Brogramm— der nollberechtinken hüheren Bürk (Realſchule I. Ordnung ohne Prima) zu Marburg, mit welchem zu der öffentlichen Prüfung am 8. April 1879 im Uamen des Lehrer-Collegiums— ergebenſt einladet ſe 2 1* 5 Dr. Chr. Hempfing, ⁸N Rector. V 2 8 Inhalt: 1. Die wichtigſten Thatſachen der Kirchengeſchichte(Penſum der Tertia bzw. Secunda II. Theil) von dem Religionslehrer Pfarrer Wolff./ Keln Dowren 2. Schulnachrichten vom Rector. Marburg. Univerſitäts⸗Buchdruckerei(R. Friedrich). 1879. Progr. No. 352. Siebter Abſchnitt. Die Schickſale der morgenländiſchen Kirche bis zur neuern Zeit. §. 21. Die Zerrüttung der orientaliſchen Kirche durch den Streit über die Naturen Chriſti, durch den Islam und durch den Bilderſtreit(428. 713—842). 1) Nachdem der arianiſche Streit unter tiefen Erſchütterungen des kirchlichen Lebens endlich geſchlichtet war(Vgl.§. 15), kam doch die morgenländiſche Kirche in keiner Weiſe zur Ruhe. Vor allem wurde ſie durch theologiſche Streitigkeiten über die zwei Naturen Chriſti tief zerrüttet. Der Grund, weßhalb dieſe theologiſchen Fragen eine ſo große Bedeutung betamen, lag theils in dem Umſtand, daß durch den herrſchenden Cäſarismus ſchon längſt alles bürgerliche(politiſche) Leben erdrückt und die ganze Aufmerkſautkeit des Volkes auf kirchliche Fragen beſchränkt war, theils in der geiſtigen Eigentümlichkeit der Griechen, welche überſehen ließ, daß die Hauptſache im Chriſten⸗ thum das praktiſche Verhalten des Menſchen gegen Gott und den Nächſten iſt, und dagegen ein übertriebenes Gewicht auf die Erkenntniß der chriſtlichen Lehre und auf deren folgerichtige Weiter⸗ bildung legte. Die unvermeidliche, aber häufig verkehrte Partheinahme des Hofes und der rohe Fanatismus der Mönche machte dann die Dinge nur noch ſchlimmer. a) Der neſtorianiſche Streit(428— 433). Im Gegenſatz gegen Neſtorius von Konſtantinopel, welcher die beiden Naturen Chriſti ſorgfältig auseinander hielt(428) und die Verehrung Marias als Gottesmutter für ein neues Heidenthum erklärte(Vgl.§. 18, 5), wurde auf der allgemeinen Synode zu Epheſus 431 die vollkommene Ver⸗ einigung der beiden Naturen feſtgeſetzt und der Ausdruck Gottesmutter beſtätigt. b) Der eutychianiſche Streit(448 451). Im Gegenſatz gegen den Archimandriten Eutyches zu Kon⸗ ſtantinopel, welcher die Vereinigung des Menſchlichen und Göttlichen in Chriſto zu einer Natur behauptete, wurde nach den Anträgen des Papſtes Leos des Gr.(Epistola Leonis ad Flavianum) und durch Mithülfe der Kaiſerin Pulcheria auf der allgemeinen Synode zu Chalcoden 451 gelehrt: Chriſtus iſt Eine Perſon in zwei Naturen, unvermiſchbar, unzertrennlich. c) Der monophyſitiſche Streit(451— 565). Im Gegenſatz gegen die Anhänger der Einen Natur in Chriſto, die Monophyſiten, welche die Lehre von Chalcedon bekämpften, wurde die Einheit der Perſon Chriſti in zwei Naturen unter wechſelnden Siegen und Niederlagen ſchließlich von der Kirche nach den Beſchlüſſen von Chalcedon feſtgehalten. Doch trennten ſich die Anhänger der Einen Natur im Orient von der Kirche, die Kopten in Aegypten, die Jacobiten in Syrien, die Armenier in Kleinaſien. d) Der monotheletiſche Streit(622— 713). Im Gegeuſatz gegen die Lehre, daß trotz zweier Naturen nur Ein Wille in Chriſto ſei, durch welche ſeit 622 Kaiſer Heraklius die Monophyſiten zu gewinnen ſuchte, wurde auf der allgemeinen Synode zu Konſtantinopel 680 beſtimmt, daß zwei Naturen und zwei Willen in der Einen Perſon enthalten ſeien, und wurde zugleich der Papſt Honorius verdammt, welcher im Jahre 638 die Lehre der Anhänger des Einen Willens(Monotheleten) gebilligt hatle. Seit 713 verſchwanden die Monotheleten bis auf die Maroniten am Libanon aus der Geſchichte. 2) Entſetzlich waren die Folgen dieſer Streitigkeiten für die orientaliſche Kirche. Das eigentlich chriſtliche Leben in Glauben und Liebe lag danieder; Haß und Verfolguugsſucht ent⸗ zweite die Familien, die Gemeinden, die Provinzen, die ganze Kirche. Zugleich machte die innere Zerrüttung, in welche das ganze römiſche Reich durch dieſe leidenſchaftlichen, von Volksaufſtänden und Blutvergießen begleiteten Streitigkeiten gerieth, daſſelbe unfähig, dem ſeit 630 hereinbrechenden Sturmangriff der Muhamedaner feſten Widerſtand zu leiſten. Beſonders Aegypten wurde durch die Verwerfung der Monophyſiten dem Reiche entfremdet und machte dem Islam die Eroberung leicht. Ein großer Theil des Volkes war auch durch die theologiſchen Kämpfe ſo ſehr abgehetzt und ermüdet, daß er die einfache, dem natürlichen Menſchen zuſagende Religion Muhameds dem Chriſtenthum vorzog und zu derſelben übertrat, ſobald er unter arabiſcher Herrſchaft ſtand. 1 2 3) Ueberraſchend ſchnell breitete ſich überhaupt die nene Weltmacht des Islam aus. Muhamed, geboren zu Mekka aus dem angeſehenen Stamm der Koreiſchiten 569, war als Kaufmann durch ſeine Reiſen mit Chriſten und Juden ſowie mit der heiligen Schrift bekannt geworden Der Glaube an den Einen wahren Gott hatte ihn aus dem Alten Teſtament ergriffen; Abraham und Ismael waren ihm ſchon aus der Tradition ſeines Volkes theuer geweſen; Jeſus erſchien ihm als ein großer Prophet, den man ehren müſſe. Dagegen an der chriſtlichen Lehre von Chriſti Gottheit und von der Dreieinigkeit und noch mehr an der faſt heidniſchen Verehrung der Bilder nahm er Anſtoß. Mächtig erfaßte ihn der Wunſch, eine vollkommnere Neligion als Heiden⸗ Juden⸗ und Chriſtenthum zu ſtiften und, wie es Einen Gott im Himmel gebe, ſo auch Ein Reich auf Erden zu gründen. Beſonders ſeinen arabiſchen Landsleuten glaubte er die Wohlthat des Einen Glaubens ſchuldig zu ſein, da ſie durch mannigfaltigen Götzendienſt und Stammeshaß von einander getrennt waren. Seit 611 verkündigte er in Mekka den Einen Gott und ſich als deſſen Propheten. Er behauptete, vom Engel Gabriel ſeine Lehre empfangen zu haben. Ohne eine Ahnung von der Sünde und Erlöſungsbedürftigkeit des Menſchen lehrte er, man ſolle ſich Gottes Huld durch fünfmaliges tägliches Gebet, durch Mildthätigkeit, durch Nüchternheit, durch Faſten und Wallfahrten und durch den Kampf für den Islam erwerben; der Gläubige dürfe vier Frauen haben, müſſe aber den Wein und Glücksſpiele vermeiden. Wegen ſeines Geſchickes brauche er ſich keine Sorgen zu machen; es ſei alles von Gott vorher⸗ beſtimmt. In der zukünftigen Welt erwarte den Ungläubigen je nach dem Grade ſeiner Gottloſigkeit eine harte Strafe, den Frommen je nach der Größe ſeiner Verdienſte eine ſinnliche Belohnung und Glückſeligkeit; den ſieben Höllen ſtünden ſieben Himmel gegenüber.— Wegen dieſer Lehren wurde Mohamed 622(Hegirah, Hedſchra, Flucht) von Mekka ver⸗ trieben, aber in Medinah mit Freuden aufgenommen. Er verſtand es, ſeine Anhänger mit wilder Begeiſterung zu erfüllen; die arabiſchen Stämme fielen ihm durch Gewalt und Güte zu. Schon 630 unterwarf ſich auch Mekka und als Kalif von Arabien ſtarb Muhamed 632.— Im Koran wurden ſeine Lehren zuſammengeſtellt; in der Sunna wurden weitere Traditionen hinzugefügt. Die Araber glaubten ſich zur Ausbreitung ihres Glaubens mit Feuer und Schwert berufen; ſie eroberten 632— 35 Syrien, 637 Jeruſalem, 648 Antiochien; den Chriſten Paläſtinas wurde durch Vertrag ihre Religionsübung und der Beſitz der Kirchen gegen ein Schutzgeld geſtattet; nur Kreuze und Glocken wurden entfernt; 639 wurde Aegypien erobert, 649 Cypern, 651 Perſien, 654 Rhoodus, 698 Carthago und ganz Nordafrika; faſt überall traten die Einwohner zum Islam über, um den Bedrückungen der neuen Herrſcher zu entgehen. Der orientaliſchen Kirche aber wurden Millionen von Seelen entriſſen und die Patriarchate von Alexandrien und Antiochien verloren ihre ganze Bedeutung. R 4) Da ſich der Widerwille der Muhamedaner bei ihren Kampfen mit Oſtrom vorzugsweiſe gegen die Bilder richtete, welche in der griechiſchen Kirche als wunderthätig verehrt und angebetet wurden ſo konnte es nicht fehlen, daß auch in chriſtlichen Kreiſen die altchriſtliche Erinnerung wach wurde, daß der Bilderdienſt dem Geiſt Chriſti zuwider und ein neues Heidenthum ſei. Allein das Volk, die Mönche und die Geiſtlichen, unterſtutzt durch die Zuſtimmung des römiſchen Stuhls, ließen nicht von ihrem ſchriftwidrigen Abergiauven. Als daher Leo III., der Iſaurier, durch Beamte und Soldaten die Bilder als götzendieneriſch wegnehmen(726) und ſogar(728) zerſtören ließ, klammerte ſich das Volk nur noch feſter an den abgeſchmackten Bilderdienſt. Koanſtantin Kopronymus, der(754) die Bilder durch eine Synode verwerfen ließ, fand hiergegen blutigen Widerſtand, der ſich auch unter ſeinen Nachfolgern fortſetzte. Kaiſerin Irene, eine eifrige Freundin der Bilder, ließ endlich auf der allgemeinen Synode zu Nicäa 786 die Verehrung, nicht Anbetung, der Bilder beſchließen, und Kaiſerin Theodora konnte(842) den völligen Sieg des Aberglaubens als einen Sieg der Rechtgläubigkeit feiern(Bilderſtreit 726— 842). Die heidniſche Entartung der griechiſchen Kirche war hiermit als chriſtlich und gottgefällig hingeſtellt, die Möglichkeit einer evangeliſchen Erneuerung derſelben aber für die Zukunft ſehr zweifelhaft gemacht. §. 22. Die Trennung der morgenländiſchen Kirche vom Abendland. 1) Während die griechiſche Chriſtenheit in ihrem Innern durch die theologiſchen Streitigkeiten, in ihrer äußern Macht und Ausdehnung durch den Islam ſchwer geſchädigt wurde, hatte ſie zugleich ihre kirchliche Selbſtſtändigkeit gegen die wachſenden Anſprüche der roͤmiſchen Biſchöfe zu vertheidigen. Nur mit Widerſtreben hatte ſich der griechiſch gebildete Orient einſt der römiſchen Staatsgewalt unterworfen; um ſo weniger wollte er nun ein entſcheidendes Uebergewicht des römiſchen Stuhles auf kirchlichem Gebiet anerkennen. Schon ſeit dem zweiten Jahrhundert trat dieſe nationale Eiferſucht deutlich hervor(Vgl.§. 9, 3. 17, 4—8). Man ſtritt über die verſchiedene Feier des Paſſahfeſtes in Kleinaſien und Rom(Vgl.§. 18, 3), indem die Kleinaſiaten es mit den Juden am 14. Niſan hielten(rHονπα σταάνσσν Kreuzigungs⸗Paſſah), die Lateiner am Auferſtehungs⸗ tage, dem Oſtertag(rãονια ⁴αeεαοσιμον, Auferſtehungs⸗Paſſah). Da kein Theil nachgab, blieb eine Verſtimmung zurück. Dazu kam dann die verſchiedene Berechnung und Dauer der Faſtenzeit und das Faſten der Lateiner auf den Sonnabend. Auf dem Concil von Nicäa wurde zwar die 3 Berechnung des Oſterfeſtes und der Faſten im Sinne Roms entſchieden, aber der Streit wegen des Sonnabendfaſtens blieb ungeſchlichtet und der wegen des ungeſäuerten Brodes kam hinzu. 2) Durch die Erbauung von Konſtantinopel oder Neu⸗Rom bekam der eiferſüchtige Gegenſatz neue Nahrung. Der Erzbiſchof oder Patriarch von Neu⸗Rom mußte dem Biſchof von Alt⸗Rom zwar den Vorrang zugeſtehen, aber er that es als kirchlicher Repraſentant der wirklichen Hauptſtadt und des Orients nur ſehr ungern. Niemals erkannte er das Decret Valentinians III.(445) an, wonach der römiſche Biſchof der höchſte Geſetzgeber und Richter in kirchlichen Sachen ſein ſollte. Als in der Folge durch die Ausbreitung des Islam die Patriarchen von Alexandrien und Antiochien ihren Einfluß verloren, ſtieg ſein Selbſtgefühl deſto höher. Schon 587 legte er ſich den Titel: ökumeniſcher Patriarch bei, verwarf mit dem übrigen Orient die im Abendland übliche Abbildung Chriſti als Lamm, behauptete auf dem zweiten Trullaniſchen Concil die Gleichheit der 4 Patriarchen gegen Rom(692) und verdammte den auf der Synode von Toledo 589 gemachten Zuſatz zum Niceno⸗ Konſtantinopolitaniſchen Bekenntniß, wonach der heilige Geiſt vom Vater und vom Sohne(filioque) ausgeht. Auch die kirchliche Oberhoheit über Bulgarien wurde zwiſchen Konſtantinopel und Rom ſtreitig. Hätten nun beide Biſchöfe unter derſelben Staatsgewalt geſtanden, ſo hätte ſich der Sieg der einen oder andern Parthei mit Hülfe der Regierung erreichen laſſen. Da aber die Longobarden, Franken und Deutſchen, welche Italien beherrſchten, Gegner von Oſtrom waren, ſo konnte es nur zur Trennung kommen. Im Jahr 1054 ließ Papſt Leo IX. den Patriarchen durch ſeine Legaten exkommuniciren, der Patriarch Michael aber that ihm daſſebe. 3) Seitdem blieb die Trennung der griechiſchen und lateiniſchen Kirche beſtehen. Papſt Innocenz III. zwar erlebte in Folge der Gründung des lateiniſchen Kaiſerthums in Konſtantinopel auf dem vierten Lateran⸗Concil im J. 1215 den Triumph, daß auch die Patriarchen des Orients ſich ihm unterwarfen; aber das griechiſch⸗katholiſche Volk fügte ſich nicht und die Spaltung dauerte fort. Ebenſo erfolglos war die Unterzeichnung des römiſchen Glaubensbekenntniſſes durch die Geſandten des Kaiſers Michael Paläologus auf dem Concil von Lyon 1274, ſowie ſpäter die Union der griechiſchen und römiſchen Kirche auf dem Concil von Florenz 1439. Man kann die Hauptunterſchiede gegenwärtig folgendermaßen zuſammenfaſſen: a) In der Glaubenslehre behauptet die griechiſche Kirche das Ausgehen des heiligen Geiſtes nur vom Vater, die römiſche vom Vater und vom Sohne(tllioque). b, In der Verfaſſung hält ³) die griechiſche Kirche an der alten Lehre feſt, daß die ſämmtlichen rechtgläubigen Biſchöfe die vom h. Geiſt geleitete Vertretung der Kirche bilden(Episkopalismus); die römiſche dagegen lehrt, daß der Papſt für ſich allein ſchon der unfehlbare Lehrer der Kirche in Sachen des Glaubens und der Sitte iſt, wenn er(ex cathedra Petri) vom Stuhle Petri aus lehrt, und daß die Biſchöfe nur von ihm bevollmächtigt ſind(Papslismus); 9) desgleichen geſteht die griechiſche Kirche dem Papſt als Biſchof von Rom nur einen Ehrenvorrang vor allen andern Patriarchen und Biſchöfen zu; die römiſche dagegen erklärt ihn für den Statthalter Gottes und Stellvertreter Chriſti. c) Im Gottesdienſt behauptet die griechiſche Kirche«) bei der Taufe die Nothwendigkeit des Untertauchens (immersio), während die römiſche die Beſprengung(aspersio) als hinreichend betrachtet; 5§) im Abendmahl übt die griechiſche Kirche die Spendung unter beiderlei Geſtalt an unmündige Kinder und Erwachſene, während die römiſche nur die Hoſtie und zwar den Confirmirten reicht; y) bei der Darſtellung Chriſti erlaubt die griechiſche Kirche nur die Abbildung in Menſchen⸗Geſtalt, während die römiſche auch das Bild des Lammes anwendet;) bei den Faſten verwirft die griechiſche Kirche alle thieriſche Nahrung, während die römiſche Fiſche und thieriſches Fett erlaubt;) endlich beim Bilderdienſt verwirft die griechiſche Kirche alle geſchnitzten, gemeiſelten und gegoſſenen Bilder, während ſie die platt gemalten deſto höher verehrt; die römiſche aber gebraucht beide Arten ohne Uinterſchied. d) In der Disciplin verbietet die griechiſche Kirche die Ehe der Biſchöfe, geſtattet aber die einmalige Ehe der Prieſter und Diakonen(Vgl.§. 18, 6); dagegen die römiſche verbietet die Prieſterehe ſeit Gregor VII. in allen Fällen. e) Beim Kirchenbau richtet ſich die griechiſche K. meiſt nach dem Muſter der Sophienkirche in Konſtantinopel (Andrenskreuz mit Kuppel), während die römiſche größere Mannigfaltigkeit erlaubt. §. 23. Die griechiſche Kirche von 800 bis zur Gegenwart. 1) Während Araber, Seldſchucken und Türken der orientaliſchen Kirche unzählige Gemeinden in Aſien und Afrika entriſſen und die früheren Chriſten in eifrige Muhamedaner verwandelten, ließen dagegen die Türken auf den Inſeln und in Europa das Chriſtenthum und die geſammte kirchliche Verfaſſung nach der Eroberung von Konſtantinopel(1452) beſtehen; nur machten ſie den Patriarchen von Konſtantinopel und die Biſchöfe für die Haltung der Chriſten verantwortlich, erpreßten ungeheure Summen von ihnen und überhäuften ſie mit Schmach und Mißhandlung. Erſt im Jahr 1840 hob die türkiſche Regierung unter dem Druck der europäiſchen Mächte die im 4 Koran befohlene Kopfſteuer der Rajahs(der ſchutzbefohlenen Chriſten) auf, und durch Verordnungen von 1844 und 1855 ſprach ſie den Grundſatz der Religionsfreiheit und der Rechtsgleichheit für alle ihre Unterthanen aus, wenn ſie freilich auch denſelben gegen den Fanatismus der Beamten und des Volks bis jetzt noch nicht durchzuführen willens oder im Stande war. Noch in neueſter Zeit mußten daber die Chriſten blutig leiden. 2) Der Theil der griechiſchen Kirche, welcher die Bevölkerung des 1833 mit Hülfe Europas gegründeten griechiſchen Königreichs umfaßt, wurde 1833 vom Patriarchen in Konſtantinopel los⸗ geriſſen und unter den aus Biſchoͤfen beſtehenden heiligen Rath zu Athen geſtellt, deſſen Beſchlüſſe zu he Geltung vom Konig genehmigt werden müſſen und an deſſen Spitze der Biſchof von Attika ſteht. 3) Die Verluſte, welche die griechiſche Kirche durch den Islam in Aſien und Afrika erlitt, wurden ihr durch die Bekehrung mehrerer Völkerſchaften in Europa ſeit dem 9. Jahrhundert etwas erträglicher gemacht.. a) Zuerſt bekehrte ſich der den Türken verwandte Stamm der Bulgaren in Möſien von 845—865. Eine bulgariſche Fürſtentochter hatte in der Gefangenſchaft zu Konſtantinopel den chriſtlichen Glauben angenommen und ſuchte ihr Volk dafür zu gewinnen. Eine Hungersnoth kam ihr zu Hülfe. Als auf Zureden der Fürſtin und des großen Miſſionars Methodius das Volk den Gott der Chriſten anrief, nahm die Noth ein Ende und die Bulgaren ließen ſich taufen. b) Ungleich wichtiger für die griechiſche Kirche war der Uebertritt des ruſſiſchen Volkes unter Großfürſt Wladimir im Jahr 988. Schon ſeit dem 9. Jahrhundert hatten die Ruſſen das Chriſtenthum kennen gelernt; ihre Großfürſtin Olga hatte ſich im Jahr 955 in Konſtantinopel taufen laſſen und bis an ihr Ende einen chriſtlichen Prieſter gehabt. Doch erſt ihr Enkel Wladimir(980— 1015) nahm den griechiſch-katholiſchen Glauben an. Juden, Muhamedaner, Griechen und Lateiner ſuchten ihn zu bekehren. Von beiden erſtern wollte er nichts wiſſen; es war ihm nur ungewiß, ob er ſich den Lateinern oder den Griechen anſchließen ſollte. Eine Geſandtſchaft, welche zum Zweck der Prüfung nach Rom und Konſtantinopel reiſte, konnte ihm von der Pracht und Feierlichkeit des Gottesdienſtes in der Sophienkirche nicht genug erzählen. So entſchloß er ſich zur Annahme des griechiſchen Glaubens. An dem— ſelben Tage, wo er zu Cherſon getauft wurde, heirathete er die griechiſche Prinzeſſin Anna. Nach ſeiner Rückkehr ließ er zum Schrecken und unter den Thränen des Volks die Götzenbilder zerſchlagen und in den Dnepr werfen, das Volk aber ſchaarenweiſe mit Weib und Kind in den Strom treiben und taufen. Erſt durch die chriſtlichen Prieſter wurde Leſen und Schreiben bei den Nuſſen bekannt; chriſtliche, in ihre Sprache überſetzte Schriften, bildeten den Anfang ihrer Literatur In der Hauptſtadt Kiew wurde ein Metropolit eingeſetzt, der unter dem Patriarchen von Konſtantinopel ſtand, und von dem Höhlenkloſter zu Kiew, der heiligſten Stätte des Reichs, gingen ſeit 1050 die Biſchöfe Rußlands faſt alle aus. Im Gottesdienſt wurde die damals lebende altſlawoniſche Sprache gebraucht, in welche die griechiſchen Gebete, Lieder und Schriftabſchnitte überſetzt wurden. Ebenſo wurde das Mönchsweſen, der Heiligen⸗, Bilder⸗ und Reliquien-Dienſt, das Wallfahrten, die Taufe mit Untertauchen, die Spendung des Abendmahls unter beiderlei Geſtalt, auch an eben getaufte Kinder, einfach herübergenomnten und bis dieſen Tag beibehalten. Den Mittelpunkt des Gottesdienſtes bildet ſeitdem die Meſſe; die Predigt kommt nur in größern Städten vor, die Sprache der Gebete und Schriftlectionen iſt noch immer die altſlavoniſche, obgleich ſie ſelbſt von den Prieſtern(Popen, Vätern) nur ſelten verſtanden wird. Die Theilnahme der Gemeinde iſt auf Knieen, Kreuzſchlagen, Küſſen des Bodens und ſtille Anbetung beſchränkt. Die vorkommenden Geſänge werden von einem Chor vorgetragen. Die Verehrung der Bilder iſt faſt noch abergläubiſcher als in der römiſchen Kirche. Mit Zuſtimmung des Patriarchen von Konſtantinopel wurde 1589 ein beſonderes Patriarchat zu Moskau errichtet. Da daſſelbe jedoch eine Macht beſaß, welche Peter dem Großen bei ſeinen Reformen hinderlich wurde, hob dieſer es im Jahr 1702 wieder auf und erſetzte es durch den heiligen Synod in Petersburg, welcher aus Biſchöfen beſteht und die ruſſiſche Kirche unter Oberhoheit des Kaiſers regiert. Um allen Theilen der griechiſch katholiſchen Chriſtenheit ein Gefühl der Zuſammengehörigkeit zu geben und dieſelben ſowohl gegen Rom als gegen die Lutheraner und Reformirten abzuſchließen, verfaßte Petrus Mogilas, Erzbiſchof von Kiew, 1642 ein rechtgläubiges Bekenntniß des Glaubens der katholiſchen und apoſtoliſchen morgenländiſchen Kirche, welches von ſämmtlichen Patriarchaten beſtätigt wurde. Trotz alledem fehlt es in der ruſſiſchen Kirche nicht an Sekten. Eine Parthei von Altgläubigen nennt ſich ſelbſt Staroverzen; von der Kirche werden ſie Noskolniken, d. h. Abtrünnige genannt; die Duchoborzen wollen eine ſittlich ſtrenge, von Cärimonien befreite Kirche des Geiſtes. Andere ſind auf bedenkliche Abwege, wie Entmannung, Verbrennung oder Ermordung ihrer Mitglieder gerathen. Auch gibt es in Rußland gegenwärtig viele Gottesleugner(Nihiliſten) Glücklich begonnene Verſuche der evangeliſchen Bibelgeſellſchaften, dem ruſſiſchen Volke das Wort Gottes in ſeiner Sprache zu bringen(1813— 26), wurden durch Kaiſer Nikolaus 1826 unterbrochen und konnten bis jetzt nur theilweiſe erneuert werden. Dagegen iſt das Eindringen der griechiſch⸗katholiſchen Kirche in den lutheriſchen Oſtſee⸗Provinzen von der Regierung mit allen Mitteln befördert worden und theilweiſe gelungen. Achter Abſchnitt. Die Ausbreitung der abendländiſchen oder lateiniſchen Kirche unter den Völkern des mittleren und nördlichen Curopas(400— 1400 n. Chr.) und unter den Indianern von Mittel- und Süd⸗Amerika(1500 n. Chr.). §. 23. Die Bekehrung der Irländer, Schotten, Franken, Alemannen, und Angel⸗ ſachſen(430—690). 1) Während die katholiſche Kirche des Morgenlandes durch den Islam ihre alten, blühenden Gebiete in Aegypten, Paläſtina, Syrien und Kleinaſien faſt ganz verlor(Vgl.§. 22, 2 u. 3), und nur durch die Bekehrung der Bulgaren und Ruſſen einen theilweiſen Erſatz fand(Bal.§. 23, 2, a. b.), verlor dagegen die abendländiſche oder lateiniſch redende Kirche, welche ſich im Laufe der Zeit immer feſter an die römiſchen Biſchöfe oder Päpſte anſchloß, durch den Islam nur Nord⸗ afrika und breitete ſich dagegen um ſo ſiegreicher unter den lebenskräftigen Völkern des mittleren und nördlichen Europas, zuletzt ſogar ſeit 1492 unter den zahlreichen Indianerſtämmen von Mittel⸗ und Süd⸗Amerika aus. 2) Die nächſte und friedlichſte Erweiterung derſelben geſchah durch den Britten Sukath oder Patricius, den Apoſtel der Irländer. Als Knabe von 16 Jahren wurde er durch Seeräuber aus dem Hauſe ſeines Vaters, eines Diakonen bei Glasgow, geſtohlen und nach Irland verkauft. Während eines ſechsjährigen elenden Sclavenlebens bekehrte er ſich dort aufrichtg zum Heiland, erlangte durch Flucht ſeine Freiheit und kehrte in die Heimath zurück, wurde jedoch mit 32 Jahren abermals von Seeräubern ergriffen und nach Frankreich geſchleppt. Nachdem er von Neuem die Freiheit erlangt hatte, begab er ſich zu ſeinem fruͤheren Herrn in Irland zurück und predigte dieſem ſowie ſeinem Volke das Evangelium(430). Nur bei den Druiden fand er Widerſtand; dagegen die Häuptlinge nahmen ihn freundlich auf, und das Volk wurde durch die chriſtlichen Lieder gewonnen, welche er den umherziehenden Sängern verfaßie hatte. Durch Gründung von Kirchen und Klöͤſtern ſicherte er darauf den Beſtand der Kirche in Irland, die dankbare iriſche Kirche aber nannte ihn Kil⸗Padruik, den Kirchen⸗Vater, unter welchem Namen er ſehr bald als Heiliger angerufen und der Schutzpatron Irlands wurde. Durch begeiſterte iriſche und britiſche Möuche wurde ſpäter auch eine große Miſſionsbewegung nach dem Feſtland eröffnet. a) Columba bekehrte ſeit 565 die Hochſchotten und ſtellte die neue Kirche unter den Presbyter⸗Abt von Hy— b) Der vornehme Irländer Fridolin gründete von 510— 550 Kirchen am Rhein, im Elſaß, in den Vogeſen und in Graubündten und bewog die Alemannen in der Umgegend des von ihm gegründeten Kloſters Säckingen (Sanctio) zur Annahme des Chriſtenihums. c) Noch wichtiger für die Alemannen und zugleich für Ober⸗Italien wurde der iriſch brittiſche Mönch Columban(550— 615) und deſſen Schüler Gall. Mit 12 Gefährten gründete Columban im Appennin an der Trebbia das berühmte Kloſter Bobbio und ſein Schüler Gall in der Schweiz die Abtei St. Gallen, zwei Stiftungen, welche auf mehrere Jahrhunderte hinaus die Mittelpunkte chriſtlicher Bildung für die umliegenden Länder wurden. d) Ebenſo brachte der Irländer Kilian oder Kyllene um 640 die erſte Kunde von Chriſto nach Thüringen, beſonders an die obere Werra und an den Main. Herzog Gozbert und deſſen Sohn Hedan wurden Chriſten; letzterer erbaute 716 die Marienkirche in Würzburg; einzelne chriſtliche Gemeinden wurden auch noch von Bonifatius vorgefunden; Kilian ſelbſt freilich mußte als Märiyrer ſterben, und das Heidenthum hielt ſich als Volksreligion neben dem Chriſtenthum. 3) Ungleich wichtiger für die abendländiſche Kirche und für die Verbreitung chriſtlicher Bildung in Europa war die Bekehrung der Franken unter Chlodwig ſeit 496. Während ihre kriegeriſchen Stammesgenoſſen, die Oſt⸗ und Weſt⸗Gothen, die Longobarden, die Heruler, die Rugier, die Van⸗ dalen und Burgunden Arianer geworden waren und dadurch für die chriſtliche Cultur meiſt ver⸗ loren gingen(Vgl.§. 15, 4), traten dagegen die Franken vom Dienſte Wodans unmittelbar zur katholiſchen Kirche uͤber. Wie die übrigen germaniſchen Völker ſo hatten auch ſie ſich als eine dauernde Einquartierung im römiſchen Reiche niedergelaſſen; einen Theil der Einwohner hatten ſie im Kampfe getödtet, einen andern zu Knechten und Leibeigenen gemacht, den dritten, weitaus zahl⸗ reichſten unter einem friedlichen Rechtsverhältniß weiter beſtehen laſſen. In den altrömiſchen 1* 6 Ländern am Rhein und in Gallien ſtanden ſich auf dieſe Weiſe im 5. Jahrhundert zwei ganz verſchiedene Bevölkerungen gegenüber, die alte romaniſche, welche unter ihren Biſchoͤfen durch römiſche Bildung und durch den katholiſchen Glauben zuſammengehalten wurde, und die fränkiſch⸗ heidniſche, welche unter ihren Merovingiſchen Volkskönigen von Krieg und Ackerbau lebte, anſpruchsvoll und gewaltthätig auftrat, aber weder unduldſam gegen das Chriſtenthum noch unempfänglich für die höhere Bildung ihrer Umgebung war. Gauz von ſelbſt drängte ſich den fränkiſchen Eroberern bei der ſteten Berührung mit den katholiſchen Chriſten die Frage auf: Welcher Gott mag der richtige ſein? Wodan oder Chriſtus? Die heilige Jungfrau oder Freya? Doch erſt ſehr zögernd und langſam wurden ſie geneigt, an Chriſtum zu glauben, und nur durch die Bekehrung ihres Volkskönigs Chlodwig wurde der Uebertritt des Volkes bewirkt. a lodwig, ein hochbegabter und thatkräftiger, aber auch grauſamer, treuloſer und abergläubiſcher Für. durch 3) Slod⸗ 85 Biſchöfe mit der katholiſchen Fürſtin Chlotilde von Burgund vermählt, meinte bifero n. Gott der Chriſten ſei ein ohnmächtiger Gott, da er den Chriſten in Gallien gegen die Franken nicht helfen könne. Indeſſen fürchtete er ſich doch ſchon als Heide, den vom Volke verehrten Martin von Tours zu beleidigen(Vgl.§. 20, ¹); und als in der Schlacht bei Zülpich die Anrufung Wodans gegen die Alemannen nicht helfen wollte, gelobte er dem Gott der Chriſten, falls ihm dieſer den Sieg verleihen würde, ſeinen und ſeines Volkes Uebertritt zum Chriſtenthum. Nach ſeinem Sieg ließ er ſich ſchon auf dem Rückwege nach Rheims im katholiſchen Glauben unterrichten, empfing zu Weihnachten 496 durch Biſchof Remigius unter Kerzenglanz und Weihrauchduft die Taufe, bewog die Mehrzahl der Großen zur Nachahmung ſeines Beiſpiels, gründete als Chriſt im ganzen Lande Kirchen und Klöſter, breitete den katholiſchen Glauben bei den Franken nach Kräften aus, ſchonte hier und da wohl auch auf Bitte der Biſchöfe die ſonſt dem Tode geweihten Kriegsgefangenen, bekämpfte auch zur Chre des katholiſchen Glaubens die arianiſchen Burgunder und Gothen im Süden Galliens; im Uebrigen aber blieb er auch als Chriſt ebenſo wortbrüchig, herrſchſüchtig und grauſam wie er als Heide geweſen war, da ihm wie ſeinem ganzen Volke, von vorn herein die ſittliche Bildung fehlte, wodurch er über eine bloß äußerliche, abergläubiſche und cärimonielle Auffaſſung des Chriſtenthnms ſich hätte erheben können. b) Trotzdem war die durch ihn bewirkte Bekehrung der Franken von unabſehbarer Wichtigkeit für ſein Volk und für die ganze Chriſtenheit. Das fränkiſche Volk empfing vor Allem ſelbſt durch das Chriſtenthum einen göttlichen Lebensinhalt, deſſen Segnungen von Geſchlecht zu Geſchlecht immer mehr hervortraten. Es konnte aber auch von nun an mit ſeinen romaniſchen Unterthanen zu einem einzigen Volke verſchmelzen, was vorher unmöglich war, es erreichte allmälig durch ſeine Macht den Uebertritt der Burgunder(534) und der Weſtgothen(586) zur katholiſchen Kirche; es bot dem Einfluß der römiſchen Päpſte die erſte gewaltige Handhabe in Europa; es wirkte mittelbar und unmittelbar zur Bekehrung der Alemannen unter Fridolin und Columban mit(Vgl.§. 24, 2, b, c); zur Bekehrung der Baiern ſeit 696 durch den fränkiſchen Fürſtenſohn Nupert von Worms und durch den fränkiſchen Einſiedler Corbinian von Chartres; zur Bekehrung der Frieſen durch Willebrord(719— 39); zur Bekehrung der Angelſachſen unter der fränkiſchen Princeſſin Bertha, zur Bekehrung der Heſſen und Thüringer unter Bonifatius(Vgl.§. 25, 1), zur Bekehrung der Sachſen unter Karl dem Großen und zur Bekehrung des Nordens unter Anſcharius(Vgl. §. 25, 2). Es ſicherte endlich durch ſeine entſcheidenden Siege über den Islam und über das nordiſche Heidenthum überhaupt den Fortbeſtand der antiken und chriſtlichen Cultur in Europa. 4) Der Einfluß des fränkiſchen Chriſtenthums ermöglichte dem Papſt Gregor dem Großen, wie oben erwähnt, die Bekehrung der Angelſachſen in Brittannien ſeit 597. Feindſelig ſtand dieſes tapfere Volk ſeit 449 den chriſt⸗ lichen Britten gegenüber; überall hatte es Kirchen und Klöſter zerſtört und die Verehrung Odins ausgebreitet; nur in den Bergen von Wales und in dem großen Inſel⸗Kloſter Bangor hatten die Britten mit der Freiheit ihren Glauben behauptet. Da erwachte um 590 in dem vornehmen Römer Gregor(Vgl.§. 26, 4), welcher den Glanz der Welt aufgegeben und ſeines Vaters Palaſt in ein Kloſter verwandelt hatte, das brennende Verlangen nach der Bekehrung der Angelſachſen. Auf dem Sklavenmarkt hatte er hochgewachſene, ſchöne Knaben dieſes Volkes geſehen und vernommen, das ſie noch Heiden wären. Sie ſind ſchön wie die Engel, hatte er ausgerufen; ſie müſſen Genoſſen der Engel werden. Er ſelbſt wollte deshalb als Bote Chriſti nach Brittannien gehen, und wurde nur durch das Verbot des Papſtes, der ihn in Rom nicht entbehren mochte, daran gehindert. Sobald er jedoch ſelbſt Papſt geworden war, führte er ſeine Abſicht durch ſeinen Freund Aurelius Auguſtinus aus. Im Einverſtändniß mit der chriſtlichen Königin Bertha, der Gemahlin des heidniſchen Königs Ethelberts von Kent, welche ſich im Ehevertrag die freie Ausübung des chriſtlichen Glaubens geſichert hatte und die alte Martins-Kapelle zu Canterbury(Cantuarium) für ihren Gottesdienſt benutzte, ſandte er ſeinen Freund nebſt 40 Genoſſen über Frankreich nach England. Auf den König und ſeine Großen machte gleich das erſte Auftreten der Miſſionare einen tiefen Eindruck. Die Feierlichkeit und der Ernſt ihrer Erſcheinung, die Macht ihres Geſanges, das Bild des Gekreuzigten und die fliegende Proceſſionsfahne in ihrer Mitte, endlich ihre glaubensſtarke Predigt vom Sohne Gottes gewannen ſein Herz. Zu Pfingſten 697 ließ er ſich bereits mit vielen Großen in Dorovernum(Cantwaraburk, Cantuarium) taufen, und allmählig folgten ſeinem Beiſpiel auch die andern Volkshäupter. Seitdem wurden Kirchen und Klköſter errichtet; in Canterbury und York (Eboracum) wurden Erzbiſchöfe eingeſetzt, welche dem Papſt Gehorſam ſchworen; heidniſche Tempel wurden zu Gottes⸗ häuſern geweiht; die Sonntagsfeier wurde Geſetz; im Gottesdienſt wurden die Gebete lateiniſch, das Evangelium und die Predigt angelſächſiſch geleſen. Das begabte und lebensfriſche Volk der Angelſachſen aber wurde auf dieſe Weiſe für die Lehre Jeſu Chriſti zugänglich gemacht. Beſonders aus den geiſtig höher ſtehenden Familien gingen ſehr bald hochherzige und ſelbſtverleugnende Menſchen hervor, welche dem Herrn in den Formen des katholiſchen Chriſtenthums ihr ganzes Leben weihten und es vor Allem als ihre Aufgabe anſahen, auch die noch heidniſchen Germanen des Feſt⸗ landes, ihr)e Stamm-Genoſſen, in den Gehorſam Chriſti und des römiſchen Stuhles zu führen. 7 §. 25. Die Gründung der deutſchen Kirche durch Bonifatius und die Bekehrung der Sachſen unter Karl dem Großen; die Anfänge des Chriſtenthums in Dänemark, Schweden und Norwegen ſeit Ansgarius; die Bekehrung der übrigen euro⸗ päiſchen Völker und der Indianer in Mittel⸗ und Süd⸗Amerika. 1) Winfried, ſpäter vom Papſt Bonifatius, d. h. Verkündiger des Guten genannt, um 680 zu Kirton in Devonſhire aus einer fürſtlichen angelſächſiſchen Familie geboren und von ſeinem Vater zu einer weltlichen Laufbahn beſtimmt, faßte bereits als Kind in Folge des tiefen Eindrucks, welchen der Beſuch mehrerer frommen Geiſtlichen auf ſein Gemüth machte, den Entſchluß ein Diener Chriſti und der Kirche zu werden, und empfing darauf ſeine erſte Ausbildung vom 7. Jahr an auf den Kloſterſchulen zu Adescancaſter(Exeter) und Nutſchalling, wurde wegen ſeines Fleißes und ſeiner Kenntniſſe ſchon als Jüngling mit dem Unterricht Anderer beauftragt und trat 710 in den Prieſterſtand. Von 715—717 verſuchte er im Anſchluß an Erzbiſchof Willebrord von Utrecht die Miſſion unter den Frieſen, jedoch vergeblich, weil dieſe im Chriſtenthum nur eine verhaßte fränkiſche Einrichtung erblickten.. a) Er wendete deßhalb ſeine ganze Kraft von jetzt an auf die Begründung der Kirche in Heſſen und Thüringen (723— 739). Nachdem er 717 hierzu die Zuſtimmung Karl Martells, 718 auf einer winterlichen Romfahrt die nöthigen Vollmachten Papſt Gregors II. und durch einen mehrjährigen Aufenthalt in Utrecht bis 723 die unentbehr⸗ liche Bekanntſchaft mit der Volksſprache erlangt hatte, begründete er 723 mit Hülfe zweier Gutsbeſitzer, welche ſich bekehrten, ein Kloſter auf der Amanaburg(Amöneburg) und erbaute auf dem Keſterberg zwiſchen Wetter und Frankenberg die erſte Kirche in Heſſen. Nach dieſem wichtigen Erfolg empfing er auf einer zweiten Romreiſe die Biſchofsweihe für Deutſchland, ſchwur dem Papſt den Eid der Treue und des Gehorſams, erhielt durch päpſtliche Vermittelung einen Schutzbrief Karl Martells und gab nunmehr dem Heidenthum in Niederheſſen den Todesſtoß, indem er die Donnerseiche zu Geismar fällte und aus deren Holz die Peterskapelle auf dem Bürenberge bei Fritzlar erbaute. Seitdem ließen ſich Tauſende von Heſſen taufen und in das kirchliche Leben einführen. Gehoben durch dieſe Erfolge ging Bonifatius 725 nach Thüringen und gründete als Mittelpunkt ſeiner Miſſionsthätigkeit das Kloſter Ohrdruf. Mit Hülfe frommer angelſächſiſcher Männer und Frauen, welche auf ſeinen Ruf herbeikamen und unter welchem Lullus, der Begründer der Abtei Hersfeld und ſpätere Nachfolger des Bonifatius im Mainzer Erzbisthum, beſonders hervorragte, breitete er dann auch in Thüringen das Chriſtenthum aus und wurde 732 von Pabſt Gregor III. zum Erzbiſchof für das rechtsrheiniſche Dentſchland und 739 auf einer dritten Romreiſe zum päpſtlichen Legaten für ganz Deutſchland ernannt. b) Er wandte nunmehr ſeine ganze Kraft auf die Herſtellung einer geordneten deutſchen Kirche im Anſchluß an Rom. Mit Unterſtützung des Herzogs Odilo von Baiern errichtete er Bisthümer in Salzburg, Freiſingen, Regens⸗ burg und Paſſau; mit Hülfe des ihm innig befreundeten Fürſten Karlmann, des Sohnes Karl Martells, eben ſolche in Erfurt, Würzburg und Cichſtädt für Thüringen, in Büraburg für Heſſen. Auf mehreren Synoden der geſammten rechtsrheiniſchen Kirche unter ſeinem Vorſitz ließ er unwürdige Prieſter entfernen und die Reſte des Heidenthums, z. B. das Eſſen von Pferdefleiſch, auf das Strengſte verbieten. Auch die Abhänglichkeit der ſämmtlichen deutſchen Biſchöfe vom römiſchen Papſt wußte er gegen den Widerſpruch der ältern, brittiſchen Geiſtlichen durchzuſetzen, weil er dies nach ſeiner ganzen Erziehung und Lebensführung für das einzig Richtige hielt. Seit 745 nahm er als Erz⸗ biſchof ſeinen Sitz in Mainz, nachdem der frühere Erzbiſchof Gewilip wegen verübter Blutrache abgeſetzt war, und verband mit dem Mainzer Erzbisthum die ſchon bis dahin von ihm allein verwalteten Diöceſen Erfurt und Büraburg, ſodaß dieſe niemals eigne Biſchöfe erhielten und bis zur Reformation zu Mainz gehörten. c) Die gewaltige Wirkſamkeit des Bonifatius, welche die bis dahin getrennten Stämme der Alemannen, Franken, Heſſen, Thüringer und Baiern durch die kirchlichen Synoden zum erſten Mal einigte und in ihnen das Gefühl hervor— rief, daß für Deutſchland eine neue, hoffnungsreiche Zeit angebrochen ſei, feſſelte die beſten Köpfe und die ernſteſten Charaktere unter dem heranwachſenden Geſchlecht an ſeine Beſtrebungen. Unter den hochgeſinnten Jünglingen und Männern, welcbhe ſich ihm anſchloßen, ſtand ihm aber keiner näher als der Franke Sturmi, welcher auf ſein Geheiß das Kloſter Monte Caſſino beſuchte und dann auf einem von den Karolingern geſchenkten Grundſtück in Buchonien die Abtei Fulda nach der Regel der Benediktiner anlegte. Die Schule dieſer Abtei wurde für Franken, Thüringen und Heſſen einer der wichtigſten Ausgangspunkte chriſtlicher Bildung und Geſittung, beſonders unter dem frommen und gelehrten Abt Nhabanus Maurus, der 822— 842 an ihrer Spitze ſtand und 856 als Erzbiſchof von Mainz ſtarb. d) Bonifatius ſelbſt ſtarb als Märtyrer. Ein Mann wie er, welchem die angeſtrengteſte Arbeit im Dienſt des Herrn zum Lebensbedürfniß geworden war, konnte auch als Greis nicht in der ſtillen Beſchaulichkeit des Kloſters Fulda verharren, in welche er ſich zurückgezogen hatte. Noch einmal wollte er verſuchen, ob er nicht die Frieſen, unter welchen er 715—717 vergeblich gearbeitet hatte, für Chriſtum gewinnen könnte. Und es ſchien Alles gut zu gehen. Als er mit zahlreichen Gefährten, Geiſtlichen und Laien, 755 nach Friesland kam, fand er günſtige Aufnahme; die Zeiten und die Gemüther hatten ſich geändert; Tauſende nahmen das Evangelium an und ließen ſich taufen. Doch auch der alte heidniſche Fanatismus flammte noch einmal auf. Am Morgen des 5. Juni 755 wurde Bonifatius bei Dokkum, wo er eine Anzahl Getaufter firmeln wollte, von den Heiden überfallen und, da er ſeinen bewaffneten Begleitern die Gegenwehr unterſagte, mit dieſen zuſammen als Blutzeuge Chriſti getödtet. Sein Leichnam wurde ſpäter in Fulda beigeſetzt. In Friesland aber fand das Ahrien hunn nunmehr unter Pipin und Karl dem Großen um ſo entſchiedener Eingang, weil Bonifatius für daſſelbe geſtorben war. 8 3) Die Bekehrung der Sachſen unter Karl dem Großen verlieh der von Bonifatius neu gegründeten deutſchen Kirche erſt die rechte Sicherheit. Unter den großartigen Kämpfen und Unter⸗ nehmungen, zu welchen Karl durch die geſchichtliche Nothwendigkeit gezwungen wurde und welche er ohne Verletzung ſeiner höchſten Regentenpflichten nicht unterlaſſen durfte, hatte die Unterwerfung der Sachſen für das fränkiſche Reich und für die deutſche Kirche die größte Wichtigkeit. Der tapfere, ſtolze und mächtige Stamm der Sackſen, durch Sprache, Religion und Sitte eng verbunden mit den Dänen, Normannen und Schweden, war wie ein Keil in das fränkiſche Reich eingeſchoben und ließ die Kirche in Friesland, Heſſen und Thüringen nie zur Ruhe kommen. Verbrannte Gottes⸗ häuſer und Klöſter und erſchlagene chriſtliche Prieſter bezeichneten faſt 200 Jahre lang den Weg der ſächſiſchen Raubzüge in dieſen Ländern und am Rhein. Das nordiſche Heidenthum, welchem ſie fanatiſch ergeben waren, konnte beim gleichzeitigen Andringen der Slaven, Avaren und Ungarn von Oſten und der Araber von Süden den Beſtand der Kirche in Mittel⸗Europa überhaupt gefährden. Dieſe Gefahr wurde aber durch die Unterwerfung und Bekehruung der Sachſen für immer beſeitigt; die Altäre Odins wurden ſeitdem zwiſchen Rhein und Elbe gebrochen; in Pader⸗ born, Münſter, Verden, Minden, Osnabrück und Bremen wurden Bisthümer errichtet; alle germaniſchen Stämme auf deutſchem Boden aber wurden hierdurch unter denſelben heilſamen Ein⸗ fluß des Chriſtenthums geſtellt. Denn dem großen König war es nicht genug, den Beſtand der Kirche nach außen zu ſichern, ſondern er ſuchte ſie auch nach Kräften in ihrem innern Leben zu fördern. Er gründete Gelehrtenſchulen, machte den Biſchöfen das Predigen zur Pflicht, ließ eine Sammlung guter Predigten an die Prieſter zum Vorleſen vertheilen, erbaute eine Menge neuer Kirchen, ſuchte den Kirchengeſang durch italieniſche Saͤnger zu heben, und bemühte ſich gegenüber dem zunehmenden und von den Päpſten begünſtigten Aberglauben des Bilderdienſtes den geiſtigen Charakter des chriſtlichen Gottesdienſtes durch Reichsſynoden zu wahren. Seine höchſten Ideale über Bildung des geiſtlichen Standes und über Verkündigung des Wortes Gottes in der Volks⸗ ſprache wurden jedoch erſt in der Reformation des 16. Jahrhunderts verwirklicht. 3) Die Anfänge des Chriſtenthums in Dänemark, Schweden und Norwegen beruhten auf der Miſſionsthäugkeit des Ansgar, Erzbiſchofs von Bremen und Hamburg(geb. 804, geſt. 865). Früh verwaiſt und als Kind ſchon dem Himmel zugewendet, vertiefte ſich Ansgar(d. h. Gottlieb) auf der Kloſterſchule zu Corvey in der Pikardie in die Schriften Auguſtins, unterrichtete ſchon als Jüngling die Kloſter⸗ Schüter und half 8236 in dem neu gegründeten Kloſter Corvey an der Weſer durch Predigt in der Landesſprache das Volk zu Chriſto führen. Wegen ſeiner Frömmigkeit und hohen Begabung wurde er dann als Miſſionar nach Holſtein, Jütland, Seeland und Schweden geſandt und ſeit 831 zuu erſten Erzbiſchof von Hamburg und zum päpſtlichen Legaten für den Norden und für die Slaven erhoben. Von Bremen aus, wohin 848 ſein Sitz verlegt wurde, erreichte er durch die größte Bedürfnißloſigkeit, Nächſtenliebe und Opferfreudigkeit, gleichſam ein zweiter Martin von Tours(Vgl.§. 20, 1), die feſte Begründung der Kirche in Holſtein und Schleswig und die erſte Anknüpfung derſelben in Jütland, Seeland, Schweden und Norwegen. In Folge deſſen wurde es möglich, daß Olav Schooßkönig in Schweden 1008, Olav Trygwäſon in Norwegen und Island um 1000, Kanut der Große in Däne⸗ mark 1027 unter Verbindung mit Bremen⸗Hamburg das Chriſtenthum einführen konnten. Erſt 1104 wurde dieſe kiſchliche Verbindung des Nordens mit Bremen⸗Hamburg durch papſtliche Eiferſucht gelöſt und ein ſelbſtſtändiges Erz⸗ bisthum Lund gegründet. 4) Die Bekehrung der übrigen europäiſchen Völker und der Eintritt derſelben in die katholiſche Kirche des Abendlandes erfolgte allmählig im Laufe des Niittelalters; alle dieſe Völker hatten jedoch für die Geſchichte der lateiniſchen Kirche und für die Entwickelung der chriſtlichen Bildung bei weitem keine ſo große Bedeutung als die romaniſchen und germaniſchen Nationen, da ſie nur ſehr langſam an dem geſammten geiſtigen Leben des Abendlandes theilnehmen konnten. a) Von den flaviſchen Völkern ſchloſſen ſich de Mähren 908, die Böhmen 967 an die römiſche Kirche an, nachdem ſie früher durch Methodius und Cvrillus ſchon einmal für ein mehr nationales Chriſtenthum gewonnen waren; die Wenden zwiſchen Saale und Oder mußten unter Heinrich I, Otto J. und Heinrich dem Löwen katholiſche Chriſten werden; durch die Stiftung des Erzbisthums Magdeburg unter Otto I., durch deutſche Koloniſten aus Sachſen, Weſtphalen, Friesland und vom Rhein und durch die Orden der Prämonſtratenſer und Ciſtertienſer wurden ſie bei der Kirche feſtgehalten; die Pommern traten friedlich über, als ihnen Otto von Bamberg 1024— 28 das Evangelium predigte, und wurden durch Koloniſten und Ciſtertienſer germaniſiert; das Herzogthum Polen wurde von Deutſchland aus ſeit 966 mit der Kirche verknüpft(Erzbisthum Gneſen); die Preußen wurden 1226— 83 durch den deutſchen Orden zum Chriſtenthum gezwungen; ihre Biſchöfe in Culm, Pomeſanien, Ermland und Samland ſtanden unter dem Hochmeiſter in Marienvburg; ähnlich ging es den Eſthländern ſeit 1211 durch die Schwertbrüder und den Lithauern ſeit 1386 durch Großfürſt Jagello; die Livländer und Finnen traten im 12, die Lappländer im 14. Jahrhundert über. b) Die Ungarn, durch Biſchof Piligrin von Paſſan zuerſt miſſionirt, wurden durch Stephan den Heiligen (997— 1038) mit Rom in Verbindung geſetzt; jede Grafſchaft(Comitat) erhielt einen Biſchof; der Erzbiſchof von Gran wurde Primas des ganzen Landes und ſtand unmittelbar unter dem Papſt. 9 5) Der erzwungene Uebertritt der heidniſchen Mexikaner und Peruaner, ſowie der ſonſtigen Indianer von Mittel⸗ und Süd⸗Amerika, welcher durch die Spanier und Portugieſen nach der Entdeckung und Eroberung jener weiten Länderſtrecken Ende des 15. und Anfang des 16. Jahr⸗ hunderts bewirkt wurde, brachte der lateiniſchen Kirche zwar viele Millionen von Mitgliederit zu, trug aber zur Förderung des Chriſtenthums und der chriſtlichen Bildung nicht das geringſte bei, da jene Völker in entſetzlicher Knechtſchaft und in ganz äußerlicher Beobachtung der katholiſchen Kirchengebräuche feſtgehalten wurden, in welcher letzteren ſie auch bis in die neueſte Zeit trotz Erlangung der politiſchen Freiheit verblieben ſind. Neunter Abſchnitt. Die Stellung der römiſchen Biſchöfe oder Päpſte in der lateiniſchen(abendländiſch⸗katholiſchen) Kirche bis zur neueſten Zeit. §. 26. Das allmälige Wachsthum der päpſtlichen Macht in Kirche und Staat bis zu Gregor VII. 1) Kein Biſchofsſitz erlangte im Laufe der Zeit eine ſoſche Herrſchaft in der Kirche und über die weltlichen Reiche als der von Rom. Der polttiſch⸗kluge, praktiſche und thatkräftige Geiſt, mit welchem einſt der römiſche Senat die Weltherrſchaft ſeines Volkes begründet hatte, erneuerte ſich nach dem Untergang des römiſchen Reiches gleichſam in den Päpſten. Unter der Gunſt der Umſtände gelang es denſelben, von kleinen Anfängen aus, aber in zäher Benutzung jedes einmal errungenen Vortheils allmälig die geſammte Kirche des Abendlandes ihrem Stuhle zu unterwerfen und ſelbſt über Kaiſer und Könige eine vorübergehende Herrſchaft auszuüben. 2) Schon im zweiten Jahrhundert galten die römiſchen Biſchöfe oder Patriarchen als die vornehmſten der Chriſtenheit(Vgl.§. 9, b). Jedoch ſtand ihnen eine kirchliche Herrſchaft bis zum vierten Jahrhundert nur über ihre eigene, in Mittel⸗ und Unter⸗Italien gelegene Dioͤceſe mit ihren 10 Biſchöfen zu. Der im 2. Jahrhundert gemachte Verſuch, die kleinaſiatiſche Kirche zur Annahme der römiſchen Faſten und Oſtergebräuche zu zwingen, mißlang noch vollſtändig. Den erſten bedeutenden Erfolg erlangte Biſchof Julius im Jahr 347 durch den Beſchluß der Synode von Sardika, daß bei Streitigkeiten der Biſchöfe die richterliche Entſcheidung bei ihm eingeholt werden ſollte. Hierdurch wollten ſich die Biſchöfe während des arianiſchen Streits einen Rückhalt gegen willkürliche Behandlung von Seiten ihrer etwaigen Gegner ſichern, dachten aber keineswegs daran, dem römiſchen Stuhl für alle Zeiten eine richterliche Gewalt über ſich einzuräumen, wie es Rom ſpäter gedeutet hat. Selbſt Auguſtinus, welcher auf das Urtheil und auf die Zuſtimmung des römiſchen Stuhles das größte Gewicht legte(Vgl.§. 16, 4), ſtellte doch Schrift und Tradition weit über den Papſt, und pflegte nur dann, wenn Ron ſchriftmäßig, wahr und chriſtlich geurtheilt hatte, den berühmten Satz geltend zu machen: Rom hat geſprochen, die Sache iſt zu Ende(Roma locuta est, causa finita est). In dieſer freieren Stellung zu Rom blieb bis zum 5. Jahrhundert nicht nur der Orient(Vgl.§. 22, 1— 2), ſondern auch Ober⸗Italien(Erzbisthum Mailand), Nord⸗Afrika, Gallien, Spanien und Brittanien, d. h. das geſammte chriſtliche Abendland. 3) Erſt mit Leo dem Gr.(440— 461) trat eine bedeutende Wendung ein. Ihm galt Petrus bereits als der Fels der Kirche(Matth. 16, 18), der Papſt aber als der Nachfolger Petri, ja als Petrus ſelbſt, als der wahre Pontifex Maximus, als der Stellvertreter Chriſti auf Erden. In dieſer Ueberzeugung vom göttlichen Recht ſeines Stuhles gelang es Leo, die Herrſchaft des Papſtthums nach verſchiedenen Seiten hin zu erweitern.— a) Er bewog den Kaiſer Valentinian III. im Jahr 445 zu dem wichtigen Dekret, daß die geſetzgebende und richterliche Gewalt in der Kirche ebenſo dem Papſte zukomme, wie im Staate dem Kaiſer. b) Er verband die Kirche von Oſt⸗Illyrien unter dem Erzbiſchof von Theſſalonich und die durch die Vandalen bedrängte Kirche von Nord⸗Afrika unter dem Erzbiſchof von Karthago mit ſeinem Patriarchat. 2 10 c) Er entſchied durch ſeinen Brief an Flavian von Konſtantinopel den Eutychianiſchen Streit und führte durch ſeine Legaten auf der allgemeinen Synode von Chalcedon 452 den Vorſitz(Vgl.§. 21, 1, b). d) Er wußte Attila zum Rückzug von Rom zu bewegen und ſeinen politiſchen Einfluß in dem oft berrenloſen Italien immer weiter auszudehnen. Nur in Gallien verſuchte er vergeblich, die widerſtrebenden Biſchöfe ſich zu unterwerfen.. 4. 1 4) Als nach dem Untergang des weſtrömiſchen Reichs 476 JItalien keinen Regenten hatte, übten die Päpſte durch ihren kirchlichen Grundbeſitz und durch die biſchöflichen Gerichte die höchſte Gewalt aus. Kurz darauf erweiterten ſie ihren kirchlichen Einfluß durch die Bekehrung der Franken(Vgl.§. 24, 3, a- b). Im Jahr 502 ließen ſie bereits durch ein Concil beſchließen, daß ſie nur von Gott könnten gerichtet werden. Gregor der Große aber(590— 604), der als reicher Patricier ſeinen Palaſt in ein Kloſter verwandelt, ſeine Güter der Kirche geſchenkt, als Haupt des Adels die Stadt regiert hatte, dehnte ſein kirchliches Gebiet durch die Bekehrung der Angelſachſen über England aus(Vgl.§. 24, 4) und legte damit den Grund für die ſpätere Herrſchaft der Päpſte auch in Deutſchland(Vgl.§. 25). In ſtolzem Selbſtgefühl nannte er ſich Knecht der Knechte Gottes(Servus servorum dei) und galt in den Augen der abendländiſchen Chriſten bereits als der höchſte Stellvertreter Gottes und Chriſti auf Erden. Da die übrigen Volker des Abendlandes dieſe hohe Meinung über die Päpſte gleich bei ihrer Bekehrung empfingen, z. B. die Longobarden ſeit 672, die Heſſen und Thüringer ſeit 723, die Sachſen ſeit Karl dem Gr., die Dänen, Schweden und Norweger ſeit den 9., bezw. ſeit dem 11. Jahrhundert u. ſ. w.(Vgl. §. 25, 3—5), ſo war die Verehrung der Päpſte von vorn herein ein Hauptſtück ihres Chriſtenthums. 5) Pipin der Kleine und Karl der Große beförderten daun durch zwei große politiſche Fehler, deren Tragweite ſie nicht ahnten, das Selbſtgefühl und das Anſehen der Päpſte in verhängniß⸗ voller Weiſe. a) Indem Pipin und Karl es für nöthig hielten, der eine, ſich die fränkiſche Königskrone durch Papſt Zacharias beſtätigen zu laſſen, der andere, die römiſche Kaiſerkrone wie ein Geſchenk Gottes aus den Händen Leos III. zu empfangen, erweckten ſie unwillkürlich in den Herzen der Völker wie der Päpſte ſelbſt den Gedanken, der Papſt könne die Königskrone nach Belieben entziehen und verleihen, und ſelbſt die Kaiſerkrone des Abendlandes ſei ein Lehen des Papſtes und empfange von ihm ihre Würde, wie der Mond ſein Licht von der Sonne. Zwar Zacharias und Leo III. konnten dies noch nicht geltend machen, da ſie von den mächtigen Frankenfürſten ganz abhängig waren und denſelben den Lehnseid ſchwören mußten, aber bereits Johann VIII. erzwang von Karl dem Kahlen 875 bei deſſen Kaiſerkrönung die Erklärung, das Kaiſerthum werde auf die Fürbitte der Apoſtel Petrus und Paulus durch deren Stellvertreter, den Papſt verliehen. Und ſpäter konnten Gregor VII, Alexander III. und Innocens III. dieſe Auffaſſung noch entſchiedener durchführen.— b) Nicht weniger ſchädlich für das Verhältniß der Päpſte zu den Kaiſern war die. Verleihung(754) und Beſtätigung des Crarchats von Ravenna als Beſitzthum des heiligen Petrus(Patrimonium Petri). Die Päpſte, welche ohnehin ſchon die größten Grundbeſitzer Italiens waren, wurden hierdurch zu mächtigen italieniſchen Fürſten und zu gebornen Gegnern aller ausländiſchen Herrſchaft über Italien. Um ihre eigne politiſche und kirchliche Freiheit zu behaupten, mußten ſie ſeitdem naturgemäß gegen die kaiſerliche Oberhoheit kämpfen und hatten dabei die italieniſchen Patrioten auf ihrer Seite; ſo z. B. Alexander III. bei den Kämpfen Friedrich I. gegen den lombardiſchen Städtebund. c) Aus dieſem Grund ſuchten die Päpſte auch zu vergeſſen, daß ihnen ihre fürſtliche Macht erſt von den Karolingern durch einen Gnadenact geſchenkt war. Es lauchte deshalb im 9. Jahrhundert in Rom eine gänzlich erdichtete, aber von der päpſtlichen Parihei für ächt ausgegebene Urkunde auf, nach welcher bereits Kaiſer Konſtantin im J. 312 bei ſeiner Taufe(Vgl.§. 12, 2) dem Papſt Sylveſter ganz Italien mit Rom übergeben und deßhalb nach Konſtantinopel gezogen ſein ſollte(Donatio Constantini)! Dieſer plumpe Betrug wurde gleich⸗ wohl geglaubt und als ein guter Rechtstitel gegen die Kaiſer geltend gemacht, z. B. mit voller Ueberzeugung durch Gregor VII. gegen Heinrich IV. 6) Die Karolingiſche Zeit brachte den Päpſten noch einen andern Machtzuwachs durch die in Mainz oder Rheims entſtandenen falſchen Iſidoriſchen Dekretalen(Pseudo-Isidorus). Der unbekannte Fälſcher, wahrſcheinlich ein Biſchof des fränkiſchen Reichs, wollte der Kirche und ihren Dienern einen kräftigen Schutz gegen die Gewaltthaten der weltlichen Großen verſchaffen: zu dem Ende erdichtete er eine, dem Biſchof Iſidor von Sevilla zugeſchriebene Sammlung päpſtlicher Dekrete aus den Jahren 90— 384. Hierna ſtand die geſammte Kirche unter dem päpſtlichen Stuhl; der Papſt allein hatte die Gerichtsbarkeit über Biſchöfe, Erzbiſchöfe und Landesſynoden; Kaiſer und Nänige hatten in kirchlichen Dingen nichts zu beſtimmen; vielmehr ſtanden ſie ſelbſt unter der Kirchenzucht des Papſtes. Dieſe Urkundenſammlung tauchte zuerſt im Jahr 836 auf einer Synode zu Aachen auf und kam von dort 864 nach Rom; ſie wurde überall für ächt gehalten und von Papſt Nikolaus I. alsdann gegen König Lothar von Frankreich benutzt. Nachdem ſie Roms Herrſchſucht und Anmaßung trefflich befördert hatte, wurde ihre Unächtheit erſt im 14. Jahrhundert entdeckt. ee 7 Unter den Ottonen und unter den ſaliſchen Kaiſern bis auf Heinrich IV. machte die päͤpſtliche Gewalt keine Fortſchritte. Damals zeigte ſich unwiderſprechlich, daß das Kaiſerthum durch die ihm gebührende Schutzherrſchaft üͤber die Kirche und durch ſeine weltliche Macht dem Papſtthum ſtets auf ſo lange überlegen war, als die Kaiſer kirchlich geſinnte und fromme Männer waren. Die Ottonen und noch mehr der ſtrenge und herrſchverſtändige, aber auch auf Hebung des entarteten kirchlichen Lebens im Geiſte Karls des Großen bedachte Heinrich III. ſetzten 11 Päpſte ab und ein, machten dieſelben zu ihren Lehnsträgern und Vaſallen, unterdrückten die Verſchwörungen derſelben mit Gewalt, ließen die Römer beſchwören, niemals ohne Zuſtimmung des Kaiſers als Patricius von Rom einen Papſt zu wählen, und hatten bei dem Allen die öffentliche Meinung der Völker auf ihrer Seite, weil ſie ihr hohes Amt zur Ehre Gottes und zur Beförderung chriſtlichen Lebens führten. Hätte Heinrich der III. länger gelebt und wäre es ihm vergönnt geweſen, ſeinen hochbegabten, aber noch unmündigen Sohn Heinrich IV. in demſelben Geiſt zu erziehen, ſo würde daher allem Vermuthen nach die Geſchichte des Papſtthums, der Kirche und des Reiches eine andere Wendung genommen haben. Rom wäüre vielleicht die Hauptſtadt des Reiches geworden, Italien und Deutſchland wären feſter mit einander verknüpft, romaniſche Sprache und Bildung hätten in Deutſchland die Oberhand bekommen, aber die Päpſte hätten auch ihre politiſche Macht verloren, wären zu oberſten Biſchöfen des Abendlandes nnter kaiſer⸗ licher Schutzherrſchaft herabgeſetzt und hätten ſich ausſchließlich ihrem kirchlichen Amte widmen müſſen. Selbſt ein Charakter wie Hildebrand hätte dann kaum eine Gelegenheit gefunden, ſeine hochfliegenden päpſtlichen Gedanken geltend zu machen und durchzuführen. 8) Daß es hierzu nicht kam, vielmehr das Papſtthum unter Gregor VII. einen neuen und übermächtigen Aufſchwung nahm, war beſonders die Schuld Heinrichs IV. Durch Adalbert von Bremen ſchlecht erzogen glaubte ſich Heinrich IV. als König von allen Rückſichten gegen Gott und Menſchen frei, übte die von ſeinem eignen Vater verbotene Simonie(d. h. den Verkauf geiſtlicher Aemter für Geld) auf das Schamloſeſte, verſchenkte Bisthümer und Abteien an ſittlich geſunkene Prieſter, führte perſönlich ein ausſchweifendes und wüſtes Leben, gab die Kleinodien von Kirchen und Klöſtern in die Hände liederlicher Frauen, brachte durch ſeine Ungerechtigkeit und Tyrannei den mächtigen Stamm der Sachſen zur Verzweiflung, entfremdete ſich aber auch durch dieſes Alles die Gemüther der beſten und ernſteſten Menſchen in Deutſchland wie in der ganzen Chriſtenheit und machte ſich ſelbſt gegenüber dem ſtrengen und herrſchbegierigen Gregor VII. wehrlos. Denn einem ſolchen König gegenüber glaubte ſich Gregor als der Stellvertreter Gottes und Chriſti, als der Träger und Vertheidiger der göttlichen Wahrheit, als der Beſchützer der Unterdrückten und Verfolgten zu den ſtrengen Maßregeln berechtigt, und die öffentliche Meinung in der Chriſteuheit ſtellte ſich hierbei größtentheils auf die Seite des Papſtes. Nach verſchiedenen Richtungen erlangte Gregor VII. unter dieſen Umſtänden eine bedeutende Steigerung der päpſtlichen Macht, wenn auch die Mtttel, welche er dazu anwendete, keineswegs immer zu laben waren. a) Hildebrand, eines Handwerkers Sohn aus Saona, durch ſeinen Oheim, den Abt des Marien⸗Kloſters auf dem Aventin, nach Rom gekommen, wurde hier der geiſtige Sohn des frommen, aber ganz von Pſeudo⸗Iſidoriſchen Idealen(Vgl.§. 26, 5, a—c; 6) erfüllten Cardinals Gratian. In Hildebrands Augen war der Papſt der allein rechtmäßige Herr über Rom und Italien, der Oberlehnsherr aller Kaiſer, Könige und Fürſten, der Stellvertreter Gottes und Chriſti auf Erden, der unfehlbare Lehrer der Wahrheit, der höchſte Geſetzgeber und Richter in der Chriſten⸗ heit, das Oberhaupt aller Patriarchen, Biſchöfe und Prieſter, die Sonne, von welcher alles Licht in göttlichen und weltlichen Dingen ausging. Die Gewalt, welche die Ottonen über die Kirche beſeſſen hatten, und welche Heinrich III. in noch höherem Maße übte, erſchien ihm als ein ſchreiendes Unrecht; die Befreiung des Papſtthums und der Kirche aus den Händen der weltlichen Macht galt ihm als die heiligſte Pflicht. Einen neuen und glänzenden Aufſchwung des chriſtlichen Lebens hoffte er durch das befreite und herrſchende Papſtthum zu erreichen. b) Mit diplomatiſcher Vorſicht, ja mit zweideutiger Liſt und Untreue, wo es ſich anders nicht machen ließ, zugleich aber mit glühender Begeiſterung und Thatkraft ging er an die Verwirklichung dieſer Gedanken; anfangs als Rathgeber von fünf aufeinander folgenden Päpſten, dann ſelbſt als Papſt. Die erſte Gelegenheit hierzu bot ſich ihm ungeſucht. Zerfallen mit den kirchlichen Zuſtänden ſeiner Zeit hatte er ſich in das Kloſter Clugny zurrückgezogen, mit gleichgeſinnten Freunden trauernd über die Sittenloſigkeit des Clerus, über den Verfall der Zucht im Volke, über den Verkauf der geiſtlichen Aemter, über die Herrſchaft der Kaiſer in der Kirche. Dort lernte ihn 1048 der kurz vorher auf dem Reichstage zu Worms zum Papſt erwählte Bruno von Toul kenunen, welcher ſeinen Weg nach Rom über Clugny genommen hatte. Der geiſtesmächtige, mit den Verhältniſſen in Rom vertraute Mönch gefiel dem neugewählten Papſt, lehnte aber deſſen Einladung, ihn nach Rom zu begleiten, mit der Erklärung ab, er könne nicht einem Papſte folgen, der Petri Stuhl durch weltliche Gewalt beſteige, nicht aber durch die altvorgeſchriebene Wahl des Clerus und des Volkes von Rom. Durch dieſe Bedenken Hildebrands geängſtigt zog Bruno wirklich als bloßer Pilger nach Rom und ließ ſich von Clerus und Volk als Leo IX. erſt noch einmal wählen. Seitdem war der kluge und ſtrenge Hilde⸗ brand als Cardinal⸗Subdiakon die rechte Hand Leos IX. und ſeiner vier nächſten Nachfolger, bis er ſelbſt 1072 den päpſtlichen Stuhl als Gregor VII. beſtieg und denſelben bis zu ſeinem Tode 1085 inne hatte. In dieſer langen Wirkſamkeit von 1048—1085 erreichte er eine ganz außerordentliche Ausdehnung der päpſtlichen Macht. Zwar ſetzte er nicht durch, daß die Kaiſer ihre Anſprüche auf Italien fallen ließen; auch nicht, daß Kaiſer und Könige auf die Ernennung und Inveſtitur, d. h. auf die Belehnung mit Ring und Stab, der Geiſtlichen verzichteten; noch weuiger endlich, daß die Päpſte als Oberlehnsherrn aller weltlichen Fürſten auerkannt wurden oder dieſelben nach Wohlgefallen ab⸗ und einſetzen durften. Aber trotz alledem erreichte er Dinge, welche vor ihm für unmöglich gelten konnten. 4.) Vor allem wurde durch ihn das Papſtthum von der Wahl und Beſtätigung der Kaiſer für immer unab⸗ hängig gemacht. Hierzu diente ihm beſonders das auf ſeinen Rath von Papſt Nikolaus II. 1059 erlaſſene, freilich auf Eidbruch und Rechtsverletzung gegenüber dem Kaiſer ruhende Geſetz, daß der Papſt von den 7 Cardinal⸗Biſchöfen und 28 Cardinal⸗Prieſtern der römiſchen Kirche ohne irgend eine weltliche Einmiſchung gewählt werden ſollte. Auf nackter Heuchelei und Treuloſigkeit beruhte der Zuſatz: Jedoch unbeſchadet der Ehre Königs Heinrichs und ſeiner 12 Nachfolger, welche dieſes Recht perſönlich von dieſem apoſtoliſchen Stuhl erlangt haben werden(Salvo tamen honore Henrici regis et successorum illius, qui hoc ius personaliter ab hac apostolica sede impetraverint). Der Rechtsbruch ſollte nur damit verſchleiert werden.. 9) Alle Patriarchen, Erzbiſchöfe, Biſchöfe und großen Aebte des Abendlandes mußten ſeit Gregors VII. energiſcher Wirkſamkeit vom Papſt beſtätigt werden und ihm den Lehnseid ſchwören. y) Die Eheloſigkeit oder der Cölibat der ſämmtlichen Prieſter, welcher von der allgemeinen Synode zu Nicäa 325 noch rerworfen, dagegen von römiſchen und ſpaniſchen Provincialſynoden gefordert war, wurde durch Gregor VII. ſeit 1074 abendländiſches Kirchengeſetz(Vgl.§. 18, 2, d). Gregor erreichte dies letztere gegen den Widerſpruch unzähliger Biſchöfe und Prieſter hauptſächlich durch die Aufhetzung und Gewiſſens⸗Beunruhigung des Volkes, indem er durch fanatiſche Mönche die ſchriftwidrige und unkatholiſche Lehre verbreiten ließ, alle Amtshandlungen verheiratheter Prieſter ſeien vor Gott und zur Seligkeit der Menſchen null und nichtig. Das geängſtigte und wüthend gemachte Volk erſchlug oder vertrieb darauf die beweibten Prieſter und litt nur noch unverheirathete in ſeiner Mitte. Sämmt⸗ liche Cleriker aber wurden durch die Eheloſigkeit ihrem Vaterland entfremdet und in einen großen päpſtlichen Mönchs⸗ orden verwandelt. §) Der Glaube an die höhere Würde des Papſtthums gegenüber Kaiſern und Königen wurde durch Gregors Erfolge in den Herzen der abendländiſchen Katholiken feſt begründet.. *2) Den Kaiſern wurde durch ſeine Liſt in Italien ein ſtarkes Gegengewicht bereitet, indem die Normannen als Lehnsliute und Beſchützer der römiſchen Kirche“ feierlich angenommen wurden und dieſelbe gegen deutſche Macht vertheidigten. 50) Er hehn endlich auch mit Erfolg jene kluge, aber treuloſe und dem Wort Gottes widerſprechende päpſtliche Politik, welche die Macht der deutſchen Könige durch Aufwiegelung der Fürſten und durch Unterſtützung der Empörer und Verſchwornen, unter Eidesendbindung, Bann und Interdict, im Laufe von zwei Jahrhunderten zu brechen gewußt hat. Ueberblicken wir dies Alles, ſo müſſen wir ſagen, daß nur eine theilweiſe Wahrheit in dem Wort lag, welches Gregor VII. am Ende ſeines Lebens als Verbannter zu Salerno ausrief: Weil ich Gerechtigkeit geliebt und Gottloſigkeit gehaßt habe, deßhalb ſterbe ich in der Verbannung(quia dilexi iustitiam et odi iniquitatem, propterea morior in exilio). Nach dem Maße ſeiner Erkenntniß und, ſoweit ſeine Vorurtheile über den Beruf des Papſtthums es zuließen, hatte er allerdings die Ehre Gottes und das Heil der Seelen fördern wollen, aber durch die Wahl der Mittel, welche er zu ſeinen Zwecken benutzte, hatte er ſich den Ungerechten und Gottloſen, gegen welche er zu kämpfen meinte, ſehr häufig gleichgeſtellt und hierdurch die ſtrafende Gerechtigkeit Gottes gegen ſich heransgefordert. Selbſt einer ſeiner treueſten Freunde und Mithelſer, Peter Damiani, Cardinal-Biſchof von Oſtia, ein ſtrenger Hierarch, aber ehrlicher Charakter, hatte dieſen Widerſpruch im Leben Gregors mit Entſetzen gefühlt und ihn deshalb„einen heiligen Satan“ genannt. §. 27 Die Macht des Papſtthums von Gregor VII. bis zu Innocenz III. und von dieſem bis zur neueſten Zeit. 1) Unter wechſelnden Siegen und Niederlagen ſtieg die Macht des Papſtthums auch nach Gregor VII. immer höher, bis ſie unter Innocenz III. auf ihrem Gipfel ſtand. a) Die Päpſte wußten dauernd zu hindern, daß das römiſch-deutſche Reich eine Univerſal⸗Monarchie würde, wozu es nach den Ottonen und Saliern noch einmal unter den Hohenſtaufen den Anlauf nahm. Wie ſie ſchon früher mit allen Mitteln die Bildung ſelbſtſtändiger Reiche in Europa begünſtigt hatten, z. B. Dänemarks, Schwedens und Norwegens im Norden; Polens, Böhmens und Ungarns im Oſten; des Normannenreiches in Süd-Italien, ſo ſtanden ſie auch in dem großen Kampfe der Hohenſtaufen auf Seiten des lombardiſchen Bundes gegen die Kaiſermacht. Nicht einmal den mittelbaren Einfluß, welchen Deutſchland durch ſeine Miſſions-Biſchöfe auf die Nachbarländer übte, ließen ſie beſtehen; ſie löſten die Verbindung des Bisthums Paſſau mit Ungarn ſchon im Jahr 1000 durch Gründung des Erzbisthums Gran; ſie trennten 1104 den Norden von Bremen⸗Hamburg durch Errichtung des Erzbisthum Lund; ſie ſtellten alle Nationalkirchen unmittelbar unter den römiſchen Stuhl. b) Sie traten durch die Anregung der Kreuzzüge thatſächlich als die Oberhäupter des chriſtlichen Abendlandes hervor. So Urban II. 1096 zu Clermont, Eugen III. durch ſeine Briefe 1147, Gregor VIII. 1187, Innocenz III. 1204, Gregor IX. 1228 u. ſ. w. c) Sie zwangen Kaiſer und Könige wiederholt, ſich ihren politiſchen oder kirchlichen Forderungen zu unterwerfen; z. B. Kaiſer Lothar II., Friedrich I. Barbaroſſa, Heinrich III. von England. d) Den höchſten Gipfel der Macht erſtiegen ſie unter Innocenz III.(1198— 1206). Lothar, Graf Conti aus Anagni, der Neffe von Clemens III., ſtudierte zu Paris und Bologna, wurde durch Clemens III. zum Cardinal erhoben und beſtieg wegen ſeiner hervorragenden Gaben 1198 ſchon mit 36 Jahren den päpſtlichen Stuhl. Er verfolgte mit Gregor VII. dieſelben Ziele, aber er war demſelben überlegen an umfaſſender Bildung, an Innigkeit des Glaubenlebens, an Reinheit des Charakters, an Hochherzigkeit und Ruhe im Sturm der Zeiten, an königlicher Unbefangenheit gegenüber den Partheien. Im Beſitze der unermeßlichen Güter und Einkünfte ſeines Stuhles aß er nur aus hölzernem Geſchirr, trank nur aus gläſernem Becher; dagegen war er ein Helfer der Unterdrückten, der Wittwen und Waiſen, und ein Schrecken der Gewaltthätigen und Ruchloſen. Wegen ſeines unbefangenen und recht⸗ ſchaffenen Charakters ernannte ihn Conſtantia, die Wittwe Kaiſer Heinrichs VI, zum Vormunde ihres Sohnes Friedrich II., und Innocenz ſorgte väterlich für den Knaben, ließ ihm eine glänzende, auf Bildung und Vertrauen gegründete Erziehung geben, verwaltete ihm Neapel und Sicilien mit größter Sorgfalt und half ihm 1212 durch ſein 13 Gold zur Erlangung der deutſchen Krone. Wenn Innocenz bei dem Streit zwiſchen Otto IV. und Philipp von Schwaben die Beſtätigung des Kaiſers für ſich beanſpruchte, ſo war dies theils eine Folge der ſeit Gregor VII. am päpſtlichen Hofe herrſchenden Anſchauungen, theils eine Wirkung der Handlungsweiſe Ottos IV., indem dieſer ſelbſt die päpſtliche Beſtätigung nachſuchte. Ueberhaupt ſtützte ſich die Oberherrlichkeit Innocenz III. über das chriſtliche Abend⸗ land auf die allgemeine Ueberzeugung der Völker. Proteſtantiſche Anſchauungen fanden ſich nur hier und da, beſonders bei Albigenſern und Waldenſern, hatten aber fürs Ganze keine Bedeutung. Deßhalb konnte Innocenz die Könige Peter II. von Arragonien und Sancho II. von Portugal zum Verſprechen des Tributs nöthigen, konnte Johann von England zu ſeinem Vaſallen machen und vermochte Philipp Auguſt von Frankreich zu zwingen, daß dieſer die ver⸗ ſtoßene Ingeborg wiedernahm und Agnes von Meran entließ. Selbſt bei den Albigenſern und Waldenſern hätte Innocenz vielleicht durch ſeine Milde eine Wiedervereinigung mit der katholiſchen Kirche erreicht, wenn nicht der ver⸗ weltlichte, herrſchſüchtige und grauſame Clerus den Bruch bereits unheilbar gemacht hätte. Um den Clerus zu beſſern, die Ketzerei zu beſeitigen, das heilige Land zu befreien und das katholiſche Kirchengeſetz(Vgl.§. 18, 2) als Gottes Ordnung durchzuführen, berief Innocenz das vierte Concil im Lateran, welches 1215 zuſammentrat. Außer den Abgeſandten des Orients, welche in Folge der Gründung des lateiniſchen Kaiſerthums in Konſtantinopel erſchienen, waren 71 Erzbiſchöfe, 413 Biſchöfe und 800 Aebte um den Papſt verſammelt und erließen nach deſſen Vorlagen eine Menge Kirchengeſetze, unter welchen vier eine beſondere Wichtigkeit erhielten. *.) Jeder Katholik ſollte bei Strafe des Bannes jährlich wenigſtens einmal, in der Oſterzeit, ſeinem Pfarrer alle Suͤnden bekennen(Ohrenbeichte) und zum Abendmahl gehen. Während der Orient wegen eines vorgekommenen Anſtoßes ſchon im 4. Jahrhundert die Einzel⸗Beichte verboten hatte, war dieſelbe im Abendland ſtets in Uebung geblieben und wurde nunmehr feſtes Geſetz. 5) Eine ſtrenge Bußzucht beſtimmte die Pönitenzen und Leiſtungen, welche der Prieſter den Beichtkindern auf⸗ zulegen hatte, um für ihre Sünden genugzuthun. ) Die Lehre von der Brodverwandlung(Transſubſtantiation), welche zuerſt im 9. Jahrhundert von Paſchaſius Nadbertus aufgeſtellt, von Gregor VII. nach einigem Schwanken bereits als Kirchenlehre behauptet war, wurde zum Glaubensartikel erhoben; der Kelch wurde gleichzeitig den Laien entzogen; das Fronleichnamsfeſt, welches Urban IV. 1264 einführte, wurde damit vorbereitet. 6) Zur Erforſchung und Unterdrückung der Ketzerei wurde die Inquiſition eingeführt, welche dann 1231 durch Gregor IX. den Dominikanern übertragen wurde und die ſchrecklichſten Greuel in Frankreich, Spanien und Italien hervorrief.. 2) Nachdem das Papſtthum unter Innocenz III. den Gipfel ſeiner Macht erſtiegen hatte, gab es zwar von den unter Gregor VII. zuerſt geltend gemachten und dann ſpäter immer mehr durchgeführten Herrſchaftsanſprüchen über Welt und Kirche niemals das Geringſte auf, allein nur in kirchlicher Beziehung vermochte es dieſelben wirklich zu behaupten. a) Schon Bonifaz VIII. ſcheiterte gegenüber Philipp von Frankreich im Jahr 1302 vollſtändig mit ſeiner Forderung, daß die Könige und Fürſten dem Papſt gehorchen ſollten. Nicht weniger wieſen die deutſchen Kurfürſten 1338 die Einmiſchung der Päpſte in die Kaiſerwahl für immer zurück, Ueberhaupt gewöhnten ſich die weltlichen Mächte des Abendlandes, in den politiſchen Dingen als ſelbſtſtändige, vom Papſt unabhängige Obrigkeiten zu handeln. Trotz aller päpſtlichen Proteſte ſchloſſen die deutſchen Reichsſtände 1553 den Paſſauer Vertrag, 1555 den Augsburger Religionsfrieden, 1648 den weſtphäliſchen Frieden, 1815 die deutſche Bundesakte. Die franzöſiſche Revolution entriß dem Papſt ſogar den Kirchenſtaat, gründete in Italien neue Reiche und hielt den Papſt eine Zeit lang gefangen. Ebenſo nahm das ſeit 1859 neu entſtandene vereinigte Königreich Italien dem Papſt alle weltlichen Beſitzungen mit der Hauptſtadt Rom(1870) und ließ ihm nur die Rieſenräume des Vatikaniſchen Palaſtes und die Peterskirche. Durch ein„Garantiegeſetz“ wurde jedoch die kirchliche Unabhängigkeit des Papſtes zur Regierung der katholiſchen Chriſtenheit ausdrücklich gewahrt. 1 b In kirchlicher Beziehung erlitt die Macht des Papſtthums ſeit Innocenz III. überhaupt keine innere Verminderung. Die großen Concilien von Conſtanz(1414— 1418) und von Baſel(1432—1443) verſuchten vergeblich dieſelbe zu brechen. Die Reformation des 16. Jahrhunderts entriß den Päpſten und ihrer lateiniſchen Traditionskirche zwar England, Schottland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Lievland, Eſthland, Kurland, Oſt⸗ und Weſt⸗Preußen, Pommern, Sachſen, Brandenburg, Heſſen, Anhalt, Braunſchweig, Mecklenburg, Oldenburg, Würtemberg, die meiſten Reichsſtädte, Anſpach, Baireuth, die Schweiz, Holland und Theile von Frankreich, Ungarn und Siebenbürgen, allein durch das Tridentiner Concil(1545— 1563) und mit Hülfe des 1534 gegründeten Jeſuiten-Ordens ſtellten ſie ihre Macht in Baiern, Oeſtreich, Böhmen, Mähren, Polen, den geiſtlichen Fürſtenthümern, Frankreich, Belgien, Irland, Italien, Spanien, Portugal, ſowie in Mittel⸗ und Süd⸗Amerika kirchlich deſto feſter. Ja durch den Einfluß des Jeſuiten-Ordens brachte es Pius IX.(1846— 1878) dahin, daß das Vatikaniſche Concil von 1870 erklärte, der herf fei auch ohne ein allgemeines Concil in Sachen des Glaubens und der Sitten der unfehlbare Lehrer der Kirche, wenn er vom Stuhle Petri aus lehre. Durch dieſen Beſchluß wurde allerdings nur ein längſt im Papſtthum liegender Gedanke zur Lehre des katholiſchen Abendlandes erhoben, aber das Papſtthum ſelbſt iſt damit auf einer Höhe angekommen, von welcher aus es mit innerer Nothwendigkeit in immer tieferen Widerſpruch gegen Gottes Wort kommen muß. Denn der Papſt iſt von jetzt an nicht nur nicht mehr an die göttliche Offenbarung in der Schrift gebunden, ſondern auch nicht einmal mehr an die kirchliche Tradition, für deren Träger er ſich bis dahin erklärte; vielmehr iſt er ſelbſt als die Quelle der göttlichen und ſittlichen Wahrheit hingeſtellt und damit an die Stelle Gottes und Chriſti geſetzt. 2* 14 Zehnter Abſchnitt. Die Lichtſeiten des kirchlichen Lebens im Abendland während des Mittelalters. §. 28 Die Ausbreitung chriſtlicher Bildung bei den neubekehrten Völkern durch die Geiſtlichen und Mönche. 1) Das hohe Anſehn, welches die Prieſter und Biſchöfe ſchon in der alten Kirche genoſſen hatten(Bgl.§. 9, 3. 17, 6), ging nicht nur unvermindert auf den Clerus der neubekehrten Völker über, ſondern erfuhr ſogar noch eine bedeutende Steigerung. Denn der geiſtliche Stand war dieſen ungebildeten Völkern gegenüber nicht nur der Vermittler mit Gott und der Haushalter über die Gnadenſchätze der Kirche, ſondern auch der einzige Träger jeder höheren geiſtigen und ſittlichen Bildung. Mit dem Chriſtenthum brachte er ihnen die Reſte der altrömiſchen Cultur, welche ſich während der Völkerwanderung in Jtalien, Spanien und England behauptet und bis zum 8. Jahrhundert in den Domſchulen der Biſchöfe ſowie in den Kloſterſchulen der Benediktiner fort⸗ geerbt hatten. Neu errichtete Dom⸗ und Kloſterſchulen wurden dann in den chriſtianiſirten Ländern die Mittelpunkte von welchen aus die Wiſſenſchaften und Künſte allmählig ihren Weg zu den höheren Ständen fanden. Vorzugsweiſe waren es die Geiſtlichen, welche in dieſen Schulen für ihren Beruf ausgebildet wurden, doch auch die weltlichen Großen ließen ſich allmälig bewegen, auch für ſich die Bekanntſchaft mit den Wiſſenſchaften zu ſuchen. a) Die Grundlage für jedes Studium wurde durch die ſogenannten ſieben freien Künſte(artes liberales) des Alterthums gelegt(Vgl.§. 20, 3). An der Spitze derſelben ſtand der Unterricht in der lateiuiſchen Sprache, die Grammatik; ſie war das unentbehrliche Hülfsmittel zur Theilnahme an der chriſtlichen und allgemeinen Cultur des Abendlandes; aus lateiniſchen Büchern wurde dann die Dialektik, d. h. eine beſtimmte Summe von philoſophiſchen Schulbegriffen und Denkregeln ſowie die Rhetorik oder Redekunſt geäbt; daneben wurde etwas ſtronomie oder Sternkunde getrieben, welche aber oft nichts anderes als Aſtrologie oder Sterndeuterei war; ferner Muſik für die Bedürfniſſe des Gottesdienſtes und Arithmetik nebſt Geometrie für das praktiſche Leben, beſonders für die Zwecke der kirchlichen Baukunſt. Die Lehrer dieſer Schulen waren ſämmtlich Geiſtliche oder Mönche. Unter ihrer Leitung wurde je nach Neigung und Bedürfniß auch Theologie und Medicin ſtudirt. Beim Studium der Theologie wurde im ganzen Abendland auf die Werke des heiligen Auguſtinus zurückgegangen. Nicht wenige Mönche gaben ſich außerdem zeitlebens mit dem Abſchreiben der lateiniſchen Bibel, der Kirchenväter und der Werke des anſchen Alterthums ab und verſtanden dieſe Abſchriften mit kunſtvollen Initialen oder Anfangsbuchſtaben zu ſchmücken. b) Seit dem 10. Jahrhundert wurde man, zuerſt in Frankreich, durch die Araber auch wieder mit der griechiſchen Literatur in Berührung gebracht, beſonders mit Arinoteles, welcher für die Ausbildung der mittelalterlichen Theologie und Philoſophie außerordentlich wichtig wurde. Denn aus der Philoſophie des Ariſtoteles und ſpäter des Platon ſchöpfte man die Begriffe und wiſſenſchaftlichen Formeln, durch welche man die überlieferte chriſtliche Lehre mit allen ihren hierarchiſchen, werkheiligen und cärimoniellen Zuthaten als vernünftige Wahrheit zu erweiſen ſuchte. Man nannte dieſe Methode der Theologie und Philoſophie die Scholaſtik und die Lehrer derſelben Scholaſtiker. Unter den Scholaſtikern waren die bedeutendſten:*) Anſelm von Canterbury, geboren zu Aoſta in Savoyen, Mönch und Abt des durch ſeine Schule berühmten Kloſters Bec, dann Erzbiſchof von Canterbury, Verfaſſer des Buches Von der Menſchwerdung Gottes(Cur deus homo) und Begründer der ſpäteren kirchlichen Ver⸗ ſöhnungslehre, geſtorben 1109;— 9) Petrus Lombardus, Verfaſſer des wichtigſten theologiſchen Lehrbuchs des ganzen Mittelalters(Libri IV sententiarurn), geſtorben 1164;—„) Bonaventura, geſtorben 1274;— 4) Thomas, Graf von Aquino, Univerſitätslehrer in Paris, Domimikaner, der tieſſte Denker ſeit Auguſtins Zeiten, geſtorben 1274;— ⁴) Duns Skotus, der ſcharfſinnigſte Philoſoph des Mittelalters, geſtorben 1309. c) Gegenüber den Scholaſtikern ſtand eine Reihe von Männern, welche die Unbegreiflichkeit der göttlichen Wahrheit behaupteten und das ganze Gewicht auf die Gemeinſchaft des Herzens mit Gott legten; dieſe wurden Myſtiker genanut. Die wichtigſten unter ihnen waren:) Bernhard von Clairvaux(Vgl.§. 32, a), geſtorben 11533— 5) Johann Tauler, Dominikaner und evangeliſch geſiunter Volksprediger in Straßburg, geſtorben 1361;—„) Johann Nuysbroek, Mönch in Grünthal bei Brüſſel, geſtorben 1387;— 3) Thomas von empen (Vgl.§. 32, e), Auguſtiner Chorherr auf dem Agneienberg bei Zwoil, Verfaſſer des Buches Von der Nachfolge Fhofff(e⸗ zmnitacone Christi);—*) Der Verfaſſer des Buches Deutſche Theologie, welches auf Luther tiefen indruck machte. 15 d) Aus berühmten Dom⸗ oder Kloſterſchulen gingen ſeit dem 12. Jahrhundert die ſpiſteren Univer⸗ ſitäten hervor, anfangs ohne Mitwirkung der Päpſie, Kaiſer und Könige, lediglich durch die AnziehungsRaft bedeutender Lehrer. So entſtand die hohe Schule zu Bologna für das Studium des kirchlichen und römiſchen Rechts, die zu Salerno die für Medicin, und die zu Paris für die Theologie und Philoſophie(Dialektik), Unter allen wurde die letztere am einflußreichſten bis zur Reformation. Sie war vom 13. bis 16. Jahrhundert gleichſam die höchſte wiſſenſchaftliche Auktorität des Abendlandes. Jünglinge und Männer aus Spanien, Italien, Ungarn, Polen, Deutſchland, Schweden, Norwegen, England, Schottland und Irland fanden dort ihre Bildung oder doch deren letzten Abſchluß. Durch ſeine Uniyerſität war Paris in dieſer Zeit ebenſo die wiſſenſchaftliche Hauptſtadt von Europa wie Rom durch den päpſtlichen Hof die kirchliche Metropole war. Nach dem Muſter der pariſer Hochſchule wurden ſeit dem 14. Jahrhundert unzählige andere gegründet; ſo 1348 die von Prag, 1367 die von Wien, 1386 die von Heidelberg, 1388 die von Cölln, 1390 die von Erfurt, 1402 die von Würzburg, 1409 die von Leipzig und andere, ſämmtlich mit päpſtlichem und kaiſerlichem Privilegium. Die Lehrer an dieſen Univerſitäten waren bis zum 13. Jahrhundert und noch weiterhin faſt ausſchließlich Geiſtliche oder Mönche. Sie zerfielen unter ſich in die noch jetzt üblichen vier Fakultäten der Theologen, Juriſten, Philoſophen und Mediciner; die ganze Univerſität hieß„das allgemeine Studium“(Studium generale). 2) Mehrere Mönchsorden machten ſich auch um die Völker des mittleren und nördlichen Europas dadurch ſehr verdient, daß ſie denſelben edlere Obſt⸗ und Getreide⸗Sorten brachten, wegen des heiligen Abendmahls den Weinbau einführten und außerdem die Baukunſt, Bildhauerei und Malerei pflegten. Nach den Benedictinern(cf.§. 20, 3) des 6. bis 10. Jahrhunderts thaten dies in hohem Maße die Cluniacenſer im 11. und in noch höherem Maße die Ciſtertienfer im 12. und 13. Jahrhundert. Die letzteren waren 1098 geſtiftet, erhielten aber ihren heldenmüthigen, weltüberwindenden Geiſt erſt durch den heil. Bernhard von Clairvaux, welcher 1113 bei ihnen eintrat. Nach ihrer Regel durften ſie ſich nur in wilden Gebirgsthälern, ungelichteten Waldungen und ſumpfigen Niederungen anbauen; nur Pflauzenkoſt war ihnen geſtattet; nur ein⸗ bis zweimaliges Eſſen war ihnen täglich erlaubt; neben dem Gebet mußten ſie alle ihre Zeit auf die Urbarmachung des Bodens ver⸗ wenden; was vom Ertrag ihrer Arbeit übrig war, hatten ſie theils ganz umſonſt theils gegen eine geringe Vergütung an die Bewohner der Umgegend abzugeben. Wohin ſie kamen, rodeten ſie daher die Wälder, entwäſſerten die Sümpfe, bauten Straßen, Dämme, Mühlen und Dörfer, verbreiteten die Getreide⸗Sorten und Obſt⸗Arten von Italien und Frankreich, zogen Coloniſten aus Holland, Friesland, Rheinland und Weſtphalen hinter ſich her und gewannen ſtill, aber nachhaltig das Volk für die Ordnungen der katholiſchen Kirche. Auf dieſe Weiſe wurden ſie für das nördliche Deutſchland, für Schleſien, Böhmen, Mähren und Polen, ja für Dänemark, Schweden und Norwegen die wichtigſten Träger einer höheren Cutur. Unter ihren Stiftungen in Deutſchland ſind Lokkum in Hannover, Ratzeburg in Mecklen⸗ burg, Pforta in der goldenen Aue, Haina in Heſſen, Lehnin in der Mark, Oliva in Preußen beſonders zu nennen. — 9 Geiſtliche und Mönche übten auch einen bedeutenden Einfluß auf die Verbreitung chriſt⸗ licher Sitten und Lebensgewohnheiten unter den nenbekehrten Völkern aus. Sie trieben Predigt und Seelſorge in der Landesſprache, eröffneten den Verfolgten eine Freiſtatt an ihren Altären, erzwangen durch Bann und Interdikt auch bei den Gewaltigen der Erde Zucht und eheliche Treue, deſchußken das Recht der Wittwen und Waiſen, übten Mildthätigkeit gegen die Armen und ſtrebten mit aller Macht nach Abſtellung der beſtändigen Fehden und nach Herſtellung eines allgemeinen Friedens. In allen dieſen Beziehungen machten ſich beſonders auch fromme und begabte Päpſte verdient. 4) In Folge dieſer Thätigkeit der Cleriker traten im Leben der einzelnen Chriſten liebliche Blüthen des Glaubens, der Demuth und der ſelbſtverleugnenden Liebe nicht ſelten hervor. Wie in alter Zeit(Vgl.§. 14, 2) wurde beſonders das Familienleben dadurch beglückt. Daneben aber wurden einzelne Männer und Frauen auch leuchtende Vorbilder ihrer Zeitgenoſſen in mönchiſcher Entſagung. Unter den Frauen ragte über alle hervor die Landgräfin Eliſabeth von Thüringen, jene zarte Fürſtentochter aus Ungarn, welche am Hofe zu Eiſenach den Erſatz für die fehlende Mutterliebe in der Liebe zum Heiland fand; der ſich dann ſpäter das ſchönſte eheliche Verhältniß an der Seite des frommen Landgrafen Ludwig IV. durch die Liebe des Heilandes noch reicher und ſeliger geſtaltete; und welche endlich im Wittwenſtande bei der Pflege der Ausſätzigen wie unter den Geiſelhieben Konrads von Marburg in der Liebe Jeſu Alles tragen und überwinden konnte bis an den Tod. §. 29. Die Kunſt(Baukunſt, Bildhauerei, Malerei, Muſik, Dichtkunſt) im Dienſt und in der Pflege der katholiſchen Kirche des Abendlandes. 1) Die Baukunſt war um 200 n. Chr. zuerſt in den Dienſt der Kirche getreten. Vorher war der Gottesdienſt in Privathäuſern, auf Todtenhöfen, in unterirdiſchen Gewölben(Katakomben) und in Einöden gehalten worden. Seit ungefähr 200 n. Chr. bauten ſich aber die Chriſten große, theilweiſe maſſive Gotteshäuſer nach Art der kaiſerlichen 16 Gerichtshäuſer oder Baſiliken(Zaοds, basilica regia, nämlich domus), unter Verückſichtignng der Bedürfniſſe des ottesdienſtes. Vor dem Gebäude lag meiſtens ein ummauerter Vorplatz(atrium, Vorſaal, Hof), in deſſen Mitte ſich gewöhnlich ein Brunnen(cantharus, Becken) befand. Dann kam das langgeſtreckte, ſchmale, mit flacher Decke verſehene Hauptgebäude(„4ο, fistula) Schiff, meiſt von ſchmalen Seitenſchiffen umgeben und von Säulen getragen, an der einen Langſeite die Kanzel(ehemals Rednerbühne); am Ende des Haupt⸗ oder Mittel⸗Schiffs befand ſich der auf mehreren Stufen ruhende Altar(ambon, altare); hinter demſelben ſchloß ein halbrunder, gewölbter Anbau, die ſog. Apſis(ëyne, Gewölbe), welche zum Sitz des Biſchofs und der Geiſtlichen diente, das ganze Gotteshaus. Später wurde nicht ſelten zwiſchen Schiff und Apſis noch ein Querſchiff gelegt. Das ganze hieß Baſilika. a) Aus dem Baſtlikenſtil entwickelte ſich ſeit dem 6. Jahrhundert im oſtrömiſchen Reich der ſogenannte byzantiniſche Stil, indem man über das Mittelſchiff gewaltige, von Pfeilern getragene Kuppeln ſetzte, die Seiten⸗ ſchiffe mit ſtarken Mauern verſah und die flachen Decken in Tonnengewölbe umwandelte. Das großartigſte Beiſpiel dieſer Bauart war die Sophienkirche in Konſtantinopel, nach deren Muſter, doch mit phantaſtiſcher Vervielfältigung der Kuppeln, die meiſten Kirchen in Rußland gebaut wurden. b) Im Abendland ging aus dem Baſtlikenſtil der ſogenannte romaniſche oder Rundbogen⸗Stil hervor. An die Stelle des Vorplatzes traten hohe Glockenthürme; daran ſchloß ſich ein hohes Mittelſchiff mit niedrigen Seitenſchiffen, von ſtarken Pfeilern und Mauern getragen, anfangs flach gedeckt, dann mit Tonnengewölben, ſpäter mit Kreuzgewölben verſehen; daran ſtieß ein Querſchiff, durch deſſen Verlängerung die Kirche die Kreuzform erhielt; jenſeits deſſelben ging das Mittelſchiff noch ein Stück weiter, jedoch über den Fußboden erhöht(hoher Chor), und ſchloß mit der Apſis, unter dem erhöhten Chor befand ſich die Krüpte(9 νκ, occulta), eine verdeckte Halle, welche als Begräbnißſtätte für Heilige, Biſchöfe und Fürſten diente; an der Stelle, wo Mittelſchiff, Querſchiff und Chor zuſammenſtießen(Vierung), wurde häufig eine Kuppel aufgeſetzt. Die meiſten und ſchönſten Kirchen dieſer Bauart entſtanden in Deutſchland, z. B. die Dome zu Limburg a. L., zu Worms und zu Speier, die Stiftskirche zu Hersfeld, und andere. c) Durch vorzugsweiſe Verwendung des Spitzbogens, des Kreuzgewölbes und des Strebepfeilers entſtand der gothiſche, eigentlich nordfranzöſiſche oder deutſche Stil. Urſprünglich war derſelbe aus dem Bedürfniß hervorgegangen, die Conſtruction der Kirchen den im Norden nothwendigen hohen und ſpitzen Dächern anzupaſſen. Sehr bald aber fühlte man die außerordentlichen techniſchen und üſthetiſchen Vorzüge der neuen Bauart heraus. Die dicken, niedrigen Mauern, die ungegliederten Flächen verſchwanden; wie Gedichte von Stein, himmelan⸗ ſtrebend ſtanden die Kirchen mit ihren ſchlanken Thürmen, ihrem vieleckigen Chor, ihren bunten Feuſtern da. Die reichſte Ornamentik an Säulen, Kapitälen, Geſimſen konnte ſich entfalten. Die heilige Geſchichte wie die Legende, die Thierwelt wie die Pflanzenwelt konnte dem Künſtler dazu die Stoffe bieten; der Maler wie der Bildhauer und Stein⸗ metz konnte ſeine höchſten Gedanken zur Anſchauung bringen. Dieſer im nördlichen Frankreich entſtandene Stil ver⸗ breitete ſich über ganz Europa, bis er im Süden durch die Renaiſſance, im Norden durch die Barbarei verdrängt wurde. In Deutſchland gehören die Münſter zu Straßburg, Freiburg, Ulm, der Stephansdom zu Wien, der Dom zu Cölln, die Eliſabethkirche zu Marburg beſonders hierher. 2) Die chriſtliche Malerei und Bildhauerei, welche in dieſen Kirchen die xeichſte Verwendung fand, hatte ſich ſehr allmälig entwickelt. Die apoſtoliſche Kirche hatte noch gar nichts davon gewußt; im 2. und 3. Jahrhundert hatte man die erſten beſcheidenen Anfänge damit in den Symbolen und andern Bildwerken der römiſchen Katakomben gemacht z. B. im Bilde des Lammes, des guten Hirten, des Fiſches(XOGVX d. h. Ioe XOrοννοιςι Seo Vες Ʒαᷣ ,1 J. Chr. Gottes Sohn, Heiland) der Taube, des Ankers, des Kreuzes. Doch erſt ſeit dem 4. und 5. Jahrhundert ſtellte man die Perſonen der heiligen Geſchichte in den Kirchen dar. Im Oriente blieb man lediglich bei der Malerei und gab den heiligen Geſtalten einen ganz beſtimmten, ſteifen Charakter, von welchem kein Maler abweichen durfte. Dagegen im Abendland wurde die Kunſt des Malers, Erzgießers, Holzſchnitzers und Bildhauers durch Geiſtliche und Mönche, welche die Kirchen erbauten und ſchmückten, gleichſehr ausgebildet. Die Thaten und Leiden der bibliſchen Perſonen und der ſpäteren kirchlichen Heiligen wurden dem Volke auf dieſe Weiſe ohne Worte verkündigt; ſie waren an den flachen Wänden, in den hohen Glasfenſtern, über den reichgeſchmückten Altären, an den Abendmahlsgefäßen und Taufſteinen, ja an der Außenſeite der Gotteshäuſer, beſonders an den Portalen, gleichſam als ein Erſatz für die ſo häufig mangelnde Predigt dargeſtellt. Entſprechend der kirchlichen Stimmung wurde die heilige Jungfrau als Himmelskönigin ebenſo oft als der Heiland ſelbſt abgebildet. Leider erhielten jedoch alle dieſe Bilder in den Kirchen (Vgl.§. 18, 5) eine abergläubiſche Verehrung beim Volke, welche dem wahren Chriſtenthum gänzlich widerſprach. 3) Der Kirchengeſang, welcher in der apoſtoliſchen Zeit von der ganzen Gemeinde getragen wurde(Pſalmen, kurze chriſtliche Hhymnen und Lobpreiſungen), hatte ſich ſeit dem 3. und 4. Jahrhundert zu Wechſelgeſängen zwiſchen Prieſter und Gemeinde umgeſtaltet. Bei den neubekehrten Völkern im Orient und im Occident wurde er wegen der griechiſchen, bzw. lateiniſchen Sprache, in welcher der liturgiſche Theil, d. h. die Gebete und Lieder, des Gottesdienſtes gehalten wurde, ein rein prieſterlicher Chorgeſang, welchem die Gemeinde nur zuhörte. Seit dem 7. u. 8. Jahrh. wurde er in größeren Kirchen mit der Orgel begleitet; Noten, Stimme und Begleitung richteten ſich nach den Regeln Papſt Gregors I.(cantus firmus). Die Theilnahme der Gemeinde wurde jedoch inſofern angeregt als ſie am Schluſſe der Gebete oder Lieder das Amen, Hallelujah oder Kyrieleiſon ſang Im Laufe des Mittelalters entſtanden zu kirchlichem Gebrauch neben den von Alters her geſungenen Pſalmen eine Menge lateiniſcher Lieder in Accentverſen, häufig gereimt, theilweiſe von hoher Schönheit und Innigkeit; doch nur der dritte Theil derſelben war zur Chre Gottes und Chriſti gedichtet, alle andern zur Ehre Marias und der übrigen Heiligen. Dieſe lateiniſchen Lieder hießen Sequenzen(sequentia, sc. carmina), weil ſie auf das Halleluja folgten. Unter den Verfaſſern ſolcher lateiniſchen Lieder ragten beſonders hervor: Notker Labeo, Vorſteher der Kloſterſchule zu St. Gallen, geſtorben 1020(Media vita in morte sumus, nachgeahmt von Luther, Mitten wir im Leben ꝛc.); Bernhard von Clairvaux(Salve caput cruentatum, nachgeahmt von Paul Gerhard: O Haupt voll ꝛc.); Thomas von Celano, geſtorben 1225(Diesirae, dies illa); Jakoponus da Todi, geſtorben 1306(Stabat mater). Ein kirchlicher Volksgeſang bildete ſich erſt 17 in Folge der Kreuzzüge und weiterhin unter den von den Franziskanern geſtifteten Laien-Bruderſchaften. Da er ſich im Gottesdienſt an das Kyrieleiſon anſchloß, nannte man dieſe Lieder Leiſen. Hierher gehören Schönſter Herr Jeſu, Chriſt iſt erſtanden, Nun bitten wir den heiligen Geiſt. Nur bei beſondern Gelegenheiten ſang aber das Volk dieſe Lieder in der Kirche. Denn der lateiniſche, prieſterliche Chorgeſang blieb Regel bis zur Reformation. Nachdem aber dieſe auf ihren Gebieten den kirchlichen Gemeindegeſang eingeführt hatte, folgte auch die katholiſche Kirche mehrfach dieſem Beiſpiel, um die Theilnahme des Volks für ihren Gottesdienſt anzuregen und den Proteſtanten nichts nachzugeben. 7 Elfter Abſchnitt. Die Schäden des kirchlichen Lebens im Mittelalter. §. 30. Das Uebergewicht der Tradition über Gottes Wort(Vgl.§. 17—19). 1) Der Strom der kirchlichen Tradition, welcher bereits ſeit dem 4. und 5. Jahrhundert die reine Lehre des Evangeliums überfluthet hatte, beherrſchte immer ausſchließlicher im Mittelalter die Lehre und das Leben der abendländiſchen Kirche. a) Von der heiligen Schrift beſaß man zwar eine lateiniſche Ueberſetzung vom Kirchenvater Hieronymus (†⁵ 425), welche für inſpirirt galt, die ſogenannte Vulgata, d. h. die allgemein verbreitete; allein dieſelbe befand ſich nur in den Händen der Prieſter und nicht einmal aller, wurde auch von dieſen nur ausnahmsweiſe geleſen, indem man ſich mit den Evangelien, Epiſteln und Pſalmen der kirchlichen Gottesdienſte begnügte, blieb den Laien daher gänzlich unbekannt und konnte um ſo weniger die Herrſchaft der Tradition brechen, da ſie in vorkommenden Fällen ſtets nach der Tradition ausgelegt wurden. 3 b) Auf den hebräiſchen und griechiſchen Grundtext der Bibel aber zurückzugehen, war für Geiſtliche und Laien ſchon deshalb unmöglich, weil die nöthige Bekanntſchaft mit der hebräiſchen und griechiſchen Sprache erſt gegen Ende des Mittelalters im Abendlande ſich verbreitete. Ohnehin mußten auch einzelne Gelehrte, welche etwa die Rechte des Grundtextes gegen die häufig falſche Ueberſetzung der Vulgata zu vertheidigen wagten, von vorn herein bereit ſein, als Frevler gegen dieſe für inſpirirt und unfehlbar erklärte Ueberſetzung ihr Leben im Gefängniß oder auf dem Scheiter⸗ haufen zu endigen. Von der herrſchenden Kirche wurden ſogar Ueberſetzungen der Vulgata in abendländiſche Sprachen, wie die der Waldenſer ins Provengaliſche und die des Johann Wicliffe ins Engliſche, mit allen Mitteln verfolgt und unterdrückt. Diejenigen Ueberſetzungen aber, welche die Hierarchie duldete, waren ſo unverſtändlich und unbrauchbar, daß ſie weder der geltenden Tradition ſchaden noch der Verbreitung der göttlichen Wahrheit nützen konnten. 2) Alle die Millionen heilsbegieriger Menſchen, welche daher im Mittelalter die Frage aufwarfen:„Was muß ich thun, daß ich ſelig werde?“ erhielten nicht die Antwort:„Suche in der Schrift, glaube dem Worte Gottes“ (Joh. 5, 39. 2 Petri 1, 19. A. G. 17, 11), ſondern:„Glaube und thue, was dir die Kirche gebietet!“ Die Kirche aber gebot ihnen durch Päpſte, Biſchöfe und Prieſter nicht, wie das Wort Gottes thut:„Glaube an Jeſum Chriſtum, gib dich Ihm als deinem Erlöſer von Herzen hin; dann wirſt du vor Gott gerecht und ſelig(A. G. 16, 30— 31. Epheſ. 2, 8— 9. Gal. 2, 20. Röm. 3, 28. 10, 10 u. ſ. w.), ſondern ſie erwiederte ihnen:„Es iſt zwar nöthig und „gut, daß du deine Sünden bereuſt und an Chriſtum glaubſt, aber das reicht nicht hin, um Chriſti Verdienſt und „Gnade zu erlangen; vielmehr mußt du dir daſſelbe durch eigne Büßungen und durch kirchlich vorgeſchriebene gute „Werke ſelbſt verdienen! Du mußt fleißig faſten und nachtwachen; recht viele Vater unſer und Abe Maria beten „(Roſenkranz ſeit 1200); den ganzen Pſalter oder die 7 Bußpſalmen gläubig herſagen; dich kaſteien durch Geiſelhiebe, „rauhe Gewänder, hartes Lager, ſpitzige Nägel, eiſerne Ketten und Kugeln, bloße Füße, und weite Wallfahrten; dich „des Weines oder Fleiſches gänzlich enthalten; dein Vermögen an Kirchen und Klöſter ſchenken; den Armen reiche „Almoſen ſpenden; täglich die Meſſe hören; dann haſt du Ausſicht, daß dir der Herr deine Sünden durch prieſterliche „Abſolution vergiebt. Doch damit du Seine Gnade deſto beſſer erlangſt, iſts gut, wenn du die Heiligen, beſonders die „Mutter Gottes um ihre Fürbitte beim Herrn anrufſt; und damit die Heiligen deiner Bitte leichter willfahren, mußt „du ihre Reliquien(Gebeine, Haare, Kleider, Hausgeräthe, Bücher u. ſ. w.) andächtig ehren, zu ihren Gräbern wall⸗ „fahrten, zu ihrer Verherrlichung Altäre, Kapellen, Kirchen und Klöſter bauen, ihnen Kerzen, Kleider, Schmuckſachen „weihen, ihre Bilder als heilig und wunderkräftig anſehen, bei ihnen Hülfe ſuchen in aller Noth für Menſchen und „Vieh. Dann wird dir Chriſtus um deiner guten Werke willen gnädig ſein, indem die Heiligen für dich bitten.“ 3) Entſprechend dieſer ſchriftwidrigen Veränderung des Heilswegs begnügte ſich die mittelalterliche Kirche auch nicht mit der Feier der altkirchlichen Sonn- und Feſt⸗Tage(Oſtern, Pfingſten, Weihnachten, Epiphanias), ſondern fügte eine Menge von Marien⸗, Avpoſtel-, Heiligen⸗, Märtyrer⸗ und Engel⸗Feſten hinzu. Nachdem die Lehre von der Brodverwandlung im h. Abendmahl ſeit 1215 zur Kirchenlehre erhoben war, führte man 1264 das Frohnleichnamsfeſt (festum corporis Christi) als höchſtes Feſt der katholiſchen Chriſtenheit ein. Man verherrlichte durch daſſelbe beſonders den prieſterlichen Stand, indem dieſer mit ſchöpferiſcher Kraft aus dem bloßen Brode den wahrhaftigen Gott hervor⸗ zubringen ſchien. Damit kein Tropfen vom vermeinten Blute verloren ginge, entzog man außerdem den Laien den 3 18 Kelch. Zugleich wurde das altkirchliche Dankopfer im Abendmahl zur unblutigen Wiederholung des Opfers Chriſti verkehrt(Vgl.§. 17, 7), die geweihte Hoſtie aber als der lebendige Gott angebetet. „ 4) Statt der zwei vom Herrn eingeſetzten Sacramente(Taufe und Abendmahl) zählte man deren nach längerem Schwanken ſieben, nämlich Taufe, Beichte(Buße), Abendmahl(Meſſe, von missa est ecclessia, die Gemeinde iſt entlaſſen), Firmelung(eigentlich Firm⸗Oelung), Prieſterweihe(Ordination), Ehe und die letzte Oelung(Sterbeſacrament). Die Beichte wurde ſeit 1215 Geſetz für jeden Chriſten(Vgl.§. 27 1, d.); die Ehe wurde als unauflöslich angeſehen, aber durch eine Menge von ſelbſtgemachten Hinderniſſen erſchwert, von welchen man ſich für Geld dispenſiren laſſen mußte. 5) Der Irrthum, welcher bereits im 2. Jahrhundert hier und da gelehrt war, daß es zweierlei Sittlichkeit gebe, die eine für die gewöhnlichen Chriſten, welche in den natürlichen, von Gott geordneten Lebensverhältniſſen (Familie, Ehe, Beſitz, perſönliche Freiheit, Handel, Ackerbau, Kriegsdienſt u. ſ. w.) verblieben, die andere aber für die vollkommenen Chriſten, welche den evangeliſchen Rathſchlägen(consilia evangelica) folgten und durch die drei Gelübde der Armuth(Beſitzloſigkeit), der Keuſchheit(Familienloſigkeit) und des Gehorſams aus dem Weltleben in das Leben der Engel, d. h. der Sache nach in das Leben der Mönche und Nonnen übergingen,— dieſer Irrthum wurde immer entſchiedener ausgebildet. Das Kloſterleben galt für ſo heilig, daß Kinder daſſelbe gegen den Willen der Eltern, Eheleute gegen den Willen des Gatten erwählen konnten. Von denen, welche ſich in dieſem mönchiſchen Leben noch durch beſondere Heiligkeit(Gebet, Büßungen, Werke der Liebe und Selbſtverleugnung) aus⸗ zeichneten, glaubte man annehmen zu dürfen, daß ſie viel mehr gute Werke thäten als ſie zu thun ſchuldig wären; dieſe überflüſſigen guten Werke bildeten dann angeblich einen Schatz oder Vorrath(thesaurus operum supererogatorum), welcher unter der Verwaltung des Papſtes zum Nutzen der im Fegfeuer gequälten Seelen(Vgl.§. 24, 5) verwendet werden könnte. Wollte Jemand dieſen Vortheil für ſeine verſtorbenen Angehörigen aber erlangen, ſo mußte er ihn ebenſo mit Geld erkaufen(Ablaß), als wenn ein Lebender den Erlaß einer Kirchenſtrafe für ſich erreichen wollte, z. B. den einer ſchwierigen Wallfahrt, eines allzu angreifenden Faſtens und dgl. Einzelne Ablaßkrämer behaupteten ſogar, man könne ſich mit Geld die Vergebung der Sünden erwerben. 6) Im Zuſammenhange mit dieſer völligen Herrſchaft der Tradition wurde die chriſtliche Religion immer mehr geſetzlich, äußerlich und unevangeliſch aufgefaßt; der alte heidniſche Aberglaube aber, welchen Gottes Wort vertreiben ſollte, wurde unter ſcheinbar chriſtlichen Formen wieder ins Leben gerufen und durch die Phantaſien der Prieſter wie der Laien tauſendfach geſteigert. Nicht wenig trug hierzu der Gebrauch der lateiniſchen Sprache bei allen gottesdienſt⸗ lichen Handlungen bei; denn, indem das Volk die geheiligten lateiniſchen Formeln nicht verſtand, legte es denſelben unwillkürlich eine magiſche und zauberiſche Wirkung bei. Das weiteſte Feld aber fand die abergläubiſche und phantaſtiſche Neigung des Mittelalters durch den Heiligendienſt mit ſeinen zahlreichen Auswüchſen(Vgl.§. 18, 5) „ §. 31. Die Schäden des geiſtlichen Standes, beſonders des Papſtthums. 1) Zu den eben erwähnten Schäden des kirchlichen Lebens im Mittelalter kamen noch andere, welche aus der hohen Stellung, dem Reichthum und der politiſchen Macht der geſammten Geiſtlich⸗ keit, aus der lateiniſchen Kirchenſprache und aus dem von Gregor VII. erzwungenen Cölibat hervor⸗ gingen. a) In Folge der Meinung, daß Schenkungen an die Kirche verdienſtlich ſeien und aus dem Fegfeuer erlöſen könnten, wurden die hohen Geiſtlichen und Aebte mit ungeheuern Beſitzthümern ausgeſtattet. In Deutſchland wurden die Erzbiſchöfe von Mainz, Trier und Cölln die vornehmſten Reichsfürſten; Biſchöfe und Aebte ſtanden Herzögen, Fürſten und Grafen gleich; ähnlich gieng es mit den hohen Prälaten in England, Frankreich, Spanien, Ungarn und überall. Dieſe hohe weltliche Stellung war aber der Ausübung der geiſtlichen Aemter nicht förderlich. Denn als vornehme Lehnsträger und Vaſallen der Kaiſer und Könige mußten die hohen Geiſtlichen ſelbſtverſtändlich auch Heer⸗ folge und Kriegsdienſt leiſten; nicht ſelten konnte man ſie daher im Harniſch und mit dem Streitkolben ſtatt des Schwertes(quia ecclessia non sitit sanguinem) vor ihren Rittern und Knechten reiten ſehen; das oberhirtliche Amt aber blieb unterdeſſen den Seellvertretern oder Officialen überlaſſen. Ebenſo wurden ſie durch ihre Stellung viel zu ſehr in die politiſchen Händel der Höfe und Völker verwickelt, als daß ſie für Predigt und Seelſorge viele Zeit und Aufmerkſamkeit behalten hätten. Nicht weniger ließen ſich viele zu einer glänzenden Hofhaltung mit üppigem Leben bei Eſſen und Trinken, bei Spiel und Jagd verleiten. b) Der Umſtand, daß die geſammte Schulbildung in lateiniſcher Sprache mitgetheilt wurde, alſo auch die Uebungen in der Predigt des Evangeliums, verlieh zwar dem Prieſterſtande des Mittelalters die Fähigkeit, die Gebete der lateiniſchen Liturgie und die Meſſe mit einigem Verſtändniß zu leſen ſowie die Werke der lateiniſchen Kirchenſchrift⸗ ſteller zu ſtudieren; allein er erſchwerte auch doppelt die doch ſo nothwendige Predigt in der Landesſprache. Nur ſelten fanden ſich fromme und begabte Geiſtliche oder Mönche, welche in die Fußtapfen des Bonifatius und Ansgarius traten und dem Volke durch Verkündigung des Evangeliums in ſeiner eigenen Sprache ans Herz drangen. Dergleichen Männer hatten dann freilich, wie Norbert, der Stifter des Prämonſtratenſer-Ordens(1120) und Erzbiſchof von Magdeburg, oder wie Bernhard von Clairvaur einen ganz außerordentlichen Einfluß auf ihre Zeitgenoſſen. Im Ganzen aber war es ein Mangel des kirchlichen Lebens im Mittelalter, daß es an der volksmäßigen chriſtlichen Predigt fehlte. Auch durch die Franziskaner und Dominikaner, welche ſeit dem 13. Jahrhundert ſehr viel in den Landesſprachen predigten, wurde dieſer Mangel nicht beſeitigt; denn ſie predigten nicht Buße und Glauben, ſondern die Legenden ihrer Ordensgründer und die abergläubiſchen Cärimonien der entarteten Kirche. 19 c) Ein ungeheuerer Nachtheil für die Sittlichkeit der Geiſtlichen war die ſeit Gregor VII er⸗ zwungene Eheloſigkeit des ganzen Standes. Gab es auch fromme und entſagende Naturen, welche durch Gebet und Arbeit vor ſittlichem Fall bewahrt blieben, ſo konnte doch eine große Menge anderer es nicht ſoweit in der Setbſt⸗ beherrſchung bringen und geriethen entweder in die ſchändlichſte Sittenloſigkeit oder ſchloßen heimliche, vor dem Geſetz ungültige Ehen, für welche ſie dem Biſchof eine jährliche Abgabe zahlten. Am unglücklichſten waren die Kinder, welche aus dieſen verbotenen Chen hervorgingen. Unzählige Verbrechen und Gewiſſensnöthen aber verbargen ſich in der Stille Aus ähnlichen Urſachen waren die Mönchs⸗ und Nonnen⸗Klöſter zuweilen die Stätten der größten Laſterhaftigleit, ſodaß einzelne, welche ſich durchaus nicht beſſern ließen, bereits im Mittelalter durch Päpſte, Biſchöfe und Fürſten ganz aufgehoben wurden... 2) Alle genannten Uebelſtände und Mängel des kirchlichen Lebens im Mittelalter traten in geſteigertem Maße am päpſtlichen Hofe hervor. Zwar galten die Päpſte allgemein als die Stell⸗ vertreter Gottes und Chriſti, als die Oberhirten der Chriſtenheit und als die Wächter des göttlicheu Geſetzes. Aber ſehr oft brachten ſie ſich ſelbſt mit ihrem hohen geiſtlichen Amt durch ihr Verhalten in Widerſpruch und gaben hierdurch das größte Aergerniß. 2a) Dies geſchah zunächſt ſchon durch ihre Stellung als italieniſche Fürſten. Mebhr noch als andere Prälaten wurden ſie durch dieſelbe in die krummen Wege, Lügen und Gewaltthaten der Politik verflochten, welche ſich mit ihrem Amte nicht vertrugen. Dazu kamen die Verſuchungen des Reichthums und des Cölibates, durch welche viele Päpſte in ein üxpiges ausſchweifendes Leben, ihr ganzer Hof in Schandthaten und Greuel geriethen. Bereits im 9. und 10. Jahrhundert gab dies den Gläubigen den ſchwerſten Anſtoß. Seit 1130 gründete der Reformator Arnold von Brescia darauf ſeine Forderung, daß die Päpſte ihre weltliche Herrſchaft aufgeben und in apoſtoliſcher Einfachheit nur ihrem kirchlichem Amte leben ſollten. Zum Dank ließ ihn freilich Hadrian IV. in Nom 1155 hängen verbrennen und ſeine Aſche in die Tiber werfen. Im 13, 14. und 15. Jahrhundert waren die Greuel des päpſtlichen Hofs in Italien, Deutſchland und Frankreich ſprichwörtlich geworden. Beſonders mochte hierzu das ſogenannte babyloniſche Exil der Päpſte in Avignon(1305- 1377) und das noch ärgerlichere päpſtliche Schisma(1378— 1417) Veranlaſſung und Stoff liefern. Die furchtbarſte Entartung zeigte ſich jedoch unter Alexander VI. aus dem Hauſe Borgia(1492— 1502) Unter ihm entſtand das ſpäter oft mißverſtandene Sprüchwort: Wer vom Papſt ißt, ſtirbt daran(qui mange du pape, en meurt). Denn die römiſchen Großen, deren Güter er einziehen wollte, fanden an ſeiner Tafel ihren Tod durch Giſt. Meuchelmord, Raub und Chebruch wurden überhaupt ungeſcheut von ihm geübt. Seinem begabten, aber höchſt gewiſſenloſen Sohn Ceſare Borgia, einem Brudermörder, brachte er mit Gewalt und Unrecbt ein Fürſtenthum zuſammen Er ſelbſt ſtarb an Gift, welches er oder ſein Sohn für einen Cardinal bereitet hatte. b) Einen weiteren Anſtoß gaben die Päpſte durch ihre unerſättliche Habſucht. Schon ſeit dem 7. Jahrhundert zwangen ſie die Erzbiſchöfe, ihr)e Amts-Mäntel oder Pallien für große Summen von ihnen zu erlangen. Mit der Zeit zogen ſie die Einkünfte erledigter Bisthümer, Domherrnpfründen und Abteien unter dem Titel von Annaten auf ein oder zwei Jahre an ſich, empfingen aus dem ganzen Abendland den Peterspfennig, dispenſirten für hohe Beträge von Faſten, Ehehinderniſſen und kirchlichen Büßungen, empfingen jährlichen Tribut aus Ungarn, Portugal und andern Ländern, maßten ſich Zölle von der Rheinſchifffahrt an und wußten duich ihre Legaten unter allerlei Vor⸗ wänden Geldſummen zu erpreſſen, z. B. ſeit 1300 durch die ſogenannten Jubeljahre und ſeit 1450 durch das Vorgeben, die Türken aus Europa vertreiben zu wollen. Das Schändlichſte in dieſer Beziehung war die ſchamloſe Simonie, welche am päpſtlichen Hofe getrieben wurde. Denn während dieſe von Niemanden ſo ſchwer verdammt war als von den Päpſten, wurde ſie doch von Niemanden ſo ſchnöde geübt als von ihnen. Für Geld konnten die unwürdigſten Menſchen geiſtliche Aemter erhalten. Beſonders Italiener, welche die ſchmutzigen Kanäle in Rom zu finden wußten, wurden auf dieſe Weiſe mit den einträglichſten Pfründen in Deutſchland, Frankreich, England u. ſ. w. zum großen Aergerniß der Landesbewohner begabt.. 4 c) Nicht geringen Zorn erregten die Päpſte weiter durch ihre Uebergriffe auf politiſchem Gebiet. Durch ihre Forderung, Oberlehnsherrn ker Kaiſer und Könige zu ſein und die letzteren nach Willkür ein und abzuſetzen, reizten ſie nicht nur beſtändig die Fürſten ſondern häufig auch die Völker zum Widerſpruch, und an der Selbſtſtändig⸗ keit der letzteren ſcheiterte bereits im Mittelalter nicht ſelten die päpſtliche Macht Selbſt der gewaltige Innocens III. ſchleuderte daher vergeblich 1215 der Bannfluch gegen die Stände von England und gegen ihre Magna Charta, als ſie ihn nicht als Oberlehnsherrn des Reiches auerkennen wollten. Bonifacius VIII.(1294— 1303) aber unterlag noch entſchiedener im Kampfe mit Philipp von Frankreich, als er behauptete, der Inhaber nicht nur des geiſtlichen ſondern auch des weltlichen Schwertes zu ſein und als geiſtlicher Menſch über alle andern Menſchen Gericht halten zu dürfen, ſelbſt aber von Niemanden gerichtet zu werden(Mißverſtand v. Luk. 22, 36— 38 und 1 Kor. 2, 15). Val.§. 27, 2, a. d) Beſonders dem Clerus gaben endlich die Päpſte noch Anſtoß durch die Privilegien, welche ſie den ſogenaunten Bettelmönchen(fratres mendicantes), den Dominikanern und Franziskaneen verliehen. Lie erlaubten nämlich dieſen, in jeder Diöceſe und Pfarrei zu predigen und Beichte zu hören, und untergruben dadurch den Einfluß der ordentlichen Seelſorger zu Gunſten der päpſtlichen Gewalt(Vgl.§. 32, c). 20 Zwölfter Abſchnitt. Die Reformationsverſuche im Mittelalter. 32. Die Reformbeſtrebungen vom Standpunkt der kirchlichen Tradition aus. Der chriſtliche Geiſt war in der geſetzlich und hierarchiſch geſtalteten Kirche des Abendlandes trotz aller Verirrungen und Mißbräuche niemals ganz unterdrückt. Zu jeder Zeit gab es unter Clerus und Laien ernſte und fromme Menſchen, welche einen Zug zur Ewigkeit in ſich trugen, mit Furcht und Zittern nach ihrer Seligkeit trachteten und ihrem Erlöſer aufrichtig in ihrem Stande dienten. Die innige Liebe zu Jeſu, von welcher dieſe frommen Menſchen glühten, machte ſich nicht bloß in ihrem eniſagungsvollen Wandel ſondern auch in Gottesliedern, Hymnen, Gebeten und Predigten Luft, ebenſo zeigte ſie ſich in dem tiefen Schmerz, womit dieſelben je und je die Entartung des geiſtlichen Standes und den ſittlichen Niedergang der Chriſtenheit beklagten, ſowie in dem Eifer der Liebe, mit welchem ſie die vorhandenen Schäden nach dem Maße ihrer Erkenntniß zu beſſern ſuchten. a) Sieht man von den mehr bahnbrechenden Beſtrebungen Gregors I. und Karls des Großen ab, ſo ging der erſte großartige und umfaßende Verſuch einer kirchlichen Reinigung des Mönchsweſens, des Clerus und der geſammten Chriſtenheit von den Mönchen zu Clugny aus, welche dabei an Kaiſer Heinrich III. eine ſtarke Unterſtützung fanden. In ihren Fußtapfen ſchritt der gewaltige Gregor VII. weiter(Vgl.§. 26, 8). b) In demſelben Sinne arbeiteten ſpäter die Ciſtertienſer an der Herſtellung und Erhaltung chriſtlich⸗ascetiſcher Kirchlichkeit. Sie hatten zugleich das Glück, in ihrer Mitte einen Mann zu beſitzen, der zu den größten Männern ſeines Jahrhunderts und des geſammten Mittelalters gehörte, den heiligen Bernhard von Clairvaux, geb. 1091, geſt. 1154. Ausgezeichnet durch ſeine innige und brennende Liebe zum Herrn, durch einen unermüdlichen Eifer für die Förderung des Reiches Gottes, durch eine mannigfaltige Thätigkeit als kirchlicher Schriftſteller, durch eine begeiſternde und zündende Beredſamkeit und durch einen das Wohl der ganzen Kirche überſchauenden Blick wurde dieſer Mann nicht nur der Sänger unvergeßlicher Jeſuslieder in lateiniſcher Zunge, welche zum Theil noch in den Liedern Paul Gerhards nachklingen, ſondern auch der Bußprediger, Evangeliſt und Bekehrer vieler Tauſende zu ſeiner Zeit, unter welchen Könige, Päpſte, Biſchöfe und Fürſten waren, der hoch über ſeiner Zeit ſtehende Gegner der ſo oft wiederkehrenden Judenverfolgungen, der Erneuerer des entarteten Mönchthums, der Urheber des zweiten Kreuzzugs, überhaupt eine apoſtoliſche Erſcheinung im weißen Kleide des Ciſtertienſerordens. Die Reformbewegung, welche in ſeinem an Glauben, Demuth, Selbſtver⸗ leugnung und Liebe reichen Herzen ihren Mittelpunkt gehabt hatte, dauerte zwar nach ſeinem Tode noch fort, aber ſelbſt in ſeinem Orden erloſch ſie allmälig, nachdem derſelbe durch unſägliche Entbehrungen und Arbeiten zu Reich⸗ thum und Glanz gekommen war. c) Ein weiterer bedeutender Verſuch, das Leben der Mönche und Prieſter, noch mehr aber der Gemeindeglieder im ſtrengen Gehorſam gegen Papſt und Kirche, ſowie in vollkommener Entſagung und in apoſtoliſcher Armuth zu geſtalten, ging von den beiden Bettelorden, den Franziskanern und Dominikanern aus. Franciscus und Dominikus, die Gründer dieſer Orden, glaubten beide den Verfall der bisherigen Congregationen daraus ableiten zu müſſen, daß zwar den einzelnen Mönchen vollkommene Armuth und Beſitzloſigkeit zur Regel gemacht war, nicht aber den Klöſtern als Corporationen. Um daher die Verſuchungen des Reichthums in Zukunft für ihre neuen Orden unmöglich zu machen, verboten ſie nicht bloß den Einzelnen, ſondern auch den Klöſtern ſelbſt jeden Beſitz an Aeckern, Weinbergen, Gärten und dgl. ſowie an Geld und edeln Metallen. Indem die Mönche ſich ihren Unterhalt täglich von der Liebe der Gläubigen erbetteln mußten, ſollten ſie in beſtändiger Armuth, Demuth und Mäßigkeit erhalten werden und ihre ganze Kraft auf Gebet, Predigt, Beichthören und andere ſeelſorgerliche Thätigkeiten verwenden können. Insbeſondere ſollten ſie den Glauben und die Einrichtungen der Kirche gegen Waldenſer und Albigenſer im Innern, ſowie gegen Muhamedaner und Heiden nach Außen vertheidigen. Unſtreitig waren dieſe Beſtimmungen von katholiſchem Standpunkt aus folgerichtig und wohlgemeint, nur überſahen die beiden Ordensſtifter wie alle ihre Vorgänger, daß die beſte und heilſamſte Ordensregel immer nur ſo lange gehalten wird als die Begeiſterung dauert, welche durch Entſagung und Weltflucht ihr Seelenheil ſchaffen und dem Herrn dienen will, daß aber eine jede Ordensregel von dem Augenblick an umgangen oder übertreten wird, wo dieſe Begeiſterung aufhört und an deren Stelle die Stimmung des natürlichen Menſchen mit ihrer Luſt an Beſitz, Freiheit und Genuß tritt. Auch die Franziskaner und Dominikaner blieben deßhalb von dem Verfall der übrigen Orden mit der Zeit nicht frei. Als bei ihnen der urſprüngliche Eifer erlahmt war, umgingen ſie ganz einfach aus Genußſucht die Gebote der Regel. Sie erbettelten ungleich mehr als ſie brauchten, brachten es in verborgenen Schlupf⸗ winkeln bei Helfershelfern in Stadt und Land unter und verpraßten es dann bei Gelegenheit in wüſten Gelagen und unter groben Unſittlichkeiten. Der Schaden, welcher aus ihrer Entartung hervorging, war inſofern noch größer als bei der Verweltlichung der früheren Orden, weil ſie auch das Volk zur Theilnahme an ihren Ausſchweifungen verführten. d) Der Orden der Dominikaner wurde ſeit 1230 der Träger der Inquiſition. Nicht wenige der berühmteſten Theologen des Mittelalters gehörten zwar zu ſeinen Mitgliedern, allein die Greuel der Inquiſitionsproceſſe, bei welchen 21 nicht nur die Grundſätze des gemeinen Rechts ſondern auch die höchſten und heiligſten Vorſchriften des Chriſtenthums mit Füßen getreten wurden, machten allmälig den Dominikanerorden bei den Völkern gefürchtet und verhaßt. e) Evangeliſcher als die Reformationsverſuche der Mönchsorden, doch immer noch im Gehorſam gegen die kirch⸗ liche Tradition, war der der Brüder vom gemeinſchaftlichen Leben(fratres de communitate vitae) im 14. Jahrh. Gerhard Groot, geb. 1340, geſt. 1384, Sohn des Bürgermeiſters zu Deventer, von ſeinen Ettern ſorgfältig erzogen, erhielt ſeine theologiſche Ausbildung in Paris, gab ſich als Lehrer an der hohen Schule zu Cölln einem feinen Lebens⸗ genuß hin, wurde aber, als er eines Tages einem öffentlichen Schauſpiel zuſah, durch das Wort eines unbekannten, aber ernſten Mannes getroffen: Was ſtehſt du hier, auf eitle Dinge gerichtet? Du mußt durchaus ein anderer Menſch werden. Er mied ſeitdem die gewohnten Vergnügungen, verzichtete auf ſeine Einkünfte, legte einfache graue Kleidung an, ließ ſich ruhig von den Weltmenſchen verſpotten und begab ſich nach einiger Zeit in ein Kloſter, wo er ſich unter ſtrengen Bußübungen dem Gebet und dem Studium der heiligen Schrift widmete. Im Worte Gottes fand er den völligen Frieden ſeiner Seele. Mit Erlaubniß des Biſchofs von Utrecht zog er dann als Reiſeprediger umher und drang durch gewaltige Verkündigung des göttlichen Geſetzes und Evangeliums auf Buße und Glauben. Weil er indeſſen nicht bloß die Sünden des Volkes, ſondern auch die der Prieſter ſtrafte, ſo ließen dieſe dem Biſchof von Utrecht keine Ruhe, bis er, wenn auch ungern, Gerhard Groot das fernere Predigen verbot. Im Kloſter Grünthal bei Brüſſel, wohin ſich Groot nunmehr zurückzog, fand er einen Kreis von Männern vereint, welcher in tiefſter Verſenkung des Gemüthes in Gott und in herzlichſter Liebe unter einander ſich auf die Ewigkeit vorzubereiten ſuchte. Seitdem war es Groots Wunſch, mit einem gleichen Kreis von Freunden bis an ſein Ende zuſammenzuleben. Aus dieſem Grunde rief er mit mehreren Freunden zu Deventer die Bruderſchaft vom gemeinſchaftlichen Leben ins Daſein. Sie widmeten ſich der Seelſorge, beſonders bei Armen und Kranken, und verbreiteten das Wort Gottes ſowie gute Erbauungsſchriften, indem ſie dieſelben abſchrieben und unter das Volk brachten. Sehr bald war die Bruderſchaft in den größeren Städten der Niederlande und Deutſchlands angeſiedelt und in geſegneter Wirkſamkeit. Jedes ihrer Häuſer trug einen beſonderen Namen; die Brüder wurden vom Volke wegen einer Art runder Filzhüte, welche ſie trugen, Gogel- oder Kugel-Herrn genannt. In der Zeit der Reformation gingen ſie ohne ſchweren Kampf zur reinen evangeliſchen Lehre über. Der berühmteſte Mann, welcher aus ihrer Mitte hervorging, war Thomas Hammerken, gewöhnlich nach ſeinem Geburtsort Thomas von Kempen(a Kempis) genannt, geb. 1380, geſt. 1471. Er verfaßte das Buch von der Nachfolge Chriſti(de imitatione Christi), eine faſt ganz evangeliſche Dar⸗ ſtellung des Lebens in Chriſto, in welcher beſonders die Gedanken des Evangeliſten Johannes einfach und tiefſinnig wiedergegeben ſind, während die eigentlich katholiſchen Meinungen kaum hier und da berührt werden. Die Sünde und Weltliebe ſollen im Herzen ſterben; die Liebe Gottes und Chriſti ſoll es ſelig erfüllen. Von Heiligendienſt, Wallfahrten, Kloſterleben, Legenden und äußerlichen kirchlichen Cärimonien iſt keine Rede; der Papſt iſt nicht erwähnt. Das Buch erlangte eine außerordentliche Verbreitung bei Katholiken und Proteſtanten und muß mit vollem Recht als das bedeutendſte Erbauungsbuch bezeichnet werden, welches aus dem Mittelalter auf uns gekommen iſt. f) Der letzte Verſuch, die Schäden der mittelalterlichen Kirche im Anſchluß an die herrſchende Tradition zu heilen, ging von den Univerſitäts⸗Theologen und hohen Geiſtlichen aus und fand ſeinen Ausdruck in den großen Concilen zu Piſa, Conſtanz und Baſel. Er wurde hervorgerufen durch die Greuel des päpſtlichen Schismas(1378— 1417), indem zwei und drei Päpſte ſich gegenſeitig in Bann thaten, ſich in ſcham⸗ loſem Aemterverkauf und Erpreſſungen überboten und die Kirche in verderblicher Weiſe zerriſſen. Nachdem das Concil von Piſa(1409), welches zur Hebung des Schismas von den römiſchen Cardinälen beruſen war, durch ſeine Er— wählung eines neuen Papſtes die Spaltung nur noch vergrößert hatte, berief der Kaiſer Sigismund und Papſt Johann XXIII., letzterer durch Noth gezwungen und mit böſem Gewiſſen wegen ſeiner Verbrechen(Seeraub, Simonie, Unzucht jeder Art) das Coneil von Conſtanz(1414— 1418). Die Verſammlung beſtand aus dem hohen Clerus (Cardinäle, Erzbiſchöfe, Biſchöfe, Aebte, Domherrn), den Doctoren der Univerſitäten und einer Menge weltlicher Fürſten, an deren Spitze der Kaiſer ſtand. Den Freunden der Reform ſchwebte der altkirchliche Gedanke vor, das Uebergewicht des Papſtthums in der Kirche zu brechen und den Schwerpunkt der Kirchenleitung in das Concil als Verſammlung der Biſchöfe zu legen(Episkopalismus ſtatt Curialismus oder Papalismus). Allein auf dem Standpunkt der kirchlichen Tradition, welchen ſie ſelbſt mit aller Entſchiedenheit feſthielten, beſonders gegen den böhmiſchen Reformator Johann Huß(Vgl.§. 33, 3), konnte die Durchführung jenes Gedankens unmöglich gelingen. Denn die Tradition des geſammten Abendlandes wußte von keiner andern Kirche als deren Oberhaupt der Papſt war, der Stellvertreter Gottes und Chriſti. An dieſem Widerſpruch ging das Concil zu Grunde. Zwar ſetzte es die ſchismatiſchen Päpſte, auch Johann XXIII. ab, allein es beging unter dem Druck der Tradition den Fehler, alsbald(1417) einen nenen Papſt, Martin V. zu wählen, ehe noch die Reformbeſchlüſſe geſaßt und der päpſtliche Hof darnach neu geſtaltet war. Der neue Papſt aber wußte mit römiſcher Liſt die Mehrheit der Concilväter durch die Eiferſucht auf die Deutſchen für ſich zu gewinnen, ſodaß alle wirklichen Reformen unterblieben und das Concil(1418) erfolglos auseinanderging. Die huſſitiſchen Streitigkeiten, welche aus den Maßregeln des Conſtanzer Concils gegen Huß und gegen deſſen Anhänger hervorgingen, nöthigten Papſt Eugen IV. zur Berufung des Concils von Baſel(1431—47). Da jedoch dieſe Ver⸗ ſammlung die Conſtanzer Reformbeſtrebungen erneuerte, ſich ſelbſt über den Papſt ſtellte und zur Abſtellung der päpſtlichen Gelderpreſſungen zweckmäßige Beſchlüſſe faßte, ſo verlegte Eugen IV. dieſelbe nach Ferrara, von da nach Florenz(1457) und ſprach den Bann über die in Baſel zurückbleibenden Renitenten aus. Zugleich wußte er durch Verträge mit den einzelnen Fürſten, beſonders mit dem gleichgültigen und trägen Kaiſer Friedrich III.(Wiener und Aſchaffenburger Concordat 1448) faſt alle Anſprüche des päpſtlichen Stuhles zu behaupten. Auf dieſe Weiſe waren Ende des 15. Jahrhunderts alle Mißbräuche des kirchlichen Lebens mehr denn zuvor befeſtigt und alle Reformverſuche, welche dagegen vom Standpunkt der Tradition aus gemacht waren, gänzlich mißlungen. Die Lage der abendländiſchen Kirche war um ſo ſchlimmer, da auch verſchiedene Anſätze, die Kirche auf Grund des Wurte⸗ Gottes und unter Losſagung von der ſchriftwidrigen Tradition zu erneuern, keine allgemeinen Erfolge erzielt hatten. 3* 22 §. 33. Die Reformationsverſuche des Mittelalters vom Standpunkt der heiligen Schrift aus. Petrus Waldus. Johann Wieliffe. Johann Huß. . 1) Petrus Waldus und die Waldenſer. Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts entſtand im ſüdlichen Frankreich eine ernſte Reformbewegung, welche von der Frage ausging, Was muß ich thun, daß ich ſelig werde? Sie wurde angeregt durch den frommen Kaufmann Petrus Waldus zu Lyon. Um das Jahr 1170 ſa derſelbe mit einem Kreis von Freunden bei einem fröhlichen Feſtmahl zuſammen, als plötzlich einer aus der Geſellſchaft todt niederfiel. Der furchtbare Gegenſatz zwiſchen Lebensluſt und Todesſchrecken, welcher ſich allen Verſammelten auf⸗ drängte, erfaßte die ganze Seele des gottesfürchtigen Kaufmanns und ließ ihn von nun an nichts mehr ſuchen als ſeine Seligkeit. Um den göttlichen Willen unmittelbar und ſicher kennen zu lernen, ließ er durch einen gelehrten Prieſter die heilige Schrift ins Provencaliſche überſetzen und verſenkte ſich in deren Studium. Von dem heiligen Bilde des armen Lebens Jeſu und ſeiner Jünger tief ergriffen fühlte nun Petrus Waldus um ſo ſchmerzlicher das ſtolze und weltförmige Treiben der damaligen Biſchöfe und Prieſter. Um ſo ernſtlicher aber wollte er ſelbſt durch Armuth, Demuth und Liebe in die Fußtapfen des Hernn treten. Wie Antonius von Theben und Franz von Aſſiſi glaubte er das arme Leben des Herrn und ſeiner Jünger buchſtäblich nachahmen zu müſſen(Matth. 19, 21). Er verkaufte daher ſeine Güter, warf das Geld den Armen auf die Straße und zog Buße und Glaube predigend umher. Aus ſeinen Zuhören und Schülern, mit welchen er die Schrift fleißig las, bildeten ſich kleine Gemeinden; aus dieſen wurden wieder Sendboten zu zwei und zwei mit Sandalen an den Füßen in die Welt geſendet; das Volk nannte ſie deshalb Sandalenleute, auch Arme von Lyon, ſpäter Waldenſer. Als ihnen die Biſchöfe das Predigen des Wortes Gottes verboten, erklärten ſie Gott mehr gehorchen zu müſſen als den Menſchen und appellirten an den Papſt. Von dieſem 1184 in den Bann gethan, hielten ſie um ſo feſter daran, daß Chriſtus das andt der Kirche ſei und daß die äußerlichen Werke, wie Beichte, Ablaß, Meſſehören, Heiligendienſt, Wallfahrten und dgl. nur dann einen Werth hätten, wenn das Herz zum Herrn bekehrt ſei. Obwohl ſie nun daneben gemäß der überlieferten katholiſchen Anſicht die Eheloſigkeit und ewige Keuſchheit für beſſer hielten als das Familienleben und demgemäß nur unverheirathete Seelſorger kannten, welche an ihrem langen Bart kenntlich Barben(barbae) genannt wurden, ſo wurden ſie doch von der Hierarchie auf Blutigſte verfolgt und mußten ſich in alle Länder zerſtreuen. Hierdurch kamen ſie beſonders nach Italien, in die franzöſiſche Schweiz, an den Rhein, nach Mitteldeutſchland und Böhmen. Petrus Waldus ſelbſt ſtarb wahrſcheinlich in letzterem Lande. Vergeblich verſuchte ſpäter noch einmal der große Papſt Innocens III. die Waldenſer wieder mit der Kirche auszuſöhnen und in eine Art Mönchsorden umzu⸗ wandeln. Sie hatten zu tief in die heilige Schrift geblickt und waren zu heftig verfolgt worden, um in die katholiſche Kirche wieder eintreten zu können. Gegen die Schrecken der Inquiſition fanden ſie beſonders eine Zuflucht in den Hochthälern von Piemont. In der Stille hielten ſie ſich auch an einzelnen Orten Südfrankreichs, während ſie äußerlich zur katholiſchen Kirche zu gehören ſchienen. In der Neformationszeit wurden ſie übrigens ganz evangeliſch durch die Synode von Angrogna 1532. Seitdem behaupleten ſie ſich unter mancherlei Druck und trotz unmenſch⸗ licher Verfolgungen von Seiten Frankreichs und Savoyens(beſonders 1640) bis in die neueſte Zeit, wo ſie ſich auch im übrigen Italien ausbreiten durften und Gemeinden in Turin, Florenz, Rom und Neapel gründeten. 2) Johann Wicliffe. In mehrfacher Beziehung merkwürdig, wenn auch im Großen erfolglos war der kühne evangeliſche Angriff Johann Wieliffe's auf die Bettelorden und auf die ſämmtlichen Mißbräuche der päpſtlichen Kirche. Johann Wieliffe, geb. 1324, geſt. 1384, ein zu Orford gebildeter gelehrter Theolog und Juriſt, kam durch das Studium der Bibel ſeit 1360 in den Streit mit den ſittlich entarteten und verfolgungsſächtigen Bettelmönchen ſowie mit dem herrſchſüchtigen und geldgierigen päpſtlichen Hofe. Als Profeſſor der Theologie in Orford ſeit 1372, bekämpfte er unter dem Schutz des Königs und des Adels den Papſt als Antichriſt, verwarf die willkürlichen Bann⸗ flüche, das Mönchthum, das Fegfeuer, die Nothwendigkeit der Ohrenbeichte, den Ablaß, den Heiligen⸗ und Bilderdienſt; überſetzte die Bibel ins Engliſche; lehrte trotz des päpſtlichen Bannfluchs(1377), daß nicht die Tradition, ſondern nur die heilige Schrift den Glauben beſtimmen dürfe, daß die irdiſche Macht des Papſtes vom Kaiſer komme, daß ſittenloſe Prieſter keine geiſtliche Macht noch Zehnten noch Almoſen haben dürften, daß Chriſtus im Abendmahl geiſtlich gegen⸗ wärtig ſei, aber nicht durch Transſübſtantiation, daß es nur zwei Sacramente gebe und ähnliches mehr. Durch Flug⸗ ſchriften verbreitete er dieſe Lehren unter dem Volk und fand zahlreiche Anhänger. Doch nur durch den Schutz des Parlaments wurde es ihm möglich, ſeine letzten Jahre ungeſtört als Prediger, Seelſorger und Schriftſteller auf ſeiner Pfarrei Lutterworth zuzubringen. Als ſich nach ſeinem Tod kommuniſtiſche und ſocialiſtiſche Beſtrebungen an ſeine Lehre hingen, wurden die beſitzenden Claſſen des Volks ängſtlich und ſchloſſen ſich wieder entſchieden an Rom an. So kam es, daß ſeit 1400 Wicliffes Anhänger verfolgt und unterdrückt wurden. Auf Befehl des Conſtanzer Concils wurde ſogar ſein Leichnam ausgegraben, verbrannt und dann die Aſche ins Waſſer geſtreut. Dagegen lebte Weieliffes Lehre fort in den Huſſitten in Böhmen. 3) Johann Huß. a) Nach ſeinem Erbland Böhmen hatte Kaiſer Karl IV. den Schwerpunkt des deutſchen Reichs und der deutſchen Bildung zu legen geſucht, indem er 1342 die Univerſität zu Prag errichtete und den Deutſchen an derſelben das Uebergewicht über die Böhmen(Tſchechen) durch 3 Stimmen gegen 1 Stimme verlieh. Seitdem war die Univerſität zu hoher Blüthe gelangt, viele Deutſche hatten ſich in Böhmen angeſiedelt, ihre Macht war durch Fleiß und Bildung bedeutend geworden. Doch auch die Eiferſucht der im ganzen noch unkultivirten Tſchechen war wild aufgelodert, weil ſie ſich durch die deutſchen Gelehrten und Bürger unterdrückt glaubten. Gleichzeitig mit dieſer politiſchen Verſtimmung gegen die Deutſchen ging aber auch eine Reformbewegung auf kirchlichem Gebiet durch das böhmiſche Volk. Die Geldgier und Sittenloſigkeit des Clerus und die Rohheit der Mönche hatte bei den chriſtlich geſinnten Leuten längſt ein großes Aergerniß erregt. Einzelne ernſte und fromme Volksprediger, wie Johann von 23 Milic, Conrad von Waldhauſen und Matthias von Janow, hatten in heißem Verlangen nach einer Reform ſowohl durch Wort als Schrift ſeit 1350 auf allgemeine Bekehrung gedrungen und hunderte frommer Jünglinge zu der feurigen Predigt der Buße und des Glaubens entflammt. In dieſe ſtarke und tiefgehende Reformbewegung ſeines Volks wurde auch Johann HußW hineingezogen. b) Geboren zu Huſinec den 6. Juli 1369 als der Sohn armer Bauersleute wurde er von ſeiner Mutter fromm erzogen und zum Dienſte Gottes geweiht. In Prag, wo er ſtudirte, ſchloß er ſich als geborener Tſcheche der bömiſchen, antideutſchen Parthei an und vertiefte ſich als frommer Chriſt in die heilige Schrift wie in die Werke des Auguſtinus. Seit 1396 Magiſter und ſeit 1401 Prediger an der Bethlehemskapelle drang er mit heiligem Ernſt durch Vorleſungen und Predigten auf wahre Erneuerung des Lebens in Buße und Glaube. Da ſeine Predigten den tiefſten Eindruck auf Hoch und Niedrig machten, beauftragte ihn der ſonſt weltlich geſinnte Erzbiſchof Sbynec von Prag mehrere Jahre lang mit den Synodalpredigten bei der Verſammlung des Clerus. In dieſe geſegnete Wirkſamkeit kam aber eine verhängnißvolle Störung durch Hußens Widerwillen gegen die Deutſchen. Die geſammte böhmiſche Reformationsparthei hatte von jeher durch ihren politiſchen Widerwillen gegen die Deutſchen die letztern mehr und mehr auf die Seite des Papſtes und der Hierarchie getrieben. Böhmen galt in den Kreiſen der frommen Tſchechen ohne weiteres als das heilige Land, das von gottloſen Cananitern unterdrückt wurde; als ausgemacht wurde betrachtet, daß die Beſtimmung der Univerſitätsſtatuten, wonach die Deutſchen drei, die Böhmen nur eine Stimme hatten, eine Fälſchung des urſprünglichen kaiſerlichen und päpſtlichen Willens ſein müſſe; als heilige Pflicht gegen Gott und gegen ſein ausgewähltes böhmiſches Volk wurde es angeſehen, dieſe vermeinte Fälſchung zu beſeitigen und den Böhmen drei, den Deutſchen aber nur eine Stimme zu verſchaffen. Von dieſen Vorurtheilen verblendet war es nun gerade Huß, der den gewiſſenloſen wüſten König Wenzel 1408 zur Aenderung der Univerſitäts⸗Statuten bewog. Voll Zorn über dieſen Rechtsbruch und über Huß, der denſelben herbeigeführt hatte, verließen nun ſämmtliche Deutſche, Lehrer wie Studenten, die Univerſität Prag und gingen nach Erfurt und Leipzig. Die ganze deutſche Nation aber, welche ſo viele mächtige Freunde einer Kirchen⸗Reform in ſich faßte und dies auf dem Conſtanzer Concil deutlich zeigte, wurde gegen Hußens Reformatiosverſuche von vorn herein mißtrauiſch und feindſelig geſtimmt, ſodaß nicht nur Huß perſönlich in Conſtanz darunter leiden mußte, ſondern auch ſeine ſonſt ſo gute Sache bei den Dentſchen die heftigſte Bekämpfung fand und ſich über Böhmens Grenzen nicht verbreiten konnte. c) Zunächſt freilich war die Aenderung der Univerſitätsſtatuten für Huß eine große Ermuthigung. Er wurde zum Rektor der Hochſchule erwählt, griff zur Durchführung der Reform das weltliche Leben des Clerus tapfer an, trotzte dem Haſſe des hierüber erzürnten Biſchofs, bekannte ſich immer offener als Verehrer Wicliffs, deſſen Schriften er ſchon ſeit 1403 geleſen und empfohlen hatte, verkündigte die Unnöthigkeit des Papſtthums, die Gleichheit aller Cleriker, und erklärte die Bibel für die einzige Quelle der Wahrheit. Deßhalb wurde er auf Anklage des Erzbiſchofs 1410 vom Papſte in den Bann gethan und ſeiner Aemter entſetzt. Da er jedoch durch König Wenzel geſchützt wurde, appellirte er getroſt von dem ſchlecht unterrichteten Papſt an den beſſer zu unterrichtenden(a papa male informato ad melius informandum); predigte 1412 unerſchrocken gegen den päpſtlichen Ablaß; ließ die Ablaß⸗ bulle am Pranger verbrennen; verkündigte eine Kirche, deren Haupt nicht der Papſt, ſondern Chriſtus ſei; zog ſich 1413 auf die Schlöſſer ſeiner adeligen Freunde zurück und appellirte gegen die Beſchlüſſe der Päpſte und Biſchöfe an ein allgemeines Concil, an Gott und Chriſtum. In Folge dieſer Berufung und geſtützt auf das freie Geleit Kaiſer Sigismunds folgte er 1414 der Vorladung nach Conſtanz. Kaum dort angekommen, wurde er jedoch auf Befehl Johanns XXIII. verhaftet und unter charakterloſer Nachgiebigkeit des Kaiſers in einen ſcheußlichen Kerker geworfen. Seine Unſchuld half ihm nichts. Die hierarchiſche Parthei hatte ſeinen Tod beſchloſſen; die reformfreundliche Nichtung aber, zu welcher auch Kaiſer Sigismund gehörte, und welche ihn hätte retten können, wenn ſie gewollt hätte, war theils durch die Vorgänge an der Prager Univerſität gegen ihn eingenommen, theils durch Hußens alleinige Berufung auf die Schrift erbittert, weil ſie ſelbſt noch auf dem Standpunkte der Tradition ſich befand. Noch vor dem letzten Verhör erkannte daher Huß, was ihm bevorſtand, unb beichtete aufrichtig einem frommen Mönch, der ihm auch die Abſolution ertheilte. Als er am 6. Juli wieder vor dem Concil erſchien, wurde er für einen Wicliffitiſchen Ketzer erklärt und zum Feuertode verurtheilt. Da berief ſich Huß auf ſein freies Geleit, ſodaß der Kaiſer heftig erröthete, und appellirte von dem ungerechten Spruch des Concils an den ewigen Richter Jeſus Chriſtus. Biſchöfe riſſen ihm darauf die Prieſtergewänder Stück für Stück vom Leibe und ſetzten ihm eine mit Teufelsfratzen bemalte Mütze auf; er aber betete: In deine Hände, Herr Jeſu, befehle ich meine durch Dich erlöſte Seele. Auf dem Richtplatz angekommen, betete er noch knieend mehrere Pſalmen, rief den Heiland um Kraft an, den grauſamen und ſchmachvollen Tod ruhig zu ertragen, bezeugte noch einmal laut, daß er nur Buße und Glauben habe wecken wollen, und befahl ſich beim Aufflammen des Holzſtoßes dem Herrn mit den Worten: Jeſu, du Sohn des lebendigen Gottes erbarme dich meiner! Bis zum letzten Augenblick ſah man ſeine Lippen betend ſich bewegen. Im folgenden Jahr endigte auf ähnliche Weiſe ſein ritterlicher und gelehrter Freund Hieronymus Faulſiſch von Prag, nachdem er vorher in einer Stunde der Angſt wiederrufen, hernach aber den Wiederruf heldenmüthig zurückgenommen hatte. d) Ueber den Scheiterhaufen der beiden Märtyrer aber flammte der heilige Zorn des böhmiſchen Volkes empor. Das Bundeszeichen der Huſiten wurde der auch den Laien geſpendete Kelch. Mit wilder Begeiſterung kämpften ſie für evangeliſches Chriſtenthum gegen Rom und Deutſchland. Eine gemäßigte Parthei, die Calixtiner oder Utraguiſten erzwang ſich endlich 1433 vom Baſeler Concil vier Artikel, nämlich freie Verkündigung des Worts Gottes in Vollmacht der geiſtlichen Obern, Austheilung des heiligen Abendmahls unter beiderlei Geſtalt, Ver⸗ wendung der Kirchengüter nach den Vorſchriften der Kirchenväter, Beſtrafung von Todfünden der Geiſt⸗ lichen durch die Obrigkeit. In dieſen Rechten behaupteten ſie ſich unter vielen Kämpfen mit den Katholiken, bis ſie ſeit 1620 durch Ferdinand II. entweder zum katholiſchen Glauben gezwungen oder ausgerottet wurden. Die ſtrengere Parthei der Taboriten, welche ſich von den Calirtinern trennte, ging ſehr bald zu Grunde, ein Reſt derſelben, durch Unglück geläutert, verbunden mit Waldenſern und andern frommen Leuten bildete unter Leitung des Pfarrers Michael von Bradacz ſeit 1460 die Gemeinſchaft der böhmiſch⸗mähriſchen Brüder, welche ſich in 24 Böhmen, Mähren, Polen und Schleſien ausbreiteten, unter ihren Biſchöfen, Aelteſten und Diakonen eine feſte Kirchen⸗ zucht bewahrten, ums Jahr 1524 durch Paul Speratus mit Luther und mit der Reformation in Beziehung traten und 1722 durch Niederlaſſung eines Theils ihrer Mitglieder auf dem Hutberge dem Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf die Gelegenheit gewährten, durch ihre Verbindung mit Lutheranern und Reformirten, aber auf Grund der Augsburger Confeſſion, die chriſtlich-ſociale Bruder-Unität mit ihrem innigen Glaubensleben, ihrem feſten Abſchluß nach Außen und ihren großartigen Liebeswerken(beſonders in der Heidenmiſſion) zu gründen. Dreizehnter Abſchnitt. Die Reformation in Deutſchland und die lutheriſche Kirche. §. 34. Der kirchliche Zuſtand des Abendlandes im Anfang der Reformation. 1) Als das 16. Jahrhundert anbrach, waren die treugemeinten Verſuche, welche Petrus Waldus, Johann Wicliffe und Johann Huß nacheinander gemacht hatten, um die Kirche durch Gottes Wort von ihren ſittlichen Schäden und von der Uebermacht der Traditionen zu befreien, mit Ausnahme der kleinen Erfolge, welche die Waldenſer, Calixtiner und böhmiſch⸗mähriſchen Brüder erreicht hatten, ſpurlos vorübergangen(Vgl.§. 32, 33). Nicht nur ſtand das Papſtthum und mit ihm die geſammte kirchliche Traditon in ungebrochener Geltung, ſondern nach dem gänzlichen Mißlingen der Concilien von Conſtanz und Baſel war auch das ſittliche Verderben der Curie, des Clerus und der Mönchsorden noch ärger als vorher geworden. Im ganzen Abendland war daher die Achtung vor Clerikern und Mönchen geſunken; weit und breit war gegen ſie die Stimmung zu finden, welche der Vater Martin Luthers mit den Worten auszudrücken pflegte, in jeder Mönchskutte ſtecke ein Schalk. 2) Zudem war der Blick für die dunkeln Seiten des damaligen kirchlichen Lebens bei den Gebildeten in Italien, Deutſchland, Frankreich und England ſehr geſchärft durch die wieder auflebende Bekanntſchaft mit dem griechiſch⸗ römiſchen Alterthum und mit dem Neuen Teſtament. Byzantiniſche Gelehrte, welche ſeit der Eroberung Konſtantinopels im Jahr 1453 nach Rom und Florenz geflüchtet und dort freundlich empfangen waren, hatten das Studium der klaſſiſchen, beſonders der griechiſchen Literatur mächtig angeregt. Eine ganz neue Geiſtesrichtung hatte ſich aus dieſen klaſſiſchen Studien entwickelt, der ſogenannte Humanismus oder die Nenaiſſance. Man lebte und webte in den Philoſophen und Dichtern der Alten; man ſchrieb und ſprach ein elegantes Latein; man ſpottete über die Unbehülflich— keit der mittelalterlichen Schulbildung. In Italien, wo ohnehin die Religion ſchon längſt nicht viel galt, nahm man ſogar offen den heidniſchen Unglauben an und gefiel ſich in den freieſten Sitten. Etwas ernſter waren die Humaniſten in Deutſchland, beſonders der gelehrte Kenner des Hebräiſchen und Oheim Philipp Melanchthons Johann Neuchlin (Capino), der Vertheidiger einer gründlichen theologiſchen Sprachwiſſenſchaft gegen die Barbarei und Verketzerungsſucht der Cöllner Dominikaner(1455— 1522). Ihm zur Seite ſtand der ritterliche, patriotiſche und geiſtvolle, wenn freilich auch leichtſinnige Ulrich von Hutten, vielleicht der Urheber der bedeutendſten Satire auf das heruntergekommene Mönchthum, der Briefe der Dunkelmänner(Epistolae obscurorum virorum)], jedenfalls aber ein heftiger Gegner der entarteten Kirche und ein muthiger Vertheidiger der Reformation. Alle wurden durch umfaſſende Gelehrſamkeit und literariſche Verdienſte, wie z. B. durch Herausgabe der Claſſiker und des griechiſchen Neuen Teſtaments über⸗ troffen von Erasmus von NRotterdam(1465— 1536). Er beſonders war es, der die kirchliche Tradition mit den Waffen der Wiſſenſchaft und des Witzes nach den verſchiedenſten Seiten hin angriff. Doch wußte er ſich immer wieder mit der Hierarchie zu verſtändigen..„. 3) Das Bedürfniß nach einer Neformation wurde unter ſolchen Umſtänden ziemlich allgemein und ſelbſt in den Kreiſen des Clerus empfunden. Am wenigſten wohl in Spanien. Hier war die begeiſterte Anhänglichkeit an den katholiſchen Glauben und an das Papſtthum mit dem ganzen Leben der Nation verwachſen. Seit dem Jahre 711, wo die Araber das weſtgothiſche Reich geſtürzt hatten, war das ſpaniſche Volk zuerſt Jahrhunderte hindurch in einem Vertheidigungskrieg für das Kreuz gegen den Halbmond und dann in einem Angriffskrieg hegriffen geweſen. In dieſen Kämpfen für die katholiſche Kirche war es erſtarkt und groß geworden. Seine Seele war daher erfüllt von katholiſchen Anſchauungen und von glühendem Haſſe gegen deren Beſtreiter. Das unmenſchliche und unchriſtliche Inſtitut der Inquiſition war hier faſt populär. An eine Reform des kirchlichen Lebens dachte daher kaum Jemand. Anders dagegen war es im übrigen Abendland. Sogar am päpſtlichen Hofe fühlte man, daß es auf dem bisherigen Wege nicht weiter gehen könne; wie vielmehr in Frankreich, England und Deutſchland! In letzterem Lande war der Groll über die Anmaßungen und Erpreſſungen der Curie am größten. Kein Land Europas hatte der katholiſchen Kirche eine ſo glänzende Stellung in ſeiner Mitte gegeben als das deutſche Reich. Ihre Würden⸗ träger waren die vornehmſten Fürſten der Nation. Kein Land aber war von der Curie mit einem ſo planmäßigen politiſchen Haſſe geſchwächt worden, keins durch Palliengelder, Annaten, Abläſſe, Reſervaten und andere Geldzahlungen ſo ſchnöde ausgebeutet worden als das deutſche Reich. Die geiſtlichen und weltlichen Stände des Reichs wußten recht gut, daß ſie in den Augen des römiſchen Hofs und der Italiener überhaupt ſchon ſeit alter Zeit nur als Beſtien 2⁵ betrachtet wurden, welche man ſcheeren und ſchinden dürfe zum Vortheil Italiens. Der berechtigte Zorn über dieſe Mißhandlung Deutſchlands durch den römiſchen Hof machte ſich im Jahr 1523 auf dem Reichsberg zu Nürnberg in den bekannten Hundert Beſchwerden der deutſchen Nation(Centum gravamina nationis germanicae) in kräftiger Weiſe Luft. 4) Durch ihre politiſchen Sünden gegen Deutſchland hatte die Curie zudem ſelbſt dafür geſorgt, daß hier eine Neform der Kirche verhältnißmäßig leichter begonnen und durchgeführt werden konnte als ſonſt irgend wo. Denn durch die ſyſtematiſche Politik der Päpſte ſeit Gregor VII. war die Macht des deutſchen Königthums zu Gunſten der Stände untergraben. Der König, bzw. der Kaiſer war genöthigt, ſich den politiſchen Beiſtand der Fürſten und Städte durch Nachgiebigkeit auf kirchlichem Gebiet zu erkaufen. Selbſt ein ſolcher Kaiſer wie Karl V., der für ſeine Perſon an der katholiſchen Tradition unbedingt feſthielt, mußte deßhalb in einzelnen deutſchen Ländern dem Worte Gottes ſeinen Lauf laſſen und die evangeliſche Einrichtung des Kirchenweſens geſtatten, ſo ſchwer ihm dies bei ſeiner katholiſchen Geſinnung wurde. 5) Trotz alledem würde es nicht zu einer wirklichen Erneuerung der Kirche auf Grund des göttlichen Worts, ſondern nur zu einer ſtarken kritiſchen und proteſtirenden Völkerbewegung gegen Rom, vielleicht ohne bleibenden Erfolg, gekommen ſein, wenn nicht der Herr, der Seiner Gemeinde die erlöſende Wahrheit für die Menſchheit anvertraut hatte, Sich in der Stille einen geiſtesgewaltigen Mann erzogen hätte, welcher aus den tiefſten innern Kämpfen heraus die Unzulänglichkeit aller Werke und Büßungen für den Frieden des Gewiſſens bezeugen und die Wahrheit des Evangeliums von der Rechtfertigung des Sünders aus dem Glauben hätte auf den Leuchter ſtellen können. Denn in der Kirche des Herrn kann niemals durch bloße Bekämpfung des Irrthums und des Unrechts ein neues Leben erweckt werden, ſondern allein durch die weltüberwindende und todesmuthige Verkündigung des ewigen Wortes von Chriſto. Erſt durch das Auftreten Martin Luthers empfing daher die kirchliche Bewegung des 16. Jahrhunderts den Charakter einer wirklichen Reformation aus Gottes Wort. * §. 35. Die Grundſätze und das Gebiet der Reformation. 1) Nach Luthers Vorgang und unter tiefer Erregung der Gemüther erklärte der Theil der abendländiſchen Chriſtenheit, welcher die Reformation annahm, die heilige Schrift mit Ausſchluß der Apokryphen für die alleinige Erkenntnißquelle der göttlichen Wahrheit(formales Princip der Ref.), verwarf mehr oder weniger das Recht der kirchlichen Tradition, wurde deßhalb durch Papſt und Hierarchie in den Bann gethan, d. h. von der bisherigen Kirche des Abendlandes ausgeſchloſſen, und ſah ſich ſo gezwungen, ſelbſtſtändige evangeliſche Landeskirchen auf Grund des Wortes Gottes einzurichten. bi T zut ders Weh w bwohl unter ſich in Bekenntniß, Gottesdienſt und Verfaſſung verſchieden, waren dieſe auf dem Worte Gottes ſegende wohd antereſ nod darin einig, daß ſie mit den Apoſteln des Herrn ſämmtlich die Nechtfertigung des Sünders durch den Glauben lehrten(materiales Princip der Ref.), nur zwei Sacramente(Taufe und Abendmahl) anerkannten, die kirchliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes, von der Gottheit Chriſti, von der Verſöhnung und Erlöſung der Welt, vom Geſetz des Herrn beibehielten„ ihren Gottesdienſt in der jeweiligen Landesſprache ſtatt in der lateiniſchen hielten und eine innigere Verbindung der göttlichen Wahrheit mit dem Herzensleben der Völker erſtrebten. 2) Im Ganzen waren es drei verſchiedene und ſelbſtſtändige Formen(Typen), in welchen ſich das evangeliſche Chriſtenthum entfaltete, nämlich die lutheriſche, reformirte und engliſche Kirche; ihr Gebiet war das mittlere und nördliche Europa. a) Die evangeliſch⸗lutheriſche Kirche orgsniſirte ſich von Mitteldeutſchland(Kurſachſen) aus nach Norden in ſämmtlichen Oſtſee⸗Ländern, Schleswig⸗Holſtein, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Livland, Eſtland, Kurland, Oſt- und Weſt⸗Preußen, Pommern, Oldenburg, Mecklenburg, den Hanſeſtädten; nach Oſten in Brandenburg, dem Herzogthum Sachſen, Schleſien, Theilen von Ungarn und Siebenbürgen; nach Weſten in Heſſen, den Braun⸗ ſchweigiſchen Herzogthümern und in Frankfurt; nach Süden in Ansbach und Baireuth, in Nürnberg, in Würtemberg, in Straßburg und andern Reichsſtädten, vorübergehend auch in Oeſterreich. b) Die evangeliſch⸗reformirte Kirche verbreitete ſich von Zürich und noch mehr von Genf aus über den größten Theil der Schweiz, über Theile von Frankreich, über die Pfalz, über Theile von Heſſen und Rheinland, über Holland, über Oſtfriesland, über Schottland und über Theile von Ungarn und Siebenbürgen. c) Die(katholiſch genannte) Kirche von England(catholic church, etablished church of England) befeſtigte ſich vorzugsweiſe in England, theilweiſe auch in Schottland und Irland, ſpäter auch in den engliſchen Colonien. 3) Die übrigen abendländiſchen Völker, beſonders die romaniſchen, nämlich Italien, Spanien, Portugal, zwei Dritttheile von Frankreich, der ſüdliche Theil der Niederlande(Belgien), Irland, die geiſtlichen Herrſchaften in Deutſch⸗ land(Mainz, Trier, Cölln, Fulda u. ſ. w.), Baiern, Oeſterreich mit Böhmen und dem größten Theil von Ungarn blieben unter der Herrſchaft des Papſtes und der kirchlichen Tradition, erfuhren aber gleichwohl eine Art Reformation, welche von den Jeſuiten in Spanien und den Theatinern in Italien ausging, auf dem Concil von Trident ihren Abſchluß fand und den Katholicismus auf ſeinen alten Grundlagen in Lehre und Leben befeſtigte, ſodaß er ſich zu heftigem Kampfe gegen die evangeliſche Kirche ermuthigt fühlte. 4 26 §. 36. Martin Luther und die Begründung der lutheriſchen Kirche. 1) Martin Luther, des Bergmanns Hans Luthers Sohn, geb. zu Eisleben 10. Nov. 1483, getauft 11. Nov. (Vgl.§. 20, 1), von Natur lebhaft und thatkräftig, aber von ſeiner Mutter, einer geborenen Lindemann, äußerſt ſtreng in katholiſcher Frömmigkeit erzogen, fühlte ſchon als Knabe die Schrecken ſeiner Sündenſchuld gegenüber dem heiligen Gott tiefer als Millionen andere Menſchen. Vor ſeinem kindlichen Gemüthe ſtand der Heiland nur als Welten⸗ richter, nicht als Erlöſer der Verlornen. Die Angſt um ſeine Seligkeit trieb ihn in Erfurt, wo er ſeit 1501 die Claſſiker und die Rechte ſtudirte, erſt in die mittelalterliche Theologie und in die lateiniſche Bibel, dann, als eine ſchwere Krankheit, der plötzliche Tod ſeines Freundes Alexius und ein furchtbares Wetter ihm Tod und Gericht vor Augen ſtellten, 1505 gegen den Willen ſeines Vaters und gegen den Rath ſeiner Freunde in das dortige Auguſtiner⸗ kloſter. Er ſelbſt bekennt: Meiner Mutter Ernſt und das geſtreng Leben, das ſie mit mir führte, das ver⸗ urfachte mich, daß ich darnach in ein Kloſter lief und Mönch wurde. Aber umſonſt quälte er ſich als Mönch mit peinlicher Verrichtung aller vorgeſchriebenen Werke und Büßungen. Wiederholt mußte er unter dem Druck ſeiner Sündenſchuld klagen: O meine Sünde, Sünde, Sünde! Erſt die Erinnerung eines alten Mönchs an die Worte des 3. Artikels: Ich glaube eine Vergebung der Sünden, und die Mahnung ſeines Obern Johann von Staupitz an das Wort Gottes(1. Joh. 1, 7): Das Blut Jeſu Chriſti macht uns rein von aller Sünde, gab ſeinem Herzen einigen Troſt. Aus dem eifrigen Studium der Schrift, beſonders des Römer und Galaterbriefs, welchem er ſich nach ſeiner Prieſterweihe 1507 hingab, ſowie aus den Werken Auguſtins und Taulers(Vgl.§. 16, 9) ging ihm endlich die Gewißheit auf, daß der Menſch nur aus Gnaden, ohne eigne Werke oder Verdienſte, durch den Glauben an Chriſtum ſelig wird. In dieſer Ueberzeugung meinte Luther erſt ganz auf dem Boden der katholiſchen Kirche zu ſtehen, deren Lehre er bisher nicht verſtanden habe.. 2) Nachdem er 1508 als Profeſſor der Philoſophie und als Schloßpfarrer an die 1502 gegründete Univerſität Wittenberg berufen war, verkündigte er daher in Vorleſungen und Predigten die Rechtfertigung aus dem Glauben als katholiſche Lehre. Die dienſtliche Reiſe nach Rom im Jahr 1514, auf welcher er die gottloſe Frivolikät der römiſchen Prieſter kennen lernte, ſtörte ihn noch nicht in ſeiner andächtigen Hingabe an Papſt und Kirche. Nur im tiefſten Grunde ſeiner Seele regte ſich bereits das evangeliſch gewordene Bewuſtſein, indem ihm beim gehorſamen Hinaufrutſchen auf der Pilatustreppe eine Donnerſtimme(Röm. 1, 18) zurief: der Gerechte wird ſeines Glaubens leben. Von dieſer tröſtlichen Wahrheit ganz erfüllt leiſtete er 1512 ſeinen Doctoreid auf treue Verkündigung des Wortes Gottes. In meinem Herzen, ſchrieb er, herrſcht allein und ſoll allein herrſchen der Glaube an meinen Herrn Jeſum Chriſtum, der Tag und Nacht allein Anfang, Mittel und Ende aller Gedanken meines Geiſtes iſt. 3) Um ſo tiefer verletzte ihn unter dieſen Umſtänden das freche Auftreten des Ablaßkrämers Johann Tetzel. Papſt Leo X., ein feingebildeter und kunſtliebender Herr aus dem Hauſe Medici, aber kein Seelenhirte der Chriſtenheit, hatte unter dem Vorwand eines Kreuzzugs gegen die Türken, doch in Wirklichkeit zur Erbauung der Peterskirche und zur Ausſtattung ſeiner Schweiſter ſeit 1516 den Ablaß predigen laſſen und denſelben für Deutſchland gegen die Hälfte des Ertrags an Kurfürſt Albrecht von Mainz verpachtet, um dieſen für 20000 Goldgulden Palliengelder zu entſchädigen, welche nach Rom gefloſſen waren. Johann Tetzel, ein gewiſſenloſer, früher ſchon einmal zum Tode verurtheilter, aber durch ſeinen Orden geretteter Dominikaner verkaufte nun im Dienſt des Kurfürſten den Ablaß. Als ſtolzer Prälat, bei glänzendem Gehalt, unter zahlreicher Bediennng, begrüßt von Proceſſionen und Glockengeläut ertheilte er neben den Altären der Kirchen und unter der entfalteten päpſtlichen Fahne für Geld und nach einer feſten Taxe Ablaß für ver⸗ gangene und zukünftige Sünden, ſo bald ihm gebeichtet war. Auch in die Nähe von Wittenberg kam er mit ſeinem ſchnoͤden Handel und verführte eine große Menge Menſchen. Erſchrocken und erzürnt über dieſes ſeelengefährliche Treiben wandte ſich Luther Anfangs um Hülfe bittend an Kurfürſt Albrecht und andere Biſchöfe. Als er aber keine oder nur höhniſche Antworten erhielt, zwang ihn ſein geängſtetes, aber in Gottes Wort gebundenes Gewiſſen zu einer öffentlichen That. Als Hoetor der Theologie und als Seelſorger ſeiner Gemeinde ſchlug er am Tage vor Aller Heiligen, dem 31. Oct. 1517, ſeine 95 Theſen gegen den Ablaß an die Schloßkirche zu Wittenberg und erbot ſich zur öffentlichen Vertheidigung derſelben gegen Jedermann. 4) Gewaltiger als er ſelbſt ahnen konnte war die Wirkung ſeiner Theſen in der Chriſtenheit; mit Blitzesſchnelle durchflogen ſie Deutſchland und Europa; Millionen gaben dem kühnen Glaubenshelden recht; aber auch mächtige und unverſöhnliche Gegner, vor Allem die Dominikaner zu Cölln, ſtanden gegen ihn auf. Es war eine göttliche Fügung, daß Luthers Landesherr, Kurfürſt Friedrich der Weiſe, ein frommer und ſtaatskluger Herr, ſchon vorher den Ablaß in ſeinem Land verboten hatte und ſich über Luthers Auftreten freute. Er verlangte als Reichsverweſer vom römiſchen Hof eine unpartheiiſche Prüfung der Sache durch deutſche Biſchöfe. Allein die friedlichen Verhandlungen, welche in Folge deſſen angeknüpft wurden, konnten unmöglich zum Ziel führen, da Luther trotz aller ſeiner Ehrfurcht vor dem Papſt doch nur dann wiederrufen konnte und wollte, wenn er aus Gottes Wort von der Unrichtigkeit ſeiner Sätze überzeugt würde. Aergerlich über Luthers beſtändige Berufung auf Gottes Wort äußerte daher der Cardinal von Gaëta, Thomas de Vio, welcher 1518 in Augsburg mit dem Reformator verhandelte, er wolle mit der deutſchen Beſtie, die ſo tiefe Augen und wunderliche Gedanken im Kopfe habe, nicht weiter reden. Noch klarer und für Luther ſelbſt entſcheidender wurde der Gegenſatz auf der Disputation zu Leipzig 1519. Hier wurde Luther gegen ſeinen Willen und gleichſam erſchreckend über ſich ſelbſt zu der von ſeinem Gegner Dr. Eck gewünſchten Behauptung fortgeriſſen, daß Papſt und Concilien in Glaubensſachen irren könnten und geirrt harten und daß nur Gottes Wort Artikel des Glaubens ſtellen könne. Mit dieſer Behauptung wurde m Bewuſtſein Luthers die völlige Losſagung von Nom grundſätzlich und unwiederbringlich entſchieden; die Auktorität des Papſtes und der kirchlichen Tradition wurde für ihn lhebe hen; eine ganz neue und doch die einzig wahrhafte Auktorität der Kirche wurde auf den Leuchter geſtellt, das Wort des lebendigen Gottes. 27 5) Im erſten Augenblick war dieſe Wendung der Disputation für Luther ſelbſt eine peinliche; denn in den Augen ſeiner Gegner war er durch dieſelbe als Ketzer erwieſen und ſeine Sache ſchien verloren. Allein im Bewuſtſein ſeines guten Rechts ermannte er ſich nicht nur bald wieder, ſondern konnte auch auf dem neu gefundenen Grunde nun deſto feſter auftreten. Von dem gewonnenen freien Standpunkte aus blickte er ſchärfer in das Verderben der Kirche hinein als vorher. Seine gewaltige, reformatoriſche Natur konnte ſich ungehemmter geltend machen. Während bis dahin durch den Reſpekt vor Papſt und Kirche immer noch ein gewiſſer Druck auf ſeiner Seele gelaſtet und deren freie Bewegung gehindert hatte, ſo brachen nun die Tiefen ſeines innern Lebens auf wie ein zurückgehaltener Strom. Luthers Auftreten bekam etwas königliches, bahnbrechendes, fortreißendes. Hochbegabte Männer und Jünglinge ſchloſſen ſich ihm an, unter ihnen beſonders Philipp Melanchthon, der Lehrer Deutſchlands(praeceptor Germaniae), der gelehrte Wortführer der Reformation. Eine neue und höhere Entwickelung der Kirche wurde angebahnt. Zunächſt offenbarte ſich dies für Jedermann in drei auf einander folgenden reformatoriſchen Schriften im Jahr 1520. In der Schrift An den chriſtlichen Adel deutſcher Nation von des chriſtlichen Standes Beſſerung bekämpfte er vor Allem das Papſtthum wegen ſeiner Ueppigkeit, Habgier und Herrſchſucht, forderte die Abſchaffung des katholiſchen Kirchen⸗Rechts, des gezwungenen Cölibats, der Appellationen nach Rom, des Heiligendienſtes und der weltlichen Macht der Päpſte, drang auf Beſſerung der Univerſitäten und Kloſterſchulen und auf Hebung des Volksunterrichts und verlangte eine größere Selbſtſtändigkeit der deutſchen Kirche gegenüber der Curie. In der Schrift Von der babyloniſchen Gefangenſchaft der Kirche verwarf er bereits das Papſtthum übverhaupt, beſtritt die Lehre von der Brodverwandlung, die Siedenzahl der Sacramente, die Geltung der Menſchenſatzungen und Mönchsgelübde und hob die alleinſeligmachende Kraft des Glaubens hervor. In dem Büchlein endlich Von der Freiheit eines Chriſtenmenſchen zeigte er im Sinne St. Pauli die innere Herrlichkeit, Freiheit, Liebe und Demuth des an Chriſtum glaubenden Herzens, welches in allen Dingen Gott und dem Nächſten dienen will. .6) Gegen den mächtigen Eindruck dieſer Schriften richtete die Verkündigung des päpſtlichen Bannes nichts mehr aus; das deutſche Volk war durchweg auf Luthers Seite. Am 10. December 1520 konnte er es wagen, die Bannbulle mit dem kanoniſchen Recht öffentlich zu verbrennen. Am 17. und 18. April 1521 durfte er gegen den Proteſt des päpſtlichen Legaten Aleander, unter freiem Geleit des Kaiſers und unter tiefſter Bewegung der ganzen Nation ſeinen Glauben vor dem Reichstage zu Worms bekennen. Innerlich bereit, wenn es ſein müßte, wie Huß zu ſterben, bezeichnete er ſcharf und feſt ſeine kirchliche Stellung in den Schlußworten ſeiner Vertheidigung:„Es ſei denn, „daß ich mit Zeugniſſen der heiligen Schrift oder mit öffentlichen, hellen und klaren Gründen überwunden und über⸗ „wieſen werde,— denn ich glaube weder dem Papſt noch den Concilien allein nicht, weil am Tage iſt, daß ſie oft „geirrt und ſich ſelbſt wiederſprochen haben, und alſo mein Gewiſſen in Gottes Wort gefangen iſt,— ſo kann und „will ich nichts widerrufen, weil weder ſicher noch gerathen iſt etwas wider das Gewiſſen zu thun. Hier ſtehe i „ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen.“ 4 Be ic, 7) Auf der Wartburg, wo Luther in der Stille unter dem Namen Junker Georg gegen die Acht des Kaiſers eine Zuflucht fand, begann er eins ſeiner größten Werke, die neuhochdeutſche Uverſetung der heiligen Schrift aus dem griechiſchen und hebräiſchen Grundtext, welche er unter dem Beiſtande Philipp Melanchthons, Johann Bugenhagens, Caspar Crucigers und anderer Gelehrten im J. 1534 vollendete. Das neue Teſtament erſchien dereits 1522 und wurde als eine heilige Gottesgabe vom deutſchen Volke aufgenommen. In der That waren die Vorzüge dieſer Bibelüberſetzung ganz außerodentliche und bleibende. Sie übertraf nicht nur an Genauigkeit und Richtigkeit alle früheren Ueberſetzungen, insbeſondere die der Septuaginta aus dem 2. Jahrhundert vor Chriſto und die in der abendländiſchen Kirche allein gebräuchliche Vulgata; ſie war auch nicht bloß unter den vielen ſchon vor⸗ handenen deutſchen Ueberſetzungen die erſte aus dem Grundtext geſchöpfte und wirklich verſtändliche, ſodaß ſie ein Volksbuch im höchſten Sinne werden konnte; ſondern, was faſt die Hauptſache war, der Geiſt der Propheten und Apoſtel hatte den Ueberſetzer ſelbſt in den Tiefen ſeiner Seele ergriffen und verlieh dem Werke eine Innigkeit, Kraft und Weihe, wie ſie keine ſpätere deutſche Ueberſetzung erreicht hat. Durch dieſe Bibelüberſetzung wurde Luther für das deutſche Volk ein Prediger des Evangeliums wie keiner vor ihm und nach ihm; durch ſie begründete er für die ober⸗ und niederdeutſchen Stämme eine gemeinſame Schriftſprache und Literatur; durch ſie legte er den Weunnd auf welchem in ſpäterer Zeit die deutſche Sprache und Dichtung die Höhe der klaſſiſchen Vollendung finden konnte. 8) Nicht weniger ſchöpferiſch für den Glauben und für die Sprache des deutſchen Volkes erwies ſich Luther durch ſeine gewaltigen Lieder. Unterſtützt von Männern, wie Paul Speratus, evang. Biſchof in Preußen(Es iſt das Heil uns kommen her), Nikol. Decius, Prediger in Stettin(Allein Gott in der Höh ſei Ehr, O Lamm Gottes unſchuldig), Nikolaus Herrmann, Cantor im Joachimsthal(Lobt Gott ihr Chriſten alle gleich, Erſchienen iſt des herrlich Tag, Wenn mein Stündlein vorhanden iſt), Johann Mattheſius, Pfarrer im Joachimsthal(Aus meines Herzens Grunde), Nikolaus Selnekker, Profeſſor in Leipzig(Ach bleib bei uns Herr Jeſu Chriſt, Laß mich dein ſein und bleiben), Ludwig Helmbold, Superintendent in Mühlhauſen(Von Gott will ich nicht laſſen), rief Luther das evangeliſche Kirchenlied ins Leben. Nicht bloß die eignen Gedanken und Empfindungen ſprach er im Liede aus, ſondern die der ganzen Kirche; auf der einen Seite das Gefühl der Sünde, der Schuld, der Untüchtig— keit zum Guten, der Vergeblichkeit aller Werke, der Todesnoth, der Angſt des Gerichts, auf der andern Seite die Gewißheit des Heils im Glauben an Chriſtum, den Gekreuzigten, Auferſtandenen und Erhöhten, und die ſelige Freude des Sieges über Sünde, Tod, Welt, Teufel und Hölle. Der Form der Lieder merkt man an, daß Luther die für die Dichtkunſt noch wenig ausgebildete Sprache erſt in das Versmaß und in den Reim zwingen mußte; der Ausdruck wurde hierdurch nicht ſelten hart und ſchwerfällig, immer aber großartig und ergreifend, zuweilen auch milde und lieblich, je nachdem es der Inhalt mit ſich brachte.— Die Lieder Luthers waren a) theils freie Umdichtungen von Schriftſtellen, z. B. Ach Golt vom Himmel ſieh darein von Pſ. 12, Eine feſte Burg von Pſ. 12, Aus tiefer Noth von Pſ. 130;— b) theils Bearbeitungen lateiniſcher Hymnen, z. B. Herr Gott dich loben wir(nach dem Te deum des Ambroſius), Wir glauben all an Einen Gott(nach Ambr.), Verleih uns Frieden gnädiglich(nach einem Lied des 28 6. Jahrhunderts), Komm Gott Schöpfer, heiliger Geiſt(n. e. Lied aus der Zeit Karls d. Gr.), Mitten wir im Leben ſind(nach dem Media vita des Notker Labeo † 912), Komm heiliger Geiſt, Herre Gott(nach dem Lied Roberts von Frankreich im 11. Jahrhundert),— c) theils Erneuerungen mittelalterlicher Leiſen, z. B. Chriſt lag in Todesbanden, Nun bitten wir den heil. Geiſt, Gott der Vater wohn uns bei;— d) theils ganz neue Lieder, z. B. Gelobet ſeiſt du Jeſus Chriſt, Nun freut euch, lieben Chriſten gemein, Erhalt uns Herr bei deinem Wort, Jeſus Ehriſtus unſer Heiland. Nachdem die Lieder theilweiſe ſchon durch Flugblätter verbreitet waren und das Herz des Volkes mächtig bewegt hatten, gab Luther 1524 die erſte Sammlung derſelben heraus. Zuerſt wurden ſie wie Volkslieder in den Häuſern und auf den Straßen geſungen, dann auch in den Kirchen. In einer großen Stadt Norddeutſchlands vertrieb die Gemeinde den Meſſe leſenden Biſchof vom Altar, indem ſie plötzlich anſtimmte Ach Gott vom Himmel ſieh darein. Auf den Flügeln des Geſanges kam das Evangelium in die Herzen..„ 9) Bereits 1522, als Luther noch auf der Wartburg weilte, führte Andreas Bodenſtein aus Carlſtadt, Dr. theol. und Anhänger Luthers, den deutſchen Gottesdienſt und das Abendmahl unter beiderlei Geſtalt in Wittenberg ein. Als er aber im Verein mit tief aufgeregten Schwärmern aus Zwickau, welche ſich ſelbſt für Propheten hielten, unter ihnen der berüchtigte Bauernverführer Thomas Münzer, auch die Altäre, Bilder, Kreuze und Lichter aus den Kirchen entferute, die Kindertaufe verwarf, das Recht der Obrigkeit beſtritt und einen allgemeinen Umſturz in Staat, Kirche und Geſellſchaft anbahnte, erſchien Luther trotz Acht und Bann plötzlich wieder in Witten⸗ berg und wußte durch ebenſo große Feſtigkeit und Glaubensgewißheit als Milde und Freundlichkeit innerhalb acht Tagen den geordneten Gang der Reformation wieder herzuſtellen, ſodaß Carlſtadt mit den Zwickauer Propheten Wittenberg verlaßen mußte. Dagegen der deutſche Gottesdienſt und die Spendung des Abendmahls unter beiderlei Geſtalt bürgerte ſich nun an vielen andern Orten, wo die Pfarrer evangeliſch geſtimmt waren, ganz von ſelbſt ein. Ebenſo verließen eine Menge Möonche und Nonnen, ſoweit ſie nicht durch die Obrigkeit gehindert wurden, nach Luthers Rath' ihre Klöſter und wurden evangeliſch. Die meiſten dieſer ausgetretenen Mönche ſtudirten in ittenberg und übernahmen Pfarrſtellen. Viele unter ihnen traten anch in die Ehe. Ihrem Beiſpiel folgte Luther ſelbſt, indem er als Mann von 41 Jahren 1525 Katharina von Bora zum Weibe nahm, welche ihm als chriſtliche Hausfrau bis an ſein Ende treulich zur Seite ſtand. 10) Eine vollſtändige Einführung der Reformation ins kirchliche Leben erfolgte im deutſchen Reiche erſt ſeit dem Reichsabſchied zu Speier 1526. Alles, was bisher in einzelnen Gemeinden geſchehen war, war Privatſache geweſen, wobei die Obrigkeit das Volk nur hatte gewähren laſſen. Auf dem Reichstag zu Speier wurde jedoch beſchloſſen,„daß es jeder Reichsſtand in Sachen der Religion bis zu einem allgemeinen Concil halten ſolle, wie er vor Gott und kaiſerlicher Majeſtät zu verantworten gedenke.“ In Folge dieſes Beſchluſſes nahmen die evangeliſch geſinnten Stände, d. h. die Fürſten und die Magiſtrate der Reichsſtädte, eine durchgreifende Reformation der Kirche in ihren Gebieten vor. Da die Erzbiſchöfe und Biſchöfe dieſer Reformation feindlich waren, wurden ſie bei Seite geſchoben und ihre Diöceſen zerſtückelt. Die Obrigkeiten ſelbſt nahmen aus Noth und aus Liebe zu ihrem Volke die Leitung der Kirche in die Hand. Mit Fülfe der univerſitätslehrer, der Pfarrer, des Adels und der Bürgerſchaft führten ſie die Reformation ein. a) An die Spitze der Kirche ſtellten ſie Conſiſtorien(consistorium), Behörden aus geiſtlichen und weltlichen Räthen, welche die Regierung in Sachen des Glaubens, des Bekenntniſſes, des Gottesdienſtes, der Zucht über Geiſtliche und Gemeindeglieder, des Chelebens und des Volksſchulweſens führten. Unter den Conſiſtorien ſtanden die General⸗ Superintendenten, unter dieſen die Superintendenten oder Dekane, unter dieſen die Pfarrer. b) Nur in Heſſen beſtand bis 1610 eine etwas andere Verfaſſung, indem die Superintendenten in Verbindung mit ſogenannten General⸗Synoden, welche von den Landgrafen berufen und ſtark beeinflußt wurden, die Kirche regierten. Doch 1610 wurden auch ſie unter ein Conſiſtorium geſtellt. c) In Oſt- und Weſt-Preußen, in Schweden, Norwegen und Dänemark wurden die Biſchöfe bzw. Erzbiſchöfe beibehalten, doch in ähnlicher Stellung wie ſonſt die General⸗Superintendenten.. d) Durch den Paſſauer Vertrag vom Jahr 1552 zwiſchen Kaiſer Karl V. und Kurfürſt Moritz von Sachſen, ſowie durch den Augsburger Religionsfrieden vom J. 1555 wurde das Kirchenregiment der Stände(Obrigkeiten) unter dem Namen des Reformations⸗Rechts(jus reformandi) reichsrechtlich anerkannt und behauptete ſich in den lutheriſchen Gebieten bis in die neueſte Zeit. Nur die geiſtlichen Fürſten(Erzbiſchöfe, Biſchöfe, Aebte) durften ſeit 1555 die Reformattion in ihren Gebieten nicht mehr einführen. Man nannte dies den geiſtlichen Vorbehalt(reservatum ecclesiasticum) des Religionsfriedens. e) Ueberall, wo die Reformation eingeführt wurde, wurden die Güter der Bisthümer, Domſtifter und Abteien eingezogen. Ein Theil dieſer Güter fiel den Obrigkeiten und dem Adel zu, deren Vorfahren ſie einſt— zum Theil als Verſorgung für ihre nachgeborenen Söhne und Töchter— geſtiftet hatten; der andere, meiſt kleinere Theil wurde zur Gründung von Schulen, z. B. der Univerſiät Marburg 1527, der lateiniſchen Schulen zu Meißen, Grimma, Pforta, Roßleben und anderer, ſowie zur Verbeſſerung gering dotirter Pfarreien verwendet. f) Bei der Einrichtung des Gottesdienſtes wurde nach Luthers Grundſatz verfahren, alle diejenigen Gebräuche, Gebete, Lieder und Melodien aus früherer Zeit beizubehalten, welche mit dem Worte Gottes nicht im 29 Widerſpruch ſtanden. Abgeſchafft wurde demgemäß nur die lateiniſche Anbetung Gottes, die Ohrenbeichte, die Meſſe, das Weihwaſſer, der Heiligen⸗, Reliquien⸗ und Bilderdienſt. Dagegen beibehalten wurde die alte Liturgie, doch wechſelnd zwiſchen dem Geiſtlichen und der Gemeinde ſtatt des Chors, das Kirchenjahr mit ſeinen Feſten, geſchloſſenen Zeiten, (Advent, Paſſionszeit), Evangelien und Epiſteln, der Altar mit Kreuzen, Lichtern und Bildern, ſowie der Taufſtein mit ſeinem Schmuck. Hinzu kam die deutſche Predigt der Sünde und der Gnade aus Gottes Wort als Mittelpunkt des Gottesdienſtes, ferner der Gemeindegeſang und die deutſche Feier des heiligen Abendmahls mit Beibehaltung der Hoſtie ſtatt des Brodes. Der vollſtändige Hauptgottesdienſt zerfiel hiernach in drei Theile, in die Liturgie, die Predigt und die Abendmahlsfeier. An die Stelle der Ohrenbeichte trat die Privatbeichte vor dem Abendmahl. Beim Empfange des Sacramentes wurde an vielen Orten gekniet oder doch, wie beim Namen Jeſu, das Haupt gebeugt. Auch das Kreuzſchlagen blieb häufig in Uebung. Die Geiſtlichen trugen nach Luthers Vorgang meiſt das ſchwarze Auguſtiner Chorhemd(Talar, Chorrock). g) Die Bekenntniſſe und Lehrſchriften(libri symbolici), auf welche mit der Zeit alle Kirchenbehörden, Profeſſoren, Beamte und Geiſtlichen in den lutheriſchen Ländern verpflichtet wurden, waren a) aus der alten Kirche das apoſtoliſche, das niceniſche und das athanaſianiſche Symbol, b) aus der Reformationszeit die Augsburger Confeſſion(Augustana) vom J. 1530, die Apologie(Vertheidigung) derſelben, der große und kleine Katechismus Luthers vom J. 1529, die Schmalkaldiſchen Artikel vom J 1537 und in mehreren Ländern(Kurſachſen, Branden⸗ burg, Würtemberg u. ſ. w.) die Conkordienformel vom J. 1577. 11) Das erſte Territorium, in welchem die Kirche nach obigen Grundſätzen eingerichtet wurde, war das Deutſchordensland Preußen. Die Blüte des Ordens in dieſen Gegenden war damals längſt vorüber; durch den Mangel an Zuzug aus Deutſchland war ſeine Wehrkraft erlahmt; beim Umſichgreifen der Reformationsideen drohte ihm ein völliges Ausſterben. Zugleich hatte der Orden um ſeine Selbſtſtändigkeit mit dem Königreich Polen zu kämpfen. Da nun die Bürgerſchaft in Königsberg und in den andern großen Städten dem Evangelium geneigt war und dem Biſchof von Samland, Georg von Polentz, der ſich 1523 an die Spitze der Bewegung ſtellte, mit Freuden folgte, ſo verwandelte der evangeliſch geſinnte Hoch- und Deutſch-Meiſter Albrecht von Brandenburg 1525 das Land in ein erbliches Herzogthum, welches er von Polen zu Lehen nahm, berief Paul Speratus als Biſchof von Pomeſanien nach Königsberg und führte den evangeliſchen Gottesdienſt überall ein. Daſſelbe that in Heſſen Landgraf Philipp der Großmüthige in Folge des Conventes zu Homberg 1526. Der jugendliche und thatkräftige Fürſt war bereits 1521 zu Worms mit Luther in Berührung gekommen und günſtig für ihn geſtimmt worden, doch hatte er vorläufig noch den Katholicismus in ſeinem Lande geſchützt; allein durch ein perſönliches Zuſammentreffen mit Melanchthon wurde Philipp von der göttlichen Wahrheit der neuen Lehre überzeugt und erklärte ſeitdem, er wolle lieber von Land und Leuten als vom Worte Gottes laſſen. Unter dem Beiſtande des feurigen, aber mehr zwingliſch geſinnten Franz Lambert von Avignon und des feſten, ſtreng lutheriſchen Hofpredigers Adam Kraft(Crato) von Fulda führte er 1526 die Reformation in ſeinem Lande ein und gründete aus dem eingezogenen Kloſtergut 1527 die Univerſität Marburg als Bildungſtätte für die evangeliſchen Geiſtlichen, den Adel und die Beamten ſeines Landes. Aehnlich verfuhr in Kurſachſen Johann der Beſtändige(1525— 32) und nach ihm ſein Sohn Johann Friedrich der Großmüthige(1532—46). Nach der großen Viſitation aller Kirchen von 1527 und 1528 ſchrieb Luther für die Pfarrer und Lehrer 1529 ſeinen großen Katechismus und für die Hausväter und das Volk den kleinen mit den fünf Hauptſtücken. Außerdem ſah Luther die Sache des Herrn ſiegen in Schweden 1527 durch Guſtav Waſa mit Beihuͤlfe der Hanſa, beſonders der Stadt Lübeck; in Dänemark und Norwegen durch Friedrich I. 1537 unter dem Beirathe Johann Bugenhagens; ebenſo in Braunſchweig⸗Lüneburg und in Ham⸗ burg 1528, in Lübeck 1530, in Pommern 1534; weiter im Würtemberg 1534 durch Herzog Ulrich und den Reformator Johann Brenz; im Herzogthum Sachſen 1539 durch Herzog Heinrich;'n Brandenburg 1539 durch Joachim II.; außerdem in einer Menge von Herrſchaften und freien Reichsſtädten, z. B. im Fürſtenthum Anhalt, in Nürnberg, in Ulm, in Straßburg, in Frankfurt und andern mehr; ſelbſt in Schleſien, Böhmen und Oeſterreich unter Adel und Bürgern, während freilich auch das Haus Habsburg katholiſch blieb und ſich ſpäter der Lehre Luthers ſehr feindlich zeigte. 12) Die umfaſſenden und tiefgreifenden Veränderungen, welche durch die Reformationsbewegung in den Herzen und im äußern Leben hervorgerufen wurden, konnten ohne die gewaltigſte Erregung der Gemüther und ohne die ſchwerſten Kämpfe nicht zu Stande kommen. Während die tradionelle Kirche des Papſtthums in einem großen Theil des Abendlandes ſich mit Gewalt behauptete und immer neue Anſtrengungen machte, alle und jede kirchliche Reform zu unterdrücken, war zugleich die Sache des Wortes Gottes durch die leidenſchaftliche Unruhe gefährdet, mit welcher die mannigfaltigſten religiöſen, kirchlichen, politiſchen und ſocialen Beſtrebungen ſich damals geltend zu machen ſuchten. Nicht nur Sektirer jeder Art, wie die Anabaptiſten oder Wiedertäufer und die Antitrinitarier, traten auf; auch die gemäßigten 4* 30 und beſonnenen Anhänger der Reform gingen in wichtigen Dingen auseinander; Luther und Zwingli konnten ſich auf dem Religionsgeſpräch zu Marburg 1529 nicht einigen, weil Zwingli das heilige Abendmahl zu einem bloßen Gedächtnißmahl an Chriſti Tod verflüchtigte, während Luther auf Grund der Schrift an dem wirklichen Genuſſe des Leibes und Blutes Chriſti feſthielt. Daneben kämpfte der Adel gegen die Fürſtenmacht, der Bauernſtand gegen die Herrn, die katholiſchen Stände gegen die evangeliſchen. Nicht ſelten ging der Streit der Meinungen und Leidenſchaften mitten durch die Familien; alte Freundſchaften gingen in Haß und Feindſchaft über. Viele vorhandene Rohheit und Unſittlichkeit, welche in den früheren ruhigen Zeiten durch die Macht des Rechts und der Sitte niedergehalten war, trat jetzt rückſichtslos hervor, weil die große Maſſe derer, welche ohne eigne Ueberzeugung nur durch das Herkommen regiert waren, nunmehr meinte Alles wegwerfen zu können, da Papſt und kirchliche Tradition nichts mehr galten. Schwache und feinfühlende Naturen wurden durch Alles dies in hohem Grade geängſtigt. Viele Stimmen aber wurden laut, welche die Schuld der allgemeinen Gährung und Verwirrung auf Luther und auf die Predigt des Wortes Gottes warfen. Es war natürlich, daß Niemand in Europa tiefer von dieſen Bewegungen ergriffen wurde als der Reformator Luther ſelbſt. Schon auf der Wartburg war ſeine Seele ſo ſehr davon erſchüttert, zerrieben und gemartert worden, daß er es nicht mehr ausgehalten hatte und wieder nach Wittenberg gekommen war. Aber das war nur der erſte große Anfang ſeiner Bekümmerniſſe geweſen. Es ſollte immer ärger werden. In alle Kämpfe wurde er hineingezogen, für alle Schwierigkeiten wurde er verantwortlich gemacht, gegen alle Bedrängniſſe wurde er um Rath, That und Für⸗ bitte angegangen. Nach wie vor mußte er der Hauptkämpfer gegen die Angriffe der päpſtlich Geſinnten ſein. Wenn auch Philipp Melanchthon durch ſein Lehrbuch der Theologie(loci theologici, theologiſche Sätze), die erſte evangeliſche Glaubenslehre der Kirche(1521), ſowie durch die Abfaſſung der Augsburger Confeſſion und der Apologie im Jahr 1530 ihm aufs Wirkſamſte zur Seite ſtand, ſo lag doch die Hauptlaſt der Vertheidigung und des Angriffs, des Aus⸗ reutens und Planzens immer auf Luther ſelbſt. Nur in der Kraft ſeines Glaubens, in der mannhaften und doch kindlichen Hingebung ſeines Herzens an den Heiland und im brünſtigen Gebetsumgange mit Gott fand er bei allen dieſen Verwickelungen, Aufregungen und Kämpfen immer wieder Ruhe und Freudigkeit. Auch das Fautilienleben und der ungezwungene Verkehr mit ſeinen Freunden bereitete ihm zuweilen eine Stunde der Erholung. Im Kreiſe der Seinigen, unter Ernſt und Scherz, in eifriger Pflege der Muſik und des Geſanges konnte er die herzliche und tief gemüthliche Seite ſeines Weſens recht entfalten. Aber dies waren immer nur Stunden der Ausſpannung. Im Uebrigen floß ſein Leben in einer unglaublich vielſeitigen und aufreibenden Thätigkeit hin; gar manchmal lag die Koth der Kirche wie eine Bergeslaſt auf ſeiner Seele; zuweilen kam er ſich ſo allein und verlaſſen in dieſer Welt vor, daß ihn das Verlangen nach der ewigen Ruhe beim Herrn mit ſchmerzlicher Sehnſucht bewegte. Ueber die Rohheit und Rückſichtsloſigkeit des großen Haufens, welche ihm bei den Bürgern und Studenten in Wittenberg nur zu oft entgegentrat, war er einmal ſo bekämmert, daß er die Stadt verließ und nur durch das ernſte Verſprechen der Beſſerung zur Rückkehr bewogen werden konnte. Unter Vorahnungen ſchwerer göttlicher Gerichte ſah er ſo das Jahr 1545 und mit ihm ſeine Lebenskraft zu Ende gehen. Krank und gebrochen folgte er noch Anfang 1546 der Einladung der Grafen von Mannsfeld, ſeiner Landesherrn, um einen Streit über die Bergwerke bei Eisleben zwiſchen ihnen zu ſchlichten; aber zu Eisleben ereilte ihn der Tod. Als Luther am 18. Februar ſein Ende kommen fühlte, betete er mit lauter Stimme:„Ich danke dir Goit, du Vater unſeres Herrn Jeſu Chriſti, du Gott alles Troſtes, daß du mir deinen „lieben Sohn haſt geoffenbaret, den ich geliebet, den ich gepredigt, bekannt und gelobt habe, den der Papſt und alle „Gottloſen ſchmähen und läſtern. Mein Herr Jeſu Chriſte, laß dir mein Seelein empfohlen ſein! O himmliſcher „Vater, ich weiß, ob ich ſchon von dieſem Leib hinweggeriſſen werde, daß ich bei dir ewig werde leben. Alſo hat Gott „die Welt geliebet, daß er ſeinen Eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, „ſondern das ewige Leben haben. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den Herrn Herrn, der vom Tode errettet“. Und als ihn ſein langjähriger Freund Dr. Jonas fragte: Allerliebſter Vater, wollt ihr auch auf euern Herrn Jeſum Chriſtum ſterben und die Lehre, ſo ihr in ſeinem Namen gepredigt, bekennen? antwortete er noch einmal laut und kräftig: Ja. Dann verſchied er. In der Schloßkirche zu Wittenberg wurde er begraben. 13) Unter den Genoſſen und Mitarbeitern, welche ihn überlebten, war der bedeutendſte Philipp Melanchthon. Geboren zu Bretten am 10. Februar 1497 als der Sohn des Waffenſchmiedes Georg Schwarzert und als Großneffe Johann Neuchlins empfing er ſeine erſte Ausbildung nach des Vaters frühem Tod in Pforzheim, ſtudirte darauf in Heidelberg und Tübingen, ſchrieb mit 16 Jahren ſeine griechiſche Grammatik, wurde mit 17 Jahren Magiſter, Doctor der Philoſophie und Profeſſor, folgte 1519 dem Rufe nach Wittenberg und ſchloß ſich ſeit der Disputation zu Leipzig feſt an Luther an. Der Ruf ſeiner Gelehrſamkeit zog Tauſende von Studenten, worunter auch viele ältere Männer, nach Wittenberg. Durch ihn empfing die Lehre Luthers ihre erſte wiſſenſchaftliche Ausbildung; durch ihn wurde auch das Studium der alten Sprachen im proteſtantiſchen Deutſchland unzertrennlich mit dem Cvangelium verknüpft. Mit Necht wurde er deßhalb der Lehrer Deutſchlands(praeceptor germaniae) genannt. Nach Luthers Tod war aber die ſchönſte und geſegnetſte Wirkſamkeit Melanchthons zu Ende. Der Schmalkaldiſche Krieg, die Gefangennahme und Abſetzung des Kurfürſten, der Haß fanatiſcher Lutheraner ſowie vielerlei häusliches Kreuz verzehrten die Kraft des zarten Mannes. Am weheſten that ihm der Haß ſeiner eigenen Glaubens⸗ genoſſen, als er auf Anregung des Kurfürſten Moritz und theilweiſe nach den Wünſchen Karls V. das ſogenannte Leipziger Interim angenommen hatte, wonach vorläufig und bis zur Entſcheidung eines allgemeinen Concils mehrere katholiſche Gebräuche im lutheriſchen Gottesdienſt beibehalten werden ſollten, während die Lehre rein evangeliſch blieb. Melanchthon ſtarb 19. April 1560.. Aehnlich wie Melanchthon litt unter dieſen Streitigkeiten Luthers Freund und Beichtvater Johann Bugen⸗ hagen, gewöhnlich Pommeranus oder Dr. Pommer genannt. Geboren zu Wollin 1485 wurde er 1521 durch die Schrift Luthers„Von der babyloniſchen Gefangenſchaft der Kirche“ zum Evangelium gebracht. Als er die erſten Seiten des Büchleins geleſen hatte, rief er erſchrocken aus: Es ſind zwar ſeit Chriſti und der Apoſtel Zeit viel Ketzer geweſen, aber ein größerer als der dies Buch Pmacht hat iſt nicht aufgekommen! Als er dagegen zu Ende war, ſprach er: Was ſoll ich ſagen? Die ganze Welt liegt in Finſterniß; nur diefer eine Mann kennt die 31 Wahrheit. Er verließ ſeine Stelle als Rektor der Schule zu Treptow an der Rega, wurde in Wittenberg Luthers Zuhörer und Freund, hielt Vorleſungen über die Pſalmen an der Univerſität, wurde Profeſſor, Stadtpfarrer und General-⸗Superintendent des Kurkreiſes, unterſtützte Luther bei der Ueberſetzung der Bibel, führte die Reformation in Dänemark, Pommern, Hamburg, Lübeck, Braunſchweig und Hildesheim ein, verfaßte die Kirchenordnungen für dieſe Länder, überlebte mit tiefem Schmerz den Tod Luthers und ſtarb 1558, wie Melanchthon betrübt durch Streitigkeiten der Evangeliſchen unter einander. §. 37. Die lutheriſche Kirche in Deutſchland bis auf Spener. 1) Im Großen und Ganzen behauptete ſich die lutheriſche Kirche in denjenigen deutſchen Ländern, welche beim Abſchluß des Augsburger Religionsfrieden 1555 bereits evangeliſch geweſen waren. Ihre Anhänger hießen in der amtlichen Sprache des Reiches„Augsburger Confeſſions⸗Verwandte“, weil ſich ihre Berechtigung auf freie öffentliche Religionsübung auf die Zugehörigkeit zur Augsburger Confeſſion gründete. Vom Volke wurden ſie entweder Lutheraner genannt, wie ſie nach und nach auch ſelbſt ſich nannten, oder Proteſtanten, weil ſie 1529 auf dem Reichstage zu Speier gegen die Unterdrückung der evangeliſchen Minderheit durch die katholiſche Mehrheit proteſtirt hatten. Seit dem weſtphäliſchen Frieden von 1648 und ſeit dem Regensburger Reichstag von 1665, welcher be im ſeeeennoorpas rüs icoraw⸗ de Geſandten der proteſtantiſchen Stände, eine feſte Vertretung im Reichtage verlieh, wurden ſie amt ich au FEvangeliſche genannt, während die Anhänger des Papſtes den manden Katholiken für ſich behaupteten. 4 geliſche g 4 Anhänger des Papſtes 2) Die weitere Ausbreitung der lutheriſchen Lehre im Reiche kam ſchon ſeit dem Religions⸗ frieden von 1555 ins Stocken. Viele Gemüther, welche zum Uebertritt geneigt waren, wurden durch die wilden und gehäſſigen Streitigkeiten zurückgeſtoßen, welche theils unter den Lutheranern ſelbſt theils zwiſchen dieſen und den Reformirten(Zwinglianern und Calviniſten) geführt wurden. Unter andern waren dieſe Streitigkeiten der Anlaß, daß Kaiſer Max II. katholiſch blieb. Zugleich begann ſich der Einfluß der nach Ingolſtadt und Wien berufenen Jeſuiten zu regen. Zuerſt erreichten ſie eine Gegenreformation bei den Unterthanen der geiſtlichen Fürſten, z. B. auf dem Eichsfeld, im Fuldiſchen, in den Bisthümern Hildesheim und Paderborn; dann auch bei weltlichen Herrn, wie bei den Grafen von Naſſau⸗Hadamar, welche zur katholiſchen Kirche zurückkehrten und ein gleiches bei ihren Unterthanen erzwangen. Am verhängnißvollſten für den lutheriſchen Glauben wurde aber die Wirkſamkeit des Jeſuiten⸗Ordens in Oeſterreich, Böhmen und Schleſien. In dieſen Ländern hatte der größte Theil des Adels und viele Bürger in den Städten das Wort Gottes angenommen, während das Landvolk und das regierende Haus Habsburg noch katholiſch war und mit dem hohen Clerus am Papſtthum feſthielt. Unter mancherlei Kämpfen behauptete ſich dieſer Zuſtand bis auf Ferdinand II., den ſtreng katholiſchen Schüler der Jeſuiten zu Ingolſtadt und des Beichtvaters Lämmermann(Lamormain). Schon als Erzherzog hatte er in Kärnthen und Steiermark, ſeinen Erblanden, mit rückſichtsloſer Härte und Grauſamkeit das Evangelium ausgerottet. Daſſelbe that er dann als Kaiſer in Oeſterreich und nach der Schlacht auf dem weißen Berge(1620) in Böhmen und Schleſien. Durch Hinrichtungen, Güter⸗Confiskationen und Vertreibung brach er den Widerſtand des Adels, durch die Brutalität und Grauſamkeit der Lichtenſtein-Dragoner den der Bürger in den Städten. Wenn Jemand durch die Mißhandlungen der Soldaten körperlich und geiſtig gebrochen war, ſodaß er nicht mehr wußte, was er that, ließen ihn die Jeſuiten eines Revers unterſchreiben: Ich Endesunterzeichneter bekenne hiermit, daß ich ungezwungen und ungedrungen in den Schooß der alleinſeligmachenden katholiſchen Kirche zurück⸗ gekehrt bin. Wer ſich deſſen weigerte oder ſpäter widerrief, wurde ſeiner Güter beraubt, von ſeinen Kindern getrennt und konnte oft nicht einmal das nackte Leben retten. Die weggenommenen Kinder wurden katholiſch erzogen. Trotz alledem blieben in Böhmen und Schleſien viele heimliche Lutheraner und böhmiſch-mähriſche Brüder unter dem Volke zurück, welche ihren Glauben für beſſere Zeiten bewahrten. Karl XII. von Schweden verſchaffte ihnen 1706 durch ſeine Verwendung beim Kaiſer Joſeph I., einem Gegner der Jeſuiten, einige Erleichterung. Doch erhielten ſie in Sheſie erſ durch Friedrich den Großen und in Böhmen ſogar erſt 1866 nach der Schlacht von Königgrätz wirkliche eligionsfreiheit. 3) Im übrigen Deutſchland verlor die lutheriſche Kirche mehrere Gebiete durch den Uebertritt der Landesherrn und des Volkes zu einer gemäßigt reformirten Richtung. Friedrich III. von der Pfalz, ein Verehrer des von ſeinen eignen Glaubensgenoſſen vielgeſchmähten Melanchthon, führte das reformirte Bekenntniß mit ſeinent ſchmuckloſen Gottesdienſt 1560— 62 in ſeinem Lande ein(Heidelberger Katechismus); die Hanſeſtadt Bremen that daſſelbe 1561— 81, das Fürſtenthum Anhalt 1596, die Grafſchaft Naſſau 1582. In Heſſen⸗Caſſel, wo Landgraf Philipp der Großmüthige ſeit 1526 nach gemäßigt lutheriſchen Grundſätzen die Kirche geſtaltet und trotz des mißlungenen Marburger Religionsgeſprächs von 1529 eine regere Verbindung mit den Reformirten im Auge behalten hatte, wurde 1605—7 durch den gelehrten aber calviniſch geſinnten Landgrafen Moritz der Gottesdienſt reformirt eingerichtet, indem die Bilder und Altäre aus den Kirchen entfernt, das Brod beim heiligen Abendmahl gebrochen, die 10 Gebote nach dem Wortlaut der Bibel in den Katechismus Luthers aufgenommen und in der Lehre von den Sacramenten die ſcharf lutheriſchen Ausdrücke verboten wurden. Hierdurch empfing Niederheſſen jenen gemäßigt reformirten Charakter, welchen es im Weſentlichen bis in die neueſte Zeit behalten hat(Katechismus von 1607). Dagegen in Oberheſſen behauptete ſich in Folge des Teſtaments des Landgrafen Ludwig und unter 32 Garantie des weſtphäliſchen Friedens der urſprüngliche lutheriſche Charakter der Kirche. Auch in Brandenburg empfing das reformirte Bekenntniß durch den Uebertritt des Kurfürſten Johann Sigismund 1613 öffentliche Anerkennung, während freilich das Volk beim lutheriſchen Glauben und Gottesdienſt blieb. 4) Im innern Glaubensleben der lutheriſchen Kirche folgte auf den großartigen Aufſchwung der Reformationszeit eine Zeit des Nachlaſſens und der theilweiſen Erſchlaffung. Die ſchöpferiſchen Grundgedanken der Reformation waren unter ſo großen innern und äͤußern Kämpfen ins kirchliche Leben eingeführt worden, daß eine gewiſſe Ermüdung nicht ausbleiben konnte. Für das nachfolgende Geſchlecht trat daher ein Stillſtand in der kirchlichen Entwickelung ein; ihm galt es in erſter Linie als ſeine Aufgabe, das errungene Glaubensgut feſtzuhalten und gegen Angriffe von außen zu vertheidigen. In unbewußtem Widerſpruch gegen die ſchriftmäßigen Grundſätze der lutheriſchen Kirche ſelbſt fing man aber leider hierbei an, ein übertriebenes Gewicht auf die Lehre zu legen und daneben die großen Mängel der öffentlichen Sittlichkeit zu überſehen. Eine nicht geringe Verſuchung zu dieſer unevangeliſchen Richtung des kirchlichen Lebens war freilich durch die äußere Lage der lutheriſchen Kirche gegeben. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 war vom Papſt und von dem gewaltig aufſtrebenden Jeſuitenorden nicht anerkannt und die katholiſchen Gelehrten ſetzten eine Ehre darein, die Lutheraner mit immer neuen Angriffen, Vorwürfen und Bedrohungen zu überſchütten. Die letztern wurden hierdurch genöthigt, mit unabläſſiger Wachſamkeit die evangeliſchen Lehren und Einrichtungen zu vertheidigen. Mehrere Menſchenalter lang wurden deßhalb die beſten theologiſchen Kräfte durch den literariſchen Krieg gegen die Katholiken in Anſpruch genommen. Zu gleicher Zeit wüthete aber auch ein ähnlicher Kampf gegen die Neformirten (Zwinglianer, Calviniſten, Melanchthonianer oder Philippiſten, Sacramentirer u ſ. w.). Seit dem Religionsgeſpräch zu Marburg glaubte kein ſtrenger Lutheraner die dargebotene Bruderhand der Reformirten annehmen zu können; man fühlte ſich durch die calviniſche Lehre von der Gnadenwahl und von der geiſtlichen Nießung des Leibes und Blutes Chriſti im tiefſten Innern zurückgeſtoßen; man hielt es für Pflicht, gegen dieſe Lehren aus allen Kräften zu ſtreiten. Beſonders die theologiſchen Profeſſoren ſahen es deßhalb als ihre wichtigſten Aufgaben an, ihre Zuhörer zu tüchtigen Kämpfern gegen Calvinismus und Papſtthum heranzubilden, und vernachläſſigten hierüber nicht ſelten in ihren, ohnehin ſtets lateiniſch gehaltenen Vorleſungen die eigentliche Erbauung und die ſittliche Förderung der Studirenden. Ebenſo machten es viele Geiſtliche auf den Kanzeln gegenüber ihren Gemeindegliedern. Statt denſelben nach Gottes Wort und nach dem innerſten Lebenstrieb der Reformation Buße und Glaube zu predigen, bekämpften ſie faſt nur noch die Andersgläubigen und ergingen ſich in leidenſchaftlicher Verdammung derſelben, oft ſogar mit Nennung der Namen(Nominal⸗Clenchus). Das Volk wurde hierdurch fanatiſiert und meinte deſto beſſer lutheriſch zu ſein, je heftiger es die Andersgläubigen haßte. Einer großen Menge von Lutheranern ging auf dieſe Weiſe der urſprüngliche Glaubensbegriff ihrer eignen Kirche verloren; ihr Glaube war nicht mehr, wie bei Luther, das herzliche Vertrauen einer bußfertigen Seele auf Gottes Gnade in Chriſto, ſondern das ſtrenge Fürwahrhalten der lutheriſchen Lehre bis ins Einzelne hinein, ein geſchichtlicher Glaube ohne Bekehrung des Herzens, ein juriſtiſches Rechthabenwollen und Aburtheilen. Während Luther einſt den rechtfertigenden Glauben für ein lebendig, kräftig und geſchäftig Ding erklärt hatte, aus welchem die guten Werke bei den Glänbigen und Wiedergeborenen von ſelbſt kommen müßten, gefiel ſich jetzt ein großer Theil ſeiner eifrigſten Nachfolger in einer rohen Gleichgültigkeit gegen die unerläßlichen Forderungen eines chriſtlichen Wandels. An den fürſtlichen Höfen, beim Adel auf ſeinen Schlöſſern, unter den Studirenden auf den Hochſchulen, bei den Bürgern in den Städten herrſchte neben großer äußerlicher Kirchlichkeit ein wüſtes und unmäßiges Treiben, ſchmutziges Leben bei reiner Lehre. Die greulichen Hexenproceſſe, welche im Mittelalter aus einer Verbindung des unbibliſchen Volksaberglaubens mit der päpſtlich eingeführten Inquiſition hervorgegangen waren, dauerten auch in den lutheriſchen Ländern noch bis ins 18. Jahrhundert fort. 5) Neben dieſen dunkeln Schattenſeiten des kirchlichen Lebens traten jedoch auch die ſegens⸗ reichen Wirkungen des wieder auf den Leuchter geſtellten Evangeliums glänzend hervor. In der deutſchen Bibel, im Katechismus, in den Kirchenliedern, in gedruckten Predigten Luthers und anderer frommer Männer, in den Gebeten und Schriftvorleſungen des Gottesdienſtes, in der ergreifenden Feier des Abendmahls und in der feſten kirchlichen Sitte war doch dem lutheriſchen Volke ein unverſiegbarer Quell der Wahrheit und des Troſtes aufgeſchloſſen, welcher fort und fort neues Leben in den Gemüthern weckte. a) Auch bei den heftigſten Verfechtern der lutheriſchen Lehre gegen Andersgläubige fand ſich nicht ſelten eine tiefe und innige Herzensfrömmigkeit; Philipp Nikolai aus Mengeringhauſen, geb. 1556, geſt zu Hamburg 1608, einer der eifrigſten Gegner der Reformirten, welcher ſich nicht ſcheute, dieſelben als Muhamedaner und Götzendiener zu bezeichnen, konnte doch das herrliche Jeſuslied hervorbringen: Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern, ſowie das großartige und den beſten Liedern Lutbers an Kraft gleichkommende Lied: Wachet auf, ruft uns die Stimme. Ueberhaupt fehlte es der lutheriſchen Kirche zu keiner Zeit an heiligen, großen Seelen unter Laien und Geiſtlichen, welche die volle Kraft des Evangeliums im Herzen eucheen hatten und dieſelbe durch einen chriſtlichen Wandel bewährten. b) Aus tiefſter Erfahrung heraus rauſchte der Strom der kirchlichen Liederdichtung in unverminderter Kraft und Friſche weiter. Gerade in den ſchrecklichen Zeiten des dreißigjährigen Krieges, welche der Kirche ſo tiefe Wunden ſchlugen, fanden fromme Männer im Liede den ſchönſten Ausdruck für ihren Schmerz und für ihren Troſt. Valerius Herberger, Pfarrer zu Frauſtadt,(1562— 1627), ſang ſein: Valet will ich dir geben; Joh. Herm. Schein, Capellmeiſter in Leipzig,(1586): Machs mit mir Gott nach deiner Güt; Joh. Mat. Meyfarth,(1590— 1642): 33 Jeruſalem, du hochgebaute Stadt; Joſuag Stegmann,(1588— 1633): Ach bleib mit deiner Gnade; Martin Rinkart, (1586— 1679): Nun danket alle Gott; Paul Flemming,(1609— 1640): In allen meinen Thaten; Joh. Heermann, (1585— 1647): Herzliebſter Jeſu, was haſt du verbrochen? O Gott du frommer Gott; So wahr ich lebe, ſpricht mein Gott; Georg Neumark,(1621— 168¹);: Wer nnr den lieben Gott läßt walten; Johaun Ge. Albinus,(1649— 1675): Straf mich nicht in deinem Zorn, Alle Menſchen muſſen ſterben; Joh. Riſt,(1607— 1667): Werde munter mein Gemüthe; Simon Dach,(1605— 1659): Ich bin ja Herr in deiner Macht; Louiſe Henriette von Brandenburg, die Gemahlin des großen Kurfürſten, eine Enkelin des Admirals und Märtyrers Coligny, aus dem Hauſe Oranien, in ihrem Glauben gemäßigt reformirt, in der Schule des Kreuzes geübt(geb. 1627, geſt. 1667), eine Freundin der Lieder Paul Gerhards, hinterließ das Triumphlied des Glaubens über Tod und Verweſung: Jeſus, meine Zuverſicht. Michael Schirmer,(1606— 1673): O heiliger Geiſt, kehr bei uns ein; Samuel Nodigaſt,(1649— 1700): Was Gott thut, das iſt wohlgethan; Chriſtian Keimann,(1607— 1662): Meinen Jeſum laß ich nicht; Johannes Frank,(1618— 1677): Jeſu, meine Freude; Schmücke dich, o liebe Seele; Tobias Clausnitzer,(1619— 1684): Liebſter Jeſu, wir ſind hier. c) Der bedeutendſte aller Liederdichter aber, deſſen Geſänge für alle Zeiten mit dem Herzen des evangeliſchen Deutſchlands verwachſen ſind, war Paul Gerhard,(1606— 1676). Als der Sohn des Bürgermeiſters zu Gräfenhainichen geboren und von ſeinen Eltern fromm erzogen erlebte er in ſeinen Jünglingsjahren die Schrecken des eutſchen Kriegs, ſah ſeine Vaterſtadt geplündert und verbrannt, wurde im tiefſten Innern dadurch erſchüttert, aber auch zu Gott gezogen und ſprach ſchon frühe ſeinen Schmerz wie ſeinen Troſt im Liede aus. Nachdem er noch als Candidat und Hauslehrer den weſtphäliſchen Frieden mit dem Geſang begrüßt hatte: Gott Lob, nun iſt erſchollen das edle Fried⸗ und Freuden⸗Wort, wurde er 1652 als Probſt nach Mittenwalde und 1657 als Diakon an die Nikolaikirche in Berlin berufen. Als Prediger, Seelſorger und Liederdichter fand er in Berlin, welches damals 20000 Cinwohner zählte, die geſegnetſte Wirkſamkeit; das chriſtliche Leben der Bürgerſchaft hob ſich durch ſeinen Einfluß zuſehends. Doch der wilde Streit, welcher ſeit dem Uebertritt des Kurfürſten Johann Sigismund zur reformirten Kirche(1613) auf den meiſten lutheriſchen Kanzeln der Mark gegen das reformirte Bekenntniß geführt wurde, ſollte dieſe geſegnete Wirkſamkeit Gerhards in beklagenswerther Weiſe unterbrechen. Aus verſchiedenen Urſachen war dieſer Streit gerade damals in gehüäſſigſter Geſtalt neu aufgelodert. Vergeblich verſuchte der große Kurfürſt denſelben durch wiederholte friedliche Verhandlungen der Partheien beizulegen. Gerhard ſelbſt, welcher ſich auf der Kanzel des feindlichen Haderns gänzlich enthielt, faßte doch die Streitpunkte als zu wichtig auf, um ſich den Reformirten zu nähern, und wollte ſich für alle Fälle das Recht wahren, ſein lutheriſches Bekenntniß unter Umſtänden auch auf der Kanzel gegen die reformirte Lehre zu ver⸗ theidigen. Als daher der Kurfürſt 1664 von allen lutheriſchen und reformirten Predigern einen Revers verlangte, daß ſie ſich des unchriſtlichen Scheltens und Läſterns gegen einander gänzlich enthalten wollten, verweigerte der ſonſt ſo friedliche Gerhard denſelben mit größter Beſtimmtheit und wurde deßhalb von ſeinem Amte enthoben. Auf Bitten des Magiſtrats und der Zünfte wollte ihn zwar der Kurfürſt wieder annehmen, indem er einen ſtillſchweigenden Gehorſam von ihm erwartete, allein auch hierauf glaubte Gerhard um ſeines Gewiſſens willen nicht eingehen zu können und mußte nun ſein Amt aufgeben. Nachdem er mit ſeiner Familie eine Zeit lang von den Geſchenken ſeiner Freunde gelebt hatte, folgte er 1668 einem Rufe als Archidiakon nach Lübben in der Lauſitz, wo er nach vielen ſchweren Trüb⸗ ſalen 1676 ſeinen Lebensabend ſchloß. Schon bei ſeinen Lebzeiten waren viele ſeiner Lieder in die Geſangbücher über⸗ gegangen. Aus der Bibel, aus Johann Arnds wahrem Chriſtenthum und aus den Schriften Bernhards von Clairvaur hatte Gerhard die Anregung zu denſelben geſchöpft. Vom Kirchenlied der Reformationszeit unterſchieden ſie ſich, wie die meiſten Kirchenlieder jener Zeit nach Inhalt und Form ſehr weſentlich. Sie waren nicht mehr das Bekenntniß der ganzen Kirche, ſondern die Ergüſſe der einzelnen frommen Seele; ſie beſchränkten ſich nicht mehr auf die großen Thaten Gottes zur Erlöſung der Welt, ſondern ſie beſangen die mannigfaltigſten Verhältniſſe, Zuſtände, Erfahrungen und Stimmungen des Menſchenlebens im Lichte des Evangeliums; es waren Lob⸗ und Dank⸗, Bitt- und Buß⸗, Bertrauens⸗ und Sehnſuchts⸗, Kreuze und Troſt⸗Lieder. In ihrer Form waren ſie gewandter, fließender, milder und wohllautender als die Lieder der Reformationszeit, zuweilen von klaſſiſcher Vollendung und Schönheit des Ausdrucks. Alle aber waren getragen von dem vollen Glauben und von der beſeligenden Kraft des Evangeliums. Einige der hauptächlichſten ſind: Wie ſoll ich dich empfangen, Nun laßt uns gehn und treten, Wir ſingen dir Imanuel, Ein Lämmlein geht, O Haupt voll But und Wunden, O Welt ſieh hier dein Leben, Zeuch ein zu deinen Thoren, Nun danket alle und bringt Ehr, Ich ſinge dir mit Herz und Mund, Befiehl du deine Wege, Gieb dich zufrieden und ſei ſtille, Iſt Gott für mich ſo trete, Sollt ich meinem Gott nicht ſingen, Warum ſollt ich mich denn grämen, Ich bin ein Gaſt auf Erden, Nun ruhen alle Wälder, Geh aus mein Herz und ſuche Freud. Durch dieſe und viele andere Gotteslieder wurde Gerhard nächſt Luther der größte Sänger der geſammten evangeliſchen Chriſtenheit und für alle Zeiten einer der hervorragendſten Seelenführer zu dem Herrn Jeſu Chriſto und dem ewigtreuen Vater aller Menſchen. 3. 6) Gegen die Veräußerlichung der lutheriſchen Kirche und gegen die aufkommende todte Rechtgläubigkeit ohne einen heiligen Wandel übten aber nicht bloß die oben genannten Sänger und beſonders Paul Gerhard eine ſtille, unwillkürliche Gegenwirkung aus, ſondern es traten auch andere fromme lutheriſche Chriſten mit Wort und Schrift dagegen auf. a) Einer der innigſten und tiefſten Geiſter, welche in dieſer Richtung gewirkt haben, war Johann Arndt, (1555— 1621) General-⸗Superintendent in Celle, der Verfaſſer der vier Bücher vom wahren Chriſtenthum und des Paradiesgärtl ins, zweier Erbauungsſchriften, welche durch die bibliſche Wahrheit ihres Inhalts, durch die Tiefe ihrer Gedanken und inneren Erfahrungen, ourch den Reichthum ihrer Anſchauungen und praktiſchen Geſichtspunkte, ſowie durch den heiligen Ernſt ihrer ganzen Haltung nicht bloß der lutheriſchen, ſondern der Kirche aller Zeiten und Beknntniſſe angehören. Gegenüber der weitverbreiteten todten Orthodorie, welche nur von dem Chriſtus für uns etwas wiſſen wollte, zeigte Arndt in dieſen Schriften aus dem Worte Gottes unwiederleglich, daß der Chriſtus für uns ein Chriſtus in uns werden muſſe. 5 34 b) In die Fußtapfen Arnds trat als Gegner eines bloßen Scheinchriſtenthums und als Lehrer einer wahren Gottſeligkeit der Profeſſor und Prediger Heinrich Müller zu Roſtock,(1631— 1675). Der Eifer um das Haus des Herrn verzehrte zwar früh ſeine Kräfte, aber durch ſeine erwecklichen Predigten und beſonders durch ſeine Geiſtlichen Erquickſtunden weckte er auch über das Grab hinaus in unzählichen Seelen ein neues Leben. c) Nicht weniger war dies der Fall bei ſeinem Zeitgenoſſen Chriſtian Seriver aus Rendsburg,(1629— 1693), Paſtor zu Stendal, Magdeburg und Quedlinbnrg, deſſen erbauliche Schrifien die höchſte Blüthe evangeliſcher Frömmigkeit im 17. Jahrhundert darſtellten. Neben der kleinen Schrift: Gottholds zufällige Andachten, war es beſonders der Seelenſchatz, durch welchen Scrivers Namen für alle Zeiten mit der Geſchichte der lutheriſchen Kirche, ja der chriſtlichen Kirche überſiaupt verknüpft wurde. d) Mehr mit der Waffe des Humors, aber dabei ſtets erfüllt vom tiefſten Ernſt des Glaubens kämpfte Johann Balthaſar Schuppius,(1610— 1661), Profeſſor zu Marburg, Hofprediger zu Braubach und Paſtor zu Hamburg, gegen die todte Rechtgläubigkeit ſeiner Glaubensgenoſſen und für die innerliche Erneuerung des chriſtlichen Volkslebens. Als Abgeſandter des Landgrafen von Heſſen und bei Rhein hielt er auf den Wunſch Oxenſtiernas beim Frieden zu Münſter 25. October 1648 die erſte Friedenspredigt. Seine Schriften wurden hauptſächlich in den höheren Ständen geleſen, während die von Arndt, Müller und Scriver im Herzen des geſammten Volkes eine Anknüpfung fanden und ungleich weitere Verbreitung erhielten.. 7) Unter den vielen wahrhaft gottesfürchtigen Laien der lutheriſchen Kirche ragte Herzog Ernſt der Fromme von Sachſen-Gotha, der Bruder Bernhards von Weimar, in mehrfacher Beziehung hervor. Er war der gewiſſenhafteſte Fürſt ſeiner Zeit, ein wahrer Vater ſeines Landes, welchem das zeitliche und ewige Heil ſeiner Unterthanen am Herzen lag, und welcher ſich um die Fördernng von Kirche und Schule die größten Verdienſte erwarb. §. 38. Die innere Erneuerung der lutheriſchen Kirche durch Spener und den Pietismus. 1) Das längſt empfundene Bedürfniß nach einer Erneuerung und Vertiefung des chriſtlichen Lebens im lutheriſchen Deutſchland fand erſt durch Philipp Jacob Spener eine vollere Befriedigung. Derſelbe war geboren zu Rappoltsweiler 1636, empfing eine fromme Erziehung im lutheriſchen Glauben, ſtudirte dann in Straßburg, bekam auf einer Reiſe durch fromme Reformirte in Genf die für ſein Leben entſcheidende Anregung, wurde darauf als Freiprediger in Straßburg angeſtellt und 1666 als erſter Prediger(Senior) nach Frank⸗ furt a. M. berufen. Hier beſchränkte er ſich nicht auf Predigt und Seelſorge, ſondern hielt in ſeiner Wohnung auch Unterredungen mit Gemeindegliedern über Fragen des Glaubens(colloquia pietatis) und öffentliche Bibelſtunden mit größeren Verſammlungen ſeit 1670(collegia pietatis). Im Jahr 1675 erſchien ſeine Pia desideria oder herzliches Verlangen nach einer gottſeligen Erneuerung der Kirche. In dieſer Schrift betonte er, daß die Theologie nicht bloß eine Wiſſenſchaft, ſondern noch mehr eine innere Erfahrung, eine Sache des Herzens und der That ſein müſſe. Er forderte deßwegen 1) daß die Univerſitätslehrer nicht mehr ausſchließlich die Bekenntniſſe und die Unterſcheidungs⸗ lehre, ſondern die heilige Schrift ſelbſt und zwar nicht in lateiniſcher ſondern in deutſcher Sprache treiben ſollten, auf daß die Gewiſſen der Studirenden ergriffen würden und tüchtige Seelſorger entſtünden; 2) daß die Prediger ſich des gelehrten und leidenſchaftlichen Kampfes gegen Katholiken, Reformirte und Sectirer enthalten und ſtatt deſſen das Wort Gottes einfach, verſtändlich und erbaulich auslegen möchten, damit Buße, Glaube und Heiligung in den Gemeinden geweckt und das allgemeine Prieſterthum der Gläubigen verwirklicht werde; 3) daß das Wort Gottes dem Volke auch durch fortlaufende Erklärungen in Bibelſtunden näher gebracht werde; 4) daß der Unterricht der Jugend im Wort Gottes und im Kathechismus eifriger getrieben, die Konfirmanden gründlicher vorbereitet und das Volks⸗ ſchulweſen eingehender gepflegt werde. Dieſe Forderungen Speners fanden zwar bei ſtrengen Lutheranern hier und da Widerſpruch und trugen ihm den Vorwurf des Pietismus, d. h. der Frömmelei oder einer krankhaften Frömmigkeit, ein, allein im Allgemeinen wurden ſie freudig begrüßt und befolgt. Spener ſelbſt wurde 1686 Oberhofprediger des Kurfürſten Georg III. von Sachſen. Da er demſelben als ernſter Seelſorger aber ſeine Trunkſucht vorhielt, wurde ihm ſeine Stellung ſo erſchwert, daß er 169! gern einem Rufe nach Berlin folgte, wo er in hoher Stellung bis an ſein Ende blieb und beſonders zur Gründung der Üniverſität Halle mitwirkte. Er ſtarb nach einem vielfach beunruhigten Leben 1705. 2) Der bedeutendſte Schüler und Freund Speners war Auguſt Hermann Franke, der Gründer des halliſchen Waiſenhauſes, geb. zu Lübeck 1663, geſt. zu Halle 1727. Nach einer gottesfürchtigen Erziehung im Elternhauſe ſtudirte er in Erfurt und Leipzig, las mit frommen Studenten eifrig Gottes Wort, gerith jedoch durch das Streben, die göttlichen Offenbarungen mit dem denkenden Ver⸗ ſtande zu begreifen, in ſchwere Zweifel an Gottes Daſein und an der Wirklichkeit der Erlöſung. In einer Stunde, da er am Rande der Verzweiflung betete: Herr, wenn du überhaupt lebſt, laß mich deine Gnade erfahren! empfing er aber eine ſo durchdringende, ſelige Gewißheit von der Liebe Gottes in Chriſto, daß er ſeitdem ſein ganzes Herz und Leben dem Herrn weihte. Als Privatdocent der Theologie zu Leipzig begann er 1689 die von Spener geforderten Bibelauslegungen(collegia pietatis), durch welche viele Studenten und Bürger bekehrt wurden. Sehr bald erhoben jedoch die ſtrenggläubigen Lutheraner im Verein mit den weltlich geſinnten Leuten heftigen Widerſpruch gegen dieſe Erbauungsſtunden, machten Franke und ſeinen Freunden den Vorwurf des Pietismus und bewirkten endlich ſeine Vertreibung aus Leipzig. Als Prediger nach Erfurt berufen ſuchte Franke das Heil der Gemeinde nicht nur durch die Predigt in Speners Sinne, ſowie durch eifrige Seelſorge zu fördern, ſondern auch durch Bibelſtunden im Pfarrhauſe und durch Vertheilung von Erbauungsſchriften, beſonders von Neuen Teſtamenten und Arnds wahrem Chriſtenthum. Weil aber hierdurch eine kräftige Erweckung in der Gemeinde entſtand, von welcher auch Katholiken ergriffen wurden, ſo bewirkten vornehme Katholiken durch allerlei Verläumdungen bei dem Kurfürſten und Erzbiſchof von Mainz, daß Franke aus Erfurt verbannt wurde. Durch Speners Vermittelung kam er 1692 als Pfarrer an die ganz verkommene Vorſtadt Glaucha in Halle. Hier, unter dem verwahrloſten Volke begann nun ſeine größte Wirk⸗ ſamkeit, während er daneben als Profeſſor auch unter den Studenten neues Leben weckte. Um die armen Kinder ſeiner Gemeinde vom Straßenbettel zu entwöhnen, wollte er eine Armenſchule gründen. Dazu ſchenkte ihm Jemand 4 Thlr. 16 Sgr. Franke begann mit dem Unterricht auf ſeinem Studierzimmer; 1695 konnte er mit den ihm zugefloßenen Gaben bereits ein Haus kaufen, in welchem er die armen und verwaiſten Kinder unterbrachte, und 1696 noch ein weiteres. Zugleich verband er mit der Armenſchule eine Gelehrtenſchule, aus welcher ſpäter das Pädagogium des Waiſenhauſes hervorging. Durch die bisherige göttliche Hülfe ermuthigt begann Franke 1698 ohne jegliches Kapital, allein im Vertrauen auf Gott den Bau des jetzigen Waiſenhauſes. Darüber wurde er freilich viel verſpottet, aber der Herr erhörte ſeine Bitten von Woche zu Woche, von Monat zu Monat; niemals fehlte es ihm am Nöthigen; die meiſten Unterſtützungen kamen von unbekannten Gebern. Als das Haus emporwuchs, verſtummten die Spötter, Franke aber erweiterte die Stiftung immer mehr. Mit dem Waiſenhaus verband er eine Verſorgungsanſtalt für fromme Jungfrauen, eine andere für gottesfürchtige Wittwen, ein Pädagogium für Adlige und Reiche, ein Collegium zum Siudium der orientaliſchen Sprachen für Theologen, ein Stipendium zu 100 Freitiſchen für Studenten, welche theil⸗ weiſe in der Anſtalt unterrichteten, eine große Buchhandlung, eine Druckerei, eine Apotheke ſowie endlich die berühmte Freiherrlich von Kannſteinſche Bibelanſtalt, in welcher zuerſt die Bibel mit ſtehenden Lettern(Stereotypen) gedruckt und dadurch zu einem unerhört billigen Preis abgegeben werden konnte. Im Jahr 1714 unterrichteten 108 Lehrer in den ſämmtlichen Schulen der Stiftung 1075 Knaben und 760 Mädchen. Als im Jahre 1713 Friedrich Wilhelm I. von Preußen die Anſtalten beſuchte, fragte er den Buchhändler Chlers, welcher ihm dieſelben zeigte, zuletzt mit Erſtaunen: Nun, was hat er denn von dem Allen? Ew. Majeſtät, entgegnete Chlers, wie ich hier gehe und ſtehe. Da wandte ſich der König zu Franke: Nun begreife ich, wie er ſo etwas zu Stande bringen kann; ich habe ſolche Leute nicht. Franke aber beſaß allerdings mehr als einen ſolchen Mann und Geſinnungsgenoſſen, der, wie er ſelbſt, alle ſeine Kraft, Zeit und Habe in den Dienſt des Herrn ſtellte, ohne für ſich etwas weiteres zu wollen als den beſcheiden abgemeſſenen Unterhalt. 3) Die Richtung Speners und Frankes mit ihrer Betonung wahrhaftiger Buße und Bekehrung, inniger Hingabe an den Heiland und ſtrengen chriſtlichen Wandels breitete ſich allmälig in immer weitern Kreiſen aus. Selbſt ſolche Männer wurden davon bewegt, welche in der Lehre an der ausſchließlich lutheriſchen Auffaſſung unbedingt feſthielten und vom Pietismus nichts wiſſen wollten. Ein innigeres, tieferes, mehr auf Heiligung gerichtetes Chriſtenleben blühte empor. Das Gemüths⸗ und Herzens⸗Leben im geſammten proöteſtantiſchen Deutſchland wurde kräftiger angeregt. Weit und breit wurden Armenſchulen eingerichtet und der Jugendunterricht verbeſſert. Die vorhandene Liebe zum Heiland ſprach ſich in ſchönen Gottesliedern aus. Erdmann Neumeiſter,(1671— 1756), ein ſtrenger Lutheraner, dichtete: Jeſus nimmt die Sünder an; Benjamin Schmolk, ein Prediger der ſchleſiſchen Märtyrerkirche,(1662— 1737): Himmelan geht unſre Bahn, Der beſte Freund iſt in dem Himmel, Thut mir auf die ſchöne Pforte, Was Gott thut das iſt wohlgethan, Weine nicht, Gott lebet noch, Allein und doch nicht ganz alleine; Adam Dreſe, ein Freund Frankes,(1630— 1718): Seelenbräutigam; Gabriel Wolf,(1683— 1754): Seele, was ermüdſt du dich; Chriſtian Friedrich Richter,(1676— 1711): Es glänzet der Chriſten inwendiges Leben, O wie ſelig ſind die Seelen, Es koſtet viel ein Chriſt zu ſein, Es iſt nicht ſchwer, ein Chriſt zu ſein; Joh. Anaſtaſius Freyling⸗ hauſen,(1670— 1739): Wer iſt wohl wie du; Joh. Heinr. Schröder,(1660— 2): Eins iſt Noth, ach ꝛc., Jeſu, hilf ſiegen, Du Fürſte des Lebens; Karl Heinr. v. Bogatzky,(1690— 1774): Wach auf du Geiſt der erſten Zeugen; Joh. Ludw. Konr. Allendorf,(1693— 1773): Unter Lilien jener Freuden; Joh. Sigismund Kund,(1700— 1779): E iſt noch eine Ruh vorhanden; der Separatiſt und Sectenfreund, aber auch Geſchichtſchreiber der Verfolgten aller Jahr⸗ hunderte Gottfried Arnold,(1666—1714): So fürſt du doch recht ſelig, Herr, die deinen, O Durchbrecher aller Bande; der in Halle durch Franke angeregte Nikol. Ludw. von Zinzendorf, der Gründer der herrnhutiſchen Brüdergemeinde, 71700— 1760): Jeſu, geh voran. Eine Nachblüthe dieſer Zeit trat noch hervor in Chr. Fürchtegott Gellert(1715— 69): Mein erſt Gefühl, Wenn ich o Schöpfer deine Macht, Wie groß iſt des Allmächtigen Güte, Dies iſt der Tag den Gott gemacht; Jeſus lebt, mit ihm auch ich ꝛc. 4 4) Der Segen der pietiſtiſchen Bewegung hätte noch bedeutend größer werden können, wenn nicht nach drei Seiten hin krankhafte Erſcheinungen ſich mit ihr verknüpft hätten. Spener und Franke ſelbſt bei ihrem ernſten Dringen auf Heiligung hatten bereits vor dem Genuſſe aller weltlichen Luſtbarkeiten, Erholungen und Reizmittel, wie ſpielen, tanzen, reiten, fechten, rauchen, Theater beſuchen und dgln. dringend gewarnt; ein Theil der Pietiſten übertrieb dies in der kleinlichſten Engherzigkeit und ſchadete dadurch der Sache des Reiches Gottes ſehr bei andern Menſchen. Ebenſo einſeitig und unrichtig und deßhalb ſchädlich war die Behauptung vieler Pietiſten, welche ſich auch bei den Methodiſten in England findet, ein bekehrter Menſch müſſe Tag und Stunde angeben können, an welchen er aus ſeinem Bußkampfe in die Gnade Gottes durchgedrungen ſei. Mit Recht nahmen unbefangene Schriftforſcher an dieſer Behauptung Anſtoß. Endlich hing ſich an die Erfahrung innerlicher Uutwandlung bei vielen Pietiſten ein geiſtlicher Hochmuth, welcher ſich einbildete, Offenbarungen durch den heiligen Geiſt zu empfangen und nicht an das geſchriebene Wort gebunden zu ſein; die verſchiedenſten Sectirer, Separatiſten, Inſpirirte und Schwärmer tauchten daher auf, welche die Ruhe der Gemeinden ſtörten und den ſiegreichen Lauf des Evangeliums hemmten. 5) Im Laufe des 18. Jahrhunderts trat in der dentſchen lutheriſchen Kirche durch den Einfluß der ſogenannten engliſchen„Freidenker“ und der franzöſiſchen Gottesleugner eine tiefe Entfremdung vom urſprünglichen chriſtlichen Glauben ein. Der Rationalismus, d. h. die Meinung, man dürfe nur das glauben, was dem allgemeinen Menſchen⸗ Verſtand ohne Weiteres einleuchte, beherrſchte die Gemüther. Erſt in Folge der Freiheitskriege im Anfang unſeres Jahrhunderts kehrte das evangeliſche Deutſchland wieder mehr zu ſeinem alten Glauben zurück. In Hanover, Sachſen, Meklenburg, Baiern und anderen deutſchen Territorien nahm dieſe Glaubenserneuerung vielfach einen ſtreng lutheriſchen Charakter an; in Preußen, Naſſau, Heſſen⸗Darmſtadt, Baden, Rheinbaiern und der Kurheſſiſchen Provinz Hanau dagegen wurde ſeit 1817, beſonders durch die Anregung Friedrich Wilhelms III. von Preußen eine Union von Lutheranern und Reformirten geſchloſſen, bei welcher die Unterſchiede des Bekenntniſſes nicht aufgehoben, aber gegen⸗ ſeitige Zulaſſung zum Tiſch des Herrn und gemeinſames Kirchenregiment eingeführt wurden. 6) Im Zuſammenhang mit dem durch Spener und Franke erweckten Glaubensleben in der lutheriſchen Kirche Deutſchlands ſtand auch die Wiedererweckung der Miſſion unter den Heiden. Von Halle aus gingen 1706 die erſten Miſſionare nach Oſtindien; Andere wandten ſich nach Grönland und Lappland; 1732 begann die Brüdergemeinde ihre Arbeit unter den Indianern und Negern; im Jahr 1800 gründete dann Prediger Jänike die Berliner Miſſionsgeſellſchaft; im Jahr 1816 entſtand die Baſeler, im Jahr 1829 die Rheiniſche(zu Barmen), im Jahr 1836 die norddeutſche und die Leipziger, im Jahr 1853 die Hermannsburger. Dieſelben unterhalten gegen⸗ wärtig aus freiwilligen Gaben der Heimathkirche mehrere Hunderte von Miſſionaren in allen⸗ velicſegende und haben bereits ganze Stämme und Völkerſchaften zum evangeliſchen Chriſtenthum ekehrt. 7) In der Heimathkirche iſt im 19. Jahrhundert die alte Verfaſſung der lutheriſchen Kirche (Vgl.§. 30, 10) in ſoweit geändert worden,als die Obrigkeit, bzw. die von ihr eingeſetzten Kirchen⸗ behoͤrden bei allen wichtigeren Maßregeln an die Zuſtimmung der aus Geiſtlichen und Gemeinde— gliedern beſtehenden Presbyterien(Aelteſten-Collegien, Kirchenvorſtänden), bzw. der aus dieſen hervorgegangenen Synoden gebunden iſt.. Vierzehnter Abſchnitt. Die ſtreng reformirte(kalviniſch⸗reformirte) Kirche und die Kirche in England. §. 39. Die ſtreng reformirte Kirche in der Schweiz, Frankreich, Holland und Schottland. 1) Die reformirte Kirche, wie ſie ſich nach dem Vorgang Johann Calvins in den eben genannten Ländern ausbildete, ging von dem Beſtreben aus, ſich in Glauben, Wandel, Verfaſſungs⸗ leben und Gottesdienſt ausſchließlich nach dem Worte Gottes zu richten. Sie nannte ſich deßhalb ſelbſt die„nach Gottes Wort reformirte Kirche“, während ſie von Andern auch als die ſtreng⸗ oder kalviniſch⸗reformirte Kirche bezeichnet wird. a) Nach Calvins Vorgang betonte ſie die Lehre der Schrift, daß der Menſch nur aus Gnaden und ohne alles eigne Verdienſt ſelig wird, in ſolcher Schärfe, daß die Erlangung des Heils in keiner Weiſe vom freien Willen des Menſchen, welchen die Schrift doch auch hervorhebt, ſondern allein von dem unbedingten Erwählungs-Rathſchluß Gottes, wie einſt bei Auguſtin(Vgl.§. 16, 5), abzuhängen ſchien, und daß hieraus mit Nothwendigkeit die Lehre von der Gnadenwahl oder Prädeſtination(electio) folgte, wonach die Einen von Gott zum ewigen Leben erwählt, die Andern der Verdammniß überlaſſen ſind. Dieſe Lehre beherrſchte dann das Glaubensleben und den Wandel der reformirten Chriſten völlig. b) Weit entfernt nämlich, daß dieſe Lehre Ruchloſigkeit oder Verzweiflung zur Folge gehabt hätte, verlangte man vielmehr im Anſchluß an dieſelbe mit dem größten Ernſt, daß ein Jeder ſeiner Erwählung zum ewigen Leben an vier innerlichen Merkmalen gewiß werden ſolle, nämlich ⅜³) durch aufrichtige Buße, 5) durch lebendigen Glauben an Chriſtum,„) durch das innere Zengniß des heiligen Geiſtes von der Gnade Gottes, und) durch einen heiligen Wandel vor Gott und Menſchen. c) Zur Verwirklichung dieſer hohen chriſtlichen Forderung wurde eine ganz beſondere Verfaſſung der Gemeinden und der Landeskirchen eingeführt. An der Spitze jeder Gemeinde ſtand nämlich ein ſich ſelbſt ergänzendes Presbyterium von Geiſtlichen und Laien, welches die Sonntagsheiligung, die Theilnahme an Gottesdienſt und Abendmahl, das häus⸗ liche Leben und den geſammten Wandel der Geiſtlichen wie der Gemeindeglieder ſtreng überwachte. Eine größere Anzahl von Gemeinden bildete dann eine Synode oder Claſſe; ſämmtliche Synoden der Landeskirche aber bildeten die Gehfedaſ, Swnhe; welcher in Lehre, Verfaſſung und Zucht die geſetzgebende Gewalt, jedoch nach Anleitung des Wortes Gottes zuſtand. 37 d) Um ſich auch im Gottesdienſt ganz nach dem Worte Gottes zu richten, wurden nur ſolche Einrichtungen und Gebräuche erlaubt, welche entweder von Gott Selbſt befohlen oder durch das Vorbild der Apoſtelzeit geheiligt waren. Dem⸗ gemäß wurde das Kirchenjahr ſowie die Vorleſung der Evangelien und Epiſteln abgeſchafft, dagegen ſo viel als möglich die ganze Bibel durchgepredigt; die Altäre, Taufſteine, Kreuze, Lichte, Bilder wurden entfernt und nur Tiſche gebraucht; alle Gebete wurden auf die Kanzel verlegt; ſtatt der alten Hymnen und der neuen Kirchenlieder wurden nur die Pſalmen geſungen; das Hauptgewicht im Gottesdienſt wurde überhanpt auf die Anbetung im Geiſt und in der Wahrheit gelegt. 2) Der erſte Begründer der ſtreng reformirten Kirche und zwar zunächſt in der deutſchen Schweiz war Ullrich Zwingli; viel bedeutender und wichtiger aber für die franzöſiche Schweiz und weiterhin für die ganze reformirte Kirche wurde Johann Calvin. a) Ullrich Zwingli(1484— 1532), aus Wildhaus in Toggenburg, zu Wien und Baſel humaniſtiſch gebildet, ein offenherziger und thatkräftiger Mann, kam ohne eigentliche Seelenkämpfe durch das Studium des N. Teſtaments zur Erkenntniß des Evangeliums, bekämpfte dann als Pfarrer in Glarus, ſpäter in Maria⸗Einſiedeln den Heiligendienſt und andere Misbräuche der katholiſchen Kirche, trat ſeit 1519 als Leutprieſter zu Zürich muthig gegen den Ablaß auf, lernte nunmehr auch Luthers Schriften kennen, erlangte 1520 vom Züricher Rath das Gebot, daß nur nach dem Worte Gottes gepredigt werden ſolle, bewirkte 1524 die völlige Durchführung der Reformation in den Kirchen von Zürich, fiel aber ſchon 1532 in der Schlacht bei Cappel gegen die katholiſchen Urkantone, nachdem unter ſeiner Mit⸗ wirkung auch Baſel und Bern den reformirten Glauben angenommen hatten. b) Ungleich großartiger, tiefer und weitgreifender war die Wirkſamkeit Johann Calvins, des Reformators und Geſetzgebers von Genf(geb. zu Noyon 1509 und geſt. zu Genf 1564). Schon als Knabe ungewöhnlich ernſt und ſtill, aber mit einem durchdringenden Verſtand und einem ſehr treuen Gedächtniß begabt ſtudirte er als Jüngling in Paris, Orleans und Bourges nach dem Willen ſeines Vaters die Rechte und aus eigner tiefſter Neigung Theologie, beides mit dem größten Erfolg. Durch das Studium des griechiſchen Neuen Teſtaments kam er zur klaren Erkenntniß der evangeliſchen Wahrheit und nach ſchweren innern Kämpfen zu dem Eutſchluß, ſich der verfolgten evangeliſchen Gemeinde zu Paris anzuſchließen. Es dauerte nicht lange, ſo wurde der geiſtesmächtige, nur Gottes Ehre ſuchende Jüngling zu deren Prieſter erwählt. Aber gerade deshalb mußte er ſchon 1534 aus Frank⸗ reich fliehen, um dem Feuertode zu entgehen. In Baſel ſchrieb er darauf ſeinen„Unterricht in der chriſtlichen Neligion“, das bedeutendſte theologiſche Werk ſeiner Zeit, in welchem bereits die ganze Eigenthümlichkeit der ſtreng reformirten Kirche zum Ausdruck kam. Nachdem er zwei Jahre lang in Italien mit den bedrängten Evangeliſchen, beſonders mit der Herzogin Renata von Eſte in Ferrarg in Verbindung geſtanden hatte, wollte er 1536 über Genf nach Baſel reiſen, um ſich hier als Lehrer der Theologie niederzulaſſen. Aber in Genf, wo 1532 der Biſchof vertrieben, der Einfluß der Herzöge von Savoyen gebrochen und der katholiſche Gottesdienſt abgeſchafft, dagegen der evangeliſche Gottesdienſt bei der allgemeinen Unruhe des Volks noch nicht eingeführt war und überhaupt ein zuchtloſes, wildes Treiben herrſchte, hielt ihn der Prediger Wilhelm Farel als den einzigen Mann, welcher der Genfer Kirche helfen könne, durch die Drohungen des göttlichen Fluches und Gerichtes zurück. Mit Erlaubniß des Raths von Genf blieb nun der 27 jährige, etwas kränkliche nnd ſtille Mann wider ſeinen Willen, nur durch das Gewiſſen gezwungen in der Stadt, um dieſelbe nach Gottes Wort zu reformiren. Sehr bald gewann er den Rath für die durchgreifendſten Maß⸗ regeln. Evangeliſche Schulen wurden gegründet, ein Katechismus eingeführt, die ſtrenge Feier des Sonntags befohlen, alle öffentlichen Gelage, Tänze, Maskeraden, Glücksſpiele, Muſiken und Luſtbarkeiten verboten, das ganze Leben der Bevölkerung binnen Kurzem umgewandelt. Genf ſchien auf einmal eine andere Stadt geworden zu ſein. Doch dieſer Schein hielt nicht lange vor. Die leichtlebige Bevölkerung entbehrte ſehr bald mit Erbitterung die gewohnten Ver⸗ gnügungen. Eine Parthei von Ungläubigen, welche ſich ſelbſt Libertins nannten und von Zucht, Gottesdienſt und Mäßigkeit nichts wiſſen wollten, ſchürte die Unzufriedenheit. Der Rath ſelbſt wurde endlich wankend und trat auf die Seite der zornigen Menge gegen Calvin und deſſen Freunde. Zu Oſtern 1538 kam es wegen der Kirchenzucht zum offenen Bruch. Calvin wurde auf ewige Zeiten aus Genf verbannt, aber fand ſogleich als Lehrer der Theologie zu Straßburg eine glückliche Wirkſamkeit, iu welcher er auch die deutſchen Lutheraner, beſonders Melanchthon kennen lernte. Die Stadt Genf aber taumelte unterdeß dem Abgrund entgegen; eine katholiſche Parthei im Bunde mit Savoyen konſpirirte ſchon zur Herſtellung des Papſtthums. Da ermannten ſich jedoch die beſſeren Bürger, wählten einen evangeliſch geſinnten Rath und ruhten nicht eher als bis Calvin ihren Bitten Gehör gab und wieder nach Genf kam(1541). Feierlich verſprach die geſammte Bürgerſchaft, ſie wolle ſich in allen Dingen nach Gottes Wort richten; Calvin aber kannte bis an ſein Ende kein höheres Ziel, als die Herrſchaft des lebendigen Gottes durch Sein Wort in der Stadt und weiterhin aufzurichten Zu dieſem Zweck wurden einerſeits alle weltlichen Geſetze der kleinen Republik umgeſtaltet, andererſeits in der Kirche die Presbyterial⸗Verfaſſung eingeführt. Auch gelang es Calvin wirklich, trotz des heftigſten Widerſtandes der Gegner ſeine heiligſten Ueberzeugungen der Genfer Bevölkerung einzuprägen und die Stadt zu einem Vorbild der ganzen Chriſtenheit in ernſtem chriſtlichem Wandel zu erheben. Zugleich wurde ſie ein Zufluchtsort der vertriebenen Evangeliſchen aus Italien, Frankreich, Holland, England und Schottland und blieb ſelbſt nach Calvins Tod(1564) noch lange Zeit der geiſtige Mittelpunkt der reformirten Kirche. Erſt im 18. Jahrhundert erloſch das alte Glaubensleben der Stadt unter der Einwirkung der in ganz Europa herrſchenden rationaliſtiſchen Denkweiſe. Eine Herſtellung deſſelben aber wurde im 19. Jahrhundert durch die Einwandernng einer zahlreichen katholiſchen Bevölkerung aus Frankreich und Piemont unmöglich gemacht. 3) In Frankreich, Holland und Schottland wurde die reformirte Kirche für lange Zeit eine Kirche von Märtyrern. 2* a) Am Meiſten war dies in Frankreich der Fall. Trotz des Widerſtandes der Könige, des Hauſes Guiſe und der hohen Geiſtlichen trat im 16. Jahrhundert ein Drittel des franzöſiſchen Volkes zur reformirten Kirche über, an der Spitze deſſelben das Haus Bourbon und ein großer Theil des Adels. Ihr Bekenntniß wurde zu Paris im Jahr 1559 abgefaßt(confessio Gallicana). Nach den Greueln der Bartholomäusnacht(24. Auguſt 1572) und nach ſchweren 5* 38 Religionskriegen erlangten ſie endlich durch Heinrich IV. das Edikt von Nantes(1598), welches ihnen eine große politiſche Macht, volle Religionsfreiheit und bürgerliche Gleichſtellung mit den Katholiken gewährte. Allein durch Cardinal Richelien wurde ihnen bereits 1628 ihre politiſche Macht und durch Ludwig XIV. feit 1661 unter Leitung ſeiner jeſuitiſchen Beichtväter La Chaiſe und Le Tellier die freie Religionsübung entriſſen. Der König glaubte durch die gewaltſame Bekehrung der Reformirten(Hugenotten) und durch Aufhebung des Edikts von Nantes(1685) für ſeine Sünden büßen zu können. Etwa 50000 derſelben wanderten aus; Tauſende ſtarben auf den Galeeren, auf dem Scheiterhaufen, am Galgen, in den Gefängniſſen, hinter den Kloſtermauern; an 2 Millionen wurden rechtlos und ſchutzlos gemacht und mußten ihre Gottesdienſte unter Todesgefahren in der Wüſte halten. Erſt nach der Revolution von 1789 erhielten ſie wieder Duldung und unter Napoleon I. ſtaatliche Anerkennung. Keine Kirche der Chriſtenheit aber ſeit der Reformation zählt ſo viele und edle Blutzeugen des Herrn Jeſu als dieſe reformirte in Frankreich. b) In den Niederlanden drang der evangeliſche beſonders der reformirte Glauben trotz der grauſamſten Ver⸗ folgungen unter Karl V. und Philipp II. dauernd ein. Nach der Utrechter Union von 1579 wurde dann eine ſtreng⸗ reformirte Landeskirche im Gebiete der General⸗Staaten gegründet, welche durch die Synode von Dortrecht(1618) ihre ſchärfſte Ausprägung in der Lehre erhielt und ſich bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts behauptete. Während der franzöſichen Okkupation wurden jedoch die Katholiken den Reformirten gleichgeſtellt, die alten Grundlagen der reformirten Kirche auch ſonſt tief erſchüttert und der gegenwärtige Zuſtand angebahnt, in welchem die reformirte Kirche durch Partheiungen zerrüttet iſt, der Katholicismus aber immer einflußreicher hervortritt. c) In Schottland war 1528 ein Jüngling aus königlichem Geſchlechte, Patrick Hamilton, welcher in Marburg ſtudirt und den evangeliſchen Glauben angenommen hatte, als erſter Märtyrer verbrannt worden. Vielen andern erging es ebenſo, bis endlich das ſchottiſche Volk, angefeuert durch den ſtreng kalviniſchen und unerſchütterlichen John Knox, ſich für den reformirten Glauben erhob, denſelben 1560(confessio Scotica) öffentlich einführte und durch die Presbyterial-Verfaſſung 1592 feſtſtellte. Nach der hartnäckigen Verfolgung deſſelben durch die Stuarts wurde die Presbyterialkirche 1690 durch Wilhelm III. wieder in ihre Rechte eingeſetzt. Weil ſie jedoch zu eng mit der Regierung zuſammenhing, trennte ſich der frömmſte und eifrigſte Theil ihrer Geiſtlichen und Gemeindeglieder 1843 von ihr und gründete die„freie Kirche“, welche ſeitdem neben der reformirten Staatskirche beſteht. Durch ausgewanderte Puritaner, Independenten und Presbyteraner verbreitete ſich das reformirte Kirchenweſen ſeit dem 17. Jahrhundert auch nach Nord⸗Amerika. §. 40. Die Kirche von England(catholic church, etablished church). Neben der lutheriſchen und reformirten Kirche des Feſtlands bildete ſich in England als eigenthümliche Form des Proteſtantismus die anglikaniſche Kirche aus. a) Nachdem Heinrich VIII. aus unlautern Beweggründen die Kirche Englands 1532 vom Papſte gelöſt hatte, ließ er ſich ſelbſt zum Haupt derſelben erklären, zog die Klöſter ein und erlaubte dem Erzbiſchof Cranmer von Canterbury, die Vorleſung des Wortes Gottes kirchlich einzuführen, dagegen behielt er Cölibat, Ohrenbeichte, Todtenmeſſe und Transſubſtantiation bei. Erſt unter Eduard VI.(1547— 53) wurde durch Cranmer ein evangeliſcher Katechismus abgefaßt, eine Sammlung guter Predigten(Homilien) den Pfarrern zum Vorleſen übergeben und der ganze Gottes— dienſt durch das allgemeine Gebetbuch(Comon prayer book) evangeliſch, aber mit einer reichen Liturgie eingerichtet. Maria die Katholiſche(bloody Maria) ſtellte zwar(1553— 58) durch Feuer und Schwert den Katholicismus wieder her, aber das engliſche Volk wurde durch den Todesmuth der zahlreichen Märtyrer ſoſehr für den evangeliſchen Glauben gewonnen, daß Eliſabeth(1558— 1603) die Reformen Eduards VI. alsbald erneuerte, das Bekentniß der 39 Artikel zum Geſetz erhob(1571) und die engliſche Staatskirche in ihrer noch jetzt beſtehenden Geſtalt begründete. Unter der Oberhoheit der Krone wird dieſelbe von Erzbiſchöfen und Biſchöfen regiert, iſt aber in der Lehre gemäßigt reformirt. In England umfaßt ſie etwa die Hälfte der Bevölkerung. b) Wegen der engen Verbindung der anglikaniſchen Kirche mit dem Staat, wegen ihres vornehmen und prälatiſtiſchen Charakters und wegen der ausgebildeten Liturgie ihrer Gottesdienſte erhoben ſich die kalviniſch geſinnten, äußerſt ſtrengen Puritaner ſchon 1558 gegen dieſelbe, fanden ſeit 1610 Bundesgenoſſen in dieſem Kampfe an den Independenten, erlangten mit dieſen von 1640— 60 die Oberhand in Staat und Kirche, wurden dann als Diſſenters von den Stuarts wieder gewaltſam unterdrückt und erlangten erſt 1689 durch Wilhelm III. Religionsfreiheit, ja ſogar erſt 1828 bürgerliche Gleichberechtigung mit den Anglikanern. c) Eine innerliche Erneuerung der anglikaniſchen Kirche wurde ſeit 1729 durch die Methodiſten bewirkt. Ihr Gründer John Wesley(1703— 91), ein innig frommer Prediger der Buße, des Glaubens und der Heiligung, nahm ſich beſonders des armen und geringen Volkes an, welches von der Staatskirche vernachläſſigt wurde, drang auf gründliche Bekehrung, und bewirkte in der geſammten anglikaniſchen Kirche eine ernſtere Hinwendung zum Evangelium. In Folge dieſer allgemeineren Glaubensbewegung konnte William Wilberforce(1759— 1833) im Jahr 1807 die Aufhebung der Sklaverei im engliſchen Gebiete durchſetzen. Die Methodiſten fehlten jedoch darin, daß ſie einerſeits jede Bekehrung nur dann als gültig betrachteten, wenn ſie plötzlich und gewaltſam wie bei St. Paulus geſchehen war, und daß ſie andererſeits beſondere Gemeinden neben der Landeskirche bildeten. Auch nach Auterika und dem Feſtland Europas haben ſie ſich verbreitet. d) In der anglikaniſchen Kirche beſtehen gegenwärtig zwei Partheien, die hochkirchliche(high church), welche die alten katholiſchen Traditionen im Gottesdienſt herzuſtellen und wo möglich den Anſchluß an Rom zu erreichen ſtrebt, und die niederkirchliche(law church), welche mehr bibliſch geſinnt iſt und mit den Diſſenters zuſammenzugehen ſucht. 39 Fünfzehnter Abſchnitt. §. 41. Die römiſch⸗katholiſche Kirche unter dem wachſenden Einfluß des Jeſuiten⸗Ordens. Der Zorn und Schrecken, welcher den römiſchen Hof bei den Angriffen der Reformatoren auf die Mißbräuche und Irrlehren der Kirche und bei den Niederlagen der letzteren in Deutſchland, in der Schweiz, in England und im Norden ergriffen hatte, nöthigte die Curie trotz alles Wider⸗ ſtrebens zu eignen Reformationsverſuchen, um ſich auf dem Grunde der bisherigen Tradition ſoviel als möglich zu behaupten, das nachlaſſende religiöſe Leben der katholiſchen Völker zu erfriſchen, und wo möglich auch die verlornen Gebiete wieder zu gewinnen.— a) Die Feſtſtellung der katholiſchen Kirche des Abendlandes auf dem Grunde der bisherigen Tradition gelang auf dem Concil von Trident(1545— 63) Nur einige beſonders anſtößige Mißbräuche wurden beſeitigt; dagegen die herrſchende Stellung des Papſtthums, das Uebergewicht der Tradition über die Schrift und die ueledeägtt Verwerfung der Proteſtanten wurde durch den Legaten Morone und durch die Theologen des Jeſuitenordens erreicht. b) Durch die Theatiner, einen vom Biſchof Peter Caraffa zu Theate, dem ſpäteren Papſt Paul IV., gegründeten Verein italieniſcher Prieſter, wurden gleichzeitig die Geiſtlichen Italiens fanatiſirt und zur mörderiſchen Verfolgung der Evangeliſchen angetrieben. Zu dieſem Zweck wurde die Inquiſition nach ſpaniſchem Muſter eingeführt und eine beſondere Behörde zur Vertilgung der proteſtantiſchen Bücher(Congregatio indicis librorum prohibitorum) eingeſetzt. Unzählige evangeliſche Chriſten wurden darauf erſäuft, verbrannt und ſonſt zu Tode gebracht; eine große Zahl fand Zuflucht im Auslande. Erſt im 19. Jahrhundert verlieh das ſeit 1859 entſtandene Königreich Italien den Proteſtanten Religionsfreiheit und erleubte ihnen ſogar in Rom öffentlichen Gottesdienſt.„ c) Die ſtärkſte Hülfe zur Befeſtigung des Katholicismus und zur Bekämpfung der Proteſtanten kam aber dem Papſtthum durch Ignaz von Loyola(Inigo de Loyola) und durch den von ihm gegründeten Jeſuitenorden. Ignaz von Loyola, ein ſpaniſcher Ritter aus altem Adel, ungewöhnlich willensſtark und thatkräftig, bei der Belagerung von Pampelona 1521 am Fuß verwundet, las auf dem Krankenbett„die Thaten der Heiligen“(Acta sanctorum), wurde durch dieſes Buch zu dem Entſchluß begeiſtert, ſein bisheriges weltliches Ritterthum aufzugeben und ſich ganz dem Dienſte Gottes, der h. Jungfrau und der katholiſchen Kirche zu widmen. Er verzichtete darauf auf ſein Vermögen zu Gunſten der Armen, gab ſich den ſchwerſten Selbſtpeinigungen und einer ausſchweifenden Andacht hin, glaubte Erſcheinungen Marias und der heil. Dreieinigkeit zu erfahren und beſchloß als Miſſionar unter die Moslems zu gehen. Da ihm letzteres auf einer Reiſe nach Jeruſalem beſonders wegen ſeiner Unwiſſenheit gänzlich mißlang, lernte er als 33 jähriger Mann nach ſeiner Rückkehr mit eiſernem Fleiß die Anfangsgründe der Wiſſenſchaften, ſtudirte in Alkala, Salamanka und Paris Philoſophie und Theologie, betrieb daneben ſeine früheren Andachtsübungen, wußte auch andere, zum Theil hochbegabte Landsleute für ſeine Pläue zu gewinnen, und gründete 1534 mit 6 gleichgeſinnten Freunden in der Marienkirche auf dem Mont Martre die„Geſellſchaſt Jeſu“ zur Beförderung der Ehre Gottes, der heil. Jungfrau und der katholiſchen Kirche. Nachdem der neue Orden 1540 vom Papſt beſtätigt war, widmete ſich derſelbe theils der Predigt für das Volk, theils der Seelſorge bei Fürſten und Herrſchaften theils dem Unterricht an höheren Schulen(Collegien), theils der Miſſion unter den Heiden, theils endlich der Bekämpfung der Evan eliſche Au ſeine Spitze wurde der Pater General als Alleinherrſcher geſtellt; deſſen 4 Aſſiſtenten erhielten erae ther le Stimme. Unter den General wurden die Profeſſen geſtellt, d. h. diejenigen Jeſuiten, welche ſich bereits i 1d 3 6 bewährt hatten, ſämmtlich ordinirte Prieſter waren und außer den 3 herkömmlichen Mönchsgelübden noch das b d 5 Gelübde des Gehorſams gegen den Papſt abgelegt hatten Auf dieſe folgten die Coadjutoren(Mithelfer) ſen de geiſtlichen, theils weltlichen Standes; endlich auf dieſe die Scholaſtiker, gelehrte Jeſuiten, welche im Unterricht 6 ⸗ wendet wurden. Unter die Novizen wurden nur geſunde und gut beanlagte Jünglinge aufgenommen dumme vind kränkliche aber zurückgewieſen. Höchſter Grundſatz des Ordens war unbedingter Gehorſam gegen den Papſt bzw. gegen die Vorgeſetzten. Der einzelne Jeſuit ſollte in der Hand ſeines Obern„wie ein Leichnam, wie ein Stab in der Hand eines Greiſes“(velut cadaver, velut baculus in manu senis) ſein. Er durfte keine eigene Ueberzeugung haben, ſondern mußte gut finden und thun, was ihm der Obere gebot, der Beichvater rieth oder ein angeſehener katholiſcher, zumal jeſuitiſcher Theolog(Moraliſt, Caſuiſt) empfahl, mochte es den ſonſtigen göttlichen und menſchlichen Rechten entſprechen oder nicht. Die eigne Verantwortung wurde durch dieſen Gehorſam gegen die „probabelen“ Meinungen aufgehoben und an die Stelle der höchſten chriſtlichen Moralgrundſätze trat der Probabilismus, die blinde Befolgung fremder Anſichten. Es war dies für die Sittlichkeit der Jeſuiten und ihrer Beichtkinder unter Fürſten und Völkern um ſo nachtheiliger, weil ihre Sittenlehrer und Theologen die Lehre von der Intention des Willens, d. h. den Grundſatz ausbildeten, es ſei Alles erlaubt, wobei man die größere Ehre Gottes, des Papſtes und der Kirche oder doch irgend ſonſt einen guten und erlaubten Zweck verfolge. Hierdurch wurden Empbrung, Königsmord, Meineid, Diebſtahl und andere Sünden unter Umſtänden als gut und heilſam hingeſtellt. 40 Den Königsmördern(Jacques Clement, Franz Ravaillac, Gerhard von Delft u. A) wurde der Dolch in die Hand gedrückt. Ein Syſtem des Meineids(Reservatio mentalis) wurde ausgebildet. Die ſchnöde Selbſtſucht des natürlichen Menſchen wurde heilig geſprochen, wenn Jemand nur ſonſt als gehorſamer Katholik lebte. An die Stelle der Herzens⸗ bekehrung aber traten überall äußerliche Werke nach kirchlicher Tradition. Der Jeſuitenorden bekam durch den Eifer und durch die Klugheit ſeiner Begründer ſehr bald den größten Ein⸗ fluß in allen katholiſchen Ländern. Ueberall hemmte er die Ausbreitung der Reformation; er wußte viele Gebiete wieder zu gewinnen(Vgl.§. 37, 2). Nachdem er jedoch durch Macht und Reichthum, wie alle frühern Orden, allzu⸗ ſehr entartet war und jede tiefere Frömmigkeit in der katholiſchen Kirche, beſonders die der auguſtiniſch(Vgl.§. 16 5) geſinnten Janſeniſten in Frankreich, im 17. Jahrhundert unterdrückt hatte, nöthigte der Zorn der katholiſchen Völker den Papſt Clemens XIV.(Ganganelli) 1773 zur Aufhebung des Ordens. Doch Pius VII. ſtellte ihn 1815 wieder her und bahnte ihm den Weg zur Herrſchaft über die ganze römiſche Kirche. Beſonders unter Pius IX. trat dies in der päpſtlichen Verkündigung der unbefleckten Empfängniß Marias und der Unfehlbarkeit des Papſtes deutlich hervor. Ueberall aber macht ſich ſeitdem die Gewalt des Ordens im Stillen geltend. Durch ihn iſt nicht nur der Clerus ſondern auch ein Theil der katholiſchen Völker ſelbſt in einem ſolchen Grade fanatiſirt, daß die evangeliſche Kirche wuhel zu wachen hat, damit ſie nicht verliere, was ſie hat, ſondern die Krone der geoffenbarten Wahrheit behalte bis ans Ende. Schulnachrichten. A. Schulchronik. Das mit dem 8. April d. J. vollendete Schuljahr begann am 2. Mai 1878. Die Eröffnung erfolgte in gewohnter Weiſe durch den unterzeichneten Rector in gemeinſamer Verſammlung und Hora der Lehrer und Schüler. In der an dieſen Actus ſich anſchließenden Aufnahme traten 51 Schüler, welche am 1. Mai die vorgeſchriebene Prüfung beſtanden hatten, in die Anſtalt ein. Wie in dem Programm des v. J. mitgetheilt worden, war unſerer Schule durch hohe Ver⸗ fügung Sr. Exellenz des Herrn Miniſters der geiſtl., Unterrichts⸗ und Medicinalangelegenheiten vom 13. Feb. v. J. die ſchon ſeit mehreren Jahren erſtrebte Vollberechtigung verliehen worden, nachdem die bis dahin entgegenſtehenden äußerlichen Verhältniſſe beſeitigt worden waren. Mit dieſer Anerkennung der Anſtalt als einer vollberechtigten höheren Bürgerſchule iſt ſie nunmehr am höchſten Ziel, welches ſie als ſolche erreichen kann, angelangt, indem die Schule von hoher Behörde zu einer Realſchule I. Ordnung erklärt wurde, der die Prima mangelt. Selbſtverſtändlich mußte die vollberechtigte höhere Bürgerſchule nun auch in den der Realſchule I. Ordnung zuſtehenden Berechtigungen gleichgeſtellt werden, worüber in dem vorjährigen Programm das Nähere mitgetheilt worden iſt. Eine Zuſammenſtellung der den verſchiedenen höheren Lehranſtalten verliehenen Berechtigungen, bzw. der Anforderungen, welche vom Staate bei der Zulaſſung zu den verſchiedenen Zweigen des Staatsdienſtes oder den Berufsarten mit wiſſenſchaftlicher Vorbildung geſtellt werden, iſt unten nochmals mitgetheilt, weil die betreffenden Verhältniſſe ziemlich complicirt und die Kenntniß derſelben, obgleich ſehr wichtig, dennoch wenig verbreitet iſt. Wie die unter E gegebene ſtatiſtiſche Ueberſicht zeigt, iſt die Frequenz in dem eben verfloſſenen Schuljahr die größte, welche bis jetzt vorgekommen. Dieſes iſt um ſo erfreulicher, als ſich dadurch zeigt, dßdie Erhöhung des Schulgeldes keinen nachtheiligen Einfluß auf die Frequenz der Anſtalt geäußert hat. 3 Wir bringen hier in Erinneruug, daß durch die Munificenz der ſtädt. Behörden 20 Freiſtellen geſtiftet ſind, und daß man beſonders geneigt iſt, Ermäßigungen im Schulgeld eintreten zu laſſen, wenn zwei oder mehrere Brüder die Schule beſuchen. In dem verfloſſenen Schuljahre iſt dem Curatorium der höheren Bürgerſchule ein Mitglied durch den Tod entriſſen worden, dem die Anſtalt und ihre Lehrer zu vielem Dank verpflichtet ſind. Am 1. Oct. v. J. ſtarb nach kurzem, aber ſchwerem Krankenlager Herr Pfarrer Schmidt, welcher ſeit der Reorganiſation der Anſtalt Mitglied des Curatoriums war und zwar als Vertreter der proteſtantiſchen Kirche vom Königlichen Provinzial⸗Schulkollegium hierzu beſtellt. Ein ganz beſonderes Verdienſt erwarb ſich der allgemein Betrauerte bei der Umwandlung der früheren Realſchule in eine preuß. Reallehranſtalt, indem er im J. 1866 und 1867 bei der noch hier befindlichen Regierung Schulreferent war und die Ueberführung in die neuen Verhältniſſe mit ebenſo großer Sachkenntniß als mit freundlichem Wohlwollen bewirkte. In ſeiner vieljährigen Thätigkeit als Mitglied des Curatoriums war er ſtets als Freund und Gonner der Lehrer und der Anſtalt bemüht, die Fort⸗ entwickelung der letzteren mit Rath und That zu fördern. Sein Andenken wird daher auch noch lange bei Lehrern und Schülern im Segen bleiben.— An die Stelle des Herrn Pfarrer Schmidt wurde Herr Pfarrer Bernhard durch Beſchluß Königl. Provinzial⸗Schulkollegiums vom 11. November v. J. als Mitglied des Curatoriums zur Vertretung der kirchlichen Intereſſen beſtellt. 6 42 Wie in dem vor. Programm ſchon mitgetheilt wurde, konnte die durch die Vereinigung der beiden früheren Hülfslehrerſtellen an der Schule neugebildete Elementarlehrerſtelle erſt mit dem 1. Juni v. J. durch Herrn Lehrer Haaſe beſetzt werden, da ein früheres Austreten deſſelben aus ſeinem Lehramte an der Bürgerſchule in Gelnhauſen dem beſtellten Lehrer nicht geſtattet wurde. Nicht ohne große Schwierigkeiten wurde es möglich, die Stelle in dem 1. Quartal des Schuljahres zu verſehen, und ſind wir beſonders Herrn Studioſus Franz, einem früheren Schüler der Anſtalt, für die uns geleiſtete Aushülfe zu beſonderem Dank verpflichtet. Peit dem Eintritt des Herrn Haaſe, deſſen Einführung beim Wiederbeginn des Unterrichts nach den Sommerferien ſtattfand, wurde es möglich weſentliche Verbeſſerungen in dem Lectionsplane eintreten zu laſſen, die für die ſichere Erreichung der Ziele der Klaſſen und der Anſtalt von großem Vortheil ſein werden. Am Schluſſe des Schuljahres ſteht eine Veränderung im Lehrerperſonal in der Weiſe bevor, daß Herr Wachsmuth, ordentl. Lehrer des Franzöͤſiſchen, nach vierjährigen mit Pünktlichkeit und Erfolg geleiſteten Dienſten aus dem Lehrercollegium ausſcheidet und an ſeine Stelle Herr Hölzer⸗ kopf, ſeit mehreren Jahren Lehrer an der Realſchule zu Uſingen eintritt*). Beim Rückblick auf das nunmehr verfloſſene Schuljahr hat der Unterzeichnete auch noch der ſchmerzlichen Pflicht zu genügen und des nach längerer und wiederholter Krankheit am 4. Juli erfolgten Ablebens eines recht braven, talentvollen und fleißigen Schülers der Secunda, Louis Pfeffer aus Belnhauſen, zu gedenken. Da er turz vor ſeinem Tode in ſeine Heimath zurückgetehrt war, reiſten einige Lehrer und die Mitſchüler ſeiner Klaſſe dahin, um ihn zu ſeiner ſo früh gefundenen, letzten Ruheſtätte zu geleiten. Der Geſundheitszuſtand war überhaupt in dem letzten Jahr kein ſo günſtiger als in den früheren Jahren, indem Lehrer und Schüler mehr als ſonſt an der Erfüllung ihrer Pflichten durch Krankheit verhindert waren. So war Herr Pfarrer Wolff durch einen hartnäckigen Rheumatismus vom 17. Februar an am Unterricht gehindert, und eine nicht geringe Anzahl Schüler war an Diphtheritis erkrankt, wenn wir auch Gott Lob keinen Todesfall zu betrauern haben. Bei Verhinderungen von Lehrern trat der Unterzeichnete, ſo weit es ſeine freie Zeit erlaubte, ſtellvertretend ein. Durch weiteres Vicariren der Collegen wurde dann ein Ausfall von Unterrichtsſtunden thunlichſt vermieden. An dem nun ſchon ſeit vielen Jahren zu einem Nationalfeſttage erhobenen 2. September fand ein Schulactus ſtatt. Wie in den früheren Jahren hielt an dieſem Tage der Unterzeichnete die Feſtrede, in welcher er die Frage:„Welches iſt die Aufgabe der Schule, um den gemeinſchädlichen Beſtrebungen der Socialdemokratie entgegenzutreten?“ zu beantworten ſuchte. Ein großer Theil der Schüler betheiligte ſich an dem am Nachmittage deſſelben Tages ſtandfindenden Jugendfeſte, welches durch das herrlichſte Wetter begünſtigt wurde. Am zweiten Schulfeiertage, dem höchſterfreulichen Geburtstage Sr. Majeſtät unſeres Kaiſers und Königs, ſprach Herr College Leimbach über die deutſche nationale Dichtung. Nach üblicher Sitte wechſelten außerdem bei beiden Schulfeierlich⸗ keiten Geſang und Declamation von Liedern und patriotiſchen, zur Feier des Tages in Beziehung ſtehenden Gedichten mit einander ab. Die erſchütternden Nachrichten von den höchſt beklagens⸗ werthen Attentaten verworfener Subjecte auf das Leben unſers allgeliebten Kaiſers gaben ferner Veranlaſſung zu einigen Schulactus, in denen über das Entſetzliche und Abſcheuliche dieſer ſchwerſten Verbrechen geſprochen, ſodann Gott für die höchſt wunderbare Errettung innig gedankt, und um volle Geneſung des erhabenen Regenten gemeinſchaftlich gebetet wurde. Ein beſonderer Schulactus wurde auch abgehalten zur Feier der Wiederaufnahme der Regierung durch den greiſen Kaiſer am 7. December. Am 19. Juni wurde mit den 3 unteren Klaſſen in 3 Abtheilungen, von den Herrn Collegen Dute, Leimbach, Wachsmuth und Schneider geführt, ein Spaziergang nach Rauſchenberg, bzw. Mellnau und dem Frauenberg unternommen. Ein Ausflug für die beiden oberen Klaſſen mußte in dieſem Jahre aus beſonderen Gründen unterbleiben. Da ſchon im Juni wegen großer Hitze an einigen Nachmittagen die Stunden ausfallen mußten, beſchloß die Conferenz die Sommerferien von 3 auf 4 Wochen(vom 27. Juni bis 24. Juli) auszudehnen und die dreiwöchentlichen Herbſtferien auf 2 Wochen zu kürzen(vom 28. Sept. bis *) Herr Hölzerkopf, geb. den 3. Mai 1843 zu Inſtätt, Kr. Eſchwege, beſtand nach vollendetem Studium auf der hieſ. Univerſität während der Jahre 1869— 1872 bei der hieſ. Prüfungs⸗Commiſſion das Eramen für das höhere Lehramt und erwarb ſich die facultas docendi im Franzöſiſchen und Engliſchen für alle Klaſſen, in Deutſch und Geſchichte für die mittlern Klaſſen. 43 1 12. October). Dieſe Einrichtung ſcheint ſich auch für die Zukunft zu empfehlen. Zu Weihnachten waren 14 Tage Ferien(vom 23. Dec. bis 4. Jan.). In allen dieſen Ferien war die Einrichtung getroffen, daß die Schüler der 3 unteren Klaſſen um eine geeignete Anfertigung der Ferieuaufgaben zu bewirken, an einigen beſtimmten Tagen der Ferien dem Unterzeichneten ihre Arbeiten vorzeigen mußten. In dieſer Controlle wurde er von dem Herrn Collegen Leimbach unterſtützt. Hieran ſchließe ich gern die Mittheilung an, daß Herr College Leimbach auch im verfloſſenen Jahre in einer Abendſtunde des Sonnabends mit den Schülern der Secunda, um eine ausgedehntere Kenntniß mit unſeren Klaſſikern zu erzielen, einige Werke derſelben geleſen und erklärt hat. Um auch eine Bekanntſchaft mit den beſten Schriften der griechiſchen Dichter zu vermitteln, wurden in paſſenden Stunden in der Secunda Antigone und Oedipus auf Kolonos von Sophokles, ſowie die Sieben vor Theben von Aeſchylos, in der Tertia die Odyſſee in guten Ueberſetzungen geleſen. Um denjenigen Schülern, für welche wegen ihres künftigen Berufes die obligatoriſchen zwei wöchentlichen Zeichenſtunden nicht hinreichend ſind, Gelegenheit zu geben, ſich die erforderliche Fertigkeit anzueignen, beſtand auch in dieſem Schuljahre die Einrichtung, daß Mittwochs von ‿ 4 Uhr facultativer Zeichenunterricht gegeben wurde. An demſelben nahmen Theil aus: II. Wöllenſtein, Greif, F. Schneider, Strippelmann, Diehl, H. Schneider, Schäfer, Schmidt, Grau. III. Wick, Schmidt, Sälzer, J. Wolf, Brehm, Oppenheim, Lindemann, Schneider, Röhr. IV. Nunckel, Raſſau, Grau, Amberg, Bolbach, Brauer, Wenzel, Gieß, Schmidt, Ed. Schulz, Dern.. V. Schmittmann, Briel I., Bremer, Fr. Schulz, Schmidt, Keßler I., Keßler II., Eckhardt, Hupbach, Fladung, Kern, Weber, Sälzer I., Müller, Paar, Birkenſtock, Herbig, Zeiße 1. Da die Confirmanden der III. und IV. gehindert waren, den von 11—12 Uhr ertheilten obligatoriſchen Zeichenunterricht zu beſuchen, ſo mußten dieſelben dem vorhergenannteu Zeichen⸗ unterricht Mittwochs von 2—4 Uhr beiwohnen. Die ſchriftliche Prüfung wurde am 13., 14., 15., 17. und 18. Februar abgehalten; die Aufgaben waren folgende: 1) Im Deutſchen ein Aufſatz über das Thema: Wie ſah das Städtchen aus, welches Goethe zum Schauplatz ſeines Gedichtes:„Hermann und Dorothea“ erwählt hat? Mit beſonderer Berückſichtigung des väterlichen Hauſes Hermanns. 2) im Lateiniſchen 3) im Franzöſiſchen ein Exercitium. 4) im Engliſchen 5) in der Mathematik und zwar— a) in der Planimetrie: Ein Dreieck zu conſtruiren, von welchem die drei Trans⸗ verſalen t, t' und t“ gegeben ſind.— b) in der Stereometrie: Von einem geraden, abgeſtumpften Kegel ſind gegeben die Seite a, der Radius o der kleineren Grundfläche und der Winkel 2 ¼, welche die verlängerten Seiten mit einander bilden. Es ſoll der Radius r der größeren Grundfläche, der Mantel M und das Volumen V dieſes Körpers berechnet werden. Nach Ausrechnung dieſer Größen in Buchſtaben ſind folgende Zahlenwerthe ein⸗ zuſetzen: S= 12,5 m; 6= 1,9 m; 2= 440 18 22.„ c) in der Algebra: Eine dreizifferige Zahl zu finden, welche folgende Eigenſchaften hat: Die Ziffer der mittelſten Stelle iſt gleich der Summe der beiden andern Ziffern. Dividirt man die geſuchte Zahl durch ihre Querſumme, ſo iſt der Quotient= 27 mit dem Reſt 9. Die Summe der Quadratzahlen der drei Ziffern (ohne Rückſicht auf ihren Stellenwerth) iſt gleich 22. 1, a. d) im Rechnen: N verkauft am 15. Mai 7 Stück à 100 Thlr. 4 ½ 0%ige preußiſche conſolidirte Anleihe zum Courſe von 101,5; Zinstermin und 181o und 8 Stück à 100 Thlr. 4% ige Eiſenbahn⸗Prioritäten zum Courſe von 92,5 mit 40% Ein⸗ zahlung; Zinstermin uwund ⁄. Courtage 1%o. Er kauft dafür zur Hälfte amerikaniſche 6% ige Staatspapiere zum Courſe von 102,5; Zinstermin ½ und 1%; (1 Doll.= 425 M.) und zur Hälfte öſtreichiſche 5, eigentlich 4% ige Silber⸗ rente zum Courſe von 55 ½; Zinstermin 11 und 1⁄; 1% Courtage. Wieviel von beiden Staatspapieren erhält er, und wie groß iſt der Reſt? 5* 44 Auf Grund der ſchriftlichen Arbeiten wurden die Abiturienten zur mündlichen Prüfung zugelaſſen, welche am 15. März abgehalten wurde. Vom Königl. Provinzial⸗Schulkollegium war der Uuterzeichnete durch Beſchluß vom 4. März mit der Leitung der Prüfung beauftragt worden. Das Curatorium war durch Herrn Pfarrer Bernhard vertreten. Die Abiturienten waren: 33. Wilhelm Ammenhäuſer, aus Roſenthal, geht auf eine Realſchule I. Ordnung. 34. Otto Sachs, von hier, desgleichen. 35. Heinrich Mütze, von hier, widmet ſich dem Poſtfach. Zwei Abiturienten erhielten das Prädicat„gut“, einer„genügend“. Zwei andere Ober⸗ ſecundaner: Lindemann aus Bari(Italien) und Wieber von hier, verließen am Ende des Sommerſemeſters die Anſtalt, um auf die Handelsſchule in Frankfurt, bzw. nach Amerika zu gehen. Die Unter⸗Secundaner 6) Wöllenſtein, 7) Greif, 8) J. Schneider, 9) Strippel⸗ mann, 10) Strupp, 11) H. Schneider und 12) Euler, erbielten am Schluſſe des Schul— jahres den Berechtigungsſchein zum einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt. Da das Berechtigungsweſen wenig ſicher bekannt iſt, können wir wohl annehmen, daß es nicht überflüſſig, ſondern manchen Eltern unſerer Schüler willkommen ſein wird, zuverläſſige, aus den Geſetzen und Verordnungen für die höheren Schulen in Preußen von Wieſe(I. S. 227—241. 1875) entuommene, auf die hieſige höhere Bürgerſchule ſich beziehende Angaben darüber zu erhalten. Ein Schüler, welcher aus Tertia nach Secunda verſetzt iſt, kann: 1) in die untere Klaſſe einer reorganiſirten Gewerbeſchule; 2) in die zweite Abtheilung der Königl. Anſtalt zur Aus⸗ bildung fuͤr Kunſt⸗ und Landſchaftsgärtner zu Potsdam; 3) in das Königl. Hauptinſtitut des Cadettencorps in Berlin eintreten; 4) Thierarzt; 5) Zeichenlehrer; 6) Poſtgehülfe werden; 7) in die Königl. Militär⸗Roßarztſchule zu Berlin und 8) in das Königl. Muſikinſtitut und in die academiſche Hochſchule für Muſik aufgenommen werden. Ein Schüler, welcher aus Unter⸗Secunda nach Ober⸗Secunda verſetzt iſt, hat: 1) die Berechtigung zum einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt; 2) kann ſich derſelbe zum Eintritt in das Cadettenkorps der Kaiſerl. Marine anmelden, wenn er 16 Jahre alt iſt; 3) kann er Apotheker werden. Ein Schüler, welcher aus Ober-Secunda nach beſtandener Abiturienten⸗Prüfung mit dem Zeugniß der Reife für Prima austritt, kann 1) Civil⸗Supernumerar bei den Provinzial⸗Verwaltungs⸗ behörden(Kreis⸗ und Regierungs⸗Secretar, Steuer Einnehmer); 2) Beamter im Staats⸗Eiſenbahndienſt und bei der Staats⸗Eiſenbahn⸗Verwaltung; 3) Feldmeſſer und Kataſter⸗Beamter; 4) Zahnarzt; 5) Markſcheider; 6) Juſtiz⸗Subalternbeamter(Gerichtsſecretar); 7) Aſpirant für den militaͤriſchen Magazindienſt und für die Militär⸗Intendantur; 8) Civil⸗Anwärter für den Bureaudienſt bei der Berg-, Hütten⸗ und Salinen⸗Verwaltung werden; 9) zum Portepee⸗Fähnrich⸗Examen zugelaſſen werden. (Der Lehrplan der Cadettenſchulen iſt übereinſtimmend mit dem der Realſchulen I. Ordnung.) Da ſchon viele Schüler nach Abſolvirung des Curſus der hoheren Bürgerſchule ihre Ausbildung auf einer Realſchule I. Ordnung, in deren Prima ſie ohne weiteres Anfnahme⸗Examen eintreten, fort⸗ geſetzt haben, bzw. noch fortſetzen werden; ſo geben wir hier noch diejenigen Berechtigungen an, welche durch den einjährigen Beſuch der Prima und durch die Abiturienten⸗Prüfung auf genannter Anſtalt erworben werden. Mit dem erfolgreichen einjährigen Beſuch der Prima werden die folgenden Berechtigungen erworben: 1) Eintritt in das Marinecadettencorps, wenn das 17. Lebensjahr noch nicht überſchritten iſt; 2) Aufnahme in die Königl. rheiniſch⸗weſtphäliſche polytechniſche Schule zu Aachen; 3) Zulaſſung zur Partie der Verwaltung der indirecten Steuern und 4) als Civil-Aſpirant für den Militär⸗Marine⸗Jutendanturdienſt. Durch das Beſtehen der Abiturienten⸗Prüfung auf einer Real— ſchule I. Ordnung wird die Zulaſſung zu allen Stellen im Bau⸗, Berg⸗, Forſt⸗, Steuer⸗, Poſt⸗, Telegraphen⸗ und Militärfach, ſowie zum Studium der Mathematik, Naturwiſſenſchaften und der neueren Sprachen auf der Univerſität erworben. Bezüglich des Poſtfaches ſei noch bemerkt, daß nach dem Regl. v. 23. Mai 1871 als Poſteleven auch ſolche Bewerber angenommen werden können, welche die Abgangsprüfung bei einer höheren Bürgerſchule beſtanden haben.— Wenn auch hieraus deutlich hervorgeht, daß die Reallehrauſtalten, bezüglich der Berechtigungen mit den Gymunaſien beinahe gleichgeſtellt ſind und es für ihre Schüler höchſt weſentlich iſt, ein ſo weites Gebiet für die Wahl ihres Berufes geöffnet zu ſehen; ſo darf doch nicht überſehen werden, daß die Realſchulen aus dem Bedürfniß hervorgegangen ſind, dem Gewerbe⸗ und Handelsſtand junge Leute mit geeigneter Vorbereitung zuzuführen, und daß ihr Lehrplan für dieſes Ziel als der geeignetſte unter den Lehrplänen der vielen Arten von Schulen angeſehen werden muß. (Wegen der größeren Ausdehnung Verzeichniß der Lehrkräfte 45 C. Lehrplan. nach den Gegenſtänden, des Schuljahres Oſtern 1878 der diesjährigen Abhandlung mußte man den Lehrplan ausfallen laſſen). wöchentl. Unterrichtsſtunden und Klaſſen während bis Oſtern 1879. A 2 2 25.. 3— Sexta. Quinta. Quarta. Tertia. Seeunda. 5 5 A und B. wöchent. 2 St. — 1 St. Kfm. Rech Dr. Hempfing, II 1 Stunde 2 Stunden(3 St. Rechnen. 1 St. Rechnen. 2 St. Phyſik. 17 Rector. Naturgeſchichte. Naturgeſchichte 2 St. Naturg. 2 St. Naturg. 2 St. Chemie. 1 St. Naturg. — 3— uuuuua ’ ichte te 2 St. Geſchichte. Oberlehrer 3 St. Geſchichte 2 St. Geſchichte. t. Geſchichte. 2 St. Geſchichte. III. ographie. 3 S 3 3St. Engliſch(A) 3 St. Enali 22 Dute. u. Geographie. 3 St. Deutſch. 1 St. Engliſch(3) 3 St. Engliſch ſ ſ. Dr. Schäfer. IV. St. Lateiniſch.6 St. Lateiniſch.5 St. Lateiniſch.d St. Lateiniſch, 22 Reallehrer t Tameßüfch Den naſs 4 St. Franzöſ.(A) 1e! Kranzöſiſch 22 Wachsmuth. V. 5 St. Franzöſiſch. 5 St. Franzöſiſch. 4 St. Jranzöſ()4 St. Franzöſiſch. 22 Reallehrer(10 St. Lateiniſch. 4 St. Deutſch. 3 St. Deutſch. 22 Leimbach. V. 5 St. Geſchichte. 2 St. Geographie.¹ St Geographie. 22 1 ¹.— 2 3 St. Rechnen..„5 St. Math.(A)— 1 Dr. v. Cölln. St. Geometrie. 3 St. Geometrie. 4 St. Math. ShCt iachenant. 21 Pfarrer Wolff 3 St. Religion. 2 St. Religion. 2 St. Religion. 2 St. Religion. 2 St. Religion. 11 ——— 2 St. Zeichnen. 2 St. Zeichnen 2 St. Zeichnen Zeichenlehrer 2 St. Zeichnen. w01 Läen(mit II.) 2 St. Zeichnen.(mit IV.) Schürmann.— 11 2 Stunden facultativ und für die Confirmanden Mittwoch 2—4 Uhr. 14 St. Deutſch.— 9 mic 4 St. Rechnen. 4 St. Deutſch. 2 St. Geographie. 22 Lehrer Haaſe. Haaſ 2 St. Geographie. 2 St. Schönſch. 2 Stunden Schönſchreiben. 2 Stunden Schönſchreiben. e in 4 Stunden wöchentlich unterrichtet. Im Turnen beſtehen 3 Abtheilungen, Schneider, ſtädtiſchem Turnlehrer, unterrichte t wird. Im Singen ſind die Schüler in 2 Abtheilungen getheilt und werden darin vom Herrn deren jede in 2 Stunden wöchentlich vom Herrn B. Curatorium und Lehrercollegium der höheren Bürgerſchule. 1) Curatorium. Herr Oberbürgermeiſter Rudolph. Herr Profeſſor Dr. Dohrn, Stadtrathsmitglied. „ Pfarrer Schmidt bis 1. October v. J.„ Chr. Schaaf, Ausſchußmitglied. „ Pfarrer Bernbard v. 11. Novbr. an. Der Rector der höheren Bürgerſchule. 2) Lehrercollegium. Dr. Hempfing, Rector. 1 3 Herr Zeichenlehrer Schürmann. Herr Oberlehrer Dute. 2„ Elementarlehrer Haaſe. „ Reallehrer Leimbach. S„ Pfarrer Wolff. „„ Dr. Schäfer. 8„ Turnlehrer Schneider. „„ Wachsmuth. 8 „„ Dr. v. Cölln. D. Lehrmittel. Zur Erweiterung der Bibliothek für Lehrer und Schüler, ſowie zur Vervollſtändigung des phyſikaliſchen Cabinets und der naturhiſtoriſchen Sammlung wurde im verfloſſeuen Schuljahre ein gleicher Fonds wie in den früheren Jahren verwandt. Als Fortſetzung wurden folgende amt⸗ liche, wiſſenſchaftliche und pädagogiſche Zeitſchriften gehalten: Centralblatt für das geſammte Unterrichtsweſen in Preußen, Krumme's pädagogiſches Archiv, Herrig's Archiv für neuere Sprachen, Sclarteck“ 8 Naturforſcher, Richter's praktiſcher Schulmann, Dr. Hugo Toeppens illuſtrirte geographiſche Monatshefte, Central-Organ für das Realſchulweſen und die Zeitſchrift für das höhere Unterrichtsweſen in Deutſchland. Der Lehrer⸗Bibliothek gingen folgende Werke zu: Dr. O. Steinbart, die Realſchul⸗Abiturienten; Dr. W. Schrader, die Verfaſſung der höheren Schulen; Dr. Heumann, Anleitung zum Experi⸗ mentiren; Prof. Dr. Lucae, zur Goetheforſchung; Frick, phyſikaliſche Technik; Petermann, Auf⸗ gaben für den ſchriftlichen Gedankenausdruck; Du Bois⸗Reymond, Culturgeſchichte und Natur— wiſſenſchaft; Alb. v. Kampen, Descriptiones nobilissimorum apud classicos locorum; Tales of a Grandfather by Sir W. Scott; Prof. Dr. Schwalbe, über die Zulaſſung der Realſchul⸗Abiturienten zum Studium der Medicin; A. Böhme, Anleitung zum Unterricht im Rechnen; Dr. R. H. Hof⸗ meiſter, Leitfaden der Phyſik; Prof. Dr. A. Lehmann, ſprachliche Sünden der Gegenwart; Meyer und Koch, Atlas zu Caeſar's bellum gallicum; mehrere Ueberſetzungen der griechiſchen Claſſiker von Tafel, Oſiander und Schwab; A. E. Brehm, illüſtrirtes Thierleben 6 Bde. P. Kummer, kryptogam. Charakterbilder; Dr. G. Fröhlich, Geſtalt und Zucht des Lebens einer erziehenden Schule; R. Oberländer, der Menſch vormals und heute; Dr. Ad. Dronke, geogr. Zeichnunngen, 1., 2., 3. Lieferung(Geſchenk des Herrn Verf. u. Verl.); W. Kolbe, Marburg im Mittelalter; J. Chr. C. Hoffmeiſter, Heſſeus Regeuten in hiſt. Umriſſen(Geſchenk des Herrn Verlegers); Dr. H. Sevin, Geſchichts⸗Leſebuch; W. Bücking, Beiträge zur Geſchichte der Stadt Marburg(Geſchenk des Herrn Verf.); Fr. v. Raumer, Geſchichte der vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika(Geſchenk des M. Erlanger, dahier). Allen gütigen Gebern den beſten Dank. An dem ſeit einigen Jahren in Deutſchland und Oeſtreich⸗Ungarn unter den höheren Lehr⸗ anſtalten beſtehenden Programmentauſch nimmt die höhere Bürgerſchule auch Theil und vermehrt dadurch ihre Bibliothek jedes Jahr um eine anſehnliche Zahl Programme oft recht ſchätzbaren Inhalts. Eine Vermehrung der ſchon recht zahlreichen und vielſeitigen Schüler⸗Bibliothek ſchien weniger dringend. Dieſelbe wurde vermehrt durch Ad. Natorp, unter den Siaux⸗Indianern; Werner Hahn, Hans Joachim von Zieten; Fr. Warnke, die Pflauze in Sitte, Sage und Geſchichte; Prof. O. Schmidt, Thierkunde; Dr. Ferd. Stamm, Selbſt iſt der Mann; Prof. G. Weit— brecht, Heilig iſt die Jugendzeit; Osk. Höcker, General v. Werder; K. Ph. Moritz bzw. Dr. Max Oberbreyer, Götterlehre der Griechen und Römer.. Durch dieſen Zuwachs hat ſich die Bibliothek bis zu ca. 1700 Bänden vermehrt. Wie bisher ſtand die Bibliothek auch im verfloſſenen Jahre unter der Aufſicht und Leitung des Unterziichneten. 47. Die Oberſecundaner Ammenhäuſer, Sachs, Lindemann und Mütze unterſtützten ihn bei der allwöchentlichen Ausleihung der Bücher. Nach dem ſeither befolgten Grundſatze wurde bei der Ausleihung der Bücher mit großer Vorſicht verfahren, und wurden nur an ſolche Schüler Bücher ausgegeben, deren Fleiß und Foriſchritte die Lehrer befriedigten. Bücher mit mehr unterhaltendem als belehrendem Inhalt wurden nur für die Ferien ausgeliehenn. Dem phyſikaliſchen Kabinet ging zu: ein Apparat, um die Circulation des Waſſers beim Kochen zu zeigen; ein Apparat zur Wärmeleitung; ein Thermometer, um die beim Frieren des Waſſers freiwerdende Wärmerzu zeigen; 2 Platinſtreifen. Die reichhaltige naturhiſtoriſche Sammlung wurde durch folgende Gegenſtände vermehrt: Eine plaſtiſche Nachbildung der Zunge mit Nerven, der Hand mit Muskeln, des Handſcelets mit Bändern; eine Abbildung des Nervenſyſtems von Keller; Telephanus antillanus; Entwickelung der Seidenraupe; allgemeine Inſecten⸗Metamorphoſe; Strix flammea mit ausgebreiteten Flügeln; Cuculus canorus, Kuckuk; eine Fruchtſammlung; eine Holzſammlung; 45 Edelſtein⸗Imitationen; eine Härteſcala; Salzſtufen aus Berchtesgaden; 200 Exemplare Petrefacten. d E. Statiſtiſche Ueberſicht. 1) Schülerfrequenz während des Schuljahres Oſtern 1878 bis Oſtern 1879. VI. Cl. V. Cl. IV. Cl. III. Cl. II. Cl. Summa. Schülerfrequenz während des Sommerſemeſters. 44 48 38 46 23 199 Schülerfrequenz während des Winterſemeſters 45 46 37 42 19 189 imath ſämmtlicher Schüler: Heiaih ſini deren Eltern gegenwärtig hier wohnen 40 41 26 33 12 152 b) Auswärtige, bzw. Ausländer.. 4 7 8 13 13 11 52 Confeſſion ſämmtlicher Schüler: a) Evangeliſche.. 42 36 45 42 22 187 b) Katholiſche— 1— 1—=— 2 c) Israeliten 5 2 4 3 1 15 47 39 49 V 46 23 V 204 2) Verzeichniß ſämmtlicher Schüler, welche im Laufe des Schuljahres Oſtern 1878 bis Oſtern 1879 die höhere Bürgerſchule beſuchten. Namen. Wohnort der Eltern. Namen. V Wohnort der Eltern. Secunda A. 4. Sreiſe eihali Marburg. 1 9— Ni Roſenthal. Schneider, Johannes, 4. 2äaiſt, Wilh. irmihal 9. Strippelmann, Adolf„ 3. indemann, Ernſt Bari(Italien). 10. Strupp, Benediet Treyſa. 4.»Wieber, Wilhelm Marburg. 11. Pfeffer, Ludwig Belnhauſen. 5. Mitze, Heinrich 12. Diehl, Friedrich Dautphe. 4 13. Schneider, Heinrich Marburg. Secunda B. 14. Euler, Curt Gingelshauſen. 6. Wöllenſtein, Eugen Marburg. 15. Schäfer, Rudolph Grünberg. *N bedeutet nur im Sommerſemeſter; N'* bedeutet nur im Winterſemeſter. 48 Namen. Wohnort der Eltern. Namen. SSm ———VO——— ◻ — Se S=SSS9ASSoEgUN Baltz, Auguſt . Schmidt, Heinrich .Dreiling, Guſtav . Grau, Friedrich Schiermann, Wilhelm . Zeiſſe, Louis . Muth, Johannes .»Berger Wilhelm Tertin A. Römer, Rudolph . Wick, Heinrich . Nau, Andreas . Matthäi, Arthur . Röſſer, Johannes .Klingelhoͤfer, Heinrich .Schmidt, Eduard .Schiermann, Ludwig .*Heuſer, Karl . Schierling . Säͤlzer, Heinrich . Dey, Bernhard . Wolff, Johannes . Brehm, Ernſt . Stamm, Franz .Brauer, Engelhard . Leimbach, Auguſt . Schreiber“, Otto . Bang, Ferdinand Tertia B. . Beyer, Adolph .Gerke, Heinrich . Lindemann, Eduard .Schneider, Auguſt . Finkelſtein, Samuel 5. Nikolai, Heinrich 3. Oppenheim, Rudolph „Kenter, Hermann .»Kronshagen, Herm. . Ibelshäuſer, Georg 30. Wolff, Karl . Dietrich, Karl . Röhr, Edmund 3. Eucker, Eduard . Fett, Hermann 5. Staubeſand, Karl 6. Berdux, Heinrich .*Schneider, Philipp . Mütze, Auguſt Frankenberg. Marburg. Borken. Marburg. Michelbach. Ziegenhain. Carlshafen. Marburg. Capellen. Marburg. Dagobertshauſen. Roſenthal. Marburg. Borken. Marburg. Marburg. Frankenberg Marburg. Bari(Italien). Marburg. Philippoven(Polen). Marburg. Ockershauſen. Marburg. / Richmond(Amerika). Marburg. Co— — . Meckel, Louis S Wohnort der Eltern. Schedtler, Ferdinand Ktlein, Friedrich .Holzhauer, Fritz .Zeiſſe, Heinrich . Udet, Karl 5. Udet, Adolph 6. Kenter, Max Quarta. . Harms, Louis .Stern, Alfred .Hartert, Karl . Banzer, Karl . Raſſau, Wilhelm . Metzger, Aron .Runtel, Heinrich Güngerich, Ernſt Geidt, Otto .Weintraut, Dietrich .Hering, Karl .Kuhl, Georg „Holland, Heinrich . Matthäi, Louis 5. Karl, Adolph .Strauß, Jacob . Jburg, Heinrich . Gerhart, Adam .Dietrich, Fritz .»Graulich, Jacob .Berger, Louis .Amberg, Karl Bollbach, Karl . Lohmeyer, Bruno .Schreiber, Hermann .Dauber, Wilhelm * Schirmer, Heinrich .Kaiſer, Adolph .Dern, Heinrich .Bopp, Karl „Heuſer, Karl . Wenzel, Eduard 3. Brauer, Hermann .Degener, Franz .Schmidt, Emil . Grau, Georg . Gieß, Otto .Schultz, Eduard .*Reitz, Louis Marburg. Amöneburg. Karlshütte. Marburg. Marburg. Wehrda. Marburg. 7 Schönſtadt. Marburg. Hof⸗Fiddemühle. Marburg. Laasphe. Kirchhain. Giſſelberg. Marburg. Ziegenhain. Marburg. Kleinſeelheim. Wetter. Richmond(Amerika). Marburg. Frankfurt. Marburg. Borken. Ellenhauſen. Marburg. 2 49 Namen. Wohnort der Eltern. Namen. Wohnort der Eltern. Quinta. Sexta. 1. Otto, Johannes Treyſa. 1. Kreimenthal, Karl Marburg 2. Kaiſer, Karl Ebsdorf 2. Albrecht, Karl„ 3. Bremer, Jacob Marburg. 3. Peppler, Auguſt 5 4. Haas, Sali„ 4. Barthelmes, Otto„ 5. Schultz, Fritz„ 5. Weber, Ludwig„ 3 Schmidtmann, Georg„ 6. Brühl, Reinhardt„ 7. Kuhl, Georg„ 7. Müller, Conrad Wehrshauſen. 8. Kern, Karl„ 8. Berdux, Georg Marburg. 9. Stumpf, Karl„ 9. Grün, Karl„ 10. Schmidt, Heinrich„ 10. Klein, Friedrich. 11. Ruth, Joſt Fronhauſen. 11. Sonneborn, Guſtav„ 12. Brandau, Gottlob Eichdorf. 12. Reinhard, Wilhelm Cappel 13. Briel, Engelhardt Marburg. 13. Folz, Friedrich Marburg. 14. Berdux, Juſtus„ 14. Volland, Chriſtoph„ 15. Schneider, Heinrich„ 15. Harms, Heinrich„ 16. Keßler, Heinrich„ 16. Döring, Jacob„ 17. Zeiſſe, Friedrich Oberrosphe. 17. Lamm, Salomon Ober-⸗Klein. 18. Textor, Ludwig Marburg. 18. Weyand, Friedrich Marburg. 19. Briel, Auguſt„ 19. Perſch, Wilhelm Kirchhain. 20. Ströbel, Theodor„ 20. Raſſau, Franz Marburg. 21.*Strauß, Hermann Amöneburg 21. Mäller, Heinrich. 22. Keßler, Wilhelm Marburg. 22. Unkel, Karl„ 23. Eſtor, Wilhelm, 23. Stern, Louis Kirchhain. 24. Birkenſtock, Heinrich 4 24. Mütze, Chriſtian 7 25. Sälzer, Dietrich„ 25. Kranz, Georg Cölbe. 26. Müller, Wilhelm„ 26. Baum, David Marburg. 27. Siebert, Julius— 27. Seibert, Chriſtoph 7 28. Herbig, Albert„ 28 Raſſau, Ernſt„ 29. Sälzer, Karl„ 29. Eckhardt, Adolph. 30. Eckhardt, Karl„ 30. Thamer, Karl Kirchhain. 31. Lorch, Wilhelm„ 31. Kuhl, Albert Marburg. 32. Hupbach, Karl 9 32. Amberg, Robert„ 33. Wittmer, Auguſt Wabern. 33. Schmidt, Adam 7 34. Heſſel, Siegfried Marburg. 34. Goldſchmidt, Joſeph„ 35. Fladung, Wilhelm„ 35. Blum, Hermann„ 36. Bloß, Auguſt„ 36. Eucker, Wilhelm Richmond(Amerika). 37. Weber, Ludwig„ 37. Dauber, Auguſt Marburg. 38. Kuhl, Johannes„ 38. Kellermann, Philipp„ 39. Zeiſſe, Guſtav„ 39. Brauer, Friedrich 7 40. Paar, Hermann„ 40. Müller, Heinrich„ 41. Eimer, Martin 7 41. Eichler, Alexander„ 42. Schirmer, Ludwig„ 42. Kuhl, Conrad„ 43. Briel, Jacob 7 43. Keppler, Heinrich„ 44. Staubeſand, Hermann„ 44. Schneider, Ludwig„ 45. Zeiſſe, Wilhelm:1 45. Freſenius, Ludwig„ 46. Zickendraht, Auguſt Haina. 46.*Guth, Louis„ 47. Stern“*, Guſtav Kirchhain. 48.»Broeg, Karl Marburg. 49. Rautenhaus, Georg Kirchhain. Oeffentliche Prüfung der höheren Bürgerſchule. Dienſtag, den 8. April, vormittags 9 Uhr. Eröffnung der Prüfung. Choral: Wenn ich Ihn nur habe ꝛc. Gebet. Quinta: Naturgeſchichte bis 9 ½ Uhr Herr Hempfing. Franzöſiſch bis 10 Uhr„ Wachsmuth. Sexta: Rechnen bis 10 ½ Uhr„ Haaſe. Lateiniſch vis 11 Uhr„ Leimbach. Tertia: Geſchichte bis 11 ½ Uhr„ Dute. Phyſik bis 12 Uhr„ Hempfing. Nachmittags 2 Uhr. Quarta: Geometrie bis 2 ½ Uhr Herr v. Cölln. Geographie bis 3 Uhr Secunda: Lateiniſch bis 3 ½ Uhr„ Schäfer. Franzöſiſch bis 4 Uhr„ Wachsmuth. Vortrag einiger deutſcher, franzöſiſcher, engliſcher und lateiniſcher Gedichte beim Wechſel der Lehrgegenſtände. Schlußworte der Prüfung und Entlaſſung der Abiturienten von dem Rector. Choral:„Großer Gott, wir loben Dich“ ꝛc. Während der Prüfung ſind die ſchriftlichen Arbeiten und Zeichnungen der Schüler zur Einſicht ausgelegt. „ Haaſe. Der Unterricht des neuen Schuljahres beginnt Donnerſtag den 24. April. Anmeldungen neuzugehender Schüler, welche ein Zeugniß ihres letzten Lehrers vorzulegen haben, werden während der Ferien in den Vormittagsſtunden von 10— 12 Uhr von dem Unterzeichneten entgegengenommen. Die Prüfung der angemeldeten Schüler findet Mittwoch, den 23. April, von 8 Uhr morgens an in dem Locale der höheren Bürgerſchule ſtatt. Der Eintritt in die Sexta erfolgt nicht vor dem vollendeten neunten Lebensjahre. Die zur Aufnahme in die Klaſſe erforderlichen elementaren Kentniſſe und Fertigkeiten ſind: Geläufigkeit im Leſen deutſcher und lateiniſcher Druͤckſchrift; Kenntniß der Redetheile; eine leſerliche und reine Handſchrift; Fertigkeit Dictirtes ohne grobe orthographiſche Fehler nachzuſchreiben; Sicherheit in den vier Grundrechnungsarten mit gleichbenannten Zablen. In der Religion wird Bekanntſchaft mit den Geſchichten des alten und neuen Teſtaments, ſowie(bei den evangeliſchen Schülern) mit Bibelſprüchen und Liederverſen gefordert... Schüler, welche in die Quinta aufgenommen zu werden wünſchen, müſſen ſchon Kenntniſſe im Lateiniſchen beſitzen. Wenn daher auswärtige Eltern beabſichtigen, daß ihre Söhne erſt ſpäter als mit dem zehnten Lebensjahre in die hieſige Realſchule und zwar in eine höhere als die letzte Klaſſe eintreten ſollen, ſo müſſen ſie dafür Sorge tragen, daß ihre Söhne ſich einige Vorkenntniſſe in der lateiniſchen Sprache ſchon vor dem Eintritt in die Anſtalt aneignen.. Denjenigen Eltern, welche Einrichtung und Plan der höheren Bürgerſchule näher kennen lernen wollen, werden von dem Unterzeichneten die Schulordnung und der Lehrplan auf Verlangen gratis verabfolgt. Der Rector der höheren Bürgerſchule: Dr. Hempfing.