o LA, Die Reiſe des Paulus von Jeruſalem nach Damaskus. Don profeſſor F. hielſcher. Wiſſenſchaftliche Beilage zum jahresbericht : für die Oberrealſchule i. E. zu Cottbus: — —yy LehrerbibHothek der Oberrealschule 118SSen — Prog. Hr. 193. = Cottbus Druck von Oswald Rrnold 4— 1 91 3.— 1 n ſeinem Buche„Paulus“¹) bemerkt Heinrich Weinel: „So begreiflich und verſtändlich es iſt, daß der Prophet ◻½(Paulus) zum Apoſtel wurde, ſo ſchwer iſt es zu ver⸗ ſtehen, warum er gerade zum Heidenapoſtel ward. Lag es nicht viel näher für ihn, ſeinen Volksgenoſſen zu predigen, auf welche Geburt und Erziehung ihn hinwieſen, die er auch innerlich beſſer verſtand als die Griechen? Konnte er nicht viel mehr für ſie arbeiten als für die Fremden? Hat er nicht ſelbſt geſagt, daß er verdammt ſein wolle und ewig getrennt von ſeinem Herrn, wenn er ſie dadurch retten könne?“ ²) Mit der Klarheit, die dem Leſer ſein Buch ſo lieb macht, hat hier der Gelehrte ein Hauptproblem im Leben des Paulus berührt. Zwar bemüht er ſich, eine Erklärung für die er⸗ wähnte auffällige Tatſache beizubringen; aber ich verſtehe ihn wohl recht, wenn ich annehme, daß ihn die Löſung, die er andeutet, ſelbſt nicht befriedigt. Sie iſt ihm nur ein Notbehelf. Befragen wir wiederum die Quellen, ſo antworten uns die Apoſtelgeſchichte und Paulus ſelbſt, Gott habe ihn durch eine Offenbarung, durch einen direkten Befehl zum Heiden⸗ apoſtel berufen. Aber in welcher Weiſe ihn Gott allmählich hingeführt hat zu ſeiner Beſtimmung, darüber ſchweigen beide ſtill. Sie machen uns mit dem Abſchluß einer Entwicklung bekannt, über den Gang der Entwicklung fällt kein Wort. Ob das gleichmäßige Schweigen beider Quellen ſich aus den⸗ ſelben Beweggründen erklärt? Ich zweifle ſehr daran. Paulus hatte keine beſondere Veranlaſſung, uns aufzuklären. Der Verfaſſer der Apoſtelgeſchichte war nicht in der gleichen Lage; entweder wußte er nichts, oder er wollte ſchweigen. ¹) Tübingen 1904. S. 120. 2) Auch Adolf Deißmann wirft in ſeinem Werke„Paulus“ Tübingen 1911 S. 136 die Frage auf:„Was hat den Mann hinausgetrieben in die Welt?“ aber in einem anderen Sinn und Zuſammenhang, als es hier geſchieht. Daher gibt er auch eine ganz andere Antwort, als wir hier ſuchen. — 4— So bleibt uns nur eine Hoffnung: nämlich, daß vielleicht die begleitenden Umſtände, unter denen nach der Apoſtel⸗ geſchichte und nach Paulus ſelbſt die Berufung erfolgte, uns etwas verraten— ohne Wollen und Abſicht der Verfaſſer, vielleicht ſogar gegen ihr Wollen. Wenden wir uns zunächſt der Apoſtelgeſchichte zu. Ich folge dem Gange des Buches und beginne mit dem Bericht Kapitel 7— 9. Paulus ergreift zwar gegen Stephanus Partei, ſpielt aber bei der Steinigung noch eine ziemlich paſſive Rolle. Schnell jedoch wächſt er ſich zum leidenſchaftlichen Haupt⸗ gegner der Gemeinde aus, dringt in die Häuſer ein, ſchleppt Männer und Frauen fort und liefert ſie ein ins Gefängnis. Die Sache liegt nicht ſo, daß er in die Bewegung hinein⸗ geriſſen wäre, und daß ſein Eifer mit dem Zuſammenſinken der Bewegung auch wieder abflaute, ſondern ſo, daß ſie nicht erliſcht um ſeinetwillen, daß er ſich zum Haupte der Verfolger auswächſt über den Hohenprieſter hinaus. Nicht der Hohe⸗ prieſter tritt an Saul heran, ſondern Saul an den Hohen⸗ prieſter. Er iſt gehäſſiger als der Hoheprieſter, der ihm, in ſeiner Verfolgungswut, nur nachgibt. Saul hat den brennenden Wunſch, als Bevollmächtigter des Synedriums nach Damaskus zu ziehen, um Männer und Frauen, die zu der Lehre hielten, gebunden nach Jeruſalem zu bringen. Wieviele Leſer der Apoſtelgeſchichte mögen ſchon inne⸗ gehalten haben, als ihr Auge auf den Namen Damaskus traf! Alſo bis dahin, bis über die Grenzen Paläſtinas hinaus, treibt den Paulus ſein wilder Haß! In Wahrheit mutet der Verfaſſer ſeinen Leſern ein bischen viel zu. Die Chriſten in Damaskus werden nicht verfehlen, ſich von Paulus verhaften und binden zu laſſen, die fremde, heidniſche Obrigkeit wird ein Auge zudrücken und den Störenfried ſchalten laſſen, und Paulus wird mit einer großen Karawane von Gefangenen und Wächtern, begleitet von Laſtkamelen, die Lebensmittel tragen, triumphierend den Rückweg nach Jeruſalem antreten. Dort wird das Synedrium, dem die potestas gladii, der Blutbann, ja nicht zuſteht, Auspeitſchung und Einſperrung über die Gefangenen verhängen, um ſie dann ſchließlich wieder laufen zu laſſen. Alles außer⸗ ordentlich wahrſcheinlich! Mag die Verfolgungswut des Paulus noch ſo groß geweſen ſein, ſie kann ihn nicht nach Damaskus geführt haben. Eine ſolche Reiſe wäre völlig ausſichtslos und oben⸗ — 3 drein gefährlich geweſen. Wegen viel geringerer Dinge, als die hier angeblich von ihm geplanten ſind, hat er ſpäter aus Damaskus bei Nacht und Nebel flüchten müſſen, um die Stadt, ſoviel wir wiſſen, nie wieder zu betreten. Doch folgen wir der Apoſtelgeſchichte weiter. In der Nähe von Damaskus erſcheint ihm der Gekreuzigte in ſeiner himmliſchen Majeſtät, ſchmettert ihn mit dem Glanze ſeines Lichtes nieder und ſchlägt den verruchten Verfolger mit Blind⸗ heit. Ein Strafwunder, prächtig vorbereitet und trefflich zur Anſchauung gebracht! Saulus iſt ſchwer geſtraft, aber doch nicht verſtoßen. Die Schärfe der göttlichen Frage:„Saul, Saul, warum verfolgſt du mich?“ wird gemildert durch den tröſtlichen Befehl:„Stehe auf und gehe in die Stadt, ſo wird dir geſagt werden, was du tun ſollſt.“ Was Gott mit Paulus vorhat, erfährt alſo Paulus nicht von Gott, ja, er erfährt es überhaupt nicht. Gott trifft nur Fürſorge, daß er in Damaskus in die richtigen Hände kommt, daß ihn ein Jünger aufſucht, der ihm zuſpricht und ihm die Hände auflegt, damit er wieder ſehend und mit dem heiligen Geiſte erfüllt werde. Das geſchieht durch Ananias, einen Jünger der Chriſtengemeinde in Damaskus. Er iſt der Vertraute Gottes, er allein erfährt auch, was Gott mit Paulus vorhat:„Dieſes iſt mein auserwähltes Gefäß, zu tragen meinen Namen vor die Heidenvölker und Könige und Söhne Israels.“ Mit einem Worte: der Befehl Gottes verweiſt den Paulus an die bereits in Damaskus beſtehende chriſtliche Gemeinde. Die Gemeinde zu Damaskus aber bildet mit den übrigen chriſtlichen Gemeinden eine Einheit,³) alſo auch mit der ſogenannten Mutter⸗ oder Urgemeinde zu Jeruſalem. Und damit iſt auch ſeine Abhängigkeit von Jeruſalem, von den Urapoſteln, beſiegelt— mag er ſich ſtellen, wie er will. Und da Gott wohl dem Jünger Ananias, nicht aber Paulus ſelbſt anvertraut, daß er den Namen Gottes vor die Heiden tragen ſoll, ſo iſt die ganze Heidenmiſſion des Paulus von vorn⸗ herein unter die Leitung der ſchon beſtehenden Gemeinde geſtellt. Vorläufig predigt Paulus, ganz wie Petrus, lediglich den Juden. Er verkündigt in den Synagogen, daß Jeſus ³) Vergl. Adolf Harnack, Beiträge zur Einleitung in das Neue Teſta⸗ ment, III. Die Apoſtelgeſchichte Leipzig 1908 S. 199:„Die chriſtlichen Gemeinden heißen ſowohl al Sars,olat als auch Sunlola, bilden alſo irgendwie eine Einheit.“ — 6— der Sohn Gottes ſei, und bringt die Juden in Damaskus außer ſich. An Eifer fehlt es alſo nicht: leider am Erfolg. Er erreicht garnichts. Aber wir fangen an unruhig zu werden: denkt denn dieſer Paulus garnicht an die Rückkehr nach Jeruſalem? Der Zweck, zu dem er ausgezogen iſt, iſt doch bereits vor Damaskus hinfällig geworden, der Sinn des göttlichen Befehls, der ihn nach Damaskus wies, iſt durch ſeine Aufnahme in die chriſtliche Gemeinde erfüllt. Muß es jetzt nicht eine edle Natur mit unwiderſtehlicher Gewalt zurücktreiben nach Jeru⸗ ſalem, wo er der Gemeinde ſoviel abzubitten, wo er ſoviel gutzumachen hat? ⁴) Aber Paulus bleibt ruhig in Damaskus und richtet ſich auf die Lehre in den Synagogen ein, wie wenn er nie in beſonderem Auftrage und in beſonderer Abſicht aus Jeruſalem herübergekommen, ſondern in Damaskus anſäſſig wäre. Aller⸗ dings hat der Verfaſſer ein ganz ſchlechtes Gewiſſen dabei und beeilt ſich uns zu beſchwichtigen: Paulus ſei nur eine Reihe von Tagen, eine ziemliche Zeit(μαέ̈οα ἀuvat) in Damaskus geweſen. Dann habe er Damaskus— verlaſſen? Nein, verlaſſen müſſen! Eine ſchöne Aufklärung! Alſo Paulus wäre gern noch länger geblieben, wenn er gedurft hätte! Was nützt da alle Beſchwichtigung durch eine verſchleierte Zeitangabe, die Kürze vorſpiegeln ſoll! Unſere Bedenken müſſen in alter Stärke beſtehen bleiben. Denn nur ein Auf⸗ enthalt, der auch von Seiten des Paulus kurz gedacht war, könnte uns die ganze Sache glaubhaft machen. Das hat im Grunde auch der Verfaſſer ſehr wohl empfunden, daher ſeine ſtandhafte Bemühung, uns zu täuſchen — eine Bemühung, die für den aufmerkſamen Leſer zu weiter nichts führt als ſeine Blöße völlig aufzudecken. Nun begreifen wir auch, warum er die Reiſe nach Arabien glatt unterſchlägt, unterſchlagen muß. Würde er ſie erwähnt haben, ſo hätte er mit ſeiner ganzen Erzählung von der Reiſe nach Damaskus unrettbar feſt geſeſſen wie ein Schiff im Eiſe. Auch der zweite und dritte Bericht gedenken weislich mit keinem Worte des Aufenthalts in Arabien. Da Paulus gemäß der Anlage der Erzählung nach kurzem Aufenthalt in Damaskus wieder zurückkehren muß nach Jeruſalem, ſo bringt der Verfaſſer das zuwege. Paulus muß flüchten, weil ihm die Juden nach dem Leben trachten. 4) Der zweite Bericht Kap. 22,17 iſt hier viel konſequenter. — 1—— Wem die Juden nach dem Leben trachten, ſollte der wohl in Jeruſalem am beſten aufgehoben ſein? Und wenn er ſich wenigſtens noch ſtill verhielte! Aber nein, er fängt wieder an, den Juden zu predigen. Wieder ohne Erfolg natürlich, da er die Weihe der Gemeinde noch garnicht beſitzt. Wie ſchöne, reiche Erfolge hat dagegen auf demſelben Boden ein Mann wie Petrus gehabt, freilich auch eine reife, abgeklärte Natur. Gewann er doch einmal durch eine wunderbare Heilung und nachfolgende Predigt 5000 Seelen) auf einen Schlag, und es iſt nichts als Ketzerei, wenn Harnack auf Grund von J. Kor. 15,6 mißtrauiſch fragt:„Iſt hier nicht eine Null zuviel geſetzt?“ 6) Paulus iſt eben noch unfertig, die Gemeinde muß ihn erſt erziehen. Nach den ſchweren Mißerfolgen in Damaskus und Jeruſalem wird er von ihr nach Tarſus in Cilicien gebracht. Was er hier getan hat? Könnten wir den Verfaſſer der Apoſtelgeſchichte fragen, er würde uns ſanft erwidern: „Geläutert hat ſich der unglückliche Mann, bis er zu der Klarheit der Urapoſtel durchdrang und zum Miſſionsdienſt brauchbar wurde. Hier hat er getroſt gewartet, bis ihn die Urgemeinde durch Barnabas zu Taten in der Heidenwelt aufrief“ Und wenn er ſeine Tendenz preisgeben dürfte, würde er noch hinzufügen:„Tarſus iſt für mich ſein Arabien.“ Beileibe nicht iſt Paulus ſelbſtändig auf den Gedanken gekommen, Heidenmiſſion zu treiben. Wie er ſein Beſtes von der Urgemeinde hat, ſo iſt er auch anfangs in ihren Geleiſen gewandelt und hat, wie ſie, Judenmiſſion getrieben. Wehe ihm, wenn er ſich jemals einbilden ſollte, etwas anderes zu ſein als das Werkzeug überlegener Köpfe zu Jeruſalem! Dann gäbe es ein Unglück. In Rom ſoll ſich das Papſttum entwickelt haben? Die erſten Päpſte ſaßen in Jeruſalem! Schon auf Grund des Berichts Kapitel 7—9 behaupte ich: die abenteuerliche Fahrt des Paulus nach Damaskus hat nie ſtattgefunden. Nehmen wir wirklich einmal an, daß er ſeine Jugendjahre in Jeruſalem verlebt habe: was in aller Welt ſollte ihn dazu bewogen haben? Die Beweggründe, die der Verfaſſer dafür angibt, ſind gewiß die ſchönſten und beſten, die ſich finden ließen, aber ſie halten keiner ernſtlichen Prüfung ſtand. Aber weiter: Der Verfaſſer bemüht ſich ganz vergebens, uns zu verheimlichen, daß Paulus in Damaskus, ⁵5) Apoſtelgeſchichte 4,4. 6) Beiträge III 143, Anmerkung 1. — 8— wo er angeblich ſoeben aus Jeruſalem eingetroffen iſt, in Wahrheit zu Hauſe iſt. Und wem zu Ehren findet dieſe ganze unwahrhaftige Aufmachung ſtatt? Zu Ehren Jeruſalems, der Urgemeinde und der Urapoſtel. Sieht man von der hiſtoriſchen Wahrheit ab, ſo hat der Bericht etwas Prächtiges, unendlich Majeſtätiſches. Wir erleben den Abſchluß einer verhängnisvollen Entwicklung mit, wie er wuchtiger nicht gedacht werden kann. Dagegen kann der Bericht des Betroffenen, wie er in Kapitel 22 ſteht, nicht auffommen. Manches darin erſcheint ſchwächlicher. Paulus hat danach die Briefe nicht verlangt, ſondern empfangen. Und während im erſten Bericht Paulus nur eben die Frage herauszubringen vermag:„Wer biſt du, Herr?“ um dann zitternd zu verſtummen, fragt er hier weiter: „Was ſoll ich tun, Herr?“ Wichtiger für unſere Unterſuchung ſind freilich andere Unterſchiede. Gleich im Anfang erklärt Paulus, er ſei in Jeruſalem auferzogen und zu den Füßen Gamaliels geſchult worden im väterlichen Geſetz nach aller Strenge. Nun ſtand aber Gamaliel trotz ſeiner Strenge der neuen Bewegung ruhig abwartend und leidenſchaftslos gegen⸗ über.) Wäre Paulus wirklich unter ſeiner Zucht heran⸗ gewachſen, ſo hätte doch wohl das Urteil des Meiſters auf ihn abfärben müſſen. Mindeſtens bleibt es ſchwer begreiflich, wie er trotzdem geradezu ein Fanatiker hätte werden können. Man wende nicht ein, Gamaliel habe Petrus und die Apoſtel im Auge gehabt, Paulus dagegen den Stephanus und ſeinen Anhang verfolgt. Erſcheint nicht Stephanus in enger Beziehung zu den Apoſteln, haben ſie ihm nicht betend die Hände auf— gelegt und ihn geweiht? Und haben nicht die Worte des Gamaliel, wie die von ihm gewählten Beiſpiele beweiſen, ganz allgemeine Bedeutung? Ich glaube nicht an eine Schulung des Paulus durch Gamaliel, glaube überhaupt nicht an eine gelehrte Schulung des Paulus. Den Eindruck machen ſeine Schriften nicht. Deißmann, der allerdings an dem Unterricht bei Gamaliel feſthält, ¹) bemerkt doch:„Das Naive iſt bei ihm ſtärker als das Reflektierte, das Myſtiſche ſtärker als das Dogmatiſche. — Er iſt weit mehr Beter und Zeuge, Bekenner und Prophet, als gelehrter Exeget und grübelnder Dogmatiker.“ ²)„Beweis⸗ 7) Apoſtelgeſchichte 5, 34— 39. 8)„Paulus“ S. 65. 9)„Paulus“ S. 4. — 9— führung im ſtrengen Sinne des Wortes iſt nicht die ſtarke Seite des Paulus. Wo man mit ihm an den Endpunkt eines geraden Weges zu kommen hofft, ſieht man ſich mit⸗ unter an den Ausgangspunkt eines Circulus zurückgeführt. Paulus iſt, z. B. in der Polemik, eine viel zu impulſive Natur, um ein großer Dialektiker ſein zu können. Lieber, als daß er die Gegner lange widerlegt, erledigt er ſie durch einen zornigen Blick, und in der Behandlung religiöſer Probleme gelingt ihm das Intuitive und Kontemplative im allgemeinen beſſer als das Spekulative.“ 10) Was heißt das anders als: die Merkmale einer gelehrten, ſyſtematiſchen Bildung ſucht man bei Paulus vergeblich. Gott ſei Dank! Er hätte ja ſonſt nie den Wald geſehen vor lauter Bäumen. Aber die Merkmale, die auf einen begabten, geiſtreichen Autodidakten paſſen, ſind alle da. Im erſten Bericht bleibt er in Unwiſſenheit über ſeine große Beſtimmung. Nur die Gemeinde, vertreten durch Ananias, kennt ſie und leitet ihn ſeiner Beſtimmung entgegen. Das iſt großartiger und kühner gedacht als im zweiten Bericht: hier erfährt er aus dem Munde des Ananias ſeinen großen Beruf:„Du ſollſt für ihn Zeuge ſein bei allen Menſchen von dem, was du geſehen und gehört haſt.“ Die Tendenz iſt die gleiche, aber ſie iſt ſchwächer ausgeprägt; ein Mann, der der Gemeinde bereits angehört, eröffnet ihm als Vertrauter Gottes, was Gott ihm ſelbſt nicht anvertraut. Gerade durch die Kühnheit ſeiner Darſtellung ſetzt ſich aber der Verfaſſer des erſten Berichts in einen ſchriftſtelleriſchen Vorteil. Sie überhebt ihn der Notwendigkeit aller weiteren Erklärungen, wie Paulus Heidenmiſſionar wird: er wird es einfach durch den Auftrag der Gemeinde. In dieſer glücklichen Lage befindet ſich der Verfaſſer des zweiten Berichtes nicht. Mit der Eröffnung des Ananias:„Du ſollſt für ihn Zeuge ſein bei allen Menſchen“— iſt zwar manches vorbereitet, aber auch manches falſch angelegt. Wie iſt dieſe Allgemein⸗ heit auf die Heiden zuzuſpitzen? Das iſt die ſchwere Frage. Zunächſt läßt der Verfaſſer, durchaus konſequent, Paulus ohne weiteres nach Jeruſalem zurückkehren, ohne all und jede Miſſion in Damaskus. Das iſt zwar hiſtoriſch falſch, iſt aber im Gange ſeiner völlig unhiſtoriſchen Darſtellung nur folgerichtig. Aber nun drängt den Verfaſſer die Frage: Wie ſoll ich ihn zum Heidenapoſtel ſtempeln? 10)„Paulus“ S. 74. — 10— Wer einmal an einem entſcheidenden Punkte von der hiſtoriſchen Wahrheit abgewichen iſt und ſomit die pragmatiſche Geſchichtsſchreibung verlaſſen hat, der verwickelt ſich in ein Netz von Schwierigkeiten. Ein wahres Glück! Wie ſollte ſonſt die Nachwelt, die einfach die Wahrheit wiſſen will, den Punkt bezeichnen können, wo die Tendenz einſetzt? Da der natürliche Verlauf der Dinge für ihn nichts hergeben kann, ſo hilft ſich der Verfaſſer in der Weiſe, daß er Paulus in Jeruſalem einer neuen Viſion würdigt. Gott ſagt dem im Tempel Betenden:„Eile und verlaſſe Jeruſalem ſchleunig.— Ich will dich zu den Heiden in die Ferne ſenden.“ ¹¹) Gelöſt iſt der Knoten nicht, aber wenigſtens durchhauen. Der Weg zur Heidenmiſſion iſt frei. 1¹) Die Ueberſetzung und Auslegung der Verſe Kap 22, 19—21, wie ſie Rudolf Knopf in den„Schriften des Neuen Teſtaments“, heraus⸗ gegeben von Johannes Weiß, I. Band zweiter Abſchnitt S. 99— 100 gibt, könnte ich nicht annehmen. KGy„&l.mπαο ανοιε, αιτον εέπQπouνυνππτ³α heißt bei ihm: Da ſprach ich: Herr, aber ſie wiſſen doch—— al e2e, ee: aber er ſprach zu mir. Was Knopf zu ſeiner Ueberſetzung, die durch die beiden„aber“ charakteriſiert iſt, veranlaßt hat, iſt eben die Schwierigkeit der Auslegung. Der griechiſche Text führt aber doch auf die Ueberſetzung, die Weizſäcker und Stage geben. Stage, der durch kurze Zuſätze in kleiner Schrift Erklärungen einflicht, trifft meines Erachtens den Nagel auf den Kopf, wenn er überſetzt:„Und ich ſprach: Ja, Herr, ſie wiſſen, daß——“, während man Knopf richtig auslegt, wenn man ihn überſetzen läßt:„Da ſprach ich: Nein, Herr, ſie wiſſen——“ Damit iſt die Sache allerdings noch nicht erledigt. Denn wie kann bei ein und derſelben Stelle der eine zu dem erläuternden Zuſatz Ja, der andere zu Nein kommen? Ich glaube, daß der Verfaſſer der Apoſtel⸗ geſchichte hier zwei Berichte, die ihm vorlagen, vereinigt hat. Der eine lautete:„Eile und verlaſſe Jeruſalem ſchleunig; denn ſie werden dein Zeugnis über mich nicht annehmen. Ich will dich zu den Heiden in die Ferne ſenden.“ Der zweite lautete:„Herr, ſie wiſſen doch ſelbſt, daß ich es war, der die an dich Glaubenden gefangen nahm und mißhandelte in den Synagogen Und als das Blut deines Zeugen Stephanus vergoſſen wurde, ſtand ich ebenfalls dabei, hatte mein Gefallen daran und hütete die Kleider derer, die ihn töteten. Und er ſprach zu mir: Ziehe hin, ich will dich zu den Heiden in die Ferne ſenden.“ Den einfachen Befehl Gottes einerſeits und die zaghafte Vorſtellung des Apoſtels mit dem darauf folgenden kurzen Befehl Gottes andererſeits hat der Verfaſſer zuſammengeſchweißt. Dabei gerieten die Worte des Apoſtels in die Mitte zwiſchen die Herrenworte und wurden nun einer doppelten Aus⸗ legung fähig; ſie konnten als Widerſpruch oder als Zuſtimmung zu den Herrenworten aufgefaßt werden. Das an ſich Natürliche und übrigens auch dem Texte Entſprechende iſt doch letzteres. 11— Im dritten und letzten Bericht Apoſtelgeſchichte Kap. 26 iſt die Tendenz am ſchwächſten ausgeprägt. Das Strafwunder und der Befehl, zur Empfangnahme einer göttlichen Weiſung nach Damaskus zu gehen, fehlen. Im Zuſammenhang damit fehlt auch die Perſon des Ananias. Der Auferſtandene ſelbſt tut Paulus ſeine Erwählung zum Heidenmiſſionar kund: „Ich nehme dich heraus aus dem Volke Israel und aus den Heiden, zu denen ich dich entſende, ihre Augen zu öffnen zur Bekehrung, ſie zu bekehren von Finſternis zu Licht und von der Macht des Satans zu Gott.“ Damit nähert ſich der Bericht der hiſtoriſchen Wahrheit mehr als die beiden erſten, und eben darum verfehlt er die Tendenz in einem Hauptpunkte. Unter dieſen Umſtänden möchte man ſich beinahe wundern, daß der dritte Bericht überhaupt Aufnahme gefunden hat Aber er hat einen eigen⸗ artigen Vorzug: Paulus wird Chriſt einzig und allein unter dem Eindruck ſeiner jeruſalemiſchen Erfahrungen und Erlebniſſe, kein Ananias in Damaskus hat mitgeholfen. Das iſt auch etwas wert. Auch noch in anderen Punkten vertritt er die Tendenz doch wieder recht geſchickt. Die Reiſe gerade nach Damaskus und einzig und allein nach Damaskus hat etwas Auffälliges. Er ſucht ihr den Charakter des Auffallenden zu nehmen, indem er verſichert: auch bis in andere auswärtige Städte— wir können etwa an Tyrus oder Sidon denken— hat Paulus ſeine Verfolgung ausgedehnt. Mit großer Gewandt⸗ heit gleitet er über eine gefährliche Stelle, über den Auf⸗ enthalt des Paulus in Damaskus, hinweg. Angaben über die Dauer dieſes Aufenthalts, der dem erſten Berichterſtatter ſoviel Kopfſchmerzen machte, ſchenkt er ſich ganz. Er drückt ſich ſo aus, daß jeder Leſer, wenn er nur arglos genug iſt, dabei ſeine Rechnung finden kann. Wem er gepredigt hat? Den Juden und den Heiden, den Heiden und den Juden. Warum er nach Jeruſalem zurückgekehrt iſt? Um denen in Jeruſalem und im ganzen Lande Judäa anzukündigen, daß ſie Buße tun ſollten. 1²) Wie er zu den Heiden gekommen iſt? Er iſt eben hingegangen Der Bericht hat einen Kunſt⸗ 1²) Iſt es nicht überaus merkwürdig, daß dieſe völlig unhaltbare Behauptung ſich auch im Römerbrief 15,19 findet? Dort heißt es:„Ich habe von Jeruſalem und Umgegend aus bis nach Illyrikum die Verkündi⸗ gung des Evangeliums von Chriſtus erfüllt.“ Ich glaube die Erklärung dafür zu haben, aber ſie läßt ſich nicht mit wenigen Worten geben. Ich erwähne die Stelle hier nur, damit man nicht glaube, ich hätte ſie überſehen. — 12— griff, den die beiden anderen nicht haben: die gewandte Verallgemeinerung an verfänglichen Stellen. Die Apoſtel⸗ geſchichte hat dabei die Lage, aus der Paulus ſpricht, mit in Anſchlag gebracht. Wie unbekümmert man mit der hiſtoriſchen Wahrheit umſprang, zeigen die drei Berichte. Sie muten uns an, wie Bearbeitungen eines und desſelben Themas, zu dem eine führende Intelligenz fähigen Schülern die Hauptgeſichtspunkte angab. Dieſes ſind die drei gelungenſten Bearbeitungen. Der Verfaſſer der Apoſtelgeſchichte hat kein Bedenken, ſie alle drei aufzunehmen, wenn ſie auch ſtark von einander abweichen. Sie ſind beſtimmt, Anſprüche, die erhoben werden, zu begründen, und ergänzen und ſtützen einander in willkommener Weiſe. Diejenige Darſtellung, die der Tendenz am meiſten gerecht wurde, war die beſte und fand an erſter Stelle Aufnahme. Sie iſt zugleich diejenige, die ſich von der hiſtoriſchen Wahr⸗ heit am weiteſten entfernt. Dagegen konnte der Bearbeiter, der noch zu ſehr an der hiſtoriſchen Wahrheit klebte, die Tendenz am wenigſten erreichen. Das iſt der Verfaſſer des dritten Berichts: hier nimmt nämlich Paulus die Offen⸗ barung, die ihm beſtimmt iſt, ſelbſt in Empfang. Wo bleibt da die Oberleitung durch die bereits beſtehende Gemeinde? Er ſteht ſicher nicht ohne Grund an der letzten Stelle. Die Berichte ſind genau geordnet nach ihrem Werte für die Tendenz. Mit einem Aufatmen verlaſſen wir die gewundenen Wege der Apoſtelgeſchichte und wenden uns der Darſtellung des Mannes zu, der ſeine Sache einfach auf die Wahrheit geſtellt hat. Gleich in den erſten Worten des Galaterbriefes wendet er ſich ſcharf gegen die Behauptung, daß er abhängig ſei von der Gemeinde zu Jeruſalem:„Paulus, Apoſtel, nicht von Menſchen her, noch durch einen Menſchen, ſondern durch Jeſus Chriſtus und Gott den Vater“, und er erläutert kurz darauf die Attribute, die er in Anſpruch nimmt:„Habe doch auch ich das Evangelium, das ich verkündet habe, nicht von einem Menſchen empfangen noch durch Unterricht gelernt, ſondern durch eine Offenbarung Jeſu Chriſti.“ Wo iſt ihm dieſe Offenbarung zuteil geworden? Der Ort kann gering ſcheinen, aber er iſt es nicht; denn in ihm liegt die Löſung der Frage nach dem Urſprung der Heiden⸗ miſſion des Paulus, alſo die Antwort auf die Frage, von der wir ausgegangen ſind, und um die ſich hier alles dreht. — 13— Eine direkte Antwort gibt Paulus nicht, wohl aber mit hinlänglicher Deutlichkeit eine indirekte. Mit anderen Worten: der Ort der Offenbarung kann aus ſeinen Worten erſchloſſen werden. Ich rate aber jedem, ſich die Apoſtelgeſchichte aus dem Kopfe zu ſchlagen und ſich einzig und allein an die Worte des Paulus zu halten. Zunächſt gedenkt der Apoſtel ſeines einſtmaligen Wandels im Judentum, wie er die Gemeinde Gottes ganz beſonders verfolgt und verſtört und es im Judentum vielen Kameraden ſeines Stammes zuvorgetan habe. Wo war das? Er ſagt es nicht. Er kennzeichnet nur den religiöſen Zuſtand, in dem er ſich damals befand, nicht den Ort, an dem er ſich aufhielt. Ey 1ᷣ ovòHονι⁶ iſt nicht etwa 3y Jeoouα⸗,νò Nennen wir den Ort x. Der Apoſtel fährt fort: Als es aber Gott gefiel,„ſeinen Sohn an mir zu offenbaren, auf daß ich ihn unter den Heiden verkünde, da wandte ich mich ſofort nicht auch noch an Fleiſch und Blut, ging auch nicht hinauf nach Jeruſalem zu denen, die vor mir Apoſtel waren, ſondern ich ging nach Arabien und kehrte dann wieder zurück nach Damaskus.“ Da Paulus keiner Ortsveränderung gedenkt, ſo iſt es am natürlichſten anzunehmen, daß der Ort der Verfolgung und der Ort der Berufung identiſch ſind. So ſcheint es, daß wir nicht weiter gekommen ſind, denn beide Orte heißen x. Aber von dieſem Orte x unternimmt Paulus eine Reiſe nach Arabien und kehrt dann zurück nach dem Orte x. Und dies⸗ mal nennt er ihn: es iſt Damaskus. Was haben wir denn nun erreicht? Macht es wirklich einen ſo großen Unterſchied aus, ob Paulus ſeine Offenbarung in Damaskus empfing oder ein paar Kilometer davon, vor den Toren von Damaskus? Aber ſo iſt die Frage falſch geſtellt. Es muß heißen: macht es wirklich einen ſo großen Unterſchied, ob Paulus ſeine Jugendjahre in Jeruſalem oder in Damaskus verlebt hat? Und auf dieſe Frage antworte ich: jawohl, einen ganz gewaltigen. Eben, weil Paulus in der großen heidniſchen Stadt Damaskus aufgewachſen iſt und nicht in dem jüdiſchen Jeruſalem zu den Füßen eines Gamaliel: eben darum iſt er Heiden- und nicht Judenapoſtel geworden. Eben darum war in die Offenbarung, die er empfing, ſofort, vom erſten Augen⸗ blick an, ſeine Beſtimmung zum Heidenmiſſionar eingeſchloſſen. Aber, wird man vielleicht einwenden, deine Beweisführung enthält doch eine Schwäche. Wohl ſagt Paulus nichts von — 14— einem Ortswechſel, nichts von einer Reiſe dazwiſchen, aber könnte nicht trotzdem der Ort der Verfolgung ein anderer ſein als der Ort der Offenbarung? Du bedienſt dich des argumentum e silentio und müßteſt doch rechtſchaffen Galaterbrief und Apoſtelgeſchichte kombinieren. Ich werde mich ſchwer hüten, dieſe Unglücksſtraße zu wandern. Als ob es ſich um zwei gleichwertige Berichte handelte! Ich müßte eine ſolche Zumutung wirklich als kritiſche Naivität zurückweiſen. Wer aus einem reinen Quell ſchöpft und es nicht laſſen kann, ſeine Schüſſel hinterher noch mit unreinem Waſſer aufzufüllen: was erhält der? Lauter unreines Waſſer! Denn das unreine geht nicht unter im reinen, aber das reine geht unter im unreinen. Ich weiß aber ſchon, worauf du hinauswillſt, ich kenne deine Schmerzen. Jeruſalem, das heilige, in Wahrheit ſo unheilige Jeruſalem, kommt dir nicht aus dem Sinn. Aber der Mär, daß Jeruſalem der Jugendaufenthalt des Paulus geweſen ſei, läßt ſich zum Glück endgültig und unwiderruflich der Hals umdrehen. Aus den folgenden Worten des Apoſtels ergibt ſich nämlich unzweideutig, daß ihm ſogar noch volle ſiebzehn Jahre nach ſeiner Berufung die chriſtlichen Gemeinden in Judäa, zu denen in erſter Linie die in Jeruſalem gehört, völlig unbekannt geweſen ſind. Sie kannten ihn nicht, und er kannte ſie nicht. Zum erſten Male in ſeinem Leben hat er Jeruſalem überhaupt drei Jahre nach ſeiner Berufung geſehen: da reiſt er nach Jeruſalem, eben, weil ihm hier niemand bekannt iſt, und er wenigſtens die Bekanntſchaft des Petrus machen möchte. Er lernt ihn kennen und ſieht außerdem noch Jakobus, den Bruder des Herrn. Die chriſtliche Gemeinde in Jeruſalem lernt er auch jetzt noch nicht kennen. Das geſchieht erſt vierzehn Jahre ſpäter. Der in der Apoſtelgeſchichte berichtete Jugendaufenthalt des Paulus in Jeruſalem iſt alſo unzweifel⸗ haft apokryph, er iſt untergeſchoben. Sollte man nicht meinen, daß die klaren Worte des Apoſtels längſt mit Sicherheit hätten auf die richtige Spur leiten müſſen? Warum haben ſie es denn nicht getan? Weil er hinterher eine Bemerkung bringt, die zwar an und für ſich wenig beſagt und ſchwerlich jemals irgend jemand irregeführt hätte, die aber, unwillkürlich kombiniert mit dem Bericht der Apoſtelgeſchichte, ſehr wohl geeignet iſt, auch ſtand⸗ hafte Leſer auf den Holzweg zu locken. Der Apoſtel fährt nämlich fort:„Nur durch Hörenſagen wurden ſie(die chriſtlichen Gemeinden in Judäa) inne: unſer — 15— einſtiger Verfolger, der verkündet nun den Glauben, den er einſt verſtört.“ Das„unſer“ ſchien doch wieder, im Wider⸗ ſpruch zum Vorhergehenden, auf eine Verfolgung der jeruſa⸗ lemiſchen Gemeinde hinzuweiſen. Als ob wir nicht wüßten, daß die chriſtlichen Gemeinden ſich als eine einzige große Gemeinſchaft gefühlt haben, ſo daß eine Verfolgung dort auch als eine Verfolgung hier empfunden werden mußte! In Wahrheit hat Paulus die chriſtliche Gemeinde in Damaskus verfolgt und verſtört. Dabei bin ich weit entfernt, an den blutrünſtigen Bericht zu glauben, den die Apoſtelgeſchichte von der Art ſeiner Verfolgung entwirft. Ich glaube nicht, daß er einem einzigen Chriſten vom Leben zum Tode verholfen hat. Selbſt wenn er es gewollt hätte: ſo lagen die Verhältniſſe nicht. Die heidniſchen Obrigkeiten jener Zeit hielten ſtraffes Regiment und ließen ſich durchaus nichts bieten. Zudem hat ſich Paulus, der ſich ſelbſt ein ſtrenger Richter war, zwar unumwunden harter Verfolgung, aber niemals des Mordes angeklagt. Philipper 3,6 ſagt er von ſich:„Nach dem Geſetz ein Phariſäer, ein eifriger Verfolger der Gemeinde, ohne Tadel in der Geſetzesgerechtigkeit.“ 1 Korinther 15, 8— 9:„Zuletzt unter allen erſchien er (Chriſtus) mir, der ich ja eine Fehlgeburt bin. Denn ich bin der geringſte unter den Apoſteln, unwert des Apoſtelnamens, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“ Und wie hätte er I. Theſſaloniker 2, 14—15 ſchreiben dürfen:„Seid ihr doch, meine Brüder, in die Nachfolge der Chriſtengemeinden Gottes in Judäa eingetreten, indem ihr von euren Lands⸗ leuten dasſelbe habt leiden müſſen wie jene von den Juden, die den Herrn Jeſus und die Propheten getötet und uns verfolgt haben“— wenn er ſelbſt ſeine Hände mit Blut befleckt hätte? Es bleibt alſo dabei: nicht in Jeruſalem, ſondern in Damaskus hat Paulus ſeine Jugend verbracht. Hier hat er geirrt, hier hat er ſeine Offenbarung empfangen. Von hier ging er zu kurzem Aufenthalt in die von Oſten und Süden her bis in die Nähe von Damaskus vordringende arabiſche Wüſte, um die mächtigen Eindrücke innerlich zu verarbeiten und ſich zu ſammeln. Nach ſeiner Rückkehr hat er den Heiden gepredigt. Aus ſeinem Leben und Verkehr in der heidniſchen Stadt muß Paulus die Einſicht gewonnen haben, daß die Heiden für die Aufnahme ſeines Evangeliums innerlich viel beſſer vorbereitet waren als die Juden. Mehr als das: er muß geradezu der Ueberzeugung geweſen ſein, daß der Maſſe — 16— des jüdiſchen Volkes die Empfänglichkeit für das Evangelium abgehe. Und hatte er nicht ein großes, warnendes Beiſpiel vor Augen? Was hatte denn Jeſus Chriſtus in eigner Perſon bei den Juden erreicht? Paulus hat ſich warnen laſſen, den Theſſalonikern ſchreibt er:„Ihr habt ebenſo gelitten von euren Volksgenoſſen wie die Chriſtengemeinden in Judäa von den Juden, die den Herrn Jeſus töteten ebenſo wie die Propheten und auch uns verfolgt haben, die Gott nicht gefallen und allen Menſchen zuwider ſind, da ſie uns ver⸗ hindern wollen, zu den Heiden zu reden, daß ſie gerettet werden.“ Wo ſich Frucht entwickeln ſoll, muß Fruchtbarkeit vor⸗ handen ſein. Eben die vermißte Paulus bei ſeinen Stammes⸗ genoſſen. Woher aber kam ſie bei ihm ſelbſt? Am Ende doch aus eingeborenem, jüdiſchem Geiſte oder aus ererbter, jüdiſcher Tradition? Das glaube ich nimmermehr. Nationale Anlage oder nationale Ueberlieferung kann ja eben nicht in Frage kommen, weil die Nation verſagte, und Paulus die beſtimmte Empfindung hatte, daß es nicht anders ſein könne. Wie kann eine Lehre aus jüdiſchem Geiſte geboren ſein, die von der jüdiſchen Nation fremd und kalt abgelehnt, ja leiden⸗ ſchaftlich bekämpft wird? Glaubt jemand, daß eine Mutter ihr Kind nicht erkenne? Ja, ſie erkennt es und ſchließt es herzlich in ihre Arme. Auch Paulus hatte bekämpft und verfolgt, aber er hatte dem Bekämpfen und Verfolgen entſagt und war zur freudigen Anerkennung übergegangen. Unter welchem Einfluß? Es gibt nur eine Antwort: unter dem Einfluß heidniſcher Ideen. Nun erſt haben wir die tiefere Begründung dafür, warum in die Offenbarung, die er empfing, vom erſten Augenblick an die Berufung zum Heidenmiſſionar eingeſchloſſen war. Man rede nicht ſo geringſchätzig von den Heiden. Sie, die Babylonier, Aſſyrer, Perſer, Aegypter, Griechen und Römer, ſind die Kulturvölker der alten Welt. Wo aber gibt es eine große Kultur ohne große religiöſe Ideen? Nirgends. Religiöſe dehi heidniſchen Urſprungs haben auf Paulus in Damaskus gewirkt. Weinel urteilt:„In Paulus kreuzen ſich die Einflüſſe aus allen antiken Religionen, ſoweit ſie in Myſterien und helleniſtiſcher Religionsphiloſophie neu geſtaltet waren, mit dem eigenartigen religiöſen Leben Israels.“ ¹)—„Die Miſſion des Chriſtentums iſt nur eine Welle in dem großen ¹13)„Paulus“, S. 8. — 127— Strome orientaliſcher Religionen, der ſich damals über das römiſche Reich ergoß.“ ¹4)—„Paulus war ein geſchickter Sämann. Er war tief eingetaucht auch in die Miſchreligionen ſeiner Zeit mit ihren Weihen und Sakramenten.“ ¹⁵) W. Wrede⸗Breslau wirft die Frage auf:„Wie entſtand die Pauliniſche Anſchauung von Chriſtus?“ ¹⁶) Und er antwortet: Aus dem Eindruck der Perſönlichkeit Jeſu iſt dies Chriſtusbild nicht entſtanden, auch nicht durch Idealiſierung und Verklärung Jeſu. Ueberhaupt kann man nicht für möglich halten, daß Paulus ſelber Jeſus zum himmliſchen Gottesſohn erhoben hätte. Die Chriſtuslehre des Paulus iſt nicht ſein Geiſteserzeugnis, iſt kein Werk ſeiner Phantaſie. Es bleibt nur eine einzige Erklärung: Paulus glaubte bereits an ein ſolches Himmelsweſen, an einen göttlichen, vorweltlichen Chriſtus, ehe er an Jeſus glaubte. Ganz gewiß. Wäre es anders geweſen, ſo hätte Paulus nie ſeine Offenbarung gehabt. Wenn aber Wrede nun fort⸗ fährt:„Hat Paulus nun ſchon vor ſeiner Bekehrung von dieſem göttlichen Chriſtus gewußt, ſo muß es im Judentum Kreiſe gegeben haben, die denſelben Glauben hatten“— ſo frage ich: im Judentum? Wie in aller Welt wäre da in ſeine Offenbarung die Berufung zum Heidenapoſtel hineingekommen? Wenn die Löſung eines Rätſels wieder ein Rätſel iſt, ſo kann ſie als keine Löſung gelten. Kennen wirklich jüdiſche Apoka⸗ lypſen einen Meſſias, ¹) der vor ſeinem Erſcheinen bereits im Himmel lebt und erhabener iſt als ſelbſt die Engel: ſo dürften ſie bei dem Heidentum eine kleine Anleihe gemacht haben. Paulus lehrte, ſeinen wohl nur kurzen Aufenthalt in Arabien eingerechnet, drei Jahre in Damaskus. Es iſt, ſoviel wir wiſſen, die Stadt, in der er am längſten als Miſſionar geweilt hat. Kein Wunder, es war ſeine Heimat, und nur unfreiwillig hat er das Feld geräumt, zur Flucht genötigt durch den Ethnarchen des nabatäiſchen Königs Aretas IV. Die Apoſtelgeſchichte allerdings berichtet, Paulus ſei vor den Nachſtellungen der Juden geflohen. Man hat den Unterſchied gering gefunden und die beiden Berichte wohl gar unbedenklich vereinigt: Die Juden hätten eben den Ethnarchen gegen Paulus aufgehetzt. Beide Berichte entſprächen im Grunde den tatſächlichen Verhältniſſen. ¹4) S. 123. 15) S. 128. ¹6) Religionsgeſchichtliche Volksbücher. Paulus, Halle 1905, S. 84. 1m) S. 87. — 18— So einfach liegt aber die Sache nicht. Die Apoſtel— geſchichte hat, wie wir ſchon ſahen, die Tendenz, nachzuweiſen, daß Paulus von Gott ſelbſt der Leitung der bereits beſtehenden Gemeinde unterſtellt und erſt von ihr auf die Bahn der Heidenmiſſion gebracht worden ſei. Unmöglich darf er alſo Heidenmiſſion treiben, bevor Petrus Heiden bekehrt hat— ſei es auch bloß den Hauptmann Cornelius zu Caeſarea mit ſeinem Hauſe. Paulus darf in Damaskus lediglich den Juden predigen— ein ſynagogales Ereignis, an dem eben auch bloß wieder die Juden Anſtoß nehmen können. Der Bericht der Apoſtelgeſchichte iſt mithin im Rahmen der Tendenz völlig konſequent. Dagegen hat der des Paulus den Vorzug, hiſtoriſch wahr zu ſein. Mit Verwunderung lieſt man zunächſt die Beteuerung des Apoſtels: Nach Empfang der Offenbarung„wandte ich mich ſofort nicht auch noch an Fleiſch und Blut, ging auch nicht hinauf nach Jeruſalem zu denen, die vor mir Apoſtel waren, ſondern ich ging nach Arabien.“ Wie? Paulus iſt nicht nach Jeruſalem geeilt, zu den Urapoſteln, um ſich all und jedes Wort, das Jeſus Chriſtus geſprochen, von ihnen wiederſagen zu laſſen und die Worte leidenſchaftlich von ihren Lippen zu nehmen? Er hat nicht darauf gebrannt, all und jedes über den Herrn, was noch zu erreichen war, in Erfahrung zu bringen? An der Tatſache iſt nicht zu zweifeln, das ſteht feſt. Und warum hat er ſich ſo kühl verhalten? Wirklich bloß deshalb, weil er ſeine völlige Selbſtändigkeit gegen Jeruſalem behaupten, weil er auch den Schein einer Beſtätigung ſeines Apoſtolats durch die Urapoſtel vermeiden wollte? Alſo aus ſelbſtherrlichen Beweggründen? In Wahrheit konnte ihm, ſo merkwürdig es zunächſt klingt, ein Beſuch in Jeruſalem nichts einbringen als höchſtens eine große Enttäuſchung. Denn was war aus dem Chriſten⸗ tum unter den ſchwachen Händen der Urapoſtel geworden? „Eine kleine, jüdiſche Sekte, die den Meſſias gekommen glaubte, eine mildere Auffaſſung des Geſetzes hatte, ſeine ſittlichen Gedanken in den Vordergrund rückte und es prophetiſch auslegte.“ ¹s) Paulus hat offenbar von vornherein die Empfindung gehabt, daß ihn eine Welt von Gedanken von Petrus und den Uragpoſteln ſchied: eben der Inhalt ſeiner Offenbarung, die er ſich von niemand nehmen laſſen konnte, und die ihm doch ganz andere Ziele wies, als man in ¹18) Weinel, Paulus S. 122 19— Jeruſalem hatte, und ganz andere Wege, als man in Jeru⸗ ſalem wandelte. Gewiß hatte man in Jeruſalem die Worte des Herrn, aber ſie müſſen auch ſchon in den übrigen chriſt⸗ lichen Gemeinden zu finden geweſen ſein. Wie hätten ſie ihrer entbehren können? Und kam es nicht auch dabei auf die Auffaſſung an? Die Apoſtelgeſchichte hat ihre Haupt⸗ aufgabe darin erblickt, dieſe Gegenſätze zu verſchleiern und Paulus den Urapoſteln, die Urapoſtel aber Paulus näher zu rücken, um ſo gegen den Sieger die Sache der Beſiegten zu retten, ſoweit es überhaupt möglich war. Wenn Paulus von Damaskus ſchließlich doch nach Jeruſalem ging, ſo hat ihn ſicher keine Hoffnung auf grund⸗ ſätzliche Verſtändigung zu dieſem Schritte veranlaßt. Er ſelbſt hat ſich kurz und knapp nur dahin geäußert, daß er Kephas habe kennen lernen wollen. Zu welchem Zwecke? Nur Zweckmäßigkeitsgründe können ihn nach Lage der Sache her⸗ geführt haben. Paulus hatte ſoeben ſeinen Wirkungskreis verloren und ſtand im Begriff, ſich einen neuen zu ſuchen. Ich nehme an, daß er nach dem Grundſatze: ſchiedlich— friedlich ſich mit Petrus über das neue Miſſionsfeld verſtändigt hat, das er aufſuchen wollte. Und welches könnte das geweſen ſein? Paulus ſagt nur:„Nachher kam ich in die Gegenden von Syrien und Kilikien.“ Die Stelle iſt mir ſeit Jahren aufgefallen. Soll recra heißen: geradeswegs von Jeruſalem, unmittelbar von meinem Beſuche bei Kephas— ſo verſtehe ich die Stelle nicht. Man ſtelle ſich vor: Paulus kommt aus Damaskus in Syrien, hält ſich beſuchsweiſe zwei Wochen in Jeruſalem auf und berichtet dann, er ſei in die Gegenden von Syrien und Kilikien gekommen. Jedermann wird antworten: Aber aus Syrien kommſt du ja her! Dazu kommt eine andere Wahrnehmung. Solange Paulus in Damaskus ſaß, hat er mit den Urapoſteln keine Fühlung genommen, und dieſe wiederum haben unſeres Wiſſens ihn nicht beachtet. Man war einander fremd und blieb es. Das war ſeit dem Beſuche in Jeruſalem anders geworden, nicht zum Glücke für Paulus. Wir dürfen annehmen, daß man ihn ſeitdem in Jeruſalem im Auge behielt. Und doch ſoll Paulus volle vierzehn Jahre in Syrien und Kilikien Heiden, Unbeſchnittene bekehrt haben, ohne daß es zum Zuſammenſtoße gekommen wäre, ohne daß die Quertreibereien der Geſetzesfreunde eingeſetzt und die unerträglichen Verhältniſſe — 29— geſchaffen hätten, die den Apoſtel vor die Frage ſtellten: Ab⸗ bruch oder friedliche Auseinanderſetzung? Das halte ich für unmöglich, die Sache muß ſich anders verhalten. Es kommt noch ein Drittes hinzu. Wodurch überzeugt Paulus die Urapoſtel davon, daß er nicht vergeblich laufe noch gelaufen ſei? Durch ſeine Erfolge!„Da ſie ſahen, daß ich betraut ſei mit dem Evangelium für die Unbeſchnittenen... und da ſie die Gnade erkannt, die mir verliehen worden... gaben ſie mir und Barnabas die Hand der Gemeinſchaft darauf: wir für die Heiden, ſie für die Beſchnittenen.“ ¹⁰) Und dieſe Erfolge, wo ſind ſie? Aus dem Galaterbriefe können wir keine ſichere Antwort geben. Hören wir einmal die Apoſtelgeſchichte, immer mit dem Bewußtſein, daß ihr nicht zu trauen iſt. Nach ihr fällt in dieſe vierzehn Jahre die ſogenannte erſte Miſſionsreiſe. In Paphos auf Cypern wird der Pro⸗ konſul Sergius Paulus gläubig, aus Antiochia in Piſidien werden Paulus und Barnabas vertrieben, ebenſo aus Ikonium, in Lyſtra wird Paulus geſteinigt, in Derbe gewinnen ſie zahlreiche Jünger. Mögen nun auch in allen dieſen Städten Jünger gewonnen worden ſein: ſind das reine, unbeſtrittene, überzeugende Erfolge? Und wo iſt irgend eine Probe für Ausdauer und Bewährung? Die Erfolge dieſer Reiſe konnten ſchwerlich den Beweis erbringen, den Paulus bei ſeinem zweiten Beſuche in Jeruſalem erbracht hat. Hiernach ſage ich: Paulus iſt nicht von Jeruſalem nach Syrien und Kilikien gegangen, ſondern erſt gegen Ende der vierzehn Jahre nach Syrien und Kilikien gekommen. Es handelt ſich um kein Hin von Jeruſalem her, ſondern bereits wieder um ein Her nach Jeruſalem hin. Da erſt, bei erneuter Berührung mit Jeruſalem, kam es zum Zuſammenſtoß. Senſtius ²⁰) vertritt die Meinung, daß Paulus bereits im Jahre 39 die Gemeinden zu Philippi und Theſſalonich begründet habe. Er dürfte recht haben. — ¹19) Zu einer Beilegung der großen Gegenſätze kam es nicht, ſie iſt auch von keiner Seite beabſichtigt worden. Nur ein friedliches Neben⸗ einander, kein In⸗ und Miteinander ſucht Paulus und erreicht es. 2⁰) Paul Hene 156 Abfaſſung der Theſſalonicherbriefe, Velbert im Rheinland 1908,