand ein gemeinſames Schulfeſt auf dem Weißen Roſſe ſtatt, bei welchem theatra⸗ liſche Aufführungen mit Geſängen und Spielen abwechſelten, bis am Abend das Feſt ſeinen Abſchluß durch einen Tanz erhielt. Die Aufführung des König Oedipus nach der Ueberſetzung und Bearbeitung des Directors, welche auf dem Schulfeſte den ungetheilteſten Beifall gefunden hatte, wurde auf vielfach ausgeſprochenen Wunſch am 11. Januar 1873 in den Räumen des Hotel d'Angleterre vor Freunden und Gönnern des Martino⸗Cathari⸗ neum wiederholt und fand allgemeine Anerkennung. Durch Patent vom 19. Juli 1873 iſt A. Haspelmacher und durch Patent vom 1. October 1873 Dr. phil. O. Sievers zum Collaborator ernannt. Am 28. Juni Schulfeſt. Gemeinſame Geſangvorträge, Aufführung von Sophokles' Philoktet in der Bearbeitung von C. Th. Gravenhorſt und des Luſtſpieles U. A. W. G. von Kotzebue. ni eacg bania S 4 ha ld inttnidr. en. 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