0 ————.—— S 3———— 4————— 8 89 ℳ 2 5 8 41 Niönigl lichles rieikiichs-Humnazium en Cassel. Jahresbericht über das Schuljahr 1895 96 von dem Direktor Dr. Friedrich Heußner. Voraus geht eine Abhandlung des Profeſſors Adolf Stoll über den Hiſtoriker Friedrich Wilken. Abt. III. CAoRN; 3 Caſſel, 1896. Druck von L. Döll. 6 ,, t . 2———— 4 90——— 1896. Progr. Nr. 390. I. [S. S. 18, Sp. 2, Anm. 3.] Ein Jahr iſt eben heute verfloſſen, ſeit Sie, ver⸗ ehrteſter Herr Profeſſor, mir den erſten Theil Ihrer Kreuz⸗ züge ſandten. Ein zweytes mir nicht minder erfreuliches Geſchenk, die Samaniden, erhielt ich vor einem halben Jahr. Nachdem ich beydes unbeantwortet gelaſſen, waren Sie ſo edel, mir noch am 27. Juli wegen der Jahrbücher der Ihnen den Eindruck unverholen mittheilen. Die Verbindung Litteratur zu ſchreiben. ſind, welche die Lieblingspläne und⸗Beſchäftigungen meines Lebens auf eine mir nicht vorbewußte Zeit unterbrochen haben. wagen, als ich nach Tübingen gehen wollte und nach Paris kam. Aber immer wurde ich unterbrochen— ſchwieg aber, weil ich Ihnen beſtimmt und viel ſchreiben wollte. Die Darſtellung meiner Lebensmanier wird ſowohl dieſes be⸗ greiflich machen als den Antrag vom 27. Juli beantworten. Gedoppelt ſind meine Geſchäfte: als Staatsrath, am wenigſten abhaltend, außer was der Reichstag für Zer⸗ ſtreuungen herbeyführte; deſto größer als Direktor des Ich nehme an, daß Sie, mein zu Gemüthe ſein mag— an dem Abende meines Lebens, wo ich eben in eine ganz kleine Stadt nur darum ziehen wollte, um die Sammlungen, welche ich ſeit einigen 30. Jahren gemacht, einmal zu verarbeiten. Allein mit dem Menſchen hat das Schickſal ſein Spiel; wer kann ihm ent⸗ gehen? Wer muß nicht ausharren? Um auf uns zurück⸗ zukommen, ſo bin ich nun endlich daran, in jenen wenigen Abendſtunden Ihre ſchönen Werke zu ſtudieren und werde theuerſter Herr Profeſſor, von den Zufällen unterrichtet der Heidelberger Gelehrten, deren ich mehrere ganz aus⸗ Beyde Bücher erhielt und durchſah ich mit dem lebhafteſten Intereſſe, nahm das erſte auch in den Reiſe- Theil zu nehmen, für deſſen bloßes Leſen ich Zeit erſtehlen öffentlichen Unterrichts auf fünf Univerſitäten und in etwa 3000 Schulen, welche theils zu erhalten, theils zu ordnen, theils in mannigfaltigen Geſuchen zu fördern ſind; Vor⸗ träge alſo und Briefe ohne Zahl; bei meiner äußerſten Zurückgezogenheit gleichwohl unvermeidliche Abhaltungen. Rechnen Sie dabey manche leidige Stunde, die oft Miß⸗ muth frißt; auch daß ſeit einem Jahr meine Geſundheit merklich gelitten hat. So komme ich nie vor acht oder neun, des Abends, an die Möglichkeit nur einiger Lectüre — und was für einer? Meiſt der an mich eingeſandten Bücher. Nicht eine Zeile habe ich zur Vollendung des ſchon halb abgedruckten 5. Bandes der Schweizergeſchichte, nicht Eine von den ſehr vielen verſprochenen Recenſionen für einige Journale ſchreiben können, anderer, größerer Plane nicht zu erwähnen; auch nicht zu gedenken, welche Entbehrung es mir iſt, weder meine geliebten Alten leſen, noch im Quellenſtudium Fortſchritte machen, oder den älteſten Freunden bisweilen ein Wörtchen ſagen zu können. Bey dem allem liegen 284 Briefe und Vortragsmaterien zur Erledigung vor mir. Urtheilen Sie, wie mir eigentlich nehmend ſchätze, würde mir ſo ehrenhaft als angenehm ſeyn: Aber Sie ſehen, daß ich bis auf eine andre Epoche meines Lebens mir verſagen muß, an einem Werke thätig muß. Sie, mein wertheſter Herr, verſichere ich meiner frohen Theilnehmung an Ihren ruhmvollen Unternehmungen, meiner Hochachtung und meiner Begierde, Ihnen dieſe Ge⸗ ſinnungen auf alle Weiſe beſtens zu beweiſen. Auch mag ich nicht mit entweihten Formeln endigen. Ich bin Ihr Verehrer und Freund. Caſſel, 24. Aug. 1808. &△̈ J. v. Müller.*) II. [(S. S. 19, Sp. 1, Anmerkg.] Bern, 20. May 1813. Hochwohlgeborner, Hochzuverehrender Herr! Herr von Lerber, unſer beyderſeitiger Freund und geweſener Zuhörer, gleich wie er im Gutes thun unermüdet iſt, ſo läßt er auch nicht nach um mich zur längſt ge⸗ wünſchten Bekanntſchaft und Correſpondenz mit Ew. Hoch⸗ wohlgeboren zu ermunteren. Um meine Schüchternheit endlich zu beſiegen, ſendet er mir beyliegenden Brief zum Einſchluß, der auch mein Paßport, meine Empfehlung bey Ew. Hochwohlgeboren ſeyn mag. Er hat mich auch längſt mit Ihrem klaſſiſchen Werk(ich bin ſonſt mit dieſem Wort nicht freygebig) über die Kreuzzüge bekannt gemacht. Wie war ich erſtaunt, in einer Materie, welche ſonſt den Spöttern über alles Heilige ſo vielen Stoff zu flachem und geiſtloſem Tadel giebt: neben der außerordentlichen, *) Etwa neun Monate ſpäter, am 29. Mai 1809, ſtarb Müller. ſeltenen Gelehrſamkeit, der einfach ſchönen, 86 gediegenen Sprache, der vortrefflichen Ordnung aller Materialien, auch jenen guten Geiſt zu finden, der alle Gelehrte zieren ſollte, keine Spur von den herrſchenden politiſchen oder irreligiöſen Irrthümern, mit welchen man ſonſt faſt alle neueren hiſtoriſchen Werke verunſtaltet, die Geſchichte ab: ſichtlich verfälſcht und zur Magd von ſophiſtiſchen Grillen herabwürdigen will. ohne der Wahrheit untreu zu werden! Wie ſchön Sie ins⸗ beſondere den Hauptpunkt ins Licht ſtellen, daß das Geiſtige, Wie Sie dieſe Kreuzzüge veredeln, das Überſinnliche faſt alle phyſiſchen Bedürfniſſe, Hunger, V von anderen Herren und Gemeinden auf eigenen(natür⸗ Durſt und Ungemach beſiegt, und daß die verſchrieenen Geiſtlichen, die religiöſen Lehrer des Volkes, zuletzt in aller Noth doch die einzigen Helfer und Tröſter waren. Dieſer Zug erweckte mir Hochachtung für Ihre Perſon und hat mich wieder mit der deutſchen Litteratur verſöhnt, welche mir ſonſt beynahe zum Ekel geworden, weil ich in derſelben eine beyſpielloſe Anarchie von Grundſätzen und Geſinnungen, die Mißkennung, ja gar Verläugnung der einfachen oberſten Regel aller Wahrheit und Pflicht und eben deßwegen einen Augiasſtall von Irrthümern erblicke, deſſen Säuberung noch mehr als einen Herkules erfordern wird. Allein unter dem zahlloſen Unkraut wächſt doch bisweilen noch ein wahrhafter Waizen, das Gute iſt unzerſtörbar wie das Böſe, das ihm zum Stachel der Thätigkeit dienen muß, und wenn der Satan ſein Reich auszubreiten ſucht, ſo hat Gott immer noch ſeine Apoſtel, ſeinen Tempel und ſeine Gläubigen. Nun fange ich eben den zweyten Band Ihres Werkes zu leſen an. Wie erſchütternd ſind ſchon die letzten Worte der Vorrede! Ich meines Orts habe dieſes Zeitalter längſt das wahnſinnige, das erbärmliche, das ſophiſtiſche und geiſtloſe genannt.*) Einen Genuß jedoch hat mir dieſes Werk verſchafft, den Ew. Hochwohlgeboren vielleicht ſelbſt nicht fühlten, der aber für mich eine reiche Quelle von Vergnügen geweſen. Unter den vielen tauſend Beyſpielen, welche die ganze Natur, die Erfahrung aller Zeiten und Länder darbietet, um jene Theorie zu beſtätigen, durch welche ich den 200 jährigen Radikal⸗Irrthum eines angeblich verlaſſenen Naturſtandes und einer künſtlich bürgerlichen Geſellſchaft, das 0π XM1MͥW⁊w1—Xc908 aller revolutionären Irrthümer, vernichtet, dagegen aber die wahre Lehre von der natürlichen Bildung und dem Weſen der Staaten ſowie von dem darin herrſchenden natürlichen Recht aufgeſtellt zu haben glaube, eine Theorie, deren einfaches Principium darauf beruht, daß der wahre *) Dieſer Satz erklärt ſich aus dem Schluß von Wilkens Vorrede, wo es heißt:„Die Nachwelt wird auch für unſer Zeitalter ſeinen Namen zu finden wiſſen“. Stand der Natur(die Ordnung Gottes) noch jetzt exiſtirt und keine andere exiſtiren kann: daß er aber durch wechſel⸗ ſeitige Bedürfniſſe geſellig iſt und theils durch das natürliche Pflichtgeſetz, theils durch individuelle Verträge in Ordnung gehalten wird, daß die Gerichtsbarkeit ſelbſt oder die Handhabung des Geſetzes lediglich aus angerufener Hülfeleiſtung entſpringt; daß die Staaten ſelbſt nichts weiter als eine höhere Gradation ſolch natürlicher Privat⸗ verhältniſſe ſind, mithin in denſelben die nämliche Regel der Gerechtigkeit wie in dieſen herrſcht, daß alſo die Be⸗ fugniſſe der Fürſten nicht auf delegirten, ſondern wie die lichen oder erworbenen) Rechten beruhen, aber auch durch dieſelben beſchränkt ſind, ein Principium, wo⸗ durch dann einerſeits die Exiſtenz und das wahre Recht der Fürſten unerſchütterlich gegründet, anderſeits die recht⸗ liche Privatfreyheit der Unterthanen triumphirend gerettet und beides in Einklang gebracht wird: unter den Belegen dieſer Theorie iſt das Königreich Jeruſalem einer der frappanteſten und lehrreichſten. Es gehört unter die mili⸗ täriſch gegründeten Staaten, d. h. unter diejenigen, deren erſter Urſprung auf dem Verhältnis eines Anführers zu ſeinen Begleitern und Waffengefährten beruht, welche iche in meinem Handbuch der Staatenkunde p. 127—168 ab⸗ gehandelt habe, deſſen Durchleſung Sie vielleicht veranlaſſen dürfte ein und anderen merkwürdigen Punkten jener Ge⸗ ſchichte eine beſondere Aufmerkſamkeit zu widmen. Wie ward Gottfried von Bouillon König? Exiſtirte etwa das Volk vor ihm? nein, er hat dasſelbe durch einzelne Ver⸗ träge angeworben, um ſich her verſammelt, ſie traten in ſeinen Dienſt, er nicht in den ihrigen, hier iſt keine Gewalt, kein Unrecht. Durch die Hülfe dieſer Waffengefährten er⸗ warb er ein Land(ob mit Recht oder Unrecht wollen wir einſtweilen unentſchieden laſſen), ſetzte ſich in demſelben feſt, und ſo war das Königreich, die Unabhängigkeit vollendet. Sehen Sie nun, wie die ſogenannte Verfaſſung, d. h. die rechtlichen Verhältniſſe, ſich von ſelbſten bilden. Hier war von keiner künſtlichen republikaniſchen Organiſation, keiner Gewaltsübertragung, Vertheilung u. ſ. w. die Rede. Gott⸗ fried von Bouillon hatte keine Anerkennung von ſeinen Untergebenen nötig, er war bereits ihr König; wohl aber von ſeinesgleichen, den übrigen Heerführern, und dieſe nicht ohne Schwierigkeit und Widerſpruch durchgegangene Anerkennung(I. 302) war im Grund nichts anderes als eine Art von Allianz, durch die Gefahr vor gemeinſamen Feinden veranlaßt. Die Fürſten gaben ihm keine Macht, ſie erkannten nur leiſe die ſeinige als die prädominirende [an]. Die Geiſtlichkeit ſuchte auch das höchſte Anſehen, weil 87 der Krieg einen geiſtlichen Zweck hatte, aber es mangelte ihr die phyſiſche Macht dazu.(I. 302— 303.) Hätte ſie die Armeen angeworben und geleitet, ſo würde auch ganz gewiß ein geiſtlicher Staat entſtanden ſein. Man erforſcht und ſammelt die Gewohnheiten der verſchie— denen Völker(I. 307), um danach zu richten. Ganz richtig. durch Übungen und Verträge unter einander ſelbſt auf— legen, der König gab keine dergleichen, überall wo dies ge⸗ ſchieht, iſt es ein Zeichen von Despotismus. Man zieht die Patriarchen, Fürſten und Baronen(Adel und Geiſtlich— keit) bisweilen zu Rath(I. 307) der Liebe und des frey⸗ willigen Gehorſams wegen, wie dies in allen ſolchen Reichen geſchieht.— Die verſchiedenen Klaſſen der Einwohner haben eigenen Gerichtsſtand, eigene Gewohnheiten(I. 312), d. h. niemand trat etwas ab, jeder blieb bey dem Seinigen. Der Haupt⸗ unterſchied, welcher etwas ſchärfer ins Auge gefaßt werden könnte, wird doch zwiſchen den Siegern und den Beſiegten geweſen ſeyn.— Der König war oberſter Richter(I. 312) nicht durch ein poſitives Geſetz, ſondern durch die Natur, weil er als der Mächtigſte jedermann zum Recht verhelfen konnte. Land eigentlicher Gebieter, die Vaſallen waären ihm nur Ländern die nämlichen Rechte(IJ. 314. 321). alles ganz natürlich und privatrechtlicz— Die Krone war erblich, weil Macht und Güter, auf denen ſie beruht, auch erblich ſind(ibid.). Was verſpricht der König bei ſeinem Eid?(I. 316— 320). Nichts als moraliſche Pflichten, mit ſeiner Macht zu nützen, andere in dem Ihrigen zu ſchützen und zu ſchirmen.— Die Pflichten der Gerechtig⸗ keit war er ohnehin ſchuldig. Die übrigen verſprechen ihm in jenem zu helfen. Wie einfach und ſchön! Die Krö⸗ nungsfeyerlichkeit(I. 317) iſt keine Üübertragung der Gewalt, ſondern bloß ein Verſprechen zum Schutz der Kirche. Verhältniſſe zwiſchen dem König und den Vaſallen(I. 322 sed.)? Es ſetzt auch in Erſtaunen, daß Ew. Hochwohlgeboren bey Darſtellung dieſer ſtaatsrechtlichen Verhältniſſe, ohne aus denſelben ein Hauptſtudium zu machen, dennoch die Wahrheit ſo richtig getroffen und nicht einmal etwas von dem falſchen politiſchen Sprachgebrauch unſerer Schulen angenommen haben, der auf erdichteten Vorausſetzungen beruht und dann ſo unſchicklich und gezwungen auf ganz andere wirkliche Verhältniſſe angewendet wird. Allein die Wahrheit erſcheint unterwegen, ſie begegnet freywillig denen, die ſie lieben, wie Sirach ſo ſchön ſagt. enden ſich wechſelſeitig. Civilgeſetze ſind diejenigen, welche die Privatperſonen ſich Grübelei, elende Sophiſtik ohne die Probe, die Beſtätigung Theuerſter Herr Profeſſor! wir haben zwar ver⸗ ſchiedene Gegenſtände unſerer Studien,— Sie mehr die hiſtoriſchen— ich zwar auch, aber doch mehr zum Beleg der wahrhaft philoſophiſchen und politiſchen. Allein alle Wiſſenſchaften haben einander nöthig, begründen und voll⸗ Die Geſchichte iſt trocken, geiſt— und herzlos ohne wahre Philoſophie, die Philoſophie leere der Geſchichte, welche allein beweiſt, daß ſie Wahrheit und nicht eine Dichtung der Menſchen iſt. Jene iſt Gottes Geſetz, dieſe das Experiment— das Sinnliche überall der Spiegel des Geiſtigen. Sie mit Ihren großen Kenntniſſen in den morgenländiſchen, ſo wenig von der Natur ab⸗ weichenden Sprachen und Geſchichten, können mir unendlich viel nützen, und ich werde Ihnen meiner Zeit ſchon Fragen vorlegen, die Sie mir beantworten müſſen, ich hingegen bin vielleicht im Stande Sie bisweilen auf einzelne Principien, Gedanken und Gegenſtände aufmerkſam zu machen, die Ihren hiſtoriſchen Forſchungen mehreren Reiz geben, den allgemeinen Grund von gewiſſen Erſcheinungen zu zeigen, hier und da eine verborgene Perle herauszuziehen und da⸗ durch ebenfalls zum Intereſſe Ihres Werks beyzutragen. Er war nur in dem kleinen ihm vorbehaltenen ſo mein ganzes Gemüth auszuſchütten. Laſſen Sie uns daher einen Bund der Freundſchaft ſchließen, um das Reich der Wahrheit zu fördern. Ver⸗ nach dem Lehnsvertrag verbunden und hatten in ihren zeihen Sie in dieſer Hoffnung meinen weitläufigen, offen⸗ Abermal herzigen Brief. Gegen Männer, mit denen ich ſympathiſire, pflege ich Laſſen Sie mich Ihre Achtung, Ihr Wohlwollen hoffen, gleichwie Sie von meiner innigen Verehrung überzeugt ſeyn können. Kann man überhaupt etwas Freyeres leſen als die ſo verſchrieenen von Haller, Profeſſor der Staatswiſſenſchaft und Mitglied des kleinen Raths der Stadt Bern. III. [(S. S. 46, Sp. 2.)] Naſſau, den 15. May 1820. Wohlgebohrner Hochzuehrender Herr Profeßor und Ober⸗Bibliothekar! Die mir von E. Wohlgebohren gegebene Verſicherung, an der litterariſchen Leitung der Herausgabe des Corporis ſcriptorum Rerum Germ. gemeinſchaftlich mit H. v. Savigny Theil zu nehmen, iſt für alle, denen dieſes Unternehmen werth iſt, höchſt erfreulich und veranlaßt mich zu der dringenden Bitte, daß Sie und H. Geheime Juſt. R. von Savigny ihre Muße anwenden, um einen vollſtändigeren und befriedigenderen Plan der Ausgabe zu entwerfen, als den ſo ao. 1818 erſchien. Das Gutachten der Berl. Aka⸗ demie d. d. 26. Okt. 1819 enthält das Weſentliche, manche in das Archiv der Geſellſchaft aufgenommene Erinnerungen der Herrn Grimm, Delius, v. Aretin verdienen Rückſicht. Den neu entworfenen Plan würde man einigen Göttinger Gelehrten und des ſüdlichen Deutſchlands zur Abgebung 88 ihrer Meynung mittheilen, und ſo über das Ganze einen befriedigenden Schluß faſſen. H. Vicepräſident von Aretin hat ſich freylich ſchwer an vielen würdigen Männern verſündigt, unterdeßen hatten nach dem Urtheil unparteyiſcher Perſonen mehrere fremde Gelehrte durch übermütiges Behandlen der Eingebohrnen Veranlaßung zu der großen Erbitterung gegeben. Aretin beſitzt aber gründliche Geſchichtskenntniß, eine uner⸗ müdete Thätigkeit, ſeine und der bayriſchen Gelehrten Mit⸗ würknng iſt bey den großen Schätzen von Handſchriften, Urkunden in München u. ſ. w., bey der Gründlichkeit mehrerer von ihnen z. B. Feßmaiers, Gemeiners, unent⸗ behrlich. Die Charakterfehler des Präſidenten v. Aretin werden durch die Milde, die Beſonnenheit, den Ernſt ſeines Bruders, des Bundestagsgeſandten, eines in Baiern geach⸗ teten und vielen Einfluß habenden Mannes unſchädlich ge⸗ macht. Die kritiſche Benutzung der Pariſer HdSchr. hat uns bereits befriedigende Reſultate geliefert, ſo ſind 70 noch ungedruckte Briefe des Petrus d. Vineis aufgefunden außer einer großen Menge Varianten, beydes erwarte ich, Ferner finden ſich die flores dictaminum M. P. d. Vineis, eine wichtige Sammlung von Briefformularen dieſes Staats⸗ ſecretärs, für die Kayſerliche Kanzelley; da aber zwey Handſchriften in Berlin vorhanden ſind, ſo wünſchte ich E. Wohlgebohren wären ſo geneigt, eine Abſchrift auf Koſten des Vereins davon zu veranſtalten, die ich nach Paris zur Vergleichung mit denen dortigen Handſchriften ſchicken würde. Ferner haben wir einen Codicem epilſtolarem des H. von Biſchofs Thomas von Capua, eines vertrauten Geſchäfts-⸗ mannes Friedrichs II. aufgefunden, der abgeſchrieben wird. Noch erlaube ich mir E. Wohlgeboren eine ganze Reihe von Wünſchen und Anträgen vorzulegen; 1) Daß das Berliner Munſct. des Petrus da Vineis mit der Baſeler Edition verglichen und die Vergleichung uns mitgetheilt werde. 2) H. Regierungsrath Delius in Wernigerode, bekannt durch ſeine Beyträge zur Geſchichte deutſcher Gebiete, iſt nicht ungeneigt Henricum d. Hervordia zu bear⸗ 3) 4) beiten, ich bitte daher, daß cd. 70— 71. 71² der Berliner Bibliotheca mitgetheilt werden, da nach der uns gegebenen Verſicherung des Braunſchweiger Mi⸗ niſteriums die HdSch. der Helmſtädter wird verab⸗ folgt werden. Herr Landgerichtsaſeſſor Wigand in Corvey iſt durch ſeine Corveyſche Geſchichte als gründlicher Geſchichts⸗ forſcher bekant, er iſt auch geneigt Witekind zur Be⸗ arbeitung zu übernehmen, nur entziehen ihm ſeine Berufsgeſchäfte alle Zeit, man hatte ihm Hoffnung zu einer Anſtellung als Archivar in Coeln oder Münſter gegeben, noch iſt ſie nicht erfolgt. Im Collegio Amploniano ad Portam Coeli zu Er⸗ furt befindet ſich, nach der Verſicherung des H. Pro⸗ feßor Mathiae in Erfurt, eine große Sammlung von Handſchriften, deren Unterſuchung alle Aufmerkſamkeit verdient, vielleicht entdeckt man eine Handſchrift des Lambertus Schaffnaburgensis, deſſen Continuator ein Erfurtiſcher Mönch bekanntlich war. Sollte Reg. Rath Hahn, mir nur bekannt als Verfaßer von Kinder Schriften, zu Unterſuchungen dieſer Art die nöthige Kentniß und Fertigkeit im Leſen alter HdSch. haben, ſo könnte ihm das Miniſterium wohl den Auftrag geben. 5) Von H. P. Stenzel habe ich auf mein Schreiben 6) 7) 8) d. d. April keine Antwort erhalten. H. P. Sartorius hat die Ausgabe von Cassiodor, Jornandes und Paulus Diaconus wegen der Fort⸗ ſetzung ſeiner hanſeatiſchen Geſchichte abgelehnt. Sollte ſich nicht auf den Preußiſchen Univerſitäten ein junger Gelehrter finden der es unter Leitung des H. von Savigny unternähme? Die Pariſer Handſchriften dieſer Autoren werden jetzt bearbeitet und würden auf Erfordern mitggetheilt. H. Dr. Pertz iſt bereits vor drey Wochen nach Wien abgegangen. Es iſt zu bedauern daß H. P. v. Raumer in Breslau nicht an der Ausgabe der Quellenſchriftſteller be⸗ ſtimmten Antheil nimmt. Mit den Geſinnungen der vollkommenſten Hochachtung habe ich zu ſeyn die Ehre E. Wohlgeboren Ergebenſter K. F. v. Stein. 1797. 1798. 1801. 1802. 1805. 1806. 1807. 1808. 89 IV. Verzeichnis der Öchriften Fr. Milkens nach der Zeitfolge. über den Cytiſus der Alten. Neues Hannöv. 1809. Rezenſionen in ebendenſelben von Magazin, Stück 22 u. 23. Commentatio de bellorum cruciatorum ex Abulfeda historia. Göttingen, Dietrich. 254 SS. 4. Hiſtoriſch⸗kritiſcher Verſuch über die ſyriſchen Naſſa⸗ irier. Stäudlins Magazin für Religion, Moral und Kirchengeſchichte. 1. Band, 1. Stück. Han⸗ nover 1801, S. 154—186. Geſchichte des Verfalls der Wiſſenſchaften und Künſte bis zu ihrer Wiederherſtellung im 15. Jahrhundert. Aus d. Engliſchen. Göttingen 1802, 302 SS. 8. Institutiones ad fundamenta linguae Persicae cum chrestomathia maximam partem ex scrip- toribus ineditis collecta et glossario locupleti. Lipsiae 1805. 227 und 446 SS. 8. Auctarium ad chrestomathiam suam persicam locorum ex auctoribus persicis quae illa continet interpretationem latinam exhibens. Ibid. eod. 81 SS. Die Turniere, in Daub und Creuzers Studien, Th. 2. Heidelberg 1806. 8. S. 168—203. Geſchichte der Kreuzzüge nach morgenländiſchen und abendländiſchen Berichten. 1. Theil. Leipzig. 8. XX, 424 u. 40 SS. Mohammedis filii Chavendschahi vulgo Mirchondi historia Samanidarum, persice. Gotting. 1808. 222 SS. 4. Rezenſionen in d. Heidelberg. Jahrb. d. Litteratur, I. Jahrg., 1808, 5. Abthlg., von 1. Adelung, Alteſte Geſch. der Deutſchen. Heft 1. S. 61—81. 2. Recherches curieuses sur l'histoire ancienne de l'Asie par F. Chahan de Cirbied et Fr. Martin. H. 1. S. 121—134. 3. La cloche. poëme trad. de l' allemand de Mr. Schiller. H. 1. S. 144. 4. L. Klüber, Raſtatt b. Baden. H. 2. S. 286 u. 287. 5. Historia decem Vezirorum ct. ed. G. Knös. H. 2. S. 287 u. 288. 6. S. de Sacy, Chrestomathie arabe t. I—III. H. 3. S. 331— 358. 7. Recueil des historiens de la Gaule et de la France, t. XIV. p. J. Brial. H. 3. S. 435— 439. 1810. 1811. 1. Heeren, Verſuch einer Entwickelung der Folgen der Kreuzzüge für Europa; überſetzung dieſes Werkes von Villers; Hüllmann, Geſch. d. byzant. Handels bis zum Ende der Kreuzzüge; Lemoine, discours sur la question, quelle a été l'influence des croisades ct. Bd. I. Heft 6. S. 253— 278. 2. Frähn, Beſchreibung einiger Münzen von den Samaniden u. Bujiden. Bd. II. H. 9. S. 47 u. 48. 3. Anzeige von Wilken, Handbuch der deutſchen Hiſtorie, Bd. II. H. 14. S. 281 u. 282. 4. Tydemani Conspectus operis Ibn Chalicani de illustribus viris. Bd. II. H. 15. S. 329. 5. Großh. Heſſiſcher Hofkalender f. d. J. 1810. Bd. II. H. 15. S. 335.(²) Zweifelhaft iſt auch, ob im Jahrg. II die Bd. I. S. 71, 131, 143, 145, 147, 299 und Bd. II. S. 284, 376 beginnenden Artikel von W. herrühren. Handbuch der deutſchen Hiſtorie. 1. Abthlg. Heidel⸗ berg 1810. 236 SS. 8. Lateiniſche Vorrede zu: Fr. Szabö Hungari de- scriptio persici imperii ct. Heidelberg 1810. 8. Rezenſionen in den Heidelb. Jahrb. von 1. Rzewusky, Fundgruben des Orients, H. 7. S. 317— 324. 2. Choiseul d' Aillecourt, de l'influence des croi- sades. Bd. I. H. 7. S. 324— 336. 3. Müller, Geſchichte der Stiftsbibliothek in Zeitz. Bd. II. H. 13. S. 250— 252. Rerum ab Alexio I., Joanne, Manuele et Alexio II. Comnenis ct. gestarum libri IV. Heidelberg 1811. 630 SS. 8. Epistola ad Frid. de Raumer, vor deſſen CCI emendationes in Lohmeieri et Gebhardii tabulas genealogicas ct. Heidelb. 1811. 4. S. V-XII. Amtsverwaltung eines muſelmänniſchen Statthalters, Morgenblatt f. gebildete Stände. 1811. Nr. 216. Rezenſionen in den Heidelb. Jahrbüchern von 1. Fr. Schlegel, über die Sprache und Weisheit der Inder, und Bd. I. O. Frank, de Persidis lingua et genio. Bd. I. H. 2. S. 17 ff. 2. Geſenius, Hebr. deutſches Handwörterbuch. H. 5. S. 65— 80. S. 80. 12 3. Reuß, Repertorium ct. H. 5. 90 4. Haſe, Recueil de mémoires sur divers manuscripts grecs de la biblioth. impériale de France. H. 11. 12. S. 173—180. . Geſenius, Verſuch über die maltiſche Sprache. H. 34. S. 529— 533. 6. Specimen historiae Arabum auct. E. Pocockio cura A. J. S. de Sacy. H. 38. S. 593— 598 und Verbeſſerungen hierzu und zu 8. de Sacy, Relation de l'Egypte in Nr. 52, Intelligenzbl. 1811. Nr. 26. S. 204— 206. 7. Sartorius, Verſuch über die Regierung der Oſtgothen in Italien, und Naudet, Histoire de l'établissement ct. de la monarchie des Goths en Italie. H. 40. 41. S. 625— 653. .. Schnurrer, De ecclesia Maronitica. 654— 656. 9. J. v. Hammer, Topogr. Anſichten, geſammelt auf einer Reiſe in die Levante. H. 48. S. 767 u. 768. . Silv. de Sacy, Relation de l'Egypte par Abd- Allatif. Bd. II. H. 52. S. 817— 825. . J. v. Klaproth, Archiv f. aſiat. Litteratur ꝛc. Bd. II. H. 52. S. 825— 830. J. v. Klaproth, Inſchrift des Yü ib. S. 831 u. 832. . Fr. v. Raumer,(CI Emendationes ct. S. 943 u. 944. . Curioſitäten der Vor⸗ und Mitwelt, Weimar, H. 60. S. 956— 959. Juſti, Amalie, Landgräfin v. Heſſen. S. 959. . Anzeige von Wilken, Rerum ab Alexio ct. telligenzbl. S. 130. Ungedruckter Brief von Juſtus Lipſius. Intelligenzbl. S. 185 u. 186. 1812. Rezenſionen ebenda von 1. Weiße, Geſch. d. churſächſ. Staaten, Bd. V. u. VI. S. 205— 208. 2. Schnurrer, bibliotheca arabica. H. 38. S. 603— 605. 3. Correſpondenznachr. Intelligenzbl. S. 7. 4. Bernſtein, Vergleichungstabelle ꝛc. S. 912. 1813. Geſchichte der Kreuzzüge u. ſ. w. 2. Theil. XLVI, 735 u. 51 SS. Rezenſionen in d. Heidelb. Jahrbüchern von 1. Neander, Kaiſer Julian ꝛc. Bd. I. S. 43—48. 2. Wachler, Johannes von Müller; C. Rommel, Rede zum Gedächtnis Müllers; Windiſchmann, Was J. v. Müller war u. ſ. w. H. 5. S. 65— 68. .Heeren, Memoria Heynii. H. 13. S. 208. . Grégoire, Les ruines de Port-royal. H. 21. S. 321 P 324. 5. Primiſſer, Denkmäler der Kunſt und des Alter⸗ tums in der Heil. Geiſtkirche in Innsbruck. H. 21. S. 324— 328. . Büſching, Bruchſtücke einer Geſchäftsreiſe durch Schleſien. Breslau 1813. H. 21. S. 328— 330.(?) 7. Planck, Über Spittler als Hiſtoriker; Heeren und Hugo, Spittler. H. 26. S. 415 u. 416.(2) ◻☛ H. 41. S. H. 60. In⸗ 17. 89⸗ = 8. v. Fichard, Frankfurtiſches Archiv f. ältere deutſche Litt. u. Geſchichte. H. 34. S. 529— 543. de Sacy, Mémoire sur l'état actuel des Samaritains. H. 38. S. 603— 607. . v. Hungerkhauſen, Epaminondas u. Adolf, eine Parallele. H. 50. S. 799 f. Heeren, Heyne biographiſch dargeſtellt. S. 888— 892. Chr. D. Beck, Üüber die Würdigung des alters und ſeiner allgem. Geſchichte. H. 924— 928. H. Middeldorpf, Comment. de institutis litterariis in Hispania quae Arabes auctores habuerunt. H. 75. S. 1199 f.(2) Ebert, Friedr. Taubmanns Leben und Verdienſte. H. 76. S. 1215. Breyer, Beitr. z. Geſch. des 30 j. Krieges. S. 1229— 1232.(2) Anteil an der Rezenſion von: Denkſchr. d. Akad. d. Wiſſ. in München 1809 u. 1810. H. 78. S. 1233—1243. Roſenmüller, De versione Pentateuchi Persica. H. 78. S. 1243— 1246.(2) Herbſtprogr. der Univerſ. Freiburg 1813. H. 78. S. 1247 u. 1248. Introductio ad narrationem de rebus Antigoni Asiae regis. Progr. z. Preisverteilung in Heidel⸗ berg d. 22. Novb. 1813. 29 SS. 4. 1814. Rezenſionen in den Heidelb. Jahrb. von 1. A. Th. Hartmann, Supplementa ad Buxtorfii et Gesenii Lexica. H. 11. S. 173— 176.(2) 2. The ramayana of Valmeeky by Carey and Marshman. H. 24— 26. S. 369— 416. 3. Grégoire, De la constitution française de l'an 1814. H. 32. S. 503— 506. 4. Fr. v. Raumer, Handbuch merkwürdiger Stellen aus d. Geſchichtſchreibern des Mittelalters. H. 35. S. 559 u. 560. .(Leger) Führer durch die Ruinen des Heidelberger Schloſſes. H. 65. S. 1048. 1815. Desgleichen von: 1. Capoll, Geſch. teutſcher Nation. S. 76—78. 2 Curths, Die Bartholomäusnacht. S. 240. 3. Eichhorn, Deutſche Staats⸗ u. Rechtsgeſch. S. 1025— 1037. 4. Commentatio critica in locum nobil. Jobi 19. 25— 27. scrips. Kosegarten und eiusdem carminum orientalium triga. H. 68. S. 1073— 1077. 5. Bericht über die Pariſer Reiſe, im Intelligenzblatt der Jahrb. Nr. 9. S. 86— 89. Der ſchnelle Bothe aus der Rheinpfalz od. Großh. Bad. privileg. Landwirthſchafts⸗ und Geſchichts⸗ Kalender f. d. J. 1816.(Davon erſchien auch eine zweite Auflage.) 1816. Rezenſionen in d. Heidelb. Jahrb. von 1. Schweighäuſer, Vie de G. Chr. Koch. H. 58. S. 928. 9. S. Guſtav — — H. 56. 12. Mittel⸗ 58. S. 13. 14. 15. H. 77. 16. 17. 18. 1817. 1818. 1819. 1820. 1821. 1822. 1823 1826 1827. 2. Bericht über die Rückgabe der palat. Handſchriften. Intelligenzbl. Nr. 3. S. 25— 27. Lat. Rede im Progr. der Heidelb. Univerſität zur Preisvertheilung am 22. Novbr. 1815. Heidelberg, 1816. 4. S. 3—31. Der ſchnelle Bothe aus der Rheinpfalz u. ſ. w. für d. J. 1817. Geſchichte d. Kreuzzüge. 3. Thl. 1. Abthlg. X, 282 u. 32 SS. Geſchichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergiſchen Bücherſammlungen. Heidel⸗ berg 1817. X u. 552 SS.§. Artikel Abulfeda in Erſch u. Grubers Encyeclopädie. Geſchichte der Kreuzzüge. 3. Thl. 2. Abthlg. XII, 318 u. 18 SS. Üüber die Verfaſſung, den Urſprung u. die Geſchichte der Afghanen, in den Abhandlungen der Berl. Akad. d. Wiſſ. v. J. 1818 u. 1819. S. 237— 267. Geſchichte Berlins und ſeiner Bewohner, 1. Aufſatz im Berliner hiſtor. genealog. Kalender f. 1820, S. 3— 220. Gutachten der hiſtor. philol. Klaſſe der Berl. Akad. d. Wiſſ. an das preuß. Miniſterium, die Monu- menta Germ. betreffend, im Archiv der Geſſellſch. f. ält. deutſche Geſch. II. Bd. 1. Heft. S. 3— 18. Frankfurt a. M. 1820. 8. Verzeichnis der f. die Mon. Germ. brauchbaren Hand⸗ ſchriften der Berl. Bibl., ebenda S. 75—78. Brief an Stein, d. d. 30. April 1820, daſ. S. 55— 57. Geſchichte Berlins u. ſeiner Bewohner, 2. Auſſatz im Berl. hiſt. geneal. Kalender f. 1821, S. 3— 242. Index librorum ad celebranda saecularia reform. ecclesiast. tertia a. 1817— 1819 vulgatorum. Berol. 1821. 8. Geſchichte Berlins u. ſeiner Bewohner, 3. Aufaatz im Berl. hiſt. genealog. Kalender für 1822. S. 3— 248. Artikel Berengar in Erſch und Grubers Encyeclopädie. .Geſchichte Berlins und ſeiner Bewohner, 4. Aufſ. im Berl. hiſtor. geneal. Kalender für 1823, S. 3— 264.— . Geſchichte der Kreuzzüge, 4. Theil. XXII, 109 u. 620 SS. über die Partheyen der Rennbahn, vornehmlich im byzantiniſchen Kaiſertum, in d. Abhdl. d. Berl. Akad. d. Wiſſ. v. J. 1827. S. 217—43.(Auch in Raumers hiſt. Taſchenb. 1830 u. in Sonderaus⸗ gabe 1829.) 91 1828. 1829. 1830. 1831. 1832. 1833. 1834. Geſchichte der Kgl. Bibl. in Berlin. 242 SS. 8. Geſchichte der Kreuzzüge u. ſ. w. 5. Thl. XXII, 398 u. 42 SS. Nekrolog für Ph. Buttmann in der Spenerſchen und in der Voſſiſchen Zeitung vom 27. Juni 1829. Rezenſion von J. v. Hammer, Geſch. d. osmaniſchen Reichs, 1. Theil; 2 Artikel in Nr. 35—38 und 47— 50, S. 278— 303 u. 372— 396 der Berliner Jahrbücher für wiſſ. Kritik v. J. 1829. Üüber die Verhältniſſe der Ruſſen z. byzant. Kaiſer⸗ thum in dem Zeitraum von 9.—12. Jahrhdt. in d. Abhdl. d. Berl. Akad. d. Wiſſ. 1829, S. 75— 135. Geſchichte der Kreuzzüge. 6. Theil. XXIII, 652 u. 20 SS. Entwürfe u. Studien eines niederländiſchen Meiſters aus d. 15. Jahrhdt. Berlin 1830. quer 8. Nicetae Acominati Choniatae narratio de statuis antiquis quas Franci— a. 1204— destruxerunt, e codice Bodlejano emend. Leipz. 1830. 8. (Auch in Bekkers Ausg. d. Niketas. Bonn, 1835. S. 854— 868.) Rezenſion v. Münch, König Enzius, in Brockhaus' Blätt. f. litt. Unterh. v. J. 1830. Nr. 23 u. 24. Andronicus Comnenus in Raumers hiſt. Taſchenb. 2. Jahrg. 1831. S. 431—548. Rezenſion von W. Dieterici, Die Waldenſer und ihre Verhältniſſe zum brandbg⸗preuß. Staate, in den Berl. Jahrb. f. wiſſ. Kritik. Berlin 1831, Nr. 102, S. 812— 816. über die venetianiſchen Conſuln in Alexandrien im 15. u. 16. Jahrhdt. Abhdl. d. Berl. Akad. d. Wiſſ. 1831. S. 29— 46. Geſchichte der Kreuzzüge. 7. Theil, 1. u. 2. Abth. V, XXIV, 790 u. 175 SS. Mohammedis, filii Chondschahi, vulgo Mirchondi historia Gasnevidarum persice et latine. Berlin 1832. XVI. u. 280 SS. 4. Vorrede zu Friedländers Index librorum ad celebr. saecular. confess. Augustanae trad. III. a. 1829— 31 vulgatorum. Berlin 1833. 8. Rezenſion von Tzſchoppe und Stenzel, Urkunden⸗ ſammlung zur Geſch. d. Urſprungs der Städte ct. in Schleſien und der Oberlauſitz. Hamburg 1832, in d. Jahrb. f. wiſſ. Krit. Berlin 1833. Nr. 14—17, S. 116—134. Rezenſion von v. Hammer, Geſch. d. osman. Reiches, 2. Ausg., daſ. II. 366— 68.(?) Berlin 1828. 12* 1835. Die drei Perioden der Akademie der Wiſſenſchaften in Berlin, und Friedrich II. als Geſchichtsſchreiber. Zwei akad. Reden. Berlin 1835. 40 SS. 8. Vorrede zu Index librorum—— quibus bibl. regia Berol. aucta est a. 1835. 8. Mirchonds Geſchichte der Sultane aus dem Hauſe Bujeh, perſiſch u. deutſch. Abhandl. d. Berl. Akad. d. Wiſſ. 1835, S. 1— 120 u. Sonderausgabe, Berlin 1835. 4. Rezenſionen in den Berl. Jahrb. f. wiſſ. Krit. f. 1835 von 1. v. Hammer, Samachſcharis gold. Halsbänder. S. 166—168. 2. v. Moſel, Geſch. d. k. k. Hofbibl. zu Wien, S. 265— 272. 3. Flügel, Text. arab. Corani ct. S. 319 u. 320. 4. Catalogue of Manusc. i. the Britih Mus. S. 862— 864. 1836. Rezenſion von Endlicher, Verzeichnis der codices philologici latini in der Wiener Hofbibl., daſ. II, S. 710— 712. Die Artikel Pachymeres u. Palaeologen in Erſch und Grubers Engyeclopädie. Über die dem Leo Allatius zur Übernahme der bibliotheca Palatina ertheilte Inſtruktion. Jahnſche Jahrb. f. Philologie. V. Suppl. Bd. 1. Heft. Leipzig 1838. S. 5— 17. Geſch. d. kgl. Bibl. in Berlin in d. J. 1828—39, vor dem Index librorum quibus bibl. reg. Berol. aucta est a. 1837 et 38. Berl. 1839. 30 SS. 4. Anzeige von Description of the Greek Papyri in the Britih Museum. Part. I. London, 1839, in Brandes' Litter. Zeitung 1839. Nr. 52. Anzeige von„Bericht über des kgl. Hofraths und Profeſſors Riedel im J. 1839 unternommene Reiſe zur Ermittelung und Sammlung von Quellen⸗ ſchriften für d. Brandenbg. Geſchichte“. Brandes' Litterar. Zeitung 1840. Nr. 6. Nach Wilkens Tode wurde aus ſeinem Nachlaß von ſeinem Sohne noch herausgegeben eine im J. 1821 auf Veranlaſſung des Staatskanzlers Hardenberg verfaßte Ab⸗ handlung Über das ſ. g. Vaticinium Lehninense, in Schmidts Allg. Zeitſchrift für Geſchichte 1846. S. 176—191. 1839. 1840. Schriften, die Fr. Wilken gewidmet ſind. . A. J. Paulſen, Apographi Gothani Anthologiae graecae accurata correctio. d Kapitel des Tacitus über Deutſchland. Berlin 1821. .Fr. Rühs, Ausführliche Erläuterung der 10 erſten (Neben 7 anderen Berliner Gelehrten auch Wilken ge⸗ widmet.) Berol. 1829. 8. 4. E. G. Graff, Über das glossarium Salomonis. In deſſen Diutisca III. Bd. 3. Heft. 5. F. W. Barthold, Der Römerzug Kaiſer Heinrichs VII. 2 Thle. Königsberg 1830 u. 1831. 8. .K. F. Neumann, Vahram's chronicle of the ar- menian kingdom in Cilicia during the time of the crusades. London 1831. 8. K. J. Hoffmann, Beweis und Darſtellung des ausgebildeten muſikaliſchen Taktes bei den Griechen aus ihren eigenen Muſikern. Berlin 1832. 8. J. Klaproth, Examen critique des travaux de —21 J. M. Pinder, De adamante commentatio antiquaria. 13. 17. feu Mr. Champollion sur les hiéroglyphes. Paris 1832. 8. 9. A. Krauſe, Vitae et fragmenta veterum histori- corum romanorum. Berol. 1833. 8. 10. J. F. George, De Aethiopum imperio in Arabia felici. Berol. 1833. 8⁰.(Auch Ideler mitgewidmet.) A. F. Riedel, Diplomat. Beiträge zur Geſchichte der Mark Brandenburg. 1. Theil. Berlin 1833. 8. Fr. Wilkenio XI. vitae lustrum feliciter peractum pio animo gratulatur M. Pinder. Berol. 1833. 8. J. v. Hammer, Über die Länderverwaltung unter dem Chalifat. Berlin 1835. 8. H. Smidt, Schiffermärchen und Seemannsſagen. 1. Theil. Berlin 1835. 8. Th. Friedländer, Numismata medii aevi inedita comment. ac tabulis illustr. Berol. 1835. 8. H. F. Wüſtenfeld, Ibn Chalicani vitae illustrium virorum. Göttingen 1838. 4. Ideler, Die Sage vom Schuß des Tell. Berl. 1836. 8. 11. 12. 14. 15. 16. 18. K. J. Hoffmann, Griech. Leſebuch. Berlin 1837. 8.(Auch A. Meineke mitgewidmet.) 19. Pinder und Brandes, Probe eines zum Druck be⸗ ſtimmten wiſſenſch. Verzeichniſſes der in der königl. Bibliothek in Berlin vorhandenen Schriften über preuß. 93 20. Klenze, Philologiſche Abhandlungen, herausgegeben von K. Lachmann. Berlin 1839. 8.(7 andern Berliner Gelehrten mitgewidmet.) 21. W. Reinhold, Chronik der Stadt Prenzlau. Prenzlau 1839. 8. Geſchichte. Hiſtoriſche Litteratur von Pommern. Berlin 22. L. Schopen, Annae Comnenae Alexiadis l. XV. 1837. 8. Bonnae 1839. I.(Auch J. Geel mitgewidmet.) VI. Aus zwei Aufzeichnungen von Karoline Milken über ihren Vater Johann Friedrich Auguſt Tiſchbein und über ihre eigene Jugendzeit.) [S. S. 10, Sp. 2, Anm. 5 u. 7.] Was die äußere Erſcheinung meines guten Vaters angeht, ſo war er von mittlerer Größe und, ſeit ich ihn mir vorſtellen kann, etwas wohlbeleibt, was in ſeinen ſpäteren Jahren noch zunahm. Doch zeigte ſich in ſeiner Geſtalt eine ſehr gefällige Gewandtheit, er war, inſofern der Ausdruck für einen Mann paßt, graziös in allen ſeinen Bewegungen und konnte auch an anderen ungefüge Be⸗ wegungen nicht wohl leiden; ſo erinnere ich mich, daß er bei uns Kindern genau darauf achtete, wie wir Hände und Arme hielten, ob wir uns gerade trugen und auswärts gingen. Der Menſch, behauptete er, könne ſich gewöhnen ohne alle Ziererei ſtets in anmutiger und würdiger Hal⸗ tung zu erſcheinen. Denn wie jeder wahrhaft gebildete Menſch die Sprache in ſeiner Gewalt haben müſſe, ſo ver⸗ möge man auch ſeinen Körper zu beherrſchen, daß er ſich ¹) Die nachfolgenden Aufzeichnungen der feinſinnigen Frau enthalten neben bedeutenden Ausführungen allerdings auch weniger wichtige Erinnerungen, die ich aber doch wegen der anſprechenden Art der Darſtellung und wegen des Intereſſes, welches die Schreiberin ſelbſt für manche Leſer bald gewinnen dürfte, nicht habe beſeitigen mögen; auch iſt die Kleinmalerei, in der z. B. das kleinſtädtiſche Leben der um hundert Jahre hinter uns liegenden„guten alten Zeit“ oder im Gegenſatz dazu die unſtäte Exiſtenz eines Porträtmalers von Beruf uns vor Augen tritt, nicht ohne Reiz; dagegen ſind viele Teile von beſonderem Wert für die Kenntnis ihres Vaters, eines der be⸗ deutendſten Porträtiſten ſeiner Zeit, über den ſehr wenig biogra⸗ phiſche Notizen an den betreffenden Stellen von Nagler, Seubert, der Allg. D. Biogr. u. a. vorhanden ſind; an manchen anderen Teilen, wie z. B. in der Schilderung des romantiſchen Treibens in Jena oder des Weimariſchen Kreiſes, ſowie einzelner Perſönlichkeiten, wie beſonders Auguſte Böhmer, oder in dem Kabinettsſtück über K. Mattei erheben ſich dieſe Erinnerungen der frühreifen Erzählerin zu einer wertvollen Quelle. ſchicklich füge nach unſerm Willen, und ich meine, er hatte recht. Der Vater hatte tiefblaue Augen, ſein Blick war be⸗ deutend, in der Regel ernſt, konnte aber ebenſo in ge⸗ winnender Freundlichkeit wie in ſtrengem Eifer aufleuchten. Seine Züge waren nicht ſchön, aber angenehm und trugen das Gepräge echter Herzensgüte. Sein eigenes Haar hatte er ſchon in der Jugend durch ſchwere Krankheit eingebüßt, weshalb er ſtets eine zierlich gepflegte und nach der Mode der Zeit friſierte Perrücke trug, die aber doch gepudert ſein mußte. Sein Anzug, der allerdings immer etwas hinter dem neuſten Schnitt zurückblieb, war ungemein ſauber und fein; ſelten trug er Stiefel, meiſt ſchwarzſeidene Strümpfe und Schuhe. Sein Anſtand war vornehm, man hätte ihn, wenn er in Geſellſchaft erſchien, für einen Prinzen halten können. Seine Laune und gemütliche Stimmung hingen leider zu ſehr von ſeinem körperlichen Befinden ab und waren daher, weil er ſich oft krank fühlte, ſehr wechſelnd. Er konnte furchtbar heftig werden, bei dem geringſten Anlaß. So riß er einſt in einer ſolchen Aufwallung ſeine Nachtmütze vom Kopf und warf ſie nach der Mutter. Dieſe, gewohnt, ſeiner Heftigkeit mit großer Ruhe zu be⸗ gegnen, hob ſie auf und reichte ſie ihm freundlich wieder hin, worauf er herzlich lachte. Sein Zorn verrauchte überhaupt bald, und auch in der Hitze hatte ſein Benehmen nichts eigentlich Rohes; er war, möchte ich ſagen, anmutig im Zorn, und niemals entſchlüpfte ihm ein gemeines, häß⸗ liches Wort.. EinHauptzug ſeines Charakters war Großmut im aller⸗ weiteſten Sinne. Nach dem Tode ſeines Vaters, des Hof⸗ malers und Kabinetts⸗Sekretärs des Herzogs von Sachſen⸗ 94 Hildburghauſen, Johann Valentin Tiſchbein,[1767]0 unterhielt er deſſen Witwe und Tochter, ſeine Stiefmutter und Stiefſchweſter, aus eigenen Mitteln. Überhaupt ſchien es, wenn er jemand verpflichtete, als werde er ſelbſt verpflichtet. Viele ſchöne Züge, welche dies beweiſen, erzählte uns öfters die Mutter. Nach dem Tode der Stiefmutter(1796) bezog die Schweſter Luiſe Tiſchbein nach wie vor ein Jahr⸗ geld von ihm, bis ſie ſich ſpäter in ihrem 36. Jahre mit einem Kaufmann und Rat in Hamburg, J. A. Wolf, verheiratete. Der Vater war im Jahre 1750 am 9. März in Maſtricht geboren und hatte ſeine erſten Studien als Künſtler unter ſeinem Oheim Johann Heinrich Tiſchbein in Caſſel gemacht. Von ſeinem 28. Jahre an ſtand er in Dienſten des Fürſten von Waldeck, der ihm Urlaub zu mehreren Kunſtreiſen erteilte und ihm namentlich einen ziemlich langen Aufenthalt in Italien verſtattete.) Dort, ſowohl in Rom, wie in Neapel erwarb ihm ſeine liebens⸗ V würdige Perſönlichkeit viele Gönner und Freunde, neben⸗ bei galt er auch bei den Damen für einen ſehr flinken, trefflichen Tänzer. Vielleicht hätte er in Italien ſich mehr und vielſeitiger in ſeiner Kunſt ausbilden können ohne dieſe geſelligen Talente, welche zu ſehr in Anſpruch genommen wurden und ihn weiter verlockten, als ſich mit einem ernſten Ziele verträgt. Doch bildete ſein Geiſt ſich auf ſeinen Reiſen bedeutend aus. Er verſtand den Umgang mit wiſſenſchaftlich gebildeten und berühmten Männern ſo gut zu benutzen, daß er auf dieſe Art ſich vielleicht mehr Kenntniſſe aneignete, als mancher, der mühſam Jahre lang ſtudiert. In Neapel ²) fand er ſeinen Vetter Wilhelm, den ſpäter unter dem Namen des Neapolitaners Tiſchbein berühmt gewordenen Künſtler. Der Vater erzählte uns viel von dieſem höchſt genialen Manne, deſſen reiche ſchaffende Phantaſie er bewunderte, dem er aber den eigentlichen Sinn für das Kolorit abſprach, was aller⸗ dings einige Porträts, die ich von ihm ſah, beweiſen. Dieſer Tiſchbein ſtand in hoher Gunſt bei der Königin Karoline von Neapel, die ſich auch dem Vater ſehr gnädig erwies. Beide Vettern durften bisweilen teil nehmen an den zaubergleichen Feſten, welche die Fürſtinzuveranſtalten wußte.) ¹) Mit der 7 Jahre lang ihm gewährten Unterſtützung des Grafen von Waldeck beſuchte er beſonders 1780 Paris, wo er auch ſchon 1770 geweſen war. ²) Es war wohl in Rom. Vergl. übrigens das Buch dieſes Vetters Wilhelm Tiſchbein:„Aus meinem Leben“, Braun⸗ ſchweig 1861. I. 163. II. 34, 44, wo er beſonders von Friedr. Tiſch⸗ beins Liebenswürdigkeit, Gutherzigkeit, ſeiner Bildung und der Fein⸗ heit ſeines Benehmens mit großer Anerkennung ſpricht. ¹) Übrigens waren beide nicht zur ſelben Zeit in Neapel. Hier malte Friedr. Tiſchbein ein Bild der Königin Karoline, das ſo ſchön vor er ſich entſchließen konnte zu handeln. In Wien war der Vater, dünkt mich, zweimal, und befreundete ſich dort beſonders mit dem bekannten Hiſtorien⸗ maler Füger, dem nachmaligen Direktor der Maler⸗ akademie daſelbſt, welchem er nach ſeinem Ausſpruch viel verdankte in Bezug auf den Farbenton; überhaupt ver⸗ vollkommnete er ſich in Wien bedeutend in der Kunſt. Mit dem Kupferſtecher Johann Gotthard Müller!) aus Stuttgart verband den Vater ſchon früh die innigſte Freundſchaft, was inſofern merkwürdig war, als ſchroffere Gegenſätze unmöglich gefunden werden konnten, als beider Charaktere bildeten. Müller, in hohem Grade phlegmatiſch und proſaiſch, war ein Mann von tüchtigem praktiſchen Lebensverſtand, aber weit entfernt von aller Genialität. Der Vater dagegen, voll Geiſt nnd Laune, ſanguiniſchen Temperamentes, aufbrauſend, weich und reizbar, wurde leicht von dem Eindruck des Augenblicks übermannt, während Müller alles doppelt und dreifach überlegte, be— Müller war ſparſam, um nicht zu ſagen geizig, der Vater freigebig und wohl noch über dieſe Grenze hinaus. Trotz dieſer Verſchiedenheit dauerte beider Freundſchaft ununterbrochen fort. Beide waren gleichzeitig in Paris, als Marie Antoinette dort zuerſt in königlicher Herrlichkeit erſchien. Von dem ihr zu Ehren veranſtalteten Feſte, welches in übler Vorbedeutung ein ſo unſeliges Ende nahm, erzählte der Vater als Augenzeuge oft. Als der Vater 1782 in ſeinem 33. Jahre von einer zweiten Reiſe nach Paris und Italien zurückkehrte und ſich in Arolſen einrichtete, lernte er die Mutter, die Tochter des fürſt⸗ lichen Kammerrats Müller kennen, welche bald ſeine Liebe gewann. Sophie Müller, war das ſchönſte Mädchen in der Stadt und nicht unempfindlich gegen die Bewerbungen des gefeierten, intereſſanten Künſtlers. Oft hat uns die Mutter von des Vaters Bewerbung um ſie erzählt, wovon ich nur die Hauptſache anführen will, nämlich ſeine endliche be⸗ ſtimmte Erklärung. Sie waren beide auf einem Ball in Arolſen. Der Vater tanzte mit der Mutter ein Menuett. Als ſie nach der Eingangstour ſich wieder vereinigten, benutzte der Vater den kurzen Moment, um die Mutter zu fragen, ob ſie geneigt ſei mit ihm durch das Leben zu tanzen. Zeit zur Antwort geſtattete die Figur des Tanzes nicht, als ſie aber in der Schlußtour ſich wiederfanden, befunden wurde, daß dieſe ihm auſtrug, es ihrer Mutter Maria Thereſia ſelbſt nach Wien zu bringen. Nach kurzem Aufenthalt da⸗ ſelbſt wurde er dann vom Grafen von Waldeck zum Hofmaler ernannt und ſiedelte ſich in Arolſen an. ¹) 1747— 1830. S. über ihn d. Allg. D. Biogr. XXII. 610— 616, wo auch die engen Beziehungen beider hervortreten. 95 antwortete die Mutter:„O ja!“, und der Bund war ge⸗ ſchloſſen. Der am 16. Dezember 1782, dem 22. Geburtstage der Mutter, geſchloſſenen Verlobung folgte nach einigen Wochen, am 5. Januar 1783, die Hochzeit.¹) Mehrere Ge⸗ dichte und Briefe des Vaters an ſeine ſchöne Braut zeugen von großer Zartheit der Empfindung und tiefer Neigung. Auch durfte man dieſe Ehe zu den glücklichſten zählen. Der Mutter lebensfroher Sinn und ihr feſtes, ſtets gleich⸗ mäßiges Benehmen eignete ſie vor vielen anderen zu einer paſſenden Lebensgefährtin des Vaters. Der Kammerrat Müller, mein Großvater, gehörte mit ſeiner Familie zu den ſchlichten, einfachen Menſchen der Seiten eichene Stühle und jetzigen Gartenbänken ähnlich, und mit buntem Glanzkattun überzogen. Links am Flur lagen die kleinen Zimmer für den Sohn und die Töchter des Hauſes und etwaige Gäſte. In den Kammern für Sophas, ungefähr unſern mit tüchtig harten Polſtern letztere befanden ſich hochaufgetürmte Betten, deren ein Prinz ſich nicht hätte ſchämen dürfen. Alles im Hauſe, auch die mit Kupfer⸗, Zinn⸗ und Meſſinggerät reich ge⸗ füllte Küche zeugte nicht von Reichtum, aber von wohl⸗ gehaltenem, aufgeſpartem Eigentum. So ſah es im großelterlichen Hauſe in Mengering— V hauſen aus, und die Bewirtung, welche man da fand, glich guten alten Zeit, welche ſich gegen die Einflüſſe der neuen. r„ de. nicht erinnere anders als im Schlafrock, mit einer weißen wahren, ſo gut ſie können. Seit längerer Zeit wegen Krank⸗ heit penſioniert, bewohnte er in dem eine kleine halbe Stunde von Arolſen gelegenen Städtchen Mengeringhauſen ein kleines ihm gehöriges Haus, deſſen Beſchreibung ich hier zugleich mit einer Schilderung der Familie verſuchen will. Die äußere Einfachheit des Hauſes ſtimmte mit der inneren Einrichtung desſelben genau überein. Rechts vom Achtung erworben hatte. Eingange, durch die niedrige Hausthüre führte eine andere Vorſtellungen beginnen, wohl über 70 Jahre alt ſein. Die Thür in das Wohnzimmer der Großeltern, an welches ihr Schlafgemach, ein mit grünen Vorhängen verdeckter Alkoven, ſtieß. Zimmer und Alkoven waren äußerſt ſauber gehalten, aber von jeder Zierde entblößt. Im Wohnzimmer, zwiſchen den glänzend geputzten Fenſtern, hing ein ſchmaler kleiner Spiegel, unter welchem ein kleiner Tiſch mit einer bunten wollenen Decke ſtand. Längs der Wand, dem Ein⸗ gang gegenüber, reihten ſich einfache Stühle von Eichenholz, vor welchen ein blankgebohnter Tiſch ſtand, den ſtets eine ſchneeweiße Damaſtſerviette bedeckte. Eine Kommode und ein Schrank, ebenfalls von Eichenholz, und kurze weiße Fenſter⸗ vorhänge vollendeten das Ameublement des niedrigen, weiß getünchten Gemachs. Links von der Hausthür war das Speiſezimmer, an welches eine Vorratskammer und die Küche ſtießen. In erſterem, das ziemlich geräumig war, ſtand am oberen Ende ein kleiner Webeſtuhl, auf welchem das im Hauſe geſponnene feine Garn zu gewiſſen beſtimmten Zeiten im Jahr verarbeitet wurde. In dem oberen Stock des Hauſes befand ſich rechts von der Treppe ein ziemlich langer ſchmaler Saal, wo man außergewöhnliche Gäſte empfing; aber auch hier zeigten ſich nur weiße Wände, die in oft erneuter Auffriſchung die Augen blendeten, kleine Spiegel, ein ſchmaler, länglicher Eßtiſch und zu beiden ¹) In Füßli, Künſtlerlex. II. S. 1896 iſt ſie fälſchlich als Tiſchbeins zweite Frau bezeichnet. zurück. der äußeren Einrichtung, ſie war einfach und geordnet, aber gaſtfrei und bequem. Der Großvater, den ich mich Zipfelmütze, die ein grünſeidenes Band ſchmückte, geſehen zu haben, war ein großer, hagerer Mann, tootz ſeiner Kränklichkeit von ungebeugter Haltung und einem ſanften, heiteren Antlitz, das recht bezeichnend die edle, milde Rich⸗ tung ſeines Charakters ausdrückte, der ihm allgemeine Er mochte zu der Zeit, wo meine Großmutter, wohl 20 Jahre jünger, war von mittlerer Größe, trug ſich ebenſo gerade wie ich es oft an meiner Mutter bewundert habe, und war auch wie dieſe mehr hager als ſtark. Sie hatte wunderſchöne ſchwarze Augen, belebte, aber etwas ſtrenge Züge und wenig Farbe. Ihre Tollette war äußerſt ſauber, aber weit hinter der damaligen Mode Sie trug einen Rock und eine Kartuſche von dunkelgeblümtem Zitz— ein feineres Zeug als gewöhn⸗ licher Kattun—, eine blendend weiße Schürze von Lein⸗ wand, ein geſtärktes Halstuch kreuzweis über die Taille geſteckt, und eine Backenhaube mit feinen Brabanter Spitzen beſetzt, unter der ihre noch glänzend ſchwarzen Haare un⸗ gepudert und ſchlicht gekämmt ſich zeigten. Mir kam ſie in dieſem Anzug wenn nicht hübſch, doch ſehr ehrwürdig vor. Das Hausregiment führte ſie gerecht, aber ſcharf, indem ſie ſelbſt mit dem Beiſpiel unnachlaſſender Thätigkeit und Pünktlichkeit denen voranging, von denen ſie dasſelbe forderte. Die noch unverheiratete Tante Antoinette oder Nette, wie ſie genannt wurde, war ein munteres junges Mädchen von beſonders zierlichem Wuchs, ſchönen Zähnen und unerſchöpflich guter Laune. Flink und fleißig bewegte ſie ſich den Tag über rüſtig umher, den Abend aber ſpann ſie, und zwar ein Fädchen, ſo fein wie die guten Feen im Märchen. Noch muß ich des ebenfalls unverheirateten Oheims erwähnen, der im Hauſe wohnte. Onkel Auguſt war ein hübſcher, ernſt blickender, ſehr ſanfter Mann von etwa 30 Jahren, ſeinem Vater adjungiert, deſſen Titel er aber, wie ich glaube, damals noch nicht führte. Zu dieſer einfachen Familie paßte mein Vater, welcher auf ſeinen Reiſen und durch ſeinen Aufenthalt in Paris, Rom, Neapel und Wien eine ganz andere Welt hatte kennen lernen, allerdings nicht beſonders. Die altbürger⸗ lichen, derben Formen der guten Leute verletzten ſeinen ver— wöhnten Geſchmack, während ſie wiederum an ſeiner ver⸗ feinerten Art und Weiſe manchen Anſtoß nahmen, woraus dann ein nicht ſehr behagliches Familienverhältnis entſtand. Selbſt die Mutter hatte als Braut, ſo zärtlich der Vater ſie liebte, unter Anforderungen desſelben zu leiden, die ſie vermöge ihrer Erziehung nicht befriedigen konnte, obwohl ihre An⸗ mut und Gefügigkeit ſie bald fähig machten, in den vor⸗ nehmſten Kreiſen ohne Anſtoß aufzutreten. So lange die Mutter als Braut noch im elterlichen Hauſe lebte, be— hauptete die Großmutter ihr Anſehen, ohne alle mildernde Rückſicht auf des Bräutigams Gegenwart, der, wenn ſeine Braut„die Woche hatte“, d. h. kochen mußte, entweder ge⸗ nötigt war, ſie bei ſeinen Morgenbeſuchen in der Küche aufzuſuchen oder zu warten, bis alles fertig war. Der⸗ ſelbe Fall trat bei der Wäſche ein, welche von den Töchtern des Hauſes meiſt allein beſorgt wurde. Sehr bezeichnend für die Sitte des Hauſes iſt es auch, daß die Mutter ſelbſt an ihrem Hochzeitstag um drei Uhr des Morgens aufſtehen und eigenhändig den Feſtkuchen backen mußte, zum äußerſten Verdruß ihres Verlobten; aber hier half kein Einreden, kein Bitten, es mußte nach dem Willen der Großmutter gehen. Mein Vater war in Arolſen angeſtellt, wohnte aber nicht gern dort, da er als Künſtler in der kleinen Stadt ſo gut wie alles entbehrte, und die Mutter konnte ſich trotz ihrer gefälligen, leicht verträglichen Natur nicht wohl mit der Stiefmutter und der Stiefſchweſter der Vaters be⸗ freunden, welche im Hauſe mitwohnten. Der einzige Verwandte in Arolſen, welcher dem Vater genügte, indem er ſeiner eigenen Bildung entſprach, war der Regierungsrat Frensdorf, ein Bruder der Großmutter, und als rechte Hand des Fürſten ein wichtiger Mann im Ländchen. Er wohnte im Schloſſe, prächtig eingerichtet, wie der Fürſt ſelbſt, und gefiel ſich im ledigen Stand. Die Familie hatte vor dieſem Oheim den tiefſten Reſpekt, er ſeinerſeits liebte die Verwandten von Herzen und zeigte ſich deshalb nachſichtiger gegen ihren Mangel an Welt⸗ bildung, der weniger aus Unvermögen, das Fehlende ſich anzueignen, als vielmehr aus entſchiedener Abneigung da⸗ gegen entſtand, eine Abneigung, die auf Grundſätzen be⸗ ruhte, welche man jedenfalls achten mußte. 96 Die Mutter war des Onkels Frensdorf Lieblings⸗ nichte, er ſah ihre Verbindung mit einem ſo geachteten Künſtler und wackeren Mann, wie der Vater war, ſehr gern und benutzte ſeinen Einfluß auf Schweſter und Schwager, um ſie derſelben geneigt zu machen. Doch gelang es ihm nicht, ein behagliches Einverſtändnis zwiſchen den Seinigen und dem Vater herbeizuführen. Die Hartnäckigkeit der erſteren in vorgefaßten Meinungen und die Reizbarkeit des neuen Familienmitglieds vereitelten jeden Verſuch der Art. Mehr aber als alles andere trug zu der beſtehenden Dis— harmonie zwiſchen den Parteien ein heimlicher Einfluß bei, der von der Tante Luiſe Tiſchbein ausging. Des Vaters Heftigkeit abgerechnet, war er der beſte Ehemann und Vater. Wenn er ſpäter ſo mit uns und der Mutter an Winterabenden im traulichen Stübchen ſaß, die Mutter ihm vorlas und wir Kinder ſpielten, konnte er wohl plötzlich im erhebenden Gefühl ſeines Glückes aufſpringen und uns der Reihe nach umarmen. Seine Dienſtverhältniſſe in Arolſen waren nicht eben bindend; der gute Fürſt, ſtets in Geldnot, blieb dem Vater meiſt das Gehalt ſchuldig, war froh, wenn dieſer ihn nicht mahnte, und geſtattete ihm gern unbedingten Urlaub, den der Vater dann zu mehreren längeren Reiſen nach Holland benutzte. Meine erſten Erinnerungen ¹) führen mich weit zurück, in mein fünftes Jahr, wo ich mit der Mutter den Vater auf ſeiner zweiten Reiſe(1788) nach dem Haag in Holland begleitete, während meine kleine Schweſter der Fürſorge der Stiefgroßmutter und Stieftante überlaſſen blieb. Im Haag genoß ich den erſten Schulunterricht, deſſen ich mich ſo genau erinnere, daß die Geſtalt einer ſehr bejahrten Schullehrerin mir noch ganz deutlich vorſchwebt.— Wahr⸗ ſcheinlich war ich, was man ein artiges Kind nennt, denn ich genoß die als Belohnung geltende Auszeichnung, bis⸗ weilen an dem Tiſch der alten Großmutter des Hauſes ſpeiſen zu dürfen, wo es immer beſondere Leckerbiſſen gab, die mir ſehr wohl behagten. Ich war auf halbe Penſion in der Schule, ein alter Bedienter, Philipp, brachte mich morgens hin und holte mich abends wieder heim. Wie dem Vater im Haag als Künſtler die erfreulichſte Anerkennung zu teil wurde, ebenſo gewann der Mutter blühende Schönheit und Anmut ihr alle Herzen, und mit wahrem Triumph führte der Vater ſie dort in die Kreiſe ¹) Am 5. November 1783 wurde dem jungen Paar ihre älteſte Tochter, die Schreiberin dieſer Aufzeichnungen, und etwa 1787 die zweite, Betty, geboren, die ſpäter die Gattin von Theodor Körners Freund Wilhelm Kunze in Leipzig wurde. Einen launigen Brief Körners an ſie beſitze ich. der vornehmen Welt ein, die ſich ihm öffneten, ſo wie bei vertrauten Freunden, die er während ſeines erſten Aufent⸗ haltes dort ſich erworben hatte. Zu letzteren gehörte die Familie des Buchhändlers Sander, der Erzieher des Erb⸗ prinzen, Geheimrat von Euler, und der däniſche Geſandte, Baron von Schubart), mit ſeiner Frau. In dieſen ver⸗ trauten Kreiſen verlebten die Eltern ihre genußreichſten Stunden; alle Annehmlichkeiten des Lebens, welche Reich⸗ tum gewähren kann, fanden ſich hier vereinigt mit ge— mütlicher und geiſtiger Befriedigung; es mag ein wahres Feenleben geweſen ſein, und die Eltern genoſſen es mit freudigem, gewecktem Sinn. Die Mutter hatte eine wunderſchöne Stimme, was den Vater bewog, ihr Unterricht im Geſang geben zu laſſen, und ſie machte bald ſo glänzende Fortſchritte, daß ſie mit Sicherheit in Geſellſchaft ſich hören laſſen durfte und mit Beifall überſchüttet ward. Doch reiſten meine Eltern ſchneller ab, als ſie ur— ſprünglich beabſichtigt, da ſie traurige Nachrichten von dem Geſundheitszuſtand des Großvaters erhielten, deſſen Ende man erwartete und der ſich unbeſchreiblich danach ſehnte, die Mutter noch einmal zu ſehen. Von dieſer Rückreiſe iſt mir wenig erinnerlich, deſto lebhafter aber hat ſich mir die Stunde eingeprägt, wo wir in Mengeringhauſen ankamen. Es mochte Mittag ſein, als wir zu Fuß— denn der Wagen konnte in der ſchmalen, zu beiden Seiten mit an⸗ ſehnlichen Pfützen verſehenen Straße nicht vorfahren— das großelterliche Haus erreichten und das Wohnzimmer be⸗ traten.„Tretet ſacht ein, lieben Kinder“, ſagte die Groß⸗ mutter,„der Vater ſchläft.“ Plötzlich aber rief es aus dem Alkoven, wo der Großvater lag:„Nicht doch, ich bin wach und weiß, daß Fiekchen(ſo nannte er die Mutter) gekommen iſt, laßt ſie gleich zu mir.“ Die Vorhänge des Alkovens wurden jetzt zurückgezogen, und die Mutter eilte jetzt mit mir an das Bett des ſterbenden Großvaters. So viele Jahre auch ſchon ſeit jener Zeit dahin ſchwanden und ſo jung ich damals noch war, bewahrt mein Gedächtnis doch noch den Eindruck, welchen meine kindliche Seele in jenem feierlichen Augenblicke empfing. Ich erinnere mich deutlich der beinah ſchon verklärten Züge des Großvaters, wie er da lag und die verwelkte, zitternde Hand auf das Haupt der Mutter legte, die vor ihm kniete.„So hat denn Gott mein Gebet erhört“, ſagte er,„ich ſehe dich noch einmal, mein Fiekchen, und ſterbe nun gern.“ Dann ¹) Hermann Freiherr von Schubart war ſpäter däniſcher Ge⸗ ſandter in Neapel und iſt durch ſeine Beziehungen zu Thorwaldſen bekannt. Dieſer fertigte 1814 für Frau von Schubart das ſchöne Denk⸗ mal an, welches Thiele, Leben und Werke Thorw., Tafel 84 giebt. 97 winkte er mich zu ſich, und ich empfing ſeinen Segen, worauf er Gott in frommem Gebet unſere Zukunft empfahl. — Warum der Vater nicht gegenwärtig war, kann ich mich nicht entſinnen, ich weiß nur, daß er fehlte. In der Freude des Wiederſehens ſchwand des Sterbenden klares Bewußtſein, er legte ſich ſtill zurück und phantaſierte bis zu ſeinem letzten Augenblicke, der am Abend dieſes Tages eintrat. Nur von den lieben Engeln, welche ſein Lager umſchwebten und ihn ſeinem Vater im Himmel zuführen wollten, ſprach er und rief oft aus:„O wie herrlich! O wie ſchön!“ So ſtarb der Großvater, und Beſſeres kann ich mir und den Meinigen nicht wünſchen, als dereinſt auch ſo einen ſanften, ſeligen Tod. In Arolſen lebten die Eltern, wie erwähnt, nicht gerade unter den angenehmſten Verhältniſſen; daran war teils des Vaters mehrgenannte Stiefſchweſter Luiſe ſchuld. Tante Luiſe war eben ſo häßlich, wie meine Mutter ſchön; ſie hatte ſcharfe, männliche Züge, die Naſe von beſonderer Häßlichkeit, langgebogen und kupfrig, koloſſale Gliedmaßen, eine rauhe Stimme, kurz alles an ihr war abſtoßend, bis auf ihre Arme und Hände, welche, recht im Kontraſt mit ihrer ſonſtigen Bildung, zart gerundet und blendend weiß waren. An Geiſt und Klugheit fehlte es ihr jedoch nicht, und ſie verſtand, wenn ſie wollte, zu gefallen und zu imponieren. Mein Vater, dem ſie artig zu ſchmeicheln wußte, hatte viel Neigung zu ihr und glaubte, da er lim Jahr 1792] eine dritte Reiſe nach Holland unternahm, mich und meine kleine Schweſter unbedingt ihrer Liebe und Sorgfalt an⸗ vertrauen zu dürfen. Aus der Zeit kurz vor der Abreiſe der Eltern erinnere ich mich eines Vorfalls, der tiefen, erſchütternden Eindruck auf mich machte und uns beinahe den Vater raubte. Die Eltern erwarteten Gäſte, unter andern den damals berühmten Schauſpieler Großmann und ſeine Tochter, die nachmalige Unzelmann. In den oberen Zimmern war alles feſtlich geſchmückt, einige Gäſte waren ſchon angekommen, und die Mutter ſtand am Klavier, mit Ordnen einiger Muſikſtücke beſchäftigt, wobei ich zuſah: ſie hatte den Vater gebeten, ihr aus einem anderen Zimmer ein Notenbuch zu holen, und in⸗ dem er damit zurückkehrte, ſchwankte er plötzlich und fiel be⸗ ſinnungslos nieder. Ein Schlag hatte die rechte Seite ge⸗ troffen. Der laute Angſtſchrei der Mutter zugleich mit dieſem Anblick drang tief in meine Seele. An die Stelle der behaglichen Erwartung eines heiteren Feſtes trat grenzenloſe Verwirrung und Jammer. Sehr langſam erholte ſich der Vater wieder, aber ſein rechter Arm blieb längere Zeit gelähmt; die beab⸗ ſichtigte Reiſe erlitt einen Aufſchub von mehreren Monaten, 13 bis der Vater endlich imſtande war ſie anzutreten, ein Unternehmen, das in jeder Beziehung nicht wohl überlegt war und gebüßt werden mußte, wie es ſich ſpäter erwies. Seine früheren Reiſen nach dem Haag und die günſtige Aufnahme, welche er dort gefunden, hatten dem Vater Holland lieb gemacht; diesmal beſchloß er in Amſterdam ſein Heil zu verſuchen, in guter Zuverſicht auf Erfolg. So kam er mit einigen Empfehlungen und eben nicht reichlicher Kaſſe verſehen in Amſterdam an. Bevor er aber noch irgendwo Beſuche machen konnte, warf ihn ein böſes Fieber nieder, und ein Arzt mußte gerufen werden. Dieſer Arzt, Dr. Mitchel, zeigte ſich als ein höchſt ein⸗ ſichtsvoller, verſtändiger Mann, der Vater konnte in keine beſſeren Hände fallen. Die Eltern hatten einen alten Bedienten, den ſchon genannten Philipp, und deſſen Frau mitgenommen; dieſes bejahrte Ehepaar nebſt einem holländiſchen Mädchen, das gleich gemietet wurde, beſorgte die Geſchäfte des Hauſes. Kaum aber hatte der Vater ſich gelegt, deſſen Fieber noch keinen völlig entſchiedenen Charakter zeigte, als der alte Philipp von einem bösartigen Nervenfieber befallen wurde und nach wenigen Tagen ſtarb. Unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit verdeckte die Mutter dem Vater das Nicht⸗ erſcheinen ſeines alten Dieners, den er ungern entbehrte. Unter die Eigenheiten des Vaters gehörte eine Art Scheu 98 vor ſchwer Erkrankten und Toten, ein Gefühl, das er niemals zu bemeiſtern vermochte. Es galt nun, ohne Lärm und Auf⸗ widerte: ſehen die Beerdigung des Toten zu bewerkſtelligen, wozu die Sitte in Amſterdam günſtige Gelegenheit bot, indem ſich dort ſogenannte Leichenbeſorger fanden, die für ein be— ſtimmtes Honorar die Leiche übernahmen, in der Stille aus dem Hauſe ſchafften und für das Weitere ſorgten. Dr. Mitchel empfahl der Mutter einen ſolchen Mann, und alles ging ſo in der Stille ab, daß der Vater nichts kaltes Fieber auf, das der verſtändige Dr. Mitchel als merkte. An demſelben Tage aber, wo die Überreſte des treuen deutſchen Dieners in holländiſcher Erde gebettet werden ſollten, erkrankte die Wittwe desſelben an dem nämlichen Übel und wollte als Pflegerin nur die Mutter um ſich dulden. Es gehörte eine Natur dazu, wie die Mutter ſie glücklicherweiſe beſaß, um zu ertragen, was in dieſer Zeit ihr zu leiſten oblag; vom Krankenbett des Vaters zu dem der Dienerin eilend, Tag und Nacht ohne Ruhe, mußte ſie auch dieſen Fall dem Vater noch verheimlichen. Sie ließ ihn die alte Lore mit der Pflege ihres Mannes be⸗ ſchäftigt glauben, und der Vater ahnte die Wahrheit noch nicht. Auch hier zeigte die Krankheit ſich tödlich, und nach wenigen Tagen folgte die arme Frau ihrem Manne. Jener nützliche Beſorger wurde abermals ins Haus be⸗ ſchieden, und als er das Geld für die Beerdigung auch dieſer Toten, 100 fl., einſtrich, ſchmunzelte er behaglich, rieb ſich, vergnügt die Mutter anſehend, die Hände und ſagte: „Mefrow, ich recommandiere mich.“ Dieſe Worte trafen die Mutter, wie ſie ſpäter oft erzählte, wie ein Blitzſtrahl, unſägliches Grauen befiel ſie, und einer Ohnmacht nahe erreichte ſie das Bett des Vaters, den ſie ſanft ſchlafend fand. Geiſtig wie körperlich völlig erſchöpft, im gewiſſen Glauben, ſie ſelbſt werde nun wohl die nächſte Beute des Todes ſein als Opfer der an⸗ ſteckenden Krankheit, fällt ſie auf ihr notdürftig bereitetes Lager neben dem des Vaters hin und verſinkt bald in tiefen Schlaf. Eine ſanfte Berührung erweckt ſie endlich, und die Augen aufſchlagend erblickt ſie den Vater über ſie hingebeugt; die gute Mutter hatte von Morgens 10 Uhr bis zum ſpäten Nachmittag geſchlafen, und der Vater hatte trotz ſeines Bedürfniſſes nach Erquickung nicht gewagt, ſie früher aus dem erſten Schlummer, deſſen ſie ſeit faſt 14 Tagen genoß, zu wecken. Indeſſen hatte er Zeit gefunden, Betrachtungen über das ſo gänzlich verſchwundene alte Ehepaar anzuſtellen, die ihn zu dem Schluſſe führten, es müſſe doch mit ihnen eine ernſtere Bewandtnis haben, als die Mutter eingeſtand. Seine erſte Frage, als dieſe ſich ermuntert hatte, war alſo:„Was macht der Philipp und die Lore? ſag mir die Wahrheit!“ Die Mutter, raſch entſchloſſen, er⸗ „Lieber Mann, ſie ſind beide begraben.“ Völlig vertraut mit dem Ideengang des Vaters, wußte ſie, das Wort„begraben“ werde zwar eine plötzliche Erſchütterung, zugleich aber auch eine nachwirkende Beruhigung herbei⸗ führen, dahingegen die Vorſtellung, beide krank oder tot im Hauſe zu wiſſen, ihn nachteilig aufgeregt haben würde. Des Vaters Krankheit, welche bisher einen noch un⸗ entſchiedenen Charakter zeigte, löſte ſich endlich in ein eine wohlthätige Kriſis betrachtete und abſichtlich nicht gleich unterdrückte, indem er die Natur wirken ließ. Erſt nach 3 bis 4 Wochen wandte er China an, und dieſem Mittel folgte die vollſtändige, wenngleich langſame Geneſung des Vaters, wobei auch jede Spur von Lähmung im Arm ver⸗ ſchwand. Die Dankbarkeit der Eltern gegen den teilnehmenden Arzt war groß, ſie nannten ihn ihren ſichtbaren Engel in der geprüfteſten Zeit ihres Lebens. Seine Frau war aber kein Engel, ſondern eine häßliche kleine Figur mit einem vergrämten gelben Geſicht und von einer Eiferſucht be⸗ ſeelt, welche ein näheres Freundſchaftsverhältnis zwiſchen dem Doktor und den Eltern ſehr erſchwerte, da meine 99 würdig war. Später erſt lernte ich dieſen Mann kennen und erinnere mich ſeiner Züge ſehr genau; er hatte ein edles, würdiges Ausſehen und ein höchſt ſanftmütiges, einnehmendes Betragen. Mutter der Frau Doktorin viel zu ſchön und liebens⸗ Mit Mut und neuen Kräften begann jetzt der Vater zu arbeiten, nnd bald erhielt er von allen Seiten ſo viel Beſtellungen auf Porträts, daß er ihnen kaum zu ge⸗- nügen vermochte; außerdem verſchaffte ein Herr von Scherenberg den Eltern Zutritt in die vornehmſten Kreiſe der großen Stadt, wo beider perſönlicher Wert lebhafte An⸗ erkennung und Auszeichnung fand. Zu dieſer Zeit lebte auch Auguſt Wilhelm von Schlegel in Amſterdam als Erzieher eines vornehmen jungen Holländers und wurde ſehr genau mit den Eltern bekannt, infolgedeſſen ſie die Familie ſeines Zöglings, deren Name mir entfallen iſt ¹), häufig beſuchten. Während des Aufenthaltes der Eltern in Holland erlebten wir Kinder in der Heimat wenig erfreuliche Tage; beſonders ich hatte von der Unliebenswürdigkeit, Härte und Abneigung der Stieftante ſo viel zu leiden, daß ich völlig verſchüchtert und faſt ſchwermütig wurde, auch körperlich verfiel; endlich erhielten die Eltern durch eine Couſine meiner Mutter, Marianne Gieſeke, Braut des Juſtiz— rats Bunſen in Arolſen, Nachricht von dieſen Vor⸗ gängen, und darüber erzürnt, nahmen ſie darauf gern das Anerbieten des Brautpaares an, ſeine bevorſtehende Hoch⸗ zeitsreiſe nach Holland zu richten und ihnen die Kinder zuzuführen. Unſere Reiſe ging glücklich von ſtatten. Das junge Ehepaar, von Luſt und frohem Muth beſeelt, machte auch uns Kindern die Reiſe ſo angenehm wie möglich; aber je näher wir dem Ziele kamen, je bänglicher ſchlug mein Herz. V Nach dem erſten Freudenrauſch über die Ausſicht, der böſen Tante zu entkommen, mußte ich doch oft daran denken, daß ſie mir bei ihren Züchtigungen verſichert hatte, es werde damit noch ganz anders kommen, wenn ich erſt wieder bei den Eltern ſei, die noch viel weniger Nachſicht mit mir haben würden, als ſie mir bewieſe. Mein Selbſtvertrauen war ſo gering, daß ich in der That fürchtete, die Eltern könnten viel an mir auszuſetzen finden, und als wir die uns entgegenkommenden Eltern treffen ſollten, ſtieg meine Befangenheit ſo, daß ich faſt ohnmächtig in die Arme des Vaters fiel, der am Wagenſchlag uns in Empfang nahm. Die lebhaften Liebkoſungen der Eltern ſchienen mir ein ¹) Der Name des Handelsherrn, in deſſen Haus Schlegel von 1791 bis Sommer 1795 lebte, war Muilman. ſchöner Traum, aus dem ich doch immer zu erwachen fürchtete. Wir hatten das kleine Städtchen— wie es hieß, weiß ich nicht— ſchon am Vormittag erreicht, und ein von den Eltern beſtelltes Mahl ſollte das Feſt des Wie⸗ derſehens verherrlichen; aber ich konnte zuerſt nicht eſſen, und als beim Deſſert einige Näſchereien vorkamen, die ich mir wohl hätte gefallen laſſen, überkam mich die Erinnerung, wie die Tante mir ſtets verboten hatte, dergleichen anzu⸗ nehmen, ſo beängſtigend, daß ich dankte, als die Mutter mir davon geben wollte. Auf ihre Frage, ob ich dergleichen nicht eſſen möge, antwortete ich:„Doch! aber ich darf ja nicht“, und zugleich brach ich in heftiges Weinen aus. „Was iſt nur dem Kinde?“ ſagte der Vater; aber ich weinte immer heftiger ſtatt zu antworten, bis die Mutter mich in ein Nebenzimmer führte und es ihren liebevollen Fragen gelang, meine Zurückhaltung zu überwinden. Ich bekannte ihr meine Angſt und bat ſie mich ja immer zu lieben, da ich ganz gewiß den Vorſatz habe, immer artig zu ſein. Dieſem erſten Auftauen, wie ich es nennen möchte, folgte aber bald wieder ein ſcheues Zurückziehen, und nur all— mählich konnte ich mich in ein Glück finden, das mir faſt zu groß ſchien. Es dauerte lange, bis ich meine urſprüng⸗ liche Heiterkeit auch nur zum teil wiedergewann. In der erſten Zeit entlockte eine liebkoſende Benennung der Eltern mir immer Thränen, und wenn der Vater, ungeduldig darüber, ſagte:„Ich begreife nicht, was die Line will,“ erſchrak ich, und die Furcht, ihm mißfallen zu haben, warf mich in meine alte Blödigkeit zurück. Meine Schweſter war jetzt vier, ich neun Jahr; Betty war ein bildſchönes Kind; wie ich ausſah, weiß ich nicht, wohl aber, daß die Eltern ſich über meine zunehmende friſche Farbe und Rundung freuten. Herr von Scherenberg, unſer täglicher Gaſt, gewann mich lieb und wußte mir ſtets eine kleine Freude zu bereiten. So beſchenkte er mich u. a. mit einer vollſtändigen kleinen Kinderbibliothek, worunter Weißes„Kinderfreund“ und Campes Reiſebeſchreibungen, vor allem aber der Robinſon mich unbeſchreiblich anzogen. Die lieben Bücher eröffneten mir einen Himmel voll Ent— zücken, ich konnte nicht davon kommen, und die Mutter ſah mir wohl zu ſehr dieſen Hang zum Leſen nach, wie ſie denn überhaupt mit ihrem praktiſch thätigen Sinn durch⸗ aus nicht vermochte in meinen Ideengang einzugehen; ich fühlte bald, daß ſie mich nicht verſtand, und meine Mit⸗ teilungen über das Geleſene, beſonders wenn es rührende waren, ihr nicht ans Herz gingen.„Linchen, das iſt dummes Zeug“, pflegte ſie zu ſagen,„es iſt ja nur erfunden, wer wird ſo närriſch ſein und darüber weinen!“— Daß ſo manche rührende Dinge, die ich las, bloß ſollten erfunden 13*† 100 ſein, wollte mir gar nicht in den Sinn, ſo etwas, dachte ich, müßte ſich auch erleben laſſen. Ich ahnte damals noch nicht, wie viel Erheblicheres noch als das, was meinem Kinderſinn Thränen entlockte, ich lichkeit zu erleben beſtimmt war. Die Eltern gingen in Amſterdam viel in Geſell⸗ ſchaft, und wir Kinder blieben oft des Abends der Auf⸗ ſicht einer Art von Kammerfrau überlaſſen, welche dazu eigentlich nicht recht paßte; ſie gab ſich wenig mit uns ab; ich ſaß in meine Bücherwelt vertieft, und Betty war leicht durch irgend ein Spielwerk genügend beſchäftigt. Gemeinſame Spiele trieben wir damals noch nicht; ich war zu ernſt und Betty ein ſtilles Kind, das mit einer Puppe im Arm oder einem Bilderbuche oft ſtundenlang ſpielte, ohne meine Teil⸗ nahme daran zu wünſchen. Es war im Herbſt[1792], wie ich meine, daß Betty und ich nach Amſterdam kamen, und im Frühjahr[1793] bezog der Vater ein kleines in der Nähe der Stadt gelegenes Land⸗ haus, welches zu einer ſehr weitläufigen Beſitzung gehörte, die Scherenberg in der Gegend gekauft hatte. Das Herrenhaus, nach Scherenbergs Plan erbaut, war neu und auf viele Güſte eingerichtet, die ſich denn auch dort zuſammen fanden. Unſer recht elegant eingerichtetes Häuschen war nur klein und lag mitten in einem großen, wohlgehaltenen Garten, in dem wir Kinder manche Ergötzung fanden. Außer Scherenbergs Schloß befand ſich viel⸗ leicht 100 Schritte von unſerm Landhaus die Villa eines Landedelmannes, eines Herrn van der Rott, der vier Kinder hatte, mit denen ich bald ziemlich vertraut wurde. Frau van der Rott hielt ihren Kindern eine franzöſiſche Gouvernante, und nach einer Übereinkunft mit meinen El— tern durfte ich an den Lehrſtunden, welche nachmittags ge⸗ halten wurden, teilnehmen. Auf dieſe Weiſe lernte ich franzöſiſch, und mit verdoppeltem Eifer, da man mir ver⸗ ſicherte, es gebe ganz prächtige franzöſiſche Bücher für Kinder. Die Gouvernante war mir vorzugsweiſe geneigt; ſie hatte weniger Not mit mir als mit ihren Eleven. Ich wurde den Kindern immer als Muſter dargeſtellt. Das freute mich nun wohl, aber ich mochte niemand gern gekränkt ſehn und hatte immer, wenn die Gouvernante die Kinder zankte, eine Entſchuldigung für ſie bereit oder gab ihnen vor der Stunde ſo gute Worte, daß ſie mir zuliebe ſich oft zuſammennahmen. Dieſer Landaufenthalt befeſtigte die Geſundheit des Vaters, wie er auch uns Kindern ge⸗ deihlich war, und wir kehrten im Spätherbſt vergnügt nach Amſterdam zurück, wo viele Aufträge den Vater erwarteten. Die Bekanntſchaften der Eltern hatten ſich vermehrt, man drängte ſie mit Einladungen, ſie mußten dem Strom nach⸗ ſpäter in der Wirk⸗ b wäre, geben, was allerdings für den Vater als Künſtler manchen Vorteil hatte, aber auch die nachteilige Folge, daß wir Kinder mehr allein blieben als uns taugte. Schlegel beſuchte die Eltern oft, unterwarf ſeine poetiſchen Verſuche ihrem Urteil und gab der Mutter Unterricht iu der engliſchen Sprache. Der Vater er⸗ freute ſich an dem Talent des jungen Dichters, an dem er immer größeren Anteil nahm, ſodaß er ſich über deſſen Neigung zu ſeiner nachherigen Frau, der damals i Mainz lebenden Witwe Böhmer, ¹) wirklich kränkte. Es beſtand ſchon damals zwiſchen dieſer Witwe und Schlegel ein Verhältnis, welches eigentümlich genug war. Schlegel liebte die geiſtreiche Frau ungeachtet ihres mehr als zwei⸗ deutigen Rufs leidenſchaftlich, ſie dagegen hatte ihm mehr⸗ mals offen erklärt, daß ſie ihn durchaus nicht liebe, aber ihn heiraten wolle unter der Bedingung, ſich wieder von ihm ſcheiden zu dürfen, ſobald ſie der Vereinigung müde ſei. Dieſe ſeltſame Bedingung blieb den Eltern kein Ge⸗ heimnis, und ſie wandten alles an, dem Freunde das Un⸗ moraliſche derſelben anſchaulich zu machen. Vielleicht wäre es ihnen auch gelungen, Schlegel aus den Schlingen dieſer genialen Hexe, wie der Vater ſie nannte, zu befreien, wenn ſie nicht plötzlich in große Bedrängnis geraten woraus ſie zu erlöſen Schlegel für eine heilige Pflicht hielt. Frau Böhmer war in Mainz wegen po⸗ litiſcher Intriguen verhaftet worden und wußte es einzulei⸗ ten, daß Schlegel die Nachricht davon erhielt. Jetzt war kein Halten mehr, er gab ſeine vorteilhafte Stel— lung auf, um der Geliebten zu Hülfe zu eilen; auch glückte es ihm, ſie zu befreien, und er wurde unter vorerwähnter Bedingung ſpäter ihr Mann. Wann er aber Holland ver⸗ ließ, vor oder nach der Eltern Abreiſe, das weiß ich nicht mehr. Das Verhältnis mit Scherenberg wurde indes von meinen Eltern immer herzlicher fortgeſetzt. Seine äußere Erſcheinung iſt mir ganz gegenwärtig. Er war ſehr klein und infolge einer böſen Gliederkrankheit von ſchwächlicher Geſund⸗ heit. Seine Züge trugen deutlich das Gepräge früherer Leiden, matte blaue Augen und rötliche Haare verſchönerten ihn eben nicht, aber ein wohlwollendes Herz ſprach ſich in allem aus, was er ſagte und that, und machte ſeinen Umgang angenehm. Nur gehörte er leider zu den Men⸗ ſchen, welche meiſt das ſind, wozu ihre Umgebungen ſie machen. Für meine Eltern ſchwärmte er. Der höhere ¹) Es iſt die bekannte Karoline, geb. Michaelis, Tochter des berühmten Theologen und Orientaliſten M. in Göttingen; Weiteres über ſie ſ. im folgenden. 101 und edle Sinn des Vaters, wie die kräftige, heitere Natur der Mutter übten großen, wohlthätigen Einfluß auf ſeinen bisher durch Krankheit und eine verkehrte, beſchränkte Erziehung unterdrückten Charakter aus. Er empfand dies ſelbſt und hätte gern ſein ganzes irdiſches Beſitztum mit den Eltern geteilt. Auch wußte er ſtets aufs neue ſie zu verpflichten, und der heiße Wunſch, ſich ihre tägliche Gegen⸗ wart zu ſichern, führte den Vorſchlag von ihm herbei, eine gemeinſame Wohnung auf der Herrengracht zu mieten, ein Vorſchlag, den der Vater trotz aller Gegenvorſtellungen der Mutter annahm. Bisher hatten wir auf der Kaiſers⸗ gracht gewohnt, bequem, aber klein und einfach eingerichtet, es genügte aber unſerm Bedürfnis. Der Vater indes, faſt erdrückt unter Beſtellungen, die den reichlichſten Vorteil verſprachen, wenn ſie nach und nach ausgeführt wurden, meinte ſich eine bequeme Einrichtung erlauben zu dürfen, ohne damals an die möglichen Zwiſchenfälle zu denken, welche die ſicherſten Hoffnungen vernichten und ſchlimme Verlegenheiten herbeiführen konnten. Die Mutter bedachte dies, aber, wie geſagt, ſie drang nicht durch. Das Haus wurde gemietet, koſtbar möblirt, und ich meine, wir bezogen es bald nach Neujahr[1794] im zweiten Winter unſeres Aufenthalts in Amſterdam. Wenigſtens erinnere ich mich deutlich genug, daß wir ſchon im Winter da geweſen waren, als wir endlich wieder aufs Land zogen, und, wie ich glaube, in Scherenbergs Schloß unſern Sommeraufenthalt nahmen. Zahlreiche Gäſte verſammelten ſich während des Som- mers[1794] auf dem Schloſſe ſelbſt oder wurden von dem Beſitzer in kleinen ihm gehörigen Häuſern einquartiert. Der däniſche Geſandte von Schubart mit ſeiner Frau, einer Couſine von Scherenberg, wohnte natürlich im Schloſſe. Andere aber, worunter zwei vornehme franzöſiſche Emigrierte, brachten wenigſtens den Tag da zu, wenn ſie auch anderswo logiert waren. Letztere lebten ganz auf Scherenbergs Koſten; es waren ein Graf de Roure und ein Marquis de Bonnechoſe, beide geiſtreich und liebenswürdig. Der erſte, ein kleines, rundes Männchen, ſtets geweckt, vergalt die Wohlthaten ſeines Gönners dadurch, daß er ſich zum maitre de plaisir des kleinen Kreiſes anbot, ein Amt, dem er mit vielem Takt und aller Grazie eines ächten Verſailler Hof⸗ mannes nachkam. Der Marquis, ein ſehr ſchöner junger Mann, zeigte ſich ernſthafter, oft ſelbſt ſchwermütig, und ſchien nur mit gedrücktem Gefühl anzunehmen, was er leider nicht entbehren konnte. Er machte ſich auch einen Erwerb, indem er Zeichenſtunden gab. Als Zeichenlehrer fand er Gelegenheit, das Herz einer ſehr reichen, hübſchen Holländerin zu gewinnen. Er war Bräutigam, als wir das Land ver⸗ ließen, und wir ſahen ihn nie wieder. Graf de Roure aber beſuchte uns nach mehreren Jahren ſehr unerwartet in Deſſau, wo die Eltern ſeiner großen Bedürftigkeit ab⸗ halfen, ſo gut ſie konnten. Des Abends verſammelte ſich die Geſellſchaft regel⸗ mäßig im Salon, wo die Mutter als Wirtin pröäſidierte und der Vater bei einer zweckmäßigen Lampenbeleuchtung die ganze Geſellſchaft nach und nach porträtierte, während die franzöſiſchen Herren vorlaſen und wir Kinder im Neben⸗ zimmer ſtill uns beſchäftigten, bis die Schlafensſtunde kam. Am politiſchen Himmel zogen indeſſen, während die Eltern den Sommer in ſo anmutigen Verhältniſſen ver⸗ lebten, auch in Bezug auf Holland inhaltſchwere Wolken auf, die mit einer gewaltſamen Kriſis drohten. Das Haupt Ludwigs XVI. war gefallen unter der Guillotine, und Entſetzen erfaßte die unglücklichen Emigrierten. Auf den Grafen de Roure und ſeinen Freund machte dies Ereignis den furchtbarſten Eindruck. Sie hatten für unmöglich ge⸗ halten, was dennoch geſchah, und ihre Hoffnungen auf eine baldige ſiegreiche Wiederkehr in das geliebte Vaterland ſanken mit dem Haupte ihres Monarchen. (In dieſem Kreiſe erſchien um dieſe Zeit eine intriguante ver⸗ witwete Madame Polane mit ihrer ſanften und anmutigen Tochter, einem unſchuldigen, willenloſen Mädchen, und wußte durch ihre Künſte den ſchwachen Scherenberg ganz unter ihre Herrſchaft zu bringen und ihn ſpäter ſogar mit ihrer Tochter, trotz deren Abneigung gegen den jungen Mann, zu verheiraten. Durch ihr tyranniſches, unliebenswürdiges Weſen, gegen welches der von ihr gänzlich unterjochte ſpätere Schwiegerſohn ſich nicht zu wehren wußte, abgeſtoßen, verzog ſich bald die ganze Geſellſchaft. Obwohl Scherenberg dem Tiſchbeinſchen Ehepaar allein von allen ſeinen Gäſten ſtets dieſelbe Freundſchaft weiter bezeigt hatte, ſo zogen doch auch dieſe den Aufenthalt in der Stadt nun⸗ mehr vor. Die verſchuldete Polane beutete ihren Schwiegerſohn völlig aus und brachte allmählich durch ihr verſchwenderiſches Leben das unglückliche junge Ehepaar faſt an den Bettelſtab.] Unter ſehr ernſten Betrachtungen, erzählte mir ſpäter die Mutter, bezogen die Eltern([Herbſt 1794] ihr ſchönes, prächtiges Haus wieder, deſſen Mobiliar noch nicht bezahlt war; doch gedachte der Vater ziemlich unbekümmert dieſer Verpflichtungen, da er dieſen nach der Vollendung ſeiner begonnenen Arbeiten leicht nachkommen konnte. Allein es kam anders. Man erwmartete in Amſterdam eine Invaſion der Franzoſen, und dieſe Vorſtellung ſetzte den Vater in ſolche Angſt, daß er, kränklich und antirevolutionär, wie er war, ohne zu erwägen, was er dabei aufs Spiel ſetzte, den Ent⸗ ſchluß faßte Holland zu verlaſſen. Der parteiloſe Bürger und Künſtler hatte zwar in der bevorſtehenden politiſchen Gäh⸗ rung nach dem Urteil aller Unbefangenen nichts zu fürchten; aber der Vater, ſonſt ſo klar und verſtändig, ließ ſich hier — 10— nicht einreden; vor ſeiner Seele ſchwebte das fürchterliche Bild der in Frankreich herrſchenden Gräuel, er ſah Ahnliches in Amſterdam voraus und wollte um jeden Preis ſich und die Seinigen in Sicherheit bringen. ¹) So wurde die Abreiſe unwiderruflich beſchloſſen, obwohl eine Menge von Arbeiten noch der Vollendung harrte. Das Mobiliar, nach der Abreiſe der Eltern von Scherenberg oder ſeiner Schwieger⸗ mutter verkauft oder übernommen, ergab nur ſehr geringen Ertrag, und erſt nach Jahren gelang es dem Vater, den Vorſchuß von mehreren tauſend Gulden, den er von Scherenberg erhalten hatte, abzutragen. Spät im Herbſt[1794] erfolgte unſere Abreiſe von Amſterdam. Wir ſchifften uns ein und legten die kurze Fahrt auf dem Zuider⸗See bis Zwolle bei widrigem, unge⸗ ſtümen Winde zurück. Die Mutter und wir Kinder wurden ſeekrank, beſonders die Mutter und ich, und meine aufgeregte Phantaſie verſchlimmerte das Übel noch um vieles. Campes Reiſebeſchreibungen und der Robinſon ſpukten gewaltig in meinem Kopfe und boten Stoff zu allerlei Befürchtungen möglicher Abenteuer und Gefahren, die ich mit Exaltation ausſpann. Ich ſah uns verſchlagen auf weitem Meer, die Mutter und ich ſtarben, den Vater aber und Betty ließ ich leben, und die Vorſtellung der Trauerkunde, welche ſie nach überſtandener Not in die Heimat bringen würden, entlockte mir bittere Thränen über mein und der Mutter frühes Grab in der ſalzigen Flut. Indeſſen erreichten wir am zweiten Morgen ohne weitere Gefährdung das Ufer, und der köſtliche Kaffee in dem kleinen am Strand be⸗ legenen Wirtshaus brachte als befreiende Wirkung von dem ausgehaltenen Seeübel eine fröhliche Auferſtehung meiner Gedanken hervor. Doch hätte ich um keinen Preis die ausgeſtandene wirkliche und eingebildete Not hingegeben, da ich es mir ſehr ergötzlich dachte, meine Erlebniſſe den lieben Verwandten daheim zu erzählen. Von Zwolle reiſten wir mit Extrapoſt weiter und kamen endlich in Arolſen an. Dort hatten ſich indes die Verhältniſſe geändert. Das elterliche Haus war, da der Vater in Holland zu bleiben gedacht hatte, an den Regierungsrat Bunſen ver⸗ kauft worden, und die Tante Luiſe wohnte mit der alten Großmutter jetzt in Caſſel, wo der Vater ſie nach wie vor großmütig unterſtützte. Die Mutter bezog mit uns Kindern in Mengeringhauſen eine gemeinſame Wohnung mit einer ihrer Schweſtern, die indes Witwe geworden war, der Kriegsrätin Schmidt, welche drei Kinder hatte, wovon das ¹) Ende Dezember 1794 erfolgte wirklich die Invaſion Piche⸗ grus nach Holland, der am 20. Januar 1795 in Amſterdam einzog. 8 jüngſte, Sophie, ſpäter mit dem Oberſtlieutenant von Baum⸗ bach in Arolſen verheiratet, ſchöner war als ich je in meinem Leben etwas geſehen, weder auf Gemälden noch in der Wirklichkeit. Die Tante Schmidt war eine ſanfte, ſchwermütige Frau mit feinen, edlen Zügen; ich gewann ſie ſehr lieb, lieber als die Tante Nette, die mir etwas zu lebhaft und praktiſch war. Der Vater bezog nach dem Wunſche des Fürſten auf dem Schloſſe in Arolſen eine ſehr elegante Wohnung, wozu ihm ein paſſendes Atelier eingeräumt wurde. Dieſe Einrichtungen galten indes nur als proviſoriſch; denn mein Vater war willens, ſein Dienſtverhältnis zum Fürſten ganz aufzugeben und eine andere Anſtellung zu ſuchen, welche ihm auch bald in Deſſau geboten wurde. Wenig läßt ſich von dieſer Zeit, welche einförmig in kleinen, beſchränkten Verhältniſſen verlebt wurde, erzählen. Ich bekam einigen Unterricht, beſonders in weiblichen Ar⸗ beiten von der Tante Nette und fand eine Geſpielin meines Alters in Marianne, der jüngſten Tochter des Burghaupt⸗ manns Suden, der mit ſeiner Familie die alte Burg bei Mengeringhauſen bewohnte, welche bald ein merkwürdiger Gegenſtand für meine auch bereits mit ritterlicher Romantik erfüllte Phantaſie wurde. Die Burg war im mittelalterlichen Stil erbaut, nicht groß, und ſtark im Verfall. Eine ſchmale, dunkle Wendel⸗ treppe führte zum erſten Geſchoß, welches außer einigen— Kammern nur eine ovale Halle mit einem tiefen Erker ent— hielt, deſſen Fenſter nur ſparſam den tiefen Raum er⸗ hellten. Alles darin war altertümlich und ganz ſo einfach wie im Hauſe der Großmutter. Im Erker befanden ſich zu beiden Seiten hölzerne Bänke und im Gemach gerade ſo viel Spinnräder, als Frauen da waren, ich meine fünf. Auch hier ſtand in der Mitte ein gewaltig großer, ſchwerer Tiſch mit bunter Decke, um den die Familie ſich zu ver⸗ ſammeln pflegte. Die Burghauptmännin war eine bleiche, ſehr ernſte Matrone von ſchöner Geſtalt und feinen Zügen, die der Gram um ihren geiſteskranken Mann, welcher in der Burg ſelbſt gepflegt wurde, früh hatte altern laſſen. Dieſer ſeit längerer Zeit ſchon penſionierte Burghauptmann be⸗ wohnte im zweiten Stock einen Saal von gleicher Größe, wie die untere Halle. Sein Wahnſinn, deſſen Natur ich nicht angeben kann, war unſchädlich und bedurfte keiner ſtrengen Aufſicht. Eingehüllt in einen weiten, warmen Schlafrock, das völlig kahle Haupt mit einer Nachtmütze von ganz beſonderer Form bedeckt, bleich und mager wie der Tod ſelbſt, kam er mir vor wie das Burggeſpenſt, ſein Anblick erfüllte mich mit anziehendem Grauen. Im Fa⸗ milienzimmer erſchien er nie, aber oft ſchlich ich mich mit 103 Mariannen in ſein Gemach, wo er mit einer großen Fliegen⸗ klappe bewaffnet auf und ab ging und Fliegen belauerte, denen er mit ſolcher Wichtigkeit ihr kurzes Daſein nahm, als ſeien es menſchliche Sünder und er der Henker. Arolſen wimmelte damals von Emigranten; Ducs, Comtes, Marquis mit ihren Familien ſogen den ohnehin ſchon verarmten Fürſten jämmerlich aus, zum peinlichſten Ärger meines Großoheims Frensdorf, der mit all ſeinem Ernſt und Einfluß dieſer franzöſiſchen Peſt nicht wehren konnte. Die Marquiſe von Ferronet, eine gewandte, ſehr liſtige Frau, beherrſchte den Fürſten ganz. Sie hatte eine Tochter in meinem Alter, und da ich des Franzöſiſchen völlig mächtig war und öfters den Vater und den Groß⸗ onkel auf dem Schloſſe in Arolſen beſuchte, ſchloß ſich die kleine Adele Ferronet zärtlich an mich an. Sie war ſchön und klug, ihr Umgang gefiel mir, denn ich konnte über viel mehr Dinge mit ihr ſprechen, als mit der weit einfacheren Marianne Suden, die keineswegs meinen Geſchmack an Büchern teilte und der die Werke der franzöſiſchen Litteratur. lauter böhmiſche Dörfer waren. Unſere Unterhaltungen ſpannen ſich oft ſtundenlang aus, und Gott weiß es, wie es plötzlich der kleinen Pariſerin einfiel, mich bekehren zu wollen. Genug, ſie fing an mich zu bearbeiten wie der beſte katho⸗ liſche Prieſter nur immer vermocht hätte. Mit feuriger Beredſamkeit ſchilderte ſie mir die Vorzüge ihres Glaubens, ihre Heiligen und Märtyrer, die erhebende Feier ihres Gottesdienſtes und machte endlich Eindruck auf mein Ge⸗ müt. Von da an begann für mich eine Zeit der Qual und des Zweifels, die mich faſt überwältigte. Sie hatte mir das Verſprechen abgenommen, über unſere religiöſen Geſpräche ſelbſt gegen die Eltern zu ſchweigen. So erwog ich denn in der Stille ihre Überzeugung gegen die meinige, ſo weit dieſe bei meiner großen Jugend überhaupt ent⸗ wickelt ſein konnte. Adelens Gründe blendeten mich, es lag etwas darin, was meine Seele auf eigene Art erregte; ich war, glaube ich, auf gutem Wege bekehrt zu werden, wäre nicht endlich der Mutter mein ganz verändertes Weſen aufgefallen; ich wurde elend und ſo träumeriſch, daß gar nichts mehr mit mir anzufangen war. Endlich drang die Mutter mit ſolchem Ernſt in mich, zu ſagen, was mir fehle, daß ich⸗ in heiße Thränen ausbrechend, beichtete, und die Folge dieſer Beichte war ein ſtrenges Gebot, die kleine eifrige Be⸗ kehrerin fortan zu meiden. Der Großonkel wurde von ihren Beſtrebungen überdies unterrichtet, und ich kam nicht mehr zuſammen mit Fräulein Adele. Von da an erteilte mir Herr Kandidat Lorenz einigen vorbereitenden Religions⸗ unterricht und wußte leicht durch ſeine einfache, fromme Weiſe meine kindiſchen Zweifel und entſtandene Hinneigung zum Katholizismus zu beſeitigen. Mit der Mutter ſprach ich gar nicht darüber, aber bisweilen mit dem Vater, der leichter als die Mutter meinen Ideengang auffaßte und zu leiten vermochte. So ſehr ich ihn aber auch liebte, ſo fühlte ich mich doch nicht oft verſucht zu ganz vertraulichen Mitteilungen; es lag ein Ernſt in ſeinem Weſen, der mich zwar nicht ſchreckte, aber doch zurückwies in der Furcht, ihm lächerlich oder kindiſch zu erſcheinen. Der Großonkel, welcher im Schloſſe wohnte und fürſtlich eingerichtet war, gab öfters Aſſembleen, wo die Mutter und Tante Nette als Wirtinnen präſidierten und wo es hoch herging mit Leckereien aller Art. Dieſe Ge⸗ ſellſchaften behagten mir ganz gut, beſonders wegen des ſchönen Lokals; die gebohnten Fußböden, großen Spiegel, glänzenden Tapeten und vergoldeten Meubles erinnerten mich an die verlaſſene holländiſche Herrlichkeit. Indeſſen kehrte ich eben ſo gern auch wieder nach Mengeringhauſen zurück, wo es mir unter meinen Büchern und mit meinen Ge⸗ ſpielen recht behaglich war. Ofters ging ich auf den dicht vor dem Orte belegenen Kirchhof, wo der Großvater unter einem einfachen Leichenſtein ruhte. Ich dachte und träumte da ſo mancherlei, was mir wohl that. Es war jedoch nicht klar geſtaltet, ſondern ein Ahnen, ein Verſenken in höhere Dinge, als die Erde bot. Es war ſchön, und ich möchte wohl jetzt noch ſo träumen können. Wie ſchon geſagt, waren des Vaters Dienſtverhält⸗ niſſe in Arolſen nicht bindend. Nach einem halbjährigen Aufenthalt dort verließ der Vater(1795) wieder die kleine Reſidenz ¹) und folgte einem Ruf des geiſtreichen, kunſt⸗ liebenden Fürſten von Deſſau, ²) welcher ihm ganz annehm⸗ liche Bedingungen machen ließ. Wir rüſteten uns dahin zu gehen, vorher wollte aber der Vater noch einen kurzen Aufenthalt in Weimar nehmen Mit tiefer Wehmut trennte ich mich von der Heimat und' den lieben Verwandten. Ich fühlte, wie es ſich denn auch erwieſen hat, daß ich auf immer Abſchied nahm. Wir reiſten über Caſſel, wo die Eltern bei einem Schwager der Mutter, dem Baurat Ludovici, ich mit Betty bei der Stiefgroßmutter und Stieftante wohnten. Nach dreiwöchentlichem Auf⸗ enthalt dort ſetzten wir unſere Reiſe ohne Unterbrechung bis Erfurt fort, wo wir des Morgens früh(wir reiſten die Nacht durch) ankamen und direkt vor dem erzbiſchöf⸗ ¹) Nach einer Angabe bei Nagler hat er dem Fürſten ein Bild, tribut de la reconnaissance, gewidmet, eine ſchöne Frau mit dem Bildnis desſelben darſtellend. ²) Leopold III. Friedrich Franz, Enkel des alten Deſſauers, reg. 1758—1817. 104 lichen Palaſt vorfuhren. Der die Künſte und Wiſſenſchaften ſtrumentalbegleitung, worauf wir ſchon eingeübt waren, ein kleines italieniſches Trio, was mächtig bewundert wurde. durch ein verbindliches Schreiben eingeladen, auf der Reiſe beſchützende Coadjutor Herr von Dalberg ¹) hatte den Vater nach Weimar ſein Haus in Erfurt nicht zu übergehen und mit ſeiner Familie ſo lange zu verweilen, als er möchte. Dieſe Erlaubnis konnte der Vater nur ſehr be⸗ ſchränkt benutzen, da er zu beſtimmter Zeit in Weimar er⸗ wartet wurde und wir deshalb am Abend desſelben Tages, wo wir ankamen, weiter reiſen mußten. Wir wurden von der Dienerſchaft, an deren Spitze ein Haushof⸗ meiſter ſtand, empfangen und ſofort in die uns be⸗ ſtimmten ſchönen Zimmer geführt, wo gleich darauf der Coadjutor ſelbſt erſchien. Er war ein großer Mann mit einem lebhaften, klugen Geſicht, in ſchwarz ſeidener geiſt⸗ licher Tracht; über das auf die Bruſt herabhängende Prieſter⸗ bäffchen von feinſtem Battiſt, mit Brüſſeler Spitzen beſetzt, gut zu entſprechen ſuchte. hing an einem Band ein Kreuz mit Brillanten, das mir gewaltig imponierte. deckte die Tonſur. Sehr beſtimmt drückte die Geſtalt ſich meiner Phantaſie ein, ich war voll Bewunderung. Herr von Dalberg war überaus gütig und zuvor⸗ kommend gegen die Eltern wie gegen uns kleine Mädchen, verließ uns aber bald, damit wir Toilette machen konnten, nach welcher er uns bei ſich erwartete. Zuvor wurde uns aber noch ein pompöſes Frühſtück ſerviert, das mir ganz trefflich zuſagte. Dann putzte die Mutter ſich und uns, ſo wie es ſich für die fürſtliche Tafel, an der wir erwartet wurden, paßte, und ich bilde mir ein, daß wir uns alle drei recht hübſch ausnahmen. Betty war damals ſchon bildſchön, und die Mutter, noch jung genug, blendete wirklich durch ihre liebenswürdige Erſcheinung. Wie ich ausſah, weiß ich nicht, anſprechend, glaube ich, aber ſchön gewiß nicht. Alles an dieſem Tage kam mir ſo wunder⸗ voll, feenhaft feſtlich vor, daß ich in eine ganz erhöhte Stimmung geriet. Im Saal fanden wir eine Nichte des geiſtlichen Herrn, die nachmalige Frau von Pfenningen, und ſeinen Neffen und damaligen Geſellſchafts⸗Cavalier, Herrn von Dalberg ³), außerdem noch mehrere vornehme Herrn und Damen, die ich nicht zu nennen weiß; es war eine brillante Verſammlung. Uns widerfuhr nach dem Beiſpiel des Hausherrn viel Ehre und Freundlichkeit. Wir beiden kleinen Mädchen ſangen mit der Mutter, ohne In⸗ ¹) Nach einer Angabe bei Nagler hat Tiſchbein ihn gemalt. ²) So zeigt ihn auch das Porträt bei Beaulieu⸗Marconnay l. Bd. ³) Emmerich Joſeph v. D.,(1773— 1833), Sohn des Mann⸗ heimer Intendanten, ſpäter von Napoleon zum Herzog erhoben. Das wohlgepuderte Haar bildete ge⸗ ſcheitelt hinten eine einzige runde Locke, die wie gegoſſen um den Nacken lag*), ein ſchwarzes Sammetkäppchen be⸗ Das Beſehen der Kunſtſchätze, welche der prächtige, ge⸗ ſchmackvolle Saal enthielt, füllte außerdem die Zeit bis zum Diner aus. Endlich begab man ſich in den Speiſe⸗ ſaal, wo von der Tafel her mir mehr Silber und Gold entgegenleuchtete, als ich bisher je geſehen hatte. Der junge Herr von Dalberg führte mich zur Tafel. Die Schnelligkeit, mit welcher die Speiſen ſerviert wurden, er— regte meine Verwunderung, ſo wie überhaupt die ganze Art der Bedienung mir neu war. Ich hütete mich aber, mit ziemlichem Takt begabt, dies merken zu laſſen, ſondern beachtete, völlig durch das genoſſene Frühſtück be⸗ friedigt, das ganze Mahl nur oberflächlich, indem ich der zuvorkommenden Unterhaltung meines Nachbars möglichſt Er redete mich ein paar Mal franzöſiſch an, wahrſcheinlich um mich zu prüfen oder zu verwirren, und ſchien erſtaunt, mich ſo wohl beſchlagen in dieſer Sprache zu finden. Kurz— ich zog mich in jeder Beziehung gut aus dieſem meinem erſten Debüt am Hof. In Weimar bezogen wir ſogleich eine für uns im voraus gemietete Wohnung bei einem Kammerrat Orth⸗ mann, der eine Frau, zwei Töchter und einen recht lümmel⸗ haften Sohn hatte. Die Frau Kammerrätin empfing uns in Papier⸗Papilloten, die in zwei dichten Reihen ihr ſcharfes, unſchönes Antlitz umgaben, und unterbrach ihre Anrede durch häufiges Brummen und Keifen, das den Mägden und Töchtern galt, die mit gaffendem Munde uns anſtarrten. Am beſten gefiel uns der Hausherr, ein friſcher, heiterer Mann, deſſen Erſcheinung ein Gegengift war gegen die zuerſt empfangenen unangenehmen Eindrücke. Unſere Zimmer waren hübſch, und allmählich geſtaltete ſich auch ein Umgang zwiſchen den Töchtern des Hauſes und mir und Betty. Die Mädchen waren freundlich und gutmütig, und wo ich dieſe Eigenſchaften fand, fühlte ich mich über⸗ haupt von jeher leicht befriedigt. In den erſten Tagen ſah ich zu meinem Erſtaunen die Frau Kammerrätin ſtets in ihren Papilloten, morgens, mittags und abends, und in einem recht ſchlumpigen, groben Kattunkleid. Nun aber wird es Sonntag, und ſiehe da! in vollem Glanze ſtrahlte mir, als ich zuerſt auf den Hausflur kam, die feſtlich ge⸗ putzte Geſtalt unſerer Hauswirtin entgegen. Die Papilloten waren verſchwunden, und eine runde Friſur, dick pomadiert und gepudert, aus den papiernen Hüllen entſtanden. Ein Kleid von grellrotem Moor ſchmückte ſie außerdem, und das Bewußtſein dieſer vollkommenen Toilette gab ihrem Auftreten eine noch außergewöhnliche Sicherheit. Dieſe Verwandlung fand regelmäßig alle Sonntag ſtatt, die 105 übrigen Tage der Woche dominierte ſie in Papilloten und Schlumpen das Haus. Weimar führte damals mit Recht den Namen Deutſch⸗ Athen; es war der Sammelplatz geiſtiger Berühmtheiten; Wieland, Herder, Goethe, etwas ſpäter auch Schiller lebten damals in dieſer Stadt, und dieſe Männer wirkten auf einzelne begabte Naturen wie auf das Publikum, das ſtolz war, ſie Mitbürger nennen zu dürfen. Das Theater war auf dem Punkt höchſter mimiſcher Vollendung; Bertuch mit ſeinem Induſtrie⸗Komptoir blühte; ab und zu ſtrömten die Fremden; alles vereinigte ſich in der kleinen, unter dem Schutze eines geiſtvollen, liberalen Fürſten blühenden Reſidenz. Zu den genaueren Bekannten der Eltern gehörten Bertuch und der Landſchaftsmaler Kraus, der nachmalige Präſident Weyland und der Ober⸗Konſiſtorialrat Böttiger. ¹) Die heiterſten Vereine bildeten ſich zwiſcheu befreundeten Familien wie im allgemeinen. Der Vater hatte viel zu thun; er malte u. a. auch die verwitwete Herzogin Amalie, Schweſter Friedrichs des Großen. ²) Die Fürſtin kam zum Vater, und wir mußten bei dieſen Séancen ſtets gegenwärtig ſein. Sie war eine kleine, runde Figur, das Gehen wurde ihr ſchwer, und ſo impo⸗ nierte ihre erſte Erſcheinung nicht. Wenn ſie aber ſaß und ihre großen, leuchtenden Augen einen trafen, fühlte man ſich ergriffen von dem erhabenen Ausdruck, der in ihnen lag; es waren, wie ich oft hörte, Friedrichs Blicke, nur weiblich milder. Sie ſprach meiſt franzöſiſch. Bei Herder war ich einmal mit den Eltern zum Kaffee; ich war, ohne natürlich damals ſchon etwas von ihm geleſen zu haben, begierig, einen ſo berühmten Mann, wie ich ihn nennen hörte, zu ſehen, und gab recht genau Achtung auf ihn. Sein Außeres war nicht gerade ein⸗ nehmend. Er hatte etwas rötliche, trübe Augen, ſprach langſam und feierlich, wie auch ſeine Haltung war. Ich dachte, als wir weggingen, ein berühmter Mann müßte eigentlich ein bischen hübſcher ausſehen. Einſt nahmen die Eltern mich mit ins Theater, und ich erhielt einen Platz neben einem ſchönen, ſtattlichen Mann. Was gegeben wurde, weiß ich nicht mehr, wohl aber, daß ich ſehr enzückt war und dadurch meinem Nachbar auffiel, der anfing, ſich mit mir zu unterhalten, mir Bonbons anbot und immer freundlicher wurde, je ¹) Außer Schiller, Herder und Wieland hat Tiſchbein auch den ihm und ſeiner Familie beſonders naheſtehenden Böttiger gemalt und eine Kopie des Bildes auch für Gleims Freundſchaftstempel geliefert. S. Körte, Gleim, S. 453. ²) Wahrſcheinlich eine Kopie des Bildes gab Tiſchbein in Gleims Freundſchaftstempel. S. Körte a. a. O. S. 450. offener ich mich ausſprach. Nachher erfuhr ich, daß ich neben Goethe geſeſſen hatte. Dieſer berühmte Mann gefiel mir ſchon beſſer. Seltſam war es, daß Goethe gegen den Vater eine Animoſität zeigte, die ſich auch ſpäter gleichblieb und da⸗ rauf beruhte, daß Goethe einen jungen Künſtler, Meyer ¹), protegierte, der nach ſeiner Meinung die hohen Herrſchaften malen ſollte, wogegen der Herzog ſich auflehnte und aus eigener Machtvollkommenheit ſich den Vater nach Weimar berief. Nie hat Goethe dies vergeſſen; er ging in dieſer Kleinlichkeit ſo weit, daß er ſich entſchieden weigerte, des Vaters Arbeiten zu ſehen. Mein Vater war zu ſtolz, des berühmten Mannes Gunſt durch niedrige Kriecherei zu ſuchen, ließ die Sache auf ſich beruhen und hielt ſich eben fern. Ein großer Gönner von uns war der Rat Krauss), ein lebhaftes munteres Männchen, Hageſtolz ſeines Zeichens und voll unſchädlicher Eigenheiten. Ich mußte ihn oft be⸗ ſuchen und bei ihm zeichnen, worin ich damals große Fort⸗ ſchritte machte. Unterricht in anderen Dingen hatte ich in Weimar nicht, war alſo ganz wieder auf meine Einbildungs⸗ kraft angewieſen. Weibliche Arbeiten, ich geſtehe es, lang⸗ weilten mich, und wenn ich der guten Mutter einen Vor⸗ wurf machen darf, ſo muß ich ſagen, daß ſie es an Beharr⸗ lichkeit fehlen ließ, dieſe Trägheit bei mir zu bekämpfen. Sie ſchalt wohl, aber ſie ließ mich gehen. Der Vater war wohl zufrieden, wenn ich gut zeichnete, und freute ſich über meine zeitige geiſtige Entwickelung, die indeſſen auch eine falſche Richtung nahm. Ich las ungeheuer viel, zwar meiſt Kinderbücher, aber wenn ich unter den Büchern der Eltern kramte, was oft geſchah, machte ich mich auch an dieſe, (wozu ich, wenn die Eltern abends in Geſellſchaft waren, Zeit genug hatte), die ich aber nicht gehörig verdauen konnte, während ſie mir Stoff boten zu Träumereien, denen ich immer mehr nachhing. Mein geſelliger Verkehr mit den Töchtern des Hauſes nahm in der letzten Zeit dadurch ab, daß ſie verlangten, ich ſollte ihre Spiele mit ihrem Bruder und deſſen jungen Kameraden teilen, die meiſt wild und nach meinen Begriffen unſchicklich waren. Die jungen Herren, mit Ausnahme von zweien, die mir große Achtung bezeigten, nannten mich eine Zierpuppe, die man müßte laufen laſſen. Meine beiden jungen Geſpielinnen aber, welche aber gerade auf die jungen Monſieurs, welche ſich zu meinen Rittern erklärt hatten, am meiſten hielten, wurden neidiſch und zogen ſich auch von mir zurück. So blieb ich ¹) Den bekannten„Kunſtmeyer.“ ²) Der Landſchaftsmaler Hofrat Georg Melchior Kraus(1733 — 1806), Direktor der Zeichenſchule in Weimar, hatte bei J. H. Tiſchbein zeichnen gelernt. 14 106 denn zuletzt wieder ganz auf mich ſelbſt und meine kleine achtjährige Schweſter angewieſen, die mir aber zu jung war. Betty, von ungewöhnlich zarter Körperbildung, war ein ſtilles, ſehr reizjbares Kind; wunderbar hatte ſich da⸗ mals ſchon ihre Stimme und ihr Talent für Muſik überhaupt entwickelt. Sie ſang wie eine Nachtigall, und während der Vater morgens malte, ſtudierten wir bei ihm kleine Duos oder Trios ein, die wir, wenn er Séancen hatte, den Sitzenden vorſingen mußten, die ſich denn an uns, in dieſer Beziehung kleinen Wundern, ſehr ergötzten. Aber auch dies frühe Singen taugte nicht. Ich glaube, es legte bei mir den erſten Grund zu dem Nervenreiz, der ſpäter ſich zu einer bedeutenden Höhe ſteigerte und mir viel Qual gemacht hat.— Kurz, unſere Erziehung war nicht praktiſch, wie ich durchaus hätte genommen werden müſſen und wobei ich doch noch ein gut Teil Empfäng⸗ lichkeit für andere Intereſſen würde behalten haben. Nach einem Aufenthalt von ungefähr vier Monaten verließen wir Weimar und begaben uns nach Deſſau), wo wir ein großes, wüſtes, altes Haus bezogen, auf dem kleinen Lindenplatz am Ausgange der Kavalierſtraße dicht an der Johanniskirche. Der Vater fand in dieſem Hauſe ein genügendes Atelier, was die Hauptſache war, und wir übrigen richteten uns ein, ſo gut es ging. In dem ſcheunen⸗ artigen Vorſaal, der unſere Zimmer vom Atelier trennte, lagerte ſich zur Nachtzeit eine Herde grimmig hungriger Ratten, die nur mühſam vertrieben werden konnten. Die häßlichen Beſtien haben mich oft erſchreckt; ſie ſaßen wie Gäſte auf den Stühlen, wenn ich abends mit dem Wachs⸗ ſtock in der Hand hinaustrat. Von meinem Leben in Deſſau habe ich viele und verſchiedene Erinnerungen behalten. Der Vater war an Herrn von Erdmannsdorff“) adreſſiert, in deſſen Familie wir die gaſtlichſte Aufnahme fanden. Seine Gemahlin ſtarb gleich nach unſrer Ankunft und hinterließ zwei Töchter von meinem Alter, mit welchen ich mich ſo befreundete, daß wir endlich täglich zuſammen⸗ waren. Luiſe, die ältere, war ſehr phlegmatiſch und lang⸗ ſamen Geiſtes, die jüngere, Minna, dagegen geweckt, ſehr empfänglich für gemütliche Eindrücke und überhaupt un⸗ gemein! liebenswürdig. Mit ihr verſtand ich mich unendlich ¹) 1) Tiſchbein lebte da von 1795—1800. ²) S. über ihn die Allg. D. Biogr.; Tiſchbein hat ihn im folgenden Jahre(auch für Gleims Freundſchaftstempel, ſ. Körte, Gleim, S. 453) gemalt. Der Künſtler ſollte ihm für die 1795 gegründete (übrigens 1806 bankerott gewordene) chalkographiſche Geſellſchaft in Deſſau alljährlich ein hiſtoriſches Gemälde liefern; doch überſchätzte Erdmannsdorff ihn für die Zwecke der Geſellſchaft. S. Hoſaeus i. d. Mittlgn. d. Vereins f. Anhalt. Geſch. III. 393. 406. viel leichter, als mit Luiſen. Unſere Zuſammenkünfte fanden aber nur morgens und früh nachmittags ſtatt, die Abende verlebten wir ſtill zu Haus, ohne alle Abwechſelung, wenigſtens den erſten Winter. Denn im zweiten Jahr hatten die Eltern ihre Bekanntſchaften erweitert, und im dritten Jahr, wo ich fünfzehn Jahre alt war, wurde auch ich mehr in geſellige Kreiſe eingeführt. Uns gegenüber wohnte eine Hofrätin Köhler, deren Tochter, ein ſchon etwas über⸗ reifes Mädchen von angenehmem Weſen, ſich ſehr an die Eltern anſchloß. Mit der Familie des Handelsherrn Bramigk,)R) eines Handelsmatadors erſter Größe, begabt mit allem Stolz und Geldbewußtſein ſeiner Kaſte, ſchloſſen die Eltern herz— liche Freundſchaft. Das weibliche Perſonal der Familie war teilweiſe ſehr angenehm, beſonders die älteſte, unver⸗ heiratete Tochter, eine verheiratete, die Doktorin Olberg'), und vor allen die über alle Beſchreibung edle, feine Mutter, die in ihrem hohen Alter noch ſchön zu nennen war. Nie ſah ich ſolch einen Ausdruck ſanfter, demütiger Ergebung, als in dem reinen Antlitz dieſer Matrone. Sie hatte viel zu leiden von den Launen und der Aufgeblaſenheit ihres Eheherrn wie von der verkehrten, eigenſinnigen Gemütsart einer jüngeren Tochter, meiner Namensſchweſter, mit der ich aber gottlob! ſonſt nichts gemein hatte. Jeden Sonntag gingen wir nachmittags mit den Eltern zu Bramigks, wo erſtere eine Partie machten und wir Kinder uns wie Kinder amüſierten, ſo gut es ging. Ein Graf Boſe) mit ſeiner Gemahlin, einer geborenen Holländerin, die die Eltern kannten, und ein Baron von Döring mit ſeiner Frau gaben bisweilen Aſſembleen, zu denen die Eltern mich mitnahmen. Bei ihnen erfuhr ich eine Täuſchung komiſcher Art. Ich durfte bisweilen ins Theater gehen. Der erſte Held im Schauſpiel und in einigen Opernrollen war ein gewiſſer Kafka⁴). Schwerlich würde er meine Kritik jetzt aushalten; damals aber geriet ich vor Bewunderung ſeiner Erhabenheit in edlen Rollen oft ganz in Feuer und dachte, wer ſo ſpielen kann, was muß das für ein trefflicher, edler Menſch ſein! Auch ſein Außeres dachte ich mir, ſeiner Erſcheinung auf der Bühne gemäß, ſchön und vurdig Ich brannte vor Verlangen, den außerordentlichen Mann ¹) Er war Beſitzer einer großen Tabaksfabrik. ²) Ihr Gatte, Hofrat Dr. O., war ein geſchätzter Arzt und Vorſitzender der Medizinalkommiſſion. ³) Graf Louis Boſe bewohnte das jetzige Herzogl. Bibliotheks⸗ gebäude, und ſein Haus war ein Hauptſammelplatz der höheren Ge⸗ ſellſchaftskreiſe. ¹) Er war nur vorübergehend an dem erſt 1794 begründeten Theater beſchäftigt. einmal außer der Bühne zu ſehen, wozu ein Konzert bei Herrn von Döring mir endlich verhalf. Ich konnte vor Erwartung kaum die Nacht vorher ſchlafen und begab mich in ſehr erhöhter Stimmung in die Aſſemblee. Die Geſell— ſchaft war faſt ſchon beiſammen, und mein Blick überflog die Reihen der Herren, um den zu erblicken, welcher meine Phantaſie in ſo lebhafte Bewegung verſetzt hatte. Iſt denn Herr Kafka ſchon hier? fragte ich endlich eine Bekannte, und ſie wies bejahend auf einen mittelgroßen, bleichgelben, dürren Mann, um deſſen verzogene, dünne Lippen ein nichts⸗ ſagendes Lächeln ſchwebte, deſſen gerötete matte Augen unſicher umherblickten und deſſen Haltung vollkommen nachläſſig war. Nicht möglich, dachte ich, er kann's nicht ſein. Aber er war es dennoch; ich hoffte nun auf die Entdeckung ſeiner inneren Trefflichkeit, indem ich ſein Äußeres preisgeben mußte. Als ich ihn aber in den fadeſten Gemeinplätzen ſprechen hörte und er endlich auch mich ſeiner Aufmerkſamkeit würdigte, indem er mir fade, läppiſche Schmeicheleien über meinen Geſang— ich hatte ein Paar Arietten geſungen— ſagte, wurde er mir ſo widerlich, daß ich mich empört abwandte; die Eltern, welchen ich meine Enttäuſchung mitteilte, lachten herzlich. Seit⸗ dem ſank mein Enthuſiasmus für die Herrn der Bühne gewaltig. Ich dachte immer, wie mögen ſie hinter dem Vorhang ausſehen und ſprechen! Die Bekanntſchaften der Eltern häuften ſich, wie ich bemerkt habe, im dritten Jahre unſeres Aufenthaltes in Deſſau, und es wäre langweilig, alle die Familien aufzu⸗ zählen, mit welchen wir nach und nach in geſellige Berührung kamen. Damals ſchon, wie ſpäter, ſahen die Eltern des Abends gern Beſuch. Bekannte und Freunde durften ungebeten zur Theeſtunde kommen. Am häufigſten fanden ein Kammerherr von Wolframsdorf, Herr von Leh⸗ mann“) und Hofrat Kuhn ſich ein. Erſterer war ein gutmütiger aber langweiliger Menſch mit der längſten Naſe, die ich je ſah. Er liebte Muſik und veranſtaltete oft kleine Konzerte bei ſich, wo ich als Primadonna fetiert wurde. Allmählich aber zeigte ſich der Herr Kammerherr nicht bloß als Bewunderer meines Geſangs, ſondern meiner Perſon überhaupt und trug mir endlich ſeine Hand an. Ich hatte aber nicht Luſt Frau Kammerherrin zu werden, und ſo erhielt der gute Herr v. W. ein recht zierliches Körbchen, was ihn jedoch nicht ganz aus unſerm Hauſe vertrieb. Er fuhr fort uns zu beſuchen und fürchterlich dabei zu ſeufzen, was mich— 244. Mit dieſer Erzählung Karolinens taucht der unſtäte Sonderling, ¹) Unter dem Titel eines Legationsrats ſtand er(wie Wolframs⸗ dorf) im perſönlichen Dienſte des Fürſten. aber nicht im mindeſten rührte. Ich will geſtehen, daß ich bei meiner damaligen großen Munterkeit mich ſelbſt gern ein bischen über ihn luſtig, machte. Der Dichter Matthiſſon, damals der Fürſtin Luiſen) von Deſſau attachiert,²) welche, getrennt von ihrem Gemahl durch eine höchſt ſeltſame Einmiſchung Lavaters, im Luiſium, einem ſehr ſchönen Landhauſe bei Deſſau, lebte, war oft in Deſſau und bei uns. Sein Äußeres war nicht beſonders auffallend, aber ziemlich angenehm damals; ſpäter entſtellte der zu häufig genoſſene Wein ſein durch Pockennarben ſchon gebräuntes Antlitz durch brennende Röte zu ſehr. Er gab ſich etwas ſentimental wie ſeine Gedichte, die mich ſehr entzückten. Doch konnte er auch ſcherzhaft ſein, und ſeine Unterhaltung gab doch immer etwas aus. ³) Ein anderer, durch Goethe bekannt gewordener Mann, der Hofrat Behriſch), lebte auch in Deſſau, und ſehr genau erinnere ich mich noch ſeiner auffallenden Per⸗ ſönlichkeit, die gerade ſo war, wie Goethe ſie in ſeinem Leben ſo trefflich geſchildert hat³). Er begegnete uns oft auf Spaziergängen, wo er ſich dann meiſt an uns anſchloß und ſich im altmodiſchen Stil ſehr galant gegen die Mutter und mich zeigte. Hofrath Kuhn’) deſſen ich oben erwähnte, war ein lebensfroher, ſehr munterer, geiſtig geweckter Mann, im Dienſte des Prinzen Hans Jörge’), nach deſſen Tode er nach allen Weltgegenden große Reiſen unternahm, ſo daß er noch jetzts), ein hoher Siebenziger, von einer Reiſe nach Griechenland wie von einer Spazierfahrt ſpricht. Noch eine Bekanntſchaft machten wir in Deſſau, die des Hofrat Matteis), eines der größten Originale, die man ſehen konnte. Zwerghaft klein, aber doch ebenmäßig gebaut, hatte er eine ungemeine Gliedergelenkigkeit. Seine ¹) Prinzeſſin von Preußen, Markgräſin von Brandenburg⸗ Schwedt, geb. 1750, vermählt 1768, † 1811. ²) Als Lektor und Reiſegeſchäftsführer. ³) Auch ihn hat Tiſchbein gemalt. S. Döring, Matthiſſons Leben, im 9. Band von deſſen Schriften, S. 246. ⁴) Vergl. Hoſaeus, E. W. Behriſch. Deſſau. 1883 u. Mittlg. d. V. f. Anh. G. III. 492 ff. Behriſch war Erzieher des Erbprinzen. ⁵) S. die Hempelſche Ausgabe, II. 78. Er verdankte ſein Amt in Deſſau der Empfehlung Gellerts. 6) S. auch oben S. 75, Sp. 2. ⁷)(1748— 1811), Bruder des Herzogs Franz. S. Hoſaeus in d. Mittlg. d. Ver. f. Anh. Geſch. IV. 488 u. ö. ³) Die beiden Aufzeichnungen ſind 1837 und 1839 gemacht. *) Eigentlich Matthaei. Vergl. über den merkwürdigen Mann den Aufſatz von Scherer im Göthe⸗Jahrbuch XV.(1894) S. 216 der mit dem Jahre 1796 ſeinem Biographen Scherer aus den Augen entſchwunden war, wieder auf. Vgl. auch Funck, Die Wanderjahre der Fr. v. Branconi, in Weſterm. Mon. H. 1895. S. 172— 185. 13* 10 Phyſiognomie war die häßlichſte, doch hatten ſeine ſchräg liegenden, grauen, blitzenden Augen etwas Anziehendes im Ausdrucke, und bald, wenn man ihn öfters ſah, erſchien er kaum mehr häßlich. Ein wunderlicher Enthuſiasmus beſeelte ihn für Perſonen und Gegenſtände ſehr verſchiedener Art. Die Frauen und Mädchen, welchen er wohlwollte, hatte er ordentlich unter verſchiedene Benennungen klaſſificiert, Himmelskinder, Engel, einzige Seelen, Silberfädchen, Gold⸗ herzen u. ſ. w. Mich verglich er, der Himmel weiß warum, mit der Handſchrift eines ſeiner Freunde. Übrigens rangierte ich unter den Himmelskindern, meine Mutter nannte er Sophienherz, Betty war ein Silberglöckchen. Mattei war, als wir ihn kennen lernten, ſchon ein Mann von 60 Jahren, ſo ſchien er, viele aber wollten behaupten, er müſſe älter ſein ¹1). Man hielt ihn für einen getauften Juden, ohne es gewiß ſagen zu können ²). Familienverhältniſſe waren und blieben unbekannt. Als Hofmeiſter eines Herrn von Branconisz) war er zuerſt Dieſer Branconi lebte jetzt ver- nach Deſſau gekommen. heiratet in Deſſau, und Mattei beſuchte ihn oft. Branconi wußte oder wollte nicht mehr von ihm wiſſen und ſagen als andere. Merkwürdig aber war es, daß Mattei in Verbindung mit den meiſten Höfen Deutſchlands und vielen vornehmen und berühmten Perſonen ſtand. Der Fürſt wie die Fürſtin und die Erbprinzeß von Deſſau hielten ſehr viel von ihm. Er hatte bei den Herrſchaften freien Zutritt, er mochte kommen wann er wollte, und freie Tafel. Die Königin Luiſe von Preußen hatte er unvermählt gekannt; er ſtand in hoher Gnade bei ihr und blieb es, als ſie ſpäter Königin wurde. Mit dem Weſen der höchſten Offenheit verband er die feinſte Diskretion. Offenbar genoß er das Vertrauen dieſer höchſten Herrſchaften und mochte in mancher Angelegenheit in ihre Dienſte verwickelt ¹) Er war 1744 in Nürnberg geboren und ſtarb 1830 in Neuſtrelitz. ²) Er war es allerdings; ſein Vater, der Fürther Simon Geithel, hatte ihn und ſich 1748 taufen laſſen. S. Scherer a. a. O. S. 217. ³) Er war eigentlich Erzieher des 1767 gebornen Grafen von Forſtenburg geweſen, eines natürlichen Sohns des Herzogs von Braun⸗ ſchweig und der bekannten, 1793 verſtorbenen Frau von Branconi; übrigens war dieſer ſein Zögling ſchon 1794 an den Folgen ſeiner bei Kaiſerslautern erhaltenen Wunden geſtorben. Der zwei Jahre ältere, legitime Sohn der berühmten Schönheit, Franz Anton Salvator von Branconi, iſt nach einem ehrenvollen Leben 1827 als preußiſcher Landrat und Kammerherr geſtorben.(S. Zenker in der Allg. Zeitung 1889, Beil. 199.) Mattei hat wohl auch ihn erzogen, iſt aber nicht als ſein Hof⸗ meiſter nach Deſſau gekommen; einem Reiſemarſchall Branconi, der wohl mit dem ebengenannten identiſch iſt, ließ der Fürſt ein ſchönes, noch heute ſtehendes Haus bauen; übrigens erhielt Mattei zeitlebens von der Familie Branconi ein Jahrgehalt ausgezahlt. Seine ſein; doch rühmte er ſich deſſen nie, ſondern ging ſtets leicht, ohne alle Anmaßung oder Wichtigthuerei über die Beweiſe von Achtung hinweg, die ihm höhere Perſonen erwieſen. Oft, erinnere ich mich, wurde er plötzlich von uns abgerufen, um zum Fürſten oder zur Erbprinzeß zu kommen. Er genügte dieſer Aufforderung ohne alle Bemerkungen oder zu große Eile, und niemals fiel es jemand ein, ihn zu fragen, was denn die gnädigen Herr⸗ ſchaften mit ihm vorhätten. So natürlich nahm er dieſe Auszeichnungen als von ſelbſt verſtanden an, und ſo gewiß war man ſeiner unverbrüchlichen Diskretion. Nach einer langen Abweſenheit kam er gewöhnlich unangemeldet mit großem Jubel an und warf ſeinen Hut ein paarmal hoch in die Luft unter einer Menge der freudigſten Ex⸗ klamationen, wohlverſtanden aber nur, wenn er die Mutter Geſelligkeit ſtatt. mit uns Mädchen allein fand; denn vor Männern nahm er ſich zuſammen, doch ohne daß es den Anſchein hatte, als thäte er es mit Fleiß. Er erweckte Vertrauen und wußte bei den meiſten Gelegenheiten Rat. Doch muß ich bemerken, daß er im allgemeinen bei den Frauen mehr Glück machte, als bei den Männern. Mein Vater hatte nichts gegen ihn, aber auch nichts für ihn. Viele andere Männer aber konnten ihn nicht leiden, er war ihnen zu exaltiert. Meiner Meinung nach aber verſtanden die Männer nicht ihn richtig zu beurteilen. Weit entfernt, daß es ihm an Tiefe und Ernſt gefehlt hätte, zeigte er vielmehr— des konnte man ſicher ſein— dieſe Eigenſchaften in hohem Grade, wenn der Anlaß dazu aufforderte. Man konnte von ihm ſagen, er war überall und nirgends zu Hauſe; denn in aller Herren Ländern fand er in dem Hauſe eines Freundes oder hohen Gönners eine Heimat; ſo koſteten ihm nur ſeine Fahrten, ſein Aufenthalt nie etwas. Seine Lebensgewohnheiten waren äußerſt bedacht und mäßig; ſeine Toilette ſehr einfach, und ich habe ihn nie anders geſehen, als grau in grau gekleidet, mit einer ſchmalen weißen Halsbinde und hoch zugeknöpfter grauer oder weißer Weſte. Eine Jugendfreundin, die ich mir in Deſſau noch gewann, war Jettchen Feder, älteſte Tochter des Profeſſors Feder in Deſſau ¹). Dieſer hielt eine Penſion für junge Leute, und in ſeinem Hauſe fand eine einfache, aber muntere Bald verband mich mit Jettchen eine warme Freundſchaft, die mich etwas den Schweſtern Erd⸗ ¹) Über Chriſtoph Friedr. Feder, 1752—1807, ſ. Hoſaeus a. a. O. IV. 437. Er war Lehrer an Baſedows Philanthropin geweſen und gründete nach der Auflöſung des letzteren(1793) eine eigene Anſtalt, zu deren Schülern auch eine Zeitlang der Fürſt Pückler⸗ Muskau gehörte. 109 mannsdorff entfremdete, mindeſtens Luiſen, deren Sinnesart, indem ſie ſich jungfräulich entwickelte, mir immer weniger zuſagte, obwohl ich in ſtetem freundſchaftlichen Verkehr mit ihr blieb. Hier iſt nun wohl Zeit etwas von meinem inneren Menſchen zu berichten, ſo gut das der Menſch von ſich ſelbſt kann. geneigt, ſich ein wenig zu belügen, wenn es auch ohne alle Abſicht geſchieht. Die Spiegel, die wir unſer Inneres re— flektieren laſſen, ſind Schmeichler. Von einem tiefſinnigen Kinde war ich zu einem lebensfriſchen, oft recht mutwilligen Mädchen gediehen. Wenigſtens zeichnete ich mich durch Lebhaftigkeit und leichtes Auffaſſen geſelliger Anforderungen merklich vor meinen Geſpielinnen aus. Ich knüpfte leicht Unterhaltungen an und überließ mich, wo ich Anklang fand, der Freude mit großer Lebendigkeit. Meine ſehr früh geweckte Phan⸗ taſie fand überall Nahrung und ſchmückte die Wirklichkeit mit Glanzbildern, die bei einer weniger ſittlichen Richtung, als ich ſie glücklicherweiſe hatte, ſehr gefährlich werden konnten und die mir doch gewiſſermaßen ſchadeten. Ich nahm die Menſchen ſelten wie ſie waren, ſondern wie ich ſie haben wollte. Leicht Feuer und Flamme für neue Erſcheinungen und geſtört, wenn ich mich getäuſcht ſah, geriet ich in eine innere Unſicherheit über mein eigenes Urteil, das ſpäter oft bis zum Mißtrauen ging und mich in ſchwankende Zuſtände verſetzte, die meinen Hang zur Träumerei nährten und mich immer unpraktiſcher machten. Ich hätte einer anderen Leitung bedurft als derjenigen meiner gewiß trefflichen, aber mich nicht verſtehenden Eltern. Der Vater, zu ſehr befriedigt durch mein Talent zur Muſik und zum Zeichnen, hielt mich einen großen Teil des Morgens bei ſich feſt. Er ſtrebte eifrig danach, dieſe Talente völlig bei mir zu entwickeln, und überzeugt, daß er ſich hinſichtlich meiner ſittlichen Bildung getroſt auf die Mutter verlaſſen könne, forſchte er meiner Denkweiſe und meinen Empfindungen nicht ſonderlich nach. Ich mußte ihm oft vorleſen, franzöſiſch oder deutſch. Er merkte, wie ich das Geleſene begriff, ohne zu beachten, wie es wirken konnte. Hinſichtlich unſeres äußeren Benehmens betrachtete er uns ſehr ſcharf, und ich gab ihm in dieſer Beziehung keine Urſache, mit mir unzufrieden zu ſein. Was mich innerlich auch erregen mochte, zeigte ich doch in Geſellſchaft ein ſo gehaltenes Benehmen, daß ich für ein höchſt verſtändiges Mädchen galt. Wer mich aber mit Jettchen Feder oder den Erdmannsdorff geſehen hätte, würde mir dieſe gute Meinung wieder entzogen haben. So ſehr überließ ich mich bei dieſen drei vertrauten Freundinnen oft den Sprüngen meiner Phantaſie und einer Exaltation, die dieſe bei weitem ruhigeren Seelen nicht begreifen konnten, an der ſie ſich aber ergötzten. Ich konnte aber auch Stunden voll Ernſt und tiefer Betrachtung haben. Kurz, ich war ein Compoſitum von ſehr verſchiedenen Beſtandteilen, wovon ten, billig einige ſcharf hätten ausgemerzt werden müſſen. Man iſt, indem man ſich ſchildert, nur zu Vielleicht hätte ein religiöſer Unterricht, wie meine Kinder ſo glücklich waren ihn zu genießen, viel zu einer ſolchen inneren Reife beigetragen; einen ſolchen fand ich aber nicht. Die ſtarre Orthodoxie des Predigers, welcher mich unterrichtete, er⸗ kältete mich, ja leider that ſie noch mehr, ſie beluſtigte mich. Je näher indes der Konfirmationstag rückte, je ernſter wurde mir zu Mut. Ich las viel im neuen Teſtament und hielt mir die Wichtigkeit des Tages vor, an welchem ich Gott geloben ſollte, auf Erden vor ihm nach ſeinem Geſetz zu wandeln. Den Tag ſelbſt beging ich in wirklich andächtiger, tief bewegter Stimmung. Es war im Früh⸗ jahr[1799], als ich konfirmiert wurde. Ich hatte damals mein fünfzehntes Lebensjahr be⸗ ſchloſſen, und ein neuer Lebensabſchnitt begann für mich. Bald nach der Konfirmation traten wir alle eine Reiſe an. Ich mit meiner kleinen Schweſter ſollte auf ein paar Monate zu der Familie Bertuch) nach Weimar kommen, ein Plan, den Mattei ausgeheckt hatte. Die Mutter war zu Wilhelm Schlegel eingeladen, der damals mit ſeiner erſten Frau in Jena lebte, und der Vater reiſte nach Karlsbad. Betty und ich fanden im Bertuchſchen Hauſe die liebevollſte Aufnahme, und daß es mir da nicht gerade gefiel, lag gewiß mehr an mir, als an der braven Frau Bertuch, ihrer Schweſter und der erwachſenen Tochter, die damals eben mit Froriep) verſprochen war und jetzt ſchon in kühler Erde ſchlummert. Wir bewohnten mit der Tochter des Hauſes drei hübſche Stuben im dritten Stock, hatten Muſikunterricht, und ich ſollte mich nach Freund Matteis verſtändiger Berechnung in dieſem durchaus prak⸗ tiſchen, geregelten Haushalt zu meinem Nutzen umſehen. Davon wurde aber, geſtehe ich beſchämt, nichts. Vielmehr gehört dieſe Zeit zu der unnützeſten in meinem Leben Zu befehlen hatten mir meine freundlichen Wirte nichts, und aus eigenem Antrieb fand ich mich zu häuslich thätiger Wirkſamkeit gar nicht aufgefordert. Durch des Vaters ¹) Der Buchhändler und Schriftſteller Fr. J. B., 1747— 1822, Geheimſekretär Karl Auguſts, ſtand mit Goethe und dem Weimariſchen Litteraturkreis in der engſten Beziehung. S. über ihn d. Allg. D. Biogr. II. 552. ²) Ludwig Friedrich Froriep, 1779—1847, Profeſſor der Chirurgie in Jena, Halle und Tübingen, zuletzt Obermedizinalrat in Weimar, leitete ſpäter auch das Verlagsgeſchäft Bertuchs. — 110 Bertuch Güte reichlich mit Büchern verſehen, lag ich ſtundenlang darüber feſt; dann wurde Muſik getrieben, gezeichnet, ſpazieren und in Geſellſchaft gegangen, wo ich mehr gefiel, als mir juſt taugte. Lottchen Bertuch, nicht im mindeſten hübſch, aber ſehr verſtändigen und häuslichen Sinnes, konnte nicht auf mich einwirken, weil ſie nicht zu mir paßte. Ich mag ihr manchen Anſtoß dadurch gegeben haben, daß ich in meiner Stube mehr genial als ordentlich wirtſchaftete, was ſehr im Kontraſt ſtand zu den guten Lehren, die ich meiner elfjährigen Schweſter erteilte, welche zu bemuttern ich angewieſen war. Doch verſöhnte meine Gutmütigkeit Lottchen mit meinen Fehlern, wie ich glaube. Auch nahm ich manchmal einen Anlauf, ihrem Beiſpiel zu folgen; aber es war nicht von Dauer, und ſo verfloſſen etwa ſechs Wochen, bis uns die Mutter nach Jena abholte. Aufrichtig geſagt, glaube ich, daß Bertuchs ſich nicht grämten, die kleinen Gäſte los zu werden; ich grämte mich aber auch nicht und verließ gern ein Haus, wo ich mehr Proſa fand, als meine Natur vertrug. Im Schlegelſchen Hauſe in Jena gabs dagegen Poeſie genug, aber keine Ordnung. Dieſe Wirtſchaft über⸗ ſtieg jede mögliche geniale Unordnung und wurde mir ſo erſt die Notwendigkeit einer Bei Schlegels war widerlich, daß ich dadurch beſſeren Einrichtung ſchätzen lernte. ich viel ordentlicher als bei Bertuchs. war gar nicht ſchön, kaum hübſch, aber ihre nette, gewandte, kleine Geſtalt war graziös, wie ihr ganzes Weſen, und in dem von Pockennarben etwas beſchädigten Antlitz lag ſo viel Einnehmendes, in ihren Augen leuchtete ſo viel Geiſt, und ihre Lippen zeigten, wenn ſie ſich öffneten, ſo ſchöne Zähne, daß man allenfalls die Neigung begreifen kann, welche nicht bloß Schlegel, ſondern auch viele andere Männer ihr maßlos widmeten. Von Deſſau wollten Schlegels damals nach Jena gehen, wo er eine Profeſſur angenommen hatte. Schlegel gehörte zu der damaligen Zunft anmaßender Schriftſteller, in der Roheit, hämiſche Spottſucht und die frechſte Unſittlichkeit mit dem Stempel der Genialität bezeichnet wurden und deren Haupt er mit ſeinem Bruder bildete. Von ihnen gingen die Lucinden u. ſ. w. aus, Werke, die jetzt gottlob! ſelbſt Männer zum Teil nicht kennen oder nach ihrem wahren Wert zu beurteilen wiſſen. Unzählige Streitigkeiten ſetzte es über dieſe unreinen Geiſtes⸗ erzeugniſſe, die doch ihres Verfaſſers beſſere Natur verleug⸗ neten, zwiſchen Schlegel und meinem Vater, der den Um⸗ gang mit wiſſenſchaftlich gebildeten Männern ſehr liebte und ſuchte und mit vielen Gelehrten und Schriftſtellern freund⸗ ſchaftlich verbunden war; über dieſe Schlegelſchen Produkte aber fühlte ſich mein Vater, der ſich an den früheren Leiſtungen des jungen Mannes erfreut hatte, ganz empört Ein munteres Leben herrſchte im Schlegelſchen Hauſe. V erften Mal hörte ich ihn bei einer ſolchen Gelegenheit eine Von Frau Schlegel, der ehemaligen Böhmer, ihrem Ver⸗ hältnis zu Schlegel, von der Bedingung, unter welcher ſie ihm, Schlegel, ihre Hand gereicht hatte, habe ich ſchon oben geſprochen. Im zweiten Jahre unſeres Aufenthaltes in Deſſau brachte er die junge Frau mit einer allerliebſten Stief⸗ tochter nach Deſſau, wo ſie etwa vierzehn Tage bei uns wohnten. Dieſe Stieftochter, Auguſte Böhmer, war ein liebliches Mädchen von etwa vierzehn Jahren und, man mußte geſtehen, gut erzogen. Es iſt eine oft gemachte Erfahrung, daß Frauen von leichten Grundſätzen bemüht ſind, ihren Töchtern ganz entgegengeſetzte Geſinnungen einzuflößen, gleich als wollten ſie ſich dadurch entſündigen oder ſich Für⸗ ſprecher vor Gottes Thron bilden in den geliebten Weſen, welche ſie vor dem Gift bewahrten, das ſie ſelbſt verzehrt. Auguſte war ein fleckenloſes Kind, ihr Stiefvater betete ſie an, und man mußte der Mutter um des Engels willen, den ſie verderben konnte und doch ſo heilig hielt, die eigene Schuld nachſehen. meine Eltern; ſie waren freundlich gegen Madame Schlegel, obwohl der Vater, ungewonnen durch Genialität, ihr oft tüchtig was abgab, was ſie ganz aller⸗ liebſt aufnahm und wieder vom Armel ſchüttelte. Ich glaube, ſo empfanden und ſprach ihm ſeine Meinung unumwunden aus. Zum unartige Antwort geben. Schlegel perſiflierte jemand in einem Geſpräch mit dem Vater ganz jämmerlich und ſprach ſogar über deſſen Phyſiognomie des Anathema aus. Auf des Vaters Einwurf, daß der Mann ſich ſein Geſicht doch nicht ſelbſt gemacht habe, antwortete Schlegel:„Ei was, jeder tüchtige Menſch vermag ſich ſelbſt ſein Geſicht zu ſchaffen.“ Im vollen Zorn verſetzte der Vater:„Könnte man dies, ſo würden Sie beſonders wohlgethan haben, ſich ein anderes zu machen.“—„Sie“, ſagte der Vater einmal heftig erregt zu der Frau,„Sie ſind die Schlange, welche Schlegel verführt, von Ihnen empfängt er das verderbende Gift, um es weiter zu verbreiten.“ Die kluge Frau lachte und wußte durch irgend eine ſcherzhafte Wendung Schlegels aufſteigenden Zorn wie des Vaters Heftigkeit zu beſchwören. Die Männer blieben Freunde, aus alter Gewohnheit und angeborener Gutmütigkeit, und beim Abſchied mußte die Mutter verſprechen, das Ehepaar zu beſuchen, was denn jetzt auch geſchah. ihre anmutige Sie getrennt, wohnte der Juſtizrat Hufeland. Schlegels wohnten in Jena ſehr beſchränkt. Ihnen gegenüber, ich glaube die Häuſer nur durch einen Hof Die Juſtiz⸗ 111 rätin war eine ſehr elegante, lebensluſtige Frau und wie ihr Mann ſehr mit Schlegels befreundet. Viele intereſſante Männer mit ihren Familien bildeten damals in Jena eine ſehr anziehende Geſelligkeit. Paulus, Mereau, Loder, Frommann waren mit Schlegels und Hufelands befreundet. ¹) Auch Gries gehörte zu dieſer Elite, ſowie viele junge liebenswürdige und geiſtvolle Studierende. Es war ein Kreis, wo Luſt und Leben herrſchte, Bälle, Landpartien, kleine Maskeraden, alles gab es da, um junge Gemüter anzuziehen, vielleicht auch zu verlocken. Es war eine muntere Zeit, die ich unbefangen hinnahm und genoß. Gut war es jedoch, daß dieſe Zeit nicht zu weit ausgedehnt wurde und daß ich in Auguſte den Genius fand, deſſen Einfluß und kindlicher Umgang mich mehr beherrſchte als andere Eindrücke. Einige Tage nach unſerer Ankunft in Jena kam Schelling an und bezog eine Stube im Schlegelſchen Hauſe, wo er auch nebſt mehreren jungen Leuten ſeinen Mittagstiſch hatte. Dieſer letzte war nicht der beſte, viel⸗ Wahrnehmungen machte ich mehr gab es ein abſcheulicheres, ungeſunderes Eſſen als hier wohl ſelten. Vielleicht wußte Frau Schlegel oft um 12 Uhr noch nicht, was Sie kochen laſſen wollte. Saure Gurken, Kartoffeln, Heringe und eine unſchmackhafte Waſſer⸗ ſuppe halfen dann aus. Die Würze zu dieſem Mahl lieferten geiſtige Beſtandteile bei der unnachlaſſenden Gewandtheit der Wirtin, alle zu beleben und anzureizen, ihren Witz leuchten zu laſſen, ſo daß die Geſellſchaft über dem Sprechen das Eſſen vergaß. Wie Frau Schlegel verſtand, Herzen zu gewinnen, bezeugt ihr dritter Mann, Schelling. Schelling dachte, als er nach Jena kam, an nichts weniger als daran, dies zu werden; er hatte ſich ſogar höchſt nachteilig über die Schlegel geäußert und verſichert, ihn werde ſie nicht behexen. Sicher iſt es, daß der Dame dieſe AÄußerungen bekannt wurden. Wie ſie es aber anfing, ihn als Gaſt oder Mieter— ob erſteres oder letzteres, weiß ich nicht mehr— ins Haus zu bekommen, blieb unerörtert. Genug, er kam. Mir nicht, aber der Mutter, wie ſie ſpäter erzählte, wurde bald bemerkbar, daß ſich zwiſchen Schelling und ſeiner Wirtin ein Verhältnis entſpann, unter dem Schlegel ſehr litt. Ich entſinne mich, daß einſt nach einem kleinen Ball bei Schlegels, als alle Gäſte ſchon fort waren und ich in den Saal zurückkehrte, um etwas zu holen, Schlegel und ſeine Frau ¹) Über Hufeland, den Rationaliſten Paulus, den Juriſten Mereau, den erſten(von ihr geſchiedenen) Gatten von Cl. Brentanos erſter Frau, der Dichterin Sophie M. geb. Schubert, den Mediziner Loder, den Tiſchbein gemalt hat, Frommann und den Überſetzer Gries ſ. d. Allg. D. Biogr.. in großer Aufregung neben einander einherſchritten. Er weinte, ſie ſah ſehr entſchloſſen und erhitzt aus. Dieſe ſchnell und teilte ſie der Mutter mit.„Sie werden ſich gezankt haben“, antwortete die Mutter leichthin, und ich dachte nicht weiter darüber nach. Sehr angenehme Stunden brachten wir bei Loders, Hufelands und Frommanns zu. Bei Hufelands gab es einſt eine klkeine Maskerade, wo ich als Sultanin, Schlegel als Sultan koſtümiert, wie behauptet wurde, uns vortrefflich ausnahmen. Eine andere Fote nur für junge Leute nahm ein Ende, das mich verſcheuchte. Unter anderen ange⸗ nehmen, munteren jungen Leuten gehörte auch ein gewiſſer Winckelmann“) zu dieſem Kreis, der bisweilen mehr Student als feiner Herr war. Bei der gedachten Fote, als wir nach allerhand Spielen am Tiſch ſaßen, fing Winckel⸗— mann plötzlich, begeiſtert durch häufig genoſſenen Punſch, an zu ſingen:„Uns iſt ſo kannibaliſch wohl, als wie fünf⸗ hundert Säuen“. Er begleitete dieſe Rede mit ſo ausdrucks⸗ voller Freundlichkeit gegen ſeine Nachbarin, was ich glück⸗ licherweiſe nicht war, daß mir alle Luſt verging, länger zu bleiben. Ich ſtand auf und entfernte mich mit Auguſte ſogleich. Gegen das Ende unſeres Aufenthaltes in Jena kam Friedrich Schlegelan. Seine erſte Erſcheinung befremdete mich ſehr. Ich ſtands im Speiſezimmer am Fenſter, als eine kurze, gedrungene Geſtalt, bewaffnet mit einem tüchtigen Knotenſtock, in höchſt unſcheinbarem, ja unſauberem Anzug mit dem Ranzen auf dem Rücken keck in das Zimmer trat. Ich erſchrak und ſah in ihm einen dreiſten Bettler. Er bemerkte es lächelnd und hätte ſich wohl mit meiner Verlegenheit längere Zeit Spaß erlaubt, wäre nicht gerade ſeine Schwägerin eingetreten und hätte ihn be⸗ willkommt. Friedrich Schlegel gefiel mir übrigens nicht ſonderlich, und die Aufmerkſamkeit, welche er mir erwies, konnte mich nicht günſtiger für ihn ſtimmen. Die Mutter bereitete ſich endlich zur Abreiſe. Ohne zu wiſſen, warum, bemerkte man je länger, je mehr das ¹) Es war der Neffe des Dichters Leiſewitz, der Mediziner und Dichter Stephan Auguſt Winckelmann, der ſich zu den Romantikern hielt, aber ſchon 26jährig als Profeſſor am anatomiſch⸗chirurgiſchen Kollegium ſeiner Vaterſtadt Braunſchweig 1806(nicht 1810, wie es bei Pütter⸗Saalfeld, Verſuch e. akad. Gel.⸗Geſch. III. 173 und bei andern heißt) ſtarb. Vergl. A. Steig, Achim von Arnim ꝛc. S. 172, wo Brentano im Mai 1806 an Arnin ſchreibt:„Vorgeſtern erhielt ich die Nachricht von Winckelmanns Tod durch Wilken, der ſie von Bouterwek in Leipzig gehört hat. Er ſtarb im Februar an einem ſchnellen Nervenfieber, ſo ſchnell, daß Bouterwek Aufſätze von ihm für ſeine Veſta und ſeine Todesnachricht zugleich erhielt.——— Mich dauert der ganze gute Kerl, der vor Klaſſiker⸗, Studenten⸗ und Dozentenleben gar nie zu rechtem Menſchenleben gekommen iſt.“ 112 geſtörte Verhältnis Schlegels und ſeiner Frau. Er war auffallend übellaunig, ſie behandelte ihn mit kalter Ver⸗ achtung. Schelling betrug ſich, als ginge ihn das gar nichts an, er zeigte ſich freundlich gegen Schlegel, während er ſich ganz vertraulich gegen die Frau benahm und deren Tochter Auguſte eine ungemeine Zärtlichkeit bewies, die aber von dem jungen Mädchen ſchroff zurückgewieſen wurde. Es war, als ob damals in der frommen, reinen Seele ein Verdacht gegen die Mutter erwachte und gegen den zweiten ihr aufgedrungenen Stiefvater ein Abſcheu, welcher ſie bei ihrer zarten geiſtigen und körperlichen Organiſation einem frühen Grabe zuführte. Auguſte und ich nahmen ſchmerzvollen Abſchied; ich zwar ahnte von dem, was wenige Wochen nachher ſich ent— wickelte, noch nichts. Aber Auguſte zerfloß in Thränen und wollte mich und Betty gar nicht laſſen. Wir ſahen uns nie wieder. Bald nachher wurde Schlegels Ehe aufgelöſt, und einige Monate ſpäter war die getrennte Frau mit Schelling verheiratet. Meine Korreſpondenz mit Auguſte dauerte fort, ¹) die veränderten häuslichen Verhältniſſe aber überging ſie in ihreu Briefen ſo viel als möglich. Sie ſtarb leider bald nach der Verheiratung der Mutter, ²) und ihr Tod betrübte mich tief. Was muß ihre Seele gelitten haben in der Ent— würdigung einer Mutter, die ſie ſo ſehr liebte! Wir kehrten alſo nach Deſſau zurück, wo wir aber nicht lange mehr, nur etwa bis Neujahr verweilten, um dann nach Leipzig überzuſiedeln. Ich verließ Deſſau un⸗ gern, hauptſächlich um Jettchen Feders willen, aber auch außerdem hatten ſich dort manche angenehme geſellige Bande für mich geknüpft. In der letzten Zeit waren wir, d. h. die Mutter und wir Töchter, oft bei der Erbprinzeß von ¹) Je ein Brief von Karoline Schlegel und Auguſte Böhmer iſt noch vorhanden. ²) Dies iſt unrichtig. Auguſte Böhmer ſtarb im Bade Bocklet am 12. Juli 1800(ihr ſchönes Grabmal von Thorwaldſen ſ. b. Thiele, a. a. O. Taf. 48); erſt am 17. Mai 1803 wurde Karoline Schlegel geſchieden und am 26. Juli 1803 mit Schelling getraut. S. Schellings Leben in Briefen, I. S. 255 und 465. Die ſchönen Briefe der geiſtreichen Frau, die von Schelling, mit dem ſie bis zu ihrem im Jahre 1809 erfolgten Tode in glücklichſter Ehe lebte, als ein„Meiſterſtück des Geiſtes“ bezeichnet wurde, wurden von Waitz herausgegeben unter dem Titel„Karoline“, 1871. 2 Bde.; die beigegebenen Stiche von Mutter und Tochter ſind nach den von Friedr. Tiſch⸗ bein gemalten Porträten gefertigt. Strenger als Waitz und Haym (Prß. Jahrb. XXVIII. 457— 506) geht J. Janſſen(Zeit⸗ und Lebensbilder. 2. Aufl. 1876. S. 156—233) mit der„dautſchen Kultur⸗ dame“ ins Gericht. Deſſau ¹) zum Thee. Dieſe vortreffliche Frau liebte die Muſik und fand beſondere Freude an unſerem Geſang, der ſich immer mehr vervollkommnete, indem ich gründlichen Unterricht erhielt, Bettys Stimme ſich auch mehr be⸗ feſtigte und unſere Trios durch der Mutter herrliche Alt⸗ ſtimme zu einer wahren Kunſtvollendung gediehen. Wir er⸗ langten eine Art Berühmtheit, welche dem Vater vielleicht noch mehr Freude machte als uns. Bevor ich mit meinen Erinnerungen von Deſſau ſcheide, muß ich noch eines Vorfalls gedenken, der nicht ohne Einfluß auf mein Gemüt war. Es beſtand in Deſſau ein Pickenick, wozu die Honoratioren ſich alle vierzehn Tage verſammelten. Die AÄlteren ſpielten, und nach Tiſch wurde getanzt. Ich fand dieſe Bälle in einem engen, nichts weniger als eleganten Lokal, welches obendrein aus einem Nebenzimmer, worin die Herren rauchten, mit Dampßf erfüllt war, gar herrlich und war beglückt, wenn die Eltern mich mitnahmen. Dort machte ich die Bekanntſchaft eines Herrn Advokaten Schubring,* der ſich bald zu meinem Verehrer erklärte und endlich ernſte Abſichten zu erkennen gab. Es war ein recht braver Mann; um mir aber damals zu ge— fallen, hätte er ein Grandiſon ſein müſſen, und das war er freilich nicht, ſo wenig als ich eine Henriette Biron war, obwohl ich nicht geringere Anſprüche als dieſe junge Dame machte hinſichtlich einer Wahl. Ich behandelte den guten Advokaten etwas leichthin und ſchnöde. Das ſollte mir aber nicht ungeſtraft hingehen. Das letzte Pickenick, dem ich beiwohnte, war beſtimmt, mir eine gute Lehre zu geben. Herr Schubring, der erſte mich aufzufordern, drückte dabei ziemlich deutlich ſeine Empfindungen aus, für die ich nur eine ſpottende Erwiderung hatte, indem ich ihm zu— gleich den erbetenen Tanz verſagte und bald darauf mit einem anderen Herrn antrat. Als ich mich um auszu⸗ ruhen in eine Ecke des Saales ſetzte, nahm Herr Schubring einen leerſtehenden Stuhl neben mir ein; er ſah ſehr ernſt aus, und ich fühlte im Bewußtſein meines ungehörigen Be⸗ nehmens ſeinem Blick gegenüber mich verlegen. Wir ſchwiegen beide eine Weile. Dann unterbrach er zuerſt dieſe etwas peinliche Stille.„Sie haben mir heute weh gethan, liebe Mamſell Tiſchbein“, ſagte er,„vielleicht ohne es gerade zu wollen, denn ich hatte bisher eine zu gute Meinung von Ihnen, um anzunehmen, daß Sie abſichtlich mich kränken wollten“. Ich konnte ihm nichts erwidern; ¹) Chriſtiane Amalie, Prinzeſſin von Heſſen⸗Homburg, geb. 1774, verlor ihren Gemahl, den Erbprinzen Friedrich, ſchon 1814 und ſtarb 1846. ²) Wohl ein Stiefbruder des auf Predigers. S. 77 Sp. 1 genannten 113 er fuhr fort:„Wären Sie mir gleichgültig, ſo würde ich kein Wort mehr an Sie richten; aber ich halte es für der Mühe wert, weil Sie mir nicht gleichgültig ſind, Ihnen zu ſagen, daß es eines guten Mädchens unwürdig iſt, wenn ſie einen braven Mann, weil ſie ſeine Neigung nicht erwidert, verſpottet; ſeine ehrliche Geſinnung wenigſtens ſollte erkannt werden, und glauben Sie mir, ſo zurückge— wieſene Männer, wie ich von Ihnen, haben, wenn ſie wollen, Waffen gegen Ihr Geſchlecht in Händen, die gefährlich ſind“. Ich kann nicht ſagen, wie ſehr dieſe Worte mich be— ſchämten, die Thränen traten mir in die Augen; aber der Mann hatte recht, er gab mir, was ich verdiente. Gerecht genug, dies einzuſehen, war ich bald bereit, es auch zu ge⸗ ſtehen. Ich ſagte ihm alſo, daß ich Unrecht gehabt im Übermut meines oft zu fröhlichen Herzens, daß ich für eine Lehre danke, die ich nie vergeſſen würde, und bat ihn, mir ſeine Achtung wieder zu ſchenken. Er ergriff auch mit Thränen in den Augen meine Hand und verſicherte mich, er werde ſtets den innigſten Anteil an meinem Wohl nehmen, und ich möchte auch ihm ſeine Freimütigkeit ver⸗ zeihen. So endete dieſe Szene völlig verſöhnend. Ein behagliches Stillleben genoſſen wir gerade be⸗ ſonders während der Jahre, die wir in Deſſau zubrachten. Unvergeßlich ſind mir dieſe freundlichen Abende geblieben. Die Eltern gingen nur ſelten in Geſellſchaft. ſpeiſten wir zu Mittag, weil der Vater, die kurzen Winter⸗ tage möglichſt nutzend, bis dahin malte. Nach ſeinem Mittagsſchläfchen und genoſſenem Kaffee begann dann die Mutter ihr Amt als Vorleſerin. Der Vater beſchäftigte ſich dabei mit Entwürfen zu Gemälden oder kleinen Zeich— nungen in Crayon, und wir ſtrickten, nähten oder ſpielten mit einer Art Puppen, die wir aus ſteifem Papier zierlich zu ſchnitzeln verſtanden und welche ich mit erwachendem Kunſtſinn ziemlich glücklich ausmalte. Die Mutter las geſchichtliche Werke, Reiſebeſchreibungen, oft aber auch einen guten alten oder neuen Roman vor. Zu der ernſten Lektüre lieferte der Vater gewöhnlich unterrichtende Kommentare, und gar manches lernte ich auf dieſe Weiſe ſpielend. Die würdige Perſönlichkeit des edlen Fürſten ¹) von Deſſau, ſein echter Kunſtſinn machten dem Vater ſein Ver⸗ hältnis zu ihm ſehr angenehm. Der Fürſt beſchäftigte ihn reichlich und pflegte oft in den Morgenſtunden bei dem Vater unangemeldet einzutreten und gemütlich ein Stündchen in deſſen Atelier zu verkehren. Einſt befand ich mich dort ¹) S. über ihn Reil, v. Deſſau, 1845. Leopold Friedrich Franz, Herzog Um 3 Uhr in ſehr leichtem Negligé, als der Fürſt plötzlich eintrat: erſchreckt flüchtete ich hinter ein großes Bild. Der Fürſt hatte es aber doch bemerkt, zog mich hervor und lachte herzlich über meine Verlegenheit. Bei einem ſeiner Be⸗ ſuche ¹) brachte er auch einmal Goethe mit, der auf kurze Zeit nach Deſſau gekommen war, obwohl der Fürſt deſſen Abneigung gegen den Vater kannte. Der Fürſt hatte aber geäußert, trotz ſeines Eigenſinnes ſolle Goethe den Vater beſuchen. An der Mutter fand Goethe viel Gefallen und hatte nachher geäußert,„die Tiſchbein ſei eine höchſt an⸗ genehme Gegenwart.“ Unter andern malte der Vater in Deſſau ein Familien⸗ bild der fürſtlichen Familie. Er hatte es eben beendet, als ihn Hugo, ²) der bekannte Juriſt, beſuchte und bei der Betrachtung des Bildes aus Ungeſchicklichkeit einen Stuhl mitten durch eine der Kindergeſtalten ſtieß. Hugo war faſt bis zur Ohnmacht erſchrocken, der Vater nicht minder. Das Bild ward indeſſen glücklich wieder reſtauriert. Hugo hatte, als er viele Jahre ſpäter mit dem Vater bei uns in Heidelberg zuſammentraf, den Schrecken nicht vergeſſen, und wenn ſie zuſammen ein L'hombre machten, erinnerte er wohl daran. Der Bruder des Fürſten von Deſſau, Prinz Johann Georg oder, wie man ihn nannte, Hans Jörge, gab gleichfalls dem Vater viel zu thun. Der Prinz gefiel ſich in der Idee, eine Galerie ſchöner weiblicher Porträts an⸗ zulegen. Sein ſeltſamer, nicht eben feiner Geſchmack fand aber dazu meiſt Vorbilder, welche dem Kunſtſinn des Vaters ſchlecht zuſagten. Die prinzlichen Schönheiten waren gewöhnlich von derbem Schlage und vor allem gut ausgeſtattet mit Körperfülle; ich erinnere mich, wie der Vater oft in komiſchen Zorn ausbrach, wenn ihm ſolche Grazien vorgeführt wurden. Einmal geriet er faſt in Verzweiflung, als er aus einer recht hausbackenen Köchin eine Diana geſtalten ſollte, wie denn der Prinz überhaupt liebte, ſeine Schönen zu mythologiſieren. Sinn für höne edle Formen war dem Vater be⸗ ſonders eigen. In Porträts idealiſierte er vielleicht zu ſehr, doch geſchah es ſelten auf Koſten der Ähnlichkeit. Er beſaß einen eigenen Takt, jeder Phyſiognomie gleichſam den günſtigſten Moment abzulauſchen, und ich glaube nicht zu viel zu behaupten wenn ich annehme, daß er unter den ¹) Es wird 1796 geweſen ſein, wo Goethe mit Karl Auguſt in Deſſau war. S. Mittl. d. V. f. Anhalt. Geſch. III. 511. ²) Der ſpäter berühmte Juriſt und Vorläufer Savignys war in Deſſau Lehrer des Erbprinzen Friedrich in Geſchichte und Staatswiſſenſchaften. 15 114 neueren Künſtlern der geſchickteſte Frauenmaler war. ¹) Seinen männlichen Porträts gebrach es dagegen oft an Kraft, wie man ihm vorwarf. Sein Kolorit war unnachahmlich. Die Stellungen wählte er leicht und gefällig, ſein Faltenwurf war ge⸗ ſchmackvoll, nur bediente er ſich oft zu den Gewändern matter Farben, welche dem Effekt ſchadeten. Seine Kompoſitionen zu Familiengemälden und hiſtoriſchen Bildern, deren aber nicht viele von ihm vor⸗ handen ſind, gerieten leicht etwas ängſtlich. Vollkommen Meiſter im Zeichnen, denn er hatte Anatomie fleißig ſtudiert, durfte er eigentlich ſeinen Genius nur freier walten laſſen, aber er traute ſich zu wenig zu. In der Kunſt wie im Leben überhaupt leitete ihn eine Art furchtſamer Be⸗ ſcheidenheit, welche ſeltſam abſtach gegen ſeinen ſonſt ſo lebendigen Geiſt. In den Skizzen zu ſeinen größeren Bildern herrſchte Freiheit und Genie; kam es aber zur Ausführung, ſo genügte er ſich nicht, änderte dies und jenes, mäkelte hier und da, und ſo blieb ſtets die Aus⸗ führung hinter dem Entwurf zurück. Fremde Kunſt⸗ leiſtungen erkannte er gern überall an und wußte ſelbſt aus mittelmäßigen Bildern eifrig das Gute herauszufinden. Seine eigenen Arbeiten aber waren ihm nie gut genug, und ein kleiner Tadel, der ſie traf, konnte ihn oft auf lange Zeit entmutigen.„Je länger man malt“, pflegte er dann wohl zu ſagen,„je mehr ſieht man ein, wie wenig man kann.“ Vor Graſſis ²) Bildern in Dresden habe ich ihn oft entzückt ſtehen ſehen, indem er bemerkte, ſo viel vermöge ſein Pinſel nicht. Der Vater konnte ſehr zerſtreut ſein, ein Fehler, den ſein Vater in noch höherem Maße beſeſſen haben ſoll. V Von des Vaters Zerſtreutheit bewahrte die Mutter manches hübſche Geſchichtchen in ihrem Gedächtuis, mir aber fällt gerade nur eins der Art jetzt ein. Der Vater war mit dem alten Gleim befreundet und korreſpondierte mit ihm. V Als er einſt während ſeines Aufenthaltes in Berlin zu- gleich an Gleim und an die Mutter ſchrieb, verwechſelte er die Adreſſen. Ein höchſt zärtlicher Brief, der gleich ſo anfing:„Meine engliſche Sophie“, kam an den alten Dichter, und die Mutter erhielt den an Gleim gerichteten Brief. Dies Stückchen trug der Mutter ein niedliches komiſches Gedicht ein, welches Gleim, den Vorfall beſingend, zugleich mit dem der Mutter gehörigen Brief dieſer überſandte. ¹) Er wurde in der That nur von Anton Graff in Dresden übertroffen. ²) Joſeph Graſſi(1757— 1836) war ſeit 1799 Profeſſor an wenigſtens in Gedanken, der Dresdener Akademie. S. Allg. D. Biogr. 1 Leidenſchaftlich liebte der Vater die Muſik, und ſchon ſehr zeitig mußte die Mutter mich und meine Schweſter kleine Liedchen lehren. Später erhielten wir denn gute Lehrmeiſter und brachten es bei glücklichen Anlagen zu einer faſt kunſtmäßigen Fertigkeit im Geſang. Des Vaters größte Freude war es, ſich von uns, während er malte, vorſingen zu laſſen. Sein Gehör war ſo fein, daß ihm nicht der kleinſte Mißton entging, und bei der Wahl der Muſikſtücke, die er für uns anſchaffte, leitete ihn ein voll— kommen feiner Geſchmack. Als wir Deſſau mit dem Schluſſe des 18. Jahrhunderts verließen, war ich etwa ſiebzehn Jahre alt, ſehr vorgeſchritten in meiner geiſtigen Entwickelung, geübt im Zeichnen und Geſang, von jugendlichem und deshalb ganz hübſchem Äußeren und zeigte nach der Anleitung des Vaters im geſelligen Leben ſowohl großen Anſtand als Munterkeit. Ich darf ſagen, daß ich mich frei hielt ſowohl von Ko⸗ ketterie als von kindiſchen Liebeleien, wie ſie im Deſſauer Mädchenkreiſe ziemlich Mode waren. Ich konnte wohl etwas übermütig und ſchnöde ſein, aber nie leichtſinnig; auch gefiel mir unter allen jungen Herren, die ich bis dahin kennen gelernt hatte, keiner. Meiſt ſchloß ich mich an die älteren Herren an, weil ich, wißbegierig von Natur, durch ihre Unterhaltung etwas zu lernen hoffte. So war ich ziemlich bekannt mit Matthiſon geworden, und der wunderliche Mattei nannte mich oft ſeine Pallas Athene. Ich konnte ernſthaft ſein und mich den tiefſinnigſten Be⸗ trachtungen hingeben, im Gegenſatz aber auch einmal wieder wo nicht ausgelaſſen, doch recht mutwillig, heiter und, oft recht unbeſonnen ſein. Es war vieles in mir unſicher und unklar, weil es meiner religiöſen Überzeugung an Tiefe und Feſtigkeit fehlte, wo⸗ rauf alles andere beruht, was dem inneren Menſchen Halt giebt. Momenten eines höheren Aufſchwungs folgte oft tiefe Entmutigung, ich konnte die rechte Quelle nicht finden, weil ich ſie nicht auf die rechte Weiſe zu ſuchen verſtand. Meine Begriffe über Menſchen und Verhältniſſe waren einſeitig und überſpannt, und in echt weiblicher Wirkſam⸗ keit leiſtete ich nichts. Die Mutter, eine rührige und thätige Frau, verſuchte zwar oft uns Töchter zu häuslichen Arbeiten anzuleiten. Sie fand aber in dem guten Vater den ent⸗ ſchiedenſten Widerſtand und in mir keinen Trieb, ihr ent⸗ gegenzukommen. Der Vater verlangte meine Gegenwart im Atelier faſt den ganzen Vormittag, wo ich erſt zeichnen, dann mit der Mutter und Betty ſingen, oft auch ihm vorleſen mußte. In die Küche kam ich nicht, und über⸗ haupt mit häuslichen Geſchäften hatte ich nichts zu thun. Nur in weiblicher Putzarbeit erlangte ich einige Fertig⸗ keit, da unſere Toilette in Leipzig, wo wir täglich in Ge⸗ ſellſchaft waren, viel erheiſchte und die Mutter doch gern, I wo es anging, zu ſparen ſuchte. V Im Winter 1801[1800/1] kamen wir in Leipzig an, und diez Eltern fanden dort die erwünſchte Aufnahme. Unſere künftige Wohnung im Schloſſe, der alten in der Geſchichte vielgenannten Pleißenburg, bedurfte, um uns aufzunehmen, zuvor noch einer großen Reparatur. Es wurden die nötigen Vorkehrungen deshalb getroffen, und unterdeſſen brachten wir etwa vierzehn Tage in höchſt angenehmer Ge— ſelligkeit zu, indem wir überall Einladungen erhielten und, wie man ſagt, durch unſer Trio Furore machten. Die Familien, mit welchen wir ſpäter uns am innigſten be⸗ freundeten, lernten wir damals noch nicht kennen. Wir waren zunächſt an den Bürgermeiſter Müller, den Kupferſtecher Bauſe“) und die Bankiers Löhr, Vrrege und Dufour adreſſiert. Gern gedenke ich dieſer Tage, wo ich, eine Welt voll Glanz und Luſt betretend, mich wirklich ergötzte und das, woran es dieſer Welt gebrach, nicht Zeit hatte zu prüfen. Wir bewohnten damals einige hübſche Zimmer in einem Hauſe am Markt, unfern des alten Rathauſes, welches ein Gegenſtand meiner Aufmerkſamkeit wurde, da ich genug über den 30jährigen Krieg geleſen hatte, um zu wiſſen, wie oft die bedrängten Väter der Stadt in dieſen alten Hallen Rat gepflogen hatten. Meine Einbildungskraft, wenn ich von unſerem Hauſe aus das ehrwürdige Gebäude betrachtete, belebte mir dann eine Menge merkwürdiger Ereigniſſe, worunter Guſtav Adolfs Einzug in die durch ihn befreite Stadt ſich beſonders hervorthat. Guſtav Adolf war der Held, den meine junge Seele vergötterte. Alles, was Bezug auf ihn hatte, las ich mit dem größten Eifer, ja ich verſchlang es, und hätte viel darum gegeben, gelebt zu haben, als er Deutſchlands Boden betrat. Ich träumte mich in jene Zeit, träumte mich in manche ſchöne, edle Beziehung zu dem frommen, tapferen Helden, während die Eltern, wenn ich mechaniſch etwas dabei trieb, wohl nicht entfernt daran dachten, wo ich im Geiſte weilte. Dieſe Träumereien machten einen Beſtandteil meiner Exiſtenz aus. Sie beſchäftigten mich in verſchiedenen Beziehungen, damals wie ſpäter, ja ſie begleiteten mich ins Alter. Nach dieſem kurzen Aufenthalt in Leipzig verließen wir es wieder, um noch auf einige Zeit nach Dresden zu gehen. Es war ein recht kalter Wintertag, als wir, gut ¹) Joh. Frdr. Bauſe, ein ausgezeichneter Künſtler(1738— 1814), war Profeſſor an der Kunſtakademie, zu deren Direktor Tiſch⸗ andere ſchöne Muſik hörte. bein als Nachfolger Oeſers ernannt war; er hat auch Tiſchbeinſche Bilder geſtochen. eingepackt, unſere Reiſe antraten. Wir ſtiegen in Dresden in der Neuſtadt ab, wo uns in der Meißner Straße eine gemietete Wohnung erwartete. Ich hatte viel von Dresden gehört, von der Bildergalerie, der herrlichen Kirchenmuſik, der ſchönen Gegend, von der wir freilich damals wenig genoſſen. Deſto mehr aber gab ich mich anderen Ein⸗ drücken hin, die hier ſo mannigfaltig auf mich einſtrömten. Ich kann die Empfindung nicht beſchreiben, mit welcher ich zuerſt vor Raphaels Madonna trat, mit der ich das Tedeum von Haſſe in der katholiſchen Kirche und ſo manche Beſchreibungen der Art liebe ich überhaupt nicht; es genüge zu ſagen, daß ich, be⸗ gabt mit großer Empfänglichkeit, alles auffaßte, was ich Erhabenes ſah und hörte, um es mir ſo kräftig einzu⸗ prägen, daß dieſe Erinnerungen immer noch zu den ſchönſten gehören, welche ich bewahre. Das reichſte geſellige Leben begann nun auch in Dresden für mich, und ich genoß es friſch und heiter. Unter anderen Bekanntſchaften meines Alters zeichneten ſich Cora Neumann und Lina Graff!) aus, erſtere durch achtungswürdige geiſtige Eigenſchaften, letztere durch große Anmut. Die Familie Neumann ge⸗ hörte zu den merkwürdigen äußeren Erſcheinungen, welche man nicht leicht vergißt. Die Mutter und eine unver⸗ heiratete Schweſter derſelben waren mehr als häßlich; gnomenhaft klein, verwachſen, braungelb mit platten, un⸗ förmlichen Zügen, machten ſie einen um ſo übleren Ein⸗ druck, als ſie in Anzug und Benehmen ſich jugendlich und anmutig zu geben verſuchten. Sie waren höchſt empfindſam, immer in Extaſe. Mit krächzenden Stimmen überboten ſie ſich in zarten, ſüßen Redeweiſen, wobei die Worte„himmliſch“,„göttlich“,„einzig“ nicht geſpart wurden. Wer die Mutter Neumann ihre Schweſter„ſüße Lina“ nennen hörte und dieſe wiederum jene„meine Herrliche“, konnte nicht ernſthaft bleiben, ſo ſehr ſtanden dieſe Benennungen im Kontraſt zu denen, welchen ſie galten. Sonſt waren Mutter und Tante gutmütige Damen, die, natürlicher auf⸗ tretend, ſich wohl Zuneigung erwerben konnten. Cora, in der That ſorgfältig erzogen und bei ihren Fähigkeiten viel⸗ ſeitig ausgebildet, war nicht ganz ſo häßlich wie die Mutter, aber doch völlig entblößt von Grazie und Anmut. Auch ihr hatte man ein gut Teil Sentimentalität eingeimpft, wodurch ſie lächerlich wurde bei aller Üüberlegenheit ihrer moraliſchen Eigenſchaften. Sie mußte ſingen, tanzen und zeichnen, ohne irgend Talent zu dieſen Künſten zu beſitzen. ¹1) Die Tochter des berühmten Porträtmalers Anton Graff 1736— 1813) aus ſeiner zweiten Ehe mit der Tochter Sulzers in Berlin; ſie heiratete ſpäter den Maler Kaaz. S. Muther, A. Graff, S. 32. 15* 116 Ihre Stimme war hart, ihre Töne falſch, ihr Körper ſchwer⸗ fällig, klein und ſtark. Mir widmete ſie eine beſondere Liebe, die ich ſo gut erwiderte wie ich konnte. mich ihre geiſtige Richtung. Sehr befriedigte Sie hatte viel und mit Nutzen geleſen, war in ſoliden Kenntniſſen mir ſo weit überlegen, daß ich viel von ihr lernen konnte, und zeigte bei jedem Anlaß wahre Herzensgüte. Doch berührte ihre gezierte Redeweiſe und Empfindſamkeit mich unangenehm V konnte. oder reizte mich zu leiſem Spott. Es lebte damals in Dresden ein berühmter Tenor, Signor Benellin); er war der Held des Tages, der Abgott und Adonis der Damen, und meine gute Cora widmete ihm eine ſchwärmeriſche Anbetung. In der Oper ſaß ſie weit vorgebeugt, atemlos ſeiner Stimme lauſchend, wobei ſie ihn zugleich bei jeder Rolle in irgend einer Stellung ſkizzierte, zu welchem Zweck ſie ſtets Papier und Bleiſtift zur Hand hatte. Dieſe Skizzen führte ſie dann zu Haus weiter aus, und ſo entſtand eine ganze Menge kleiner Benellis, die, verkrüppelt und verzeichnet, ſich ganz ver⸗ wünſcht ausnahmen. Der thörichte Vater ließ die Dinger auf eigene Koſten ſtechen, und Cora überreichte erſtlich dem gefeierten Sänger ſelbſt, dann allen Freundinnen dieſen Erweis ihres Genies, wodurch ſich das arme Mädchen, ohne es zu ahnen, grauſam lächerlich machte. Ein ander⸗ mal that ſie dem ſchönen Undankbaren, der ſich um ſeine Verehrerin wenig kümmerte und ſie auslachte, eine höchſt eigentümliche Ehre an. Neumanns gaben einen Ball, wo⸗ zu auch Herr Benelli geladen war, der mit der Tochter des Hauſes den Tanz eröffnen mußte. Die Polonaiſe führte durch alle Zimmer. Im Vorſaal ſtand auf einem gedeckten Tiſch eine große Torte, welche ein loſer Kranz von buntfarbigem Konfekt ſchmückte. Dieſen Kranz er⸗ haſchte Cora vorüberſchwebend und drückte ihn dem Sänger auf, der wohl oder übel mit dem bezuckerten Lorbeer auf dem Haupte ſeine Tour vollenden mußte, während die übrige Geſellſchaft vor Lachen zu erſticken drohte. Lina Graff verſuchte zuweilen Cora auf dieſe Lächerlichkeiten aufmerkſam zu machen; aber deren kindliche Pietät hinderte ſie, den Vorſtellungen ihrer Freundin Glauben zu ſchenken. „Die Eltern wollen es ſo, die Eltern finden es gut“, in dieſem Begriff verlor ſich die beſſere Einſicht des guten Mädchens, welche ſonſt wohl geſiegt hätte. Ein alter Freund meines Vaters, der Profeſſor Seydelmann’, hatte ſich in Dresden niedergelaſſen. Er —=) Antonio Peregrino Benelli, 1771 geb. zu Forli, † 1830 zu Börnichen im ſächſiſchen Erzgebirge, war als Sänger, Geſanglehrer, Kritiker und Komponiſt geſchätzt. S. Biogr. Univers. ²) Jakob Crescentius Seydelmann(1750— 1829), ein Schüler von Rafael Mengs, erfand eine beſondere, nach ihm benannte Sepia⸗ hatte, nachdem er länger als mein Vater in Rom verweilt, ſich eine ſchöne Römerin als Gemahlin mitgebracht. Madame Seydelmann mochto, als ich ſie kennen lernte, eine Frau von 30 Jahren ſein, der allerdings ſchon etwas Jugendfriſche abging; dieſe wurde aber durch ihre bezaubernde Liebenswürdigkeit reichlich erſetzt. Sie war von ele⸗ gantem Wuchs, hatte wunderbar ſchöne ſchwarze Augen, köſt⸗ liche Zähne und die ſprechendſte Phyſiognomie, die man ſehen Sie malte wie ihr Mann in Sepia, in Miniatur par excellence, und genoß mit vollem Recht den Ruf einer ausgezeichneten Künſtlerin. Mein Vater bat ſie, mir Unter⸗ richt zu geben, und ſo wanderte ich alle Morgen um 11 Uhr von der Neuſtadt in die Altſtadt zu Seydelmanns, welche dort am Neumarkt ein ſchönes Haus beſaßen, das Frau Seydelmann noch jetzt als Witwe bewohnt. Man ſagte ihr nach, ſie habe viele Verehrer und ſei nicht gerade unempfindlich, was auf ſich beruhen mag. Ich war ſehr gern dort, hatte meinen Platz neben dem Wohnzimmer der Dame in einem kleinen Kabinett und durfte öfters dort eſſen. Nach beendigter Wachtparade— die Zeit, wo Madame Seydelmann, in einen feinen muſſelinenen Puder⸗ mantel gehüllt, ſich friſieren ließ und zugleich Beſuch an⸗ nahm— fehlte beſonders ein Herr Hauptmann nie. Er ſchien ein Verehrer der liebenswürdigen Frau zu ſein, die ihn ſtets freundlich empfing und lebhaft mit ihm plauderte; aber nie gewahrte ich etwas zu Freies in ihrem Benehmen. Eine andere ſchöne, elegante Dame war die Frau Kapellmeiſter Schuſter1), die, wie es hieß, in vertrauter Verbindung mit einem Grafen Manteuffel lebte. Der Graf war ein ſchöner, geiſtreicher junger Mann, Frau Schuſter hübſch und jung, der Herr Kapellmeiſter alt und merkwürdig häßlich. Man folgere daraus, was man will; ich berichte nur, was ich gehört habe. Eine Familie, mit der die Eltern gern Freundſchaft und geſelligen Verkehr unterhielten, war der Juſtizrat Chriſtian Gottfried Körner mit ſeiner Frau und zwei Kindern, Theodor und Emma, und einer Schweſter ..... manier. Seine Gattin Apollonia(1767(oder 68)— 1840), Tochter eines franzöſiſchen Gutsbeſitzers und einer Römerin, war 16jährig mit Seydelmann vermählt und von ihm und Thereſe Maron, der Schweſter von Rafael Mengs, derart ausgebildet worden, daß ſie zum Mitglied der Dresdener Akademie für das Fach der Miniaturmalerei ernannt werden konnte. Ihr Hauptwerk war eine meiſterhafte Zeich⸗ nung von Raphaels Sigtiniſcher Madonna, nach der Friedrich Müller, der Sohn des obengenannten Joh. G. Müller, ſeinen bekannten Stich ausführte. S. Allg. D. Biogr. ¹) über den Kapellmeiſter und Komponiſten Joſeph Schuſter (1748—1812) ſ. d. Allg. D. Biogr. der Frau Körner, Dora Stock, einem alternden, aber intereſſanten Mädchen. Das Körnerſche Haus war ein Sammelplatz geiſtvoller Geſelligkeit. Man fand dort fremde Künſtler und Gelehrte, Bürgerliche und Adelige. Die innere Wirtſchaft bei Körners war ungefähr wie bei Schlegels beſchaffen. Ganz verwünſcht ſchlechte, knappe Bewirtung und Unordnung in allen Ecken. Aber von 11 Uhr morgens an ſaßen die Damen im ſchönſten Putz im Viſitenzimmer, um Beſuche zu empfangen, oder machten Beſuche. Der Vater Körner war ein prächtiger Mann, voll Biederkeit und kräftigen Geiſtes. Seine Frau war klug und von ſehr gewandten geſelligen Formen, aber beißendem Witze. Ich habe ſie nie leiden mögen. Dora Stock war ein Liebling des Vaters. Sie hatte nicht, wie ihre Schweſter, giftige Witzpfeile, ſondern einen unerſchöpflichen Vorrat guter Einfälle und neckiſcher Laune, der ſie zur angenehmſten Geſellſchafterin machte. Dabei war ſie gebildet und malte in Paſtell mit großer Fertigkeit. Unter den jungen Männern, welche in dieſem Kreiſe ſich bemerklich machten, war ein Herr von Schönberg, der ſehr fetiert wurde, mir aber etwas fade vorkam. Über⸗ haupt feſſelte in Dresden nur eine ausgezeichnete Erſcheinung meine Aufmerkſamkeit. Dies war Frau von Racknitz, an deren Mann der Vater ganz beſonders empfohlen war“). Nie habe ich etwas Erhabeneres und zugleich Lieblicheres geſehen als dieſe Frau. Sie war groß, ſehr ſchlank und von elaſtiſch weichen Formen. gebildetes Antlitz ſchmückten reiche blonde Locken, und einen zarteren Farbenſchmelz, als ihr Teint zeigte, ſah ich nie. Sie neigte, wenn ſie ſprach, etwas das Haupt, was ihr ungemein gut ließ. Ihre Sprache war ſanft und melodiſch, ihre Ausdrucksweiſe gewählt, doch ohne Ziererei, und über ihr ganzes Weſen ergoß ſich jene unbeſchreibliche Anmut, welche die Alten zur Gottheit in den drei ſchweſterlichen Grazien erhoben. Wie ausgezeichnet ſtand ſie da unter den üppigen, eleganten und galanten Damen, welche damals in Dresden gefeiert wurden, ein Muſter frauenhafter Sitt⸗ ſamkeit und geſelliger Feinheit! Sie war die angenehmſte Wirtin, jedermann fühlte ſich leicht heimiſch in ihrem Hauſe. Leichtfertigkeit und Spott wichen ihrer milden Geiſtesherrſchaft, und doch war man ſtets fröhlich und guter Dinge bei ihr. Ich betete ſie an, und ſie erlaubte gern, daß ich manche Stunde auch außer den Geſellſchaftsabenden ¹) Der Hofmarſchall Joh. Friedrich Freiherr v. Racknitz war ſeit 1796 vermählt mit Anna Charlotte v. Bülow, Tochter des däniſchen Miniſters am kurſächſiſchen Hofe. Nach Füßli, Künſtlerlex. II, S. 1895, hat Fr. A. Tiſchbein das Bild der Dame im J. 1801 in der Dresdener Kunſtausſtellung ausgeſtellt. bei ihr zubrachte, gewiß nicht ohne Nutzen für meine geiſtige Ausbildung. Das ganze Weſen der herrlichen Frau war Harmonie. Ihre feinen Züge und klaren blauen Augen beſeelte ein wahrhaft überirdiſcher Ausdruck. Ihre Sprache klang mir wie Muſik, ſo viel Wohllaut lag darin; ſie kam mir unter den anderen Frauen wie eine Heilige vor. Manche dieſer auch anmutigen, reizenden Damen mochte, wie ich ſpäter erfuhr, wohl Urſache haben, vor ihrem reinen Blick die Augen zu ſenken. Aber ſie zeigte kein übergewicht, welches vernichtet, ſondern jene recht moraliſche Größe, welche nach dem Beiſpiel unſeres Erlöſers aufrichtet und erhebt. Herr von Racknitz, ihr Gemahl, vielleicht 20— 25 Jahr älter als ſie, war bei aller geiſtigen Bildung doch etwas derb und ungeniert in ſeinen Ausdrücken; überhaupt paßte er nicht für dieſe Frau, und es iſt mir nicht er⸗ klärlich geworden, wie dieſer Bund ſich knüpfen konnte. Auch zog über das liebe, ſanfte Antlitz doch oft, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, ein trüber Schatten, der auf ver⸗ borgenes Weh deutete, und oft ſchien es mir, als beuge die ſchlanke, weiche Geſtalt ſich unter dem Druck eines eiſernen Geſchicks. Aber ſie trug durchaus keine Senti⸗ mentalität zur Schau, vielmehr gab ſie ſich ſtets gefällig Ihr vollkommen regelmäßig und geweckt den Anforderungen hin, welche ihre Stellung mit ſich brachte, und die Art, wie Herr von Racknitz ſeine Gemahlin behandelte, zeigte, daß er ihren vollen Wert an⸗ erkannte und daß er glücklich durch ſie war. Sie erfüllte den ſchwerſten Beruf der Frauen, ſie beglückte, ohne ſelbſt beglückt zu ſein. So jung ich war, machte ich doch damals die Bemerkungen, welche ich jetzt niederſchreibe, und Frau von Racknitz wurde mein Ideal. Bald fand ſich der Vater in die angenehmen, geiſt⸗ reichen Zirkel eingeführt, welche damals in Dresden zu finden waren und an welchen auch die Mutter und wir teilnehmen durften. Meine Schweſter war zwar noch ſehr jung, ſang aber ſehr hübſch und ſpielte Klavier mit großer Fertigkeit. Der Baron von Racknitz mit ſeiner Gemahlin, Körners, Graffs, Seydelmanns, der Kapellmeiſter Schuſter, deſſen hübſche Frau und Graf Manteuffel bildeten einen geſelligen Verein, wie man ihn gewiß nur ſelten finden kann. Der Vater erhielt ein Atelier im Japaniſchen Palais und fand ſich bald mit Arbeiten überhäuft. Ein Porträt der Baronin von Racknitz gelang ihm vorzüglich. Ich lernte auch den Kapellmeiſter Naumann) kennen und hörte in ſeinem Hauſe ein Oratorium, das mich aber bei weitem nicht ſo erhebend anſprach, als Haſſes Tedeum ¹) Joh. Gottl. Naumann(1741—1801) war einer der aus⸗ gezeichnetſten Muſiker ſeiner Zeit. in der katholiſchen Kirche. Naumann war ein freundlicher Greis, noch ſehr rührig und kräftig, aber leider faſt taub. Merkwürdig war aber dabei der Umſtand, daß dieſe Taubheit, die im Geſpräch ihn nötigte, ein Sprachrohr zu gebrauchen, zu verſchwinden ſchien, wenn er Muſik hörte oder dirigierte ¹). falſche Ton, wie ich ſelbſt bei einer Aufführung ſeines Oratoriums bemerkte. Es war die Hauptprobe, und einige Sänger fielen unrichtig ein. Die Stelle mußte zweimal wiederholt werden, bis ſie dem Ohr des guten Kapellmeiſters Naumann hatte große Freude an unſerm Geſang genügte. und der damals ſtark vorſchreitenden Entwickelung meiner Stimme. Mein Vater war in Dresden beſonders an den damals allmächtigen Miniſter Grafen Marcolini empfohlen, deſſen Gemahlin und Tochter er auch malte. Die Familie galt für unerhört ſtolz, und wie ich mich erinnere, bequemte ſich die Frau Miniſterin ²) nur höchſt ungern dazu, dem Vater in ſeinem Atelier zu ſitzen. Aber es half nichts; wollte ſie gemalt ſein, ſo mußte ſie kommen, da es feſter Grundſatz bei dem Vater war, die Séancen nur in ſeinem Atelier zu geben. Wir mußten durch unſern Geſang die ſtolze Dame unter⸗ halten, was ihr ſo ſehr gefiel, daß ſie, etwas Unerhörtes, uns mit einer Einladung zum Thee und Souper auf ihre ſchöne Villa³)— bei der Oſterwieſe, wenn ich nicht irre— beehrte. Wir ſollten aber erfahren, daß eine ſolche Ehre nicht ſonder Beſchränkung erteilt werden konnte, welche völlig geeignet war, uns vor aller Überhebung deshalb zu bewahren. Um 6 Uhr abends an einem warmen Frühlingstag 11801] fuhren wir hin und wurden von einem reich⸗ galonierten Bedienten durch den Hausflur in den Garten geführt, wo in einem Pavillon die Gäſte ſich verſammelt hatten. Die Gräfin ließ uns dicht herankommen, bis ſie geneigt war, uns mit einem leichten Kopfnicken zu begrüßen, indem ſie uns der Geſellſchaft mit den lakoniſchen Worten ¹) Dieſe Angabe wird beſtätigt von Meißner, Bruchſtücke zur Biogr. J. G. Naumanns. II. 236 f. und in Naumanns Leben, Dresden, 1841, S. 359. 2) Maria Anna, geb. Baroneſſe O⸗Kelly, Tochter des aus Irland ſtammenden öſterreichiſchen Feldzeugmeiſters John O⸗K.(S. O⸗Byrn, Camillo Graf M., S. 57.) Der Graf führte auch die Oberaufſicht über alle kurfürſtlichen Sammlungen uud war dem⸗Titel nach ſogar Direktor der Akademie, als deren Dependenz die Leipziger, fortab Tiſchbein unterſtellte Akademie wirkte. Daſ. S. 66. Vergl. auch d. Allg. D. Biogr. Friedrichſtraße. 1813 ſchlug Napoleon hier ſein Sommerquartier auf, und das Zimmer, in dem er die bekannte Unterredung mit Metternich hatte, wird noch gezeigt. Hier entging ihm auch nicht der geringſte 118 vorſtellte:„La famille Tiſchbein“. Der Grafwar nicht zu⸗ gegen, und die Familie Tiſchbein ſtand ziemlich verlegen im Vordergrund des Pavillons, ohne daß ſie zum Sitzen erſucht wurde. Meinem guten Vater ſchwoll der Kamm etwas, und ich war verlegen, aber keineswegs demütig, vielmehr ſuchte ich ſo ſtolz als möglich auszuſehen. Einige peinliche Minuten vergingen auf dieſe Weiſe, bis die Gräfin aufſtand, auf die Mutter, mich und Betty zuging und nachläſſig ſagte:»Eh bien, mesdames, un petit air on un trio, s'il vous plait.« Wir ſchwiegen alle drei ſtill, und der Vater trat vor. Was er ungefähr für uns würde geantwortet haben, ahnte ich ſo ziemlich, aber ehe er noch ſprechen konnte, ſtellte ſich zwiſchen uns und die Gräfin eine hohe, majeſtätiſche Geſtalt; es war Comteſſe Marcolini ¹), die einzige Tochter des edlen Paars. Mit den freundlichſten Worten begrüßte ſie uns, indem ſie zugleich ihrer Mutter mit einem Blick, der ihre Oberherrſchaft verriet, bedeutete, daß wir vielleicht vorziehen würden, erſt den Garten zu beſehen, worauf ſie uns ſehr artig bat, ihr zu folgen, während der Vater von dem eben eintretenden Grafen Marcolini in Empfang genommen wurde. Die liebenswürdige junge Gräfin führte uns durch den wirklich herrlichen Garten, indem ſie mit der größten Urbanität uns für den häßlichen Empfang ihrer Mutter zu entſchädigen ſuchte. Dann gingen wir mit ihr in das Haus zurück, wo indeſſen die Geſellſchaft in einem großen Salon ſich verſammelte hatte und wo uns Thee gereicht, aber keine Stühle präſentiert wurden, obwohl die andern ſaßen. Comteſſe Marcolinis Macht ſchien hier ihre Grenze gefunden zu haben; alles was ſie thun konnte, war, ſelbſt ſtehend ſich zu unterhalten, während die übrigen vornehmen Herren und Damen uns neugierig anſtarrten. Endlich kam der Graf ſelbſt auf uns zu und erſuchte uns in einem ſo artigen Ton etwas zu ſingen, daß der Vater durch einen Augenwink einwilligte und wir mit der Mutter ein Trio ſangen, welches ungemeinen Beifall fand, indem alle Anweſenden, ſelbſt die Gräfin, nach Beendigung desſelben ſich uns zudrängten und uns baten, mehr zu ſingen. Dies waren wir aber keineswegs willens, ſondern der Vater entſchuldigte uns mit der ihm bei ſolchem Anlaß eigenen vornehmen Miene, und wir empfahlen uns, das Souper, wobei wir am Ende auch noch hätten ſtehen müſſen, im Stiche laſſend, trotz der wiederholten Bitte, welche die etwas verbindlicher gewordene Gräfin an uns ³) S. über ihre dort gegebenen Feſte O-⸗Byrn, a. a. O. S. 86. Heute gehören Palais und Garten zum ſtädtiſchen Hospital in der ergehen ließ. ¹) Gräfin Auguſte, geb. 1782, vermählte ſich mit dem Feld⸗ marſchall⸗Lieutenant Grafen Nimptſch und ſtarb ſchon 1817 zu Karls⸗ bad. S. O⸗Byrn, a. a. O. S. 58. 119 Mit dem eintretenden Frühling vermehrten ſich die mir in Dresden vorbehaltenen Genüſſe. Es wurden häufig Partien aufs Land gemacht, unter andern nach Tharand, und ſehr oft fuhren wir auch auf der Elbe in einer ſehr hübſchen Gondel ſpazieren. Es war eine ſchöne Zeit, und nie komme ich nach Dresden, ohne Anklänge jener Jugend⸗ gefühle zu empfinden, die mich in die Vergangenheit zurück⸗ führen. Auch dieſen Sommer(1839) feierte ich jene Er⸗ innerungen und beſuchte die gute alte Seydelmann. Es war mir ſonderbar zu Mute, als ich die Thür berührte, die ſo oft dem jungen ſiebzehnjährigen Mädchen ſich ge⸗ öffnet hatte und der jetzt die alte, fünfundfünfzigjährige Frau gegenüber ſtand. Ich trat ein; alles Lebloſe, der ſchöne Saal mit ſeinen Gemälden und ſo manchem wohlbekannten Gerät war wie ſonſt, aber auf der wohlbekannten, weiß überzogenen Bergere im Kabinett ſaß eine vom Alter gebeugte und von der Gicht gekrümmte kleine Frau mit ſcharf ausgeprägten Zügen in einem dunklen, vernachläſſigten Negligé: es war die ehe⸗ mals ſo ſchlanke, reizende, ſorgfältig geputzte Seydelmann. Der Vater malte in Dresden auch die Tochter des Fürſten Alexej Orlow, des Mörders Peters III. Die gigantiſche, finſtere Geſtalt dieſes Mannes machte einen äußerſt widrigen Eindruck auf mich, da ich wußte, was ſeinem Namen eine ſo traurige Unſterblichkeit verlieh. Eine breite, dunkelblaue Narbe quer über das ganze Geſicht, an⸗ geblich von einer Wunde, welche der unglückliche Zar im Todeskampfe mit den Nägeln ihm zugefügt hatte, entſtellte furchtbar ſeine ſtarren Züge, welche nur dann milder er⸗ ſchienen, wenn er in das ſanfte Engelsantlitz ſeiner Tochter ſchaute. Als er zum erſten Mal den Vater beſuchte, ſchreckte ich unwillkürlich auf, und da er nun gar auf mich zuſchritt mit den Worten:„Eh bien! was erſchreckt die Kleine?“ meinte ich ſchon ſeine eiſerne Fauſt in meinem Nacken zu fühlen. Der fürſtliche Sünder, erzählte man, konnte nicht anders ſchlafen, als bei dem Schein vieler Kerzen, welche ſtets ſein Schlafgemach erleuchteten, und oft ließ er mitten in der Nacht die Tochter zu ſich rufen, um mit Geſang den finſteren Dämon zu beſchwören, welcher ſeit jener entſetz⸗ lichen That ihn raſtlos verfolgte. ¹) Mit dem Frühling des Jahres 1801 trat endlich der Vater ſeine Stelle in Leipzig an. Unſer Einzug in die ¹) Von Paul verbannt, lebte der Fürſt eine Zeitlang in Dresden und ſtarb 1808 in Moskau. Das Dresdener Adreßbuch von 1799 bietet die Notiz:„Hr. Orlow, Graf von, d. hinter der Frauenkirche A. R. 5.“ Pleißenburg war mir ſehr merkwürdig. Ziemlich bewandert in der Geſchichte, fand ich in der alten Veſte hinreichenden Stoff zu Erinnerungen an Begebenheiten der Vorzeit und zu ſchauerlichen Phantaſien; denn auch an Sagen fehlte es nicht, die ſich auf die Burg bezogen. Unſere Wohnung war in einem Seitengebäude(rechts vom Trotzer, der Facçade der Burg), wenn man von der Stadt in das Schloß kam. Eine niedrige, gewölbte Thür führte zu einer engen gewundenen Treppe von Stein. Oben angelangt kam man in des Vaters Atelier, welches hart an der Treppe lag und aus vier ſchönen geräumigen Sälen beſtand. Um zu unſeren Wohnzimmern zu gelangen, mußte man aber einen engen, langen Gang paſſieren, welcher in der Mitte durch ein ſehr kleines Fenſter nur ſehr ſchwach erhellt wurde. Ach wie oft habe ich es auf dieſem bedenklichen Gang ſpuken hören und mich tief unter die Bettdecke verkrochen in unſerm hart an dieſem Gange gelegenen altertümlichen Schlafge⸗ mach. Es knatterte, raſchelte, ſeufzte, ging leiſe oder laut. Die Erklärung des Spuks, welche ich zu furchtſam war zu ſuchen, bleibe ich ſchuldig, aber gewiß, es ſpukte, ent⸗ weder draußen oder in meinem Kopfe. In Leipzig geſtaltete ſich unſer Leben recht im Gegen⸗ ſatz zu der ſtillen Häuslichkeit in Deſſau um vieles anders. Leipzig ſtand damals in ſeiner Glanzperiode; der Oberbürger⸗ meiſter Müller, die erſten Kaufherren der Stadt, Freege, Dufour, Ballard, Küſtner, Löhr, beeiferten ſich, ihre Häuſer zu dem angenehmſten Mittelpunkt auch für Ge⸗ lehrte und Künſtler zu machen, wie ihnen denn auch jeder gebildete Fremde willkommen war. In dieſen Kreiſen herrſchte ſowohl zwangloſe als anſtändige Sitte, und wer den Spieltiſchen nicht huldigen wollte, fand ſtets Be⸗ friedigung in anderer, zuſagenderer Unterhaltung. Der Vater wurde in Leipzig mit beſonderer Aus⸗ zeichnung empfangen. Unſerer Mutter Liebenswürdigkeit, meiner Schweſter aufblühendes Talent machten die Familie V Tiſchbein gewiſſermaßen berühmt, und es gehörte zum guten Ton, mit ihr bekannt zu ſein. Unſer guter Vater legte, wenn ich es wagen darf ihn zu tadeln, auf dieſen nichtigen Beifall der Welt zu viel Wert und fühlte ſich nicht glück⸗ licher, als wenn er uns gefeiert ſah. Zu tüchtigen Haus⸗ frauen konnten wir uns bei dieſer Lebensweiſe nicht aus⸗ bilden. Die Vormittage waren dem Zeichnen, der Muſik und dem Unterricht in der italieniſchen Sprache gewidmet, der Nachmittag ging mit zufälligen Beſuchen, Promenaden oder Arrangements für die Abendtoilette hin. Denn nur ſelten gab es einmal einen ſtillen Abend zu Hauſe, wohl aber hintereinander Wochen, wo alle ſieben Tage hindurch eine Fete der andern folgte; leider auf Koſten meiner Ge⸗ 120 ſundheit, welche weniger vertragen konnte als die meiner Schweſter Betty. Hinſichtlich ſeiner Kunſt leiſtete der Vater in Leipzig viel. Er war ſo beſchäftigt, daß er kaum den Aufträgen genügen konnte, und ſeine Einnahme ſteigerte ſich ſehr be⸗ deutend. Es ging aber dem guten Vater leichter aus der Hand, als in die Hand, und ſeine Kaſſe prosperierte nie. Von Leipzig ans machte er mehrere Kunſtreiſen ¹), unter anderen nach Weimar, wohin er berufen wurde, um die junge Erbgroßherzogin²) zu malen[1803]. Dies Bild glückte ihm vorzüglich. Es ſtellt die ſchöne Fürſtin in Lebensgröße in kaiſerlichem Schmucke dar, und beſonders war es dem Vater gelungen, ihren wunderſchönen Teint ganz der Natur getreu wiederzugeben. Bei dieſer Gelegenheit will ich einſchalten, daß der Vater noch von Deſſau aus eine Reiſe nach Berlin machte, wo er ſeine Bekanntſchaft mit Schadow erneuerte und viel für den Hof beſchäftigt wurde. Er malte die Königin Luiſe, ³) damals im Glanz der friſcheſten Schönheit und Jugend, mit ihrer Schweſter, der nachmaligen Herzogin von Cumberland, in Lebensgröße auf einem Bilde. Die Kompoſition dazu war anmutig, die Köpfe äußerſt ge⸗ lungen, aber das Ganze that wenig Wirkung, ohne daß man recht anzugeben wußte, woran es fehlte. Vortrefflich aber waren ihm die Porträts der königlichen Prinzen, und beſonders das vom Prinzen Louis Ferdinand, dieſem Heros unter den Fürſtenſöhnen jener Zeit, gelungen, und ich will bekennen, daß ich vor einer Kopie dieſes Porträts, welche der Vater mitbrachte, oft in ſtiller Be⸗ wunderung geſtanden habe. Man ſagt, kein weibliches Herz habe dieſem prinzlichen Lovelace widerſtehen können. retkannieren mochte. Im Jahre 1803 kam der Fürſt von der Lippe in Begleitung Friedrich Wilkens nach Leipzig. Sein Oberhofmeiſter, Graf Haacke, ein alter Bekannter des Vaters, führte den jungen Fürſten nebſt ſeinen Begleitern bei uns ein, und ſo lernte ich Wilken kennen. Dieſe Be⸗ ¹) Es wurde an Tiſchbein gerügt, daß er ſich um die Akademie zu wenig kümmere, ſodaß Schnorr v. Carolsfeld, der auch ſein Nachfolger ward, öfter ſeine Stelle habe verſehen müſſen. Vergl. Füßli, a. a. O. II. 1896. ²) Maria(1786— 1859), Tochter des Kaiſers Paul von Ruß⸗ land, Gemahlin des Großherzogs Karl Friedrich(reg. 1818— 1853). ³) Wohl nach dieſem Porträt hat die Schreiberin dieſer Zeilen, die auch 1806 die Kunſtausſtellung in Dresden mit einer heiligen Familie nach Palma beſchickte, das Bild der Königin gezeichnet, welches H. Schmidt nach deren Tode geſtochen hat: S. Füßli a. a. O. S. 1893. kanntſchaft entſchied unſer beider Geſchick, und der Vater gab ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung, die ſtatt⸗ finden ſollte, ſobald Wilken eine Stelle haben würde. Im Monat Mai 1806 ſtarb des Vaters einziger Bruder, Ludwig Philipp Tiſchbein, der als Baumeiſter in Rußland unter der Regierung der Kaiſerin Katharina II. ſich einiges Vermögen geſammelt hatte und in Petersburg lebte. Dieſer Todesfall erſchütterte den Vater ſehr, ob⸗ wohl die Brüder ſeit länger denn zwanzig Jahren ſich nicht geſehen und zuletzt auch nur ſelten einander geſchrieben hatten. Mein Oheim mußte nach allem, was ich er⸗ zählen hörte, das vollkommene Widerſpiel meines Vaters ſein. Ein überwiegender Hang zur ſtrengſten Okonomie, verbunden mit einer finſteren, menſchenfeindlichen Stimmung, bewirkten, daß der Oheim ledig blieb. Er lebte aller Geſelligkeit entfremdet in der großen Kaiſerſtadt als Einſiedler. Nach dem Tode des Oheims ſchien es dem Vater notwendig, zur Regulierung der Erbſchaftsangelegenheiten nach Petersburg zu gehen, und da er ſich gerade zu jener Zeit recht wohl befand, ſo trug er kein Bedenken, im Spät⸗ ſommer 1806 ſein Vorhaben auszuführen. Er fand bei ſeiner Ankunft in Petersburg das in der Bank deponierte Vermögen des Oheims durch ein plötzliches Fallen der Papiere um ein Drittteil vermindert. Von dem übrigen Nachlaß fand er vieles entwendet. Ein anderer Teil der ererbten Sachen, wichtige und ſchöne Kupferſtiche, Handzeichnungen, welche er zu Schiff über Lübeck nach Leipzig ſenden wollte, wurde mit dem Schiff von den Eng— ländern genommen, und die Reklamationskoſten waren ſo bedeutend, daß der Vater die geraubten Gegenſtände nicht dem Vater eine ehrenvolle kaiſerlichen Hofe. Reichlich In Petersburg wurde Aufnahme zu teil, auch am floß ihm Beſchäftigung zu, wiewohl manche vornehme Dame anfangs Anſtoß daran nahm, daß er die Séancen nur auf ſeinem Zimmer hielt. Eine Gräfin Lieven, Tochter des Generals von Benckendorf“), brach aber hier die Bahn, indem ſie ohne weiteres ſich dazu verſtand. Die Arbeiten des Vaters fanden großen Beifall, und beſonders waren die Damen von ſeiner Art, Kinder zu malen, ein⸗ genommen. ¹) Dorothea Fürſtin von Lieven(1784— 1857), Tochter des Generals Chriſtoph v. Benckendorf, 1800 vermählt mit dem ruſſiſchen Diplomaten Fürſten v. L., war ſelber diplomatiſch ſo ge⸗ ſchickt und ſo thätig, daß man ſie die„diplomatiſche Sibylle Europas“ nannte. 121 Auch unterrichtete der Vater die Töchter der Kaiſerin⸗ Mutter'“) im Zeichnen. Längere Zeit brachte der Vater auf Einladung der regierenden Kaiſerin) in Zarskoje Selo zu, um dort die Kaiſerin und ihre kleine Tochter zu malen. Das Kind konnte ſich an ſeine finſteren Augen⸗ brauen nicht gewöhnen, und um es ungeſehen beobachten zu können, ſaß er hinter einem Schirm und mußte durch eine Spalte desſelben die Kleine betrachten, welche unterdes von den Umſtehenden mit Spielſachen unterhalten wurde. An gehöriges Licht, Stellung u. ſ. w. war dabei natürlich nicht zu denken; doch gelang es ihm, die Grundzüge auf⸗ zufaſſen und einen leichten Entwurf in ſchwarzer Kreide zu machen, den er zu Hauſe dann weiter ausführte. Nach einigen Séancen der Art begann er das Bild als Knieſtück in Paſtell. Die Kaiſerin war mit dem Bilde ſehr zufrieden, und es war davon die Rede, daß er ſie und das Kind auf einem Bilde zuſammen malen ſollte. Der Vater hatte ſchon mehrere Skizzen dazu entworfen und der Kaiſerin vorgelegt, als dieſe plötzlich, von einem aber⸗ gläubiſchen Bedenken ergriffen, zauderte. Mutter und Kind, zuſammen auf einem Bild, bedeute unfehlbar den Tod des Kindes, hatte die Amme der kleinen Prinzeß bemerkt, nach einem in Rußland herrſchenden Aberglauben. Der Vater, welcher die ihm lieb gewordene Kompoſition ungern auf⸗ gab, wagte einige unterthänige Vorſtellungen, jedoch um— ſonſt; die Beredſamkeit der Amme ſiegte, die Kaiſerin ließ ſich allein malen, und bald darauf ſtarb das geliebte einzige Kind. Wie froh war jetzt der Vater, daß ſeine Bitten nicht durchgedrungen waren! Zwei Monate ver⸗ lebte er noch in Zarskoje Selo, bedient wie ein Prinz und auf die Genüſſe der allerüppigſten Tafel angewieſen, was aber von der nachteiligſten Wirkung auf ſeine Geſundheit war, ſo daß er, nach Petersburg zurückgekehrt, dort krank wurde. Dieſe Krankheit und neue Beſtellungen zogen ſeinen Aufenthalt dort ſehr in die Länge. Wenige Wochen nach des Vaters Abreiſe nach Ruß⸗ land fand meine Hochzeit ſtatt, am 17. September 1806, und mein Mann führte mich nach Heidelberg, wohin die Mutter, meine Schweſter und mein damals achtjähriger Bruder Karl uns begleiteten, um den Winter bei uns zu verweilen. ¹) Maria Feodorowna(1779—1828), Wittwe des 1801 ermordeten Kaiſers Paul, war die Tochter des Herzogs Friedrich Eugen von Württemberg. Die hier erwähnten Töchter waren die Großfürſtinnen Katharina und Anna, die ſpäteren Königinnen von Württemberg und von Holland. ³) Eliſabeth, Tochter des Erbprinzen Karl Ludwig von Baden; das einzige Kind, das ſie dem Kaiſer Alexander I. ſchenkte, die am 15. Nov. 1806 geborene Großfürſtin Eliſabeth, ſtarb ſchon am 12. Mai 1809. Meine Schweſter war damals auch ſchon mit dem Kauf⸗ mann Kunze in Leipzig verlobt, und als binnen Jahres⸗ friſt der Vater immer noch nicht zurückgekehrt war, fand auch ihre Hochzeit während ſeiner Abweſenheit ſtatt, im November 1807. So entbehrten wir beide an den feier⸗ lichſten Tagen unſeres Lebens der Gegenwart des lieben Vaters. Aber ihm wurde dadurch die Trennung von uns, vor der er ſich fürchtete, ſehr erleichtert, und dies, glaube ich, war ein Hauptgrund zu ſeiner Bereitwilligkeit, die Feier unſerer Hochzeit während ſeiner Entfernung zuzugeben. Gleich nach der Schweſter Hochzeit brachte das junge Ehepaar uns die Mutter wieder. Kurz vor der Geburt meines erſten Kindchens, Sophie nach meiner Mutter genannt, ſandte mir der Vater ein anſehnliches Geldgeſchenk, be⸗ gleitet von dem liebevollſten Brief. Endlich kehrte er im Spätſommer 1808 von Petersburg zurück und kam nach Heidelberg, um uns zu beſuchen und die Mutter mit Karl abzuholen. Seine Freude über das erſte Enkelchen war un⸗ ausſprechlich. Er malte es dann in Paſtell und por⸗ trätierte Wilken in Hl; letzteres Bild iſt eins ſeiner gelungenſten Porträts. Zwei Monate blieben die Eltern zuſammen bei uns und kehrten dann nach Leipzig zurück. Des Vaters Thätigkeit blieb ſich zwar noch eine Zeit⸗ lang gleich, aber doch entwickelten ſich langſam ſchon die Übel bei ihm, welche ſpäter ſein Ende herbeiführten. Er be⸗ ſchäftigte ſich damals viel mit Entwürfen zu allegoriſchen Bildern, welche freilich in ſeiner reichen, anmutigen Phan⸗ taſie ſich beſſer geſtalteten als in der Ausführung. Zwei ſolche, Erwartung und getäuſchte Hoffnung, führte er ganz aus und begleitete ſie mit einer recht artigen poetiſchen Erklärung. Die Muſen waren ihm überhaupt hold; er machte ſehr hübſche Gedichte, ſchrieb einen Operntext und ein kleines Schauſpiel, auch einige Fragmente über Kunſt. Beſondere Ereigniſſe in der Familie pflegte der Vater gern recht feierlich zu bezeichnen. Auch war er ein Freund von Überraſchungen. Eine ſolche hat ſich meinem Gedächt⸗ niſſe tief eingeprägt. Im Herbſt 1809 erkrankte meine kleine Sophie an einem Keuchhuſten, an dem alle Kunſt der Ärzte ſcheiterte. Das Übel dauerte fort bis zum Frühling, wo unſer Hausarzt zu einer Luftveränderung als letztem Mittel riet. So wurde denn eine Reiſe nach Leipzig beſchloſſen, die ich, weil mein Mann nich ſelbſt nicht begleiten konnte, unter dem Schutze des zur Meſſe nach Leipzig reiſenden Buchhändlers Zimmer“) antrat. ¹) Johann Georg Zimmer(1777— 1853), der Buchhändler der Romantiker in Heidelberg, ſtudierte ſpäter noch Theologie, wobei er auch Wilkens Schüler war, und ſtarb als Geiſtlicher in Frankfurt. S. H. Zimmer, Joh. G. Z. u. die Romantiker. 1888. 16 122 Bis Weißenfels ſollte ich mit Zimmer reiſen, dort aber bei der Großmutter meines Schwagers Wilhelm Kunze einkehren und einen Tag ausruhen. Wetter und Wege waren ſchlecht, und ſo kamen wir erſt um Mitternacht in Weißenfels an. Wie wir uns dem Hauſe näherten, ſtrahlte uns heller Fackelglanz entgegen, und als der Wagen hielt, ſtand an der Spitze der Fackelträger mein guter Vater ſelbſt, feſtlich gekleidet. Er war der erſte am Wagen und hob mich ſelbſt heraus. In den anderen Fackelträgern er⸗ kannte ich Schwager Wilhelm, meinen Bruder Karl und meinen lieben, werten Freund Limburger aus Leipzig. Solche Eindrücke verwiſchen ſich nicht. Reſultat dieſer Reiſe war Sophiens Geneſung. Im Jahre 1811 hatte der Vater ſehr ernſtliche Krankheitsanfälle; mit dem Frühling aber beſſerte es ſich, und er konnte eine Reiſe nach Frankfurt a. M. unter⸗ nehmen, wo ihn viel Beſchäftigung erwartete. Von dort kam er zu uns nach Heidelberg, und es war mir eine liebe Aufgabe, ihm den Aufenthalt bei uns ſo angenehm und bequem als möglich zu machen. Mein Mann zeigte das⸗ ſelbe Beſtreben, und ſo brachte der Vater zwei Monate bei uns zu, von denen er ſpäter ſelbſt ſagte, er rechne ſie zu den genußreichſten ſeines Lebens. Merkwürdig war die Art, wie er mich als Frau be⸗ handelte. Jeden kindlichen Dienſt, den ich ihm ſo gern leiſtete, nahm er zwar liebevoll, aber doch mit einiger Peinlichkeit auf, als ob ſich dies nicht mehr ſo recht ſchicken wolle. Kam ich des Morgens in ſein Zimmer, wo er gern allein frühſtückte, ſo mußte ich immer Entſchuldi⸗ gungen hören, daß er noch im Schlafrock und Pantoffeln ſei; um keinen Preis aber wäre er in meine Stube oder zu Tiſch im Schlafrock gekommen. Dieſe Förnlichkeit abgerechnet, welche nun einmal mit ihm verwachſen war, gab es nichts Herzlicheres als ſein Benehmen. Er ſchlief regelmäßig alle Nachmittage, und ſein Bedienter hatte Be⸗ fehl, ihn zu einer beſtimmten Stunde pünktlich zu wecken. Eines Tages fiel es mir ein, dies ſelbſt zu thun. Ich nahte mich alſo leiſe und vorſichtig dem guten Vater und drückte einen leichten Kuß auf ſeine Stirn. Mit der größten Heftigkeit auffahren und mir eine Ohrfeige geben war das Werk eines Augenblicks, und ich hätte Ähnliches voraus⸗ ſehen können. Denn Störungen im Schlaf wirkten jedes⸗ mal heftig erregend auf ſeine Nerven. Sein Erſchrecken, indem er ſich beſann und mich erkannte, war unbeſchreiblich, und es gehörten von meiner Seite die flehentlichſten Bitten dazu, um ihn über dieſen Vorfall zu beruhigen. Auch in Heidelberg fand ſich Beſchäftigung für ihn. Er malte mehrere Porträts, unter anderen den alten Voß Das glückliche mit ſeiner ehrwürdigen Erneſtine. Dieſe Porträts, ſo gut ſie ihm auch gelangen, malte er nur mit Widerſtreben. Der Phyſiognomie des berühmten Dichters konnte er durch⸗ aus keine poetiſche Seite abgewinnen, und die liebe Mutter Voß war bei all ihrer ſonſtigen Trefflichkeit ungewöhnlich häßlich. Sein verdrießliches Ausſehen während der Sit⸗ zungen, ſeine komiſchen Ausrufungen nachher, wie nur der liebe Gott ſolche Geſichter dem Künſtler zur Pein habe er— ſchaffen können, beluſtigten uns ſehr. Und nun gar die Toilette der alten Dame, ihre Haube, ihr ſteifes Halstuch! alle Künſte des Verſchönerungsſyſtems meines Vaters reichten hier nicht aus. Bei einer ſolchen Sitzung erzählte Voß mit angenehmem Selbſtgefühl, wie ſein Gedicht Luiſe eigentlich ein Familiengemälde ſei. In dem ehrwürdigen Pfarrherrn und deſſen Gattin habe er ſeine eigenen Schwieger⸗ eltern, im edlen, beſcheidenen Walter ſich ſelbſt, in der lieb⸗ lichen, ſchönen Luiſe ſeine Erneſtine geſchildert. Des guten Vaters Geſicht und Mienenſpiel während dieſer Expoſition war merkwürdig. Ich mußte hinausgehn, um mich recht ſatt zu lachen. Jenes Gedicht war immer eine Lieblings⸗ lektüre des Vaters geweſen. Von dieſer Stunde an aber, verſicherte er, würde es ihm unmöglich ſein, es je wieder zu leſen. Der bloße Gedanke an die eben vernommene Er⸗ läuterung verderbe ihm ſchon die Phantaſie. Des Vaters Wohlbefinden bei uns ließ eine gänzliche Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit hoffen. Leider aber ſahen wir uns ſchmerzlich getäuſcht. Denn in dem folgenden Winter kehrten ſeine Beſchwerden ſtärker als je zurück und nahmen einen ſehr bedenklichen Charakter an. Im Jahre 1812 entſtand der lebhafte Wunſch in ihm, noch einmal eine Reiſe nach Heidelberg zu machen, und der Arzt, obwohl er davon nichts für die Geſundheit des Vaters hoffte, geſtattete ſie ihm. Wir hatten kurz zuvor ein am Karlsplatz belegenes Haus gekauft, nebſt einem Garten, der eine herrliche Aus⸗ ſicht auf das alte ehrwürdige Schloß gewährte. Als die Eltern bei uns mit dem vierzehnjährigen Karl ankamen, bekümmerte mich in tiefſter Seele des Vaters ſichtliche Schwäche; er entſtieg nur mühſam dem Wagen und hatte ein bleiches, verfallenes Ausſehen. Ich fühlte, hier war keine Hoffnung mehr. Seltſam war es, daß die Mutter an die Gefährlichkeit von des Vaters Zu⸗ ſtand keinen rechten Glauben hatte. Auch ſchien es, als erhole er ſich etwas unter der ärztlichen Behandlung des alten trefflichen Dr. Maiu) und deſſen Schwiegerſohns, Dr. ¹) Über Franz Anton Mai(1742— 1814) und Franz Karl Nägele(1777— 1851) ſ. d. Allg. D. Biogr. u. Hirſch, Biogr. Lexik. hervorragender Arzte. 123 Nägele. Gern ſaß er in unſerm Garten und erquickte ſich an der wirklich romantiſchen Ausſicht. Vor der Bank, auf welcher er zu ruhen pflegte, breitete ſich ein friſcher Raſenplatz aus, und in der Mitte blühte gerade ein Roſen⸗ ſtock von ungewöhnlicher Höhe und Fülle. An dieſem Roſenbäumchen hatte er viel Vergnügen. Etwa vierzehn Tage nach ſeiner Ankunft erhielt er eine Aufforderung von der Großherzogin Stephanie,“) nach Mannheim zu kommen, um ſie mit ihrer kleinen Tochter zu malen, und er glaubte ſich wohl genug, dieſer Aufforderung genügen zu können. So wurde denn in Mannheim ein paſſendes Quartier gemietet, und die Eltern reiſten heiter dahin ab. Die erſten Nachrichten lauteten erwünſcht. Der Vater hatte beide Porträts angefangen und arbeitete mit Luſt, vollendete auch faſt das ſehr ähnlich gewordene Bild der Großherzogin; dann aber erkrankte er nach drei Wochen wieder ſehr bedenk⸗ lich und verlangte mit ſolcher Ungeduld nach Heidelberg zurück, daß die kleine Fahrt gewagt werden mußte. Er fühle ſich ſeinem Ziele nah, ſagte er der Mutter, wolle aber gern in Heidelberg ſterben, und ſo kam er dem Tode nahe wieder bei uns an. Es war ein herzzerreißendes Wieder⸗ ſehen. Der Vater ſelbſt ſchien ruhiger und gefaßter als ich. Noch einmal faßten wir Hoffnung, als der liebe Kranke nach einigen Ruhetagen wieder Kraft zu gewinnen ſchien und das Bett verlaſſen durfte. An einem ſchönen, ſonnigen Mittag wünſchte er von mir in den Garten ge⸗ führt zu werden, auf ſein Lieblingsplätzchen. Dort unter⸗ hielt er ſich lange mit mir, und nie werde ich dies Geſpräch vergeſſen, worin es ſich erwies, daß er, ohne alle Täuſchung über dieſe momentane Beſſerung, vollkommen bereit war, ruhig und ergeben zum Herrn einzugehn. Er konnte es; war er auch nicht frei von Schwächen und Fehlern, wie alle Menſchen an ſich erkennen müſſen, ſo hatte er doch vorſätzlich nur das Gute gethan, der Not ſeiner armen Mitbrüder abgeholfen, niemals wiſſentlich jemand gekränkt und ſtets nach einem höheren Ziele geſtrebt. Am Abend dieſes mir unvergeßlichen Tages legte er ſich nieder, um nicht wieder aufzuſtehen. Die Bruſtwaſſerſucht, zu der ſein übel ſich allmählich geſtaltete, machte plötzlich reißende Fortſchritte, und ſeine Leiden während acht Tagen waren furchtbar. Sie wechſelten ab mit einem ſchmerzloſen Fieber⸗ ¹) Stephanie, Großherzogin von Baden(1789— 1860), Tochter des Grafen Claude de Beauharnais, eines Vetters von Kaiſerin Joſephinens erſtem Gemahl, heiratete, von Napoleon adoptiert, 1806 den Erbgroßherzog Karl Ludwig, der 1811— 18 regierte. Ihre älteſte Tochter Luiſe Amalie Stephanie, geb. 5. Juni 1811, 1830 mit Prinz Guſtav Waſa vermählt, von dem ſie 1844 geſchieden wurde, ſtarb 1854. zuſtand, wo er ſtets phantaſierte und viel in Gedanken malte. Das unfertige Paſtellbild der kleinen Prinzeſſin ſchien ihn ſehr zu beſchäftigen, er forderte es einmal und deutete mit dem Finger die noch zu vollendenden Stellen an. In den zwei letzten Tagen ſeines Lebens nahmen die Beklemmungen zu. Bisher hatte die Mutter faſt alle Nächte bei ihm gewacht, aber am Vorabend ſeines Todes beredete ich ſie, ſich die erſten Stunden der Nacht etwas Ruhe zu gönnen, und blieb ſelbſt bei dem Vater. Er lag meiſt bewußtlos, ſchien aber keine Schmerzen mehr zu haben. Gegen Morgen kehrte ihm einige Beſinnung zurück; er ſah ruhig aus, ſprach nur wenige Worte, zeigte ſich aber ſehr freundlich gegen mich und fragte, was mir auffiel, nicht nach der Mutter. Als dieſe endlich erwachte und ich ihr Bericht über die Nacht abſtattete, wollte ſie noch immer nicht begreifen, daß der letzte Augenblick des Vaters un⸗ abweisbar nahe ſei. Gewohnt, ihn oft bis zum Tode krank und dann ſich plötzlich wieder erholen zu ſehn, glaubte ſie auch jetzt noch an die Möglichkeit des letzteren Falls. „Kinder“, ſagte ſie,„er erholt ſich doch wieder, glaubt mir.“ Als ſie aber an ſein Lager trat, ließ ſie bei dem erſten Blick auf des lieben Kranken ſchon vom Tode berührten Züge dieſe täuſchende Hoffnung fahren. Der Vater ſchien ſie nicht mehr zu erkennen, wie denn überhaupt ſein Bewußt⸗ ſein allmählich ganz ſchwand. Der alte, gute Dr. Mai, deſſen Schwiegerſohn Nägele, unſere Freunde Thibaut und die beiden Boiſſerée brachten abwechſelnd die Stunden dieſes betrübten Tages bei uns zu. Am Nachmittag brachte ich meine Kinder noch einmal an das Sterbebett ihres Groß⸗ vaters und legte deſſen erkaltende Hände zum letzten Segen auf beider liebe Häupter. Der Vater begann ſchon zu röcheln, was mich mit Jammer erfüllte, und oft mußten die Ärzte, um mich zu beruhigen, mir verſichern, daß der Sterbende ſelbſt dabei nichts empfinde und leide. Seine Agonie dauerte lange, zuletzt ſchickte mein Mann mich und die Mutter fort in ein anderes Zimmer und blieb allein mit Nägele und Thibaut bis zum letzten Atemzug des lieben Vaters. Mir und der Mutter leiſteten unſere treuen Freunde Boiſſerée Geſellſchaft. Es war eine feier⸗ liche Nacht. Nur einen Troſt giebt es in ſolchen Augen⸗ blicken, gläubige Hoffnung einer Wiedervereinigung vor Gottes Thron mit den Geliebten, von welchen auf Erden uns der Tod ſcheidet. Endlich, kurz vor Mitternacht, kamen mein Mann und Thibaut zu uns; es war vorbei, der Vater eingegangen zur ewigen Ruhe. Es war am 21. Juni 1812. Auf dem proteſtantiſchen Kirchhofe in Heidelberg wurde mein lieber Vater beſtattet. ———:—————x;;— 124 Berichtigungen und Zuſütze. Zu S. 2, Sp. 1. Das Geburtshaus Wilkens zu Ratzeburg iſt nicht mehr mit Sicherheit zu beſtimmen; wahrſcheinlich iſt es das nahe der Stadtkirche liegende jetzt Greßmannſche Haus Nr. 310. Doch iſt es auch möglich, daß Wilkens Vater in einem neben dem damaligen Gouvernementsgebäude(der jetzigen Kaſerne) ſtehenden, nunmehr abgetragenen kleinen Gebäude wohnte, welches neben der Amtswohnung für einen Regierungsrat auch eine ſolche für einen Unterbeamten enthielt. S. 9, Sp. 1. Z. 17 von o. lies 1805 ſtatt 1803. Zu S. 11, Sp. 1. Der in Anm. 2 erwähnte Brief Sophie Tiſchbeins iſt jetzt im V. Bd. der Schriften des Vereins f. d. Geſchichte Leipzigs abgedruckt. Vergl. über ihn wie über die Familien Tiſchbein, Kunze und Körner auch den Vortrag von E. Mangner in der 3. Beil. z. Leipz. Tagebl. u. Anzeiger Nr. 121 v. 8. März 1894. Zu S. 16, Sp. 1. Die in Anm. 2 erwähnte Erklärung der Heidel⸗ berger Profeſſoren iſt im Konzept— welches inzwiſchen in meinen Beſitz zgelangt iſt— nicht von Görres', ſondern von Creuzers Hand geſchrieben. Zu S. 23, Sp. 2, Anm. 4. Nach Auffindung der betreffenden von Thibaut in Wilkens Namen an deſſen Frau geſchriebenen Original⸗ reiſebriefe habe ich geſehen, daß dieſe Angaben doch nur ſcherz⸗ hafte ſind u. die gar zu ängſtliche Frau etwas verſpotten ſollen. S. 24, Sp. 2. Z. 21 v. o. lies Franz ſtatt Alexander. Zu S. 47, Sp. 2. Die erſte ſeiner vier Arbeiten über die Geſchichte Berlins ließ Wilken ſchon im Hiſtor. genealog. Kalender für das Jahr 1820 erſcheinen. ee Jahreubericht über das Schulzahr 1895 96. J. Die allgemeine Lehrverkallung des Bymnaſiums. 1. Überſicht über die einzelnen Lehrgegenſtände und die für einen jeden derſelben beſtimmte Stundenzahl. u V IV vmomſvnſonſorſor Religion.. 3 2 2.2 2 2 T2 ſr 2 Deutſch und Gechhrserzählungen 4 3 3 2 2 3 3 313 Totrih.. 8 S 7 7(7 7 60) 60) 60) Griechiſch..——— 6 6 6 6 6 6 V Geſchichte......— 2 2 2 2 2 4 Erdkunde..—— 2 2 2 r b 1 1 V V V Rechnen und Mathematik 4 4 4 3 3 V 4 142 4 4 Naturbeſchreibung.. 2 V 2. 2 2—— V—— Phyſik, Elemente der Chemie und V V V b V Mineralogie..———— 2 2 2 2 2 Schreiben. 2 2=—— Turnen 3 3 3 3 3 V 3 3 3 3 Geſang 2 V 2 Chor...... 3 Engliſch. maias, S aane——— V())) Hebräiſchh———— b—— 6.(2)() Dieſer Unterricht wurde von 14 Lehrern im S. in 291 Stunden, im W. in 294 Stunden gegeben(ſ. die folgenden Seiten). 2. Überſicht über die Verteilung der Stunden unter die einzelnen Lehrer. a. Sommerhalbjahr 1895. Stun⸗ ordi- 1 1 Ir.,—u—u v horal. den. V II V I⸗ V III V IIæ IIII III= V IV V V VI 1 Dr. Heußner, Deutſch 3 Hora 2 Vergil. 2 1 Direktor 10 Soph.⸗Hom. 3 3 V 3 Oberl. Prof. 19 Mathematik 4 Mathematik 4 Mathematik 3 Naturbeſchr. 2 O Dr. Zuſchlag Phyſik 2 Phyſik Naturbeſchr. 2 1 —— Oberl. Prof. Latein 6 Griechiſch 6 Geſch. u. Ggr. 4 Püttgen 19 Griechiſch 3 V 8 Latein(4 Griechiſch 3 Geſch. u. Ggr. 3— Oberl. Prof. 1. 19 Deutſch 3 Franzöſi ins zöſiſch 3 Dr. Kius Geſchichte 3 V S Latein 4 Geſchichte 3 Geographie 2— Oberl Prof. 1 21 Geſchichte 3 Griechiſch 6 graph d 3. Franzöſiſch 3 Religion 2 Religion 2 Religion 2 Latein 7— drs. Pof.) m. 2l ſn Hebräiſch 2 Deutſch 2 p V Hebräiſch 2 Religion 2 O Deutſch 3 Latein 7 Geographie 2 5 Oberl. Paulus II 24 Griechiſch 3 Franzöfiſch 3 Turnen Turnen 3 5 „ Dr. Heer⸗— 23 Mathematik 4 Mathematik 4 Mathematik 3 Mathematik 4 mann. Phyſik 2 Phyſik 2 Naturbeſchr. 2 Naturbeſchr. 2 Geſchichte 3 Deutſch 3 Griechiſch 6— „Prätorius II2 23 Franzöſiſch 2 Latein Turnen 2 1 Franzöſiſch 2 Franzöſiſch 2 Franzöſiſch 4 Latein 8 „ Dr. Vrede V 234 3 Engliſch 2 zöſiſch Engliſch 2(Chorgeſang—VI 3) zoſiſ Diſch u.Gſch. 3. . Kiſtor Geſch. u. Ggr. 3 Griechiſch 6 Latein 8 „Dr. Piſtor VI 23 Beſch 23 Dtſch. u. Gſch. 4 . 1. igi igi Religion 2Religion 2Religion 3 2 Wiſſenſchaftl. Religion 2Religion 2 Hilfslehrer IV 24 Deufſc. Wehmeyer. Turnen 3 1 V 8 Turnen 1 Turnen 3 Turnen 3 Turnen 3 Lehrer am Rechnen 4 Rechnen 4 Gymnaſium— 25+44 Turnen 3 Geſang 2 Naturbeſchr. Bätteuhauſen Geſang 41 Schreiben Zeichenlehrer Zeichnen 2 Zeichnen 2 Zeichnen 2 Zeichnen 2 8 Wenzel 10 Ztie Feiaben 2 Die katholiſchen Schüler erhielten Religionsunterricht in drei Abteilungen(I—IIi; II.—III2; IV— VI) je 2 St. im ßeine⸗heerriaſm mit den Schülern dieſer Anſtalt bei dem Kaplan Gruß, ebenſo die Schüler der I und II fakultativen Zeichenunterricht in 2 St. im Wilhelms⸗Gymnaſium mit demio Schülern dieſer Anſtalt bei dem Zeichenlehrer Wenzel. Erdkunde in V, Deutſch und Geſchichte in V gab von Joh. bis Mich. Kand. Bode. Geſchichte und Turnen in IV gab vom 1. Juni bis 1. Juli Kand. Pellens. Üüberſicht über die Verteilung der Stunden zine die einzelnen Lehrer. b. Winterhalbjahr 1895/9 Ordi. Stun. Elllln l, Dr. Heußner Deutſch 3 Horaz 2 Vergil 2 Direktor“— 10 Beu Hom. 3 g V Oberl. Prof.. Latein 7 Griechiſch 6 Geſch. u. G r. 4— Püttgen I 20 Griechiſch 3 V 3 Latein 5 Griechiſch 3 Geſch. u. Ggr. 3 den Bae k 20 Deutſch 3 i V Franzöſiſ in Geſchichte 3 Latein 5 Geſchichte 3 Geographie 2 Seuke I 22 Geſchichte 3 Griechiſch 6 V graphi⸗ 2 2— Franzöſiſch 3 2 Religion 2 Religion 2 Religi 2 Latei 7 8 Oberl. Proſ. gion atein III 21 176 Hebräiſch 2 Deutſch 2 diyeden Hebräiſch 2 V V Religion 2 Deutſch 3 Latein 7 Geographie 2 Oberl. Paulus III24 Griechiſch 3 Franzöſiſch 3 zraph 4 Turnen 3 Turnen 3 „ Dr. Heer- 21 Mathematik 4 Mathematik 4 Mathematik 3 Mathematik 4 mann ewſit 2 Phyſik 2 Naturbeſchr. 2 7— Geſchichte Deutſch 3 Griechiſch 6 „ Prätorius II2 23 Franzöſiſch 3 Deutſa 7 r Turnen 2 „ Dr. 2 V 23 †3 Frpufſo 2 Sranzöſſch 2—vI 3 Franzöſiſch 4 Latein 8 5 Brede*+ Engliſch 2 Engliſch 2(Chorgeſang an l A Deutſch u. G. 3 „ Dr.— Mathematik 4 Mathematik 4 Mathematik 3 Naturbeſch r..2 Naturbeſchr. 2 Schotten 21 2 Fhnſtn 1 Naturbeſchr. 2 ſch ſch V 3. Rtor 3 Geſch.n Ggr. Srrais 6 V Latei 8 „Dr. P 23 Latein 4*„ Dr. Piſtor VI utſch 2 Deutſch u. G. 4 3 Wiſenſc aftl. Religion 2 Religion 2 Religion 2 Religion 2Religion 3 ilfslehrer IV. 24 I Deutſch ehmeyer Latein V —— Turnen 3 Turnen 1 Turnen 3 Turnen 3 Turnen 3 4 Sehrer am. V Rechnen 4 Rechnen 4 a Bymnaſium— 25+. 4 Turnen 3 Geſang 2² Maturbeſchr 2 ättenhauſen Sejan b 5 reiben 2 Zeichenlehrer— 10 Zeichnen 2 Zeichnen 2 Zeichnen 2 Zeichnen enzel Schreiben 3 E wian in V. ir gegen Remuneration Kand. B od e, außerdem übernahm er och die r überſicht über den während des abgelaufenen Schuljahres erledigten Lehrſtoff. (S: bezeichnet das Sommer-, W: das Winterhalbjahr.) Oberprima. Ordinarius: Profeſſor Püttgen. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Glaubens und Sittenlehre im Anſchluß an den Katechismus und auf Grund des Augsburger Glaubensbekenntniſſes, nebſt kurzer Einleitung über die drei alten Symbole. Wiederholung der Kirchengeſchichte ſowie früher gelernter Pſalmen, Sprüche und Kirchenlieder. Erklärung des Römerbriefes mit Zugrundelegung des Urtextes. Hüpeden; vom 1. Dezember ab: Homburg. Katholiſche Religionslehre(2 St. w. mit Unterprima und Oberſekunda verbunden). Die Sitten⸗ lehre, ſowie die Kirchengeſchichte(Altertum und Mittelalter) nach Drehers Lehrbuch. Gruß. 2. Deutſch(3 St. w.). Lebensbilder Goethes und Schillers und ihrer berühmteſten Zeitgenoſſen ſowie bedeutenderer neuerer Dichter. Lektüre aus der Hamburgiſchen Dramaturgie. Wie die Alten den Tod gebildet. Goethes und Schillers Gedankenlyrik. Goethes Wahrheit und Dichtung, Schillers Abhandlung über naive und ſentimentaliſche Dichtung. Leſſings Nathan, Goethes Taſſo. Der Direktor. Aufgaben für die Aufſätze: 1. Nachweis der Verſchlingung von Recht und Schuld, ſowie der göttlichen Vorſehung, Gerechtigkeit und Gnade in Leſſings Nathan.— 2. Worin gleichen ſich Horaz und Walther von der Vogelweide?— 3. Was wirkte im Haus und außerhalb desſelben beſonders bildend auf Goethe in ſeinen Knabenjahren?(Klaſſenarbeit).— 4. Goethes künſtleriſche, insbeſondere dichteriſche Thätigkeit im elterlichen Hauſe.— 5. Zweck und Nutzen der Denkmäler. (Klaſſenarbeit).— 6. Titanismus und Deismus in Goethes Oden Prometheus, Ganymed, Grenzen der Menſchheit und das Göttliche.(Klaſſenarbeit).— 7. Des Rheinſtroms Ruhm.— 8. Kurze Würdigung des Schillerſchen Gedichtes„der Spazier⸗ gang“.(Klaſſenarbeit).— 9. Die Scheinreden des Agamemnon und des Ajas(llias B. und Soph. Aias).— 10. Erinnerung und Hoffnung zwei Hauptquellen der Freudigkeit des Menſchen.(Probearbeit).— 11. Iſt Ajas bei Sophokles ein tragiſcher Charakter?(Prüfungsarbeit). 3. Latein(6 St. w. ſeit Nov. 7 St). Horatius Oden III u. IV und Epiſteln mit Auswahl. Auswendiglernen einer Anzahl von Oden. Tacitus Annalen Ju. II mit Auswahl. Cicero pro Murena. Privatim geleſen wurden Cicero in Catilinam IV und Sallustius bell. Ingurth. mit Auswahl. Gram⸗ matiſche und ſtiliſtiſche Wiederholungen. Püttgen. 4. Griechiſch(6. St. w.). Hom. Il. X—XXIV! z. Teil mit Auswahl. Soph. Aias.(3 St. w.) Der Direktor. Plato Apologie, Demosthenes 2 olynthiſche und die 1. philippiſche Rede. Privatim geleſen wurden 2 Reden des Lysias. Alle 4 Wochen eine ſchriftliche überſetzung. Püttgen. 5. Franzöſiſch(2 St. w.). Racine, Phdre. Mignet, Histoire de la révolution frangçaise. Schriftliche Uberſetzungen aus dem Franzöſiſchen ins Deutſche. Sprechübungen im Anſchluß an die Lektüre; gelegentliche grammatiſche Wiederholungen. Praetorius. 6. Engliſch(2 St. mit Ie vereinigt). Shakespeare, The merchant of Venice. Elliot, Three months at Weimar. Grammatiſche Wiederholungen nach dem Lehrbuth von Tendering. Mündliche und ſchriftliche Übungen im Anſchluß an Lektüre und Grammatik. Brede. 7. Hebräiſch(2 St w., mit Ie vereinigt). Es wurde geleſen dr erſte Buch Moſis mit Auswahl und die Formenlehre nach Strack wiederholt. Gelegentliche Darbietung des Notwendigſten aus der Syntax. Hüpeden; vom 1. Dezember ab: Homburg. 8. Geſchichte und Erdkunde(3 St. w.). Neuere und neueſte Geſchichte nach Herbſt. Geſchichtliche und geographiſche Wiederholungen. Praetorius. 9. Mathematik(4 St. w.). Abſchluß der Stereometrie. Binomiſcher Lehrſatz. Koordinaten⸗ Geometrie. Transverſalen im Dreieck, Ähnlichkeitspunkte, Kreispolaren, Potenzlinie. Dr. Heermann. 10. Phyſik(2 St. w.). Lehre vom Licht und mathematiſche Erdkunde. Dr. Heermann. 11. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. Unterprima. Ordinarius: Profeſſor Dr. Kius. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Die Hauptepochen der Kirchengeſchichte. Erklärung des Evangeliums Johannis mit ſtellenweiſer Zugrundelegung des Urtextes. Gelegentliche Wiederholung gelernter Pſalmen, Sprüche und Kirchenlieder. Hüpeden; vom 1. Dezember ab: Homburg. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Oberprima vereinigt. 2. Deutſch(3 St. w.). Lebensbilder aus der deutſchen Litteraturgeſchichte von Beginn des 16. bis zum Ende der 18. Jahrhunderts. Leſſings Laokoon. Goethes Iphigenie. Schillers Braut von Meſſina. Freie Vorträge. Dr. Kius. Aufgaben für die Aufſätze: 1. Welches ſind die wahren Volksfeſte?— 2. Zu welcher Dichtungsart iſt Goethes Wandrer zu rechnen?— 3. Darf ſich Schillers Wallenſtein mit Cäſar vergleichen?— 4. Aller Anfang iſt leicht.(Klaſſen⸗ arbeit).— 5. Die Verdienſte der Karolinger vor Karl dem Großen.— 6. Wie ſuchten die deutſchen Könige die Macht der Herzöge zu brechen?(Klaſſenarbeit).— 7. Iſt es ein Vorzug des plaſtiſchen Künſtlers auch Handlungen anzudeuten?— 8. Iſt es wahr, daß der Held des Dichters und der Dichter des Helden bedarf?(Klaſſenarbeit). 3. Latein(6 St. w. ſeit Nov. 7 St.). Hor. Od. I u. II. mit Auswahl. Satiren mit Auswahl. Auswendiglernen einer Anzahl Oden(2 St. w.). Der Direktor. Ciceros Briefe, Tac. Annalen I u. II mit Auswahl. Schriftliche Überſetzungen aus dem Lateiniſchen ins Deutſche alle 6 Wochen, aus dem Deutſchen ins Lateiniſche im Anſchluß an die Lektüre alle 14 Tage. Grammatiſche Wieder⸗ holungen. Dr. Kius. 4. Griechiſch(6 St. w.). Hom. Il. I—VIII mit Auswahl. Soph. Oedipus Tyrannos. Thukyd. I bis VII mit Auswahl. Alle 4 Wochen eine ſchriftliche Überſetzung. Püttgen. 5. Franzöſiſch(2 St. w.). Dumas, Histoire de Napoléon. Molière, Le Malade imaginaire. Gelegentliche grammatiſche Wiederholungen. Sprechübungen im Anſchluß an die Lektüre. Schriftliche Überſetzungen aus dem Franzöſiſchen ins Deutſche. Dr. Brede. 6. Engliſch(2. St. w.) mit Oberprima verbunden. 7. Hebräiſch(2 St. w.) mit Oberprima verbunden. 8. Geſchichte und Erdkunde(3 St. w.). Geſchichte des Mittelalters und neuere Geſchichte bis 1648. Dr. Kius. 9. Mathematik(4 St. w.). Sommer: Arithmetiſche und geometriſche Reihen. Zinſeszins⸗ und Renten⸗ rechnung. Berechnung des Kreiſes. Geometriſche Konſtruktionen. Beendigung der Trigonometrie. Schellen⸗ berg. Winter: Repetition der geſamten Arithmetik und Algebra.— Stereometrie. Dr. Schotten. 10. Phyſik(2 St. w.). Sommer: Mechanik der feſten und flüſſigen Körper. Schellenberg. Winter: Mechanik der Luft. Lehre vom Schall. Dr. Schotten. 11. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. Oberſekunda. Ordinarius: Profeſſor Stoll. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Erklärung der Apoſtelgeſchichte. Pauli Miſſionsreiſen; ſeine Briefe nach Veranlaſſung und Inhalt. Eingehende Beſprechung des Galaterbriefes und des Philipperbriefes, ſowie anderer wichtiger neuteſtamentlicher Abſchnitte. Wiederholung des Katechismus ſowie früher gelernter Pſalmen, Sprüche und Kirchenlieder. Hüpeden; vom 1. Dezember ab: Homburg. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Prima vereinigt. 2. Deutſch(3 St. w.). Nibelungenlied und Gudrun, Parzival, Walther von der Vogelweide. Ausblicke auf die nordiſchen Sagen und die großen germaniſchen Sagenkreiſe. Sprachgeſchichtliche Be⸗ lehrungen. Eingehende Behandlung der drei Dramen Götz, Egmont und Wallenſtein. Paulus. Aufgaben für die Aufſätze: 1. Die Irrfahrten des Odyſſeus, ein Bild des menſchlichen Lebens.— 2. Wie zeigt ſich der Einfluß des Chriſtentums im Nibelungenliede?— 3. Die ſeeliſche Entwickelung Parzivals.— 4. Wie werden natio⸗ nale Gedenktage würdig gefeiert?(Klaſſenaufſatz.).— 5. Des Helden Schuld und Sühne im Götz v. Berl.— 6. Welche Stoffe der alten Geſchichte haben die Maler beſonders angezogen?(nachzuweiſen an Gemälden der hieſigen Gallerie).— 7. Welche Verdienſte hat unſer Jahrhundert um die Hebung der Verkehrsmittel?(Klaſſenaufſatz).— 8. Die Wallenſteinſche Armee, verglichen mit dem deutſchen Kriegsheer 1870. 3. Latein(6 St. w. ſeit Nov. 7 St.). Verg. Aen. VI. IX— XI nach der Auswahl von Lange (2 St. w.). Der Direktor. Livius in der Auswahl von Vollbrecht; Cicero, pro Milone. Privat⸗ lektüre aus Livius XXV. Grammatik nach Ellendt⸗Seyffert(§ 215—238). Alle 14 Tage ſchriftliche Haus⸗ und Klaſſenarbeiten, weſentlich im Anſchluß an die Lektüre. Alle 6 Wochen eine Überſetzung aus dem Lateiniſchen ins Deutſche. Stoll.— 4. Griechiſch(6 St. w.). Homer Odyssee IX—XXIII mit Auswahl. Dr. Kius. Herodot Buch V—IX mit Auswahl. Satzlehre nach Bamberg. Alle 4 Wochen eine ſchriftliche Überſetzung aus dem Griechiſchen ins Deutſche. Paulus. 5. Franzöſiſch(2 St. w.). Erckmann-Chatrian, Waterloo. Molière, Les Précieuses ridicules. Wiederholung wichtigerer Abſchnitte der Grammatik. Regelmäßige ſchriftliche Wiederholungen aus dem Franzöſiſchen ins Deutſche. Sprechübungen im Anſchluß an die Lektüre. Dr. Brede. 6. Engliſch(2 St. w.). Einführung in die Ausſprache und die wichtigſten grammatiſchen Regeln im Anſchluß an die Leſeſtücke und die grammatiſchen Abſchnitte des„Kurzgefaßten Lehrbuchs“ von Tendering. Auswendiglernen von kleinen Leſeſtücken und Gedichten. Sprechübungen im Anſchluß an den Leſeſtoff des Lehrbuchs. Dr. Brede. 7. Hebräiſch(2 St. w.). Formenlehre und Leſeübungen nach Strack; kleinere ſchriftliche übungen. Das Notwendigſte aus der Syntax im Anſchluß an die Lektüre von Geneſ.—IV. Hüpeden; vom 1. Dezember ab: Homburg. 8. Geſchichte und Erdkunde(3 St. w.). Griechiſche und römiſche Geſchichte bis 30 v. Chr. nach Herbſt. Wiederholung einzelner Abſchnitte der Erdkunde. Stoll. 9. Mathematik(4 St. w.). Potenzen, Wurzeln, Logarithmen. Gleichungen zweiten Grades mit mehreren Unbekannten. Arithmetiſche und geometriſche Reihen. Abſchluß der Ähnlichkeitslehre(Goldener Schnitt, harmoniſche Punkte und Strahlen). Ebene Trigonometrie. Dr. Heermann. 10. Phyſik(2 St. w.). Magnetismus und Elektrizität. Wärme. Wiederholung der chemiſchen und mineralogiſchen Grundbegriffe. Dr. Heermann. 11. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. Unterſekunda. Ordinarius: Oberlehrer Praetorius. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Lektüre des Evangeliums des Matthäus. Wieder⸗ holung des Katechismus, im Zuſammenhang damit Wiederholung von Sprüchen, Liedern und Pſalmen. Wehmeyer. 9 Katholiſche Religionslehre(2 St. w.). Die Sittenlehre und das katholiſche Kirchenjahr nach Drehers Leitfaden. Gruß. 2. Deutſch(3 St. w.). Schillers Jungfrau von Orleans; Goethes Hermann und Dorothea; Leſſings Minna von Barnhelm. Häusliche und Klaſſenaufſätze; kleinere ſchriftliche Arbeiten in der Klaſſe. Vortragen auswendig gelernter Gedichte, ſowie kleiner eigener Ausarbeitungen. Praetorius. 1. Warum erſcheint uns die Erhebung der Schweizer in Schillers Wilhelm Tell als berechtigt?— 2. Die Schlacht am traſumeniſchen See(nach Livius).— 3. Wie zeigt ſich Kyros der Jüngere im Kampfe gegen ſeinen Bruder?— 4. Wie erfüllt Johanna ihren Auftrag:„Errettung bringen Frankreichs Heldenſöhnen und Rheims befrein und Deinen König krönen?“ (Klaſſenaufſatz).— 5. König Rudolf in Schillers„Graf von Habsburg“ und der König in Uhlands„des Sängers Fluch“. — 6. Was erfahren wir über das Städtchen, das Goethe zum Hauptſchauplatz der Handlung in Hermann und Dorothea gewählt hat?— 7. Hermanns Eltern.— 8. Inwiefern ſind Bücher unſere guten und ſchlechten Freunde?(Klaſſenarbeit). — 9. Der Gang der Ereigniſſe im Jahre 1813 mit beſonderer Berückſichtigung der Verdienſte Preußens.(Prüfungsarbeit). 3 Latein(7. St. w.). Vergil Aen. II mit Auswahl.(Nach Lange). Liv. XXI Cap. 1— 30 nach der Auswahl von Vollbrecht. Cicero 1 u. 3te Catilinariſche Rede. Übungen im unvorbereiteten überſetzen und Rücküberſetzen. Wiederholung der ganzen Formenlehre und Syntax mit Ergänzung der letzteren nach Ellendt⸗Seyffert.— Wöchentlich eine ſchriftliche Überſetzung aus dem Deutſchen ins La⸗ teiniſche, meiſt Klaſſenarbeiten, alle 6 Wochen eine Üüberſetzung aus dem Lateiniſchen ins Deutſche. Praetorius. 4. Griechiſch(6 St. w.). Homer Odyssee Auswahl aus I, V, VI. Xenoph. Anabasis III u. IV. Hellenica I mit Auswahl. Grammatik nach Bamberg(§§ 1—70). Wiederholung der Formenlehre. Alle 14 Tage eine ſchriftliche Überſetzung aus dem Deutſchen ins Griechiſche. Stoll. 5. Franzöſiſch(3 St. w.). Lektüre nach Plötz, Lectures choisies. Grammatik nach Plötz' Schul⸗ grammatik Lekt. 50— 79 mit Auswahl. Schriftliche und mündliche Überſetzungen aus dem Deutſchen ins Franzöſiſche, Diktate, Sprechübungen. Stoll. 6. Geſchichte und Erdkunde(3 St. w.) Deutſche und preußiſche Geſchichte von 1740 bis zur Gegenwart. Wiederholung der Erdkunde Europas. Grundlagen der mathematiſchen Geographie. Stoll. 7. Mathematik(4 St. w.). Sommer: Proportionslehre, Potenzen und Wurzeln. Lehre von der Ähnlichkeit. Konſtruktionen. Schellenberg. Winter: Repetition des arithmetiſchen Penſums von Tertia. Potenz⸗ und Wurzellehre. Gleichungen erſten Grades mit einer und mit mehreren Unbekannten. Gleichungen zweiten Grades mit einer Unbekannten. Definitionen der trigonometriſchen Funktionen am rechtwinkligen Dreiecke. Trigonometriſche Berechnung rechtwinkliger und gleichwinkliger Dreiecke. Die einfachen Körper nebſt Berechnung von Kanten. Oberflächen und Inhalten. Dr. Schotten. 8. Phyſik(2 St. w.). Sommer: Chemie. Schellenberg. Winter: Magnetismus und Elek⸗ trizität. Überſicht über die anderen Gebiete der Phyſik. Dr. Schotten. 9. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. Obertertia. Ordinarius: Oberlehrer Paulus. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Geſchichte des Reiches Gottes im neuen Bunde. Bibl. Lektüre, eingehende Erklärung der Bergpredigt. Erklärung des Kirchenjahres. Wiederholung des Kate⸗ chismus, der Sprüche, Lieder, Erklären und Auswendiglernen von Pſalmen. Wehmeyer. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Unterſekunda vereinigt. 2. Deutſch(2 St. w.). Lektüre nach Hopf und Paulſiek. Schillers Glocke und Wilhelm Tell. Aufſätze und Anleitung zum Disponieren. Übungen im Vortragen auswendig gelernter Gedichte Piſtor. 10 3. Latein(Lekt. 4, Gramm. 3 Stunden w.). Ovid nach Siebelis I(560 Verſe). Anfangsgründe der Metrik. Caes. bell. Gall. I(zweite Hälfte) V und VI; Buch VII kurſoriſch. Syntax nach Ellendt⸗Seyffert§ 147— 229. Wiederholung des Untertertianerpenſums und der ganzen Formenlehre. Wöchentlich eine ſchriftliche Arbeit, jede ſechſte eine Überſetzung aus Cäſar. Mündliche Übungen nach Süpfle. Paulus. 4. Griechiſch(6 St. w.). Xenophons Anabasis I und II mit Auswahl. Formenlehre nach der Grammatik in Oſtermanns Üübungsbuch§ 39—46. Wiederholung von§ 1— 38. Mündliche Übungen und ſchriftliche Überſetzungen(häusliche und Klaſſenarbeiten) alle 14 Tage aus dem Deutſchen ins Griechiſche nach Oſtermann und nach Diktaten. Prätorius. 5. Franzöſiſch(3 St. w.). Grammatik nach Plötz Schulgrammatik(Lekt. 1—24, 46—57.) Lektüre nach der Chreſtomathie von Plötz. Leſe⸗, Sprech⸗ und Memorierübungen. Wöchentlich eine ſchriftliche Arbeit. Paulus. 6. Geſchichte(2 St. w.). Deutſche, insbeſondere brandenburgiſch⸗deutſche Geſchichte von der Reformation bis 1740. Piſtor. 7. Erdkunde(1 St. w.). Wiederholung der phyſiſchen Erdkunde Deutſchlands. Die deutſchen Kolonieen. Piſtor. 8. Mathematik(3 St. w.). Multiplikation und Diviſion abſoluter und relativer Zahlen. Gleichungen 1. Grades mit einer und mehreren Unbekannten. Potenzen mit poſitiven ganzzahligen Exponenten. Flächengleichheit von Figuren nebſt Konſtruktionsaufgaben dazu. Dr. Heermann. 9. Naturbeſchreibung(2 St. w.) Lehre vom menſchlichen Körper. Abſchnitte aus der Mechanik und aus der Wärmelehre. Dr. Heermann. 10. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. 11. Zeichnen(2 St. w.). Nach plaſtiſchen Vorbildern. Landſchaften. Figürliche Darſtellungen. Wenzel. Untertertia. Ordinarius: Profeſſor Hüpeden. Vom 1. Dezember ab Viſſenſchaftlicher Hilfslehrer Homburg. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Geſchichte des Reiches Gottes im alten Bunde nach Völker. Wiederholung des erſten, zweiten und dritten Hauptſtückes. Erklärung des vierten und fünften Hauptſtückes. Es wurden Lieder, Sprüche und Pſalmen gelernt, ſowie das früher Gelernte wiederholt. Belehrung über das Kirchenjahr und die Bedeutung der gottesdienſtlichen Ordnungen. Hüpeden. Vom 1. Dezember ab Homburg. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Unterſekunda vereinigt. 2. Deutſch(2 St. w.). Lektüre nach Hopf und Paulſiek. Das Wichtigſte aus der deutſchen Grammatik. Vortragen gelernter Gedichte. Alle 4 Wochen ein Aufeatz, darunter einige Klaſſenaufſätze. Hüpeden. Vom 1. Dezember ab Homburg. 3. Latein(7 St. w.). Caesar de bello Gall. I, 1—29; II und III. Syntax nach Holzweißig: Kaſuslehre und Hauptregeln der Tempus⸗ und Moduslehre. Mündliche Übungen im üÜberſetzen. Schriftliche Übungen(häusliche und ſolche in der Klaſſe) aus dem Deutſchen ins Lateiniſche nach Diktaten. Alle 4 Wochen eine Klaſſenarbeit aus Cäſar. Hüpeden. Vom 1. Dezember ab Homburg. 4. Griechiſch(6 St. w.). Formenlehre nach der Grammatik in Oſtermanns Übungsbuch§ 1— 38 mit Auswahl. Wörterlernen. Mürdliche und ſchriftliche Übungen(häusliche und Klaſſenarbeiten) nach Oſtermanns Übungsbuch(I— XI). Piſtor. 11 5. Franzöſiſch(3 St. w.). Grammatik und Lektüre nach Plötz, Elementargrammatik(einſchl. Anhang). Abwechſelnd häusliche und Klaſſenarbeiten. Dr. Kius. 6. Geſchichte(2 St. w.). Deutſche Geſchichte bis zum Ausgang des Mittelalters. Dr. Kius. 7. Erdkunde(1 St. w.). Wiederholung der politiſchen Erdkunde von Deutſchland. Phyſiſche und politiſche Erdkunde der außereuropäiſchen Erdteile. Dr. Kius. 8. Mathematik(3 St. w.). Arithmetik(1 St. w.). Syſtem; Operationen der erſten und zweiten Stufe in abſoluten Zahlen.— Planimetrie(2 St. w.). Lehre vom Viereck und vom Kreis.— Repetition der Dreieckslehre und Konſtruktionsaufgaben. Sommer: Schellenberg; Winter: Dr. Schotten. 9. Naturbeſchreibung(2 St. w.). Sommer: Bau und Leben der Pflanze. Schellenberg. Winter: Ausländiſche Kulturpflanzen.— Überblick über das Tierreich; Tiergeographie. Dr. Schotten. 10. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. 11. Zeichnen(2 St. w.). Körperliche Gegenſtände in Umriſſen. Wenzel. Quarta. Ordinarius: Biſſenſchaftl. Hilfslehrer Wehmeyer. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Das Allgemeinſte von der Einteilung der Bibel und die Reihenfolge der bibliſchen Bücher. Übungen im Aufſchlagen von Sprüchen. Leſen wichtiger Abſchnitte des alten und neuen Teſtaments. Wiederholung des erſten und zweiten Hauptſtücks des Katechismus. Die Lehre von Taufe und Abendmahl. Kirchenlieder. Wehmeyer. Kathöliſche Religionslehre(2 St. w.). Katechismus: drittes Hauptſtück: Von den Gnadenmitteln. Bibliſche Geſchichte des neuen Teſtamentes: Das öffentliche Leben Jeſu und die Leidensgeſchichte. Gruß. 2. Dentſch(3 St. w.). Leſen, Nacherzählen und Vortragen von Leſeſtücken und Gedichten nach Hopf und Sansee Diktate und Aufſätze. Grammatik. Wehmeyer. 3. Latein(7 St. w.). Lektüre aus den im Übungsbuch von Oſtermann enthaltenen Lebens⸗ beſchreibungen. Wiederholung der Formenlehre; Syntax nach Oſtermann. Mündliche Übungen, Wörter⸗ lernen und ſchriftliche Überſetzungen(häusliche und Klaſſenarbeiten) nach Oſtermann und nach Diktaten. Wehmeyer.. 4. Franzöſiſch(4 St. w.). Lektüre und Grammatiſches nach dem Elementarbuch von Guſtav Plötz, Cap. 1— 33. Auswendiglernen von Gedichten. Mürndliche und ſchriftliche Überſetzungen(häusliche und Klaſſenarbeiten) und Diktate. Sprechübungen im Anſchluß an die Lektüre. Dr. Brede. 5. Geſchichte(2 St. w.). Griechiſche und römiſche Geſchichte. Püttgen. 6. Erdkunde(2 St. w.). Europa außer Deutſchland. Kartenſkizzen. Püttgen. 7. Mathematik(4 St. w.). Wiederholung der Bruchrechnung. Dreiſatzaufgaben nach Fölſing IV, V und VI. Planimetrie nach Uth bis zur Kongruenz der Dreiecke, einſchl. Konſtruktionsaufgaben dazu. Dr. Heermann. 8. Naturbeſchreibung(2 St. w.). Sommer: Beſchreibung und Vergleichung von Blütenpflanzen zum Auffinden der wichtigſten natürlichen Pflanzenfamilien. Dr. Heermann. Winter: Inſekten mit beſonderer Berückſichtigung der nützlichen und ſchädlichen. Überblick über das Tierreich. Dr. Schotten. 9. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. 10. Zeichnen(2 St. w.). Flachornamente, Embleme, Vignetten, Schildformen und Tafeln mit Sinnſprüchen. Wenzel. 5 12. Quinta. Ordinarius: Oberlehrer Dr. Brede. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Bibliſche Geſchichte des neuen Teſtaments nach Kurtz (mit Auswahl). Das zweite Hauptſtück des Katechismus mit Luthers Erklärung nebſt Sprüchen und vier Liedern. Wiederholung der in Sexta gelernten Abſchnitte des Katechismus und der daſelbſt gelernten Lieder. Wehmeyer. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Quarta vereinigt. 2. Deutſch(2 St. w.). Leſen, Erklären und Vortragen von Leſeſtücken und Gedichten nach Hopf und Paulſiek. Übungen in der Rechtſchreibung. Satzlehre. Wöchentlich ein Diktat. Dr. Brede. 3. Latein(8 St. w.). Wiederholung der regelmäßigen Formenlehre; Deponentia; unregelmäßige Formenlehre und einige ſyntaktiſche Regeln nach dem lateiniſchen Übungsbuch von Oſtermann⸗Müller. Mürdliche und ſchriftliche übungen in der Klaſſe. Wörterlernen im Anſchluß an den Leſeſtoff des Übungsbuches. Wöchentliche ſchriftliche Überſetzungen(häusliche und Klaſſenarbeiten). Dr. Brede. 4. Geſchichtserzählung(1 St. w.). Erzählungen aus der ſagenhaften Vorgeſchichte der Griechen und Römer. Dr. Brede. 5. Erdkunde(2 St. w.). Phyſiſche und politiſche Erdkunde Deutſchlands nach Daniel§§ 85— 101. Kartenſkizzen. Paulus. 6. Rechnen(4 St. w.). Teilbarkeit der Zahlen. Gemeine Brüche. Einfache Aufgaben der Dreiſatz⸗ rechnung(durch Schluß auf die Einheit zu löſen). Die deutſchen Maße, Gewichte und Münzen. Bättenhauſen. 7. Naturbeſchreibung(2 St. w.). Sommer: Beſchreibung der äußeren Organe der Blütenpflanzen im vergleichenden Anſchluß an verwandte, gleichzeitig vorliegende Arten. Schellenberg. Winter: Beſchreibung wichtiger Wirbeltiere mit beſonderer Berückſichtigung der nützlichen und ſchädlichen. Ein⸗ teilung der Wirbeltiere. Knochenbau des Menſchen. Dr. Schotten. 8. Geſang(2 St. w.). Bättenhauſen. 9. Zeichnen(2 St. w.). Grundformen der Ornamentik. Leichte Flachornamente, Gerätformen, Inſekten. Wenzel. 10. Schreiben(2 St. w.). Wenzel. Serta. Ordinarius: Oberlehrer Dr. Piſtor. 1. Evangeliſche Religionslehre(3 St. w.). Bibliſche Geſchichte des alten Teſtaments und die Feſt⸗ geſchichten aus dem neuen Teſtament nach Kurtz. Das erſte Hauptſtück des Katechismus mit Luthers Erklärung nebſt Sprüchen und vier Kirchenliedern. Worterklärung des zweiten und dritten Hauptſtückes des Katechismus. Wehmeyer. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Quarta vereinigt. 2. Deutſch(3 St. w.). Leſen, Erklären, Nacherzählen von Leſeſtücken und Auswendiglernen von Gedichten aus dem Leſebuche von Hopf und Paulſiek. Redeteile und Glieder des einfachen Satzes. Unterſcheidung der ſtarken und ſchwachen Flexion. Ubungen in der Rechtſchreibung. Wöchentliche Diktate. Piſtor. 3. Latein(8 St. w.). Formenlehre nach dem grammatiſchen Anhang des lateiniſchen Übungsbuches von Oſtermann⸗Müller. Lektüre der darin enthaltenen Leſeſtücke. Wörterlernen im Anſchluß an das Übungsbuch. Wöchentlich eine Klaſſenarbeit. Piſtor. 13 4. Geſchichtserzählung(1 St. w.). Lebensbilder aus der vaterländiſchen Geſchichte von Karl dem Großen bis Kaiſer Wilhelm I. Piſtor. 5. Erdkunde(2 St. w.). Heimatskunde. Grundlehren der Erdkunde. Stoll. 6. Rechnen(4 St. w.). Die vier Grundrechnungsarten in benannten und unbenannten Zahlen. Einübung der Maße, Gewichte und Münzen. Zeitrechnung. Übungen in der dezimalen Schreibweiſe und den einfachſten dezimalen Rechnungen.(Addition und Subtraktion.) Bättenhauſen. 7. Naturbeſchreibung(2 St. w.). Beſchreibung von Blütenpflanzen, Säugetieren und Vögeln. Bättenhauſen. 8. Geſang(2 St. w.). Bättenhauſen. 9. Schreiben(2 St. w.). Bättenhauſen. Mathematiſche Aufgaben für die Reifeprüfung. 1) Herbſt 1895. 1) Aus einer Seite und dem Halbmeſſer des In- und Umkreiſes ſoll ein Dreieck gezeichnet werden. 2) Um wieviel iſt ein gerader Kegel von der Höhe h und der Seitenlinie s an Inhalt größer als die Kugel, die ſeinen Mantel und ſeine Grundfläche von innen berührt? h= 12 m, s= 13 m. 3) Es ſollen die Winkel eines Dreiecks berechnet werden, von dem der Halbmeſſer r des Umkreiſes, die Differenz zweier Höhen(h,— ha) und der Winkel y, von dem die dritte Höhe ausgeht, gegeben ſind. r= 72,5, hp— h.= 10,848,„= 530 7, 48. 4) Bei einem Eiſenbahnzug von 240 000 kg Gewicht und 14 m Geſchwindigkeit wird der Dampf abgeſtellt und der Zug bewegt ſich weiter, indem er einen Widerſtand gleich dem Druck einer Kraft von 650 kg überwindet. Welchen Weg legt der Zug noch zurück, bis er ſtill ſteht, und welche Verzögerung erfährt er? 2) Oſtern 1896. 1) Es ſoll ein Dreieck hergeſtellt werden, von dem das Verhältnis und die Projektionen zweier Seiten auf die dritte gegeben ſind. 2) In welchen Verhältniſſen teilt der 45. Breitenkreis die Oberfläche und den Inhalt der Erde, die als eine voll⸗ kommene Kugel angeſehen werden ſoll? 3) Wie groß ſind die Winkel eines Dreiecks, von dem die Seite c, die Summe da+ ep, der Halbmeſſer der den beiden anderen Seiten zugehörigen Ankreiſe und der Winkel« gegeben ſind? e= 57, e,+ 0b= 120, 33,= 670 22 49“. 4) In welcher Höhe, mit welcher Geſchwindigkeit und mit welcher lebendigen Kraft würde eine mit om Anfangs⸗ geſchwindigkeit unter dem Erhebungswinkel a abgeſchoſſene Kugel von( kg Gewicht eine 1 m entfernte Wand treffen, wenn kein Luftwiderſtand vorhanden wäre? Cbä= 300,= 25°, 1= 6900, Q= 0,04. Vom chriſtlichen Religionsunterricht war keiner der chriſtlichen Schüler befreit. Jüdiſcher Religionsunterricht(2 St. w.). An dieſem den jüdiſchen Schülern der beiden hieſigen Anſtalten freigeſtellten Unterrichte, welcher in der oberen Abteilung von dem Landrabbiner Dr. Prager, in der mittleren vom Seminarlehrer Katz und in der unteren vom Seminarlehrer Gutkind gegeben wurde, nahmen 10 Schüler teil. Der Unterricht wurde in dem Gebäude des Wilhelms⸗Gymnaſiums erteilt. Hebräiſch(2 Abteilungen in je 2 St. w.). Hüpeden, vom 1. Dezember in Vertretung Homburg. Teil nahmen 3 Schüler der Prima und 2 Schüler der Oberſekunda. Engliſch(2 St. w.). Dr. Brede. Es nahmen teil im S:: in Abt. I 14, in Abt. II 22 Schüler; im W.: in Abt. I 13, in Abt. II 15 Schüler. Geſang(3 St. w.). Dr. Brede([[— V) und Bättenhauſen(V und VI). 1) Baß und Tenor(1 St. w. 30 Schüler der Klaſſen I und II);— 2) Sopran und Alt(1 St. w. 71 Schüler aus III— V;— 3) Chorgeſang(1 St. w. 101 Schüler aus I—V);— 4) Quinta(2 St. w.);— 5) Sexta(2 St. w.).— Von den Schülern der V war im S.: 1, im W.: 2 befreit. Zeichnen für die Schüler der oberen Klaſſen(2 St. w. im Wilhelms⸗Gymnaſium). Wenzel. Es nahmen teil im S.: 11, im W.: 7 Schüler der Klaſſen I und II. Turnen. Die Anſtalt beſuchten im S.: 300, im W.: 296 Schüler. Von dieſen waren befreit Vom Turnunterrichte überhaupt: Von einzelnen Übungsarten: im S. 2 S%, im W. 2%. Auf Grund ärztlichen Zeugniſſes: im S. 12, im W. 12. V im S. 4, im W. 6. aus anderen Gründen: im S.—, im W.—. im S. 3, im W.—. zuſammen: im S. 12, im W. 12. V im S. 7, im W. 6. V alſo von der Geſamtzahl der Schüler: im S. 4%, im W. 4%. Es beſtanden bei 9 getrennt zu unterrichtenden Klaſſen 8 Turnabteilungen; zur kleinſten von dieſen gehörten 30, zur größten 42 Schüler. Für den Turnunterricht insgeſamt waren wöchentlich 24 Stunden angeſetzt. Ihn erteilten Turnlehrer Bättenhauſen in 6 Klaſſen.. 13 Stunden, Oberlehrer Paulus„2„.. 6. Oberlehrer Prätorius„ 1„.. 2 7 Der wiſſenſchaftl. Hülfslehrer Wehmeyer„ 1„.. 3„ Eine Turnhalle und ein von Bäumen beſchatteter Turnplatz, beide zum Gymnaſium gehörig, liegen unmittelbar am Gymnaſialgebäude. Turnſpiele finden teils auf dem Turnplatz, teils im Sommer) auf dem freilich ĩ½ Stunde entfernten Forſte ſtatt, an denen ſich die Schüler alle und gern beteiligen. An dem Baden und Schwimmen in der Militär⸗Schwimmanſtalt, welche dem Gymnaſium für be⸗ ſtimmte Stunden des Tages zur Benutzung vorbehalten war, beteiligten ſich 196 Schüler. Schwimm⸗ unterricht erteilten die Schwimmlehrer des Infanterie⸗Regiments von Wittich(3. heſſ. Nr. 83) an 75 Schüler. Freiſchwimmer ſind 139 Schüler, von dieſen haben das Schwimmen erſt im Berichtsjahre erlernt 26. Die Zahl der Freiſchwimmer beträgt 46% der Geſamtzahl der Schüler. II. Berkügungen der vorgeletzten Behörde. Caſſel, 29. Mai 95. überſendung einer neuen Geſchäftsordnung für die Kaſſenbeamten. Caſſel, 25. Juli 95. Mitteilung eines Miniſterialerlaſſes, enthalteud die Warnung vor frühzeitigem unbeſonnenem Führen von Schießwaffen. Caſſel, 5. September 95. Mitteilung eines Miniſterialerlaſſes, betreffend die Verwendung deutſcher Stahlfedern. Caſſel, 25. September 95. Mitteilung eines Miniſterialerlaſſes, daß gegen ſchriftliche Überſetzungen ins Franzöſiſche in den oberen Klaſſen nichts einzuwenden ſei. Caſſel, 28. Oktober 95. Mitteilung einer Miniſterialverfügung über Einführung einer ſiebenten Lateinſtunde in den oberen Klaſſen und über Wiederholung der alten Geſchichte. Caſſel, 19. Dezember 95. Genehmigung der Einführung der Geſchichte des Heſſenlandes von Prof. Karl Wagner. III. Schulgelchichte. Die mündliche Abſchlußprüfung für Oſtern 1894 war am 29. März. Am Montag den 1. April fand in dem Hörſal des Gymnaſiums eine Bismarckfeier ſtatt. Die Feſtrede hielt der Direktor. Die Aufnahmeprüfung für Sexta wurde am 5. April nachm. vorgenommen. Der Unterricht wurde am 6. April 11 Uhr vorm. mit einer gemeinſamen Andacht geſchloſſen. Oberlehrer Paulus nahm in der Zeit vom 16. bis 21. April an einem archäologiſchen Kurſus in München teil. Das neue Schuljahr 1895/96 wurde am Montag den 22. April nachm. 3 Uhr mit einer gemeinſamen Andacht eröffnet und 58 aufgenommene Schüler auf die Schulgeſetze verpflichtet. Der Vormittagsunterricht wurde für das Sommerhalbjahr auf 5 Stunden ausgedehnt und ebenſo von Weihnachten an für das Winterhalbjahr. Profeſſor Stoll war aus Geſundheitsrückſichten vom Beginn des Schuljahres bis zu den Iuli⸗ ferien beurlaubt und wurde durch den Kandidaten Karl Bode vertreten, der dann zunächſt als unbeſol— deter wiſſenſchaftlicher Hülfslehrer an der Anſtalt blieb, für das Winterhalbjahr aber noch in 5 Stunden w. mit Vertretung des Prof. Stoll beauftragt wurde. Profeſſor Zuſchlag war aus Geſundheitsrückſichten von Anfang des Schuljahres bis zu Michaelis beurlaubt und wurde vom 30. Mai an durch den Kandidaten Dr. Karl Schellenberg vertreten, der hier damit zugleich ſein Probejahr vollendete und dann einer Berufung als wiſſenſch. Hülfslehrer an das Gymnaſium und die Realſchule zu Mülheim a. d. Ruhr folgte. Mit dem 1. Mai ſchied der wiſſenſch. Hülfslehrer Ludwig Baumann aus ſeiner hieſigen Stellung, um als Oberlehrer an das Realprogymnaſium zu Biedenkopf überzugehen. An ſeine Stelle trat als wiſſenſch. Hülfslehrer Ludwig Wehmeyer, zuvor Lehrer an der Hoffmannſchen Privatlehranſtalt zu St. Goarshauſen. Oberlehrer Paulus nahm vom 27. Mai an acht Tage an einem Kurſus für Jugendturnſpiele in Braunſchweig teil. Da der Reichstagsabgeordnete Prof. Hüpeden vom 1. Juni an ſeinen Unterricht wieder über⸗ nahm, ſo hörte damit die Vertretung durch den Kandidaten Pellens auf. Dieſer blieb noch bis zu den Juliferien als unbeſoldeter wiſſenſch. Hülfslehrer an der Anſtalt und ging dann in eine Privatſtellung nach Eiſenach. Am 11. Juni machten die einzelnen Klaſſen unter Führung ihrer Ordinarien bei ſehr günſtigem Wetter die üblichen Ausflüge. Am 13. Juni beſuchte Herr Geh. Rat Dr. Lahmeyer eine Unterrichtsſtunde des Seminar⸗ Kandidaten Becker, ebenſo am 27. September. Am 15. Juni fand zum Gedächtnis des Todestages Kaiſer Friedrichs in der üblichen Weiſe eine Schulfeier ſtatt, ebenſo am 18. Oktober zur Erinnernng an den Todestag desſelben, am 9. März zum Gedächtnis des Todestages Kaiſer Wilhelms I. und am 22. März zur Erinnerung an den Geburtstag desſelben. Die Sommerferien dauerten vom 6. Juli bis 5. Auguſt. In den erſten Tagen derſelben machte der Primanergeſangverein unter Führung des Direktors und des Oberlehrers Dr. Brede einen Ausflug in die Rhön. Am 28. Auguſt verlieh Se. Majeſtät der Kaiſer dem Direktor als Seinem ehemaligen Lehrer den Königlichen Kronenorden 3. Kl., nachdem er ihn zuvor durch eine huldvolle Unterredung aus⸗ gezeichnet hatte. Am 30. Auguſt wurde zur Vorfeier des Sedanfeſtes von Primanern unſeres Gymnaſiums unter Leitung des Oberlehrers Dr. Brede das Feſtſpiel„Sedan“ von Thouret für die Schüler der Anſtalt und am folgenden Abend für die Angehörigen derſelben und ſonſtige Freunde der Sache im Hanuſch⸗Saale aufgeführt. Die Vorſtellung war ſehr zahlreich beſucht und fand allgemeinen Beifall. Der Reinertrag wurde zum größten Teil für die Abgebrannten in Brotterode beſtimmt. Zur Feier des Sedantages beteiligte ſich das Gymnaſium morgens 10 Uhr an einem großen Feſtzuge in die Aue und machte nachmittags bei ſehr günſtigem Wetter den üblichen Ausflug in den Habichtswald. Die ſchriftliche Reifeprüfung für den Michaelistermin war vom 26. bis 30. Auguſt, die mündliche unter dem Vorſitze des Herrn Geheimen Regierungsrat Dr. Lahmeyer am 17. September. Oberlehrer Dr. Brede war vom 23. September und ebenſo vom 16. März für je eine Woche zur Teilnahme an der Einjährigen⸗Prüfung beurlaubt. Die allgemeine deutſche Philologenverſammlung zu Köln vom 25. bis 28. September beſuchte Profeſſor Dr. Kius. Das Sommerhalbjahr wurde am 28. September mit einer gemeinſamen Andacht geſchloſſen. Mit dieſem Tage ſchied Prof. Dr. Zuſchlag aus dem Lehrerkollegium, um aus Geſundheitsrückſichten in den Ruheſtand zu treten, nachdem er der Anſtalt 35 Jahre in treuer Hingabe gedient hatte. Herr Geheimer Regierungsrat Dr. Lahmeyer ſprach dem ſcheidenden Lehrer in warmen Worten die Anerkennung und den Dank des Königl. Provinzial⸗Schulkollegiums für ſeine langjährige hingebende Thätigkeit aus und überreichte ihm den Kronenorden 4. Klaſſe, der Direktor gab den Gefühlen des Bedauerns der Lehrer und Schüler Ausdruck, daß die Schule in Zukunft ſeine erfolgreiche Hülfe entbehren müſſe, und dem Dank für alles, was er der Schule geleiſtet, was er Lehrern und Schülern geweſen ſei. Prof. Zuſchlag nahm dann ſelbſt in herzlichen Worten Abſchied von der Anſtalt. Nach der Feier überreichte der Direktor ihm im Namen des Lehrerkollegiums als kleines ſichtbares Zeichen der Dankbarkeit und Freundſchaft einen ſilbernen Becher. Mit dem Schluß des Sommerhalbjahres verließ der Kandidat Becker nach Beendigung ſeines Seminarjahres die Anſtalt, um an dem Gymnaſium zu Hersfeld ſein Probejahr zu beſtehen. 17 Das Winterhalbijahr begann am Montag den 14. Oktober. Mit dieſem Tage trat als Oberlehrer bei der Anſtalt ein Dr. Heinrich Schotten, der von Schmalkalden hierher berufen wurde. Dr. phil. Heinrich Schotten, geb. zu Marburg am 3. Juli 1856, beſtand die Reifeprüfung am Gymnaſium zu St. Nikolai in Leipzig Oſtern 1876, beſuchte die Univerſitäten Leipzig, Breslau, Berlin, Marburg und legte die Staatsprüfung Juni 1882 in Marburg ab. Dort erwarb er ſich auch im Juli 1883 die akademiſche Doktorwürde auf Grund der Diſſertation:„Über einige bemerkenswerte Gattungen von Hypocyeloiden“. Nach Vollendung des Probejahrs am Lyceum Fridericianum zu Kaſſel war er als Hülfs⸗ lehrer dort und in Hersfeld thätig; 1888 definitiv in Hersfeld angeſtellt, folgte er Oſtern 1890 einem Rufe an das Realprogymnaſium zu Schmalkalden und Michaelis 1895 einem ſolchen an das Kgl. Friedrichsgymnaſium zu Kaſſel. Oktober 1894 wurde er zum Mitglied der Kaiſerl. Leop.⸗Carol. Akademie ernannt. Außer der ſchon erwähnten Diſſertation, mehreren Programmabhandlungen und Aufſätzen in Zeit⸗ ſchriften, ſowie zahlreichen Rezenſionen wiſſenſchaftlicher und pädagogiſcher Werfe erſchien von ihm:„Inhalt und Methode des planimetriſchen Unterrichts. Eine vergleichende Planimetrie“, Leipzig Teubner, Bd. I. 1890, Bd. II. 1893.— Seit 1895 iſt ihm die Herausgabe der im Groteſchen Verlag erſchienenen Reidtſchen Werke übertragen, von denen bisher„Stereometrie“ und„Planimetrie“ in neuer Auflage herausgegeben wurden. Ebenfalls 1895 erſchien„Der Koordinatenbegriff und die analytiſche Geometrie der Kegelſchnitte. Ein Leit⸗ faden für höhere Lehranſtalten.“ Zufolge Verfügung vom 10. Oktober traten mit dem Wiederbeginn des Unterrichts die Kandidaten des höheren Schulamts Julius Freund und Dr. Ludwig Ziehen ihr Seminarjahr hier an. Von Mitte November an wurde in Prima und Oberſekunda eine ſiebente Lateinſtunde eingeſezt. Am 17. November fand die gemeinſame Abendmahlsfeier der evangeliſchen Lehrer und Schüler in der St. Martinskirche ſtatt. Vom 1. Dezember an wurde der Reichstagsabgeordnete Prof. Hüpeden wieder durch den Kan⸗ didaten Homburg vertreten(vgl. Jahresbericht von 1894 und 1895). Zum Weihnachtsfeſte wurde der Anſtalt von Sr. Majeſtät dem Kaiſer und König ein Exemplar des nach dem allerhöchſtem Entwurf Sr. Majeſtät von Prof. Knackfuß ausgeführten allegoriſchen Bildes „Völker Europas, wahrt eure heiligſten Güter“, mit der allerhöchſteigenen Unterſchrift Sr. Majeſtät „Meinem alten Gymnaſium“ verſehen, huldvollſt zugeſandt. Bei Gelegenheit der am 23. Dezember 11 Uhr zum Schulſchluß bei brennenden Weihnachtsbäumen abgehaltenen liturgiſchen Weihnachtsandacht wurde dasſelbe den Schülern zuerſt gezeigt und von dem Direktor in ſeinen Einzelheiten erklärt. Herr Geheimrat Dr. Lahmeyer wohnte der Feier bei. Es hängt in der Aula als eine beſondere Zierde derſelben und den Lehrern und Schülern ein dauernder Beweis Kaiſerlicher Huld und Gnade. Die Weihnachtsferien dauerten bis 6. Januar. Durch Verfügung vom 7. Januar wurde dem inzwiſchen hierher zurückgekehrten Kandidaten Pellens geſtattet, wieder als unbeſoldeter Hülfslehrer an der Anſtalt beſchäftigt zu werden. Am 18. Januar fand zur Erinnerung der Kaiſerproklamation eine Feſtfeier in der Aula des Gymnaſiums ſtatt, beſtehend in Feſtgeſängen, Deklamation und einer Feſtrede des Direktors. Ein bei Gelegenheit dieſer Feier angekauftes Bild, eine photogr. Darſtellung der Kaiſerproklamation von A. v. Werner, wurde den Schülern hier zuerſt gezeigt und ſpäter in der Aula aufgehängt. Zugleich wurde eine Anzahl Schriften, welche von der vorgeſetzten Behörde zur Verteilung an würdige Schüler über⸗ ſandt waren, ſolchen eingehändigt. Geheimrat Dr. Lahmeyer wohnte der Feier bei. Am Abend war das Gymnaſium illuminiert. Am 27. Januar fand zur Feier des allerhöchſten Geburtstages Sr. Majeſtät des Kaiſers und Künigs eine öffentliche Schulfeier in der Aula ſtatt, beſtehend in einem Redeverſuch des Unter⸗ 18 primaners Mohr über Friedrich Barbaroſſa und Heinrich den Löwen, einer Feſtrede des Oberlehrers Dr. Piſtor über das Deutſchtum im Elſaß und dem Vortrage der Altniederländiſchen Volkslieder durch den Schülerchor. Die ſchriftliche Reifeprüfung für den Oſtertermin war in der Zeit vom 3. bis 7. Februar, die mündliche unter dem Vorſitze des Direktors am 10. März. Am 11. März fand in einer öffentlichen Feier die Entlaſſung der Abiturienten ſtatt. Dem Abiturienten Otto Kaiſerling überreichte der Direktor nach ſeiner Entlaſſungsrede die Richter'ſche Denkmünze. Herr Rentier Kaiſerling ſchenkte für die Gideon⸗Vogt⸗Stiftung 100 Mark, wofür auch hier der gebührende Dank ausgeſprochen wird. Die ſchriftliche Entlaſſungsprüfung war in der Zeit vom 2. bis 6. März, die mündliche am 23. März. Der Unterricht erlitt durch die oben aufgeführten längeren oder kürzeren Beurlaubungen und ander⸗ weitige dienſtliche Verpflichtungen manche Störung. Bemerkenswerte Unterbrechungen durch Erkrankung von Lehrern kamen außerdem nicht vor. IV. Btatiltiſche Mitteilungen. A. Frequenzüberſicht für das Schuljahr 1895 96. 01[UI on UII OIIIUIIIIV V V VI Sa. 11 Beſtand am 1. Februar 1895... 19 21 34 31 43 34 31 34 31 2:8 2. Abgang bis zum Schluß des Schulj. 1894/95 17 1 5 5 4 2 1 1 2 ꝑ38 3a. Zugang durch Verſetzung zu Oſtern.. 13 25 22 30 21 23 32 28. 194 3 b. Zugang durch Aufnahme zu Oſtern.. 2. 71 1 3 3 4 V 37. 58 4. Frequenz am Anfang des Schulj. 1895,/96 17 30 31 37 33 37 42 33 38 298 5. Zugang im Sommerhalbjahr...... 3 3 B 1 3 1 2 6a. Abgang im Sommerhalbjahr.... 3(1 21 5 1 11 6 b. Abgang durch Verſetzung zu Michaelis. AAj 7a. Zugang durch Verſetzung zu Michaelis. 7b. Zugang durch Aufnahme zu Michaelis. V 1 aeſt 8 2 Sreet 3 1 15 8. Frequenz am Anfang des Winterhalbjahrs 15 29 29 36 32 37 12 35 39 294 9. Zugang im Winterhalbjahr........ n... 1 1 1 2 10. Abgang im Winterhalbjahr....... 1 2 1. 11 11. Frequenz am 1. Februar 1896.... 15 29 28 34 31 37 42 36 40] 292 12. Durchſchnittsalter........ 19 182 17 163 15 13, 129 11 100 B. Religions⸗ 19 und Heimatsverhältniſſe der Schüler. 1. Am Anfang des Sommerhalbjahrs Oſtern 1895 erhalten 22 Schüler, davon ſind 4 zu einem praktiſchen Berufe abgegangen. 2. Am Anfang des Winterhalbjahrs.. 3. Am 1. Februar 1896. Evang. Davon Geſamt⸗ Kath. Diſſid. Juden. Einheim. Ausw. zahl der — 1 Umorten. Schüler. 16 20 237 58 298 15 20 233 56 1 294 —— 3— 14 19 231 56 292 Das Zeugnis der wiſſenſchaftlichen Befähigung für den einſährigen Militärdienſt haben zu 4. Verzeichuis der für reif erklärttu Schüler der Dherhrimne 5 —————py ——O—-- Z 4„ 6 eb rts⸗ we des Vaters. e Aufenthalts 5 Name nie Alter bris Gewählter Beruf 2 Vorname Ort Tag bezu Stand Wohnort ——. a. Michaelis 1895. V Callenberg Adolf Schleswig 5. Mai 76 19 J. 4 M. kath. Regierungsrat Caſſel„Heeresdienſt Becker Guſtav Schwalbenthal 12. Okt. 75 ſ19J11 MNref. Lehrer Caſſel ²Rechtswiſſenſchaft (Kr. Eſchwege) b. Oſtern 1896. Caspar Kurt Netra(Kreis 8. Mai 76 19J.SM.luth. Amtsgerichts⸗ Caſſel Heilkunde Eſchwege) Sekretär 4. Görland Albert Hamburg 9. Juli 69 26. 7M.luth. Pianof.⸗Stimmer Hamburg Philoſophie 5. Kaiſerling Otto Kiel 11. Juli 76 19 J. 7M luth. Rentner Caſſel 8 Heilkunde 6. Klebe Karl Walburg(Kr. 25. Mai 78 17J.9 M. ref. Bürgermeiſter Walburg 4 Heilkunde Witzenhauſen) 7. Koopmann Wilhelm Hamburg 24. März 76,19 J11 Mluth. Dr. med., Privatm. Caſſel 7 Theologie 8. Lieberknecht Ernſt Eſchwege 31. Dez. 78 17.2 M. ref. Rentner Eſchwege 3 2 Kaufmann 9. Pinder Wilhelm Caſſel 25. Juni 78 17J. SM. uniert Muſeumsdirekt. †(Caſſel) 9 2 Philologie 0. Plaut Karl Eſchwege 30. Nov. 77 18J.3 M.jisr. Banquier Eſchwege 3[2 Heilkunde 1. Püttgen Hans Kaſſel 9. Jan. 78 18J.2 M. kath. Profeſſor Caſſel 6 2 Rechtsviſſenſchaft 2. Reyher Emil Halle a. S. 8. Juni 76 19 J.SM.luth. Gerichtsaktuar †(Halle) 4 2 KHeilkunde 3. Roſenberg Ludwig Caſſel 27. Nov. 76 19 J. 3 M. isr. Kaufmann †(Caſſel) 10 2 Keilkunde 4. Schmincke Alexand. Nürnberg 18. Sept. 7718 S.5 M.luth. Kaufmann Caſſel 9 2 Heilkunde 5. Wendt Paul KLaſſel 30. Mai 76 19J.9 M. luth. Kaufmann Caſſel 10 2 Fporſtfach 3* 20 QQQQæQAO;; V. Bammlungen von Tehrmitteln. 1. Bibliothek. a. Lehrerbibliothek. Aus den etatsmäßigen Mitteln ſind im Laufe des Jahres angeſchafft worden: An Fortſetzungen: Die chriſtliche Welt.— Chronit der chriſtlichen Welt.— Beweis des Glaubens.— Centralblatt für die geſamte Unterrichtsverwaltung.— Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik.— Zeitſchrift für den deutſchen Unterricht.— Verhandlungen der Direktorenkonferenzen in Preußen.— Zeitſchrift für das Gymnaſialweſen. — Gymnaſium.— Blätter für höheres Schulweſen.— Lehrproben und Lehrgänge.— Zeitſchrift für mathematiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Unterricht.— Monatsſchrift für das Turnweſen.— Zeitſchrift für Schulgeſundheitspflege.— Grimm, Deutſches Wörterbuch.— Roſcher, Lexikon der griechiſchen und römiſchen Mythologie.— Oſtwald, Klaſſiker der exakten Wiſſenſchaften.— Ukert und Heeren, Geſchichte der europäiſchen Staaten.— Kayſer, Bücher⸗Lexikon.— Gerber und Greef, Lexicon Taciteum.— Aus deutſchen Leſebüchern. Außerdem wurden angeſchafft: Hildebrand, Aufſätze und Vorträge.— Hildebrand, Vom deutſchen Sprachunterricht.— Elze, William Shakſpeare.— Strodtmann, Dichterprofile.— Düntzer, Goethes italieniſche Reiſe. 2 Bde. — Gryphius, Das verliebte Geſpenſt.— Litzmann, Das deutſche Drama.— Stern, Nationallitteratur.— Paulig, Friedrich Wilhelm II.— Freiligrath, Dichtungen. 6 Bde.— Brunn, Griechiſche Künſtler.— Holtei, Vierzig Jahre.— Brücke, Theorie der bildenden Künſte.— Baumeiſter, Handbuch II. 2. III. 1. u. 2.— Blume, Anleitung zu Aufſätzen.— Zimmer⸗ mann, Dispoſition zu deutſchen Aufſätzen.— Credner, Geologie.— Landsberg, Streifzüge.— Handbuch der Architektur, II. 1. Müller, Griechiſche Bühnenaltertümer.— Strehl, Der deutſche Aufſatz.— Kratzert, Grundriß der Elektrotechnik.— Oſtwald, Analytiſche Chemie.— Holzmüller, Elementarmathematik. II.— Kollbach, Naturwiſſenſchaft und Schule.— Ludwig, Biologie der Pflanzen.— Straßburger, Lehrbuch der Botanik.— Wolf, Taſchenbuch für Mathematik.— Schurtz, Katechismus der Völkerkunde.— Lindner, Der Krieg gegen Frankreich.— Wachsmuth, Einleitung in das Studium der alten Geſchichte.— Schrader, Der Bilderſchmuck der deutſchen Sprache.— Schäffle, Deutſche Kern⸗ und Zeitfragen. 2 Bde.— Bähr, Das frühere Kurheſſen.— Jahresberichte der Geſchichtswiſſenſchaft. XVI.— Richter, Die chriſtlich⸗kirchlichen Alterthümer.— Haſe, Kirchengeſchichte III, 2.— Kern, Kleine Schriften. I.— Breslich⸗Köpert, Bilder I. 1, 2. u. II.— Oebbecke, Kobells Tafeln.— Kolbe, Elektricitätslehre.— Löwl, Felsarten.— Haas, Geologie. An Geſchenken erhielt die Bibliothek: Von Sr. Exc. dem Herrn Kultusminiſter: Jahrbuch für Jugend⸗ und Volksſpiele. IV.— Vom Königl. Provinzial⸗Schulkollegium: 1. Verhandlungen der Direktoren⸗Verſammlungen. 45. 2. Wieſenbach, Die blinden Heſſen. 2 Expl. 3. Gemß, Die Schulorthographie.— Von Sr. Exc. dem Herrn Generallieutenant Rhein: Henſe, Studien zu Sophokles.— Von der Reſidenzſtadt Caſſel: Vewaltungsbericht 1893/94.— Von der Witwe des Verfaſſers: Braun, Schiller in Bauerbach.— Von dem Verfaſſer Dr. Loſch: Johannes Rhenanus.— Von dem stud. med. Theobald: 1. Müller, Kaiſer Friedrich. 2. Werner, Das Buch von der deutſchen Flotte. 3. Paul, Die verſunkene Stadt. 4. Otto, Deutſche Geſchichten. 3 Bde.— Von dem Verfaſſer Dr. Schotten: Der Koordinaten⸗ begriff.— Von Prof. Dr. Kius: 1. v. Henk, Zur See. 2. Kunze, Kalender 1895. 3. Zeitſchr. des Vereins für heſſ. Geſch. IX. Suppl. 4. Schriften des Vereins für Reformationsgeſch.(Fortſ.). 5. Die Grenzboten(Fortſ.). 6. Litterariſches Centralblatt(Fortſ.). 7. Heſſenland(Fortſ.). b) Schülerbibliothek. Lindner, Der Krieg gegen Frankreich.— v. Wildenbruch, Die Quitzows.— v. Wildenbruch, Der neue Herr.— Immermann, Oberhof, v. Carel.— Laube, Karlsſchüler.— Laube, Graf Eſſex.— Laube, Demetrius.— Heyſe, Novellen. 3 Bde.— Wolff, Rattenfänger.— Wolff, Der wilde Jäger.— Wolff, Der fliegende Holländer.— Wolff, Das ſchwarze Weib.— Knaake, Max v. Schenkendorff.— Stifter, Bunte Steine.— Stifter, Studien. 2 Bde.— Baumbach, Abenteuer und Schwänke.— Baumbach, Sommermärchen.— Baumbach, Lieder eines fahrenden Geſellen.— Freybe, Klopſtocks Abſchiedsrede.— Haupt, Liviuskommentar(VIIIX).— Baumbach, Truggold.— Ziegler, Der deutſche Student.— Ebers, Im blauen Hecht.— Dahn, Chlodowech.— Hebbel, Nibelungen.— Köpke, Alteſte deutſche Dichterin.— Weſtarp, Gf. Herzblut.— Gieſebrecht, Deutſche Kaiſergeſchichte. VI.— Deutſcher Jugendfreund. 50.— Wolff, Das Recht der Hageſtolze. — Lamprecht, Deutſche Geſchichte. V. 2. 21 2. Bilder und philologiſch⸗hiſtoriſche Anſchanungsmittel: Geſchenkt wurden: 1. Von Sr. Majeſtät dem Kaiſer und König zum Weihnachtsfeſte ein Exemplar des Bildes„Völker Europas, wahrt eure heiligſten Güter“.— 2. Von Herrn Hofbuchhändler Hühn eine große Photographie des Kölner Doms. Angekauft wurde zur Gedenkfeier am 18. Januar eine große Photographie der Kaiſerproklamation zu Verſailles von A. v. Werner. Alle drei Bilder hängen als ein beſonderer Schmuck in unſerer Aula. 3. Phyſikaliſche Lehrmittel: Es wurden angeſchafft: Ein Wellrad, eine Schraube, eine loſe Rolle, eine Inklinationsnadel, ein Mikrophon, eine Elektriſiermaſchine, ein Elektromotor, Geißler'ſche Röhren, eine Crookes'ſche Röhre, und verſchiedenes Handwerkszeug. 4. Naturgeſchichtliche Lehrmittel: Angeſchafft wurden: Weingeiſt⸗Präparate von einem Eichhorn, einer Lachtaube und einer Weinbergſchnecke; ferner an ausgeſtopften Tieren: Hermelin, kleines Wieſel, Wieſenſchnarre, Schnepfe, Rauchſchwalbe, Buchfink, Goldhähnchen, Rotkehlchen, Bachſtelze, Hänfling und Eichelhäher. 10 Gliederfüßler in allen Zuſtänden ihrer Entwicklung.— Steine aus Siebenbürgen: Zinkblende und Quarz. Geſchenke: Es ſchenkten: Wohlrabe(IIII) eine Seeigelſchale nebſt Kauwerkzeug; v. Baumbach(IIIa) eine Trappe; Hadlich(V) die Neſter einer Amſel uud einer Turmſchwalbe; Roſenzweig(VI) einen Seeſtern, ein Rochenei und Seetang. 5. Geographiſche Lehrmittel: Neu angekauft wurden: Wolf, Oſtliche und weſtl. Halbkugel.— R. Kiepert, Africa.— H. Kiepert, Alt⸗ griechenland.— Schlag, Deutſchland i. J. 1648. Die Bibliotheken verwaltet Profeſſor Dr. Kius, die philologiſch⸗hiſtoriſchen Anſchauungsmittel Oberlehrer Paulus, die phyſikaliſchen Lehrmittel Oberlehrer Dr. Heermann, die naturgſſchichtlichen Oberlehrer Dr. Schotten, die geographiſchen Profeſſor Stoll, die Sammlung von Muſikalien Ober⸗ lehrer Dr. Brede, die Lehrmittel für den Zeichenunterricht Zeichenlehrer Wenzel. Allen freundlichen Gebern, welche unſere Sammlungen mit Geſchenken bedacht haben, ſage ich auch an dieſer Stelle im Namen des Gymnaſiums herzlichen Dank. VI. Stiktungen und Enterktützungen von Gchülern. 1. Die Zahl der Freiſchüler während des Rechnungsjahres 1895/96 betrug 33, die Summe des erlaſſenen Schulgeldes 3510 Mark. 2. Das Schönfeldſche Beneficium(ſ. Programm von 1844, S. 56 f.) erhielt für 1894 und 1895 der Studioſus der Theologie Theodor Riebeling aus Wolfsanger. 3. Das Eckhardſche Beneficium(ſ. Programm von 1844, S. 57) genießt ſeit 1895 der stud. theol. Adolf Kankelwitz aus Lütgendorf. 4. Die Richterſche Denkmünze(ſ. Programm von 1872, S. 30 f.) wurde zu Oſtern 1896 dem Abiturienten Otto Kaiſerling verliehen. 5. Aus der Flügelſtiftung(ſ. Programm von 1872, S. 30 f.) wurden im Laufe des ver⸗ floſſenen Schuljahres Bücher und Schreibhefte an 59 bedürftige Schüler ausgegeben. Der Kapitalſtock dieſer Stiftung beträgt jetzt 4682 Mark 10 Pf. 6. Das Prinz⸗Wilhelms⸗Stipendium ſſ. Programme von 1877, S. 56, und von 1889, S. 71) erhielt für das Winterhalbjahr der stud. theol. Friedrich Ide aus Caſſel. 7. Das Jubiläums⸗Beneficium(ſ. Programm von 1880, S. 23 ff.) beſitzt jetzt einen Kapital⸗ beſtand von 4507 Mark 99 Pf. Dasſelbe wurde zu einer Hälfte dem Unterſekundaner Ernſt Frank⸗ furth und zur anderen Hälfte dem Unterprimaner Erich Mengel verliehen. 8. Für das Dr. Ernſt Kornemannſche Stipendium(ſ. Programm von 1880, S. 25, und von 1881, S. 68 f.) war in dem abgelaufenen Schuljahre kein Bewerber vorhanden. Kapitalbeſtand: 17712 Mark 69 Pf. 9. Lotzſche Stiftung(ſ. Programme von 1880, S. 25, und von 1881, S. 69). Das Stiftungs⸗ kapital iſt durch Zinſenertrag auf 5808 Mark 02 Pf. angewachſen. Das Stipendium dieſer Stiftung erhielt für das 1. Halbjahr der stud. phil. Heinrich Weber aus Caſſel, für das 2. Halbjahr fand ſich kein Bewerber. 10. Dr. Friedrich Großſche Stiftung(ſ. Programm von 1881, S. 13). Das Kapital der Stiftung beträgt jetzt 3029 Mark 56 Pf. Die Zinſen desſelben wurden ſtiftungsmäßig den beiden Enkeln des Stifters, dem Unterſekundaner Friedrich Appel und dem Obertertianer Wilhelm Appel, verliehen. 4 11. Luther⸗Stipendium des Friedrichs⸗Gymnaſiums zu Caſſel 1883(ſ. Programm von 1884, S. 37). Das Stiftungskapital beträgt jetzt 3963 Mark 36 Pf. Das Stipendium dieſer Stiftung erhielt in dem Rechnungsjahre 1895/96 der stud. theol. Ernſt Paulus aus Volkmarſen. 12. Gideon⸗Vogt⸗Stiftung(ſ. Programm 1894, S. 14 f.). Kapitalbetrag 4634 Mark 24 Pfg. Das Stipendium für 1895 erhielt der Untertertianer Fritz Schaub. VII. Mitteilungen an die Schüler und deren Eltern. Zufolge einer Verfügung der vorgeſetzten Behörde kommt hier folgender Miniſterialerlaß zum Abdruck: Berlin, den 11. Juli 1895. Durch Erlaß vom 21. September 1892 habe ich das Königliche Provinzial⸗Schulkollegium auf den erſchütternden Vorfall aufmerkſam gemacht, der ſich in jenem Jahre auf einer Gymnaſialbadeanſtalt er⸗ eignet hatte, daß ein Schüler beim Spielen mit einer Salonpiſtole von einem Kameraden ſeiner Klaſſe erſchoſſen und ſo einem jungen hoffnungsreichen Leben vor der Zeit ein jähes Ende bereitet wurde.— Ein ähnlicher, ebenſo ſchmerzlicher Fall hat ſich vor Kurzem in einer ſchleſiſchen Gymnaſialſtadt zu⸗ getragen. Ein Quartaner verſuchte mit einem Teſching, das er von ſeinem Vater zum Geſchenk er⸗ halten hatte, im väterlichen Garten im Beiſein eines andern Quartaners Sperlinge zu ſchießen. Er hatte nach vergeblichem Schuſſe das Teſching geladen, aber in Verſicherung geſtellt und irgendwo angelehnt. Der andere ergriff und ſpannte es, hierbei ſprang der Hahn zurück, das Gewehr entlud ſich und der .23 Schuß traf einen inzwiſchen hinzugekommenen, ganz nahe ſtehenden Sextaner in die linke Schläfe, ſo daß der Knabe nach ¾ Stunden ſtarb. 3 In dem erwähnten Erlaſſe hatte ich das Königliche Provinzial⸗Schulkollegium angewieſen, den Anſtaltsleitern Seines Aufſichtsbezirks aufzugeben, daß ſie bei Mitteilung jenes ſchmerzlichen Ereigniſſes der ihrer Leitung anvertrauten Schuljugend in ernſter und nachdrücklicher Warnung vorſtellen ſollten, wie unheilvolle Folgen ein frühzeitiges unbeſonnenes Führen von Schußwaffen nach ſich ziehen kann, und wie auch über das Leben des zurückgebliebenen unglücklichen Mitſchülers für alle Zeit ein düſterer Schatten gebreitet ſein muß. Gleichzeitig hatte ich darauf hingewieſen, daß Schüler, die ſei es in der Schule oder beim Turnen und Spielen, auf der Badeanſtalt oder auf gemeinſamen Ausflügen, kurz wo die Schule für eine an— gemeſſene Beaufſichtigung verantwortlich iſt, im Beſitze von gefährlichen Waffen, insbeſondere von Piſtolen und Revolvern, betroffen werden, mindeſtens mit der Androhung der Verweiſung von der Anſtalt, im Wiederholungsfalle aber unnachſichtlich mit Verweiſung zu beſtrafen ſind. Auch an der ſo ſchwer betroffenen Gymnaſial-Anſtalt haben die Schüler dieſe Warnung vor dem Gebrauche von Schußwaffen, und zwar zuletzt bei der Eröffnung des laufenden Schuljahres durch den Direktor erhalten. Solche Warnungen müſſen freilich wirkungslos bleiben, wenn die Eltern ſelber ihren unreifen Kindern Schießwaffen ſchenken, den Gebrauch dieſer geſtatten und auch nicht einmal überwachen. Weiter jedoch, als es in dem erwähnten Erlaſſe geſchehen iſt, in der Fürſorge für die Geſundheit und das Leben der Schüler zu gehen hat die Schulverwaltung kein Recht, will ſie ſich nicht den Vorwurf unbefugter Einmiſchung in die Rechte des Elternhauſes zuziehen. Wenn ich daher auch den Verſuch einer Einwirkung nach dieſer Richtung auf die Kundgebung meiner innigen Teilnahme an ſo ſchmerz⸗ lichen Vorkommniſſen und auf den Wunſch beſchränken muß, daß es gelingen möchte, der Wiederholung ſolcher in das Familien⸗ und Schulleben ſo tief eingreifenden Fälle wirkſam vorzubeugen, ſo lege ich doch Wert darauf, daß dieſer Wunſch in weiteren Kreiſen und insbeſondere den Eltern bekannt werde, die das nächſte Recht an ihre Kinder, zu ihrer Behütung aber auch die nächſte Pflicht haben. Je tiefer die Überzeugung von der Erſprießlichkeit einmütigen Zuſammenwirkens von Elternhaus und Schule dringt, um ſo deutlicher werden die Segnungen eines ſolchen bei denjenigen hervortreten, an deren Gedeihen Familie und Staat ein gleiches Intereſſe haben. Das neue Schuljahr wird Montag den 13. April nachmittags 3 Uhr mit einer gemeinſamen Andacht eröffnet werden. Am Vormittage desſelben Tages von 8 Uhr an findet die Aufnahmeprüfung der neu zugehenden Schüler ſtatt. Caſſel am 24. März 1896. Dr. F. Heußner. 44: .. 1: A “ .