—————— F 8 —— 1 3 P 4 Jahresbericht 1 Königliche Gymnaſiumzu Kinteln, zu den am 19. März 1875 Statt findenden Schulfeierlichkeiten ergebenſt einladet der Gymnaſial⸗Director Dr. Otto Frick. Inhalt:. 1) Ueber die ethiſche Bedeutung der ſophokleiſchen Tragödie Elektra. 1. Theil vom ord. Lehrer— 1 Dr. Hugo Suchier. 2) Schulnachrichten vom Director. AS— — C G— Rinteln 1875. Druck von C. Böſendahl. Ueber die ethiſche Bedentung der ſophokleiſchen Tragödie Elektra. AARAEARARAÖQRA;Q;Q;,; Die dramatiſchen Kunſtſchöpfungen der Griechen, beſonders die Tragödien, ſind oft in ihren ethiſchen Principien, ſo wie in den nothwendig daraus fließenden tragiſchen Charakteren, nach mo⸗ dernem Maßſtabe beurtheilt, und die Anſchauungen, welche unſerem Zeitalter ſein eigenthümliches Gepräge aufgedrückt haben, dabei zu Grunde gelegt worden. Unſere heutige ſittliche Weltanſchau⸗ ung jedoch, die chriſtlich⸗germaniſche, das Reſultat einer mehr als zweitauſendjährigen Culturentwick⸗ lung, welche auf griechiſch⸗römiſcher Cultur erwachſen die auf allen Lebensgebieten waltende Huma⸗ nität in das Leben gerufen hat, zeigt ſich in vielen Beziehungen grundverſchieden von der griechiſchen. Dieſe, ein reines Erzeugniß des griechiſchen Volksgeiſtes, hat ihre Wurzeln in den früheſten Offen⸗ barungen der vorgeſchichtlichen Entwicklung des griechiſchen Lebens und in naturgemäßer Weiterbildung auf den verſchiedenen Gebieten der eigenthümlichen Entfaltung jenes Geiſtes ihren Urſprung nie verleugnet. Da jene Principien die Seele bilden, welche im Drama eine Geſtalt gewinnt und darin zur Erſcheinung kommt, ſo iſt die Bedeutung derſelben gewiß einer näheren Berückſichtigung werth und verdient eine größere Beachtung als dieſem Gegenſtande mehrfach zu Theil gewor⸗ den iſt. Die ethiſche Anſchauung iſt vorzugsweiſe bei Sophokles zu einer beſonderen Bedeutung ge⸗ langt und bildet in der Elektra, von anderen Tragödien abgeſehen, den dunkeln Hintergrund, aus welchem die Handlung der im Stücke auftretenden Hauptperſonen hervorgeht. Dieſer Umſtand iſt vielfach verkannt worden und dies hat zu einer verkehrten Beurtheilung der Charaktere und ſomit auch des äſthetiſchen Werthes dieſer Tragödie geführt. Da eine richtige Beurtheilung beider Verhältniſſe auf einer richtigen Würdigung der ethiſchen Grundlage beruht, ſo iſt die geſchichtliche Entwickelung der in der Tragödie waltenden ethiſchen Ideen auf ihren Urſprung zurückzuführen und von da aus das rechte Licht für dieſen Gegenſtand zu gewinnen. 1 — 2— Hier iſt nun zunächſt darauf hinzuweiſen, daß die religiöſen Vorſtellungen der Griechen nebſt ihrer Gottesverehrung das Ergebniß der Naturbetrachtung waren und ebenſo die ethiſchen Anſchau⸗ ungen, welche ſich mit denſelben entwickelt hatten, auf derſelben Grundlage ruhten. Daſſelbe gilt daher auch von der Tragödie, welche wegen ihres religiöſen Urſprungs aus dem Cultus des Gottes Dionyſos oder Bacchus an den Feſten deſſelben einen weſentlichen Theil der Feſtfeier bildete und von dieſer ihrer Geburtsſtätte ſich nie wieder getrennt hat. Ihres Urſprungs eingedenk brachte die Tragödie, je mehr ſie ſich ihrer Vollendung näherte, ſittlich⸗religiöſe Ideen zur Anſchauung, um bei den Menſchen an die Heiligkeit der ſittlichen Ordnung zu mahnen. Durch dieſes innige Band, welches die griechiſche Tragödie mit der Gottesverehrung in innige Beziehung ſetzte, blieb die tragiſche Bühne der Griechen ſtets der Ort, welcher ſeiner erhabenen Stellung entſprechend weder niedrigen materiellen Intereſſen diente, noch auch— wenigſtens nicht vor der Zeit des Ver⸗ falls der Kunſt— einer herrſchenden Zeitrichtung fröhnte. Hier in weihevollen Stunden der Feier, welche mit Opfer und Gebet begonnen wurde, trat vielmehr der Menſch in ſeinen höchſten über das Alltägliche erhabenen Intereſſen der Gottheit näher und ſchaute deren geheimnißvolles Walten in den menſchlichen Angelegenheiten. In beſtimmten, ſich gleichmäßig im Leben wiederholenden und ſtets von denſelben unausbleiblichen Folgen begleiteten Handlungen, an welchen der Uneingeweihete gleichgültig und ahnungslos vorüberzugehen pflegt, ahnte der tiefer ſchauende und in die göttlichen Geheimniſſe eindringende Dichtergeiſt eine feſt gegründete göttliche Ordnung und unabänderliche Wahrheit. Sagen von derartigen Ereigniſſen, in welchen ſich eine durch die Erfahrung ſchon mehr⸗ fach beſtätigte Wahrheit und eindringliche Mahnung zur Beobachtung und Wahrung der göttlichen Ordnung ausſprach, waren von der mythiſchen Vorzeit her durch Ueberlieferung fortgepflanzt im An⸗ denken des Volkes lebendig. Dieſe, an ſich ſchon Gebilde der dichtenden Phantaſie und durch den Genius des tragiſchen Dichters zur höhern poetiſchen Kunſtform verklärt, gelangten auf der Bühne zur Dar⸗ ſtellung und zeigten in concreter Geſtaltung dem Sterblichen eine ideale Welt, welche dem wechſel⸗ vollen, alltäglichen Treiben des Lebens enthoben, die unſichtbaren Mächte in wandelloſer Hoheit offenbarte. So war der tragiſche Dichter das Organ für die ſittlichen Ideen, welche das Lebeu in ſeinen verſchiedenen Beziehungen bewegen. Auf dieſe Weiſe waren, wie das Anſchauen der Kunſtwerke überhaupt, welche den Griechen überall umgaben, und in denen ihnen die Gottheit gegenwärtig entgegentrat, vornehmlich die Vor⸗ ſtellungen der tragiſchen Dichtungen von großer Bedeutung in der Erziehung zur Sittlichkeit, da der Grieche ſeine Aufgabe darin ſah, das Leben mehr in ſeiner lebendigen Wirklichkeit unmittelbar auf ſich einwirken zu laſſen, als in Reflexionen darüber ſich zu ergehen und danach Grundſätze für das Leben aufzuſtellen.„In den ſchönſten Augenblicken des Lebens, ſagt Fr. Jacobss), trat die tragiſche Poeſie in feſtlichem Schmucke, begeiſtert und begeiſternd zu ihm hin. Wie ſie, in den Sitzen der Götter gezeugt, zu dem Leben des Menſchen herabgeſtiegen war, um ſie auf die edelſte Weiſe zu erfreuen, ſo erſchien ſie auch unter ihnen am liebſten bei den Feſten und Spielen der Götter und lenkte die Blicke der Sterblichen zu einer höheren Welt hinauf. Wie dies Spiel in Rückſicht auf die Kunſt eine unübertreffliche Vollendung zeigte, ſo war es in Rückſicht auf die Sitten eine Schule der Weisheit; und wie es der feſtlichen Verherrlichung der Götter beſtimmt war, ſo leitete es durch *) Ueber die Erziehung der Hellenen zur Sittlichkeit. Vermiſchte Schr. 3. Th. S. 38 und 306— 310. — 3— ſeinen Inhalt zu ihrer frommen Verehrung hin. In dem Kelche Melpomenens miſchte es, was die Gefühle wecken und beruhigen, aufregen und mäßigen konnte; und indem es die Menſchen in ihrer höchſten Würde und in ihrer größten Abhängigkeit zeigte, trat es der Selbſtſucht entgegen und reinigte das Gemüth durch eine heilſame Erſchütterung ſeiner innerſten Tiefen. In dieſem bewun⸗ derungswürdigen Spiele wurden die Gemüther durch die kraftvolle Darſtellung großer CEreigniſſe mit der Furcht der Götter und tiefer Achtung vor den Geſetzen erfüllt; und die Noth der Mächtigen, welche die Tragödie am liebſten darſtellte——— war als eine Aufforderung gemeint, durch Erkennung der Schranken menſchlicher Willkür, der unendlichen Macht ſittlicher Freiheit und dem ewigen Geſetze der Gerechtügkeit zu huldigen, deſſen Vollſtrecker die Götter ſind.“ Die tragiſche Bühne der Griechen war alſo nicht, wie die moderne ſo häufig, nur dem ange⸗ nehmen Zeitvertreibe gewidmet, ſondern diente dem Zwecke und der Würde ihres Urſprungs gemäß der Gottesverehrung. Indem die Gottheit hier dadurch gefeiert wurde, daß ſie als Wächter der Weltordnung erſcheint und die Störung derſelben ausgleicht, ergeht aus dem lebensvollen Bilde, das ſich vor den Blicken des Zuſchauers entrollt an dieſen die ernſte Mahnung, ſich vor jeder Ueber⸗ ſchreitung der ihm gewieſenen Schranken zu hüten. Dieſer Beſtimmung der griechiſchen Bühne ge⸗ denkt auch der Dichter E. Geibel in einem Vorworte(vor ſeiner Tragödie Roderich), indem er ſie der modernen, über deren profanere Beſtimmung er klagt, gegenüberſtellt und ihr zum Vorbild in folgenden Verſen anempfiehlt: „Es ſei die Bühne, was dereinſt ſie war, Ein Heiligthum; es ſei das Trauerſpiel Ein dunkler Spiegel, drin zum Bild gefaßt Das ewige Geſetz des Weltenganges Geſtaltenvoll dem Volk ſich offenbart.“ Wie nun das Leben ſelbſt durch ſeine wechſelvollen Ereigniſſe, durch die verhängnißvollen Conflicte zwiſchen ethiſchen Principien, in die es ſo Manchen verſetzt, eine eindringlichere Lehre dar⸗ bietet, als eine blos mündliche oder ſchriftliche Ermahnung, ſo wirkt auch die Tragödie dadurch, daß der Conflict zwiſchen handelnden Perſonen vor den Augen der Zuſchauer durchgekämpft wird und ſomit ein Stück Leben zur Darſtellung kommt, mächtiger auf das Gemüth als jede andere Dichtungsart, wie z. B. das Epos, worin eine bereits gewordene Begebenheit berichtet wird. Dem Leben entſprechend zeigt ſich auch in der Tragödie an dem einzelnen zufälligen Ereigniß, welches ein beſonderes Individuum betroffen hat, das Allgemeine, wie es zu allen Zeiten unter gleichen Ver⸗ hältniſſen wiederzukehren pflegt. Dies Allgemeine iſt in der Tragödie die ſittliche Weltordnung und dieſe der Widerſchein des Göttlichen, welches als die Seele des Kunſtwerks dieſem einen beſonderen Charakter aufgeprägt und als das Ewige im Endlichen ſich eine ſichtbare Geſtalt geſchaffen hat. Hierdurch erhebt ſich die Tragödie von der beſonderen zu allgemein menſchlicher Bedeutung und die tragiſchen Charaktere werden zu typiſchen Figuren aller gebildeten Völker und Zeiten. Da nun dies ethiſche oder ſittlich⸗religiöſe Element, die ſittliche Ordnung, in welchem die tragiſchen Cha⸗ raktere ſich bewegen und offenbaren, beſonders bei Sophokles den Kern der Handlung bildet, ſo ſtehen bei ihm beide auch, die ethiſche Idee und die künſtleriſche Vollendung, in inniger wechſel⸗ ſeitiger Verbindung Betrachten wir aus dieſem Geſichtspunkte die Tragödien des Aeſchylus näher, 1* — 4— ſo nehmen wir in dieſen noch einen mehr epiſchen Charakter wahr; die Handlung, wenn auch in der Bruſt des Helden zur Reife gediehen, ſteht den Motiven noch mehr objectiv gegenüber, während dagegen Sophokles das ethiſche Princip entſchieden in den Vordergrund ſtellt und an der tragiſchen Handlung zum Ausdruck bringt. Dieſe ethiſchen Motive, welche an der tragiſchen Handlung zur Erſcheinung kommen, ſind auch bei der äſthetiſchen Beurtheilung einer Tragödie wohl zu berückſich⸗ figen und der Auffaſſung des Dichters entſprechend zu deuten.„Diejenigen“, ſagt Jacobs in der erwähnten Schrift S. 309„welche in der alten Tragödie nur die architektoniſche Kunſt bewundern und ihre Wirkſamkeit theils von der materiellen Beſchaffenheit ihres Inhalts, theils von der Art der Be⸗ handlung deſſelben ableiten, ohne auf ihre religiöſe Grundlage und ihre Beziehung auf die göttliche Welt⸗ regierung zu achten, gleichen dem gelehrten Reiſenden, welcher die Säulen der Tempel zählt und ihre Ver⸗ hältniſſe mißt, aber nicht an die Gottheit denkt, der er erbaut iſt, und von deren Daſein und Gegenwart er ſeine Weihe empfängt. Nimmt man dieſe höhere Beziehung hiuweg, welche die alte Tragödie in allen ihren Theilen durchdringt, ſo bleibt wenig Anderes übrig, als das Schreekliche, oft Grauſenvolle der Begebenheit, das, wie ſehr es auch immer das Intereſſe der Neugier erregen oder durch Außerordentlichkeit das Gemüth erſchüttern mag, weder bildend noch ſittlich iſt.*)„Dieſe Worte paſſen vollſtändig auf die Elektra und viele ihrer Beurtheiler, welche in dem Stücke auch nur das Schreckliche und Grauſenvolle der Begebenheit ſehen, ohne die religiöſe Grundlage und ihre Beziehung auf die göttliche Weltregierung zu beachten. Iſt nun hiernach ein näheres Verſtändniß der ethiſchen Anſchauungen bei Beurtheilung dieſer Tragödie nicht hintanzuſetzen, da auf ihnen ja auch die Anſchauung des Dichters und die Motive der tragiſchen Handlung der Perſonen beruhen, welche für ein ethiſches Princip in die Schranken treten, ſo darf dies ſchon deshalb nicht geſchehen, weil gerade in dieſer Beziehung die antike und moderne Weltanſchauung aus einander gehen. Dieſe letztere und die damit in Wechſelbeziehung ſtehenden ſubjective Gefühle dürfen wir nicht, wie es ſo vielfach geſchehen iſt und theilweiſe noch geſchieht, bei Beurtheilung von Charakteren und Handlungen des griechiſchen Dramas als Maßſtab anlegen; hierbei muß diejenige allein als Richtſchnur gelten, welche den griechiſchen Dichter bei ſeiner Schöpfung beſeelt hat und die ſeinen dramatiſchen Perſonen die Triebfeder ihrer Handlungen ge⸗ worden iſt. Die moderu⸗chriſtliche Weltanſchauung iſt durchdrungen von der göttlichen Liebe und Gnade, ſowie der geſammten darauf ruhenden vorgeſchrittenen Humanität. Die griechiſche Anſchau⸗ ung, wenn auch zur Zeit der großen tragiſchen Dichter ſchon bedeutend modificirt und gemildert, iſt ein Ausfluß des alten ſtarren Naturgeſetzes, von welchem ſie ſich nie ganz loszutrennen vermocht hat. Dieſe Erſcheinung iſt auf die älteſte Offenbarung des religiöſen Volksgeiſtes zurückzuführen, welcher in vorgeſchichtlicher Zeit von der Naturanſchauung ausgegangen iſt. In den verſchiedenen Naturmächten erkannten die Griechen jener grauen Vorzeit ihre Gottheiten und wie ſie ſelbſt in innigem Verkehr mit der Natur lebten, ſtanden auch ihre Lebensbeziehungen mit derſelben in inniger Verbindung und unter ihrem Einfluß. So erſchien das ordnende Weltprincip in Zeus perſonificirt ſowohl in phyſiſcher als ethiſcher Beziehung, unter deſſen Leitung und Aufſicht auch die ſittlichen Lebensordnungen ſtanden. Dieſe gelten daher geradezu als ein Naturgeſetz und wurden mit der Strenge eines ſolchen vom Ordner überwacht. Daß die Sterblichen ſich vor deren Verletzung hü⸗ *) Vgl. Bernhardy Gr. Litteraturgeſchichte 3. Bearb. 2. Th. 2. Abth. S. 125. — 5— teten und ihre Aufrechthaltung ſtreng beobachteten, darüber wachte zunächſt ebenfalls Zeus und nach der Anſicht der Tragiker, beſonders des Sophokles, auch Apollo als Stellvertreter deſſelben; dann auch wohl andere Gottheiten, ſofern ſie zu einer Lebensordnung oder einer dramatiſchen Perſon in irgend eine Beziehung traten. Wie nun in jenem Zeitalter der Kindheit der griechiſche Volksgeiſt Gott und die natürliche Weltordnung in ungeſchiedener Einheit anſchaute, ſo dachte er ſich auch die ſittlichen Lebensordnungen zugleich mit der Natur urſprünglich von der Gottheit geordnet und auf unabänderliche Geſetze ge⸗ gründet. Daher galten ſie als ein Theil der göttlichen Weltordnung und durften von den Menſchen nicht willkürlich aufgehoben oder verletzt werden, wenn nicht eine ſchwere Ahndung von der beleidigten Gottheit verhängt werden ſollte. In der urſprünglichen Sprache der Naturanſchauung heißt dies nichts Anderes als: Wer gegen ein Naturgeſetz verſtößt, der ſtraft ſich an ſich ſelbſt, fügt ſich ſelbſt einen Schaden zu; denn die Verletzung der phyſiſchen und ethiſchen Naturordnung pflegt ſich an dem Thäter zu rächen. Sehen wir nicht noch heut' zu Tage, welche unheilvollen Folgen oft die Verletzung irgend eines geheiligten Familienrechtes für den Thäter nach ſich zieht, auch ohne daß eine ſtrafende Gerechtigkeit dieſen verfolgt?— exempla sunt odiosa.— Die griechiſchen Götter waren übrigens ſelbſt auf einer Naturbaſis entſtanden und ihr Lebensgrund war die phyſiſche Welt⸗ ordnung. Daher tragen auch die Götter, nachdem ſie im Laufe der Zeit den Charakter idealerer Mächte angenommen haben, den füheren Naturcharakter an ſich, wenn ſie auch nicht mehr reine Naturmächte ſind. Auf dieſe Weiſe waren die verſchiedenen Aeußerungen der ſittlichen Weltordnung, weil ſie einem Naturgeſetze gleich von Zeus ihre unwandelbare Ordnung empfangen hatten, in der Religion ge⸗ gründet und durch traditionelle Beachtung als ein Gewohnheitsrecht in die hiſtoriſche Zeit überge⸗ gangen. Auf dieſer ſittlichen Weltordnung beruhte urſprünglich die ganze Beachtung des Rechts, bevor poſitive Rechtsbeſtimmungen an ihre Stelle traten. Das Wort„ethiſch“ bezeichnet demnach das, was durch die Sitte als Gewohnheitsrecht anerkannt war und, weil unter dem Schutze einer Gottheit ſtehend, für heilig und unverletzlich galt. Nachdem ſo auf phyſiſcher Grundlage erwachſen die ſittliche Ordnung zu einer ideellen ſich geſtaltet hatte, erſcheint ſie auch als diejenige Eigenſchaft an dem Menſchen, wonach er mit jenem durch die Sitte geheiligtem Rechte ſowohl, als auch mit der Gottheit in Uebereinſtimmung denkt und handelt. Wenn bereits in den homeriſchen Gedichten die Götter losgetrennt von der natürlichen Grund⸗ lage, in der urſprünglich ihre Macht und ihr Walten ſich offenbarten, als vergeiſtigte Weſen er⸗ ſcheinen, ſo haben doch die unter ihrer Aufſicht und Obhut ſtehenden ethiſchen Lebensmächte, obgleich auch ſie ſich im heroiſchen Zeitalter ideell zu geſtalten begannen, ihre natürliche Schranke noch nicht durchbrochen, und ihr Anſehen erhielt ſich, wenn auch nicht ohne Wandelung, bis zu den Zeiten der Perſerkriege herab. Mit dieſem weltgeſchichtlichen Ereigniß, das einen tiefen religiöſen Eindruck hinterließ, tritt bei den Griechen, vornehmlich aber bei den Athenern, ein Bruch mit den Anſchau⸗ ungen der Vergangenheit und ein Umſchwung auf dem geſammten Gebiete der Geiſtescultur ein. Wie um dieſe Zeit das Denken allmählich von der Erforſchung der äußeren Dinge ſich abwandte und in das Innere des menſchlichen Geiſtes ſich vertiefte, erfolgte auch in den religiöſen Vorſtellungen ein Fortſchritt zu einer geiſtigeren und philoſophiſcheren Betrachtung der menſchlichen Geſchicke. Das — 6— Nachdenken wurde mächtig aufgeregt und das ſittliche Bewußtſein in dem Gedanken einer göttlichen Weltregierung und einer Ausgleichung, einer zum Gleichgewicht und Harmonie ſtrebenden Kraft in den Verhältniſſen geſtärkt und gehoben. Um ein ſolches Bewußtſein, welches jeder dunkel in ſich fühlte, zur Klarheit zu bringen, dazu war wohl kein Organ wirkſamer als die Tragödie. Daneben rief die Betrachtung ſo gewaltiger Thatſachen eine Vergleichung zwiſchen den Erfolgen auf griechiſcher und perſiſcher Seite hervor, wobei nothwendig ſich die Vorſtellung aufdrängen mußte, daß der Wille und die Thatkraft im Verein mit geiſtiger Ueberlegenheit über rohe Maſſen ſo glänzende Siege errungen habe. Der denkende Geiſt fängt an zu erkennen, daß der Menſch nicht mehr, wie im homeriſchen Epos, wo er noch nicht der Vormundſchaft der Götter entwachſen ſtets am Gängelbande derſelben geleitet wird, einer äußeren blinden Nothwendigkeit unterworfen iſt, und dieſe Vorſtellung wird auch in den Tragödien des Aeſchylus und Sophokles die vorherrſchende. Doch iſt nicht zu verkennen, daß die Geſchicke und Fügungen im Leben der dramatiſchen Perſonen zuweilen etwas von einem unvermeidlichen Geſchick erſcheinen laſſen, was nicht durch die Verkettung der Umſtände her⸗ beigeführt iſt noch als nothwendige Folge der Handlung erſcheint. Ueberhaupt ſind die Reſultate der moraliſchen Welt oft in Dunkel gehüllt und verſtatten dem ſterblichen Auge keinen Einblick in die Cauſalverbindung der Verhältniſſe. In der Elektra iſt jedoch von einem blinden Geſchick, worauf wir weiter unten zurückkommen werden, keine Rede, da erſcheint alles als natürliches Ergebniß der Hand⸗ lung. Dieſe Fragen ſind wiederum von Bedeutung bei der Vetrachtung der tragiſchen Handlung vom ethiſchen Standpunkte aus. Die Tragiker waren es vornehmlich neben den Denkern von Fach, welche die verſchiedenen Fragen über das Leben mit ſeinen Mächten und Gegenſätzen, über das Schickſal, über das Ver⸗ hältniß des Menſchen zur Gottheit, über die ſittliche Ordnung dem freien Willen gegenüber zu löſen ſuchten und in künſtleriſcher Darſtellung einer lebensvollen Handlung den Zeitgenoſſen zur An⸗ ſchauung brachten. Bernhardy Grundriß der griech. Litt. 3. Bearb. 2. Th. 2. Abth. S. 185 be⸗ merkt hierüber richtig:„Dieſe tiefſinnigen Gedanken ſollten das ſittliche Leben mit der religiöſen Ein⸗ ſicht im Einklang ſetzen und durften die Widerſprüche nicht blos hervorziehen, ſondern auch durch Anſchauungen der reifen Gegenwart berichtigen. Nicht mit Unrecht gilt alſo die Tragödie für den frühſten und reifſten Vorläufer der Ethik unter den Attikern, ehe Sokrates dieſen Theil ins Gebiet der Wiſſenſchaft herüberzog.“ So wurden die neuen durch den neuen Zeitgeiſt gewonnenen Ideen, welche ſich auf dem Ge⸗ biete der ſittlichen Ordnung bewegen, durch die tragiſche Bühne den Zeitgenoſſen an das Herz ge⸗ legt, in ihnen klarere Vorſtellungen davon erweckt und ſo der Gegenſtand zu allgemeinem Eigen⸗ thum gemacht. Mit dem Vertrauen auf den Willen und die eigene Thatkraft tritt auch die Vorſtellung von der Freiheit der menſchlichen Handlungen und des daraus entſpringendes Geſchicks der Menſchen in den Vordergrund. Mit dem Fortſchritt der Cultur und der genaueren Erforſchung der geiſtigen Ver⸗ hältniſſe des Lebens trat die Vorſtellung von der Weltordnung in ein neues Stadium ein und in Gegenſatz zu den alten Naturweſen. Nachdem im Laufe der Zeit der unmittelbare Zuſammenhang dieſer mit der Menſchenwelt ſchon mehr und mehr gelockert war, trat jetzt eine größere Trennung zwiſchen der Gottheit und den Menſchen ein, zwiſchen Geiſt und Natur. Dieſer Vorſtellung gegen⸗ — 7 d— über konnte ſich auch das alte Naturrecht in ſeiner objectiven Starrheit, welche wie ein bewußtloſes Naturgeſetz unabwendbar ihr Ziel verfolgt, nicht behaupten. Es mußte der ſittlichen Vorſtellung weichen, welche in dem beſtimmten Bewußtſein, daß die göttliche Ordnung verletzt ſei und die gött⸗ liche Gerechtigkeit deren Wiederherſtellung verlange, die Beſtrafung des Frevlers betrieb. So wirkte auch die Blutrache, mit der wir es im Folgenden beſonders zu thun haben, nicht mehr als bloße Naturmacht, ſondern als ſittliche Vorſtellung. Aber auch dieſe kann ihre Abſtammung vom Natur⸗ culte nicht verleugnen und bleibt noch in der Naturanſchauung befangen. Dieſer geſammten Anſchauung hat Aeſchylus die Bahn gebrochen; doch beſteht bei ihm noch zwiſchen göttlichem und menſchlichem Gebiet ein Zwieſpalt, den er nicht auszugleichen vermochte; die ſittliche Ordnung erſchien ihm als eine unverſöhnliche Macht gegen den Frevler an ihr, wie dies die Kette von Gräuelthaten im Geſchlechte der Atriden zeigt, wo ein Mord ſtets Sühne durch des Mörders Blut verlangte. Während er jedoch auf der Grenzſcheide zweier Weltalter in ſeinen Dramen die ſtürmiſch bewegte Zeit nebſt dem Zwieſpalt zwiſchen dem Leben und den es bewegenden Mächten abſpiegelt, erhebt ſich Sophokles auf dem von ſeinem Vorgänger bereits errungenen Stand⸗ punkt eine Stufe höher zu der heiteren Ruhe und vertrauensvollen Hingebung an das göttliche Walten. Dieſer ſchöne Zug, Ergebung in die göttliche Fügung, iſt ein bezeichnender Fortſchritt in der ſophokleiſchen Anſchauung und wird der Elektra vom Chor V. 174 ff. eindringlich ans Herz gelegt, wie überhaupt in dieſer Tragödie vorzugsweiſe die göttliche Gerechtigkeit gefeiert und die Wiederherſtellung des verletzten Rechtes ihrem Walten anheimzuſtellen empfohlen wird, im Gegen⸗ ſatze zu der eigenmächtigen Selbſthülfe Klytämneſtras und Aegiſths. Durch die erhabenen Ideen der Humanität, welche ihn beſeelten, und denen auch das Gemüth ſeiner Landsleute bereits zugäng⸗ lich gemacht war, ſuchte er die Gegenſätze zu mildern, die das Göttliche und Irdiſche noch aus einander hielten. Die ſchöne Ausgleichung der wechſelſeitigen Verhältniſſe nach der ſtürmiſchen Aufregung zur Zeit der Perſerkriege findet ihren Widerſchein in ſeinen Tragödien. Wie im öffent⸗ lichen Leben herrſcht in ſeinen Dichtungen der Geiſt ſittlicher Harmonie und bei ihm wird es Auf⸗ gabe der Kunſt, den Menſchen nebſt ſeinen Entſchlüſſen im Zuſammenhang mit den ſittlichen Mäch⸗ ten zu zeigen. Auf dieſe Auffaſſung müſſen wir bei Sophokles näher achten, da die ſittlichen Mächte die Handlung der Perſonen beſtimmen und in dieſen perſonificirt einander feindlich gegenüber treten. Durch die bereits angebahnte Verſenkung des Gedankens in das Innere des Menſchen wurde nach der Mitte jenes Jahrhunderts im Zuſammenhang mit dem allgemeinen geiſtigen Aufſchwung nach allen Richtungen hin ein Schritt weiter gethan durch die Dichter ſowohl wie die Denker“*). Der Geſichtskreis der Welt⸗ und Geſchichtskenntniß hatte ſich erweitert und vor der hereinbrechenden Auf⸗ klärung konnte der alte Götterglaube nicht Stand halten: die alten Mythen enthielten vieles, was den geläuterten, ſittlichen Begriffen und der erweiterten Einſicht nicht entſprach. Bisher war das Gebiet des Geiſtes und des praktiſchen Lebens von der philoſophiſchen Betrachtung ausgeſchloſſen geweſen. Beide wurden Gegenſtand der philoſophiſchen Forſchung und der Menſch zum Maaß aller Dinge. Hierdurch mußte auch die Idee des Göttlichen ſich nach ſeiner Phantaſie geſtalten und verändern. Zeigte doch ſchon die hohe Vollendung in den Götterbildern, daß der Menſch Götterideale aus ſich zu erzeugen und ihnen eine freie Geſtaltung zu geben vermöge. *) Val. E. Zeller die Philoſ. der Griechen. 1. Th. S. 725— 727. — 8— Die auf dieſem Wege gewonnene klare Einſicht in die Bedeutung des Ich und das darauf beruhende größere Vertrauen auf die Subjectivität bewirkte, daß der Menſch mit ſeiner Freiheit und Verant⸗ wortlichkeit in den Vordergrund, die Gottheit dagegen, die aus ihrem perſönlichen Verkehr mit den Menſchen ſchon bei Aeſchylus herausgetreten und in weitere Ferne gerückt war, bei Sophokles noch weiter in den Hintergrund trat. So handeln auch ſeine Perſonen aus ihrer Subjectivität heraus und nach den ſie beſtimmenden ethiſchen Mächten. Die Wirkung des Dramas beruht nunmehr auf dem Widerſtreit der letzteren unter einander, auf dem Widerſpruch zwiſchen dem Herkommen und dem natürlichen Geſetz, zwiſchen dem Glauben und dem grübelnden Verſtande, zwiſchen dem Geiſt der Neuerung und der Vorliebe fürs Alte, mit einem Worte auf der Dialektik der ſittlichen Verhältniſſe und Pflichten.*) Je vollſtändiger dieſe Dialektik ſich entfaltete, je tiefer die Dichtkunſt von der großartigen Betrachtung des ſittlichen Ganzen in die Verhältniſſe des Privatlebens herabſtieg, je mehr ſie auf euripideiſche Art in feiner Beobachtung und genauer Zergliederung der Gemüthszuſtände und Beweggründe ihren Ruhm ſuchte, je mehr man an die Götter und ihre Handlungen den menſchlichen Maßſtab anlegte, um ſo mehr mußte durch das Schauſpiel der alte Glaube untergraben werden. Auch dieſe negative Seite der religiöſen Verhältniſſe hat ohne Zweifel beſtimmend auf Sophokles eingewirkt. Bei dem Hereinbrechen des Unglaubens waren es gerade die alten ethiſchen Satzungen, die Heiligkeit beſtimmter Lebensverhält⸗ niſſe und Pflichten, welche durch die Tradition als göttliches Geſetz geheiligt nun in Frage geſtellt wurden. Da hat gewiß Sophokles, mit ſeinem älteren Zeitgenoſſen Aeſchylus auf demſelben alther⸗ kömmlichen ächt religiöſen Standpunkt ſtehend, als der vorzugsweiſe fromme Dichter, der ja ſtets die den Göttern ſchuldige Ehrfurcht, die unbedingte Ergebung in ihre Fügungen, die Heiligkeit und Un⸗ verletzlichkeit der Eide, den Glauben an die Orakel ſeinen Zeitgenoſſen mit tiefem Ernſte in Erinne⸗ rung brachte, es als ſeine Aufgabe angeſehen, die Kluft zwiſchen dem alten und dem neuen Glauben wieder auszufüllen und in ſeinen Dichtungen Mahnrufe zum Feſthalten an dem alten Glauben von der Bühne an das Volk ergehen zu laſſen. Der Glaube des Sophokles forderte Uebereinſtimmung des Lebens mit dem göttlichen Willen und jedes tragiſche Unglück erſchien ihm als ein Verkennen dieſes Willens. Jene alten ethiſchen Probleme galten bei ihm dem göttlichen Willen gleich, welcher ſich hierin offenbare; daher bilden ſie auch in der Elektra den Schwerpunkt. Daß der erwähnte Fortſchritt auf dem Geſammtgebiete des Gedankens auch an Aeſchylus und Sophokles nicht ſpurlos vorüberging, iſt bereits erwähnt worden. Die Perſonen ihrer Dramen erſcheinen nicht mehr als bloßer Spielball der Launen der Götter und des Schickſals, ſondern als frei ſich beſtimmende und für ihre Handlungen verantwortliche Weſen, wenn auch die aus der Ferne waltende Gottheit die Fäden in der Hand behält, woran ſie die Handlungen derſelben lenkt. Freie Selbſtbeſtimmung und zu gleicher Zeit Abhängigkeit!— Dies klingt zwar paradox; doch dem iſt wirklich ſo. Freiheit und Nothwendigkeit ſind nach griechiſcher Anſchauung die beiden Pole, um welche ſich das menſchliche Leben und auf der Bühne die tragiſchen Handlungen ſich bewegen, eine Eigenthümlichkeit, wodurch jene ſich wieder von den der modernen tra⸗ giſchen Bühne unterſcheiden. Der modern tragiſche Held trägt die Triebfedern ſeiner Handlungen in ſeiner Bruſt, geſtaltet in ſeinem Geiſte ſelbſtſtändig den Plan zum feindlichen Auftreten gegen die beſtehende Weltordnung und wird nicht von unſichtbarer Macht, welche von außen her auf ihn *) Vgl. Zeller a. a. O. — 9— einwirkt, unwiderſtehlich zu einem Ziele hingetrieben. Hier treten auch Menſchen als Vertreter ihrer individuellen Intereſſen mit einander in Kampf, der Gute gegen den Böſen, der Freund der Frei⸗ heit gegen den Tyrannen; dort ſind es die ethiſchen Ideen oder Pflichten, welche mit einander in Widerſpruch gerathen; und damit dieſe in die Erſcheinung treten können, dienen ihnen die Perſonen nur zum Relief.. Jene beiden die tragiſche Handlung bewegenden Momente, Freiheit und Nothwendigkeit, haben ihren Grund in der oben bereits angedeuteten Entwickelung und Geſtaltung der ethiſchen Idee auf natürlich⸗religiöſer Baſis. Ihren urſprünglichen Charakter bewahrte dieſe Idee auch ſpäter, als ſie von der natürlichen Grundlage mehr und mehr ſich abzulöſen und ideell zu geſtalten be⸗ gann. An ihren Urſprung auf natürlicher Baſis erinnert auch die bei Sophokles als höchſtes Sittengeſetz geltende Mahnung„Maaß zu halten“, deſſen Ueberſchreitung nothwendig Schaden und ſomit Strafe im Gefolge hat. In der das rechte Maß beobachtenden Beſonnenheit(w,9%νn) erkennen wir das ideell zur ethiſchen Idee verklärte Naturgeſetz, deſſen Verletzung ſich ſchon ſelbſt beſtraft. So gibt ſich die ethiſche Idee als Ausdruck der allgemeinen göttlichen Nothwendigkeit kund, deren ewige Wahrheit die tragiſchen Charaktere an ſich offenbaren. Sie iſt es, welche be⸗ ſtimmte tragiſche Perſonen belebt, für dieſe das Lebenselement bildet d. h. ſie mit dem Pathos, in welchem ſie aufgehen, erfüllt und unwiderſtehlich beherrſcht. Aus dieſem Banne können ſie nicht heraus und eine ſolche das Gemüth beherrſchende Macht war nöthig, um bei Verletzung der Hei⸗ ligkeit der ſittlichen Grundlagen des Lebens, in den hiervon Betroffenen den Geiſt des Unwillens und der Vergeltung wachzurufen zu einer Zeit, als jeder andere Schutz durch Staatsgeſetze noch nicht geboten war. Dieſe Macht gerade beſtimmt den Charakter und die Handlung der tragiſchen Perſonen und macht bei Sophokles deren Schickſal aus. Ein blindes Fatum, welchem der Menſch willenlos und ohne ſein Zuthun anheim gegeben wäre, exiſtirt in der Elektra wenigſtens gar nicht; in den übrigen Dramen des Sophokles iſt deſſen Exiſtenz ebenfalls zu verneinen; nur hat der Dichter nicht überall von der Vorſtellung eines unvermeidlichen Verhängniſſes ſich frei zu halten vermocht und ihm einen Antheil an Geſchicken beigelegt, deren Urſachen nicht aus klar vorliegenden Thatſachen ſich herleiten ließen. Obgleich nun Sophokles die Handlungen ſeiner dramatiſchen Perſonen als Ergebniß des freien ſittlichen Entſchluſſes hinſtellt, die Charaktere im Fortſchritt der Handlung ſich ſelbſtſtändig ent⸗ wickeln und ſich gegenſeitig beſtimmen läßt, ſo vermögen ſie nach den ſo eben gegebenen Ausein⸗ anderſetzungen ihre individuelle Freiheit doch nur in ſo weit zu bethätigen, als ſie den als ſittliche Ordnung waltenden göttlichen Willen zu ihrem eigenen Willen machen und als ihr eigenes Geſetz anerkennen. Ganz richtig iſt hierüber die Anſicht Kleins im angef. Werke B. II bei Beſprechung der Antigone:„Was das moderne Bewußtſein dabei beleidigt, iſt der ſichtbare ſittliche Draht, der dieſe Perſonen wie im Puppenſpiel regiert. Ueberall Geſetz und nirgends freie Wahl.“ Dies iſt der Dualismus, welchen die dramatiſchen Charaktere an ſich offenbaren: auf der einen Seite Frei⸗ heit, ſo fern die Motive der Handlungen nach eigener Beſtimmung dargelegt werden; auf der anderen Seite Nothwendigkeit, ſofern dieſe Motive eben die ethiſchen Mächte ſind, welche das Pathos der Handelnden ausmachen und ſie willenlos beherrſchen. Daher ſind die letzteren nicht frei für ſich beſtehende Individualitäten, welche in ihrem Handeln nur ihr eigenes Intereſſe enthalten und nur 9. 2₰ 2* — 10— dieſes allein vertreten, ſondern vielmehr der individualiſirte Ausdruck der allgemeinen Verhältniſſe, welche die Handlung beſtimmen. Dieſe ideellen Mächte der ſittlichen Ordnung, für welche Antigone in den Tod geht, Elektra alle Schmach ſtandhaft erduldet und an der eigenen Mutter die Blut⸗ rache ins Werk ſetzt, ſind jene oben erwähnten aus der älteſten Naturanſchauung entſtandenen gött⸗ lichen Geſetze, welche von der Gottheit wie die Naturordnung ſelbſt ſtreng aufrecht erhalten wurden, jene Geſetze, von welchen Antigone im Gegenſatz zu den eigenmächtigen menſchlichen Satzungen ſagt: „Nicht heute ja und geſtern erſt, Nein, ewig lebt dies; keiner weiß ſeit wann es iſt“ und deren Entſtehen der Chor im König Oedipus auf den Vater Zeus und den Olymp, den Wohn⸗ ſitz der Götter zurückführt. Dieſe Anſchaung hat der Dichter ſeinen Zeitgenoſſen in den dahin ge⸗ hörigen Dramen eindringlich vor die Seele führen wollen. Sie iſt das Pathos, welches ihn beſeelt und das auch das Lebenselement der dramatiſchen Perſonen ausmacht, welche ſeine Phantaſie als Organe für die Darſtellung der Heiligkeit und Unverletzlichkeit des traditionellen Rechts geſchaffen hat. Daher waren ihm diejenigen Mythen ein willkommener Stoff, in welchen gerade die alten Satzungen der Götter oder die ſittliche Weltordnung ſiegreich gegen menſchliche Willkür in die Schranken traten, indem darin an dem ausgeprägten concreten Inhalte durch eine dichteriſch verklärte Helden⸗ geſchichte indirect tiefe Mahnungen ſich ausſprachen. Durch die göttliche Weltordnung war unter anderen unverletzlichen Satzungen beſonders die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Familie in den Vordergrund geſtellt. Auf der Vereinigung und Gemeinſchaft vieler Familien und deren Wohlergehen beruhte die Erhaltung und das Gedeihen des Staates, weßhalb die Eintracht und Liebe der Familienglieder unter einander unter der beſondern Aufſicht des Zeus, des Hortes des häuslichen Heerdes, ſtanden. Die Familie verdankt ihr Ent⸗ ſtehen zunächſt der Liebe beider Geſchlechter, von Mann und Frau, zu einander. Doch dieſe Liebe galt den Griechen nicht als ein ethiſches Moment ſondern nur als ein phyſiſcher Zuſtand; weshalb auch Venus nur als Erregerin der ſinnlichen Liebe, nicht als Schützerin der ethiſchen Liebe betrachtet wur⸗ de. Als ſittliche Ordnung und daher als die reinere und hoͤhere Liebe ſahen ſie diejenige an, welche die einzelnen Familienglieder, die Geſchwiſter unter einander, die Eltern mit den Kindern und umgekehrt, ver⸗ band. Auf dieſer Liebe, welche das innige Familienverhältniß begründete und nach uralten Sa⸗ tzungen geheiligt war, beruhte die Familienpietät; in ihr beſonders ſah der Grieche die Beſtimmung und das eigentliche Element des Weibes, welches ihm gleichſam als die Verkörperung dieſes ſitt⸗ lichen Verhältniſſes erſchien. Bei Sophokles nun iſt gerade die Liebe in dem zuletzt angegebenen Sinne das Pathos, von welchem das Weib erfüllt iſt und zu Thaten getrieben wird. Die Liebe als ſubjective Leidenſchaft, wie ſie zwiſchen beiden Geſchlechtern zu einander ſtattfindet und im mo⸗ dernen Drama als die Triebfeder der Handlung und des Conflictes erſcheint, kennt Sophokles noch nicht. Als jenes ſittliche Verhältniß iſt ſie bei ihm in ſeinen verſchiedenen Tragödien nach ihren einzelnen Richtungen vertreten. In der Antigone iſt die Liebe der Schweſter zum Bruder, in den Trachinierinnen und dem Ajax der Gattin zum Gatten, im Oedipus auf Kolonos des Vaters zu den Töchtern, in der Elektra das Verhältniß des Kindes zu Vater und Mutter, ſowie das der Mutter und Gattin zu den Kindern und dem Gatten zur Darſtellung gebracht. In der zuletzt genannten Tragödie, welche uns hier näher beſchäftigt, ſehen wir das Verhältniß zwiſchen den verſchiedenen — 11— Familiengliedern gezeichnet, das je nach den Perſonen, als Pietät in dem angegebenen Sinne auf der einen Seite, als Haß auf der andern erſcheint. Gerade in dieſem Drama hat das Auftreten der Hauptheldin, welche dem Stücke den Namen gegeben, ihrer Mutter Klytämneſtra gegenüber durch das angelegentliche Betreiben des Muttermor⸗ des und die unabläſſige Aufmunterung ihres Bruders Oreſt zu dieſer That, ſo wie durch die mitleidsloſe Aeußerung gegen den Bruder bei dem Morde, bei mehreren ſachkundigen Beurtheilern ethiſche und äſthetiſche Bedenken hervorgerufen. Bernhardy Litteratur⸗Geſchicht a. a. O. S. 349 ſagt darüber:„Am wenigſten entſchuldigt man den bei ſolchem Plan zu rechtfertigenden Mißton in jenem ſchreklichen Zuruf der Elektra V. 1415*) rarαν, el Séveis, RrNX und man wagt nicht (wie Freitag Technik S. 8) die Bühnenwirkung einer ſo furchtbaren Situation zu rühmen, als ob deren Gewalt niemals übertroffen ſei. Rapp meinte, von hier an müßte Sophokles mit bangem Herzen geſchrieben haben. Immer bleibt der ſo leicht genommene Muttermord eine wunde Stelle dieſes Dramas.“ W. S. Teuffel in ſeinen Studien und Charakteriſtiken ꝛc. Leipzig 1871 S. 67:„Und in dem nun hier dieſem blutdürſtigen Drange dieſelbe Glut und dieſelbe Unwiderſtehlich⸗ keit beigelegt wird, wie dort bei Antigone dem Drange der Liebe, ſo wird Elektra ſtatt zu einer großartigen, vielmehr zu einer ſchauerlichen Erſcheinung, von der ſich unſer Blick mit Entſetzen ab⸗ kehrt.“ Aehnlich äußeren ſich Ziel im Progr. des Andreas⸗Gymn. zu Hildesheim vom Jahre 1860 über die Elektra; Schöll in der Tatrologie des att. Theatres S. 209— 216 erklärt die Elektra für ein Stück mit einem Hauptcharakter, deſſen Rechtfertigung nur im Widerſpruch mit der Sittlich⸗ keit der Griechen und dem menſchlichen Gefühl aller Zeiten ſtehe. A. W. v. Schlegel Vorl. über dram. Kunſt und Litt. S. 160 nennt die Scene mit Aegiſth einen entſetzlichen Theaterſtreich und daß dieſer am Schluß ſeine Hinrichtung erſt noch erwarte, ſei noch herber als bei Aeſchylus; Klein in ſeiner Geſchichte des Dramas äußert ſich im 2. Bande, worin er vom griechiſchen Drama han⸗ delt, gelegentlich der Beſprechung der ſophokleiſchen Elektra ebenfalls ungünſtig über dieſen Eharakter und ſpricht ihm alle Eigenſchaften zu einer tragiſchen Darſtellung ab. Nach ſeinem Urtheile hätte Sophokles dieſen Stoff gar nicht zum Vorwurfe einer Tragödie wählen dürfen. Noch abſprechender iſt das Urtheil Heimbrods„Ueber die Elektra des Sophokles“ in Jahns J. B. 1846, 12. Supplem. 2. Heft S. 196. Nachdem er der Klytämneſtra von Seiten ihrer Verruchtheit ſo wie der Elektra wegen ihrer Pietät volle Gerechtigkeit hat angedeihen laſſen, hält er letztere doch für ganz gefühllos. Solche Worte:„ſchlage, ſchlage doppelt, wenn du kannſt“ meint er„können nur aus dem Munde des größten Böſewichts, des verhärtetſten Menſchen hervorgehen, der alle Menſchlichkeit abgelegt habe und nur in dem Blute ſeiner Feinde Beruhigung finde. Selbſt der That ſolge nicht einmal Ab⸗ ſpannung mit Hohn und Freude empfange Elektra den Aegiſthos und heiße ihn zur Mutterleiche gehen; ſie trete aus der Rolle des Weibes, ja des Menſchen heraus, ſie gleiche einer Bacchantin, einer Furie, die ganz vergeße, daß ſie eine Jungfrau, eine Tochter ſei. So eine Tochter ſei nicht für die Bühne und am Allerwenigſten dürfe ſie ſo dargeſtellt werden, ihr Charakter und ihr Handeln können nicht gefallen, ſie erfüllen das Herz mit Schaudern, ja mit Abſcheu, Entſchuldigung ſinden ſie nicht; Elektra wie ſie uns der Dichter, zumal am Schluſſe vorführe, ſei etwas Widernatürliches, um ſich des gelindeſten Ausdrucks zu bedienen.“ *) Die Citate aus der Elektra ſind nach der Schneidewin⸗Nauckſchen Ansgaben gemacht. — 12— Alle dieſe Urtheile ſind ganz und gar von moderner Anſchauung eingegeben, ohne der antiken gehörig Rechnung zu tragen.*) Eine genauere Betrachtung und Prüfung der Handlungen und Aeußerungen der Perſonen dieſes Dramas, verglichen mit der ſittlich⸗religiöſen Anſchauung der Griechen im Allgemeinen, werden nicht verfehlen zur Ermittelung einer entſprechenden Erklärung eine Handhabe zu bieten. Der Gegenſtand, um welchen ſich die Handlung unſeres Dramas bewegt, iſt, wie oben ange⸗ deutet worden, die Blutrache, welche außerdem in keinem anderen Drama vom Dichter zur Dar⸗ ſtellung gebracht iſt. Die Vorfabel des Stückes iſt kurz folgende: Agamemnon, der herrliche, von Zeus ſelber als Heerführer der Griechen gegen Troja anerkannte König von Argos und Mykene, war nach zehn Jahre langer Abweſenheit endlich in ſeine Vaterſtadt und an den häuslichen Heerd zu den Seinigen zurückgekehrt. Hier aber am Ziele ſeines Hoffens und Sehnens war er von ſeinem treuloſen Weibe, der Königin Klytämneſtra, welche während der Abweſenheit des Gatten mit deſſen Vetter, dem feigen heimtückiſchen Aegiſth, in ein ruchloſes Ehebündniß ſich eingelaſſen und mit ihm des königlichen Thrones nebſt den königlichen Schätzen ſich bemächtigt hatte, auf ſchmähliche hinter⸗ liſtige Weiſe beim Mahle(nach der Darſtellung des Aeſchylus im Bade) mit dem Beile erſchlagen worden. Alſo am häuslichen Heerde, der unter dem beſonderen Schutze des Zeus ſtand. Bei der Ermordung des Königs befanden ſich drei erwachſene Töchter im königlichen Palaſte, Elektra, Chry⸗ ſothemis und Iphianaſſa— die vierte, Iphigenia, war in Aulis, wie man glaubte, der Artemis geopfert; aber ſie war, was damals noch nicht bekannt, von der Cöttin gerettet und nach Taurien in ihren Tempel als Prieſterin verſetzt worden— und ein unmündiger Sohn Oreſtes. Auch dieſer, damit den Mördern ſeines Vaters nicht dermaleinſt in ihm, da er als der nächſte männliche Blutsverwandte nach griechiſcher Vorſtellung die Blutrache als eine heilige Pflicht geerbt hatte, ein Rächer erſtände, war dem Tode geweiht. Doch während noch das Mordbeil über dem Haupte des Vaters geſchwungen wurde, die Weherufe des Sterbenden kaum verhallt waren, war Elektra, da⸗ mals ungefähr eine Jungfrau von zwanzig Jahren, ſchon beſchäftigt, ihren Bruder, der etwa zwölf Jahre alt ſein konnte, durch ſeinen Pädagogen in das benachbarte Phocis zum befreundeten König Strophios zu retten. Hier am königlichen Hofe ſchließt er mit Pylades, dem Sohne des Königs, die im Alterthume berühmte Freundſchaft und wird von ſeiner Schweſter Elektra von Zeit zu Zeit über die traurigen Verhältniſſe im Palaſt in Kenntniß geſetzt und an die dem Vater ſchuldige Rache gemahnt. Auch König Strophios, der ehemalige Gaſtfreund Agamemnos wird in Oreſt die Pflicht der Blutrache wach erhalten haben und der Pädagoge ſagt es von ſich ſelbſt aus, daß er den Oreſt zum einſtigen Rächer des Vaters erzogen habe(Elektra. V. 14). Die drei erwähnten Perſonen der *) Den Alten ſcheint in dieſer Tragödie kein Mißklang fühlbar geworden zu ſein. Nach einem Urtheile aus dem Alterthume iſt die Elektra nebſt der Antigone nicht nur für die vorzüglichſte Tragödie des Sophokles, ſondern für den Gipfelpunkt aller dramatiſchen Leiſtungen des Alterthums erklärt worden. Vergl. Anthol. Pal. VII. 37: Ere Goον ‿ϑrpdvn IsMe*ν †*,ν, Odx e A⁴!ςμνεσς. eTre aα Herrv. dεμρμ⁴εερααιᷣ ½½ςr⅜⁊εe˙ον. Von den Neueren ſtellt A. W. v. Schlegel in ſ. Vorleſ. über dramat. Kunſt und und Litt. I. S. 117 die Elektra nebſt der Antigone und den beiden Oedip, als die vorzüglichſten Meiſterwerke des Sophokles hin. — 13— Pädagoge, Oreſt und ſein Freund Pylades erſcheinen in Morgengrauen, als eben die erſten Sonnen⸗ ſtrahlen den Geſang der Vögel wecken, von der Seite der Fremde her vor dem königlichen Palaſte auf der Bühne und hiermit beginnt das Stück. Die Schürzung des Knotens liegt alſo, wie ge⸗ wöhnlich in den griechiſchen Tragödien, vor dem Beginn des Stückes und wird bei dem Zuſchauer als bekannt vorausgeſetzt. In der Elektra haben wir eine Ueberarbeitung der äſchyliſchen Trilogie, der Oreſtee, welche Sophokles nach einer höchſt kunſtvollen Anlage zu einer einzigen Tragödie verarbeitet hat. Das erſte Stück der Trilogie, Agamenmon, ſtellt die Ermordung des Königs dar; das zweite, die Grabesſpenderinnen(Choephoren), iſt das eigentliche Seitenſtück zur Elektra und ſtellt die Blutrache durch Oreſt dar. Das dritte, die Eumeniden, die Verfolgung des Muttermörders durch die Furien, war für Sophokles nach ſeiner vorgeſchrittenen und heitereren Anſchauung von der Gottheit ein überwundener Standpunkt und hat daher in der Elektra auch nicht einmal eine Andeutung gefunden. Bei Aeſchylus iſt die Hauptperſon des Dramas Oreſt, als der geborene Bluträcher, der Mör⸗ der aus äußerer Pflicht und Gewiſſen, welcher vom delphiſchen Gotte zum Morde aufgefordert wie von einer unwiderſtehlichen Macht dazu getrieben erſcheint. Derſelbe iſt zwar auch bei So⸗ phokles der natürliche Erbe der Blutrache; jedoch erſcheint hier ſein Verhältniß den Mördern des Vaters gegenüber, weil vom künſtleriſchen Plane des Dichters und der pſychologiſchen Entwickelung der Charaktere abhängig, als ein etwas anderes wie bei Aeſchylus. Bei dieſem iſt nach der bei ihm herrſchenden religiöſen Vorſtellung Oreſt die Hauptperſon durch ſeine Stellung zu der Familie. Hier galt als Geſetz, daß den Frevler unausbleiblich Strafe treffe, die Rachegöttinnen ſich an die Ferſen des Mörders hefteten, wie es in den Choeph. V. 306 ff. heißt:„Die ſchuldige Buße eintreibend ruft Dike: Für blutigen Mord zahle blutigen Mord! Der Thäter muß leiden; ſo kündet der uralt heilige Spruch!“ Hier galt der altteſtamentliche Grundſatz:„Auge um Auge und Zahn um Zahn, Blut um Blut.“ Da jeder Mord einen Bluträcher aufrief, ſo lud dieſer ſeiner⸗ ſeits wieder eine Schuld auf ſich, die wiederum mit ſeinem Blute geſühnt zu werden verlangte. Da⸗ durch befindet ſich der Dichter in einem Zwieſpalt, welchen er nicht auszugleichen vermag, weil er von einem gnadenvollen Gotte, welcher den reuigen und gebeſſerten Sünder zu Gnaden annimmt, ja keine Vorſtellung hatte. So ſehen wir denn, wie eine Kette von Schuld durch die alten Königs⸗ geſchlechter ſich hindurchzieht, wie jeder Mord den Fluch auf den Mörder herabruft, bis der letzte Sproß vernichtet iſt. Daneben ſtehen bei Aeſchylus auch dämoniſche Mächte im Hintergrunde, welche ſich um ihr Recht ſtreiten, ohne zu einem endlichen Ausgleich gelangen zu können. In der Blutſchuld des Oreſt ſtreiten die alten finſteren Erdgottheiten, die Erinyen, denen von jeher die Verfolgung des Mörders oblag, gegen Apollo, die jüngere Gottheit des geiſtigen Lichtes, welches die Finſterniß des alten ſtarren Naturrechts erhellt und heitereren menſchlicheren Anſchauungen von der Handhabung des Rechtes die Bahn gewieſen hat. Dieſen Uebergang des alten Naturrechts, der alten traditionellen Satzungen in das durch die ſteigende Humanität und Bildung gemilderte menſch⸗ liche Recht, hat Aeſchylus in den Eumeniden zur Darſtellung gebracht. Bei Sophokles dagegen iſt in dem gleichnamigen Drama Elektra die Hauptperſon, welche von Anfang bis zu Ende, nur kleine Unterbrechungen abgerechnet, ſtets auf der Bühne erſcheint. Ohne Einmiſchung dämoniſcher Weſen in die Handlung, während die Gottheit nur aus weiter Ferne — 14— ihre Wirkung dabei bethätigt, geht der Kampf um die Ermordung der Klytämneſtra in pſychologiſcher Entwickelung in der Bruſt der Elektra vor ſich und bewegt ſich nur zwiſchen Menſchen ſeinem Ziele entgegen. Während die genannten männlichen Perſonen nur als Werkzeuge der Rache er⸗ ſcheinen, ſteht Elektra, der intellektuelle Urheber derſelben, im Vordergrund. Die Anſichten des Sophokles von der Blutrache und der göttlichen Gerechtigkeit, wenn auch im Grunde mit Aeſchylus übereinſtimmend, wie dies aus verſchiedenen Stellen der Elektra und dem ganzen Drama klar hervorgeht, worin in unverkennbaren Zügen die Lehre gepredigt wird:„Gleiches wird durch Gleiches vergolten“ ſind doch in ein weiteres Stadium der Entwickelung eingetreten, wie es ebenfalls dies Drama deutlich erkennen läßt, und worauf wir im Laufe dieſer Abhandlung aufmerkſam machen werden. Wir wenden uns nun zunächſt zu Oreſt und dem Pädagogen zurück, welche wir als Fremde auf der Bühne mit Tagesanbruch haben auftreten ſehen. Nach kurzer Betrachtung der Oertlich⸗ keiten treffen ſie ſofort die erforderlichen Verabredungen zur Vollführung der Rache. Dabei er⸗ öffnet Oreſt, daß er ſich, um zu erfahren, auf welche Weiſe er für den Vater an den Mördern Rache nehmen müſſe, an den Apollo nach Delphi gewandt und von ihm die Weiſung erhalten habe, er ſolle auf ſich ſelbſt beſchränkt und ungeſchützt durch ein beſchildetes Heer den berechtigten Mord heimlich mit eigener Hand ausführen.(V. 35— 37). Dieſe Rede iſt von Bedeutung. Wir erkennen daraus, daß Oreſt, welcher bei Aeſchylus durch die furchtbarſten Drohungen deſſelben Gottes zur Rache getrieben wird, freiwillig zwar zum Diener der ſittlichen Ordnung ſich hier darbietet, doch nicht ohne den Rath des Apollo, des Gottes, welcher gewöhnlich bei Sophokles als Stellver⸗ treter des Zeus, des Hortes der ſittlichen Weltordnung, erſcheint, und deſſen Willen verkündet. Bald darauf(69— 70) wendet er ſich zum Gebet:„Doch Du väterliches Land und ihr einheimiſchen Cötter(unter denen auch Apollo) empfanget mich erfolgreich auf dieſen meinen Wegen, und auch Du, mein väterliches Haus. Denn auf gerechtem Wege erſcheine ich zu Deiner Sühne auf Antrieb der Götter.“ Seine That ſtellt ſich im Lichte verſchiedener Jahrhunderte und Zeiten verſchieden dar. Bei Homer wird ſie als ſelbſtverſtändlicher Act der Blutrache, als eine Art Naturnothwen⸗ digkeit geprieſen, bei Aeſchylus unter Drohungen von Apollo gefordert, bei Sophokles ſehen wir Oreſtes zwar aus eigenem Antrieb handeln, doch kann er ſich der heiligen Pflicht, die geſtörte ſitt⸗ liche Ordnung wieder herzuſtellen, nicht entziehen. Die Götter, die Wächter dieſer Ordnung, halten ja dieſe aufrecht mit der Strenge eines Naturgeſetzes. Während in dem modernen Drama, wie wir oben ſahen, die Handlung mit voller Freiheit in der Bruſt des Helden ſich geſtaltet und von da in die Wirklichkeit tritt, herrſcht im griechiſchen Freiheit auf der einen und Gebundenheit auf der andern Seite. Hier iſt die ſittliche Weltordnung eben die Macht, welche gebieteriſch Unterord⸗ nung unter ihr Geſetz verlangt. Doch dieſem Geſetze beugen ſich die dramatiſchen Charaktere frei⸗ willig; denn dieſes Geſetz iſt es, welches, wie noch heut zu Tage die Lehren der Religion, das Gemüth ganz erfüllt und zum Pathos des Individuums geworden deſſen Handlungen beſtimmt. Betrachten wir von dieſem Geſichtspunkte aus den Charakter der Elektra, wie ihn Sophokles dargeſtellt hat, ſo wird auch unſer Urtheil ſich darnach geſtalten. Zunächſt muß man hierneben beachten, daß Elektra nicht eine Jungfrau von gewöhnlichem Schlage iſt, vielmehr einer von jenen heldenmüthigen Charakteren, welche um ein hohes ſchwieriges Ziel zu erreichen, keine Gefahr, kein Hinderniß ſcheuen. Ein Zug vom Heldenmuthe ihrer Familie iſt ihr angeerbt und da dieſer durch — 15— die herben Erlebniſſe in ihrem eigenen Hauſe bis zur kalten Todesverachtung ſich geſteigert hat, ragt ſie über das gewöhnliche Maß der Weiblichkeit weit hinaus, ohne jedoch in ihrer Handlungs⸗ weiſe die Weiblichkeit zu verleugnen. Bringt doch Sophokles ſonſt in der Darſtellung ſeiner Cha⸗ raktere jenes ſchöne Ebenmaß zur Anſchauung, welches als charakteriſtiſcher Zug an ſeiner Poeſie hervorgehoben wird, ſo daß er nie ins Maßloſe ſich verliert und auch Charaktere, wie den der Elek⸗ tra zwar bis an die Grenze zu führen weiß, ſo weit ein ſolcher möglich iſt, jedoch nicht ins Gebiet der Gefühlloſigkeit, Grauſamkeit und Unkindlichkeit hinüber ſchweift. In der Zeichnung des Charakters der Elektra hat der Dichter keineswegs die Grenzen der Weiblichkeit überſchritten. Die Schroffheit in ihrem Charakter tritt nur auf der einen Seite gegen die gottloſe Mutter und ihren feigen Buhlen Aegiſth hervor; auf der andern Seite iſt ihr Herz den zarteren Regungen der Liebe zu Vater und Brnder nicht verſchloſſen, ſo daß auch hier das Ebenmaß, das Geſetz der Schönheit in der Poeſie des Sophokles, gewahrt erſcheint. Die ſchroffe Seite erklärt ſich wieder aus der ethiſchen Grundlage, auf welcher ihr Charakter ſich be⸗ wegt; die Empörung über die verletzte Weltordnung durch die Ermordung des Vaters und durch den ehebrecheriſchen Bund mit Aegiſth iſt das Pathos, welches ſie belebt und widerſtandslos be⸗ herrſcht. Aus ihren Klagen und herben Aeußerungen, welche einen anderen Eindruck als den weib⸗ licher Schwäche auf uns machen, ſpricht eine dämoniſche Macht, welche an die Worte Hanlets, deſſen Rolle mit der Elektras manche Aehnlichkeiten darbietet:„Die Welt iſt aus den Fugen; wehe mir, daß ich geboren ward ſie wieder einzurenken,“ anklingen. Auch in ihrer Heimath war die Welt aus den Fugen gegangen. Durch den Gattenmord, das ehebrecheriſche Verhältniß mit Aegiſth, Liebloſigkeit gegen die Kinder, Vernichtung des Glanzes des königlichen Thrones hatte Klytämneſtra gewaltig gegen das Naturrecht gefrevelt. Doch die Familie wie der Staat ſtand da als eine ſitt⸗ liche Macht, eine natürliche Ordnung, an denen die Gottheit keinen Frevel ungeſtraft hingehen ließ. Für dieſe mehrfache Verletzung der ſittlichen Ordnung hatte die Gottheit in der Elektra ſich ein Werkzeug auserſehen, deren Bruſt einzig von der durch die Religion eingegebenen Begeiſterung er⸗ füllt war, für das durch Frevler ſo ſchmählich gekränkte Familienrecht ein Opfer der Sühne darzu⸗ bringen. Dieſe Jungfrau ſteht da in ſittenreinem Charakter, durchdrungen von hoher Achtung für die Tugend und unauslöͤſchlicher Anhänglichkeit an den Vater, von Abſcheu gegen das Laſter und alle ungeſetzlichen Handlungen, beſonders gegen das ſchandbare Leben der Mutter im Bunde mit Aegiſth. Bei ihr iſt es nicht Befriedigung einer niedrigen Leidenſchaft, weder bloße Rachgier, noch Gewinn⸗ ſucht, noch Verbeſſerung ihrer äußeren Lebenslage— dieſe konnte ihr zu Theil werden, wie den Schweſtern, wenn ſie ſich ruhig den Verhältniſſen fügte— was ihre Bruſt erfüllt und ihr Pathos ausmacht, ſondern lediglich die Vereinigung dreier Gefühle, welche bei ihr in ungetrübter Idealität daſtehen, ungemiſcht mit materiellen Triebfedern: die Pietät gegen den gemordeten Vater, Ehrfurcht gegen die Götter und gerechte Entrüſtung über die Entweihung der königlichen Herrſchaft durch den mordbefleckten, ehebrecheriſchen Bund der Mörder. Daher war die Tödtung dieſer nicht der bloße Endzweck, nach welchem Elektra trachtete, ſondern Mittel zum Zwecke, was beſonders aus dem Schluß der Tragödie hervorgeht, worauf wir ſpäter zurückkommen. Jener mehrfache Frevel aber war es nicht allein, was Elektra im väterlichen Palaſte erlebt hat; ſie hat mit anſehen müſſen, wie der Todestag ihres königlichen Vaters von dem Mörderpaare — 16— zu einem monatlichen Feſttage erhoben mit Opfern und Gaſtmählern feierlich begangen wurde. Sie, die Tochter des Heldenkönigs Agamemnon, hat erfahren müſſen, daß ihr eine Behandlung zu Theil wurde, welche einer königlichen Tochter unwürdig war. In ihren Wehklagen, welche wie ein un⸗ verſiegbarer Strom unhemmbar aus ihrer Bruſt hervorſtrömen, die ſie aber am Tage'gewaltſam unterdrücken muß, lebt der Geiſt und das Andenken ihres Vaters fort. Ihre oft geäußerte Sehn⸗ ſucht nach Oreſt und der laute Wuͤnſch, daß er doch zurrückkehren und ihren Leiden ein Ende machen möchte, ließen bei der Mutter und ihrem Buhlen Rachepläne von ihrer Seite befürchten. Daher ſollte ſie zunächſt durch ſchlechte Behandlung zur Nachgiebigkeit gezwungen werden. Fortan ward ſie nicht mehr als Königstochter im Palaſte angeſehen, ſondern zum Dienſte einer Sclavin erniedrigt und von der näheren Gemeinſchaft mit den Ihrigen ausgeſchloſſen, welcher Lage ihre geringe Kleidung und dürftige Nahrung entſprachen. In Folge all dieſer Leiden ſchwand ihr Kör⸗ per dahin, ſo daß Oreſt bei der Wiedererkennung ſich entſetzt und verwundert frägt, ob denn das die Geſtalt der Elektra ſei.(V. 1177). Als alle Drohungen, ſie von ihren Klagen um den Vater abzubringen und zur Zufriedenheit mit den Verhältniſſen zu bewegen, vergebens waren, ging die Mutter und Aegiſth damit um, ſie in ein entferntes unterirdiſches Gewölbe einzuſperren, wo ſie das Sonnenlicht nimmermehr ſehen ſollte. Zu alle dem wird ihr auch der Anblick Aegiſths in der Kleidung ihres Vaters nicht erſpart.(V. 265). So hatten ſich Gründe genug vereinigt, um das Gemüth der Elektra zu verbittern und ihrer Mutter gegenüber in eine feindſelige Span⸗ nung zu verſetzen. Sie will daher auch nicht ihre Klagen zurückhalten, durch welche ſie ihren Vater zu ehren glaubt, zumal ihm nicht im feindlichen Lande der Tod als Gaſtgeſchenk vom blutigen Ares zu Theil wurde, ſondern die eigene Gattin und ihr Genoſſe Aegiſth mit dem Mordbeil das Haupt ſpalteten, wie die Holzhauer eine Eiche fällen. Von keiner anderen werde ihm ja auch Wehklagen erhoben als von ihr. Der Dichter hat mit beſonderer Vorliebe und in beſtimmter Ab⸗ ſicht dieſen jungfräulichen Heldencharakter geſchaffen, in ähnlicher Weiſe, wie die Antigone, mit welcher er auch ſonſt manche Aehnlichkeit darbietet. Wie dieſer die Ismene, ſo iſt der Elektra die Chyyſothemis gegenübergeſtellt, beide edle Jungfrauen von untadeligem Charakter, aber von normalem Schlage, welche theils aus Aengſtlichkeit, da ſie von Mächtigeren Strafe befürchten, theils aus Lebensklugheit, um ſich aus ihrer bequemen Lage nicht herausreißen zu laſſen, den Plänen der Schweſtern, mit welchen ſie vom rechtlichen Standpunkte aus im Grunde einverſtanden ſind, nicht beizutreten wagen. Der Dichter hat den Hauptheldinnen der nach ihnen benannten Stücke haupt⸗ ſächlich deßhalb jene Nebenfiguren gegenübergeſtellt, um ſie durch den Gegenſatz nur ſchärfer in ihrer Hoheit hervortreten zu laſſen. So iſt der Conflict, in welchem ſich Elektra befindet, vom Dichter trefflich motivirt und die ethi⸗ ſche Grundlage in das Innere der Heldin verlegÄt. Das Walten der ſittlichen Ordnung vollzieht ſich darin; wie denn überhaupt das menſchliche Leben nicht für eine Erſcheinung der in jedem einzelnen Menſchen wirkenden Kräfte und Urſachen, ſondern höherer Gewalten angeſehen wurde. Der Menſch wurde großen Theils nur als das Medium betrachtet, in welchem die höheren Gewalten ſich trafen und zur Erſcheinung kamen.(O. Müllers Eumenid. S. 166). Die Gottheit, welche aus der Ferne die menſchlichen Handlungen überwacht und die Fäden der Geſchicke in ihrer Hand — 17— hält, iſt Zeus. In der Elektra iſt es ebenfalls Zeus oder deſſen Stellvertreter Apollo, welcher als Wächter der Gerechtigkeit die Strafe für den begangenen Frevel betreibt.(Vergl. V. 175 ff. u. 82 ff.) An die Stelle des unerbittlichen Geſchickes, welches bei Aeſchylus darin beſtand, daß das ver⸗ goſſene Blut einen Rachegeiſt im Hauſe aufrief, welcher nur durch das Blut des Mörders verſöhnt werden konnte, dadurch aber Mord an Mord ſich reihete, tritt bei Sophokles das ſittliche Be⸗ wußtſein. Dieſes geht dann in dem unbedingten Vertrauen zu Zeus, dem Schützer und Wahrer der ewigen Gerechtigkeit, auf. Von dem Vertrauen auf dieſe Gerechtigkeit iſt auch Elektra erfüllt, wie ſie dies mehrfach im Verlauf des Stückes äußert. Demnach war das ſittliche Bewußtſein, welches ſich mit der göttlichen Gerechtigkeit im Einklang fühlte und auf der urſprünglichen natür⸗ lichen Grundlage allmählich zu dieſem ideellen Standpunkte ſich erhoben hatte, die Triebfeder, die an ihrem Vater begangene Unthat zu vergelten und zu ſühnen. Dieſe Anſchauungen, in welche auch Elektra, das Organ derſelben, gerade wie der Dichter, ſich eingelebt hatte, wirken unmittelbar auf ſie ein(Vgl. oben S. 8.); und nicht erſt durch Reflexion über das Geſchehene iſt der Racheplan in ihr gereift. Wenn ſchon die Vollziehung der Blutrache an einem dem Rächer fern ſtehenden Menſchen jede menſchlich fühlende Bruſt mit Ab⸗ ſcheu und Schauder erfüllen muß, um wie viel mehr, wenn der Gegenſtand einer ſolchen Rache ein nahe ſtehender Blutsverwandter iſt. Sind nun gar die eigenen Kinder, wie hier Oreſt und Elektra, die Bluträcher an der eigenen Mutter für die Ermordung des Gatten und Vaters, ſo muß das nach unſerem Gefühl zu einem Conflict ſo herber Natur führen, wie er nur überhaupt die Bruſt eines Kindes bewegen kann. War aber zur Zeit des Dichters das alte ſtarre Naturgeſetz einer milderen Anſchauung gewichen und an ſeine Stelle die erwähnte Idee der ſittlichen Lebensmächte getreten, ſo müßte auf den erſten Blick allerdings befremden, daß Sophokles einen ſolchen Gegen⸗ ſtand tragiſch behandelt hat, der alles menſchliche wie das Gerechtigkeitsgefühl beleidigt. Doch Sophokles befand ſich wie bereits erwähnt, auf dem Standtpunkte ſeiner Zeit. Wie wir geſehen haben, hegte er über die Blutrache mildere und ideellere Anſichten, welche mit der göttlichen Ge⸗ rechtigkeit zuſammenfloſſen. Außerdem wollte er in der Elektra auch ſeine tieferen Vorſtellungen von der ſittlichen Ordnung und dem Naturrechte der Familie zur Darſtellung bringen. Er konnte daher und wollte auch nicht die Blutrache in ihrer nackten Geſtalt als reines Wiedervergeltungs⸗ recht(jus talionis)vorführen, wie es noch Aeſchylus dargeſtellt hat und in der Odyſſee in der Rache des Oreſt an ſeiner Mutter uns entgegentritt. Das alte Cötterrecht befindet ſich zur Zeit des Dichters im Uebergangsſtadium in ein Menſcheurecht und die Verfolgung eines Mordes beginnt an den Staat überzugehen. Letzteres Recht, das in der Dike ſeinen Ausdruck gefunden hat, welche nach dem Ausſpruch unſeres Dichters auch bei Zeus thront, iſt wohl der Sache nach von der Themis nicht verſchieden.(Vgl. Lübker Sophokl. Theol. a. a. O. S. 51 ff). Themis aber, nach ſophokleiſcher Auffaſſung die Vertreterin des ewigen göttlichen Geſetzes, wird von Elektra V. 1047 neben dem Blitz des Zeus dafür angerufen, daß ein Frevel nicht lange ungerächt bleibe. Ueber das Abkommen der Blutrache und den Uebergang dieſer alten Pflicht in ein Menſchenrecht, das der Staat anfing zu handhaben, ſagt Lübker a. a. O. weiter:„In jenem merkwürdigen Ueber⸗ gange des Rechtsbewußtſeins in dem Zeitalter unſeres Dichters, wo aus dem Götterrecht ein Men⸗ ſchenrecht wurde, ſchieden beide ſich ſtark von einander und traten ſomit aus ihrer bisherigen engen 9 — 18— Zuſammenſchmelzung heraus; die abſtxracte Einheit des natürlichen, göttlichen Rechts löſte ſich auf in die bewußte klar vorſtellende Handhabung deſſelben durch die menſchliche Einſicht und Erfahrung, wo die Themis zur Dike wurde. Eben aus dieſem Grunde erſcheint die Blutrache nirgend mehr bei ihm in der erſten, ſtarren Geſtalt des helleniſchen Alterthums; ſie iſt gemildert, der urſprüng⸗ lichen Härte entnommen, in das Bewußtſein ihres Vollſtreckers getreten und eben dadurch ſchon ihrer Auflöſung nahe. Ohne einen ſolchen Standpunkt der Auffaſſung konnte der darauf weſent⸗ lich beruhende Oreſtes⸗Mythus gar nicht dramatiſch behandelt werden.“ Daß Sophokles die Blutrache nicht mehr als bloßes Wiedervergeltungsrecht anſah, vermittelſt deſſen dem Thäter rückſichtslos mit gleicher Münze bezahlt wurde, ohne Berückſichtigung ander⸗ weiter Verhältniſſe, nur um Blut durch Blut zu rächen, ſondern von einer tieferen ſittlichen Auf⸗ faſſung ausging, geht aus den verſchiedenen Zügen unſeres Dramas augenſcheinlich hervor. Ja, das Drama ſtellt ſogar noch mehr als die ſittliche Berechtigung der Blutrache dar; es hat noch eine andere beeinträchtigte ſittliche Ordnung u. deren Wiederherſtellung zum Gegenſtande, die Zerrüttung des königlichen Hauſes, Verdrängung des berechtigten Thronerben und die Zurückführung der ur⸗ ſprünglichen Ordnung. Beiſpiels halber führe ich die Worte V. 67 ff. an: „O Vatererd' und meiner Heimat Götter ihr, Empfanget ſegenbringend mich auf dieſem Pfad, Und meiner Ahnen Schwelle Du; dich komm ich ja Zu rächen, dich zu ſühnen, durch den Gott erweckt: Stoßt nicht, bedeckt mit Schande, mich aus dieſem Land, Nein, laß des Vaters Macht und Haus mich neu erbaun! und die Worte des Chors am Schluß des Stückes V. 1470 ff:; O Atreus Stamm, wie drangſt Du ſo ſchwer Durch zahllos Leid zu der Freiheit durch, Die nun dies Werk Dir errungen! dies Werk d. i. Wiederherſtellung des Throns durch Oreſt und der früheren Familienverhältniſſe. Hinſichtlich der Blutrache vom ſophokleiſchen Standpunkte aus ſoll alſo der Perſon des Sün⸗ ders nicht mehr ſchlechtweg eine Strafe wieder zu Theil werden, nicht der äſchyleiſche Spruch„für blutigen Mord gib blutigen Mord“ ſeine Erfüllung erhalten; dem begangenen Frevel ſollte viel⸗ mehr eine Vergeltung, dem Verbrechen eine Sühne zu Theil werden, wodurch die am Morde Be⸗ theiligten ſowohl wie deren Angehörige und der Ort der Unthat von der Blutſchuld gereinigt würden. In dieſem Sinne ſagt Oreſt in den eben angeführten Worten, daß er auf Antrieb der Götter in gerechter Weiſe als Sühner des vüterlichen Hauſes erſchienen ſei.*) Bei weiterer Betrachtung, wie Elektra zu der ethiſchen Auffaſſung des Dichers ſich verhält, erfahren wir, daß ſie nach der Gräuelſcene im väterlichen Palaſt unter den ſchmachvollſten Fami⸗ lienverhältniſſen allen Feindſeligkeiten, welche ſie bedrohen, mit dem unerſchrockenſten Muthe ent⸗ gegentritt. Aus ihrem ganzen Auftreten und aus ihren Aeußerungen, worin Manche bloße Rach⸗ **) Vergleicht man hiermit die verſchiedenen Stellen in Aeſchylus, Agamemnon und den Choephoren, worin von Blutſchuld die Rede iſt, ſo lauten ſie alle nur auf ſtarre blutige Wiedervergeltung bis auf den letzten Sproß der Familie. Bgl. z. B. Choeph. V. 58 Agamemnon V. 1492— 97, 1533— 37 und 306 ff. ed. Hermann. — 19— ſucht im Verein mit unkindlicher Geſinnung, ja unmenſchliche Grauſamkeit zu erkennen geglaubt haben, gehen dieſe Gemüthszuſtände keineswegs hervor. Die Motive, welche Elektra zum Auftreten gegen die Mutter treiben, ſind mehr durch die Nothwehr, als durch berechnete Rachſucht eingegeben. Man kann kaum ſagen, daß Rachſucht die Tochter geleitet hätte, den Mord an der Mutter zu be⸗ treiben. Das Pathos der Jungfrau entſpringt lediglich aus hoher Pietät gegen den Vater und die Gottheit, ſo wie aus ihrer eigenen tiefen Erniedriegung durch die Mörder ihres Vaters. Hierdurch wird ſie, wie durch eine religiöſe Pflicht, unwiderſtehlich angetrieben für den ſchnöden Mord Sühne und dadurch die Wiederherſtellung der ſo ſchmachvoll zerrütteten Familienverhältniſſe nebſt der Wiederaufrichtung des ſo lieblos niedergetretenen Naturrechts ins Werk zu ſetzen. Oder hätte bei ſo frevelhafter Verletzung der Familienrechte der Frevel einfach auf ſich beruhen, und die nächſten Anverwandten ihn ſo ruhig hinnehmen ſollen? Nach der religiöſen Vorſtellung der Griechen war das nicht möglich; die Weltordnung, über deren Aufrechthaltung die Gottheit ja ein ſo wachſames Auge hatte, mußte nach eingetretener Verletzung nothwendig wieder hergeſtellt und der Frevler an ihr, wie bereits erwähnt, unfehlbar von der Gottheit geſtraft werden. Aber weder trat die Gottheit in eigener Perſon als Rächer für Blutſchuld auf, was nur ausnahmsweiſe vorkam, noch übernahm ſchon der Staat das Rächeramt für die Familie. Dieſe mußte die Verfolgung des Mörders noch ſelbſt betreiben. Es mußte alſo nothwendig jemand vorhanden ſein, welcher der Gottheit als Werkzeug diente und dieſer war der nächſte männliche oder, in deſſen Ermangelung, auch ein anderer dem Gemordeten nahe ſtehen⸗ der Verwandter, welchem die entſetzliche Pflicht oblag, den Verwandtenmord durch des Mörders Blut zu ſühnen; ihm fiel die Blutrache als Erbtheil zu. Wenn nun auch mit ſteigender Cultur die alte rohe, natürliche Satzung zu einem ideelleren ſittlichen Verhältniſſe geworden war, ſo war damit doch das alte Gewohnheitsrecht nicht förmlich abgeſchafft, wohl aber mit der vorgeſchrittenen humanen Bildung jener Zeit in Gegenſatz getreten. Sophokles als Anhänger des alten Glaubens tritt für die herkömmlichen Rechte der Götter in die Schranken und läßt daher die göttlichen Mächte ſelbſt thätigen Antheil an der Vollſtreckung jener Rache nehmen, wie verſchiedene Stellen der Elektra direct und indirect bezeugen.(Vergl. z. B. V. 35. 70. 500. 1065 ff. 1376 ff. 1384 ff. Sollten nun dieſe alten Satzungen der ſittlichen Ordnung nach der Dichters Anſicht ihre Gel⸗ tung behalten, ſo erlitten ſie auch wegen der Ermordung Agamemnons bei Klytämneſtra und Aegiſth keine Ausnahme. Der Frevel dieſer Gräuelthat wurde noch dadurch geſteigert, daß er an dem von Zeus geweiheten Könige, dem herrlichen Helden und Heerführer der Griechen gegen Troja, welcher zugleich das Haupt der königlichen Familie, mithin eines von Gott geordneten ſittlichen Verhältniſſes war, ohne irgend einen genügenden Grund zur Rache, verübt worden iſt. Dies war der Stand der Dinge nach der Ermordung des Königs. Sehen wir nun zu, wie es mit der Vergeltung des Frevels ausſah. Verſetzen wir uns unmittelbar nach der That lebhaft in Gedanken nach Mykenä und vergegenwärtigen uns die dortigen Verhältniſſe nach griechiſcher An⸗ ſchauung, ſo beſchleicht uns ein unheimliches Grauen bei der entſetzlichen Umwandlung aller Ver⸗ hältniſſe, in welche damals die Familie im Atriden⸗Palaſte verſetzt worden war. Die Kinder hatten ja ſchon längſt vor der Rückkehr ihres Vaters das Mißverhältniß zwiſchen ihrer Mutter und Aegiſth eine Reihe von Jahren mitangeſehen. Gewiß hatten ſie mit der Rückkehr des Vaters auch auf die Wiederherſtellung der früheren Verhältniſſe gehofft. Doch durch die unerwartete Ermordung des⸗ 3*½ — 20— ſelben waren ſie in ihrer Hoffnung bitter getäuſcht worden. Aber eine der Töchter, Elektra, war von der rächenden Gottheit zur Ausführung ihrer Pläne auserſehen worden. Von Stund an wurde ſie von der Mutter mit mißtrauiſchem Auge bewacht und ſollte durch harte Behandlung zur Nach⸗ giebigkeit und geduldige Fügung in die unſeeligen Verhältniſſe gezwungen werden. Hierdurch wurde jedoch gerade das Gegentheil bewirkt und zwiſchen beiden eine immer größere Spannung hervorge⸗ rufen, welche nur durch eine Gewaltthat auf der einen oder anderen Seite ihr Ende erreichen konnte. Beide ſind ſo in eine zweideutige Stellung zu einander gerathen, aus welcher eine jede von beiden durch Beſeitigung der anderen ſich zu befreien ſucht. Iſt ſchon ein ſolches Verhältniß zwiſchen Mutter und Tochter an ſich geeignet, bei dem Beobachter Entſetzen hervorzurufen, ſo wird dieſes zu dem vorhin erwähnten unheimlichen Grauen geſteigert, wenn wir uns nach griechiſcher Anſchauung ver⸗ gegenwärtigen, daß mit dem Morde des Königs ſofort alle Rachegeiſter entfeſſelt ſind, welche im Verborgenen für die Wiedervergeltung wirken und nicht eher ruhen, als bis die Rache erfüllt iſt. Gleich beim Empfang des Todesſtreiches hatte Agamemnon den Fluch auf das Haupt ſeiner Mör⸗ der herabgefleht und ſein Schatten ſelbſt, ſtets als Rachegeiſt in der Unterwelt thätig, iſt zu einer göttlichen wirkenden Macht geworden.*) Dieſer Fluch(ApG), eigentlich der Wunſch des unſchuldig ein Unrecht Erleidenden, daß den Beleidiger ſein Vergehen in gleichem Maße wieder treffen möge, wurde auch perſonificirt als Göttin gedacht und wird von Elektra(V. 111) gegen die Mörder ihres Vaters aufgerufen und ſogar νανα d. h. der hehre, geehrte,(Fluch) genannt, weil er in dem ſittlichen Bewußtſein, daß er ein gerechtfertigter ſei und eine gerechte Vergeltung herbeiführen helfen werde, ausgeſprochen iſt. Auf dieſen Fluch weiſt auch der Chor nach Vollſtreckung der Rache an Klytämneſtra(V. 1419) hin, wenn er ſagt:„Die Flüche gehen in Erfüllung; es leben noch, die unter der Erde liegen. Denn das(zur Sühne) wiedervergoſſene Blut der Mörder nehmen die längſt Verſtorbenen in Anſpruch.“ Auch die Herrſcher der Unterwelt ſelbſt, Aldes und Perſephone, waren dem Todten behülflich, daß ihm Vergeltung an ſeinen Mördern zu Theil werde(V. 140 ff.). Zu dieſen Weſen geſellten ſich ſodann ferner als rächende Mächte, nach der eben angeführten Stelle, Hermes und die Erinyen, welche letzteren nach der Vermuthung des Chors(V. 489 ff.)„aus ihrem furchtbaren Hinterhalt, in welchem ſie lauern, hervorkommen werden, vielarmig und erzfüßig“ — mit dieſen letztern Worten wird das plötzliche, überraſchende, die Seele umklammernde Weſen einer erwachenden Gewiſſensangſt gezeichnet; Lübker S. 62—„denn ohne eheliche Verbindung befiel ein unbräutliches Verlangen nach mordbefleckter Ehe das Paar, welchem kein Recht dazu iſt“; und endlich die Nemeſis, ein ethiſcher Begriff, welcher ſeit den Perſerkriegen neben der Idee der Dike als wirkſames Organ der Veredlung der Denkart ins Leben trat. In jener großen Zeit, wo mit der Umgeſtaltung aller Verhältniſſe auch die Anſchauung der Griechen von der Stellung der Menſchen in ihren Handlungen der Gottheit gegenüber in ein neues Stadium eingetreten war, hatte ſich das ſittliche Bewußtſein zu dem Gedanken einer göttlichen Weltregierung und einer harmoniſchen Ausgleichung der menſchlichen Verhältniſſe erhoben. Bei Homer iſt Nemeſis noch ein bloßer Begriff. Das Wort findet ſich hier nur mit der Verneinung und bedeutet in dieſer Verbindung:„es iſt kein Vorwurf.“ Bei Heſiod dagegen(Theog. V. 223) iſt Nemeſis ſchon eine Göttin, eine Tochter der —=) Lubter a. a. O. S. 59:„Darum darf nicht allein, ſondern muß ſelbſt die Rache herabgefleht werden von den Betheiligten, ſo furchtbar der Wunſch bisweilen auch klingen mag, ja die Stimmen derſelben tönen fort in der begangenen That.“ — — 21— Nacht. Nach der Bedeutung des Wortes, von„élieev zutheilen, erſcheint ſpäter die Nemeſis als die Göttin, welche dem Menſchen je nach Gebühr und Verdienſt ſein Geſchick, Glück und Unglück zutheilt, beſonders nach dem ſittlichen Rechtsgefühl Lohn oder Strafe verhängt. Bei Pindar, Herodot und den Tragikern tritt an ihr beſonders die eine Seite einer Unheil bringenden Göttin hervor, welche durch entſprechende Strafe für Ueberhebung und begangenen Frevel die ſittliche Ordnung wieder in das Gleichgewicht bringt. Für jeden Todten, namentlich für einen Erſchlagenen, da ein ſolcher die an ihm verübten Kränkungen nicht ſelbſt mehr vergelten kann, tritt die Nemeſis als Rächerin auf. So ruft auch Elektra(V. 782), als Klytämneſtra bei der erdichteten Nachricht vom Tode des Oreſtes den Todten höhnt, die Nemeſis an, dieſe Worte zu vernehmen. Alle dieſe im Finſtern waltenden Mächte ſind durch die in der königlichen Familie verletzte ſittliche Ordnung ins Leben gerufen und ruhen nicht eher, als bis die Rache an den Mörder er⸗ füllt iſt. Wir ſehen alſo, daß auch dieſe unſichtbaren Mächte die Rache betreiben helfen, gerade ihre Hülfe von den Verwandten erwartet wird und letztere nicht für ſich allein handeln. Zum Theil ſtehen jene Mächte mit den oberen Göttern, Zeus und Apollo, den Vollſtreckern der Gerech⸗ tichkeit, in Verbindung. V. 112 nennt der Dichter die Erinyen Kinder der Götter(Sewy aldes Epwvdeg), welche Bezeichnung auf das Verhältniß der Strafgöttinnen zu den Pböheren Göttern ſich bezieht, deren Willen ſie erfüllen.. Dieſe Mächte hat die Phantaſie des Dichters doch nicht erſt geſchaffen, ſondern im Volksglauben, welcher auch derſeinige war, vorgefunden. Sie bilden den Hintergrund, in welchem im Verborgenen für die Rache gewirkt wird, damit dem ſchuldloſen Opfer, das mit Argliſt in die Netze des Todes gelockt worden war, die ſchuldige und volle Wiedervergeltung zu Theil werde. Dieſe Mächte ſind die Perſonification des ethiſchen Bewußtſeins, welche in dem Naturrecht als Geſetz beſtehen und eben ſo wie Zeus und Apollo als Wächter über die ſittliche Ordnung ein Organ haben müſſen, in welchem ihre Wirkſamkeit ſich bethätigt; mit anderen Worten: Der Volksglaube dachte ſich jene Mächte lebendig und wirkſam und ſo auch hält Elektra im Glauben an ſie ſich zur Rache getrieben, welche ſie als eine Pflicht erfüllen zu müſſen glaubt, nicht um ihren perſönlichen Rachegefühlen Genüge zu leiſten. Ihnen gegenüber verhält ſich Elektra paſſiv, wie ſie denn überhaupt, und wohl nicht ohne beſtimmte Abſicht des Dichters, allein von ihrem Pathos beſeelt erſcheint und nur, ohne eigentlich zu handeln, durch die ſittlichen Mächte ſich beſtimmen läßt. So iſt auch hierin die ſittliche Ordnung jener Zeit, welche der Dichter an der Elektra zur Erſcheinung bringt, die Lebensluft, in welcher die Jungfrau athmet und von ihr beſeelt wird. Von Kindheit an in dieſem Element aufgewachſen, will ſie nur das, was jene Ordnung ihr gebietet. Inſofern tritt ſie frei handelnd auf und vollzieht den Conflict in ihrer Bruſt. Dieſer Anſchauung entſprechend treten die pſychologiſchen und objectiv ethiſchen Motive in innigen Zuſammenhang mit einander, was nicht zu überſehen iſt. Von einem Schickſale, welchem die Elektra oder die übrigen Perſonen der Tagödie willenlos unterworfen wäre, wie wir oben ſchon geſehen, iſt keine Rede; dieſes beſteht eben in den ethiſchen Beziehungen, welche die Handlung beherrſchen. Auch in den Worten des Chors V. 504 ff., wo des Pelops unheilvoller Wettfahrt und ſeines am Wagenlenker Myrtilos verübten Frevels gedacht wird, kann ich nicht, wie von einigen geſchehen — 22— iſt, für die Urſchuld der Familie erklären, von welcher der Chor die folgenden und die zuletzt am Agamemnon begangene Gräuelthat nebſt der noch an dem Mörderpaare zu vollſtreckende Blutthat in nothwendiger Folge herleitete. Der Chor erwähnt nur mit Schmerz, daß ſeit der Ankunft des Pelops in Argos und der Ermordung des Myrtilos die harten Schickſalsſchläge im königlichen Hauſe nicht aufgehört hätten, wodurch nur die lange Reihe von Mordthaten bezeichnet werden ſoll, welche ſchon mit dem Urahn anhöben und auch dann, wo nach der Anſicht des Chors die Götter der bedrängten Elektra in dem Traume der Mutter Erlöſung aus ihrer Drangſal verkün⸗ deten, doch noch einmal Blutvergießen nothwendig ſei.(Vergl. Lübker Progr. v. Parchim 1851. S. 9 z. B.:„es erfüllt ſich aufs neue der Fluch, der auf dieſem Hauſe des Pelops ſeit jener Wettfahrt und dem Frevel am Myrtilus ruht.“) Hätte der Dichter in der Handlung der Elektra einen ſo ſchaurigen Frevel geſehen, ſo würde er mit ſich ſelbſt in Widerſpruch gerathen, wenn er den Chor V. 1081 ff., welcher doch die öffentliche Meinung repräſentirt, der Elektra gegenüber dieſer ſo hohe Lobſprüche äußeren läßt: „Du trägſt,, ſagt er,„einen doppelten Ruhm davon, eines edlen Vaters weiſe und gute Tochter zu heißen; möchteſt Du an Macht und Reichthum ſo hoch über Deinen Feinden erhaben leben, wie Du jetzt tief von ihnen erniedrigt da ſtehſt. In der Frömmigkeit gegen Zeus haſt Du das Höchſte nach dem Geſetze,(d. h. was nach dem allgemeinen Glauben als Satzung galt), erreicht.“ Nach dieſen Worten iſt alſo die dem Vater von der Tochter erwieſene Pietät zugleich höchſte Pietät gegen Zeus und hiermit ſpricht der Dichter die feſte Ueberzeugung aus, daß Zeus jegliche Verletzung der Pietät gegen ein Familienglied nicht unvergolten laſſen werde. Schulnachrichten. I. Lehrverfaſſung. Da die Unterrichts⸗Vertheilung im abgelaufenen Schuljahr 1874—75 durch außergewöhnliche Störungen(ſ. Chronik der Anſtalt) mehrfache Abänderungen erfuhr, auch die Abgrenzung mancher Penſa von Oſtern ab eine andere werden wird, ſchon in Folge der Gründung einer Sexta, ſo begnügen wir uns diesmal mit einer Ueberſicht der in den beiden oberen Klaſſen abſolvirten griechiſchen und lateiniſchen Lectüre, ſowie mit der beiſtehenden tabellariſchen Ueberſicht über die Lections⸗Vertheilung für das Winter⸗Halbjahr 1874—75. Es wurden geleſen 1) in Prima im Lateiniſchen Cicero de orat. I, Tacit. Annal. I, 1— 15, 31— 81, II, 1— 63, 69—88, im Griechiſchen Plato Apologie, Criton u.(mit Auswahl) Phädon. Homer Ilias l. XV— XXIV, Sophocles Antigone.— 2) in Secunda im Lateiniſchen Cicero de imperio Cn. Pompeji, pro Ligario, pro Roscio Amerino u. curſoriſch in Catilin. I u. III; im Griechiſchen Xenoph. Hell. IV. u. V, Herodot 1. VII.(Auswahl); Homer Odyss. III—VII.— Der Zeichnen⸗Unterricht hatte in Folge der Beurlaubung des Oberlehrers Hartmann leider ganz eingeſtellt werden müſſen; er wird aber zu Oſtern nicht nur in denjenigen Klaſſen, in welchen er obligatoriſcher unterrichts⸗Gegenſtand iſt, wieder aufgenommen werden, ſondern auch außerdem als facultativer Gegenſtand allen den Schülern oberer Klaſſen ertheilt werden, welche mit Rückſicht auf ihren künftigen Beruf, oder ſonſt aus Neigung ſich im Zeichnen weiter auszubilden wünſchen.— In den Schreibſtunden der Quinta wurde gegen Ende des Winter⸗Halbjahrs zur Vorbereitung auf den griechiſchen Unterricht der Quarta die Griechiſche Schrift geübt.— Die Turnübungen fanden im Sommer wöchentlich zweimal in der Abendſtunde von 6—8 unter Leitung des Gymnaſiallehrers Herrn Berlit im Turngarten ſtatt. Nur ein Schüler brauchte, körperlicher Schwäche wegen, dispenſirt zu werden.— Um die Leiſtungen des ausgewählten Geſangchors für das Schulleben fruchtbarer zu machen, erhielt derſelbe eine größere Verwendung bei den ſeit Oſtern eingerichteten täglichen allgemeinen Morgen⸗ Andachten, welche dazu beitragen ſollen, den Gemeinſinn der Schüler als Glieder einer Schul⸗ gemeinde zu wecken, und ſie an ein Mitdurchleben der geweiheten Zeiten des Kirchenjahres mehr und mehr zu gewöhnen, endlich auch eine bequeme Möglichkeit darbieten, beſonders bedeutſame Momente des eigenen Schullebens auszuzeichnen. Die herkömmliche Hora am Schluß der Woche blieb beſtehen; ſie wurde vor Beginn der Weihnachtsferien zu einer liturgiſchen Andacht erweitert. — 24— Um die Benutzung der Schüler⸗Bibliothet fruchtbarer zu machen, wurden zunächſt in den Klaſſen Prima bis Quarta die für jede dieſer Stufen geeignetſten Werke zu Klaſſen⸗Bi⸗ bliotheken zuſammengeſtellt, deren Benutzung von dem Ordinarius oder von dem Lehrer des Deutſchen überwacht wird.— Auf die Vermehrung des Apparats für den Unterricht im Geſang und in der Geographie, ſowie auf die Beſchaffung von Abbildungen zur Veranſchaulichung des Uu⸗ terrichts(Pläne von Athen und Rom, der ath. Acropolis von Michaelis, Flaxmann, Um⸗ riſſe zum Homer, Bilder der preußiſchen Regenten u. dgl. m.) wurde beſondere Sorgfalt verwendet. Die Schüler ſelbſt ſchenkten aus den Ueberſchüſſen einer bei Gelegenheit des Schulfeſtes(am 2. Sept.) veranſtalteten Sammlung einen Abguß der Laocoon⸗Gruppe. Verzeichniß der eingeführten Lehrbücher. Religionslehre: Schulgeſangbuch(I. Abth. des Hülfsbuchs von Hollenberg) für alle Klaſſen; Bibel in—IV; Hollenberg Hülfsbuch Thl. II in I und II; Zahn Bibl. Hiſtorien (Ausgabe B.) in VI u. V. Lateiniſch: Siberti— Meiring lat. Schulgrammatik für alle Klaſſen; die Uebungsbücher von Spieß in VI-— III, Seyffert Uebungsbuch für II, Süpfle Aufgaben Thl. III in I. Griechiſch: R. Kühner Kurzgefaßte Schulgrammatik in IV— I; deſſelb. Beiſpielſammlung in IV u. III; Fr. Frankes Aufgaben 1. u. 2. Curſus in II. Deutſch: Die Leſebücher von Hopf u. Paulſiek in den Klaſſen VI—III; Wendt Grund⸗ riß der deutſchen Satzlehre in IV— III. Franzöſiſch: Plötz Elementar⸗Grammatik in V u. IV; A. Müller Franz. Grammatik für Gymnaſien Abth. 1 in III, Abth. II in II u. J, deſſ. Leſebuch in Ill. Hebräiſch: Geſenius— Rödiger Grammatik in 1 u. II; deſſelben Leſebuch in II, hebr. Bibel in 1. Geſchichte: Pütz Grundriß der deutſchen Geſchichte in III; deſſelben Grundriß der alten Geſch. in II, der mittleren u. neueren Geſchichte in l. Geographie: Daniel Leitfaden in VI-III. Mathematik u. Rechnen: Heis Beiſpielſammlung in Ill— 1; Fliedner Planimetrie in III u. IIl, Fölſing Rechenbuch, Rühlmann Logarithmen. Phyſik: Jochmann Grundriß der Experimental⸗Phyſik. Naturkunde: Leunis Leitfaden. Heft 1 u. II. Daneben werden vorzugsweiſe empfohlen: Das lat.⸗deutſche Lexikon von Georges, das griechiſch⸗deutſche von Benſeler;(Deutſch⸗lat. und deutſch⸗griech. Wörterbücher werden nicht verlangt; Special⸗Wörterbücher zu den einzelnen Autoren nicht gewünſcht;) das hebräiſch⸗ lat. Wörterbuch von Geſenius; der Schul⸗Atlas von Sydow für die neue, der Atlas antiquus von H. Kiepert für die alte Geographie. Von den Klaſſiker⸗Ausgaben werden vorzugsweiſe empfohlen: Die Teubner'ſchen Texte ohne Anmerkungen; von den Metam. des Ovid der delectus von Merkel, vom Horaz die Ausgabe mit lat. Commentar von Dillenburger, oder die Text⸗Ausgabe von Stallbaum (Tauchnitz), von Ciceros Reden die Text⸗Ausg. von Hirſchfelder u. Eberhard(Crat. del. XVIII, Teubn.). Als commentirte Homer⸗Ausgabe wird nur die von Faeſi empfohlen. — 25— Vertheilung der Lectionen im Winter⸗Halbjahr 4187475. gehrer. 3 3 I. 4 II. III. IV. V. Summa. 2 Dr. Frick, Director. Griechiſch 6. Geſchichte 3.(Geographie 1. 14. Deutſch 3. Griechiſch 1.— Pfarrer Meurer, Religion 2. Religion 2. Religion 2. Religion 2. Religion 2. 19. I. Oberl. Prorector.] III. Griechiſch 7. Deutſch 2. Dr. Hartmann, beurlaubt. 2. Oberl. Dr. Stache, I. Lateiniſch 8. Lateiniſch 8. 3. Oberl. Geſchichte 3. 19. Kutſch, Mathem. 4. Mathem. 4. Mathem. 3. Rechnen 1. 20. 1. ord. Lehrer. Phyſik. 2. Phyſik 1. Schreiben 2.— Dr. Suchier, II. Franzöſiſch 2. Griechiſch 6. Lateiniſch 8. 19. 2. ord. L. Hebräiſch 2. Hebräiſch 1 Berlit, IV. Deutſch 2.(eſch. 3. Lat. 10. 19. 3. ord. L. Virgil 2. Ovid 2.——— 4. ord. L.: vacat— Birkenſtamm, Franzöſiſch 2. Franzoͤſiſch 2 Deutſch SSrnn 2 Franzöſiſch 3. 17. 5. ord. L. Geogr. 2, Geſch. 2. Geſchichte 2. Cand. Eickhoff, Lateiniſch 10. wiſſenſch. Hülfsl. V. Griechiſch 6. Deutſch 2. 20. — Geogr. 2. Cand. prob. Mathem. 3. Naturkunde 2. 5. wenderhold. — KAapmeier, Chor 2.. Geſang 2. Geſang 2. 6. Geſanglehrer.— 1 Aus den Verfügungen der vorgeſetzten Behörden. 1874. 18. März. Erlaß des Finanz⸗Miniſters betr. die Annahme auch von ſolchen jungen Leuten, welche nur das Zeugniß der Reife für die Prima beſitzen, zur Beſchäftigung und Anſtellung bel der Verwaltung der indirecten Steuern. 23. Mai und 21. October. Die Beurlaubung des Oberlehrers Dr. Hartmann bis zum 1. April wird genehmigt. 21. Mai. K. Pr.⸗Sch.⸗C. Söhne von Gymnaſiallehrern ſind nicht allein von der Zahlung des Schulgeldes, ſondern auch von der Zahlung von Antritts⸗ und Austrittsgeldern befreit. 7. Juni. K. Pr.⸗Sch.⸗C. der Kaufmann Meyer wird als Schwimmlehrer des Gymnaſiums beſtellt. 1. Juli. K. Miniſterium d. U. A. betrifft die gegenſeitige Anerkennung von Maturitäts⸗ Zeugniſſen der Gymnaſien des deutſchen Reichs. 31. Octbr. K. Pr.⸗Sch.⸗C. Nur bei Beträgen üiber 100 Thlr. muß ein Submiſſions⸗Ver⸗ fahren eingehalten werden. 4 — 26— 20. Octbr. K. Pr.⸗Sch.⸗C. Der Schulamtscandidat Herr Wenderhold aus Homberg wird als Cand. prob. dem Gymnaſium überwieſen. 13. Novbr. K. Pr.⸗Sch.⸗C. Eine außerordentliche Summe von 25 Thlr. zur Vervollſtändigung des Geographiſchen Apparats wird bewilligt. 17. Decbr. K. Pr.⸗Sch.⸗C. Die Errichtung einer Sexta und im Zuſammenhang damit die Be⸗ gründung einer Gymnaſial⸗Elementar⸗Lehrerſtelle vom 1. April ab wird genehmigt. 6. Decbr. K. Pr.⸗Sch.⸗C. Die Remuneration des Rechnungsführers wird um 25 Thlr. erhöht. 1875. 9. Febr. K. Pr.⸗Sch.⸗C. Die beantragte Erhöhung des Gehaltes für den Pedell um 60 Mark wird genehmigt. 2. Febr. K. Miniſt. d. U. A. Dem Oberlehrer Dr. Hartmann wird die erbetene Ver⸗ ſetzung in den Ruheſtand vom 1. April d. J. ab gewährt. 11. Jan. K. Pr.⸗Sch.⸗C. Die neugegründete Stelle eines Gymnaſial⸗Elementarlehrers wird dem Lehrer an der höheren Bürgerſchule zu Carlshafen Herrn Roſenſtock übertragen. 21. Jan. K. Pr.⸗Sch.⸗C. Es ſind fortan 325 Exemplare des Progamms einzuſenden. Statiſtiſche Ueberſicht. ——— Tonfeſſion I. II. III. IV. V. Geſaumtzahl. Einh. Ausw — L Ev. iüdiſch. 3—. V Sunmare ne 20 18 V 31 b 18 25 112 106 V 6 b 67 V 45 V inter-Ser auhtere ſer ¹s 18 25 1s 24 10.(101 0 42 45 V Es gingen ab auf andere Gymnaſien oder Realſchulen 3, zu einer praktiſchen Beſtimmung 2 Schüler. Eine Maturitäts⸗Prüfung fand zu Mich. v. J. nicht ſtatt. Ueber die noch bevorſtehende des Oſter⸗Termins, zu welcher ſich 7 Abiturienten angemeldet haben, kann erſt im nächſten Jahres⸗ bericht berichtet werden. Chronik des Gymnaſiums. Am 1. April 1874 legte der Director Dr. Rieß durch Geſundheits⸗Rückſichten veranlaßt ſein Amt nieder, um in den erbetenen Ruheſtand einzutreten(ſ. das vorj. Progr. S. 30). Derſelbe hatte das Directorium des hieſigen Gymnaſiums ſeit Anfang 1863, alſo 11 Jahre lang verwaltet und ſich durch ſeine reiche und vielſeitige Gelehrſamkeit, ſein hervorragendes Lehrtalent, die hingebendſte Treue und ſtrengſte Pflichterfüllung die größten Verdienſte um die Anſtalt erworben, welche ihm dauernd das dankbarſte Andenken bewahren wird. Möchte ihm die erquickende Ruhe eines langen, freudenreichen Lebensabends beſchieden ſein.(Ueber ſeine Vergangenheit und literariſchen Arbeiten — 27— berichtet er ſelbſt in den Mittheilungen aus der Geſchichte des Gymnaſiums zu Rinteln Progr. 1868 S. 27.) Bald nach Beginn des Sommer⸗Semeſters ſah ſich der ſchon ſeit längerer Zeit leidende Ober⸗ lehrer Dr. Hartmann genöthigt, einen längeren Urlaub nachzuſuchen, und ſchließlich, da die Ent⸗ wicklung der Krankheit(eines Nervenleidens) ihm die äußerſte Schonung zur Pflicht machte, die Verſetzung in den Ruheſtand zu erbitten, welche ihm vom 1. April d. J. ab in anerkennendſter Weiſe gewährt worden iſt. Der Oberlehrer Dr. Hartmann gehörte dem hieſigen Gymnaſium ſeit dem Jahre 1849 an und iſt durch ſeine hervorragende Gelehrſamkeit und ausgezeichnete Lehr⸗ gabe eine Zierde der Anſtalt geweſen, welche den Anlaß ſeines Austritts um ſo ſchmerzlicher beklagt, als die Anſpruchloſigkeit und Liebenswürdigkeit ſeiner Perſönlichkeit ihm die Herzen ſeiner Collegen und Schüler in ſeltenem Grade gewonnen hatte.(Vergl. über ihn u. ſeine literariſchen Leiſtungen d. genannte Progr. v. J. 1868. S. 32). Das erledigte Directorat des hieſigen Königlichen Gymnaſiums wurde in Folge ausdrück⸗ licher Bewerbung dem unterzeichneten Berichterſtatter, vorher Director des ſtädtiſchen Gym⸗ naſiums zu Potsdam, übertragen. Otto Paul Martin Frick, Dr. phil. geb. den 21. März 1832 zu Schmetzdorf bei Jerichow (Prov. Sachſen), erhielt ſeine Vorbildung auf dem Alumnat des Königl. Joachimsthalſchen Gym⸗ naſiums zu Berlin, ſtudirte von Michaelis 1851 bis Michaelis 1855 Philologie und Theologie in Berlin und Halle, war dann bis Oſtern 1857 Erzieher im Hauſe des Kgl. Preuß. Geſandten von Wildenbruch zu Conſtantinopel, darauf bis Mich. 1857 auf Reiſen in Griechenland und Italien, bis Michaelis 1858 Adjunct und ord. Lehrer am Kgl. Joachimsthalſchen Gymnaſium zu Berlin, bis Michaelis 1859 ord. Lehrer am Gymnaſium zu Eſſen, bis Michaelis 1863 Oberlehrer am Gymnaſium zu Weſel, bis Oſtern 1864 Oberlehrer am Gymnaſium zu Barmen, bis Michaelis 1864 Director des Gymnaſiums zu Burg(Prov. Sachſen), bis Oſtern 1874 Director des Gym⸗ naſiums zu Potsdam.— Erſchienen ſind von ihm im Druck außer zahlreichen Abhandlungen in gelehrten und ungelehrten Zeitſchriften, in der Encyclopädie der Alterthumswiſſenſchaft von Pauly⸗ Teuffel(die Artikel Bosporus u. Byzanz) und in der Encyclopädie des geſammten Erziehungs⸗ und Unterrichtsweſens von Schmid u. Palmer, endlich außer einigen Vorträgen(Ueber den Begriff der Nationalität, das Paſſionsſpiel in Ober⸗Ammergau): Das platäiſche Weihgeſchenk zu Conſtantinopel, ein Beitrag zur Geſchichte der Perſerkriege, Leipzig 1859; Dionysii Byzantii Ana- plum Bospori ex Gillio excerptum ed. et ill. O. Frick, Dr. phil., Wesel 1860 Progr.; Conjectanea in Dionysii Byzantii Anaplum Bospori scrips. Dr. O. Frick,(Burg 1865 Progr.); ein Hof⸗Pfalz⸗Grafen⸗Diplom Joh. Riſts(Progr. Burg, 1866); Ausgeführte Lehrpläne für den deutſchen Unterricht(Burg 1867, Progr.) für den lateiniſchen und griechiſchen Unterricht (Potsdam 1868 Progr.); Tabelle über die griechiſche Moduslehre(Potsdam 1873); Vier Entlaſſungsreden(Potsdam 1874 Progr.) Die Zuſammenſetzung des Lehrer⸗Collegiums während des abgelaufenen Schuljahrs Oſtern 1874 bis Oſtern 1875 war ſomit folgende: Director Dr. Otto Frick; 3 Oberlehrer: Prorector Pfarrer Wilhelm Hermann Meurer, Dr. Julius Hartmann(benrlaubt), Dr. Chriſtian Ludwig Stacke; 4 ordentliche Lehrer: Joh. Auguſt Kutſch, Dr. Hugo Ferdinand Suchier, 2* — 28— Alfred Berlit, Daniel Birkenſtamm; 1 beauftragter Lehrer: Candidat Paul Eickhoff; 1 Geſanglehrer: Cantor Joh. Chriſtian Kapmeier; Cand. prob. Wenderhold,(ſeit Nov. 1874 zur Ableiſtung ſeines Probejahres dem hieſigen Gymnaſium überwieſen). Am 26. April fand in Gegenwart einer zahlreichen geladenen Verſammlung die feierliche Ein⸗ führung des Unterzeichneten durch den Provinzial⸗Schulrath Dr. Rumpel ſtatt. Nachdem derſelbe in wärmſter und anerkennendſter Weiſe der Verdienſte des ausgeſchiedenen Directors Dr. Rieß ge⸗ dacht und den Unterzeichneten in eindringlichen Worten auf die Pflichten ſeines Amtes hingewieſen hatte, verpflichtete er denſelben unter Hinweis auf den geleiſteten Dienſteid durch Handſchlag und übergab ihm die von Sr. Majeſtät dem Kaiſer eigenhändig vollzogene Beſtallung. Darauf hielt der Unterzeichnete ſeine Antrittsrede über die eigenthümliche Aufgabe, welche dem Gymnaſium der Gegen⸗ wart und gerade in dieſer Stadt geſtellt ſei. Geſang des Gymnaſial⸗Chors eröffnete und beſchloß die Feier. Am 12. Juni veranſtaltete die Schule eine allgemeine Turnfahrt. Unter Führung ihrer Ordi⸗ narien gingen die Quintaner nach der Schauenburg und Paſchenburg, die Secundaner nach Vlotho und Oeynhauſen; die übrigen Klaſſen zogen anfangs gemeinſam in die Lippeſchen Berge; in Lüden⸗ hauſen trennten ſich die Quartaner und Tertianer, um über Varenholz zurückzukehren, während die Primaner unter Führung des Unterzeichneten und des Turnlehrers Herrn Berlit über Lemgo u. Detmold weiter wanderten, am nächſten Morgen das Hermanns Denkmal auf der Grotenburg be⸗ ſuchten, und über die Exterſteine, Pyrmont, Hameln am 3. Tage nach Rinteln zurückkehrten. Die Feier des 2. September beging die Schule unter zahlreicher Betheiligung des Publikums in Steinbergen im Freien durch feſtlichen Auszug, Anſprache des Directors, Declamationen der Schüler, gymnaſtiſche Wettſpiele und Preisvertheilung. Endlich wurde zur Nachfeier des 18. October, welcher ſelbſt auf einen Sonntag fiel, am 19. noch eine kürzere Turnfahrt unternommen, und zwar ſo daß die beiden oberen Klaſſen nach Vlotho, die übrigen über Bremke und Rohbraken nach Volkſen gingen. Im abgelaufenen Schuljahr gelangten die ſeit längerer Zeit geführten Unterhandlungen in Betreff der Aufführung eines neuen Gymnaſial⸗Gebäudes zum Abſchluß. Der Neubau iſt dem Baurath Herrn Raſchdorff zu Köln übertragen. Der Abbruch der Vorderfront und theilweiſe auch der Seitenfront des alten Univerſitätsgebäudes begann im November, und bald darauf auch die Aus⸗ ſchachtung des Bau⸗Terrains. Gegenwärtig wird das Bau⸗Material herangeführt und die Legung der Fundamente in Angriff genommen, ſo daß wir hoffen dürfen, im Monat Mai die Feier der Grundſteinlegung begehen zu können. Um die Erinnerung an das alte ehrwürdige Univerſitäts⸗Ge⸗ bäude lebendig zu erhalten, wurde auf Veranſtaltung des Unterzeichneten eine Photographie deſſelben abgenommen und in der Aula des jetzigen Gebäudes aufgehängt. Endlich darf als ein anderes erfreuliches Ereigniß des abgelaufenen Schuljahres erwähnt wer⸗ den, daß die auf Errichtung einer Sexta gerichteten Anträge des Unterzeichneten von dem Königl. Provinzial⸗Schul⸗Collegium ſowohl, wie von dem Kgl. Miniſterium genehmigt wurden. Dieſelbe wird mit dem 1. April d. J. eröffnet werden und der feſtere Unterbau und Abſchluß, welchen das Gymnaſium damit erhält, dem ganzen Organismus deſſelben, ſo dürfen wir hoffen, zu weſentlicher Förderung gereichen. Die Bibliotheken und Sammlungen des Gymnaſiums wurden aus den etatsmäßigen Mitteln — 29— vermehrt. Von Geſchenken iſt vor allem zu verzeichnen eine werthvolle Sammlung von Schriften, welche ſich auf die Topographie und Geſchichte der Grafſchaft Schaumburg beziehen und welche der zu Paris verſtorbene Buchhändler Klinckſieck, ein ehemaliger Zögling des hieſigen Gymnaſiums, für daſſelbe geſammelt und beſtimmt hatte. Wir ſagen der Wittwe deſſelben für dieſe Gabe unſeren herzlichſten Dannk!. Oeffentlicher Unterricht. Freitag, den 19. März, Vormittags von 9 Uhr ab. Secunda: Religionslehre, Prorector Pfr. Meurer. Quinta: Rechnen, Oberlehrer Kutſch. Quarta: Griechiſch, wiſſ. Hülfslehrer Eickhoff. Tertia: Geſchichte, G.⸗Lehrer Berlit. Prima: Lateiniſch, Oberlehrer Dr. Stacke. Chorgeſang. Entlaſſung der Abiturienten. Chorgeſang: AOch, bleib mit deiner Gnade, V. 3. u. 4. Zwiſchen dem Unterricht der einzelnen Klaſſen werden Declamationen der Schüler ſtatt Bekanntmachung. 1) Auf Veranlaſſung des Kgl. Prov.⸗Schul⸗Collegiums wird hiermit zur allgemeinen Kenntniß gebracht, daß zu Oſtern d. J. am hieſigen Ghmnaſium eine Sexta errichtet werden wird. Die Aufnahme⸗Bedingungen find 1) das vollendete 9te Lebensjahr; 2) der Beſitz folgen⸗ der Vorkenntniſſe: Gelänfigkeit im Leſen deutſcher und lateiniſcher Druckſchrift; Kenntniß der Redetheile; eine leſerliche und reinliche Handſchrift; Fertigkeit, Dictirtes ohne grobe orthographiſche Fehler nachzuſchreiben; Sicherheit in den 4 Grundrechnungsarten mit ganzen Zahlen; Bekannt⸗ ſchaft mit den neuen Maßen und Gewichten; Bekanntſchaft mit den Haupt⸗Geſchichten des A. u. N. Teſtaments.— Lateiniſche Vorkenntniſſe ſind nicht nothwendig, nicht einmal wünſchenswerth. Das Schulgeld beträgt, wie in Qninta jährlich 60 Mark. Der Aufnahme⸗Termin wird ſeiner Zeit bekannt gemacht werden. Zu jeder weiteren Auskunft iſt der Unterzeichnete ſtets gern bereit. 2) Das neue Schuljahr 1875/76 beginnt Montag, den 5. April, Vormittags 8 Uhr und zwar zunächſt mit der Aufnahme⸗Prüfung der neu angemeldeten Schüler, welche ſich dazu mit Schreibmaterialien im Gymnaſial⸗Gebäude einzufinden haben. Nachmittag 3 Uhr findet eine Hora für ſämmtliche Schüler ſtatt. 3) Anmeldungen neuer Schüler ſind im Laufe der Ferien dem unterzeichneten Director zugleich mit dem zuletzt empfangenen Schulzeugniß, ſowie mit dem Impſchein vorzulegen. inteln, 15. März 1875. 2 Der Director des Gymnaſiums Dr. Otto Frick.