8 S,, üheren Bürgerlchulr(Reallchule) zu Marburg, mit welchem zu der üffeutlichen Prüfung am 16. April 1878 Namen des Lehrer⸗Collegiums—— ergebenſt einladet . Dr. Chr. Hempfing, .2 Rector der höheren Bürgerſchule. 8 4 Inhalt: Die wichtigſten Thatſachen der Kirchengeſchichte(Penſum der Tertia bezw. Secunda I. Theil) von dem Religionslehrer Pfarrer Walif, wWélhelm Dawe e Marburg. Univerſitäts⸗Buchdruckerei(R. Friedrich). 1878. Progr. No. 345. 4 ₰ .2 5 — 8. 1- 4 Erſter Abſchnitt. 3 0 Das religiöſe und ſittliche Leben der erlöſungsbedürftigen Menſchheit bis auf Chriſtus. §. 1. Die göttliche Offenbarung und das Volk Israel. 1) In der erſten Zeit, nachdem die Menſchen durch ihre Sünde aus der inneren Lebens⸗ gemeinſchaft mit Gott herausgetreten und in Gewiſſensangſt, Leiden und Tod gefallen waren, beſaßen ſie noch ſämmtlich als ein heiliges Erbe die Erkenntniß des lebendigen Gottes und die Verheißung der Erlöſung(1 Moſ. 3, 15). Bei den Nachkommen Kains ging freilich dieſer Beſitz an religiöſer und ſittlicher Erkenntniß durch einen fortgeſetzten und ſich immer mehr ſteigernden gottloſen Wandel ſehr bald verloren. Aber auch die früher gottesfürchtigen Sethiten ließen ſich in der Folge durch unvorſichtige Verbindung mit den Kainiten zu einer ſolchen Ruchloſigkeit verführen, daß zuletzt keine Hoffnung der Umkehr mehr übrig blieb und der Herr die ganze damalige Menſchheit mit Ausnahme Noahs und ſeiner Familie in der großen Fluth vertilgen mußte(1 Moſ. 4— 8). 2) In der neuen Menſchheit, welche von Noahs Söhnen Sem, Ham und Japhet herkam, hielt beſonders ein Theil der Semiten an der Verehrung Gottes und an Seinen Verheißungen feſt(1 Moſ. 9, 26. 11; 12). Aus ihrer Mitte wurde zu einer Zeit, als auch bei ihnen die Gefahr des Abfalls zum Götzendienſt groß war, Abraham und ſein Haus zum Träger der gött⸗ lichen Offenbarung berufen. Ihm wurde die Verheißung zu Theil, daß der Erlöſer für alle Völker einſt aus ſeinem Samen kommen ſollte(1 Moſ. 18, 18. 22, 18). Seinen Nachkommen wurde ſpäter unter Moſis Führung das göttliche Geſetz auf Sinai ertheilt(2 Moſ. 19 ff.), welches durch ſeine religiös⸗ſittlichen, cärimoniellen und bürgerlich⸗rechtlichen Vorſchriften(Sittengeſetz oder 10 Gebote, Cärimonial⸗ und Polizei⸗Geſetz) einestheils die Israeliten vom Verkehr mit den Heiden abhalten, andererſeits aber ihnen das Gewiſſen ſchärfen, das Gefühl der Schuld und Erloͤſungs⸗ bedürftigkeit in ihnen erhalten, ſie zu einem gottesfürchtigen Wandel anleiten und ihnen Vorbilder der künftigen Erlöſung darbieten ſollte. Seitdem blieb der Herr mit dem auserwählten Volkentheils durch Sein geſchriebenes Wort, theils durch den prieſterlichen Gottesdienſt in der Stiftshütte und im Tempel, theils durch den Mund der Propheten oder gotterleuchteten Seher, theils durch Er⸗ weiſungen des Gerichts und der Gnade im öffentlichen Leben, beſtandig in einer lebendigen und oft eingreifenden inneren Berührung. Insbeſondere gab Er dem Volk von Zeit zu Zeit immer beſtimmtere und tröſtlichere Verheißungen über den künftigen Erlöſer und deſſen Werk, um ſie auf das Kommen deſſelben vorzubereiten(Ebr. 1, 1—2).. 3) Durch ſeine heidniſchen Umgebungen ließ ſich das Volk zwar öfters zum Götzendienſt verleiten, aber dennoch gab es zu jeder Zeit eine Anzahl frommer und hochherziger Menſchen in ſeiner Mitte, welche das Geſetz zu halten ſuchten und den Verheißungen Gottes von Herzen glaubten, wenn ſie auch Haß und Verfolgung darüber erdulden mußten(Ebr. 11, 1- 40). 4) Seit der Rückkehr aus dem babylöniſchen Exil hörte ſogar der Götzendienſt völlig bei den Israeliten auf, weil nunmehr das ganze Volk einen bleibenden Eindruck von Gottes heiliger Strafgerechtigkeit empfangen hatte und ſich vor Widerholung ſeines Abfalls hütete. Indeſſen nahm die Gottesfurcht der Juden ſeit dieſer Zeit einen ängſtlichen und ſklaviſchen Charakter an, in Folge deſſen ſie mehr und mehr zu einer äußerlichen, oft fanatiſchen Beobachtung des Cärimonial⸗ Geſetzes herabſank und das Verſtandniß für den wahren Sinn von Gottes Verheißungen verlor. 5) Beſonders die Parthei der Phariſäer, d. 9 der ſich Auszeichnenden, Abſondernden, war an dieſer Entartung ſchuld. Weil ſie überſahen, daß Gott ſchon im Alten Bund vor allen Dingen ein bußfertiges und gläubiges Herz fordert, nicht aber eine bloß äußerliche Geſetzeserfüllung, ließen ſie ſich zu der Meinung verleiten, um Gott völlig genug zu thun ſei es nicht hinreichend, das Geſetz mit ſeinen Vorſchriften über Beſchneidung, Sabbathe, Neumonde, Feſte, Gebete, Reinigungen, Faſten, Gelübde, Opfer, Zehnten u. dgl. zu halten, ſondern man müſſe daſſelbe noch durch eine ganze Menge 1 2 von entſprechenden, das Leben des Frommen umſchließenden Satzungen(Traditionen) ergänzen und erweitern. Indem ſie dieſe ſelbſtgemachten Satzungen mit dem größten Eifer beobachteten, erfüllten ſie zugleich aus fleiſchlichem Mißverſtand der meſſianiſchen Weisſagungen das Volk mit der ver⸗ kehrten Hoffnung, der Meſſias werde als ein weltlicher Herrſcher die Römer vertreiben und die ganze Welt dem auserwählten Volke dienſtbar machen. Bei dem hohen Anſehen, das ſie genoſſen, konnte es daher nicht fehlen, daß die Frömmigkeit der Juden durch ihr Beiſpiel immer äußerlicher und werkheiliger wurde und ſich in falſchen Meſſiashoffnungen wiegte. Statt den Beruf Israels unter den Völkern darin zu ſehen, daß es in religiöſer und ſittlicher Hinſicht ein Licht für die Heiden würde, ſtellten ſich ſeitdem die Juden ſelbſt auf den Standpunkt der Heidenvölker, von denen ein jedes meinte das vorzüglichſte und zur Herrſchaft über die andern beſtimmte u ſein. 4 6) Den ohariſietn gegenüber, jedoch ohne großen Einfluß aufs Volk, ſtanden die Sadducäer, d. h. die(angeblich) Gerechten. Sie erkannten nur die 5 Bücher Moſis als Offenbarung an, bezweifelten die göttliche Weltregierung, leugneten die Auferſtehung der Todten, das Gericht und das ewige Leben und liebten ein bequemes, genußreiches Daſein. Da ſie es mit den Römern hielten, ſorgten die letztern in der Zeit Jeſu Chriſti dafür, daß die Hohenprieſter aus ihrer Mitte genommen wurden(Hannas, Kaiaphas).. 7) Neben den um die Herrſchaft ringenden Partheien der Phariſäer und Sadducäer gab es unter den Juden zur Zeit des Herrn Jeſu in Folge der Berührung mit den ägyptiſchen Serapis⸗ Mönchen(homines reclusi) und den weltflüchtigen griechiſchen Philoſophen(Neu⸗Pythagoräern, Cynikern) eine Art Mönche oder Einſiedler. In Aegypten, wo ſie als wirkliche Einſiedler am See Mareotis zerſtreut lebten, hießen ſie Therapeuten, d. h. Verehrer, nämlich Gottes; in Paläſtina, wo ſie in der Wüſte und am Karmel ganze Geſellſchaften von Männern oder Frauen bildeten, wurden ſie Eſſener oder Eſſäer, d. h. heilige oder heilende genannt. Sie verwarfen die Ehe, das perſöͤnliche Eigenthum, den Genuß des Fleiſches und Weines, und brachten ihr Leben in ſtiller Arbeit, Keuſchheit und Gebet zu. Spuren von ihnen fanden ſich ſpäter in den chriſt⸗ näns Berneinden der apoſtoliſchen Zeit und wirkten zur Entſtehung des chriſtlichen Mönchs⸗ ums mit. 8) Nur einzelne fromme Menſchen und bisweilen ganze Familien im Volke Israel bewahrten ſich unterdeſſen in der Stille jene tiefere und geiſtigere Auffaſſung des Geſetzes und der Verheißung, welche dem Willen Gottes entſprach. Im Gefühl ihrer Sündenſchuld und des allgemeinen Elends der Zeiten warteten ſie ſehnſüchtig auf den verheißenen Meſſias, welcher für Israel und für alle Völker das Heil bringen ſollte(Luk. 2, 29—32). §. 2. Die Heidenwelt oder die Menſchheit ohne Gottes Offenbarung. 1) Ganz anders als bei den Israeliten ſtand es in religiöſer und ſittlicher Hinſicht bei den andern Völkern. Während jene an der Verehrung des lebendigen Gottes im Ganzen noch feſthielten und unter dem Einfluß Seines Geiſtes ſtanden, war die geſammte übrige Menſchheit in Götzen⸗ dienſt verſunken. Ein großer Theil der Semiten ſowie alle Japhetiten und Hamiten hatten ſchon frühe durch ein fleiſchliches Leben die Herzens⸗Gemeinſchaft und Erkenntniß Gottes in ſich zerſtoͤrt. Je weniger ſie aber vom wahrhaftigen Gott wußten, deſto mehr wurden ſie von den Eindrücken der ſie umgebenden und oft beherrſchenden Naturkräfte in ihrem Innern ergriffen. In den ge⸗ heimnißvollen Regungen derſelben glaubten ſie das Göttliche zu erfaſſen, nach dem das Menſchenherz unbewußt verlangt. Aus dem ſo entſtehenden Naturdienſt gieng aber allmälig eine zahlloſe Menge von heidniſchen Religionen hervor, indem ſich die religiöſen Vorſtellungen der einzelnen Völker nach den verſchiedenen Eindrücken, welche die geographiſche Lage, die Bodengeſtalt, das Klima, die Produkte, die Lebensweiſe, der Bildungsſtand ſowie die geſchichtlichen Erfahrungen in Krieg und Frieden auf die dichtende Einbildungskraft machten, höchſt mannigfaltig und von einander ab⸗ weichend geſtalteten... 2) Gab es auf dieſe Weiſe unter den Heiden keinen gemeinſamen Gottesglauben mehr, ſo war andrerſeits auch kein Gefühl mehr dafür vorhanden, daß die Völker der Erde unter ſich ein Ganzes, die Menſchheit bilden ſollen. Vielmehr hielt ſich jedes Volk in ſelbſtſüchtigem Hochmuth für berechtigt, die andern mit Liſt und Gewalt zu unterwerfen und ſie als ſeine Sklaven zu 3 beherrſchen. Menſchenliebe und Humanität waren unbekannt; die Kriegführung war eine grauſam e und unmenſchliche; die Sklaverei war allgemein verbreitet. 3) Da das Heidenthum außerdem als Naturdienſt auch die dem Menſchen feindlichen Naturmächte in ſeinen Gottheiten verkörperte, z. B., als Moloch bei den Phöͤniciern, als Typhon bei den Aegyptern, als unterirdiſche Götter bei den Griechen und Römern, als Siwa bei den Hindus, als Ahriman bei den Perſern u. ſ. w., ſo waren Menſchenopfer jeder Art nicht ſelten. Da es ferner auch die fleiſchlichen Regungen des natürlichen Lebens, z. B. Wolluſt, Trunkſucht und dgl. auf Gottheiten zurückführte, welchen ein unſittlicher Cultus gewidmet wurde(Mylitta bei den Babyloniern, Aſtoreth oder Aſchera bei den Phöniciern, Artemis zu Epheſus, Aphrodite u Corinth, Bacchus bei den Griechen) ſo konnte es nicht fehlen, daß ſich bei dem Mangel eines feitſtehenden göttlichen Sittengeſetzes auch das Gewiſſen der Einzelnen in Bezug auf Mäßigkeit und Keuſchheit immer mehr verdunkelte. Die Sittlichkeit der Heiden war daher mit großen Schäden behaftet und bot zum Theil das Bild der entſetzlichſten Verirrung dar, während das Heidenthum auf andern Lebensgebieten unleugbar die größten Leiſtungen hervorbrachte(Egypter, Aſſyrier, Babylonier, Phönicier, Inder, Chineſen, Perſer, Griechen, Römer). 4) Auch bei den Völkern des römiſchen Reichs, an welche die Botſchaft von Chriſti zunächſt ergehen ſollte, trat die bunte Mannigfaltigkeit der heidniſchen Religionen ſehr deutlich hervor. Abgeſehen von unwichtigeren Religionsform erfanden ſich hier nebeneinander der arabiſch⸗chaldäiſche Geſtirndienſt(Sabäismus); der hamitiſch⸗ſemitiſche Cultus des Baal(Sonnen⸗ und Himmels⸗Gott), der Aſtoreth(Mond⸗ oder Nacht⸗Göttin), des Melkarth(Herkules); die ägyptiſche, oft geheimnißvolle Verehrung des Serapis und der Iſis; die verſchiedenen griechiſchen Culte mit ihrer reichen Entwickelung der Künſte(Baukunſt, Bildhauerei, Drama), ihren dunkeln Myſterien(beſonders in Eleuſis) und ihren theilweiſe unſittlichen Dienſten(Artemis in Epheſus, Aphrodite auf Cypern, Corinth u. ſ. w); vor Allem aber die römiſche Staatsreligion mit ihrem cärimoniellen Ernſt, welche noch lange nach Chriſtus von Kaiſer und Senat als Grundlage des Staats betrachtet wurde, mit allen wichtigen politiſchen Handlungen eng verknüpft war und gerade deßhalb ſpäter einen Hauptanlaß zur Ver⸗ fdlgung der Chriſten lieferte. 5) Bei den gebildeten Einwohnern des römiſchen Reichs war in jener Zeit der Glaube an die alten Götter vielfach wankend geworden, theis in Folge des Untergangs der nationalen Freiheit, theils durch die Miſchung der Culte, theils durch das Aufkommen der griechiſchen Philoſophie und durch ein ſchärferes Denken über ſittliche und göttliche Dinge. Meiſtentheils ſah man die Unwahrheit der heid⸗ niſchen Götterſagen ein, bemühte ſich aber vergebens, den lebendigen Gott zu finden, nach welchem man ſuchte(angeregt durch Sokrates und Platon). Ernſte und edle Gemuther geriethen in Folge dieſes Mangels einer feſten religiöſen Ueberzeugung in hoffnungsloſen Zweifel und Unglauben(blindes Schickſal, Zufall); ſchwache und unſelbſtändige in thörichten Aberglauben, wie Sterndeuterei(Aſtrologie) und Todten⸗ beſchwörung(Nekromantie); gemeine und ſittenloſe in deſto rückſichtsloſeren Sündendienſt, beſonders in Habſucht, Wolluſt, Grauſamkeit und Treuloſigkeit. Alle dieſe Schäden machten ſich aber um ſo fühlbarer, weil auch das politiſche Leben in Folge der Anhäufung aller öffentlichen Gewalt in den Händen der Kaiſer an den ſchlimmſten Gebrechen krankte, nämlich an Vergötterung, Gröͤßenwahnſinn und Grauſamkeit der Herſcher, und an Schmeichelei, Charakterloſigkeit, Thatloſigkeit und Miß⸗ ſtimmung der Beherrſchten. 6) Unter dieſen Umſtänden konnte es mit der Sittlichkeit der heidniſchen Bevölkerung des römiſchen Reiches nicht gut ſtehen; die Ehe wurde in frecher Weiſe entheiligt, das Familienleben vernachläſſigt; Zügelloſigkeit und Genußſucht verödeten die Gemüther; die geſammte römiſche Welt aber machte dem tiefer blickenden Zeitgenoſſen den Eindruck einer greiſenhaften Abgelebtheit und eines doenäbaeßn Verderbens, obgleich ſie äußerlich den Gipfel der Macht und des Glanzes erreicht hatte. ) Je unbefriedigender aber dieſer Zuſtand des religiöſen und ſittlichen Lebens unter den Heiden war, deſto ſtärker regte ſich bei ihnen das Verlangen nach göttlicher Hülfe für die bedrängte Menſchheit. In der Sehnſucht uach Wahrheit und Gnade von oben her berührten ſich die Beſten der Heidenwelt mit den frömmſten und heiligſten Seelen aus Israel. Zweiter Abſchnitt. Die Gründung der Kirche durch Jeſum Chriſtum und die Zeit der Apoſtel(1—100 n. Chr.) §. 3. Jeſus Chriſtus, der Gründer der Kirche. ¹) Als das Verlangen nach göttlicher Hülfe bei Juden und Heiden am größten war (Gal. 4, 4), wurde der verheißene und erſehnte Erlüſer zu Bethlehem bei Jeruſalem geboren (1 M. 3, 15. Mich. 5, 1. Luk. 2, 29— 32). Zur Einführung eines neuen Lebens in die Menſch⸗ heit waren Gottheit und Menſchheit in Ihm verbunden. Einerſeits war er ein wahrhaftiger Menſch(Ebr. 2, 14— 15. Luk. 2, 52), der Verheißung gemäß aus Abrahams und Davids Haus, der Jungfrau Maria Sohn(Jeſ. 7, 14. Luk. 1, 27), doch ohne Sünde und Schuld, in ſeiner innern Entwickelung volkommen ungetrübt(Hebr. 7, 26. Joh. 8, 46), voll heiliger Liebe gegen Gott und Menſchen(Joh. 4, 34., 17, 19—24), in ſeliger Heiterkeit, Freude und Ruhe(Math. 8, 26— 27). Andererſeits war Er Gottes Sohn voller Gnade und Wahrheit(Matth. 16, 16. Joh. 1, 14), von der Fülle der Gottheit durchdrungen(Col. 2, 9. Matth. 28, 18), das Ebenbild des unſichtbaren Gottes und der Abglanz Seiner Herrlichkeit(Hebr. 1, 3. Col. 1, 15), des Vaters ewiges Wort in Schöpfung und Erlöſung(Joh. 1, 4— 3. 1, 14), in ſeinem Weſen, Denken, Fühlen, Wollen und Thun Eins mit dem Vater(Matth. 11, 27. Joh. 10, 30. 14, 9— 10), in Sich Selbſt ewig lebendig und für die Menſchheit Lebensquell(Joh. 11, 24—25. 14, 6. 4 2) Die in Ihm ruhenden göttlichen Kräfte wurden durch die Mittheilung des heiligen Geiſtes bei Seiner Taufe im Jordan zur Vollendung des Erlöſungswerks erweckt(Matth. 3, 16. Joh. 1, 32. Röm. 1, 4). Seitdem trat Er dem Volke Israel, dem bisherigen Träger der gött⸗ lichen Offenbarung, durch Erweiſungen göttlicher Wahrheit, Liebe und Macht als Erlöͤſer der Welt gegenüber, um daſſelbe nicht nur ſelbſt zu gewinnen und ſelig zu machen, ſonderm um es auch zu Seinem Boten an die Heidenvölker zu erheben(Matth. 10, 5— 6. 15, 24. Joh. 4, 22. 10, 16. Matth. 28, 19. A. G. 1. 8. 2, 39). Weil er jedoch die fleiſchlichen Meſſiashoffnungen Jsraels nicht erfüllte, ſondern ein geiſtiges Gottesreich brachte, in welches der Menſch durch Buße, Glauben, und Taufe eingehen muß(Matth. 4, 17. Joh. 3, 3. Marc. 16, 16. Vgl.§. 1. 4—5), ſo ließ ſich der größte Theil des Volkes trotz der Predigt Johannes des Täufers und trotz aller Liebe und Wundermacht des Herrn von den Sadducäern und Phariſäern beſtimmen, Ihn zu verwerfen und durch Pilatus zu kreuzigen. Nur 500— 600 gläubige Seeleu ſchloſſen ſich Ihm während Seiner dreijährigen Wirkſamkeit mit voller Hingebung an und unter dieſen wieder zwölf beſonders von Ihm berufene Jünger, welchen Er in vertrautem Umgang Seine gottmenſchliche Herrlichkeit mehr als allen andern offenbarte, damit ſie hernach zur Ausbreitung und Leitung Seiner Kirche fähig wären.(Matth. 10, 1. Joh. 15, 16).. 3) Aus der Fülle Seines gottmenſchlichen Lebens heraus vollbrachte der Herr durch Seinen vollkommenen Gehorſam gegen Gottes Gebote(Phil. 2, 5— 10. Hebr. 7, 26. 9, 14), durch Seinen Sünden tilgenden Tod(Joh. 1, 29. 1 Petr. 1, 18— 19), und durch Seine Leben bringende Auferſtehung(2 Tim. 1, 10) das übernommene Erlöſungswerk, durch welches der ganzen Menſch⸗ heit ein neues und ewiges Leben in Gerechtigkeit, Friede und Freude mitgetheilt werden ſoll. Zur Trägerin dieſes neuen, erlöſenden Lebens aber machte Er Seine Kirche und Gemeinde, indem Er ihr, zunächſt in der Perſon der zwölf Apoſtel, die Gnadenmittel des Wortes, der Taufe und des Abendmahls zur Spendang an die Menſchheit für alle Zeiten übertrug(Matth. 16, 18. 28, 19— 20. A. G. 1, 8. 1 Cor. 11, 26 u. ſ. w.) und ihr Seinen mächtigen Schutz in allen Kämpfen und Bedrängniſſen zuſagte(Matth. 5, 11—12. 28, 20. Joh. 16, 20— 22 u. 33). Mit den übergebenen Gnadenmitteln ſollte die Kirche die Unbußfertigen erwecken, die Bußfertigen tröſten, die Schwachgläubigen ſtärken, die mit dem Zweifel Kämpfenden zur Wahrheit und Zuverſicht führen, die vor dem Tode Zitternden mit der Gewißheit des ewigen Lebens erfüllen, die unter der Macht der Sünde Seufzenden zur Freiheit eines dankbaren Gehorſams gegen Gott erheben, über⸗ haupt das ganze Leben der Menſchheit durch den Geiſt der Kindſchaft und des Gehorſams innerlich erneuern und verklären(Matth. 5, 13—14, 13, 33. 2 Cor. 5, 17). 5 4) Die Gründung der Kirche erfolgte durch den erhöhten Heiland Selbſt, indem Er zehn Tage nach Seiner Himmelfahrt, am Tage der Pfingſten, den heiligen Geiſt in die Herzen der Gläubigen ausgoß, die zu Jeruſalem auf Seine Verheißung warteten(A. G. 2, 1—33). In ihnen wie in den 3000 Israeliten, welche ſich an dieſem Tage bekehrten, erweckte Er durch den heiligen Geiſt die erhebende Gewißheit, daß ſie die Gemeinde des auferſtandenen Erlöſers ſeien(Matth. 16, 16), der heilige Leib des himmliſchen Hauptes(Eph. 1, 22— 23), die Behauſung Gottes im Geiſt (Eph. 2, 21— 22), die Wohnung des Vaters und des Sohnes(Joh. 14. 23), der Pfeiler und die Grundfeſte der Wahrheit(1. Tim. 3, 15), die Verkündigerin des Evangeliums(1. Petr. 2, 9. Matth. 28, 18, Joh. 17, 20— 23), und die Trägerin des Heils für alle Menſchen. Insbeſondere wurde das Letztere prophetiſch durch den heiligen Geiſt ausgedrückt und zur Anſchauung der Gemeinde gebracht, indem Er die Gläubigen an jenem Morgen befähigte, in den verſchiedenen Sprachen und Zungen der Welt Gottes Thaten in Chriſto zu preiſen. Denn indem dieſe Gabe weiter niemals hervortrat, war ſie eine Weiſſagung auf die Zeit, wo die Völker der Erde durch die Kirche zum gemeinſamen Preiſe Gottes bei aller Mannigfaltigkeit der Zungen gelangt ſein und Eine Heerde unter dem Einen Hirten Jeſus Chriſtus bilden werden. §. 4. Petrus, Jakobus der Jüngere und Johannes, die Säulen der Kirche(Gal. 2, 9). Unter den zwölf Apoſteln, welche Sich der Herr Jeſus Selbſt erwählt hatte, erlangten Petrus, Jacobus der Jüngere und Johannes eine hervorragende Wirkſamkeit für die Gemeinde, weßhalb ſie in Jeruſalem die Säulen der Kirche genannt wurden. 1) Simon, mit dem Zunamen Petrus, d. h. Fels, Jona's Sohn, ein Fiſcher zu Bethſaida, älter als der Heiland, verheirathet, lernie den Herrn bei Johannes dem Täufer durch ſeinen Bruder Andreas kennen(Joh. 1, 40— 42), empfing von Ihm den Namen Kephas oder Petrus, wurde zum Apoſtel und Menſchenfiſcher berufen(Matth. 4, 18— 19. Luk. 5, 10— 11), ſchloß ſich dem Herrn mit feurigem Glauven an; bekannte zuerſt unter den Jüngern, daß Jeſus der Chriſt(der Meſſias) und der Sohn des lebendigen Gottes ſei(Matth. 16, 16 Joh. 6, 68— 69); war mit Jakobus dem Aelteren und Johannes Zeuge von der Auferweckung der Tochter des Jairus(Luk. 8, 51), von der Verklärung (Matth. 17, 1 ff) und vom Seelenleiden des Herrn(Matth. 26, 37 ff.); ließ ſich in der Nacht des Verraths aus Mangel an Wachſamkeit, Demuth und Gebet zur Verleugnung des Heilandes fortreißen; wurde vom Auferſtandenen jedoch wieder zum Apoſtel angenommen, nachdem er ſeine Sünde bereut hatte(Joh. 21, 15 ff.), bekehrte dann am Tage der Pfingſten 3000 gottesfürchtige Israeliten; leitete mit Jacobus dem Jüngern und Johannes die neu gegründete Gemeinde; ordnete und viſitirte nach der Verfolgung des Jahres 37 die jungen Gemeinden in Samaria und Judäa (A. G. 8, 14. 9, 82); bekehrte den Hauptmann Cornelius zu Cäſarea(A G. 10); entging unter Herodes Agrippa im J. 44 durch wunderbare göttliche Hülfe dem Tod(A. G. 12); verließ vorübergehend Jeruſalem, aber nicht Paläſtina, und entſchloß ſich erſt zum völligen Weggang, nachdem im J. 63 Jacobus der Jüngere getödtet, die Gemeinde aus Jeruſalem vertrieben und ſomit keine Hoffnung mehr übrig war, daß Israel als Ganzes ſich bekehren werde(Matth. 10, 5— 6. Ueber Kleinaſien begab er ſich dann nach Rom; theilte ſeinem Begleiter Johannes Marcus die Geſchichte Jeſu mit, ſoweit er ſie ſelbſt erlebr hatte; verfaßte in den Jahren 64— 67 zwei Briefe an die Chriſten Kleinaſiens; war vielleicht eine Zeit lang mit Paulus zuſammen in Rom thätig und erlitt im J. 67 unter Nero den Kreuzestod, doch mit dem Haupt nach unten, weil er ſich nicht würdig hielt, wie ſein Heiland zu ſterben. Daß er 25 Jahre lang Biſchof von Rom und der erſte Papſt geweſen ſei, iſt eine ziemlich ſpäte und unwahre Behauptung der römiſchen Kirche. 2) Jakobus der Jüngere, Sohn des Alphäus, ein Bruder, d. h. ein naher Verwandter des Herrn, vom Heiland zum Apoſtel berufen(Matth. 10, 2), ſtand ſeit dem J. 33 mit Petrus und Johannes der Gemeinde vor; erhielt wegen ſeiner ſtrengen Erfüllung des Cärimonial⸗Geſetzes und wegen ſeiner Mildthätigkeit von den Juden den Namen der Gerechte; bewirkte mit Petrus im J. 52 den vom Herrn gewollten(A. G. 10, 1— 48) Beſchluß der apoſtoliſchen Kirche, daß von den Heidenchriſten die Beobachtung des moſaiſchen Geſetzes nicht verlangt werden ſollte(A. G. 15, 1— 31); wurde im J. 63 vom Hohenprieſter Hanan auf die Zinne des Tempels geführt, um Jeſum zu verfluchen, bekannte aber freudig ſeinen Glauben, wurde darauf herabgeſtürzt und erlitt unten durch einen Keulenſchlag vollends den Tod. Er hinterließ einen Brief an die Gemeinden Paläſtinas. 3) Johannes, Sohn des Zebedäus und der Salome, aus Beihſeida, ebenfalls ein Verwandter des Herrn, wie Petrus ein Fiſcher, durch Johannes den Täufer auf Jeſum hingewieſen und von letzterem Selbſt berufen(Joh. 1, 35— 36. Math. 4, 21), ſchloß ſich mit innigſter Liebe und Bewunderung dem Eingeborenen vom Vater an; nahm den Eindruck von deſſen göttlicher Herrlichkeit tiefer als alle andern in ſich auf; wurde mit Petrus und Jakobus dem Altern ein Zeuge der Verklärung und des Seelenkampfes; lag beim Abendmahl an der Bruſt des Herrn; empfing unterm Kreuz den Auftrag, Sohnes Stelle bei Maria zu vertreten, und blieb mit den andern Apoſteln bis zum J. 63 in Jeruſalem an der Spitze der Gemeinde. Seitdem leitete und überwachte er von Epheſus aus die Kirche in Kleinaſien, verſorgte die Gemeinden mit Biſchöfen und Aelteſten und ging auch einzelnen Seelen nach, wie die Geſchichte eines Jünglings zeigt, den er durch einen Biſchof chriſtlich erziehen ließ und ſpäter perſönlich vom Räuberleben zu einem chriſtlichen Wandel zurückbrachte. Unter Domitian nach Rom geſchleppt, aber dem Tod entronnen und nach Patmos verbannt, empfing er vom Herrn die Geſichte der Offenbarung(O. Joh. 1, 9— 11); kehrte ſpäter nach Epheſus zurück, nahm ſeine frühere Wirkſamkeit wieder auf; ſah mit eigenen Augen den Verfall des Heidenthums(1 Joh. 5, 4); wehrte in 1* 6 den Gemeindeu der Sektirerei ſowie der Chriſtusleugnung; verfaßte das Evangelium und 3 Briefe, wiederholte als müder Greis in den Verſammlungen immer von Neuem die Mahnung: Kindlein, liebet euch unter einander! Und ſtarb im höchſten Alter, der einzige unter den Apoſteln, der nicht den Märtyrertod zu erleiden hatte(Joh. 21, 20— 23). Von den übrigen Jüngern ging nach alter Ueberlieferung Bartholomäus oder Nathanael nach Indien, Andreas nach Scythien(Halbinſel Krim), Thomas nach Perſien, Judas, Jakobs Sohn, nach Arabien, Matthäus oder Levi nach Aethiopien. Sie verließen wohl ſämmtlich Paläſtina erſt nach dem J. 63 und ſtarben als Blutzeugen des Herrn unter den ſchwerſten Martern. §. 5. Die Ausbreitung und die Kämpfe der apoſtoliſchen Kirche unter den Inden. 1) Gemäß dem Willen des Herrn ſollten die Apoſtel nach der Gründung der Kirche zunächſt verſuchen, das Volk Israel zum Glauben an ſeinen Heiland zu führen(Matth. 10, 5. 15, 24. A. G. 1, 8). Deßhald blieben ſie mit der ganzen Gemeinde bis zu deren gewaltſamen Vertreibung im Jahr 63 in Jeruſalem und Paläſtina. Soviel ſie konnten, hielten ſie die Gemeinſchaft mit ihrem Volke aufrecht. Wie alle Juden beobachteten ſie das moſaiſche Geſetz, feierten die Sabbathe und Neumonde, beſuchten regelmäßig den Tempel und unterſtützten bei der Ausübung der Mild⸗ thätigkeit auch jüdiſche Arme. Zugleich aber verkündigten ſie um ſo freudiger allem Volke, daß Jeſus Chriſtus der verheißene Meſſias und der alleinige Heiland ſei(A. G. 4, 12), und daß ein Jeder durch Buße, Glauben und Taufe die Gnade Chriſti erlangen könne und ſolle(A. G. 2, 38— 39). 2) Von dem neuen Leben, das ihnen innewohnte, gab ihr Verhalten gegeneinander deut⸗ liches Zeugniß. Sie übten die Liebe, die nicht das Ihre ſuchte. Die Wohlhabenden verkauften ihre Guͤter zum Beſten der Armen. Als die Apoſtel die Armenpflege nicht mehr ohne Vernach⸗ läſſigung der Predigt ausrichten konnten, ließen ſie die Gemeinde ſieben Diakonen oder Almoſen⸗ pfleger wählen, welche für die Armen, Kranken, Wittwen und Waiſen täglich zu ſorgen hatten. Wahrſcheinlich wurde die ganze Gemeinde zu dieſem Zweck wie zu dem der Abendmahlsfeier in ſieben kleinere Diſtriktsgemeinden getheilt. Dieſe letzteren kamen dann täglich, beſonders aber am Tage des Herrn, d. h. am Auferſtehungstag Jeſu, unſerm Sonntag, gegen Abend in Privathäuſern zuſammen(Joh. 20, 1. 1 Cor. 16, 2); die Apoſtel lehrten das Wort Gottes; die Gemeinde ſang Pſalmen und kurze Lobpreiſungen Chriſti; es wurde für die Gläubigen, für die Könige und alle Obrigkeit und für alle Menſchen gebetet, zuletzt das heilige Abendmahl gefeiert. Zu dieſem heiligen Dienſt brachten die Reichen das Brod und den Wein mit und legten es dem Herrn als ein Dank⸗ opfer auf Seinem Tiſche nieder; deßhalb Euchariſtie, Mahl der Dankbarkeit; ſie brachten es als Liebesbeweis gegen die Armen; deßhalb Agape, Liebesmahl; die Apoſtel brachen das Brod nach Chriſti Anordnung; deßhalb Brodbrechen. 3) Auf die Bewohner Jeruſalems machte dies Gemeindeleben der Chriſten einen tiefen Ein⸗ druck. Die mächtigen Zeugniſſe der Apoſtel von Chriſto, die Wunder, welche an Kranken geſchahen, die innige Liebe der Chriſten unter einander, der fröhliche Glaube der ganzen Gemeinde, Alles vereinigte ſich, um die Herzen des Volkes für die Chriſten und für ihren Glauben zu gewinnen. Selbſt der hohe Rath, auf deſſen Betrieb doch der Herr gekreuzigt war, wagte nicht ernſtlich gegen ſie aufzutreten(A. G. 4, 13— 23); man bedrohte und geißelte wohl einmal Petrus und die übrigen Apoſtel(A. G. 5, 40), allein im Uebrigen ließ man ſie gewähren. Die Gemeinde wuchs daher zuſehends; noch vor dem Jahr 37 zählte ſie 5000 Männer, darunter viele Prieſter, ſo daß die Geſammtzahl der Chriſten 12000— 15000 betrug, der dritte oder vierte Theil aller Einwohner Jeruſalems. Faſt ſchien es, als würde Jsrael im Großen den Herrn Jeſus als ſeinen Erlöſer annehmen, wie die Apoſtel hofften.. 4) Der erſte Sturm, der dieſe Hoffnung zu vernichten drohte, brach im Jahre 37 über die Gemeinde herein. Der Almoſenpfleger Stephanus, ein glaubens⸗ und geiſtes⸗kräftiger Mann, hatte in verſchiedenen Disputationen den Juden aus dem alten Teſtament bewieſen, daß Jeſus von Nazareth der verheißene Erlöſer ſei, und daß man nicht durchs Geſetz, ſondern nur durch den Glauben an Ihn vor Gott gerecht werden könne(A. G. 6; 7; 8). Er wurde tumultuariſch vom hohen Rath verurtheilt und geſteinigt. Bei dieſem Anlaß erregte der fromme, aber verblendete junge Schriftgelehrte und Phariſäer Saulus von Tarſen mit Zuſtimmung und Unterſtützung des hohen Raths eine heftige Verfolgung gegen die Chriſten, um ſie als Feinde Gottes und des Geſetzes womöglich zu vertilgen(A. G. 8, 3. 9, 1. Vergl.§. 6). Nur die Apoſtel blieben in Jeruſalem, die ganze übrige Gemeinde zerſtreute ſich in Paläſtina und Syrien; viele einzelne, 1 —— 7—— Männer wie Frauen, mußten um des Herrn willen in Jeruſalem ſterben. Von den Flüchtlingen kamen nicht wenige nach Samarien(A. G. 8, 5), andere nach Damaskus und ſpäter ſelbſt nach Antiochien(A. G. 11, 19—21). Ueberall hin brachten ſie die Predigt von Chriſto. Eine ganze Anzahl neuer Gemeinden bildete ſich daher, an welche Niemand vorher gedacht hatte. Selbſt unter den Heiden fand der Glaube an Chriſtum in größerem Maßſtabe Eingang, nämlich in Antiochien, wo auch der Name Chriſten(christiani, Xασραιασ̈³⁷) zuerſt gebraucht wurde. Die ganze Verfolgung aber, ſo ſchwer ſie für die Chriſten war, diente auf dieſe Weiſe nur zur weiteren Ausbreitung der Kirche unter Israel und weiterhin unter den Heiden. Mit der Bekehrung Sauls vor Damaskus hörte ſie außerdem von ſelbſt auf. 5) Die zerſtreuten Chriſten aus Jeruſalem fanden ſich übrigens bald wieder zuſammen und bildeten mit ihrer Gemeinde den Mittelpunkt der neuentſtandenen Gemeinden im Lande. Petrus, Jacobus und Johannes ſtanden jetzt auf der Höhe ihrer Wirkſamkeit; durch den Diaconen und Evangeliſten Philippus wurde gleichzeitig der Kämmerer aus Aethiopien bekehrt, durch Petrus ſelbſt im J. 38 der römiſche Hauptmann Cornelius zu Cäſarea. Der Märtyrertod Jakobus des Aeltern im J. 44 und die wunderbare Rettung Petri ſtärkte nur die Glaubensfreudigkeit der Jünger(A. G. 12). Im J. 52 wurde in Jeruſalem der bereits erwähnte folgenreiche Beſchluß gefaßt, daß die unterdeß von Saulus bekehrten Heidenchriſten an das moſaiſche Geſetz nicht gebunden ſein ſollten(Vergl.§. 4, 2. A. G. 15, 1— 31). Zwiſchen ihnen und den Judenchriſten wurde die brüderliche Gemeinſchaft durch Handſchlag der Apoſtel Paulus und Barnabas von der einen und Petrus, Jakobus und Johannes von der andern Seite beſiegelt(Gal. 2, 9— 10). Petrus wurde als Führer der Miſſian unter den Juden anerkannt, Paulus als ſolcher unter den Heiden. Gegenſeitige Unterſtützung der Armen wurde ausbedungen und in der Folge von Paulus und den Heidenchriſten wiederholt gegen die verarmten Brüder in Jeruſalem bethätigt. 6) Dagegen die Hoffnung der Jünger auf eine Bekehrung des ganzen Ihsraels erfüllte ſich nicht. Die von den Phariſäern geleitete Maſſe des Volkes nahm Auſtoß an einer Gerechtigkeit vor Gott aus dem Glauben und ohne Werke des Geſetzes(Vergl.§. 5, 4); ſie begehrte keinen gekreuzigten Erlöſer, ſondern einen weltlichen Herrſcher, kein geiſtliches Gottesreich in den Herzen, ſondern eine Herrſchaft Israels über die Welt(Vrgl.§. 1, 5). Unter dem Hohenprieſter Hanan wurde Jakobus der Jüngere im J. 63 wegen ſeines Glaubens getödtet, die Gemeinde zur Flucht gezwungen und ſchließlich ſelbſt die Apaſtel genöthigt, das verblendete Israel zu ihrem großen Schmerz aufzugeben und ſich wie Paulus den Heiden zuzuwenden.. 7) Seitdem konnte das vom Leiland verkündigte Gericht über Israel nicht mehr ausbleiben (Luk. 19, 40— 44. Matth. 21, 33— 44). Gereizt durch die Grauſamkeit des Landpflegers Geſſius Florus, der die ärgſten Verbrecher für Geld losließ und mit Räubern die Beute theilte, empörten ſich die Juden im J. 64 gegen Rom. Mit wilder Tapferkeit ſchlugen ſie in ihren Bergen alle gegen ſie geſandten roͤmiſchen Truppen. Da ſchickte Nero im J. 67 den Feldherrn Vespaſian, der das ganze Land bis auf Jeruſalem eroberte und nach ſeiner Erhebung zur Kaiſerwürde die Belagerung der Stadt ſeinem Sohn Titus übertrug. Eine Million Menſchen war theils wegen des Paſſahfeſtes theils wegen des Krieges in der Stadt zuſammengedrängt; Hungersnoth und Partheikämpfe brachen aus; von raſenden Schwärmern wurden die Gemäßigten ermordtet; von der Menge der Geſtorbenen, die nicht begraben werden konnten, wurde die Luft verpeſtet; anſteckende Seuchen vermehrten das Elend. Vergeblich hofften die Eiferer auf die Erſcheinung des Meſſias vom Himmel. Jeruſalem wurde im J. 70 n. Chr. erſtürmt, geplündert und verbrannt. Selbſt der Tempel, welchen Titus als ein Wunder der Welt ſchonen wollte, ging bei der Wuth des Kampfes in Flammen auf. Tauſende von gefangenen Juden aber wurden gekreuzigt, ungleich mehr wurden als Sklaven verkauft, unzählige andere zerſtreuten ſich in die ganze Welt.(Matth. 27, 25.) 8) Den Chriſten des heiligen Landes und beſonders Jeruſalems kam dieſes Gericht ſehr zu Gute. Die Macht der feindlichen Juden, ihnen zu ſchaden, war für lange Zeit gebrochen und faſt unverſehrt ging die Gemeinde aus dem Elend des Krieges hervor. Schon im J. 63 nach ihrer Vertreibung aus Jeruſalem hatte ſie im Bergſtädtchen Pella jenſeits des Jordans eine Zuflucht gefunden; dort hatten die Wetter des Kriegs ſie nicht berührt. Uugehindert durfte ſie nunmehr auf den Trümmern Jeruſalems wieder eine Stätte für ſich gründen und dem Gekreuzigten dienen, den Israel verworfen hatte. Die Bedeutuug der Gemeinde in Jeruſalem war jedoch nach der Zerſtörung der Stadt eine vollſtändig andere geworden als früher. Die Apoſtel waren ſämmtlich fortgezogen, die meiſten 8 von ihnen bereits an verſchiedenen Orten als Märtyrer geſtorben. Der Schwerpunkt der Chriſten⸗ heit lag daher von jetzt an nicht mehr in Jeruſalem, überhaupt nicht mehr in Paläſtina, ſondern in den Gemeinden der Heidenwelt. Antiochia, Epheſus, Korinth und Rom, dieſe großen, beſonders mit dem Namen und der Wirkſamkeit Pauli verknüpften Gemeinden, in welchen nur wenige Judenchriſten mit einer großen Menge von Heidenchriſten zu einem Ganzen verbunden waren, bildeten von jetzt an die Sammelpunkte für das ſich entfaltende Leben der Kirche Jeſu Chriſti. §. 6. Paulus, der Weltapoſtel, und ſeine Wirkſamkeit unter den Heiden. 1) Während die andern, vom Herrn während Seines Erdenwandels berufenen Apoſtel noch die Aufgabe hatten, zunächſt an der Bekehrung Israels zu arbeiten und erſt in zweiter Linie ihre Kräfte den Heiden zu widmen, erweckte Sich der Herr durch ganz beſondere innere und äußere Führungen den Mann, der wie kein anderer das Evangelium zu den Heiden tragen ſollte. Saulus, ſpäter Paulus(A. G. 13, 9) aus Tarſus in Cilicien, Sohn eines Phariſäers aus dem Stamme Benjamin, von Geburt römiſcher Bürger, wurde ſchon frühe nach Jeruſalem geſchickt, um unter der Leitung des berühmten Phariſäers Gamaliel ein Schriftgelehrter zu werden. Durch ſtrenge Erfüllung des moſaiſchen Geſetzes und der phariſäiſchen Traditionen(Vrgl.§. 1, 4— 5) vor Gott gerecht zu werden, war von Jugend auf ſein Streben. Nur widerwillig hörte er darum von Jeſu von Nazareth und von deſſen neuer Lehre; abſichtlich kümmerte er ſich nicht um Ihn, wenn Er in Jeruſalem weilte; kaum kannte er Ihn nach dem äußern Anſehen(2 Cor. 5, 16). Umſomehr erzürnte es ihn, als die Anhänger des Gekreuzigten auch nach deſſen elendem Tode Ihn für den Meſſias und Gottes Sohn hielten; als ſie behaupteten, Er ſei von den Todten auferſtanden; als ſie vollends lehrten, kein Menſch könne durch die Werke des Geſetzes die Gerechtigkeit vor Gott erlangen, ſondern nur durch den Glauben an Jeſum Chriſtum. Um dieſer Lehren willen waren die Chriſten in den Augen Sauls nichts als ruchloſe Feinde Gottes, des Geſetzes, des Tempels, der geſammten göttlichen Offenbarung. Zwar fühlte Saulus ſelbſt im tiefſten Herzen, daß er Gottes heilige Gebote nicht völlig halten konnte, ſelbſt wenn er ſich die größte Mühe gab (Röm. 7, 9— 24); er ahnte, daß das Gebot, das ihm zum Leben gegeben war, mit ſeinen uner— reichbaren Forderungen ihn ſchließlich nur richten und verdammen werde(Röm. 3, 19—20); allein bei ſeiner damaligen Richtung wagte er ſich dieſe innerſten Gefühle nicht zu geſtehen. Im Gegentheil, je mehr er noch ſeine Sünde fühlte, deſto eifriger ſuchte er durch Erfüllung des Geſetzes gerecht zu werden und die Ruhe ſeiner Seele zu erlangen; deſto feindſeliger aber ſah er auch auf die Chriſten hin, die es ſich nach ſeiner Meinung ſo frevelhaft leicht machten und den Frieden des Herzens durch bloßen Glauben an ihren Meſſias erringen wollten, einen Meſſias, der nach Sauls Meinung ohnehin der ärgſte Betrüger geweſen war. Mit Freuden begrüßte darum Saulus die Steinigung des Stephanus(A. G. 7, 57. 8, 1). Jetzt endlich, meinte er, würden doch dieſe Gottesläſterer, die Chriſten, von der verdienten Strafe getroffen! die Gelegenheit ſei gekommen, gründlich mit ihnen abzurechnen! Jeder Freund des Geſetzes müſſe dazu helfen, daß es nicht halb geſchehel Mit glühendem Eifer trat daher Saulus an die Spitze der ganzen Verfolgung(A. G. 9, 1). Indem er Männer und Weiber ins Gefängnis führte und ihnen zum Tode half(A. G. 22, 3— 5), hoffte er Gott einen ganz beſondern Dienſt zu thun, aber zugleich auch die Ruhe ſeiner Seele mächtig zu fördern. 2) Doch nach Gottes Rath ſollte dies anders geſchehen als ſich Saulus gedacht hatte; er ſollte zunächſt nicht Ruhe für ſeine Seele finden, ſondern nur größere Unruhe; er ſollte einen Stachel in ſein Gewiſſen bekommen, gegen welchen er zuletzt nicht mehr kämpfen konnte(A. G. 9, 5). Bei den Chriſten, die Saulus zum Tode führte, gewahrte er zu ſeinem Zorn und Schrecken einen Seelenfrieden im Glauben an ihren Erlöſer, welchen er durchs Geſetz nur vergeblich für ſich geſucht hatte. Er ſah ſelbſt, es war kein gemachter, kein erbeuchelter Friede, es war ein Friede, der in die Ewigkeit ragte, der den Haß im Herzen ſelbſt gegen die Feinde tödtete, der die Schrecken des Todes in die Zuverſicht des ewigen Lebens wandelte(A. G. 7, 55— 59). Furchtbar, gegen ſein eignes Wollen und Denken, aber unwiderſtehlich, wie mit Blitzesgewalt zuckte bei dieſer Wahr⸗ nehmung der Gedanke durch ſeine Seele: Wie? Sollten am Ende die Nazarener dennoch recht haben? Sollte der gekreuzigte Jeſus dennoch der verheißene Meſſias und Gottes Sohn ſein, der König von Israel, der Erbe Davids, der Fürſt des Lebens? Es durchſchauerte Saulus wohl bei 4 dieſem Gedanken, aber er wurde ihn nicht wieder los. Um ihn los zu werden, verdoppelte er ſeinen Eifer gegen die Chriſten. Es genügte ihm nicht mehr die Gemeinde in Jeruſalem zerſprengt zu haben; er wollte ſie auch in Damastus zerſtören(A. G. 9, 2). In tiefer Erregung eilte er. dorthin; er meinte wohl, es müßte ihm geliug: der Gott Israels müßte ihm zur Ruhe helfen. Denn der bohrende Zweifel hüllte ſeine Seele in dunkle Nacht; ſeine ganze bisherige innere Welt wankte ihm unter den Füßen; ſchrecklich lag die Zukunft bei ſolcher Ungewißheit vor ihm. 3) Da erbarmte Sich ſeiner der Herr, der ihm den Stachel der Unruhe ins Herz geworfen hatte. Durch Seine wunderbare Erſcheinung vor Damaskus erwies Er Sich ihm als den Auf⸗ erſtandenen; mit gebrochenem Herzen zwar ſank Saulus vor ſeinem Herrn in den Staub, aber er wurde auch von der Stunde an ein anderer Menſch(A. G. 9, 3—8). Nach drei ſchmerzlichen Tagen und Nächten der Buße rief ihn der Heiland durch Ananias zum Licht der Gnade empor; in den Fluthen der Taufwelle gingen ſeine Sünden unter, als ein Apoſtel Jeſu Chriſti, als ein Verkündiger der freien Gnade trat er in die Mitte der Chriſten und der Juden. Mit ſeliger Freude konnte er bezeugen, daß auch er, der im Geſetz vergeblich nach Frieden mit Gott geſucht, der den Namen Jeſu Chriſti aus Unverſtand geläſtert und verfolgt hatte, im Blute ſeines Heilandes zur Vergebung aller Sünden und zur Kindſchaft Gottes gekommen war(Röm. 5, 1. 8, 14—16). 4) Gerecht aus Gnaden, ohne alle Werke des Geſetzes, allein durch die Gerechtigkeit und den Tod Jeſu Chriſti, lediglich durch deu Glauben, der ſich dem Herrn mit voller Zuverſicht hingibt, das war ſeitdem der gottgegebene Grundton ſeines Lebens(Röm. 3, 24— 25. 3, 28. 10, 10. Gal. 3, 11. Eph. 2, 8— 9. A. G. 13, 39). Klarer, gewaltiger und tiefer als irgend ein anderer Jünger hatte er dieſe Wahrheit durchleben müſſen, damit er in alle Zukunft der Lehrer der Menſchheit in dieſem Hauptſtück des Evangeliums ſein könnte. In dreizehn Briefen bezeugte er darum auch dieſe Wahrheit der Chriſtenheit. Und ſo oft irgendwo im Lauf der Jahrhunderte nach Zeiten des Verfalls eine Erneuerung oder eine hohere Entwickelung des chriſtlichen Lebens eintrat, ſo oft hatten die bahnbrechenden und reformatoriſchen Geiſter auch jedesmal vorher im Ge ehuns empfunden vom Herzſchlag des Weltapoſtels, von der freien Gnade Gottes in hriſto Jeſu. 5) Gleich in den Tagen nach ſeiner Bekehrung wurde Saulus zum Apoſtel der Heiden ausdrücklich vom Herrn berufen,(A. G. 9, 15. 26, 15— 18. Gal. 1, 1). Doch erſt nach einer dreijährigen Zuruͤckgezogenheit in Arabien, welche ihm zur innern Sammlung und Kräftigung dienen ſollte, wurde er durch Barnabas in die Gemeinde eingeführt, welche die Trägerin ſeiner Miſſionsthätigkeit werden ſollte(Vergl.§. 5, 3. A. G. 11, 25— 26), nämlich die zu Antiochien. Durch chriſtliche Flüchtlinge in der Verfolgung des J. 37 hatte ſie ſich aus Juden und noch mehr aus Heiden gebildet(A. G. 11, 19— 21). In ihrer Mitte fand nun Saulus unter der ungeheuern heidniſchen Bevölkerung zunächſt ſeinen Beruf und Arbeit genug(A. G. 11, 26). Zugleich ſtand er mit den Apoſteln in Jeruſalem und mit der dortigen Gemeinde in Verbindung durch Barnabas, der ihn dahin geführt hatte(Gal. 1, 18— 24. A. G. 9, 26— 30. 11, 29— 30). Zur Miſſions⸗ thätigkeit nach außen kam er dagegen erſt im J. 44 auf Antrieb des Geiſtes Gottes und durch die beſondere Anregung prophetiſcher Männer(A. G. 13, 1—3). Unter dem Gebet der Gemeinde wurde er mit Barnabas zu ſeinem Amte ordinirt und mit Aufbierung aller ſeiner Kräfte ſuchte er dasſelbe ſeitdem bis an ſein Ende auszurichten. Den nöthigen Lebensunterhalt erwarb er ſich dabei durch Zeltweben(A. G. 18, 3. 20, 34. 4 Cor. 4, 12). 6) Ueberall, wohin er nun auf ſeinen Miſſionsreiſen kam, wandte er ſich mit der Botſchaft des Heils zuerſt an die Israeliten, nicht aber, wie man wohl denken könnte, an die Heiden. Den Israeliten als dem Volke der Offenbarung im Alten Bunde mußte die Gnade Gottes in Chriſto vor allen andern angeboten werden. So hatte es der Herr Jeſus Chriſtus geordnet, ſo that mit den übrigen Apoſteln auch Paulus(Matth. 10, 5— 6. 15, 24. Joh. 4, 22. Gal. 2, 9— 10. A. G. 13, 46— 47). Darum predigte er ihnen Chriſtum in den Synagogen auf die Sabbathtage (A. G. 13, 5 ff.). Erſt wenn ſie, wie es oft geſchah, widerſprachen und läſterten, predigte er auf offenen Plätzen oder in den Häuſern auch den Heiden. Seine Zuhörer und ſpäteren Gemeinde⸗ glieder waren dann gewöhnlich einige empfängliche Seelen aus Israel, eine Anzahl von Proſelyten des Thores(Judengenoſſen) und viele nach Wahrheit und Troſt begierige Heiden. Waren dieſelben zum Glauben an den Herrn gekommen und getauft, ſo wurden ſie durch die Einſetzung von Aelteſten und durch die Feier des heiligen Abendmahls zu Gemeinden verbunden. Zur Beobachtung des moſaiſchen Geſetzes, beſonders des Cärimomalgeſetzes wurden ſie nicht genöthigt. Ausdrücklich wurde ihnen 2 gezeigt, daß der Heide wie der Jude ohne des Geſetzes Werk, durch den Glauben an Chriſtum vor Gott gerecht und ſelig wird(A. G. 13, 38— 39. Gal. 3, 10— 14), daß aber zugleich der heilige Wandel aus dem neuen Leben des Herzens nothwendig hervorgehen muß(Röm. 6, 11—13. Gal. 5, 6). 7) Von Antiochien aus machte Paulus drei größere Miſſionsreiſen. Die erſte führte ihn im J. 45 in Begleitung des Barnabas nach Cypern, wo er den Proconſul Sergius Paulus bekehrte und den Namen Paulus annahm, von da nach Pamphylien, Piſidien, Lykaonien und zur See zurück nach Antiochien; in Paphos, Antiochien in Piſ., Ikonium, Lyſtra und Derbe entſtanden Gemeinden. Auf der zweiten Reiſe von 52— 54 beſuchte Paulus mit Silas dieſe früheren Gemeinden, bekehrte die Galater, bei welchen ihn ein vom Tage bei Damaskus herrührendes heftiges Augenleiden längere Zeit zurückhielt(A. G. 9, 8— 9. Gal. 4, 15), wurde vom Herrn nach Macedonien berufen, gruͤndete die Gemeinden in Philippi, Theſſalonich und Beröa, fand Eingang in Athen und ſammelte während 1 ¼ Jahren in Korinth eine große Gemeinde aus ſehr verſchiedenen heidniſchen und jüdiſchen Elementen. Vor und nach dieſer Reiſe war er auch in Jeruſalem. Auf der dritten Reiſe von 55—58 verweilte er 2 ½ J. in Epheſus, wurde durch einen Aufſtand der Goldſchmiede vertrieben, beſuchte die Gemeinden in Macedonien, Griechenland, Kleinaſien, Phönicien und Paläſtina, empfing unterwegs die Weiſſagung ſeiner Gefangennahme (A. G. 20, 23. 21, 10—11), reiſte zum Oſterfeſt nach Jeruſalem, wurde hier von den Juden überfallen, aber durch die Römer befreit und gefangen nach Cäſarea geführt, blieb dort 2 Jahre in Unterſuchung, appellirte als römiſcher Bürger an den Kaiſer, wurde im J. 60 nach Rom geſchickt und vor Gericht geſtellt, zuletzt aber, man weiß nicht, unter welchen Umſtänden, noch einmal wieder freigelaſſen. 8) Von Rom aus gründete er dann noch auf einer vierten Reiſe Gemeinden in Creta und Spanien, wurde darauf wieder gefangen geſetzt und erlitt den Tod durchs Schwert im J. 67 unter Nero, nachdem er ſeine beſte Kraft unter Mühen, Arbeiten, Verfolgungen und Krankheiten längſt im Dienſte Jeſu verzehrt hatte. Seine bedeutendſten Gehülfen waren außer Barnabas und Silas noch Apollos, Timotheus, Titus und der Evangeliſt Lukas. Die Gemeinde in Rom, in welcher Paulus wiederholt als Gefangener, aber auch frei verweilte, war nicht von ihm ſelbſt gegründet, ſondern hatte ſich aus Juden⸗ und Heidenchriſten ſchon ziemlich frühe zuſammengefunden. Es war Paulus nicht beſchieden, dieſelbe zum Mittelpunkt einer ebenſo ausgedehnten Miſſionsthätigkeit für den Weſten zu machen, wie es ihm für den Oſten Antiochia geweſen war(Röm. 15, 22— 24). Sein Märtyrertod verhinderte die volle Ausführung dieſes Planes, welche bereits in Creta und Spanien von ihm begonnen war. §. 7. Verfolgungen und weitere Ausbreitung der apoſtoliſchen Kirche unter den Heiden. ¹) Die feindſelige Aufmerkſamkeit der Heiden anf die Chriſten wurde zuerſt von den Juden erregt(A. G. 13, 50. 14, 19. 17, 5— 8). Als Paulus ſeine Miſſionsreiſen machte und Gemeinden gründete, welche nicht durch die Werke des Geſetzes, ſondern durch den Glauben an den Gekreuzigten und Auferſtandenen ſelig werden wollten, ließ dieß dem Neid und Zorn der Juden keine Ruhe. Sie hetzten die Heiden gegen die Chriſten durch die Anklage auf, die Chriſten ſeien Unruheſtifter und Empoörer gegen den Kaiſer und gegen das römiſche Reich, ein Vorwurf, welcher ſeitdem Jahr⸗ hunderte lang von Zeit zu Zeit ſeine Opfer forderte, beſonders ſchon in den Jahren 63— 65 in Kleinaſien. Sehr bald kamen aber noch andere Gründe hinzu, um den Haß der Heiden gegen die Chriſten zu erregen. 2) Während man ſie früher für eine bloße jüdiſche Secte gehalten und demgemäß behandelt hatte, z. B. bei der Vertreibung der Juden aus Rom im J. 53 unter Claudius, wo die Chriſten mitvertrieben wurden(A. G. 18, 2), ſo erkannte man ſpäter, daß ſie eine andere, vom Staat nicht anerkannte Religionsgeſellſchaft(religio illicita) waren. Man fing deßhalb an, ſie mit Argwohn und Mißtrauen zu betrachten, und fand in ihrem geſammten Verhalten vom heidniſchen Standpunkt aus mancherlei Anlaß zu Haß und Verfolgung. a) Weil ſie die Verehrung der Götter entſchieden verwarfen und im ihren eignen Gottesdienſt nur eine geiſtige Anbetung übten, hielt man ſie für Gottesleugner und Religionsfeinde(so, athei). b) Weil ſie vor den Altären und Bildern der Kaiſer nicht opfern wollten, mußten ſie als ungehorſame Unterthanen und Majeſtätsverbrecher 11 gelten. c) Weil ſie einen Gekreuzigten göttlich verehrten, erſchienen ſie den Heiden als wahnſinnige Schwärmer, ihre Religion aber als ein verderblicher Aberglaube. 3) Die ſchrecklichſten Greuel wurden ihnen deßhalb zugetraut und angedichtet. Wenn ſie des Abends und in der Nacht ihre Gottesdienſte hielten, ſo ſollte dieß entweder geſchehen, um Verſchwörungen gegen den Staat zu ſchmieden, oder um naturwidrige Ausſchweifungen zu begehen. Wenn ſie im heil. Abendmahl den Leib und das Blut des Herrn empfingen, ſo ſollten ſie Kinder geraubt und geſchlachtet haben und deren Fleiſch verzehren(Thyeſteiſche Mahle). Ein wilder Haß erfüllte wegen dieſer Beſchuldigungen die heidniſchen Gemüther und machte ſich in Verfolgungen Luft. 4) Zuerſt benutzte dies Nero beim Brande von Rom, indem er die Schuld deſſelben auf die Chriſten zu wälzen ſuchte. Zur Unterhaltung des Volts ließ er ſie in Thierfelle nähen und von Hunden zerreißen, ans Kreuz ſchlagen, in Pechſäcken anzünden und bei nächtlichen Luſtbarkeiten als Fackeln dienen. In ähnlicher Weiſe wüthete ſchon einige Jahre vorher die mehr vom Volk ausgehende Verfolgung in Kleinaſien, durch welche Petrus veranlaßt wurde, ſeinen erſten Brief zum Troſt der dortigen bedrängten Gemeinden abzuſenden. Erſt Neros Tod brachte den im Reiche zerſtreuten Chriſten wieder Ruhe. Aber Petrus und Paulus hatten als Märtyrer ſterben müſſen. 5) Aehnlich erging es den Chriſten unter dem grauſamen und habſüchtigen Domitian (81— 96). Seinen eignen Vetter, den Conſular Flavius Clemens, ließ er wegen Hinneigung zu den Chriſten enthaupten. Den Apoſtel Johannes verbannte er allerdings nur nach Patmos; auch zwei nahe Verwandte des Herrn, welche er auf Anſtiften heidniſcher Prieſter nach Rom kommen ließ, ſandte er unverſehrt zurück, als er ihre geringen Kleider und ſchwieligen Hände ſah; ſolche Leute, ſagte er ſpöttiſch, ſeien nicht gefährlich. Dagegen viele andere Chriſten mußten unter heftigen Martern ſterben. Erſt Domitians Tod brachte der Kirche wieder Ruhe, wie früher der Tod Neros. 6) Alle dieſe Anfeindungen waren jedoch nicht im Stande, die Ausbreitung des Chriſten⸗ thums zu hindern oder nur aufzuhalten. Das Blut der Märtyrer erwies ſich als der Samen der Kirche. Gerade in Rom, wo die Verfolgungen am ärgſten waren, wuchs die Gemeinde am kräftigſten. Ueber das ganze Reich aber vom Euphrat bis nach Spanien, und vom Nil bis zur Donau konnte man gegen Ende des Jahrhunderts in den größern Städten bereits chriſtliche Gemeinden zerſtreut finden, welche durch Reiſen ihrer Mitglieder, durch Briefwechſel und durch Liebesgaben in einem lebendigen Verkehr unter einander ſtanden. In allen dieſen Gemeinden überwog das heidenchriſtliche Element. Zwar wurden von einſeitigen Judenchriſten im Widerſpruch gegen die Beſchlüße des J. 52 wiederholte Verſuche gemacht, den Heidenchriſten das moſaiſche Geſetz mit der Beſchneidung aufzudrängen(Gal. 2, 3— 4. 3, 1 u. ſ. w.); auch bekehrte Eſſener miſchten ſich in dieſe Kämpfe und verſuchten ihre mönchiſchen Anſchauungen(Vergl.§. 1, 7. Röm. 14, 1— 23. Col. 2, 16— 23) in die Kirche zu übertragen. Im Großen und Ganzen blieben jedoch die juden⸗ chriſtlichen Beſtrebungen ohne Erfolg, zumal nach der Zerſtörung Jeruſalems und nach der Ueberſiedelung aller Apoſtel in die Heidenwelt(Vgl.§. 5, 8). Nur die eſſeniſche Entſagung und Weltflucht ſagte vielen Gemüthern zu. Die Anziehungskraft der Kirche für die Heiden trat aber trotz alledem glänzend hervor. In der Kirche fanden die Heiden den lebendigen und wahrhaftigen Gott, welchen das Heidenthum nicht kannte; durch den Eingebornen Sohn wurden ſie Ihm verſöhnt und traten zu ihm in ein kindlich⸗gläubiges Verhältniß; durch die Gemeinſchaft in Chriſto wurden die Schranken entfernt, welche im Heidenthum die Anerkennung des göttlichen Ebenbildes im Menſchen gehindert hatten(Gal. 3, 27— 28); Römer und Griechen, Herren und Sklaven, Männer und Frauen fühlten ſich als Bürger im Reiche Gottes; die Ehe und das Familienleben wurden heilig gehalten; Liebe und Erbarmen kamen den Ungzlücklichen entgegen; eine heilige Begeiſterung erfullte die in Chriſto verbundenen Gemüther. 7) An der Spitze jeder Gemeinde ſtand ein oder mehrere Presbyter, Aelteſte,(rοεοιρνινεμέκςοαο, seniores) auch Hirten(⸗roiusrec, pastores) und Lehrer(dε⁴ςσσο, doctores) oder Biſchöfe (&nioνοισνπσια, episcopi) d. y. Aufſeher genannt. Sie predigten das Wort Gottes, ſpendeten Taufe und Abendmahl, übten Seelſorge und Kirchenzucht und überwachten die ganze Gemeinde. Aus ihrer Mitte ging in größeren Gemeinden einer hervor, welcher vorzugsweiſe der Biſchof hieß und die Oberaufſicht über die andern führte. Neben und unter den Presbytern ſtanden die Diakonen (dεαe ονον,⁵ diaconi, Diener) und Diakoniſſen, welche für die Armen und Kranken zu ſorgen und das etwaige Gemeindevermögen unter Leitung des Biſchofs zu verwalten hatten. Einzelne von dieſen Männern wurden unter Umſtänden als Evangeliſten, d. h. als Reiſeprediger ausgeſandt (A. G. 21, 8— 9). Zu allen dieſen Aemtern aber wurden nur unbeſcholtene und erfahrene Chriſten 12 gewählt; insbeſondere wurde zum Diakonat und Presbyterat eheliche Treue und Unbeſcholtenheit erfordert(1 Tim. 3, 2. 3, 12). Dagegen wurde von keinem die Eheloſigkeit verlangt, wenn auch Einzelne bereits nach dem Vorbild des Johannes und Paulus dieſelbe ihr Leben lang beobachteten, um dem Herrn ungehinderter dienen zu können(1 Cor. 7, 25— 35). 8) Die Taufe der Neubekehrten wurde theils durch Untertauchen(immersio), theils durch Beſprengung(aspersio) vollzogen, ohne daß auf dieſe Formverſchiedenheit ein Gewicht gelegt wurde (A. G. 2, 41. 16, 33. 1 Kor. 15, 29). Bei der Taufe der 3000 am erſten Pfingſtfeſt war ſie ſchon durch Beſprengung geſchehen. Häufig fand ſie auf den Friedhöfen ſtatt. Der Taufe voran ging das Bekenntniß des Glaubens an Gott den Vater, den Sohn und den heiligen Geiſt(Matth. 28, 19), aus welchem bis zum J. 150 das ſpatere apoſtoliſche Glaubenbekenntniß im Weſentlichen hervorging. Das heilige Abendmahl wurde in derſelben Weiſe wie in Jeruſalem gefeiert(Vergl. §. 5, 2.); ſtatt des jüdiſchen Sabbaths aber beging man den Tag des Herrn(1 Kor 16, 2. Joh. 1. 10). 9) Bei der Fülle des Geiſtes, welche der Herr nach Seiner Verheißung den Gläubigen mittheilte(Joh. 14, 16—18. 14, 26. 15, 26. A. G. 2, 1—4. 10, 46. 19, 6), war die Gabe der Weiſſagung nach Art der altteſtamentlichen Prophetie nicht ſelten; Apoſtel, Evangeliſten,(Reiſe⸗ prediger, Miſſionare), Diakonen, ſchlichte Gemeindeglieder, ja ſelbſt Frauen, hatten daran Antheil (A. G. 11, 27. 13, 1. Eph. 2, 20. A. G. 21, 9). Aus derſelben Geiſtesfülle, zumal bei dem noch vorhandenen Mangel eigentlich chriſtlicher Gebete, Lobpreiſungen und Gotteslieder, ging das Zungenreden hervor, ein Ausdruck ſeliger Heilsgewißheit und Erlöſung in bloßen Toͤnen des Jubels und der Freude ohne Worte(1 Kor. 14, 1—40). Meiſt zeigte es ſich unmittelbar nach der Bekehrung und nach der Taufe(A. G. 10, 46. 21, 9); häufiger, wie es ſcheint, bei Heiden⸗ chriſten als bei Judenchriſten, da erſtere nicht einmal die Pſalmen des alten Bundes kannten und deßhalb ihre Freude im Herrn noch weniger in Worte faſſen konnten als die Judenchriſten. Die ganze Erſcheinung aber hörte auf, als die Gemeinden in chriſtlichen Hymnen und Gebeten den vollen Ausduck ihrer Empfindungen beſaßen. Nur in ſchwärmeriſchen Richtungen behielt ſie nach wie vor ihren Boden und tauchte in ſolchen ſelbſt nach vielen Jahrhunderten unter verſchiedenen Verhältniſſen wieder auf. Dritter Abſchnitt. Das zunehmende Wachsthum der Kirche im Kampf gegen das Heidenthum und gegen die römiſche Staatsgewalt(100— 312). §. 8. Die Kirche im Kampf mit dem Heidenthum unter Trajan und Mare Aurel (100— 200). 1) Mit Beginn des zweiten Jahrhunderts wurde die äußere Lage der Kirche im römiſchen Reich immer ſchwieriger. Hatten die Heiden ſchon vorher die Chriſtenheit als eine unerlaubte Religions geſellſchaft mit Argwohn und Haß betrachtet und ihr dies gelegentlich in grauſamen Verfolgungen fühlbar gemacht, ſo wurden ſie ſich nunmehr des tiefen und unverſöhnlichen Wider⸗ ſpruchs, der zwiſchen der chriſtlichen und heidniſchen Weltanſicht beſtand, immer deutlicher bewußt. Je mehr ſie mit den Chriſten in Berührung kamen, deſto beſtimmter fühlten ſie, daß in den Chriſten eine Geiſtesrichtung herrſchte, für welche ihnen das Verſtändniß abging und welcher gegenüber zugleich das ſonſt allmächtige Heidenthum mit aller ſeiner Kunſt, Weisheit und Größe ſich ohnmächtig zeigte. Der Widerwille der Heiden wurde um ſo heftiger, da die Gemeinde der Chriſten beſtändig wuchs. Schon überſchritt ſie im Oſten die Grenzen des Reichs und fand Eingang in Perſien(Parthien), Indien und Arabien; ſchon zählte ſie Anhänger in Gallien und Brittannien. Ihre Gottesdienſte am Tage des Herrn und an den hohen Feſten, Oſtern und Pfingſten(Weihnachten erſt ſeit dem dritten Jahrhundert), wurden mit Luſt und Begeiſterung beſucht; 13 Vornehme und Geringe nahmen Theil daran. Dagegen die Tempel der alten Götter ſtanden häufig leer, der Unglaube und die Sittenloſigkeit unter den Heiden wuchſen. Die bisherige Welt ſchien dem Untergang zuzueilen, eine neue, die an deren Stelle treten wollte, ſchien dieſen Untergang zu beſchleunigen. Selbſt der ungläubige Heide, welcher ſonſt nie nach ſeinen Göttern fragte, gewahrte dieß mit Staunen und Zorn; unter Spott und Hohn ſuchte er ſeinen Grimm zu verhüllen. Dagegen mit rückſichtsloſer Strenge glaubte der ernſte, der ſittenreine, der patriotiſch geſinnte Römer den Chriſten entgegentreten zu müſſen. Ihm erſchienen ſie als die Todtengräber der väterlichen Religion und Bildung, als Haupthinderniß einer religiöſen und ſittlichen Erneuerung des Staates. Selbſt wenn er ſonſt ein ausgeſprochener Gegner aller Grauſamkeit und Gewaltthat war, betrachtete er daher ſehr leicht die Unterdrückung der Chriſten als eine Nothwendigkeit. Mit verhängnißvollem Irrthum überſah er, daß die Religion ſeines Volkes auch ohne die Chriſten längſt in ſich erſtorben war(Vergl.§. 2, 5. 6) und unmöglich neu belebt werden konnte, wenn auch der junge und lebenskräftige Baum der Kirche von der Mordaxt getroffen wurde. Unter dem Einfluß dieſes Irrthums kamen aber oft gerade die beſten und tüchtigſten Kaiſer, welche dem Reiche jemals vorgeſtanden haben, zu der verkehrten Meinung, daß die altrömiſche Zucht und Sitte nur durch Verfolgung der Kirche zu erreichen ſei.. 2) So erging es zunächſt dem tapfern und edlen Trajan(98— 117). Als deſſen Statthalter Plinius in Bithynien um 105 anfragte, was er gegen die reißende Ausbreitung der Chriſten thun ſolle, die den gekreuzigten Chriſtus als Gott(quasi deum) verehrten, wenn ihnen auch andere Schandthaten nicht erwieſen ſeien, entgegnete der Kaiſer, es ſolle zwar nicht von Amts wegen eine Verfolgung begonnen, auch nichts auf heimliche Anklagen gegeben werden, da dies ſeines Jahr⸗ hunderts unwürdig ſei; wenn jedoch die Chriſten bei öffentlicher Anklage ſich weigerten, den Goͤltern zu opfern, ſolle man ſie mit dem Schwert hinrichten. Beſonders in Kleinaſien, Syrien und aläſtina wüthete darauf die Verfolgung... a) In Jeruſalem wurde Symeon, Biſchof der dortigen Gemeinde, ums J. 107 auf Befehl des Statthalters Atticus gekreuzigt. Er war ein Verwandter des Herrn und Nachfolger Jakobus des Jüngern. Vor ſeinem Tode wurde der 120jährige Greis erſt mehrere Tage lang gefoltert, um ihn zum Abfall zu bewegen; er aber beharrte in ſeinem Glauben bis ans Ende.— 15) Auch Ignatius, Biſchof von Antiochien, ein Schüler der Apoſtel Paulus, Petrus und Johannes mußte ſterben. Unerſchrocken dekannte er ſich vor dem Richter, vielleicht vor Trajan ſelbſt, zu ſeinem Herrn Chriſtus; erwiederte die heidniſchen Todesdrohungen mit der Zuverſicht, daß ihm als einem Menſchen, der Gott und Chriſtum im Herzen trage(Theophorus, Chriſtophorus), der Tod nichts ſchaden könne; hörte das Urtheil mit Freuden an, wonach er den wilden Thieren vorgeworfen werden ſollte; ſtärkte auf dem Wege nach Rom mit Wort und Schrift die chriſtlichen Gemeinden; ſchrieb den Römern: Ein Waizenkorn Gottes bin ich und durch die Zähne der wilden Thiere will ich gemahlen werden, auf daß ich als ein reines Brod Gottes erfunden werde; und wurde um 107 zur Schauluſt des Volks im Colloſſeum von Löwen zerriſſen. 3) Noch ärger erging es den Chriſten unter Marcus Aurelius, dem Philoſophen(161—180). Der ſonſt milde und menſchenfreundliche Kaiſer, ein ebenſo großer Feldherr als Staatsmann, ein ſcharfer Beobachter der menſchlichen Dinge, welcher die Nichtigkeit aller irdiſchen Größe tief empfand und ſeine Gedanken darüber in einem Buche: Selſtbetrachtungen(τ6¶ αι⁶ο⁷) niederlegte, war über die ihm unverſtändliche Glaubensfreudigkeit der Chriſten und über das Wachſen ihrer Gemeinde ſo erzürnt, daß er ſie durch Martern zur Verleugnung zu zwingen befahl. 2) Unter den vielen Märtyrern ſeiner Zeit iſt vor allen der 86jährige Biſchof Polykarp von Smyrna zu nennen, der letzte damals lebende Schüler des Apoſtels Johannes. Auf der Beſitzung eines Freundes in der Nähe von Smyrna ergrifſen, wurde er durch einen Gerichtsbeamten zu Wagen in die Stadt gebracht und von dieſem nuter⸗ wegs ermahnt, doch ſeines Alters zu ſchonen und ſich durch eine Hand voll Weihrauch zu retten. Als er ſich deſſen entſchieden weigerte, ſtieß ihn der Beamte aus dem Wagen, ſodaß er ein Bein brach. Vor den Statthalter geſchleppt und auch von dieſem ermahnt, doch um ſeiner grauen Haare willen den Göttern zu opfern und Chriſtum zu verfluchen, entgegnete er demüthig: Sechsundachzig Jahre habe ich dem Herrn gedient und Er hat mir nie etwas zu Leide gethan. Wie ſollte ich nun dieſem meinem Könige fluchen, der mich ſelig gemacht hat? Darauf wurde er zum Flammentode verurtheilt; das Volk, beſ. die Juden, ſchleppte das Holz herdei; am Pfahl feſtgebunden wurde Polykarp zuerſt erdroſſelt, dann verbrannt(168).— hb) Um dieſelbe Zeit endete in Rom der fromme und hoch⸗ herzige Vertheidiger des Chriſtenthums, Juſtin der Märtyrer. Ums Jahr 100 von griechiſchen Cltern in Flavia Neapalis(Sichem) geboren und im Heidenthum erzogen erkannte er doch ſchon frühe die Nichtigkeit des Götzendienſtes, ſuchte mit brennendem Wahrheitsdurſt bei den verſchiedenen Weltweiſen(Philoſophen) nach der Erkenntniß Gottes und ſchloß ſich endlich den Platonikern an. Gleichzeitig machte die freudige Standhaftigkeit, mit welcher die Chriſten den Tod erlitten, einen tiefen Eindruck auf ihn; er fühlte, daß dieſelben keine Verbrecher ſein könnten, wie behauptet wurde, ſondern fromme und edle Menſchen. Eine Begegnung mit einem hochbejahrten Chriſten, der ihm die Ungewißheit aller bloß menſchlichen Weisheit in göttlichen Dingen klar machte und ihn auf Gottes Offenbarung hinwies, wurde für ſein Leben entſcheidend. Betend vertiefte ſich Juſtin in die Schriften der Propheten und der 4 Cvangeliſten; der Glaube an Chriſtum ergriff ſeine ganze Seele. Als Evangeliſt im Philoſophenmantel durchzog er lehrend und disputirend 14 im Dienſte Chriſti die Hauptländer des Reichs, verfaßte eine große Anzahl Schriften zur Vertheidigung des Chriſten⸗ thums gegen Juden und Heiden, darunter eine an den Kaiſer Mare Aurel, und gründete zuletzt in Rom eine Miſſions⸗ ſchule für junge Griechen. Von dem Cyniker Crescens, der unter dem Schein der Entſagung und Bedürfnißloſigkeit nur Habſucht und Genußſucht verbarg, aber durch Juſtin entlarvt wurde, ſah er ſich als Gottesleugner angeklagt, bekannte feſt ſeinen Glauben und erlitt den Tod durchs Schwert im J. 166.— c) Bei einer weiteren großen Verfolgung, welche um 177 die Gemeinden in Lyon und Vienne traf und in welcher kein Alter und kein Geſchlecht geſchont wurde, ſtarb der 90 jährige Biſchof Pothinus in Folge erlittener Mißhandlungen im Gefängniß; der Diakon Sanctus beſtand die grauſamſten Foltern mit dem Bekenntniß: Ich bin ein Chriſt, und wurde zuletzt erwürgt; die jugendliche Sklavin Blandina endigte auf dieſelbe Weiſe, nachdem ſie durch ihre Glaubenskraft die ausgeſuchteſten Qualen über— wunden und ihre Henker beſchämt hatte. Aehnlich erging es den Chriſten weit und breit. Bald hier, bald dort erſchallte der Ruf: Fort mit den Gottesleugnern! Zu den Löwen! Zu den Bergwerken! Ins Feuer mit ihnen! Aber in Allem überwanden die Gläubigen durch ihren Herrn(Röm. 8, 35— 39) und die Gemeinde nahm nicht ab, ſondern wuchs und blühte deſto mehr. §. 9. Die weitere Ausbreitung und der wachſende Einfluß der Kirche aufs Heidenthum 49 3ten—— 9 js qᷓ) In rechtlicher Beziehung blieb die Stellung der Kirche zum römiſchen Staat auch in dieſem Jahrhundert dieſelbe wie zuvor: die Kirche wurde das eine Mal verfolgt, das andere Mal geduldet, bisweilen ſogar begünſtigt; aber das Alles hing von der Willkür der Kaiſer oder ihrer Statthalter ab; in Wirklichkeit war und blieb die Chriſtenheit gegenüber dem römiſchen Geſetz eine unerlaubte Religionsgeſellſchaft(Vergl.§. 7 uud 8) und mußte ſich auf das Schlimmſte von Seiten des heidniſchen Weltreiches gefaßt halten. Die weltüberwindende Kraft des Evangeliums ſollte ſich gerade in dieſer Rechtsunſicherheit bewähren. Und ſie that es auf eine glänzende Weiſe. Mit erſtaunlicher Kraft und Lebensfülle breitete ſich die Kirche in ihren heidniſchen Umgebungen aus, ſchloß ſich immer feſter in ſich ſelbſt zuſammen, entwickelte aus chriſtlicher Wahrheit und griechiſcher Philoſophie ſowohl im Morgenland als im Abendland eine geiſtesmächtige theologiſche Wiſſenſchaft und wirkte mittelbar ſelbſt auf die Neugeſtaltung des religiöſen und ſittlichen Lebens der ihr noch entfremdeten Heidenwelt ein. a) Vor allem breitete ſie ſich in ihren heidniſchen Umgebungen weiter aus. Ernſte, nach Wahrheit und Frieden ſuchende Menſchen ſchloſſen ſich immer zahlreicher an ſie an; auch die höhern Stände des römiſchen Reichs, aus welchen bis dahin nur einzelne Seelen und dieſe meiſt mit einer gewiſſen Zurückhaltung als Chriſten gelebt hatten, verloren ihre bisherige Scheu und bekannten offen ihren Glauben; in den Gottesdienſten der Chriſten konnte man Senatoren und Ritter und kaiſerliche Hofbeamten mit ihren Familien finden. War es auch nicht immer ein tiefes Erlöſungsbedürfniß, was ſie hinüber zog, ſo war es doch die Ueberzeugung, in der Kirche eine feſte göttliche Wahrheit für Leben und Sterben zu beſitzen, eine Wahrheit, welche ſelbſt dem vernünftigen Nachdenken des Gebildeten einleuchtender ſein mußte als das Heidenthum mit ſeinen kindiſchen und unſittlichen Vorſtellungen von den Göttern(Vgl.§. 7, 6. §. 2, 1— 6). An allen Orten wuchs deßhalb die Zahl der Chriſten unter Hoch und Niedrig und am Ende dieſes Zeitraums gegen das J. 300 konnte ein volles Drittel aller Einwohner des Reichs, wenn nicht noch mehr, zur Kirche gehören. Die erſten großen Gotteshäuſer waren auch ſeit dem Jahr 200 erbaut worden.— b) Wie aber die Kirche nach außen immer mehr Boden gewann, ſo ſchloß ſie ſich auch in ihrem eignen Innern durch die Ausbildung der biſchöflichen Verfaſſung immer feſter und thatkräftiger zuſammen. Nach dem Tode der Apoſtel galten die Biſchöfe ohne Weiteres als deren Nachfolger, entſchieden auf Grund der in ihren Händen befindlichen heiligen Schriften und apoſtoliſchen Belehrungen über alle Fragen des chriſtlichen Glaubens und Lebens, beſtimmten über die Verwendung der von den Gemeindegliedern geſpendeten Liebesgaben und wurden von den Laien(Nichtgeiſtlichen) um ſo höher geehrt, je weniger letztere bei der Seltenheit und Koſtbarkeit der heiligen Schriften ſelbſt forſchen und ſich überzeugen konnten. In den ſchweren Zeiten unter Domitian, noch mehr unter Trajan und Mare Aurel waren dann die Biſchöfe die Führer, Berather und Tröſter der Gemeinden, gleichſam die lebendigen Stellvertreter des Herrn Jeſu ſelbſt; ihre Heerden folgten ihnen deßhalb unbedingt, zumal die Biſchöfe häufiger als irgend welche andere Chriſten um des Glaubens willen mit Gefängniß, Verbannung oder Tod geſtraft wurden. Ihr Anſehen in der Kirche wuchs ſeit jener Zeit in ſolchem Grade, daß der Biſchof Cyprian von Karthago ums Jahr 250 die herrſchende Stimmung mit den Worten bezeichnen konnte: Wer den Biſchof nicht als ſeinen geiſtlichen Vater anerkennt, der hat an der Kirche kein Theil mehr (qui episcopum non habet patrem, ecclesiam non habet matrem). Dem Biſchof waren aber nicht bloß die Presbyter, Diakonen und Gemeindeglieder ſeines Wohnorts, ſondern auch alle Geiſtlichen und Gemeinden der Umgegend untergeben; der Bezirk, über welchen er ſo die Oberaufſicht führte, hieß ſeine Diöceſe, ſein Sprengel. Sämmtliche Biſchöfe einer Provinz wiederum ſtanden in einer gewiſſen geiſtlichen Abhängigkeit von dem Biſchof der Provinzial⸗Hauptſtadt, dem Metropoliten oder Erzbiſchof, von welchem ſie meiſt zu ihrem Amte ordinirt wurden. Unter den Metropoliten oder Erzbiſchöfen des Reichs galten ſeit 381 die von Antiochien, Nom, Konſtantinopel und Alexandria als die Oberhäupter der Chriſtenheit und führten in dieſer Stellung vor allen andern Biſchöfen den Namen Patriarchen(Erzväter). An ihrer Spitze ſtand unwiderſprochen aber der erſte an Nang und Würde der von Nom, theils, weil Nom die Hauptſtadt des ganzen Neiches war, theils auch, weil Petrus und Paulus in Nom gewirkt, den Märtyrertod erlitten und ihr Grab gefunden hatten. Der römiſche 15 Biſchof galt als der Erbe ihres apoſtoliſchen Anſehens und wußte dies mit immer größerem Erfolge geltend zu machen (Vgl.§. 16, 4, 24— 28). Durch alles dies wurde die Kraft der Kirche ſtärker in ſich zuſammengeſchloßen und ihr Einfluß auf die heidniſchen Umgebungen mächtig gehoben, wenn ſich freilich auch nicht verkennen läßt, daß der evan⸗ geliſche Charakter der Kirche, den wir in der Zeit der Apoſtel wahrnehmen, dadurch beeinträchtigt wurde. Denn das Selbſtforſchen in der Schrift, welches zur Zeit der Apoſtel als hoher Vorzug der Gemeindeglieder gerühmt wurde (Joh. 5, 39. A. G. 17, 10— 12), hörte faſt, gänzlich auf und wurde durch den Gehorſam gegen den Biſchof erſetzt (Vgl.§. 17).— c) Das erſtarkende Leben der Kirche eigte ſich ferner im 3. Jabehe durch die Entſtehung einer ausgebreiteten theologiſchen Wiſſenſchaft, welche mit dem Denken und Fühlen der Heidenwelt in einer lebhaften literariſchen Wechſelwirkung ſtand. Die Schüler und Nachfolger der Apoſtel, die ſogenannten apoſtoliſchen Väter hatten eine ſolche auch für die Inden beſtimmte theologiſche Literatur noch nicht gekannt. Männer wie Ignatius und Polykarp, welche in dieſen Kreis gehörten, verfaßien ihre Schriften lediglich für die Chriſten ſelbſt(Bgl.§. 8, 2—3) und in geringem Umfange. Anders wurde es bereits bei den ſog. Apologeten des 2. Jahrh, jenen Männern, die wie Juſtin der Märtyrer(Vgl.§. 8, 3) das Chriſtenthum vorzugsweiſe gegen die Angriffe der Juden und Heiden vertheidigten und deßhalb ihre Werke gerade für nicht chriſtliche Leſer, z. B. für die Kaiſer Hadrian, Antoninus Pius und Marcus Aurelius berechneten. Bei ihnen war eine geiſtige Berührung mit den Anſchauungen und der Weltweisheit(Philoſophie) des Heidenthums, wenn freilich meiſt eine feindliche, nnver⸗ meidlich und fand in mannigfaltiger Weiſe ſtatt. Die theologiſchen Werke wurden auch bei ihnen bereits umfangreicher und häufiger als bei den apoſtoliſchen Vätern. Viel entſchiedener aber ſchritten auf dieſem Wege die Theologen des 3. Jahrh. weiter. Sie unterrichteten nicht bloß in den von ihnen oder von hervorragenden Biſchöfen gegründeten Schulen(Katecheten- d. h. Prediger⸗Schulen) die künftigen Geiſtlichen im Worte Gottes, ſondern waren auch ſchrift⸗ ſtelleriſch außerordentlich thätig, um die Sache der Kirche zu fördern. Im Innern der Kirche ſelbſt hatten ſie gegen die ſog. Gnoſtiker zu kämpfen d. h. gegen Leute, welche ein höheres Wiſſen über die gottlichen Dinge zu beſitzen vorgaben, in Wirklichkeit aber den Inhalt der Offenbarung durch allerlei phantaſtiſche heidniſche Faun über Gott, Chriſtus, die Welt, den Unterſchied von Gut und Böſe und dgl. auflöſten und die ittlichkeit des chriſtlichen Wandels in hohem Maße gefährdeten. Nach Außen mußten ſie gleichzeitig die Kirche gegen die Angriffe der Heiden vertheidigen und ebenſo ſehr auf die Einwürfe des Spottes und der Verleumdung wie auf die der Philoſophie eingehen. Sie thaten aber beides mit einer Gründlichkeit und in einer Ausdehnung, welche bis dahin nnbekannt geweſen war. Bei dieſer literariſchen Thätigkeit bildeten ſich hauptſächlich zwei theologiſche Schulen, nämlich eine morgenländiſch⸗griechiſche, welche von Alexandrien, Antiochien und Epheſus ausgehend ihre Hauptvertreter in dem griechiſch-gebildeten Gelehrten Clemens von Alexandr en(191— 211), in dem noch gelehrteren und für alle Zeiten hervorragenden Schüler deſſelben, dem großen Origenes(Val.§. 10, 2) und in dem thatkräftigen Biſchof Irenaus von Lyon, dem Nachfolger des Märtyrers Pothinus(177— 202) beſaß; und eine abendländiſch⸗ lateiniſche, welche von Nordafrika ausging und durch den feurigen, tiefſinnigen und glaubensſtarken Presbyter Tertullian, einen frühern Juriſten, begründet(140— 220), von dem eifrigen Biſchof und Märtyrer Cyprian in Kar⸗ thago aber(246— 258) weiter gefördert wurde. Der Einwirkung dieſer Theologen konnte ſich auch das gelehrte Heiden⸗ thum nicht mehr entziehen, ſondern wurde genöthigt, ſie als ebenbürtige Gegner anzuerkennen.— d1) Selbſt mittelbar zeigte ſich der Einſluß des Chriſtenthums auf die Heidenwelt in der merkwürdigen Umwandlung, welche im religiöſen Denken und Fühlen der Heiden im 3. Jahrh. vor ſich ging. Der Glaube an Einen Gott, welchen das Chriſtenthum verkündigte, leuchtete in ſeiner allgemeinen Wahrheit unzähligen Heiden ein, auch wenn ſie nicht geneigt waren, ganz mit ihrer alten Religion zu brechen und Chriſten zu werden. In den weiteſten Kreiſen regte ſich das Verlangen, den Einen Quell und Urſprung aller Dinge kennen zu lernen und in ihm zu leben. In den verſchiedenen Götterlehren, philoſophiſchen Meinungen und Religionen der Welt glaubte man nur ebenſoviele Verſuche zur Erkenntniß und Verehrung des Einen verborgenen Gottes ſehen zu müſſen. Man begann daher in Anſchluß an die Platoniſche Philoſophie aus allen Religionen das Gemeinſame, Urſprüngliche hervorzuſuchen, auch aus dem Chriſtenthum. Zugleich beſtrebte man ſich, durch Losreißung von den Banden der Sinnlichkeit und durch die ſtille Andacht des Gebets ſich in die unmittelbare, geiſtige Anſchauung des Einen, von Allen geſuchten Gottes zu verſenken. Es war bei einer ſolchen Stimmung nicht anders möglich, als daß eine gewiſſe Weitherzigkeit und Toleranz in Sachen der Neligion ſich verbreitete, welche auch der Kirche zu Gute kommen mußte. Der Einfluß, den dieſe neue Richtung, der ſog. Neuplatonismus, in allen Schichten der heidniſchen Bevölkerung gewann, war ein ſo großer, daß ſelbſt eine Reihe von römiſchen Kaiſern bewußt oder unbewußt den Eifer für die römiſche Staatsreligion fahren ließen und ſich mit dem Chriſtenthum zu befreunden anfingen. So Heliogabal(218— 222); Alexander Severus(222— 235), der ſogar Chriſti Bild unter ſeine Hausgötter ſtellte; ferner deſſen Mutter Julia Mammäa, welche ſich in Antiochien von Origenes über den chriſtlichen Glauben belehren ließ; endlich Philippus Arabs(244 249), der wegen ſeiner Freundſchaft für das Chriſtenthum von der Sage ſelbſt zu einem Chriſten gemacht wurde, Auch eine neue orientaliſch-heidniſche Religion, welche im 3. Jahrh. im römiſchen Reich ſich verbreitete, der Manichäismus, nahm alsbald in ſeine Lehre von der guten und böſen Gottheit, die in der Welt ſich bekämpfen ſollen, den Glauben der Chriſten an den Erlöſer auf und bildete ſeine geſellſchaftliche Verfaſſung nach dem Vorbild der 12 Apoſtel, der 70 Jünger und der chriſtlichen Biſchöfe aus. Zeigte ſich auf dieſe Weiſe unverkennbar, daß die Weltſtellung des Chriſten⸗ thums ſeit Beginn des 3. Jahrh. immer günſtiger und ſein Einfluß auf die Heidenwelt immer nachhaltiger geworden war, ſo konnte doch bei der Zähigkeit, welche allen röntiſchen Staatseinrichtungen inne wohnte, keineswegs ein völliger Sieg der Kirche erwartet werden, bevor nicht die alte römiſche Staatsreligion noch ein oder mehrmals ihre ganze Kraft zum Kampfe gegen das Evangelium aufgerufen hatte. 16 §. 10. Die gewaltſamen Gegenwirkungen des altrömiſchen Staats und Götterglaubens gegen die Kirche im 3ten Jahrhundert. 1) Schon Septimius Severus(192— 211), der anfangs den Chriſten günſtig war, kehrte zu den Anſchauungen Trajans und Marc Aurels zurück, verbot den Uebertritt zum Chriſtenthum und befahl die Anwendung der grauſamſten Torturen gegen die Angeklagten. In Aegypten und Nordafrika forderte die von ihm erregte Verfolgung die meiſten Opfer, unter ihnen eine große Zahl von Frauen. Auch Leonidas, der Vater des großen Origenes ſtarb in Alexandrien durchs Schwert. 2) Viel umfaſſender und eingreifender waren jedoch die Verfolgungen unter Decius(249— 251) und Valerian(253— 260). Dieſe beiden Kaiſer lebten völlig in den politiſchen und religiöſen Ueberlieferungen des alten Römerthums und erkannten deutlich, daß ſie, um daſſelbe zu erhalten oder in weiteren Kreiſen herzuſtellen, mit der Kirche auf Leben und Tod kämpfen müßten. Sie debaten daher die Rückkehr ſämmtlicher Chriſten zum Heidenthum und beſchloſſen, vor allem die iſchöfe und anderen Geiſtlichen bei Seite zu ſchaffen, damit die ihrer Hirten beraubten Gemeinden ſich deſto leichter fügten. Nach der langen Ruhe, welche die Chriſten vom Tode des Septimius Severus an(211) gehabt hatten, traf ſie dieſe Verfolgung mit niederſchmetternder Gewaltv; ſelbſt eine Anzahl Geiſtliche, z. B. der Biſchof Eudämon zu Smyrna, opferten den Götzen, um ihr Leben zu retten, außerordentlich groß aber war die Zahl der Laien, welche aus Todesangſt zu den verlaſſenen Altären der Heiden zurückkehrten. Viele erkauften ſich mit Geld einen Schein, daß ſie geopfert hätten, während ſie es in Wirklichkeit nicht gethan hatten(Vergl.§. 11, 1). Unter den Märtyrern jener Zeit, deren Zahl in viele Tauſende ging, waren beſonders drei Männer, deren Gedächtniß von der Kirche bewahrt wurde, Origenes, Cyprian und Laurentius. ) Origenes, ein Sohn des frommen und gelehrten Leonidas zu Alerandrien(185— 254) und von dieſem mit der größten Sorgfalt im chriſtlichen Glauben wie in griechiſcher Wiſſenſchaft erzogen, darauf ein Schüler des berühmten Clemens an der dortigen Katechetenſchule, gab ſich von Jugend auf mit der ganzen Kraft ſeiner Seele dem Dienſte des Herrn hin. Als im J. 202 ſein Vater wegen des chriſtlichen Glaubens gefangen ſaß, wollte auch Origenes hingehen und ſich als Chriſt bekennen, um mit dem Vater zu ſterben. Die Mutter konnte ihn nicht anders davon zurückhalten, als daß ſie ſeine Kleider verbarg. Da ſchrieb der Sohn wenigſtens dem Vater ins Gefängniß, doch ja nicht um der Mutter und ſeiner ſieben Söhne willen vom Herrn abzufallen; und Leonidas ließ ſein Leben um Chriſti willen(Vgl. §. 10, 1). Nicht lange darauf wurde Origenes an Stelle ſeines Lehrers Clemens an die Katechetenſchule berufen (203), worauf er den Unterricht in der griechiſchen Grammatik und Rhetorik(Sprachkunde und Redekunſt), den er bis jetzt privatim ertheilt hatte, aufgab und ſich ganz der Unterweiſung der Theologen widmete. Um dies beſſer zu können, ſtudirte er vorerſt ſelbſt noch unter der Leitung des Ammonius Sakkas, des berühmten Gründers der neu⸗ platoniſchen Philoſophie(Vgl.§. 9, 5), die Meinungen der griechiſchen Weltweiſen. Denn als Grundlage beim Unter⸗ richt der Theologen wollte Origenes nicht nur Logik(Denklehre), Naturkunde, Geometrie(Formenlehre) und Aſtonomie (Sternkunde), ſondern auch das Studium der alten Philoſophen und Dichter getrieben haben. Erſt dann ging er zur heiligen Schrift über. Der Erfolg ſeiner Vorträge wie ſeiner Schriften machte ihn ſo berühmt, daß Julia Mammäa, die Mutter des Kaiſers Alexander Severus, ihn nach Antiochien kommen ließ und in Folge ſeines Unter⸗ richts Chriſtin wurde(Vgl.§ 9, 5). Ueberhaupt gelang es Origenes, eine große Zahl von Heiden und Gnoſtikern (Vgl.§. 9,4) zum Chriſtenthum zu bekehren. Leider wurde jedoch dieſe geſegnete Thätigkeit durch den Neid des Biſchofs Demetrius im J. 230 untrebrochen. Origenes mußte Alerandrien verlaſſen. Er errichtete darauf eine Katechetenſchule in Cäſarea, welche ebenfalls zu hoher Blüthe kam und bis zu ſeinem Tode unter ſeiner Leitung blieb. Aber im J. 250 wurde ſeine Kraft in der decianiſchen Verfolgung zerſtört; man ließ ihn zwar am Leben, nachdem er die unmenſchlichſten Martern in feſtem Glauben ertragen hatte, allein er ſiechte ſeitdem hin und ſtarb zu Tyrus 254.— b) Ein anderes Opfer jener Verfolgungen war der gelehrte und eifrige Biſchof Cyprian von Karthago(246—258). Um 200 aus reicher heidniſcher Familie in Karthago geboren war er anfangs Lehrer der Beredſamkeit und der Rechte, fand aber im Heidenthum keine Ruhe, bekehrte ſich deßhalb zum Chriſtenthum 246, verſchenkte alle ſeine Güter an die Armen, wurde 247 zum Prieſter geweiht und 248 einſtimmig zum Biſchof gewählt. Als ſolcher hatte er durch ſeine Predigten und noch mehr durch ſeine Schriften eine große Wirkſamkeit. Beſonders wehrte er Spaltungen, welche damals in der Kirche ſehr häufig waren. In der decianiſchen Verfolgung verbarg er ſich vor den Häſchern und ſtärkte aus der Verborgenheit durch Briefe ſeine Gemeinde(250). Nach Decius Tode kehrte er zwar zurück(251), blieb auch unter Gallus(251— 253) verſchont, während viele andere, wie die Biſchöfe Cornelius und Lucius im Rom, als Märtyrer ſterben mußten; allein unter Valerian(253— 260) wurde er, wie alle übrigen Geiſtlichen, zuerſt(257) ver⸗ bannt und endlich, da die Gemeinde dennoch feſtblieb, im J. 258 in Karthago enthauptet.— c) Im J. 257 erlitt auch Laurentius, Diakon der römiſchen Kirche, 3 Tage nach der Kreuzigung des Biſchofs Sirtus den Märtyrertod. Mit heiliger Begeiſterung hatte der jugendliche Almoſenpfleger ſich der Armen und Verlaſſenen unter Chriſten und Heiden angenommen; alle Einkünfte der Kirche hatte er ihnen zugewendet. Doch der habſüchtige Statthalter des Kaiſers ver⸗ langte Auslieferung des Goldes und Silbers der Kirche bei Todesſtrafe und ſetzte Laurentius gefangen. Dieſer verſprach ihm an einem beſtimmten Tage die Schätze der Kirche zu zeigen. Als aber der goldgierige Beamte erſchien, hatte 17 Laurentius die Elenden und Krüppel und Armen von Rom in einer langen Reihe aufſtellen laſſen und wies auf dieſe mit den Worten hin: Dies ſind unſre Schätze! Wuthentbrannt befahl der Statthalter, Laurentius ſolle Chriſtum abſchwören. Da aber dieſer ſich weigerte, verurtheilte ihn der Grauſame zum Feuertod auf einem glühenden Roſt. Unter Gebeten und Lobliedern ertrug Laurentius die Gluth und hauchte ſelig ſeinen Geiſt aus. Der Verfolger Valerian dagegen fiel in die Hände der Perſer, gegen welche er 257—58 kämpfte, und wurde von dieſen nach vielen Kränkungen und Mißhandlungen grauſam gemordet. Sein Sohn Gallienus gab den Chriſten Ruhe, deren ſie ſich auch unter den folgenden Regierungen erfreuten. 3) Die letzte und größte aller Verfolgungen kam aber gerade, als dieſe Ruhe 40 Jahre gedauert hatte und Niemand mehr an eine Verfolgung dachte. Wiederum waren die Männer, welche ſie erregten, von den altheidniſchen und römiſchen Anſchauungen beherrſcht. Der Kaiſer Diokletian(284— 305), ein tapferer und ſtaatskluger Fürſt, welcher das ganze römiſche Reich neu organiſirte und durch Erwählung von Unterkaiſern die bisherige allzuſtraffe Einheit deſſelben zu Gunſten der großen Provinzen lockerte, wurde von ſeinem Schwiegerſohn, dem Kaiſer Galerius, einem abergläubiſchen und fanatiſchen Götzendiener, auf die das ganze Reich umfaſſende und von den Biſchöfen beherrſchte Chriſtenheit als auf eine ſtaatsgefährliche Verbindung aufmerkſam gemacht. Dieſe Verdächtigungen blieben nicht ohne Eindruck auf Diokletian. Er wußte zwar, daß ſich die Chriſten bis dahin niemals in politiſche Handel eingelaſſen hatten und daß ſie in allen Lebens⸗ ſtellungen, im Heer, in der Verwaltung, in der Rechtspflege und im Privatverkehr gehorſame und treue Unterthauen waren. Aber konnten ſie nicht plötzlich auf den Gedanken kommen, ſich der Herrſchaft im Reiche zu vemächtigen, einen Chriſten auf den Thron zu ſetzen, die altrömiſche Religion zu unterdrücken? Waren ſie nicht einflußreich und thatkräftig genug, um einen ſolchen Gedanken, wenn ſie ihn einmal gefaßt hatten, auch durchzuführen? Diokletian wurde dieſe Befürchtungen nicht wieder los. Das Gefühl der Unſicherheit ſteigerte ſich bei ihm zu feindſeligen Argwohn. Vor allem ſchien es ihm nöthig, die unzuverläſſigen oder gefährlichen Chriſten aus der Armee zu entfernen. Daher erſchien 298 der Befehl, alle chriſtlichen Soldaten ſollten an den Opfern theil⸗ nehmen oder aus dem Dienſt treten. Viele traten darauf aus; eine Menge andere, welche dies nicht konnten oder wollten, ſtarben als Märtyrer, darunter hochgeſtellte Officiere. Doch war dies nur das Vorſpiel. Im J. 303 wurde die prächtige Kirche in Nikomedien niedergeriſſen und für das ganze Reich das Gebot erlaſſen, die Gottesdienſte der Chriſten zu ſchließen, ihre Kirchen zu zerſtären, ihre heiligen Schriften zu verbrennen, die Chriſten ſelbſt aller Aemter und bürgerlichen Rechte zu berauben, die Widerſpenſtigen auch mit Folter und grauſamen Todesarten zu beſtrafen. Beſonders im Orient, wo Galerius herrſchte, wüthete die Verfolgung; ganze chriſtliche Städte wurden mit den Einwohnern verbrannt; Frauen und Jungfrauen wurden vor dem Tode durchs Schwert oder durchs Feuer jeder Schandthat der Henker oder Soldaten preisgegeben; Unzähligen wurden die Augen ausgeſtochen, der Leib aufgeſchuitten oder andere nur erſinnliche Qualen bereilet. Nur in den Weſtprovinzen Spanien, Gallien und Brittannien fanden die Chriſten etwas Schonung. Hier herrſchte Conſtantius Chlorus, ein Mann von der religiöſen Richtung des Alexander Severus oder Philippus Arabs(Vergl.§. 9, d), der die Chriſten für gute Unterthanen hielt und nur zum Schein ihnen einige Kirchen zerſtörte. Ihm wie ſeinem Sohne Conſtantin wandte ſich darum auch die Dankbarkeit der Chriſten zu. Die andern Kaiſer dagegen, welche in der Verfolgung ſich nicht genug thun konnten, mußten nach jahrelangen Grauſamteiten erkennen, daß ſie ihren Zweck nicht zu erreichen vermochten. Zwar opferten viele Chriſten den Göttern, lieferten die heiligen Bücher aus, erkauften ſich Scheine, daß ſie geopfert hätten; aber ungleich mehr waren theils bereit zu ſterben theils ließen ſie wirklich ihr Leben um Chriſti willen. Die Heiden ſelbſt wurden des unnützen und grauſamen Mordens zuletzt müde. Diokletian aber, in ſeinen Erwartungen auf einen Maſſenrücktritt der Chriſten zum Heidenthum getäuſcht, legte 305 die Regierung nieder. Sein Nachfolger Maximin wüthete zwar mit Galerius weiter, allein eine ſchreckliche Krankheit brach die Verfolgungsſucht des letztern ſo ſehr, daß er 311 den Chriſten Duldung gewährte und ihre Fürbitte für Kaiſer und Reich verlangte. Unterdeß war auch ſeit 306 Conſtantin der Große ſeinem Vater Conſtantius Chlorus gefolgt. Aufgewachſen im Glauben an einen Gott und von der Dankbarkeit der Chriſten ats Retter begrüßt, trat er offen auf deren Seite. Nach einer wunderbaren Viſion, in welcher ihm ein lichtes Kreuz am Himmel mit der Unſchrift: In dieſem ſiege! erſchienen war, machte er das Kreuz zur Neichsfahne, beſiegte darauf den Urſurpator Maxentius und erließ 312 zuſammen mit ſeinem Schwager Licinius ein Duldungsedikt für alle Culte, ſowie 313 das Edikt von Mailand, welches den Uebertritt zum Chriſtenthum frei ſtellte. Da letzteres Edikt in ganzen Reiche galt, ſo war hiermit der Widerſtand des altheidniſchen und 3 18 römiſchen Staates gegen das Chriſtenthum aufgegeben und letzeres als eine oͤffentlich erlaubte Religion anerkannt. Da ſeine Bekenner trotz aller Verfolgung noch über das ganze Reich verbreitet waren und unter ſich nicht bloß durch den gemeinſamen Glauben, ſondern auch durch die biſchöfliche Verfaſſung feſt zuſammenhingen, ſo lag ihre Duldung und Anerkennung in der That ſelbſt im politiſchen Intereſſe des Reiches. Die das Reich umfaſſende Kirche konnte die auseinanderſtrebenden Völkerſchaften des Morgen⸗ und Abendlandes beſſer zu einem Ganzen verbinden, als es die bloß äußeren Machtmittel des Kaiſerthums vermochten. Und vielleicht war es dieſe Erkenntniß, welche neben den perſönlichen Neigungen die Entſchlüſſe Conſtantius ganz beſonders beſtimmte und der Kirche endlich eine andere rechtliche Stellung verſchaffte, als ſie ſeit 300 Jahren eingenommen hatte. §. 11. Die Zucht der Kirche an ihren eignen Mitgliedern in der Zeit der Verfolgungen. 1) Von Anfang an hatte die Kirche an denjenigen Mitgliedern, welche durch Irrlehre oder andere öffentliche Sünden wie Hurerei, Truntſucht, Diebſtahl, Ehebruch und dergleichen Aergerniß erregten, eine ernſte, auf Beſſerung derſelben gerichtete Zucht geübt, welche auf der Anordnung des Herrn und der Apoſtel beruhte(Matth. 18, 15— 18 1 Cor. 5, 1— 11). Blieben die Beſſerungs⸗ verſuche von Seiten der Geiſtlichen und der ganzen Gemeinde erfolglos, ſo wurden die Hartnäckigen erſt vom heiligen Abendmahl, dann von der Kirchengemeinſchaft überhaupt ausgeſchloſſen. In den Zeiten der Verfolgungen wandte ſich die ganze Streuge dieſer Zucht naturgemäß gegen die Ab⸗ gefallenen, weil ſie durch ihre Verleugnung das größte Aergerniß gaben. Man unterſchied mehrere Arten derſelben a) Wer den Göttern opferte oder dem Kaiſer Weihrauch ſtreute, hieß sacrificatus, thurificatus d. h. ein Opferer, ein Weihrauchſtreuer; b) Wer Evangelien oder andere heilige Bücher auslieferte, hieß traditor, d. h. ein Verräther; c) Wer ſich einen Schein erkaufte, daß er geopfert habe, hieß libellaticus, d. h. ein Beſcheinigter. 2) Wollten die Abgefallenen wieder in die Kirche aufgenommen ſein, ſo mußten ſie ihre Buße erſt in vier verſchiedenen Stufen der Zucht bewähren. a) Im erſten Jahr mußten ſie in Trauerkleidern an der Kirchthür ſtehen und die Gemeinde um Verzeihung bitten, b) im zweiten durften ſie die Vorleſung des Wortes Gottes in der Kirche wieder mitanhören, c) im dritten durften ſie knieend dem Gebete beiwohnen, d) im vierten endlich auch beim heiligen Abendmahl als Zuſchauer zugegen ſein. Dann erſt wurden ſie nach öffentlichem Sündenbekenntniß, meiſt am Gründonnerſtage, wieder aufgenommen, empfingen den Bruderkuß ſowie das heilige Abendmahl und galten als grüne Reben am Weinſtock oder als friſche Zweige am Oelbaum. Der Gründonnerſtag aber erhielt hiervon ſeinen Namen(dies viridium). Vierter Abſchnitt. Der völlige Sieg der Kirche über das Heidenthum im römiſchen Reich(312— 392). 8. 12. Die Begünſtigung der Kirche durch Conſtantin den Großen(306—337) und günſtigung ſeine Söhne(337—366). ſen(. 1) Obgleich Kaiſer Konſtantin niemals jene tiefere ſittliche Bildung beſaß, welche allein aus einer gründlichen Bekehrung und aus einer Hingabe des ganzen Willens an den Heiland hervorgeht, ſo war er doch mit wirklicher Aufrichtigkeit ein Freund und Anhänger des Chriſtenthums. Schon ſeine Erziehung hatte ihn dahin geleitet. Denn in der Familie ſeines Vaters Conſtantius Chlorus und ſeiner Mutter Helena galt ſchon lange nicht mehr der römiſche Götterglaube, ſondern der Glaube an Einen Gott, der als Sonnen⸗ oder Licht⸗Gott gedacht wurde(Mithras⸗ dienſt). Die Chriſten als Verehrer Eines Gottes wurden deßhalb gleichſam als Glaubensgenoſſen angeſehen und in der großen Verfolgung ſehr milde behandelt. Um ſo mehr ſetzten ſie ihre Hoffnung auf Conſtantius und ſeinen Sohn und kamen dem letztern bei ſeiner Thronbeſteigung 306 mit unverholener Freude entgegen. War das Herz Conſtantins auf dieſe Weiſe ihnen ſchon von vorn herein gewonnen und ſagte ihm zugleich ſein hervorragender politiſcher Verſtand, 19 daß die Glaubensgemeinſchaft der unter den Biſchöfen ſtehenden Kirche ein unſchätzbares Einheitsband unter den Nationen des Reichs bildete, ſo wurde doch ſein Uebertritt zum Chriſtenthum erſt völlig entſchieden durch die bereits erwähnte geheimnißvolle Viſion im J. 312 und durch die an dieſelbe ſich knüpfenden immer großartigeren Erfolge auf dem politiſchen Gebiete, vermögen deren er im J. 323 als Alleinherrſcher des ganzen Neiches daſtand. Conſtantin wurde hierdurch in ſolchem Grade von der Gottheit und Macht des Herrn Jeſus überzeugt, daß er ſeitdem den chriſt⸗ lichen Glauben für den allein wahren hielt und es als ſeine Aufgabe betrachtete, denſelben im Reiche zur allgemeinen Geltung zu bringen. 2) Der Mangel einer tiefern ſittlichen Bildung zeigte ſich bei ihm auch nach ſeinem öffentlichen Uebertritt zum Chriſtenthum darin, daß er in einzelnen Fällen, wo das Intereſſe der Herrſchaft und der Reichseinheit in Frage kam, noch in hohem Grade treulos, wortbrüchig und grauſam handelte, ohne den Widerſpruch zu fühlen, der zwiſchen ſeinem Bekenntniß und ſeiner Handlungsweiſe beſtand. So ließ er ſeinen gefangenen Gegner Licinius und deſſen Sohn im J. 323 hinrichten, obwohl er ihnen Schonung des Lebens feierlich verſprochen hatte. Sogar ſeinen eigenen erſtgeborenen Sohn Crispus ließ er aus Mißtrauen und Argwohn 326 enthaupten, ohne ſich deßhalb als ungerecht oder grauſam anzuſehen. Jedenfalls aber glaubte er durch die Taufe, welche er erſt 337 auf ſeinem Todenbette empfing, das etwaige Unrecht dieſer und anderer Handlungen wieder von ſich abzuwaſchen. 3) Bei der Begünſtigung der Kirche ging er ſehr vorſichtig und allmälig zu Werke, da er die heidniſche Hälfte der Bevölkerung und insbeſondere die alten, reichen und ſtolzen Familien des römiſchen Adels nicht gegen ſich aufbringen wollte. Aus Rückſicht auf ſie behielt er die Würde des Pontifex Maximus, des roͤmiſchen Oberprieſters, bis an ſein Ende ſelbſt in der Hand. Dagegen beſchränkte er das Heidenthum auf andere Weiſe immer mehr. Zunächſt ließ er im ganzen Reiche diejenigen Tempel zerſtören, in welchen unſittlicher Cultus getrieben wurde(Vgl.§. 2, 3). Zugleich baute er den Chriſten die unter Diokletian zerſtörten Kirchen wieder auf, gab ihnen das eingezogene Kirchengut zurück und vermehrte es durch Schenkungen, verwilligte den Biſchöfen Gehälter aus der Staatskaſſe, machte die Sonntagsfeier zum allgemeinen Reichsgeſetz, entzog ſich dem Einfluß des altrömiſchen Götterglaubens durch Gründung der chriſtlichen Hauptſtadt Conſtantinopel, verbot heidniſche Zauberei und das Befragen der Orakel und ſchmückte das Grab des Heilandes in Jeruſalem mit einer prächtigen Kirche aus. Seinen Hofleuten und Beamten predigte er nicht ſelten ſelbſt im Palaſt chriſtlichen Glauben; auch bei der Kirchenverſammlung zu Nicäa 325 führte er auf goldenem Throne den Vorſitz und bezeichnete ſich als„den Biſchof über die äußeren An⸗ gelegenheiten der Kirche.“ 4) Unter ſeinen Söhnen, welche den Vater weder an ſittlicher Bildung noch an Froͤmmigkeit, wohl aber an todter Rechigläubigkeit und unchriſtlichem Fanatismus übertrafen, wurden die von Conſtantin noch geduldeten heidniſchen Opfer verboten, die Tempel geſchloſſen und Todesſtrafe auf den öffentlichen heidniſchen Cultus geſetzt. Nur in der Stadt Rom durften die alten heidniſchen Feierlichkeiten noch geübt werden. Aber auch die nächſten Verwandten des kaiſerlichen Hauſes wurden aus Mißtrauen und Herrſchſucht von ihren Vettern eingebracht und durch dieſe That der Grauſamkeit der Grund zu dem Haſſe gelegt, welcher den Kaiſer Julian ſpäter noch einmal zum Verfolger der Chriſten machen ſollte. §. 13. Der vergebliche Verſuch Julians des Abtrünnigen zur Herſtellung des Heiden⸗ thums(361—363) und der völlige Untergang des letzteren im römiſchen Reich (363—392). 1) Julianus, ein Brudersſohn Conſtantins des Großen, entging nach dem Tode ſeines Oheims nur zufällig dem Blutbade, welches deſſen Söhne allen ihren Verwandten bereiteten. Argwöhniſch beobachtet und gefangen gehalten, wuchs er nuter der Hut unwiſſender, roher und ſchmutziger Lehrer in der Einſamkeit auf. Die chriſtliche Religion, deren wahrer Geiſt ſeine Seele nie berührte, erſchien ihm in Folge jenes Verwandtenmordes und bei der harten Behandlung, welche er von Kind auf erſuhr, als eine Religion der Knechtſchaft, der Ungerechtigkeit und des inhaltsloſen Formelweſens. Nur aus Furcht vor dem Tode, womit ihn das Mißtrauen ſeines Vetters Conſtantius bedrohte, heuchelte er Jahre lang noch einen Glauben, den er innerlich verabſcheute. Während des Studiums zu Athen, welches ihm nur ſchwer geſtattet wurde, weil er eigentlich Prieſter werden ſollte, wandte ſich ſein lebhafter, hochbegabter Geiſt heimlich den Dichtern und Philoſophen der Griechen zu. Eine neue Welt von Schönheit und Wahrheit ſchien ihm aus denſelben aufzugehen. Wie alle Neuplatoniker ſeiner Zeit glaubte auch er das Ewig-Eine in den Werken der Vorzeit unter verſchiedenen Geſtalten zu finden(Vgl.§. 9, d). Zugleich ſuchte er unter ſtrenger Verleugnung ſeiner ſelbſt, in einfachem, züchtigen Wandel, unter Gebet und Andacht der Gottheit, die er zu erkennen meinte, nahe zu kommen. Je feſter er aber von der Richtigkeit dieſes ſeines Weges überzeugt war, deſto ingrimmiger trug er die Maske des chriſtlichen Glaubens zur Schau, von der ſeine Sicherheit nach Außen abhing und welche er am liebſten auf der Stelle abgeworfen hätte. 3* 20 2) Um den gefährlichen Jüngling zu beſeitigen, ſchickte ihn Kaiſer Conſtantius an den Rhein, wo ſich die Kraft des Reiches im Kampf mit den Germanen verblutete. Aber Julians großartige Natur kam hier gerade an den rechten Platz. Binnen Kurzem disciplinirte und begeiſterte er das römiſche Heer und riß es zum Siege fort. Ein ehrenvoller und dauerhafter Friede war die Frucht ſeiner Thaten. Dagegen Conſtantius erſchrack und trachtete ihn um ſo mehr zu verderben. Er gab den Befehl, daß der Kern der Galliſchen Truppen gegen die Perſer ziehen ſollte, damit Julian nur von ihnen getrennt würde. Aber die Legionen empörten ſich und zwangen Julian unter Todesdrohungen, die Kaiſerwürde anzunehmen. Auf dem Zuge gegen ihn ſtarb Conſtantins und Julian wurde noch als Jüngling unbeſtritten Herr des ganzen Reiches. 3) Als philoſophiſcher Kaiſer wollte er regieren. Alsbald entließ er den koſtſpieligen und überflüſſigen Troß der Hofdiener, ſchaffte die geheime Polizei ab, vor der das Volk gezittert hatte, und widmete bei einfachſter Lebensweiſe, gleichſam ein heidniſcher Mönch, unter Verachtung alles Glanzes ſeine ganze Kraft der Regierung und den Studien. r drannte vor Verlangen, das unterdrückte Heidenthum in der verklärten Geſtalt, in welcher es ſeine neuplatoniſche Anſchauung erblickte, in welcher es aber niemals wirklich exiſtirt hatte, wieder ins Leben zu rufen und es mit den a erniden des Chriſtenthums auszuſtatten. Er entließ deßhalb alle chriſtlichen Beamten, zwang die Chriſten zum Aufbau der zerſtörten Heidentempel, erbaute Kanzeln in denſelben und befahl den heidniſchen Prieſtern dem Volke ſittliche Grundſätze zu predigen; zugleich erlaubte er allen Secteu der Chriſtenheit freie Religions⸗ übung, um die Einheit der Kirche zu untergraben; beſonders rief er die verbannten Arianer, die Gegner der Gottheit Chriſti(Vgl.§. 15), in ihre Gemeinden zurück. Um Chriſtum zum Lügner zu machen, rief er die Juden aus der Zerſtreuung nach Jeruſalem, damit ſie den Tempel wieder aufbauten. Um die Chriſten aller höheren Bildung zu verauben und ſie dadurch verächtlich zu machen, verbot er ihnen das Studium der Weltweisheit und der Redekunſt (Philoſophie und Rhetorik). Mit der Verehrung der Götter durch Opfer und Gebet ging er ſelbſt dem Volke voran. In Streitſchriften bekämpfte er aufs Eifrigſte das Chriſtenthum. . 4) Allein er mußte erfahren, daß er eine todte Sache beleben wollte. Nicht nur die Chriſten lachten über ſeine raſtloſen Bemühungen zu Gunſten des Götterglaubens, ſondern die Heiden ſelbſt. Als er den verlaſſenen Apollotempel zu Antiochien feierlich wieder eröffnen wollte und alle Heiden dazu einlud, kam zum brauſenden Gelächter der Menge nur ein einziger alter Prieſter mit einer Gans unter dem Arm. Die Predigten der Prieſter in den Tempeln wurden nicht gehört. Der Aufbau des Tempels zu Jeruſalem kam durch unterirdiſches Feuer ins Stocken und wurde aufgegeben. Julian ſelbſt begann beim Mißlingen ſeines Unternehmens aufgeregt und gereizt zu werden; die philoſophiſche Ruhe, deren er ſich gerühmt hatte, ging in zornige Verbiſſenheit über. Schon beging er gegen einzelne Chriſten Ungerechtigkeiten, die er ſonſt ſelbſt verworfen hatte, z. B. gegen Athanaſius von Alerandrien(Vgl.§. 15); eine größere und blutige Verfolgung wäre ſicher nicht ausgeblieben. Da ſtarb er noch in voller Jugendkraft auf dem Feldzug gegen die Parther durch einen Pfeilſchuß 363. Der Galiläer, gegen den er geſtritten, hatte doch geſiegt und das Wort des Athanaſius hatte ſich erfüllt: Julian iſt eine kleine Wolke; ſie geht bald vorüber. Wenn aber Jemand noch an der moraliſchen Erſtorbenheit des Heidenthums gezweifelt hatte, ſo war ſie ihm jetzt durch den miß⸗ lungenen Belebungsverſuch Julians klar geworden. Unter allgemeiner Zuſtimmung konnte Julians Nachfolger das Chriſtenthum als Staatsreligion wieder herſtellen, wenn auch das Heidenthum noch geduldet blieb. Gratian aber konnte bereits 381 den Titel des Pontifer Marimus verſchmähen und die Viktoria aus der Curie des Senats zu Rom wegnehmen, ja Theodoſius der Große(379— 92) durfte es wagen, allen Götzendienſt bei Todesſtrafe zu verbieten. Die wenigen Reſte von Heidenthum, welche ſich aber ſeitdem uoch auf dem Lande erhielten, kamen als Dorfreligion (Paganismus) ſehr bald in Verachtung und mußten ihr Leben in der Verborgenheit friſten, bis ſie endlich ganz verſchwanden. §. 14. Die innere Kraft des Chriſtenthums in der Heiligung des Lebens zur Zeit des Untergangs des Heidenthums. 1) Seit Conſtantin dem Großen wuchs die Zahl der Chriſten durch Uebertritte in außer⸗ ordentlichem Maße. Wer es vor Conſtantin nicht gewagt hatte, ſeiner innern Neigung zu folgen, konnte es jetzt unbedenklich thun und empfand dieſe Freiheit als eine Wohlthat. Doch nicht alle Uebertritte gingen aus ſolcher inneren Neigung hervor. Viele Tauſende folgten gedankenlos nur dem Beiſpiel von oben oder ſuchten durch den Anſchluß an die neue Staatsreligion beſtimmte weltliche Vortheile zu erlangen. Der Gewinn, den das chriſtliche Leben der Gemeinden aus dieſen Uebertritten empfing, war daher ſehr oft ein zweifelhafter, wenn er nicht zuweilen gar in einen ſittlichen Nachtheil umſchlug. Deun das Chriſtenthum ſolcher bloß äußerlich Bekehrten war häufig, wie es nicht anders ſein konnte, nur ein Heidenthum unter chriſtlichen Formen. Erſt mit der Zeit konnte bei ihnen durch den Einfluß des chriſtlichen Gottesdienſtes und Verkehrs eine tiefere Um⸗ wandlung der Gemüther erreicht werden. Es konnte daher auch nicht fehlen, daß der chriſtliche Wandel in weiten Kreiſen von ſeiner früheren Reinheit einbüßte, und daß heidniſche Sünden ungeſtraft um ſich griffen. Beſonders in den zahlreichen und gemiſchten Gemeinden der großen Städte war dies kaum zu überſehen, geſchweige denn durch die alte chriſtliche Kirchenzucht zu verhindern. Die Prieſter ſelbſt entarteten oft in den Tagen des Glücks. 21 2) Trotzdem war die ſittliche Ueberlegenheit des chriſtlichen Glaubens über das ſinkende Heidenthum auch in dieſer Zeit unverkennbar wahrzunehmen. Selbſt heidniſche Gegner und Beſtreiter des Evangeliums, wie Julian der Abtrünnige oder der berühmte Redner Libanius in Antiochien mußten dieſelbe widerwillig anerkennen. Beſonders war es der Ernſt, die Treue und die Zucht des Familienlebens und in dieſem wieder die Demuth, Selbſtverleugnung und Liebe der Frauen und Mütter, was die Bewunderung der Heiden erregte, ſo daß Libanius in einer ſeiner öffentlichen Reden einſt rühmend ausrief: Was für Weiber haben doch die Chriſten! Ein ſchönes Beiſpiel ſolchen ächt chriſtlichen Frauenlebens iſt uns durch den Erzbiſchof Gregor von Konſtantinopel, gewöhnlich Gregor von Nazianz genannt, überliefert worden. Es iſt das Leben ſeiner Mutter Nonna, welches er mit der Liebe eines dankbaren Sohnes beſchrieben hat. In dem gebirgigen, damals noch vielfach von Heiden bewohnten Kappadocien, im Städtchen Nazianz, wurde Nonna aus einer alten chriſtlichen Familie geburen und ſorgfältig erzogen. Mit Gregor, einem angeſehenen Bürger der Stadt, welcher an Einen Gott glaubte, aber kein Chriſt war, trat ſie in die Ehe. Den Gatten zum Glauben an den Heiland zu bringen, war ſeitdem ihr ſehnlichſtes Verlaugen und Gebet. Aber mehr durch thätige Frömmigkeit und liebevolle Hingebung als durch Bitten und Mabnungen ſuchte ſie dies zu erreichen. Niemals vergaß ſie über dem Gottesdienſt die pünktlichſte Sorge für ihr Hausweſen; niemals über der Pflege der Ihrigen das Mitleid und die hülfreiche Theilname für die Armen und Kranken. Durch ſteten Gebets⸗ umgang mit dem Herrn hatte ſie es dahin gebracht, daß ſie alles menſchliche Thun und Leiden, welches ihr aufgelegt wurde, dem göttlichen Willen unterzuordnen vermochte Ihr feuriger und lebhafter Geiſt beſaß in dieſer ſteten Beziehung zu Gott ſein inneres Gleichgewicht. Durch Gottes Gnade durfte ſie wirklich die Bekehrung und Taufe ihres Gatten im J. 325 erleben. Nicht lange darauf trat Gregor ſogar in den geiſtlichen Stand und durfte das Amt eines Biſchofs von Nazianz 45 Jahre lang bekleiden. Seitdem verfloß das Familienleben der Gatten in vollſter Uebereinſtimmung. Ihre drei Kinder, Gorgonia, Gregorius und Cäſarius, ſo verſchieden ſie an Charakter waren, erwuchſen alle zu tüchtigen Menſchen und frommen Chriſten. Den Erſtgeborenen, Gregor, hatte Nonna von Geburt an dem Dienſt des Herrn geweiht, ließ ihn ſchon frühe Gottes Wort leſen und ſich daſſelbe einprägen und erlebte die große Freude, daß er mit innerlichem, ſtillem Sinn ſich zu Gott wandte und in Ihm ſeinen feſten Halt fürs ganze Leben fand. Die Gebete der Mutter geleiteten ihn auf die Katechetenſchule in Alexandrien und ſpäter auch übers Meer, als er in Athen gleichzeitig mit dem ſpäteren Kaiſer Julian dem Studium oblag. Mit dankbarer Freude durfte Nonna den Sohn nach Vollendung ſeiner Ausbildung wieder im Elternhauſe begrüßen und ihn in der Folge als Presbyter in der Gemeinde des Vaters in Segen wirken ſehen. Allerdings erlebte ſie nicht mehr ſeine Erhebung zum Erzbiſchof in Konſtantinopel, aber die innige Frömmigkeit, der feſte Gaube an den Sohn Gottes, die umfaſſende Gelehrſamkeit und der heilige Wandel Gregors waren ihr eine Herzensfreude bis an ihr Ende. Mit Ausnahme Gregors überlebte ſie alle ihre Angehörigen. Zuerſt um 368 ſtarb Cäfarius. Er hatte ſich dem Studium der Naturkunde und Medicin gewidmet, war Leibarzt des Kaiſers geworden, hatte auch ein hohes Staatsamt bekleidet, dann aber wollte er ſich gerade in die Stille der alten Heimath zurückziehen, als ihn der Tod überraſchte. In der Gewißheit, daß Cäſarius im Glauben an den Erlöſer entſchlafen ſei, folgte Nonna dem Trauerzuge im Gewande der chriſtlichen Feſtfreude, im weißen Kleide. Nicht lange darauf ſtand ſie am Sterbebette der glücklich verheiratheten Tochter Gorgonia, welche im Kreiſe der ganzen Familie den letzten Seufzer mit den Worten aushauchte: Ich liege und ſchlafe ganz mit Frieden. Im Frühling 374 ging auch Nonnas Lebensgefährte, der hochbetagte Biſchof Gregor nach laugem Leiden zu ſeiner Ruhe ein. An ſeinem Grabe vernahm ſie aus des Sohnes Munde das ihr aus der. Seele geſprochene Wort: Es giebt nur Ein wahres Leben, nämlich im Glauben auf das göttliche Leben hinzuſchauen; und es giebt nur Einen Tod, nänlich die Sünde. Auch ihr eigenes Leben ſollte aber hienieden nicht mehr lange dauern. Als ſie nach einiger Zeit betend am Altare kniete, fühlte ſie den Tod kommen; mit der einen Hand erfaßte ſie den Altar, die andere erhob ſie flehend zum Himmel und mit den Worten: Sei mir gnädig, mein König Chriſtus! hauchte ſie ihren Geiſt aus. Das Bild der Mutter aber geleitete den Sohn, der ſie überlebte und ihr wie dem Vater und den Geſchwiſtern die Gedächtniß⸗ rede hielt, als eine beglückende Erinnerung bis an ſein eigenes Ende. 4) Die heiligende und beſeligende Kraft des Evangeliums, welche uns im„Leben ſolcher Chriſten entgegentritt, gewan um jene Zeit dem Chriſtenthum auch Eingang bei manchen Völkern außerhalb des römiſchen eichs. Schon zu Conſtantins Zeit bekehrten ſich die Iberier zwiſchen dei ſchwarzen und kaspiſchen Meer, nachdem ihr Fürſtenhaus durch die Gebetskraft einer gefangenen Chriſtin die Macht des Heilandes in Zeiten der Noth empfunden hatte. Ebenſo wurden die Armenier durch Gregor den Erleuchter für die Kirche gewonnen und empfingen durch deſſen Nachkommen, den Patriarchen Mesrob die Bibel in ihrer Landesſprache. Durch zwei fromme Jünglinge, Frumentius und Aedeſius kam das Chriſtenthum nach Abeſſynien. Durch Ulfilas(Vgl.§. 15) wurde es den Weſtgothen bekannt(380), auch die heilige Schrift ihre in Sprache überſetzt. 22 Fünfter Abſchnitt. Die tiefere Erkenntniß der Kirche von Chriſti Perſon und Werk durch den arianiſchen und pelagianiſchen Streit(315— 418). §. 15. Die kirchliche Feſtſtellung der Gottheit Jeſu Chriſti im arianiſchen Streit (315— 381. 388). 1) Das wunderbare gottmenſchliche Weſen Jeſu Chriſti, welches einſt von den Apoſteln anbetend geſchaut und durch ſie der Chriſtenheit in Wort und Schrift bezeugt war(Vgl.§. 3), hatte ſeit dem großen Bekenntniß Petri (Matth. 16, 16. Joh. 6, 68—69) in der Gemeinde des Herrn ſelbſt niemals einen Widerſpruch erfahren, ſondern war in ſchlichtem Glauben von Geſchlecht zu Geſchlecht verkündigt, unter Verfolgungen und Todesnöthen freudig bekannt, in allen Lebenslagen als der Grund der Erlöſung und Beſeligung mit Dank und Preis empfunden worden(Vgl.§. 8, 1). Mit klarem Bewußtſein hatte die Kirche einerſeits die wirkliche Menſchheit des Herrn gegenüber den Gynoſtikern, andererſeits deſſen wahrhaftige Gottheit gegenüber den Juden und Sektirern behauptet und vertheidigt. Beides hatte deßhalb auch ſchon Ende des erſten und Anfang des zweiten Jahrhunderts ſeinen apoſtoliſchen Ausdruck im Tauf— bekenntniß gefunden und im Weſentlichen den zweiten Artikel deſſelben gebildet(Vgl.§. 7, 8). Auch ließ ſich nicht leugnen, daß hiermit dem Bedürfniß der chriſtlichen Frömmigkeit für Bekenntniß, Dank und Anbetung zunächſt in ächt bibliſcher Weiſe genügt war. 2) Anders verhielt es ſich dagegen mit dem Bedürfniß der chriſtlichen Erkenntniß. Wenn auch jeder denkende Chriſt von vorn herein zugab, daß in der Gottmenſchheit des Erlöſers ein unergründliches Geheimniß vorlag, welches nicht durch die Vernunft erklärt, ſondern durch den kindlichen Glauben ins Herz aufgenommen werden wollte, ſo kam es doch der chriſtlichen Erkenntniß gerade darauf an, das eigentliche Weſen und den Inhalt dieſes Geheimniſſes auf Grund der heiligen Schrift ſo genau als möglich zu erforſchen und für Predigt und Unterricht feſtzuſtellen. Unabweisbar dräugten ſich die Fragen auf, ob der Heiland in demſelben Sinne Gott enannt werde, wie Gott der Vater? Oder vielleicht in einem andern? In welchem Verhältniß Er zum ater ſtehe? Ob er von Ewigkeit her Gott geweſen oder es erſt geworden ſei? Beſonders der griechiſchen Chriſtenheil, welche von jeher gewöhnt war, die göttlichen Dinge in philoſophiſcher Weiſe, d. h. mit dem denkenden Verſtande zu behandeln, brannten dieſe Fragen auf der Seele. Eine kirchliche Entſcheidung derſelben, ſoweit ſie aus der Schrift möglich war, konnte daher auf die Dauer nicht vermieden werden. Andrerſeits konnte aber auch bei der Beſtimmthiit, mit welcher ſich die heil. Schrift in einzelnen Stellen über dieſen Gegenſtand ausſpricht, die ſchließliche Entſcheidung der Kirche für die ewige Gottheit und für die Weſensgleichheit des Sohnes mit dem Vater um ſo weniger zweifelhaft ſein, als ja die unbedingte Wahrheit der neuteſtamentlichen Offenbarung und die Wirklichkeit des geſchehenen Erlöſungswerks nur in der wahrhaftigen und ewigen Gottheit des Menſchenſohnes ihren Halt hat. Doch nicht ohne lange und ſchmerzliche Kämpfe rang ſich die Chriſtenheit zu dieſer Entſcheidung durch. Zwei volle Menſchenalter dauerte der arianiſche Streit, immer von Neuem angefacht durch den Irrthum, Unverſtand und Unglauben der Einen wie durch den Neid oder durch den politiſch— kirchlichen Haß der Andern, bis Theodoſins der Große und Valentinian II. der Erneuerung deſſelben zum Heil des Reichs und der Kirche ein Ziel ſetzten. 3) Arius, ein gelehrter Presbyter zu Alexandrien behauptete um 318 gegen den Erzbiſchof Alexander, welcher die Weſensgleichheit des Sohnes mit dem Vater lehrte, in einer Streitſchrift die Sätze a) der Sohn ſei nicht von Ewigkeit her Gott, ſondern es erſt geworden b) Er ſei mit dem Vater nicht gleichen Weſens, ſondern von ihm verſchieden c) Es habe eine Zeit gegeben, wo Er noch nicht vorhanden war, und er ſei erſt vom Vater geſchaffen worden d) dieſe Schöpfung des Sohnes habe vor Gründung der Welt ſtattgefunden e) Alle andere Creaturen ſeien dann durch den Sohn geſchaffen 4) der Sohn ſelbſt ſei vom Vater zu Gott gemacht worden. Wegen dieſer Lehren wurde Arius 321 ſeines Amtes entſetzt. Da jedoch hierüber ein Streit ausbrach der Kirche und Reich zu zerreißen drohte(Brgl.§. 10, 3. 12, 1), ſo berief Conſtantin der Gr. zur Beilegung deſſelben im J. 325 die erſte allgemeine Kirchenverſammlung nach Nicäa, in welcher er ſelbſt den Vorſitz führte. Unter dem Einfluß des jungen, aber geiſtesmächtigen Athanaſius, des Vaters der Rechtgläubigkeit und ſpäteren Erzbiſchofs von Alexandrien erklärten die Biſchöfe des Concils im Niceniſchen Glaubensbekenntniß(Symbolum Nicenum), daß der Sohn mit dem Vater gleiches Weſens(6 G⁴ο QQ?‧, consubstantialis) ſei. Arius wurde nach Illyrien verbannt und von der Kirche ausgeſchloſſen. Als er im J. 335 nach erfolgter Sinnesänderung Conſtantins und nach den Beſchlüſſen der Synode zu Tyrus wieder in die Kirche aufgenommen werden ſollte, ſtarb er zu Conſtantinopel, ohne die Wiederaufnahme erreicht zu haben, eines elenden Todes(336). 23 Sein großer Gegner Athanaſius, der ſchon 326 Erzbiſchof von Alexandrien wurde, mußte in Folge der verſchiedenen Wendungen des arianiſchen Streites viermal ins Exil gehen, darunter einmal auf Befehl des Kaiſers Julian, weil dieſer über die zahlreichen durch Athanaſius bewirkten Heiden⸗ bekehrungen erbittert war(Vergl.§. 13, 4). Erſt in den letzten Jahren durfte er ruhig in Alexandrien leben und ſtarb dort 373. Der Streit aber dauerte im Orient noch bis zum J. 381. In dieſem Jahr nämlich berief Theodoſius der Große das zweite allgemeine Coneil nach Conſtan⸗ tinopel, welches das Niceniſche Bekenntniß beſtätigte und erweiterte. Den Beſchlüſſen deſſelben traten allmälig theils gezwungen theils freiwillig die ganzen und halben Arianer bei. Im Abend⸗ land wurden ſie noch einige Jahre durch Valentinian II. geſchützt, ſeit 388 aber auch von dieſem unterdrückt. 4) Ein längeres Daſein friſtete der Arianismus unter einigen germaniſchen Völkern. Die Weſtgothen an der unteren Donau, von welchen ein Theil ſchon zu Conſtantins des Gr. Zeit Chriſten waren, wurden 376 auf ihrer Flucht vor den Hunnen vom arianiſchen Kaiſer Valens nur unter der Bedingung des Uebertritts aufgenommen und empfingen ſo den arianiſchen Glauben. Ihr Biſchof Ulfilas, der Ueberſetzer der heiligen Schrift, ſtarb fern von ſeinem Volke 388 in Conſtantinopel. Das tapfere Volk aber hielt den arianiſchen Glauben feſt und verbreitete ihn weiter bei Oſtgothen, Longoborden, Vandalen und Burgunden. Doch gereichte die falſche Lehre allen dieſen Völkorn nicht zum Segen. Denn einerſeits war ſie durch die mit ihr verbundene Herabſetzung des Erlöſers unerbaulich und unkräftig für das höhere Seelenleben, andrerſeits bewirkte ſie eine ſo tiefe Spaltung zwiſchen jenen Völkern und den übrigen Chriſten, daß entweder die beſten Kräfte der arianiſchen Germanen ſich in nutzloſem Kampfe mit den Katholiken verzehrten, oder daß ihnen zuletzt nichts anderes übrig blieb als doch noch den Glauben der allgemeinen Kirche anzunehmen. So thaten die Burgunden in Gallien bereits 536, die Weſtgothen in Spanien unter ihrem König Rekkared 586, die Longobarden unter Grimoald 672; die Vandalen aber, welche Nordafrika erobert hatten, geriethen durch Sittenloſigkeit und durch grauſame Verfolgung der andern Chriſten in eine ſolche Zerrüttung, daß ſie 534 durch Beliſar völlig vernichtet wurden und aus der Geſchichte verſchwanden, ein Schickſal, welches 554 auch den Öſtgothen in Italien bereitet wurde. 5) Die Erkenntniß von der wahrhaftigen Gottheit und Menſchheit Jeſu Chriſti, wie ſie der Kirche auf Grund der heiligen Schrift in den langen Kämpfen des arianiſchen Streits aufging und im Bekenntniß von Nicäa(325) und Konſtantinopel(381)(dem Symbolum Niceno-Kon- stantinopolitanum) bezeugt wurde, bildet ſeitdem für die kirchliche Lehre von Chriſto den Grund und Ausgangspunkt, an welchem auch die evangeliſche Chriſtenheit unverrückt feſthalten muß, wenn ſie in Wahrheit ein Glied der allgemeinen Kirche bleiben will(Vergl.§. 3). §. 16. Die tiefere Erkenntniß des Erlöſungswerkes Jeſu Chriſti im pelagianiſchen Streit(409—431). 1) War es vorzugsweiſe die griechiſche und orientaliſche Chriſtenheit, welche im arianiſchen Streit den Lehrinhalt der heiligen Schrift über die ewige Gottheit und über die Weſensgleichheit des Sohnes mit dem Vater erforſchte und zur kirchlichen Feſtſtellung brachte, ſo war es andererſeits der Kirche des Abendlandes vorbehalten, im Streit zwiſchen Pelagius und Auguſtinus die Zeugniſſe der Apoſtel und Evangeliſten über die angeborne Sünde und Untüchtigkeit des Menſchen, über die Unzulänglichkeit alles eignen Wollens und Thuns zur Seligkeit, uͤber die Nothwendigkeit des Erlöſungswerks Jeſu Chriſti und über die alleinige Heilswirkſamkeit der göttlichem Gnade im Bewußtſein der Chriſtenheit aufzufriſchen und feſtzuſtellen. Die großen und tiefen inneren Erlebniſſe, welche in dieſer Beziehung unter der Leitung des Herrn einſt durch den Weltapoſtel gemacht waren (Vergl.§. 6, 1— 5), mußten ſich zu dem Ende wenigſtens theilweiſe in der Seele des Mannes wiederholen, der in dieſer Sache, ähnlich wie Athanaſius im arianiſchen Streit, zum Träger und Vertheidiger der göttlichen Wahrheit gegenüber dem menſchlichen Irrthum von Gott beſtimmt war, nämlich in Aurelius Auguſtinus(354—430). 2) Geboren zu Tagaſte in Numidien den 13. November 354 als älteſter Sohn des heidniſchen Rechtsgelehrten Patricius und der frommen Chriſtin Monica, begabt mit einem ſcharfen Verſtand, einer lebhaften und glühenden Empfindung, einem kräftigen Willen und einer ſchöpferiſchen Phantaſie, wuchs er unter den heißen Gebeten und innigen Liebesbeweiſen der Mutter wie unter der ſtrengen Zucht des Vaters anfänglich glücklich heran. Nachdem jedoch der 24 Vater, der ſich eben hatte taufen laſſen, einem frühen Tode erlegen war, konnte die Mutter den Feuergeiſt des Sohnes nicht mehr zügeln. Das Wort Gottes, womit ſie ihn zu leiten ſuchte, fand in ſeinem Herzen keinen Widerhall mehr. Auf der hohen Schule zu Karthago, wo er die römiſche Literatur und Redekunſt ſtudirte, gerieth er durch leichtfertige Genoſſen in ſinnliche Ausſchweifungen. Er fühlte ſich in denſelben zwar nicht glücklich, aber er blieb von ihnen gebunden für viele Jahre, ja ſie ließen in ſeiner Seele auch nach der ſpäteren Bekehrung für immer einen dunkeln Flecken zurück. Aus der elenden Knechtſchaft ſeiner Lüſte wurde er zuerſt wieder etwas erweckt durch Ciceros beredte Worte vom Werthe der Philoſophie. Er fing an, nach einer ewigen Wahrheit zu ſuchen. Die Manichäer(Vgl.§. 9, d), welche die großen Gegenſätze des Lebens, Gut und Böſe, Gewiſſen und Sünde, Freude und Schmerz, Leben und Tod, Licht und Finſterniß durch Annahme zweier Gottheiten, einer guten und einer böſen, erklären wollten und einem Jeden, der ſich ihnen anſchloß, vollkommene Wahrheit und Erlöſung verſprachen, wußten ihn in ihre Kreiſe zu ziehen. Als ſein ſcharfer Verſtand ihm die Lücken und Täuſchungen ihrer Lehren enthüllte, verzweifelte er jedoch an aller Wahrheit. Die Schriften der akademiſchen Philoſophen oder Skeptiker, welche die Möglichkeit jeder wahren Erkenntniß leugneten, beſtärkten ihn dieſer troſtloſen Meinung; das ganze Leben erſchien ihm nichtig und ziellos. 3) Nach einem vergeblichen Verſuch, ſich in Rem als Lehrer der Beredtſamkeit eine geſicherte Stellung zu ſchaffen, folgte er einem Rufe nach Mailand, wohin auch die Mutter ihm nachzog. Hier ging ihm ein neues Leben durch das Studium der platoniſchen Philoſophie auf. Er fing wieder an, an die Wahrheit und an die Möglichkeit ihrer Erkenntniß zu glauben. Durch den Ruf des berühmten Erzbiſchofs Ambroſius von Mailand angezogen, hörte er deſſen Predigten. Was Platon ihm verhieß, fand er nun im Evangelium, die Liebe des Gottes, der Schöpfer und Erlöſer der Welt iſt. Das Wort Gottes wurde ihm als Urkunde der Offenbarung bezeugt; er forſchie und ſuchte darin. Furchtbar ging ihm aus den Schriften Pauli ſeine Sünde auf; tiefe Sehnſucht nach Gott geweihtem Leben ergriff ihn; die Gebete der Mutter, welche ihn auf allen ſeinen Wegen begleitet hatten, vereinigten ſich mit ſeinen eigenen; Unterredungen mit chriſtlichen Freunden trieben ihn zur Entſcheidung Da vernahm er eines Tages, als er in Thränen und Gebet vor Gott ſein Herz ausſchüttete, eine Stimme: Nimm und lies! Er ſchlug die Pauliniſchen Briefe, die auf der Gartenbank lagen, auf; ſein Blick fiel auf die Worte Röm. 13, 13— 14: Nicht im Freſſen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid; ſondern ziehet an den Herrn Jeſum Chriſtum! Da fühlte er, daß der Wendepunkt in ſeinem Leben gekommen war, und wurde Chriſt. In der Öſternacht 38 wurde er von Ambroſius getauft. Von dem Vorbild der ägyptiſchen Mönche, die der Welt gänzlich zu entſagen ſchienen, ergriffen, gab er nun ſeine Stellung in Mailand auf und zog ſich mit gleichgeſinnten Freunden nach Hippo in Nordafrika zurück, um in ſtiller Gemeinſchaft mit ihnen dem Gebet und dem Worte Gottes zu leben. Aber ſeine großen Gaben blieben nicht verborgen; der alte Biſchof Valerius weihte ihn 391 zum Presbyter, 395 zu ſeinem Mitbiſchof. In dieſem Amte blieb er bis zu ſeinem Tode am 28. Auguſt 430 während der Belagerung Hippos durch die Vandalen. Sein Leben gehörte ganz der Kirche. In klöſterlicher Gemeinſchaft mit den Geiſtlichen von Hippo, unter einer umfaſſenden literariſchen Thätigkeit, auf zahlloſen Reiſen, in Verhandlungen mit Sektirern und Glaubensgenoſſen floß es bin. Die Grundſtimmung aber, welche ihn bis zum letzten Athemzug erfüllte, war Dank und Liebe gegen Gott, daß er Sich ſeiner erbarmt hatte. Gottes Gnade allein hatte ihn aus ſeinen Sünden und Irrthuͤmern gerettet, Chriſti Verdienſt ihn gerecht gemacht; ſeinem eignen Thun hatte er nur Elend, Schuld und Verlorenheit zu verdanken, der Gnade Gottes Leben, Friede und Seligket. Tiefer als irgend ein Kirchenlehrer ſeit Pauli Zeiten hatte er dies empfunden; klarer und entſchiedener als irgend einer konnte er es der Kirche ins Gedächtniß rufen und er that dies im pelagianiſchen Streit mit entſcheidendem Erfolg. 4) Morgan Pelagius, ein Mönch oder Asket aus Brittanien, welcher ſeit 409 in Rom, 411 in Karthago, ausgeſchloſſen und auch deſſen Nachfolger Zoſimus, der ihm 417 zuerſt recht gegeben, im J. 418 dieſe Ausſchließung wiederholt hatte, wurde Pelagius mit allen ſeinen Anhängern vertrieben und auf der dritten allgemeinen Kirchen⸗ verſammlung zu Epheſus im J 431 von der ganzen Kirche verworfen. .5) WMit Recht hatte Auguſtin hervorgehoben, daß durch die Lehre des Pelagius das ganze Erlöſungswerk Jeſu Chriſti in Frage geſtellt und überflüſſig gemacht werde. Mit Recht hatte er die Unfahigkeit der Menſchen zum wahrhaft Guten, die unermeßliche Schuld der Sünde und die Freiheit und Verantwortlichkeit verhalte, nicht anders als durch die Lehre von der ewigen Prädeſti⸗ nation der Einen zum Leben, der Anderen zur Verdammniß herauszuhelfen wußte, wenn er demgemäß nicht nur die Buße und Bekehrung der Einen, ſondern auch die Unbußfertigkeit und Verſtockung der Andern lediglich als Folge des unbedingten und unerforſchlichen Rathſchluſſes Gottes anſah, welchem gegenüber die menſchliche Freiheit und Selbſtbeſtimmung in ſeinen Augen gänzlich verſchwand oder zu einer Selbſttänſchung herabſank, ſo überſah er hierbei einmal, daß die heilige Schrift 25 ebenſowohl die Alleinwirkſamkeit der Gnade wie die Selbſtthätigkeit des Menſchen feſthält, und zum Andern, daß das Verhältniß beider zu einander zu jenen letzten und höchſten Fragen der Religion. und Philoſophie gehört, welche für unſer Denken einen Widerſpruch enthalten, der auf der gegen⸗ wärtigen Stufe unſeres Daſeins nicht gelöſt werden kann, ſondern auf eine Ausgleichung im künftigen Leben hinweiſt. 9) Bei dem Zuge zu kirchlicher und leiblich⸗asketiſcher Werkheiligkeit, der zu Auguſtins Zeiten bereits die ganze Chriſtenheit ergriffen hatte, wurde übrigens die Lehre Auguſtins von der Sünde und von der Gnade weder im Morgenland noch im Abendland in ihrer vollen Reinheit feſtgehalten. Der Zug der Zeit ging dahin, ein eignes Verdienſt des Menſchen, zum wenigſten eine Mitwirkung deſſelben zu ſeiner Seligkeit aufzurichten. Wenn daher auch ſpäter immer behauptet wurde, daß man ſich an Auguſtinus halte, ſo ging man doch in Wirklichkeit weit von ihm ab und folgte einer vermittelnden Nichtung, dem ſog. Semipelagianismus. Erſt die Reformation knüpfte durch Luther und Calvin wieder entſchieden und bewußt an Auguſtinus an, that aber den großen Schritt weiter, daß ſie auch die Erfahrung St. Pauli von der Rechtfertigung aus dem Glauben, welche von Auguſtin noch nicht gemacht war, in tiefen innern Kämpfen ſich aneignete und zu kirchlicher Geltung brachte. Sechſter Abſchnitt. Die Ausbildung des Katholicismus durch unevangeliſche Rückwirkungen des Judenthums und Heidenthums auf das kirchliche Leben bis Ende des fünften Jahrhunderts. §. 17. Die Umbildung der chriſtlichen Geiſtlichkeit in die prieſterliche Hierarchie des Kattblicismus nach den Vorbildern des Alten Teſtaments. 9 1) Als die Kirche am Pfingſtfeſt durch den Herrn gegründet wurde, kannte ſie kein mittleriſches Prieſterthum im altteſtamentlichen Sinne. Er kam nicht mehr darauf an, den heiligen Gott mit der ſündigen Welt zu verſöhnen. Das war durch den Hohenprieſter des Neuen Bundes, den Herrn Jeſum Selbſt geſchehen(Joh. 19, 30. 2 Kor. 5, 18— 21). Eine ewige Erlöſung war durch Ihn errungen(Hebr. 5, 9. 7, 23— 27. 9, 11— 12. 10, 10— 12). Es bedurfte keines weitern Opfers, keiner prieſterlichen Vermittelung mehr zum Heil der Menſchheit. Vielmehr handelte es ſich jetzt unter dem Neuen Bunde nur darum, die Früchte des vom Herrn vollbrachten Erlöſungswerks den Meuſchen zuzueignen. Und zu dieſem Zweck hatte der Herr Jeſus ein Einziges Amt in Seiner Kirche geſtiftet, das Amt des Neuen Teſtamentes, das Amt, das die Verſöhnung predigt(2 Kor. 5, 18— 21. 3, 6— 9). Im Weſentlichen ſollte dies Amt ausgerichtet werden durch Taufe, Predigt, Abendmahl und Zucht und war der ganzen Kirche als der Inhaberin des neuteſta⸗ mentlichen geiſtlichen Prieſterthums vom Herrn übertragen(Vergl.§. 3, 1—4. 1. Ptr. 2, 9. Matth. 18, 15—18)... 2) Weil jedoch die Gemeinde zu ihrer erſten Ausbreitung und Leitung erfahrene und im Glauben gegründete Männer nöthig hatte, welche von Jeſu Chriſto und Seinem Werk mündliches und ſchriftliches Zeugniß ablegen konnten(Joh. 15, 26— 27. A. G. 1, 8. 10, 39— 42), ſo hatte Sich der Herr ſchon vorher die zwölf Apoſtel erwählt, welchen durch ihre Stellung an der Spitze der Kirche nach dem Befehl des Herrn auch die Aufgabe zufiel, das der ganzen Gemeinde übertragene Amt des Neuen Teſtamentes ſowohl gegenüber den Chriſten als gegenüber den Unbekehrten zu führen. Ihnen kam es daher zu, unter Leitung des heiligen Geiſtes die ganze Lehre Chriſti als ſeine Stellvertreter an die Menſchheit zu überliefern(Matth. 28, 18— 20. Mrc. 16, 15— 16. Luk. 10, 16. Joh. 16, 19— 20). Und die Apoſtel entledigten ſich dieſer Aufgabe zuerſt durch mündliche Predigt, dann aber, ſobald und ſo oft das Bedürfniß eintrat, durch Abfaſſung der Evangelien und Briefe des Neuen Teſtaments. Ihrer großen Verantwortlichkeit eingedenk unter⸗ 4 26 ſchieden ſie dabei genau die Offenbarungen des Herrn von ihren eignen Gedanken(1 Kor. 7, 6; 7, 10; 7, 25) und verkündigten denen Gottes Gericht, welche an der überlieferten Offenbarung ändern würden(Gal. 1, 8. O. Joh. 22, 18— 19. 2 Tim. 3, 14:c.) 3) Da den Apoſteln vom Herrn nicht befohlen war, ihr beſonderes apoſtoliſches, bloß für die erſte Ausbreitung und Leitung der Kirche geſtiftetes Amt noch auf andere Chriſten zu übertragen, ſo lag ihnen für den Fall des Bedürfniſſes uur ob, die Fortführung des der Kirche übertragenen neuteſtamentlichen Amtes durch geeignete Perſonen zu ſichern. Auf Antrieb des heiligen Geiſtes und im Anſchluß an die Einrichtungen der jüdiſchen Synagogengemeinden ſetzten ſie deßhalb in den Gemeinden Presbyter oder Aelteſte, auch Biſchöfe, Hirten und Lehrer genannt, ein(Vgl.§. 6, 6. 7, 7. 9, 3), ſandten zur Reiſepredigt Evangeliſten aus und gründeten zur Armenpflege den Diakonat. 4) Die Aufgabe, welche hiernach den Aelteſten,(bzw. Biſchöfen, Hirten und Lehrern), ſowie den Evangeliſten in Abweſenheit der Apoſtel oder nach deren Tode zufiel, war lediglich die weitere Ausbreitung des Heils durch treue und gewiſſenhafte Fortführung des neuteſtamentlichen Amtes, wie es ihnen von den Apoſteln überkommen war(A. G. 20, 27— 31. 1 Tim. 1, 3— 4. 4, 6; 4, 16; 6, 3— 4; 6, 20 u. ſ. w.). Sie waren nicht berechtigt, irgend etwas hinzuzuthun oder abzuthun, ſondern verbunden, ſich durchaus an die mündlichen und ſchriftlichen Mittheilungen der Apoſtel zu halten. Hieraus folgte aber mit Nothwendigkeit, daß ſie insbeſondere die ſchriftlichen Aufzeichnungen der Apoſtel, weil dieſe ſtets ſicherer waren als die bloße Erinnerung an das gehörte Wort, ſowohl perſönlich fleißig ſtudiren als auch in die Hände der Gemeindeglieder geben und im Gottesdienſt benutzen mußten(Kol. 4, 16). 5) Allein hier begingen die Nachfolger der Apoſtel und noch mehr der Apoſtelſchüler einen Fehler, welcher für die weitere evangeliſche Entwickelung der Kirche von den nachtheiligſten Folgen war. Während ſie nämlich, wie man aus ihren Schriften ſieht, die Werke der Apoſtel und Evangeliſten recht wohl kannten, auch aufs höchſte ſchätzten, verſäumten ſie doch die rechte Benutzung derſelden in hohem Maße. Alltzuſehr verließen ſie ſich auf die eigne Erinnerung an das gehörte Wort und gewöhnten dem entſprechend auch die Gemeinden daran, blindlings auf das bloße Wort der Verkündigung hin zu glauben und zu handeln. Als die vermeintlichen Träger der Tradition ſetzten ſie ſich unberechtigter Weiſe an die Stelle der Apoſtel, ja des Herrn Chriſtus ſelbſt. So that z. B. ſchon in gutem Glauben der Biſchof und Märtyrer Ignatius von Antiochien. 6) Da nun das Anſehen der Biſchöfe durch die Verfolgung gerade in jenen Zeiten auch ſonſt ſchon wuchs(Vergl.§. 9, 3), ſo war deſto weniger aus dieſem Fehler herauszukommen, dagegen war eine Umbildung des chriſtlichen neuteſtamentlichen Amtes in eine altteſtamentlich gedachte Hierarchie um ſo leichter möglich, weil beſonders das Alte Teſtament im Gottesdienſt geleſen und auf die Verhältniſſe der Chriſtenheit angewendet wurde. Es lag daher nahe, die bereits ſo hach hinaufegrückte Geiſtlichkeit der Kirche als die neuteſtamentliche Vollendung des altteſtamentlichen Prieſterthums anzuſehen. Um das Jahr 250, die Zeit der Decianiſchen Ver⸗ folgung, war dies ſchon allgemein üblich. Der Biſchof galt als Prieſter, der Diakon als Levit. Man nannte der Biſchof Patriarch(Erzvater) und Papa, Vater(Vergl.§. 9.) 7) Indem man überſah, daß die altteſtamentlichen Opfer durch das Opfer des Herrn in Ewigkeit vollendet ſind, begann man nach obiger Anſchauung den Biſchöfen auch Opferhandlungen altteſtamentlichen Charakters zuzuſchreiben. Allerdings geſchah dies noch nicht im zweiten Jahrhundert. Man hatte damals noch das Bewußtſein, daß das Opfer im Abendmahl lediglich ein neuteſtamentliches Dankopfer(Vgl.§. 5, 2) war, verbunden mit der Herzenshingabe an den Herrn im Gebet. Aber ſeit dem dritten und vierten Jahrhundert wendete man dies im Gedanken an den Opfertod Chriſti ſo, daß man annahm, der gekreuzigte Leib des Herrn werde vom Prieſter Gott zum Opfer dargebracht; der Begriff des Dankopfers floß in den des Sühnopfers über, ohne daß man ſich des darin liegenden Widerſpruchs gegen das ganze Neue Teſtament bewußt wurde. Die ſpätere Lehre von der Brodverwandlung aber war hiermit vorbereitet und die mittleriſche Stellung des katholiſchen Prieſterthums angebahnt.... 8) Alledem entſprechend machte man auch einen hierarchiſchen Unterſchied von Klerus und Laien, von Prieſterthum und Gemeinde. Während im Neuen Teſtament noch die ganze Gemeinde mit Einſchluß der Apoſtel als„das auserwählte Geſchlecht, das königliche Prieſterthum(keodrewuc, sacerdotium), das heilige Volk, das Volk des Eigenthums“ bezeichnet wurde, trennte man nunmehr die Geiſtlichkeit als Klerus(2σ, clerus, Loos, Eigenthum), d. h. als beſonderes Eigenthum Gottes und als Prieſterſchaft(ksoeus, sacerdos, ksoονν, sacerdotium), von den Laien(9, 27 vulgus, Volk; laici Leute), den Nichtgeiſtlichen, wie einſt der Prieſterſtamm Levi vom übrigen Volk Israel getrennt geweſen war. Dieſer Prieſterſtand, zumal die Biſchöfe galten nun als alleinige Inhaber der von den Apoſteln überlieferten Heilsgüter und Wahrheiten. Eine ſchon damals oft unevangeliſche Tradition entſchied auf dieſe Weiſe über Dinge, welche allein aus den Schriften der Apoſtel hätten richtig entſchieden werden können, ja die Schriften der Apoſtel ſelbſt wurden häufig nach dieſer falſchen Tradition ausgelegt und erklärt. §. 18. Der Uebergang des urſprünglichen chriſtlichen Glaubens in das neue Cärimonial⸗ des tholicismus unter dem Einfluß altteſtamentlicher und heidni geſetz des Katholieism din Herufinen. ſt ch ud heidniſcher 1) Auf die Frage: Was muß ich thun, daß ich ſelig werde? hatten die Apoſtel des Herrn mündlich und ſchrifklich die vom Herrn Selbſt befohlene Antwort gegeben: Thue Buße und glaube an das Evangelium(Mrc. 1, 15. Mtth. 9, 2. A. G. 2, 38. 4, 12. 15, 10— 11. 1 Petr. 1, 18—19. A. G. 16, 30— 31 u. ſ. w.). Auf das Beſtimmteſte hatten ſie die Behauptung engherziger Juden⸗ chriſten zurückgewieſen, daß neben dem Glauben an Chriſtum auch die Erfüllung des Cärimonial⸗ geſetzes nöthig oder gute Werke verdienſtlich ſeien(Eph. 2, 8— 9. Vrgl.§. 4, 2. 5, 4. 6, 1— 6. 7, 6). Zwar hatten ſie die guten Werke nach dem Wort des Herrn(Luk. 17, 10) als eine ſelbſtverſtändliche Pflicht des Chriſten und als eine nothwendige Frucht ſeines Glaubens(Gal. 5, 6. Röm. 6, 11—13) bezeichnet, allein andrerſeits hatten ſie auch die Mangelhaftigkeit und Unzulänglichkeit derſelben vor Gott deutlich hervorgehoben(Röm. 7, 18—23). Nur gegen eine todte Rechtgläubigkeit ohne Bekehrung des Herzens und folgeweiſe auch ohne die Frucht der guten Werke hatte Jakobus d. J. in ſeinem Briefe betont(Jak. 2, 14— 24), daß der Glaube ohne die Werke nicht ſelig mache. Aus den Schriften und aus der mündlichen Lehre der Apoſtel ſtand aber unzweifelhaft feſt, daß der Menſch nur aus Gnaden und durch Chriſti Verdienſt, nicht aber durch ſeine eigenen Werke die Gerechtigkeit vor Gott erlangen könne, und daß er das Verdienſt Jeſu Chriſti durch Buße und Glauben ergreifen müſſe.:: 2) Mit dieſer entſchiedenen Lehre des Evangeliums, welche allein ein ſchuldbeladenes Herz wirklich troͤſten kann, hatte ſich jedoch der Hochmuth und die Selbſtgerechtigkeit vieler Chriſten ſchon in der apoſtoliſchen Zeit nicht befreunden wollen. Abgeſehen von den engherzigen, ehemals phariſäiſchen Judenchriſten, welche bereits als ſtandhafte Verfechter des Cärimonialgeſetzes mehrfach erwähnt ſind, traten auch ſolche Chriſten dagegen auf, welche von eſſeniſchen oder cyniſchen und neupythagoräiſchen Anſichten ausgingen. Erſt in der Beobachtung beſtimmter leiblich⸗ascetiſcher Vorſchriften, wie z. B. im ausſchließlichen Genuſſe vegetabiliſcher Nahrung, in der Vermeidung von Fleiſch und Wein, in der Verwerfung der Ehe, und in engelgleicher Keuſchheit(Col. 2, 16—23. Röm. 14, 1— 23. 1 Tim. 4, 3) meinten ſie die Vollkommenheit des Chriſtenlebens zu erreichen. Während der Herr Chriſtus Selbſt einem Jeden überlaſſen hatte, in aufrichtiger Selbſtprüfung vor Gott ſich zu entſcheiden, wie er es zum Heil ſeiner Seele und zur Förderung des Reiches Gottes mit den erlaubten natürlichen Genüſſen und mit der Ehe halten wollte(Matth. 5, 29— 30. 19, 11—12. 15, 11; 15, 17); während auch der Apoſtel Paulus, welcher nach ſeiner Privat⸗ anſicht die Eheloſigkeit und vöͤllige Keuſchheit allen Chriſten zu wünſchen geneigt war(1 Kor. 7, 1. 6. 7. 26. 32), die perſönliche Gewiſſensfreiheit eines Jeden in allen dieſen Dingen aufs Stärkſte hervorhob(1 Kor. 7, 17. 24. Röm 14, 1— 23. 15, 1— 2. 1 Tim. 4, 3— 5) und auf die Enthaltung von Speiſen kein Gewicht legte(1 Tim. 4, 8), obgleich er für ſeine Perſon ſehr viel faſtete(2 Kor. 11, 27).; ſo wollten dagegen jene ehemals eſſeniſchen oder eyniſchen und neupytha⸗ goräiſchen Chriſten aus ihrer Enthaltung wo möglich ein Geſetz für alle Chriſten machen, wodurch der Glaube an Chriſtum erſt ergänzt werden ſollte. Da ſich jedoch dieſe Beſtrebungen nicht durchführen ließen, ſo verfiel man bereits im zweiten Jahrhundert auf den Ausweg, zweierlei chriſtliche Sittlichkeit zu unterſcheiden, nämlich eine gewöhnliche, welche für alle Chriſten nothwendig ſei, und eine beſondere, welche nur für die Vollkommenen maßgebend ſei und nur angerathen, aber nicht vorgeſchrieben werden könne(consilia evangelica). Dieſer Ausweg eniſprach am allermeiſten der unbewußten Eitelkeit des Menſchenherzens, welche ihr Heil nicht bloß der Gnade verdauken, ſondern auch etwas Tüchtiges durch eigne Leiſtungen erringen und zugleich vor andern glänzen will, welche nur eine gewöhnliche Tugend erweiſen. Auf dieſe Weiſe entſtand in der Kirche, zumal beim Vorwiegen der Tradition über die Schrift(Vergl.§. 17, 4—8) und unter dem Druck der 4* 8— 28 Verfolgungen, wo es ohnehin klüger ſchien freiwillig auf Alles zu verzichten als es ſich erſt durch Gewalt entreißen zu laſſen(Vergl.§. 7. 8. 10), bereits ſeit dem zweiten Jahrhundert jene werk⸗ heilige, cärimonielle Richtung, welche ſich in den katholiſchen Abthrilungen der Chriſtenheit bis dieſen Tag behauptet hat und nur bei den evangeliſchen Chriſten ſeit der Reformazion wieder beſeitigt iſt. Der Glaube, welcher im Neuen Teſtament ein herzliches Vertrauen und eine Hingabe an den Herrn iſt, wurde dabei ein bloßes Fürwahrhalten der kirchlichen Lehre. Der Herr Jeſus Chriſtus Selbſt aber, welcher gekommen iſt, die Menſchen aus der Knechtſchaft der Sünde und von den Schrecken des Geſetzes zu erlöſen, wurde mehr und mehr als ein heiliger Geſetzgeber vorgeſtellt, als ein neuteſtamentlicher Moſes, deſſen Wohlgefallen durch gehorſame Erfüllung der kirchlichen Gebote verdient werden mußte. Ein chriſt'iches Cärimonialgeſetz trat an die Stelle des jüdiſchen. a) Eine der erſten Spuren dieſer Nichtung zeigt ſich in der geſetzlichen Einführung des Faſtens in der ganzen Kirche. Als unwillkürlicher Ausdruck tiefſter Gemüthsbewegung in Schmerz, Arbeit oder Freude findet ſich das Faſten gelegentlich bei allen Menſchen. Als abſichtlicher, doch meiſt freiwilliger, ſelten durch die Religion vorgeſchriebener Ausdruck des Sündenſchmerzes und der andächtigen Gebetsſtimmung wurde es ſowohl von den Heiden als von den Juden häufig geübt. Nur einmal im Jahre, am großen Verſöhnungstage, mußte ganz Israel geſetzlich faſten. Doch artete das Faſten ſchon bei den Israeliten häufig in Werkheiligkeit aus, indem die leibliche Kaſteiung als ſolche ein Verdienſt vor Gott begründen und die innere Buße erſetzen ſollte(Jeſ. 58, 3— 7). Denſelben Mißbrauch des Faſtens mußte der Herr Jeſus bei den Phariſäern bekämpfen(Matth. 6, 15— 18. Vgl.§. 1, 5) und ſeine Jünger davor warnen. Beim Heiland ſelbſt finden wir nur ein einziges Faſten, als Er unmittelbar nach Seiner Taufe, getrieben von der Fülle des Geiſtes und im Gebetsumgang mit Gott unter vierzigtägiger Enthaltung von Speiſe und Pank Sich für die Verſuchung vorbereitete. Auch von den Jüngern forderte Er es nicht, ſondern ſtellte es ihnen frei; nur machte Er zur Bedingung alles Faſtens, daß es kein verdienſtliches Werk ſein dürfte, ſondern aufrichtiger Ausdruck der Herzensſtimmung(Buße, Andacht; Matth. 6, 16—18. 17, 21). Nach der Himmelfahrt des Herrn faſteten die Jünger öfters, wie es ihnen von Ihm Selbſt vorhergeſagt war(Matth. 9, 15), beſonders bei wichtigen Unternehmungen (A. G. 13, 2— 3); das Faſten war dann ſtets freiwillig und diente zur Vertiefung des Gebets, niemals aber galt es als an ſich verdieuſtlich oder heilſam; überhaupt wurde ihm nur wenig Nutzen beigelegt(1 Tim. 4, 8), da ja das Reich Gottes nicht auf Eſſen und Trinken beruht, ſondern auf Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geiſt (Röm. 14, 17. Ebr. 13, 9). Dagegen um ſo entſchiedener wurde bei allen Chriſten auf die Mäßigkeit und Nüchtern- heit zum Gebet gedrungen(1 Petr. 1, 13. 4, 8). Trotz alledem wurde das regelmäßige Faſten ſchon ſeit dem zweiten Jahrhundert als nothwendige Form des chriſtlichen Lebens gefordert und geübt. Die morgenländiſche Kirche faſiete damals ſchon jeden Mittwoch und Freitag zum Gedächtniß des Leidens Chriſti bis Nachmittags 3 Uhr (dies stationum); die römiſche faſteten jeden Sabbath; in der Zeit vor Qſtern wurde bald ein längeres bald ein kürzeres Faſten vorgeſchrieben, bis man bei 40 Tagen, der ſpäteren Faſtenzeit, ſtehen blieb. Zugleich wurde auf dieſes Faſten ſchon ein ſolches Gewicht gelegt, daß wegen der verſchiedenen Berechnung des Oſterfeſtes und ſomit der Faſtenzeit beinahe eine Spaltung der römiſchen und kleinaſiati chen Kirche entſtanden wäre. b) Ganz ähnlich erging es mit der Einführung der Wallfahrten und Pilgerreiſen ſeit dem dritten Jahrhundert, beſonders ſeit Conſtantin dem Gr. und ſeiner Mutter Helena. Sie war eine Erneuerung altteſtamentlicher und heidniſcher Gewohnheiten in der Kirche und bezeichnete einen Nückſchritt im Ver⸗ ſtändniß des Evangeliums. Zwar hatte der Herr im Gehorſam gegen das Geſetz(Gal. 4, 4—5) die jüdiſchen Feſte im Tempel zu Jeruſalem mitgefeiert; auch Seine Jünger, zumal Paulus, hatten dies nach Seinem Vorbild bei⸗ behalten; allein ausdrücklich hatte der Heiland für die Zeit des Neuen Teſtaments(Joh. 4, 19— 24) das Anbeten an beſondern Ortern für unnöthig erklärt und zugleich den Seinen verheißen, daß Er an jedem Ort, wo Zwei oder Drei in Seinem Namen zuſammen kämen, mitten unter ihnen ſein werde(Matth. 18, 19— 20). Demgemäß hatte auch Keiner der Jünger etwa in Bethlehem oder Nazareth oder auf Golgatha beſondere Andacht geſucht und die ganze apoſtoliſche Zeit hatte von Wallfahrten dorthin nichts gewußt. Erſt nachdem im zweiten und dritten Jahrhundert eine Menge von Keiden in die Kirche eingetreten war, erwachte aus ihrer Mitte das Verlangen, nach Jeruſalem zu wallfahrten, welches ſich ſehr bald ausbreitete. Wie die Heiden früher die Heiligthuͤmer ihrer nationalen Götter beſucht hatten, ſo zogen ſie jetzt als Chriſten nach den heiligen Orten Paläſtinas. Kaiſer Conſtantin und ſeine Mutter Helena gaben ſelbſt das Beiſpiel dazu; Conſtantin erbaute die prächtige Grabeskirche; Helena meinte auf Golgatha das Kreuz des Herrn gefunden zu haben und ließ ſich im Jordan taufen. Seitdem gingen die Pilger ſchaarenweiſe hin und hielten dieſe Fahrten für heilbringend und verdienſtlich, beſonders wenn es ihnen gelang, auch von dem angeblichen Kreuz des Herrn ein Stückchen heimzubringen. c) Denn auch der Religuiendienſt entwickelte ſich in dieſer Zeit mächtig im Zuſammenhang mit der Verehrung der Heiligen und Märtyrer. Im Neuen Teſtament wurden die Heiligen, welche beſonders von Gott begnadigt waren, wie Maria, oder welche als Märtyrer ſtarben, wie Stephanus und Jakobus der Aeltere, weder andächtig verehrt noch um ihre Fürbitte angerufen. Alle Gebete und Anrufungen wurden an Gott den Vater und den Sohn gerichtet, weil dieſe allein allgegenwärtig, allwiſſend, allmächtig und barmherzig ſind(Matth 4, 10. 11, 28. Joh. 5, 23. 2 Cor. 12, 8. 1 Tim 2, 5— 6. Matth. 28, 18). Selbſt die Anrufung der Engel wurde abgelehnt (Offenb. Joh. 19, 10). Der Umſchwung zum Heiligen⸗ und Reliquien⸗Dienſt trat in den Zeiten der Ver⸗ folgungen ein. Schon lebenden Confeſſoren, d. i Bekennern, welche in der Verfolgung mit dem Bekenntniß des Glaubens davon gekommen waren, erwies man hohe Ehre; doch eine viele größere den wirklichen Märtyrern. Ihre Gräber wurden ſehr bald Wallfahrtsörter; man legte nach heidniſcher Sitte Todtenopfer und Votivtafeln darauf nieder; man ſchmückte ſie mit Altären, Kapellen und Kirchen; man betete Anfangs zwar noch für ihre Seelen, aber ſeit dem 4. Jahrhundert hörte dies auf und man begann ſie ſelber, wie auch die übrigen Heiligen, um ihre Fürbitte anzurufen. 29 In ihrer Verehrung fanden die früher heidniſchen Volksmaſſen einen Erſatz für die alten Götter. Gleichzeitig fing man an, die in den drei erſten Jahrhunderten vermiedenen Bilder des Herrn und der Heiligen im Goltesdienſt zu. gebrauchen. Damit hörte das vom Herrn befohlene und 4 Jahrhunderte lang geübte Brodbrechen beim Abendmahl auf; denn man ſcheute ſich aus Mißverſtand, das Lammesbild auf der Hoſtie zu zerbrechen(Joh. 19, 36. Luk. 22, 19). Cbenſo ließ man ſeit dieſer Zeit das zweite Gebot des Dekalogs weg und theilte das zehnte in zwei beſondere Gebote, weil man die Bilder und ihre Verehrung nicht laſſen wollte. An die Spitze aller Heiligen aber ſetzte man ſeit 430 die Jungfrau Maria als Gottesmutter und ſuchte trotz Joh. 2, 4 beſonders ihre Vermittelung und Fürſprache beim Herrn. 1„ d) Auch der Cölibat, d. h. die Eheloſigkeit der Geiſtlichen wurde immer dringender gefordert. In der Zeit der Apoſtel war er von Niemanden verlangt worden; Petrus(Luk. 4, 38— 39. 1 Kor. 9, 5), Philippus, der Diakon und Evangeliſt(A. G. 21, 8— 9), und andere Apoſtel waren verheirathet geweſen; Paulus hatte verordnet, bei der Wahl der Biſchöfe, Presbyter und Diakonen darauf zu ſehen, daß ſie in ehelichem Leben unbeſcholten wären (1 Tim. 3, 2. 3, 12. Tit. 1, 6— 7). Allerdings hatte Paulus auf der andern Seite jeden Chriſten glücklich geprieſen, dem es durch Gottes Gnade gegeben ſei, keuſch und ehelos, wie er ſelbſt, um des Reiches Gottes willen zu bleiben (Matth. 19, 11—12. 1 Kor. 7), aber er bezeichnete dies ſelbſt als ſeine Privatmeinung und wollte Keinem einen Strick über den Hals werfen(1 Kor. 7, 35); auch meinte er es nicht einmal beſonders von den Geiſtlichen, ſondern von allen Chriſten. Hiernach waren Biſchöfe, Prieſter und Diakonen im Anfang meiſt verheirathet. Erſt die Zeiten der Verfolgung gaben Anlaß, daß Viele dem Rathe des Apoſtels(1 Kor. 7, 26) gemäß den Cölibat erwählten; doch war dies keineswegs die Mehrzahl. Selbſt die ascetiſche und weltflüchtige Richtung der Zeit ſowie die werkheilige Meinung, daß man ſich durch Verzicht auf die Ehe ein beſonderes Verdienſt vor Gott erwerbe, vermochte die urſprüng⸗ liche freie Praxis nicht zu verdrängen. Noch auf dem Concil von Nicäa 325 ſaßen viele verheirathete Biſchöfe und die Nothwendigkeit des Cölibats wurde von dem unverheiratheten und frommen Biſchof Paphnutius ſo beſtimmt geleugnet, die Heiligkeit der Ehe aber ſo glänzend vertheidigt, daß die alte Freiheit neu beſtätigt wurde. Selbſt ein Biſchof von Rom lebte damals noch in der Che. Doch das Mönchthum, welches in jener Zeit emporkam(Vgl.§. 19), bewirkte auch beim Clerus eine Zunahme des Cölibats. Endlich wurde auf der zweiten Trullaniſchen Synode 692 beſtimmt, daß Diakonen und Presbyter verheirathet ſein ſollten, Biſchöfe aber durchaus nicht. Hierbei blieb es ſeitdem im Orient, während das Abendland bis auf Gregor VII. zwar ſtrenge Geſetze zu Gunſten des Cölibats gab, doch wenigſtens in der Praris noch Freiheit ließ.. e) Seit dem vierten Jahrhundert machte ſich auch eine bis dahin unbekannte unevangeliſche Verfolgungsſucht und Grauſamkeit gegen Heiden ſowie gegen chriſtliche Irrlehrer geltend, indem man die Beſtimmungen des moſaiſchen Geſetzes über die Ausrottung der Götzendiener ohne irgend eine neuteſtamentliche Begründung, ja gegen den Willen des Herrn(Luk. 9, 52— 56), auf dieſelben anwandte(2 Moſ. 32, 27— 28. 3 Moſ. 20, 2. 24, 10— 16. 5 Moſ. 27, 15). Die Söhne Conſtantins und Theodoſius der Große unterdrückten in Folge deſſen das Heidenthum mit Gewalt, zuletzt ſogar durch die Todesſtrafe. Der Soldatenkaiſer Maximus aber ließ ſogar chriſtliche Irrlehrer auf den Wunſch der Biſchöfe in Spanien und Gallien im Jahr 385 hinrichten, während noch im arianiſchen Streit kein Menſch auf dieſe äußerſte Grauſamkeit verfallen war. Mit Recht verurtheilte daher der heilige Martin von Tours dieſes Verfahren als unchriſtlich und gottlos. Jedoch vermochte er nicht zu hindern, daß jene altteſtamentlichen Vorſchriften ſeitdem in der Chriſtenheit erneuert, mit der Zeit ſogar verſchärft wurden. Damit war aber der Grund zu den Greueln der Inquiſition und der Hexenproceſſe für ſpätere Zeiten gelegt und der Boden des apoſtoliſchen Chriſtenthums gänzlich verlaſſen. §. 19. Die Entſtehung und Ausbreitung des Mönchthums im Orient. 1) Am großartigſten zeigte ſich die Rückwirkung jüdiſcher Werkheiligkeit und heidniſcher Weltflucht und Selbſtpeinigung in der Entſtehung des Mönchthums. Denn dieſe eigenthümliche Lebensform, welche bei den Buddiſten ſchon um 600 vor Chriſto exiſtirte, im ägyptiſchen Serapis⸗ dienſt vorkam und dann auch ſeit dem 4. Jahrhundert in der chriſtlichen Kirche ſelbſtändig auftauchte und bei den griechiſchen und römiſchen Katholiken Geltung bis dieſen Tag behielt, erwuchs nicht aus den Offenbarungen Gottes, ſondern aus einer Verbindung ſpät⸗jüdiſcher und heidniſcher Anſchauungen mit dem Chriſtenthum.. 4. a) Im Alten Teſtament hatte ſie vor Allem keinen Boden. Hier galten Ehe und Eigenthum gemäß dem göttlichen Gebot(1 Moſ. 1, 26—28) als heilige Ordnungen für alle Menſchen, die Arbeit als ein von Gott gegebener Beruf(1 Moſ. 2, 15. 2 Moſ. 20, 9. 1, Moſ. 3, 18. Spr. Sal. 10, 4— ö. 6, 6— 11. 28, 18). Selbſt die Naſiräer oder Verlobten Gottes, welche ſich theils für kurze Zeit theils fürs ganze Leben(4 Moſ. 6, 2. Richter 13, 5. 1 Sam. 1, 10— 11) des Weinbaus, des Weintrinkens und des Haarſcheerens enthielten, um deſto gewiſſer nüchtern zum Gebete zu bleiben, lebten doch im Uebrigen wie ihr Volk und im Verkehr mit den Menſchen. Auch der Prophet Elias, welcher ſpäter von den Mönchen und Einſiedlern als Vorbild angeſehen wurde, weil er ein rauhes Gewand mit ledernem Gürtel trug und ſich oft in der Wüſte aufhielt(2 Kön. 1, 8. 1 Kön. 17, 3. 19, 4), führte doch ſeine oft einſame und rauhe Lebensweiſe nur gezwungen, um nicht in die Hände Ahabs und Iſebels zu fallen. Noch weniger lebten die falſchen Propheten, welche den Elias in ihrer Kleidung nachahmten(Sacharia 13, 4), als Einſiedler oder Mönche. Das ganze Alte Teſtament wußte von ſolcher Lebensweiſe nichts. Es verbot ſogar ausdrücklich jede Verſtümmelung, Tonſur, Geiſelung und Mißhandlung des eigenen Leibes(3 Moſ. 19, 28. 21, 5. 5 Moſ. 14, 1), wie ſie bei den Heiden vorkam. 30 b) Erſt im nachexiliſchen Judenthum fanden ſich mönchiſche Grundſätze bei den Therapeuten und Eſſenern(Vgl.§. 1, 7). Die frommen Juden in Aegypten und Paläſtina wollten hinter den zeitlebens Eingeſchloſſenen des Serapis und hinter den griechiſchen Asketen der cyniſchen und neupythageräiſchen Schule nicht zurückbleiben, ſondern deren Entſagung wo möglich noch übertreffen. Und ſie erreichten dieſes Ziel einer werkheiligen Frömmigkeit. Sie boten den ſtolzen Römern und Griechen in ihren Einſiedeleien am See Mareotis und in ihren Kolonien am Karmel wie in der jüdiſchen Wüſte einen Anblick dar, welcher deren höchſte Bewunderung erregte. Auch auf die Anſchauungen ſolcher Israliten, welche nicht eigentlich zu ihnen gehörten, wirkten ſie durch das Beiſpiel ihrer Entſagung ein. Anhänger ihrer Grundſätze fanden ſich in den Chriſtengemeinden der apoſtoliſchen Zeit(Vgl.§. 1, 7. 7, 6). Die drei ſpäteren Mönchsgelübde, Keuſchheit, bzw. Familienloſigkeit, Gehorſam und perſönliche Armuth waren bei den Eſſenern der Sache nach vollſtändig vorhanden. c) Johannes der Täufer, welcher bei ſeinem langen Aufenthalt in der Wüſte ſie wahrſcheinlich gekannt hat, war doch in ſeiner ganzen Stellung und Lebensweiſe von ihnen unabhängig. Nach Gottes Willen lebte er von Kind auf als Naſiräer(Luk 1, 15); als Vorläufer des Herrn im Geiſt und in der Kraft des Elias trug er das härene Kleid mit dem ledernen Gürtel(2 Kön. 1, 8. Mal. 4, 5. Matth. 3, 4. 11, 14); nach dem Wort des Propheten (Jeſ. 40, 3) erfüllte er ſeinen Beruf in der Wüſte. Ganz gegen die Gewohnheiten der Eſſener vermied er das Zuſammenleben mit Andern und widmete ſich nur ſeinem Amte. d) Auch beim Herrn und Seinen Apoſteln fand, wie ſchon oben gezeigt iſt(Vgl.§. 18, 2), keinerlei werkheilige Entſagung eine Unterſtützung. Nur eine oberflächliche und buchſtäbliche Auslegung konnte ſpäter in einzelnen Ausſprüchen eine Rechtfertigung für das Mönchsleben zu finden glauben. Vor Allem geſchah dies mit dem Wort des Herrn an den reichen Jüngling(Matih. 19, 21): Willſt du vollkommen ſein, ſo gehe hin, verkaufe was du haſt und giebs den Armen, ſo wirſt du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach. In dieſem Wort haben freilich alle weltflüchtigen Seelen von Anionius von Theben bis auf Franz von Aſſiſi und von dieſem bis zu den neuern Katholiken die Aufforderung zum Mönchsleben erblickt, doch ſehr mit Unrecht. Dem Jüngling fehlte die Erkeuntniß ſeiner Sünde und Schuld. Obwohl ihm der Heiland erſt eben geſagt hatte: Niemand iſt gut als der einige Gott, meinte er dennoch alle Gebote Gottes von Jugend auf gehalten zu haben (Matth. 19, 20). Um ihn von dieſer Selbſtzufriedenheit zu heilen und ihm zu zeigen, daß er in Wirklichkeit und vor Gott noch kein einziges Gebot gehalten habe, indem er nämlich nicht Gott ſeinen Herrn über Alles, auch nicht ſeinen Nächſten wie ſich ſelbſt, ſondern einzig ſeinen Reichthum geliebt habe, ſtellte der Herr die eben genannte Forderung an den Jüngling. Durch dieſes eine Wort ſollte ihm fühlbar gemacht werden, daß er einer voͤlligen Umkehr bedürfe, wenn er vollkommen werden wolle, und daß dieſe Umkehr nur dann eine ächte ſei, wenn er bereit ſei um Chriſti willen auf alle ſeine Güter zu verzichten und ſie zu den Zwecken des Reichs Gottes hinzugeben. Der Heiland drückte hier mit andern Worten ganz daſſelbe aus, was Er ſonſt mit den Forderungen der Buße, der Wiedergeburt, der Selbſtverleugnung, des Aufſichnehmens Seines Kreuzes zu bezeichnen pflegte(Marc. 1, 15. Joh. 3, 3— 8. Matth. 10, 37— 39). Dagegen würde der Herr Sich ſelbſt und dem ganzen Wort Gottes widerſprochen haben, wenn Er mit jener Forderung, wie die Vertheidiger des Mönchthums meinen, hätte anerkennen wollen, der Jüngling habe wirklich bereits Gottes Gebote gehalten und ſei im Stande, ſogar noch eine vollkommenere Tugend zu erweiſen, als welche im Geſetz geboten ſei. Nach dem Zeugniß des Herrn Jeſu Selbſt und aller Propheten und Apoſtel kann der Menſch das Geſetz Gottes(5 Moſ. 6, 5) überhaupt nicht völlig halten(1 Moſ. 8, 21. Matth. 19, 17. Joh. 15, 4— 5. Röm. 3, 20. 23. 7, 18), wird nur aus Gnaden durch Chriſti Verdienſt ſelig(Joh. 13, 8. 1 Joh. 1, 7. Röm. 3. 23— 24), kann niemals mehr leiſten als er zu thun ſchuldig iſt(Luk. 17, 10), ja nicht einmal dies(Gal. 2, 16), und ſoll ſich vor ſelbſterwählter Geiſtlichkeit des Wandels durchaus hüten(Kol. 2, 18— 23. 1 Tim. 4, 1— 5). Ebenſo iſt es der Abſicht des Herrn zuwider, wenn die Freunde des Mönchthums und der Selbſtpeinigungen ſich auf die Stellen berufen, wo die Abtödtung des alten Menſchen, die Kreuzigung des Fleiſches und die Betäubung des Leibes verlangt wird(Gal. 5, 24. 2, 19. Röm. 6, 6. 1 Kor. 9, 27). Hiermit ſind nicht die Kaſteiungen des Leibes durch Hunger, Durſt, Froſt, Hitze, Geiſelhiebe, Nachtwachen, ſpitze Nägel, Dornen, rauhe Gewänder und dgl. gemeint, ſondern der ſittliche Kampf des gläubigen Herzens gegen die eignen Lüſte unter Gebet, Mäßigkeit, Nüchternheit und Wachſamkeit (Matth. 26, 41. Röm. 6, 11— 13. 8, 12— 13). Im ganzen Neuen Teſtament haben darum die mönchiſchen Gedanken keinen Grund. 2) Trotz alledem war das Beiſpiel der Therapeuten und Eſſener, der eingemauerten Serapismoͤnche, der weltflüchtigen griechiſchen Weiſen und der eſſeniſch denkenden Chriſten von Anfang an in der Kirche wirkſam. Man wollte ſo gut etwas Beſonderes leiſten als jene es leiſteten. Gerade edle Naturen fühlten ſich getrieben, dem Bilde philoſophiſchen Lebens, das an jenen bewundert wurde, zur Ehre Chriſti ein noch entſagungsvolleres gegenüber zu ſtellen. Man meinte um ſo mehr durch Kaſteiung des Leibes ein gottgefälliges Werk zu thun als man von dem platoniſchen, aber unbibliſchen Vorurtheil ausging, der Leib ſei nur ein Gefängniß, ein Strafort für die Seele, ja es ſei der unſterblichen Seele unwürdig, daß wir überhaupt eſſen und trinken müßten. Für Viele wurde auch zugleich die Laſt der Steuern und des langen Kriegsdienſtes eine Veranlaſſung, daß ſie das weltflüchtige Leben, welches ihnen jedenfalls als das leichtere erſchien, zugleich als das edlere und gottſeligere anſahen. Ja unedle und faule Naturen wählten es häufig, um nur dem erwünſchten Müßiggang unter dem Scheine der Frömmigkeit und Gottesliebe zu fröhnen. a) In Aegypten, wo das chriſtliche MNönchthum zuerſt ſich ausbildete, war es beſonders der Einſiedler Antonius von Theben, der es durch das Beiſpiel ſeiner frommen Entſagung begründen half(250— 356). Indeſſen iſt ſein Leben durch eine großartige Dichtung ſo ſehr ausgeſchmückt, daß wir nicht viel Sicheres über daſſelbe wiſſen. Geſchicht⸗ licher ſind die Nachrichten über ſeinen Schüler Pachomius. Als das Einſiedlerleben in der Thebais durch Antonius bereits in voller Blüthe ſtand, etwa im J. 312, floh Pachomius vor dem Kriegsdienſt in die Wüſte, lebte viele Jahre unter Gebet und Bußübungen von der Anfertigung härener Gewänder und gründete endlich auf der Nilinſel Tabennä den erſten Mönchsverein mit einer beſtimmten Negel fürs gemeinſame Leben, doch ohne klöſterliche Einſchließung. Erſt nach dreijähriger ſtrenger Prüfungszeit wurde ein Mitglied aufgenommen; je drei wohnten in einer Hütte; nur im Sitzen durften ſie ſchlafen; über einem leinenen Unterkleid trugen ſie ein Schaf⸗ oder Ziegenfell mit eingenähtem rothen Kreuz, auf dem Kopf eine herunterhängende Kapuze, daß ſie keinem Menſchen ins Geſicht ſehen konnten; zu beſtimmten Zeiten und vor dem Eſſen beteten ſie Pſalmen; ihre Vorſteher, denen ſie unbedingt gehorchen mußten, hießen Aebte(abbates), d. h. Väter, oder Archimandriten(mandra Hütte), Hüttenvorſteher; neben dem Gebet trieben ſie zuweilen Gartenbau, Korbflechten, Krankenpflege und dgl, Alles aber unter ſtrengem Faſten und Nachtwachen. Bei der widernatürlichen Unterdrückung der menſchlichen Bedürfniffe, in der ſie ihren Gottesdienſt ſuchten, war es jedoch nicht zu verwundern, daß ihre unterdrückten Begierden die Phantaſie krankhaft reizten und ihnen ſo bei Tag und Nacht innere Kämpfe erregten, gegen welche keine Kaſteiung half. Irrthümlicherweiſe ſchrieben ſie dann dieſe Verſuchungen dem Teufel zu und glaubten oft mit demſelben ſogar leiblich zu kämpfen. Pachomius ſtarb 348, als ſein Verein bereits eine Menge von Mitgliedern zählte. Später wuchs derſelbe noch bedeutend. b) Cbenſo zahlreiche, freilich nicht immer ſo gut geordnete Colonien von Einſiedlern entſtanden gleichzeitig bei Nitria in der libyſchen Wüſte; andere in Syrien, Meſopotamien, Kleinaſien und Griechenland, überhaupt im Orient, während das Abendland, ſoweit lateiniſch geſprochen wurde, im Anfang noch davon unberührt blieb. Durch den innig frommen, theologiſch bedeutenden Biſchof Baſilius von Neu⸗Cäſarea in Kappadocien wurde das orientaliſche Mönchthum thet weiſe veredelt und gehoben. Die Zeit der Mönche wurde in Gebet und Arbeit enau vertheilt; neben dem Ackerbau trieben ſie auch ſtille Handwerke, beſonders Weberei; ſie übten eine ausgedehnte aſtfreundſchaft, gründeten Erziehungs- und Waiſenhäuſer und boten lebensmüden Herzen eine Zuflucht in dem wilden Treiben der Welt, wie ſie ſonſt nirgends zu finden war. Unter den Klöſtern dieſer Richtung ragten ſeit dem 9. Jahrh. die am Berge Athos hervor, aus welchen ſeitdem die Biſchöfe der orientaliſchen Kirche meiſt genommen wurden und welche bis dieſen Tag in Blüthe ſtehen.... c) Indeſſen nahmen keineswegs alle orientaliſchen Mönche die Regel des Baſilius an; viele Tauſende in Aegypten, Meſopotamien und Syrien folgten nur dem eignen Trieb der Weltflucht und Selbſtpeinigung, unterließen die Arbeit faſt ganz, überboten ſich in Verachtung der Wiſſenſchaft und des Anſtandes, gingen in ſchamloſer Nacktheit einher, quälten ſich mit 3—10tägigem Faſten, ſchleppten ſchwere eiſerne Ketten, ließen ſich in den Sümpfen am Nil geduldig von Stechfliegen peinigen, geiſelten ſich blutig und krank, gaben ſich aber auch einem fanatiſchen geiſtlichen Hochmuth hin und wurden in der Hand herrſchſüchtiger und gewiſſenloſer Partheiführer gefährlich für das Gedeihen des Staats und der Kirche. Bei den ſogenannten Weidemenſchen(560„¹) in Syrien ging die Verirrung ſoweit, daß ſie wie die Thiere auf Händen und Füßen gingen und nur vom Gras auf den Bergen lebten. Andere bauten ſich ſteinerne Säulen, auf welchen ſie ihr Leben lang blieben(arνo²zr, Säulenheilige); ihre wenige Nahrung wurde ihnen gereicht. Der berühmteſte unter ihnen war Symeon Stylites, der ſeit 422 bei Antiochien auf einer 40 Fuß hohen Säule unter freiem Himmel ſein Leben zubrachte, von Chriſten und Heiden wegen ſeines Glauben und wegen ſeiner Gebets⸗ kraft geſucht wurde, bei Statthaltern und Kaiſern mehr als einmal Gehorſam gegen ſeine Forderungen erreichte und durch ſein Beiſpiel bis ins 12. Jahrhundert Nachahmer erweckte. Die Befangenheit ſeiner mönchiſchen Anſchauung zeigte ſich beſonders darin, daß er es für Sünde hielt, ſeine hochbetagte Mutter anzuſchauen und zu begrüßen, als dieſelbe vor ihrem Sterben den heiligen und berühmten Sohn noch gern einmal ſehen wollte und deßhalb zu ſeiner Säule kam. Sie mußte unverrichteter Sache wieder fortgehen.— Bei nicht wenigen Mönchen führte auch die Selbſt⸗ quälerei zuletzt in Wahnſinn oder Selbſtmord, indem ſie in dem Verlangen nach eigner Abtödtung keinerlei Schranken der Vernunft und des göttlichen Willens mehr innehielten. Durch die fanatiſche Beförderung des Bilderdienſtes, deren ſich die Mönche im griechiſchen Reiche ſchuldig machten, wurde übrigens der ganzen orientaliſchen Kirche der große Schaden zugefügt, daß ſie unter chriſtlichen Formen immer tiefer in heidniſches und abergläubiſches Weſeu verſtrickt wurde, aus welchem ſie bis dieſen Tag nicht herausgekommen iſt. §. 20. Die Ausbreitung des Mönchthums im Abendland. 1) Im Abendland verbreitete ſich das Mönchthum zuerſt in Gallien und zwar durch einen der beſten und frömmſten Menſchen, welche die Geſchichte der Kirche kennt, nämlich den h. Martin von Tours. Geboren im J. 319 zu Sabaria in Pannonien wurde er von ſeinem heidniſchen Vater, einem römiſchen Haupt⸗ mann, mit 7 Jahren in eine Kriegsſchule bei Mailand gebracht, um Officier zu werden. Aber in dem Knaben erwachte, man weiß nicht, durch wen, eine ſo innige Liebe zum Heiland, daß er mit 10 Jahren ſeinen heidniſchen Umgebungen entlief und in Mailand unter die Katechumenen ging. Schon als Knabe diente er hier der Kirche, bis ihn im fünfzehnten Lebensjahr der Vater mit Liſt und Gewalt in die Kriegsſchule zurückführte und ihn zur Officiers⸗ laufbahn nöthigte. Auch als junger Officier lebte aber Martinus nach dem Willen Chriſti, mäßig, züchtig, demüthig, ein Helfer der Armen und Bedrängten. Einſt, da er gerade wieder ſeinen Sold verſchenkt hatte, kam er im kalten Winter durch das Thor von Amiens; ein halbnackter Bettler flehte ihn um eine Gabe an; Martinus nahm ſeinen Soldatenmantel von der Schulter, zertheilte ihn mit dem Schwert und bedeckte mit der Hälfte den Armen. Von ſeinen Kameraden deßhalb verſpottet, wurde er durch einen Traum getröſtet, in welchem er den Herrn mit dem Mantel des Bettlers erblickte und das Wort vernahm:„Martinus, der Katechumen, hat mich bekleidet“. Mit 22 Jahren ließ er ſich taufen und im J. 355 erhielt er vom Oberfeldherrn, dem ſpätern Kaiſer Julian, auf ſein Nachſuchen einen ehrenvollen Abſchied. Beim Biſchof Hilarius von Poitiers, einem Freund und Geſinnungsgenoſſen des großen 32 Athanaſius, trat er in den Dienſt der Kirche. Hier mag es auch geweſen ſein, daß er zuerſt von dem gott⸗ geweihten Leben der ägyptiſchen Mönche vernahm, welche den Athanaſtus bei ſeiner Verbannung nach Trier begleitet und die erſte Kunde von ihrer Lebenweiſe nach Gallien gebracht hatten. Zunächſt hielt es Martinus jedoch für ſeine Pflicht, die heidniſchen Eltern zu beſuchen und womöglich zu vekehren. Auf der Reiſe nach Mailand fiel er Räubern in die Hände, aber durch die ſelige Ruhe ſeines Glaubens gewann er den Führer derſelben fürs Chriſtenthum. Ebenſo gelang ihm in Mailand die Bekehrung der Mutter, wenn freilich nicht die des Vaters. Dagegen wurde er von den damals herrſchenden Arianern wegen ſeines Niceniſchen Bekenntniſſes(Bgl.§. 15) grauſam gegeiſelt und verjagt. Nunmehr wandte er ſich dem Einſiedler-(Mönchs-) Leben zu, erſt in der Nähe von Mailand, dann auf einer Inſel bei Genua, endlich bei Poitiers, wo er ſeinem väterlichen Freund Hilarius nahe ſein konnte. Sein inniger Glaube, ſein ernſtes, entſagungsvolles Leben, ſein inbrünſtiges Gebet zog hier Troſtbedürftige von allen Seiten herbei Eine große Anzahl Kranker wurden unter ſeiner Fürbitte und Handauflegung geſund. Das Volk wählte ihn darum trotz ſeiner Weigerung zum Biſchof von Tours und führte ihn mit Gewalt in die Stadt, wo er den 4. Juli 371 ſein Amt antrat. Als Biſchof lebte er ſo einfach wie vorher; er trug niemals die glänzenden Gewänder, welche die damaligen Biſchöfe bereits gebrauchten; unter einer Felſenwand an der Loire baute er ſich eine hölzerne Zelle; unter den Hunderten von Einſiedlern aber, welche ſich in dieſer Felſenwand über ſeiner Zelle anſiedelten, übte er eine ſoldatiſche Zucht; ſie hatten nur gemeinſames Cigenthum; ihre Kleider waren aus Kameelshaaren gemacht; reiche Gewänder galten als Frevel; alle Bequemlichkeiten wurden verſchmäht; Martinus ſchlief über einem Aſchenhaufen auf einem Haarteppich; zum Sitz hatte er einen hölzernen Stuhl mit 3 Füßen; Wein wurde niemals auf den Tiſch gebracht; alle befleißigten ſich der Keuſchheit; die Jüngern ſchrieben gute Bücher ab, die Aelteren lebten nur dem Gebet; das ſtrengſte Faſten wurde geübt. Alle ſeine Cinkünfte verwandte Martinus zu Werken der Liebe, beſonders zum Loskaufen von Gefangenen und zur Unterſtützung der Armen. Tauſende fanden Rath und Troſt bei ihm; Keiner ſah ihn je weinen oder lachen oder aufbrauſen im Zorn; eine ſtille Ruhe und Heiterkeit erfüllte ihn; ungebeugt ſtand er den Großen der Erde gegenüber, beſonders dem grauſamen Kaiſer Maximus. Mit aller Kraft ſtemmte er ſich gegen die erſte Hinrichtung von Ketzern, welche im römiſchen Neiche vorkam, nänlich die der Priseillianiſten in Lanien im J. 385. Als er den Frevel nicht hindern konnte, brach er wenigſtens alle Gemeinſchaft mit den Biſchöfen ab, welche dem Kaiſer zur Verfolgung gerathen hatten. Auf das Volk von Gallien übte er einen wunder⸗ baren Einfluß aus, beſonders durch die Heilung der Geiſtes- und Gemüths-Kranken; ſeiner Predigt ergaben ſich die Götzendiener; unter ſeinen Händen fielen die heidniſchen Altäre; Kapellen und Kirchen wurden erbaut, Mönchsgeſell⸗ ſchaften wurden gegründet. Im höchſten Alter ſtarb er auf der Reiſe, nachdem er noch ſtreitige Geiſtliche verſöhnt hatte; auf ſeinem Aſchenhaufen und Haarteppich beſtand er den letzten Kampf und ging ſelig heim den 8. Nov. 400. Am 11. Nov. wurde er zu Tours begraben; 2000 Mönche gaben ihm das Geleit. Der Eindruck ſeines Lebens auf das Volk war ſo groß, daß er im ganzen Mittelalter der populärſte Heilige der Kirche in Mittel- und Nord-Europa blieb und daß auch Luther am 11. Nov. 1483 mit ſeinem Namen getauft wurde. Mit ihm war das Mönchthum in Gallien feſt eingebürgert, aber auch hier, wie im Orient noch ohne klöſterliche Einſchließung(333- 397). 2) Faſt gleichzeitig kam daſſelbe durch den früheren kaiſerlichen Statthalter und ſpäteren Erzbiſchof Ambroſius von Mailand und durch deſſen Schweſter Marcellina nach Italien; auch Ambroſius war von dem verbannten Athanaſius dazu angeregt. Von Mailand aus trug Auguſtinus die Ideale mönchiſcher Weltflucht und Heiligkeit nach Nordafrika und erlebte deren ꝛaſche Verbreitung(Val.§. 16). Nach dem Hinſterben der erſten glaubensſtarken Generationen zeigten ſich jedoch in Folge des Verfalls der früheren Zucht und des Mangels einer feſten und ſtrengen Lebensordnung ſowohl unter den galliſchen als italiſchen Mönchen im 5. Jahrhundert große Gebrechen; viele zogen unter dem Vorwand des Gebets und Bilderhandels als unordentliche Landſtreicher(gyrovagi) umher oder führten auch in ihren Klöſtern ein ſo wüſtes Leben, daß die Mönche überhaupt in ſchlechten Ruf kamen. 3) Der Mann, welcher das Kloſterleben von dieſen Mißbräuchen reinigte und es für viele Jahrhunderte zu einer dem Abendland nützlichen Inſtitution umwandelte, war Benedictus von Nurſia in Umbrien, Abt von Monte Caſſino(480— 543). Als zwölfjähriger Knabe ſchon flüchtete er von Rom in die Einſamkeit in Subjaco; dort lernte er durch einen frommen Mönch Gortes Wort genauer kennen und übte ſich in Faſten, Gebet und Peinigungen; unter andern wälzte er ſich öfters auf ſpitzen Dornen, um die Lüſte des Fleiſches zu dämpfen. Wegen ſeiner Frömmig⸗ keit wählten ihn die Mönche eines benachbarten Kloſters zum Abt; da er aber auch von ihnen ein heiliges Leben forderte, bereiteten ſie ihm ſoviel Aerger, daß er wieder wegzog. Statt deſſen gründete er nun neue Klöſter, im Ganzen bis 520 deren zwölf; im J. 528 ließ er ſich in Monte Caſſino bei Neapel nieder, bekehrte die noch heidniſchen Landleute zum Chriſtenthum, erbaute zu Chren Martins von Tours eine Kapelle, wurde vom Gothenkönig Totilas hochgeehrt und ſtarb den 20. März 543. Von ihm wurden die drei Gelübde des Gehorſams, der Armuth und Keuſchheit neu eiugeſchärft und die weſentlichliche Verbeſſerung hinzugefügt, daß die Mönche in einem verſchloſſenen Hauſe(claustrum) zuſammenwohnen mußten, während ſie bis dahin meiſt in Hütten neben einander gelebt hatten Das Umherſchweifen hörte auf; die Zahl der Mönche wurde in der Regel auf 12 in jedem Kloſter beſchränkt; in ſchwarzer Kutte, geſenkten Hauptes verbrachten ſie 7 Stuuden des Tages und der Nacht im Gebet; je nach ihren Kenntniſſen und Fäbhigkeiten trieben ſie auf Anordnung des Abtes Feldarbeit, Garten- und Wein⸗Bau, nützliche Künſte und Handwerke, wie Malerei und Baukunſt, auch gelehrte Studien und Jugend-Unterricht, ſowie das Abſchreiben guter Bücher aus dem klaſſiſchen Alterthum und aus den Werken der chriſtlichen Theologen. Die Benediktiner wurden auf dieſe Weiſe in einer Zeit der Verwilderung und des Umſturzes die Träger der Cultur für das Abendland, indem von ihren Schulen in Italien, Spanien und England, ſpäter auch in Gallien, in Deutſchland und im Norden die Bildung der Geiſtlichen und der vornehmen Laien ausging. Die Grundlage dieſer Schulen war das Studium der 7 freien Künſte(artes liberales) unter Gebet und ſtrenger Zucht. Schulnachrichten. A. Schulchronik. Die Eröffnung des Schuljahres, welches wir mit dem 16. April beſchließen, fand in gewohnter Weiſe am 12. April v. J. in gemeinſamer Verſammlung und Hora der Lehrer und Schüler der Anſtalt durch den unterzeichneten Rector ſtatt. Hieran ſchloß ſich die Aufnahme von 39 Schülern, welche Tags zuvor die vorgeſchriebene Prüfung beſtanden hatten. Da die alljahrlich ausgegebenen Programme der hoheren Lehranſtalten auch den beſonderen Zweck haben, in den Schulnachrichten die wichtigſten, das Schulleben und die Auſtalt betreffenden Vorkommniſſe mitzutheilen, ſo wird es ſich empfehlen, das bedeutendſte Ereigniß des ganzen Schul⸗ jahres an die Spitze unſeres Berichtes zu ſtellen. Dieſes iſt die durch den Herrn Miniſter der geiſtlichen, Unterrichts⸗ und Medicinalangelegenheiten am 13. Februar d. J. erfolgte und vom Königl. Provinzial⸗Schulkollegium dem Curatorium unter dem 14. Februar mitgetheilte Aner⸗ kennung unſerer Anſtalt als eine nunmehr vollberechtigte hoͤhere Bürgerſchule. In der an das Curatorium gelangten hohen Verfügung heißt es bezüglich der vorzunehmenden Verſetzung der höheren Bürgerſchule in die resp. Kategorie der berechtigten höheren Lehranſtalten, wie folgt: Das Reichskanzler⸗Amt habe ich hiervon heute mit dem Erſuchen benachrichtigt, das Erforderliche zu veranlaſſen behufs Verſetzung dieſer Anſtalt aus der Klaſſe C, Abtheilung a, Unterabtheilung aa, in die Klaſſe B, Abtheilung c des neueſten im Centralblatte für das deutſche Reich veröffentlichten, nach§ 90 des erſten Theils der deutſchen Wehrordnung vom 28. September aufgeſtellten Verzeichniſſes der zur Aus⸗ ſtellung gültiger Zeugniſſe über die wiſſenſchaftliche Befähigung für den einjährig frei⸗ willigen Miluärdienſt berechtigten Lehranſtalten.(gez.) Falk. So wichtig dieſe Aenderung für die Anſtalt und ihre Lehrer war, eben ſo viele und beſondere Schwierigkeiten waren hierorts auch zu überwinden geweſen, ehe man zu dieſem Puncte gelangte. Deshalb fühlen wir uns auch gedrungen, allen Freunden der Schule, welche zur Erreichung dieſes Zieles bemüht geweſen ſind, hier unſeren beſten Dank zu ſagen. Möͤgen die betreffenden Herren auch fernerhin der Schule gewogen bleiben und deren weiteres Gedeihen nach Kräften fördern. Es wird nun nicht überflüßig ſein, ſondern im Gegentheil vom betheiligten Publikum mit Recht erwartet werden, daß an dieſer Stelle bezüglich der erſtrebten und mit dem neuen Schuljahr in Kraft tretenden Aenderungen zur Aufklärung mancher Eltern, welche den Verhältniſſen ferner ſtehen, einige Worte mitgetheilt werden. e eu Die Berechtigung, welche am allgemeinſten erſtrebt wird, iſt diejenige, welche das Recht zum einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt gewährt; mit derſelben werden denn allerdings auch noch manche andere Berechtigungen zugleich, erworben(ſ. am Schluß), während ein vor der resp. Prüfungs⸗Commiſſion für den einjähr.⸗freiw. Militärdienſt beſtandenes Examen keine weiteren Berechtigungen gewährt. Nun war eben ſeither die Erlangung dieſer Berechtigung auf der hieſigen wie auf allen nicht vollberechtigten höheren Bürgerſchulen mit groͤßern Schwierigkeiten verbunden als auf den Gymnaſien, Nealſchulen I. und II. Ordnung und den vollberechtigten höheren Bürger⸗ ſchulen. Denn obgleich der hieſigen Anſtalt ſchon ſeit mehreren Jahren der Lehrplan einer Realſchule I. Ordnung oder einer vollberechtigten hoͤheren Bürgerſchule nach Ziel und Curſusdauer vorgeſchrieben war, ſo konnten die Schüler die angeführte Berechtigung dennoch nur nach einem zweijährigen Beſuch der Secunda und nach Abſolvirung eines fünftägigen ſchriftlichen und eines mündlichen Examens unter dem Vorſitz des Provinzial⸗Schulrathes erlangen, während den Schülern der 5 34 anderen genannten Reallehranſtalten dieſelbe Militär⸗Berechtigung ſchon nach einjährigem Beſuch der Secunda und ohne Prüfung gewährt wurde. Mit der Verleihung der Vollberechtigung an unſere höhere Bürgerſchule iſt nunmehr dieſelbe bezüglich der Berechtigungen nicht nur den genannten Reallehranſtalten, ſondern auch den Gymnaſien gleichgeſtellt. Wie ſehr aber auf dieſen, allerdings nicht unbedeutenden Unterſchied Gewicht gelegt wurde, das beweiſen die vielen Nachfragen, welche in dieſer Beziehung an den Unterzeichneten ſeit mehren Jahren gerichtet worden ſind. In der Regel war denn auch die ertheilte Auskunft für die Wahl unſerer Schule nicht günſtig, und nur zu oft wurde dann von den Eltern eine Lehranſtalt gewählt, deren Ziele dem künftigen Berufe des Knaben wenig entſprach. Hieraus wird ſich ergeben, daß es eine Lebensfrage für die hieſige höhere Bürgerſchule war, baldigſt unter die Zahl der vollberechtigten auf⸗ genommen und den anderen höheren Lehranſtalten gleichgeſtellt zu werden. Unter den angegebenen Verhältniſſen würde die ſeitherige bedeutende Frequenz für die Folge um ſo weniger zu erhalten geweſen ſein, als die Realſchulen der benachbarten Städte die mehrerwähnten Vortheile ihren Schülern bieten. War es doch ſchon üblich geworden, die Schule in den oberen Klaſſen zu ver⸗ laſſen, um nach kurzem Beſuch einer anderen vollberechtigten Schule die gewünſchte Berechtigung ſich ertheilen zu laſſen. Auch bei der Schüleraufnahme zeigte ſich im vorigen Jahre eine Abnahme gegen die im Jahre 1876(39 gegen 52). So hatte denn die hieſige höhere Bürgerſchule— und ihre Lehrer mit ihr— bisher zwar die Pflichten, aber nicht die Rechte einer vollberechtigten Anſtalt. Mit der Ertheilung der Vollberechtigung und der Einführung des Normaletats, ohne welche jene gar nicht verliehen wird, wurde auch eine Erhöhung des bisher ausnahmsweiſe niedrigen Schulgeldes angeordnet, wodurch die Einnahme aus letzterem ſo vermehrt werden wird, daß eine Belaſtung der Stadtkaſſe durch Einführung des Normaletats nicht in Ausſicht ſteht. Bei der Aufſtellung der Schulgeldſätze von den ſtädtiſchen Behörden, welche Beträge von Königl. Miniſterium genehmigt worden ſind, waren folgende Erwägungen maßgebend geweſen: Man hielt es für weſentlich, daß das Schulgeld in den unteren Klaſſen nicht zu hoch geſtellt ſei, damit es auch dem weniger bemittelten Bürger möglich werde, ſeinem Sohne die unſchätzbare Wohlthat des Beſuches einer höheren Schule zu theil werden zu laſſen. Zeigt dann der betreffende Schüler durch Betragen und Fortſchritte, daß er die Anſtalt mit Nutzen beſucht, ſo wird von der resp. Behörde beim Aufrücken des Schülers in eine höhere Klaſſe gern eine Ermäßigung oder ein Erlaß des höheren Schulgeldes bewilligt werden. Eine weitere Erleichterung(in der Zahlung des Schulgeldes) glaubte man auch da eintreten laſſen zu können, wenn mehre Brüder die Schule beſuchen, indem man nämlich außer dem ſeither ſchon bewilligten Nachlaß des Schulgeldes für den dritten Bruder ſich auch geneigt zeigte, den zweiten von zwei die Schule beſuchenden Brüdern das halbe oder ganze Schulgeld zu erlaſſen. Dieſen Erwägungen entſprechend, dürfte bei der Vergebung der durch die Munificenz der ſtädtiſchen Behörden kurz nach der Reorganiſation der Anſtalt gegründeten 20 Freiſteilen, von denen jedoch ſelten mehr als 12 vergeben wurden, verfahren werden. Auch dürfte es ſich empfehlen, uach Umſtänden eine Vergebung von halben Freiſtellen eintreten zu laſſen*). Schon mehrfach iſt die Frage angeregt worden, ob es nicht vortheilhaft, ja geboten ſei, mit der Erweiterung der höheren Bürgerſchule zu einer Realſchule I. Ordnung vorzugehen. Unſerer Anſicht nach ſind wir auf dem beſten Wege dazu; denn nach der erlangten Vollberechtigung der Anſtalt fehlt derſelben nur noch eine Prima, und in den nächſten Jahren wird der Beſuch der oberen Klaſſen zeigen, ob man mit Sicherheit auf eine genügende Frequenz dieſer noch fehlenden oberſten Klaſſe rechnen kann. Bei der Beurtheilung dieſer Frage muß ſelbſtverſtändlich nicht un⸗ erwogen bleiben, daß mit der Vervollſtändigung der gegenwärtigen hoͤheren Bürgerſchule zu einer Realſchule I. Ordnung auch die Frequenz aller Klaſſen wachſen würde und insbeſondere würden mehr auswärtige Schüler herangezogen werden. Es ſoll hierbei jedoch auch nicht verſchwiegen werden, daß die Anerkennung der erweiterten höheren Bürgerſchule als eine Realſchule I. Ordnung „*) Sicherem Vernehmen nach iſt an maßgebender Stelle in letzter Zeit eine principielle Aenderung bezüglich des den höheren Lehranſtalten ſeitens des Staates bisher gezahlten Zuſchußes eingetreten. Während früherhin dieſe Bei⸗ hülfe nur geleiſtet werden ſollte, wenn die Anſtalten mit den Normalſchulgeldſätzen nicht auskommen konnten und etwaige Erſparniſſe wieder in die Staatskaſſe zurückfließen ſollten, will man jetzt die ſeither gezahlten Zuſchüſſe an dieſe Bedingungen nicht mehr knüpfen. Hiernach iſt nunmehr auch die Beſtimmung der Schulgeldſätze den ſtädtiſchen Behörden allein anheimgegeben. 35 eitens der oberſten Schulbehörde an die Erfüllung weſentlicher Bedin ügli S in Lehrer geknüpft iſt. 1 f g weſentlicher Bedingungen bezüglich der Stellung 6— aus dem Monat März haben wir ein höchſt wichtiges und erfreuliches Ereigniß zu erichten. Herr Geheimer Regierungsrath Dr. Stauder, Decernent der höheren Lehranſta weſtlichen Provinzen im Miniſterium der geiſtlichen, Unterrichts⸗ und— beſuchte auf einer Viſitationsreiſe in der Provinz Heſſen⸗Naſſau am 12. März unſere Schule. Er hospitirte in allen Klaſſen und bei allen Lehrern, griff auch zuweilen ſelbſt in den Unterricht ein und richtete am Schluße eines Lehrgegenſtandes auf die gemachten Wahrnehmungen gegründete ermahnende und aufmunternde Worte an die Schüler. An dieſe Reviſion ſchloß ſich eine längere Conferenz mit den Lehrern, in welcher Herr Geheimer Rath Stauder ſeine volle Zufriedenheit über den Stand der Schule gegen die Lehrer ausſprach. Dieſes ſehr günſtige Reſultat war dem Lehrer⸗Collegium um ſo angenehmer, als hierdurch bewieſen wurde, daß die ohne vorausgegangene Reviſion der höheren Bürgerſchule verliehene Vollberechtigung einer Anſtalt zu theil geworden war, welche auf dem vorgeſchriebenen Standpuncte ſteht. Aenderungen im Lehrerperſonal kamen nur inſoweit vor, daß Herr Schreiber, Hauptlehrer an der hieſigen Mädchenſchule, auf ſeinen Wunſch von dem Auftrage, den Geſang⸗ und Schreib⸗ unterricht an der höheren Bürgerſchule zu ertheilen, zu Anfang des Schuljahres entbunden wurde, nachdem derſelbe zehn Jahre hindurch mit gutem Erfolg den genannten Unterricht an der Anſtalt ertheilt hatte. An ſeine Stelle trat Herr Corell, Lehrer an der Bürgerſchule dahier; er kam ſeinen Obliegenheiten mit Treue und Pünctlichteit nach. Durch Verfügung Koͤnigl. Provinzial⸗ Schulkollegiums vom 13. Februar S. 768 iſt jedoch beſtimmt, daß ein beſonderer Elementarlehrer beſtellt werden ſoll, der außer dem Geſang- und Schreibunterricht auch noch die Stunden eines Hülfslehrers, deſſen Stelle durch andere Lehrer der Anſtalt gegen beſondere Remuneration bisher verſehen worden iſt, zu übernehmen hat. Zu dieſer Stelle iſt auf Vorſchlag des Curatoriums Herr Haaſe, Cantor und Lehrer an der Stadtſchule zu Gelnhauſen, vom Koͤnigl. Provinzial⸗Schul⸗ kollegium ernannt worden; jedoch iſt es nicht möglich, daß derſelbe ſeine neue Stelle ſchon mit dem Beginne des neuen Schuljahres antritt, ſondern erſt mit dem 1. Juni. Mit dem Eintritt dieſes Lehrers werden auch einige Verbeſſerungen in dem Lectionsplan möglich werden. Zur Feier des 2. September und 22. März fanden Schulactus in herkömmlicher Weiſe ſtatt. Die Feſtrede an jenem Tage hielt, wie auch bei dieſer Nationalfeier in den früheren Jahren, der Unterzeichnete, in welcher er ein Lebensbild des General⸗Feldmarſchalls Graf Roon zu ent⸗ werfen ſuchte. Am Geburtsfeſt Sr. Majeſtät unſeres allgeliebten Kaiſers ſchilderte Herr Ober⸗ lehrer Dute Leben und Thaten des Generals von Werther. Bei beiden Schulfeierlichkeiten wechſelten außerdem in geeigneter Weiſe Geſang und Declamation von Liedern und patriotiſchen zur betreffenden Feier in naher Beziehung ſtehenden Gedichten. 1 Den 8. Juni 1877 machten Lehrer und Schüler einen Ausflug und zwar in drei Abtheilungen: Die beiden oberen Klaſſen gingen mit Herrn Schneider und dem Unterzeichneten über Fron⸗ hauſen durch den Kroffdörfer Wald nach dem Gleiberg und nach Gießen; Quarta und die gröͤßeren Schüler der Quinta beſuchten mit den Herren Wachsmuth und Schürmann den Chriſtenberg und die übrigen Quintaner machten mit der Sexta unter der Führung der Herren Oberlehrer Dute und Leimbach einen Spaziergang nach Goßfelden.. Die 3 ½ wöchentl. Sommer⸗ und 2 ½ wöchentl. Herbſtferien fielen auf die Zeit vom 9. Juli bis zum 1. Auguſt bezw. vom 23. September bis 10. October; die zweiwöchentlichen Weihnachts⸗ ferien dauerten vom 23. December bis 7. Januar. Um die rechtzeitige Anfertigung der Arbeiten in den längeren Ferien zu controlliren, mußten die hieſigen Schüler der drei unteren Klaſſen an beſtimmten Tagen die Arbeiten dem Unterzeichneten vorzeigen. Für die Sexta hatte Herr College Leimbach, als Ordinarius dieſer Klaſſe, die Cöntrolle ſelbſt übernommen. Hierbei erwähne ich ſehr gern, daß Herr College Leimbach während des verfloſſenen Schuljahres an einem Abend wöchentlich mit den Schuͤlern der Secunda, um eine genauere Kenntniß unſerer großen Dichter zu erzielen, einige Werke derſelben geleſen und erklärt bat. 2 u,TE Wie ſeither war auch im letztverfloſſenen Schuljahre die Einrichtung getroffen, daß am Mittwoch⸗ und Sonnabend⸗Nachmittag von 2—4 Uhr noch facultativer Zeichenunterricht an ſolche Schüler, welche zu ihrem künftigen Beruf in den zwei obligatoriſchen Stunden nicht genügende Uebung fanden, ertheilt wurden; ſo mußten auch diejenigen Confirmanden 2 dieſer Stunden 5* 36 beſuchen, welche durch den Confirmanden⸗Unterricht am Beſuch des anderen Zeichenunterricht gehindert waren. Die facultativen Zeichenſtunden beſuchten folgende Schüler: II. Fladung, Löwe, Sieke, Sachs, Wöllenſtein, Roſenbaum, Heuſer. III. Brehm, Greif, Dreiling, Schneider I, Schneider II, Blenner, Schmidt, Schneider, Ben. Pfeſfer, Diehl, Schäfer, Strippelmann, Schulz, Brauer, Dietrich, Röhr, euſer, Wick. IV. Berdux, Gerke, Runkel, Schneider, Graulich. V. Reitz, Bollbach, Dern I, Weintraut, Dietrich, Raſſau, Ströbel, Dern II, Schmidt⸗ mann, Grau, Schirmer, Holland, Broeg, Bremer, Gies, Brauer, Geidt, Schneider, Dauber, Banzer, Gerhardt, Amberg, Schulz I, Schulz II. Ausnahmsweiſe wurde im verfloſſenen Schuljahr in der Mitte des Curſus eine Abiturienten⸗ Prüfung gehalten, indem nämlich zwei Schüler der Oberſecunda ſchon nach einem ½jährigen Beſuch dieſer Klaſſe einen ſolchen Standpunct in ihrem Wiſſen und Können erlangt hatten, wie derſelbe als das Ziel der Anſtalt vorgeſchrieben iſt. Auf Antrag des Lehrer⸗Collegiums wurde beiden Schülern die Zulaſſung zur Abiturienten⸗Prüfung bewilligt. Am 13., 14., 15., 16. und 17. Auguſt fand das ſchriftliche Examen ſtatt; die Aufgaben zu demſelben waren folgende: 1) Im Deutſchen ein Aufſatz über das Thema: Der Gang der Verhandlungen in der Rütli⸗Scene nach Schillers„Wilhelm Tell“. 2) im Lateiniſchen 3) im Franzöſiſchen 4) im Engliſchen 5) in der Mathematik und zwar a) in der Planimetrie folgenden Lehrſatz zu beweiſen: Wenn man einen Winkel„ eines Dreiecks ABC an eine andere Ecke A deſſelben ſo anträgt, daß ein Schenkel mit einer Seite AC des Dreiecks zuſammenfällt, der andere aber die Verlängerung der Gegenſeite in D trifft, ſo iſt AD die mittlere Proportionale zwiſchen den Abſchnitten dieſer Seite. b) in der Trigonometrie: Jemand befindet ſich 25 m von einem Thurme entfernt; er beobachtet daſelbſt den Erhöhungswinkel der Spitze deſſelben; nachdem er ſich noch 50 m. weiter vom Thurme entfernt hat, findet er, daß der Erhöhungswinkel jetzt halb ſo groß iſt, als vorher. Wie hoch iſt der Thurm? c) in der Algebra: X+‿˖ X= 20; 2²+ XZ= 80; y2 † Xy+ 22= 154— 5. d) Folgendes Conto⸗Corrent nach der Staffelrechnung auszuführen: Ausſteller: H. Fiſcher in Hamburg. Empfänger: R. Müller in Caſſel. Zinſen im Soll 6%, im Haben 4%. Soll: Jan. 1. An Saldo von vor. Rechnung.. M. 4200. Febr. 25.„ Ihre Tratte O. N.& Co...— 3600. April 10.„ Waaren p. Juni 10...— 2420,40. Juni 20.„ Unſ. Rimeſſe auf Bremen p. Juli 20.— 1800. Haben: Jan. 15. Per Zahlung an G..... M. 2500. März 18.„ J. Rimeſſe an H. p. April 10..— 3200. Mai 23.„ desgl. an K. p. Juni 20...— 1650,40. Juni 25.„ U. Tratte p. Aug. 5...— 2250. Proviſion ½%. Porti und Stempel M. 6,50. 1 3 Auf Grund der ſchriftlichen Arbeiten wurden die Abiturienten zur mündlichen Prüfung zu⸗ gelaſſen, welche auf den 12. September anberaumt wurde. Von Königl. Provinzial⸗Schulkollegium war dem Unterzeichneten die Leitung der Prüfung übertragen worden. Das Curatorium war durch den Herrn Pfarrer Schmidt vertreten. Die Abiturienten waren: . Ed. König aus Fronhauſen, wird Civil⸗Supernumerar. 27. K. Löwe aus Belnhauſen, geht in die Prima einer Realſchule I. Ordnung, um ſich ſpäter dem Baufach zu widmen. Beide Abiturienten erhielten das Prädicat„gut“ beſtanden. ein Exercitium, 37 Die zweite Abiturienten⸗Prüfung fand zur gewöhnlichen Zeit am Schluße des Jahrescur ſtatt und zwar die ſchriftliche Prüfung am 13, 13., 14., 15. und 16. Februar. I Auufurus. waren folgende: tich dn Auf 3 Im Dentſchen ein Aufſatz über das Thema: Charakteriſti Max Pi ini i )— Schillers„Wallenſtein“. 4 h eriſtir des Max Piceolomini in 2) im Lateiniſchen 9 im Franzöſiſchen ein Exercitium, 4) im Engliſchen 5) in der Marhezretie lin zwee a des Seſefates. a a) in der Planimetrie: Beweis des Lehrſatzes: Wenn man von einen jebig — Puncte M des um ein Dreieck ABC beſchriebenen Kreiſes Perpindntel ebiden 3 Seiten resp. deren Verlängerung fällt, ſo liegen die Fußpuncte der Perpendikel in einer hden Lüe de hrer der d gſet b) in der Trigonometrie: Unter der Vorausſetzung, daß a= iſ ſoll die Ricuͤgkeit folgender Formel bewieſen ween⸗ 3s r2k iſ, sin 2+. sin 28— sin 2)= 4 cos as cos sin y. c) in der Algebra: Eine Geſellſchaft hat durch gleichmäßige Beiträge ihrer Mit⸗ glieder 2160 M. aufzubringen. Wie viel Perſonen zählt dieſe Geſellſchaft, wenn durch Ausſcheiden von 6 Mitgliedern der Betrag eines jeden um 12 M. ſteigt. d) Rechnungsaufgabe: Petroleum von New⸗York nach London conſignirt. Conſignations⸗Factura von New⸗York: 160 Barrels enthaltend 6461 Gallons Leggage 1 Gallon pr. Barrel à 35 Cents pr. Gallon Netto. 160 Barrel à[ ½ Dollar pr. Stück. Courtage 1%; Speſen bis an Bord 95 Dollar. Verſicherund von Doll. 20 à 2„) Molie D. 4,20. B) Verkaufsrechnung von London: arrels= 5082 Imperial⸗Ga — à2 Sh. 8 P. pr. Gallon. Disconto 2 ½% Fracht 7 S8626 86 pr.— 5% Primage. Zollſpeſen, Hafen⸗ und ſtädtiſche Abgaben 3 Pfd. St. 15 Sh. Anzeigegebühren, Empfangen, Probenehmen, Lagern und Ueberliefern 9 Pfd. St. 15 Sh. Zinſen von den Unkoſten auf 2 Monate mit 6% pro anno. Feuerverſicherung vom discontirten Betrag 1 ¼%. Verkaufscourtage ½%; Garantie 1 ¾%. 1 Dollar= 4 ½ Sh. üin Am 10. April fand unter dem Vorſitz des Herrn Provinzial⸗Schulrath Kretſchel und in Anweſenheit des Herrn Pfarrer Schmidt, als Commiſſar des Curatoriums, die Abiturienten⸗ Prüfung ſtatt; auch Herr Oberbürgermeiſter Rudolph, Mitglied des Curatoriums, war anweſend. Die Abiturienten waren:... 28. Heinr. Fladung von hier, will Thierheilkunde ſtudiren. 29. Heinr. Breitſtadt aus Haſſenhauſen, geht auf eine Realſchule I. Ordnung. 30. Karl Dauber von hier, widmet ſich dem Baugewerke. 31. Rud. Sieke von hier, wird Zeichenlehrer. 32. Karl Plitt aus Biedenkopf, wird Kaufmann. Drei der Abiturienten erhielten das Prädicat„gut“, zwei„genügend“ beſtanden. Die Unter⸗Secundaner A mmenhäuſer, Sachs, Roſenbaum und Lindemann erhielten den Berechtigungsſchein zum einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt. Da das Berechtigungsweſen wenig ſicher bekannt iſt, können wir wohl annehmen, daß es nicht überflüſſig, ſondern manchen Eltern unſerer Schüler willkommen ſein wird, zuverläſſige, aus den Geſetzen und Verordnungen für die höheren Schulen in Preußen von Wieſe(l. S. 227— 241. 1875) entnommene, auf die hieſige höhere Bürgerſchule ſich beziehende Angaben darüber zu erhalten. Ein Schüler, welcher aus Tertia nach Secunda verſetzt iſt, kann: 1) in die untere Klaſſe einer reorganiſirten Gewerbeſchule; 2) in die zweite Abtheilung der Königl. Anſtalt zur Aus⸗ bildung für Kunſt⸗ und Landſchaftsgärtner zu Potsdam; 3) in das Königl. Hauptinſtitut des Cadettencorps in Berlin eintreten; 4) Thierarzt; 5) Zeichenlehrer; 6) Poſtgehülfe werden; 7) in die Königl. Militär⸗Roßarztſchule zu Berlin und 8) in das Königl. Muſikinſtitut und in die academiſche Hochſchule für Muſik aufgenommen werden. 38 Ein Schüler, welcher aus Unter-Secunda nach Ober⸗Secunda verſetzt iſt, hat: 1) die Berechtigung zum einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt; 2) kann ſich derſelbe zum Eintritt in das Cadettencorps der Kaiſerl. Marine anmelden, wenn er 16 Jahre alt iſt; 3) kann er Apotheker werden. Ein Schüler, welcher aus Ober⸗Secunda nach beſtandener Abiturienten⸗Prüfung mit dem Zeugniß der Reife für Prima austritt, kann 1) Civil⸗Supernumerar bei den Provinzial⸗Ver⸗ waltungsbehörden(Kreis⸗ und Regierungs⸗Secretar, Steuer⸗Einnehmer); 2) Beamter im Staats⸗ Eiſenbahudienſt und bei der Staats⸗Eiſenbahn⸗Verwaltung; 3) Feldmeſſer und Kataſter⸗Beamter; 4) Zahnarzt; 5) Markſcheider; 6) Juſtiz⸗Subalternbeamter(Gerichtsſecretar); 7) Aſpirant für den militäriſchen Magazindienſt und für die Militar⸗Intendantur; 8) Civil⸗Anwärter für den Bureau⸗ dienſt bei der Berg⸗, Hütten⸗ und Salinen⸗Verwaltung werden; 9) zum Portepee⸗Fähnrich⸗Examen zugelaſſen werden*). Da ſchon viele Schüler nach Abſolvirung des Curſus der höheren Bürgerſchule ihre Aus⸗ bildung auf einer Realſchule I. Ordnung, in deren Prima ſie ohne weiteres Aufnahme⸗Examen eintreten, fortgeſetzt haben, bezw. noch fortſetzen werden; ſo geben wir hier noch diejenigen Berechti⸗ gungen an, welche durch den einjährigen Beſuch der Prima und durch die Abiturienten⸗Prüfung auf genannter Anſtalt erworben werden. Mit dem erfolgreichen einjährigen Beſuch der Prima werden die folgenden Berechtigungen erworben: 1) Eintritt in das Marinecadettencorps, wenn das 17. Lebensjahr noch nicht über⸗ ſchritten iſt; 2) Aufnahme in die Königl. rheiniſch⸗weſtphäliſche polytechniſche Schule zu Aachen; 3) Zulaſſung zur Partie der Verwaltung der indirecten Steuern und 4) als Civil⸗Aſpirant für den Militär⸗Marine⸗Jutendanturdienſt. Durch das Beſtehen der Abiturienten⸗Prüfung auf einer Realſchule I. edmſ wird die Zulaſſung zu allen Stellen im Bau⸗, Berg⸗, Forſt⸗, Steuer⸗, Poſt⸗, Telegraphen⸗ und Militärfach, ſowie zum Studium der Mathemalik, Naturwiſſenſchaften und der neueren Sprachen auf der Univerſität erworben. Bezüglich des Poſtfaches ſei noch bemerkt, daß nach dem Regl. vom 23. Mai 1871 als Poſt⸗ eleven auch ſolche Bewerber angenommen werden können, welche die Abgangsprüfung bei einer höheren Bürgerſchule beſtanden haben. Wenn hieraus auch deutlich hervorgeht, daß die Reallehranſtalten bezüglich der Berechtigungen mit den Gymnaſien beinahe gleichgeſtellt ſind und es für ihre Schüler hoͤchſt weſentlich iſt, ein ſo weites Gebiet für die Wahl ihres Berufes geöffnet zu ſehen; ſo darf doch nicht überſehen werden, daß die Realſchulen aus dem Bedürfniß hervorgegangen ſind, dem Gewerbe⸗ und Handelsſtand junge Leute mit geeigneter Vorbereitung zuzuführen, und daß ihr Lehrplan für dieſes Ziel als der geeignetſte unter den Lehrplänen der vielen Arten von Schulen angeſehen werden muß. B. Curatorium und Lehrercolleginm der höheren Bürgerſchule. 1) Curatorium. Herr Oberbürgermeiſter Rudolph. Herr Chr. Schaaf, Ausſchußmitglied. „ Pfarrer Schmidt. Der Rector der höheren Bürgerſchule. Prof. Dr. Dohrn, Stadtrathsmitglied. „ 2) Lehrercollegium. Dr. Hempfing, Rector. 2 Herr Zeichenlehrer Schürmann. Herr Oberlehrer Dute. 27„ Pfarrer Wolff..*E. „ Reallehrer Leimbach.„ Turnlehrer Schneider. 125 „„ Dr. Schäfer. 5„ Elementarlehrer Corell. K8 5‿3. „„ Wachsmuth.* „ l„ Dr. v. Cölln. 5 *) Nach langen, eingehenden Berathungen iſt den Bildungsanſtalten für den Offizierſtand(den Cadettenſchulen) durch eine Königl. Verordnung vom vorigen Jahr der Lehrplan der Realſchulen I. Ordnung, welches ja, wie mehrfach bemerkt, auch der Lehrplan unſerer Anſtalt iſt, ohne Aenderung zu Grunde gelegt worden. Nur wenige Cadetten beſuchen dann noch die ſog. Selecta 1 oder 2 Jahre, welche der Prima einer Realſchule entſpricht. 39 C. Lehrplan. (Wegen der größeren Ausdehnung der diesjährigen Abhandlung mußte man den Lehrplan ausfallen laſſen). Verzeichniß der Lehrkräfte nach den Gegenſtänden, wöchentl. Unterrichtsſtunden und Klaſſen während des Schuljahres Oſtern 1877 bis Oſtern 1878. 8 — SE 2. 5 Sexta. Quinta. Quarta. Tertia. Seeunda. 5 2⁵ A und B. wöchtl. 0 St. 1 St. Rechnen. 1 St. Kfm. Rechn. Dr. Hempfing 1 Stunde 2 Std. Natur⸗ 3 St. Rechnen. 2 St. Naturg. 2 St. Phoſik. 17 errins u aze. ¹ühchee 8. Aeii Bereinn S dhe ichte. 2 St. Geſchichte. 2 Oberlehrer 2 St. Geſchichte. 2 St. Geſchichte, 3 St. Engliſ 4) St. Geſchichte.„ Dute. III. 2 St. Geographie 3 St. Deutſch. 3 St.*nanns) 3 St. Engliſch. 22 . niſch 5 St. Lateiniſch.. Dr. Schäfer. IV. 6 St. Lateiniſch. 6 St. Lateiniſch.)1 St. Lere St. Lateiniſch 22 zſiſch. 1 St. Franzöſiſch. 5 St. Franzöſiſch. 8 e Reallehrer V 1 5 voyhie 3 St Franzöſ.(A) 4 St. Franzü .2et. s St. Franzöſiſch2 St. Geographie⸗ 88ſ.(A) 4 St. Franzöſiſch./ 25 Wachsmuth. 2 St. Geographie. 5 St. Franz St. Geographie 3t Jransd(e) . 9 St. Lateiniſch. 4 St. Deutſch. 3 St. Deutſch. Reallehrer lVI. 5 St. Deutſch. 2 St. Geographie. 1St. Geographie. 26 Leimbach. 2 St. Geſchichte. 4 St. Mathematik „ t. Rechnen. ☚:.. Dr. v. Cölln. 4 St. Rechnen. 15 Geometrie. 3 St. Geometrie. 1 St. Math.(A) 5 St. Mathematik] 21 . igion. 2 St. Religion. 2 St. Religion. 2 St. Religion. 2 St. Religion. 11 Pfarrer Wolff. 3 St. Religion. 1 St. Ven. 2 et. Zeic 2 2t. Zec 2 St. Zeichnen. 2 St. Zeichnen. 2 St. Zeichnen.. Zeichnen. Sairmuinn Zeich 1St. geom. Zeichn. 2 St. Zeichnen. 17 ürmann.— 2 mal 2 Stunden facultatives Zeichnen. Lehrer 2 St. Schön⸗ 2 St. Schön⸗ 2 St. Schön⸗ Corell.— ſchreiben. ſchreiben. 6 Im Singen ſind die Schüler in 2 1 orell in 3 Stunden unterrichtet. Tur entlich von Herrn Schneider, ſtädti Lehrer C 2 Stunden wöch Abtheilungen getheilt und werden darin vom Herrn Im Turnen beſtehen 3 Abtheilungen, deren jede in ſchem Turnlehrer, unterrichtet wird. 40 D. Lehrmittel. Der Fonds, welcher in dieſem Jahre zur Erweiterung der Bibliothek für Lehrer und Schüler, ſowie zur Vervollſtändigung der naturhiſtoriſchen Sammlungen und des phyſikaliſchen Cabinets verwendet wurde, war ein gleicher, wie in den früheren Jahren. Als Fortſetzungen wurden folgende amtliche, wiſſenſchaftliche und paͤdagogiſche Zeitſchriften gehalten: Centralblatt für das geſammte Unterrichtsweſen in Preußen, Krumme's pädagogiſches Archiv, Herrig's Archiv für neuere Sprachen, Sclarek's Naturforſcher, Richter's Schulmann, Delitzſch's aus allen Welttheilen, Central⸗Organ für das Realſchulweſen und. die Zeit⸗ ſchrift für das höhere Unterrichtsweſen in Deutſchland. Die Lehrer⸗Bibliothek wurde durch folgende Werke vermehrt: Kaiſer Wilhelm, Gedenkbuch von Ludwig Hahn, Dr. E. Kretzſchmer, geometr. Anſchauungslehre(Geſchenk des Herrn Verf.); Prof. Dr. L. F. Ofterdinger, Chr. M. Wieland's Leben und Wirken in Schwaben und in der Schweiz; Gude, Erläuterungen deutſcher Dichtungen, 5 Bde.; J. Fake, der Globus und ſeine Anwendungen in Schule und Haus; H. Pröhle, Leſſing, Wieland, Heinſe nach hand⸗ ſchriftl. Quellen in Gleim's Nachlaſſe; Dr. Kolde, Walther von der Vogelweide in ſeiner Stellung zum Kaiſer und zur Hierarchie; W. Buley& Fr. Pammer, Liederreigen für das Schulturnen; Bemerkungen zur Realſchulfrage von einem Mitgliede des Abgeordnetenhauſes; Verhandlungen der zweiten Directoren⸗Conferenz der Provinz Sachſen; M. Berndt, Dispoſitionen zu 100 deutſchen Aufſätzen; Dr. A. Kallius, das neue Wrünz, Maß⸗ und Gewichtsſyſtem; Cholevius, Göthe's Hermann und Dorothea; Dr. J. Lorſcheid, Lehrbuch der anorganiſchen Chemie; Alldeutſchland von Müller von der Werra und Wilhelm von Bänſch; Dr. G. J. H. Wolff, die Mechanik des Riechens; Völkel& Thomas, die Ausſprache der geographiſchen Namen; Kiepert, Lehrbuch der alten Geographie; Karl Andree, Geographie des Welthandels(Fortſetzung und Schluß); Joſef Sucher, graphiſche Zeitdarſtellung der Weltgeſchichte.(Geſchenk des Herrn stud. tech. Bernhardi in Berlin; beſten Dank). Da die höhere Bürgerſchule am Programmaustauſch ſämmtlicher höheren Lehranſtalten Deutſchlands und Oeſtreich⸗Ungarus theilnimmt, ſo kamen hierdurch der Bibliothek eine große Anzahl Programme oft recht ſchätzbaren Inhalts zu. Ddie ſchon recht vielſeitige Schüler⸗Bibliothek wurde vermehrt durch: Dr. W. Falkenheiner, heſſ. Jugendluſt; Dr. Heskamp, deutſche Mythologie und Heldenſage; Ferd. Schmidt, Königin Louiſe; Otto Ule, Warum und Weil, chemiſcher Theil; das deutſche Vaterland, Schilderungen deutſcher Geſchichte, Natur und Sitte, mit vielen Illuſtrationen; Fr. v. Hellwald, die Erde und ihre Völker; Prof. Dr. Jäger, Bilder und Geſchichten aus dem Thiergarten. So wurde die ſchon ca. 1600 Bände zählende Bibliothek der Anſtalt auch in dieſem Jahre nicht unbeträchtlich vermehrt. Aufſicht und Verwaltung der Bibliothek wurden wie ſeither von dem Unterzeichneten beſorgt. Bei der allwöchentlichen Ausleihung der Bücher an die Schüler wurde er von den Oberſecundanern König und Löwe im Sommer, von Fladung und Breitſtadt im Winter aſſiſtirt. Langjährige Erfahrung und Praxis haben gelehrt, daß bei der Ausgabe von Büchern an die Schüler große Vorſicht nothwendig iſt, und nur an ſolche Schüler Bücher zu ertheilen ſind, welche ſich durch Fleiß und Fortſchritte die Zufriedenheit der Lehrer erworbeu haben. Für den geographiſchen Unterricht wurde eine Wandkarte von Großbrittanien und Irtand beſchafft... Dem chemiſchen Unterricht gingen mehrere Zerſetzungsapparate von Glas zu. Das phyſikaliſche Kabinet erhielt mehrere Apparate zur Brechung und Fluorescenz des Lichts; ferner mehrere electriſche Apparate, ein Endosmometer und 2 Telephone. Die reiche natur⸗ hiſtoriſche Sammlung wurde vermehrt durch Ankauf von Stenops tardigradus, faule Lori; Picus martius, Schwarzſpecht; Scelet von Cygnus olor.; Cinclus aquaticus, Waſſerſchmätzer; Flustra folicea; Retepora, Neptun's Manchette; Cidanis hystrix; Arrocladia; Lacerta viridis, Männchen und Weibchen; Scorpio europacus; Sc. occidanus; Sc. americanus; Telephanus antillanus; Ausländiſche Culturpflanzen II. Abth., 11 Tafeln mit Text. 41 E. Statiſtiſche Ueberſicht. 1) Schülerfrequenz während des Schuljahres Oſtern 1877 bis Oſtern 1878. VI. Cl. V. Cl IV. Cl IIII. C. II. Cl. Summa. die höhere Bürgerſchule beſuchten. Schülerfrequenz während des Sommerſemeſters 37 55 34 47 18 191 Schülerfrequenz während des Winterſemeſters 35 54 26 44 12 171 Heimath ſämmtlicher Schüler:„ a) Einheimiſche, deren Eltern gegenwärtig hier wohnen 31 41 26 33 10. 142 b) Auswärtige, bezw. Ausländer.. 716 9 19 8 59 Confeſſion ſämmtlicher Schüler: a) Evangeliſche.. 34 50 33 50 16 183 b) Katholiſche 2 1 1(— 1 5 c) Israeliten 2 61[2 1 12 38 57 35 52 18 200 2) Verzeichniß ſämmtlicher Schüler, welche im Laufe des Schuljahres Oſtern 1877 bis Oſtern 1878 »*N bedeutet nur im So Namen. Wohnort der Eltern. Namen. Wohnort der Eltern. Tertia A. Secunda A. 1 Srode Fenudet Freyja. * Louis Marburg. 2. Greif, Wilhelm Marburg. 1 Henſer Eduard Fronhauſen. 3. Strippelmann, Ad.„ 3.»Löwe, Konrad Belnhauſen. 4. Schneider, Johann„ 4. Fladung, Heinrich Marburg. 5. Pfeffer, Ludwig Belnhauſen. 5. Breitſtadt, Heinrich Haſſenhauſen. 6. Doͤrr, Ludwig Kirberg. 6. Dauber, Karl Marburg. 7. Schäfer, Nudolph Grünberg. 7. Sieke, Rudolph„ 8. Diehl, Nriedrich Dautphe. §.»Seil, Heinrich Aſcherode. 9. Berger, Wilhelm Ziegenhain. 9. Plitt, Karl Biedenkopf. 10. Schiermann*, Wilh. Marburg. .. 11 Schmidt, Peiuni z —.Dreyling, Guſtav Setunda B. 1 19) Schneider, Heinrich 3 aͤuſer, Wilh. Roſenthal. 4.*Jammer, Burghardt Sterzhauſen. ¹0 Anenbaädide Marburg. 15. Gran, Friedrich Borken. 12. Roſenbaum, Hermann Grebenſtein. 16. Muth, Johannes Michelbach. 13. Lindemann, Ernſt Bari(Italien). 17. Zeiſſe, Louis Marburg. 14. Wieber, Wilheim Marburg. 18. Miller, Heinrich Baltimore(Amerita). 15. Mütze, Heinrich„ 19.„Pfuſch, Georg Marburg. 16.*»Morik, Karl Worbis. 20.*Kohrel, Johann Mengsberg. 17. Wöllenſtein, Eugen Marburg. 21. Baltz“, Auguſt Frankenberg. 18.*Robinſon, Sam. Lancaſter(England).[22. Henderſon“, Cluny) Puna(Oſtindien). mmerſemeſter; N'* bedeutet nur im Winterſeneſter. 6 .„. ͤ»₰⅜¾⅜¾₰nrnsnststßtßt˙˙ 42 Namen. Wohnort der Eltern. Namen. Wohnort der Eltern. ——OW——— ᷣS SSSSoASSUESN . Fiege, Georg Tertia B. . Römer, Rudolph 3. Nau, Andreas . Matthäi, Arthur .*Eſtor, Martin . Wick, Heinrich . Schmidt, Eduard . Röſſer, Heinrich .Heuſer, Karl .Brehm, Ernſt . ·Blenner, Karl .Sälzer, Johannes . Wolff, Johannes . Schiermann*, Ludwig .Leimbach, Auguſt . Sieke, Franz Klingelhöfer, Heinrich . Stamm, Franz . Dey, Bernhard „Brauer, Engelhard . Bang, Ferdinand . Ibelshäuſer, Georg 3.*Traute, Paul . Matthäi, Georg 5. Dietrich, Karl . Schultz, Auguſt . Schneider, Philipp .Cronshagen, Herm. . Röhr, Edmund .Banzer, Rudolph . Oppenheim, Rudolph 2. Klein, Friedrich Carlshafen. Capellen. Marburg. Dagobertshauſen. Marburg. New⸗Haven(N.⸗Am.) Marburg. Roſenthal. Borken. Marburg. 1/ Ockershauſen. Marburg. Karléhütte. Quarta. .‚Brühl, Andreas .Kenter, Hermann . Gerke, Heinrich . Kenter, Max . Hering, Wilhelm . Wolff, Karl . Schneider, Auguſt .Lindemann, Eduard . Nicolai, Heinrich .Mütze, Auguſt . Staubeſand, Karl . Meckel, Louis . Schedtler, Ferdinand . Berdux, Heinrich Marburg. Bari„(JItalien). Marburg. 2 7 „“ Amöneburg. Marburg. 2 Udet, Karl Runkel, Heinrich »Sander, Karl »Häring, Karl *Jacob, Peter Zeiſſe, Heinrich Kuhl, Georg Udet, Adolph Harms, Louis Matthäi, Louis 26. Graulich, Jacob 27. Stern, Aſcher 28. Kuhl, Juſtus 29. Güngerich, Ernſt 30.*Weſtlake, Sidney 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 32.»Hartert, Karl 33.*Roy, Friedrich 34.*Schäfer, Guſtav 36. Eucker?, Eduard G 31.*Schaumburg, Sali Marburg. Fleckenbühl. Marburg. / Wehrda. Marburg. Fiddemühle. Bombay(Oſtindien). Schweinsberg. Homberg. London. Marburg. Richmond(N. Am.). Quinta. 1. Stein, Jacob Holzhauſen. 2. Herrmann, Konrad Marburg. 3. Müller, Jean„ 4. Schotte, Heinrich Wetter. 5. Metzger, Aron Schönſtadt. 76. Schirmer, Ludwig Marburg. 7. Sachs, Heinrich t„ 8. Lohmeyer, Bruno„ 9. Banzer, Karl„ 10. Dietrich, Fritz„ 11. Holland, Heinrich„ 12. Raſſau, Wilhelm„ 13. Heuſer, Karl Wetter. 14. Holzhauer, Heinrich Marburg. 15. Weintraut, Dietrich„ 16. Geidt, Otto„ 17. Berger, Louis Ziegenhain. 18. Schmidt, Emil Marburg. 19. Iburg, Heinrich Giſſelberg. 20. Bolbach, Karl Marburg. 21. Brauer, Hermann„ 22. Bopp, Karl Kleinſeelheim. 23. Kaiſer, Adolph Marburg. 24.*Docter, Felix Gilſerberg. 25. Grau, Georg Borken. 26. Gies, Otto Ellnhauſen. 27. Gerhardt, Adam Giſſelberg. 43 Namen. Wohnort der Eltern. Namen. Wohnort der Eltern. .Amberg, Karl .Dauber, Wilhelm .Reitz, Louis .Dern, Heinrich . Degener, Franz . Schulz, Eduard . Schreiber, Hermann 5. Schmidtmann, Georg„ . Briel, Engelhardt . Schneider, Heinrich . Sieke, Friedrich .Kaiſer, Karl . Sieke, Albert . Schultz, Fritz . Eſtor, Wilhelm .Briel, Auguſt .Strauß, Hermann Marburg. / 7 Frankfurt. Marburg. Ebsdorf. Marburg. 2 / Amöneburg. 45. Zeiß, Friedrich Oberrosphe. 46. Siebert, Julius Marburg. 47. Kuhl, Georg.„ 48. Baum, Elieſer„ 49. Berdux, Juſtus„ 50. Textor, Ludwig„ 51. Ströbel, Theodor„ 52. Bremer, Jacob„ 53. Brög, Karl„ 54. Dern, Dietrich„ 55. Rautenhaus, Georg Kirchhain. 56. Bloß, Auguſt Marburg. 57.*Stroͤbel, Philipp 3 Sexta. 1. Unzicker, Oskar Stedtebach. 2. Otto, Johannes Treyſa. 3. Haas, Sali Marburg. . Stumpf, Karl . Schmidt, Heinrich .Ruth, Joſt .Müller, Wilhelm .Eckhardt, Karl .Keßler, Heinrich .Kern, Karl .Keßler, Wilhelm . Sälzer, Dietrich . Sälzer, Karl .Kuhl, Johannes . Wittmer, Auguſt . Lorch, Wilhelm . Eimer, Martin . Fladung, Wilhelm . Zeiſſe, Guſtav „Klinzing, Robert .Herbig, Albert . Hupbach, Karl . Birkenſtock, Heinrich . Staubeſand, Hermann .»·Barthelmai, Otto .»Schuchat, Theodor .*Windolph, Otto . Weber, Ludwig . Schirmer, K. L. . Paar, Hermann . Briel, Jacob .Barthelmes, Otto . Weyand, Friedr. .Reinhard, Wilhelm 5. Klein, Friedrich . Schmidt, Adam . Grün, Karl . Eucker, Wilhelm Marburg. Fronhauſen. Marburg. Wabern. Marburg. Cappel. 1 II Richmond(Amerika). 44 Oeffentliche Prüfung der höheren Bürgerſchule. Dienſtag, den 16. April, vormittags 9 Uhr. Eröffnung der Prüfung. Choral: Gott des Himmels und der Erden ꝛc. Gebet. Sexta: Religion bis 9 ½ Uhr Herr Wolff. Lateiniſch bis 10 Uhr„ Leimbach. Quinta: Geometrie bis 10 ½ Uhr„ v. Cölln. Geographie bis 11 Uhr„ Dute. Quarta: Franzoſiſch bis 11 ½ Uhr„ Wachsmuth. Naturgeſchichte bis 12 Uhr„ Hempfing. Nachmittags 2 Uhr. Secunda: Trigonometrie bis 2 ½ Uhr Herr v. Cölln. Engliſch bis 3 Uhr„ Dute. Tertia: Lateiniſch bis 3 ½ Uhr„ Schäfer. Geographie bis 4 Uhr„ Leimbach. Vortrag einiger deutſcher, franzöſiſcher, engliſcher und lateiniſcher Gedichte beim Wechſel der Lehrgegenſtände. Schlußworte der Prüfung und Entlaſſung der Abiturienten von dem Rector. Choral:„Alles was Odem hat, lobe den Herrn“ ꝛc. Jährend der Prüfung ſind die ſchriftlichen Arbeiten und Zeichnungen der Schüler zur Einſicht ausgelegt. Nach der Vertheilung der Zeugniſſe findet gegen ½ 5 Uhr die Prüfung der dritten und zweiten Abtheilung im Turnen in der Turnhalle ſtatt. Der Unterricht des neuen Schuljahres beginnt Donnerſtag den 2. Mai. Anmeldungen neu⸗ zugehender Schüler, welche ein Zeugniß ihres letzten Lehrers vorzulegen haben, werden während der Ferien in den Vormittagsſtunden von 10 bis 12 Uhr von dem Unterzeichneten entgegengenommen. Die Prüfung der angemeldeten Schüler findet Mittwoch, den 1. Mai, von 8 Uhr morgens an in dem Locale der höheren Bürgerſchule ſtatt. Deerr Eintritt in die Serta erfolgt nicht vor dem vollendeten neunten Lebensjahre. Die zur Aufnahme in die Klaſſe erforderlichen elementaren Kenntniſſe und Fertigkeiten ſind: Geläufigkeit im Leſen deutſcher und lateiniſcher Druckſchrift; Kenntniß der Redetheile; eine leſerliche und reine Handſchrift; Fertigkeit Dictirtes ohne grobe orthographiſche Fehler nachzuſchreiben; Sicherheit in den vier Grundrechnungsarten mit gleichbenannten Zahlen. In der Religion wird Bekanntſchaft mit den Geſchichten des alten und neuen Teſtaments, ſowie(bei den evangeliſchen Schülern) mit Bibelſprüchen und Liederverſen gefordert. Schüler, welche in die Quinta aufgenommen zu werden wünſchen, müſſen ſchon Kenntniſſe im Lateiniſchen beſitzen. Wenn daher auswärtige Eltern beabſichtigen, daß ihre Söhne erſt ſpäter als mit dem zehnten Lebensjahre in die hieſige Realſchule und zwar in eine höhere als die letzte Klaſſe eintreten ſollen, ſo müſſen ſie dafür Sorge tragen, daß ſich ihre Söhne einige Vorkenntniſſe in der lateiniſchen Sprache ſchon vor dem Eintritt in die Anſtalt aneignen. Denjenigen Eltern, welche Einrichtung und Plan der höheren Bürgerſchule näher kennen lernen wollen, wird von dem Unterzeichneten die Schulordnung und der Lehrplan auf Verlangen gratis verabfolgt. Der Rector der höheren Bürgerſchule: Dr. Hempfing.