Goethes Anſchauung der Natur, die Grundlage ſeiner ſittlichen und äſthetiſchen Anſchauungen in Entwicklung und Wandlung. Oberlehrer Dr. Friedrich Braß. Beilage zum Programm für die Realſchule zu Cottbus. Druck von B. G. Teubner in Leipzig. 1900. Progr.⸗Nr. 134. Stein in ſeinem bemerkenswerten Schriftchen über Goethe und Schiller(K. H. v. Stein, Goethe u. Schiller, Reclam.) wirft pag. 19 einmal die Frage auf, was ſich ein Jeglicher unter Natur denke. Es muß ja auffallen, daß der Deutſche für einen Lieblingsbegriff ſich eines Fremdwortes bedient. Aber beſſer als das Wort Wirklichkeit ſcheint ihm dieſes dunkle Fremdwort ein großes unergründliches Rätſel zu bezeichnen. In Erſtaunen ſetzt es nur, daß ein ſo feiner Kopf wie Stein die Ant⸗ wort darauf, was ſich Goethe unter Natur gedacht habe, ſo gründlich verfehlte. Er ſagt pag. 20„Der Menſch des beginnenden 18. Jahr⸗ hunderts dachte ſich bei dem Worte Natur ein Gewirr und Gewimmel, ein Unzähliges vor ſich, gleichviel von was, von Sternen, wenn ſichs ums Große, von Infuſorien, wenn es ſich um den Waſſeertropfen handelt, von Atomen, Maſſenteilchen.“ „Hier hat nun am Ende dieſes 18. Jahrhunderts ein hochbegabter Geiſt der Betrachtung der Natur ſich zugewandt. Seine perſönlichen Fähigkeiten, wie die Erkenntnismittel ſeiner Periode hat er mit Bevor⸗ zugung in den Dienſt dieſer Erkenntnis⸗Abſicht geſtellt. So hat er eine ſehr beſtimmte Anſchauung von„Natur“ gewonnen. Goethe denkt bei dem Worte Natur hauptſächlich an zwei konkrete Erſcheinungen, von welchen er ſich dieſes Wort ſo zu ſagen zugerufen fühlt. Dieſe Er⸗ ſcheinungen ſind die Farbe und die organiſche Geſtalt. Seine Arbeiten zur Naturwiſſenſchaft betreffen hauptſächlich„Farbenlehre und Morphologie“. Dieſe Stelle bei Stein war der Ausgangspunkt von Unterſuchungen, die in dieſer vorläufigen Form erſcheinen, da ſie ja erſichtlich viel weiter um ſich greifen, als ſie ſich in den Rahmen eines Schulprogramms er⸗ ledigen laſſen. Kein Begriff war in dem Zeitalter Rouſſeaus, mit ſeinem ewig wiederholten retournons à la nature häufiger Gegenſtand der Betrachtung als„die Natur.“ Da es ſich in dieſem Aufſatze um eine Frage handelt, die nur im Zuſammenhange einer hiſtoriſchen überſicht verſtändlich wird, ſo müſſen wir einen Schritt weiter zurück in das 17. Jahrhundert gehen; denn alle Betrachtungen des vorigen Jahrhunderts über dieſes all⸗ 1* — 41— umfaſſende Gebiet: Shaftesburys Naturhymnus, die materialiſtiſchen Be⸗ trachtungen d'Alemberts und Diderots, ſo gut wie Klopſtocks Oden, die ſchmerzlichen Reflexionen Werthers, das ringende Bemühen Fauſts, ſie weiſen alle zurück zu den Betrachtungen des 17. Jahrhunderts, und dieſe wieder gehen alle aus von der Entdeckung des Kopernikus: An einer ganz ſinnfälligen Erſcheinung, die mit dem Leben eines Jeglichen in jedem Punkte ſich berührt, an der Bahn der am Himmel kreiſenden Sonne wurde der Menſchengeiſt auf einmal irre. So lange man den geozentriſchen Standpunkt beibehalten konnte, waren unſere höchſten Bildungsanſtalten, die Univerſitäten, lediglich von Geiſtlichen als Lehrern beſetzt. Von nun an drängten ſich Laien an die Lehrſtühle der hohen Schulen und verſchmähten es, geiſtliche Weihen auch niederen Grades vorher zu erlangen(cfr. Hermann Breßler, die Univerſitäten auf dem Baſeler Concil). Hier beginnt die europäiſche weltliche Bildung. Sehr bald erheben ſich da Zweifel, ob das Abbild der Welt, das uns die Sinne liefern, ein untrügliches ſei. Carteſius dehnt dieſen Zweifel in weiteſter Weiſe aus und macht erſt da Halt, wo alles moderne Denken anſetzt, an dem Subjekt. Zwei Thatſachen allein ſind ſeinem Zweifel nicht mehr unterworfen: unſer Denken und unſer Daſein. Ein glücklicher Zufall hatte ihn das Wort formulieren laſſen:„cogito ergo sum“. So⸗ fort hebt eine zweite Frage an: 1) entſprechen die Gedankenbilder und Vorſtellungen in uns der äußeren Welt ſo, daß wir zu adäquaten Vor⸗ ſtellungen und Begriffen der Außenwelt gelangen und 2) wie geſchieht es, daß dieſe Außenwelt imſtande iſt, in der Form von Vorſtellungen und Gedanken ſich in unſerem Geiſte wiederzuſpiegeln, wie das Bild der Welt auf der Fläche eines wirklichen Spiegels? Carteſius ſelbſt iſt der Meinung, daß die Außenwelt es vermöge, in uns hineinzuwirken und Vorſtellungen derart in uns zu erzeugen, daß wir in dieſen Vor⸗ ſtellungen zur unzweifelhaften Erkenntnis der Weſenheit der Dinge ge⸗ langen, oder, daß wir über die Natur der Dinge die volle Wahrheit zu ſagen imſtande wären. Schon bei Spinoza ſtellt ſich dieſe Frage ganz anders. Auch er glaubt zwar, daß wir in unſerem Denken die Weſen⸗ heit der Dinge zu ergreifen befähigt wären, aber die Dinge draußen und die Gedanken in uns ſind ihm doch ſchon etwas ſo völlig Unvergleich⸗ liches, ſo gänzlich Unähnliches, daß Erſcheinungen in dem Gebiete der körperlichen Welt ihm niemals Urſache von den Erſcheinungen der geiſtigen Welt, von unſeren Vorſtellungen ſein könnten. Sein Satz: ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum will ſagen: die Anordnung und Aufeinanderfolge der äußeren Dinge, ſowie ihre Be⸗ ziehung unter einander, iſt nicht die Urſache davon, daß unſere Vor⸗ ſtellungen von ihnen in ihrem Verhältnis zu einander dem Verhältnis — 5— der Dinge entſprechen, die ſie abzubilden ſcheinen. Ein Hineinwirken der äußeren Welt in unſere Seele wird alſo abgewieſen und die Reihe der Dinge ſowie ihre geſetzmäßige Beziehung entſpricht nur deshalb der Reihenfolge und der geſetzmäßigen Verkettung von Vorſtellungen und Begriffen in uns, weil die völlig von unſerem Denken unabhängige Reihe der Körperdinge ſowie die völlig von der äußeren Welt unabhängige Reihe unſerer Vorſtellungen in zwei von einander verſchiedenen Formen dieſelben Vorgänge innerhalb der Subſtanz wiederſpiegeln. Leibniz in ſeinen nouveaux essais ſchließt ſich mit ſeinem berühmten Satze les monades n'ont pas des fenêtres d. h. eine Seele hat keine Fenſter, durch welche die Außenwelt in ſie hineinſchlüpfen könnte, dem Grundgedanken Spinozas wohl an, zeigt aber den Anſatz zu einer Weiterbildung dieſer Gedankenreihen, ſo daß in unſerer Zeit Hermann Lotze mannigfach An⸗ knüpfungspunkte bei Leibniz findet. Leibniz nämlich erklärt die Vor⸗ ſtellungen in uns als wechſelnde Zuſtände der ſich ihrer bewußten Monade, deren Ablaufsreihe einzig und allein durch die von Gott vorher beſtimmte Natur der Monade bedingt ſei. Dem gegenüber hatte Locke in ſeinem essay concerning human understanding beſtimmt behauptet, die Dinge der äußeren Welt wirken auf unſere Sinne, und unſere Sinne ſind die Vermittler davon, daß unſere Seele überhaupt irgend welchen Inhalt in der Form von Vor⸗ ſtellungen, Begriffen und Ideen birgt. Begierig nahmen die franzöſiſchen Encyklopädiſten dieſe Lehre Lockes auf und gehen einen Schritt weiter. Hatte Locke nur bezweifelt, daß die Seele einen Inhalt haben könne, wenn nicht eine Außenwelt auf der Brücke der Sinne in ſie hineinwirke, ſo erklärte der franzöſiſche Materia⸗ lismus ſehr bald den Geiſt ſelber für eine Wirkung, eine Funktion der Materie. Die Materie organiſiert ſich, ſteigt zu immer höheren Formen auf, bis ſie im Menſchen nicht blos das Bewußtſein ihrer eigenen Zu⸗ ſtände, ſondern auch ein wahrheitsgetreues Bild der Welt und des rationellen Zuſammenhanges derſelben erzeugt. Was iſt dann für den Materialiſten die Natur? Eine urſprünglich in ſich tote Maſſe von Stoff, der durch das zufällige Zuſammentreffen von Wärme, Feuchtigkeit und Beleuchtung ſich hier und da organiſiert und das völlig zweckloſe Phänomen des Bewußtſeins und der geiſtigen Zuſtände als Begleit⸗ erſcheinung erzeugt. Zwei durch ihren Enthuſiasmus ungemein wirkſame Gegner ſtanden dieſer Naturauffaſſung gegenüber, die beide auf das Zeit⸗ alter Goethes und Schillers von tiefgehendſter Wirkung geweſen ſind, der ſchon 1713 verſtorbene Schüler Lockes, der Engländer Shaftesbury und J. J. Rouſſeau. Auf beide geht die leidenſchaftliche Geiſtesrichtung zurück, die wir in Deutſchland mit Sturm und Drang zu bezeichnen — 6— gewohnt ſind. Das geſammte deutſche Denken des vorigen Jahrhunderts aber weiſt keinen namhaften Anhänger des franzöſiſchen Materialismus auf. Nicht der elegante franzöſirende Gotter, noch auch Wieland be⸗ kennen ſich zu dieſer Auffaſſung, wenn auch der letztere mit einem ſteigen⸗ den ſympathiſchen Intereſſe das Werk eines der älteſten Materialiſten, des römiſchen Lukrez nicht mehr aus den Augen verliert. Die unendliche Wirkung dagegen, die Rouſſeau erzeugte, iſt hin⸗ länglich von der Litteraturgeſchichte gewürdigt worden, aber weder Julian Schmidt noch Hermann Hettner betonen einen Punkt genügend, daß nämlich für Rouſſeau, von Shaftesbury gilt dasſelbe,„die Natur“, die„Mutter Natur“ nichts Stoffliches habe, ſondern ein großes geiſtiges Lebeweſen ſei. Wenn die Jugendgedanken Goethes mit dieſen Rouſſeauſchen Ge⸗ danken übereinſtimmen, ſo ſind ſie doch nicht unmittelbar auf Rouſſeau zurückzuführen. Lange, ehe er Rouſſeau kannte, ſpottete er in einem Briefe an Friederike Oeſer aus dem Jahre 1768 über Hirſchfeld„den Anatomiker der Natur“. Schon ganz in dem Sinne des Spottes von Mephiſtopheles in dem vor 1775 geſchriebenen Urfauſt:„wer will was Lebendiges beſchreiben, ſucht erſt den Geiſt heraußer zu treiben, dann hat er die Teile in ſeiner Hand, fehlt leider nur das geiſtige Band. Encheiresin naturae nennt's die Chemie, bohrt ſich ſelbſt einen Eſel und weiß nicht wie.“ Die Naturanſchauung, wie ſie im Werther, im Urfauſt, im Prometheus zu Tage tritt, iſt eben dieſelbe wie in dem Fragmente„Die Natur“, mag es nun von Goethe ſelbſt herrühren oder nicht, in welchem ſich nach Goethes eigenem Zeugnis ſeine Naturanſchauung bis zur Mitte der achtziger Jahre wiederſpiegelt. Es leitet in dem 11. Bande der 2. Abteilung der großen Weimarer Ausgabe die natur⸗ wiſſenſchaftlichen Schriften Goethes ein und ſtimmt völlig in der Auf⸗ faſſung mit den genannten Werken aus Goethes erſter Periode überein: „Die Natur“ iſt der geheimnisvolle, den Sinnen ewig unzugängliche, metaphyſiſche Untergrund der Dinge, nicht aber iſt ſie ein Sammelbegriff für die Dinge ſelbſt. Wenn Fauſt ſchon im Urfauſt klagt:„Welch Schauſpiel, aber ach ein Schauſpiel nur, wo faß ich dich, unendliche Natur, Euch Brüſte, wo, ihr Quellen alles Lebens, an denen Himmel und Erde hängt ꝛc.“, ſo begegnet uns die verwandte Stelle im Frag⸗ ment:„Sie“, die Natur,„ſpielt ein Schauſpiel, ob ſie es ſelbſt ſieht, wiſſen wir nicht, und doch ſpielt ſie es für uns, die wir in der Ecke ſtehen. Sie lebt in lauter Kindern und die Mutter, wo iſt ſie? Es iſt ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr und doch rückt ſie nicht weiter. Sie ſcheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht ſich nichts aus den Individuen, ſie baut immer und zerſtört immer, und ihre Werkſtätte iſt unzugänglich.“ Das Lied des Erdgeiſtes:„In —,— Lebensfluten, in Thatenſturm wall ich auf und ab, webe hin und her, Geburt und Grab, ein ewiges Meer“ ſagt daſſelbe. Gerade ſo drückt Werther in dem Briefe vom 18. Auguſt ſeine Idee von der Natur aus: „Vom unzugänglichen Gebirge über die Einöde, die kein Fuß betrat, bis ans Ende des unbekannten Oceans weht der Geiſt des ewig Schaffenden und freut ſich jedes Staubs, der ihn vernimmt und lebt.“ Ihm ‚eröffnet ſich all das innere glühende heilige Leben der Natur und die herrlichen Geſtalten der unendlichen Welt bewegten ſich alllebend in meiner Seele“. Aber dann fährt er weiter fort:„Es hat ſich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens ver⸗ wandelt ſich vor mir in den Abgrund des ewig offenen Grabs. Kannſt du ſagen, das iſt, da alles vorübergeht?“ und weiter:„mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die im All der Natur verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht ſeinen Nachbar, nicht ſich ſelbſt zerſtörte. Und ſo taumle ich beängſtigt! Himmel und Erde und all die webenden Kräfte um mich her! Ich ſehe nichts, als ein ewig verſchlingen⸗ des, ewig wiederkäuendes Ungeheuer!“ Die Fauſtſtellen, Werthers Leiden und das Fragment„die Natur“ ſtimmen darin überein: 1) Die Natur ſteht geheimnisvoll und unerforſch⸗ lich hinter den Dingen, die wir die Außenwelt nennen, nur ihre Kinder gewahren wir, nicht die Mutter, oder wie es im zweiten Teil des Fauſt heißt„die Mütter“. 2) Ihr Sinn iſt Geburt und Grab in gleicher Weiſe, Leben und Sterben, der Tod iſt ihr„Kunſtmittel“, neues Leben zu ſchaffen, ſie ſchafft nur eng Begrenztes, Individuelles, ſie freut ſich an den Individuen, aber ſie hat kein Intereſſe daran, ſie zu erhalten. In ihrer völligen Unerforſchlichkeit iſt ſie dem Menſchen eben deswegen unheimlich, weil dieſes Spiel mit individuellem Leben ein völlig zweck⸗ loſes zu ſein ſcheint. Aus dieſen Anſchauungen ergeben ſich zwei Kon⸗ ſequenzen: 1. Die Art, die Natur künſtleriſch nachzugeſtalten und 2. die ſittlichen Ziele, welche eine ſolche Naturbetrachtung zuläßt. Was zunächſt das künſtleriſche Schaffen anlangt, ſo iſt Goethe in dieſer Periode der Meinung, daß die charakteriſtiſche Wiedergabe des Wirklichen in derſelben Derbheit, wie das Leben ſie bildet, mit Verſchmähung der künſtleriſchen Form, die Aufgabe der Kunſt ſei, daher auch ſeine Vorliebe für die Niederländer in dieſer Periode, ſowie die Anlehnung an Shakeſpeare in ſeinen Dichtungen. Goetz, die Faſt⸗ nachtſpiele, der Jahrmarkt von Plundersweilern ſo gut wie die derben ſpäter umgewandelten Scenen des Urfauſt, kurz, alle ſeine Jugend⸗ dichtungen legen Zeugnis von dieſer Auffaſſung ab. Nur in einem Überſchuſſe des Thätigkeitstriebes, nicht in einem angeborenen, entwickelten Sinne für die Form ſieht er das Weſentliche des Künſtlers:„Die Kunſt — 8— war lange bildſam, ehe ſie ſchön war!“ Wir können hier nur längſt be⸗ kannte Dinge wiederholen, die Sturm⸗ und Drangperiode mit ihren künſtleriſchen Anſchauungen iſt ja genugſam klargelegt. Nach der ſitt⸗ lichen Seite kennzeichnet ſich dieſe Periode als ſchrankenloſer Individua⸗ lismus. Da jeder Einzelmenſch ein nach ſeinen Entwicklungsmöglich⸗ keiten feſt gegebenes und umſchriebenes Ganzes iſt, ſo giebt es kein höheres Ziel, als zu der eigenſten Form zu gelangen, die die Natur in uns angelegt hat, die wir durch alles Konventionelle nur verderben und durch den Mut zu einem zwangloſen Sichgehenlaſſen einzig erreichen. Jeder Altruismus liegt den ſittlichen Maximen dieſer Periode gänzlich fern(vergl. meinen Aufſatz über den Individualismus Goethes in Nr. 56 und 57 der von Chriſtoph Schrempf herausgegebenen„Wahrheit“). Dieſe Naturanſchauung erhielt keine weſentliche Modifikation durch das eingehende Studium Spinozas, das Goethe mit Herder gemeinſchaft⸗ lich in der Periode ihrer intimſten Berührung, in den Jahren 1784 bis 1786 betreibt. Einen weſentlichen Fortſchritt ſeiner Naturanſchauung ſowie ſeiner Auffaſſung von der Kunſt bringt erſt die italieniſche Reiſe. II. Es iſt ein gewöhnlicher Irrtum, daß die Hauptreſultate derſelben in dem Gewinne und der Bereicherung ſeiner künſtleriſchen An⸗ ſchauungen lägen. Die Entdeckung des Geſetzes der Metamorphoſe der Pflanzen iſt aber ganz ohne Frage ſchon deshalb das wichtigſte Reſultat des Goetheſchen Aufenthaltes, weil nach ſeinem eigenen Zeugniſſe von dieſer geänderten Auffaſſung der Natur ſeine künſtleriſchen Forderungen abhängen. Sein Aufenthalt in Neapel und Sicilien wurde ihm durch dieſe neue Anſchauung„begeiſtet“. Setzte nach der früheren Anſchauung die Natur ihre Gebilde mit wunderlicher Gleichgiltigkeit und Willkür in das Leben, ſo trat ihm hier zum erſten Mal in einer unüberſehbaren Reihe von Konſequenzen der Begriff der Entwicklung entgegen. Neumayrs Erdgeſchichte zeigt in ihrer Einleitung, wie grade der Begriff der Entwicklung in dem altteſtamentlichen Schöpfungsberichte eine ſo ſchwer überſteigbare Barriere gefunden hatte und wie wenig er dem Denken des vorigen Jahrhunderts gemäß war. Wir können daher die Unruhe begreifen, in welche Goethe durch ſeine Entdeckung verſetzt wurde. „Wer an ſich erfahren hat,“ ſchreibt er unter dem 17. Mai 1787 in der italieniſchen Reiſe,„was ein reichhaltiger Gedanke heißen will, er ſei nun aus uns ſelbſt entſprungen, oder von anderen mitgeteilt und ein⸗ geimpft, wird geſtehen, was dadurch für eine leidenſchaftliche Bewegung in unſerem Geiſte hervorgebracht werde, wie wir uns begeiſtert fühlen, — 9— indem wir alles dasjenige in Geſammtheit vorausahnen, was in der Folge ſich mehr und mehr entwickeln, wozu das Entwickelte weiter führen ſoll. Dieſes bedenkend, wird man mir zugeſtehen, daß ich von einem ſolchen Gewahrwerden wie von einer Leidenſchaft eingenommen und getrieben worden, und wo nicht ausſchließlich, doch durch alles übrige Leben hin⸗ durch mich damit beſchäftigen müſſen“. Sonderbar, daß gerade dieſe Entdeckung auch die Veranlaſſung werden mußte, daß Goethe und Schiller einander nahe traten. Am kürzeſten zuſammengefaßt hat ihre Bedeutung Goethe in dem köſtlichen Gedichte an Chriſtiane Vulpius: Die Meta⸗ morphoſe der Pflanzen.„Dich verwirret Geliebte die tauſendfältige Miſchung dieſes Blumengewühls über den Garten umher. Viele Namen höreſt du an, und immer verdränget mit barbariſchem Klang einer den andern im Ohr. Alle Geſtalten ſind ähnlich und keine gleichet der andern, und ſo deutet das Chor auf ein geheimes Geſetz, auf ein heiliges Rätſel. O könnt ich dir, liebliche Freundin, überliefern ſogleich glücklich das löſende Wort. Werdend betrachte ſie nun.“ Verwirrend hatte bisher die unendliche Mannigfaltigkeit der Erſcheinungen, mit der die Natur wie ein ſpielendes Kind ſich ſelbſt zu beluſtigen ſchien, auf Werther⸗ Goethe und Fauſt⸗Goethe gewirkt, und der mephiſtopheliſche Gedanke: „Alles was entſteht, iſt wert, daß es zu Grunde geht,“ war eigentlich der konſequenteſte Ausdruck dieſer Naturbetrachtung. Was das Newton⸗ ſche Geſetz für den Kosmos, das wurde der Goetheſche Gedanke für die organiſche Welt. Ihre Hervorbringungen reihen ſich zu einer geſetz⸗ mäßigen Kette, und der Gedanke des alternden Goethe bereitet ſich lang⸗ ſam vor, wie er den kleinen„Bedenken und Ergebung“ überſchriebenen Aufſatz einleitet.„Wir können bei Betrachtung des Weltgebäudes in ſeiner weiteſten Ausdehnung, in ſeiner letzten Teilbarkeit uns der Vor⸗ ſtellung nicht erwehren, daß dem Ganzen eine Idee zu Grunde liege, wonach Gott in der Natur, die Natur in Gott, von Ewigkeit zu Ewig⸗ keit ſchaffen und wirken mögen,“ und er ſchließt dieſen Aufſatz mit einer Umwandlung der Worte des Mepbhiſtopheles aus der Schülerſcene: „So ſchauet mit beſcheidnem Blick, Der ewigen Weberin Meiſterſtück, Wie ein Tritt tauſend Fäden regt, Die Schifflein hinüber, herüberſchießen, Die Fäden ſich begegnend fließen, Ein Schlag tauſend Verbindungen ſchlägt. Das hat ſie nicht zuſammengebettelt, Sie hats von Ewigkeit angezettelt, Damit der ewige Meiſtermann Getroſt den Einſchlag werfen kann.“ — 10— Gewiß hat auch jetzt noch die Natur Problematiſches genug, gewiß bleibt ſie auch jetzt noch in ihrer Unbegreiflichkeit„unheimlich“, ſo daß er in dem denkwürdigen erſten Geſpräche mit Schiller ſagen kann:„Daß ſie dem Eingeweihten ſelbſt vielleicht unheimlich bleibe und daß es doch wohl noch eine andere Weiſe geben könne, die Natur nicht geſondert und vereinzelt vorzunehmen, ſondern ſie wirkend und lebendig aus dem Ganzen in die Teile ſtrebend darzuſtellen.“ Die Metamorphoſe der Pflanzen, von der Goethe ſelbſt ſagt, ſie laſſe ſich auf alles Organiſche anwenden, geht von dem Gedanken aus: die Natur verfahre hier derartig analytiſch, daß ſie den Gehalt einer typiſchen Urform in alle möglichen Einzelformen auflöſe. Für die Pflanze iſt dieſe Urform das Blatt, das ſeine höchſte Entwicklung in der Blüte findet; für die Wirbeltiere iſt es das einzelne Glied der Wirbelſäule, deſſen höchſte Entwicklung der Kopf des Menſchen iſt. Eingehüllt in die urſprüngliche Urform liegen alle weiteren Bildungen, und ihre Ausgeſtaltung iſt das„analytiſche Verfahren“ der Natur.„Ein⸗ fach ſchlief in dem Samen die Kraft, ein beginnendes Vorbild lag ver⸗ ſchloſſen in ſich unter die Hülle gebeugt.“ Ein andermal ſagt Goethe: „Bei Darſtellung des Verſuches der Pflanzenmetamorphoſe mußte ſich eine naturgemäße Methode entwickeln; denn als die Vegetation mir Schritt für Schritt ihr Verfahren vorbildete, konnte ich nicht irren, ſondern mußte, indem ich ſie gewähren ließ, die Wege und Mittel an⸗ erkennen, wie ſie den eingehüllteſten Zuſtand zur Vollendung nach und nach zu befördern weiß.“ W. A. II. Bd. 11. pag. 48. Und fernerhin ibid. pag. 50.„Indeſſen fuhr ich fort, der Bildung und Umbildung organiſcher Naturen ernſtlich nachzuforſchen, wobei mir die Methode, womit ich die Pflanzen behandelt, zuverläſſig als Wegweiſer diente. Mir entging nicht, die Natur beobachte ſtets analytiſches Verfahren. Eine Entwicklung aus einem lebendigen geheimnisvollen Ganzen, und dann ſchien ſie wieder ſynthetiſch zu handeln, indem ja völlig fremd ſcheinende Verhältniſſe einander angenähert und ſie zuſammen in eins verknüpft wurden.“ Noch einmal wollen wir darauf hinweiſen, daß auch hier die Natur nicht mit der Summe ihrer Einzelerſcheinungen zu verwechſeln iſt, ſondern daß damit dasjenige bezeichnet wird, was die Erſcheinungen treibt und hervorbringt. Die Natur iſt das Wirkende, das Entwickelnde.„Natur⸗ gemäß“, d. h. dieſem Verhalten der Natur entſprechend, aus dem All⸗ gemeinen das Beſondere herzuleiten, iſt die menſchliche Begabung, jede Einzelerſcheinung von etwas Allgemeinem abzuleiten, die Bildung von Begriffen, in welchen der Menſch das Weſentliche der Erſcheinungen erfaßt. In auffallend ſtrenger Konſequenz ändern ſich jetzt dieſer Natur⸗ anſchauung entſprechend Goethes äſthetiſche Anſchauungen. Jede mit 11 charakteriſtiſchen Merkmalen ausgeſtattete Einzelerſcheinung: eine ver⸗ krüppelte wie eine übertrieben in das Kraut geſchoſſene Pflanze erſcheint uns nur dann als wahr, wenn wir die Bedingungen mitüberſehen und gewahren, auf denen ihre Beſonderheit beruht. Nun greift aber der Künſtler ſeinen Gegenſtand ſelten zugleich mit ſolchen wirkenden Urſachen, er iſoliert ihn vielmehr. Die Kunſt muß daher unwahr werden, wenn ſie bei Darſtellung ihrer iſolierten Gegenſtände nicht einen Ausdruck für das Weſentliche ſucht, das aber iſt in der Kunſt der Typus. In keinem Schriftchen hat Goethe in ſo zuſammengedrängter Form einen ganzen Band theoretiſcher Äſthetik erſetzt als in der kurzen Abhandlung„Ein⸗ fache Nachahmung der Natur, Manier, Stil.“ Hier ſagt er vom Stil: „Gelangt die Kunſt durch Nachahmung der Natur, durch Bemühung, ſich eine allgemeine Sprache zu machen, durch genaues und tiefes Studium der Gegenſtände ſelbſt endlich dahin, daß ſie die Eigenſchaften der Dinge und die Art, wie ſie beſtehen, genau und immer genauer kennen lernt, daß ſie die Reihe der Geſtalten überſieht und die ver⸗ ſchiedenen charakteriſtiſchen Formen nachzuahmen und neben einander⸗ zuſtellen weiß, dann wird der höchſte Grad, wohin ſie gelangen kann, erreicht, der Grad, wo ſie ſich den höchſten menſchlichen Bemühungen gleichſtellen darf.“„Wie die einfache Nachahmung auf dem ruhigen Daſein und einer liebevollen Gegenwart beruht, die Manier eine Er⸗ ſcheinung mit einem leichten, fähigen Gemüt ergreift, ſo ruht der Stil auf den tiefſten Grundfeſten der Erkenntnis, auf dem Weſen der Dinge, inſofern uns erlaubt iſt, es in ſichtbaren und greiflichen Ge⸗ ſtalten zu erkennen.“ Hing in der erſten Periode der Goetheſchen Entwicklung ſeine Vor⸗ liebe für das derb realiſtiſche, für Shakeſpeare und die Niederländer, auf das engſte mit ſeiner ganzen Naturbetrachtung zuſammen, ſo entſpricht in der Periode nach der italieniſchen Reiſe die ausſchließliche Anerkennung der antiken Kunſt wiederum ſeinen nun geänderten Naturanſchauungen, denn die Antike dringt ja überall auf Darſtellung des Typiſchen. Unter dem 6. September 1787 ſchreibt er aus Rom:„Soviel iſt gewiß, die alten Künſtler haben ebenſo große Kenntnis der Natur und einen ebenſo ſicheren Begriff von dem, was ſich vorſtellen läßt und wie es vorgeſtellt werden muß, gehabt als Homer. Leider iſt die Anzahl der Kunſtwerke der erſten Klaſſe gar zu klein, wenn man aber auch dieſe ſieht, ſo hat man nichts zu wünſchen, als ſie recht zu erkennen und dann in Friede hinzufahren. Dieſe hohen Kunſtwerke ſind zugleich als die höchſten Naturwerke von Menſchen nach wahren und natürlichen Geſetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zuſammen. Da iſt die Notwendigkeit, da iſt Gott.“ — 12— Hermann Hettner hat in ſeiner Litteraturgeſchichte hinreichend die Bedeutung des Typiſchen klargeſtellt und die Fruchtbarkeit dieſes Be⸗ griffes für das gemeinſame künſtleriſche Schaffen Schillers und Goethes nachgewieſen. Daß die Entwicklung dieſes Begriffes aber eine bloße Konſequenz der geänderten Goetheſchen Naturanſchauung ſei, hat er verkannt. Auch in das ſittliche Gebiet hinein wirkt dieſe neu gewonnene Naturanſchauung, nur daß ſie dort nicht ſo unmittelbar in der aller⸗ nächſten Zeit ſchon nachweisbar iſt. Es iſt begreiflich, daß bei einem Manne, deſſen Lebensführung ſchon ſeit ſo langer Zeit einen ſo ge⸗ waltigen Ernſt gezeigt hatte, zunächſt von praktiſcher Seite her ein Bedürfnis nicht vorlag, zu einer Reviſion ſeiner ſittlichen Anſchauungen zu ſchreiten, und doch knüpft auch die ſittliche Wandlung Goethes an ſeine geänderte Naturanſchauung an. In dem von uns ſchon zitierten Gedichte„Die Metamorphoſe der Pflanzen“ bringt ſie Goethe ausdrücklich in eine innere Beziehung zu der gewonnenen Naturanſchauung. Die Verſe:„Wende du nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel, das ſich verwirrend nicht mehr vor dem Geiſte bewegt. Jede Pflanze verkündet dir nun die ewgen Geſetze, jede Blume, ſie ſpricht lauter und lauter mit dir, aber entzifferſt du hier der Göttin heilige Lettern, überall ſiehſt du ſie dann auch in verändertem Zug: Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geſchäftig, bildſam ändre der Menſch ſelbſt die beſtimmte Geſtalt!“ Was unleugbar als Kon⸗ ſequenz in der gewonnenen Naturanſchauung begründet lag, wurde aber durch drei mächtige Faktoren des praktiſchen Lebens zur Erſcheinung ge⸗ bracht. Goethe nahm Chriſtiane Vulpius zu ſich und bemühte ſich un⸗ abläſſig,(iſt doch das gerade zitierte Gedicht ein rührender Beweis davon) die Geliebte ſittlich zu ſich emporzuziehen, ſie zu einer Fortſchreitenden zu machen.„Freu dich auch des heutigen Tages! Die heilige Liebe ſtrebt zu der höchſten Frucht gleicher Geſinnungen auf, gleicher Anſicht der Dinge, damit in harmoniſchem Anſchaun ſich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.“ Ganz anders aber trat die Forderung, ſeine bisherigen ſittlichen Anſchauungen zu prüfen, an Goethe heran, als ihm ein Kind geſchenkt wurde, bei dem Karl Auguſt Pathe ſtand. Die Erziehungskapitel des Wilhelm Meiſter im 1. und 2. Teil legen beredtes Zeugnis von der geänderten Geſinnung ab. Ehe wir zu ihrer Beſprechung gehen, wenden wir uns zu dem dritten und mächtigſten Faktor. Es war die Bekanntſchaft mit Schiller. In Schiller lernte Goethe zweifellos eine der größten ſittlichen Erſcheinungen kennen, die je gelebt haben. Es entſpricht aber ſeiner ganzen Lebensanſchauung, in dieſem ſittlichen Phänomen nur eine — 13— andere Seite der Natur zu erblicken, denn alles, was die menſchliche Natur in ſich birgt, gehört, da ſie ja eben ganz und überall Natur iſt, auch der Natur im großen an. Und ſo ward ihm der gewaltſam Fort⸗ ſchreitende, der das Gemeine in weſenloſem Scheine liegen ließ, eine der bedeutſamſten Erſcheinungen der Natur ſelbſt. Gerade durch den ent⸗ gegengeſetzten Standpunkt, den Schiller einnahm, indem er das ganze Gebiet der ſittlichen Selbſtbeſtimmung aus dem Reiche der Natur heraus⸗ nahm und ſeine ,Freiheit“ in den ſchroffen zuſammenhangloſen Gegenſatz zum„Reiche der Notwendigkeit“, der Natur, brachte, ſtärkte ſich die An⸗ ſchauung Goethes.„Unſere Geſpräche waren durchaus produktiv oder theoretiſch, gewöhnlich beides zugleich, er predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wiſſen.“ Goethe weiß, wo der Punkt liegt, von wo aus ihre Meinungen über dieſen Gegenſtand diametral auseinandergehen.„Die Kantiſche Philoſophie, welche das Subjekt ſo hoch erhebt, indem ſie es einzuengen ſcheint, hatte er mit Freuden in ſich aufgenommen, ſie entwickelte das Außerordentliche, was die Natur in ſein Weſen gelegt, und er im höchſten Gefühl der Freiheit und Selbſtbeſtimmung war undankbar gegen die große Mutter, die ihn gewiß nicht ſtiefmütterlich behandelte. Anſtatt ſie ſelbſtändig, lebendig vom Tiefſten bis zum Höchſten, geſetzlich hervorbringend zu betrachten, nahm er ſie von der Seite einiger empiriſcher menſchlicher Natürlichkeiten.“ Aus dieſer Stelle ſchon geht genügend hervor, daß Goethe in der Erſcheinung Schillers eine ihm bis dahin in ſolcher Macht noch nie entgegengetretene Naturerſcheinung erblickte. Alles aber, was Goethe in der Natur gewahrte, wurde für ihn wichtig als Künſtler, und ſo tritt denn Goethes geänderte Anſchauung über das Sittliche zuerſt in ſeinen Dichtungen hervor. Ein charakteriſtiſches Merkmal aller Goetheſchen Dichtungen vor dem Jahre 1794 liegt darin, daß alle ihre Charaktere auf dem einmal durch Natur und Umſtände gegebenen ſittlichen Standpunkt beharren. In der wichtigſten derſelben, in Werthers Leiden liegt die Tragik darin, daß der Held ſich auf der Höhe ſeiner Nazur nicht zu behaupten vermag und noch im Egmont iſt das behagliche Sichgehenlaſſen auf ſittlichem Gebiete gerade dasjenige, was Schiller an dieſer Dichtung ſo ſehr miß⸗ fällt(vgl. die Rezenſion Schillers über Egmont). Hierbei aber handelte es ſich gar nicht, wie man es Goethe ſo oft zum Vorwurf gemacht hat, um eine ſittliche Indolenz, ſondern es handelt ſich um einen hartnäckig beibehaltenen prinzipiellen Standpunkt. Früh ſchon in Straßburg war Goethe das Wort Pindars aufgefallen:„Werde, was du biſt“. Das ſchien ihm am treffendſten den Rouſſeauſchen Erziehungsgedanken zum Ausdruck zu bringen, um es kurz zu ſagen, das ſittliche Ziel der älteren — 142— Periode beſteht in einer Organiſation der uns verliehenen ſittlichen Kräfte, nicht aber in einer Steigerung derſelben. Noch in dem 1788 vollendeten„Torquato Taſſo“ iſt dieſes ſittliche Ziel beibehalten. So ſagt Akt 5 Scene 4 die Prinzeſſin:„Gar wenig iſt's, was wir von dir verlangen und dennoch ſcheint es allzuviel zu ſein, du ſollſt dich ſelbſt uns freundlich überlaſſen, wir wollen nichts von dir, was du nicht biſt. Wenn du nur erſt dir mit dir ſelbſt gefällſt.“ Die Tragik Taſſos baut Goethe ja gerade darauf auf, daß Taſſo, ſtatt ſich bei den ihm von der Natur verliehenen Gaben zu beruhigen, ſehnſüchtig nach einem ihm ver⸗ ſagten Heldentum ausſchaut. Auch in der Iphigenie bleibt Treue gegen ſich ſelbſt das höchſte ſittliche Ziel. Wie anders zeigen ſich die Charaktere aller nach 1794 erſcheinenden Dichtungen.(Die römiſchen Elegien natürlich ausgenommen.) Vor allem in„Hermann und Dorothea“ und dem jetzt gänzlich umgearbeiteten „Wilhelm Meiſter“. Im 2. Kapitel des 8. Buches der Lehrjahre legt Wilhelm Natalien einmal die Frage vor:„Laſſen Sie denn auch jede Natur ſich ſelbſt ausbilden, laſſen Sie denn auch die Ihrigen ſuchen und irren, Mißgriffe thun, ſich glücklich am Ziele finden oder unglücklich in der Irre verlieren?“„Nein“, antwortet Natalie,„dieſe Art, mit Menſchen zu handeln, würde ganz gegen meine Geſinnungen ſein. Wer nicht im Augenblicke hilft, ſcheint mir nie zu helfen. Wer nicht im Augenblicke Rat giebt, nie zu raten. Ebenſo nötig ſcheint es mir, gewiſſe Geſetze auszuſprechen und den Kindern einzuſchärfen, die dem Leben einen ge⸗ wiſſen Halt geben. Ja, ich möchte beinah behaupten, es ſei beſſer nach Regeln zu irren, als daß uns die Willkür unſerer Natur hin und her treibt, und wie ich die Menſchen ſehe, ſcheint mir in ihrer Natur immer eine Lücke zu bleiben, die nur durch ein entſchieden ausgeſprochenes Geſetz ausgefüllt werden kann.“ Sowohl in dem Briefwechſel mit Schiller als an einer anderen Stelle des Wilhelm Meiſter findet ſich das Wort:„Unſere Grundſätze müſſen Supplemente unſerer Natur werden.“ Alle Charaktere der Goetheſchen Dichtung werden von nun an wachſende und fortſchreitende. Der Kaiſer im zweiten Teil des„Fauſt“, die wie Maria Stuart ſich beim Verluſte der irdiſchen Güter aufrichtende natürliche Tochter, Hermann am Schluſſe der Dichtung dem Begeiſterung die Wange rötet, ſind ſittliche Kampfesnaturen ge⸗ worden. Welche Größe erreicht das elſäſſiſche Landmädchen„Dorothea“, wenn es am Schluſſe der Dichtung ſich zu dem Grundſatze bekennen darf:„Heilig ſei dir der Tag, doch achte das Leben nicht höher, als ein anderes Gut und alle Güter ſind trüglich“. Erfährt in den„Wahl⸗ verwandtſchaften“ ſchon Eduards Weſen eine lebhafte ſittliche Steigerung, die ihn von dem Niveau des behaglichen Landbarons aufwärts zu einem — 15— dahinſtürmenden Kämpfer treibt, wie ganz anders der Hauptmann und Charlotte. Nach der leidenſchaftlichen Scene am Ende des 12. Kapitels im 1. Teil richtet ſich ihre ſittliche Kraft empor, und wie haben beide das Wort Charlottens gehalten:„Daß dieſer Augenblick in unſerem Leben Epoche mache, können wir nicht verhindern, aber daß ſie unſerer wert ſei, hängt von uns ab.“ Die angeführten Stellen mögen hier ge⸗ nügen, um zu erweiſen, daß auch der ſittliche Standpunkt Goethes durch ſeine geänderte Naturanſchauung ſich modifizierte, wobei wir gerne zu⸗ geſtehen, daß ſeine Ehe, ſein Kind und vor allem die ſittliche Erſcheinung Schillers dieſe ſittlichen Anſchauungen erſt zur Reife brachten. III. Gerade Schiller aber ſollte durch ſeine philoſophiſchen Geſpräche mit Goethe dazu beitragen, daß ſich die Anſchauung des letzteren über die Natur in einem weſentlichen Punkte änderte. Dieſe Geſpräche drehen ſich nach Goethes Zeugnis weſentlich um die Begrenzung von Subjekt und Objekt und um die Stellung dieſer beiden Begriffe zueinander. Wir wiſſen gleichfalls aus Goethes eigenen Worten, daß ſo lange ſein großer Freund lebte, er mit eigenſinniger Entſchiedenheit an ſeinem Standpunkte feſthielt. Nach dem Tode Schillers aber, als der große Freund nicht mehr perſönlich die Partei des„Subjekts“ und der ‚Freiheit“ nehmen konnte, nimmt Goethe, faſt als wäre es ein Akt der Pietät gegen den großen Verſtorbenen, Anſchauungen Schillers in die ſeinigen hinüber. Anfangs konnten ihn bei Geſprächen mit Schiller Sätze wie folgender zur Verzweiflung bringen:„Wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die einer Idee angemeſſen ſein ſollte, denn darin beſteht eben das eigen⸗ thümliche der letzteren, daß ihr niemals eine Erfahrung kongruieren könne“, dann ſagte ſich Goethe dagegen,„wenn er das für eine Idee hielt, was ich als Erfahrung ausſprach, ſo mußte doch zwiſchen beiden irgend etwas Vermittelndes, Bezügliches obwalten.“(W. A. II. Abt. 11. Band. S. 18.) Goethe glaubt alſo anfangs, daß eine von außen ſtammende Erfahrung in irgend einer Weiſe zur Bildung einer Idee führen müſſe. Dieſe Anſchauung aber ändert er völlig nach Schillers Tode. In der Beſprechung von d'Alemberts Einleitung zur großen franzöſiſchen Encyklopädie ſchreibt er 1816: Ich las d'Alemberts wichtiges Vorwort zu der großen Encyklopädie ſeit vielen Jahren wieder und finde, daß, wenn man ihm ein paar Irrtümer, die er im Sinne ſeiner Zeit an die Spitze ſetzt,„die Ideen nämlich werden von außen empfangen und die Künſte müſſen als Nachahmung der Natur be⸗ trachtet werden, wenn man ihm das verzeiht, ſagt er die köſtlichſten — 16— Sachen.“ Hier wird alſo der Gedanke, daß unſere Ideen durch die Er⸗ fahrung von außen hereinkämen, als ein Irrtum abgewieſen. Offenbar liegt alſo die Thatſache vor, daß Goethe wichtige Sätze von Schiller, die er anfangs leidenſchaftlich bekämpfte, in ſeine Anſchauungen herüber genommen hat. Ein großer Irrtum aber würde es ſein, glauben zu wollen, daß nicht noch beträchtliche Gegenſätze zwiſchen der Kantiſch⸗ Schillerſchen und der Goetheſchen Anſchauung andererſeits beſtänden. In einem Punkte gehen die Anſchauungen ſcharf auseinander. In dem Verhältniſſe des Subjektes zu dem Objekt und im Grunde genommen dreht ſich der Streit um das Kantiſche Ding an ſich. Kant nämlich hatte dem engliſchen Senſualismus nihil est in in- tellectu quod non antea erat in sensu ſoweit eine Konzeſſion gemacht, daß er zugab, irgend einen Inhalt könne unſer geiſtiges Daſein nicht empfangen, ohne daß eine von außen kommende Erfahrung ihn erbrächte. Die Beſchaffenheit dieſes geiſtigen Inhalts aber, behauptete Kant, datiere nicht allein von außen, ſondern, wenn ſich unſere Erfahrung nach Raum und Zeit ordne, ſo hätten Raum und Zeit mit den Objekten nichts zu thun, ſondern ſeien dem menſchlichen Geiſte angeborene Formen ſeiner Erkenntnis, in welche aller Erfahrungsinhalt ſich hineinpaſſen müſſe. Uns kommt es auf einen Punkt hier nur an. Für Kant bleibt wie für Locke ein vom Subjekt völlig unabhängiger objektiver Beſtand übrig, den er„das Ding an ſich“ benennt. Gerade dieſen Punkt bekämpfen die Goetheſchen Anſchauungen und haben eine offenbare Ähnlichkeit mit Schopenhauers Anſchauungen, wenn man auch geſtehen muß, daß die Goetheſchen Entgegnungen gegen Kant niemals zu der Klarheit gelangt ſind, die Schopenhauer in den erſten fünf Paragraphen in der Welt als Wille und Vorſtellung ſeinen Auseinanderſetzungen mit der früheren Philoſophie zu geben wußte. Von Kants Kritik der reinen Vernunft ſagt Goethe:„Sie war ſchon längſt erſchienen, ſie lag aber völlig außer⸗ halb meines Kreiſes, ich wohnte jedoch manchem Geſpräch darüber bei und mit einiger Aufmerkſamkeit konnte ich bemerken, daß die alte Hauptfrage ſich erneuere, wieviel unſer Selbſt und wieviel die Außenwelt zu unſerem geiſtigen Daſein beitrage. Ich hatte beide niemals geſondert.“ Ähnlich lautet ein anderes Wort:„Es iſt etwas unbekanntes, geſetzliches im Object, das dem unbekannten geſetzlichen im Subject entſpricht.“ Dieſe Stelle macht das folgende Wort verſtändlich:(W. A. ibid. 119 und ferner ibid. pag. 159).„Alles was im Subject iſt, iſt im Object und noch etwas mehr und alles was im Object iſt, iſt im Subject und noch etwas mehr.“ Ein Beiſpiel möge zunächſt einmal den letzten Satz erläutern. Ein Menſch, der einige Zeit Schach ſpielt, hat von dem Objekte des Schachbrettes mit ſeinen Figuren, mit den ihnen möglichen — 17— Zügen nur ſoviel als ſeine Kenntnis zureicht. Alles, was er davon weiß, liegt im Objekt, aber noch etwas mehr, denn ein vorgeſchrittener Schachſpieler überſieht eine größere Menge möglicher Probleme und ihre Löſungen. Das Objekt hat alſo noch mehr in ſich, als was das Sub⸗ jekt A. von ihm beſitzt. Über den beſtunterrichteten Schachſpieler einer Periode aber kommen andere Schachſpieler, wie uns die Geſchichte dieſes Spiels lehrt, in ſpäterer Zeit hinaus. Die Fortſchritte, die das Subjekt durch das Auffinden neuer Löſungen von Problemen vollzieht, gehören aber doch dem Subjekt, mithin iſt noch etwas mehr in ihm als in dem Objekte vorhanden war. Ein Schachſpieler wäre nichts ohne ſein Objekt, das Schachſpiel, und das Schachſpiel wäre nichts ohne das Subjekt, denn mit dem Tode des letzten Schachſpielers und der Kenntnis von ſeinem Gegenſtande hörte dieſer Gegenſtand ſelbſt auf. Mit aller Natur⸗ betrachtung aber iſt es dasſelbe. In dieſem Sinne iſt das Goetheſche Wort gemeint(W. A. ibid. pag. 59).„Der Menſch kennt nur ſich ſelbſt, inſofern er die Welt kennt, die er nur in ſich und ſich nur in ihr gewahr wird“, und ebendaſelbſt Seite 259:„Mit den Anſichten, wenn ſie aus der Welt verſchwinden, gehen oft die Gegenſtände ſelbſt verloren. Kann man doch im höheren Sinne ſagen, daß die Anſicht der Gegenſtand ſei.“ Als Beiſpiel führt Goethe an: das Rund der Erde. Im Altertum bereits gekannt, ging die Kenntnis im Mittelalter wieder völlig verloren und mußte nach Jahrhunderten erſt wieder entdeckt werden. Nicht ganz ſo klar wie bei Schopenhauer tritt hier der Gedanke hervor, daß Objekte ohne Subjekte gar nichts heißen wollen, ſo wenig wie ein Zahnſchmerz, den niemand hätte. Bei Kant aber und ſeinem Ding an ſich war etwas Geſpenſtiges übrig geblieben, von dem ſich ein Menſchenhirn zwar nicht die geringſte Vorſtellung machen könnte, das weder in Raum noch in Zeit beſtände, daß keinerlei Qualitäten beſäße, die für uns denkbar wären und das doch den innerſten Kern der Natur ausmachen ſollte, in den hineinzudringen freilich dann jedem Menſchen verſagt blieb. Gegen dieſe Anſchauung wendet ſich Goethe ganz entſchieden. Am liebſten in kleinen Gedichten: Müſſet im Naturbetrachten, Immer eins wie alles achten, Nichts iſt drinnen, nichts iſt draußen, Denn was innen, das iſt außen, So ergreifet ohne Säumnis Heilig öffentlich Geheimnis. Iſt die Welt ein Univerſum, ſo iſt's das Innere des Menſchen auch, und jede neue Entdeckung ſchließt ein neues Organ in uns auf, daher Braß, Goethes Anſchauung der Natur. 2 18— auch Goethes Spott über den Gedanken, man könne nicht in das Innere der Natur dringen. „Ins Innere der Natur“, O du Philiſter „Dringt kein erſchaffener Geiſt“ Mich und Geſchwiſter Mögt ihr an ſolches Wort Nur nicht erinnern; Wir denken: Ort für Ort Sind wir im Innern. Hier gilt es nun zunächſt ſich mit den herrſchenden populären Anſchau⸗ ungen über Goethe„den Realiſten“ auseinanderzuſetzen. Dem gewöhnlichen geſunden Menſchenverſtande kommt nie ein Zweifel darüber, ob denn die Welt, von der er in ſeinem Innern durch ſeine Vorſtellungen weiß, gerade ſo wie dieſe Vorſtellungen ſie ihm anzeigen, noch einmal draußen für ſich beſtände. Eine hinlänglich reiche Erfahrung aus Geſprächen mit Gebildeten geſchöpft haben mich zu der Überzeugung gebracht, daß die herrſchende Anſchauung Goethe gerade in dieſem Sinne einen Realiſten nennt. Hören wir ihn dagegen ſelbſt:„Diejenigen, welche von einem höheren Standpunkte die behag⸗ liche Sicherheit des Menſchenverſtandes überſchauen, des einem geſunden Menſchen angeborenen Verſtandes, der weder an den Gegenſtänden und ihrem Bezug, noch an der eigenen Befugnis, ſie zu erkennen, zu begreifen, zu beurteilen, zu ſchätzen, zu benutzen, zweifelt, ſolche Männer(d. h. die auf einem höheren Standpunkte ſtehend, über die naive Sicherheit des geſunden Menſchenverſtandes lächeln), werden gewiß gern geſtehen, daß ein faſt Unmögliches unternommen werde, wenn man die Übergänge zu einem geläuterten, feineren, ſelbſtbewußteren Zuſtand, deren es tauſend und abertauſend geben muß, zu ſchildern unternimmt.“ Die Stelle allein würde genügen, um zu zeigen, wie weit Goethe von der gewöhnlichen realiſtiſchen Anſchauung entfernt iſt. Wir haben abſichtlich eine Proſa⸗ ſtelle zitiert, weil viele Leſer die mannigfachen Stellen im zweiten Teile des„Fauſt“ eben als dichteriſche Stellen ſo wenig ernſt zu nehmen ſcheinen, wie jene Leute, die ihm ſagen, „wir kennen dich, du Schalk, du machſt nur Poſſen, vor unſrer Naſe doch iſt viel verſchloſſen.“ Denen er dann antwortet: „Ihr folgtet falſcher Spur, denkt nicht wir ſcherzen iſt nicht der Kern der Natur Menſchen im Herzen?“ — 19— Nicht noch einmal draußen beſteht unabhängig von jeglichem Sub⸗ jekte eine Welt, die noch genau ſo, wie ſie ſich dem Subjekte zeigt, übrig bliebe, wenn auch das letzte ſie wahrnehmende Subjekt verſchwunden wäre, ſondern darin gerade beſteht die Realität der Welt, daß ſie in denkenden, empfindenden Seelen den Gegenſtand bildet. Gegen den„Philiſterverſtand“ wendet ſich Goethe und leugnet, daß noch einmal außer in unſerem Geiſte, genau dieſelbe Welt mit all den Bezügen und Qualitäten, die ſie hier hat, draußen beſtände; gegen Kant wendet ſich der Gedanke, daß wir ſehr wohl in das Innere der Natur zu dringen vermöchten; denn der Kern der Natur, ſagen wir es vorweg, der für Goethe ſtoffliches und ſubſtantielles nicht hat, ſondern nur etwas Dynamiſches, iſt ihm Liebe, die aber nehmen wir mit dem Herzen wahr, und ſo iſt ihm die Menſchennatur ſo groß, weil ſich in ihr das dem Verſtande nicht Faßbare doch darſtellt. Viel näher aber als Goethe ſteht Kant der gewöhnlichen Lebens⸗ anſchauung. Denn wenn der gewöhnliche geſunde Menſchenverſtand wähnt, dieſe, noch einmal außer ſeiner Vorſtellung beſtehende Welt ſei überdies eine eindeutige, d. h. ſie laſſe ſich wiſſenſchaftlich nur in einer Form betrachten, nämlich in dem durchweg nachzuweiſenden Zuſammenhange von Urſache und Wirkung, ſodaß es einmal dem Menſchen gelingen könne, bei dem höchſten Stande ſeiner Natureinſicht alle die Geſetze aufzudecken, nach welchen und durch welche dieſe eindeutige Welt beſtände, ſo ſteht Kant dieſer Anſchauung in einem Punkte viel näher als Goethe, der ſie leidenſchaftlich bekämpft. Für dieſen iſt die„Erſcheinung“„vom Be⸗ obachter nicht loszutrennen, vielmehr in die Individualität deſſelben ver⸗ ſchlungen und verwickelt.“ Für ihn giebt es gar keine allein gültige Wahrheit, ſondern wie es„tauſend und abertauſend Übergänge“, ſo giebt es unzählige berechtigte Arten, die Natur zu betrachten. Im Band I der naturwiſſenſchaftlichen Schriften ſagt er einmal pag. 103:„In Newyork ſind 90 verſchiedene chriſtliche Konfeſſionen, von welchen jede auf ihre Art Gott und den Herrn bekennt, ohne weiter an einander irre zu werden. In der Naturforſchung, ja in jeder Forſchung müſſen wir es ſoweit bringen, denn was will das heißen, daß jeder Mann von Liberalismus ſpricht und den anderen hindern will, nach ſeiner Weiſe zu denken und ſich auszuſprechen.“ Für Goethe iſt ſchon die ſichtbare Welt keine eindeutige, ſondern ſie hat, wie ſich zeigen wird, unendlich viele Interpretationen, von denen alle diejenigen ihm als wahr gelten, die ſich für den Menſchen als frucht⸗ bar erwieſen haben.„Und war es endlich dir gelungen und biſt du vom Gefühl durchdrungen, was fruchtbar iſt, allein iſt wahr, du prüfſt das allgemeine Walten, es wird nach ſeiner Weiſe ſchalten, geſelle dich 2* — 20— zur kleinſten Schaar.“ Aber das Wirkliche fällt keineswegs zuſammen mit der bloßen ſichtbaren Welt. Das Wirkliche hat vielmehr Seiten, die weder dem Sinne noch dem Verſtande zugänglich ſind, ſondern wie ſich zeigen wird, nur mit anderen Kräften wahrnehmbar ſind. Mannigfach gefördert aber auch vielfach bedrängt durch die Kantiſche Philoſophie hat Goethe, ſeinen früheren Standpunkt erweiternd, ſeine neue Naturanſchauung gebildet. War die frühere Stufe gekennzeichnet dadurch, daß ſie den Begriff der Entwicklung aufnahm, ſo bildet die folgende Stufe dieſen Begriff weiter. Der Begriff der analytiſchen Entwicklung nämlich ent⸗ hält noch keineswegs den Begriff der Steigerung, ja, er läßt ſogar den Begriff eines Niederganges mit zu. Vergegenwärtigen wir uns die Entwicklung des römiſchen Staates, ſo würden wir mit Montesquieu Betrachtungen anſtellen über die Urſachen des Aufſteigens wie des Nieder⸗ ganges der römiſchen Macht. Sehr intereſſant iſt es nun, daß Goethe zu ſeiner Freude entdecken mußte, daß gleichzeitig und unabhängig von ihm der Petersburger Botaniker Wolff auf dasſelbe Geſetz der Meta⸗ morphoſe der Pflanzen geſtoßen war wie er ſelbſt. Während aber Goethe in der Entwicklung des Pflanzenblattes zur Blüte die höchſte Steigerung entdeckt, deren die Pflanze fähig iſt, ſieht Wolff in dem Blühen bereits den Niedergang der Kraft. Verallgemeinert können wir ſagen: Goethe erblickt im Pflanzenleben ein wahrnehmbares Beſtreben der Steigerung. In der intereſſanten Beſprechung des ihm vorgelegten Fragmentes ſagt er im 1. Bande der naturwiſſenſchaftlichen Schriften:„Ich möchte die Stufe damaliger Einſicht einen Komperativ nennen, der ſeine Richtung gegen einen noch nicht erreichten Superlativ zu äußern gedrängt iſt. Man ſieht die Neigung zu einer Art Pantheismus, indem den Welt⸗ erſcheinungen ein unerforſchliches, unbedingtes humoriſtiſches, ſich ſelbſt widerſprechendes Weſen zum Grunde gedacht iſt und mag als Spiel, dem es bitterer Ernſt iſt, gar wohl gelten. Die Erfüllung aber, die ihm fehlt, iſt die Anſchauung der zwei großen Triebräder aller Natur, der Begriffe von Polarität und von Steigerung, jene der Materie, in⸗ ſofern wir ſie materiell, dieſe ihr dagegen, inſofern wir ſie geiſtig denken, angehörig; jene iſt im immerwährenden Anziehen und Abſtoßen, dieſe im immerſtrebenden Aufſteigen. Weil aber die Materie nie ohne Geiſt, der Geiſt nie ohne Materie exiſtiert und wirkſam ſein kann(ein Subjekt ohne Objekt, ein Objekt ohne Subjekt nicht denkbar iſt) ſo vermag auch die Materie ſich zu ſteigern, ſowie ſichs der Geiſt nicht nehmen läßt, anzuziehen und abzuſtoßen; wie derjenige nur allein zu denken vermag, der genugſam getrennt hat, um zu verbinden, genugſam verbunden hat, um wieder trennen zu mögen.“ Die einheitliche Natur ſtrebt in zwei Pole auseinander, einerſeits — 21— in eine quantitativ wägbare, meßbare(Goethe ſelbſt würde nur ungern ſagen„atomiſtiſche“) und andererſeits in eine dynamiſche, qualitative, geiſtige.„Der Mathematiker iſt ausſchließlich angewieſen aufs quanti⸗ tative, auf alles, was ſich durch Zahl und Maß beſtimmen läßt, und alſo gewiſſermaßen auf das äußerlich erkennbare Univerſum. Betrachten wir aber dieſes, inſofern uns Fähigkeit gegeben iſt, mit vollem Geiſte und aus allen Kräften, ſo erkennen wir, daß Quantität und Qualität als die zwei Pole des erſcheinenden Daſeins gelten müſſen, daher denn auch der Mathematiker ſeine Formelnſprache ſo hoch ſteigert, um, inſofern es möglich iſt, in der meßbaren und zählbaren Welt die unmeßbare mit⸗ zubegreifen. Nun erſcheint ihm alles greifbar, faßlich und mechaniſch und er kommt in den Verdacht eines heimlichen Atheismus, indem er ja das Unmeßbarſte, welches wir Gott nennen, zugleich mit zu erfaſſen glaubt und daher deſſen beſonderes oder vorzügliches Daſein aufzugeben ſcheint.“ Von einer ſolchen auf atomiſtiſche Betrachtungsweiſe gerichteten Naturanſchauung der Mathematiker ſagt er einmal(ibid. Band 1, pag. 119): „Jeder Denkende, der ſeinen Kalender anſieht, der nach ſeiner Uhr blickt, wird ſich erinnern, wem er dieſe Wohlthaten ſchuldig iſt. Wenn man ſie(die Mathematiker) aber auch auf ehrfurchtsvolle Weiſe in Zeit und Raum gewähren läßt, ſo werden ſie erkennen, daß wir etwas gewahr werden, was weit darüber hinaus geht, welches allen angehört und ohne welches ſie ſelbſt weder thun noch wirken könnten: Idee und Liebe.“ Nannte Goethe das Dynamiſche und Qualitative in der Natur bisher Geiſt, ſo nennt er dieſen innerſten Kern in der Natur jetzt„Idee und Liebe“ und der Vers wird verſtändlicher: Ihr folget falſcher Spur, Denkt nicht wir ſcherzen, Iſt doch der Kern der Natur Menſchen im Herzen. Schon aus dieſen Stellen geht deutlich hervor, daß bei Goethe der Begriff der Natur ſelbſtverſtändlich auch in dieſer Periode nichts mit der atomiſtiſch materialiſtiſchen Anſchauung der heutigen Tage zu thun hat. So fordert er, auf anderm Wege zur Naturerkenntnis zu gelangen, als auch heute noch die Naturwiſſenſchaft ſie einſchlägt. Herrſcht doch in ihr noch immer der alte Gedanke, es ließe ſich der Zuſammenhang der ganzen Welt als ein auf Urſache und Wirkung beruhender großer Mechanismus einmal erkennen und klarlegen. Noch nichts hat dieſer Standpunkt von dem rationaliſtiſchen Denken des vorigen Jahrhunderts aufgegeben.(Vergl. die Geſchichte des Materialismus von Friedrich Albert Lange.) Das Fehlerhafte dieſer Methode hat Goethe darauf zurückgeführt, — 22— daß 1. der Begriff der Natur zu einſeitig als atomiſtiſch aufgefaßt wurde, daß 2. der Menſch ſich bei der nächſten greifbaren Urſache zu leicht be⸗ ruhigt, daß er 3. die Erſcheinungen in ſeiner Betrachtung zu ſehr iſoliert, namentlich bei dem Experiment und daß ihm 4.(hierin erkennen wir die bedeutſamſte der Goetheſchen Anſchauungen) der Begriff des Ent⸗ ſtehens gänzlich verſagt iſt. Was den 1. und 2. Punkt angeht, ſo ſagt er einmal:„die nächſten faßlichen Urſachen ſind greiflich und eben deshalb am begreiflichſten, weswegen wir uns gern als mechaniſch denken, was höherer Art iſt.“ Und ein andermal ſagt er:„Wie manches Be⸗ deutende ſieht man aus Teilen zuſammenſetzen; man betrachte die Werke der Baukunſt; man ſieht manches regel⸗ und unregelmäßig ſich anhäufen; daher iſt uns der atomiſtiſche Begriff nahe und bequem zur Hand; deshalb wir uns nicht ſcheuen, ihn auch in organiſchen Fällen anzuwenden.“ Aber ſchon in dem 1787 in Italien entſtandenen Auf⸗ ſatze ſagt er:„Das Meſſen eines Dings iſt eine grobe Handlung, die auf lebendige Körper nicht anders als höchſt unvollkommen angewandt werden kann. Ein lebendig exiſtierendes Ding kann durch nichts gemeſſen werden, was außer ihm iſt, ſondern, wenn es ja geſchehen ſollte, müßte es den Maßſtab ſelbſt dazu hergeben. Dieſer aber iſt höchſt geiſtig und kann durch die Sinne nicht gefunden werden. Jedes, auch das eingeſchränkteſte lebendige Weſen hat etwas Unendliches in ſich, wenn wir nicht lieber ſagen wollen, daß wir den Begriff der Exiſtenz und der Vollkommenheit des eingeſchränkteſten lebendigen Weſens nicht ganz faſſen können und es alſo ebenſo wie das ungeheure Ganze, in dem alle Exiſtenzen begriffen ſind, für unendlich erklären müſſen!“ Ich führe abſichtlich dieſe Stelle aus der früheren Periode Goethes an, um zu zeigen, wie organiſch aus ſeinen eigenen Anſchauungen die kaum der fremden Beeinfluſſung be⸗ dürfen, ſich die Anſchauungen ſeines reifſten Alters entwickeln. Die erſte Fehlerquelle einer unzulänglichen Naturbetrachtung beſtand alſo für Goethe in der voreiligen Erfaſſung eines Phänomens als Urſache und in der beſchränkten Art, lebendige Organismen atomiſtiſch erklären zu wollen. Der zweite Fehler beſteht ihm in dem Iſolieren von Erſcheinungen. So ſagt er einmal:„Kein Phänomen erklärt ſich an und aus ſich ſelbſt, nur viele zuſammen überſchaut, methodiſch geordnet, geben zuletzt etwas, was für Theorie gelten könnte.“ Man vergleiche hier den 1793 entſtandenen „Verſuch als Vermittler von Objekt und Subjekt.“ So ſagt er pag. 28: „Ein Verſuch, ja mehrere Verſuche in Verbindung beweiſen nichts“, und es ſei nichts gefährlicher als irgend einen Satz durch Verſuche beſtätigen zu wollen. Ferner pag. 161:„Der Fehler ſchwacher Geiſter iſt, daß ſie im Reflektieren ſogleich vom Einzelnen ins Allgemeine gehen, anſtatt daß man nur in der Geſammtheit das Allgemeine ſuchen kann.“ „Der Menſch an ſich ſelbſt, inſofern er ſich ſeiner geſunden Sinne bedient, iſt der größte und genaueſte phyſikaliſche Apparat, den es geben kann, das eben iſt das größte Unheil der neuen Phyſik, daß man die Experimente gleichſam vom Menſchen abgeſondert hat, und bloß in dem, was künſtliche Elemente zeigen, die Natur erkennen, ja was ſie leiſten kann, dadurch beſchränken und beweiſen will.“ Am bedeutſamſten aber erſcheint uns ein Wort, das Goethe einmal aphoriſtiſch hinwirft; W. A. ibid. pag. 123.„Der Begriff vom Ent⸗ ſtehen iſt uns ganz und gar verſagt.“ Mit welcher prachtvollen Ironie hat Goethe auf die bis zum heutigen Tage fortgeſetzten Bemühungen, auf dem Wege des Experimentes zum Organiſchen zu gelangen, in der Homunkulusſcene des Fauſt ge⸗ antwortet:„Behüte Gott“, ſagt Wagner,„wie ſonſt das Zeugen Mode war, erklären wir für eitel Poſſen, der zarte Punkt, aus dem das Leben ſprang, die holde Kraft, die aus dem Innern drang, und nahm und gab, be⸗ ſtimmt ſich ſelbſt zu zeichnen, erſt Nächſtes, dann ſich Fremdes anzueignen, die iſt von ihrer Würde nun entſetzt:...... Nun läßt ſich wirklich hoffen, daß wenn wir aus viel hundert Stoffen durch Miſchung, denn auf Miſchung kommt es an, den Menſchenſtoff gemächlich komponiren, in einen Kolben verloutiren und ihn gehörig cohobiren, ſo iſt das Werk im Stillen abgethan. Was man an der Natur Geheimnißvolles pries, das wagen wir verſtändig zu probiren, und was ſie ſonſt organiſiren ließ, das laſſen wir kriſtalliſiren.“ Keineswegs aber würde man Goethe richtig verſtehen, wenn man glaubte, er habe die Mathematiker und ihre exakte Wiſſenſchaft nicht in vollem Maße gewürdigt. Für eine Seite des Lebens erſcheint ihm viel⸗ mehr dieſe Naturbetrachtung als ganz unerläßlich, für alle die Seiten nämlich, welche die eine große Hauptſache des Lebens umfaſſen, die nächſtliegende Welt zu erkennen und nutzbar zu machen.„Niemand wird es einfallen, das Verdienſt der Mathematiker gering zu ſchätzen, welches ſie, in ihrer Sprache die wichtigſten Angelegenheiten verhandelnd, ſich um die Welt erwerben, indem ſie alles, was der Zahl und dem Maß im höchſten Sinne unterworfen iſt, zu regeln, zu beſtimmen und zu entſcheiden wiſſen“. Nur die Behauptung, daß ihre Viſſenſchaft das einzig Exakte ſei, wodurch der Menſch wirke, weiſt er zurück, ibid. pag. 75. „So wird ein Mann, zu den ſogenannten exakten Wiſſenſchaften geboren und gebildet, auf der Höhe ſeiner Verſtandesvernunft nicht leicht begreifen, daß es auch eine exakte ſinnliche Phantaſie geben könne, ohne welche doch eigentlich keine Kunſt denkbar iſt.“ Das Gebiet des Menſchen⸗ verſtandes ſchränkt er einmal in einem ungemein treffenden Worte ein: „Des Menſchenverſtandes angewieſenes Gebiet und Erbtheil iſt der Bezirk — 24.— des Thuns und Handelns, thätig wird er ſich ſelten verirren, das höhere Denken, Schließen und Urtheilen jedoch iſt nicht ſeine Sache.“ Alſo nur für eine Seite der Natur und des Lebens iſt der Verſtand das eigentliche Organ. Aber die Natur hat Seiten, in die wir mit dem Verſtande nicht einzudringen vermögen, die von anderen Kräften in unſerer Natur ergriffen ſein wollen. Aus der Periode des Rationalismus aber ſtand immer noch Verſtand und Vernunft als Erkenntnisorgane auf der höchſten Stufe der menſchlichen Fähigkeiten, ſodaß man das Seelen⸗ vermögen in ein höheres und niederes einzuteilen pflegte. Hiergegen wendet ſich Goethe mit ganzer Entſchiedenheit in der Beſprechung von Siedenroths Pſychologie. Der hier gebotenen Kürze halber ſei nur ein Satz angeführt:„In dem menſchlichen Geiſte ſowie im Univerſum iſt nichts oben noch unten, alles fordert gleiche Rechte an einem gemeinſamen Mittelpunkt, der ſein geheimes Daſein eben durch das harmoniſche Ver⸗ hältniß aller Theile zu ihm manifeſtirt.“ Daher die Forderung Goethes, alle Kräfte ſo zu entwickeln, daß eine Totalität menſchlicher Begabung ſich geſtalte:„Sinnlichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Verſtand zu einer entſchiedenen Einheit auszubilden“, und das Univerſum„mit vollem Geiſte und aus allen Kräften“ zu betrachten. Denn„man kann in der Naturwiſſenſchaft über manche Probleme nicht gehörig ſprechen, wenn man die Metaphyſik nicht zu Hülfe ruft. Aber nicht jene Schul⸗ und Wortweisheit: es iſt dasjenige, was vor, mit und nach der Phyſik war, iſt und ſein wird.“ Helmholtz ſagt in dem kleinen Rückblick auf ſein Leben im I. Band ſeiner geſammelten Vorträge, daß er es deswegen in der Mechanik weiter gebracht habe, weil er bei einer Maſchine un⸗ mittelbar fühle, wie das eine zerren, das andere hemmen, und ſo die gewünſchte Bewegung herauskommen werde, ſo erinnert das wohl daran, wenn Goethe einmal von der Phyſik fordert, daß ſie mit allen liebenden, verehrenden, frommen Kräften in die Natur und das heilige Leben der⸗ ſelben einzudringen ſuche. Erſt alle ſeeliſchen Kräfte vereint dringen in die Natur wirklich ein. Und nicht dem individuell ausgeprägten Einzel⸗ menſchen ſondern nur der Arbeit der ganzen Menſchheit verdanken wir es, wenn uns die Natur nicht ſtumm geblieben iſt. Schiller wundert ſich einmal(Goethe⸗Schiller Briefwechſel), daß Goethe behauptet, jeder Menſch ſei ein Supplement der ganzen Menſch⸗ heit. Damit erkennt Goethe in jedem Menſchen die Fähigkeit an, die ganze Menſchheit zu fördern, indem er ſie durch ſeine Eigenart ergänzt. Wenn auch die Naturbetrachtung von den verſchiedenſten Standpunkten aus geübt wird, ſo iſt doch keiner dieſer Standpunkte auszuſchließen. So wenig das„friſche Kind als der ernſteſte Betrachter“.(Vergl. den Vor⸗ — 25— ſchlag zur Güte pag. 65 ibid.)„Von dieſen genannten ſämmtlichen Wirkſamkeiten und vielen anderen verſchwiſterten hat die gütige Mutter niemanden ausgeſchloſſen, ein Kind, ein Idiot macht wohl eine Be⸗ merkung, die dem gewandteſten entgeht, und eignet ſich von dem großen Gemeingut heiter unbewußt ſein beſcheiden Theil zu.“ Ein großes Gemeingut der ganzen Menſchheit, nicht aber die Sache einzelner Bevorzugter iſt es, die Natur zu betrachten und auszudeuten und jeder einzelne hat bei ſeiner Art zu denken recht. Es giebt nicht eine Wahrheit, ſondern Wahrheiten, die bei Goethe alle das eine einzige Merkmal haben, daß ſie ſich fruchtbar erweiſen müſſen. Daher ſagt er:„Bei der gegenwärtigen Lage der Naturwiſſenſchaft muß daher immer wiederholt zur Sprache kommen, was ſie fördern und was ſie hindern kann und nichts wird förderlicher ſein, als wenn jeder an ſeinem Platze feſthält, weiß, was er vermag, ausübt, was er kann, anderen dagegen die gleiche Befugniß zugeſteht, daß auch ſie wirken und leiſten.“ Es iſt ganz erſichtlich, daß ſich mit dieſer Forderung nicht ver⸗ tragen würde die Anſchauung, die ganze Natur ſei eine nur eindeutige. Die ganze Menſchheit erſt, nicht der Einzelne, gelangt zur Naturerkenntnis, daher das Dringen Goethes in dieſer Periode auf Begründung wiſſen⸗ ſchaftlicher Geſellſchaften. Schon 1793 ſagt er:„Es gilt alſo auch hier, was bei ſo vielen anderen menſchlichen Unternehmungen gilt, daß nur das Intereſſe mehrerer auf einen Punkt gerichtet, etwas vorzügliches hervorzubringen im Stande ſei“; und weiter:„Schon iſt eine Wiſſenſchaft an und für ſich ſelbſt eine ſo große Maſſe, daß ſie viele Menſchen trägt, wenn ſie gleich kein Menſch tragen kann.“ Und in der Beſprechung von Purkinjes:„Sehen in ſubjektiver Beziehung“ bemerkt er:„Nichts aber iſt nöthiger, als daß man lerne, eigenes Thun und Vollbringen an das anzuſchließen, was andere gethan und vollbracht haben: Das Produktive mit dem Hiſtoriſchen zu verbinden.“ Und in die ferne Zukunft blickend, ſchreibt er:„Wenn die Hoffnungen ſich verwirklichen, daß die Menſchen ſich mit allen ihren Kräften, mit Herz und Geiſt, mit Verſtand und Liebe vereinigen, und von einander Kenntniß nehmen, ſo wird ſich er⸗ eignen, woran jetzt noch kein Menſch denken kann, die Mathematiker werden ſich des Dünkels entäußern, als Univerſalmonarchen über alles zu herrſchen, ſie werden ſich nicht mehr beigehen laſſen, alles für nichtig, alles für inexact, für unzulänglich zu erklären, was ſich nicht dem Kalkül unterwerfen läßt.“ Und wenige Seiten weiter:„Ferner bedenke man, daß man immer mit einem unauflöslichen Problem zu thun habe und erweiſe ſich friſch und treu, alles das zu beachten, was irgend zur Sprache kommt; am meiſten das, was uns widerſtrebt. Denn dadurch wird man am erſten das Problematiſche gewahr, welches zwar in den Gegenſtänden — 26— ſelbſt, mehr aber noch in den Menſchen liegt. Von dieſem Prob⸗ lematiſchen ſagt er:„Man ſagt, zwiſchen zwei entgegengeſetzten Meinungen liege die Wahrheit mitten inne, keineswegs. Das Problem liegt da⸗ zwiſchen, das Unſchaubare, das ewig thätige Leben in Ruhe gedacht.“ Zuſammenfaſſend kann man ſagen, daß für Goethe die Natur in erſter Linie ein Dynamiſches, Geiſtiges iſt, deſſen Hauptwirkung darin beſteht, in der mannigfaltigſten Weiſe Vorſtellungen in uns zu erzeugen, die, ſo verſchieden ſie von einander ſein mögen, doch alle in gleicher Weiſe Naturphänomene ſind. Das Objektive, was dieſen Vorſtellungen entſpricht, hat nichts atomiſtiſch⸗materielles. Wie ließe ſich ſonſt der folgende Satz verſtehen:„Grundeigenſchaft der lebendigen Einheit, ſich zu trennen, ſich zu vereinen, ſich ins allgemeine zu ergehen, im Be⸗ ſonderen zu verharren, ſich zu verwandlen, ſich zu ſpecificiren und wie das Lebendige unter tauſend Bedingungen ſich darthun mag, hervor⸗ zutreten und zu verſchwinden, zu ſolidesciren und zu verſchmelzen, zu erſtarren und zu fließen, ſich auszudehnen und ſich zuſammenzuziehen. Weil nun alle dieſe Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, ſo kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten, entſtehen und ver⸗ gehen, ſchaffen und vernichten, Geburt und Tod, Freud und Leid.“ (Die letzten beiden Worte zeigen, wie Goethe äußere und innere Er⸗ ſcheinungen als gleichartige Außerungen der Natur betrachtet.)„Alles wirkt durcheinander in gleichem Sinn und gleichem Maße, deswegen denn auch das Beſonderſte, das ſich ereignet, immer als Bild und Gleichniß des allgemeinſten auftritt.“ Das Schlußwort des Fauſt:„Alles Irdiſche iſt nur ein Gleichniß“, empfängt hierdurch ſeinen beſten Kommentar, wie auch das Proſawort„was iſt das Allgemeine? Der Einzelfall“. Gleich⸗ nisartig und doch unzulänglich, wie eben ein Gleichnis, drückt alles Ver⸗ gängliche den Sinn des Allgemeinen wohl aus, den Sinn des ewig Schaffenden und Hervorbringenden, des Ewig⸗Weiblichen.(Kaum eine Stelle des ganzen Fauſt iſt ſo oft mißverſtanden als dieſes letzte Schluß⸗ wort.) Aber wir wenden uns nun den ſittlichen Konſequenzen zu, welche dieſe Naturanſchauung bei Goethe erbrachte. Dem Betrachter des Goethe⸗ ſchen Lebens kann gerade bei der Bemühung, Perioden in demſelben abzuteilen, eine Wahrnehmung nicht entgehen. Die Grundanſchauungen des ganzen Lebens bleiben eigentlich, Schwankungen zugeſtanden, wo nicht die gleichen, ſo doch ſo ſonderbar verwandt, daß man immer wieder ſtutzig wird, ob man denn berechtigt ſei, hier oder da einen Einſchnitt zu machen, und von einem beſtimmten Zeitmoment an eine Epoche zu datieren. Bei einigen Grundanſchauungen verharrt Goethe Zeit ſeines Lebens und hierzu gehört die innigſte Überzeugung, der Einzelmenſch ſei 27= von Natur aus dazu beſtimmt, als eine Individualität aufzutreten und alles Geſetz, dem wir uns unterwerfen, dürfe an der angeborenen Eigen⸗ tümlichkeit nichts verderben und verpfuſchen, ſondern dürfe nur eine Er⸗ gänzung zu derſelben bilden. Denn nach ſeiner Anſchauung laſſen ſich ſchlechtweg alle Kräfte des Menſchen dienſtbar machen der Idee des Guten. Hier nun iſt es am Platze auf den ſchon angedeuteten Gegenſatz zu kommen, der Kant und Goethe von einander trennt. Wir führten ſchon aus, daß Kant ein gewiſſes Übergewicht eines allgemein gültigen Rationellen in ſeinen Theorien habe. So unergreifbar dem Sinn und Geiſt des Menſchen das Ding an ſich iſt, ſo iſt es für Kant doch eine objektive Größe, die in allen normal begabten Menſchen dieſelbe Geſetzmäßigkeit der Erſcheinungen hervorruft, auf das alſo auch praktiſch und ſittlich das normale Individuum in gleicher Weiſe zu reagieren hat. Wie er in ſeiner Mechanik der Himmelskörper auf etwas eindeutig Geſetzmäßiges ſtößt, ſo formt er als ſittliche Norm ſeinen kategoriſchen Imperativ,„handle ſtets ſo, daß die Maxime deines Handelns ſich zur allgemeinen Geſetzgebung eigne“, und ihm ſchwebt als letztes Ent⸗ wicklungsziel des Menſchengeſchlechtes der Rechtsſtaat vor, in welchem jede Beziehung der Einzelnen untereinander, ſowie des Einzelnen zur Allgemeinheit nach feſten Rechtsnormen, dem Rechte entſprechend, geſchieht. Wie weit der römiſche Rechts⸗ und Staatsbegriff hier ſeinen idealſten Ausdruck gefunden hat, iſt nicht Sache dieſer Unterſuchung. Dem in ſeinem Denken urdeutſchen Goethe ſchwebt allerdings ein ganz anderes Ziel vor: Ihm iſt die objektive Welt keine eindeutige, und das praktiſche Verhalten des Menſchen der Natur und den Mitmenſchen gegenüber nicht unter eine ſolche allgemein gültige Norm zu bringen, daß ſich der Grund⸗ gedanke des einen auch für einen zweiten, geſchweige denn für die All⸗ gemeinheit zur Norm eigne. Sein Wort:„Sehe jeder, wo er bleibe, ſehe jeder, wie ers treibe“, iſt aber von einem ſittlichen Indifferentismus weit entfernt. Kants ſittliche Anſchauungen beruhen auf dem alten ſokratiſchen Grundgedanken, daß eine Selbſterkenntnis möglich ſei. Nichts aber iſt Goethe von früher Jugend an ſo problematiſch erſchienen, als das Wort:„Erkenne dich ſelbſt“.„Hierbei bekenne ich, daß mir von jeher die große und ſo bedeutend klingende Aufgabe:„erkenne dich ſelbſt“ immer verdächtig vorkam. Als eine Liſt geheim verbündeter Prieſter, die den Menſchen durch unerreichbare Forderungen verwirren, und von der Thätigkeit gegen die Außenwelt zu einer inneren, falſchen Beſchau⸗ lichkeit verleiten wollten. Der Menſch kennt nur ſich ſelbſt, inſofern er die Welt kennt, die er nur in ſich und ſich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenſtand, wohl beſchaut, ſchließt ein neues Organ in uns auf. Am aller förderſamſten aber ſind unſere Nebenmenſchen, welche den — 28— Vorteil haben, uns mit der Welt aus ihrem Standpunkt zu vergleichen und daher nähere Kenntnis von uns zu erlangen, als wir ſelbſt ge⸗ winnen mögen.“ Im 13. Buche von„Wahrheit und Dichtung“ aber ſagt er zu dem ſelben Kapitel der Selbſterkenntnis:„Wie ſpät lernen wir einſehen, daß wir, indem wir unſere Tugenden ausbilden, unſere Fehler zugleich mit anbauen. Jene ruhen auf dieſen, wie auf ihrer Wurzel, und dieſe verzweigen ſich insgeheim eben ſo ſtark, und ſo mannigfaltig, als jene im offenbaren Lichte. Weil wir nun unſere Tugenden meiſt mit Willen und Bewußtſein ausüben, von unſeren Fehlern aber unbewußt überraſcht werden, ſo machen uns jene ſelten einige Freude, dieſe hin⸗ gegen beſtändig Noth und Qual. Hier liegt der ſchwerſte Punkt der Selbſterkennntnis, der ſie beinahe unmöglich macht.“ Nebenbei bemerkt, hat ſich Friedrich Nietzſche nur die Anſchauung Goethes angeeignet in dem ſchönen Kapitel des Zarathuſtra„Von tauſend und einem Ziele“ und faſt wörtlich paraphraſiert er das letztgenannte Goetheſche Wort:„Es iſt mit dem Menſchen wie mit dem Baume, je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um ſo ſtärker ſtreben ſeine Wurzeln erdwärts, abwärts, ins Dunkle, Tiefe, ins Böſe.“ Es läßt ſich nicht verkennen, auf zwei Grundgedanken ruht das Eigentümliche von Goethes ſittlichen Anſchauungen: auf dem Individualis⸗ mus ſein ganzes Leben hindurch, auf der Anſchauung eines ſittlichen Dualismus im Menſchen im Alter. Seinen Individualismus kennzeichnen die Worte:„Ein jeder Menſch ſieht die fertige und geregelte, gebildete, vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er ſich eine beſondere, ihm angemeſſene Welt zu erſchaffen bemüht iſt. Tüchtige Menſchen ergreifen ſie ohne Bedenken, und ſuchen damit, wie es gehen will, zu gebahren, andere zaudern an ihr herum, andere zweifeln ſogar an ihrem Daſein.“ Gewiß will Goethe auch mit dem letzten Worte niemand ſchelten, ſondern nur darthun, wie ſich durch die von der Natur feſt gegebene Individualität eines jeden die Welt in jedem Kopfe anders ſpiegeln muß, und alſo auch das Thun des einen dem Thun des andern nicht gleichen kann. Denn er fährt weiter fort:„Wer ſich von dieſer Grundwahrheit recht durchdrungen fühlt, würde mit niemandem ſtreiten, ſondern nur die Vorſtellungsart eines andern wie ſeine eigene als ein Phänomen betrachten. Denn wir erfahren faſt täglich, daß der eine mit Bequemlichkeit denken mag, was dem andern zu denken unmöglich iſt.“ Beſonders bemerkenswert iſt es, daß wir dieſe Stelle über die ſittliche Natur des Menſchen in Goethes naturwiſſenſchaftlichen Schriften finden. Da recht eigentlich gehört ſie ja hin, Bd. 1, S. 135. Auch über den ſittlichen Dualismus der Menſchennatur finden wir in den Aphorismen zur Naturwiſſenſchaft im Allgemeinen ibid. pag. 146 folgende — 29— bemerkenswerte Stelle:„Unſere Zuſtände ſchreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu, und fehlen ein wie das andere Mal. In uns ſelbſt liegt das Rätſel, die wir Ausgeburt zweier Welten ſind. Mit der Farbe gehts ebenſo.“ Sein Dualismus alſo beruht auf der Anſchauung, daß innere wie äußere Zuſtände dem Geſetze der Polarität, dem Auseinanderſtreben in zwei Gegenſätze unterworfen ſeien. Das dualiſtiſche auf dem ſittlichen Gebiet, die Scheidung des Menſchen in Gut und Böſe, hat Goethe un⸗ vergleichlich in der großartigen„Legende“:„Waſſer holen geht die reine, ſchöne Frau des hohen Brahmen“ dargeſtellt, wie ihrem Geiſte die Ver⸗ ſuchung ſich genaht hat und ſie von dem richtenden Gatten mit dem Schwerte gerichtet iſt, da liegen überkreuzt plötzlich zweier Frauen Körper, und in der liebenden Übereilung fügt der Sohn mit dem Schwerte das Haupt des guten Menſchen und den Leib des böſen zu einer Einheit zuſammen. „Auferſteht ein Rieſenbildnis, Von der Mutter teuren Lippen Göttlich unverändert ſüßen Tönt das grauſenvolle Wort: Weh, o Sohn welch Übereilen, Deiner Mutter Leichnam dorten Neben ihm das freche Haupt Der Verbrecherin, des Opfers Waltender Gerechtigkeit. Mich nun haſt du ihrem Körper Eingeimpft auf ewige Tage; Weiſen Wollens, wilden Handelns Werd ich unter Göttern ſein.“ So wird ſie Mutter aller Erdenſöhne, die ſie mit dem tröſtenden Worte in die Welt entläßt: „Nicht ein traurig Büßen, ſtumpfes Harren, ſtolz Verdienen halt Euch in der Wildnis feſt; wandert aus durch alle Welten, wandelt hin durch alle Zeiten und verkündet auch Geringſtem, daß ihn Brahma droben hört. Ihm iſt keiner der Geringſte. Wer ſich mit gelähmten Gliedern, ſich mit wild zerſtörtem Geiſte, düſter ohne Hülf' und Rettung, ſei er Brahme, ſei er Paria, mit dem Blick nach oben kehrt, wirds empfinden, wirds erfahren: Dort erglühen tauſend Augen, ruhend lauſchen tauſend Ohren, denen nichts verborgen bleibt. Heb ich mich zu ſeinem Throne, ſchaut er mich, die Grauſenhafte, die er gräßlich umgeſchaffen, muß er ewig mich bejammern, euch zu Gute komme das. Und ich werd ihn freundlich mahnen, und ich werd ihm wütend ſagen: — 30— Wie es mir der Sinn gebietet, Wie es mir im Buſen ſchwellt: Was ich denke, was ich fühle, Ein Geheimnis bleibe das.“ Das vorgeſtellte Gedicht, das Gebet des Paria, ſowie der nachgeſtellte Dank des Paria erläutern dieſe Anſchauungen. So wird es erklärlich, weshalb Mephiſtopheles in den Teilen des Fauſt, die im Alter gedichtet ſind, nicht mehr der kalte, humoriſtiſche Weltverſtand iſt, ſondern ent⸗ ſchiedener eine Verkörperung des Böſen wird. Schon hier wird ſichtbar: Für Goethe liegt die Löſung der ſittlichen Frage nicht in einer für alle geltenden Moral, ſondern ſie ruht einzig und allein im religiöſen Leben. Einſtweilen wenden wir uns nicht dieſer letzten Frage zu, ſondern einer anderen. Kant ſagt einmal:„Nicht der Mann iſt der Menſch, noch auch das Weib, ſondern erſt Mann und Weib zuſammen.“ Goethe würde ſagen:„Nicht der Einzelne iſt der Menſch, ſondern die Menſchheit.“ Zwar betont er den individualiſtiſchen Gedanken ſo ſtark wie möglich. In Ottiliens Tagebuch findet ſich die Stelle:„Die Geſinnungen müſſen ſich ändern in einem Lande, wo Elephanten und Tiger zu Hauſe ſind.“ Aus Makariens Archiv aber im 18. Kap.„Wilh. Meiſters Wanderjahre“ II. Teil entnehmen wir die Stelle:„Die neueſte Philoſophie unſerer weſt⸗ lichen Nachbarn giebt ein Zeugniß, daß der Menſch, er gebärde ſich, wie er wolle, und ſo auch ganze Nationen, immer wieder zum Angeborenen zurückkehren; und wie wollte das anders ſein, da ja dieſes ſeine Natur und Lebensweiſe beſtimmt.“ Und er fährt weiter fort:„Die Franzoſen haben dem Materialismus entſagt und den Uranfängen etwas mehr Geiſt und Leben zuerkannt. Sie haben ſich vom Senſualismus losgemacht und den Tiefen der menſchlichen Natur eine Entwicklung aus ſich ſelbſt ein⸗ geſtanden. Sie laſſen in ihr eine produktive Kraft gelten und ſuchen nicht alle Kunſt aus Nachahmung eines gewahr gewordenen Äußeren zu erklären. In ſolchen Richtungen mögen ſie beharren.“ Auf zwei Gründe alſo führt Goethe ſeinen Individualismus zurück. Auf die Beſonderheit, die uns angeboren iſt und auf die Beſonderheit, welche durch äußere Umſtände noch erbracht wird. Aber ſo ſtark, wie er ihn betont, ſo wenig ſieht er darin ein Hinderungsmittel der Organiſation der Einzelnen zu höheren Verbänden. Die ganze Menſchheit iſt ihm auch wieder ein Individuum; das hat er am großartigſten einmal ausgeſprochen nach dem Tode von Karl Auguſt in einem Briefe, der an Beulwitz gerichtet, an das Ende des Briefwechſels mit Karl Auguſt geſtellt iſt:„Die ver⸗ nünftige Welt iſt als ein großes unſterbliches Individuum zu betrachten, welches unaufhaltſam das Notwendige bewirkt und dadurch ſich ſogar über das Zufällige zum Herrn erhebt,“ und„die Menſchheit iſt von Geſchlecht zu Geſchlecht auf ein folgerechtes Thun entſchieden angewieſen“. Sieht er bei den Erkenntnisarbeiten des Menſchen eine Förderung erſt darin, daß der Einzelne ſich einerſeits mit Gleichlebenden zu einer Geſellſchaft verbinde, andererſeits in ſeinem Denken und Forſchen da anknüpfe, wo eine frühere Periode aufgehört habe, und er das Produktive mit dem Hiſtoriſchen verbinde, ſo erſcheint ihm ſchon von dieſem Standpunkte aus das Individuum auf das feſteſte im Zuſammenhang mit dem großen Ganzen. In den Geſprächen mit Eckermann findet ſich das intereſſante Wort:„Wieviel Knoten muß die Pflanze durchlaufen, ehe ſie die Blüte bildet. Wieviel Knoten die Wirbelſäule der Säugetiere, ehe der Kopf des Menſchen hervorgebracht wird, wieviel Knoten durchlief die franzöſiſche Kultur, ehe ſich der Kopf Voltaire bildete.“ So ſteht ihm alles Indi⸗ viduelle, auch noch ſo Beſondere, in einem organiſchen Entwicklungs⸗Zu⸗ ſammenhange mit der Gattung, der es angehört und der Zeit, in der es lebt. Auch die Arbeit der einzelnen Menſchen ſoll ſich in Bezug ſetzen zu der Mitwelt, und die Thätigkeit des Einzelnen zu einer Geſammtwirkung zu organiſieren, iſt die Aufgabe des Staates, der in erſter Linie dafür zu ſorgen hat, daß etwas gethan wird, nicht aber, daß über die Welt nachgedacht würde, denn das Denken des Menſchen iſoliert ihn. Alles Thun fordert den Anſchluß an andere. Schon in„Wilhelm Meiſters Lehrjahren“ findet ſich das Wort Lotharios', daß die dem Staat zu entrichtende Steuer das erſte ſein müſſe, was der Menſch an Geld erübrige.„Wilhelm Meiſters Wanderjahre“ aber verfolgen ja unabläſſig den Gedanken der Organiſation aller produktiven Kräfte in der Geſellſchaft, und in den„Wahlverwandtſchaften“ fordert er deshalb:„Erziehet eure Söhne zu Dienern und eure Töchter zu Müttern.“ Ja er fordert geradezu eine monarchiſche Ordnung für den Staat mit den Worten:„Alles eigentlich gemeinſame Gute muß durch das un⸗ umſchränkte Majeſtätsrecht gefördert werden“(Siehe I. Teil der Wahl⸗ verwandtſchaften 6. Kap.). Es iſt bekannt, daß Goethe Zeit ſeines Lebens in ausgeſprochener Weiſe monarchiſtiſch geſonnen war. Aus den Ge⸗ ſprächen mit Eckermann erfahren wir, wie leidenſchaftlich er ſich gegen das nivellierende ſozialiſtiſche Syſtem St. Simons auflehnte. Denn in der That gewährt die monarchiſche Ordnung eines Staates eine ganz andere Gewähr für die Berückſichtigung individueller Eigentümlichkeiten. Wir haben noch auf einen oben angedeuteten Punkt zurückzukommen. Die höchſte Form der Sittlichkeit wird bei Goethe zur Religion. Nicht nur aus ſittlichen Gründen, ſondern gerade aus religiöſen fordert er, daß der Menſch, dem ſich der Sinn der Welt auf dem Wege intellektueller Erkenntnis doch nicht erſchließen könne, es verſuche, im Handeln und Schaffen den Sinn des Lebens zu erfahren, und unermüdlich iſt er darin, zu betonen, daß ja alles Gewußte gleich genutzt werde.„Der Engländer iſt Meiſter, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis es wieder zu neuer Ent⸗ deckung und friſcher That führt. Man frage nun, warum ſie uns über⸗ all voraus ſind. Und ſo wiederhole ich meine Überzeugung, daß man auf dieſen höheren Stufen nicht wiſſen kann, ſondern thun muß, ſo wie in einem Spiele wenig zu wiſſen und alles zu leiſten iſt. Die Natur hat uns das Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinauswirken können noch wollen. Sie hat uns die Steine geſchnitzt, deren Wert, Bewegung und Vermögen nach und nach bekannt werden. Nun iſt es an uns, Züge zu thun, von denen wir uns Gewinn verſprechen. Dies verſucht nun ein jeder auf ſeine Weiſe und läßt ſich nicht gern einreden. Mag das alſo geſchehen, und beobachten wir nur vor allem genau: wie nahe oder fern ein jeder von uns ſtehe, und vertragen uns ſodann vor⸗ züglich mit denjenigen, die ſich zu der Seite halten, zu der wir uns be⸗ kennen.“ Auch die Organiſation der Menſchen zur Familien⸗, Staats⸗ und Religionsgemeinſchaft iſt nicht Willkür, ſondern Notwendigkeit. Im Guten und Böſen gilt es von dem Menſchen:„er glaubt zu ſchieben und er wird geſchoben,“ oder, wie der Hauptmann einmal zu Charlotte äußert: „Indem uns das Leben fortzieht, glauben wir aus uns ſelbſt zu handeln, unſere Thätigkeit, unſere Vergnügungen zu wählen; aber freilich, wenn wir es genau anſehen, ſo ſind es nur die Pläne, die Neigungen der Zeit, die wir mit auszuführen genötigt ſind.“ Einer religiöſen Natur⸗ betrachtung entſpricht es, wenn Goethe den innerſten Kern der Welt als Liebe erklärt, und dieſe praktiſche Religion fordert das Gedicht in Wilhelm Meiſters Wanderjahren: Von den Bergen zu den Hügeln Niederwärts das Thal entlang, Da erklingt es wie von Flügeln, Da bewegt ſichs wie Geſang. Auch dem unbedingten Triebe Folget Freude, folget Rat Und dein Streben ſeis in Liebe, Und dein Leben ſei die That. Wir wenden uns nun zum letzten Teil dieſer Abhandlung, zu den künſtleriſchen Konſequenzen, die aus der geänderten Naturanſchauung fließen. Kann und ſoll die Wiſſenſchaft ſich, ſoweit ſie eine denkende und forſchende iſt, nur der äußeren, ſichtbaren Welt zuwenden und das Erforſchliche erforſchen, ſo darf und ſoll die Kunſt auch das Nicht⸗ ſichtbare, das Übernatürliche darſtellen, und ſie hat es ja zu allen Zeiten — 32— gethan. Die griechiſchen Götterbilder, wie der griechiſche Tempel deuten über dieſes Leben hinaus, wie die gotiſchen Dome, und Rafael ſo wenig wie Michelangelo, im Grunde genommen kein echter Künſtler, hat je⸗ mals darauf verzichtet, das bernatürliche darzuſtellen. Und treffend ſagt Goethe von ſeiner eigenſten Kunſt:„Die Poeſie deutet auf die Ge⸗ heimniſſe der Natur und ſucht ſie durch das Bild zu löſen.“ Mehr aber als in unſerem Wiſſen kommt für Goethe das Wirken der Natur in der Kunſt zum Ausdruck. Ja, die Kunſt hat mit der Natur das gemeinſam, ſo verſtändlich beide an ſich ſind, ſo wenig laſſen ſie ſich von dem Ver⸗ ſtande begreifen und unter ein Geſetz zwingen.„Die Unmöglichkeit, Rechenſchaft zu geben von dem Natur⸗ und Kunſtſchönen, denn ad 1 müßten wir die Geſetze kennen, nach welchen die allgemeine Natur handeln will und handelt, wenn ſie kann. ad 2 die Geſetze kennen, nach denen die allgemeine Natur unter der beſonderen Form der menſchlichen Natur produktiv handeln will und handelt, wenn ſie kann.“ In den romantiſchen Kreiſen verbreiten ſich ſehr bald dieſe Goethe⸗ ſchen Anſchauungen; ein Wort des tüchtigen Immermann ſpricht faſt denſelben Gedanken aus: 14. Band der Schriften der Goethegeſellſchaft 1822„Wir Jüngeren ſind ſämmtlich bei Ew. Excellenz in die Schule gegangen. Ihre Perſon hat für uns etwas Mythiſches gewonnen, und die Landsleute verehren in Ihnen nicht ein beſchränktes Einzelweſen, ſondern die Naturkraft ſelbſt, der es gefiel, ſich einmal verſchwenderiſch unter gewiſſen irdiſchen Bedingungen zu entfalten.“ Natur alſo ſelber iſt im ſchaffenden Künſtler wirkſam. Die Kunſt⸗ werke haben, wie jedes echte Werk der Natur, etwas Unendliches in ſich, und ſind, wie er ſich in der italieniſchen Reiſe ausdrückt, die„wahrſten Naturwerke“. Schiller geſteht einmal in ſeinem Briefwechſel mit Goethe, daß der erſte Keim einer poetiſchen Schöpfung ſich ihm darin ankündige, daß er von einer gar nicht in ſeiner Willkür liegenden muſikaliſchen Stimmung befallen werde, aus der erſt nach und nach die greifbare Ge⸗ ſtalt eines künſtleriſchen Planes emporſteige. Noch intereſſantere Auf⸗ ſchlüſſe giebt uns Goethe über ſein Schaffen in einer Beſprechung von Purkinjes„Sehen in ſubjektiver Hinſicht“:„Von der Produktivität ſolcher inneren, vor die Augen gerufenen Bilder bliebe mir manches zu erzählen. Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen ſchloß und mit niedergeſenktem Haupte mir in der Mitte des Sehorgans eine Blume dachte, ſo verharrte ſie nicht einen Augenblick in ihrer erſten Geſtalt, ſondern ſie dehnte ſich auseinander und aus ihrem Innern entfalteten ſich wieder neue Blumen aus farbigen, auch wohl grünen Blättern. Es waren keine natürlichen Blumen, ſondern phantaſtiſche, jedoch regelmäßig, wie die Roſetten der Braß, Goethes Anſchauung der Natur. 3 — 34— Bildhauer.“ Und an einer weiteren Stelle:„Hier darf nun unmittelbar die höhere Betrachtung aller bildenden Kunſt eintreten; man ſieht deut⸗ licher ein, was es heißen wolle, daß Dichter und alle eigentlichen Künſtler geboren ſein müſſen. Es muß nämlich ihre innere produktive Kraft jene Nachbilder, die im Organ, in der Erinnerung, in der Einbildungskraft zurückgebliebenen Idole freiwillig ohne Vorſatz und Willen lebendig her⸗ vorthun. Sie müſſen ſich entfalten, wachſen, ſich ausdehnen und zu⸗ ſammenziehen, um aus flüchtigen Schemen wahrhaft gegenſtändliche Weſen zu werden.“ Erſt im Zuſammenhang mit dieſer Stelle gewinnt ein Wort ſein volles Verſtändnis, das Goethe einmal in dem Aufeſatz „Förderniß durch geiſtreiches Wort“ gebraucht:„Was nun von meinem gegenſtändlichen Denken geſagt iſt, mag ich wohl auch ebenmäßig auf eine gegenſtändliche Dichtung beziehen, mir drückten ſich gewiſſe große Motive, Legenden, uralt geſchichtlich Überliefertes ſo tief in den Sinn, daß ich ſie 40—50 Jahre lebendig und wirkſam im Innern erhielt; mir ſchien der ſchönſte Beſitz, ſolche werthe Bilder oft in der Einbildungskraft erneut zu ſehen, da ſie ſich dann zwar immer umgeſtalteten, doch ohne ſich zu verändern, einer reineren Form, einer entſchiedeneren Darſtellung entgegenreiften. Ich will hiervon nur die Braut von Korinth, den Gott und die Bajadere, den Grafen und die Zwerge, den Sänger und die Kinder und zuletzt noch den baldigſt mitzutheilenden Paria nennen.“ Und in der Fortſetzung ſeiner Beſprechung von Purkinje ſagt er:„Je größer das Talent, je entſchiedener bildet ſich gleich anfangs das zu produzirende Bild. Man ſehe Zeichnungen von Rafael und Michel⸗ angelo, wo auf der Stelle ein ſtrenger Umriß das, was dargeſtellt werden ſoll, vom Grunde loslöſt und körperlich einfaßt.“ Auf einem metaphyſiſchen Grunde, auf den uns ſelbſt ewig ver⸗ borgenen produktiven Kräften der Natur in uns, die wir genau wie die äußere Welt auch nur in ihren Wirkungen gewahren, beruht ihm das künſtleriſche Schaffen. Deutlicher als jemals in einer Periode vorher erkennt er nur das als Kunſtwerk an, was aus dieſem inneren Born gefloſſen iſt und er glaubt nicht, daß es auch nur möglich ſei, die Natur nachzuahmen, indem ſich der Künſtler mechaniſch an das Äußere hielte. Ein Vergleich der Maximen und Reflexionen über Kunſt(in dem von Otto Harnack herausgegebenen 48. Band der W. A.) mit dem ſchon zitierten Aufſatz über Nachahmung, Manier und Stil zeigt gerade im Zuſammenhange mit jener Stelle aus der Beſprechung Purkinjes, daß Goethe alles künſtleriſche Schaffen auf die geheimnisvolle Wirkung der Natur in uns in dieſer letzten Periode in viel weiterem Maße zurück⸗ führt, als er es bisher jemals gethan hatte. Dieſer, dem Menſchen ſelbſt verborgene innerſte Kern ſeiner Natur iſt in erſter Linie der Quell alles — 35— religiöſen Lebens, aber er bringt auch unabhängig von der Religion die Kunſt hervor. ibid. Band 48 pag. 201:„Das Schöne iſt eine Mani⸗ feſtation geheimer Naturgeſetze, die uns ohne deſſen Erſcheinen ewig wären verborgen geblieben,“ und ferner„Wem die Natur ihr offenes Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderſtehliche Sehnſucht nach ihrer würdigſten Auslegerin, der Kunſt. Die Kunſt iſt eine Vermittlerin des Unausſprechlichen.“ Aus dem„Nachlaß“ aber ent⸗ nehmen wir das ſchöne Wort:„Die Kunſt ruht auf einer Art religiöſem Sinn, auf einem tiefen, unerſchütterlichen Ernſt, deswegen ſie ſich auch ſo gern mit der Religion vereinigt.“ Da nun gerade die idealiſtiſchen Richtungen der Philoſophie Fichtes, Hegels, Schellings in erſter Linie dem Unerforſchlichen ſich zugewandt hatten, da Schleiermachers Monologe und ſeine Predigten ſo gut wie der ganze Geiſt der romantiſchen Schule auf das lebendigſte ſogar in den Geſprächen des Tages das Thema des Unerforſchlichen erörterten, ſo mochte Goethe wohl ſagen:„Wer gegen⸗ wärtig über Kunſt ſchreiben oder gar ſtreiten will, der ſollte einige Ahn⸗ dung haben von dem, was die Philoſophie in unſeren Tagen geleiſtet hat.“ Gerade die realiſtiſchen Kunſtrichtungen unſerer Zeit, denen ein Peter Cornelius anfängt ganz unverſtändlich zu werden, möchten doch folgendes Wort einmal beherzigen:„Natur und Idee läßt ſich nicht trennen, ohne daß die Kunſt ſowie das Leben zerſtört werde. Wenn Künſtler von Natur ſprechen, ſubintelligiren ſie immer die Idee, ohne es ſich deutlich bewußt zu ſein. Ebenſo gehts allen, die ausſchließlich die Erfahrung anpreiſen; ſie bedenken nicht, daß die Erfahrung nur die Hälfte der Erfahrung iſt. Erſt hört man von Natur und Nachahmung derſelben, dann ſoll es eine ſchöne Natur geben. Man ſoll wählen, doch wohl das beſte! Und woran ſoll man's erkennen, nach welcher Norm ſoll man wählen? Und wo iſt denn die Norm? Doch wohl nicht auch in der Natur? Und geſetzt, der Gegenſtand wäre gegeben, der ſchönſte Baum im Walde, der in ſeiner Art als vollkommen auch vom Förſter anerkannt würde. Nun, um den Baum in ein Bild zu verwandeln, gehe ich um ihn herum und ſuche mir die ſchönſte Seite. Ich trete weit genug weg, um ihn völlig zu überſehen, ich warte ein günſtiges Licht ab und nun ſoll von dem Naturbaum noch viel auf das Papier übergegangen ſein! Der Laie mag das glauben, der Künſtler hinter den Kouliſſen ſeines Handwerks ſollte aufgeklärter ſein. Gerade das, was ungebildeten Menſchen am Kunſtwerk als Natur auffällt, das iſt nicht Natur(von außen), ſondern der Menſch(Natur von innen).“ Es wäre ſehr thöricht zu glauben, als weiſe der Sinn dieſer Worte die Kunſt aus dem Gebiete des Wirklichen derart in das Gebiet des Übernatürlichen, daß aller Willkür Thor und Thür geöffnet wäre, und 3* — 36— die fratzenhafteſten Eingebungen dasſelbe Recht beanſpruchen könnten als das vollendet Schöne. Die prächtigen Verſe aus dem 3. Akt des Fauſt: Aber hüte dich zu fliegen, Freier Flug iſt dir verſagt, Und ſo mahnt der treue Vater. In der Erde liegt die Schnellkraft, Die dich aufwärts treibt, Berühre mit der Zehe nur den Boden, Wie der Erdenſohn Antäus biſt du alſobald geſtärkt. Dieſe Verſe, die dem Euphorion⸗Byron zugerufen werden, drücken eine bleibende Goetheſche Anſchauung aus. In eine unklare Myſtik hat er ſich nie verirrt. Und ganz entſpricht es dieſer Anſchauung, wenn er ſagt:„Wir wiſſen von keiner Welt, als in Bezug auf den Menſchen. Wir wollen keine Kunſt als die ein Abdruck dieſes Bezuges iſt.“ Fordert er doch ſogar einmal mit d'Alton bei der Frage, wie man zu wiſſen⸗ ſchaftlichen Zwecken die Gegenſtände, namentlich organiſche Gebilde dar⸗ zuſtellen habe, wie folgt:„Nicht weniger unbegründet iſt die von einem anderen Naturforſcher ausgeſprochene Meinung, daß die Dinge nicht nach⸗ zubilden ſeien, wie ſie erſcheinen, ſondern wie ſie an ſich ſind. Es iſt ſchwer zu begreifen, was an dieſer Forderung nur verſtanden werden ſoll, da die Rede von Abbildungen iſt, die einzig anzuzeigen beſtimmt ſind, wie man ſich die Gegenſtände vorzuſtellen habe(unſere Vorſtellung aber iſt einzig und allein die Erſcheinung der Dinge), was die Dinge außer ihrer Erſcheinung an ſich ſind, kann nicht wohl ein Gegenſtand der bild⸗ lichen Darſtellung ſein.“ Die Kunſt alſo ſoll durchweg der menſchlichen Natur entſprechen. Sie darf das geringfügigſt Wirkliche darſtellen, das rein Natürliche, denn naive Gegegenſtände ſind das Gebiet der Kunſt,„ſofern ſie ſittlich gefällig ſind“,„die Kunſt ſoll ein ſittlicher Ausdruck des Natürlichen ſein.“(Vergl. Band 48„Naivität und Humor“ pag. 184 ff.)„Die Kunſt an und für ſich iſt edel, deshalb fürchtet ſich der Künſtler nicht vor dem Gemeinen. Ja, indem er es aufnimmt, iſt es ſchon geadelt. Und ſo ſehen wir die größten Künſtler mit Kühnheit ihr Majeſtätsrecht ausüben.“ Goethe erläutert in trefflicher Weiſe, wie ſehr Rafael unter den Künſtlern das Gemeine zu adeln gewußt habe, weit aber über Shakeſpeare hinaus hat Goethe gerade dieſe Fähigkeit ſelbſt beſeſſen. Wie haben in dem Schönbartſpiele des 2. Teil des Fauſt Geſtalten der gemeinen Wirklichkeit die Weihe der Kunſt erfahren. Mutter und Tochter in dem Liedchen„Mädchen, als du kamſt ans Licht“, der Trunkene mit ſeinem Liede„Sei mir heute nichts zuwider“, die Menge mit ihren gierigen Händen, das Weibergeklatſch und die weniger harmloſen Seiten der Menſchennatur, wie erſcheinen ſie überhaupt im ganzen 2. Teil des Fauſt aus dem Gemeinen emporgehoben: Der den Lamien nacheilende Mephiſtopheles, das Gezänke der Gelehrten, die dreiſte Borniertheit des kurzgeſchorenen Baccalaureus, der, weil er einer von den neuſten iſt, ſich furchtbar erdreuſten wird, bis zu der ironiſchen Abfertigung geologiſcher Schulmeinungen über Vulkanismus und Neptunismus, wie die prachtvoll gemeinen Dilettantenurteile über die Erſcheinung von Helena und Paris, ſind ſie nicht alle künſtleriſche Darſtellungen der gemeinen Seiten des Lebens, die jeder als naturwahr anerkennt, obgleich ſie doch über die gemeine Natur gänzlich emporgehoben ſind? Gewiß gehören dieſe Dinge mit zur Menſchennatur, und möchte man es doch ahnen, mit welcher Freundlichkeit und Liebe ſich hier eine Künſtlernatur künſtleriſch mit den Erſcheinungen des gemeinen Lebens abfand, wie ein Höherer, den uns die Erzählungen der Evangelien nahe zu bringen ſuchen, ſich in religiöſer Weiſe abfand mit den Gebrechen der Menſchheit. Wir wenigſtens möchten nicht die Verwandtſchaft verkennen, die in dieſem Abfinden von künſt⸗ leriſchem Standpunkte mit jener religiöſen Toleranz zu liegen ſcheint. Beide, Religion wie Kunſt, vermögen es ja nur dadurch, daß ſie nicht etwa das Platte und Gemeine billigen, ſondern, daß ſie von ihm zu Höherem hinaufweiſen. Weder für den Künſtler noch für den religiöſen Menſchen bedeutet es eine Erniedrigung, wenn ſie dem Gemeinen des Lebens ſich nahen; aber ſoll es der einzige Gegenſtand der Kunſt ſein?„Das Wirk⸗ liche ohne ſittlichen Bezug nennen wir gemein,“ ſagt Goethe. Die eigenſte Aufgabe bleibt es nicht. Am begreiflichſten vielleicht können wir uns machen, wenn wir zunächſt hören, was er über die Muſik ſagt:„Die Muſik iſt heilig oder profan, das Heilige iſt ihrer Würde ganz gemäß, und hier hat ſie die größte Wirkung aufs Leben, welche ſich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane ſollte durchaus heiter ſein.“ Gerade durch die Heiterkeit ſeiner Kunſt hat es Goethe verſtanden, den gemeinen Geſtalten des Lebens die Weihe der Kunſt zu verleihen, wie vor ihm Cervantes faſt mehr als Shakeſpeare, der nicht immer die derben und gemeinen Geſtalten des Lebens zu der künſtleriſchen Höhe geſtaltet wie ſeinen Falſtaff oder ſeinen Polonius. Aber wie die Muſik in der Kirchenmuſik zu etwas Höherem, über das Leben hinausgehendem hinweiſt, ſo ſoll auch die Kunſt die wahre Vermittlerin der Urphänomene für den Menſchen ſein.„Die Symbolik verwandelt die Erſcheinung in Idee“(d. h. ſie zeigt den Bezug, den ein Endliches zum Unendlichen hat, ſie deutet in dem Wirklichen, als in einem Gleichniſſe, auf das Ewige, auf die Idee hin).„Die Symbolik verwandelt die Erſcheinung in Idee, die Idee in ein Bild und ſo, daß die Idee im Bild immer — 358— unendlich wirkſam und unerreichbar bleibt und ſelbſt in allen Sprachen ausgeſprochen doch unausſprechlich bliebe.“ War in der erſten Periode ein ſtraks auf das Charakteriſtiſche zielender, derber Realismus die Kunſtweiſe Goethes, ſtieg er in der zweiten durch das ſorgfältigſte Studium der Einzelerſcheinungen des Lebens dazu auf, ſich eine„all⸗ gemeine Sprache“(ſiehe„Nachahmung, Manier und Stil“) im Typus zu ſchaffen, ſo wird auf ſeiner höchſten Stufe die Symbolik die eigent⸗ liche Kunſtweiſe Goethes, in keiner Dichtung vielleicht zarter und inniger geübt als in der Pandora. Nennt er wohl einmal in ſeinen Sprüchen Adam und Eva im Paradies„Gottes lieblichſte Gedanken“, ſo erſcheinen uns die Geſtalten dieſer zarten Dichtung alle als ein gleichnisartiger Ausdruck einer höheren geiſtigen Welt. Von Epimetheus, Elpore und Epimeleia ganz zu ſchweigen, weiſen auch alle Nebengeſtalten auf dieſe höhere Welt wieder zurück bis auf den Hirten mit ſeinem Liede:„Wer will ein Hirte ſein, lange Zeit er hat, zähl' er die Stern im Schein, blas er auf dem Blatt“ und im ſchroffen Gegenſatz zu dem titanenhaften Prometheus der Jugend ſchließt er die Dichtung mit den Worten der Eos an Prometheus: „Fahre wohl, du Menſchenvater! Merke: Was zu wünſchen iſt, ihr unten fühlt es; Was zu geben ſei, die wiſſens droben. Groß beginnet ihr Titanen; aber leiten Zu dem ewig Guten, ewig Schönen, Iſt der Götter Werk; die laßt gewähren!“ Der Schluß der großen Fauſtdichtung offenbart uns ganz denſelben Sinn. Man wende nicht ein, daß Fauſt aber doch das Gegenteil ſage, wenn er im 5. Akt in der erſchütternden Scene,„Mitternacht“ über⸗ ſchrieben, in die Worte ausbricht:„Der Erdenkreis iſt mir genug bekannt. Nach drüben iſt die Ausſicht uns verrannt. Thor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet, ſich über Wolken ſeinesgleichen dichtet, er ſtehe feſt und ſehe hier ſich um, dem Tüchtigen iſt dieſe Welt nicht ſtumm. Was braucht er in die Ewigkeit zu ſchweifen! Was er erkennt, läßt ſich ergreifen, er wandle ſo den Erdentag entlang, wenn Geiſter ſpuken, geh er ſeinen Gang, im Weiterſchreiten find't er Qual und Glück, er un⸗ befriedigt jeden Augenblick.“ Schon die Verſe der letzten Scene: Gerettet iſt das edle Glied Der Geiſterwelt vom Böſen: Wer immer ſtrebend ſich bemüht, Den können wir erlöſen; — 39— Und hat an ihm die Liebe gar Von oben Theil genommen, Begegnet ihm die ſel'ge Schaar Mit herzlichem Willkommen. Schon dieſe Stelle ſollte vor dem Irrtum bewahren, Goethe habe einer ausſchließlichen Diesſeitigkeit das Wort geredet, und er habe alle Aufgaben des Menſchen als in dieſem Leben erfüllbar betrachtet. Gerade hier, bei der künſtleriſchen Darſtellung des Lebens gewahren wir, wie ſehr er alles das anerkennt, was im Leben über das Leben hinausweiſt. Das eine aber wollen wir gewiß zugeſtehen und finden in dieſem Zu⸗ geſtändnis nicht im entfernteſten einen Widerſpruch, daß das praktiſche Leben nicht wohl von etwas anderem ſeine Ziele empfangen könne, als von dem praktiſchen Leben ſelbſt. Das Wort eines modernen Denkers klingt etwas frech:„Bleibt der Erde treu, und glaubt denen nicht, welche euch von überirdiſchen Hoffnungen reden. Verächter des Lebens ſind es, Abſterbende, deren die Erde müde iſt. An der Erde zu freveln iſt jetzt das Furchtbarſte, und die Eingeweide des Unerforſchlichen höher zu achten als den Sinn der Erde.“ Und doch ſcheinen die erſten Verſe des Fauſt ſich damit zu decken. Ja, eine andere Stelle Goethes hat eine viel offen⸗ barere Ähnlichkeit mit dieſen Worten:„Man thut nicht wohl, ſich all⸗ zulange im Abſtrakten aufzuhalten, das Eſoteriſche ſchadet nur, indem es exoteriſch zu werden trachtet, Leben wird am beſten durchs Lebendige belehrt.“ Wir würden die Worte Goethes ſo auffaſſen: Ihm iſt alles Thun auf dieſer Erde und für dieſes Leben ein ſymboliſches Thun und ganz im proteſtantiſchen Sinne iſt ſein Gedanke, daß alles Handeln und Thun an ſich keinen Wert beanſpruche, als den, daß es ein ſtammelnder Ausdruck der Liebe ſei:„Und dein Streben ſei's in Liebe und dein Leben ſei die That.“ Aber zu befriedigen vermöchte dieſes Leben nicht, wenn ſein letzter Sinn eben„der Sinn der Erde“ wäre. So lange wir Menſchen ſind, ſollen wir einfach und ſchlicht dem Leben ſelber gehorchen. Immer in dem Gedanken, daß wir eine Zwienatur ſind, wie es die Verſe des Fauſt ausſprechen: Uns bleibt ein Erdenreſt Zu tragen peinlich, Und wär er von Abbeſt, Er iſt nicht reinlich. Wenn ſtarke Geiſteskraft Die Elemente an ſich herangerafft, Kein Engel trennte Geeinte Zwienatur — 16— Der inn'gen Beiden, Die ewige Liebe nur Vermags zu ſcheiden. Welch ein Abſtand von jenem Gedanken, wie ſie das Fragment „die Natur“ enthüllt. Dort, wie in der Anfangsperiode der Romantiker erſcheint das Leben als etwas vollkommen Willkürliches. Der Tod nur das Kunſtmittel der Natur, neues, an ſich gleichgültiges Leben zur Er⸗ ſcheinung zu rufen. Daher der Ekel Werthers an dieſem Leben, daher der(von Scherer wahrſcheinlich gemachte) Plan des Urfauſt, nach welchem Fauſt zu Grunde gehen ſollte, ſo gut wie Werther, weil er daran ver⸗ zweifelt, den alten Sauerteig zu verdauen, und die prächtige Ausdeutung Goethes im 13. Buch von Wahrheit und Dichtung, worin er dieſen Ekel an den Erſcheinungen des Lebens darauf zurückzuführen ſucht, daß für manche Menſchen alle Erſcheinungen ſich mit derſelben gleichgültigen Wiederkehr vor ihrer Seele auf und ab wälzen, und daß der Ernſt, mit dem mancher Denkende die Dinge betrachtet, ihn nur die Vergäng⸗ lichkeit und den völligen Unwert aller irdiſchen Dinge zeige. Bismarck entlehnt nur das Wort von Goethe, daß das Leben das An⸗ und Aus⸗ ziehen nicht wert wäre, wenn es ſeinen letzten Sinn im Leben ſelber habe. Daher in der erſten Periode das immerhin genialiſche Spielen mit dem Leben; aber ſchon in der zweiten Periode warnt er,„wer mit dem Leben ſpielt, kommt nie zurecht.“ Die neu gewonnene Natureinſicht in die Entwicklung der Dinge führt ihn ſchon in der zweiten Periode zu einer AÄnderung ſeiner ſittlichen und künſtleriſchen Anſchauungen, die Charaktere ſeiner Dichtungen werden zu ſittlich ſtrebenden, und den bleibenden, ewigen Gehalt des Vergänglichen erſchließt uns die Kunſt im Typus. Die Bekanntſchaft mit Schiller und Kant führen Goethe zur letzten Stufe ſeiner Entwicklung empor, er ſchaut von oben auf das Leben herunter, und alle Erſcheinungen dieſes Lebens werden ihm ein gleichnis⸗ artiger Ausdruck des Unvergänglichen, ſei es eine organiſche Form, ſei es ein Gebilde der Kunſt, oder ſei es eine ſittliche auf irdiſche Ziele gerichtete That, von denen jedes Einzelne allerdings deswegen abſolut nichtig und wertlos iſt, weil es immer ein unzulänglicher Ausdruck des Ewigen bleibt und doch von höchſtem, unvergänglichem Werte, als in ihm gleichnis⸗ artig das Ewige in die Erſcheinung tritt. Was alſo iſt für Goethe die Natur? Gewiß auch die organiſche Form, gewiß die Farbe, aber doch gewiß nicht weniger etwa das Gewiſſen in uns, das„keines Ahnherrn bedarf“, das ſelbſtändig„Sonne unſerem Sittentag ſei“, und die Kunſt, die als wirkſame Natur im Menſchen Seiten des Wirklichen und Realen offenbart, die allerdings mit den Sinnen nicht gefunden werden können.